
Wir schreiben das Jahr 523 Neuer Terranischer Zeitrechnung, was dem Jahre 2966 n. Chr. entspricht.
Zur aktuellen Zeit herrscht die Familie von Caranor über weite Teile der Milchstraße. Extraterrestrische Völker werden unterdrückt und ausgebeutet; das gesamte Reich ist ein reiner Überwachungsstaat.
Ernstzunehmende Gegner hat das Reich keine. Lediglich der THYDERY-Verbund plant im Untergrund den verzweifelten Widerstand.
Nach dem Fehlschlag NEBUKADNEZAR gelang den Rebellen mit dem Fund der KHALAKUR-Schiffe ein erster Erfolg.
Davon wissen jedoch nicht die Rebellen, die bereits vor diesem Erfolg einen Vorstoß nach Terra wagten. Unter ihnen Celice Firo und Kelvin Brix.
Außerhalb der CLAW wallte der blaugrauviolette Hyperraum, in dem granulatartige Blasen in Richtung eines imaginären Horizontes trieben, jede für sich in der Entsprechung eines eigenen Universums.
Eine tödliche Umgebung für Wesen des Einsteinraums. Allein die Extra-Dimensionale-Schutzblase bewahrte die CLAW davor, von den Urgewalten des Hyperraums zermalmt zu werden.
Doch im Moment erschien Kelvin Brix das wesenlose Wallen als sicherster Ort des Universums. Sobald sie ihn verließen, hatte die schonungslose Realität sie alle zurück in ihren gierigen Klauen. Und sie mussten wieder mit der ständigen Angst leben, von Reichsschiffen aufgebracht zu werden.
Hatte der Flug aber Erfolg, waren sie dem Ziel ihrer Mission ein weiteres Stück näher gerückt: Terra, dem Zentrum der Macht. Der Hauptwelt des Reiches. Dem Sitz derer von Caranor.
Kelvin fröstelte und fragte sich zum wiederholten Male, warum er sich auf dieses Himmelfahrtskommando eingelassen hatte.
Weil er den Rebellen helfen wollte? Vielleicht.
Weil er nicht wusste, wohin er gehen sollte und er vogelfrei war? Gewiss.
In sein altes Leben konnte er nicht mehr zurück, die Reichstruppen würden ihn trotzdem für einen Aufrührer halten. Einmal Rebell, immer Rebell.
Und für die Widerständler des THYDERY-Verbunds würde er als Verräter dastehen, dem man nicht half, selbst wenn er in Not war.
Natürlich war er aber hauptsächlich Anthony Haddingtons Wink mit dem Blankoscheck gefolgt.
Wenn alles erfolgreich läuft, brauchen Sie sich keine Sorgen mehr machen, Brix.
Klar, das war das beste Argument, so minimal die Chance auch war. No risk, no money.
Kelvin konnte sich noch genau erinnern, wie Haddington sich ihm offenbart hatte. Während einer Pause von Celices Verhör hatte der Leiter des THYDERY-Verbunds Kelvin zur Seite genommen und ihm den Plan vorgestellt.
Brix, Sie sind, bei aller Liebe, nicht unsere erste Wahl. Aber wir brauchen jeden, den wir bekommen können. Thydery bricht nach dem Fehlschlag NEBUKADNEZAR auseinander.
Und jetzt soll ich an Ihrem Himmelfahrtskommando teilnehmen, oder was? Sie Schmeichler.
Und zwar in guter Position. Sie fliegen ihr Schiff. Es wird dem Leiter der Mission – Kurt Hajnal – als Flaggschiff dienen. Sie werden als sein Stellvertreter walten. Während Ihrer Flucht von GERWILL-Station, nachdem unsere Angriffsflotte vom Reich nahezu zerstört wurde, haben Sie sich gut geschlagen.
Und allein deswegen trauen Sie mir so viel zu?
Nein, gestand Haddington.Firo vertraut ihnen anscheinend. Und sie ist ein wichtiger Bestandteil unseres Planes. Sie ist Elite-Soldatin des Reichs gewesen und kennt die Vorgehensweisen der Reichstruppen. Firo soll unsere Leute anführen.
Und das sind alle Ihre Argumente? Deswegen sollte ich zusagen? Glauben Sie, ich bin so ein guter Mensch?
Nein, da hätte ich noch dies hier, hatte Haddington gesagt und ihm den Blankoscheck vor die Augen gehalten.Bei Erfolg können Sie sich die Summe selber einsetzen.
Kevin verdrängte den Gedanken und sah sich in der Zentrale um. Fabian saß mit mürrischer Miene in seinem Sessel und studierte einige Holodiagramme. Bestimmt war er wütend und verwünschte Kelvin in Gedanken immer noch für seinen halsbrecherischen Plan.
Doch Fabian war loyal und wie es schien, hatte er bei aller Feigheit doch eine kleine idealistische Ader. Und er mochte Celice.
Kelvin nahm einen Stapel Folien in die Hand und begann sie zu studieren. Er wusste nicht, zum wievielten Mal er sich den Plan ansah. Doch bei jedem weiteren Durchgang wuchsen seine Zweifel um ein weiteres Stück. Wie sollte ihnen dieses Unterfangen bloß gelingen?
Nur Frachtraumer nehmen an der Mission teil, geben sich als normale terranische Händler aus.
, murmelte Kelvin und seufzte.
Ihr Ziel: Nach Terra vordringen und dort die Bodentruppen ausschleusen. Diese sollen Kontakt zur in Caranor-City ansässigen Rebellen-Zelle aufnehmen. Die Kampfkraft der neuen Bodentruppen zusammengenommen mit dem Wissen der lokalen Rebellen ergeben die besten Chancen, die wir haben, Terra und die solaren Planeten mit Sabotageakten zu schwächen. Nur dann kann ein Raumangriff auf das SOL-System eine minimale Möglichkeit auf Erfolg haben. Doch wenn sie dies erst geschafft haben, würde das nunmehr kopflose Reich ins Chaos des Nachfolgestreits stürzen
Nach Terra vordringen.
Ein banaler Satz, der so viele Schwierigkeiten in sich barg. Sollte das Vordringen nicht gelingen, was äußerst wahrscheinlich war, griff Plan B.
Und Kelvin hasste Plan B.
Dennoch konnte Kelvin Haddington und Co keine Nachlässigkeit unterstellen. Bei aller Waghalsigkeit hatte Haddington ihnen doch die Elite des THYDERY-Verbunds mit auf den Weg gegeben.
Allerdings nur Terraner, denn Chitin-Panzer, Tentakeln oder eine alterslose Aura würden auffallen, sollten sie bei einem Scheitern untertauchen müssen.
Firo, die kein besonders gutes Verhältnis zu Aliens hatte, war das nur recht, wie Kelvin wusste.
Ihr Vorgesetzter jedoch war ein Reinfall. Kurt Hajnal war arrogant und herabwertend gegenüber ihm, Fabian und Celice. Man merkte ihm deutlich an, wie er sich zurückhalten musste, sie nicht zu beschimpfen. Für den hageren Mittsechziger waren sie keine Rebellen, sondern Abschaum ohne Ideale.
Celice blieb vor Kelvins Kabinenschott stehen. Kurz überlegte sie und betätigte dann den Türsummer. Sie wartete einige Sekunden und war erleichtert, dass Kelvin nicht öffnete.
Was hätte sie ihm auch sagen sollen, warum sie ihn besuchen wollte? Dass sie sich von ihm angezogen fühlte? Sie wusste es ja selbst nicht genau und hatte aus einer Laune heraus entschieden, Kelvin zu besuchen.
