Thydery 9: In der Höhle des Löwen

Was bisher geschah

Wir schreiben das Jahr 523 Neuer Terranischer Zeitrechnung, was dem Jahre 2966 n. Chr. entspricht. Die Familie von Caranor herrscht von Terra aus über weite Teile der Milchstraße. Extraterrestrische Völker werden unterdrückt und ausgebeutet; das gesamte Reich ist ein reiner Überwachungsstaat. Ernstzunehmende Gegner gibt es keine. Lediglich der THYDERY-Verbund plant im Untergrund den verzweifelten Widerstand.

Nach dem Fehlschlag NEBUKADNEZAR ist den Rebellen mit dem Fund der KHALAKUR-Schiffe ein erster Erfolg gelungen. Die Mitglieder jener Rebellengruppe, die nach Terra geschickt wurde, um den letzten verzweifelten Schlag vorzubereiten, wissen davon jedoch noch nichts. Gemeinsam mit der terranischen Thydery-Sektion planen sie einen Vorstoß in den Sternenpalast – mitten in Die Höhle des Löwen.

Hauptpersonen

Celice Firo:
Die fahnenflüchtige Reichssoldatin führt die terranische Thydery-Gruppe in einen selbstmörderischen Einsatz.
Ronald Royal:
Der Anführer der terranischen Thydery-Sektion ist mehr, als er zu sein vorgibt.
William von Caranor:
Auf den Sternenprinzen warten erschütternde Erkenntnisse.
André Coupièr:
Der Chef des Geheimdienstes von Terra hat weitreichende Pläne.
Pasqui:
Der Herzenswunsch des Rosenjungen geht in Erfüllung.
Kelvin Brix:
Die Umstände haben den Schmuggler zum Rebellen gemacht.
Slavo, Jamie, Gil, Kaja, Marie, Julian, Saul, Muller, Smith:
Sie kämpfen für die Ideale Thyderys.

Prolog
Auftakt

Vergangenheit: 21. März 523 NTZ

Taktikum im Sternenpalast

Bald ist es vorbei. Bald …

Ein blinkender roter Fleck inmitten einer Sektorprojektion schien den Blick der hellblauen Augen des Sternenkönigs gefangen zu halten. Es war nur ein einzelner Stern in einem der vielen Sternfeldholos, welche das Taktikum beherrschten, jenen Ort im Sternenpalast, an dem alle militärischen Fäden des terranischen Reiches zusammenliefen. Ein Stern unter Tausenden. Doch im Moment war er der einzige, der den Herrscher interessierte. Er schloss die Finger um das Blinken, als wolle er es wie eine Kerzenflamme am Docht ersticken.

Egal ob ihr euch Thydery oder sonst wie nennt, sagte er leise, egal ob ihr Ethos, Naruu, Jarimi, Szuu oder Terraabkömmlinge seid – so oder so wird es vorbei sein mit euch wertlosen Rebellen. Bald …

Auf dem zweiten Planeten der markierten Sonne wurde in diesem Moment einer der letzten der vielen kleinen Aufstände beendet, die in den letzten Monaten innerhalb des Reiches ausgebrochen waren. Die Truppen des Sternenkönigs hatten sie alle rigoros und blutig niedergeschlagen, und bald würde endgültig Frieden einkehren, der Friede des terranischen Sternenimperiums. Sein Friede.

Pax Caranorum.

Harold Richard von Caranor ließ seine Hand wieder sinken. Sein Blick glitt von dem roten Blinken zu anderen projizierten Ausschnitten seines Herrschaftsgebietes, welche als Lichtpunkte in der Luft der Halle tanzten.

Die jeweiligen rebellierenden Bevölkerungsgruppen hatten einen hohen Blutzoll zahlen müssen. Wer sich den königlichen Truppen entgegengestellt hatte, egal ob Mann, Frau oder Kind, war ausgelöscht worden. Die königlichen Truppen hatten ihre Befehle befolgt und auf den betroffenen Welten jedweden Widerstand gebrochen.

Unwillkürlich ballte Harold die Rechte zur Faust. Nur durch Härte konnte die Stabilität in einem Reich dieser Größe gewahrt werden. Das hatten schon die Herrscher dieses urzeitlichen Reiches gewusst, aus dem der Begriff entstammte, den der Sternenkönig gerne für seinen Frieden verwendete. Stärke zeigen, Härte beweisen – so erschuf man ein Gerüst aus Stahl, um das man ein großes Reich errichten und mit dem man es halten konnte. So sicherte man es gegen Bedrohungen von außen und innen gleichermaßen. Das war der bewährte Weg der wahren von Caranor.

Erinnerungen an seinen Bruder Dorian blitzten im Sternenkönig auf und ließen ihn die Stirn runzeln. Dorian war ein Schwachpunkt gewesen, kein wahrer Caranor. Brillant in seinen Fertigkeiten, hatte er sich doch als zu weich bei deren Anwendung erwiesen. Statt Konsequenz zu zeigen, verhandelte er mit Völkern, denen gegenüber kein Verhandlungsbedarf bestand. Natürlich reduzierte das den Material- und Menschenbedarf seiner Truppe, doch die Linie kompromissloser Härte, welche nach Harolds Willen das Reich in einer klaren Ordnung hielt, durchbrach er damit. So sehr Harold Dorians taktische und strategische Brillanz seither gelegentlich vermisste – der Sternenkönig war der Überzeugung, dass der Tod seines Bruders für das Reich ein Schritt voran gewesen war.

Zudem hatte Dorian einen Sohn hinterlassen, der offenbar ebenfalls über seine Talente verfügte. Alle Anzeichen der Schwächen Dorians hingegen waren William frühzeitig ausgetrieben worden. Er befand sich nun auf gutem Weg, ein würdiger Erbe zu werden.

Die Andeutung eines kalten Lächelns stahl sich auf Harolds Gesicht. Erst vor kurzem war es William sogar gelungen, seinen Lehrer zu schlagen. Harold wertete dies als eindeutiges Zeichen, dass Williams Ausbildung abgeschlossen war. Nun beherrschte der junge Sternenprinz all seine Fähigkeiten und auch sich selbst. Nur eines galt es noch auszumerzen, die letzte Schwäche, die den designierten Thronfolger angreifbar machte.

Als hätten seine Gedanken ihn herbeigerufen, trat André Coupièr in Harolds Sichtbereich und blieb vor dem Sternenkönig stehen. Wie meistens hatte der Leiter des terranischen Nachrichtendienstes sich lautlos und unbemerkt genähert. Harold ließ sich auch dieses Mal nicht anmerken, wie sehr ihn dies irritierte. Das zuzugeben, wäre ebenfalls eine Schwäche gewesen, und auch wenn Coupièr der Mann war, dem der Sternenkönig am meisten vertraute, hatte er nicht vor, ihm gegenüber ein solches Eingeständnis zu machen.

Coupièr.

Der Sternenkönig verschränkte die Hände hinter seinem Rücken und wies mit einer Kopfbewegung auf den blinkenden Punkt. William macht seine Sache gut.

Wie zu erwarten, antwortete der Geheimdienstleiter.

Sonstiges von den Aktivitäten Haddingtons und seiner Verbündeten?

Sie regruppieren. Scheint, als wollten die kümmerlichen Reste, die das Scheitern ihrer Operation NEBUKADNEZAR überstanden haben, einen letzten verzweifelten Schlag versuchen. Sie haben aus der Schlacht bei der Gerwill-Station nichts gelernt.

Sammeln lassen. Dann können wir die Sache ein für alle Mal beenden.

Natürlich.

Gut. – Neues von dem Jungen vom Bazar?

Harold von Caranor behielt die Gesichtszüge seines Gegenübers genau im Auge, doch nichts verriet das geringste Gefühl. Der Sternenkönig wusste bereits, dass Coupièr eine der wenigen Niederlagen seiner Laufbahn würde eingestehen müssen, denn in delikaten Sachen wie dieser trug der Sternenkönig Sorge, ebenso gut informiert zu sein wie sein Geheimdienstchef. Auch Vertrauen musste Grenzen haben.

Dieser Slavo Gragin ist nach dem Gespräch mit Dominique zu schnell verschwunden, als dass wir seiner Spur noch hätten folgen können, antwortete Coupièr. Fraglich bleibt außerdem, ob er nur etwas Aufgeschnapptes weitergegeben hat, um sich vor Williams Konkubine wichtig zu machen, oder ob es sich bei ihm wirklich um einen Rebellen handelte. Wir überprüfen das noch. Alle betroffenen Stellen wurden aber vorsichtshalber in angemessene Bereitschaft versetzt für den Fall, dass es wirklich einen Angriff auf den Palast gibt. Auch wenn das in jedem Fall ein selbstmörderisches Unterfangen wäre.

Harold von Caranor schnaubte und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Holo zu. Besser das Übel an der Wurzel angehen als etwas riskieren. Coupièr, ich gehe davon aus, dass das Thema Thydery innerhalb der nächsten Wochen erledigt ist. Da sollte es wohl möglich sein, eine kleine Rebellenzelle hier auf Terra auszuheben, ehe sie Schaden anrichtet. Falls es sie denn wirklich gibt.

Coupièr neigte etwas den Kopf, ohne Antwort zu geben.

Und wenn Sie schon beim Beseitigen sind ….

Der Geheimdienstleiter sah wieder auf, und Harold wandte den Kopf, um seinem Blick zu begegnen.

Vergessen Sie nicht, dass Sie den Auftrag haben, sich um Dominique zu kümmern. Ihr Ausflug auf den Markt um EDEN zu kaufen macht es offensichtlich, dass William sie nicht unter Kontrolle hat. Sie muss weg.

Ein leichtes Lächeln erschien auf Coupièrs Gesicht. Sicher nicht. Noch einige Tage, dann wird Dominique Alvez keine Gefährdung für William mehr darstellen.

Harold von Caranor nickte, und André Coupièr verstand die Geste. So lautlos wie er gekommen war verschwand er aus Harolds Sichtbereich und dem Taktikum.

Der blinkende rote Fleck erlosch und erstrahlte im nächsten Augenblick wieder im leuchtenden Weiß des Caranor-Reiches.

Kapitel 1

20. April 523 NTZ

Tief unter Caranor City

19:00

Verfluchtes Kroppzeug! Vermaledeite Pest!

Ruhe, Kelvin! Funkdisziplin einhalten!

Celices Stimme klang schärfer als beabsichtigt, während sie den Betonboden vor sich mit Thermosalven eindeckte. Aber sie hatte nun wirklich Besseres zu tun als sich mit diesem Zivilisten herumzuschlagen, der einfach nicht über die notwendige Disziplin für solch einen Einsatz verfügte. Sie sah kurz zur Seite zu Gil und Saul, musterte durch die Helme der Schutzanzüge hindurch die angespannten Gesichter der jungen Männer, die ihr dabei halfen, die Gegner zurückzuhalten. Sie hatten wenigstens die Ausbildung der Rebellen mitgemacht und bereits Einsatzerfahrung vorzuweisen. Kelvin Brix hingegen war nichts als ein schmuggelnder Zivilist, den der Zufall hierher verschlagen hatte.

Celice wandte ihre Konzentration wieder der unmittelbaren Bedrohung zu, die vor ihnen lag. Immer wieder erleuchteten ihre Salven und die ihrer Mitstreiter die hohen Ziegelsteinwände des Kanalisationsganges, durch den sie sich zurückbewegten. Irrlichternde Schatten tanzten dabei über die dunkle wabernde Masse, die von dem Hauptgang her auf sie zurückte, den sie gerade hatten betreten wollen.

Ratten. Hunderte oder gar Tausende von ihnen, verschiedenste Rassen, und mit Körperlängen von unter zehn bis hinauf zu etwa vierzig Zentimetern Länge. Das Wasser des Kanals in der Gangmitte hatte begonnen, sie förmlich auszuspucken, sobald die Lichter der vordringenden Gruppe darauf gefallen waren. Als lebendiger dunkler Teppich schoben sie sich nun auf sie zu, und es nahm kein Ende. Die unzähligen zu Asche verbrannten Artgenossen, über die sie inzwischen hinwegklettern mussten, schienen die Tiere nur wenig zu beeindrucken.

Ein Aufschrei ließ Celices Kopf herumrucken. Sie sah, wie Marie stolperte und zu Boden stürzte, und erneut war der Schrei der Systemspezialistin im Gruppencom zu hören.

Macht sie weg! Macht sie weg!

Julian war bereits zu ihr gesprungen und schien mit seiner Waffe auf ihre Beine zu zielen, zögerte jedoch, abzudrücken. In diesem Moment zischte ein metallener Greifer an ihm vorbei auf Maries Beine zu, und die Frau schrie ein weiteres Mal erschreckt auf.

Ich habe die Ratte, ertönte Pasquis helle Stimme. Sie hat Marie aus der Wand heraus angesprungen.

Einen Moment lang blieb Celices Blick an Pasquis ‚Körper’ hängen. Nein, korrigierte sie sich, nicht wirklich sein Körper. Sein Gefängnis. Die Reste von Pasquis noch existentem biologischen Körper steckten in einem grotesken kybernetischen Gebilde. Nur sein schmaler Kopf war unter einer schützenden transparenten Kuppel zu sehen. Mit den vielen Multifunktionsarmen seines Robotkörpers wirkte er wie eine drohend aufgerichtete Riesenspinne aus Stahl und Metallplastik. Und doch wurde all das gesteuert von einem Jungen, der nur wenige Jahre hatte leben dürfen, ehe er zu einem Monster gemacht worden war. Einem Jungen, in dem Verletzlichkeit und Stärke sich in verwirrender Weise mischten.

In Pasquis unterem linken Arm zappelte die Ratte noch einmal kurz, ehe er ihr mit einem festen Griff den Brustkorb zerquetschte.

Celice sah wieder zu der mit schreckgeweiteten Augen am Boden sitzenden Systemspezialistin. Dein Schutzanzug, Marie?

Ich weiß nicht … die Anzeige ist beim Sturz ausgefallen.

Während Gil und Celice erneut eine Salve nach vorne abgaben, kniete Julian neben Marie und untersuchte ihr Bein. Ronald Royal, der Anführer der terranischen Thydery-Gruppe, trat an Pasqui vorbei neben Marie, ging in die Hocke und nahm ihre Hand. Celice sah in ihrem Display, dass er eine Einzelcomverbindung zu ihr geöffnet hatte. Sie hoffte, dass er die Frau würde beruhigen können. Sie konnten jetzt keine Hysterie brauchen.

Der Anzug ist OK, kam endlich Julians Antwort. Kein Leck zu finden. Noch mal sollte sie dort aber nicht gebissen werden.

Gut. Celice wandte sich ab und gab erneut eine lange Salve nach vorne ab. Haltet euch von den Wänden fern. Wir ziehen uns zu der Kammer zurück, an der wir vorhin vorbei gekommen sind. Muller, nehmen Sie Slavo, Julian und Kaja und gehen Sie voraus. Stellen Sie sicher, dass der Raum frei ist. Jamie, Sie helfen zusammen mit Royal Marie beim Laufen. Kelvin, Pasqui, bleibt bei den dreien und achtet auf Wände und Decken. Saul, Gil und ich behalten weiter den Bereich hinter uns unter Kontrolle. Denkt alle daran: Wenn sie eure Schutzanzüge durchbeißen, seid ihr den Gasen hier ausgeliefert. Wir können uns aber keinerlei Verluste leisten, daher achtet jeder auf jeden! Klar? – Los!

Wieder zog sie den Abzug ihrer Thermowaffe durch und bewegte sich dabei langsam zurück. Der breitgefächerte Strahl leckte über die sich windenden kleinen Körper und verwandelte sie zunächst in lodernde Flämmchen und dann in rauchende Aschehäufchen. Eine Ratte, die anscheinend nur gestreift worden war, sprang unter lautem Quieken hoch und landete zappelnd und strampelnd auf ihren Artgenossen. Im nächsten Moment fielen mehrere der anderen Ratten über sie her, und für einige Augenblicke entstand Unruhe in diesem Teil der Rattenflut.

Celice zog die Augenbrauen zusammen und regelte ihre Waffe herunter. Ihr nächster Schuss hinterließ nicht mehr Ascheflocken, sondern sich teilweise noch windende halb verbrannte Körper. Der Erfolg zeigte sich sofort: Die folgenden Tiere machten sich mit lautem Pfeifen und Quieken über ihre verletzten und toten Artgenossen her, und an dieser Stelle wurde aus der vordringenden Masse ein chaotischer Wirbel.

Gil, Saul, Energie runterstellen. Nicht mehr verbrennen, sondern nur noch garen. Den Rest erledigen dann ihre Freunde.

Die beiden Rebellen reagierten sofort, und Augenblicke später brach sich die Flut der Ratten an einem Wall sterbender und fressender Artgenossen. Gil stieß einen Jubelschrei aus und reckte eine Hand in einer Art Siegesgeste hoch.

Nicht zu früh freuen, mahnte Celice und deutete nach vorne. Die Nachdrängenden klettern weiter über sie weg. Wir bremsen sie so nur, aber es kommen immer noch mehr.

Der Raum ist frei, war Mullers Stimme im Funk zu hören. Sollen wir zurückkommen?

Nein, bleiben Sie dort und sorgen Sie dafür, dass der Raum frei bleibt! Suchen Sie außerdem etwas, womit wir notfalls den Eingang verbarrikadieren können. Celice drehte sich um und machte über ihrem Kopf eine Handbewegung den Gang hinunter. Rückzug so schnell wie möglich. Wenn wir schnell genug weg sind, verlieren die restlichen vielleicht das Interesse an uns.

