
Disclaimer:
Die nachfolgende Geschichte ist ein Versuch, zwei absolut nicht zusammengehörige Geschichten irgendwie zusammenzubringen.
Das Copyright an allen Namen, Einrichtungen, Zaubersprüchen etc. aus dem Harry-Potter-Universum hält J.K. Rowling, ihr Verlag Bloomsbury sowie für die deutsche Übersetzung der Verlag Carlsen. Das Copyright an allen Namen, Einrichtungen etc. aus dem Honor-Harrington-Universum liegt bei David Weber, seinem Verlag Baen Publishing, sowie für die deutsche Übersetzung bei Bastei-Lübbe.
Seit dem entscheidenden Kampf gegen Voldemort waren zwei Tage vergangen. Die Todesser, Lord Voldemorts Gefolgsleute, waren entweder tot, oder in alle Winde verstreut. Askaban, das ehemalige Zauberergefängnis, war eine rauchende Ruine – wie auch große Teile von Hogwarts. Lediglich ein Flügel der Schule mit dem – zur Hälfte zusammengestürzten – Wohnturm der Gryffindors, einigen Klassenräumen und dem Verließ der Slytherins sowie die Große Halle standen noch, auch wenn niemand sagen konnte, wie lange das noch so sein würde.
Denn der Angriff der Todesser fand bei der Graduierungsfeier statt, als sämtliche Schüler und Lehrer sich in der großen Halle versammelt hatten – und selbst die älteren Slytherins scheuten davor zurück, sich in der Halle zu duellieren, da niemand über die genaue Form der Schutzzauber, die über ihr lagen, informiert war. Möglicherweise fielen die Flüche auf den Verursacher zurück, wenn die Flüche gegen den Willen der potentiellen Opfer angewendet wurden. Also verließen sämtliche Schüler der vierten bis siebten Klassen diese und sperrten die jüngeren Schüler darin ein. Denn die Große Halle, das stand für alle fest, war der sicherste Ort in ganz Hogwarts. Außerdem hatte es zu Beginn von Harry's siebtem Schuljahr bei der Eröffnungsfeier eine Art ›Gentlemen's Agreement‹ zwischen den Schülern und Lehrern gegeben, dass sich alle Schüler bis einschließlich der dritten Klasse im Falle eines Angriffs auf Hogwarts in der Großen Halle versammeln und dort abwarten sollten. Und tatsächlich war keinem der dort versammelten Schüler auch nur das Geringste geschehen – was man von den älteren nicht behaupten konnte.
Katie Bell, Cho Chang, Justin Finch-Fletchley, Susan Bones, Penelope Clearwater, Terry Boot, Stewart Ackerley, Pansy Parkinson, Adrian Pusey, Alicia Spinnet, Draco Malfoy, Ginny Weasley … die Liste der Opfer des Angriffs war lang – zu lang. Die meisten davon waren tot, lediglich Ginny, Alicia und Stewart hatten, schwerverletzt, überlebt und lagen in St. Mungo – doch die Chance auf vollständige Heilung war bei allen Dreien äußerst gering.
Und das waren nur die Schüler – aktuelle und ehemalige – die Opfer der Auseinandersetzung wurden. Von den Lehrern hatten lediglich Prof. Flitwick und Hagrid den Kampf einigermaßen unverletzt überstanden. Severus Snape, Remus Lupin, Minerva McGonagall, Mad Eye
Moody und die anderen Mitglieder des Phönixordens … sie waren tot oder so schwer verletzt, dass niemand von den Ärzten in St.-Mungo es wagte, eine Prognose hinsichtlich ihrer Heilungschancen zu stellen.
Im Zaubereiministerium und in der magischen Öffentlichkeit liefen jedenfalls heftige Diskussionen darüber, ob man Hogwarts wieder aufbauen, oder an anderer Stelle eine völlig neue Zaubererschule errichten sollte und der neue Zaubereiminister, Rons Vater Arthur, befand sich mittendrin im Gefecht – auf Seiten derer, die Hogwarts restaurieren wollten. Doch seine Gegner führten gewichtige Argumente ins Feld: Im Zuge der Auseinandersetzung mit den Todessern hatte Hogwarts sämtliche Schutzzauber, die es vor den Augen der nichtmagischen Menschen, den so genannten Muggeln, versteckten, verloren. Der Kampf um Hogwarts hatte in seinen schlimmsten Momenten so heftig getobt, dass sogar die Muggelpolizei darauf aufmerksam wurde – mit fatalen Folgen für einzelne Polizisten, die in die Flugbahnen nicht für sie bestimmter Flüche liefen. Fünf davon hatten durch Avada-Kedavra-Flüche ihr Leben verloren; 12 weitere lagen seitdem mit schweren Verwundungen im ›St.-Mungo-Hospital für magische Krankheiten und Verletzungen‹, weil sie mehrere Cruciatus-Flüche der Todesser abbekommen und vor Schmerz den Verstand verloren hatten. Es war, gelinde gesagt, eine Katastrophe – weil die Muggelöffentlichkeit dadurch zum ersten Mal förmlich mit der Nase darauf gestoßen wurde, dass unter ihnen echte Zauberer und Hexen lebten.
Arthur Weasley und seine Freunde standen nun auf dem Standpunkt, dass der Schaden – sowohl, was das Image der Zaubererwelt als auch was die Verletzungen der Muggelpolizisten betraf – am besten zu reparieren sei, wenn sich die Zauberer der Muggelwelt gegenüber öffneten. Denn der letzte, entscheidende Schlag gegen die Mitglieder des Todesser-Bundes war einer Hexe zu verdanken, deren Eltern Muggel waren – Hermione Granger.
Hermione hatte einen neuen Zauberspruch erfunden, durch den sich der Geist der Todesser und ihrer Verbündeten so verwirrte, dass sie sich gegenseitig bekämpften anstatt die Mitglieder des Phönix-Ordens. Doch der Spruch wirkte nicht nur auf Zauberer selbst – auch Zauberstäbe gerieten in seinen Bann und wandten sich gegen ihre Besitzer. Lord Voldemort selbst war bei seinem letzten Duell mit Harry Potter von seinem eigenen Zauberstab verraten und in ihn hineingesogen worden. Anschließend ging dieser Zauberstab in Flammen auf. Nach menschlichem Ermessen war er so tot, wie man nur sein konnte – auch wenn man das bei Voldemort vermutlich nie so genau sagen konnte …
Hermione, Ron und Harry saßen in dem, was vom Wohnturm der Gryffindors noch übriggeblieben war – Harry hatte das letzte Duell mit Lord Voldemort mit geradezu unwahrscheinlich leichten Blessuren überstanden, was vor allem der Wirkung des neuen Fluches auf Voldemorts Zauberstab zu verdanken war, und Madam Pomfrey hatte ihn – widerwillig, aber immerhin – aus ihrer Krankenstation (dem Teil davon, der noch benutzbar war) entlassen.
Lasst uns gehen
, begann Ron. Was hält uns denn noch hier? Die Erinnerung an all die Toten?
Ein bitteres Lachen quälte sich aus seinem Mund. Hogwarts wird nie wieder sein, was es einmal war – ob mein Vater es nun wieder aufbaut oder nicht. Zuviel Leid, zu viele Flüche, zu viel Hass wabert noch in diesen Mauern.
Ron erhob sich, nahm seinen Stapel Lehrbücher auf und ging. Schweigend folgten seine Freunde seinem Beispiel. Die Zauberstäbe steckten in ihren Schulumhängen mit dem scharlachrot-goldenen Symbol des Greifen, die sie als Angehörige des Schulhauses Gryffindor kennzeichneten. Sie machten sich auf den Weg in die Große Halle – als ob sie dort noch einmal der Unschuld ihrer ersten Schuljahre begegnen könnten – doch sie sollten nie dort ankommen.
Das Bild von Sir Cadogan hatte die Kämpfe um Hogwarts überstanden – äußerlich unbeschädigt. Doch wie alle Bilder in Hogwarts war es lebendig und konnte verflucht werden. Und genau das hatte Draco Malfoy mit Hilfe eines Zauberspruchs von Voldemort getan – am Vorabend der Graduierungsfeier. Harry, Ron und Hermione wussten nichts davon, und als sie auf dem Weg aus der Turmruine an diesem Bild vorbeikamen, schrillte Sir Cadogan ›Transitio temporum et localum!‹, bevor er zu Staub zerfiel, während ein gewaltiger Wirbel die drei Schüler erfasste und verschlang.
Joanne Aoriana Elisabeth Adrienne Winton, Midshipwoman im ersten Jahr auf Saganami Island – sie musste sich immer noch kneifen, um zu begreifen, dass es wirklich stimmte; dass sie die Aufnahmeprüfung für die Akademie geschafft hatte. Die junge, dunkelhäutige Frau war auf dem Weg zu ihrer ersten offiziellen Vorlesung – Einführung in die Hyperphysik für Anfänger
– als sie plötzlich regelrecht angerempelt wurde. Mit Müh' und Not konnte sie sich auf den Beinen halten und wollte gerade die Verursacher zusammenstauchen, als die beiden Jungen und das Mädchen, die sie angerempelt hatten – alle in etwa in ihrem Alter, aber mit merkwürdigen Umhängen anstelle einer Midshipman-Uniform bekleidet – vor ihr zusammenfielen und das Bewusstsein verloren. Alle hatten sie einen Stapel papierener Bücher dabei, sorgfältig in Leder gebunden, außerdem trugen ihre Umhänge das Bild einer mythologischen Figur, das der Manticora auf ihrer eigenen Uniform sehr ähnlich sah.
Inzwischen hatte das plötzliche Auftauchen der drei jungen Menschen die Sicherheitseinrichtungen der Akademie ansprechen lassen – und als Joanne aufsah, weil sie eine Hand an ihrer Schulter fühlte, sah sie sich einem Angehörigen des Marinecorps mit der Binde der Militärpolizei gegenüber.
Wer sind Sie und was ist hier passiert? Und vor allem – wer sind diese drei?
, fragte der Polizist.
Joanne Winton, Midshipwoman, Erstes Jahr. Ich war auf dem Weg zu meiner ersten Vorlesung – Einführung in die Hyperphysik für Anfänger – als diese drei plötzlich von irgendwoher auftauchten und mich anrempelten. Dann verloren sie das Bewusstsein, Sir. Ich wollte soeben den Zwischenfall melden, als Sie auch schon auftauchten.
Gut. Am besten schaffen wir die Drei erstmal in die Krankenstation – und dann muss ich Sie bitten, sich nach der Vorlesung auf unserer Station zu melden, damit wir Ihre Aussage zu Protokoll nehmen können. Außerdem werde ich Commander Wilkins informieren – die Vertrauenslehrerin für das erste Jahr. Ich denke, sie wird ebenfalls mit Ihnen reden wollen.
Jawohl, Sir
, antwortete Joanne. Was blieb ihr auch anderes übrig? Unverschuldet war sie mitten in einer polizeilichen Untersuchung gelandet – ein toller Anfang ihres Studiums, wirklich! Zumal es so sicher wie das Amen in der Kirche war, dass ihre Mutter davon erfahren würde. Was eigentlich nicht wirklich schlimm war – es sei denn natürlich, die fragliche Mutter hieß Elizabeth III. und war regierende Königin des Sternenkönigreiches Manticore …
Als Hermione erwachte, fand sie sich in einer völlig unvertrauten Umgebung wieder. Ein wenig erinnerte es sie an ein Muggelkrankenhaus – und doch: irgendetwas stimmte nicht. Immerhin – ihre Schulbücher lagen auf einem Nachttisch neben ihrem Bett – ebenso ihr Zauberstab und ihr Umhang. Sie selbst lag in einem Bett, und noch bevor sie aufstehen konnte, öffnete sich mit einem leisen Zischen der Zugang zu ihrem Zimmer und zwei Frauen in unvertrauten Uniformen in Schwarz und Gold betraten den Raum.
Die Überwachung hat gemeldet, dass Sie aufgewacht sind. Fühlen Sie sich in der Lage, uns ein paar Fragen zu beantworten?
Hermione sah die eingetretenen Personen fragend an. Irgendwie erinnerte sie die Sprache ans Englische, aber es klang so … fremd … Nun, immerhin konnte sie zaubern, und so flüsterte sie leise ›Translatio‹.
Könnten Sie bitte wiederholen, was Sie gesagt haben?
, fragte sie. Scheinbar verstanden ihre Besucher sie umgekehrt ebenfalls nur mit Schwierigkeiten – nun, der Translatio-Zauber würde das mit Sicherheit bald ändern.
Allerdings klang ihre Stimme selbst in ihren eigenen Ohren fremd – es war mehr ein Krächzen, das ihr in der Kehle wehtat. Und scheinbar hatten die Fremden den gleichen Eindruck, denn eine der Frauen flüsterte kurz in ein Armbandgerät und kurz darauf öffnete sich die Tür, und ein extrem jung aussehendes Mädchen – Hermione schätzte sie kaum älter als 13 oder 14 – betrat das Zimmer und brachte ein Tablett, von dem es verführerisch duftete.
Nach einem fragenden Blick auf ihre Besucher – und einem ermutigenden Nicken – widmete sie sich dem Essen. Bisher hatte sie Krankenhausessen immer verabscheut, aber was man ihr hier vorsetzte, musste geradezu von einem Kochgenie zubereitet worden sein – es schmeckte ihr jedenfalls himmlisch. 15 Minuten später fühlte sie sich kräftig genug, um sich dem zu stellen, was auf sie zukam.
Vielen Dank
, sagte sie und setzte sich in ihrem Bett auf. Dabei merkte sie allerdings, dass sie es wohl bis auf Weiteres etwas langsamer angehen lassen sollte – sie fühlte sich zwar kräftiger, aber ohne die Wand in ihrem Rücken …
Fühlen Sie sich in der Lage, uns ein paar Fragen zu beantworten?
Wenn Sie langsam sprechen, dann ja. Irgendwie klingt Ihr Englisch in meinen Ohren ein wenig … seltsam.
Sie lächelte schwach – und erntete dafür von den beiden Frauen ebenfalls ein Lächeln und ein Nicken.
Wir werden das berücksichtigen und würden Sie bitten, ebenfalls langsam zu sprechen, Miss …
Granger. Ich heiße Hermione Granger und bin 18 Jahre alt.
Woher kommen Sie?
Aus London.
Die beiden Uniformierten sahen sich überrascht an, verzichteten jedoch auf jeden Kommentar, und die jünger aussehende der beiden Frauen fragte weiter.
Was sind das für Umhänge, die Sie getragen haben, als Sie hier ankamen?
Das sind unsere Schuluniformen.
Und das Symbol des Greifen darauf …
... kennzeichnet die Zugehörigkeit zu einem der Schulhäuser unserer Schule. Es handelt sich um eine Internatsschule in der Nähe der schottischen Grenze.
Wieder dieser überraschte Blick, den sich die beiden zuwarfen, bemerkte Hermione, und wieder enthielten sie sich jeden Kommentars.
Was sind das für Bücher, die Sie mit sich führten?
Schulbücher.
Schulbücher?
Fassungslos brach zum ersten Mal die älter aussehende Frau ihr Schweigen. Sie wollen sagen, es gibt einen Ort, an dem mit Hilfe dieser Bücher … unterrichtet wird? Die kann doch kein Mensch mehr benutzen! So zerfleddert und fleckig, wie sie sind!
Hermione sah sich die Bücher an – tatsächlich. Bei dem … was auch immer mit ihnen geschehen war, schien die Schrift in den Büchern zerstört worden zu sein. Allerdings: Ihre beiden Gäste waren eindeutig Muggel – und genauso, wie Hogwarts Muggeln gegenüber das Aussehen einer Schlossruine annahm, verbargen Schulbücher für gewöhnlich im Beisein von Muggeln ihren Inhalt. Wenn dieser uralte Schutzzauber immer noch wirkte … Darf ich Ihnen jetzt auch ein paar Fragen stellen? Wo bin ich? Wer sind Sie? Wo sind meine Freunde? Und was haben Sie mit uns vor?
Viele Fragen, Miss Granger, und nur einen Teil davon können wir im Moment beantworten. Nummer eins: Sie befinden sich in der Krankenstation der Offiziersakademie der Royal Manticoran Navy auf Saganami Island. Das befindet sich auf dem dritten Planeten der A-Komponente des Doppelsternsystems Manticore, 512 Lichtjahre von der Erde – und London – entfernt. Nummer Drei: Ihre Freunde befinden sich in ähnlichen Zimmern, sind aber noch nicht wieder erwacht. Nummer zwei: Mein Name ist Ernestine Corell. Ich bin Konteradmiral der grünen Flagge und gegenwärtig amtierende Leiterin der Akademie. Neben mir sitzt Patricia Givens. Sie ist Voll-Admiral, arbeitet als zweiter Raumlord und leitet in dieser Funktion unter anderem den militärischen Nachrichtendienst. Schließlich ist es ausgesprochen ungewöhnlich, dass gleich drei Personen auf einmal wie aus dem Nichts auf Saganami-Island auftauchen – Personen, von denen nirgendwo irgendwelche Unterlagen existieren. Was, da wir uns gegenwärtig in einem interstellaren Krieg befinden, auf uns nicht gerade beruhigend wirkt. Zu Ihrer letzten Frage schließlich – genau das wissen wir noch nicht.
