Thydery 10: Tag der Entscheidung

Was bisher geschah

Wir schreiben das Jahr 523 Neuer Terranischer Zeitrechnung, was dem Jahre 2966 n. Chr. entspricht. Die Familie von Caranor herrscht von Terra aus über weite Teile der Milchstraße. Extraterrestrische Völker werden unterdrückt und ausgebeutet; das gesamte Reich ist ein reiner Überwachungsstaat. Ernstzunehmende Gegner gibt es keine. Lediglich der THYDERY-Verbund plant im Untergrund den verzweifelten Widerstand.

Nach dem Fehlschlag NEBUKADNEZAR ist den Rebellen mit dem Fund der KHALAKUR-Schiffe ein erster Erfolg gelungen. Die Mitglieder jener Rebellengruppe, die nach Terra geschickt wurde, um den letzten verzweifelten Schlag vorzubereiten, wissen davon jedoch noch nichts.

Doch nun naht der Tag der Entscheidung.

Hauptpersonen

Celice Firo:
Einsatzleiterin.
Ronald Royal:
Begegnet seinem uralten Widersacher.
William von Caranor:
Trifft eine Entscheidung.
André Coupièr:
Geht seinen eigenen Weg.
Harold von Caranor:
Kämpft um sein Reich.

Prolog

Je mehr sie litten, desto mehr hassten sie; und je mehr sie hassten, desto weniger fühlten sie die Schmerzen; und je weniger sie Schmerzen fühlten, desto sonniger wurden ihre Seelen, wenn sie daran dachten, dass eines Tages sie jeden Schlag und jeden Hieb heimzahlen werden, auch wenn sie darüber zugrunde gehen sollten.

Aus: B. Traven – Die Rebellion der Gehenkten

Kapitel 1

23. April 523 NTZ

ZENTRUM

Müde kratzte sich Anthony Haddington an seinem Bart, der ihm in den letzten Wochen gewachsen war. Er hatte sich schlicht die Zeit nicht nehmen wollen, sich zu rasieren. Eine knappe Dusche nach den unregelmäßigen, kurzen Schlafpausen hatte er sich als einzigen Luxus gegönnt.

Auf den Bildschirmen, vor denen er saß, liefen Zahlenkolonnen auf und ab, die sich binnen Minuten änderten.

Seine Augen brannten, fühlten sich aufgequollen und ausgetrocknet an. Er musste immer mehr Konzentration aufbringen, um den Informationen folgen zu können. Ein stechender Schmerz verursachte ihm vom verspannten Nacken aus Kopfschmerzen.

Ein Glockenklang ertönte und signalisierte die Vollzugsmeldung von einem weiteren KHALAKUR-Schlachtschiff, das nun zu den Flotten stoßen konnte. Blieben etwas mehr als eine Handvoll der Schlachtschiffe zu bemannen.

Auf einem der Monitore leuchtete die blaugraue Staubsphäre, die das Trümmerfeld Riotoo umschloss. Die Trümmer einer uralten, hoch stehenden Zivilisation – den Erbauern der KHALAKUR.

Haddington hatte die Flotte der KHALAKUR, nachdem sie vor ZENTRUM aus ihrem Hyperraum-Versteck gefallen waren, in den Schutz der Staubwolke verlegen lassen.

Dort lag auch Riotoo-HQ, die Raumstation, von der aus Liv Zili aufgebrochen war, um die mystischen Schlachtschiffe für den Kampf Thyderys zu bergen.

Es war ihr gelungen. Doch um welchen Preis.

Mit schmerzerfülltem Blick sah er auf das Bild der Frau, die er liebte. Mit ihrem frechen Grinsen sah sie von dem holographischen Foto zu ihm auf.

Haddington verzog das Gesicht zu einer Grimasse, als hätte ihm jemand ein Messer in den Leib gerammt. In seinen Gedanken suchte ihn immer wieder das Bild heim, das Liv nun bot.

Schläuche umgaben ihren bleichen Körper, bohrten sich durch ihre Haut in die Venen und pumpten Medikamente in die Blutbahnen, sogen Körperflüssigkeiten ab, gaben sie nach Reinigung wieder zu. Dumpf brummende Maschinen kontrollierten dabei die enthaltenen Stoffwerte und veränderten sie nach spezifischen Programmen.

Das Summen des Türmelders riss ihn aus den trüben Gedanken. Haddington fluchte. Er durfte sich nicht von seinen persönlichen Gefühlen beeinträchtigen lassen, jetzt wo es um alles oder nichts ging.

Wer ist da?

Merilli Harschusko, informierte die Kabinenpositronik.

Lass sie rein. Ich komme gleich.

Ich werde es ihr ausrichten.

Haddington stand auf, stolperte beinahe über die auf dem Boden liegenden Schachteln synthetischer Nahrung und ging hinüber in die winzige Nasszelle.

Er wusch sich mit kaltem Wasser das Gesicht und schaute in den Spiegel. Tief in den Höhlen liegende, rot umränderte Augen stierten ihm entgegen. Er benötigte dringend Erholung. Doch nicht jetzt. Auf der Reise in Richtung SOL-System würde er sich einige Stunden Schlaf gönnen.

Haddington nahm eine bunte Pille, ein Vitamin-Präparat, und schluckte sie hinunter. Dann setzte er sich seine anachronistisch wirkende Brille auf die Nase und ging zur Tür.

Herein.

Eine echsenartige Naruu trat ein. Merilli Harschusko – die einzige Außerirdische, die ihm einigermaßen nahe stand. Die einzige, die ihm vollkommen vertraute. Im Gegensatz zur restlichen Führungsriege ihrer Artgenossen.

Sei mir gegrüßt, Anthony, zischte sie. Ihr Schuppenpanzer hatte eine Besorgnis ausdrückende lila Färbung angenommen.

Anthony Haddington konnte es ihr nicht verübeln. Ihr Plan war riskant, sie wussten nicht, ob sie sich auf die Kampfkraft der KHALAKURS verlassen konnten. Alles war reine Theorie.

Sei mir gegrüßt, Merilli, antwortete er in der gleichen höflichen Art, die Merilli Harschusko ihm entgegenbrachte und auch für sich beanspruchte. Wie kann ich dir helfen?

Ich bin besorgt.

Ich weiß. So oft wir auch alles durchgehen, es bleibt ein großes Restrisiko. Doch es ist unsere letzte Chance.

Das ist alles geklärt. Chif-Ari Delomo, Coco Krizz und meine Person stehen vollkommen hinter unserem Plan.

Die drei Außerirdischen waren die Abgeordneten ihrer Völker im Regierungsrat des Thydery-Verbunds, dem Haddington vorstand.

Deswegen bin ich auch nicht hier. Sondern wegen dir persönlich. Du siehst … erschöpft aus.

Die Höflichkeit gebot es ihr, nicht die ungeschönte Wahrheit auszusprechen.

Ich sehe sogar richtig scheiße aus.

Merillis Blick fiel auf Livs Bild.

Verzeih, wenn es unhöflich sein sollte, dieses Thema anzusprechen. Doch ich habe das Gefühl, als bedrücke dich eine tiefe Trauer.

Was mich nicht in meiner Tätigkeit behindert, blockte Anthony Haddington ab.

Hoffe ich. Darf es nicht.

Niemanden geht dein Privatleben etwas an. Doch in meinem Volk gibt es etwas, das wir Chrazztak nennen. Es ist tief in unserem gesellschaftlich-religiösen Ethos eingebunden; wir bringen es unseren trauernden Mitnaruu als Hilfe in ihrer schwierigen Situation entgegen, um sie aufzubauen.

Die Naruu schwieg einige Augenblicke, ihre Tonnenbrust hob sich, als sie tief einatmete.

Ich hoffe mich nicht falsch informiert zu haben. Aber ich glaube auch euer Volk kennt dies. Ihr nennt es Anteilnahme.

Haddington nickte.

Merilli pflegte lang genug Umgang mit Terranern, um die Geste richtig zu deuten.

Liv Zili schien dir sehr nahe zu stehen. Mir tut es sehr leid, was ihr widerfahren ist.

Sie legte ihre krallenbewehrten Hände zusammen und zeichnete damit einen Kreis in die Luft.

Hiermit drücke ich dir meine Anteilnahme aus, Anthony. Ihre Worte klangen feierlich.

Haddington breitete die Arme aus und führte sie in einem Halbkreis nach unten wieder zusammen, die naruusche Form des Dankes.

Vielen Dank, Merilli.

Wir sehen uns bei der Besprechung.

Die Tür schloss sich hinter der Naruu.

Erschöpft sank Anthony Haddington zurück in seinen Sessel, nahm Liv Zilis Bild in die Hände und gönnte sich einen Moment der Trauer.

Man muss ein Gefühl intensiv durchleben, hatte er einmal gelesen, damit es einen nicht belastet. Um sich dann dem nächsten widmen zu können. Sonst droht man in Trauer und Selbstmitleid zu vergehen.

Bebend atmete er ein. Die Trauer schnitt ihm die Luft ab.

Anthony Haddington würde in den nächsten Tagen seine volle Konzentration brauchen.

So ließ er den Tränen freien Lauf.

24. April 523 NTZ

Trümmerfeld Riotoo

Nur eine Handvoll KHALAKUR blieb im Schutz des Trümmerfelds Riotoo beim HQ zurück und wurde weiterhin bemannt. Später würden diese Schiffe die Rebellenflotten unterstützen können.

Vor dem Abflug hatte Anthony Haddington ein letztes Mal die im Koma liegende Liv Zili besucht. Melvin Duchamps, ein Freund Livs, hatte ihn argwöhnisch beäugt und nur widerwillig mit der Frau allein gelassen. Eine Zeit lang hatte Haddington Livs Hand gehalten und sie stumm beobachtet. Nur sehr schwer hatte er sich von ihr lösen können.

Danach hatte Haddington noch einige Worte mit dem Koordinator der Operation KHALAKUR-Besatzung gewechselt. Haddington erinnerte sich noch gut an die Worte von einem der ersten Terraner, die im Umgang mit den KHALAKUR geschult worden waren:

Es ist unglaublich. Du betrittst diese wahnsinnig große Kugel durch eine winzige Schleuse. Schon im Anflug spürst du, wie der KHALAKUR vor Leben pulsiert, vor unglaublicher Stärke. Und dann stehst du da und fühlst dich allein, obwohl deine Kameraden genau neben dir stehen.

Es ist überwältigend, du schreitest durch die Gänge, eine unsichtbare Hand führt dich. Das Wissen, welchen Weg du gehen musst, ist auf einmal in dir.

Wie in Trance erreichst du schließlich irgendeinen Raum. Ich weiß nicht, welcher das ist. Ob es immer dieselben sind. Ob sie immer dieselben bleiben oder stets neue Enklaven innerhalb des KHALAKUR entstehen. Es ist, als ob er lebt, ein Organismus, der sich stetig verändert, alles ist im Fluss, nichts bleibt gleich.

Dann findest du dich plötzlich in einer Art Sessel wieder. Eine Mulde, in der du weich gebettet bist. Schläuche wickeln sich um deine Gelenke, so unglaublich weich und geschmeidig. Sie schmeicheln deiner Haut und du bemerkst, dass du vollkommen nackt bist, ohne dich daran erinnern zu können, dich entkleidet zu haben.

Und dann siehst du die Nadeln. Du hast keine Zeit mehr, dich zu erschrecken. Sie bohren sich in deine Augen, deine Ohren, deine Nase und in viele andere Stellen deines Körpers.

Doch du spürst keinen Schmerz.

Es ist, als würde man durch ein Tor treten und plötzlich in einer anderen Welt sein.

Zuerst siehst du alles doppelt. Als hättest du auf einmal vier, statt zwei Augen. Vielleicht liegt es daran, dass die Erbauer der KHALAKUR, die Cichiro, tatsächlich zwei Augenpaare hatten.

Langsam passt sich der KHALAKUR jedoch an dich an. Oder du an ihn, denn ist es nicht vermessen zu glauben, dass solch ein Wunderwerk es nötig hat, sich an jemanden anzupassen?

Du wirst einfach assimiliert.

Ein weißer Raum umgibt dich. Ein blau-grauer Punkt wird immer größer und auf einmal stehst du mitten im All.

Du spürst deinen eigenen Körper nicht mehr. Doch du bist nicht körperlos.

Der Staub des Trümmerfelds prasselt auf dich ein, du spürst ihn, wie er dich kitzelt.

Eine unbändige Kraft durchströmt dich. Eine seit Jahrtausenden zurückgehaltene Kraft. Es ist, als müsstest du dich nur einmal strecken und dann könntest du mit wenigen Schritten das andere Ende des Universums erreichen.

Deine Sinne sind geschärft.

Du spürst den Staub.

Riechst den Sonnenwind.

Atmest die kosmische Strahlung.

Ein Feuer brennt in dir und du weißt, dass dich kein Schlachtschiff dieser Galaxis aufhalten kann.

Du bist unbesiegbar.

Und dann ist die Erfahrung vorbei und du fühlst dich wie eine winzige Mikrobe, wenn du in deinem eigenen Körper wieder erwachst, die Augen öffnest und im ersten Augenblick glaubst, blind und taub zu sein; nicht riechen oder fühlen zu können.

Es dauert viele Augenblicke, bis du dich wieder an deinen mangelhaften Körper gewöhnst. Und du wünscht dir nichts sehnlicher, als bald möglichst wieder mit dem KHALAKUR verschmelzen zu dürfen.

Es war Haddington unheimlich erschienen, was der junge Mann ihm da erzählt hatte.

Einerseits faszinierte Haddington die Möglichkeit, mit dem KHALAKUR zu verschmelzen, ungefährdet von einem Ort des Universums an den nächsten zu reisen und die Wunder des Kosmos zu erforschen.

Andererseits hatte ihn der Fanatismus in der Stimme des Mannes erschreckt. Als würde ihm sein bisheriges Leben unwert erscheinen. Als wäre er nach wenigen Minuten, die er mit dem KHALAKUR verschmolzen war, seines einfachen Lebens überdrüssig und süchtig nach der Erfahrung innerhalb des Raumschiffes geworden.

Beinahe hatte Haddington Gewissensbisse, seine Männer und Frauen – die Freiheitskämpfer, die ihm vertrauten – ohne jedes Wissen den KHALAKUR auszusetzen. Niemand wusste, was mit diesen Galaktikern geschehen würde.

Doch letztlich zählte der Sieg über die Caranor. Jeder, der sich an Bord eines KHALAKUR begab, tat dies freiwillig, um seinen Teil zum Kampf für Frieden und Freiheit beizutragen.

Am frühen Abend brach Anthony Haddington mit einem der letzten Schiffe in Richtung SOL-System auf, um dem Angriff auf das Herz des Reiches beizuwohnen. Viel würde er nicht beitragen können, außer mit seiner Anwesenheit zu signalisieren, dass jeder von ihnen zum Kampf bereit war.

Er war in erster Linie Organisator. Ein fahnenflüchtiger Reichsarchivar, Geschichtsforscher, Archäologe. Er verstand es, sich in die Leute hineinzuversetzen, auch in die Außerirdischen. Er war ein leidlich guter Diplomat, der – trotz allen Widerstandes ihm als Terraner gegenüber – die Parteien hatte zusammenhalten können.

Aber er war kein Kämpfer. Nun schlug die Stunde der Militärs.

Fünf Flotten, verstärkt von KHALAKUR, würden an ein und demselben Tag die wichtigsten Zentren des Reichs angreifen.

In wenigen Tagen war es bereits so weit.

Für dich, Liv. Und all die anderen Opfer dieses Krieges, murmelte Haddington, als sie in den Hyperraum eintraten.

Und für die, die euer Schicksal nicht teilen sollen.

Kapitel 2

Der Morgen des 26. April 523 NTZ

Terra

Die kleinen Steine, die den Boden übersäten, zitterten, sprangen dann wild durcheinander in die Höhe. Staub rieselte von der niedrigen Decke. In der Ferne meinte Celice ein Donnergrollen zu vernehmen.

Geistesgegenwärtig schloss sie ihren Helm, um keinen Dreck in die Augen zu bekommen oder einzuatmen.

Ronald Royal schenkte ihr einen triumphierenden Blick.

Unsere Flotte ist im SOL-System eingetroffen und hat das Hyperfunksignal gesendet, das die Sprengsätze zündete.

Celice wiegte skeptisch den Kopf.

Ich befürchte immer noch, dass Ihr Plan auf wackligen Beinen steht.

Das Risiko müssen wir eingehen. Mein Widersacher hat uns in die Enge getrieben; wir müssen nun weiter agieren, nicht reagieren, gab Royal zur Antwort und fügte hinzu: Außerdem spüre ich eine fremdartige Ausstrahlung. Zweifellos nicht terranischen Ursprungs und auch nicht von einem Vertreter der anderen bekannten Milchstraßenvölker.

Die Leuchtkörper, die sie rund um den Zugang zur städtischen Kanalisation aufgestellt hatten, flackerten unter den heftigen Erschütterungen weiterer Explosionen, diesmal ganz in ihrer Nähe.