Sie ging einige Schritte, blieb dann stehen und lehnte sich gegen die kühle Metallwand des Ganges. Langsam versenkte sie ihr Gesicht in ihre Hände und massierte die mit den Jahren wie versteinerten Zügen. Gram, Enttäuschung, Hass – was hatte sich nicht alles darin eingegraben.
Was erhoffte sie sich von Kelvin? Leidenschaft? Ihre sexuellen Spannungen zu ihm abzubauen?
Wann hatte sie so etwas zum letzten Mal getan? In Maxines Armen, und das war bereits fast sieben Jahre her.
Und mit einem Mann? Ewigkeiten. Und sie hatte es nie vermisst. Warum sollte sie nun damit anfangen?
Nein. Das war es alles nicht. Sie sehnte sich weder nach körperlicher Nähe, noch nach seelischer. Viel mehr war Kelvin die einzige Person, mit der sie vernünftig reden konnte. Eben keiner dieser naiven Rebellen.
Eine ihr leider nur zu bekannte Stimme riss sie aus ihren Gedanken.
Firo. Hier sind Sie. Ich habe Sie gesucht.
Der Mann redete laut und auf eine spezielle Art anzüglich.
Smith. Was wollen Sie?
Ihr Funkgerät ist ausgeschaltet. Ihr DataVis ja eh schon seit Beginn unserer Reise. Sie waren nicht erreichbar.
Das hat seine Gründe.
Genervt funkelte sie ihren Stellvertreter an. Wachhund passte besser. Celice zweifelte keine Sekunde daran, dass man ihr nicht traute und Smith zwei Augen auf sie haben sollte. Ganz so dumm und naiv war Haddington dann doch nicht. Vielleicht war es aber auch Hajnals Idee gewesen, der ihr keinen Millimeter weit über den Weg traute.
Jedenfalls soll ich Ihnen sagen, dass die Besprechung über unser genaues Vorgehen auf Terra vorgezogen wurde. In einer Stunde ist es soweit.
Wer hat den Termin vorgezogen?
, fragte Celice lauernd, ahnend, wer dafür verantwortlich war.
Hajnal natürlich
, antwortete Smith erwartungsgemäß.
Natürlich. Und warum übergeht er mich dabei? Die Spezialistin bin immer noch ich.
Celice funkelte ihr kurzhaariges, muskulöses Gegenüber auffordernd an.
Er ist der Leiter dieser Mission.
Einen Augenblick lang wirkte Smith verblüfft, dann grinste er ob Celices Abneigung Hajnal gegenüber. Sie können nicht erwarten, dass er Sie leiden kann. Er ist ein höchst moralischer Mensch, ein überzeugter Rebell durch und durch. Ein guter Mann.
Diesmal schien es Celice, als würde Smith es sein, der sie herausfordern anfunkelte. Jedoch auf spöttische Art und Weise.
Er soll mich einfach in Ruhe lassen. Sympathien scheren mich einen Dreck. Guten Tag.
Celice ließ Smith stehen.
Hätte sie sich bloß nicht auf dieses Himmelfahrtskommando eingelassen. Es würde ja eh schief gehen. Celice seufzte. Diese naiven Idioten glaubten doch tatsächlich mit ihrem waghalsigen Plan B nach Terra vordringen zu können. Was für ein Hirngespinst.
Auf einen der anderen solaren Planeten vorzustoßen war schon schwer genug. Haddington hatte es jedoch mit dem Einwand abgelehnt, dass es von dort aus für eine so große Gruppe unmöglich war, nach Terra vorzudringen, sie aber nur dort einen Trumpf im Ärmel hatten. Hier musste Celice ihm – wenn auch nur widerstrebend – zustimmen.
Dennoch, fünf Schiffen – darunter zwei unbemannte und von Robotern gesteuerte Frachtraumer – war es unmöglich nach Terra vorzudringen. Das Herz des Reichs war der bestgeschützteste Planet der Milchstraße.
Doch was wären Celices Alternativen gewesen? Ein Todesurteil durch Gryphon, einen Etho. So verhasst war sie also, dass ihr selbst die ethisch angeblich so hoch stehenden Etho-Terraner an den Kragen wollten.
Oder einsam, Däumchen drehend, in einer Zelle zu schmoren.
Da es noch nie ihrem Charakter entsprochen hatte, die Hände in den Schoß zu legen, hatte sie Haddingtons Angebot angenommen. Gelang ihre Mission, bekam sie eine neue Identität, Amnestie und Hilfe bei der Suche nach ihrer verschollenen Schwester.
Shawnee … Jeder Gedanken an das zierliche Mädchen war ein schmerzhafter Stich in das, was von Celices Herzen übrig geblieben war.
Nein, sie würde die Hände nicht in den Schoß legen und ihr Schicksal akzeptieren. Das hatte sie noch nie getan. Und trotz allem, was ihr deswegen zugestoßen war, bereute sie es keinen Augenblick.
Sie hatte dafür schreckliche Qualen erleiden müssen, Unmoralisches getan, doch immer versucht, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Celice durfte nicht aufgeben, das war sie all den Menschen schuldig, die Gutes für sie gewollt hatten. Allen voran Maxine.
Lebe …, klang deren letzte Bitte in Celices Gedächtnis, noch nach Jahren. Schmerzlich vermisste sie ihren DataVis, mit dem sie Maxines Bilder hätte ansehen können. Doch er war deaktiviert, schon jetzt, bevor sie das SOL-System überhaupt erreicht hatten. Sie war Bestandteil des mörderischen Reichsapparats gewesen. Vermutlich kannten die Überwachungssysteme der Flotte und des Geheimdienstes Celice besser, als sie sich selbst.
Der DataVis würde ihre Anwesenheit verraten. Der Geheimdienst würde sich einklinken können. Dieses Risiko schlossen sie mit der Deaktivierung aus.
Ein Räuspern riss sie zum wiederholten Male aus ihren Gedanken. Genervt blickte sie auf und sah direkt in die großen himmelblauen Augen eines jungen Mannes.
Schüchtern lächelte er sie an, rieb dabei mit seiner linken Hand nervös an seiner blauen Stoffhose. Seine rechte Hand hielt er hinter seinem Rücken verborgen.
Miss Firo?
, fragte er mit leiser Stimme, als müsse er seinen letzten Mut zusammen nehmen, sie anzusprechen. Ihr entnervter Blick dürfte nicht zu seinem Wohlbefinden beitragen.
Unwillkürlich bekam sie leichtes Mitleid mit den Jungen, dem eine hellblonde Haarsträhne in die Stirn fiel. Mit hektisch zuckenden Mundwinkeln versuchte er, die Strähne weg zu pusten.
Ja? Was woll … willst du?
Der Junge erinnerte sie an Frieder Shefcik, dem verträumten, idealistischen Jungen. Völlig fehl am Platz beim Militär. Und nun schon seit Jahren tot – Selbstmord.
Ich heiße Rubens und … äh …
Er zog die rechte Hand hinter seinem Rücken hervor und hielt Celice eine rote Rose entgegen, Gott weiß woher er sie hatte.
Verdutzt starrte Celice auf die Blume mit den zarten roten Blättern und dem stachelbewehrten grünen Stiel, und nahm das Geschenk an.
Sie … du …
, stammelte Rubens. Ihr … seid euch ähnlich. Eine zarte Blüte … die sich zu wehren weiß.
Immer noch starrte Celice die Rose an, drehte sie zwischen den Fingern. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Ein ungewohntes Gefühl, nach der langen Zeit, in der ihr höchstens ein spöttisches oder zynisches Grinsen gelungen war.