Hermione sah die beiden an, als ob sie den Verstand verloren hätten. Sie hatte noch nie etwas von Saganami Island, der Royal Manticoran Navy und einem Zweiten Raumlord gehört und hatte Mühe, das Gehörte zu verkraften.
Wollen Sie damit sagen, dass … dass … wir nicht mehr auf der Erde sind?
Wenn Sie mit ›Erde‹ die Ursprungswelt der Menschheit meinen – dann ist das richtig. Nach unserer Zeitrechnung schreiben wir das Jahr 1914 PD – das ist Post Diaspora – die Zeitrechnung, die seit dem Aufbruch des ersten Kolonistenschiffes im Jahre 2103 alter Zeitrechnung gilt. Und das Sternenkönigreich Manticore befindet sich mitten in einem interstellaren Krieg.
Oh mein Gott!
Hermione war bleich wie eine Wand. Soll das heißen, dass wir … über 2.000 Jahre in der Zukunft gelandet sind? Und dazu auf einem anderen Planeten? Fühle ich mich deshalb so …
... leicht? Ja, wenn Sie die Normschwerkraft Alterdes gewöhnt sind, dann sind Sie hier etwas leichter. Aber dafür werden Sie sich, wenn Sie irgendwann einmal unseren Nachbarplaneten Sphinx besuchen, dort um so schwerer fühlen.
Hermione schüttelte den Kopf wie ein angeschlagener Boxer. Das war geradezu unglaublich! Vor allem …
Wie von fern hörte sie die Stimme von Konteradmiral Corell. Sie sagten, dass Sie 2.000 Jahre weit in der Zukunft gelandet sind – darf ich erfahren, wann Sie geboren wurden, Miss Granger?
1980. Ebenso wie meine Freunde Ron Weasley – das ist der rothaarige Junge – und Harry Potter – der Junge mit der Stirnnarbe.
Das ist kaum zu glauben.
Pat Givens sah Hermione mit zweifelndem Blick an und das junge Mädchen zog unbehaglich die Arme in die Höhe. Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen beweisen soll, Admiral. Aber es ist so.
Ernestine Corell sah Hermione prüfend an. Sie haben uns noch nicht alles gesagt, Miss Granger – was verheimlichen Sie uns? Wozu dient zum Beispiel dieser Holzstab da? Es scheint ein ganz normaler Holzstab zu sein – aber jeder von Ihnen hatte einen dabei. Weshalb?
Hermione sah nach ihrem Zauberstab. Sollte sie verraten, das sie eine Hexe war? Nein, noch nicht. Stattdessen … Sagen Sie, Admiral Givens – bei unseren Armeen gab es so etwas wie Paradeuniformen. Hat sich dieser Brauch erhalten?
Die ONI-Chefin nickte. Worauf wollen Sie hinaus? Etwa, dass …
Hermione nickte. Zu den Paradeuniformen gehörten anachronistische Gegenstände ohne jeden anderen Zweck als den der Erinnerung. Und zu unseren Festumhängen
, sie deutete auf ihren Schulumhang, ebenfalls. Der Stab zum Beispiel.
Beide Frauen sahen Hermione zweifelnd an. Unsere Zierdegen repräsentieren eine militärische Tradition. Was repräsentiert Ihr Stab?
Den Brauch der Züchtigung der Schüler mit einem Rohrstock. Als dieser per Gesetz abgeschafft wurde, beschloss man in der Schule, auf die wir gingen, die Stäbe zum Teil der Festuniformen zu machen … sozusagen als Symbol, dass die Macht des Stocks abgeschafft war – und als Erinnerung an die alte Zeit.
Faszinierend, Miss Granger. Wie hieß eigentlich die Schule, auf die Sie gingen?
Hogwarts.
Ein merkwürdiger Name für eine Schule – finden Sie nicht?
Hermione zuckte mit den Schultern. Wir konnten es uns nicht aussuchen, Admiral Corell. Aber wir hatten dort gute Lehrer – und haben viel gelernt.
Und was zum Beispiel?
Die junge Hexe lächelte. Finden Sie es heraus, Admiral Givens! Als Chefin eines militärischen Nachrichtendienstes sollte Ihnen das doch nicht allzu schwer fallen. Und weglaufen kann ich Ihnen ja nicht – immerhin bin ich hier auf Manticore in etwa so unauffällig wie ein Kater im Hühnerstall.
Spielen Sie keine Spielchen mit uns, Miss Granger. Sollte ich herausfinden, dass Sie und Ihre Freunde havenitische Spione sind, dann stehen Sie schneller vor einem Erschießungskommando, als Sie
Hogwarts
sagen können!
Hermione sah dem zweiten Raumlord ruhig in die Augen. Ich spiele keine Spielchen mit Ihnen, Admiral Givens. Aber so wenig, wie ich im Moment über Sie und Ihre Welt weiß, werden Sie verzeihen, wenn ich mit Informationen über meine Freunde und mich etwas knauserig umgehe. Eines kann ich Ihnen allerdings versichern – und ich bin bereit, mich jedem Test zu unterziehen, den Sie zur Verifizierung für nötig halten: ICH … BIN … KEINE … SPIONIN.
Hermione atmete tief durch. Und für meine beiden Freunde gilt das Gleiche. Wir sind … irgendwie … hier gelandet. Und wir wollen nur nach Hause.
Wir werden sehen. Konteradmiral Corell hat Recht – Sie verheimlichen etwas. Und was auch immer das ist – ich werde es herausfinden.
Damit erhob sich Pat Givens, grüßte die Kommandantin der Akademie, und verließ das Zimmer.
Konteradmiral Corell sah Hermione nachdenklich an. Ich hoffe für Sie und Ihre Freunde, dass Sie die Wahrheit gesagt haben, Miss Granger. Ich hoffe es sehr.
Damit erhob sie sich ebenfalls und verließ den Raum. Zurück blieb eine junge Hexe, die verzweifelt darauf hoffte, dass Ron und Harry sich nicht verplappern würden.
Harry! Harry! Wach auf, Harry!
Jemand rüttelte an ihm, und stöhnend wachte der junge Mann mit der Blitznarbe auf der Stirn auf. Was ist los, Ron? Kannst du mich nicht einfach schlafen lassen? Mein Schädel dröhnt, als würde Hagrid mir was ins Ohr brüllen!
Tut mir leid, Harry – aber es ist wichtig. Na los, komm schon zu dir!
Ron versuchte verzweifelt, seinen Freund zum Munterwerden zu bewegen.
Was ist denn so …
Harry vergaß, was er fragen wollte, als er endlich seine Augen öffnete und sich umsah. Die Umgebung war völlig fremd. Es wimmelte von Apparaten und Gerätschaften, die blinkten und piepsten und die von Männern und Frauen in Uniformen, die er noch nie gesehen hatte, bedient wurden. Männer und Frauen? Es schienen eher Jungen und Mädchen zu sein, die kaum älter waren als Ron und er. Und wo war Hermione?
Ron lenkte schließlich seine Aufmerksamkeit auf ein Fenster und Harry erstarrte. Er blickte aus großer Höhe auf eine traumhafte Tropenlandschaft, die von einem tiefblauen Meer beherrscht wurde. Harry versuchte abzuschätzen, wie hoch sie sein mochten, als ein Zischen in seinem Rücken ihn sich blitzschnell umdrehen und nach seinem Zauberstab greifen ließ. Auch Ron hatte seinen Stab zur Hand genommen. Doch immerhin waren beide Jungen geistesgegenwärtig genug, die Stäbe nicht auf die eintretenden Personen zu richten.
Nanu? Ich denke, die Stäbe sind lediglich nutzlose Teile Ihrer Festuniformen?
Die Frau in der weltraumschwarz-goldenen Uniform sah die beiden jungen Männer leicht spöttisch an und fuhr dann fort. Warum also diese … spontane Reaktion?
Wer hat Ihnen das gesagt? Das die Stäbe bloß Zierde sind? Hermione vielleicht?
, fragte Harry. Er und Ron hatten sich kurz angesehen, einander zugenickt und beschlossen, ihre Fähigkeiten vorerst nicht preiszugeben. Und diese Story, die diese fremde Frau da erzählte, klang ganz wie etwas, das Hermione erfunden haben konnte.
Ist das wichtig?
Die Frau sah sie aufmerksam an, und beide Jungen nickten.
Ja, Ma'am. Wenn Sie es nämlich von Hermione wissen … nun, Hermione weiß mehr über die Geschichte unserer Schule, als wir beide zusammen jemals gewusst haben – und wenn sie es Ihnen so erklärt hat, dann stimmt das auch.
Soso.
Im Stillen verfluchte sich Pat Givens, dass sie den beiden die Chance gegeben hatte, die Geschichte des Mädchens zu bestätigen. Andererseits schien ihr der Versuch einer Überraschungstaktik das Risiko wert zu sein – doch die beiden jungen Männer waren cleverer, als sie es von ihnen vermutet hatte. Sie zuckte mit den Schultern.
Nun gut. Aber lassen wir das. Erlauben Sie mir, dass ich mich Ihnen vorstelle: Ich heiße Patricia Givens – und ich leite den militärischen Nachrichtendienst der Royal Manticoran Navy.
Royal Manticoran Navy?
Ron und Harry sahen einander ratlos an. Was soll das sein?
Das ist eine lange Geschichte. Um es kurz zu machen – Sie befinden sich im Jahr 1914 PD. Das steht für ›Post Diaspora‹ und kennzeichnet die Zeit seit dem Aufbruch des ersten Kolonistenraumschiffs zu den Sternen. Das Jahr 1 PD entspricht in der alten Zeitrechnung dem Jahr 2103.
Ron und Harry wurden bleich. Ma … ma … machen Sie Scherze?
, fragte Ron ungläubig.
Nein. Ganz im Gegenteil.
Pat Givens hatte die Reaktion der beiden Jungen auf diese Neuigkeit genau beobachtet. Ihr Erstaunen war, nach allem was sie beurteilen konnte, echt. Ebenso wie die Reaktion von Miss Granger echt gewesen war – sie hatte die Aufzeichnung der Unterhaltung von ihrem besten psychologischen Team daraufhin untersuchen lassen. Also stimmte es wohl tatsächlich, dass die drei jungen Menschen aus der tiefsten Vergangenheit gekommen waren. Trotzdem … irgendetwas stimmte mit allen dreien nicht – das verrieten ihr sämtliche Instinkte ihrer langen Berufserfahrung. Nun, irgendwann würde sie die drei wieder zusammenbringen – vielleicht brachte sie das ja dazu, ihr Geheimnis zu lüften. Aber vorerst war sie mit den Schocks für die beiden Jungen noch nicht fertig.
Wie ich schon sagte – Sie befinden sich im Jahr 1914 PD. Außerdem aber befinden Sie sich auf dem Planeten Manticore, mehr als 500 Lichtjahre von der Erde entfernt, genauer gesagt – Sie befinden sich in der Krankenstation der Offiziersakademie der Royal Manticoran Navy auf Saganami Island.
Offiziersakademie? Krankenstation?
, echote Harry – dann ließ er sich auf sein Bett fallen. Das hatte ihn im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen. Aber Ron war mindestens genauso geschockt. Mit offenem Mund stand er da und starrte Pat Givens an.
Harry fasste sich als erster. Ich habe eine Bitte. Bringen Sie uns mit Hermione zusammen. Bitte.
Warum?
Admiral Givens war neugierig. Oh, sie konnte sich hunderte Gründe vorstellen, warum die drei Fremden wieder zusammenkommen wollten – aber sie war neugierig, welchen dieser Harry Potter vorbringen würde.
Wenn das stimmt, was Sie sagen
, antwortete Harry langsam, dann ist Hermione das Einzige, was uns von dort, wo wir herkommen, noch geblieben ist. Wir brauchen sie – genauso sehr, wie Hermione auch uns brauchen wird. Und außerdem …
Er brach ab.
Und außerdem – was?
Admiral Givens beugte sich vor, den Blick fest auf Harry Potter gerichtet.
Und außerdem müssen wir uns über einige Dinge klar werden, Ma'am
, antwortete Ron stattdessen. Wichtige Dinge. Wichtig für uns – und wer weiß … vielleicht irgendwann auch wichtig für Sie.
Was für Dinge meinen Sie, Mr. Weasley?
Ron schüttelte den Kopf. Er hatte das Gefühl, bereits zu viel gesagt zu haben. Harry übernahm wieder das Gespräch. Als Leiterin eines Nachrichtendienstes verfügen Sie bestimmt über Methoden, uns abzuhören. Bitte verzichten Sie darauf. Ich schwöre Ihnen bei meinem Leben – und dem meiner Freunde – dass die Dinge, über die wir miteinander zu reden haben, sich weder gegen Sie, noch gegen Manticore oder sonst irgendjemanden oder irgendetwas richten. Genau genommen richten sie sich gegen niemanden.
Harry sah der Admiralin fest in die Augen – und auch Ron nickte. Dann fiel ihm etwas ein.
Sie sagen, wir wären hier in einer Akademie – ist das richtig?
Pat Givens nickte. Das stimmt.
Dann sind die Studenten in etwa auch in unserem Alter? Also um die 20 Erdjahre alt?
Auch das ist richtig – worauf wollen Sie hinaus, Mr. Weasley?
Stecken Sie uns doch einfach in das erste Studienjahr – als Gasthörer.
Was soll das bringen, Mr. Weasley?
Pat Givens konnte ihr Erstaunen kaum verhehlen. Ihnen fehlen sämtliche Grundlagen, um den Vorlesungen zu folgen – geschweige denn, irgendwelche konstruktiven Beiträge zu leisten.
Auch Harry sah seinen Freund nur kopfschüttelnd an, doch Ron ließ sich nicht beirren.
Das mag alles sein, Ma'am. Doch darum geht es mir gar nicht. Im Moment sind wir für Sie genauso eine unbekannte Größe, wie das auch umgekehrt der Fall ist. Sie wissen nicht, wie Sie uns einzuschätzen haben – und wir wissen nichts über Sie und Ihre Welt und wie Sie auf unsere … Dinge … reagieren würden. Lassen Sie uns einfach Zeit. Zeit, neue Freunde zu finden; Zeit, mit Ihnen und Ihrer Gegenwart, die jetzt auch unsere ist, vertraut zu werden.
Vertrauensbildende Maßnahmen
nannte man das früher – vielleicht kennen Sie den Begriff ja heute auch noch.
Harry sah immer noch sehr skeptisch drein – doch je mehr er über Rons Vorschlag nachdachte, desto besser gefiel er ihm. Und wie er im Minenspiel der Admiralin ablesen zu können glaubte, schien auch sie dem Vorschlag nicht ganz abgeneigt zu sein.
Eine … interessante Idee, Mr. Weasley – eine Idee, die ich mir durch den Kopf gehen lassen werde, dessen können Sie sicher sein. Aber die Entscheidung darüber treffe ich nicht allein. Sie werden wieder von mir hören.
Damit drehte sie sich um und verließ den Raum. Zurück blieben zwei junge Männer, die nicht genau wussten, ob sie nun lachen oder weinen sollten.
Was halten Sie von unseren jungen Gästen, Pat?
Der Mann, der diese Frage stellte, trug wie Admiral Givens die Uniform eines Volladmirals der RMN – was kein Wunder war, schließlich war Sir Thomas Caparelli erster Raumlord der RMN, was ihn nominell zum Vorgesetzten von Patricia Givens machte. Die ONI-Chefin, die am Fenster des Büros gestanden und auf Landing-City herabgeschaut hatte, drehte sich zu Caparelli um und hob die Schultern.
Ich weiß es nicht, Sir Thomas. Es scheinen ganz normale, junge Leute zu sein – aber irgendwie …
Sie gab sich einen Ruck. Leider sind Cromarty und die Königin bereits nach Grayson unterwegs – sonst hätte ich darauf gedrungen, dass sich der Premierminister mit dieser Sache befasst – aber das geht ja nun erst einmal nicht.
Sie hob unbehaglich die Schultern und Caparelli nickte. Auch er bedauerte lebhaft das Timing der Ereignisse. Denn eines war ihm absolut klar – für jeden der noch im Amt und auf Manticore befindlichen Politiker war diese Sache mindestens eine Nummer zu groß. Er würde zwar ein Kurierboot mit den Nachrichten nach Grayson schicken – aber vor 10 Tagen war mit einer Reaktion auf seine Berichte nicht zu rechnen. Solange würde er, als höchster Militär, diese heiße Kartoffel zu jonglieren haben. Nun, immerhin war Baronin Morncreek als erster Lord der Admiralität und zivile Oberbefehlshaberin verfügbar. Mit diesem Gedanken wandte er sich wieder Pat Givens zu. Mit einem leichten Nicken forderte er sie auf, fortzufahren.
Wir haben Gewebeproben von ihnen genommen und auch die Kleidung, die Bücher und diese seltsamen Holzstäbe nach allen Regeln der Kunst analysiert … Nichts. Abgesehen von der Tatsache, das die Analyse jedes einzelnen Gegenstandes bestätigt, dass sie aus der Zeit vor der Diaspora stammen – und die Buchseiten aus echtem Pergament bestehen. Nach dem eingedruckten Copyright-Vermerk wurden sie im den Jahren 1979, 1985 und 1992 beim Verlag Routledge in London verlegt. Wir sind gerade dabei, zu überprüfen, ob es einen solchen Verlag gab und er diese Bücher tatsächlich herausgebracht hat – aber das dauert etwas. Aber auch die Genmuster der Drei deuten darauf hin. Allerdings …
Sie zögerte einen Moment.