Sagt Ihnen das Ihr übernatürlicher Sinn? Der hat uns schließlich schon einmal in Schwierigkeiten gebracht, versetzte sie dem alten Mann, der ihrer Einschätzung nach viel mehr war als er zu sein vorgab. Trotz der wenigen Erklärungen, die er ihnen gegeben hatte, hütete er weiterhin ein Geheimnis. Dessen war sich Celice sicher.

Diese Ausstrahlung zeugt von einer mächtigen Geheimwaffe. Von den KHALAKUR. Vertrauen Sie mir, bat Royal.

Was soll das sein, KHALAKUR?

Ich wollte alles in Erwägung ziehen, um meinen Widersacher zu besiegen. Die KHALAKUR sind eine Legende. Mystische Schlachtschiffe, die in den Geschichten vieler Milchstraßenvölker auftauchen. Ich hatte nicht mehr zu Hoffen gewagt, dass unsere Leute auf eine Spur von ihnen stoßen.

Celice spürte keinerlei mentalen Einfluss. Keinen plötzlichen Stimmungsumschwung ihrerseits. Royal meinte es wohl ehrlich. Genauso gut hätte er ihren Willen manipulieren können.

Die Erschütterungen verebbten; nur ein leichtes Vibrieren blieb – ihr Zeichen zum Aufbruch.

Celice aktivierte das Sendegerät, das einen Funkimpuls an alle gelegten Sprengsätze aussandte. Von keinem kam eine Antwort. Der einfachste Teil war also geschafft, die Sprengladungen waren augenscheinlich planmäßig explodiert.

Hier Gruppe Carina Held, wir stoßen in den Palast vor.

Celice bestätigte. Wir ebenfalls.

Zwei weitere Gruppenführer meldeten den Beginn der Mission, damit stießen alle vier Gruppen – verstärkt durch Rebellen aus der unterseeischen Station – durch verschiedenste Bereiche in den Palast der Caranor vor.

Celice winkte ihren 24 Leuten und drang durch die mannshohe Öffnung in die städtische Kanalisation vor. Das Hologramm, das bisher das Loch verdeckt hatte, war unter den Erschütterungen ausgefallen.

Sie erreichten wie vor wenigen Tagen einen Wartungsgang des Palastes. Von dort an ging es schnell und möglichst lautlos über die vorher geplanten Wege in die Höhe. Dichte Staubwolken erwarteten sie im Inneren.

In einem kleinen Fenster am Rande ihres Sichtbereichs ließ Celice die Karte des Palastes eingeblendet, die ihnen Walt Milton verschafft hatte.

Sie durchquerten die unterste der fünf Ebenen des Palastes, der ähnlich einem Großraumschiff in Haupt- und Unteretagen aufgeteilt war. Jede der fünf Hauptebenen bestand aus zehn kleineren Etagen, deren Struktur teilweise durch große Aggregate durchbrochen wurde, von denen manche die Höhe der gesamten Ebene erreichten.

Sie passierten soeben die Wasseraufbereitung mit Verbindung zur städtischen Kanalisation. Weitere Recyclinganlagen und alle anderen Lebenserhaltungssysteme füllten die zehn untersten Stockwerke.

Celice erwartete, in kürzester Zeit auf Reichssoldaten zu treffen. In nächster Nähe zum Sternenkönig diente nur die Elite. Diese würden sich nicht lange durch die chaotischen Zustände verwirren lassen. Spätestens auf halben Weg zu ihrem Ziel würden sie in erste Kämpfe verwickelt werden.

Sie öffnete ihren Helm, um verräterischen Geräuschen lauschen zu können.

Saul war es jedoch, dem es schließlich als erstes auffiel. Er tauchte neben Celice auf und raunte ihr zu:

Ich höre Schritte, nur wenige Meter vor uns.

Celice horchte, und tatsächlich vernahm auch sie Schrittgeräusche hinter der nächsten Gangkreuzung.

Hier entlang, befahl sie und winkte ihre Gruppe linkerhand durch eine Tür. Nacheinander gingen die Rebellen hindurch. Celice folgte als Letzte und befahl Saul, die Tür zu verriegeln.

Das dürfte reichen, meldete er nach wenigen Sekunden.

Celice sah sich um. Vor ihnen wuchs eine stählerne, gebogene Wand in die Höhe. Ein Wassertank, der bis zur Decke der untersten Hauptebene reichte. Eine Brücke führte von ihrem Standort aus zu Gitterwegen, die sich an die Wand des Wassertanks schmiegten. Leitern verbanden die einzelnen Etagen. Wasser lief aus einem Leck. Celice hörte das Plätschern, das in dem riesigen Gewölbe lautstark hallte.

Sie konnte den Gang unter sich durch das Gitter erkennen, auf dem sie standen. Das harte Schatten werfende Licht wurde von der auf dem Boden stehenden Flüssigkeit reflektiert.

Celice lauschte an der Tür. Die beiden Männer, denen sie hatten ausweichen müssen, standen davor und unterhielten sich. Celice schnappte einige ihrer Worte auf:

Explosionen… Leck im großen Tank… Techniker losgeschickt…

Wir müssen schnell weiter. Einer unserer Sprengsätze muss Schäden an diesem oder mehreren Wassertanks verursacht haben, erklärte sie und setzte sich wieder an die Spitze der Gruppe, sich an den Rebellen vorbeizwängend. Dabei schliff sie mit ihrem Anzug an dem Geländer entlang. Lautstark rieb Metall an Metall. Das Kreischen wurde von den Wänden zurückgeworfen.

Was ist das?, erklang eine Stimme, wenige Meter über ihnen.

Celice legte einen Finger vor den Mund.

Die anderen verstanden und blieben wie erstarrt stehen. Mucksmäuschenstill warteten sie ab, was nun geschah.

Zwei Etagen über ihnen erspähte Celice die Schatten zweier weiterer Männer. Sie waren in blaue Overalls gekleidet. Wahrscheinlich Techniker.

Ich höre nichts, antwortete ein zweiter Mann. Er klang gehetzt. Beeilen wir uns, bevor der Wasserdruck das Leck vergrößert.

Das Klappern ihrer Schritte auf den Metallgittern entfernte sich zügig, und Celice winkte ihre Leute zur nächsten Leiter. Auf diese Weise nahmen sie die restlichen Etagen.

Vor einer Tür knapp unter der Decke verharrte Celice, öffnete sie einen Spalt weit und lauschte auf den Gang hinaus.

Die Luft scheint rein zu sein. Laut Lageplan müsste ganz in der Nähe ein Treppenhaus liegen, das auf die nächste Hauptebene führt.

Sie machten sich diesmal nicht die Mühe, über verborgene Wege zu ihrem Ziel zu gelangen. Es hätte sie nur wertvolle Zeit gekostet.

Trotzdem mieden sie die am stärksten frequentierten Bereiche des Palastes und nutzten weiterhin Treppenhäuser statt der fünf Hauptantigravschächte. Zu leicht hätten sie dort einem Angriff zum Opfer fallen können, würde zum Beispiel jemand den Antigrav deaktivieren und sie in die Tiefe stürzen lassen.

Sie waren nun auf der Hauptebene, auf der die Reaktoren und Energiespeicherbänke lagen, die den Palast autark von der städtischen Energieversorgung machten.

Den ursprünglichen Plan, die Reaktoren mit Sprengsätzen zu zerstören, hatten sie verworfen, da die heftigen Explosionen Caranor-City in eine Katastrophe gestürzt und hunderttausende Todesopfer gefordert hätte.

Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte Celice, dass Ronald Royal und der junge Slavo Gragin zu ihr aufgeschlossen hatten.

Royals Miene war ausdruckslos. Er hielt seine Gefühle geheim.

Slavo hingegen schäumte regelrecht über vor Enthusiasmus und Wut. Seine Augen glänzten, sein Gesicht war gerötet. Spätestens seit sie Pasqui hatten zurücklassen müssen, war der Jüngste der Rebellen zu allem entschlossen.

Sie durchquerten die Gänge. Graue, schmucklose Betonwände prägten die Szenerie. Rote Feuerlöscher, die in regelmäßigen Abständen an den Wänden hingen, waren neben den schwarzgelben Umrandungen der Türen die einzigen Farbtupfer. Ab und an prangten schwarz-weiße Lagepläne oder Sicherheitshinweise in Augenhöhe.

Obwohl sie alle Sinne geschärft hatte und hochkonzentriert war, überdachte Celice zum wiederholten Male ihr riskantes Ziel.

Der Sprengsatz, den Saul während ihres ersten Einsatzes im Taktikum gelegt hatte, hatte hoffentlich ein riesiges Chaos angerichtet.

Royal und seine Berater erhofften sich eine erhebliche Störung der Systemverteidigung und dadurch einen Vorteil für die angreifenden Rebellenflotten.

Sie würden versuchen, das, was vom Taktikum übrig geblieben war, einzunehmen und sich zu verbarrikadieren. Die anderen Rebellengruppen sollten andere Zentren des Palastes, die nicht durch Sprengsätze zerstört wurden, übernehmen, damit weitere Eingreiftruppen aus der unterseeischen Station von außen in den Palast eindringen konnten.

Neben dem strategischen Wert, das Nervenzentrum des Reichs in der Hand zu haben, wollten sie damit ein Fanal setzen. Die Höhle des Löwen wäre gefallen.

Doch bis dahin würde es noch ein verlustreicher Kampf werden.

Endlich, seufzte Saul.

Was?, wollte Celice fragen, doch da hörte sie es selbst.

Bekommen das Feuer nur langsam in den Griff, rauschte es im Empfänger ihres Funkgeräts.

Die Abhörung des palastinternen Funks, die ihnen ihre Kommunikationsspezialisten nach den mitgebrachten Informationen aus dem Palast in Aussicht gestellt hatten, funktionierte wirklich. Zwar waren sie nun bereits seit über einer halben Stunde im Inneren des Palastes unterwegs, doch besser spät als nie.

Wie unsere Spezialisten vermutet haben, können wir nur den Funkverkehr zwischen den Löschmannschaften, Technikern, Rettungsmannschaften und ähnlichem abhören, erklärte Jennifer, die Kommunikationsfachfrau ihrer Gruppe.

Nichts anderes habe ich erwartet. Celice winkte ab. Es wäre utopisch gewesen, zu glauben, wir könnten uns in den Funkverkehr der Palastwachen einhacken. Aber das reicht auch erstmal. So bekommen wir wenigstens einen einigermaßen genauen Überblick über die Krisenherde und erfahren, von welchen Bereichen wir uns fern halten müssen, wollen wir nicht mitten in eine Gruppe Helfer geraten.

Celice ließ Jennifer besonders intensiv nach Informationen über die Lage im Taktikum forschen. Doch mehr, als dass etliche Hilfsmannschaften stetig zu ihrem strategisch wichtigsten Ziel beordert wurden, fand sie nicht heraus.

Weiter geradeaus, in Richtung des nächsten Treppenhauses über das wir die nächste Hauptebene erreichen wollten, ist schon mal schlecht. Jennifer schaltete ihr DataVis mit Celices synchron und färbte mehrere Stellen gelb ein, an denen Löschmannschaften im Einsatz waren. Sie spielte Celice die Funknachrichten vor.

Der Brand dringt zu den Speicherbänken Nord-Ost-III vor, rief ein Mann mit krächzender, sich überschlagender Stimme. Wir müssen Prallfelder errichten, um ihn einzudämmen und zu ersticken. Sonst fliegt uns hier bald alles um die Ohren.

Celice legte die Stirn in Falten und plante ihr weiteres Vorgehen. Sie hatten mehrere Umwege gewählt, um nicht die normalerweise stark frequentierten Wege nehmen zu müssen und in Gefahr zu laufen, auf Palastwachen zu treffen. Auch wenn Celice sich bewusst war, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis man sie entdeckte oder sie zufällig einer Gruppe Soldaten in die Arme liefen.

Also mehr in Richtung zentraler Antigravschacht. Was anderes bleibt uns nicht übrig.

Royal warf ihr einen besorgten Blick zu.

Das erhöht die Gefahr, auf Gegner zu treffen.

Eine Gefahr, die wir nie zu hundert Prozent ausschließen konnten. Wir sind in einem Kampfeinsatz. Mehr als es hinauszuzögern, kam nie in Frage. – Also los.

Sie verloren zehn Minuten und Celice fragte sich, ob die anderen Gruppen bereits zu ihren Zielen hatten vordringen können. Ob sie möglicherweise bereits auf Widerstand gestoßen waren.

Sie konnte nur Mutmaßungen anstellen, denn sie hielten eiserne Funkstille, um sich nicht zu verraten.

Im Palastfunk war lediglich davon die Rede, dass die Palastwache einen erneuten Angriff auf den Palast befürchtete und auf der Suche nach Eindringlingen war. Kein Wort von Feindkontakt.

Sie durchquerten einen Teil des Palastes, wo augenscheinlich Ausläufer eines Brandes gewütet hatten. Löschschaum bedeckte den Boden. Die Wände waren rußgeschwärzt, die Leuchtkörper geplatzt. Die Glassplitter der Lampen knirschten unter den schweren Stiefeln ihrer Kampfanzüge.

Sie nahmen eine Abkürzung durch eine Maschinenhalle. Ein Techniker überwachte die Funktion eines großen quaderförmigen Aggregats, das den Raum mit lautem Dröhnen und Wummern erfüllte. Rohre führten in die Maschine hinein und wieder heraus. Celice identifizierte sie als ›kleinen‹ Fusionsreaktor. Dennoch nahm er ihr gesamtes Blickfeld ein.

Sie schlichen auf Zehenspitzen über den obersten Gang, der an der Wand entlang führt und verließen die Halle unbemerkt.

Nach zwanzig Minuten, die sie der Umweg gekostet hatte, erreichten sie endlich über ein Treppenhaus die dritte von fünf Hauptebenen.

Irgendetwas ist faul im Staate Terra, murmelte Celice. Sie blieb an der Wegkreuzung stehen, von der aus sie zu einem Treppenhaus gelangen sollten. Dieses würde sie in die nächst höher gelegene Ebene führen, auf der das Taktikum lag. Celice lugte um die Ecke.

Auf ihr Handzeichen hin verharrte die fünfundzwanzig Mann starke Gruppe. Royal schloss zu ihr auf.

Was ist los?, fragte er.

Er blickte sie durch die halb geöffnete und von Staub verschmierte Helmscheibe fragend an.

Irgendetwas stimmt hier nicht, gab Celice zur Antwort. Wir sind nun bereits auf der dritten Hauptebene und noch keinem einzigen Reichssoldaten begegnet.

Sie schaltete ihr DataVis mit Royals synchron und vergrößerte die Karte des Palastes. Mehrere Rebellen sicherten währenddessen mit erhobenen Strahlenwaffen die Gangkreuzung.

Hier sind wir, erklärte Celice und markierte ihren Standort rot. Ganz in der Nähe des zentralen Antigravschachts. Und zwar auf der dritten Hauptebene: hier liegen die meisten unserer Ziele, das gesamte Sicherheitszentrum des Palastes, in dem der Großteil unserer Sprengsätze hochgegangen sein müsste. Nacheinander leuchteten die von Celice angesprochenen Bereiche verschiedenfarbig auf.

Und? Royal verstand anscheinend nicht, worauf sie hinaus wollte.

Es ist viel zu ruhig. In der Ferne hören wir ab und zu Rettungseinheiten, aufgewirbelter Rauch und Staub dringt durch manche Türen und im Funkverkehr scheint Chaos zu herrschen.

So sollte es sein. Worauf wollen Sie hinaus?

Eben. Es sollte so sein. Und scheinbar ist es so. Aber eben nur scheinbar. Ich habe einige Aufnahmen der Beschädigungen gemacht, die wir beobachten konnten.

Sie rief die Bilder auf.

Rußspuren, Löcher in der Wand, abgefallener Putz und so weiter. Das Leck im Wassertank auf der untersten Palastebene haben wir nicht sehen können. Wir haben auch noch keinen der angeblichen Brände gesehen.
Fällt Ihnen was auf?

Er schüttelte den Kopf.

Celice seufzte innerlich. Es waren Zivilisten mit bestenfalls leidlicher Kampferfahrung. Eigentlich war es ein Ding der Unmöglichkeit, dass sie überhaupt so weit gekommen waren. Und ebendies war auch der Fall – jemand musste ihnen unter die Arme gegriffen haben.

Es ist eine Falle, Royal. Die Schäden sind alle oberflächlich. Natürlich wollten wir den Palast nicht in Schutt und Asche legen. Aber es müssten schwerwiegendere Schäden vorhanden sein.
Wir werden an der Nase herumgeführt. Wahrscheinlich ist kaum einer oder kein einziger unserer Sprengsätze hochgegangen.
Wir hören zwar immer wieder von gravierenden Schäden und lodernden Bränden. Aber wie der Zufall es will, sind wir den Rettungs- und Löschmannschaften nicht einmal in die Arme gelaufen, als wir den Funkverkehr noch nicht abhören konnten.
Außerdem hätten wir so tief im Palast längst auf Gegenwehr stoßen müssen. Ich wette, wenn wir Funkkontakt zu den anderen Gruppen aufnehmen würden, würden sie uns bestätigen, dass auch sie bisher nicht auf Widerstand getroffen sind.

Wenn sie nicht schon längst in die Falle gegangen sind, gab Royal zu. Ja, Sie könnten Recht haben. Nur – was sollen wir jetzt tun?