Die Gruppe verfiel in Laufschritt. Pasqui griff mit einem seitlichen Armpaar nach Marie und hob sie auf seinen in einen flachen Hinterleib auslaufenden Rücken. Dort hielt er sie mit seinen Hinterleibsarmen fest, während er weiterrannte.

Celice, Gil und Saul bildeten weiter die Nachhut. Immer wieder mussten sie auf einzelne Tiere schießen, die aus den Wänden drangen oder den Wall ihrer Artgenossen bereits überwunden hatten. Huschende Schatten tauchten im Gang auf, nicht mehr nur von vorn, sondern aus allen Richtungen, und sogar aus Wänden und Decke. Als sie den Seitengang erreichten, der zu dem von Celice gewählten Rückzugsraum führte, verrieten Schussgeräusche sowie das Zischen auftreffender Thermostrahlen, dass die Ausläufer der Rattenflut bereits hierher vorgedrungen waren.

Muller und Slavo warteten vor dem Zugang des Raumes und winkten alle eilig hindurch. Neben ihnen lehnten einige große Bretter an der Wand. Vor dem Durchgang waren Julian und Kaja dabei, mittels ihrer Thermostrahler eine halbhohe Stahlplatte provisorisch am metallenen Türrahmen fest zu schweißen. Sie unterbrachen ihre Arbeit und warteten ab, bis alle aus der Hauptgruppe im Raum waren, ehe sie weiter machten. Celice sprang als letzte ihrer Gruppe über die Platte und stellte sich links am Türrahmen auf, um mit schussbereiter Waffe den Gang im Auge zu behalten. Muller folgte ihr und nahm die Bretter entgegen, die Slavo ihm hereinreichte. Sobald er die letzte neben der Tür abgestellt hatte, zog er ebenfalls seine Waffe, um jede auftauchende Ratte sofort abzuschießen. Celice registrierte eine einlaufende Einzelcom-Verbindung von ihm, winkte den gerade hereinsteigenden Slavo an ihre Position und schaltete frei.

Eine Atempause … mehr nicht, konstatierte Muller. Wir können hier nicht bleiben, oder wir sitzen wie die Kaninchen im Loch.

Zumindest verschafft es uns eine Atempause, antwortete Celice. Wir können schlecht ins Meer zurückgehen. Seit unserem Einstieg über die alten unterseeischen Abflüsse sind wir schon über eine Stunde unterwegs. Die Zeit läuft uns davon. Jetzt zurückzugehen hieße, unseren Einsatz verloren zu geben. Dazu ist es aber meiner Meinung nach noch etwas zu früh. Wir werden eine andere Lösung finden.

Ohne eine Antwort abzuwarten unterbrach sie die Verbindung und sah sich im Raum um. Pasqui hatte Marie an einer Wand abgelegt und sich selbst in den hintersten Winkel zurückgezogen, als hoffe er, die Schatten könnten ihn vor den anderen verbergen. Celice wusste zu gut, wie er sich fühlte. Bis vor einem Monat war er noch ein getreuer Diener des Sternenkönigs gewesen, hatte nichts anderes denken können als das, was er denken sollte. Dann waren die Rebellen gekommen, und etwas war in ihm ausgelöst worden, wodurch er sich aus seiner Konditionierung hatte lösen können. Doch niemand wusste, wie viele Schutzprogramme in seinem halb biologischen, halb kybernetischen Hirn noch lauern mochten, um ihn in dem Moment wieder in seine Konditionierung zurückzuzwingen, in dem er ihnen den größten Schaden zufügen konnte.

Ein bitteres Lächeln huschte über die Züge der ehemaligen Reichssoldatin. Eine weitere Zeitbombe, dachte sie. Wie ich selbst. Sie trauen mir genauso wenig wie ihm, selbst nach einem Monat gemeinsamer Vorbereitungszeit für diesen Schlag nicht. Aber wir sind nützlich. Und so lange wir das sind, nehmen sie die Gefahr in Kauf. Aber wehe jemand glaubt bei uns auch nur das geringste Anzeichen von Verrat zu erkennen. Er wird mit dem EMP-Generator neutralisiert werden, den sie ihm eingebaut haben. Und mich werden sie erschießen, und dabei Genugtuung empfinden. Und ich kann es ihnen noch nicht einmal verdenken, nach allem, was sie von mir zu wissen glauben.

Ronald Royal kam in Celices Sichtfeld. Sein Anblick lenkte ihre Gedanken in die Gegenwart zurück. Er ging von einem zum anderen, um sich zu versichern, dass es allen noch immer gut ging.

Zähle deine Schäfchen, schoss es Celice durch den Kopf. Wer weiß, wie viele von ihnen zurückkehren.

Sie musste an Rubens denken. Er hatte es nicht geschafft, damals, als sie sich vor einem Monat durch die unterseeische Station hatten kämpfen müssen. Pasqui hatte ihn getötet, und Rubens' Tod hatte Pasquis Erwachen eingeleitet. Zu jung, dachte Celice, und sie war sich selbst nicht sicher, ob sie Rubens meinte oder den kybernetischen Jungen. Beide hatten kaum ihr Leben genießen dürfen, ehe man es ihnen genommen hatte. Zu jung.

Sie starrte auf das, was vom grauen Haarkranz Ronald Royals durch den Schutzhelm sichtbar war. Er hatte sich neben Marie niedergelassen, vermutlich unterhielt er sich auch mit ihr. Er war es gewesen, der bestimmt hatte, dass Celice diesen Stoßtrupp anführen sollte. Es hatte sie überrascht, zu erfahren, dass er selbst dabei sein würde. Ihm war offensichtlich bewusst, dass er trotz allem ein Zivilist war, dem in manchen Dingen die notwendige Schulung und Erfahrung fehlte. Somit hatte er die ihm am Besten erscheinende Wahl getroffen.

Selbst Smith, Celices ehemaliger Stellvertreter, der seit Hajnals Tod die Einsatzleitung innerhalb der von Haddington nach Terra geschickten Gruppe innehatte, hatte ohne Zögern zugestimmt. Allerdings hatte Celice keinen Zweifel daran, dass er ein oder zwei Leute speziell darauf angesetzt hatte, sie im Auge zu behalten, um sie im Fall des Falles sofort auszuschalten. Er hatte mit seinem Misstrauen ihr gegenüber nie hinter dem Berg gehalten, und auch wenn es sich im vergangenen Monat gebessert hatte, war es noch lange nicht verschwunden.

War Kelvin Brix vielleicht deshalb mitgenommen worden? War er nur ein Aufpasser?

Celices Blick glitt zu dem Schmuggler, dessen verkniffener Gesichtsausdruck ihr zeigte, wie wenig ihm die Umgebung zusagte. Nein, er war es gewiss nicht. Er war ja selbst kein wirklicher Rebell, war nur durch die Umstände in die Thydery-Gruppe hineingezogen worden und teilte ihre Ideale nur in gemäßigter Form. Smith würde ihm kaum mehr trauen als ihr selbst. Vermutlich war es Muller, oder vielleicht Julian. Oder Marie. Sie seufzte. Alles in allem war es ohnehin egal. Wichtig durfte in diesem Moment nur eines sein: Der Einsatz. Celice öffnete den Gruppencom.

Saul, Jamie, Pasqui – untersucht die Wände auf Löcher und verstopft sie, falls ihr welche findet. Wir wollen nicht plötzlich von den Ratten hier drinnen überrascht werden. Sie wandte sich wieder dem Gang zu und spähte hinaus. Julian und Kaja waren mit ihrer Arbeit fertig und sprangen nun ebenfalls über die Stahlplatte in den Raum. Einige Rattenleichen zierten den Boden des Ganges, doch seit einiger Zeit waren keine mehr gekommen. Gerade jenseits des Lichtkreises ihrer Lampen schien ihr jedoch erneut zunehmend Bewegung zu herrschen. Kelvin, wie viele Blendgranaten und Thermos haben Sie?

Vier oder fünf glaube ich.

Celice nickte. Binden Sie je drei Thermos und drei Blender paarweise zusammen und stellen Sie sie so ein, dass sie zehn Minuten nach Aktivierung zünden, die Thermos jeweils eine Minute nach den Blendern.

Kelvin sah sie verständnislos an, enthielt sich jedoch einer Frage. Er zog die von Celice geforderten Granaten aus seiner Kombi und machte sich an die ihm gestellte Aufgabe. Julian schloss inzwischen mit Kajas Hilfe die restliche Türöffnung, indem er die langen Bretter so gegen die Stahlplatte lehnte, dass sie nach außen geneigt standen. Celice trat neben Slavo, der weiterhin an den Brettern vorbei hinaus spähte.

Da sind schon wieder welche, stellte er fest. Es ist doch verrückt. Diese Tiere – wir haben so viele von ihnen getötet, und trotzdem kommen immer noch welche.

Es ist nur eine Frage dessen, was sie treibt, meinte Celice. Es gibt Ameisenstämme, die sich in reißende Flüsse stürzen. Die meisten ertrinken, aber sie verhaken sich zuvor ineinander und ermöglichen denen, die nachkommen, den Übergang. So kommen sie weiter in dem, was sie treibt. Die Ratten hier treibt ebenfalls etwas an.

Aber was an uns kann ihnen so wichtig sein, dass sie über unzählige Tote hinweg weiterrennen?

Celice schaute zu Slavo. Sie sah das jugendliche Feuer in seinem Gesicht, die Offenheit und Begeisterung, den ungetrübten Glauben an feste Werte. Noch ein Junge, dachte sie. Noch so ein gottverdammtes halbes Kind. Und erneut klang der Satz auf, der sie wie eine Nemesis verfolgte. Heute schon ein Kind getötet, Firo?

Sie unterdrückte den Gedanken an Venever, an ihr vergangenes Leben, an all die Erinnerungen, die dieser Satz unweigerlich aufsteigen ließ. Stattdessen klammerte sie sich an Slavos Frage im Hier und Jetzt. Er hatte eine Antwort verdient. Eine ehrliche Antwort.

Es mag etwas sein, das uns völlig unwichtig erscheint, sagte Celice. Und doch bedeutet es ihnen viel. Damit ihre Art das erreichen kann, was sie anstrebt, geben einzelne sich auf. Das gibt es in jeder Spezies. Was glaubst du eigentlich, Slavo, über wie viele Leichen eure Rebellion bereits hinweggerannt ist, um ihr Ziel zu erreichen?

Sie sah die plötzliche Starre in seiner Miene, dann die Bestürzung und Verwirrung. Wach auf Junge, dachte sie. Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Es gibt keine strahlenden Helden.

Es ist alles eine Frage des Standpunktes, Slavo, sagte sie. Wer für den einen ein Held ist, erscheint anderen vielleicht nur dumm, wie dir die Ratten.

Feindseligkeit kroch auf einmal in Slavos Blick. Ist es das, was du von uns denkst? Hältst du uns für dumm?

Sie spürte die Blicke der anderen Rebellen fast körperlich. Im Stillen verfluchte sie sich dafür, dieses Gespräch nicht auf Einzelcom gelegt zu haben. Jetzt musste sie sich gut überlegen, wie sie antwortete, oder dieser Einsatz würde gescheitert sein ehe er richtig begonnen hatte.

Ich halte euch genau so wenig für dumm wie ich diese Ratten für dumm halte, antwortete sie betont und ging zu Kelvin, um die Granatenpaare aufzuheben, die er vorbereitet hatte. Es ist irrelevant, ob die Ziele anderer für mich begreifbar sind. Nur weil mir etwas nicht wichtig ist, heißt das noch lange nicht, dass es anderen Personen oder Wesen nicht wichtig genug sein kann, um ungeahnte Kräfte freizusetzen, die mit Respekt zu behandeln sind. Daher ist es auch ein gefährlicher Fehler, seine Gegner nach eigenen Maßstäben einzuschätzen, selbst wenn es nur Tiere sind. Die beste Taktik im Kampf gegen solche Gruppen ist deshalb, sie zu beobachten und sich in sie hineinzuversetzen, ihren vorantreibenden Wunsch zu begreifen, und ihnen eine Aussicht auf Erfüllung dieses Wunsches zu geben. Es ist die einfachste Art, ihnen eine Falle zu stellen. Und darum werdet ihr hier nun alle Lichter löschen, und ich werde mit diesen Granaten hinaus in den Gang gehen und die Ratten von uns weg locken und dabei viele weitere von ihnen in die Ewigen Sternenweiten schicken. Sobald alle Lampen aus sind, aktiviert ihr die passiven Infrarotoptiken eurer Schutzanzüge und stellt die Temperaturregelungen so weit herunter wie ihr es für erträglich haltet. Ihr solltet nicht vor Kälte schlottern sondern einsatzbereit bleiben. – Pasqui, verfügst du über Echolotabtastung?

Ja.

Dann nutze sie statt der IR-Optik. Ihr haltet euch alle dicht beisammen und verlasst den Raum, sobald ihr die erste Explosion hört. Pasqui führt euch den Gang hinunter zu der Hauptader, aus der die Ratten gekommen sind, und von da aus weiter den geplanten Weg entlang. Ich schließe zu euch auf, sobald ich mit den Ratten fertig bin. Noch Fragen?

Einen Moment war es still, dann hob Slavo eine Hand.

Was ist es denn, was die Ratten wollen?

Celice lächelte schräg. Dinge, die auch viele von uns unwiderstehlich anziehen – Licht und Wärme. Man könnte sagen, ein Platz an der Sonne. Sie klopfte gegen eine der Thermofusionsladungen. Und das werde ich ihnen geben.

20:00

Die im Abstand mehrerer Minuten erfolgenden Explosionen erschütterten die Gänge stark genug, dass Staub und Steine von der Decke auf Celice herunterrieselten. Sie befand sich bereits wieder auf dem Weg zur restlichen Gruppe, während hinter ihr die Ratten durch die Blendgranaten von einer Falle in die nächste und dabei weit von ihnen weg gelockt wurden. Die fahnenflüchtige Reichssoldatin kam trotz der absoluten Dunkelheit schnell voran. Dennoch konnte sie selbst die letzte Detonation, die bereits in einem deutlichen Abstand erfolgte, noch deutlich spüren. Hunderttausend tote Ratten, dachte sie. Ich wünschte, man hätte mit allen von dieser Sorte so leichtes Spiel.

Wenige Minuten später schloss Celice zur restlichen Gruppe auf und übernahm an Pasquis Seite wieder die Führung. Sie gab Erlaubnis, eine einzelne Lampe zu benutzen, und obwohl man wegen des aufgewirbelten Staubes kaum etwas sehen konnte, entspannten sich die Mitglieder der Einsatzgruppe deutlich. Der Staub legte sich allmählich, als sie aus dem langen Hauptkanalrohr in ein Netz von Nebengängen wechselten. Jetzt gab Celice auch Erlaubnis für die Benutzung weiterer Scheinwerfer. Bisher waren ihnen keine weiteren Ratten begegnet, die anders als mit Flucht darauf reagierten. Auch die Thermoregelungen der Schutzanzüge wurden nun wieder auf die alten Werte eingestellt. Es schien, als würde ihr weiteres Vorgehen planmäßig erfolgen können.

Celice rief sich die Karten in Erinnerung, die alle Mitglieder des Trupps im vergangenen Monat immer und immer wieder studiert hatten. Ebene Eins: Caranor City, seine Untergeschosse und unterirdischen Passagen. Ebene Zwei: Das Röhrenbahnsystem und die teils dazwischen, teils darunter liegende moderne Kanalisation. Dann die Nuiook-Ebene, in der noch Kellerräume und ganze unterirdische Gebäudekomplexe der alten Stadt zu finden waren, die vor Caranor-City hier existiert hatte und im Krieg gegen die Anorganischen nahezu vollständig zerstört worden war. Und unter dieser die Röhren, Gänge und Schächte der alten Kanalisation, durch die sie nun vordrangen.

Der Krieg und das Gewicht der neuen Stadt hatten dafür gesorgt, dass diese Ebene heutzutage voller Verwerfungen war und teilweise weit unter dem Meeresspiegel lag. Dennoch gab es ausgedehnte Bereiche, die gut begehbar und frei von Wasser waren. Manche Schächte standen sogar über Schleusen in Verbindung mit der oberen Kanalisation, damit man in Notfällen Überschussabwasser abführen konnte. Doch das war schon lange nicht mehr passiert, und die meisten Leute hatten die Existenz des ausgedehnten Gangsystems weit unter den genutzten Bereichen der Stadt bereits längst vergessen. Um diese Entwicklung zu unterstützen hatte sich zudem die Thydery-Gruppe darum bemüht, alle Erwähnungen und kartographischen Erfassungen aus den offiziellen Datenbanken weitgehend zu entfernen, während sie selbst all diese Informationen sammelte.

Ich hoffe nur, die Thermos sind nicht an der Oberfläche registriert worden, sagte Muller über die Einzelcom-Verbindung, die er zuvor mit Celice aufgebaut hatte.

Celice schüttelte den Kopf. Unwahrscheinlich. Wir sind viel zu tief unter der Stadt, und das war zudem im Bereich der Außenbezirke. Die Explosionen dürften dort oben kaum stärker spürbar gewesen sein als die Vibrationen einer Röhrenbahn oder eines startenden Lastengleiters, und in diesen Gegenden irritiert so etwas niemanden.

Celice leuchtete die Wände des hohen schmalen Ganges entlang, durch den sie sich gerade Richtung Norden bewegten, auf das Stadtzentrum und den Sternenpalast zu. Ein Stückchen weiter war ein dunkles Loch zu erkennen, das auf eine Abzweigung hindeutete.

Pasqui?