Ja?
, fragte Caparelli, als ihm die Pause zu lang wurde.
Zwei Dinge. Zum Ersten möchte ich, Ihr Einverständnis vorausgesetzt, die Genproben der drei jungen Leute gerne noch von Dr. Harrington – Allison Harrington – untersuchen lassen.
Sie meinen die Mutter von Herzogin Harrington?
, vergewisserte sich der Erste Raumlord, und Pat Givens nickte.
Was versprechen Sie sich davon?
Ich weiß es nicht, Sir Thomas. Allerdings hat Dr. Harrington immerhin die Ursache für die hohe Knabensterblichkeit und die gleichermaßen hohe Widerstandsfähigkeit der Graysons gegen Schwermetallvergiftungen herausgefunden – möglicherweise findet sie ja in den Proben irgendetwas, was unsere Genetiker in Basingford übersehen haben. Und sie hat auf Grayson dank der Unterstützung ihrer Tochter eine Genklinik zur Verfügung, die auf dem allerletzten Stand der Technik ist – moderner sogar als Basingford selbst.
Aber wie Sie schon sagten, Pat – Dr. Harrington und die Klinik sind auf Grayson – das würde, geht man davon aus, das sie jede einzelne Probe so gründlich analysiert, wie es technisch nur möglich ist, wenigstens 4 Wochen Zeitverlust bedeuten. Denken Sie, dass es das wirklich Wert ist?
Caparelli sah zweifelnd drein, doch Pat Givens nickte nachdrücklich. Ich denke schon, Sir Thomas. Denn auch ein negativer Befund ist letztlich ein positives Ergebnis – immerhin können wir damit definitiv ausschließen, das es sich nicht um irgendwelche Aliens oder von Mesa untergeschobene Kopien oder weiß Gott sonst was handelt.
Sie hob beschwichtigend die Hände. Ich weiß, ich weiß – die Menschheit ist seit mehr als 2.000 Jahren im All unterwegs und hat noch nie irgendwelche raumfahrenden Aliens gefunden. Aber das bedeutet ja nicht, dass es ewig so weitergehen muss. Schließlich hat die Menschheit nur einen Bruchteil der Milchstraße so gut erkundet, das wir sagen können, dort wäre nichts. Und nichts deutet daraufhin, dass Mesa irgendwie darin verstrickt wäre – seit dem Desaster auf Alterde halten sie sich ziemlich bedeckt und lecken ihre Wunden.
Also gut. Und was ist der zweite Punkt, den Sie ansprechen möchten?
Ein Vorschlag, der von einem unserer Gäste kommt – von Ronald Weasley, um genau zu sein.
Pat Givens machte ihren Vorgesetzten mit Rons Vorschlag, sie vorerst auf Saganami Island zu lassen und als Gasthörer ins erste Studienjahr zu integrieren, bekannt. Bevor ich zu Ihnen gekommen bin, habe ich mit dem 5. Raumlord darüber gesprochen. Er wäre einverstanden, möchte das aber – angesichts der seltsamen Ereignisse, die zu dieser Situation geführt haben – nicht allein entscheiden. Und ich muss sagen, dass mir die Idee ebenfalls zusagt. Wir hätten die Drei auf jeden Fall unter unserer Kontrolle und unter ständiger Beobachtung.
Das ist zweifellos richtig … Aber … in welche Klasse würden Sie sie denn hineinstecken wollen?
Pat Givens sagte es ihm, und der erste Raumlord riss die Augen auf. Warum gerade diese? Bedenken Sie …
Eben genau das haben Ernie Corell und ich bedacht. Außerdem hat sie selbst uns darum gebeten.
Also gut. Meinetwegen. Aber Admiral Corell und Sie sind mir persönlich dafür verantwortlich, das die Dinge nicht außer Kontrolle geraten.
Verstanden, Sir Thomas.
Gut, dann ist das Thema erledigt. Was gibt es eigentlich Neues von Haven …
Hermione! Hier sind wir!
Strahlend winkten Ron und Harry, als sie ihre Freundin endlich wiedersahen.
Ron! Harry!
Hermione flog den beiden praktisch in die Arme. Gut seht ihr aus in diesen Uniformen.
Du aber auch, Hermione
, antwortete Ron, und Harry nickte heftig. Sie alle hatten von der Akademie die Uniformen eines Midshipman – bzw. in Hermiones Fall einer Midshipwoman – im ersten Studienjahr erhalten. Uniformen, die sich nur in einem Punkt von denen der anderen Studenten unterschieden: Auf ihrem linken Oberarm trugen sie unter der Mantichora – dem Wappen der RMN – den Greif Gryffindors.
Können wir uns hier ungestört unterhalten?
, fragte Hermione, schlagartig ernst geworden, und Harry schüttelte den Kopf. Lasst uns lieber auf den Sportplatz gehen. Es gibt einiges zu besprechen.
Genau. Wir müssen uns über ein paar Dinge klar werden
, bekräftigte Ron, dann marschierten sie alle drei los. Auf dem Sportplatz angekommen, begaben sie sich auf die Tribüne und sahen den Leichtathleten beim Training zu. Ich denke, hier sind wir ungestört. Aber lasst uns besser sicher gehen.
Sie stellten sich so gegenüber, dass niemand sehen konnte, wie Harry den Zauberstab zog und Secreto
murmelte. Ein leichtes, kaum wahrnehmbares Flimmern umgab sie anschließend – auch dann noch, als sie sich nebeneinander in die Schalensitze der Tribüne setzten
Gut. Das sollte sicherstellen, das sie uns nicht abhören können.
Hermione war befriedigt. Und nun – was wissen wir? Und wie verhalten wir uns?
Wir wissen, das wir in einer ziemlich fernen Zukunft gestrandet sind – schaut euch nur mal den Akademie-Turm an!
Ron wies mit seiner linken Hand auf das Hauptgebäude der Saganami-Academy, dass sich fast 500 Meter hoch in den Himmel erhob. Solche Gebäude gab es zu unserer Zeit auf der Erde nicht.
Das stimmt nicht ganz, Ron – denk nur mal an die Wolkenkratzer von New York. Oder an die Petronas-Tower in Kuala Lumpur. Nein, mich hat etwas anderes überzeugt. Schaut euch mal den Himmel an.
Alle drei blickten hoch. Was sie sahen, war wirklich außergewöhnlich. Nicht, dass Manticore-A kurz vor dem Mittagspunkt stand – aber dass man bei Tageslicht einen zweiten Stern am Himmel sehen konnte – das gab es auf der Erde nicht. Das war im wahrsten Wortsinn ›außerirdisch‹. Harry, Ron und Hermione sahen ein paar Augenblicke in den strahlend blauen Himmel, dann blickten sie sich gegenseitig an.
Du hast Recht, Hermione – das ist wirklich außerirdisch. Und ich denke, was uns Admiral Givens über den Zeitrahmen gesagt hat, können wir ebenfalls für bare Münze nehmen. Schließlich hatte sie keinen Grund, uns deswegen etwas vorzumachen.
Harry runzelte die Stirn. Das löst aber immer noch nicht unser Hauptproblem: Erklären wir ihnen, was wir sind? Und wenn ja, wann und wie?
Ich denke, wir sollten uns vorerst soweit zurückhalten wie nur möglich. Ganz davon abgesehen – wir haben keine Ahnung, wie die Zauberer dieser Zeit organisiert sind, und ob es überhaupt noch welche gibt. Wir brauchen schlicht und ergreifend Zeit.
Und wie, schlägst du vor, sollen wir vorgehen, Ron?
, fragte Hermione. Doch bevor Ron antworten konnte, sprach Harry. Ich denke, Ron hat bereits einen Weg gefunden.
Er wies auf die Uniformen. Morgen ist unser erster Studientag – und heute abend beziehen wir die Quartiere in den Studentenwohnheimen. Freunden wir uns mit den Akademiestudenten an. Und geben wir ihnen die Chance, uns kennenzulernen. Ich denke, dann findet sich am ehesten ein Weg, um …
Er wies mit seinen Blicken auf die Zauberstäbe.
Hermione runzelte die Stirn. Das ist nicht ideal – aber mir fällt auch keine bessere Lösung ein. Allerdings …
, sie stach mit ihrem linken Zeigefinger beide Jungen gegen die Stirn, ... werden wir verdammt viel zu lernen haben, wenn wir auch nur halbwegs mit dem Lehrstoff mitkommen wollen. Denn eines ist völlig klar: mit den Klassendeppen wird sich niemand anfreunden.
Ron zog eine Grimasse und stöhnte auf. Mist! Gerade erst aus der Schule – und dann darf ich schon wieder die Schulbank drücken. Und das war sogar meine eigene Idee!
Kopf hoch, Ron. Das schaffen wir schon.
Harry legte seinem Freund den Arm um die Schulter. Ich denke aber, wir sollten für den Moment Schluss machen – wir bekommen Gesellschaft.
Er wies nickend auf eine hochgewachsene, junge Frau von mahagonifarbener Haut, die sich ihnen schnellen Schrittes näherte. Ein leises Finite Incantatem
löste das Flimmern auf, dann wandten sie sich der näher Kommenden zu.
Hallo, ich bin Joanne. Konteradmiral Corell bat mich, euch zu ihr zu bringen.
Willig machten sich die drei in Begleitung ihrer jungen Mitstudentin – denn auch Joanne trug die Uniform einer Midshipwoman im ersten Studienjahr – auf den Weg. Es dauerte etwa 15 Minuten, bis sie das Büro der Akademieleiterin erreicht hatten. Vor dem Eingang stand ein Marine, und Joanne wandte sich ihm zu. Midshipwoman Winton. Ich bin in Begleitung der drei jungen Gäste, die ich hierherbringen sollte.
Der Marine sah die vier jungen Leute aufmerksam an, dann drückte er einen Knopf am Schott. Türposten hier. Midshipwoman Winton in Begleitung der drei Gäste ist hier.
Danke, Corporal.
Gleich darauf öffnete sich die Tür zum Büro von Konteradmiral Ernestine Corell und die Vier betraten den Raum. Joanne Winton hatte ihnen auf dem Weg hierher gesagt, dass sie einfach nur geradestehen und einen Punkt an gegenüberliegenden Wand fixieren sollten – ... bitte versucht nicht, zu salutieren, solange ihr das nicht gelernt habt. Glaubt mir, es ist besser so.
Und so folgten sie dem Rat, traten zwei Schritte ins Büro hinein und fixierten mit ihrem Blick die gegenüberliegende Wand.
Ernestine Corell nickte freundlich, als Joanne vor ihr salutierte – dann wies sie auf die bereitstehenden Sessel. Bitte setzen Sie sich, Ladies und Gentlemen.
Vielen Dank, Ma'am
, antwortete Harry, während er sich, wie die anderen, in die weichen Sessel niederließ. Auch Ron, Hermione und Joanne murmelten leise Dankesworte, dann fixierte die Admiralin ihre Besucher.
Sie sind hier, weil wir über den Vorschlag entschieden haben, den Sie gemacht haben, Mr. Weasley. Positiv entschieden – wie Sie an den Uniformen sehen, die Sie tragen dürfen. Doch ist diese Zustimmung nur vorläufig – und hängt sehr stark von den Beurteilungen ab, die Sie von den Lehrern der Akademie erhalten. Ich weiß, das Sie keine Laufbahn innerhalb der RMN anstreben, aber ich rate Ihnen dringend, dass Sie sich davon nicht beeinflussen lassen. Zusätzlich zu dem – enormen – Lehrpensum, das Studenten des ersten Jahres für gewöhnlich zu bewältigen haben, müssen Sie sich noch einem Crashkurs in Naturwissenschaften, Mathematik und, nicht zuletzt, gesellschaftlichen Konventionen unterziehen. Nehmen Sie es ernst. Sie sind Gestrandete in der Zeit – wenn es stimmt, was Sie uns bisher erzählt haben. Und uns ist es nicht möglich, Sie wieder in Ihre Zeit zurückzuschicken. Das heißt für Sie, das Sie den Rest Ihres Lebens hier verbringen müssen. Ich hoffe, das ist Ihnen klar.
Harry, Ron und Hermione nickten nachdrücklich. Doch bevor sie etwas sagen konnten, sprach die Konteradmiralin weiter.
Für die Prolong-Therapien der dritten Generation sind Sie drei bereits zu alt – aber Sie werden diejenigen der zweiten Generation empfangen. Das ist notwendig, da unsere Gesellschaft eine Prolong-Gesellschaft ist und auch die sozialen Systeme darauf ausgerichtet sind.
Was bedeutet
, fragte Hermione. Sie konnte sich darunter nichts vorstellen. Auch Ron und Harry sahen ziemlich ratlos drein.Prolong
– Ma'am?
Kurz gefasst bedeutet Prolong, dass die Menschen unserer Zeit nicht mehr nur 100 Standardjahre erleben – sondern ein Vielfaches davon. Mit den Therapien der 2. Generation sollten Sie problemlos zwischen 220 und 250 Jahren alt werden können.
Die drei sahen sich ungläubig an. Das ist ein Scherz, Ma'am – oder?
, wagte Hermione zu fragen, doch Ernestine Corell schüttelte nur den Kopf. Haben Sie sich nicht gewundert, warum Miss Winton
, sie wies mit einer Hand auf die junge, mahagonifarbene Frau, die neben Hermione Platz genommen hatte, oder die anderen Studenten der Akademie so … kindlich … aussehen? Jedenfalls in Ihren Augen?
Nun – eigentlich nicht. Wir hatten einfach noch keine Zeit dafür, Ma'am
, gab Harry zu. Aber Sie haben recht – Miss Winton wirkt auf mich nicht unbedingt wie eine Sechzehn- oder Siebzehnjährige.
Er wandte sich Joanne zu. Hoffentlich beleidige ich Sie jetzt nicht, Miss Winton – aber ohne diese Information eben hätte ich Sie bestenfalls auf 12 oder 13 geschätzt.
Joanne schüttelte den Kopf. Das ist keine Beleidigung, Mister Potter. Bei dieser Alterseinschätzung sind Sie nicht der Einzige. Das mag damit zusammenhängen, dass die entsprechenden Therapien noch nicht allzu lange verfügbar sind. Wir verfügen erst seit etwa einem Dreivierteljahrhundert – gerechnet in T-Jahren – darüber. Und glauben Sie mir – es fällt selbst Leuten, die die Therapien bereits erhalten haben, verdammt schwer, das Alter eines Prolongempfängers richtig einzuschätzen.
Die Erleichterung, die die drei Neuankömmlinge überkam, war deutlich spürbar. Schließlich hatten sie schon genug Probleme mit sich selbst – da mussten sie nicht auch noch unbedingt in vermeidbare Fettnäpfchen treten.
Innerlich lächelnd sah Ernestine Corell zu. Sie spürte die Erleichterung der Drei beinahe körperlich und meinte, regelrecht Steine plumpsen zu hören. Dann verbannte sie das Lächeln und räusperte sich, um erneut die Aufmerksamkeit der jungen Leute zu gewinnen. Mit dem Druck auf einen Knopf aktivierte sie eine Gegensprechanlage. Schicken Sie jetzt bitte die beiden herein.
Zischend öffnete sich ein Schott, und zwei junge Männer – die rein äußerlich auf Ron und Harry ebenfalls kaum älter als 12 oder 13 wirkten – betraten das Büro und salutierten. Nehmen Sie bitte Platz, meine Herren
, und wies auf die zwei noch leeren Sessel.
Nachdem die beiden der Aufforderung gefolgt waren, fuhr die Kommandantin fort. Mr. Machanian, der Rotschopf ist Ihr neuer Mitbewohner. Mr. Weasley, Joseph Machanian ist – wie Sie ebenfalls – Midshipman im ersten Jahr. Mr. Potter, neben Mr. Machanian sitzt Jack Sorensen. Wie Sie sicher bereits erraten haben, werden Sie und Mr. Sorensen ebenfalls ein Zimmer teilen. Ms. Granger hingegen wird die Zimmergenossin von Ms. Winton.
Alle jungen Leute sahen sich gegenseitig an und versuchten, einen Eindruck vom jeweiligen Gegenüber zu gewinnen. Die Akademiekommandantin ließ ihnen etwa 10 Sekunden, dann sprach sie weiter. Sowohl Mr. Machanian als auch Mr. Sorensen und Ms. Winton haben sich für die taktische Laufbahn entschieden. Da sie Ihnen als Mentoren zur Verfügung stehen sollen, legt Sie das ebenfalls auf dieselbe Laufbahn fest. Mehr noch. Sie werden exakt demselben Stundenplan folgen – sieht man von Ihren Crashkursen einmal ab. Da der Tag auf Manticore jedoch nur etwas über 22 Standardstunden lang ist, bedeutet das für Sie, dass Sie sich enorm disziplinieren müssen. Noch mehr, als Sie es dort mussten, wo auch immer Sie bisher zur Schule gegangen sind.
Ron, Harry und Hermione nickten. Dann überreichte die Kommandantin jedem von ihnen einen tragbaren Computer. Soweit ich weiß, gab es zu der Zeit, aus der Sie kommen, bereits tragbare Computer. Diese Geräte hier sind allerdings entschieden leistungsfähiger. Außerdem permanent mit dem Akademiezentralrechner verbunden.