Ich weiß es noch nicht. Wenn wir hier noch länger verharren, machen wir uns verdächtig, die Falle durchschaut zu haben. Warnen wir die anderen Gruppen und ziehen uns zurück, ist es offensichtlich.

Also können wir nichts weiter tun, als das Spiel mitzuspielen und darauf zu hoffen, ungeschoren davon zu kommen.

Celice schüttelte den Kopf.

Mitspielen, ja. Aber glauben Sie ernsthaft, ungeschoren davon zu kommen?

Nein, musste Royal zugeben. Ich kann mir denken, wer dahinter steckt. Mein Widersacher wird durch die PSI-Falle, in die ich getappt bin, auf uns aufmerksam geworden sein und uns in einen Hinterhalt locken wollen.

Es ist wie mit den Ratten, erklärte Celice. ›Nur weil mir etwas nicht wichtig ist, heißt das noch lange nicht, dass es anderen Personen oder Wesen nicht wichtig genug sein kann, um ungeahnte Kräfte freizusetzen. Daher ist es auch ein gefährlicher Fehler, seine Gegner nach eigenen Maßstäben einzuschätzen, selbst wenn es nur Tiere sind. Die beste Taktik im Kampf gegen solche Gruppen ist deshalb, sie zu beobachten und sich in sie hineinzuversetzen, ihren vorantreibenden Wunsch zu begreifen, und ihnen eine Aussicht auf Erfüllung dieses Wunsches zu geben. Es ist die einfachste Art, ihnen eine Falle zu stellen.‹
Erinnern Sie sich an meine Worte?

Royal nickte und senkte für einen Augenblick die Lider.

Und wir sind in diese Falle hineingetappt. Wie die Ratten.

Machen Sie sich keine Vorwürfe. Wir alle sind darauf hereingefallen. Auch ich habe mich von Ihnen überzeugen lassen, dass wir dieses Risiko eingehen müssen.

Und nun?

Der Thermostrahl, der dicht an Celices Kopf vorbeiraste, und ihn ohne den Schutz des Helmes verbrannt hätte, enthob sie einer Antwort.

Celice reagierte in Sekundenschnelle. Sie ging in die Hocke, drehte sich auf den Fersen, hob in der Drehung ihre Waffe, visierte den Angreifer mit der Freund-Feind-Erkennung ihres DataVis an und schoss.

Ihr Herz raste vor Aufregung und hämmerte gegen ihre Brustdecke. Ihr Atem ging schnell und flach. Ein Adrenalinstoß ließ sie leicht zittern.

Sie blendete die warnend blinkenden Vitalanzeigen des MedCo aus.

Der Angreifer reagierte schnell und ging hinter einem mobilen Schild, dass die Soldaten als Schutz mit sich führten, in Deckung.

Jetzt keinen Fehler machen, ermahnte sich Celice. Sie bog um die Ecke und bedeutete ihren Leuten, sich hinter die Wände der Gangkreuzung zurückzuziehen.

Slavo warf eine Thermogranate in Richtung der Angreifer, um ihnen Zeit zu verschaffen, über ihr weiteres Vorgehen nachzudenken.

Celice riss sich zusammen, ließ sich vom MedCo ein konzentrationssteigerndes Mittel injizieren, das ihr in einigen Stunden schwere Kopfschmerzen verursachen würde.

Gleichzeitig rief sie wieder die Karte des Palastes auf. Sollten sie, wie geplant, über das Treppenhaus auf die nächste Hauptebene wechseln, würden sie dem Fallensteller in die Karten spielen. Was ohnehin der Fall wäre, wenn sie weiterhin ihr Ziel verfolgen wollten. Es war verteufelt.

Und wiederum wurde Celice einer Entscheidung enthoben. Soldaten erschienen in ihrem Rücken und von rechts und eröffneten das Feuer auf die nun ungedeckten Rebellen zu eröffnen. Die Schüsse verfehlten jedes Mal ihr Ziel.

Sie wollen uns nicht töten, sondern genau dorthin treiben, wo unser ursprüngliches Ziel liegt – zum Taktikum, teilte sie Royal mit. Er bekam einen Ausdruck völliger Konzentration.

Unruhe kam in die Reihen der Reichssoldaten, als einige von ihnen den Boden unter den Füßen verloren und in die Arme ihrer Kameraden geschleudert wurden. Celice erkannte Royals PSI-Kräfte am Werk.

Ihr könntet versuchen, aus dem Palast zu fliehen, bot Royal an. Sein Blick war leer, als würde er in die Ferne blicken. Ich mache euch den Weg frei.

Celice dachte nach, während die anderen Rebellen auf die Soldaten schossen.

Und dann? Wahrscheinlich wissen sie, woher wir kamen. Vielleicht ist die unterseeische Station bereits gestürmt. Wir haben verloren, Royal.

Ein Schreien ertönte in Celices Helmlautsprecher inmitten der aufgeregten Rufe. Celice sah nach links, wo einer ihrer Männer zu Boden ging. Der Statur nach zu urteilen, müsste es Fabian Gerill sein.

Der Gegner machte ernst. Und Celice entschied sich.

Sie lief los in Richtung des letzten Ganges, der frei von Angreifern war, auf das Treppenhaus zu und befahl der Gruppe, ihr zu folgen. Zwei Männer, einer von ihnen Kelvin Brix, stemmten den verletzten Fabian Gerill hoch und schleppten ihn mit sich.

Die Entscheidung war gefallen, sie würden das Spiel mitspielen. Verlieren konnten sie nichts mehr.

Royal schloss wieder zu ihr auf, nachdem er ein letztes Mal die Reihen der Verfolger durcheinander gewirbelt hatte. Immer mehr der in schwarze, gepanzerte Kampfanzüge gehüllten Soldaten kamen nach, stiegen über ihre Kameraden und nahmen die Verfolgung auf.

Kein weiterer Rebell wurde getroffen, jetzt wo sie mitspielten. Sie liefen die Treppen hinauf, verfolgt von den schweren, hallenden Schritten der Reichssoldaten.

Die graue Eminenz im Hintergrund machte sich keine Mühe mehr, ihr Ziel zu vertuschen. Sie wollte die Rebellen zu einem bestimmten Ort führen. Reichssoldaten oder verschlossene Türen und Tore machten es ihnen unmöglich, von dem ihnen vorbestimmten Weg abzuweichen. Doch verblüffenderweise war es nicht das Taktikum.

Ein drei Meter hohes, metallischblau glänzendes Tor öffnete sich vor ihnen.

Sie stürmten hindurch, mitten hinein in ein helles, in allen Grüntönen schimmerndes Wäldchen. Verwundert hielten sie inne, sahen sich um und hörten mit wachsendem Unglauben das Zwitschern von Vögeln.

Da hat sich Ihr Widersacher aber ein schönes Fleckchen Erde für ihr finales Aufeinandertreffen ausgesucht, konnte sich Celice einen zynischen Kommentar nicht verkneifen.

Vormittags

Nachdem sie das Tor zu den hydroponischen Gärten durchschritten hatten, war Endstation. Das Tor schloss sich hinter ihnen, und eine Unzahl von Reichssoldaten empfing sie mit erhobenen Waffen.

Durch das gläserne Dach schien die Sonne, die bereits ein ganzes Stück Richtung Süden gewandert war und hoch am Himmel stand. Ihr Licht brach sich in den Glasscheiben und dem in der Luft schwebenden Wasserdunst. Alle Farben des Regenbogens illuminierten die etwa fünfhundert Quadratmeter Fläche des Gartens und schufen einen krassen Kontrast zu den nachtschwarzen, gepanzerten Uniformen.

Die Gesichter ihrer Gegner waren hinter kobaltblau verspiegelten Visieren verborgen. Die flackernden Mündungen ihrer Strahlenwaffen richteten sich auf die Rebellen.

Fragende, verzweifelte Blicke trafen Celice und Royal. Ihre Gruppe war am Ende ihrer Kräfte angelangt.

Alles hatte so gut begonnen, die Sprengsätze waren scheinbar hochgegangen. Und ihr Ziel, den Palast zu übernehmen und die Koordination der Heimatflotte SOL zu sabotieren, hatte greifbar nahe gewirkt.

Nun blickten sie desillusioniert dem Tod ins Auge.

Waffen fallen lassen, schnarrte einer der Schwarzuniformierten, der aus der Menge der etwa hundert Soldaten trat und dessen Abzeichen ihn als Commander auswiesen.

Immer noch warteten die Rebellen auf Celices Befehle. Selbst Royal erwartete ein Kommando von ihr. Sie schienen sie als eine von ihnen akzeptiert zu haben, als hätte das Erlebte sie zusammengeschweißt. Nicht einmal Slavo, der ihr noch vor wenigen Tagen beinahe feindselig gegenübergetreten war, schien auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, dass Celice wieder die Seiten wechseln könnte.

Hier sind die Rebellen, ich habe sie extra für euch in die Falle geführt, um mich für den Mord an Arno Venever zu rehabilitieren, könnte Celice sagen und darauf hoffen, dass sie Gnade erfahren würde. Zu verlieren hatte sie nichts.

Dennoch tat sie es nicht, sondern nickte ihrer Gruppe zu, dem Befehl Folge zu leisten.

Zögernd, doch folgsam legten die Männer und Frauen ihre Waffen auf den gepflasterten Pfad ab, auf dem sie vor dem Eingangstor des hydroponischen Gartens standen. Nach und nach öffneten sie ihre Helme. Erschöpfte, verschwitzte Gesichter kamen darunter zum Vorschein. Die Haut gerötet und verschwitzt glänzend, die Wangen eingefallen; dicke Ringe zeichneten sich unter den aufgequollenen Augen ab.

Und nun?, fragte Celice den Commander.

Warten wir.

Worauf?

Fragen Sie nicht.

Celice musterte ihre Gruppe, einige der Rebellen gingen erschöpft in die Hocke, während andere sich um die Blessuren der Verletzten kümmerten.

Um einen Mann standen gleich mehrere Personen.

Darf ich mich um meine Leute kümmern?

Meinetwegen. Denken Sie gar nicht erst an Gegenwehr. Wir bekommen alles mit. Also geben Sie sich keinen Illusionen hin.

Einzelne Reichssoldaten sammelten soeben die Waffen der Rebellen ein. Immer während waren dutzende Waffenmündungen auf sie gerichtet.

Celice antwortete dem Commander nicht. Sie begab sich zu der kleinen Ansammlung von Menschen, schob sie zur Seite und ging in die Hocke.

Wie geht es ihm?, fragte Celice Kelvin Brix, der neben Fabian Gerill hockte. Der dickliche Schmuggler, der in der Vorbereitungszeit auf diesen Angriff einige Kilos verloren hatte, lag schwer atmend auf dem Boden.

Ein dicker Schweißfilm stand ihm auf dem Gesicht, seine Haut war bleich, die Lippen blutleer, die Augen fiebrig glänzend.

An mehreren Stellen war sein Kampfanzug durch Thermoschüsse verschmort.

Schockzustand nach einem Volltreffer und einigen Streifschüssen. Der MedCo gibt sein Bestes, um Fabian stabil zu halten und ihm die Schmerzen zu nehmen. Doch ohne medizinische Versorgung wird er sterben.

Kelvin schluckte schwer.

Celice versprach ihm, sich darum zu kümmern, doch der Commander lehnte jede medizinische Hilfe ab.

Vor Wut bebend entfernte sie sich einige Meter von den anderen, um sich zu beruhigen. Argwöhnisch verfolgten die Reichssoldaten jeden ihrer Schritte.

Slavo trat zu ihr. Er war der Jüngste von allen. Aber der letzte Monat und insbesondere die letzten Tage hatten ihn um Jahre altern lassen. Er hatte Dinge sehen müssen, die nicht für seine jungen Augen bestimmt waren. So wie es vielen seines Alters in diesen Zeiten erging.

Leben die anderen wohl noch?, fragte er. Oder sind wir eine Ausnahme, weil wir ihn bei uns haben. Er deutete mit dem Kinn in Richtung Ronald Royal.

Ich weiß es nicht, Slavo.

Sie klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter, worauf dieser müde nickte und dann zu den anderen ging. Sein zuletzt gespannter, vor Kraft strotzender Körper war in sich zusammengesackt.

Celice setzte sich an einen dünnen Baumstamm ganz in der Nähe des Eingangstores und sah auf ein Beet roter Orchideen, die sie an Parau-7 erinnerten. Sie lauschte dem Summen fliegender Insekten und dem Zwitschern kleiner Vögel.

Früher, so wusste sie von Pasqui, dem kybernetischen Jungen, hatte dessen Vater hier für die Pflanzen gesorgt. Nun trampelten die Soldaten unachtsam durch die Pflanzenbeete, die von seelenlosen Maschinen gepflegt wurden.

Sei froh, dass du dir das nicht mit ansehen musst, Pasqui. Vielleicht war dein Tod eine Erlösung für dich. Ich hoffe es.

Kapitel 3
Zwischenspiel

Trümmerfeld Riotoo

Sie erwachte.

Erinnerungen an qualvoll verbrennende Cichiro und den mentalen Todesruf der untergehenden Zivilisation brannten schmerzhaft in ihre Gehirnwindungen.

Guten Tag, Liv Zili.

Die Stimme klang verzerrt und falsch. Sie half der Frau, zurück in die Realität zu finden.

Vorsichtig öffnete sie die Augen. Nur einen Spalt weit. Das helle Licht schmerzte, sodass sie die Lider schnell wieder senkte.

Llllliii…

Licht aus!, hatte Liv sagen wollen, doch sie hatte keine Gewalt über ihre Stimmbänder.

In ihren Ohren rauschte es. Töne klangen gedämpft und verzerrt. Liv meinte, ein Piepen und leises Wummern vernehmen zu können.

Und wieder diese falsche Stimme.

Du lagst viele Tage im Koma, Liv Zili. Wie viele genau, lässt sich nicht verifizieren. Alles Weitere möchte dir Melvin Duchamps persönlich sagen. Ich sollte ihn sofort informieren, solltest du erwachen.

Eine Positronik. Es war eine künstliche Stimme, deswegen klang sie so falsch.

Je länger Liv im wachen Zustand verbrachte, desto besser fand sie zu sich selbst zurück.

Erneut versuchte sie, die Augen zu öffnen; wiederum schmerzte das Licht. Diesmal gab sie nicht auf, blinzelte und gewöhnte sich langsam an die Helligkeit.

Nein, krächzte sie und war froh, wenigstens dieses Wort hervorzubringen.

Allein.

Wie du wünschst.

Liv sah sich um, wagte es jedoch nicht, bereits den Kopf zu bewegen.

Das Licht, das von der Decke herabschien, war nicht dermaßen hell, wie sie zuerst geglaubt hatte. Tatsächlich war es nur gedämpft.

Relativ schnell bekam sie ihre Sinnesorgane wieder unter Kontrolle. Liv hörte bereits besser, nicht mehr wie durch Watte; ihre Augen schmerzten weniger heftig, und der Geruch von Desinfektionsmitteln und Salben stieg ihr in die Nase.

An einem leichten Kribbeln spürte Liv, wie das Gefühl in ihre Glieder zurückkehrte.

Durst, brachte sie hervor. Ihre Kehle war wie ausgedörrt.

Wir sollten noch etwas warten, bis du wieder selbstständig Nahrung zu dir nehmen kannst. Dein Körper ist jedoch gut durch die künstliche Ernährung versorgt.

Erst jetzt bemerkte Liv den Gegenstand in ihrem Hals. Nach den Worten der Positronik zu urteilen musste es der dünne Schlauch einer Magensonde sein. Ihre Augen weiteten sich, und sie begann zu würgen.

Raus.

Die Magensonde ist noch erforderlich, da…

Nimm dieses verdammte Ding aus mir heraus!, hätte Liv am liebsten geschrieen, stattdessen wiederholte sie nur ihr Krächzen.

Raus.

Sofort wurde die Magensonde von der Medopositronik entfernt.

Zumindest kommt kein nervtötender Arzt, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, registrierte Liv.

Tatsächlich war es bis auf das Summen der Lebenserhaltungsmaschinen und das Piepen weiterer Kontrollgeräte verdächtig ruhig in ihrem Krankenzimmer.

Ich beginne nun mit der Stimulation deiner Muskulatur, verkündete die Positronik.

Leichte Schwingungen berührten Livs Glieder. Das Kribbeln in ihren Gliedern wurde immer stärker. Als es beinahe unerträglich schien, verebbte es langsam wieder.

Liv verspürte ein leichtes Brennen auf ihrer Haut, als etliche dünne Schläuche von ihrem Körper entfernt wurden, die bis dahin in ihren Venen gesteckt hatten.

Tränensekret verklebte ihre Lider. Liv wagte es nun, die Hände zum Gesicht zu heben, um sich die Augen zu reiben. Tatsächlich gelang es ihr.

Ein Hoch auf die moderne Medizin.

Die junge Frau erhob sich ächzend. Das aufrechte Sitzen fiel ihr schwer, doch es gelang, als sie sich mit den Armen abstützte.

Manches ändert sich jedoch nie, dachte sie, als sie ihren Blick schweifen ließ.