Ich? Eine zarte Blüte die sich zu wehren weiß?
Danke
, sagte sie schließlich und blickte auf. Doch da war Rubens bereits verschwunden.
Ein süßer Naivling, dachte Celice bitter.
In unregelmäßigen Abständen fielen die fünf Frachtraumer des THYDERY-Verbunds am Rand des SOL-Systems aus dem Hyperraum. Niemand würde sie miteinander in Verbindung bringen.
Nach zwei Minuten bekamen sie Einflugerlaubnis.
Bisher ging ja alles glatt
, sagte Fabian.
Natürlich, wir sind bestens vorbereitet
, knurrte Hajnal. Oder haben Sie etwas anderes erwartet?
Angriffslustig funkelte er Fabian aus seinen hellgrünen Augen an. Bevor eine lange Diskussion beginnen konnte, ging Kelvin dazwischen.
Schnauze halten!
zischte er und schenkte beiden einen verweisenden Blick.
Hajnals Kopf wurde puterrot, eine kräftig pulsierende Ader trat an seinem dünnen Hals hervor. Was erlauben Sie sich
, würgte der Missionsleiter hervor. Doch Kelvin sah ihm an, dass er am liebsten losgebrüllt hätte. Ich bin Ihr Vorgesetzter.
Fabian hob nur eine Augenbraue. Ein Mensch wie Celice Firo jagte ihm Angst ein, da er spüren konnte, wie gefährlich sie war. Hajnal andererseits war nur ein zahnloser Schreihals, getreu dem Motto Hunde, die bellen, beißen nicht.
Wir müssen uns nun konzentrieren, da können wir keinen Streit gebrauchen.
Darauf zog sich Hajnal zurück, um eine Eskalation zu vermeiden. Seine großen, buschigen Augenbrauen reibend.
Hajnal an alle
, tönte die Stimme des Alten kurze Zeit später aus den Lautsprechern. Wir haben das SOL-System erreicht und uns wurde Einlass gewährt. Wenn jemand auch nur geringste Aktivitäten seines DataVis wahrnimmt, die nach der Deaktivierung im ZENTRUM ausgeschlossen sein müsste, meldet er sich sofort.
Nur wenige Leute hatten ihr DataVis noch aktiviert – darunter Kelvin – um eine durchschnittliche Mannschaftsgröße vorzutäuschen.
In Kürze werden wir Terra erreichen und unsere Mission tritt in ihre heiße Phase. Hajnal Ende.
Kelvin und Fabian sahen sich an. Kleine Schweißperlen standen schon auf Fabians Stirn, seine bleiche Haut rötete sich vor Aufregung. Sie waren in der Höhle des Löwen angelangt. In direkter Nähe des Sternenkönigs Harold Richard von Caranor.
Von nun an hilft nur beten
, flüstere Kelvins dicklicher Partner. Hoffentlich überleben wir diesen Höllentrip.
Auf den Holos war das SOL-System abgebildet. Soeben passierten sie den äußersten Planeten Pluto, der über und über mit Industrieanlagen bedeckt war. Dort lief ein großer Teil der terranischen Kriegsmaschinerie ab, wurden Schiffe und Waffen gebaut, die Tod und Verderben über weite Teile der Milchstraße brachten. Schiffe, vor denen sie schon etliche Male hatten fliehen müssen. Und nun passierten sie mit nur wenigen tausend Kilometern Abstand.
Erschreckend, die Kapazitäten des Reichs, nicht wahr?
Unbemerkt war Hajnal wieder an sie herangetreten. Beenden wir von nun an unsere Zwiste. Ich halte nichts von Ihnen und Sie nicht von mir. Aber ich habe Zuhause eine Frau, zwei Kinder und einen Enkel. Ich will, dass meine Familie ein besseres Leben genießen kann. Und von unserer Mission hängt es ab, ob unser Kampf gegen das Regime der Caranors noch eine letzte Chance bekommt oder wieder hunderte Jahre vergehen müssen, bis sich eine schlagkräftige Gruppierung bildet, die versucht, den Caranor die Stirn zu bieten.
Kelvin nickte. Die Caranors machten es vielen schwer: Den Schmugglern, den Händlern, den Aliens – kurz gesagt, einfach allen, die nicht nach ihrem Sinn handelten oder in ihr Konzept des großen terranischen Reichs passten.
Erschreckend und beinahe nicht zu glauben, dass wir die letzte Rettung sein sollen.
Nach dem Fehlschlag NEBUKADNEZAR wenden sich immer mehr Parteien vom THYDERY-Verbund ab. Wir müssen ihnen Erfolge aufzeigen, es ist die letzte Möglichkeit, doch noch das Blatt zu wenden. Haddington hofft zwar noch auf den Fund ominöser Schlachtschiffe aus der grauen Vorzeit der Galaxis. Doch das ist nur ein Hirngespinst von ihm. Hier und an Bord der anderen Schiffe sitzen die Elitekämpfer des Verbunds, auch wenn nicht jeder den Eindruck macht. Wir können etwas bewegen.
Wir, dachte Kelvin. Damit meinst du nicht uns beide und Firo. Wir sind nur ein notwendiges Übel für euch. Celice kann euch helfen, weil sie den Feind kennt, da sie selber zu ihm gehört hat.
Und Fabian und ich? Nur die Kindermädchen und Chauffeure.
Hajnal schwieg und setzte sich. Höchst konzentriert grübelte er über den Einsatzplänen.
Je tiefer sie in das SOL-System vordrangen, desto dichter wurde der Raumschiffsverkehr. Selbst ein unwissender Beobachter hätte bemerkt, dass hier das Herz des Terranischen Reichs pochte.
Unzählige Raumschiffe in allen Formen und Farben reisten auf den Hauptverkehrswegen, denen sie vom Verkehrsleitsystem zugeordnet wurden. Handel und Tourismus florierten augenscheinlich.
Trotzdem dominierten die üblichen, zweckmäßigen Formen. Auch die extravaganten Luxusyachten und Kreuzfahrtschiffe konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es allein terranische Vielfalt war, keine galaktische. Extraterrestrische Lebewesen gelangten höchst als Gefangene, Sklaven oder Delikatesse in das SOL-System.
Kelvin wusste, dass das friedliche Miteinander im System nur Fassade war. Versteckt auf den äußeren Planeten, den Monden der Gasriesen, in den Tiefen Lunas und auf den Asteroiden des Kuiper-Gürtels lief die Kriegsmaschinerie auf Volltouren. Auf den ersten Blick nicht sichtbar, um das empfindliche Auge der terranischen Highsociety nicht zu beleidigen.
Kelvin war sich sicher, dass im Ernstfall nur wenige Sekunden vergingen, bis Polizei- und Kriegsraumer an einem möglichen Brennpunkt erschienen. Möglicherweise flogen stets getarnte Reichsraumer im zivilen Raumschiffverkehr, um ein wachsames Auge auf die Bürger zu haben.
Der ehemalige Schmuggler, der sich in die Pläne der Thydery-Rebellen hatte einspannen lassen, warf einen Blick zu den anderen Männern in der Zentrale. Ihre Mienen waren angespannt. In den Augen funkelten Gefühle von Staunen über Angst bis hin zum blanken Hass.
Jeder hatte seine eigenen Erfahrungen mit dem mörderischen Regime derer von Caranors gemacht. Der Anblick der scheinbar heilen Welt wühlte die Gemüter auf, die das wahre Gesicht des Reichs kannten.