Sie machte eine Pause und sah jeden der drei aufmerksam an. Machen Sie sich mit den Geräten vertraut, meine Herren – und meine Dame. Und schnell. Ab kommender Woche nehmen Sie alle am regulären Unterricht teil, und dann müssen Sie sich damit auskennen.
Vor allem Ron machte ein ziemlich unglückliches Gesicht. Mit Muggeltechnik
hatte er schon immer auf Kriegsfuß gestanden – besonders während der Wochen, in denen sich die drei vor Voldemorts Anhängern verstecken mussten. Zwar konnte er inzwischen, wenn er es darauf anlegte, als Muggel durchgehen – aber Technik war ihm immer noch ein Gräuel.
Mr. Machanian …
, begann er, wurde aber von diesem sofort unterbrochen. Ich denke, Mr. Weasley, wir sollten nicht so förmlich zueinander sein – immerhin müssen wir mindestens ein Jahr miteinander auskommen. Ich heiße Joseph – aber meine Freunde nennen mich Joe. Und ich hoffe doch sehr, dass Sie mich als Freund kennenlernen werden.
Ron sah ihn nachdenklich an, dann nickte er. Danke … Joe?
Dieser nickte. Joe, was Technik angeht, habe ich zwei linke Hände und alles Daumen – ich fürchte, zumindest anfangs wirst du mir ziemlich viel erklären müssen.
Ist es wirklich so schlimm?
Joseph konnte es kaum glauben – schließlich kamen die drei doch aus einer Zeit, in der man bereits die ersten interplanetaren Sonden gestartet hatte! Doch Harry und Hermione nickten heftig.
Ron ist hinsichtlich Technik ein wandelndes Katastrophengebiet – und das, obwohl er in 99 Prozent aller Zwischenfälle nicht mal etwas dafür kann. Es ist, als ob die Technik selbst sich gegen ihn verschworen hat. Seien Sie also nachsichtig mit ihm.
Joe Machanian sah Hermione und Harry an. Für euch gilt das Gleiche – ich heiße Joe. Die Förmlichkeiten können wir uns für den Dienst aufheben.
Und ich Jack
, ergänzte Jack Sörensen. Joanne
, schloss sich Joanne Winton an.
Die drei Zauberer sahen sich an, dann nickten sie. In Ordnung. Ich bin Harry
, eröffnete Harry Potter die gegenseitige Vorstellung von sich aus. Ronald – aber meine Freunde nennen mich Ron
, schloss sich Ron an, und auch Hermione. Ich heiße Hermione.
Dann gaben sich alle gegenseitig die Hände.
Konteradmiral Corell rieb sich derweil die ihren. Das ist doch schon mal ein guter Anfang. Hoffentlich ist die Fortsetzung ebenso erfolgreich. Weggetreten, meine Herren und Damen.
Die sechs jungen Leute erhoben sich. Harry, Ron und Hermione versuchten sich zum ersten Mal am Salutieren – was ihnen immerhin besser gelang, als Joanne befürchtet hatte, auch wenn es noch weit von Präzision entfernt war (und was ihnen ein erstauntes, aber anerkennendes Nicken der Manticoraner einbrachte), dann machten sich alle sechs auf den Weg in ihre neue Zeit.
Entschuldigen Sie, Majestät, wenn ich störe, aber soeben ist ein Flottenkurier mit dringlichen Nachrichten von Manticore für Sie eingetroffen.
Colonel Shemais, die Leiterin der persönlichen Leibwache von Elisabeth III. von Manticore, mochte es gar nicht, ihre Schutzbefohlene nach diesem anstrengenden Tag zu stören – zumal der nächste Tag mindestens genauso anstrengend zu werden versprach. Seit fast 40 T-Jahren war es das erste Mal, das sich eine regierende Monarchin von Manticore auf Staatsbesuch begeben hatte, und der Empfang, den die Graysons ihr bereitet hatten, war überschäumender und begeisterter, als es sich die Zeremonienmeister sowohl des Protectors als auch der Königin vorgestellt hatten. Von den grauen Haaren, die diese Begeisterung bei den Sicherheitskräften von Protector Benjamin und Königin Elisabeth hatte sprießen lassen, ganz zu schweigen. Denn wie leicht wäre es für einen Attentäter gewesen, sich unter die jubelnde Menge zu mischen …
Elisabeth schlug die Augen auf. Können die Nachrichten nicht warten, Ellen?
, fragte sie ihre Chefleibwächterin – doch die schüttelte den Kopf.
Sie sind mit Code Alpha-Signaturen versehen, Majestät.
Code Alpha? Was, um Gottes willen, ist auf Manticore denn nur passiert?
Code Alpha war die zweitdringlichste Nachrichtencodierung, die Manticore kannte – darüber kamen nur noch Zulu
-Meldungen. Und Zulu bedeutete Invasion.
Seufzend setzte sich Elisabeth auf. Ariel, ihr Baumkater, der auf ihrer Decke geschlafen hatte, war inzwischen ebenfalls aufgewacht und bleckte die Zähne. Er mochte es genauso wenig wie seine Person, zur Unzeit aus dem Schlaf gerissen zu werden. Beruhigend streichelte Elisabeth ihm das Fell, und langsam entspannte sich der 'Kater.
Also gut. Lassen Sie mich jetzt bitte allein, Ellen – ich muss mir die Post ansehen.
Selbstverständlich, Majestät. Doch Sie sollten vielleicht noch eines wissen. Dasselbe Kurierboot brachte auch ein Päckchen, das an Dr. Allison Harrington adressiert war. Absender ist das Basingford-Hospital.
Damit verließ die Leibwächterin den Raum.
30 Minuten später wußte Elisabeth nicht, wie sie reagieren sollte. Natürlich, das plötzliche und völlig unvorhersehbare Auftauchen von Menschen, deren Herkunft nicht überprüft werden konnte – und die nach allen medizinischen Tests tatsächlich aus der Zeit vor der Diaspora stammten – war merkwürdig (um es positiv zu formulieren). Andererseits konnte sie natürlich verstehen, dass insbesondere Pat Givens, bildlich gesprochen, im Viereck sprang. Und das aus mehreren Gründen: schließlich hatte sich das Auftauchen der drei jungen Fremden durch nichts angekündigt. Da half auch nichts, dass die Geschichte, die sie erzählten, in sich konsistent zu sein schien – es bestand immerhin die Möglichkeit, das man sie vorher dort, wo immer man sie vorbereitet hatte, gründlich konditioniert hatte.
Die Idee, die Neuankömmlinge, da sie sowieso schon da waren, erst einmal in der Akademie zu belassen und sie einfach in das erste Studienjahr zu stecken, gefiel ihr hingegen außerordentlich – und auch, dass ihre Tochter sich bereiterklärt hatte, mit dieser Hermione Granger ein Zimmer zu teilen. Denn auf die Beobachtungsgabe und das Urteilsvermögen ihrer Tochter konnte sie sich hundertprozentig verlassen.
Außerdem war sie gespannt darauf, was die Untersuchung der Genproben der drei jungen Leute durch die Mutter von Honor Harrington ergeben würde …
Hast du schon gehört, wer neue Akademiekommandantin wird?
Aufgeregt stürzte Joanne Winton in das Zimmer, dass sie sich mit Hermione teilte. Wie immer saß die junge Frau, die ihr so buchstäblich vor die Füße gefallen war, über die Lehrbücher gebeugt und büffelte. Joanne fragte sich manchmal, ob Hermione überhaupt jemals schlief – sie hatte sich derart intensiv auf das Studium gestürzt, dass sie sich inzwischen in fast allen Lernfächern unter den besten 10 Prozent des Jahrgangs befand. Lediglich Hyperphysik und mehrdimensionale Mathematik bereiteten ihr noch Schwierigkeiten – aber selbst dort war sie inzwischen in der besseren Hälfte des Jahrgangs angelangt.
Ron und Harry hingegen … sie hatten ihre Stärken eindeutig in den Taktikfächern und im Sport. In allen anderen Fächern waren sie bestenfalls Durchschnitt. Doch was Sport anging, so hatte sich Harry geradezu als ein Jahrhunderttalent in Coup de Vitesse erwiesen, obwohl er, wie er den Ausbildern gegenüber wiederholt bekräftigte, vorher nie Kampfsport betrieben hatte. Hermione vermutete, dass sein Können als Sucher beim Quidditch – und natürlich die Erfahrungen in den Kämpfen mit den Todessern von Lord Voldemort – seine Reaktionen und seine Beobachtungsgabe so geschult hatten, dass der Coup ihm so leicht fiel. Und Ron war ein sehr guter Fechter.
Was hingegen ausgeübte Autorität anging, hatte es in der Geschichte der Akademie exakt 3 Personen gegeben, die jemals höhere Einschätzungen als Hermione, Ron und Harry erhalten hatten; wobei Ron gegenüber Harry und Hermione ganz knapp abfiel: Ellen D'Orville, Raoul Courvoisier und Hamish Alexander. Etwas, was sich niemand in der Akademie erklären konnte – denn die höheren Einschätzungen hatte jeder der drei erst in ihrem jeweils letzten Studienjahr erreicht.
Trotzdem – es gab Schwierigkeiten. Insbesonders eine Gruppe um Boris Agursky, Erbe der Baronie von Novaya Tjumen, hatte es auf sie abgesehen. Kein Wunder, bedachte man, welchen Standesdünkel er und seine Anhänger pflegten. Für Boris Agursky begann ein Mensch erst, wenn er Mitglied einer Adelsfamilie war – und seine Freunde, wie zum Beispiel eine gewisse Anna Oglesby, waren beinahe noch schlimmer. Anna zum Beispiel rieb jedem, der es hören wollte – und auch jedem, der es nicht hören wollte – ihre Verwandtschaft mit Sir Clarence, dem Regierungssprecher der neuen Regierung Manticores, unter die Nase; auch, wenn sie nur seine Großnichte war.
Denn vor sechs Wochen war die katastrophale Nachricht über das Attentat auf den Protector von Grayson, die Königin von Manticore und die führenden Mitglieder ihrer Regierungen nach Manticore gelangt. Zwar hatten der Protector und die Königin überlebt – dank des heroischen Einsatzes von Honor Harrington, die mit dem Impellerkeil ihres eigenen Raumbootes die Rakete, die auf das Schiff des Protectors abgefeuert worden war, abfing – doch das Schiff, auf dem der Herzog von Cromarty und der Kanzler von Grayson reisten, hatte nicht soviel Glück. In der Explosion eines 500-Megatonnen-Sprengkopfes verglühte es – und mit ihm die Regierungsfähigkeit der Zentralisten und der Kronenloyalisten. Denn es war das Oberhaus, welches den Regierungschef bestimmte – und mit dem Tod Allan Summervilles, des Herzogs von Cromarty, waren die Stimmen der neutralen, nicht parteigebundenen Peers des Sternenkönigreiches, die sich Summerville persönlich verpflichtet gesehen hatten, weggebrochen. William Alexander, der Schatzkanzler der Regierung Cromarty und sein potentieller Nachfolger, konnte das nicht verhindern. Und so lief alles darauf hinaus, dass seit 4 Wochen eine Koalition, bestehend aus dem Bund der Konservativen unter Baron High-Ridge, den Freiheitlern unter Marisa Turner, der Gräfin von New Kiew, und Lady Elaine Descroix's Progressive Partei
, die Regierung bildete.
Hermione blickte von den Büchern auf. Keine Ahnung – aber ich denke, ich werde es gleich erfahren.
Sie grinste die etwas jüngere Joanne an. Inzwischen hatte sie sich daran gewöhnt, das Zimmer mit einer königlichen Prinzessin zu teilen (auch wenn der Moment, in dem sie begriff, wer sich hinter Joanne Wintons Mutter verbarg, ihr ewig unvergesslich bleiben würde; hatte sie doch nichts – weder in Joannes und im Verhalten irgendeines anderen aus ihrem Sixpack, wie Ron, Joe, Joanne, Jack, Harry und Hermione inzwischen genannt wurden – auf diese Enthüllung vorbereitet.)
Der Salamander persönlich!
Noch bevor Hermione reagieren konnte, klopfte es an ihrer Zimmertür, und als Joanne, die immer noch stand, öffnete, platzten die vier Jungen des ›Sixpacks‹ hinein.
Habt ihr es schon gehört? Der
Jack Sorensen platzte geradezu mit der Nachricht heraus, kaum dass er das Zimmer der Mädchen betreten hatte.Salamander
löst Corell als Akademie-Kommandantin ab!
Was ist eigentlich so Besonderes an Admiral Harrington?
, fragte Ron. Ich meine, gut – sie hat wichtige Siege errungen, ist auf Grayson wohl auch ein ziemlich hohes Tier, aber sonst …?
Joe, Jack und Joanne sahen Ron an, als ob er plötzlich zwei Köpfe bekommen hätte. Joanne baute sich vor ihm auf. Mister Ronald Weasley! Noch so ein Satz, und ich kündige Ihnen die Freundschaft auf – haben wir uns verstanden!
Bekräftigend nickten Joe Machanian und Jack Sorensen.
Ron stand ganz verdattert da. Was habe ich denn gesagt?
Hermione sah Ron kopfschüttelnd an. Hättest du dich ein wenig genauer informiert, dann wüsstest du, dass du gerade eine Art Sakrileg begangen hast, Ron – und du, Harry, brauchst gar nicht so dämlich zu grinsen!
Damit wandte sich Hermione an die drei Manticoraner.
Aber trotzdem, irgendwo hat Ron auch Recht. Korrigiert mich, wenn ich mich irre, aber Admiral Harrington wäre wohl gerade erst Commodore, wenn der Zufall und das Glück, sofern man in solchen Situationen von
Glück
sprechen kann, sie nicht in den letzten 10 T-Jahren permanent dorthin geführt hätten, wo, bildlich gesprochen, die Scheiße in den Ventilator geriet. Denn wenn man es genau betrachtet, hat sie mit Ausnahme der vierten Schlacht von Jelzin noch kein richtiges Flottengefecht geführt – und selbst bei Jelzin 4 könnte man sich darüber streiten, ob es sich um eine echte Schlacht zwischen Flottenverbänden oder nur
um ein Gefecht gehandelt hat. Schließlich hatte sie dort gerademal ein Wallschiffgeschwader und ein paar Schlachtkreuzer zur Verfügung – und die Havies nur
Schlachtschiffe.
Die Manticoraner wollten etwas sagen, doch Hermione hob die Hand. Natürlich gebe ich zu, dass die Gefechte, die sie geführt hat, trotz ihrer relativen … Kleinheit, legt man die Zahl und Typen der beteiligten Schiffe zugrunde, gewaltige Auswirkungen gehabt haben. Vermutlich hat sie sich damit auch den Namen
Hermione grinste.Salamander
verdient. Trotzdem bleibe ich aber dabei: Vergleicht man ihre Gefechte mit denen, die zum Beispiel White Haven oder Kuzak oder Sebastian D'Orville geführt haben, dann sehen sie auf den ersten Blick ziemlich … unwichtig aus. Ich meine, der Gefangenenausbruch, den sie auf Hell durchgezogen hat – der war schon richtig heftig. Aber wenn man sich die Schlacht einmal genau ansieht, die sie im Cerberus-System gegen diesen gemischten havenitischen Verband geführt und dem sie sich unter Schubdüsen genähert hat … also eines ist sicher: sowas funktioniert nur ein einziges Mal – und sollten wir irgendwann eine derartige Lösung in einer Taktikaufgabe versuchen, dann verfrachtet uns der Salamander
vermutlich persönlich nach Hell.
Die anderen fünf grinsten zurück. Letztlich kannten sich die sechs inzwischen gut genug, um zu wissen, wann jemand nur frotzeln wollte – und wann er oder sie es Ernst meinte. Außerdem hob Ron entschuldigend die Hände. Ok, ich geb's ja zu, sie ist vermutlich im Moment die beste Taktikerin zwischen den Sternen – aber trotzdem verstehe ich nicht ganz, warum um sie ein derartiges Aufhebens gemacht wird.
Glaub mir, Ron – das versteht Honor ebenso wenig.
Joanne sah ihre Freunde an. Meine Mutter und Honor sind gute Freunde, und ein bisschen kenne ich sie auch. Es liegt einfach an der Art, wie sie sich gibt. Da gibt es keine Schauspielerei, kein affektiertes Gehabe – und wenn einer das beurteilen kann, dann wohl ich …
Joanne errötete leicht, als sie merkte, dass sie ihre Familie mit ins Spiel gebracht hatte; etwas, was sie ansonsten tunlichst vermied. Schließlich wollte sie um ihrer Selbst willen, und nicht nur, weil sie zufälligerweise Winton hieß, geschätzt werden. Doch nahm es ihr niemand der anderen übel. Schließlich war es ja nicht Joannes Schuld, dass sie in die Familie der Königin von Manticore hineingeboren worden war. Und den Hinweis auf ihre Erfahrungen hinsichtlich des Hoflebens machte es schließlich auch nicht ungültig.
Joanne räusperte sich kurz, dann fuhr sie fort. Außerdem gehört sie zu denjenigen, die, wie meine Mutter und mein Vater, von einer Baumkatze adoptiert worden sind
– ein sehnsuchtsvoller Blick trat in ihre Augen – und davon gibt es im Moment kaum 1.000 Menschen, insgesamt. Das macht sie irgendwie schon zu etwas Besonderem.