Das Zimmer war kärglich eingerichtet, die Wände weiß; einige geschmacklose, blumige Bilder hingen daran. Neben ihrem Bett stand auf einem Beistelltisch ein Strauß bunter, künstlicher Blumen.

Ach, Mel. Du süßer Naivling. Sie lachte. Es klang rau und kehlig, aber immerhin gelang ihr bereits wieder eine gewisse Bandbreite von Lautäußerungen.

Eine Blüte stach ihr besonders ins Auge: Sie war tiefrot, beinahe wie – Blut!

Wie eine Riesenwelle schwappte es über ihr zusammen und raubte Liv den Atem. Ihr Herzschlag schien auszusetzen, eine Maschine neben ihrem Bett fing hektisch an, zu piepen.

Japsend rang sie nach Luft. Äderchen platzten in ihren Augen und verbargen die Welt hinter einem roten Schleier.

Plötzlich ein Knall!

Durch die Tür stürzte eine Person, die Liv nicht erkannte. Liv brach zusammen und fiel flach auf den Boden. Ihr Körper verfiel in Krämpfe und zuckte, als trenne er sich von ihrem Geist und beginne ein eigenständiges Leben.

Blutrote Wellen brachen sich an ihr. Ein Meer aus Leid und Schmerz.

Dann spürte sie einen Stich, irgendwo an ihrem Körper, und es wurde schwarz um sie herum.

Als sie wieder erwachte, schien es Liv, als wäre sie für Tage weggetreten gewesen. Ihre Glieder fühlten sich taub und steif an und knackten bei den ersten Bewegungsversuchen. Bunte Schlieren tanzten vor ihren Augen.

Bleiben Sie erst einmal ruhig liegen, Miss Zili, sprach ein Mann mit beruhigender Stimme auf sie ein. Sie verabscheute ihn spontan aufgrund des Tonfalls.

Ich bin kein Kind, krächzte Liv. Sprechen Sie vernünftig. Was ist mit mir passiert?

Wir wissen es nicht genau. Vor ein paar Minuten sind sie zusammengebrochen. Wir vermuten einen Kollaps aufgrund eines Traumas. Als Auslöser könnte…

Schon gut. Ersparen Sie sich den Rest. Warum schmerzt mich jede Bewegung, wenn ich nur wenige Minuten weggetreten war?

Sie haben gekrampft und…

Kann ich mich bald wieder normal bewegen?

Langsam aber sicher klärte sich Liv Zilis Blick wieder, sodass sie erkannte, wie der Arzt ungläubig den karg behaarten Kopf schüttelte.

Sie haben lange Zeit im Koma gelegen. Wir können…

Ja oder nein?, fauchte sie den Kittelträger an.

Theoretisch ja, allerdings…

Gut. Sie können gehen.

Aber…, begann der Arzt seinen Widerspruch. Doch Liv stieß ihn von sich.

Die Roboter können mich bestimmt genauso gut versorgen.

Miss Zili, als Ihr behandelnder Arzt muss ich Ihnen widersprechen. Ihr Zustand…

Wo befinden wir uns?

Es überraschte Liv selbst, wie schnell sie sich von dem Anfall erholte. Eben noch hatte ihr ein Rückfall ins Koma gedroht, und nun erteilte sie bereits wieder harsche Befehle.

Auf Riotoo-HQ.

Liv begann in ihrem Gedächtnis zu kramen. Etwas war da, was ihr die Kraft zum Handeln gab und sie zur Eile antrieb. Irgendetwas enorm Wichtiges, das positive Gefühle in ihr auslöste, bei der Information, dass sie sich noch auf Riotoo-HQ aufhielt.

Dann bin ich ja wohl immer noch Ihre Vorgesetzte. Oder?

Theoretisch schon, allerdings…

Stecken Sie sich Ihr ›allerdings‹ sonst wohin. Abflug! Sie wedelte mit ihrer Hand in Richtung Ausgang, worauf der Arzt sie entgeistert dreinschauend verließ. Nur die mit ihm gekommenen, zusätzlichen Medo-Roboter blieben bei ihr.

Pumpt mir irgendein aufputschendes Zeug ins Blut, und dann schwirrt ab. Keine Widerrede erwünscht.

Zügig kamen die Maschinen ihrem Befehl nach.

Minuten später war Liv bereits auf dem Weg zu ihrem Quartier.

Liv Zili hatte etwas Wichtiges zu erledigen. Sie wusste nur noch nicht, was.

Liv-Schätzchen, willkommen zurück!, begrüßte sie die weiblich modulierte Stimme der Kabinen-Positronik erfreut.

Danke … Sam. Kurz hatte sie nachdenken müssen, bis ihr der Name eingefallen war, den sie ihrer Positronik gegeben hatte. Samantha. Natürlich.

Was kann ich für dich tun, Liv? Musik? Ein Lied erklang, schaurig schön und von Leid kündend. Der Gesang der Crii, den sie dank Bernie Traven kannte.

Spontan wollte sie Samantha befehlen, die Musik auszuschalten, doch der Gesang berührte eine Saite in ihr. Alles kam ihr relativ trivial vor, seit sie aus dem leidvollen Koma erwacht war, in dem sie die Pein der sterbenden Cichiro hatte miterleben müssen. Immer und immer wieder.

Doch der Gesang der empathisch begabten Crii, die innerlich an den Emotionen anderer Intelligenzwesen starben, war alles andere als trivial. Noch immer hatte Liv den von schillernden Schuppen bedeckten, zeltartigen Körper vor Augen, der aus hauchdünnen Trapezen bestand, die sich zwischen zerbrechlich wirkenden Gerüstknochen spannten.

Das außerirdische Wesen hatte getobt, war von einer Ecke seines Käfigs zur anderen gestürzt, als sie und Bernie es getrieben und dem Crii mit ihren Emotionen wahrscheinlich einen Großteil seiner Lebensenergie geraubt hatten.

Es hatte wie ein Tanz auf sie gewirkt.

Böses Mädchen, tadelte sie sich sarkastisch. Geilst dich am Leid anderer auf. Nur zu dumm, dass du mit den Cichiro mitleiden musstest – es wäre ansonsten wohl nur zu köstlich gewesen.

Ich geh duschen, Sam. Lass mich bitte in Ruhe. Und wimmele Mel ab, falls er kommen sollte.

In Ordnung. Obwohl dich ein Blick auf seinen knackigen Po sicherlich ebenso erfrischen würde.

Liv musste lachte.

Sie ging an den Regalen mit den Büchern, Trivids und sonstigem Kram vorbei; den Plüschtieren, der Wand mit den erotischen Kunstwerken, die Mel immer so geil gemacht hatten. Sie ignorierte ihre Arbeitstische mit den konventionellen Terminals und Holoprojektoren und ging weiter bis zum Bad.

Eine Dusche war genau das, was sie nun brauchte. Sie ließ ihren Krankenkittel achtlos fallen und trat unter den sich sofort aktivierenden Wasserstrahl.

Danke, Sam, dachte Liv als sich das abwechselnd heiße und kalte Wasser über sie ergoss und ihren Körper massierte. Sie strich sich über die wund gelegene Haut, über kleine Wunden, von denen sie nicht wusste, wovon sie herrührten; ging sich mit der Hand durch die Haare und suchte an ihrem Hinterkopf nach dem Überbleibsel von Marens Kopfschuss.

Diese kleine Schlampe.

Doch sie fand keine Spur. Verwundert stoppte sie die Abtastung ihres dünn gewordenen Körpers.

Nach wenigen Minuten der Entspannung – die Dusche brachte ihr mehr als jede medizinische Behandlung – ließ sie Samantha die Musik ausschalten und statt dessen berichten, was in dem Zeitraum ihres Komas vorgefallen war.

Zuerst musst du wissen, dass dein Koma nicht auf einen beinahe tödlichen Schuss zurückzuführen ist, wie du wahrscheinlich annimmst. Zumindest nicht direkt.
Tatsächlich waren Melvin, Maren, Kirk, Diane und du niemals in der Vergangenheit, sondern innerhalb einer Simulation gefangen, die eure moralische Integrität überprüfen sollte.
Dies geschah wahrscheinlich durch eine geistig höher entwickelte Wesenheit, namentlich die Cichiro-Königin.
Diane, Kirk und Melvin versuchten, die Heimat der Cichiro zu retten, und erwachten darauf an Bord eines KHALAKUR-Schlachtschiffes, künstlich ernährt seit ungewisser Zeit.
Außerdem ging Maren Hilfiger, laut eigenen Worten, einen Handel mit dieser Wesenheit ein und nahm sich das Leben, um die Cichiro-Königin aus etwas nicht näher definiertem zu befreien.
Du jedoch lagst im Koma. Die Ärzte vermuten, wegen des Schocks, den du erlitten hast, als Maren dich in der Simulation erschoss.
Nach Marens Tod fiel die Flotte der KHALAKUR vor ZENTRUM aus dem Hyperraum.
Du wurdest mitsamt den KHALAKUR zurück hierher gebracht, wo die Schiffe der Cichiro derzeit für einen Angriff auf das Reich bemannt werden.

Damit schloss Samantha ihren wahrscheinlich stark zusammengekürzten Bericht.

Also hat Tony sein Ziel erreicht. Die mystischen Schlachtschiffe der Cichiro als unbesiegbare Waffe im Kampf gegen das Reich.

Der Wasserstrahl versiegte, und abwechselnd kalte und warme Luft strömte aus Düsen, um Livs Körper zu trocknen. Dezent parfümierte Creme wurde währenddessen in ihre geschundene Haut einmassiert.

Liv verließ die Dusche und zog sich einen eng anliegenden Overall an, der zwar auf der empfindlichen Haut schmerzte, jedoch das Überziehen eines Raumanzugs problemlos erlauben würde. Außerdem bewaffnete sie sich mit einem Vibro-Messer und einem Kombi-Strahler.

Sie wusste nun, was zu tun war, als sie hörte, dass die KHALAKUR in der Trümmerwolke Riotoo weilten. Als würde ein Vorhang vor ihrem inneren Auge aufgezogen, war sie sich über ihr weiteres Vorgehen im Klaren.

Bernie Traven hatte ihr deutlich klar gemacht, was sie in diesem Fall zu tun hatte.

Liv Zili ging zu dem Regal mit den Plüschtieren, griff nach einem rosa Häschen und riss ihm den Kopf ab. Ein Impulsgeber kam zum Vorschein, dessen rote Aktivierungstaste sie betätigte.

Ein kurzes Piepen zeugte vom Vollzug. Die Sprengladungen an Bord von Riotoo HQ waren scharf und würden innerhalb von zwanzig Minuten hochgehen.

Zeit genug für Liv, um einen Hyperfunkspruch an Bernie Travens Leute abzusenden und Riotoo HQ mit einem Beiboot zu verlassen.

Samanthas Stimme riss sie beinahe aus ihrer Konzentration.

Liv, es tut mir leid, aber Mel steht vor deiner Tür und lässt nicht locker. Notfalls würde er sich gewaltsam Eintritt verschaffen, droht er.

Liv zuckte mit den Achseln.

Lass ihn halt rein.

Das Schott öffnete sich leise zischend, und Melvin Duchamps stürzte in ihre Kabine.

Liv! Seine Miene pendelte zwischen einer Mischung aus Liebe und Erleichterung sowie leichtem Zorn und Sorge. Er rannte förmlich auf sie zu und schloss sie in seine Arme.

Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Du wachst aus dem Koma auf, was keiner erwartet hat, und dann bringst du dich selbst in Gefahr. Mach doch nicht solche Dummheiten.

Er drückte seine Wange gegen ihre, und Liv spürte, wie eine Träne daran hinunterlief.

Ich will dich nie wieder verlieren, Liv, hauchte er ihr ins Ohr. Hörst du? Nie wieder.

Ach, Mel, mein Schatz, seufzte sie.

Dann zog sie ihr Messer und durchschnitt ihm die Kehle.

Nichts Persönliches, Liebling. Ich brauchte das jetzt einfach.

Kerlan Harschisk stand vor seinem Kommandantensessel und bewunderte die kühle Schönheit, die das Trümmerfeld Riotoo ausstrahlte, als die Feindortung eintraf.

Eine terranische Reichsflotte, Jalir, sprach ihn der Ortungsoffizier mit seinem Rang an.

Harschisk, einer der ältesten und höchstdekoriertesten Militärs der Naruu, nickte dem Offizier zu, wobei sein großer, schwerer Reptilienkopf gefährlich wankte. Beinahe wirkte es, als könne der altersschwache Hals, der von spröder, schlaff herabhängender Schuppenhaut umgeben wurde, den Kopf nicht mehr halten.

Abwarten und beobachten, befahl er. So wie es Eppainken Ursan befohlen hat.

Eppainken Ursan war einer der naruuschen Abgeordneten beim THYDERY-Verbund und neben der von ihm protegierten Merilli Harschusko einer der mächtigsten Naruu der Milchstraße.

Jalir, die Reichsflotte nimmt eindeutig Kurs auf Riotoo.

Als würden sie von unserer Station dort wissen.

Ein Spion? Ein Verräter?, fragte sich der Naruu.

Harschisk starrte gebannt auf die Ortungsanzeigen, die in übersichtlicher Form angeordnet auf dem zentralen Hologlobus für jeden sichtbar waren.

Die Schlachtschiffe des Reichs orientierten sich. Mit einer kurzen Hyperraumetappe erreichten sie die äußere Grenze der graublau schimmernden Staubwolke, die das zerstörte Sonnensystem umgab.

Mit dem Zeitpunkt des Eintritts in die Staubsphäre wurde die Ortung ungenauer. Dennoch erkannten die Naruu an Bord, dass die Reichsflotte direkt auf die Koordinaten des Riotoo-HQ zuhielt.

Jalir?, fragte der Schiffskommandant neben ihm, so leise, dass nur Harschisk ihn verstand. Warnen wir Riotoo-HQ? Falls die KHALAKUR noch nicht bemannt und kampffähig sind, könnte es Verluste bei ihnen geben.

Wir warten und beobachten.

Etwa eine halbe Stunde später hatte die Reichsflotte den Standort des Riotoo-HQ erreicht. Energieemissionen zeugten von einem heftigen Schusswechsel.

Weiterhin warteten sie ab.

Ein beunruhigtes Raunen ging durch die Zentrale. Verunsichertes Züngeln. Schließlich schockiertes Zischen.

Werden angegriffen… KHALAKUR sind ausgefallen… Hilflos…

Eine Stunde später war alles vorbei.

Schicken Sie eine Warnung an die angreifenden Flotten des Verbunds. Irgendetwas stimmt nicht mit den KHALAKUR. Die noch zurückgebliebenen Schlachtschiffe wurden zerstört, befahl Harschisk, als klar wurde, dass die Überlegenheit der mystischen KHALAKUR aus welchen Gründen auch immer Makulatur war. Hoffen wir, dass es nicht zu spät ist.

Eppainken Ursan wird erleichtert sein, dachte Harschisk bei sich.

Sein alter Freund hatte von Anfang an, bereits vor dem Fund der KHALAKUR, gewarnt, dass die Schlachtschiffe in den Händen egal welchen Volkes Unheil anrichten würden.

Wenn es KHALAKUR gibt und wir finden sie, sollten wir sie nicht besser sofort vernichten?, hatte er gefragt.

Ja. Harschisk hatte ihm zugestimmt.

Kapitel 4

Mittag

Wie fühlt es sich an, wie eine Ratte das sinkende Schiff zu verlassen? Zu fliehen, weil sein Lebenswerk und das seiner Vorväter zugrunde geht?

André Coupièr Stimme war ruhig. Lächelnd stand er da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Büsten der ehemaligen Sternenkönige betrachtend.

Was soll das, Coupièr?

Harold Richard blieb vor seinem obersten Leibwächter, Berater und Geheimdienstleiter stehen. Die ihn begleitenden Männer waren bereits auf dem Innenhof des Palastes und würden soeben zu William von Caranors Flaggschiff gebracht werden.

Er selbst hatte in Ruhe Abschied nehmen wollen. Geheimnisvolle, riesige Schlachtschiffe brachten die Heimatflotte SOL in arge Bedrängnis. Rebellentruppen stürmten den Palast.

Es war, als würde ihm jemand den Boden unter den Füßen wegziehen, während ihm zur selben Zeit der Himmel auf den Kopf fiel.

Dennoch versuchte der Sternenkönig, Ruhe zu bewahren und zu retten, was zu retten war.

Kommen Sie mit und helfen Sie mir, dieses Reich zu retten. Dann kann ich vielleicht Ihren Ausrutscher vergessen. Niemand hat es mitbekommen, und Sie waren schließlich immer mein bester Berater.

Caranor wollte an Coupièr vorbei gehen, in Erwartung, dass dieser ihm folgte. Doch der Sternenkönig war wie mit dem Boden verwurzelt. Kein einziger Schritt gelang ihm.

Sie langweilen mich, alter Mann. Das Lächeln verschwand aus Coupièrs Gesicht, und er blickte seinem Herrscher direkt in die Augen.

Was ist in Sie gefahren, Coupièr? Wir werden angegriffen, von Abschaum, der nur aufgrund geheimnisvoller, unbekannter Raumschiffe eine Chance hat. Harold von Caranors Stimme hob sich nur unmerklich, doch es bereitete ihm Mühe, seinen Zorn und die Überraschung zu verbergen.