Dort geht es zu dem großen Auffangbecken, über dem eine der Schleusen liegen soll, erklärte der kybernetische Junge. In seinen Speicher waren alle Kartenausschnitte eingespielt worden, die sie möglicherweise brauchen konnten, und er hatte die geringsten Probleme von ihnen allen, daraus dreidimensionale Bezüge abzuleiten. Wir müssen uns jetzt entscheiden, ob wir hier schon in die höheren Ebenen hochsteigen wollen oder ob wir das erst direkt beim Palast tun.

Keine Einwände, antwortete Muller.

Als sie die Mündung der etwa 2,5 Meter hohen Betonröhre erreichten, winkte Celice die Gruppe mit einer knappen Handbewegung hinein. Die Röhre stieg fast sofort steil an, und durch den feuchten, moosbehafteten Boden kamen sie immer wieder ins Rutschen. Besorgt beobachtete Celice die Bewegungen der Rebellen. Noch immer zeigten die Messungen eine hohe Belastung der umgebenden Luft mit giftigen und ätzenden Dämpfen. Jeder Riss, jede Ritze in einem der Schutzanzüge konnte im ungünstigsten Fall ein Teammitglied innerhalb von Minuten außer Gefecht setzen. Und dort, wo sie hingingen, schien die Konzentration sogar noch zuzunehmen. Vermutlich war das Becken zu einer Sammelstelle für die Substanzen geworden, welche diese Dämpfe verursachten.

Ich sehe das Ende der Röhre, sagte Julian in den Gruppencom-Kanal. Der Raum dahinter scheint wirklich groß zu sein.

Wie ist die Luftbelastung?, fragte Celice, während sie sich weiter ihren Weg über die rutschige Schräge suchte. Etwas knackte unter ihrem Fuß, und sie sah die Überreste eines kleinen Skelettes. Ein Tier. Vermutlich war es den dichteren Giftgasen in diesem Gang erlegen.

Besser als im Gang, antwortete Julian. Es scheint, dass die Höhe des Raumes wieder eine stärkere Verdünnung zulässt. Vielleicht dringt auch frische Luft durch den Schleusenschacht ein. Nur in Bodennähe haben wir hier hohe Konzentration.

Celice sah sich genauer um und entdeckte vier weitere kleine Tierskelette alleine in dem Gangstück, in dem sie stand. Sie kletterte weiter hinauf. Ein Stück weiter fielen ihr im Moos ein paar Knochen auf, die gut und gerne einem Hund hätten gehören können. Doch als sie danach greifen wollte, verloren ihre Füße den Halt, und sie rutschte ein Stück abwärts. Leise fluchend rappelte sie sich wieder auf und setzte ihren Aufstieg mit voller Konzentration fort. Eines der hinteren Armpaare Pasquis streckte sich ihr entgegen. Dankbar griff sie danach, vergaß die Knochen und ließ sich von ihm über die letzten Meter ziehen und stützen.

Pasqui hatte sich am Ende der Röhre mit zweien seiner Arme fixiert und mit den anderen nacheinander allen hinauf geholfen. Als Celice den Absatz erreichte, löste er die Arme und trat zur Seite, um sie vorbei zu lassen. Kurz lächelte sie dem Jungen zu, der sie aus dem Metallgebilde heraus anblickte. Pasqui bewegte seinen Kopf, um eine seiner dünnen blonden Strähnen zurückzuschütteln, und der Schemen eines antwortenden Lächelns huschte über sein Gesicht. Für einen Moment wirkten die braunen Augen lebendig und hell, doch im nächsten Augenblick wurden sie wieder stumpf, als sähen sie ständig nichts anderes als Leid und Tod. Celice seufzte und wandte sich dem Raum zu.

Der Kegel ihrer Lampe enthüllte ihr eine Halle von unerwarteter Größe. Das vollständig mit einer grünlich-braunen Flüssigkeit gefüllte Becken in der Mitte war mindestens 25 Meter lang und 10 Meter breit. An zwei Seiten schloss es direkt an die von Verwitterungsspuren gezeichneten und mit Algen überzogenen Ziegelsteinwände an, während auf der Seite, an der Celices Gruppe stand, sowie rechts von ihnen ein drei Meter breiter Absatz darum herum führte. Löcher im Boden und die herumliegenden Reste rostiger Stangen deuteten darauf hin, dass es am Beckenrand einmal ein Geländer gegeben hatte, doch es hatte wohl den aggressiven Dämpfen und der Feuchtigkeit auf Dauer nicht standhalten können. Der Raum war zudem sehr hoch, wie Julian bereits erwähnt hatte. Der Lichtstrahl von Celices Lampe beleuchtete die Betondecke nicht nur der Dämpfe wegen nur noch schwach. Sie schätzte die Höhe auf etwa fünfzehn Meter.

Ihnen gegenüber mündete ein etwa fünf Meter breiter und mindestens ebenso hoher Gang in den Raum. Der innere Meter des rechten Absatzes setzte sich in diesem Gang fort, und daneben verlief ein vier Meter breiter Zu- oder Ablauf, in dem ebenfalls das verseuchte Wasser stand. Leichte Wellen liefen darüber, als würde dort ein Luftzug herrschen.

Julian war vorsichtig zum Beckenrand vorgetreten und in die Hocke gegangen. Der Boden war hier noch stärker als in der Zugangsröhre mit feuchten Algen und Moosen bedeckt, und jeder Schritt barg das Risiko, auszugleiten und womöglich in die dunkle Brühe des Beckens zu stürzen.

Das Wasser hier ist zweifelsohne die Quelle aller üblen Dämpfe, stellte Julian fest. Anscheinend haben sich hier über die Jahrhunderte alle Giftstoffe der Stadt angesammelt. Das ist schon keine Flüssigkeit mehr, das ist eher wie ein Morast, in dem wer weiß was für Wechselwirkungen ablaufen. Jedenfalls ist er deutlich wärmer als die Umgebung, was ich mir nur durch exotherme chemische Reaktionen erklären kann. Wir sollten das Zeug möglichst meiden. Es könnte sogar unsere Schutzanzüge einfach durchfressen.

Das Becken ist hier vorne etwa fünf Meter tief, bemerkte Pasqui. Ein Sturz hinein könnte wirklich fatale Folgen haben. Vielleicht sollte ich …

Celice sollte nie erfahren, was für einen Vorschlag der Junge hatte machen wollen. Während Pasqui sprach, hatte Julian sich erhoben und zu ihnen umgedreht. Im nächsten Moment schoss ein riesiger weißer Schemen hinter ihm aus dem Wasser hervor, packte ihn am Bein und riss ihn mit sich in das Becken. Sein Helm schlug hart auf dem Beckenrand auf als er stürzte, dann war er verschwunden. Er hatte nicht einmal Zeit für einen Aufschrei gehabt.

Die Waffen zuckten hoch, und die erste Thermosalve traf bereits das Wasser ehe Celice rufen konnte.

Feuer einstellen! Es gibt kein Ziel, und ihr könntet Julian treffen!

Sofort hörten die Rebellen auf, zu schießen.

Alle zurück zum Eingang und abhocken, Waffen im Anschlag. Behaltet die Wasseroberfläche im Auge, befahl Celice. Sie selbst stand noch immer direkt neben dem Durchgang. Während die anderen sich hastig zurückzogen und ihren Befehlen folgten, öffnete sie einen Einzelkanal zu Julian. Doch sie erhielt nur ein rotes Signal. Er nahm nicht an. Sie versuchte es über den Gruppenkanal. Julian? Julian, hören Sie mich? Was ist los da unten? Was ist passiert?

Keine Antwort drang aus den Lautsprechern.

Celice atmete tief durch. Pasqui, nutze alle dir zur Verfügung stehenden Systeme um dieses Becken zu erfassen. Ich will genau wissen, was dort drin ist, wo es ist und wo es Julian hingeschleppt hat.

Noch während sie mit Pasqui sprach, griff Celice auf den Speicher ihres DataVis zu. Einen Moment geschah nichts, doch dann zuckten die Bilder auf, und sie holte erleichtert Atem. Die Reaktivierung einiger Hauptfunktionen des DataVis war eines der Meisterwerke gewesen, welche die terranische Sektion Thyderys für ihre Mitstreiter durchgeführt hatte. Celice hatte vollen Zugriff auf ihren Cyberarm zurückerlangt, der MedCo war zum Großteil einsatzbereit, und auf ihre Bitte hin war auch die visuelle Aufzeichnung in den DataVis aller Teammitglieder reaktiviert worden. Auf diesem Wege hatten alle das Kartenmaterial aufnehmen können, das ihnen über Kanalisation und Palast sowie ihren Weg darin zur Verfügung stand. Für taktische Analysen und Planungen war in Celices Augen die Möglichkeit einfach unverzichtbar, einen Schauplatz oder ein Geschehen auch später noch erneut in allen Einzelheiten studieren zu können. Alle Funktionen, die auf einen Uplink zurückgriffen, waren hingegen deaktiviert geblieben, und ebenso jede Funktion, die auf adressunspezifische Anfragen von außen reagierte. Die Systemspezialisten hatten ihnen allerdings empfohlen, das Implantat so selten wie möglich zu nutzen.

Doch Celice wollte wissen, gegen was sie kämpfen mussten. Celice ging zurück zu dem Moment, als der Schemen aus dem Wasser geschossen war, und verlangsamte das Bild, bis es zum Stillstand kam. Was sie sah, konnte sie kaum glauben.

Ein Krokodil, sagte sie leise. Ein riesiges weißes Krokodil!

Ein Alligator, korrigierte sie Pasqui. Er ist sieben Meter lang, hat einen Umfang von etwa drei Metern und ein geschätztes Gewicht von einer Tonne. Seiner Eintauchrichtung nach müsste er dort hinten in die Ecke geschwommen sein. Der Boden steigt dorthin an. Mit einem seiner kybernetischen Arme deutete der Junge auf die entfernteste Ecke des Beckens.

Und Julian?

Die Wärme des Wassers macht eine Infrarotortung schwer. Der Alligator hat ungefähr die gleiche Temperatur, weshalb ich nicht genau sagen kann, ob er wirklich dort liegt, wo ich ihn vermute. Aber Julian müsste wärmer sein als das Wasser, und wärmer als der Alligator. Trotzdem kann ich seinen Körper ebenfalls nicht entdecken. Wenn er nicht die Halle durch den Abfluss verlassen hat, kann das nur heißen, dass seine Körperwärme entweder vollständig verdeckt wird, oder sie bereits so weit abgefallen ist, dass sie sich der Umgebung angepasst hat.

Was beides heißen würde, dass er tot ist.

Pasqui senkte den Kopf und all seine Arme. Vermutlich.

Nein! Marie war aufgesprungen. Warum muss er tot sein? Vielleicht hat der Alligator ihn mitgeschleppt, und sein Körper verdeckt ihn für uns. Vielleicht ist er bewusstlos und braucht unsere Hilfe!

Marie Winter! Niemand hat befohlen, dass du aufstehen sollst! Celices Stimme war scharf, und Marie zuckte darunter zusammen. Automatisch sank die Systemspezialistin wieder auf ein Knie herunter. Doch ihr Blick blieb rebellisch.

Wir müssen etwas tun, murmelte sie laut genug, dass jeder sie verstehen konnte.

Celice ließ ihren Blick über die Gruppe schweifen. Nach meinen DataVis-Aufzeichnungen hat Julian bereits bei seinem Sturz einen so starken Schlag gegen das Genick erhalten, dass es ihn umgebracht haben könnte. Er antwortet nicht auf Funkrufe, und seine Körperwärme ist nicht zu entdecken, was entweder bedeutet, dass der Alligator mit seinem Gewicht von einer Tonne auf ihm liegt, oder dass sein Blut sich bereits in diesem Becken verteilt hat. In jedem dieser Fälle ist Julian tot, und ich bin nicht bereit, weitere Leben in Gefahr zu bringen wegen der winzigen Möglichkeit, dass es nicht so ist!

Die meisten Rebellen wichen Celices Blick aus. Nur Marie starrte sie weiter störrisch und hasserfüllt an, und als Celice Slavos Blick begegnete, spürte sie, dass auch er ihr widersprechen wollte. Doch dann legte von hinten Ronald Royal eine Hand auf seine Schulter, und aller Widerstandswille schwand aus der Miene des Jungen. Auch er senkte nun wie die anderen den Blick.

Celice Firo hat Recht, drang die sanfte Stimme des Thydery-Anführers über die Funkverbindung. Julian würde selbst nicht wollen, dass wir seinetwegen so viel riskieren. Er war stets bereit, sein Leben für die Sache zu geben. Wir sollten sein Opfer jetzt nicht missachten, indem wir den Einsatz durch hoffnungslose Rettungsversuche aufs Spiel setzen.

Marie öffnete den Mund, als wolle sie etwas sagen, doch dann senkte sie den Kopf. Auch ihr Widerstand war gebrochen.

Dankbar nickte Celice Ronald Royal zu, der ihr ein trauriges Lächeln schenkte. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder ganz auf den Raum vor ihnen. Sie richtete den Strahl ihrer Lampe dort hin, wo sie stählerne Leitersprossen in der Wand gesehen hatte, die in einem Schacht in der Decke verschwanden. Sie würden zwanzig Meter am Becken entlang gehen müssen, innerhalb der Reichweite des Monsters, um dann einer nach dem anderen die Leiter erklettern. Von oben würde es kaum eine Möglichkeit geben, die noch unten Stehenden zu decken. Celice schüttelte den Kopf.

Wir ziehen uns wieder zurück und nehmen einen der anderen Wege nach oben, beschloss sie.

Vorsichtig bewegten die Rebellen sich einer nach dem anderen in die Röhre zurück und schlitterten wieder abwärts. Pasqui ging als vorletzter, Celice machte den Abschluss. Nicht einen Moment hatte sie das Becken aus den Augen gelassen, doch abgesehen von einigen leichten Wellen, die zeigten, dass das Monster sich am anderen Ende des Beckens bewegte, war nichts zu entdecken. Gerade als auch Celice die Schräge betrat, kam ein überraschter Ausruf über Funk, gefolgt von einem aufgeregten Stimmgewirr, dem Celice nichts Klares entnehmen konnte.

Ruhe im Funkkanal! – Kelvin, was ist da vorne los? Sie hatte gesehen, dass der Schmuggler als einer der ersten in den Gang zurückgekehrt war.

Der Weg ist abgeschnitten, hörte sie ihn antworten. Ein Gitter versperrt den Durchgang zum Hauptkanal. Guter terranischer Stahl, und es sieht brandneu aus.

Verflucht! Pasqui, kümmere dich um das Gitter; tu was du kannst um uns hier rauszuholen. Alle anderen – hoch zu mir. Wir müssen … Sie hörte ein lautes Platschen hinter sich, ließ sich fallen und rollte ein Stück den Gang hinunter, ehe sie sich auf den Bauch drehte und den Thermostrahler in Anschlag brachte. Sie blickte direkt auf zwei Reihen scharfer Zähne, zwischen denen ein Zischen aus dem Maul des Alligators hervordrang. Mit einem hörbaren Klappen schlossen sich seine Kiefer dort, wo sie noch Sekunden zuvor gestanden hatte. Celices Blick begegnete dem des Tieres, und ihr war, als sähe sie eine bösartige Intelligenz darin leuchten. Dann hörte sie kurz hintereinander zwei weitere Körper auf den Absatz klatschen.

Heiliges Zentrumsloch, flüsterte Celice. Das Biest ist nicht allein.

21:00

Celice blieb nicht viel Zeit zum Atem holen. Mit einer erstaunlich flinken Bewegung schob das Krokodil sich über die Kante, auf Celice zu. Sie drückte den Abzug des Thermostrahlers, doch nichts geschah. Erst jetzt bemerkte sie das hektische orangefarbene Blinken an der Oberseite der Waffe. Es bedeutete, dass explosive Gase in der Luft waren, die sie selbst gefährden würden, falls sie die Waffe benutzte. Eine Überbrückung war möglich, doch sie mochte fatale Folgen haben. Es war beileibe nicht sicher, ob die Schutzanzüge einer solchen Verpuffung standhalten konnten. Hastig warf Celice die Waffe zur Seite und robbte ein Stück weiter zurück, während sie nach ihrer Betäubungsnadelpistole griff.

Drei Krokodile am Schachtausgang, rief sie über Funk. Explosive Gase. Keine Thermowaffennutzung möglich, und keine Projektilwaffen mit Mündungsfeuer. Muller, nach vorne, ich brauche Sie und ihren Desintegrator hier.

Celice behielt das Krokodil genau im Auge. Es lag jetzt reglos da, abwartend, nachdem es den Durchgang mit seinem riesigen Körper effektiv versperrt hatte. Stattdessen schoben sich nun zwei kleinere Kopien des Monsters an ihm vorbei in die Röhre hinein, die immer noch größer waren als jeder Alligator, den Celice je gesehen hatte.

Muller erreichte robbend Celices Position, seinen Desintegrator fest in der Hand. Das Biest hat Junge, stellte er fest.

Oder seine Freunde haben nicht seine Größe erreicht. Trotzdem ist jedes von ihnen groß genug, um uns in Schwierigkeiten zu bringen, und sei es nur durch das reine Gewicht.

Nicht mehr lange, antwortete Muller, legte an und schoss.

In dem Moment, als der Kopf des ersten der kleineren Krokodile in einer grünlich schimmernden Wolke verging, schnellte das zweite nach vorne und umschloss Mullers Waffenarm mit seinen Kiefern. Muller schrie, und Celice rollte herum und entlud das Magazin ihres Nadlers in den Körper des Tieres. Dieses begann sich heftig zu winden, ohne jedoch seine Kiefer zu öffnen, und schleuderte den noch immer schreienden Muller dabei wie eine Puppe herum. Mullers Helm schlug gegen die Schachtwand. Mit einem lauten Knall zersprang die Lampe. Sein Schrei verstummte abrupt.