Ist es denn schon sicher, dass sie Corell ablöst?
, fragte Harry und Jack hob die Schultern. Wenn ich meinen Quellen trauen darf, dann schon.
Ferenc Sorensen, Jacks Vater, war stellvertretender Chefredakteur der Landing Times. Das trotzdem bisher noch nichts über Harry, Ron und Hermione in den Medien aufgetaucht war, ware allein einer Art Gentleman's Agreement zu verdanken: Die Landing Times würde die Exklusivrechte an der Story besitzen, sobald die Akademie grünes Licht gab – dafür versorgte der Vater über seinen Sohn das Sixpack mit den neuesten Informationen von außerhalb der Akademie.
Es ist wohl eine Art Kuhhandel zwischen High-Ridge und meiner Mutter. Da sie seine Regierungsübernahme nicht verhindern konnte – jedenfalls nicht, ohne eine handfeste Verfassungskrise auszulösen – und da andererseits High-Ridge aber auch das Temperament meiner Mutter bekannt ist, hat er zustimmen müssen, dass die Herzogin die Akademie übernimmt – sonst hätte meine Mutter ihr Veto gegen die Berufung von Janaček zum ersten Lord der Admiralität eingelegt – Verfassungskrise hin oder her
, ergänzte Joanne. Mein Bruder hält mich ein wenig auf dem Laufenden.
Die anderen fünf nickten bedächtig. Der erste Lord der Admiralität war der zivile Oberbefehlshaber der RMN und damit Kabinettsmitglied – und jedes Kabinettsmitglied musste von der Königin bestätigt werden. Legte Elisabeth aber ihr Veto ein, konnte das nur mit einer Dreiviertelmehrheit beider Häuser des Parlamentes überstimmt werden – und während das High-Ridge und seinen Verbündeten im Oberhaus wohl sogar noch gelingen mochte, war ein entsprechendes Abstimmungsergebnis im Unterhaus absolut ausgeschlossen. Denn das Unterhaus wurde von den Kronenloyalisten und den Zentralisten dominiert, während der Bund der Konservativen kaum 2 Prozent der Sitze hielt – und die Freiheitler und Progressiven auch nicht viel mehr.
Ohne von der Krone akzeptierten Ersten Lord der Admiralität war das Kabinett aber unvollständig und konnte nicht vereidigt werden – was eine komplette Lähmung der Regierungsgeschäfte zur Folge hätte. Angesichts der Tatsache, dass die neue Regierung dem Angebot, einen Waffenstillstand abzuschließen, zustimmen würde – die Nachricht von Saint-Justs Kurier war vor 10 Tagen in Manticore angekommen – standen Friedensverhandlungen wohl unmittelbar bevor. Trotz des heftigen Widerstandes von Elisabeth III; auch wenn das Sixpack nur durch Joannes Bruder, Kronprinz Roger, davon wußte. Und diese Friedensverhandlungen konnten nun mal nur von einer vereidigten Regierung geführt werden.
Allerdings – hätte Elisabeth geahnt, das High-Ridge den Köder von Saint-Just so komplett schlucken würde, hätte sie es wohl auf eine Verfassungskrise ankommen lassen … doch nun war es dazu zu spät.
Und … steht schon fest, wann der Salamander die Akademie übernimmt?
, fragte Harry.
Nun, sie ist ja bereits seit einigen Wochen auf Manticore; schließlich hat sie erst vor 14 Tagen für die Rettung der Königin das PMV verliehen bekommen – ich denke, es wird in den nächsten Wochen passieren. Immerhin ist Corell ja nur amtierende Kommandantin der Akademie, nachdem Admiral Winter während eines Heimaturlaubs auf Gryphon tödlich verunglückte. Theoretisch könnte der Salamander also praktisch jederzeit zur neuen, permanenten Akademieleiterin berufen werden. Aber ich denke, spätestens zum neuen Semester wird sie Corell ablösen. Auch wenn das nur eine Schätzung ist.
Jack Sorensen zuckte mit den Schultern.
Joe, der sich bisher sehr zurückgehalten hatte, mischte sich ein. Die offizielle Amtsübernahme – ja. Aber ich wette, spätestens morgen steht sie bei Corell auf der Platte – jetzt, wo Elisabeth sie nicht mehr jeden Tag in ihrer Rolle als Verbindung zur graysonitischen Botschaft braucht. Immerhin sind Corell und Harrington alte Freunde.
Woher weißt du das?
Neugierig wandte sich Joanne ihrem Mitschüler zu.
Joe zuckte nur mit den Schultern. Mein Vater gehörte als Chief Petty Officer zur Besatzung der Nike, während Hancock 1. Corell war damals Captain JG und leitete den Stab von Admiral Sarnow – und Harrington war Sarnows Flaggkommandantin.
Ein erneutes Schulterzucken. Bei dem Treffer, der Sarnow so schwer verwundete, hat es auch meinen Vater erwischt. Er hat nach seiner Wiederherstellung den Dienst in der Navy quittiert – sein Anteil am Prisengeld, als Chins Dreadnoughts nach der Ankunft von Danislaws Geschwader kapitulierten, reichte dazu aus – und hat sich als Miteigner eines Schiffes in die Handelsflotte des Hauptmann-Kartells eingekauft. Voriges Jahr dann wurde sein Schiff in Silesia von Piraten gekapert und die Besatzung abgeschlachtet. Da habe ich mir geschworen, dass ich in seine Fußstapfen treten werde.
Tiefes Schweigen folgte dieser Erklärung, und irgendwie spürte Joe den Trost, den sie spendeten. Vor allem von der Seite ihrer Schutzbefohlenen
, wie er Harry, Ron und Hermione immer noch nannte. Als ob sie irgendetwas Vergleichbares hinter sich haben würden … als ob sie reif über ihre 17 oder 18 Jahre hinaus wären.
Doch keiner der Drei sprach jemals über ihre Vergangenheit. Jeder noch so vorsichtige Versuch, egal ob er von Joanne, von Jack oder von ihm kam, wurde abgeblockt. Höflich abgeblockt – aber dennoch … Trotzdem machten sich die drei Manticoraner (und nicht nur sie) natürlich ihre Gedanken darüber. Joe hatte einmal zufällig den Fetzen eines Gespräches mitbekommen, in dem Lieutenant Commander Sophia Jurgen, ihre Lehrerin in ›Einführung in das taktische Denken Eins‹, Commander Jenny Wilkins, der Vertrauenslehrerin für das erste Jahr, etwas Interessantes gesagt hatte: ›Es ist, als ob bei den Dreien die Probe auf Exempel bereits gemacht wurde, Commander‹, hörte er in seinem Kopf die rauchige Alt-Stimme von Lieutenant Commander Jurgen; ›als ob sie bereits Gefechtserfahrung besitzen würden, mit dem Tod von Freunden konfrontiert wurden und gelernt haben, ihn als unvermeidlich zu akzeptieren – sie müssen bereits die Erfahrung hinter sich haben, alles richtig gemacht und trotzdem Verluste erlitten zu haben. Und die anderen spüren das. Nicht nur ihre Freunde im Sixpack, sondern jeder, der in einem Team arbeitet, dem einer von ihnen angehört. Anders sind ihre Leistungen in ausgeübter Autorität einfach nicht zu erklären. Ich weiß, es klingt abgedroschen und wie aus einem schlechten Holodrama, aber es stimmt trotzdem: die Drei sind geborene Anführer.‹
Commander Wilkins hatte genickt, dann hatte sie Jurgen zu sich ins Büro gezogen – als ob sie die Anwesenheit von Joseph Machanian gespürt hätte.
Er sah die drei jungen Zauberer (von deren magischen Fähigkeiten er nach wie vor nichts wußte) nacheinander an. Danke
, sagte er einfach. Ihr wisst, wofür.
Dann verließ er Hermiones Zimmer. Gleich darauf verabschiedeten sich auch Ron, Harry und Jack von den beiden Mädchen.
Hallo, Grangergirl.
Gegen das Gift in der Stimme von Anna Oglesby wäre wohl selbst Madam Pomfrey machtlos gewesen, dachte Hermione, als sie sich am nächsten Morgen dem blonden, blauäugigen Mädchen (dem man die Boshaftigkeit, die sich hinter ihrer hübschen Larve verbarg, nicht ansah) zuwandte. Was willst du, Oglesby? Inzwischen sollte es doch selbst dir klargeworden sein, dass dein Gift bei mir keine Wirkung zeigt.
Oh – das ist aber schade.
Anna zog eine Schnute. Aber warte nur ab, wenn Drasković sich erst mal eingearbeitet hat, dann wird man dich und deine Freunde sowieso von der Akademie schmeißen.
Josette Drasković war Nachfolgerin von Sir Lucien Cortez als 5. Raumlord – dem als Chef von BuPers unter anderem auch die Offiziersakademie auf Saganami-Island unterstand.
Da wäre ich mir nicht so sicher, Ms. Oglesby
, mischte sich Commander Wilkins ein, die gerade um die Ecke bog – was der Manticoranerin zu geröteten Wangen verhalf. Immerhin war Commander Jenny Wilkins die Vertrauenslehrerin für die Studenten des ersten Schuljahres, und eigentlich versuchte sie, sich in Gegenwart eines Lehrers hinsichtlich der Fremden zurückzunehmen.
Commander Wilkins wusste das natürlich – schließlich war sie selbst ›nur‹ eine von Sphinx stammende Freisassin, und besaß immer noch die feinen, gesellschaftlichen Antennen, die notwendig waren, um einen Haufen Halbwüchsiger aus allen Schichten der manticoranischen Gesellschaft (von den zahlreichen Studenten, die von den Allianzwelten nach Manticore auf die Offiziersakademie geschickt wurden, ganz abgesehen) auf Kurs zu halten. Doch sah sie keinen Grund, sich einzumischen. Schließlich schien das ›Sixpack‹ die Lage unter Kontrolle zu haben, wobei die Tatsache, dass mit Joanne Winton ein Mitglied der königlichen Familie dazu gehörte, die Sache deutlich erleichterte.
Inzwischen hatte sich eine richtige Traube um Hermione, Anna und Commander Wilkins gebildet und die Vertrauenslehrerin registrierte sehr genau, wer sich zu wem stellte.
Dann sind die Gerüchte wahr? Der
Jack Sorensen, der wie die anderen Mitglieder des ›Sixpacks‹ inzwischen bei Hermione stand, konnte sich nicht zurückhalten – das Erstaunen in den Gesichtern der dabeistehenden Kommilitonen war ihm Lohn genug, obwohl er eigentlich nicht so damit herausplatzen wollte.Salamander
wird Kommandant der Akademie?
Woher Sie das nur wieder wissen, Mr. Sorensen … Ts, ts, ts.
Commander Wilkins schüttelte den Kopf, doch ein leichtes Lächeln in ihrem Gesicht nahm der Bemerkung die Spitze. Aber ja, es stimmt. Admiral Lady Dame Honor Harrington, Herzogin und Gutsherrin von Harrington, wird Konteradmiral Corell als Commandant ablösen. Zu Beginn des neuen Semesters wird ihre offizielle Amtseinführung erfolgen. Und nach dem, was mir bisher bekannt ist, hat auch niemand die Absicht, das ›Sixpack‹ zu sprengen. Einen schönen Tag noch, meine Damen und Herren.
Damit verließ die Sphinxianerin die aufgeregt schnatternden Studenten, die sich ihrerseits auf den Weg zu ihren Vorlesungen machten. Den giftigen Blick, den Anna gegen Hermione losließ, bekam sie nicht mehr mit.
Hallo, Ernie.
Die Frau, die Konteradmiral Ernestine Corell auf solch vertraute Weise begrüßte, konnte sich das leisten. Nicht nur, weil sie ihr rangmäßig übergeordnet war – nein, Honor Harrington und Ernestine Corell verband seit ihrer gemeinsamen Dienstzeit im 5. Schlachtkreuzergeschwader, am Vorabend des Ersten Havenitischen Krieges, eine tiefe und enge Freundschaft. Und so strahlte sie, als die hochgewachsene, breitschultrige Frau in der Uniform eines Volladmirals der Royal Manticoran Navy ihr Büro betrat.
Hallo, Honor
, erwiderte sie den Gruß, nicht ohne augenblicklich ein Hallo, Nimitz
folgen zu lassen – garniert mit der Überreichung einer frischen Selleriestaude, die der große Baumkater, der auf Honors Schulter ritt, mit geziemender Höflichkeit entgegennahm.
Was ist nur aus der Navy geworden, wenn ein Konteradmiral schon einen Baumkater bestechen muss
, seufzte Honor, doch das fröhliche Blitzen in ihren Augen nahm dem Satz die Schärfe.
Nach den neuesten Untersuchungsergebnissen lässt sich die Behauptung, dass Ihrer Majestät Navy allein von Papierkram angetrieben wird
, Ernie wies auf die zahlreichen Datenchips, die sich auf ihrem Schreibtisch stapelten, so nicht mehr aufrecht erhalten. Sellerieknollen gewinnen als Katalysatorelement zunehmend an Bedeutung.
Major LaFollett, Honors Chefleibwächter, hatte Mühe, seine Erheiterung zu verbergen – ebenso wie Honor selbst. 1:0 für dich, Ernie
, gab sie zu, nachdem sie sich etwas beruhigt hatte. Corells Steward servierte inzwischen – von LaFollett wachsam beobachtet – für jeden einen kleinen Imbiss und einen Krug Old Tilmans.
Nachdem beide einen Schluck getrunken hatten, kam Honor zum Geschäft. Und nun, Konteradmiral Corell – was ist so wichtig, dass ich so schnell in Ihrem Büro erscheinen musste?
Das
, antwortete besagte Konteradmiralin und grinste. Honor konnte mit diesem Begriff nichts anfangen.Sixpack
, Admiral Harrington
Das
(Honor hob erstaunt die Augenbrauen, als Elisabeths Tochter erwähnt wurde) Sixpack
besteht aus Joseph Machanian, Jack Sorensen, Joanne Winton …... Ronald Weasley, Harry Potter und Hermione Granger. Letztgenannte sind die drei … Neuankömmlinge, die Joanne an ihrem ersten Tag auf der Akademie praktisch vor die Füße gefallen sind.
Du meinst die drei jungen Leute, deren Genproben meine Mutter analysieren sollte?
Honor begriff allmählich und Ernestine Corell nickte.
Ganz genau. Schau dir mal die Bewertungen an, die die Drei bisher bekommen haben – insbesondere die in ausgeübter Autorität.
Die Akademiekommandantin reichte Honor einen vorbereiteten Ausdruck und diese betrachtete ihn aufmerksam.
Die Kurven in sämtlichen Fächern zeigten bei allen Dreien kontinuierlich nach oben (bei Hermione deutlicher als bei den beiden anderen), aber das konnte man erwarten – auch wenn das Ausmaß, in dem sie sich verbesserten, Honor überraschte. Was man allerdings nicht erwarten konnte, war die angesprochene Leistungskurve in den Simulationen, in denen es um angewandte Autorität ging. Die Werte schossen praktisch von Anfang an durch die Decke – und blieben permanent auf diesem Niveau.
Das ist unglaublich …
, murmelte Honor. Und das ist wirklich so? Bei allen Dreien?
Ernestine nickte. Ich wollte es zuerst auch nicht glauben – bis ich dann in den letzten vierzehn Tagen als stiller Beobachter an ein paar Übungen teilgenommen habe. Ich habe sogar selbst ein paar Szenarien für die Drei entworfen. Du kannst es mir glauben, Honor. Derartige Leistungen, wie sie die Drei bringen, sind eigentlich nur möglich, wenn man selbst schon aktiv an echten Kampfhandlungen teilgenommen hat – in verantwortlicher Position. Ich habe sämtliche historischen Enzyklopädien und Datenbanken durchgewälzt, die wir über Großbritannien am Ende des zweiten Jahrhunderts vor der Diaspora haben – es gibt buchstäblich keinen einzigen Hinweis auf irgendeinen Vorfall, der ihre Leistungen erklären könnte. Der letzte Krieg, den Großbritannien im 20. Jahrhundert alter Zeit geführt hat, war der Falklandkrieg – und zu der Zeit haben die drei gerade begonnen, ihre Windeln vollzukacken. Außerdem war es bei der Royal Navy damals genauso wenig üblich wie heute bei uns, Leute ohne jede militärische Ausbildung ins Gefecht zu schicken.
Und wie wirkt sich das auf die anderen Mitglieder des
Honor legte den Ausdruck aus der Hand und beugte sich vor. Sixpacks
aus? Und auf die anderen Studenten?
Die Konteradmiralin hob die Schultern. Darum werden sie das
Sixpack
genannt, Honor – sie sind praktisch unzertrennlich. Eine der drei oder vier besten Lerngemeinschaften, die es auf der Akademie je gegeben hat. Und für die meisten anderen sind die Sechs ein Vorbild – denn wie du siehst, sind nicht nur die Leistungen des einheimischen Teils
des Sixpacks ebenfalls kontinuierlich besser geworden, sondern beinahe jeder, der mit ihnen in der Klasse sitzt, strengt sich mehr an. Möglicherweise allein deshalb, weil sie sich nicht von den Fossilien
blamieren lassen wollen. Aber es ist wirklich so: Jeder in ihrer Klasse hat sich durch die Bank weg deutlich verbessert – und fast jeder reißt sich darum, bei Simulationsübungen zu einem Team zu gehören, bei dem einer vom Sixpack
dabei ist.