Sie waren stets ein treuer Anhänger des Reiches.

Nun, ich muss zugeben, ich hatte meinen Spaß. Für längere Zeit als Sie denken. Doch ein Anhänger… Wenn Sie wüssten. Coupièr schmunzelte. Das Reich war Mittel zum Zweck. Sie haben mir gute Dienste geleistet, aber nun strebt alles seinem Höhepunkt zu. Ich benötige Sie nicht mehr.

Wovon auch immer Sie da reden: Glauben Sie nicht, dass Sie unverzichtbar sind. Er ließ jede Emotion aus seiner Stimme weichen, hob seinen Desintegrator und richtete das Projektionsfeld auf den Mann vor ihm, der sich erdreistete, derart mit ihm zu sprechen und ihm nach all den Jahrzehnten die Treue zu kündigen.

Sie waren stets eine harte Nuss, Exzellenz. Nur schwer zu beeinflussen. Spöttisch betonte Coupièr die ihm gebührende Anrede. Das rief eine Wut in Caranor wach, die kaum zu bändigen war. Seine rechte Hand begann fast unmerklich zu zittern.

Leben Sie wohl, verabschiedete sich Coupièr lächelnd, als würde ihm überhaupt keine Gefahr drohen; er drehte sich um und ging zurück in die Tiefen des Palastes. Im Gehen hob er seine Hand und winkte.

Harold schrie vor Wut laut auf und schoss. Coupièrs Körper zerstob in atomaren Staub. Doch meinte Caranor immer noch die Silhouette seines ehemaligen Geheimdienstchefs zu erkennen.

Sekundenlang tobte in Harold von Caranor ein Kampf, Bilder entstanden vor seinen Augen. Ihm war, als würde Coupièr noch leben und langsam fortgehen, als hätte Harold nie auf ihn geschossen. Die Bilder wechselten immer schneller werdend. Mal ging dort Coupièr, dann war wieder nur atomarer Staub von ihm über. Caranor wurde schwindelig, und Übelkeit machte sich in ihm breit.

Eine kalte Hand wühlte in seinen Gedanken, so rücksichtslos, dass er in die Knie ging und sich übergab. Dann war alles vorbei. Die Bilder waren fort und mit ihnen der Zweifel an Coupièrs Tod.

Harold von Caranor fand sich auf dem Boden der Eingangshalle wieder. Einer seiner Leibwächter griff ihm soeben unter die Arme und half ihm hoch.

Exzellenz? Geht es Ihnen gut?

Ja… Caranors Stimme klang krächzend, es kratzte in seinem Hals. Bitter schmeckte er Galle und spie aus.

Wo ist…, begann der Leibwächter.

Coupièr ist tot, unterbrach ihn der Sternenkönig. Gehen wir.

Er verließ die Eingangshalle und trat in den Innenhof, wo bereits ein schwergepanzerter Gleiter wartete, der ihn ebenfalls zu Williams Flaggschiff bringen würden.

Nachmittag

Die Räumlichkeiten des neuen Taktikums lagen in einer schwergepanzerten, ellipsoiden Hülle direkt unterhalb der Kommandozentrale von William von Caranors Flaggschiff. Es war ein exaktes Ebenbild des alten Taktikums und nur über einen einzigen Zugang zu betreten.

Der Eingangsbereich war derzeit verschlossen. Die Positronik leitete Informationen direkt an das taktikumseigene Rechenhirn weiter.

Das Büro des Regenten war verlassen.

Caranors Kriegsstrategen saßen versammelt an dem mächtigen Tisch des Führungsraums und berieten über das weitere Vorgehen.

Harold Richard von Caranor selbst stand vor Kopf und lauschte den Ausführungen seines Stabes mit unbewegter Miene. In ihm brodelte es; der mächtigste Mann der Galaxis versuchte, Ruhe zu bewahren und seine innere Ausgeglichenheit wieder zu erlangen.

…ist unseren Schiffen immer noch unmöglich, den Wunderschiffen der Rebellen auch nur einen Kratzer zuzufügen, wurde soeben eine Nachricht Williams von Caranor weitergeleitet.

Diese feigen Rebellenschweine nutzen sicherlich weiterhin die geschlagenen Wunden unserer Abwehr, um auf die Planeten des Systems zu gelangen und unsere Infrastruktur zu erobern, schimpfte General Lothar von Caranor. Der hundertzwanzig Jahre alte Cousin des Sternenkönigs war sein ältester Weggefährte und hatte nur wenige Monate nach ihm das Licht der Welt erblickt.

Lothar war Befehlshaber über die Bodentruppen gewesen, bevor er in Harold von Caranors Beraterstab gewechselt war. Seine Haut war runzelig und von den Sonnen zahlreicher Planeten verbrannt. Ein unnachgiebiger Mann, hart zu sich selbst wie zu seinen Untergebenen.

So schwer es mir fällt, das zu sagen, Cousin. Doch wenn William diese Entwicklung nicht stoppen kann, werden wir an die Möglichkeit denken müssen, unsere Anlagen zu zerstören, bevor sie in die Hand des Feindes fallen, riet Lothar.

Die restlichen neun Berater stimmten nickend zu.

Harold von Caranor schätzte die Offenheit dieser Männer. Er konnte keine verweichlichten Speichellecker um sich herum gebrauchen. Davon gab es mehr als genug im Dunstkreis des Palastes. Bücklinge, denen Rückgrat und Stolz fehlten, widerten den Sternenkönig an.

Harold von Caranor nickte. Notfalls würde er das SOL-System den Gegnern preisgeben und von einem anderen Stützpunkt aus eine Rückeroberung planen. Es wäre eine Schmach, mit der man leben musste; die Alternative wäre der Untergang.

Wie sieht es in den anderen betroffenen Systemen aus?, erkundigte sich der Sternenkönig.

Die holografische Darstellung der Schlacht um das heimatliche SOL-System wechselte zu einer Übersicht des Kerngebietes des Reichs.

Die acht wichtigsten Systeme, das Rückgrat der Macht, waren rot gekennzeichnet. In ihnen wüteten die Rebellen mit ihrer Wunderwaffe.

Violette Symbole kennzeichneten die Flottenstützpunkte, von denen Unterstützung abgezogen worden war.

Für einen unbedarften Beobachter würden die unzähligen verschiedenfarbigen Symbole und Linien einen verwirrenden, chaotischen Anblick bieten. Für die Augen eines Strategen wie Harold von Caranor bot sich ein wahres Wunderwerk der Kriegskunst. Caranor erkannte darin eine herrliche Ordnung.

Dennoch verloren sie immer mehr Boden unter den Füßen. Wie eine Pestilenz wüteten die Rebellen in den blühenden Zentren des Reiches.

Neu-Europa ist kurz davor, zu kapitulieren. Die äußeren Planeten Neu-Spanien und Neu-Italien sind bereits an den Feind gefallen. Es ist unseren Streitkräften nicht gelungen, alle wichtigen Fabriken zu zerstören, bevor sie in Feindeshand fielen. Der Gouverneur hat zu lange gezögert, die Demontage zu befehlen.
Neu-Asien und Delta Minoras planen ebenfalls die Kapitulation
, erklärte Admiral Venever, der einem Seitenzweig der caranorschen Familie entsprang.

Befehlen Sie den Flottenführern der betroffenen Systeme, sich zurückzuziehen, sollten sie eine Verteidigung des Systems für unmöglich halten.

Harold von Caranor atmete beinahe unmerklich aber tief ein, bevor er die nächsten Worte aussprach.

Die Fabrikationsplaneten sind aus dem Orbit heraus zu zerstören.

Die Augen seiner Berater weiteten sich vor Schreck; bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Dennoch widersprachen sie nicht, sondern erkannten die unbedingte Notwendigkeit des Befehls.

Besser die Planeten und Bürger verlieren, als die Ressourcen dem Feind zu überlassen.

Niemand beneidete den Sternenkönig darum, diese Entscheidung treffen zu müssen.

Ich empfehle als Treffpunkt unserer sich zurückziehenden Flotten den geheimen Stützpunkt Hades, schlug Venever vor.

Hades war ein Geheimprojekt der Flotte, von dem nur die obersten Strategen wussten. Ein Flottenstützpunkt inmitten einer zentral im Reich gelegenen Dunkelwolke. Von dort aus sollte die Reichsflotte eine Rückeroberung des Imperiums planen und ausführen. Nie hatte Harold von Caranor daran geglaubt, dass er eines Tages auf diesen Notfallplan würde zurückgreifen müssen.

Leiten Sie den Befehl weiter, stimmte der Sternenkönig zu. Fahren Sie fort.

Admiral Venever setzte an, als das Konterfei einer Ordonanz auf dem Zentralhologramm entstand.

Das Gesicht des jungen, blonden Mannes war gerötet, ein Glanz lag in seinen Augen, als er endlich zu sprechen begann.

Exzellenz, begann er. Die Riesenschiffe der Rebellen … sie fallen aus.

Geht das auch genauer?, herrschte ihn Harold von Caranor ungehalten an.

Die Schutzschirme fallen aus, die Waffensysteme versagen. Plötzlich sind diese unangreifbaren Raumschiffe verwundbar. Wir landen soeben die ersten Wirkungstreffer.

Die Augen des Mannes leuchteten auf.

Harold ließ wieder den Kampfverlauf im SOL-System holografisch über dem Tisch einblenden.

Nach knapp einer Viertelstunde verging das erste der geheimnisvollen Schiffe im Feuer der Heimatflotte SOL.

Admiral Venever?

Nach und nach erhalten wir Meldungen aus den anderen angegriffen Systemen. Auch dort geschieht dasselbe.

Ein Lächeln stahl sich auf Harold Richard von Caranors Lippen.

Exzellent.

Kapitel 5

Später Nachmittag

Fabian Gerill war tot. Mehrere Stunden lang hatte er einen erbitterten Kampf geführt, den Celice ihm nicht zugetraut hatte. Bei ihrem ersten Aufeinandertreffen an Bord der CLAW während der Schlacht um GERWILL-Station hatte sie ihn als tapsigen, dicklichen Mann kennengelernt.

Sie hatte nicht viele Worte mit ihm gewechselt, seit das Schicksal sie zusammengeführt hatte. Dennoch berührte sie der Tod des Mannes.

Gerill und Brix, beide waren keine Kämpfer, sondern einfache Schmuggler. Haddington hätte die beiden nie auf dieses Himmelfahrtskommando schicken dürfen.

Ebenso wie diese beiden kämpften nun aber Tausende von Zivilisten in den Reihen des THYDERY-Verbunds und starben.

Kelvin hatte des Geldes wegen zugesagt, glaubte Celice. Vielleicht auch wegen seiner Perspektivlosigkeit. Was auch immer, er hatte seinem Freund die Entscheidung freigelassen, sich wie so viele andere von der Rebellion loszusagen und zu fliehen.

Er hatte es nicht getan.

Die Freundschaft zwischen den zwei Männern schien tiefer gesessen zu haben als jede Furcht und Vernunft.

Nun lag die Leiche des Freundes in Kelvins Armen. Er hatte den Kopf des Toten in seinen Schoß gebettet und den Blick gesenkt.

Kelvin trauerte. Er wollte es nicht zeigen, doch Celice bemerkte, wie stille Tränen aus seinen Augen auf den schmutzig verstaubten Kampfanzug tropften und dunkle Spuren hinterließen.

Die warme Nachmittagssonne des ostamerikanischen Aprils schien wie vor Hohn hell durch die Deckenscheiben des hydroponischen Gartens. Langsam wanderte sie in Richtung Westen, um hinter dem Horizont zu versinken und diesen geschichtsträchtigen Tag zu beenden.

Celice wandte ihren Blick ab, um zumindest einen kleinen Beitrag zu leisten, Kelvin eine kurze Zeit der ungestörten Trauer zu gönnen.

Die übrigen Rebellen taten es ihr gleich. Lediglich die Reichssoldaten starrten weiterhin wachsam auf den Schmuggler und den Toten. Doch auch einige wenige aus ihren Reihen wandten den Blick ab.

Das Warten auf ein unbestimmtes Ereignis, von dem der Commander der Reichssoldaten ihnen nichts erzählen wollte – oder, wie Celice vermutete, nicht konnte, weil er es selbst nicht wusste – machte die Gruppe mürbe.

Duvall ging durch die Reihen der am Boden sitzenden Rebellen und sprach ihnen Mut zu.

Einige von ihnen gingen den Kordon der Reichssoldaten ab, die sich mit der Überwachung der Rebellengruppe im Halbstundentakt abwechselten.

Saul war einer von ihnen. Er warf nervöse Blicke zu den dunkel verspiegelten Visieren der Soldaten, die in ihren Kampfanzügen wie schwarze Käfer aussahen – tödliche Käfer mit Feuer spuckenden Waffen.

Slavo blieb bemerkenswert ruhig und abgebrüht für sein Alter. Doch an dem stetigen Öffnen und Schließen seiner Fäuste erkannte Celice, wie sehr es in ihm brodelte.

Ronald Royal saß allein vor dem Tor der Gartenanlage und hatte die Augen geschlossen.

Erst hatte das Wesen im Körper eines alternden Mannes noch versucht seine Leute aufzumuntern. Er hatte ihnen von den KHALAKUR erzählt, und dass sie eine mächtige Unterstützung seien.

Irgendwann war er verstummt und hatte sich zurückgezogen. Celice war zu ihm getreten.

Sieht es nicht gut aus?

Nein.

Was ist mit den KHALAKUR?

Royal hatte nicht geantwortet und seitdem kein Wort mehr gesprochen.

Ein hohes Summen holte Celice aus ihren Gedanken. Endlich tat sich etwas. Sie sah auf und erhob sich von ihrem Platz neben dem Orchideenbeet.

Vier Soldaten kamen den mit hellen Steinen gepflasterten Weg von der gegenüberliegenden Seite der Gartenanlage entlang. Zwischen ihnen schwebten zwei Antigravplattformen, auf denen Geräte standen, die Celice als Holoprojektoren identifizierte. Winzige Objekte schwebten aus der Hand eines der Männer in die Höhe und verteilten sich über der Rebellengruppe.

Die Rebellen sprangen auf und wechselten nervöse, ängstliche Blicke, fingen an, wild durcheinander zu reden.

Celice gab sich erst gar nicht die Mühe, beruhigend einzugreifen. Das übernahm Royal für sie, mit seiner übernatürlichen Gabe.

Er gab sich überhaupt keine Mühe mehr, seine Identität geheim zu halten. Er wusste wohl, dass es nun keinen Sinn mehr machte. Ihr Plan war durchschaut, die Übermacht im Palast erdrückend, Royals Anwesenheit entdeckt. Seinen Worten zu Folge kam nun alles auf den Ausgang der Raumschlacht an, den sie hatten beeinflussen wollen.

Die Soldaten positionierten die Holoprojektoren vor und hinter der Rebellengruppe und aktivierten sie.

Von einem auf den anderen Augenblick schien Celice im freien Weltraum zu schweben.

Unzählige Raumschiffe rasten um ihren Kopf, beschossen sich und explodierten in grellen, bunten Feuerblumen, die rasch im Vakuum erstickten.

Ohne Freund-Feind-Erkennung war es beinahe unmöglich, zu erkennen, welche der Parteien Überhand hatte.

Ich befürchte, es sieht nicht gut für uns aus, raunte ihr Duvall zu, der neben sie getreten war. Er rümpfte seine kurze Stupsnase, die mitten in einem breiten, roten Gesicht saß. Sonst würden die uns das nicht zeigen.

Wie der Terraner soeben vermutet hat, alter Freund, sieht es nicht gut aus für deine Rebellen, erklang plötzlich eine Stimme aus den Lautsprechern.

Sie klang glatt und geschliffen, dem Tonfall am Hofe des Sternenkönigs perfekt angepasst. Ein gefährlicher, spöttischer Unterton schwang darin mit.

Aber höre doch selbst.

Die Stimme verstummte. Stattdessen wurden Funksprüche eingespielt.

Die KHALAKUR verlieren ihre Schutzschirme… werden vernichtet wie Tontauben… was ist da los? Rauschen…

Wurden getroffen… Hüllenbruch in mehreren Sektionen… Rauschen…

Stehen unter massiven Beschuss… benötigen dringend Unterstützung… mehrere Volltreffer… Rauschen…

S.O.S. Helft uns! Ahhh…! Rauschen…

Unser Verband wurde aufgesplittert… Können uns nicht mehr lange halten… Rauschen… Die eingespielten Hyperfunksprüche schufen eine vernichtende Symphonie der Niederlage Thyderys.

Celice sah, wie die Rebellen die Schultern hängen ließen. Einige sackten förmlich in sich zusammen, gingen in die Knie. Ein Mann begann schluchzend zu weinen.

Ronald Royal senkte ergeben den Blick.

Es war vorbei. Der Angriff auf das SOL-System war gescheitert.

Wieder erklang die Stimme des unbekannten Widersachers.

In den anderen Reichssystemen, die von euren Flotten angegriffen werden, sieht es nicht anders aus.
Du hast verloren, Ronald Royal. Das Spiel ist aus.

Der Mann lachte.