Auch Kelvins Herz machte wahre Sprünge bei dem gewaltigen Eindruck dieses Molochs, der sich Wiege der Menschheit schimpfte.
Die Eindrücke des heimatlichen SOL-Systems stießen Celice in ein Gefühlschaos, das die ehemalige Reichssoldatin in dieser Intensität nicht erwartet hatte.
An erholsamen Schlaf vor der heiklen Mission war nicht zu denken. Gute und schlechte Erinnerungen vermischten sich in ihren Träumen und sponnen ein Netz wirrer Bilder, die Celice gefangen hielten.
Cari Ann, Arno Venever und Shawnee jagten sie in Form einer monströsen Chimäre durch eine Alptraumlandschaft, die aus der felsigen Oberfläche des Jupitermonds Europa bestand, auf der die alten, langsam verfallenden, schmutzigen Wohngebäude des Mars in die Höhe ragten.
Falcon Square 32, Appartement 430, Cynthia Marony stand an einem Hausschild, das sie bei ihrer Flucht passierte. Die Wohnung ihrer Tante Cyn. Margie und Pris schauten aus einem der kleinen Fenster und winkten ihr lachend zu. Sie waren in Leichentücher gekleidet. Ihr Grinsen war eine Fratze.
Sie leben längst in Magellan, weit weg von hier und in Frieden, versuchte Celice sich einzureden. Doch wie es in Träumen nun mal so ist, wischte die scheinbare Realität die Vernunft beiseite.
Die Chimäre erreichte sie, wischte Celice mit einem heftigen Schlag von den Beinen. Sie knallte gegen eine verwitterte Hauswand und rutschte daran zu Boden. Er war dreckig und der Staub vermengte sich mit dem Blut, das Celice aus dem Gesicht troff.
Die Chimäre beugte sich über sie. Drei Augenpaare starrten sie an.
Celice
, flüsterte Cari. Celice, das kleine Miststück. Eine Tochter, eine Tochter wäre schön gewesen. Eine Tochter. Aber Arno würde bestimmt einen Sohn vorziehen. Männer wollen immer einen Sohn. Sonntags gehen sie zum Gravo-Football. Vater und Sohn. Eine Tochter wäre so wundervoll gewesen.
Cari lächelte, aber dann verzerrte sich ihr Gesicht vor Hass. Aber jetzt ist alles weg. Alles weg. Miststück Celice.
Heh, Celice, heute schon ein Kind getötet?
Arno Venever grinste sie an. So ein starkes Mädchen. Ich habe deine Karriere aufmerksam verfolgt. Ich bin so stolz auf dich.
Shawnee sagte nichts, blickte sie nur stumm an. Stumm und vorwurfsvoll, als wolle sie sagen: Warum, Celice? Warum hast du mich im Stich gelassen?
Celice schrie. Verzweifelt versuchte sie der Chimäre zu entkommen, doch Cari/Venever/Shawnee hielt sie mit eisernem Griff gefangen.
Eine einsame Person näherte sich aus der Ferne.
Lebe
, drangen von Weiten gehauchte Worte an Celices Ohr.
Maxine? Max! Bitte hilf mir
, flehte sie. Celice schrie: Bitte, Max!
Doch die Gestalt verwehte mit dem einsetzenden Wind.
Lebe
, heulte er.
Lebe
, verfluchte/lachte/beschuldigte die Chimäre sie.
Alles verschwamm vor ihren Augen.
Dann erwachte sie.
Ruckartig richtete Celice sich auf. Sie war schweißgebadet. Eine Haarsträhne klebte ihr an der Stirn. Hastig sah die Frau sich um, ob niemand ihre Schwäche bemerkt hatte, wie sie im Traum gekämpft hatte.
Celice entdeckte Rubens in einer Ecke des Raums. Besorgt musterte er sie, blickte dann beschämt zur Seite.
Die Decke beiseite schlagend, erhob sich Celice leise ächzend. Sie reckte sich, dehnte kurz ihre verkrampften Muskeln und ging zu einem der kleinen Bildschirme, die das All zeigten, durch das die CLAW gerade flog.
Riesige Flotten kreuzten durch das System - Reichsschiffe. In der Ferne leuchtete Jupiter. Irgendwo dort drehte gerade der Mond Europa seine Bahn um den Gasriesen.
Wehmütig erinnerte sich Celice an ihren Ausbildungsort. Sie hatte schöne Erinnerungen daran. Andererseits hatte dort auch die Reise durch ihr an Schrecken nicht armes Leben begonnen. Dort hatte sie Cari Ann schon verloren gehabt, wie ihr im Nachhinein klar geworden war. Und Arno Venever als ihre Nemesis gewonnen, der ihre Aussichten auf eine große Karriere zerstört hatte.
Doch Arno Venever war tot, und so wischte sie den Gedanken beiseite.
Bald würden sie Terra erreichen. Dort hatte sie die glücklichen Stunden ihrer Kindheit verbracht. Doch dort herrschte das Regime, das Leute wie Arno Venever förderte und ehrliche Menschen wie Celice im Stich ließ.
Gerade passierten sie den Mars. Eine scheinbar florierende Handels- und Wohnwelt. Celice wusste aus eigener Erfahrung, dass dies nur Fassade war. Immer größere Teile der großen Mars-Städte verwandelten sich in Slums, wie der Falcon Square, wo ihre Tante Cyn gewohnt hatte. War dies wirklich eine Folge feiger Terror-Akte der Rebellen, wie es offiziell verlautet wurde? Oder war die Regierung unfähig Frieden in der Heimat zu wahren? Ging die Wirtschaft aufgrund der steigenden Monopolisierung zu Grunde?
Unsicher sah sie hinaus in die Welt von Licht und Schatten.
Sie hatte soviel verloren. Konnte sie in Zukunft, falls sie überlebte, nur einen Bruchteil davon neu gewinnen?
Wir erreichen in Kürze Terra
, erklangen Kelvin Brix' Worte aus den Lautsprechern. Blicke trafen sich, zügig standen die Soldaten auf, unterbrachen Gruppengespräche, ordneten ein letztes Mal ihre Ausrüstung, schlossen Knöpfe. Jeder begab sich auf einen festen Sitzplatz und schloss seine Gurte, um keinem banalen Unfall bei abrupten Flugmanövern in der Atmosphäre zum Opfer zu fallen.
Auch Celice setzte sich. Die rote Rose behielt sie gut geschützt in ihrer stabilen Brusttasche. Warum auch immer. Sie suchte Rubens, und blickte dabei in ernste, angespannte Mienen. Jeder wusste, dass sie bei einem Scheitern zum sicheren Tode verurteilt waren.
Der Geruch von Schweiß und säuerlichen Ausdünstungen, die Körper bei höchster psychischer Anspannung ausschieden, erfüllte die immer dicker werdende Luft. Die Luftumwälzung lief auf Hochtouren.
Die Neonröhren warfen harte Schatten. Die dunklen, metallenen Wände drückten auf die Gemüter. Dazu die Ungewissheit, ob man die nächsten Minuten überleben würde. Und die schreckliche Ohnmacht sein Schicksal nicht selbst in der Hand zu haben.
Ihre suchenden Blicke kreuzten sich mit denen Smiths. Spöttisch grinste er sie an.
Na? Auf der Suche nach Ihrem jungen Liebhaber, Firo? Passen Sie auf, dass Sie sich nicht auch noch der Verführung Minderjähriger schuldig machen.
Er zwinkerte ihr zu.