Celice sah einen Schatten an sich vorbeispringen, genau auf den sich windenden Körper zu. Im Schein ihrer Lampe blitzte eine Klinge auf. Dann hörte sie Slavos überraschten Schrei, als sein Messer einfach an den Schuppen des Tieres abglitt. Das Krokodil öffnete dennoch seine Kiefer und gab den reglosen Muller frei, um sich dem neuen Angreifer zuzuwenden. Celice griff nach dem Schutzanzug des Jungen und riss ihn mit aller Kraft zurück. Der Schwanz des Tieres peitschte bei seinem Versuch, nach Slavo zu schnappen, herum und streifte Celice schmerzhaft an der Schulter. Slavo hatte indessen durch Celices Griff das Gleichgewicht verloren. Er prallte gegen die Wand und stöhnte auf, doch der Biss des Krokodils ging ins Leere. Celice zog ihr eigenes Messer und sprang dem Tier entgegen, mit der Messerspitze auf eines der Augen zielend. Doch dieses warf sich erneut herum, ehe sie ihren Stoß zu Ende führen konnte und riss sie mit seinem Körper von den Beinen. Mit einer schnellen Rolle brauchte sie sich aus der Reichweite des erneut herumpeitschenden Schwanzes und sprang dann wieder auf die Beine.

Eine weitere Gestalt im Schutzanzug rannte dicht an der Gangwand entlang heran. Erstaunt erkannte Celice anhand der Abzeichen Brix, der sich neben Mullers Körper warf und nach dessen Anzug griff. Doch sie hatte keine Zeit, sich weiter darum zu kümmern, was der Schmuggler vorhatte. Das Krokodil wendete sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit wieder ihr zu und stieß sich mit weit geöffneten Kiefern vor. Celice sprang zur Seite und versuchte erneut, mit einer Rolle in den Rücken des Tieres zu kommen, doch ein kräftiger Schwanzschlag stoppte ihre Bewegung. Wieder näherten sich ihr die weit geöffneten Kiefer. Eine dunkle Kugel flog in diesem Moment über Celice hinweg in den Rachen des Tieres, und unwillkürlich schloss das Krokodil sein Maul. Jemand packte Celice am Anzug und zog sie mit einem Ruck weg. Im nächsten Moment gab es einen ohrenbetäubenden Knall, und das Tier wölbte sich förmlich von innen auf. An mehreren Stellen brach der Körper auf und kleine Verpuffungsflammen schossen hervor. Die Kiefer öffneten sich etwas, und ein Regen aus Blut und verkohlten Fleischstücken ergoss sich über Celice und ihren Retter.

Sie hatte keine Zeit für Dank oder ein Zeichen der Anerkennung, denn nun kam wieder Bewegung in den Körper der ersten Riesenechse. Mit einem lauten Zischen schob sie sich vorwärts über die Kante, und nun packte Celice Brix und riss ihn mit sich die Schräge weiter hinunter und zur Seite.

Alle an die Wände und weiter zurückziehen, brüllte sie in den Gruppenkanal. Das Vieh kann euch alleine mit seinem Gewicht umbringen, wenn es euch überrollt! Pasqui?

Ich habe einen Teil des Gitters durchtrennt, aber ich brauche noch mehr Zeit!

Celice ließ den Strahl ihrer Lampe auf der Suche nach Mullers Desintegrator über den Höhlenboden streichen, während sie sich weiter entlang der Röhrenwand zurückzog. Sie fluchte leise als sie die Waffe weit oben im Gang liegen sah. Gleich darauf senkte sich eine Hinterpranke des Krokodils darauf, und während es sich ein weiteres Stück nach vorne schob, flog die Waffe in weitem Bogen in den Raum hinter ihm. Langsam schrumpften ihre Möglichkeiten beträchtlich.

Saul, Kaja, Gil, Slavo – machen Sie Ihre Hochdruck-Harpunenpistolen bereit und schalten sie dann ihre Lampen aus, kommandierte Celice. Saul, Kaja, Sie bleiben links; Gil, sie kommen vorher hier rüber zu Slavo. Sie alle halten die Positionen, während wir anderen uns weiter zurückziehen. Ihre Ziele sind die Augen, Schuss auf mein Kommando. Stehen Sie die ganze Zeit mit angelegter Waffe still, bis der Schussbefehl kommt, sie dürfen vorher mit keiner Bewegung seine Aufmerksamkeit auf sich lenken!

Erneut schob sich das Krokodil ein Stück vor und rutschte dann von seinem eigenen Gewicht getrieben auf dem schlüpfrigen Boden noch einige Meter weiter den Gang hinunter. Hastig drückten die vier Harpunenschützen sich gegen die Wände und befolgten Celices Befehle, während die anderen sich mit wedelnden Armen und aufblinkenden Lampen weiter zurückzogen.

Waffe bereit und im Anschlag, meldete Kaja. Die Klarmeldungen der Männer folgten.

Celice fixierte das Krokodil, versuchte, seinen Blick mit ihrem eigenen zu binden, und trat ein Stück hinaus in den Gang... Komm weiter, mein Schöner, flüsterte sie. Sieh mich an. Nur mich … Sie zog sich langsam weiter zurück, flankiert von Jamie, Kelvin und Ronald Royal, und stets bereit, zur Seite zu springen, falls das Monster sich doch zu einem schnellen Vorstoß entschließen sollte. Tatsächlich bewegte sich das Krokodil gemächlich weiter die schräge Röhre hinunter, ganz ohne Eile, als sei es sich seiner Beute sicher. Die vier reglosen Gestalten im Schatten schien es nicht wahrzunehmen.

Ich könnte schießen, klang Slavos Stimme auf. Die Nervosität darin war nicht zu überhören.

Jamie? Marie? Gil?

Alle gaben ihre Bestätigung.

Dann Schuss auf drei. Eins … zwei … DREI!

Vier Miniharpunen zischten durch die Luft, und die Riesenechse bäumte sich so heftig auf, dass sie mit dem Kopf gegen die Decke schlug und Staub und Steinchen sich lösten. Dann warf es sich plötzlich mit weit geöffnetem Maul unter lautem Zischen nach vorne, auf Celice zu. Sie sprang zur Seite und ließ sich an der Wand entlang die Schräge hinabrollen. Als sie sich wieder abfing, sah sie die anderen auf sich zu rennen und schlittern und sprang auf. Angespannt beobachtete sie, wie das vor Wut offensichtlich rasend gewordene Tier seinen Kopf immer wieder gegen die Schachtwände schlug und sein Körper sich in Krämpfen wand. Weitere Stücke lösten sich aus dem verwitterten Beton. Dann riss das Biest erneut das Maul auf und zischte. Kelvin holte aus und schleuderte die letzte Thermogranate, doch in diesem Moment warf das Tier den Kopf erneut zur Seite, und das Geschoss prallte an seinem Hals ab und kullerte den Gang hinunter zu den Rebellen zurück.

Pasqui, zur Seite!

Brix sprang auf die Kugel zu und versetzte ihr einen heftigen Tritt, der sie zum unteren Ende des Schachtes und durch das Gitter hinaus auf den Quergang beförderte. Dort explodierte sie mit einer Stichflamme und erzeugte eine Druckwelle, die Celice erneut zu Boden warf. Als sie aufsah, erkannte sie, dass die Explosion offensichtlich auch die Aufmerksamkeit des Monsters erregt hatte. Einen Moment blieb es reglos stehen, dann riss es erneut das Maul auf und bewegte sich halb laufend, halb gleitend immer schneller den Gang hinunter auf sie zu.

Zur Seite, schrie Celice. Harpunen – versucht noch einmal zu schießen, in die Augen oder das Maul! Pasqui … Ein Blick zum Gitter sagte ihr, dass eine Flucht nicht mehr gelingen konnte. Pasqui hatte gerade einmal etwa die Hälfte der Stangen durchtrennen können, die notwendig gewesen wären, damit sie hinaus konnten. Celice schüttelte den Kopf. Versucht, hinter das Biest zu kommen, wenn ihr könnt, und zurück nach oben!

Das Tier rutschte unaufhaltsam und mit hoher Geschwindigkeit abwärts. Celice drückte sich so dicht wie möglich an die Betonwand. In einer unwillkürlichen Reaktion schloss sie im letzten Moment vor dem Aufprall die Augen. Das Stahlgitter knirschte und ächzte, als das Gewicht dagegen prallte, und sie hörte, wie der Beton brach. Sofort öffnete sie wieder die Augen und spannte ihren Körper zum Sprung, in Erwartung wütender Zuckungen des erblindeten Tieres. Doch der Körper vor ihr lag absolut ruhig, während Steinbrocken und Staub aus der am herausgebrochenen Gitter aufgerissenen Decke auf ihn herunter rieselten.

Mitten im Kopf des Riesenalligators klaffte ein großes Loch, das unverkennbar die Spuren eines Desintegratorschusses trug.

Muller? rief Celice halb fragend, halb erleichtert und schob sich an dem Riesenalligator vorbei nach oben. Vereinzeltes Stöhnen und erstaunte Ausrufe drangen über den Grupppenkom zu ihr. Celices Blick erfasste eine Gestalt, und sofort erkannte sie ihren Irrtum. Es war mitnichten Muller gewesen, der sie gerettet hatte.

Vor ihr standen fünf in Metallfolie eingewickelte Humanoide, die dunkle Masken mit rüsselartigen Ansätzen trugen, die zu kleinen Hochdruckflaschen an ihren Gürteln führten. In den Händen trugen sie Druckluftwaffen, die von der Sternenarmee für Planeten mit entzündlichen Umgebungen entwickelt worden waren. Es waren veraltete Modelle, doch das änderte nichts an ihrer Effektivität im Einsatz. Der vorderste hielt zudem noch immer Mullers Desintegrator in der erhobenen Hand. Die Waffe ruckte zu Celice herum, und sie tauchte hinter den Körper des Alligators.

Alle raus auf den Gang und verteilen! Deckung suchen!

Nein, Firo! Wir bleiben. Es war Ronald Royal, der ihr widersprach.

Aber …

Es sind mögliche Verbündete. Wenn sie unseren Tod wollten, hätten sie das Biest uns erledigen lassen.

Celice atmete tief ein, schloss die Augen und ließ die Luft dann wieder aus ihren Lungen entweichen.

Also gut. Auf Ihr Risiko, Royal. – Es ist jetzt ohnehin zu spät.

Sie öffnete die Augen wieder und hob den Blick von der vor ihr schwebenden Desintegratormündung zu den harten Augen, die sie durch die verglasten Maskenlöcher musterten.

Kapitel 2
Zwischenspiel

Vergangenheit: 2. April 523 NTZ

Quartier des Sternenprinzen

William von Caranor schreckte hoch und setzte sich in seinem Sessel auf. Es dauerte einen Moment, ehe er den Summton zuordnen konnte, der ihn gestört hatte. Sein Blick wanderte zum Holoschirm der Comanlage. Ein interner Anruf wurde angezeigt. Er hob die Hand und aktivierte mit einer Fingerbewegung die Verbindung

In der Verbindungsprojektion erschien die Gestalt eines ihm unbekannten Uniformierten der Palastwache. Der Mann wirkte nervös. Aus dem Hintergrund hörte William die Stimmen weiterer Männer sowie das Weinen einer Frau. Der Prinz runzelte die Stirn.

Was gibt es?, fragte er.

Mein Prinz … es gibt schlechte Neuigkeiten. Vielleicht möchtet Ihr selbst herkommen …

Wohin, Mann? Worum geht es?

Das Konkubinenhaus. Es … es hat einen Vorfall gegeben.

Eisiger Schreck durchfuhr William, und er presste die Kiefer zusammen. Dominique. Wenn ihr etwas zugestoßen war … unwillkürlich ballte er eine Hand zur Faust.

Was genau ist geschehen?

Der Wachsoldat öffnete den Mund, doch ehe er antworten konnte, schob ihn jemand beiseite. Ein älterer Mann mit kurz geschnittenem grau meliertem Haar in einer weißen Medokombi trat vor die Aufnahmeoptik. Es war Doktor Jarome, der Leibarzt der Konkubinen. Mit ernster Mine sah er William an.

Es geht um Dominique Alvez, erklärte er. Sie erschien nicht zum Essen und antwortete auch nicht auf Anrufe. Ihre Tante machte sich daraufhin Sorgen. Die Räumlichkeiten ihrer Nichte waren aber verschlossen. Sie musste erst die Wache alarmieren, um hinein zu kommen, wodurch wertvolle Zeit verging. Als wir die Frau endlich in ihrem Bett fanden, war sie bereits tot.

Tot … Ein Gefühl der Betäubung breitete sich in William aus, lähmte sein Fühlen und sein Denken. Wie ist sie gestorben? Seine eigene Stimme klang für ihn fremd und wie aus weiter Ferne.

Soweit ich es bisher beurteilen kann, an einer Vergiftung. Wir haben eine EDEN-Ampulle neben ihrem Bett gefunden. Vermutlich hat sie den Inhalt kurz vor ihrem Tod eingenommen. Ich lasse die Rückstände noch im Labor untersuchen, doch ich vermute, dass die Droge verunreinigt war. So etwas kommt vor, wenn man das auf dem freien Markt kauft. Und dass Dominique das getan hat, seit sie hier nicht mehr genug EDEN bekam, war wohl ein offenes Geheimnis. Man musste sie nur ansehen, um es zu wissen.

William starrte in das ausdruckslose Gesicht des Arztes. Was der Mann gesagt hatte, war eine Ungeheuerlichkeit. Es bedeutete nichts anderes, als dass er selbst, William, Dominique durch sein langsames Absetzen der Droge in den Tod getrieben hatte. Einen winzigen Moment lang befielen ihn Zweifel.

Ist es wirklich so? Trage ich die Verantwortung für das, was geschehen ist?

Er presste die Lippen zusammen.

Nein! Ich habe nur ihr Bestes gewollt. Ich musste sie aus dem Griff der Droge lösen, um zu verhindern, dass sie dadurch zugrunde gerichtet wird! Niemand kann mich dafür verurteilen. Niemand darf das wagen!

Seine Faust fuhr auf die Lehne des Sessels herab, und der Schock schlug in Zorn um.

Wenn Sie der Meinung sind, das sei offenkundig gewesen, Doktor Jarome, dann frage ich mich, warum Sie es nicht für nötig hielten, mich zu informieren, oder selbst dafür zu sorgen, dass dieses Vorgehen effektiv unterbunden wird, sagte er kalt.

Der Arzt senkte den Blick. Offensichtlich verstand er die Drohung hinter Williams Worten. Man kreuzte die Klingen nicht mit einem Sternenprinzen.

Sie werden mich auf dem Laufenden halten über die Ergebnisse Ihrer weiteren Untersuchungen, Doktor Jarome, ordnete William an. Und enthalten Sie sich in Zukunft aller Äußerungen, die über das medizinische hinausgehen.

Mit einer Handbewegung unterbrach er die Verbindung. Das Bild verschwand sofort, doch William starrte weiter auf die Stelle in der Luft, an die es projiziert worden war.

Dominique tot. Dominique, die Frau, zu der er nicht nur hingegangen sondern zurückgekehrt war. Dominique, die ihm zum ersten Mal seit dem Tod seiner Mutter wieder ein Gefühl der Geborgenheit gegeben hatte, wenn auch stets nur für wenige Stunden zwischen langen Tagen und Wochen der Trennung. Dominique, bei der er das Gefühl gehabt hatte, um seiner selbst willen geliebt zu werden, und die für ihn der einzige Grund gewesen war, den Sternenpalast noch immer stärker als ein Zuhause anzusehen als das Flaggschiff, von dem aus er seine Truppen führte. Dominique, für die er sogar bereit gewesen war, sich dem direkten Wunsch seines Onkels zu widersetzen, die er bei sich behalten hatte, als alle anderen EDEN-Abhängigen den Palast hatten verlassen müssen.

Dominique, deren Untergang ich selbst mit der Gabe von EDEN eingeleitet habe, weil ich nicht mehr willens und fähig war, zu vertrauen.

Er schloss die Augen und biss die Zähne zusammen.

Nein! Nicht ich war es … ich habe alles getan um sie wieder von der Sucht zu lösen. Es waren die, die meine Bemühungen sabotiert haben! Die weggesehen oder ihr sogar geholfen haben, an das EDEN heranzukommen, und Gewinn aus ihr geschlagen haben! Leute wie Jarome und dieser L'amir Dukic, der ihre Ausflüge gedeckt hat …

Eine kalte Wut packte ihn erneut, und er bedauerte fast, dass Dukic bereits tot und außer Reichweite seiner Rache war. Noch einmal wäre der Mann nicht so leicht davon gekommen.

Sie werden büßen, alle, die Verantwortung dafür tragen. Doktor Jarome … seine Inkompetenz wird ihn seine Stellung kosten. Und auf dem fernen Sumpfplaneten, auf den ich ihn samt seiner Familie deportieren lassen werde, wird er auch nie wieder eine finden. Mögen sie alle dort krepieren! Dann die Wachen – sie waren zu langsam. Sie werden diszipliniert und auf irgendeinen verlorenen Grenzplaneten strafversetzt. Und sollte ich denjenigen in die Finger bekommen, der ihr das Zeug verkauft hat …

Unwillkürlich ballte sich seine Hand zur Faust. Ja, er wollte seine Rache haben. Mit einem Ruck erhob er sich aus seinem Sessel und aktivierte erneut das Kommunikationssystem.