Fast jeder?
Honor hob die Augenbrauen und Ernestine nickte. Sagt dir der Name Agursky noch irgendwas?
Du meinst Anthony Agursky, den Baron von Novaya Tjumen? Der versucht hat, bei der Attica-Lawine …
Corell nickte. Sein Sohn Boris ist mit dem Sixpack in einer Klasse – ebenso wie Anna Oglesby.
Die Enkelin von …?
Corell schüttelte den Kopf. Die Großnichte von Sir Clarence, dem Regierungssprecher. Du weißt ja, wie das geht. Vermutlich wollten beide Familien Profit aus der Tatsache ziehen, das ihre Sprösslinge mit der Tochter von Elisabeth … Es muss sie mächtig gewurmt haben, als aus meiner mehr aus der Not geborenen Entscheidung, die sechs zusammenzubringen, ein derart gutes Team geworden ist. Und das lassen sie das Sixpack auch spüren.
Und wie hat das Sixpack reagiert?
Honor konnte sich ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen.
Es ist an ihnen regelrecht abgeprallt. Und das bringt Novaya Tjumen und Oglesby fast zur Raserei. Du wirst die beiden im Auge behalten müssen, Honor. Ich habe Boris Agursky im Verdacht, ein zweiter Pavel Young werden zu wollen …
Das wird er nicht wagen – und wenn, dann wird er von der Akademie fliegen. Und zum Teufel mit High-Ridge und Konsorten.
Honors Augen blitzten, dann atmete sie tief durch. Major?
Andrew LaFollett nahm Haltung an. Ja, Milady?
Sobald ich offiziell berufen bin, werden Sie sich darum kümmern, dass man Mr. Agursky, Ms. Oglesby and das Sixpack permanent – wenn auch unauffällig – im Auge behält.
Sehr wohl, Milady.
Er zögerte kurz, dann fuhr er fort. Wenn mir Admiral Corell die Akten der Betreffenden kopieren lassen könnte …
Ich habe mir schon etwas Ähnliches gedacht. Bitte, Major.
Mit diesen Worten überreichte Ernestine Corell dem Grayson eine Mappe mit Chips, die dieser in seiner Uniform verschwinden ließ. Vielen Dank. Das wird uns weiterhelfen.
Das dachte ich mir.
Damit wandte sie sich wieder Honor zu. Interessanterweise scheinen die Ergebnisse der Untersuchungen, die deine Mutter auf Grayson durchgeführt hat, immer noch nicht vorzuliegen …
Honor hob die Schultern. Nun ja, als sich abzeichnete, wer die neue Regierung bilden würde … Pat Givens' Sendung lag ein Brief bei. Danach weiß außer ihr beim ONI niemand davon, das es diese Sendung jemals gegeben hat – und auch Caparelli hat mir nach meiner Rückkehr versichert, dass es keinerlei Aufzeichnungen – weder über die Gespräch von Pat mit Lucien, noch über das, was Pat mit ihm geführt hat – gibt. Nach menschlichem Ermessen können weder Drasković, noch Jurgensen oder Chakrabarti etwas von den Proben wissen. Und das ist auch verdammt gut so.
Und Baronin Morncreek? Soweit ich weiß, wollte doch Caparelli sich mit ihr abstimmen?
Das hat er auch getan. Aber er hat bei diesem Gespräch die Existenz dieser Proben nicht erwähnt. Und somit hatte Francine keinerlei Anlass, irgendetwas schriftlich niederzulegen, was sie Janaček jetzt übergeben müsste – und was über das, was Basingford über die Drei herausgefunden hat, hinausgeht.
Du machst mich echt neugierig, Honor. Was also hat deine Mutter denn nun herausgefunden?
Honor schüttelte den Kopf. Nicht hier, Ernie. Wie wäre es, wenn du mich kommendes Wochenende in meiner bescheidenen Hütte
, Honor verzog das Gesicht, als sie an den Palast dachte, den Elisabeth ihr hier, an den Ufern der Jason-Bay geschenkt hatte und den sie immer noch für viel zu protzig hielt, besuchst? Und gleich noch das Sixpack mitbringst?
Admiral?
Der neue zweite Raumlord schrak auf, als sein Schreibersmaat ihn ansprach. Er war so in seine Arbeit vertieft gewesen, dass er sowohl das Summen seines Comanschlusses als auch das Klopfen an der Tür überhaupt nicht registriert hatte.
Was gibt es, Pete?
Senior Chief Petty Officer Pete Romina reichte ihm eine Mappe. Ihre Vorgängerin hatte vermerkt, dass man ihr die Ergebnisse sofort auf den Tisch legen sollte, wenn sie eintreffen, Sir. Deshalb habe ich mir erlaubt, trotzdem einzutreten, auch als Sie auch auf das Klopfen nicht reagiert haben. Es geht um die Recherchen, die sie auf Alt-Erde veranlasst hat – Sie wissen schon, wegen der drei Jugendlichen auf Saganami.
Francis Jurgensen runzelte kurz die Stirn, als er darüber nachdachte, was sein Schreibersmaat meinte. Dann fiel es ihm wieder ein. Sie meinen die drei, die wie aus dem Nichts aufgetaucht sind?
Genau. Unser beauftragtes Netz auf Alterde hat seine Recherchen abgeschlossen – und das hier
, Romina deutete auf die Mappe, sind die Ergebnisse.
Vielen Dank, Chief. Wenn Sie mich jetzt bitte alleine lassen würden …
Natürlich, Admiral.
Damit verließ der Schreibersmaat das Büro des zweiten Raumlords, und Jurgensen begann damit, die Berichte durchzusehen.
Leider war das Ergebnis der Bemühungen mehr als kümmerlich. So konnte zwar die Existenz einer Familie Granger im London des zweiten Jahrhunderts Ante Diaspora nachgewiesen werden – aber sämtliche Unterlagen, die darüber hinausgingen (Geburtsurkunden, Heiratsanzeigen, medizinische Unterlagen, Schulzeugnisse …), waren spätestens in den Wirren des Letzten Krieges auf Alterde verloren gegangen. Möglicherweise … aber für eine derartige Aktion brauchte er das Einverständnis des Kabinetts, und solange die Situation einigermaßen unter Kontrolle blieb, sah er keinen Grund, die Pferde scheu zu machen.
Zu den Familien von Potter und Weasley konnte nicht einmal soviel nachgewiesen werden. Ebenso wenig wie über eine Internatsschule, die den merkwürdigen Namen ›Hogwarts‹ trug, und an der alten englisch-schottischen Grenze gelegen haben sollte. Lediglich über den Verlag Routledge, in dem die mitgebrachten Schulbücher der Drei erschienen sein sollten, konnten umfassendere Informationen gefunden werden – ja, es war einem der Agenten sogar gelungen, einen uralten, noch auf echtem Papier gedruckten Verlagskatalog aus der Frühzeit des letzten Jahrhunderts vor der Diaspora zu beschaffen – und in diesem tauchten alle Titel (wenn auch natürlich in neueren Auflagen) auf, die die drei Zeitspringer dabeigehabt hatten.
Jurgensen dachte kurz nach, dann drückte er kurz einen Knopf. Büro des zweiten Raumlords, was … ah, Admiral! Was kann ich für Sie tun?
, hörte er die Stimme seines Schreibersmaaten.
Setzen Sie sich bitte mit dem Büro von Admiral Drasković in Verbindung, Chief. Vereinbaren Sie für den nächstmöglichen Termin ein Treffen mit ihr.
Sofort, Admiral.
Admiral Drasković war die neuernannte Chefin von BuPers, und damit auch für die Akademie auf Saganami-Island zuständig.
Fünf Minuten später meldete sich Pete Romina erneut. Morgen nachmittag, 15.00 Uhr, Sir. Admiral Drasković würde Sie dann in Ihrem Büro aufsuchen – und Sie hätten etwa 45 Minuten Zeit, um mit Ihr zu besprechen, was immer Sie besprechen wollen. Wenn das nicht geht, dann gäbe es übermorgen, 10.00 Uhr vormittags, ein zweistündiges Zeitfenster, in dem Sie sich mit Ihr treffen könnten.
Jurgensen dachte kurz nach. Eigentlich sollten 45 Minuten ausreichen, dachte er. Machen Sie den Termin für morgen Nachmittag fest, Pete. Sagen Sie Ihr, dass es um die drei Zeitspringer geht. Jurgensen Ende.
Damit lehnte er sich zurück, die Arme vor dem Bauch verschränkt, und kippelte auf seinem Sessel hin und her. Die Geschichte der drei Zeitspringer hatte er tatsächlich völlig vergessen gehabt. Nun, Josette Drasković würde ihn schon auf den aktuellen Stand der Dinge bringen.
Das die Akademie aber ausgerechnet an Harrington gehen musste, wurmte ihn allerdings mächtig. Corell gehörte zwar auch nicht gerade zu seinen Duzfreundinnen (das galt, vielleicht mit Ausnahme des neuen ersten Raumlords, Sir Simon Chakrabarti, dem Corell eine Zeitlang unterstanden hatte, aber für jeden der neuernannten Raumlords), aber sie hatte zumindest nicht die Verbindungen zum Königshaus wie Harrington. Und sie besaß auch keinen Adelstitel – also auch keinen Sitz im Oberhaus. Leider würde Honor Harrington den Raumlords aber kaum Gelegenheit bieten, ihr am Zeug zu flicken – aber wer weiß … wenn man es irgendwie drehen konnte …
Bitte richten Sie Mrs. Thorn unser aller Dank für dieses köstliche Mahl aus, Mac.
Sehr wohl, Milady
, antwortete James MacGuiness, ehemaliger Master Chief Steward's Mate der Royal Manticoran Navy und jetziger Haushofmeister von Harrington House mit einer leichten Verbeugung. Befriedigt und gesättigt lehnte sich Honor Harrington in ihrem Sessel zurück, nachdem sie sich mit einer Serviette die Lippen abgetrocknet hatte, und betrachtete nachdenklich die Gäste, die mit ihr gemeinsam an der Tafel saßen (und die durch eifriges Kopfnicken ihre Zustimmung zu dieser Einschätzung kundtaten).
Im Gegensatz zu vielen anderen Gelegenheiten – wie den legendären Dinnern, die sie mit den Schülern ihrer Vorlesung veranstaltet hatte, und an denen mehrfach teilzunehmen man sich als Akademiestudent durch harte Arbeit verdienen musste (eine Tradition, die sie, sofern ihr die Zeit dazu blieb, gerne wieder aufnehmen würde), war der Kreis ihrer Gäste geradezu exklusiv zu nennen – sechs Studenten, dazu Konteradmiral Corell, Kronprinz Roger und ihre eigene Mutter – kaum ein Drittel der Teilnehmer, die gewöhnlich zu solchen Gelegenheiten an ihrer Tafel Platz nahmen. Oh, und natürlich war Nimitz, ihr Baumkater, wie immer mit dabei – zusammen mit Samantha, seiner Gefährtin.
Doch statt gemeinsam neben ihr Platz zu nehmen, hatte Nimitz sich zwischen Hermione Granger und Ron Weasley seinen Platz gesucht – und Samantha hatte es sich zwischen den königlichen Geschwistern bequem gemacht. Beide Baumkatzen knabberten selig an ihren Selleriestauden, während sie schamlos die Streicheleinheiten genossen, die ihre menschlichen Sitznachbarn ihnen zukommen ließen. Die Erinnerung an das Erstaunen der vier, als deutlich wurde, wo Samantha und Nimitz sich platzieren würden, und das bei Hermione, Harry und Ron besonders tief ging – schließlich hatten sie bis dahin noch nie eine Baumkatze gesehen – bereitete ihr ein geradezu königliches Vergnügen, das sich noch steigerte, als Jack Sorensen, der jüngste der anwesenden Studenten, plötzlich zusammenzuckte, als ob ihn jemand leicht vor sein Knie getreten hätte. Mit einem Blick und einem Nicken auf die Weingläser erinnerte ihn Joanne an seine Pflicht, und mit leicht geröteten Wangen erhob er sich und nahm sein Weinglas in die Hand.
Ladies und Gentlemen, auf die Königin!
, brachte er den Toast aus, und Auf die Königin
ertönte die Antwort der anderen Anwesenden. Erleichtert, das überstanden zu haben, setzte er sich wieder.
Diese Zusammenkunft hat einen ganz besonderen Grund
, begann Lady Dame Honor Stephanie Harrington, Herzogin und Gutsherrin von Harrington, den geschäftlichen Teil des Abends, und dieser Grund hat mit Ihnen zu tun.
Sie nickte nacheinander Harry Potter, Ronald Weasley und Hermione Granger zu.
Die drei jungen Zauberer sahen zuerst sich und dann ihre Gastgeberin an, und Harry übernahm das Antworten. Mit … uns, Milady?
, und Honor nickte.
Wie Ihnen sicher bekannt ist, sind Konteradmiral Corell und ich alte Bekannte, und als sie mich einlud, sie in der Akademie zu besuchen, folgte ich dieser Einladung sehr gerne. Bei diesem Besuch wies sie mich auf eine Besonderheit hin, die jeden von Ihnen auszeichnet – eine Besonderheit, die, bedenkt man Ihr Alter, um so erstaunlicher ist – und das sind Ihre außerordentlichen Führungsqualitäten. Wir alle hier wüssten gerne, was der Grund dafür ist.
Harry, Ron und Hermione versteiften sich. Wie sollten sie darauf reagieren? Am liebsten, das spürte Honor mit ihrem empathischen Sinn deutlich, wären sie aufgestanden und gegangen – und doch machte keiner von ihnen eine entsprechende Bewegung. Sie griffen allerdings unbewusst nach den – noch immer nicht näher erklärten und ständig mitgeführten – Stäben und sahen sich alle drei an – ihre Augen dunkel von Erinnerungen.
Weder Honor noch einer der anderen Manticoraner wagte, sich zu bewegen oder irgendetwas zu sagen. Jeder von ihnen hatte das Gefühl, das jedes Wort eines zu viel sein – jede Bewegung die Entscheidung beeinflussen würde, vor der die drei jungen Leute standen. Lediglich das beruhigende Schnurren der beiden Baumkatzen war zu hören – doch dadurch wirkte die Stille nur noch bedrückender.
Wir … würden lieber nicht darüber sprechen, Ma'am
, antwortete schließlich Hermione leise, nach endlos erscheinenden Minuten. Es hängen zu viele schmerzhafte und noch zu frische Erinnerungen daran – zu große Verluste.
Ron und Harry nickten stumm, und Honor, Sam und Nimitz spürten mit ihren empathischen Sinnen sehr deutlich, dass die Drei Probleme hatten, nicht in düsteren Erinnerungen zu versinken.
Allison Harrington mischte sich ein und rettete damit die Situation. Haben diese Erinnerungen etwas mit den … Besonderheiten zu tun, die jeden von Ihnen auszeichnen?
, fragte sie sanft, und das Zauberertrio sah sie – mehrmals blinzelnd und durch die Ablenkung wieder in der Gegenwart – erstaunt an.
Was für Besonderheiten, Mrs Harrington?
Die Frage kam erstaunlicherweise nicht von den drei Neuankömmlingen, sondern von Joanne Winton, registrierte Honor. Bevor ihre Mutter jedoch reagieren konnte, redete Joanne weiter. Sie sind Genetikerin, soweit ich weiß – und zwar eine der besten, die das Sternenkönigreich hat – hat es damit zu tun? Sind unsere Freunde etwa ehemalige mesanische Sklaven?
Ja und nein, königliche Hoheit. Ja, es hat etwas mit Genetik zu tun – und nein: Mesa und seine … Machenschaften haben damit definitiv nichts zu tun. Wie Sie ohne jeden Zweifel selbst wissen müssten.
Joanne errötete leicht, als sie den leicht tadelnden Ton vernahm, doch Allison Harrington redete einfach weiter, als ob sie die Verlegenheit der Prinzessin nicht bemerkt hätte. Obwohl ich mir vorstellen könnte, dass die an ihren Freunden – beziehungsweise deren Genmaterial – mehr als nur leichtes Interesse zeigen würden, wüssten die darüber Bescheid. Andererseits – möglicherweise auch nicht. Das können nur ihre Freunde beantworten.
Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich wieder auf die drei jungen Leute, die einander unbehaglich ansahen. Allison lächelte leicht und löste damit die Spannung.
Ich denke, wir sollten die Weingläser nehmen und uns ins Spielzimmer verlegen, Liebes
, wandte sie sich an ihre Tochter, die sie mit hochgezogenen Brauen ansah. Dr. Harrington lächelte leicht. Ich habe mir erlaubt, auf dem größten Holotank dort eine Präsentation vorzubereiten, die ich allen gerne zeigen möchte.
Fünf Minuten später hatten sich alle Anwesenden im ›Spielzimmer‹, wie der Raum von Harrington-House genannt wurde, in dem gewöhnlich die taktischen Übungen bei den Einladungsabenden stattfanden, versammelt. Von den großen Fenstern dieses Raumes hatte man einen fantastischen Blick auf den Nachthimmel – doch heute wurde dieser Anblick von allen ignoriert. Stattdessen fanden sie sich um den großen Holowürfel in der Mitte des Raumes ein, und Allison nahm eine Fernbedienung in die Hand. Nachdem sich alle gesetzt hatten, begann sie.