Keine Angst, eher kommen Sie noch dran, weil Sie Minderjährige in den Krieg schicken
, versetzte Firo. Ihr eisiger Blick unterband das aufkommende Wortgefecht. Für Geplänkel hatten sie nun keine Zeit mehr.
Endlich fand sie Ruben. Steif und festgegurtet saß er auf seinem Sitz, den Desintegratorkarabiner umklammernd. Sein Gesicht war bleich und angespannt, kleine Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Er bemerkte Celices Blick und versuchte, ihr tapfer zuzulächeln, doch brachte nur ein schiefes Grinsen zustande.
Sie nickte ihm aufmunternd zu.
Ein Vibrieren zeugte vom Eindringen in die äußersten Atmosphäreschichten.
Nun wurde es ernst.
Kelvin verspürte längst keine Angst mehr, nur noch höchste Konzentration. Er war eins mit der CLAW, seinem Schiff.
Während ein Kommunikationsspezialist der Rebellen versuchte, den Bodenbehörden vorzumachen, sie hätten Delikatessen an Bord, steuerte Kelvin die CLAW durch die Atmosphäre dem Handelsraumhafen von Caranor-City entgegen.
Kelvin schwebte in der virtuellen Realität, die ihm sein DataVis vorspielte, in der freien Luft. Unter ihm glitt der grünblaue Erdball entlang, einzelne weiße Wolkenfetzen trieben um ihn herum.
Ortungsdaten, Geschwindigkeitsanzeigen, Anflugvektor und viele weiter Diagramme, Buchstaben und Zahlen leuchteten rings um ihn herum.
Hinter ihm stießen wie zufällig die weiteren getarnten Rebellenraumer hinzu.
Plan A war waghalsig, denn sobald sich ein weiteres Prisenkommando ankündigte, um die CLAW eingehend zu durchsuchen, war ihr Vorhaben gescheitert. Denn einer genauen Überprüfung würde ihre Maskerade nicht standhalten.
Sie flogen nun über dem Atlantik. Bald mussten sie Gewissheit haben, ob Plan A durchführbar war oder nicht. Nur noch knapp eine Minute und der Punkt war erreicht, an dem ihr Alternativplan spätestens beginnen musste, sollte er erfolgsversprechend sein.
Wenn sie Plan B durchführen mussten, würde der komplizierteste Punkt der sein, an dem sein DataVis deaktiviert wurde, um den Tod der Besatzung vorzutäuschen.
Fabian würde in die Steuerung eingreifen müssen, bis Kelvin nach dem Schock der abrupten DataVis-Deaktivierung wieder zurück in die Realität fand.
Den DataVis vorher auszuschalten kam nicht in Frage. Zu kompliziert war das Manöver, wenn alles drunter und drüber ging, um die CLAW per Hand zu steuern. Positronik und Pilot mussten dann in höchster Effizienz zusammen arbeiten.
Kelvin fragte sich, wie das Gespräch verlief. Trotz seiner Neugier verzichtete er darauf, es mitzuverfolgen. Ihr Leben hing von seiner Konzentration ab.
Man will ein Prisenkommando an Bord schicken
, verstand Kelvin einen aufgeregten Ruf.
Plan A war gescheitert.
Inmitten der scheinbar nicht zusammengehörigen Frachtraumer explodierten die zwei unbemannten Robotschiffe der Rebellen.
Der Höllenritt begann.
Es wurde laut. Vibrationen durchliefen die Raumschiffszelle, steigerten sich zu einem Rütteln und Schütteln.
Beunruhigtes Gemurmel setzte ein. Blicke trafen sich. Vermutungen wurden angestellt. Die anfängliche Anspannung löste sich in beginnende Panik auf. Augen waren weit aufgerissen, Farbe wich aus den Gesichtern.
Plötzlich ertönte eine Explosion, die die CLAW erschütterte. Sie wurden umhergewirbelt. Oben war plötzlich unten und wieder anders. Wie in einer Zentrifuge fühlte sich Celice in ihren Sitz gepresst. Äderchen platzten in ihren Augen und bedeckten ihre Sicht mit einem roten Schleier.
Plan A ist gescheitert, wusste Celice. Jetzt können wir nur noch hoffen. Oder beten, wer daran glaubt.
Schreie ertönten. Die Leuchtkörper flackerten erst und erloschen schließlich ganz.
Jemand neben ihr fluchte laut und derb. Es musste Smith gewesen sein.
Im Schein des Restlichts erkannte Firo, dass Rubens nicht schrie. Stocksteif und wie angewurzelt hockte er auf seinem Platz und schwieg eisern, die Augen geschlossen.
Ein heftiger Schlag erschütterte die CLAW ein weiteres Mal und setzte Firo schachmatt. Es wurde dunkel um sie herum.
Kelvin benötigte mehrere Sekunden, bis er wieder in die Realität zurück fand. Das gewellte Azurblau des atlantischen Ozeans sprang ihm vom Holobildschirm entgegen.
Wie ein störrischer, wilder Mustang bockte die CLAW während des rasend schnellen Sturzes. Das starke Vibrieren des Bodens und der Wände betäubten Kelvins Glieder. Das ohrenbetäubende Kreischen des Stahls machte eine Verständigung fast unmöglich.
Bisher hatte Fabian die CLAW mühsam unter Kontrolle gehalten, nun griff Kelvin wieder in die Steuerung ein.
Das … nie …
, verstand Kelvin nur bruchstückhaft was Fabian ihm zurief. Wahrscheinlich fürchtete sein Freund, dass sie es nicht schafften und die CLAW auf der Meeresoberfläche zerschellen würde.
Kelvin las die Daten von einem kleinen Hologramm ab, dass rechts neben seinem Kopf schwebte. Der Schirm hielt. Hoffentlich auch beim Aufprall.
Die Sekunden vergingen, die azurblaue Wand schien ihnen entgegen zu schießen.
Dann, mit einem heftigen Ruck, der Kelvin den Atem raubte, tauchte die CLAW in den großen Teich ein.
Ausschleusen!
, stieß er mühsam hervor, seine letzten Luftreserven nutzend. Mühsam sog er wieder Sauerstoff in seine Lungen.
Ob Fabian ihn verstanden hatte oder den Plan nur genauestens befolgte, vermochte Kelvin nicht zu sagen. Doch sein Partner hieb auf den großen roten Knopf. Die Frachtschleusen der CLAW öffneten sich und durch eine Strukturlücke im Prallschirm wurden tonnenweise Schrott in den Ozean ausgeschleust. Eine kleine Fusionsbombe explodierte. Alles sah danach aus, als wäre die CLAW in einer letzten Explosion vergangen. Die Leichen, die mitsamt dem Schrott aus der CLAW geschossen worden waren, wurden von der Explosionsgewalt zerfetzt, sodass Untersuchungskommandos des Reichs zumindest eine Zeit lang mit einer Untersuchung beschäftigt sein würden.
Behutsam bremste Kelvin die Fahrt ab und nahm die Energie von den Prallschirmen zurück, sodass sie nur mit letzter Kraft die Wassermassen davon abhielten, in die CLAW einzudringen. Auf niedrigstem Energieniveau dümpelte ihr Raumschiff seinem Zielort entgegen, einer weit unter dem Meeresspiegel liegenden Kluft, die während des Kriegs gegen die anorganischen Cy in den Meeresboden gerissen worden war.
Die Luft schien vor Kelvins Augen zu flimmern, Schwäche drohte seinen Körper zu übermannen. Ihm wurde schwarz vor Augen und seine Arme zitterten.
Fab, Injektion
, krächzte er.