Verbindung zu André Coupièr, verlangte er. Sekunden später verschwand das Standby-Zeichen, und die Gestalt des Geheimdienstchefs erschien. Er saß an seinem Schreibtisch, die Hände vor sich übereinandergelegt und ein leichtes Lächeln auf den Lippen, hinter welchem William unwillkürlich Ironie sah. Die langen Jahre der Ausbildung durch diesen Mann, die vielen kleinen und großen Grausamkeiten, die unzähligen Kämpfe, die stets mit Niederlage und Spott geendet hatten – all das kehrte mit einem Schlag in Williams Erinnerung zurück, wie immer, wenn er Coupièr sah. Eine lange Geschichte des Hasses und der Demütigung verband ihn mit dem Obersten Leibwächter seines Vaters. Doch am Ende hatte er auch diesen scheinbar unüberwindbaren Gegner besiegt, so wie auch jeden anderen zuvor, und dadurch seine Dominanz über ihn gesichert. Nun hatte Coupièr ebenso sein Werkzeug zu sein, wie er das seines Vaters war. Und er war ein gutes und zuverlässiges Werkzeug, das musste man ihm lassen. Man musste ihn nicht mögen, um ihn zu benutzen.

Wie kann ich Euch dienen, Prinz William?

Zweifelsohne haben Sie bereits davon gehört, dass Dominique Alvez gestorben ist.

Coupièr senkte seine Lider halb. Ich habe davon gehört. Nachrichten wie diese verbreiten sich schnell im Palast.

Und sie erreichen einen um so schneller, wenn man selbst im Zentrum des Nachrichtennetzes sitzt, stellte William fest. Coupièr quittierte die Äußerung lediglich mit einem weiteren angedeuteten Lächeln. William lehnte sich vor und musterte ihn kalt.

Ich habe einen Auftrag für Sie, Coupièr. Etwas, das Ihnen nicht allzu schwer fallen sollte …

Kapitel 3

20. April 523 NTZ

Kellergewölbe des Sternenpalastes

23:00

Wir hätten fliehen sollen, als wir es noch konnten, murmelte Celice. Sie starrte durch das Fenster hinaus in die niedrige, aber in alle Richtungen lang gestreckte Halle, die anscheinend die Heimat ihrer Retter war. Zwischen den unzähligen Säulen des Raumes, der sich in jede Richtung weiter erstreckte als sie im Licht der wenigen aufgebauten Leuchtstrahler sehen konnte, hausten nach ihrer Schätzung mehr als hundert Leute. Teilweise hatten sie existierende Räume ausgebaut, teilweise sich aus herumliegendem Material Verschläge gebaut, wie den, in den man sie gebracht hatte. Ein reges Treiben herrschte, und Celice folgte den zerlumpten Gestalten jeden Alters und Geschlechtes mit ihren Augen, stets auf der Suche nach jemandem, der sich der Hütte zielstrebig näherte. Jeder schien hier irgendeine Waffe zu tragen, und sie konnte sehen, dass nicht selten gebalgt wurde. Dennoch kam es nie zu echten Handgreiflichkeiten, und Celice erkannte in der Art, wie die Leute sich innerhalb der Halle bewegten, eine zielgerichtete Geschäftigkeit, wie es sie nur bei gut organisierten Gemeinschaften gab. Das hier waren nicht nur irgendwelche zusammengewürfelte Ausgestoßene, sondern eine geschlossene Gruppe. Celice war sich sicher, dass sie früher oder später deren Kopf kennen lernen würden.

Das hier ist nichts anderes als ein Gefängnis, stellte sie fest. Sie sprach gerade laut genug, dass der neben ihr am Fenster stehende Royal sie hören konnte. Und wir sind nichts anderes als Gefangene, auch wenn wir unsere Waffen noch haben. Gegen so viele wie da draußen herumstreifen haben wir keine Chance, und selbst wenn wir es zurück in die Kanäle schaffen würden, wären wir völlig orientierungslos.

Ronald Royal seufzte. Und was hätte uns die Flucht gebracht, Firo? Das Gitter wurde zwar durch den Aufprall herausgebrochen, aber diese Leute kennen sich hier unten zweifelsohne besser aus als wir und hätten uns problemlos verfolgen und einkreisen können. Und wir hätten Muller zurücklassen müssen. Er nickte zu dem reglosen Körper, der nahe der gegenüberliegenden Wand auf einer Matratze lag. Und Marie vermutlich auch, nachdem ihr Anzug an der geschwächten Stelle aufgerissen ist. Die Verätzungen erlauben ihr kein schnelles Laufen mehr. Gar nicht zu reden von Kelvins Rippenbruch und den Beschädigungen an Pasquis Kybernetik. Wir brauchen Hilfe, Celice, keine weiteren Kämpfe. Wir dürfen nicht scheitern. Das hier ist unsere letzte Chance, noch etwas zu bewegen.

Celice verzog das Gesicht. Und glauben Sie ernsthaft, diese Leute können und werden uns helfen, unseren Auftrag zu erfüllen?

Ronald Royal lächelte. Selbst wenn sie nicht von sich aus mit unseren Zielen sympathisieren sollten - wenn man sie höflich und mit den richtigen Argumenten darum bittet und zugleich die richtigen Dinge im Austausch anbietet, denke ich, sollte man sie dazu überreden können.

Wenn wir wenigstens noch das Funkgerät hätten, mit dem wir Smith erreichen könnten …

Royal zuckte die Achseln. Er könnte uns auch nicht wirklich helfen, solange wir nicht einmal wissen, wo wir eigentlich sind. Das hier war nicht auf den Karten, die wir zur Verfügung hatten.

Celice wandte sich ab. Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Viele der Rebellen hatten kleine oder größere Verletzungen davon getragen. Auch sie selbst hatte mehrere Prellungen und Abschürfungen – nicht genug, um unter den gegebenen Umständen die Nanobots des MedCo zu aktivieren, aber ausreichend, um sie ihren Körper deutlich spüren zu lassen. Nahezu alle anderen hatten sich aus ihren Schutzanzügen geschält, da die Luft in dieser Halle zwar leicht muffig, aber frei von allen gefährlichen Substanzen war. Sie lagen oder saßen nun entlang der Wände, und Haltung und Gesichtsausdruck sprachen Bände über ihre Erschöpfung und Mutlosigkeit. Marie und der notdürftig versorgte Kelvin, in dessen Körper hoffentlich der MedCo ganze Arbeit leistete, waren sogar bereits eingeschlafen. Muller lag ohnehin noch immer im Koma, er war auf dem ganzen Weg nicht aus seiner tiefen Bewusstlosigkeit aufgewacht. Immerhin lebte er noch; das war mehr, als Celice erwartet hatte. Aber für den Einsatz war nicht mehr mit ihm zu rechnen, und es war nicht auszuschließen, dass er bleibende Schäden davongetragen hatte. Pasqui hatte festgestellt, dass Mullers MedCo außer Funktion war, vermutlich war es beschädigt worden, als der Mann mit dem Kopf gegen die Wand geprallt war.

Celice sah wieder aus dem Fenster. Ihr Helm war zur Seite gefaltet, doch ihren Schutzanzug trug sie noch. Zudem hatte sie sich verboten, sich zu setzen, da sie befürchtete, ebenfalls einzunicken. Stattdessen bemühte sie im MedCo enthaltene Aufputschmittel und Atemtechniken, um einsatzbereit zu bleiben. Den anderen gönnte sie die Ruhepause jedoch. Sollte Royal es wirklich schaffen, sie hier loszueisen, dann lag noch ein langer Weg vor ihnen. Doch bis es soweit war, wollte Celice nichts verpassen, das ihnen vielleicht einen anderen Ausweg aus ihrer Lage bieten konnte. Doch egal wie viele mögliche Szenarien sie anhand ihrer Beobachtungen durchspielte, sie kamen nie weiter als bis zur Schleuse in die mit Giftgasen erfüllten Gänge, und immer musste sie davon ausgehen, dass ihre Flucht mindestens zwei Mitglieder der Gruppe das Leben kostete. Noch war sie nicht bereit, diesen Preis zu zahlen.

Eine Gruppe von fünf Männern näherte sich zielstrebig der Hütte. Ihre Kleidung wirkte nicht besonders gepflegt, und jeder von ihnen trug ein Strahlgewehr eines alten Fabrikates im Arm oder an einer Schlinge über dem Rücken. Sie kamen aus der Richtung eines Ganges, der Celice bereits zuvor aufgefallen war. Das Licht darin wirkte heller und gleichmäßiger als das der Strahler in der Halle, und sie vermutete, dass es fest von installierten Leuchtkörpern stammte. Das und die Tatsache, dass der Gang durch ein Gitter abgesperrt werden konnte, ließ sie darin einen Zugang zum Sitz der Führung dieser unterirdischen Enklave vermuten.

Scheint, als würden Sie bald Gelegenheit erhalten, Ihre Überredungskünste unter Beweis zu stellen, bemerkte Celice und nickte in Richtung der sich nähernden Gruppe. Unser Empfangskomitee, wenn ich mich nicht irre.

Celice irrte sich tatsächlich nicht. Die Tür öffnete sich, und hindurch trat ein großer hagerer Mann mit verfilztem schwarzem schulterlangem Haar, dessen rechte Gesichtshälfte anscheinend einmal Bekanntschaft mit einer heißen Flamme gemacht hatte. Ebenfalls an der rechten Hand trug er einen schwarzen Handschuh. Celice vermutete, dass auch der restliche Körper auf dieser Seite von dem Thermoschuss in Mitleidenschaft gezogen worden war, der ihn verunstaltet hatte. Er musterte alle Anwesenden scharf mit seinem intakten linken Auge. Auf der verbrannten Seite trug er eine seltsam anachronistisch wirkende Augenklappe. Schließlich deutete er wortlos auf Celice und Ronald Royal und winkte sie heraus. Da sie keine andere Wahl hatten, verließen sie die Hütte und folgten dem Mann und seinen Begleitern in Richtung des erleuchteten Ganges.

Die Soldatin beobachtete die Männer und verglich sie mit den Aufzeichnungen ihres DataVis von den in Metallfolien gewickelten Mumiengestalten, in deren Gewalt die Thydery-Gruppe am Alligatorbecken geraten war. Ihre Vermutung bestätigte sich. Mindestens drei von diesen Männern waren dabei gewesen. Trotz der klobigen Maske war Celice schon beim ersten Blickkontakt über die Mündung des Desintegrators hinweg das von vernarbter Haut umgebene künstliche Auge aufgefallen, das der Hagere jetzt unter der Augenklappe verbarg. Auch der hochgeschossene Junge von bestenfalls vierzehn Jahren, dem immer wieder eine dunkelblonde Haarsträhne ins Gesicht und über die hell funkelnden Augen fiel, war mit von der Partie gewesen. Er bemühte sich sichtlich, mit dem Schwarzhaarigen Schritt zu halten. Das Verhalten beider, ihre Körpersprache, ließ Celice vermuten, dass sie sich nahe standen. Der dritte Mann, den Celice erkannte, war gerade so groß wie der Junge und ein wenig dicklich. Graue Strähnen durchzogen sein bereits schütteres Haar. Er wirkte nicht wie ein Kämpfer, aber dennoch hielt er die Waffe in seiner Hand, als sei sie ihm wohlvertraut.

Bei den beiden anderen Männern handelte es sich anscheinend um Brüder. Die kantigen Gesichter unter ihren braunen zerzausten Mähnen ähnelten sich, und sie stritten sich während des ganzen Weges leise über irgendetwas. Sie hielten deutlich weniger von Hygiene als die anderen drei, denn im Gegensatz zu diesen waren sie unrasiert und trugen die Speisekarte ihrer letzten Mahlzeit auf ihrer Kleidung. Celice vermutete, dass sie lediglich Handlanger waren, während der Vernarbte und der Dicke wohl wichtigere Funktionen innehatten. Ersterer fungierte wohl als eine Art Truppführer, während es sich bei dem anderen vielleicht um einen Spezialist handelte, einen Techniker oder etwas ähnliches.

Wohin bringen Sie uns?, fragte Celice, als sie den hellen Gang betraten. Er wurde tatsächlich von in die Wände eingelassenen Lichtstreifen beleuchtet, die Teil der ursprünglichen Einrichtung zu sein schienen, nicht nachträglich installiert. Nach etwa hundert Metern endete der Korridor an breiten Steinstufen. An einer Seite führten parallel zwei abgeteilte schmale Metalltreppen nach oben.

Bashkis will euch sehen, antwortete der Hagere.

Und was will er von uns?

Das wird er entscheiden, wenn er euch gesehen hat.

Warum haltet ihr uns fest?

Ihr seid in unser Territorium eingedrungen und habt einen unserer Wächter getötet. Ist das nicht Grund genug?

Euer Wächter hat uns angegriffen. Wir haben uns nur gewehrt. Woher sollten wir wissen, dass wir uns in eurem Territorium befanden?

Der Mann blieb stehen und wandte sich zu ihr um. Sofort blieben auch die anderen stehen. Der Hagere hielt sich leicht gebückt, und sein vorgereckter Kopf erinnerte so ein wenig an einen Geier. Die scharfe Nase, die wie ein Falkenschnabel wirkte, und der harte Blick seines dunklen Auges gaben ihm zusätzlich etwas Raubvogelartiges. Während er sie musterte, beschlich Celice das Gefühl, für ihn nur eine Beute zu sein, die auf ihre Tauglichkeit geprüft wurde. Und hätte es euch geschert, wenn ihr es gewusst hättet? Oder hättet ihr euch dann nur besser bewaffnet?

Celice begegnete seinem Blick. Vielleicht wären wir trotzdem eingedrungen, antwortete sie kühl. Aber wir haben niemals vorgehabt, gegen irgendjemanden hier unten zu kämpfen. Unser Ziel liegt woanders. Wenn ihr uns einfach hättet gehen lassen …

Der Mann wandte sich schnaubend ab und lief mit langen Schritten weiter. Celice, Royal und ihre Bewacher mussten deutlich schneller gehen, um ihm zu folgen, und sie holten ihn erst auf dem ersten Treppenabsatz wieder ein.

Celice hat recht, mischte sich nun auch Royal in das Gespräch ein. Wir haben nichts gegen Sie und Ihre Leute hier unten. Vielleicht könnten wir Ihnen sogar helfen. Hätten wir gewusst, dass es Sie gibt, hätten wir schon vorher Kontakt gesucht und uns mit Ihnen arrangiert.

Der Mann nahm weiter zwei Stufen mit einem Schritte und antwortete nicht. Celice legte eine Hand auf Royals Schulter. Sparen Sie sich die Mühe, Royal. Warten Sie mit Ihren Reden lieber, bis wir diesem Bashkis gegenüber stehen.

Royal sah sie mit einem seltsamen Lächeln an. Ich denke, dass Bashkis alles hören wird, was dieser Mann hört. Und darum lohnt es sich durchaus mit ihm zu sprechen.

Celice zuckte die Achseln und sah wieder nach vorne. Sie hatten das obere Ende der Treppe erreicht, die in eine weitere Halle ähnlich der ersten mündete. Diese hier war jedoch zum Großteil eingestürzt. Rings um den Treppenabsatz war eine unregelmäßige Fläche von vielleicht 500 Quadratmetern frei geblieben, die ebenso wie der Raum unten in regelmäßigen Abständen von deckentragenden Betonsäulen unterbrochen wurde. Zusätzliche Steinsäulen und Mauern gaben der Decke weiteren Halt und schützten den Platz gegen hereinrutschende Trümmer. Und in der Mitte der freien Fläche stand etwas, das Celice seltsam bizarr erschien: Ein großes, nach allen Seiten zu herumliegenden Felsbrocken hin weit ausgespanntes, hellbraunes Zelt.

Am Zelteingang blieb der Mann stehen und schob die leichte Plane beiseite. Willkommen im Reich von Bashkis, dem Herrn der Kanalratten, sagte er mit leichtem Sarkasmus in der Stimme. Tretet ein.

Zögernd trat Celice durch den Eingang in das geräumige, von einer gelblich schimmernden Elektrolampe erleuchtete Zelt. Royal folgte ihr, dahinter der Junge und der dickliche Mann. Als letztes trat der Hagere ein. Celice registrierte, dass die anderen beiden vor dem Zelteingang Posten bezogen. Der Boden des Zeltraums war mit Teppichen ausgelegt und von zahllosen Kissen bedeckt. Ein einzelner niedriger Tisch und einige Kisten komplettierten die Einrichtung. Ein Vorhang trennte den hinteren Teil des Zeltes ab. Aber es gab kein Anzeichen von dem Mann, der sie angeblich erwartete.

Und wo ist dieser Bashkis nun?, fragte Celice misstrauisch.

Hier, sagte der Hagere, während er an ihr vorbei auf eine Abhängung zutrat. Direkt davor blieb er stehen und wandte sich um. Der Junge und der Dickliche gingen ebenfalls an Celice und Royal vorbei und stellten sich neben ihn. Der Mann breitete die Arme aus. Setzt euch doch.

Celice öffnete den Mund, schloss ihn dann jedoch wieder.

Sie sind Bashkis, stellte Royal stattdessen fest.

Der Hagere nickte. Und um der Höflichkeit Genüge zu tun – der Mann zu meiner Linken ist Matthew Kins, unser Basarmeister, und der Junge hier ist Eniit, ein Anwärter für unsere Kampftruppe und mein Adjutant. Und ihr seid … ?

Ronald Royal, antwortete der Thydery-Sektionsführer mit einem Nicken. Und das hier ist...

Celice Firo, fuhr Celice ihm ins Wort. Was soll dieses Spiel? Warum haben Sie uns nicht gleich gesagt, wer Sie sind?