Honor, du wirst dich erinnern, dass ich letzte Woche eine Reise nach Beowulf unternommen habe.
Honor nickte. Nun, diese Reise hing mit Ihnen zusammen.
Dabei blickte Alison die drei jungen Zauberer an. Und der Grund dafür ist folgender.
Sie nippte kurz an ihrem Weinglas, um sich die Lippen zu befeuchten, dann wandte sie sich Hermione zu.
Wie viel wissen Sie über Genetik, Miss Granger?
Hermione zuckte mit den Schultern. Nicht allzu viel, fürchte ich. Ich weiß, dass der Mensch 23 Chromosomenpaare besitzt, von denen das letzte das Geschlecht eines Menschen bestimmt. Ich weiß, dass die Erbinformation in der DNA verschlüsselt ist, die die Form einer gewundenen Doppelhelix besitzt, und das die Abfolge von 4 Säuren – Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin – über die genaue Erbinformation entscheidet.
Das ist doch schon mal eine ganze Menge
, gratulierte Dr. Harrington ihr. Wie Sie außerdem wissen müssten, wird ein defektes Gen für gewöhnlich deaktiviert und das entsprechende Gen auf dem zugehörigen anderen Chromosom genutzt. Nun, was wir hier sehen
, sie aktivierte den Holotank, und vier wurmartige Gebilde erschienen, die sich langsam zu drehen begannen, sind zwei Chromosomenpaare – und zwar das Chromosomenpaar Nummer 7 und Nummer 16. Bei über 95 Prozent aller Menschen ist es nun so, das mindestens 3 der 4 Gene, auf die ich hier eingehen will, defekt sind. Für die restlichen ca. 5 Prozent gilt: a) jeweils eines der Gene auf beiden Chromosomen ist ganz; dann sind unsere Zellen unter bestimmten, jetzt aber unwichtigen, Voraussetzungen dazu in der Lage, kleinere Gendefekte zu reparieren. Das ist unter anderem auch eine Ursache für die immer wieder aufgetretenen Spontanheilungen, zum Beispiel bei Krebserkrankungen, die der Medizin so lange unerklärlich waren. Und die Tatsache, dass es bei den meisten Menschen heute möglich ist, Regenerationstherapien zu verwenden, und zum Beispiel Arme oder Beine nachwachsen zu lassen, hat ebenfalls damit zu tun.
Sie unterbrach sich und trank einen Schluck Wein, dann fuhr sie fort, während sie ihren Vortrag durch das entsprechende Markieren bestimmter Abschnitte auf den Chromosomen fortsetzte. Zu diesem Personenkreis gehörten über 90 Prozent der, mit Genproben dokumentierten, Spontanheilungen. Dann gibt es b) Menschen, bei denen entweder im Chromosom 7 oder im Chromosom 16 beide Exemplare über das funktionsfähige Gen verfügen. Und unter diesen Menschen traten in der Vergangenheit vermehrt bestimmte … Besonderheiten auf: zum Beispiel wurde ihnen von ihren Zeitgenossen Hellsichtigkeit oder auch eine besondere, empathische Begabung nachgesagt. Allerdings sind nur sehr wenige Fälle dokumentiert. Das Meiste davon beruht auf Hörensagen. Außerdem gibt es c) einige wenige Menschen, die auf drei der vier Chromosomen die entsprechenden funktionierenden Gene besitzen – so dass sie also einerseits unter bestimmten Umständen zu Spontanheilungen fähig sind und andererseits in die Gruppe der Menschen mit potenziell besonderen Fähigkeiten fallen … Meine eigene Tochter gehört übrigens zur Gruppe
besondere Fähigkeiten
.
Honor sah erstaunt auf. Ja, Liebes. Die Tiefe und Intensität deiner Bindung zu Nimitz – und deine Empathie – liegt im Vorhandensein dieses funktionierenden Gens auf beiden Exemplaren deines Chromosoms 7 begründet. Versteh' mich bitte richtig, Honor: Die Tatsache, dass Nimitz dein Geistesleuchten so anziehend fand, dass er dich adoptierte, hat damit überhaupt nichts zu tun – wohl aber die Art, in der sich der Link zwischen euch entwickelt hat. Allerdings ist das auch eine der Ursachen, wegen deren du nicht regenerieren kannst. Dir fehlt das dritte funktionierende Gen.
Honor atmete tief durch. Das hättest du mir ruhig eher sagen können, Mutter.
Allison sah ziemlich zerknirscht drein. Ich habe es erst im Zuge der Untersuchungen der Proben, die ich von Pat Givens zugeschickt bekam, herausgefunden – als ich Genmaterial von Deinem Vater, von dir und von mir zu Vergleichszwecken herangezogen habe. Kannst du mir noch einmal verzeihen? Bitte, Bitte!
Dabei sah sie so … verzweifelt aus (obwohl ein leichtes Funkeln in ihren Augen sie verriet), dass Honor in Lachen ausbrach.
Also gut, Mutter. Aber ich werde es Vater weitersagen …
Allison schüttelte sich in gespieltem Erschaudern. Wo ist nur meine artige, guterzogene Tochter geblieben
, murmelte sie – laut genug, dass jeder der Anwesenden es hören konnte; so die Anspannung lösend, die sich während ihres Vortrages aufgebaut hatte. Dann fuhr sie fort, sich wieder dem nichtmanticoranischen Teil des Sixpack zuwendend.
Eure Genproben – die man direkt nach eurer Ankunft genommen hat, während ihr noch bewusstlos wart – weisen nun eine weitere Besonderheit aus. Und diese Besonderheit hat mich letzte Woche nach Beowulf geführt. Genauer gesagt, zur BDBHG – das ist die
, sie schaute auf einen kleinen Zettel, Beowulf DataBase of Human Genetics
, die Datenbank für Humangenetik auf Beowulf – die größte und älteste Datenbank dieser Art, die es gibt. Zum Zeitpunkt meiner Anfrage waren dortexakt 90.198.672.543 Genproben gespeichert.
(Ein Raunen des Erstaunens ging durch den Raum, als sie die Zahl bekannt gab, doch Allison ging einfach darüber hinweg) Genproben, die in den letzten 1.769 T-Jahren seit Einrichtung dieser Datenbank dort niedergelegt wurden, und die von Bewohnern so ziemlich jeder von Menschen besiedelten Welt stammen. Und unter all diesen Proben haben sich exakt 15 – in Worten: FÜNFZEHN – gefunden, die sich in dieser speziellen Eigenschaft mit eurem Material vergleichen lassen. Nur zur Information: Diese Proben enthalten jeweils mehrere komplette Zellkerne von Körperzellen der betreffenden Personen. Es werden jeden Tag beinahe 140.000 neue Genproben in der Datenbank abgelegt – zugeschickt von Ärzten, die auf fast allen von Menschen bewohnten Planeten praktizieren. Und die jüngste dieser dort gespeicherten Proben, die sich mit den euren hinsichtlich dieser speziellen Eigenschaft vergleichen lässt, ist trotzdem bereits 287 T-Jahre alt und stammt von Telmach, einer Welt in der Silesianischen Konföderation, von einer gewissen Marisa Spinnet.
Harry, Ron und Hermione rissen die Augen auf, als sie den Namen hörten.
Allison hatte es wohl bemerkt, doch ging sie für den Moment darüber hinweg. Sie machte eine kurze Pause, dann ließ sie die Bombe platzen. Jede dieser 15 Genproben
, sie sah jetzt allen Dreien direkt ins Gesicht, enthält die betreffenden funktionierenden Gene auf allen vier fraglichen Chromosomen – ebenso wie jede der Proben von Ihnen. Und nein – Ihre Bewertungen ins ausgeübter Autorität haben damit
, sie wies auf den Holotank, wo sich immer noch die beiden Chromosomenpaare drehten, nicht das Geringste zu tun.
Honor, Ernestine Corell, Kronprinz Roger und der manticoranische Teil des Sixpack sahen gespannt auf Hermione, Ron und Harry. Ein leichtes Nicken von Ron und Harry ließ sie den Atem anhalten. Wir überlassen dir die Entscheidung, Hermione. Egal, wie sie ausfällt.
Diese sah sich die anwesenden Manticoraner nacheinander an, dann zuckte sie mit den Schultern. Nun gut. Wir werden es Ihnen sagen. Unter einer Bedingung.
Und diese Bedingung lautet?
Konteradmiral Ernestine Corell hatte sich nach vorn gebeugt, und sah Hermione fest in die Augen, doch diese wandte sich von der Kommandantin ab und dem Kronprinzen zu.
Mr. Winton, gehe ich Recht in der Annahme, dass Sie nicht nur hier sind, weil Sie Ihre Schwester wiedersehen wollten?
Der junge Mann nickte. Das habe ich mir gedacht
, antwortete Hermione. Also gut. Mit Ausnahme der Königin, die von Mr. Winton informiert werden darf, bleibt das, was ich Ihnen sagen werde, auf die Personen beschränkt, die in diesem Raum versammelt sind. Das gilt auch für euch.
Hermione wandte sich an Joseph Machanian, Jack Sorensen und Joanne Winton. Wenn ihr bleiben wollt – dann nur, wenn ihr bei eurem Leben schwört, nichts zu sagen. Zu niemandem. Zumindest zu niemandem außerhalb des in diesem Raum versammelten Kreises.
Hermione blickte Jack direkt an. Ich weiß, dass das gegenüber Deinem Vater ziemlich unfair ist, aber trotzdem: Wenn du dir nicht absolut sicher bist, das, was wir jetzt sagen, auch gegenüber Deinem Vater verschweigen zu können, dann solltest du jetzt diesen Raum verlassen.
Jack sah Hermione verstört an – so absolut todernst hatte er sie noch nie erlebt. Und in den Augen von Ron und Harry stand die gleiche, entschiedene Entschlossenheit. Doch dann nickte er. Ich bleibe. Irgendwann werdet ihr damit an die Öffentlichkeit gehen müssen – und dann will ich sagen können, ich bin von Anfang an dabei gewesen.
Die junge Hexe nickte, dann wandte sie sich an Honor. Rufen Sie herein, wen Sie wollen, Hoheit – aber stellen Sie um Himmels- und Gottes Willen sicher, dass jeder Einzelne davon das Geheimnis wahren kann.
Honor schauderte, als sie der jungen Frau in die braunen Augen sah, die plötzlich fast schwarz aussahen. Dann hob sie die Hand, an der sie ihr Comarmband trug. Mac, Andrew – würden Sie bitte zu uns ins Spielzimmer kommen?
Kurze Zeit darauf öffneten sich die Türen und die beiden Männer betraten den Raum – wobei LaFolletts Hand über seiner Pulsertasche schwebte. Honor beruhigte ihn. Sie können den Pulser stecken lassen, Andrew. Geben Sie nur Anweisung, dass die Überwachung des Spielzimmers bis auf Weiteres abgestellt wird.
Aber …
Honor schnitt seine Erwiderung ab. Kein
Aber
, Andrew. Tun Sie es einfach.
Major Andrew LaFollett, nickte abgehackt und gab die Anweisung weiter. Gleich darauf verstummte ein bisher kaum wahrnehmbares Summen, das von den Kameras und Hochleistungsmikrofonen, die in den Wänden, den Holotanks und an anderen Orten versteckt waren, ausgegangen war. Also gut, Hermione – jetzt sind alle da – und niemand außerhalb dieses Zimmers kann uns sehen oder hören.
Die junge Frau erhob sich und holte aus der Innentasche ihrer Uniformjacke den Stab heraus, den sie permanent mit sich herumtrug. Erschrecken Sie nicht, Major LaFollett
, sprach sie leise, atmete tief ein. Dann richtete sie ihren Zauberstab auf James MacGuiness und schwang ihn. Wingardium Leviosa!
Bevor MacGuiness reagieren konnte, verlor er den Bodenkontakt und begann zu schweben. In seinem Gesicht malten sich zu gleichen Teilen Erschrecken und Erstaunen ab – ebenso in den Gesichtern der anderen Manticoraner. Sie konnten sich das, was gerade vor ihren Augen geschah, einfach nicht erklären.
Hermione ließ den Steward nur etwa 10, 15 Sekunden lang schweben, bevor sie ihn sanft wieder auf dem Boden des Zimmers absetzte. Tiefes Schweigen folgte der Vorführung. Dann, plötzlich, begannen alle Manticoraner, gleichzeitig zu reden.
Was war das?
Wie haben Sie das gemacht?
Das war pure Zauberei! Das kann doch gar nicht sein!
, und andere Kommentare prasselten auf die jungen Zauberer hernieder. Schließlich erhob sich Joanne – und wie auf Kommando verstummten alle Kommentare.
Ich denke, wir lassen Hermione einfach erklären
, sagte sie – doch sah man ihr an, dass sie sich zu dieser Ruhe zwingen musste. Ebenso, wie alle anderen Manticoraner.
Ron, Harry und ich
, begann Hermione leise, sind Zauberer. Und das hier
, sie deutete auf den Stab, den sie in der Hand hielt, sind Zauberstäbe. Meiner besteht aus Stechapfel mit einem Kern aus Drachenherzfaser. Sicher verstehen Sie jetzt, warum wir uns nicht offenbaren konnten.
Zauberer? Zauberstäbe? Ich fasse es nicht. Wenn ich das meinem Vater erzähle …
Wie in Trance redete Jack vor sich hin und erst ein eisiger Blick von Ron brachte ihn zur Besinnung. Er konnte es seinem Vater nicht erzählen. Und auch sonst niemandem. Schließlich war allein schon der Gedanke an Zauberei – in einer Zeit, in der die Menschen seit über 700 Jahren mit Hilfe von Warshawski-Segeln auf den Gravwellen durch den Hyperraum rasten und Wurmlöcher mit der gleichen Selbstverständlichkeit nutzten, wie ein Mensch des Mittelalters sein Ochsengespann – geradezu lächerlich.
Auch die anderen Anwesenden blickten auf Hermione, Ron und Harry, als ob sie das Mädchen und seine beiden Freunde zum ersten Mal sehen würden. Schock und Unglauben spiegelten sich in ihren Gesichtern. Lediglich Nimitz und Samantha schien die gerade erfolgte Demonstration nichts auszumachen. Beide 'Katzen schnurrten hingegen um die Wette, und allmählich löste sich die Erstarrung unter den Manticoranern und dem graysonitischen Waffenträger.
Das ist … unglaublich, Hermione.
Konteradmiral Corell hatte endlich ihre Stimme wiedergefunden. Und Mr. Potter und Mr. Weasley sind ebenfalls … Zauberer?
Beide nickten, dann sahen sie sich an. Major LaFollett, Sie tragen als einzige Person im Raum eine Waffe bei sich. Würden Sie bitte so tun, als ob Sie die Absicht hätten, irgendjemanden damit zu bedrohen?
, fragte Harry ihn. Andrew, immer noch von deutlichem Unglauben gezeichnet, sah fragend zu seiner Gutsherrin.
Honor wandte sich an Harry Potter. Ich nehme an, Sie wollen ihn entwaffnen?
Harry nickte. Kein Angst, Hoheit – das einzige, was dem Major passieren könnte, wäre eine Prellung seines Handgelenkes – und auch das nur, wenn er seine Muskeln verkrampft.
Honor nickte. Also gut, Mr. Potter – ich vertraue auf Ihr Wort.
Dann wandte Sie sich Andrew zu. Tun Sie es, Andrew.
Andrew LaFollett nickte, dann zog er mit einer blitzschnellen Bewegung den Pulser aus der Tasche und legte auf Hermione an. Doch bevor er den Pulser auch nur in Bauchhöhe hatte und auf das Mädchens zielen konnte, sagte Harry Expelliarmus!
. Ein grüner Strahl zischte aus seinem Stab hervor – dann flog Andrew's Pulser auch schon in hohem Bogen durch die Luft und landete kurz vor den Fensterscheiben auf dem Teppich. Bevor irgendjemand reagieren konnte, hatte Ron seinen Stab auf den Pulser gerichtet. Accio!
Eine Sekunde später war der Pulser in seiner linken Hand. Ron legte den Zauberstab zur Seite, überprüfte die Waffe kurz, dann stand er auf und brachte sie dem Leibwächter zurück. Bitte sehr, Major LaFollett.
Schweigend, und zu sehr erschüttert darüber, was gerade eben geschehen war, nahm der Grayson die Waffe wieder an sich und verstaute sie im Holster. Auch die anderen hatten diesem erneuten Beweis der magischen Fähigkeiten der drei absolut fassungslos zugesehen.
Dieses Mal war es Joannes Bruder, Kronprinz Roger, der als erster das Wort ergriff. Das ist … faszinierend, Mr. Potter. Und es erklärt wohl die genetische Besonderheit, die Sie alle betrifft. Aber Ihre Leistungen in angewandter Autorität erklärt es nicht.
Harry nickte, dann sah er kurz zu Ron und Hermine. Beide nickten, und so atmete er tief ein.
Das wird jetzt eine längere Geschichte, königliche Hoheit.
Das macht nichts, Mr. Potter. Wir sind uns dessen schon vorher ziemlich sicher gewesen – und deshalb haben wir diese Versammlung auch auf ein Wochenende gelegt.
Konteradmiral Corell grinste ihren Schüler schwach an – und Harry grinste leicht zurück.