Kelvin hörte ein leises Zischen, dumpf und beinahe übertönt vom Rauschen in seinen Ohren. Sekunden später klärte sich seine Sicht und das Gefühl kehrte langsam in die tauben Glieder zurück.
Das wäre geschafft
, keuchte Fabian. Er war nass geschwitzt und Schweißperlen tropften in seinen Kragen. Jetzt gnade uns Gott, dass wir nicht entdeckt werden.
In weiten Teilen der CLAW sah es aus, als hätte ein Trupp schießwütiger Reichssoldaten mit schwerem Kaliber getobt. Über Hologramme besah sich Kelvin die Verwüstung.
Leichte Explosionen hatten rußige Flecken, geschmolzene und wieder erstarrte Metallflächen und zerfetzte Trümmerstücke hinterlassen. Splitter zerborstener Leuchtkörper bedeckten über weite Teile die Böden. Durch die Erschütterungen und Explosionen herumgeflogene Splitter hatten etliche Rebellen verletzt, einige getötet.
Trotz allem sind wir noch glimpflich davongekommen
, warf Hankok ein, einer der Rebellen, die sich bei Kelvin und Fabian in der Zentrale befanden.
Am liebsten wäre Kelvin dem mittelgroßen, breit gebauten Mann an die Gurgel gesprungen. Auch Fabian lief rot an vor Wut, als er diese Worte hörte, die die Situation verharmlosten. Hankok wandte sich aber längst weiteren Anzeigen zu und koordinierte seine Männer bei den Reparaturen.
Kelvin überließ ihm die Arbeit vorerst, da der Rebell, die Fähigkeiten seiner Männer besser kannte und besser einschätzen konnte, wo wer am besten eingesetzt werden konnte.
Wenn wir lebend wieder von Terra weg kommen, wird das ein teurer Spaß für Haddington werden
, schimpfte Kelvin vor sich hin, als er durch das Schott trat und Fabian mit den beiden Rebellen-Offizieren allein ließ.
Beißender Ozongeruch stach Kelvin in die Nase, als er durch das Zentraleschott trat. Hinter einigen Wandplatten schmorten Kabel vor sich hin, Splitter von Leuchtkörpern säumten auch hier den Boden, doch alles in allem sah es im Umfeld der Zentrale nicht so schlimm aus.
Die Lebenserhaltungssysteme des Schiffskerns sowie die Ersatzaggregate waren glimpflich davongekommen, auch die Hauptpositronik war nicht irreparabel beschädigt, in wenigen Stunden würden die Hauptsysteme beinahe wieder auf normalem Niveau funktionieren.
Eine Etage unter der Zentralebene sah es schlimmer aus. Durch die heftigen Erschütterungen und Vibrationen war ein alter Notreaktor beschädigt worden und hatte etliche kleinere Explosionen verursacht.
Als erstes suchte Kelvin den Raum auf, den sich die Offiziere als Besprechungsraum ausgesucht hatten. Das Schott war leicht zerbeult und als Kelvin den Raum betrat, stach ihm noch der Geruch von verbranntem Plastik und Löschschaum in die Nase. Die Ventilation wummerte unter Volllast.
Ein Mann lag auf dem Boden, umringt von drei Männern und einem Medo-Roboter. Als Kelvin näher trat, erkannte er Kurt Hajnal. Ein Metallsplitter hatte sich durch seinen Oberkörper gebohrt, Blut sickerte aus der großen Wunde und vielen kleineren Schnittwunden. Schweiß stand auf Hajnals Stirn, seine Augenlider flackerten. Der Medo-Roboter injizierte ihm gerade ein Mittel.
Brix
, krächzte der Missionsleiter, als er Kelvin mit unstetem Blick entdeckte. Kommen Sie …
Ein Hustenkrampf unterbrach ihn. Kommen Sie näher.
Kelvin hockte sich neben Hajnal und die drei Rebellen zogen sich ein paar Meter zurück.
Hören Sie … Brix.
Hajnal atmete schwer und rasselnd. Bringen Sie diese Mi… Mission bloß vernünftig zu Ende. Sonst sehen wir uns in der Hölle … wieder. Und dann Gnade Ihnen … an wen auch immer … Sie glauben.
Erschöpft legte Hajnal seinen Kopf wieder auf den Stoffballen, der ihm als behelfsmäßiges Kissen diente. Mit der rechten Hand kramte er in seiner Hosentasche und holte ein Stück Papier hervor. Mühsam faltete er es mit seinen steifen Fingern auseinander.
Meine … Familie.
Kelvin erkannte eine ältere Frau, ihre Töchter und ein Enkelkind. Sie sollen … in einer besseren Welt le … leben können.
Sehnsüchtig starrte Hajnal auf das Foto. Wahrscheinlich ein Ersatz für das mit dem DataVis deaktiviertes PrivMem.
Einer der Rebellen trat wieder zu ihnen, als ein weiterer Hustenanfall den Rebellenoffizier schüttelte.
Melvin
, sprach Hajnal ihn an. Sagen Sie meiner Frau, dass ich sie liebe. Und meinen Töchtern. Und …
Kelvin erhob sich aus der Hocke und ging. Was Hajnal nun zu sagen hatte, war nicht für seine Ohren bestimmt. Im Hinausgehen sah er, dass auch Smith zu Hajnal und Melvin trat.
Wir haben die Kluft erreicht
, begrüßte ihn Fabian zurück in der Zentrale. Die GERONIMO ist ebenfalls vor kurzem am Treffpunkt eingetroffen.
Fabian machte eine kurze, bedeutungsvoll Pause. Sie haben mehrere Rettungskapseln und Männer in Raumanzügen geborgen …
Betroffen schloss Kelvin die Augen. Als er sie wieder öffnete sah er direkt in Fabians versteinertes Gesicht.
Dieser Höllentrip hat bereits jetzt etliche Tote gefordert.
Wie viele?
, fragte Kelvin mit matter Stimme.
Nach unseren ersten Schätzungen haben nur knapp fünfzig Männer der KALIF überlebt, viele von ihnen schwer verletzt, sodass wir weitere Todesfälle befürchten müssen.
Die GERONIMO und wir sind noch glimpflich davongekommen. Knapp vierzig Tote haben wir zu beklagen. Also sind wir noch ungefähr 710 Männer und Frauen von Tausend.
Schrecklich …
Kelvins Knie wurden weich, sodass er sich in seinen Kontursessel fallen ließ. Er barg sein Gesicht in den Händen und sah erst Sekunden später wieder auf.
Wir sind zum Erfolg verdammt, Fab. Nicht nur, dass wir mit die letzte Hoffnung der Rebellion sind. Nein, wenn wir scheitern, sind all die Männer und Frauen für nichts gestorben.
In seinem Rücken öffnete sich mit einem Zischen das Schott. Aus den Augenwinkeln erkannte Kelvin, dass Smith die Zentrale betrat.
Hajnal wird die nächsten Stunden wahrscheinlich nicht überleben
, verkündete der stellvertretende Leiter der Mission unaufgefordert mit verhärteter Miene. Seine Verletzungen sind zu schwer, als dass die Mediker ihn retten könnten.
Da er wegen all der Schmerzmittel entscheidungsunfähig ist, übernehme ich das Kommando.
Und was ist ihr erster Befehl?
Kelvin musste sich zusammenreißen, um überhaupt an die Fortsetzung ihrer Mission zu glauben. Die Luft schien schal zu schmecken, die Farben zu verblassen. Alles erschien im trostlos aufgrund ihrer großen Verluste. Auch wenn er die Frauen und Männer nicht kannte, versetze ihn ihr Tod in einen betäubenden Gemütszustand.