Die KHALAKUR waren, zugegeben, ein interessanter Schachzug. Ich habe erst nicht geglaubt, dass deine Männer tatsächlich auf eine Spur dieser mystischen Schlachtschiffe stoßen würden. Als es doch so weit war, gelang es mir, sie vor euch zu entdecken und einen schlafenden Virus einzuschleusen. Es war zu nett, mich zu ihnen zu führen.
Einer meiner Agentinnen gelang es, sich in eure Gruppe im Trümmerfeld Riotoo einzuschleusen und zu helfen, die KHALAKUR ausfindig zu machen und für euch zu gewinnen.
Ab da war es ein Leichtes, deine verzweifelten Rebellen zum letzten unvorsichtigen Schritt zu verleiten.
Es dürfte nicht mehr allzu lange dauern, bis der letzte KAHALAKUR gefallen ist und das Reich obsiegt.
Akzeptiere deine Niederlage, alter Freund!

Ronald Royal trat aus den Reihen seiner Mitstreiter hervor.

Er trat auf den kreisrunden Platz inmitten des Gewächshauses. Seine Schritte waren kurz und es schien kaum noch Kraft in seinen Bewegungen zu stecken. Wie ein Greis schleppte Royal sich Schritt für Schritt vorwärts, im Rücken die tiefer sinkende Sonne. Schwächer werdende Sonnenstrahlen fielen durch das grüne Blätterdach, als er in der Mitte des Platzes stehen blieb und wartete.

Unter ihm zeichneten weiße Marmorsteine inmitten des Natursteinpflasters das Bild eines weißen Löwen – das Wappen der Caranor.

Ein Mann kaum aus der entgegengesetzten Richtung. Celice schätzte ihn auf knapp einen Meter siebzig. Seine dunklen Haare waren streng nach hinten gekämmt, sein Gesicht ebenmäßig und glatt. Nur um die Mundwinkel und die Augen herum gruben sich spöttische Lachfalten.

Seine Schritte waren energisch und kraftvoll. Geschmeidig wie eine Raubkatze ging er seines Weges. Jede seiner Bewegungen löste in Celice einen inneren Alarm aus.

Er blieb für einen Moment stehen, zog die dunkle Jacke mit den Insignien des Reiches aus und reichte sie einem heraneilenden Soldaten. Dann öffnete er den obersten Knopf seines blütenweißen Hemdes und atmete tief durch.

Er ging weiter auf Royal zu. Celice konnte dessen Gesichtsausdruck nicht sehen, da er ihnen den gekrümmten Rücken zuwandte. Royal hatte die Schultern nach vorne gezogen, als hätte er ein schweres Gewicht zu tragen. Die Arme hingen schlaff an den Seiten herab.

Wenige Meter vor ihm blieb der Mann stehen und grinste breit.

Darf ich mich vorstellen? André Coupièr, Leiter des terranischen Geheimdienstes und oberster Leibwächter des Sternenkönigs. Er legte den Kopf schräg, als müsse er nachdenken, und fügte dann lächelnd hinzu: A.D.

Er umkreiste in gleichbleibendem Abstand den niedergeschlagen dastehenden Royal und musterte ihn schmunzelnd.

So ein alter Körper, mein Freund. Oder scheint es nur so, im Augenblick deiner größten Niederlage? Wir sind uns doch im klaren darüber, dass dies unser letzter Kampf war, nicht? Er lachte. Ronald Royal also. Nie von gehört. Ich hatte ja auf dich als Anthony Haddington getippt. Aber als dieser fahnenflüchtige Reichsarchivar dann in den Reihen Thyderys aufstieg und prominenter wurde, dachte ich mir, dass du es nicht sein kannst. So unvorsichtig warst du nie.

Er trat von hinten an Royal heran, senkte seinen Kopf zu dessen Hals und roch an ihm.

Aber das, ja, das bist du, alter Freund.

Er stellte sich wieder vor ihn, brachte zwei, drei Meter zwischen sich und seinen Widersacher und sah ihm tief und vergnügt in die Augen.

Jeder der Umherstehenden schwieg, hielt gespannt die Luft an, darauf wartend, was passieren würde.

Bist du bereit?

Royal hob den Kopf, erwiderte Coupièrs Blick und reagierte endlich.

Er blickte in die Reihen der Soldaten, ein Handstrahler schoss förmlich auf ihn zu. Coupièr zog überrascht die Augenbrauen in die Höhe.

Alarmiertes Geschrei ertönte in den Reihen der Soldaten, freudige Rufe erklangen von den Rebellen. Celice beobachtet gespannt was nun geschah.

Die Soldaten wollten das Feuer auf Royal eröffnen, eine Gruppe von fünf Rebellen warf sich ihnen in den Weg. Doch Royal hatte bereits reagiert und wirbelte mit seinen übernatürlichen Kräften die Soldaten durcheinander.

Celice beobachtete, wie Coupièr einen Gegenstand aus der Hosentasche zog und einen Knopf drückte. Ein Schimmern umschloss ihn. Irgendwo musste ein Schutzschirmprojektor positioniert sein.

Doch Royal hatte nicht die Absicht, Coupièr anzugreifen. Er hob den Handstrahler an seine Schläfe und drückte ab.

Celice sah weg. Ein dumpfer Knall erklang, als Royals Körper auf den Boden aufschlug.

Neben ihr schlug Slavo die Hand vor den Mund. Tränen schossen ihm in die Augen, und er ging würgend in die Knie.

Währenddessen hatten die Reichssoldaten sich wieder gesammelt und die fünf Rebellen zusammengeschlagen. Vor Schmerzen gekrümmt lagen sie ebenfalls auf dem Boden.

Als Celice wieder hinsah, stand Coupièr seufzend vor dem Leichnam Royals. Der Schutzschirm war erloschen, und Coupièr blickte auf den toten Widersacher hinab.

Schade. Eigentlich hätte der Coup de Grace ja mir zugestanden.

Ein Knistern lag zwischen den beiden übernatürlich begabten und uralten Wesen in der Luft. Es gab keine optischen Erscheinungen, doch Celice glaubte zu spüren, wie Energien von Royal auf Coupièr übergingen.

Minuten vergingen, die Sonne sank allmählich hinter den Horizont. Die Wolken schimmerten rosa.

Slavo hockte auf dem Boden und starrte auf Ronald Royals Leichnam. Celice wusste nicht, was sie dem Jungen sagen sollte. Carina Held hätte ihm jetzt vielleicht helfen können, doch Royals Stellvertreterin saß irgendwo anders im Palast fest oder war bereits tot.

Niemand wusste, was mit den anderen Rebellen geschehen war, oder nun mit ihnen geschehen würde. Zumindest die Frage um ihr weiters Schicksal würde sich nun klären, denn Coupièr trat auf sie zu. Seine Soldaten schützten ihn mit erhobenen Waffen.

Keine Angst, sagte Coupièr zu Celice und Kelvin, als er vor ihnen stand. Sie haben nichts zu befürchten. Ich werde diesen Wahnsinn nun beenden.

Wie auf Kommando sackten die Reichssoldaten in sich zusammen, fielen mit schepperndem Krachen der gepanzerten Kampfanzüge auf den Boden.

Nur ein harmloser Nervenschock, versicherte Coupièr auf Celices erschrockenen Blick hin. Ich bin ja kein Monster.

Wiederum legte er den Kopf schräg.

Na ja, vielleicht doch. Er lachte, befreit wie ein Kind am Ziel all seiner Wünsche.

Celice spürte ein Vibrieren unter ihren Füßen. Vögel flogen aus den Baumwipfeln hervor, schwirrten mit lautem Protestzwitschern über den Köpfen der Rebellen umher.

Ein Donnergrollen ertönte, und durch die gläserne Decke erkannte Celice ein Aufblitzen. Metallsplitter und Steine prasselten auf das Dach nieder und ließen das Glas splittern. Rußig schwarzer Rauch stieg aus der Richtung des Taktikums in den Himmel empor.

Bums, kommentierte André Coupièr. Das waren Ihre Sprengsätze. Sie sind wieder im Spiel.

Firo?, ertönte Carina Helds Stimme in Celices Funkempfänger. Was ist mit Ihnen? Royal antwortet nicht. Wir waren festgesetzt, doch plötzlich ist jeder Widerstand gebrochen. Die Reichssoldaten fielen wie Puppen zu Boden.

Keine Zeit für lange Erklärungen. Setzen Sie Ihre Mission fort! Firo Ende.

Celice suchte mit ihren Blicken den Platz nach Duvall ab und fand ihn inmitten der anderen Rebellen, die sich wieder bewaffneten.

Duvall, Sie führen den Angriff auf das Taktikum. Ich kümmere mich um unseren neuen ›Freund‹ hier.

Duvall bestätigte nickend und setzte sich an die Spitze der Gruppe.

Kelvin machte sich ebenfalls auf den Weg.

Slavo, du bleibst hier und hilfst mir.

Coupièr hatte es sich währenddessen unter dem Baum gemütlich gemacht, von dem aus bereits Celice die roten Orchideen bewundert hatte.

Celice und Slavo gingen zu ihm.

Kapitel 6

Zur selben Zeit

William von Caranor stand allein inmitten der Zentrale einer Korvette. Der Besatzung dieses Beibootes seines Flagschiffes hatte er befohlen, das Schiff zu räumen. Ein Kurs war vorprogrammiert, dem das Beiboot nach dem Ausschleusen folgen würde.

Er starrte auf die verschiedenen Darstellungen von Ausschnitten des SOL-Systems, die über den Hologlobus flimmerten.

Nach dem plötzlichen Ausfall der riesigen schwarzen Wunderschiffe der Rebellen hatte die Heimatflotte SOL die Überhand gewonnen und eine starke Phalanx zum Schutz der heimatlichen Planeten bilden können.

Doch nur wenige Stunden später waren die Formationen seiner Flotte durcheinander geraten, als würden widersprüchliche Befehle gegeben. Die Raumschiffe vergingen im Feuer der Rebellenraumer, zerstoben wie Feuerblumen unter den konzentrierten Strahlenbahnen. Zur gleichen Zeit hatte sein Onkel erbost gefragt, warum das Taktikum an Bord des Schiffes plötzlich funktionsunfähig geworden war.

William hatte nur eine einzige Antwort darauf: Coupièr.

Zwar galt der Geheimdienstchef als tot, doch konnte William nicht daran glauben, dass sein ehemaliger Ausbilder einen so banalen Tod gestorben war, wie ihn Harold von Caranor knapp geschildert hatte.

Eher glaubte William an einen großen Bluff Coupièrs. Warum auch immer sein Onkel nicht schon früher gehandelt hatte, nun bekam er die Quittung für diese Verfehlung.

Nie hatte William eine rationale Erklärung dafür gefunden, warum Coupièr über so viel Macht verfügen durfte. Warum sein Onkel diesem Mann derart vertraute.

Es würde William nicht verwundern, sollte Coupièr seit langer Zeit seine eigenen Ziele vorangetrieben haben. Auch das plötzliche Auftauchen der mysteriösen schwarzen Raumriesen, die seine Flotte dezimiert hatten, mochte auf Coupièr zurückzuführen sein.

Doch all das waren nur Spekulationen, die ihn hier und jetzt nicht voran brachten. Das Reich, dass er einst hatte erben sollen, war dem Untergang geweiht, soviel stand fest.

Eine Verteidigung des SOL-Systems war unmöglich geworden; William musste sich in den Untergrund zurückziehen, um neue Pläne zu schmieden. Jedoch bot ihm das gegenwärtige Chaos, in dem sein Onkel die Kontrolle verloren hatte, eine einzigartige Möglichkeit.

Das Hauptschott zur Zentrale öffnete sich zischend und William wandte sich um.

Kampfroboter führten seinen Onkel und dessen Beraterstab in die Zentrale des Beibootes. Stahlfesseln prangten an den Hand- und Fußgelenken der alten Männer. In der Mitte der Gruppe stolperte der Sternenkönig auf William zu.

Die Waffenarme eines Roboters zielten mit flirrender Mündung auf den asketisch wirkenden Mann, der eine schlichte, schwarze Uniform trug und mit hochrotem Kopf losbrüllte, als er William gewahr wurde.

Du verdammter Erbschleicher! Speicheltropfen spritzten durch die Luft, als Harold von Caranor schrie. Seine Augen funkelten in fiebriger Erregung. Noch nie hatte William seinen Onkel derart unkontrolliert erlebt.

Ist das dein Spielchen? Hast du dich mit Coupièr und diesem verdammten Abschaum von Rebellen zusammengetan, um mich zu stürzen?

Zorn wallte in William auf, als er sich diese Vorwürfe anhören musste. Nur mühsam hielt er sich zurück, erinnerte sich an Jagomirs Lehren.

Zorn macht dich schwach, er lässt dich emotional und unüberlegt handeln. Er ist neben der Angst und der Überheblichkeit dein größter Feind. Mach ihn stattdessen zu deinem Freund und lasse deine Feinde danach handeln.

Mit einem Atemrhythmus altterranischer Kampflehren, den ihn sein Mentor vor langer Zeit gelehrt hatte, hielt er seine Gefühlswallungen unter Kontrolle.

Ich habe nichts mit den Rebellen oder Coupièr zu tun, Onkel. Das letzte Wort hätte er am liebsten ausgespuckt, doch fuhr er in der aalglatten Art fort, mit der Coupièr ihn stets zur Weißglut getrieben hatte.

Du bist schuld am Untergang des Reiches, warf er ihm vor, im Bewusstsein den Sternenkönig derart am meisten zu treffen: Im Stolz auf sein, zugegeben großartiges, Lebenswerk.

Was? Bist du von Sinnen, du elender Hund! Ich hätte es wissen müssen. Du bist ein Schwächling, ein Verräter, genau wie dein Vater einer war. Ein Verräter an den Werten der Caranor! Ich verstoße dich, du undankbarer … was auch immer!

William analysierte Harold von Caranors Verhalten ganz genau: wie die Adern am Hals des Königs hervortraten, Äderchen in seinen Augen platzten und Tränen der Wut aus den Augenwinkeln tropften. Wie seine Lippen bebten.

William rief sich die Biowerte seines Onkels auf sein DataVis. Blutdruck und Adrenalinwert stiegen. Das Herz hämmerte regelrecht in der alten Brust.

Der einstige Thronfolger gönnte sich ein herablassendes Lächeln.

Es ist schade um das Reich. Doch mir wird es gelingen, es wieder aufzubauen. Größer und stärker als du es je vermochtest. Und der Name Dorian von Caranor wird einen Ehrenplatz in den Annalen derer von Caranor einnehmen. Ganz im Gegensatz zu deinem, du Mörder.

Harold spuckte William vor die Füße, raste vor Wut und Hass. William hatte schon etliche Wutausbrüche seines Onkels miterleben müssen, wenn Harold von Caranor seine Ziele in Gefahr gesehen hatte. Erst vor ungefähr einem Monat hatte er sich für sein Vorgehen bei der Jagd auf den Etho Mantovani zurechtweisen lassen müssen.

Doch der jetzige Ausbruch überstieg alles bisher Dagewesene.

Mörder? Eine harte Hand ist unverzichtbar, bei der Expansion und Aufrechterhaltung eines solch großen Imperiums! Ich dachte, du hättest das in den letzten Jahren gelernt! Stattdessen hast du dich lieber mit deiner Hure herumgetrieben, wie?

Da war das Stichwort, auf das William gewartet hatte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, heißer Zorn drohte ihn zu übermannen. Am liebsten hätte William ihm freien Lauf gelassen und die Wahrheit aus seinem Onkel herausgeprügelt.

Du hast Dominique ermorden lassen, warf er seinem Onkel vor, kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. William spürte, wie nun auch seine Lippen zu beben begannen. Ein Zeichen, dass Harold von Caranor falsch einschätzte.

Gleich fängst du an zu heulen, wie als kleiner Junge, als ich dich zu mir holen ließ. Ich hätte wissen sollen, dass du bei all meiner guten Erziehung zu sehr auf deinen Vater kommst. Du wirst heulen, wegen einer elenden Hure!

Sprich nicht so von ihr, schrie William nun doch.

Was für ein Jammer, William. Die Macht über ein galaktisches Imperium wegzuwerfen für ein drogenabhängiges Mädchen. Hätte ich nur früher davon erfahren, hätte ich Coupièr viel früher befohlen, sie aus dem Weg zu schaffen.

Hatte Jagomir auch mit Dominiques Tod zu schaffen?, fragte William mit erhobenem Haupt, nicht Willens, eine Schwäche zu zeigen. Nicht vor seinem Onkel. Nur Dominique gegenüber hatte er sich öffnen können.

Jagomir? Harold lachte abfällig, seine Stimme überschlug sich und William erkannte, wie sein Onkel dem Wahnsinn anheim fiel.

Jagomir! Du hast dich von einem DataVis-Programm erziehen lassen, einem Programm, das meine besten Spezialisten entworfen haben. Ein Programm war dein bester Freund und du hast es nie gemerkt? Bist du so verblendet, William?

Wie Blitze tauchten Erinnerungen in Williams Gedächtnis auf:

Jagomirs erstes Erscheinen im Kerker, indem William zusammen mit dem Alien gefangen war. Als er das erste Mal in seinem Leben tötete.

Jagomir, wie er William bei der Jagd auf den weißen Löwen begleitete.

Jagomir, wie er ihm in all den Jahren mit freundschaftlichem Rat zur Seite gestanden hatte.