Der linke Mundwinkel des Mannes zuckte nach oben. Es gibt hier unten nicht vieles, womit wir uns außerhalb unserer Streifzüge nach Nahrung und Materialien ablenken können. Nur Spiele und Sex, und letzteres reizte mich bei dir nicht besonders. Also halte ich mich an das Spiel.

Wut kochte in Celices auf. Auch wenn sie es inzwischen gewohnt sein sollte, erzürnte sie die Art, wie dieser Mann mit der Macht umging, die er besaß. Mit seiner höflich-spöttischen Art, in der eine unterschwellige Drohung lag, erinnerte er sie in unangenehmem Maß an Venever, auch wenn er bisher nicht dessen Skrupellosigkeit gezeigt hatte. Bisher.

Bashkis ließ sich inzwischen mit unterschlagenen Beinen auf der anderen Seite des Tisches nieder, ohne sich weiter um Celice zu kümmern. Der Junge, Eniit, verschwand hinter die Abhängung, und man hörte das Klappern von Geschirr. Matthew Kins legte seine Waffe neben sich auf einen Teppich und setzte sich ebenfalls, und auch Royal folgte dem Beispiel der beiden Männer. Celice blieb zunächst stehen und starrte auf die anderen hinunter, doch als Royal sie mit einem bittenden Ausdruck in den Augen ansah, suchte auch sie sich ein Kissen.

Also, sagte Bashkis und lehnte sich vor, die Augen auf Royal geheftet. Was habt ihr in meinem bescheidenen Reich zu suchen?

Wie Celice schon sagte, nutzen wir die alte Kanalisation lediglich, um an unser eigentliches Ziel zu gelangen. Wir hatten keine Ahnung, dass überhaupt jemand hier unten lebt, geschweige denn dass es sogar Gebietsansprüche gibt. Wie sind Sie alle hierher gekommen?

Eniit kam mit einem Tablett hinter dem Vorhang hervor. Er kniete sich neben den Tisch, stellte eine Schale mit Früchten und fünf ungleichmäßig geformte henkellose Becher darauf ab und schenkte aus einer Kanne eine gelbliche dampfende Flüssigkeit ein. Bashkis griff nach dem ihm am nächsten stehenden Becher und machte eine auffordernde Geste. Trinkt. Als er Celices Blick auffing, fügte er spöttisch hinzu: Ich versichere euch, dass es nicht vergiftet ist. Das habe ich hier unten nicht nötig.

Der Anblick der Früchte erinnerte Celice daran, dass sie seit Stunden nichts mehr gegessen hatte. Und Bashkis hatte recht – warum sollte er es nötig haben, sie zu vergiften? Also griff sie wie die anderen nach ihrem Becher und nahm sich eine gelbliche Ariduta, die nahrhafteste unter den angebotenen Früchten.

Wir alle hier unten sind Ausgestoßene oder Flüchtlinge, erklärte Bashkis und trank einen Schluck aus seinem Becher. Seit langem schon sammelt sich der Abschaum der Gesellschaft in den Höhlen unter der Stadt, aber die Lebenserwartung ist hier unten normalerweise recht niedrig, weil die Leute nicht nur die Gefahren der Kanalisation bekämpfen müssen, sondern sich auch gegenseitig bei jeder Gelegenheit die Schädel einschlagen, für einen Essensriegel oder ein paar Schuhe. Als es mich hier herunter verschlug, gelang es mir, einige davon zu überzeugen, dass Zusammenarbeit mehr Sinn macht als ständiger Krieg. Wir säuberten ein Gebiet und erklärten es zu unserer Heimat, erkundeten Wege zu Nahrungs- und Materialquellen und sicherten unsere Versorgung. Mit der Zeit haben wir für uns hier wieder etwas ähnliches wie ein lebenswertes Leben aufgebaut. Und dieses Leben wollen wir um jeden Preis beschützen.

Die unterschwellig Drohung in seinen Worten entging Celice nicht, und auch Royal hatte sie wahrgenommen. Doch er ging nicht direkt darauf ein.

Sie haben einen Basarmeister, sagte er stattdessen. Heißt das, Sie haben auch eine Art Handel aufgebaut?

Bashkis nickte. Es gibt Leute, die unabhängig bleiben wollen, aber trotzdem keinen Streit mit uns haben. Sie kommen manchmal und bieten uns Waren zum Tausch an. Außerdem haben wir auch Verbindungen zur Oberfläche aufbauen können. Für die exotischen Tiere, die wir hier unten einfangen können, gibt es tatsächlich gut zahlende Kunden, und manchmal verkaufen wir auch Gefangene nach oben, wenn es ein gutes Kopfgeld für sie gibt. Sein Blick fuhr über Celice und Royal und senkte sich dann auf seinen Becher. Was mich wieder zu euch bringt. Wer seid ihr, was wollt ihr, und warum sollte ich euch nicht nach oben ausliefern?

Wir sind Schmuggler, antwortete Royal ohne zu zögern und erstaunte Celice damit. Irgendwie hätte sie diesem immer so liebenswürdig und ehrlich wirkenden Mann nicht zugetraut, so schnell und überzeugend mit einer dermaßen dreisten Lüge aufzutreten. Wir haben einen Stützpunkt vor der Küste im Meer aufgebaut und suchen nun nach unauffälligen Wegen, um von dort einen regelmäßigen Warenaustausch mit unseren Kunden in der Stadt aufzubauen.

Mit einem Stirnrunzeln sah Bashkis zu Celice und dann zurück zu Royal. Sie kämpfen aber nicht gerade wie Schmuggler.

Celice ist eine Söldnerin. Ehemalige Reichssoldatin, aus dem Dienst ehrenvoll entlassen und danach leider in finanzielle Nöte geraten, die sie etwas auf die schiefe Bahn und schließlich zu uns haben kommen lassen. Und ich denke, wir sind für Sie als Verbündete und Handelspartner mehr wert, als wenn Sie uns verkaufen würden.

Bashkis nickte langsam und stellte den Becher ab. Das wäre schon möglich – wenn eure kleine Organisation nicht plötzlich ausgehoben wird und die Spur von dort zu uns führt.

Ein gewisses Risiko steckt in jedem Geschäft, oder?

Wohl wahr, sagte Bashkis mit einem Nicken und trank erneut aus seinem Becher. Und wie kommt ihr zu diesem Kyber-Wesen?

Er ist ein Junge, nicht irgendein Wesen, sagte Celice scharf.

Bashkis sah von Royal zu Celice und musterte sie, als sähe er sie zum ersten Mal. Ein Junge, hm? Liegt dir an ihm?

Ich wüsste nicht, was Sie das angeht, erwiderte sie.

Vermutlich nichts. Aber ich muss wissen, was ich in unsere einzige und letzte Heimat gebracht habe, denn mir zumindest liegt an meinem Volk. Und dieses Konstrukt mit dem Kopf eines Jungen ist ganz sicher nichts, das irgendwelche Schmuggler zuwege gebracht haben könnten.

Richtig, antwortete Royal schnell und legte Celice eine Hand auf den Arm. Er wurde als Versuchsobjekt in einem imperialen Forschungslabor umgewandelt, und als er nicht so funktionierte wie es geplant war, hat man ihn einfach in einer unwirtlichen Gegend ausgesetzt, um ihn sterben zu lassen und die Sache zu vertuschen. Es war Zufall, dass wir ihn fanden, bevor sich seine Energiezellen erschöpften und er umgekommen wäre.

Bashkis sah zu Eniit, und dieser erwiderte seinen Blick mit einem bittenden Ausdruck. Schließlich wandte der Anführer der Kanalleute den Kopf wieder zu Royal.

Also gut, ich werde die Dinge einmal so akzeptieren, wie ihr sie darstellt, sagte er. Ich könnte den Leuten aus eurem Stützpunkt erlauben, euch freizukaufen. Und vielleicht könnten wir sogar ein Tauschgeschäft für die Zukunft machen – sicheres Geleit durch die Kanalisation bei all euren Unternehmungen, gegen einen Teil eurer Waren. Aber ich nehme in jedem Fall ein Risiko auf mich, das größer ist als jedes andere, das wir bisher eingegangen sind. Einfacher und sicherer wäre es für mich, wenn ich euch einfach alle an unsere Wächter verfüttern und den Jungen der Wiederverwertung zuführen würde. Es ist ein wirkliches Dilemma für mich.

Tun Sie was sie wollen, aber hören Sie auf, mit uns zu spielen, sagte Celice.

Bashkis' Mundwinkel zuckte erneut. Ein Spiel ist genau das, was ich gerade zur Lösung meines Problems vorschlagen wollte. Und du, Celice Firo, wirst die Spielerin für eure Seite sein.

00:00 Uhr

Bashkis ließ sie in ihre Hütte zurückbringen. Eine halbe Stunde später wurden Celice und Royal erneut abgeholt. Man brachte sie eine Treppe hinunter in einen anderen Ausläufer der Halle, die Bashkis' Leute ihre Heimat nannten. Der Raum war langgezogen, und der Boden wurde in der Mitte der Länge nach von einer etwa fünf Meter breiten Grube unterbrochen, die sich an beiden Enden der Halle in hohe Tunnel hinein erstreckte. Am Grubenrand warteten Bashkis, Matthew Kins und einige Männer, die Celice noch nicht kannte. Sie bemerkte außerdem eine Gestalt in einem seltsamen Anzug aus braunen Fellflicken und mit einer Maske, die an einem der Tunnelausgänge zu warten schien.

Ihre Bewacher führten Celice und Royal zu Bashkis und seinen Leuten. Celice warf einen Blick in die Grube. Sie war nur einen halben Meter tiefer, und der Boden war geschottert. An einigen Stellen sah Celice die Reste verrosteter Eisenstangen herumliegen.

Bashkis wandte sich zu ihnen um und breitete lächelnd die Arme aus. Ah, unsere Jägerin ist da. Das Spielfeld ist fertig, und nun können wir auch die Spieler vorbereiten. Matthew?

Der Basarmeister reichte Celice einen Helm, den sie entgegennahm und eingehend musterte. Es war ein Schutzhelm, an dem einfache Ausführungen eines Restlichtverstärkers und einer Infrarotoptik angebracht waren, die jeweils vor ein Auge geklappt werden konnten.

Die Fuchsjagd ist unser traditionsreichstes Spiel, erläuterte Bashkis indessen. Wir nutzen sie, um eine Auswahl zu treffen unter denen, die sich mehr oder weniger freiwillig um einen Platz bei uns bewerben. Wir können weder Schwache noch Dumme in unserer Gemeinschaft brauchen. Das Spiel ist ein Spiel des Jägers gegen den Fuchs. Welche Rolle der Prüfling beim Spiel einnimmt, entscheiden wir nach Situation. In diesem Fall ist Celice die Jägerin. Sie muss den Fuchs fangen, ehe er seinen Bau erreicht. Er bekommt einen Vorsprung, muss unterwegs jedoch noch seine Jungen einsammeln. Bashkis machte eine Handbewegung in Richtung des maskierten Mannes, und dieser sprang in die Grube und verschwand im Tunnel.

Dies hier ist eine alte Station eines vorzeitlichen Verkehrsnetzes, ähnlich unserer Röhrenbahn. Tunnel verbinden die verschiedenen Stationen, an denen man zusteigen konnte, und dazwischen fuhren Wagen auf Schienen. Zwischen den Tunnel gibt es Verbindungsgänge und Wartungsschächte, wodurch sich ein wahres Labyrinth ergibt. Einen Teil dieses Labyrinthes haben wir freigeräumt, um Zugang zur alten Kanalisation und zu anderen Gebieten der Unterstadt zu erhalten. Dort halten wir auch unsere Spiele ab. Matthew?

Der Basarmeister trat vor und hockte sich hin, um eine Karte am Boden auszubreiten. Sie zeigte ein Netz von Gängen, vermutlich einen Teil des Tunnelsystems, von dem Bashkis sprach. Der Anführer der Kanalleute ließ sich von einem seiner Männer einen Stock geben und deutete auf die Karte.

Hier sind wir. Dort drüben ist die nächstgelegene Station, der Fuchsbau. Sie ist Teil eines anderen Tunnelsystems und liegt höher. Daher ist sie nicht über den Haupttunnel zu erreichen, sondern man muss sich einen Weg durch die anderen Gänge suchen. In allen Gängen gibt es in weiten Abständen schwache Fluoreszenzlichter, aber der größte Teil liegt in Dunkelheit. Die drei Checkpunkte, die der Fuchs aufsuchen muss, sind an den rot markierten Stellen – hier, hier und hier. Die Reihenfolge, in der er das tut, ist ihm überlassen. Er findet dort Ausrüstungsmaterialien, die ihm weiterhelfen können. Im Moment hat er nichts bei sich als sein Kostüm und die Maske, die übrigens über die gleichen Sichthilfen verfügt wie dein Helm. Aber wenn er es schafft, alle drei Punkte zu erreichen, ehe der Jäger ihn stellt, hat er gute Chancen, sich seines Gegners erfolgreich zu erwehren.

Kins faltete die Karte wieder zusammen und stand auf. Er griff in eine Tasche und zog einen Gurt hervor, an dem verschiedene Gegenstände befestigt waren.

Hier ist deine Ausrüstung, sagte er und reichte ihr den Gurt. Ein Vielzweckmesser, ein Multiwerkzeug, drei kleine Lichtstäbe mit jeweils etwa fünf Minuten Leuchtdauer, und eine Blendgranate. Der Gurt selbst beinhaltet außerdem ein Jetpack, das dir einen etwa zweihundert Meter langen Flugsprint ermöglicht, falls du irgendwo ein so langes freies Gangstück findest.

Celice legte sich den Gurt um und inspizierte die Gegenstände. Messer und Werkzeug wiesen Abnutzungsspuren auf, waren aber völlig intakt. Auch die Blendgranate sah so aus, als könnte sie durchaus noch funktionieren.

Das da sind allerdings alles nur Hilfsmittel und nicht für die Jagd an sich gedacht, sagte Bashkis. Die Waffe, mit der du versuchen sollst, den Fuchs zur Strecke bringen, ist dieser umgebaute Nadler hier. Die Reichweite ist nicht hoch, aber in den Tunneln wirst du ohnehin dicht an ihn heran müssen, um ihn erwischen zu können. Achtung: Die Munition reicht nur für drei oder vier Schuss. Er reichte Celice die Waffe. Sie musterte sie sorgfältig, wurde jedoch aus dem Umbau nicht schlau. Mit einem Schulterzucken steckte sie die Waffe in ein Holster am Gurt und sah Bashkis an.

Ist mein Gegenspieler ein Anwärter?, fragte sie ihn.

Bashkis schüttelte den Kopf. Nein. Er ist unser bester Fuchs. Einen weniger fähigen Mann zu nehmen, wäre eine Beleidigung dir gegenüber gewesen. Ich setze hohe Erwartungen in dich.

Celice fluchte innerlich.

Nur von dieser Station bis zu der anderen, dachte Celice. So viel Zeit habe ich, ihn aufzuhalten. Und er kennt sich aus, hat vermutlich bereits jeden Winkel ausgespäht, in dem man sich verstecken oder dem Jäger eine Falle stellen kann.

Sie hatte die Karte natürlich abrufbereit im VisMem-Bereich ihres DataVis, doch das wog echte Ortskenntnis nicht auf. Sie trat an den Rand der Grube und spähte in den Tunnel, in den der Fuchs verschwunden war.

Wann kann ich los?

Noch zwei Minuten, antwortete Kins.

Royal trat neben Celice. Geben Sie Ihr Bestes, Celice, bat er leise. Nicht nur diese Mission hängt davon ab, sondern die Zukunft unseres ganzen Widerstandes. Wenn wir heute scheitern, haben wir vielleicht die letzte Chance verloren, etwas zu erreichen. Aber wenn Sie hier Erfolg haben, gewinnen wir womöglich sogar wertvolle Verbündete dazu.

Daran brauchen Sie mich nicht erinnern, antwortete Celice. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, warum sie das alles eigentlich machte. Wissen Sie, Royal, ich könnte mich auch einfach Bashkis' Leuten anschließen und hier unten bleiben. Viele im Widerstand würden mich ohnehin lieber tot als lebend sehen, und ich habe keinen Grund, mich ihm verpflichtet zu sehen. Bisher hatte ich keine Wahl. Jetzt habe ich sie.

Royal legte eine Hand auf Celices Schultern, und sie spürte, wie ihre Zweifel schwanden. Sie hatten die Wahl, eine Reichssoldatin zu bleiben, sagte er leise. Sie haben ihre Entscheidung getroffen, als sie Venever töteten und dann auf die CLAW gingen. Sie haben sich vom Reich losgesagt, und in letzter Konsequenz heißt das, dass sie sich gegen es gestellt haben. Und somit haben Sie nur dann eine Chance, jemals Ihre Schwester wieder zu sehen, wenn die Caranors gestürzt werden und ihr korruptes Regime mit ihnen fällt.

Celice nickte.

Halali!, rief Bashkis in diesem Moment. Die Jagd beginnt!

Celice sprang in die Grube, aktivierte den Restlichtverstärker und rannte den Tunnel hinunter.

Der erste Checkpunkt lag am Ende eines längeren Ganges, in dem Celice den Fuchs gut hätte abfangen können. Aber die Chance, rechtzeitig dort hin zu gelangen, war zu gering. Sie war sich sicher, dass der andere lange vor ihrer Ankunft wieder im Labyrinth der Gänge verschwunden sein würde. Sie hatte daher einen Gang direkt vor dem dritten Checkpunkt ausgewählt, um ihm aufzulauern. Es war die einzige Verbindung zwischen dem unteren und dem oberen Tunnelsystem. Dort würde sie ihn erwarten, auch auf das Risiko hin, dass er dann bereits zwei seiner drei Ausrüstungsteile hatte.