Kurz befürchtete Kelvin, dass es auch Celice Firo erwischt haben könnte, doch Smiths Worte erlösten ihn von dieser Sorge.
Ich werde zusammen mit Firo und einigen Männern unseren Vorstoß sichern. Ich möchte, dass Sie hier die Stellung halten, auch wenn Sie als Firos Bewacher eingeplant waren. Ich traue dieser Frau nicht. Nur weil Haddington ihren Erfahrungsschatz für uns nutzen will, werde ich nicht leichtsinnig.
Kelvin wollte einen Einwand einbringen, doch Smith schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab.
Firo hat bereits zugestimmt. Natürlich können Sie noch Einspruch erheben, aber ich denke Sie sind vernünftig und überlassen den ersten Vorstoß uns Experten.
Kelvin musterte Smith einige Augenblicke lang. Der neue Missionsleiter hatte sein übliches spöttisches Grinsen verloren, zumindest für den Moment.
Soll mir recht sein. Stürzen Sie sich in ihr Abenteuer.
Smith wandte sich zum gehen, als Kelvin ihm hinterher rief: Hoffentlich sticht ihr Trumpf auch wirklich.
Sinnend beobachtete Celice Firo die Wolken atomisierten Staubes, die aus der Schleuse in die schwarze Tiefe des atlantischen Ozeans geblasen wurden.
Früher, in ihrer unbeschwerten Kindheit, hatte sie oft schöne Bilder in den Wolken erkannt.
Nun war ihre Fantasie verkümmert, abgestorben in Patient Zero und auf ihren unzähligen Kriegseinsätzen. Heute sah sie nur noch grau in grau. Wie die dunklen Tiefen des Atlantiks, wenige Kilometer vor der amerikanischen Ostküste. Nur einen Katzensprung entfernt vom Zentrum der Macht – Caranor City, dem ehemaligen New York.
Mit einem Kopfschütteln verscheuchte sie die dunklen Gedanken. Wurde sie etwa sentimental? Jetzt, wo sie eine Möglichkeit sah, Shawnee zu finden?
Unsinn. Ihre volle Aufmerksamkeit musste dem Einsatz gelten: Nach Caranor-City vordringen, Kontakt zur ansässigen Rebellenzelle knüpfen und den Kampf von innen heraus aufnehmen.
Leise Stimmen im Empfänger ihres auf kürzeste Distanz geschalteten Funkgerätes lenkten Celices Aufmerksamkeit wieder auf die Arbeiten. Nur undeutlich erkannte die ehemalige Reichssoldatin die Männer innerhalb der Schleuse.
Mit schweren Desintegratoren frästen sie sich ihren Weg durch die viele Meter dicke Stahlplatte, die ihnen den Zugang zu der stillgelegten unterirdischen Station verwehrte.
In der Zeit des Kriegs gegen die anorganischen Cytryxiyl war die Station Zufluchtsort und geheime Kriegszentrale der Föderation gewesen. Als die von Caranor nach dem Krieg putschten, waren große Teile des Regierungsapparats geflohen und hatten nicht viel zurück gelassen.
Die Caranor wussten angeblich nur von einem kleinen Teil der Station und hatten nie mehr erforschen können, wie Anthony Haddington in den Archiven des Reiches herausgefunden hatte. Damals, vor seiner Zeit als Rebell gegen das mörderische Regime.
Dass da mehr war, erfuhr auch der Leiter der Rebellion erst durch die Meldungen der hier stationierten Rebellen, die den abgeschirmten Teil der Station entdeckt hatten. Wie ihnen das gelungen war, blieb rätselhaft.
Wir sind gleich durch, Firo
, meldete Smith.
Danke.
Celice atmete tief ein und spannte ihren Körper maximal. Also gut, Leute. Rein in die gute Stube.
Wie an einem Faden aufgereihte Perlen begaben sich die Rebellen zu der Schleuse, wo sie nacheinander mitsamt ihrem Kriegsgerät in den Start- und Landeschacht der Station eindrangen.
Der erste Schritt war getan.
Der Schacht war etwas mehr als hundert Meter hoch und breit, also würden sie auch auf ähnlich große Hangarhallen treffen, mutmaßte Celice.
Sie richtete ihre Lampe zur Seite, während die großen mobilen Strahler größtenteils den Weg nach vorne illuminierten.
Feine Risse zogen sich über die betongrauen Wände. Braune Algen und gräulich-weiße Salzkruste bedeckten sie über weite Teile; Insekten und Schnecken hausten in den Spalten. Mit der Zeit hatte die Natur das sterile Innere erobert, war durch winzigste Lücken eingedrungen. Das Leben fand immer seinen Weg.
Und trotzdem war hier unten nach Hunderten von Jahren noch alles stabil und könnte wahrscheinlich auch heute noch genutzt werden.
Die Föderierten hatten eine beachtliche Leistung vollbracht. Diese riesige unterirdische Station geheim zu halten, war nahezu unmöglich. Immer mehr zweifelte Celice daran, heil von dieser Mission zurückzukehren. Ihr schien es undenkbar, dass Caranor nichts von dieser Station wusste. Wie sollte man diese riesigen Hohlräume vor allen Ortern Terras verstecken?
Sie blickte auf ihre Uhr: 2 Uhr 33 zeigten die leuchtenden Ziffern an. Details wie dieses stießen sie immer wieder auf das Ärgernis, mit deaktiviertem DataVis operieren zu müssen. Sie fühlte sich beinahe nackt und hilflos ohne den winzigen Positronikverbund, der eine unschätzbare Hilfe im Kampfeinsatz, aber auch im Alltag war.
Smith? Wie sieht's weiter vorne aus?
Ihr Stellvertreter, der schon das Eindringen in die Station geleitet hatte, ging wenige Meter neben ihr, ständig auf die Bilder starrend, die ihm die vorgeschickten Drohnen lieferten.
Er grinste ihr zu, anzüglich wie immer. Alles in Ordnung, Madam. Bisher haben wir nichts entdeckt außer leer stehende Container, Kabelstränge, liegen gelassenes Gerät und weiteren Schrott.
Trotzdem, weiter wachsam bleiben. Hinter jeder Ecke könnte eine Falle darauf warten zuzuschnappen
, warnte Celice und ging ein Stück vor, um alleine die düstere, morbide Atmosphäre in sich aufzunehmen.
Sie öffnete ihren Helm einen Spalt weit. Sofort drang muffige, kaltfeuchte Luft an ihre Nase. Es roch salzig, brackig und fischig. Die Stille war bedrückend und nur durch das Tropfen des Wassers und einigen Gesprächen der Rebellen-Soldaten durchbrochen. Alles um sie herum strahlte Alter und Einsamkeit aus.
Fantasiebegabte Menschen würden hinter jeder Ecke die grausigsten Monster vermuten, gruseliger als jede Realität. Celice hatte zu viel gesehen, als dass sie sich so etwas ausmalen musste.
Minuten später erreichten sie die Hangars. Es war wie von Smith beschrieben. Alles was nur geringen Wert hatte, war bei der hektischen Flucht vor 523 Jahren liegen gelassen worden. Nützliches und Wertvolles war mitgenommen worden. Hier gab es nichts mehr zu holen. ›Hier‹ war für niemanden Interessant. Der perfekte Unterschlupf für Rebellengruppen wie die ihre. Zu perfekt.
Ich kann einfach nicht glauben, dass die Caranor nichts von alldem wissen. So gut kann die Station nicht abgeschirmt sein.