Jagomir, den William erbost zurückwies, als dieser ihn von Dominique trennen wollte.

Der Begleiter eines Großteils seines Lebens – nur ein DataVis-Programm?

Manipuliert, murmelte William. Immer manipuliert. So wie Pasqui…

Pasqui, der Rosenjunge, den Coupièr in ein Monster verwandelt hatte. Manipuliert, so wie er selbst, William stets manipuliert worden war. In allen Bereichen seines Lebens. Nie war er frei gewesen.

Damit ist nun Schluss!

William, sei doch vernünftig, mischte sich nun Lothar von Caranor ein. Alles war nur zu deinem Besten gedacht. Seine Stimme klang wie immer rau und in ihr schwang der Unterton gnadenloser Härte. Dieser Mann würde nie verstehen, was William fühlte.

Auch Admiral Venever wollte die Stimme erheben, doch William befahl ihm, zu schweigen. Die flirrende Waffenmündung eines Kampfroboters unterstrich die Forderung.

William näherte bis auf wenige Zentimeter dem alten General und sah ihm tief in die blassgrauen Augen.

Nichts, was geschah, geschah meinetwegen. Sondern stets nach eurem Willen, dass ich das Reich in eurem Sinne weiterführen sollte. Doch euer Weg ist nicht der meine.

Per DataVis wechselte William das Bild auf dem Zentralhologramm. Das Abbild des Beiboothangars entstand. Mit einem weiteren mentalen Befehl startete William die Ausschleusung.

Die Hangartore öffneten sich, und gleißende Helligkeit flutete die Zentrale. Filter wurden dazwischen geschaltet, und die Männer erkannten die granulatartige Oberfläche der Sonne.

Ich wünsche einen guten Flug, verabschiedete sich William.

Was…?

Das darfst du nicht machen!

William, das ist doch Wahnsinn!

Die Stimmen der Berater überschlugen sich panisch. Die einen verfluchten ihn, die anderen flehten um Gnade.

Nur Harold von Caranor stand stumm und erhobenen Hauptes vor dem Hologramm und sah seinem Tod entgegen.

William hatte damit gerechnet, dass sein Onkel keine Schwäche zeigen würde. Dafür war er zu sehr Caranor.

Ein Starrkopf selbst im Angesicht des Todes, dachte William bei sich. Alles andere hätte mich auch enttäuscht.

Wortlos, die Verwünschungen und Bitten der alten Männer ignorierend, verließ William das Beiboot.

Kurze Zeit später verließ er das SOL-System.

Kapitel 7

Früher Abend

Der Himmel brannte.

Greller Feuerschein und dunkler Rauch stiegen in den Himmel, während die Rebellen die Kontrolle über den Palast übernahmen und ihre Nachhut eingriff. Letztendlich gelang ihr Plan doch noch.

Und das durch die Hilfe des Feindes.

André Coupièr saß an den Baum gelehnt und schien sich prächtig zu amüsieren. Seine Augen strahlten vor Freude und ein seliges Lächeln lag auf seinen Lippen.

Das Taktikum ist in unserer Hand. Seltsamerweise haben wir Zugriff auf alle Funktionen und können mächtig Unordnung in die Koordination der Heimatflotte SOL bringen. Mir ist das alles schleierhaft, meldete soeben Duvall.

Ich kann mir schon denken, wer dafür verantwortlich ist, antwortete Celice. Mir ist aber ebenso schleierhaft wie Ihnen, aus welchem Grund. Aber vielleicht erklärt sich unser neuer ›Freund‹ ja.

Celice hatte so laut gesprochen, dass Coupièr sie verstand. Der Mann sah zu ihr hinauf und lächelte freundlich. Befremdet hob Celice die Oberlippe.

Verläuft alles nach Plan, Miss Firo?, fragte er.

Was soll das alles? Ich verstehe nicht, warum Sie uns helfen. Und woher kennen Sie meinen Namen?

Ich bitte Sie. Celice Firo, die Henkerin von Senzia. Natürlich kenne ich so einen prominenten Namen, erklärte er lachend. Es ist übrigens unhöflich, mit einer Gegenfrage zu antworten.

Natürlich läuft alles nach Plan. Das sollten Sie doch wohl am besten wissen. Nicht wahr? Also, warum helfen Sie uns?

Uns? Also sehen Sie sich als eine von ihnen?

Verärgert kniff Celice die Augen zusammen.

Nun, ich begrüße es, dass das Reich zerfällt. Wirklich. Wenn wir ehrlich sind, war das Caranor-Regime doch beschissen, nicht? Wahrscheinlich hätte es sich in den nächsten zehn, zwanzig Jahren selbst zugrunde gerichtet und wäre untergegangen. Jedes große Reich, das weiter und weiter expandiert, überschreitet einmal seinen Zenit und beginnt, marode zu werden. Das müssten die Terraner aus ihrer Geschichte gelernt haben. Babylon, Rom, die Vereinigten Staaten von Amerika…

Coupièr pflückte eines der Gänseblümchen, die zu Dutzenden auf der Wiese unter der Linde wuchsen, und drehte es zwischen den Fingern, beobachtete die Blüte, während er fortfuhr.

Pech für Royal, dass er es nicht einfach ausgesessen hat. Glück für mich.
Nun ja, als großzügiges Abschiedsgeschenk gebe ich euch die Freiheit wieder.

Wie edel. Celice verzog angewidert das Gesicht.

Slavo verfolgte mit steinerner Miene die Ausführungen Coupièrs, des Mannes, der für den Tod unzähliger Lebewesen verantwortlich war. Und wofür?

All die Toten, verteilt über Hunderte von Jahren. Wofür das alles?

Coupièr sog tief die schwüle Luft ein und legte die Blume beiseite. Er verschränkte die Hände in seinem Schoß und sah Celice direkt in die Augen.

Es war der Sache angemessen. Sie haben ja keine Ahnung. Glauben Sie wirklich, der THYDERY-Verbund hätte Frieden und Wohlstand über die Milchstraße gebracht?
Royal wäre ein Narr gewesen, so etwas zu glauben. Die KHALAKUR hätten nie in die Hände von euch Primitiven gelangen dürfen. Ihre Zerstörung war notwendig.
Ein Regime wäre gegangen, das nächste entstanden. Über kurz und lang hätte dieser Weg wieder in eine Diktatur geführt.

Das beantwortet nicht meine Frage.

Nun, das Spiel ist gelaufen. Es wird Zeit für mich.

Ein Spiel? Wut erfasste Celice, das Blut schoss ihr ins Gesicht. Mit einem unmenschlichen Reflex ließ sie ihren künstlichen Arm nach vorne schnellen, packte Coupièr am Kragen und zog sein Gesicht an ihres heran.

Der begann zu lachen.

Was glauben Sie denn?

Ronald Royal hat… hat erzählt, dass es ein uralter Kampf zwischen ihnen ist. Ein Kampf zwischen Gut und Böse, brachte Slavo mit bebenden Lippen hervor. Er wollte uns helfen, um den Milchstraßenvölkern ihre Freiheit zurückzugeben.

Mit unglaublicher Kraft wurden Celices kybernetische Finger auseinandergedrückt, und Coupièr erhob sich. Er richtete sein Hemd und ging dann auf Slavo zu, der einen Meter neben Celice ebenfalls im Schatten des Baumes stand.

Nicht mehr die Sonne spendete ihr warmes Licht, sondern prasselndes Feuer aus dem Innenhof des Palastes, der über dem hydroponischen Garten lag.

Wie putzig. Es war wirklich kein Spiel in eurem Sinne. Nicht, um uns zu vergnügen. Was hat er euch noch erzählt?

Nicht viel, übernahm Celice wieder das Reden und kramte im PrivMem ihres DataVis. Er erzählte von einem ewigen Kampf zwischen ihnen beiden, der bereits auf ihrem Heimatplaneten begann und den sie fortführten, als sie ins Universum aufbrachen.
Er habe sich auf die Seite der Rebellen geschlagen, weil er glaubte, ihre Sache sei es wert, unterstützt zu werden. Und Sie würden sich stets für die Gegenseite entscheiden.
Ein uralter Kampf zwischen Licht und Schatten, Gut und Böse, Ordnung und Chaos, der so lange andauert, bis einer von beiden den endgültigen Sieg erringt.

Coupièr schnaubte verächtlich.

Das sieht ihm ähnlich, sich als den strahlenden Helden darzustellen.
Tatsächlich ist es ein uralter Kampf, der seinen Ursprung auf unserem Heimatplaneten hat.
Doch worum es wirklich geht, und warum er die Seite der Rebellen wählte – wählen musste – hat er verschwiegen, beziehungsweise geschönt.

Wie war es dann?, fragte Celice. Sind Sie etwa der Geist, der Gutes will und Böses schafft?

Coupièr lachte auf.

Nein, natürlich nicht. Obwohl durchaus auch ich auf Seiten der Rebellen hätte stehen können. Doch die Vorgeschichte wollte es anders.
Seit unvorstellbar langer Zeit trugen wir nun diesen Kampf aus. Da die letzten, nennen wir es Runden, an mich gegangen sind, musste Royal die schwächere Seite wählen.
Soviel zum Thema edler Retter.
Es ging nie um einen Kampf Gut gegen Böse oder ähnliches.

Um was ging es dann? Oder ist es ›Top Secret‹ und Sie müssten uns töten, wenn wir davon erfahren?

Köstlich, amüsierte sich Coupièr. Nein, wieso sollte ich das müssen? Der Kampf ist endgültig entschieden. Nur – warum sollte ich euch meine Motivation erklären?

Warum erklären Sie uns überhaupt etwas?

Gut gekontert, Junge, lobte er Slavo. Tja, wenn wir also schon mal dabei sind:
Wie ihr wisst, haben wir übernatürliche Kräfte, beziehungsweise hatten. Haha.
Eine Folgeerscheinung der Evolution. Wir entstammen einer hoch entwickelten Zivilisation, älter noch als die Erbauer der KHALAKUR.
Wir waren zwei der Letzten unseres Volkes, unsterblich und voller Neugier, die letzten Geheimnisse des Universums zu lüften.
Doch unsere Körperlichkeit setzte uns Grenzen.
Zwar entwickelten wir im Laufe der Jahrtausende erstaunliche Fähigkeiten, doch um den nächsten Schritt auf der Evolutionsleiter zu erklimmen, benötigten wir die mentale Energie des anderen.
Könnt ihr mir folgen?

Slavo nickte zögernd, Celice tat es ihm gleich.

Hätten wir uns lediglich zusammengetan, hätte einer von beiden letztendlich die Führung unseres verschmolzenen Geistes übernehmen müssen.
Da wir uns aber nie freundlich gesinnt waren, war dies natürlich keine Alternative, und wir erdachten uns einen Wettstreit. Den Wettstreit, von dem ihr ein Teil geworden seid.
Der endgültige Sieger würde den anderen töten dürfen und seine mentale Energie aufsaugen, um seiner körperlichen Hülle entfliehen und endlich die Wunder des Universums bestaunen zu können, die uns bisher verschlossen waren.

Plötzlich begann Slavo neben Celice zu kichern. Tränen quollen ihm aus den Augenwinkeln.

Also mussten unzählige von Lebewesen sterben, nur weil ihr neugierig auf die Wunder des Universums wart?, schoss es aus ihm hervor. Nein! Nein! Das kann ich nicht glauben! Nicht Ronald Royal! Ich kannte ihn!

Mitleidig lächelte Coupièr ihn an.

Du kanntest ihn, Junge? Wie alt bist du? Siebzehn? Achtzehn? Und du willst ein Lebewesen kennen, das seit Äonen das Universum durchstreift?

Du lügst! Du lügst! Wieso sollte ich dir glauben?

Ja, wieso solltest du das? Wieso sollte ich dich aber auch anlügen? Vielleicht erzähle ich dir eine große Lügengeschichte. Vielleicht auch nicht. Coupièr zuckte mit den Schultern.

Das war meine Geschichte. Wie sieht es mit deiner aus, Slavo Gragin?

Slavo zuckte zusammen, als er seinen Namen aus dem Mund dieses Mannes, nein, dieses Wesens, hörte.

Wo… woher…?

Ach bitte, Slavo. Was für eine Geschichte hast du deinen Rebellenfreunden erzählt? Royal wäre nie so unvorsichtig vorgegangen, hätte er davon gewusst, dass du dich verplappert hast.

Ich… ich…

Ja, Slavo. Wieso sollte ich euch anlügen? Du weißt keinen Grund. Aber ich kenne den Grund, warum du deine Freunde angelogen hast.
Dominique war wirklich ein hübsches Mädchen, nicht wahr?

Slavo ächzte. Er blickte zu Celice, dann beschämt zu Boden.

Celice verstand nicht, wovon sie redeten. Doch kam sie nicht dazu nachzufragen, denn Slavo ließ sie nicht zu Wort kommen. Sein Kopf ruckte wieder hoch und lief rot an vor Wut.

Was habt ihr mit ihr gemacht?

Du hast mir sehr geholfen, Slavo. Dominique, Williams kleines Liebchen, stand natürlich unter besonderer Bewachung. Schließlich war sie die Person, die dem Prinzen emotional am nächsten stand.

Du lügst doch… Alles Lüge…, schluchzte Slavo und sank in sich zusammen, als hätte Coupièr ihm das Herz herausgerissen.

Glaubst du, sie hatte was für dich übrig? Nein. Dominique stand auf richtige Männer. Ich könnte dir da einige pikante Details aus ihrem Sexualleben erzählen, aber die willst du sicher nicht hören.

Ich werde sie befreien, schluchzte der Junge. Ich habe es versprochen, und nun bin ich hier.

Celice schwieg, durchschaute noch nicht ganz, worüber die beiden redeten. Auch nicht, warum Coupièr davon angefangen hatte.

Natürlich wirst du sie retten, spottete Coupièr. Du hast es ihr schließlich versprochen. Nach deinem Geprahle haben sich natürlich sofort Minispione an deine Fährte geheftet.
Danach konnten wir alle Aktionen eurer Gruppe genauestens beobachten und diese Falle hier stellen.
Aber halt…

Coupièr hob eine Hand vor den Mund und riss die Augen scheinbar schockiert auf.

Das heißt ja, dass du für den Tod vieler deiner Freunde verantwortlich bist. Und das für ein Mädchen, das du gar nicht richtig kanntest. Er zog die Augenbrauen zusammen. Für eine drogenabhängige Hure!

Nein!

Celice konnte es nicht mit ansehen, wie Coupièr den Jungen quälte. Slavo hockte auf dem Boden, weinte und hielt sich den Bauch. Sein Kopf war knallrot.

Lassen Sie das, Coupièr! Celice wollte auf ihn zugehen und ihn an den Schultern packen, doch er wischte sie mit einem Wink beiseite. Schmerzhaft schlug sie mit der linken, ›normalen‹, Schulter auf den Pflasterstein und schürfte sich die Haut ab. Ihr Kopf schlug ungebremst auf die Steine und ließ für einen Moment schwarze Flecken vor ihren Augen tanzen.

Ach, dummer junger Slavo, fuhr Coupièr genüsslich fort. Und Dominique – ach, wie hat sie gelitten unter dem EDEN-Entzug. Weißt du was EDEN ist, Slavo? Eine kleine, feine Droge, die das subjektive Schönheitsempfinden manipuliert.
Dominique war dank William süchtig danach. Deswegen war sie an diesem Tag auch auf dem Markt. Um sich neuen Stoff zu besorgen, da William ihre Rationen verringert hatte.

Coupièr ging in die Hocke und suchte Blickkontakt zu Slavo.

Celice setzte sich ächzend auf, ihre abgeschürfte Schulter brannte höllisch. Möglicherweise hatte sie eine Prellung davongetragen. Benommen schüttelte sie den Kopf, warmes Blut rann an ihrer Schläfe herab.

Ich selbst habe ihr das vergiftete EDEN untergejubelt, erzählte Coupièr soeben stolz. Ein Befehl des Königs, weil William zu abhängig von der Liebe dieser Hure war.
Oh, du hättest sie sehen sollen, wie ihr weißer Schaum vor den Mund getreten war. Ihre Augen waren fast aus den Höhlen gequollen, als sie um ihr Leben kämpfte, das langsam ihren Körper verließ. Als würde sie in Minuten um Jahre altern. Sie muss sehr gelitten haben, Slavo. Und du, du warst nicht da, um sie wie versprochen zu retten.

Slavo wimmerte und klammerte sich krampfhaft an seinen Handstrahler. Die Knöchel traten weiß hervor. Seine Adern traten am rot gefärbten Hals und der Stirn hervor. Tränen tropften auf seine Hose.

Coupièr schien einen Moment zu überlegen und hielt inne.

Ach, und dein Freund Pasqui. Tragische Geschichte das. Ein so kleiner Junge. Hat die Rosen des Königs kaputtgefahren, weißt du. Sein Vater wurde daraufhin exekutiert. Deswegen kümmern sich auch Roboter um diesen Garten, früher war Philipp Harkness dafür verantwortlich.
Ja, ja. Aber Pasqui war ja nur ein dummes Kind. Sein Vater starb für ihn. Pasqui hatte die Ehre dem König zu dienen.
Leider gelang er uns nicht so, wie geplant.