Ihr Plan änderte sich jedoch in dem Moment, als sie unterwegs die Spur des Fuchses traf. Sie sah, dass er kurz vor ihr hier entlang gekommen war. Sie musste ihm direkt auf den Fersen sein. Seine Spur schwenkte in einen Nebengang ein, und sie folgte ihr so lautlos wie möglich. Sie sah eine Bewegung im Gang. Der Fuchs war direkt vor ihr und huschte gerade in einen Raum hinein. Celice folgte ihm schnell, um ihn nicht aus dem Auge zu verlieren. Am Durchgang in den Raum blieb sie kurz stehen, doch dann hörte sie eine weitere Tür zufallen. Sofort sprang sie in den Raum hinein, um den Anschluss nicht zu verlieren. Als sie den Widerstand in Höhe ihres Knies spürte, war es bereits zu spät. Sie stolperte über das straff gespannte Seil und verlor das Gleichgewicht. Noch im Sturz hörte sie ein Knirschen, und während sie sich am Boden abrollte, traf sie etwas schmerzhaft an der Schulter und landete dann klirrend auf dem Betonboden. Im nächsten Moment prasselten weitere Gegenstände auf Celice ein. Die Soldatin rollte sich zusammen und schützte ihren Kopf mit den Armen.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis der Spuk wieder aufhörte. Celice wartete noch einen Augenblick und lauschte, doch nichts war zu hören. Vorsichtig schob sie ein Brett beiseite, das quer über ihrer Brust lag. Der Raum war jetzt so dunkel, dass selbst der Restlichtverstärker ihr nichts mehr nutzte. Offensichtlich war die Tür, durch die sie hereingekommen war, hinter ihr zugefallen.

Celice zog einen der Leuchtstäbe aus ihrem Gurt, aktivierte ihn und sah sich um. Um sie verstreut lagen Kisten, Bretter, Steine und Metallstücke. Es war reines Glück, dass sie bis auf einige Prellungen und blaue Flecke unversehrt davongekommen war. Der Fuchs musste diese Sachen aufgestapelt und das Seil so befestigt haben, dass ihr Eindringen den Turm zum Einsturz gebracht hatte. Vorsichtig stand sie auf und ging zu der schweren Stahltür, die den Eingang verschloss. Sie drückte den Griff hinunter, doch die Tür bewegte sich nicht. Erneut sah sie sich um, und erst jetzt erkannte sie den vollen Umfang der Falle. Es gab keine andere Tür. Der Fuchs musste im Raum gewesen sein und das Geräusch der zufallenden Tür mit einer Eisenplatte erzeugt haben. Während der Sturz des Turmes sie ablenkte, war er einfach an ihr vorbei hinausgeschlüpft. Sie musste ihm Anerkennung zollen – er spielte gewagt, aber geschickt. Die Zeit, die er verloren hatte, um diese Falle vorzubereiten, mochte ihm später fehlen. Andererseits musste sie dazu erst einmal aus diesem Raum herauskommen.

Celice untersuchte die Tür. Die Angeln waren innen angeschlagen und mit großen, schon angerosteten Schrauben in der Wand befestigt. Celice zog das Multiwerkzeug hervor und untersuchte es. Es hatte alle Funktionen, die sie benötigte. Nacheinander bohrte sie jede der Schrauben an, ließ die Arretierungswinkel des Bohreinsatzes in der Schraube einrasten und drehte sie dann heraus. Als die Angeln lose waren, zog Celice daran mit ihrem verstärkten Arm die Tür aus dem Anschlag und ließ sie in den Raum hineinkippen. Staub wirbelte hoch, als der Stahl aufschlug.

Hier stellst du niemandem mehr eine Falle, stellte Celice fest.

Sie suchte noch das Seil, mit dem die Falle ausgelöst worden war, und hängte es sich an den Gürtel, ehe sie den Raum verließ. Ein kurzer Blick auf ihre Uhr zeigte ihr, dass sie fast zehn Minuten verloren hatte. Der Fuchs musste sich bereits auf dem Weg zum dritten Checkpunkt befinden. Sie rief die Karte aus ihrem VisMem auf, orientierte sich neu und verfiel erneut in einen schnellen Laufschritt. Mit etwas Glück konnte sie noch immer vor ihrem Gegenspieler am Engpass sein.

Tatsächlich zeigte die Infrarotsicht ihr keine Spuren, als sie den Gang erreichte. Doch etwas machte sie misstrauisch. Für einen Moment hatte sie wieder den Eindruck gehabt, hinter einer der Säulen, die den breiten Gang stützten, eine Bewegung zu sehen. Doch das Infrarotauge zeigte ihr noch immer nichts. Celice zog einen weiteren Leuchtstab aus dem Gurt, aktivierte ihn und warf ihn vor sich. Scharf zeichneten sich frische Fußspuren im Staub des Betonbodens ab. Sie fluchte leise, als sie das Geräusch sich schnell entfernender Schritte hörte, zog den Nadler und nahm die Verfolgung auf.

Er ist knapp vor mir, und er hat etwas, das seine Körperwärme abschirmt. Ich muss ihn erwischen bevor er den dritten Checkpunkt erreicht und womöglich noch eine Waffe findet.

Celice wusste, wo ihr Gegenspieler hin wollte, doch er hatte den Vorteil, dass er die Gänge genau kannte, die dazwischen lagen. Es wurde zu einem Katz-und-Maus-Spiel. Immer wieder hörte Celice die Schritte des Fuchses, oder wie er in einem engen Gang an einer Wand entlang streifte, doch sie geriet in Sackgassen oder musste über Schutthügel klettern, bei denen der andere im Gegensatz zu ihr vermutlich ganz genau wusste, wohin er treten durfte. Schließlich gab sie es auf, ihn vor dem Checkpunkt abfangen zu wollen, und hastete mehrere halb verschüttete Gänge entlang, bis sie den hohen Gang erreichte, der auf der Karte gekennzeichnet gewesen war. Irgendwo hier würde er früher oder später auftauchen.

Langsam bewegte sich Celice den Gang hinunter, den Nadler schussbereit und immer wieder den Kopf wendend, um in alle Richtungen zu spähen und zu lauschen. Einmal glaubte sie, ein Rascheln zu hören, doch als sie stehen blieb und sich umsah, enthüllte ihr die Infrarotoptik lediglich eine Ratte.

Verschwinde, und lass dir nicht einfallen, mit deinen Freunden wiederzukommen, dachte Celice. Ich habe für heute wirklich genug Ratten getötet.

Das Rascheln erklang erneut. Dieses Mal war Celice sicher, dass es nicht die Ratte gewesen war. Das Geräusch war von oben gekommen, ein Stück weiter den Gang hinunter. Sie zog ihren letzten Leuchtstab aus dem Gurt und zögerte. Wenn sie diesen Stab benutzte und der Fuchs nicht im Bereich des Lichtscheins war, musste er nur noch warten, bis die Leuchtzeit abgelaufen war. Der Gang war selbst mit Restlichtverstärkung nahezu dunkel, und der Fuchs hatte bereits bewiesen, wie leise er sich bewegen konnte.

Celice zuckte die Achseln, aktivierte den Stab und warf ihn in die Richtung, aus der sie das Geräusch gehört hatte. Das Licht fiel auf die löchrigen Wände und wurde vielleicht zwanzig Meter von Celice entfernt von einer hell schimmernden Gestalt reflektiert, die an den Händen von einem Absatz herunterhing. Im selben Moment, in dem Celice den Nadler hochriss, ließ der in dünne Reflexionsplastofolie gehüllte Fuchs den Absatz los. Er landete auf dem Boden, duckte sich, griff etwas aus einem Loch und rannte los. Celice schoss, doch anscheinend war die Reichweite des Nadlers tatsächlich sehr kurz, denn ihr Opfer lief unbeirrt weiter in die Dunkelheit. Sie rannte hinter ihm her. Als sie die Stelle passierte, an der er sich von dem Absatz hatte fallen lassen, registrierte sie mit Genugtuung, dass ein Fetzen der Folie an der Wand hing. Nun würde er nirgends mehr unsichtbar sein.

Celice rannte den Gang hinunter. Sie sah die Gestalt des Fuchses im Restlicht vor sich. Er bewegte sich seltsam, fast als würde etwas seinen Lauf behindern. Die Folie musste unglücklich gerissen sein. Celice klappte die IR-Optik herunter. Sie war ihm schon deutlich näher gekommen und wagte einen zweiten Schuss, der jedoch ebenfalls an dem Haken schlagenden Fuchs vorbei ging. Plötzlich wurde der schmale Streifen Wärme, den sie sah, deutlich breiter, und der Fuchs schien etwas wegzuwerfen. Jetzt war Celice nur noch wenige Meter hinter ihm, doch sie wollte keinen weiteren Schuss wagen. Sie hatte vielleicht nur noch diesen einen. Sie musste auf Nummer sicher gehen, bevor sie diesen auslöste.

Von dem hinderlichen Folienstück befreit gewann der Fuchs nun wieder an Tempo und verschwand im nächsten Moment um eine Ecke. Celice folgte ihm so rasch sie konnte.

> MedCo Aufruf

Ein bestätigendes Blinken erschien in ihrem Blickfeld. Sie durfte sich jetzt nicht mehr abhängen lassen. Nur eine kurze Wegstrecke trennte sie noch von der Zielstation. Der Fuchs war flink und schnell, es würde sehr knapp werden. Sie musste alle Mittel einsetzen, die ihr zur Verfügung standen.

<MedCo>

Nanodepots Botenstoffe ADTT15 100% PI03 120%.

Erneut bekam sie die Bestätigung. Augenblicke später spürte sie, wie alle Energiereserven ihres Körpers in ihren Bewegungsapparat flossen, während die Schmerzen in ihren überstrapazierten Muskeln gedämpft wurden. Sie flog förmlich um die Ecke, folgte dem gebogenen Gang und sah den Fuchs wieder. Er umrundete gerade einen Schutthügel, der sich an der Einmündung des Ganges in den Haupttunnel der Zielstation gebildet hatte, als ein Teil der Wand eingestürzt war.

Mit einer Hand löste Celice die Blendgranate von ihrem Gurt und rannte direkt auf den Hügel zu. Es war ihr gleich, ob das Geröll lose war. Sie musste dem Fuchs den Weg abschneiden, und hier bot sich vermutlich ihre letzte Chance dazu. Mit wenigen Sprüngen erreichte sie die Spitze des Haufens. Sie aktivierte die Granate mit einer Zündzeit von fünf Sekunden, holte aus und warf. Sie schätzte die Flugbahn ab. Die Granate würde genau vor ihrem Gegenspieler landen. Hastig klappte sie die Optiken hoch und hob den Arm vor die Augen, während sie den Hügel hinunter stolperte. Trotz des schützenden Armes sah sie ein Aufblitzen, als die Granate zündete, und zugleich hörte sie einen hellen Aufschrei.

Celice senkte den Arm und sah im Nachfunkeln der Granate, dass der Fuchs gestürzt war. Er rappelte sich wieder auf, doch er hatte offensichtlich Orientierungsprobleme. Ein paar Schritte lief er quer zum Tunnel, dann änderte er die Richtung und streifte eine Säule. Celice rannte auf ihn zu, und als er sie hörte, drehte er sich erneut um und versuchte, vor ihr wegzurennen. Doch so lange der Energieschub anhielt, war Celice schneller als er. Sie erreichte ihn, packte das freiliegende Fell seines Anzugs und riss ihn herum. Er stolperte und fiel gegen sie, seine Maske rutschte von seinem Kopf, und gemeinsam taumelten sie zu Boden. Celice packte ihren Gegner auch noch mit der zweiten Hand, warf ihn auf den Rücken und legte ihren linken Unterarm quer über seine Brust, um ihn unten zu halten.

Entschuldige, aber ich kann es mir nicht leisten, dich gewinnen zu lassen, sagte sie, während sie den Nadler zog und auf ihn richtete. Dann fiel ihr Blick auf das nun unmaskierte Gesicht ihres Gegners, und sie erstarrte.

Es war Eniit.

Der Jungen starrte blinzelnd auf die Waffe in ihrer Hand. Angst zeichnete sich in seinen Gesichtszügen ab. Der Schuss aus einem Nadler löste zunächst schmerzhafte Krämpfe im Opfer aus. Die anschließende Lähmung empfand man dann als Gnade. Celice hatte schon schwache Menschen am Schock der Schmerzen sterben sehen.

Was für eine unmenschliche Gemeinschaft ist das, die Kinder für ein Spiel solchen Waffen aussetzt?

Verwunderung schlich in den sich klärenden Blick des Jungen, als der erwartete Schuss ausblieb. Doch er zögerte im Gegensatz zu Celice keinen Moment, seinen neuerworbenen Vorteil auszunutzen. Er hielt noch immer das in der Hand, was er am dritten Checkpunkt gefunden hatte, und nun drückte er es blitzschnell gegen ihren Körper. Ein elektrischer Schock durchzuckte Celices und ließ sie sich aufbäumen und zur Seite stürzen. Einen Moment wurde ihr schwindelig, und sie fürchtete, das Bewusstsein zu verlieren. Doch der MedCo hatte sofort reagiert, und die bereits ausgeschütteten Schmerzstiller taten ihr übriges.

Eniit sprang wieder auf. Celice taumelte ebenfalls hoch und schüttelte den Kopf, um ihn zu klären. Ohne Zögern hetzte der Junge, die Maske nur noch am Band um den Hals hängend, auf das lichterfüllte Viereck vor ihnen zu. Ihn trennten nur noch hundert Meter vom Sieg.

Celice registrierte erst jetzt das leise Stimmengewirr und die vereinzelten Rufe, die aus der Station vor ihnen in den Tunnel drangen. Bashkis Kanalratten erwarteten dort vermutlich den Ausgang des Spieles. Plötzlich erhob sich anfeuerndes Geschrei, und am Plattformrand bildete sich eine Menschenmauer. Einzelne Leute sprangen sogar hinunter ins ehemalige Gleisbett und forderten den Jungen mit heftigen Gesten zu schnellerem Rennen auf. Eniit hob die Arme in einer angedeuteten Siegergeste, in der einen Hand noch immer den Elektroschocker, und sah nur nach vorne, während er rannte, so schnell er konnte.

Celice steckte den Nadler weg, beugte sich vor und schlug auf den Auslöser ihres Jetpacks. Sofort rissen die Düsen sie nach vorne. In einem Sekundenbruchteil hatte sie den Jungen eingeholt und stieß mit ihm zusammen. Der Schocker glitt ihm aus der Hand und flog in hohem Bogen davon. Ehe Eniit fallen konnte, packte Celice ihn am Fell. Das zusätzliche Gewicht war zu viel für das Pack, und sie sackten zu Boden. Ein paar Meter schlitterten sie noch gemeinsam weiter, ehe es Celice gelang, die Düsen wieder zu deaktivieren.

Keuchend lag Eniit unter Celice. Sie hielt ihn mit den Händen fest zu Boden gedrückt und setzte sich rittlings auf ihn. Unwillkürlich sah sie in Richtung der Station, wo sie den Blicken der Wartenden begegnete. Die Rufe waren verstummt, stattdessen herrschte gespannte Stille.

Ich scheiß auf eure Regeln, knurrte Celice. Sie löste das Seil, mit dem Eniit ihr die Falle gestellt hatte, und griff nach seinen Armen. Er war zu erschöpft, um sich zu wehren, und sie zog seine Handgelenke zusammen und fesselte sie mit einem Ende des Seils. Ohne seine Beine freizugeben und eine erneute Überraschung zu riskieren schob sie sich weiter nach unten und fesselte mit dem anderen Ende auch seine Füße.

Was machst du da?, fragte der Junge zwischen keuchenden Atemstößen. Warum tust du das?

Ich tue, was ich für richtig halte.

Sie stand auf, hob den Jungen hoch und warf ihn sich über die Schultern. Wie eine richtige Jagdbeute, dachte sie mit grimmigem Amüsement. Dann ging sie auf die Station zu. Sie passierte unter dem Schweigen der Wartenden die Linie, die das Gebiet der Station markierte, ging noch ein paar Schritte weiter und bückte sich dann, um den Jungen am Boden abzulegen.

Der Jäger hat den Fuchs besiegt, sagte sie laut in die atemlose Stille hinein.

Neben ihr sprang Bashkis von der Plattform und trat dicht an sie heran. Er sah auf den Jungen hinunter, dann zu Celice und verschränkte die Arme.

Du hast ihn nicht erlegt.

Ist das denn von Bedeutung? Er ist besiegt. Mehr sollte nicht nötig sein.

Bashkis lachte auf. So spielt das Leben nicht, Celice. Ein Gegner ist erst dann wirklich besiegt, wenn er erlegt ist. Sonst wird er sich immer wieder auflehnen.

Ist es das, weshalb du diesen Thermoschuss kassiert hast? Weil du dich aufgelehnt hast? Und, war es ein Fehler, dass sie dich mit dem Leben haben davon kommen lassen? Lehnst du dich denn immer noch auf?

Bashkis starrte Celice an. Sie sah Zorn in seinem Auge glitzern, und er presste seine Kiefer aufeinander, doch er antwortete nicht. Stattdessen griff er urplötzlich und ohne Vorwarnung mit seiner Linken nach ihrem Nadler und riss ihn aus dem Holster. Ehe Celice nach ihm greifen konnte, sprang er zurück und richtete die Waffe auf sie.