In Ordnung, Ma'am. Nun gut. Es war im Juni 1995, oder nach der heute gültigen Zeitrechnung, im Juni des Jahres 108 Ante Diaspora …
Harry berichtete ausführlich. Das Finale des trimagischen Turniers, sein erstes Duell mit Voldemort, das Leugnen der Rückkehr dieses Zauberers durch das Zaubereiministerium, der Phönixorden, Dumbledores Armee, Snapes Verrat, die Tatsache, dass Ron, er und Hermione sich während der Weihnachtsferien in ihrem letzten Schuljahr bei Hermiones Großeltern verstecken mussten, die Ernennung von Rons Vater zum Zaubereiminister, nachdem Rufus Scrimgeour einem Attentat der Todesser zum Opfer gefallen war … Hermiones Erfindung und der letzte Angriff der Todesser auf Hogwarts.
Es dauerte beinahe drei Stunden, in denen außer Harrys Stimme nur das gleichmäßige Schnurren der beiden Baumkatzen zu hören war. Nimitz hatte sich wieder auf Honors Schoß gelegt – und Samantha das Gleiche bei Harry getan. Dieser spürte, wie die Anspannung, unter der er seit seiner Ankunft hier auf Manticore gestanden hatte, regelrecht von ihm abfiel – und er streichelte das Fell der Baumkatze voller Dankbarkeit, während er erzählte.
... Rons Vater hatte vor, nach dem Sieg über Voldemort eine große Abstimmung unter allen Zauberern durchzuführen, in der entschieden werden sollte, ob sich die magische Welt der Welt der Muggel öffnet – und er kämpfte sehr darum. Doch nach dem, was Ihre Mutter gerade gesagt hat, Lady Harrington – und nach dem, was wir seit unserer Ankunft hier erfahren haben – scheint er sich damit nicht durchgesetzt zu haben. Sie hätten sonst wenigstens 450 Millionen Genproben von Zauberern in der Datenbank finden müssen.
Das würde etwa 0,5% aller Proben entsprechen … ist der Anteil der Zauberer wirklich so gering?
Allison Harrington runzelte die Stirn und dachte nach. Aber was meinen Sie damit, dass … wollen Sie etwa sagen, Mr. Potter …?
Sehen Sie eine andere Erklärung, Mrs Harrington?
, fragte Ron stattdessen zurück. Es kann nur so sein, dass in jeder Arbeitsschicht der Datenbankadministratoren mindestens ein und vermutlich sogar mehrere Mitglieder der magischen Gemeinschaft arbeiten – und dafür sorgen, dass diese Proben … ausgesiebt werden. Es werden aber mit Sicherheit auch so nur verdammt wenig Genproben von echten Zauberern nach Beowulf geschickt werden – die magische Welt hat ihre eigenen Heiler und Krankenhäuser. Das Sie überhaupt 15 Proben finden konnten, ist schon fast als ein echtes Wunder anzusehen – und nur damit zu erklären, dass man diese bei der Einspeisung übersehen hat. Trotzdem: Die Tatsache, das die jüngste der vorhandenen Proben fast 300 T-Jahre alt ist, ist für mich der schlagende Beweis dafür, dass die Überwachung der BDBHG immer noch nahezu reibungslos funktioniert.
Aber diese Manipulation müsste sich doch nachweisen lassen!
Allison Harrington war aufgestanden und lief erregt im Raum hin und her. Immerhin gibt es die Datenbank seit über 1.700 Jahren! Irgendjemanden hätte irgendwann irgendetwas auffallen müssen!
Warum?
Hermione sah sie an. Warum sollte irgendjemand nach einer Manipulation suchen, ohne dass er auch nur den geringsten Hinweis hat, dass es eine solche überhaupt gab? Und der Zufall ist ein verdammt unzuverlässiger Gefährte …
Zugestanden.
Ernestine Corell nickte. Trotzdem ist es überaus … merkwürdig. Immerhin ist das eine verdammt lange Zeitspanne, über die wir hier reden.
Die magische Gemeinschaft ist aber äußerst versiert darin, sich versteckt zu halten, Ma'am
, entgegnete Ronald Weasley. Es gab immer wieder Zwischenfälle auch in unserer Zeit – aber dafür gab es eben auch das Zaubereiministerium – und dort die so genannten
Fragende Blicke von Honor und den anderen brachten ihn leise zum Lächeln. Vergißmichs
.So wurden die Zauberer im
Magischen Unfall-Umkehrkommando
genannt. Sie sorgten dafür, dass Muggel, die Zeugen von Magie wurden, sich daran nicht mehr erinnerten – und dafür zu sorgen, dass irgendjemand, der die magische
Gen-Kombination mit Zauberei in Verbindung brachte, sich daran nicht mehr erinnerte, ist für sie eine der leichtesten Übungen.
Das nehmen wir jetzt einfach mal so hin.
Honor sah die drei jungen Zauberer nachdenklich an. Mit Hilfe ihrer Empathie hatte sie bereits gemerkt, dass alles, was Harry, Ron und Hermione gesagt hatten, der Wahrheit entsprach – so, wie die drei die Wahrheit kannten. Dennoch stellt sich uns jetzt ein Problem. Gesetzt den Fall, die BDBHG wird von der Zauberergemeinschaft überwacht – wie wird sie reagieren?
Ein Klopfen schreckte Anna Longbottom, Zaubereiministerin des Planeten Beowulf, von ihrer Arbeit auf. Groß, blond, schlank, mit ausdrucksvollen, aber im Moment ziemlich müde blickenden blauen Augen im runden Gesicht, hatte sie hart gearbeitet, um diesen Posten zu erreichen – und auch jetzt saß sie über Berichten, die das Ministerium per ›Fast-Eule‹ vom ganzen Planeten erreichten. Dankbar für die Unterbrechung sah sie auf. Herein!
Das Schott öffnete sich, und eine junge Frau mit strengen Gesichtszügen, die von grauen Augen dominiert wurden, trat ein.
Entschuldigen Sie die Störung, Frau Ministerin – aber ich fürchte, wir haben ein Sicherheitsproblem.
Katrina McGonagall, Nachfahrin von Minerva McGonagall, die zu Zeiten des legendären letzten Zaubererkrieges lebte und an der – von vielen Zauberern ins Reich der Sage verwiesenen – Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei unterrichtet haben sollte (zumindest, wenn man der Familiensaga der McGonagalls glaubte) betrat das Büro.
Anna Longbottom, die ihrerseits ihre Abstammung bis auf den fast gleichermaßen legendären Neville Longbottom zurückverfolgen konnte, der im Alter von 35 Jahren einen Langlebigkeitstrunk entdeckte (so dass die Zauberer schon seit über 2.000 Jahren über ›ProLong‹ verfügten), hob die Augenbrauen. Ein Sicherheitsproblem? Welcher Art?
Katrina McGonagall, Leiterin der Abteilung für Muggel-Abwehr im Zaubereiministerium, hob die Schultern. Bei der Durchsicht der Zugriffsprotokolle der BDBHG entdeckten meine Leute eine Anfrage. Gestellt hat diese Anfrage eine gewisse Allison Benton-Ramirez y Chou Harrington von Manticore – und die Anfrage bezog sich spezifisch auf die 4 Gene. Schlimmer noch – die Datenbank beantwortete die Anfrage mit 15 Treffern positiv.
Katrina McGonagall zog einen Ausdruck hervor. Das sind die Ergebnisse, Ma'am.
Die Zaubereiministerin sah den Ausdruck an, ohne ihn wirklich zu lesen. Das ist allerdings ein Sicherheitsproblem. Was wissen wir denn über diese Allison Harrington, die die Anfrage gestellt hat?
McGonagall sah ihr in die Augen. Frau Ministerin, ich habe nicht umsonst den vollständigen Namen der Anfragenden erwähnt.
Longbottoms Augen wurden groß und sie erhob sich leicht aus ihrem Sitz. Sie meinen, sie gehört …
Ganz genau, Ma'am.
Erschrocken ließ sich die Zaubereiministerin wieder in ihrem Sitz nieder und dachte angestrengt nach. Die Familien der Benton-Ramirez und der Chou waren, im wortwörtlichen Sinne, die Seele Beowulfs, das, was diesen Planeten in bioethischer Hinsicht auszeichnete – und das war schon vor dem letzten Krieg auf Alterde der Fall. George Benton und Sebastiana Ramirez y Moyano hatten die Teams beowulfianischer Genetiker angeführt, die nach dem Ende dieses Krieges gegen die Auswirkungen der darin eingesetzten biologischen Waffen gekämpft hatten. Und Chou Keng-Ju war vor sechs Jahrhunderten in der Auseinandersetzung um die bioethischen Grundlagen Beowulfs – die schließlich zum Beowulfianischen Kodex einerseits und zum Exodus der so genannten ›Progressiven Eugeniker‹ um Leonard Detweiler nach Mesa andererseits geführt hatte – die führende Persönlichkeit gewesen. Außerdem waren beide Familien, unter anderem, maßgeblich an der inzwischen abgeschlossenen Entwicklung der ProLong-Therapien beteiligt. Auch wenn niemand von ihnen ahnte, dass mein Großvater, Peter Longbottom, sie unauffällig auf die richtige Spur gesetzt hatte, dachte sie innerlich schmunzelnd – aber das war eine andere Geschichte. Dann fiel ihr noch ein weiterer Aspekt auf. Sagten Sie nicht, sie wäre Manticoranerin?
Das ist richtig, Frau Ministerin – durch Heirat. Sie hat Alfred Harrington geheiratet, und die beiden haben inzwischen drei Kinder. Das älteste dieser Kinder heißt Honor Stephanie Harrington und ist die Herzogin von Harrington auf Manticore, die Gutsherrin von Harrington auf Grayson, und ganz nebenbei Admiralin sowohl in der RMN als auch der GSN.
Merlin!
Anna Longbottom war weiß geworden und fluchte innerlich. Schlimm genug, dass überhaupt jemand die Datenbank nach diesen Daten befragt hatte (und dass die Datenbank Treffer ausgespuckt hatte) – aber musste es ausgerechnet Sie sein? Sie seufzte, nahm den Ausdruck zur Hand und überflog die Angaben dort. Es beruhigte sie etwas, dass der jüngste Datensatz schon beinahe 300 T-Jahre alt war, denn das hieß immerhin, dass die aktuellen Teams ihre Arbeit ordentlich verrichteten, aber diese Beruhigung verschwand, als sie sich klarmachte, dass diese 15 Treffer trotzdem 15 Treffer zu viel waren. Die Datensätze löschen oder gar die Proben vernichten war jetzt unmöglich geworden – denn jede offizielle Anfrage wurde mit ihren Ergebnissen sicherheitsarchiviert. Und an dieses Archiv kamen nicht einmal ihre Leute heran. Und da die Anfragen außerdem laufend nummeriert waren, und bei der Archivierung eine Vollständigkeitsprüfung erfolgte, konnten sie nicht gelöscht werden. Sie hatte einmal erlebt, was passierte, als ein Team mesanischer Agenten genau so etwas versucht hatte – vor 45 T-Jahren etwa – und die Untersuchungen, die darauf folgten, waren so peinlich genau, dass ihr Amtsvorgänger (sie selbst war damals Leiterin der Magischen Polizeibrigade) sämtliche Register ziehen musste, um eine Entdeckung der magischen Gemeinschaft durch die Muggel zu verhindern. Nein, ein Löschen der Abfrage kam nicht in Frage.
Ich fürchte, das wird ein Job für Sie, Katrina. Stellen Sie sich das bestmögliche Team zusammen, und reisen Sie nach Manticore. Finden Sie heraus, aus welchem Grund Allison Harrington diese Anfrage gestellt hat. Ich werde Theodore Pomfrey per Infoport informieren und ihn bitten, Sie nach Kräften zu unterstützen.
Sie atmete tief ein. Diese Angelegenheit hat ab sofort höchste Priorität. Sie erhalten deshalb die Erlaubnis, sollte es nach Ihrer Ansicht unvermeidbar sein, um die Sicherheit der magischen Gemeinschaft zu gewährleisten, die unverzeihlichen Flüche einsetzen zu dürfen. Auch das werde ich Minister Pomfrey mitteilen.
Katrina McGonagall erbleichte, dann nickte sie knapp. Verstanden, Frau Ministerin. Ich werde Ihnen morgen die Namensliste für meine Begleiter vorlegen. Ihre Zustimmung vorausgesetzt, buche ich danach unsere Reise für den nächst verfügbaren Flug nach Manticore.
Anna Longbottom nickte zustimmend. In Ordnung, Katrina. Viel Erfolg.
Danke, Frau Ministerin.
Damit verließ die Leiterin der Abteilung für Muggel-Abwehr das Büro, eine besorgte Ministerin zurücklassend.
Zwei Männer saßen sich in einer abgeschiedenen Nische eines der besten Restaurants von Beowulf gegenüber. Modernste solarische Technologie sorgte dafür, dass jeder Versuch, ihr Gespräch zu belauschen, von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Andererseits war das Restaurant so gut besucht, das der allgemeine Geräuschpegel auch ohne elektronische Störmittel ein Abhören – zumindest aus dem Inneren des Restaurants – nahezu unmöglich machte. Allerdings waren beide Männer nicht bereit, auch nur das geringste Risiko einzugehen, und da der Restaurantbesitzer unter anderem eben auch von seinem Ruf lebte, dass man dort sehr gut vertrauliche Gespräche führen konnte, hatte er von sich aus dafür gesorgt, das jede der Nischen mit der besten verfügbaren Antispionagetechnologie versehen wurde – und das sich die Geschäftspartner vom ordnungsgemäßen Funktionieren dieser Einrichtungen überzeugen konnten. Außerdem hatten die Insassen der Nische die vollständige Kontrolle darüber, wann sie die Abschirmeinrichtungen einschalten wollten – im Boden der als Tischschmuck dienenden Vase war die Kontrollvorrichtung untergebracht. Diese zeigte nicht nur an, ob sie aktiv war oder nicht – auch jeder Versuch, sei es von inner- oder von außerhalb des Restaurants, eine Nische abzuhören, wurde angezeigt, und für solche Fälle hatte der Restaurantbesitzer eine Art ›Schutztruppe‹ bei der Hand, die im Regelfall für ein abruptes Ende der Abhörversuche sorgte.
Die beiden Männer in der fraglichen Nische gingen sogar noch weiter und aktivierten beide ihre eigenen Abschirmeinrichtungen, nachdem der letzte Kellner ihre Nische verlassen und sie mit ihrem exquisiten Mahl zurückgelassen hatte. Erst als auch diese ihr ordnungsgemäßes Funktionieren bestätigten, begannen sie ihr Gespräch.
Also, Mario, was gibt es so Dringendes?
, wollte Esteban Gonzalves, Leiter der getarnten mesanischen Niederlassung auf Beowulf, wissen. Mario diConti, der sein stellvertretender Missionschef war und im normalen Leben als Datenbankadministrator in der BDBHG arbeitete, nahm einen tiefen Schluck aus seinem Krug ›Old Tilmans‹ und lächelte. Die Manticoraner sollen zur Hölle fahren – aber die Old Tilmans Brauerei, die können sie zurücklassen.
Er wischte sich kurz den Bierschaum vom Mund, dann begann er, als er das ärgerliche Aufblitzen in den Augen seines Vorgesetzten bemerkte. Wir haben einen Code 7-16, Sir.
Esteban Gonzalves, ein kleiner, vierschrötiger Mann, runzelte die Stirn. Er hatte die Filiale von Manpower hier auf Beowulf erst vor relativ kurzer Zeit übernommen (auch wenn niemand auf Beowulf wußte, dass hinter der von ihm geführten Firma Galaxy Tours of Beowulf Manpower stand – dazu war das Geflecht von Strohmännern, Scheinfirmen und stillen Beteiligungen einfach zu dicht) und noch keine Zeit gefunden, sich intensiv mit den lokalen Spezialcodes zu befassen. Helfen Sie mir kurz auf die Sprünge, Mario – was bedeutet das?
Code 7-16 steht für eine Anfrage nach bestimmten Genen in den Chromosomen 7 und 16, Sir. Leider kenne ich nur den Namen des Fragestellers, nicht aber die genaue Natur der Anfrage – und ich weiß auch nicht, ob und wenn ja wie viele positive Treffer es gegeben hat. Denn die Anfrage lief nicht über die von mir überwachten Standardzugriffskanäle, sondern über speziell abgesicherte Leitungen, wie sie nur den Mitgliedern der regierenden Oligarchie hier auf Beowulf zur Verfügung stehen. Das ich von dieser Anfrage überhaupt etwas mitbekommen habe, habe ich allein dem kleinen Bot zu verdanken, den ich in die Datenbank eingeschleust habe. Dieser Bot kann aus Sicherheitsgründen aber nur den Anfrage-Header lesen. Ich weiß aber, dass wir selbst vor ungefähr 300 Jahren mit diesen Chromosomen ein wenig experimentiert haben … das Ergebnis dieser Versuche ist heute immer noch eine radioaktive Strahlenwüste.
Er verzog das Gesicht. Ich weiß nicht, was damals genau schiefgelaufen ist. Die Informationen dazu sind noch immer mit den allerhöchsten Sicherheitssperren versehen – aber wir sollten das Hauptquartier darauf hinweisen, das sich jemand für