Coupièr seufzte theatralisch, blickte zum feuerroten Himmel und dann wieder auf Slavo, der den Blicken auswich. Immer noch umklammerte er seine Waffe.

Wie praktisch, dass wir Pasqui nicht entsorgt haben. Er war euch doch ein prächtiger Führer. Und wie schön tragisch sein Ende war, als er euch gemäß seiner Programmierung in die Falle lockte.

Erfreut stand Coupièr auf und grinste, als Slavo sich aus der Hocke erhob und seinen Strahler auf ihn richtete.

Du Monster, krächzte er. Das war nicht mehr der Slavo, den Celice kennen gelernt hatte. Nicht seine Augen, nicht seine Stimme.

Ihr MedCo injizierte ihr ein Schmerzmittel. Sie zog mit der kybernetischen Rechten ihren Handstrahler. Celice wusste nun, was Coupièr mit dieser Marter bewirken wollte.

Ach, Slavo. Es war herrlich, dieses Spiel. Ich habe es genossen.

Mit einem unmenschlichen Schrei richtete Slavo seine Waffe auf Coupièr, da drückte Celice ab, und das uralte Wesen fiel in sich zusammen, prallte dumpf auf den Boden.

Mit einem lauten Fauchen schoss eine Fontäne aus Licht in allen Farben des Regenbogens in den Himmel, durchdrang mühelos die Glasscheiben und verschwand im brennenden Himmel Caranor-Citys.

Ein heftiger Windstoß begleitete das Phänomen, wirbelte Celices Haare durcheinander und trug einen schweren Duft nach Moschus mit sich, der nach Sekunden verwehte.

Für wenige Sekunden war es totenstill in der Gartenanlage.

Zaghaft erklangen wieder der Gesang der Vögel und das Dröhnen des Kampfgetümmels.

Verwirrt blickte Slavo zu Celice hinüber.

Warum…?

Sie zuckte mit den Schultern.

Er wollte dich dazu bringen, ihn zu töten. Hast du jemals aus reinem Hass getötet?

Nein.

Sie lächelte.

Gut.

Kapitel 8

Später Abend

Der Weltraum brannte.

Guenevere schrie vor Schmerz ihre Pein in den Äther. Dutzende Krylaws antworteten ihr tröstend. Oder litten selbst.

Brandlöcher prangten auf dem blauen Ellipsoid. Tiefe Wunden gruben sich in das lebende Raumschiff. Glühend heiß zogen zerschmorte Leitungen Wunden durch das dunkle Fleisch und verbrannten es zu organischer Schlacke.

Gueneveres Leib bebte. In konvulsivischen Zuckungen öffneten sich Poren ihres Körpers und schieden technische Komponenten aus. Kabel, Holoprojektoren, Leuchtkörper – Gebrauchsgegenstände der menschlichen Besatzung – schwebten glühend davon, erstarrten blitzschnell in der ewigen Kälte des Vakuums und verschmolzen mit der Dunkelheit. Vereinzelt blitzten sie im Lichtgewitter explodierender Raumschiffe nochmals auf.

Guenevere lag im Sterben und sang mit den anderen Krylaws ein hoffnungsvolles Abschiedslied.

Stöhnend wälzte sich Diane Schindel auf dem Blasen werfenden, nässenden Boden. Das Haar klebte ihr feucht am Kopf und sie wusste nicht, ob es ihr eigener Schweiß oder Gueneveres Ausscheidungen waren.

Eine weitere Schmerzwelle ließ die Krylaw beben. Diane litt über die emotionale Rückkoppelung mit und schrie schmerzerfüllt auf.

Oh mein Gott, stöhnte die Etho-Frau und fasste sich an die Stirn. Das Blut rauschte ihr in den Ohren und pochte in ihren Schläfen. Diane war, als würde ihr der Schädel platzen, weil das hochkochende Blut sich seinen Weg in die Freiheit verschaffen wollte.

Langsam ebbte die Empfindung ab. Diane seufzte erleichtert auf.

Vorsichtig legte sie ihre Handflächen auf den Boden. Gueneveres Fleisch war fiebrig heiß. Ihr Krylaw kämpfte gegen den nahenden Tod an. Dianes Atem ging heftig und stoßweise. Die Luft an Bord war schwül und heiß.

Den beißenden Gestank nach Methan und Ammoniak nahm Diane beinahe nicht mehr wahr, als wären ihre Geruchsnerven längst abgestorben. Nur ihre brennenden, aufgequollenen Augen ließen sie den Umstand nicht vergessen.

Krylaws lebten in den ersten Lebensjahren vorwiegend in der Atmosphäre jupiterähnlicher Gasriesen und suchten sie auch in ihrem späteren Leben zur Nahrungsaufnahme auf.

Normalerweise kam die etho-terranische Besatzung in ihren Enklaven an Bord der Krylaws niemals mit diesen Stoffen in Berührung. Doch Gueneveres Bio-System geriet außer Kontrolle und versagte nach und nach.

Es blubberte und zischte in der Enklave, die bisher die Zentrale der Besatzung gewesen war. Das Gas trat ebenso wie die Flüssigkeit aus den porösen Wänden aus. Das Fleisch verfärbte sich; statt der hellen Blautöne hatte es eine dunkle, beinahe schwarze Maserung angenommen.

Darauf bedacht, nicht abzurutschen, stemmte sich Diane vorsichtig hoch und blieb knien. Flecken tanzten ihr vor den Augen und ein dumpfer Schmerz, der von der verhärteten Nackenmuskulatur ausging, vernebelte ihre Gedanken.

Das Mobiliar, sowie die technischen Geräte waren von Guenevere nach und nach einverleibt worden. Diane vermutete, dass ihr Krylaw die Fremdkörper in ihrer Pein ausschied.

Die Krylaw wimmerte, ihre Gedanken drangen nur noch schwach zu Diane durch.

- Guen, ich bin bei dir. Du bist nicht allein, sendete Diane tröstende Gedanken. - Diesen letzten Weg gehen wir gemeinsam.

Diane vernahm einen zustimmenden mentalen Impuls und kurz darauf ein tiefes Stöhnen.

Sie wandte ihren Blick nach hinten und sah Kirk Ginger wenige Meter von sich entfernt liegen. Er öffnete soeben die Augen und blinzelte.

Kirks Haar klebte nass am Schädel, seine Augen und Nase waren von den Gasen gerötet. Er lag flach auf dem Rücken und konnte sich nicht mehr bewegen. Seine Muskeln zuckten, doch ihm fehlte die letzte Kraft.

Langsam kroch Diane auf allen Vieren zu Kirk. Bei ihm angekommen bettete sie seinen Kopf in ihren Schoß und streichelte zärtlich seine Wange.

Das schwache Licht warf weiche Schatten auf Kirks Gesicht. Die fluoreszierenden Bakterienkulturen an der Decke und den Wänden wurden immer schwächer, erloschen bereits an manchen Stellen. An anderen sammelten sie sich. Als würden sie instinktiv in der Menge Schutz suchen. Der Anblick erinnerte Diane an einen Sternenhimmel.

Diese Sterne spiegelten sich in Kirks dunkelblauen Augen, aus denen er sie anstierte. Sie waren einmal unergründlich tief gewesen. Nun drohte sein Blick zu brechen.

- Wo ist Jimmy?, fragte Kirk mit einem schwachen Gedankenimpuls nach ihrem neuen Techniker.

Diane wusste nicht, ob Kirk Schuldgefühle hatte, weil er Maren stets so schlecht behandelt hatte, oder ob er sich generell nach den Erlebnissen in der Cichiro-Simulation geändert hatte. Aber er behandelte Jimmy beinahe wie einen Ziehsohn.

- Ich weiß es nicht, antwortete sie wahrheitsgemäß, denn Kirk hätte eine Lüge sowieso durchschaut. Nicht alle Ethos hatten eine so enge empathische Verbindung zueinander, dass sie in ihrem Gegenüber wie in einem Buch lesen konnten. Doch spätestens seit ihrer Mission im Riotoo-Trümmerfeld war dies bei Kirk und Diane der Fall.

- Ich spüre seine mentalen Impulse nicht mehr. Bleiernes Schweigen folgte, in akustischer wie mentaler Hinsicht. Dann schloss Kirk die Augen.

- Hoffentlich war Jimmys Tod kurz und schmerzlos.

Diane legte sich neben Kirk, seinen Arm um ihre Schulter, und gab ihm einen letzten Kuss. Sie schmiegte sich an ihn, und ihre Tränen vermengten sich mit dem Schweiß, der sein Hemd durchnässt hatte.

- Ich bin bereit, sagte sie und spürte, dass die nächste Welle Schmerz ihren Tod besiegeln würde. Wie ein nahendes Gewitter vernahm sie das mentale Donnergrollen. Gleich würde es sie erreichen und mit sich reißen.

Gleich.

War.

Es.

Soweit.

Doch nichts geschah. Stattdessen wurde es hell um sie herum. Verwundert richtete Diane sich auf und suchte nach dem Ursprung des Lichts.

Sie fand ihn an der Decke entlang wandernd. Dianes Blick war verschwommen, doch sie erkannte eine kleine Kugel, die nun an der ihr gegenüberliegenden Wand der unförmigen Enklave herab wanderte und über dem Boden auf Diane und Kirk zukam.

Wenige Zentimeter vor ihnen hielt er an und begann zu wachsen. Zentimeter um Zentimeter stieg er in die Höhe und nahm eine entfernt humanoide Form an. Arme und Beine wurden nur angedeutet, auch die Gesichtszüge blieben rudimentär. Es war eine zierliche Gestalt, wie die eines jungen Mädchens.

Abwartend stand das Wesen vor ihnen und wiegte den Kopf. Die Maserung der Körperoberfläche war dieselbe wie die des Krylaw-Fleisches, doch schimmerte sie in einem hellen Weiß.

- Guen? Bist du das? Willst du so Kontakt zu uns aufnehmen? Diane lauschte, doch von ihrem Krylaw kam keine Antwort. Lediglich Agonie.

- Nein, Diane. Ich bin es, antwortete stattdessen eine mentale Stimme, von der Diane geglaubt hatte, sie niemals wieder zu hören.

Ich halluziniere. Das kann nicht wahr sein.

- Du halluzinierst nicht, Diane.

- Aber du bist doch tot, Maren!

Das Mädchen – oder das, was vorgab, Maren zu sein – kicherte.

- Es gibt so viele andere Formen von Leben, Diane. So viele Dinge zu entdecken. Wir haben nicht viel Zeit! Ich mache euch ein Angebot. Doch ihr müsst euch schnell entscheiden, denn ein Wesen ist auf Terra entstanden, das unsere Anwesenheit nicht dulden wird.

- Was für ein Angebot? Und was für ein Wesen? Und wie kann ich wissen, ob ich dir trauen kann?

- Was ist eure Alternative, Diane?

- Der Tod, antwortete Kirk an ihrer Stelle. – Hören wir es uns an. Wir haben nichts zu verlieren.

Diane spürte im mentalen Hintergrundrauschen einen leisen, zustimmenden Impuls und wusste, dass es Guenevere war. Jahrzehnte der Verbundenheit zu ihrer Krylaw gaben ihr die Gewissheit.

- Also gut, gab sie nach.

Die zierliche Gestalt leuchtete noch etwas heller auf und Bilder entstanden in ihren Köpfen, kommentiert von Marens Gedankenstimme.

- Als ich den Tod wählte, starb nur meine Hülle, erklärte Maren, begleitet von den Bildern ihres Opfergangs, mit dem sie den Handel eingegangen war.

- Ich wurde zu einem Teil des Geisteswesen, dass die Cichiro-Königin einst nach dem Untergang ihres Volkes geworden war. Damals fiel die Königin dem Wahnsinn anheim und dämmerte in Agonie vor sich hin. Bis eines Tages wir erschienen und sie in mir einen Anker erkannte. Zwischen uns bestand von Anfang an eine Affinität.

Diane und Kirk sahen nochmals, wie ihre Gruppe vor der weißhäutigen Cichiro stand, die auf einem goldenen Podest thronte und zu ihnen sprach.

- Durch mich gelang es der Königin, sich aus ihrem geistigen Gefängnis zu befreien. Die mentale Energie, die bei meinem Tod freigesetzt wurde, sowie meine Gesellschaft waren ihr Schlüssel zur Freiheit. Der Preis, den sie dafür zahlte, waren die KHALAKUR.

Diane versuchte das Erzählte zu verdauen – ihre kleine Maren, der Schlüssel für ein uraltes, mächtiges Wesen – doch Maren ließ ihr keine Zeit.

- Mein Angebot ist es, dass euer Geist, statt im Hyperraum zu verwehen, ebenfalls Teil der Cichiro-Königin wird. Ihr könntet die Wunder des Universums erleben. Der Preis ist es, Teil eines Kontinuums zu werden, was der Lebensweise der Ethos nicht unähnlich ist, ja, sogar eine zwangsläufige nächste Stufe in der Evolution eures und meines alten Volkes darstellt.

Diane fiel auf, dass Maren nicht von sich als Etho sprach, vielleicht hatte sie sich nie als eine gefühlt, vielleicht aber hatte sie sich längst mit ihrem neuem Leben arrangiert.

- Entscheidet euch!, drängte Maren. - Die Cichiro-Königin ist durch ihre lange Leidenszeit noch geschwächt und könnte dem auf Terra entstandenen Geisteswesen zum Opfer fallen. Es giert nach mentaler Energie.

- Ist es böse?, fragte Diane?

- Was tut das zur Sache? Gut und böse sind eine Sache der Perspektive. Entscheidet euch, drängte Maren.

Diane sah in Kirks blaue Augen, die langsam verblassten und zu brechen drohten.

Ich gehe mit ihr, flüsterte er heiser.

Diane nahm seine Hand und drückte sie, führte ihre Lippen zu seinen und gab ihm einen letzten Kuss.

Ich auch.

Nur ein Licht dämmendes Prallfeld trennte Anthony Haddington vom Vakuum des Weltraums. Der Leiter des THYDERY-Verbunds blickte durch den transparenten Energieschirm hinaus ins All. Sein Blick schweifte über die dazwischen liegenden Trümmer.

Mehrere Treffer hatten die Hülle von Haddingtons Flaggschiff hundert Meter weit zerfetzt, sodass eine riesige Lücke in der achthundert Meter großen Kugel klaffte.

Das Licht SOLs blitze über die stählernen Spitzen der wie ein dunkles Gebirge wirkenden Trümmer. Es spiegelte sich in den Gläsern von Haddingtons randloser Brille.

Du wirkst so nachdenklich, Herr… ja, wie lautet eigentlich dein neuer Titel, Tony? Die Frau neben Haddington grinste frech, reichte ihm ein Glas mit sprudelnder, goldfarbener Flüssigkeit und prostete ihm mit ihrem eigenen Glas zu.

Haddington nippte nur an dem Champagner, den sie wer-weiß-woher hatte, und verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

Mir ist nicht nach Feiern zumute, Liv.

Wieso?, fragte die Frau. Sie hatte erst vor einer Stunde mit einem Beiboot das SOL-System erreicht und war nach dem Ende der Schlacht sofort an Bord seines Flaggschiffs gekommen.

Während wir hier stehen und den feinsten Tropfen genießen, sterben wahrscheinlich noch unzählige Menschen, gab der Leiter der Rebellion ihr zur Antwort. Ob in wrackgeschossenen Raumern Männer und Frauen aller Spezies ersticken und verbrennen, oder sie starr vor Todesangst in den Tiefen ihrer Schiffe hocken und nicht wissen, ob der nächste Schuss ihr Ende bedeutet.

Haddington fasste sich an die Stirn und tastete nach dem Verband, der die Wunde bedeckte, die er sich bei den Wirkungstreffern auf sein Schiff zugezogen hatte.

Allein bei den Treffern, die dieses stählerne, zerklüftete Gebirge vor uns verursacht hat, sind hunderte Männer und Frauen getötet worden.
Während ich im Inneren der Zentralkugel ungeschoren davon gekommen bin und nur diesen kleinen Kratzer an der Stirn davongetragen habe.

Du machst dir doch wohl keine Vorwürfe deswegen? Liv Zili hob eine Augenbraue und sah Haddington in die Augen. Du hast dich genauso in Gefahr begeben, wie alle anderen. Dass du nicht als Raumlandesoldat an vorderster Front kämpfst, sondern andere Aufgaben zu erledigen hast, kann dir keiner zum Vorwurf machen.
Ohne dich, dein Verhandlungsgeschick, dein Organisationstalent und deinen absoluten Willen, die Caranors zu stürzen, wäre THYDERY nie erfolgreich gewesen, sondern untergegangen.
Ohne dein zähes Beharren hätten wir nie die KHALAKUR in unseren Besitz bringen können.

Haddington wusste, dass Liv Zili Recht hatte. Doch in der Schlacht um das SOL-System und acht weitere wichtige Reichs-Systeme waren unzählige Leben – ob von Terranern, Ethos, Naruu, Szuu, Jarimi oder weiteren Völkern – unwiederbringlich verloren gegangen. Eine genaue Anzahl war noch lange nicht abschätzbar.

Haddington schluckte schwer, als er eine Eruption in der Sonnenkorona sah, als wäre ein Raumschiff dort vergangen