Glaubst du wirklich, du könntest auf so billige Weise der Verantwortung ausweichen, die du bekommen hast?, sagte er nur gerade so laut, dass sie es hören konnte. Ich werde dir sagen, was passiert, wenn du nicht zu Ende führst, was von dir verlangt wird. Die Waffe schwenkte zur Seite und nach unten. Jemand anderes wird es tun. Und ihr werdet beide verloren haben, und mit dir auch die, die dir vertraut haben.

Plötzlich hatte Celice wieder die Bilder von Senzia vor Augen. Sie sah die nach ihren Schüssen tot zu Boden sinkenden Körper, hörte den monotone Sprechgesang. Volk von Mördern, Volk von Mördern ... Mit einem Aufschrei schnellte Celice nach vorne und packte mit ihrer Rechten die Hand, mit der Bashkis den Nadler hielt, während ihre Linke nach seiner Kehle griff. Er duckte sich und wich zur Seite aus. Sein Schwung riss sie durch ihren Halt an seinem Arm mit herum. Sie senkte ihren Schwerpunkt indem sie tief in die Knie ging, drehte seinen Arm und griff mit der freien Hand nach der Waffe. Er ließ den Nadler mit einem unterdrückten Aufschrei los, doch im selben Moment explodierte Schmerz in Celices Bauch, als er seine rechte Faust hineinrammte. Mit dem Nadler in der Hand taumelte sie einen Schritt zurück. Sie sah seinen auf ihre Mitte gezielten Tritt kommen, konnte ihm jedoch nicht weit genug ausweichen. Er streifte ihre Hüfte und brachte sie erneut aus dem Gleichgewicht. Celice ließ sich in die Hocke sacken. Ein Sicheltritt zischte über ihr durch die Luft. Mit der einen Hand stützte sie sich am Boden ab, während sie mit der anderen die Waffe in Anschlag brachte und schoss.

Bashkis verharrte in seiner Angriffsposition und sah an sich herunter. Auf seiner Brust hatte sich ein Gespinst feiner roter Flecken gebildet, die zum Teil zusammenliefen. Ungläubig starrte Celice darauf.

Farbe, flüsterte sie. Es ist nur Farbe.

Bashkis ließ seine Arme sinken, richtete sich auf und sah Celice an.

Du hast wirklich geglaubt, wir würden einen echten Nadler verwenden?

Celice nickte nur. Die Wut in ihr war einer plötzlichen Betäubung gewichen, als sie die Wahrheit erkannt hatte. Alles, was blieb, waren der rasende Schmerz in ihrem Bauch. Und selbst das ließ nach, während die vom MedCo ausgeschütteten Schmerzmittel langsam anschlugen.

Bashkis lachte auf, wandte sich zu den Leuten an der Plattform um und breitete die Arme aus.

Das Spiel ist vorbei. Der junge Fuchs ist gefangen, der alte erlegt. Feiert die Siegerin!

Einen Moment herrschte noch Stille, dann brach unvermittelt Jubel aus, ein lautes Geschrei, das die ganze Station erfüllte. Celice musterte die applaudierenden und lachenden Leute und begegnete dem Blick von Ronald Royal. Der Thydery-Anführer applaudierte wie die anderen, doch sein Gesichtsausdruck verriet nichts darüber, was er dachte. Als Celices Blick von ihm aus weiter wanderte, traf es sie wie ein erneuter Faustschlag. Neben ihm stand Smith, der im unterseeischen Hauptquartier der terranischen Thydery-Sektion zurückgeblieben war. Wie war er hierher gekommen? Sie sah sich weiter um und erkannte noch weitere Leute, die nicht hätten hier sein dürfen, Leute, die sie während des Monats der Vorbereitung und des Wartens in der Untersee-Station kennen gelernt hatte.

Komm, Celice, unterbrach Bashkis' Stimme ihre Gedanken. Lass uns mit den anderen feiern gehen.

Er stand vor ihr, die behandschuhte rechte Hand ausgestreckt als Hilfs- und wohl auch Friedensangebot. Ihr erster Impuls war, sie beiseite zu schlagen, doch sie unterdrückte ihn. Auch wenn es ihr widerstrebte, diesem Mann auch noch die Absolution zu erteilen für die Spiele, die er spielte, konnte sie sich im Interesse ihrer Gruppe nichts anderes erlauben. Hier durfte nicht zählen, was sie dachte oder fühlte. Ihr Ziel war die Erfüllung ihres Auftrags, und wenn sie dafür einem Mann die Hand geben musste, dem sie am liebsten ins Gesicht spucken würde, dann würde sie das tun. Für den Moment.

Celice nahm Bashkis' Hand und ließ sich unter erneutem Jubel von ihm hochziehen. Einer von Bashkis' Männern hatte inzwischen Eniit befreit. Der Junge grinste Celice schüchtern an, während er aufstand und seine Handgelenke rieb. Unwillkürlich erwiderte sie sein Lächeln und warf ihm den Farbmarkierer zu. Er fing ihn und nickte.

Mehrere Hände streckten sich nach Celice, Bashkis und den anderen aus, um ihnen aus dem Graben zu helfen, und dann wurde sie durch die Menge geschoben, von einem Gratulant zum nächsten, wildfremde Leute, die mit einem breiten Grinsen ihre Hand schüttelten oder sie in eine Umarmung rissen. Sie sah Narben, Zahnlücken, Verätzungen und Verbrennungen in nahezu jedem Gesicht. Jeder hier unten schien auf die eine oder andere Weise durch Kampf, Krankheit oder Unfall entstellt worden zu sein. Dazu kam, dass die meisten nicht gerade viel von Reinlichkeit zu halten schienen. Doch sie alle teilten eine kindliche Freude über das Spiel. Für eine Weile hatte es sie vergessen lassen, dass sie selbst nicht viel mehr als Gejagte waren. Füchse, die sich in einem riesigen unterirdischen Bau verkrochen hatten. Darum ergab sich Celice in ihr Schicksal und ließ eine Welle von Gratulationen über sich ergehen, ehe sie sanft aber energisch ein paar Leute zur Seite schob und sich einen Weg zu Royal und Smith bahnte.

Celice! Royals Stimme klang gewohnt ruhig und sanft, wenn auch eine Spur von Sorge mitschwang. Geht es Ihnen gut?

Celice nickte. Relativ. Mein Bauch schmerzt allerdings noch, als hätte jemand eine Stahlfaust hineingerammt.

Das muss nicht so weit von der Wahrheit weg sein, meinte Royal mit einem leichten Lächeln. Seine ganze rechte Seite ist verbrannt. Wer weiß, vielleicht ist seine Hand künstlich.

Unwillkürlich spannte Celice die Muskeln ihres eigenen künstlichen Arms an. Die Erinnerung an den Unfall auf Parau-7 war keine willkommene. Nicht wegen der durchlittenen Schmerzen oder weil sie ihrem alten Arm nachtrauerte, sondern weil sie unweigerlich auch Boos Gesicht auftauchen ließen, kurz bevor es unter dem Einschlag der Exekutionskugel zersprang.

Meine Finger für ein Leben. Sie gab mir die Chance, mir selbst gegenüber Buße zu leisten für meinen Mord. Und dann kam ihr Leben dazu. Wer zahlt diesen Preis?

Celice? Besorgnis klang aus Royals Stimme. Ist etwas nicht in Ordnung?

Sie blinzelte kurz und winkte ab. Ich fühle mich nur etwas erschöpft. Ich habe Aufputschmittel benutzt, und jetzt setzt die Schwäche ein. Ich bräuchte dringen etwas zu essen.

Ich glaube, es gibt ein Festessen in der Heimatstation dieser Leute, warf Smith ein. Ich weiß zwar nicht, was hier so alles als Essen bezeichnet wird, aber es gehen alle dort hin, und wir sollten vielleicht nicht alleine hier zurückbleiben.

Celice sah mit gerunzelter Stirn zu ihm. Wie kommen Sie eigentlich hier her?

Royal fasste sie am Ellbogen und zog sie sacht mit sich auf den Ausgang zu, durch den die Menge eine Treppe hinauf und in einen anderen Tunnel strömte. Smith folgte auf dem Fuße.

Bashkis hat direkt nach unserer Ankunft im Lager mein Funkgerät benutzt. Er erreichte darüber die Station, und es gelang ihm, Smith davon zu überzeugen, dass wir Hilfe bräuchten. Er hat ihm eine lange Liste an Dingen durchgegeben, die benötigt würden. Ich nehme an, das meiste davon braucht er selbst, aber es sind auch medizinische Ausrüstung und kybernetische Ersatzteile dabei. Er hat Smith über einen anderen, deutlich kürzeren und ungefährlicheren Weg durch die Kanäle hierher gelotst. Sie kamen an kurz bevor das Spiel zu Ende ging. Mir blieb gerade genug Zeit, ihnen die Situation grob zu umreißen.

Und ich muss sagen, ich fand den Bericht äußerst interessant, warf Smith ein. Celice Firo als die Retterin der Expedition. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie sich darauf einlassen würden.

Es war nur ein Spiel, und dazu noch sinnlos wie ich jetzt weiß. Nur ein weiteres Spiel im Spiel.

Aber sie wussten es vorher nicht.

Celice rieb sich über das Gesicht und sagte nichts.

In der Hauptstation war tatsächlich eine Feier im Gange. Die gedeckten Tafeln bogen sich nicht unbedingt unter der Menge des Angebotenen, aber Bashkis Leute hatten durchaus ein Festmahl angerichtet. Unerwartet appetitlich riechendes Essen und alkoholische Getränke warteten auf sie, und eine große Leinwand zeigte in ständiger Wiederholung Szenen aus der Fuchsjagd. Anscheinend hatten Celices Helm und Eniits Maske auch Kameras enthalten, die durchgehend gesendet hatten. Manche der Szenen mussten auch von Gangkameras stammen. Celice schüttelte den Kopf und machte sich auf die Suche nach Essbarem.

Als sie schließlich satt in ihre Hütte zurückkehrte, fand sie einiges verändert vor.

Wo ist Muller?, fragte sie.

Er wird zurück in die Station gebracht, wo wir ihn besser versorgen können. Ich werde statt ihm jetzt mitkommen, antwortete Smith. Aber keine Sorge, Sie behalten das Kommando.

Ein Systemtechniker der Unterwasserstation arbeitete an Pasquis Kybernetik. Der Junge schenkte ihr ein blasses Lächeln, als sie zu ihm ging.

Wie geht es dir?

Ganz gut. Ich hatte Angst, der Ausfall der Komponenten könnte irgendein Sicherheitsprogramm aktivieren, aber alles ist ruhig geblieben. Kein Grund, mich zu zünden. Er lächelte erneut.

Hoffen wir, dass es so bleibt. Ich will, dass du heil mit zurückkommst.

Pasqui nickte, doch sein Blick wirkte abwesend.

An was denkst du, Pasqui?

Ich denke daran, wie nahe ich William sein werde, wenn wir in den Palast eindringen, antwortete er. Ich würde ihn so gerne wiedersehen.

Celice runzelte die Stirn. An den Sternenprinzen ranzukommen ist fast unmöglich. Du wirst dir deine Rache für einen anderen Tag aufsparen müssen.

Aber ich will keine Rache, antwortete er erstaunt. William war mein bester Freund! Er war noch ein Junge, was hätte er tun können? – Nein, ich habe lange darüber nachgedacht, aber ich kann keine Wut auf ihn empfinden. Nur auf seinen Onkel, den Sternenkönig. Er ist schuld, dass das alles passiert ist. Und er hat William auch so verdreht, dass er so wurde, wie er heute ist. Er und dieser André Coupièr. Er hat mir Vieles erzählt. Sie haben ihn zu allem gezwungen.

Da magst du recht haben. Trotzdem werden diese Leute hier ihn töten, falls sie ihn bekommen, weil er ist, wie und was er ist. Das warum wird sie nicht interessieren.

Ich habe schon manchmal gedacht, dass ich ihn vielleicht wieder dazu bringen könnte, so zu sein, wie er war. Wenn ich mit ihm reden könnte ….

Vergiss es, Pasqui. Du würdest nicht auf hundert Meter an ihn rankommen. Es wäre ein selbstmörderisches Unternehmen, und wir brauchen dich.

Der Junge zögerte, dann nickte er. Ja, vermutlich stimmt das. Und ich will wirklich helfen.

Dann pass auf, dass du für uns an einem Stück bleibst.

Sie musterte die Gruppe und ging zurück zu Smith.

Wird außer Ihnen noch jemand aus der Station weiter mitgehen?

Das liegt in Ihrem Ermessen, Firo. Ich habe gehört, dass Julian es nicht geschafft hat. Maniki Twan könnte seinen Platz einnehmen. Zwei weitere Leute könnten wir darüber hinaus noch ersetzen.

Gut. Kelvin, du gehst zurück in die Station. Genug der Heldentaten für heute Nacht.

Der Schmuggler öffnete den Mund um zu protestieren, schloss ihn jedoch wieder, ohne etwas gesagt zu haben. Er musste selbst einsehen, dass seine Verletzung ihn in jedem weiteren Kampf zu einer Last machen würde.

Celices Blick wanderte zu Marie, und von ihr zu Royal. Als habe der Mann ihre Gedanken gelesen, ging er zu der jungen Frau.

Marie, wie geht es dir?, fragte er.

Gut. Mein Bein ist wieder in Ordnung. Ihre Stimme war so ausdruckslos wie ihre Miene.

Royal legte eine Hand auf ihren Unterarm. Marie, wenn Sie zurück in die Station wollen ist das in Ordnung. Wir haben viele frische Leute hier, und einer von ihnen kann Ihren Platz übernehmen.

Maries Blick heftete sich auf Royal. Keiner von denen ist ein so guter System- und Datenprotokollspezialist wie ich. Außerdem fehlt schon Kelvin, der sich auch um Schlösser und Elektroniken kümmern sollte. Sie werden mich brauchen.

An sich brauchen wir nur die von Ihnen programmierten Passtracker. Und außerdem haben wir Pasqui. Sie können zurückgehen und sich erholen.

Jetzt kam Bewegung in ihr Gesicht. Trotzige Ablehnung wurde erkennbar, eine dunkle Wutflamme loderte in ihren Augen auf. Nein. Das hier war Julians Einsatz, und ich werde ihn für ihn zu Ende führen.

Royal sah zu Celice, und sie nickte. Sie hatte selten ein gutes Gefühl dabei, wenn ihre Soldaten emotional zu sehr engagiert waren, doch Marie hatte in einem anderen Punkt recht – ihre vorprogrammierten Tracker konnten nur bei Standardprotokollen helfen. Begegnete ihnen auch nur ein Codeschloss, das außer der Norm war, würden die elektronischen Dietriche versagen. Nur ein guter Systemspezialist wie Marie konnte dann durch spezifische Datenanalyse die Protokollmodifikationen finden und den Tracker entsprechend anpassen. Pasqui konnte zwar vermutlich ebenfalls viele der Schlösser hacken, doch es war nicht sicher, dass er überall hin kam, wo er gebraucht wurde. Zudem sah der Plan vor, sich innerhalb des Palastes aufzuteilen, und es mochten auch noch andere Probleme aufkommen, die ihren Sachverstand in Elektronik erforderten. Der Vorteil, wenn Marie mitkam, wog die Nachteile auf. Celice konnte nur hoffen, dass die Frau die Kontrolle behielt.

02:00 Uhr

Celice besprach sich mit Smith und Royal über das weitere Vorgehen der Einsatzgruppe und die Rückkehr der zweiten Einheit in die Station. Der Name des Mannes, der für Brix zur Gruppe stoßen würde, war Anut Seldon. Er war zwar vorrangig ein Kämpfer und verfügte nicht über die Erfahrungen des Schmugglers im Umgehen elektronischer Sperren und Überwachungen, aber er wusste zumindest, wie man einen Passtracker bediente.

Über Smiths Funkgerät informierten sie auch Royals Stellvertreterin Carina Held in der Unterseestation über die Geschehnisse und die weitere Planung. Als alles geklärt war, befahl Celice den Mitgliedern der Einsatzgruppe, sich marschbereit zu machen. Sie selbst verließ die Hütte, um nach Bashkis zu suchen. Er kam ihr auf halbem Weg entgegen, zusammen mit Eniit, dem Brüderpaar und fünf weiteren Männern mit schweren Strahlenwaffen.

Wir werden euch jetzt bis zur Grenze unseres Reiches bringen, teilte er ihr mit. Eniit bringt euch dann bis zu einem Punkt, der in euren Karten verzeichnet ist. Du kannst dir den Weg gerne einprägen, aber ich sage dir eines: Wenn ihr auf eurem Rückweg von Soldaten verfolgt werdet, sind unsere Tore für euch verschlossen. Wir wollen keinen Ärger mit denen dort oben. Uns reicht der Ärger, den wir hier unten haben.

Für einen Moment hatte ich schon gedacht, du hättest den Kampf doch nicht aufgegeben, antwortete Celice. Aber das war wohl zu viel erwartet.

Bashkis funkelte sie an. Du verstehst es nicht Celice. Hier unten leben viele Männer, Frauen und Kinder unter meinem Schutz, die nichts wollen als endlich in relativem Frieden so zu leben, wie es ihnen gefällt. Ich kann ihnen diesen Frieden und diese Freiheit in gewissen Grenzen bieten, außerhalb der Willkür und Gewalt, die dort oben herrscht, aber nur solange man dort nicht weiß, dass es uns gibt. Ich kann weder von meinen Leuten verlangen, das alles aufzugeben für eine verlorene Sache, noch kann ich weggehen. Alles würde hier innerhalb kurzer Zeit zusammenbrechen, wenn ich das täte. Wenn Eniit einmal so weit ist, hier die Führung zu übernehmen, kann ich mir so e