Smith schnaubte verächtlich und stützte sich mit seiner Waffe auf einen vom Zahn der Zeit zerstörten Wartungsroboter. Sehen Sie's ein, Firo. Auch Ihre ach so tollen Caranors sind nicht fehlerfrei.
Nein. Aber so dumm kann niemand sein.
Celice sah sich im Lichtkegel um, den die drei mobilen Scheinwerfer warfen. Überall dasselbe Bild. An den Wänden breiteten sich, wie im Schacht, Algen aus. Über allem lag eine körnige Salzkruste.
Einige der Rebellensoldaten öffneten ihre Helme für kurze Zeit, doch schlossen sie bald wieder, als sie den Gestank wahrnahmen.
Wir haben einen Energieverteiler gefunden. Kleinere Fusionsreaktoren könnten nach all der Zeit immer noch genug Energie liefern, um einige Teile der Station in Betrieb zu nehmen
, meldete ein Soldat Celice über Helmfunk. Sollen wir wenigstens Licht anmachen?
Celice sah sich um. Die Scheinwerfer spendeten nicht annähernd genug Helligkeit, um den riesigen Raum auszuleuchten.
Dennoch: Nein, lassen sie alle Geräte deaktiviert. Wir dürfen uns durch nichts verraten. Ihre Handlampen müssen genügen.
Smith nickte ihr zu. Auch wenn er den Caranors nicht alles zutraute, war er ein vernünftiger Offizier.
Ein Knall durchbrach die Stille, ein Funkenregen badete den Hangar in der linken hinteren Ecke in grelles Licht.
Was ist da los?
, schrieen Celice und Smith gleichzeitig. Alarmiert hob die desertierte Reichssoldatin ihren Desintegratorkarabiner und spannte ihre Muskeln an. Verächtlich brach sie den instinktiven Versuch ab, per DataVis volle Energie in ihren künstlichen rechten Arm zu pumpen.
Doch schon senkte sich wieder bleierne Stille über die Halle und es wurde dunkel.
Django ist über ein altes Kabel in der Nähe des Energieverteilers gestolpert. So marode wie hier alles ist, wurde es aus dem Anschluss gerissen und Reststrom setzte sich frei
, meldete ein Unteroffizier, dessen Namen Celice nicht sofort parat hatte. Doch der Stimme nach war es der Mann, der ihr vorhin den Fund gemeldet hatte.
So etwas darf nicht mehr passieren
, verwies Smith die vier Rebellen, die um den Energieverteiler herumstanden. Betreten und schuldbewusst blickten sie drein.
Seltsam. Reststrom nach all den Jahrhunderten? Das gibt's doch nicht. Irgendetwas ist hier faul.
Wachsam sondierte Celice die Umgebung.
Ach was, Firo, da ist …
Ein tiefes Rumoren unterbrach Smith, wurde zu einem lauten Summen, dann zu einem bedrohlichen Dröhnen. … nichts.
Oh, oh
, hörte Celice noch einen der Soldaten sagen. Da brach die Hölle über sie herein.
Irgendetwas kratze am äußersten Rand seiner Wahrnehmung. Es nahm es nicht deutlich wahr, denn seine Sinne waren dort draußen nur beschränkt einsatzfähig. Doch irgendetwas war ungewöhnlich. Das waren keine herabfallenden Steine, die über den Stahl kratzten, auch kein anderes natürliches Geschehen, das ihn aus seiner Erholungsphase geweckt hatte.
Das da draußen war tiefgreifender, also schickte er seiner Programmierung folgend Überwachungssonden in die äußeren Bezirke, um den Rand seines riesigen Reiches nach dem Kratzen abzusuchen.
Blitzschnell geschah das alles. Nur wenige Sekundenbruchteile vergingen nachdem er aus seinem Schlaf erwacht war. Die Programmroutinen liefen an, forderten Gehorsam und er machte sich selbst auf den Weg, den Richtungsangaben seines Vorauskommandos kleiner, sirrender Drohnen folgend.
Es wusste nicht, was auf ihn wartete, was den Alarm verursacht hatte.
Es wusste nur eines gewiss, was sich tief in sein Inneres eingebrannt hatte: Es musste gehorchen.
Wie eine Feuer speiende Metalllawine kamen sie über die Rebellen. Hunderte von Robotern in verschiedensten Formen.
Celice konnte nur den Anblick einiger von ihnen erhaschen. Konische, kugelförmige, eckige … Die Formen waren verschieden, doch stets zweckmäßig. Es kam Celice vor, als würden die Modelle verschiedener Jahrhunderte Jagd auf sie machen.
Doch blieben ihr nur Sekunden darüber nachzudenken, denn sobald sie aufgetaucht waren, hatten die Roboter mit ihrem Beschuss begonnen.
Hastig flüchteten sich die Terraner in die Deckung von Trümmern, Eingängen, Robotwracks und leeren Container. Auch Celice und Smith warfen sich unter das Wrack eines zehn Meter hohen Betankungsroboters. Die Schläuche, in denen zu besseren Zeiten Stützmasse für Impulstriebwerke, Wasser oder andere Rohstoffe geflossen waren, warfen zitternde Schatten im Lichtgewitter der ultraheißen Impuls-, Thermo- und Desintegratorstrahlen.
Celices Puls ging rasend, ihr Körper pumpte Adrenalin und ihr Brustkorb hob sich in einem hektischen Rhythmus, während ihr das Blut in den Ohren rauschte.
In wenigen Augenblicken war die vormals niedrige Temperatur in die Höhe geschossen, sodass die Luft stickig wurde und auch Celice wieder ihren Helm schloss. Die Ventilation blies ihr angenehm kühle Luft ins Gesicht und trocknete die feinen Schweißperlen, die ihr von der plötzlichen Hitze aus den Poren getrieben worden war.
Smith? Alles in Ordnung?
, vergewisserte sie sich. Ihr Stellvertreter nickte schweigend. Im Empfänger ihres Helmfunks vernahm sie sein schweres Atmen.
Nach und nach nahm sie Kontakt zu den anderen zwanzig Soldaten auf und vergewisserte sich nach ihrem Befinden, wobei sie ab und zu gefährlich nahe kommenden Kampfrobotern Energiesalven entgegen schleuderte.
Achtzehn Männer und Frauen antworteten. Zwei nicht, einer davon war Django, der ihnen den Angriff beschert hatte.
Einen Angriff, der früher oder später sowieso gekommen wäre, sagte sich Celice. Kein Grund, irgendwem Vorwürfe zu machen. Erst recht keinem Toten.
Mit Erleichterung nahm sie Rubens Meldung zur Kenntnis. Der junge Rebell hockte im Schutz eines Containers ganz in ihrer Nähe. Sie konnte Teile seiner Silhouette von ihrem Standort aus sehen.
Der Junge kann auf sich aufpassen
, versetzte Smith. Kein Grund zur Sorge. Er ist zwar jung, doch schon erfahren und ein sehr guter Soldat.
Er keuchte unter der plötzlichen Belastung vernehmlich. Ihr Liebling wird's schon schaffen, Firo
, fügte er sarkastisch hinzu.
Er ist ein Risiko
, widersprach Firo. Der Junge ist kein Soldat, sondern ein Träumer. Man muss ein Auge auf ihn haben.
Smith reagierte gar nicht darauf. Er schien fiebernd nachzudenken, wie sie aus diesem Schlamassel heil herauskommen sollten, doch fand augenscheinlich keine Lösung.
Sie drehte die Empfindlichkeit ihrer Außenmikrofone herunter, damit das Zischen und Fauchen der Schüsse, sowie das Dröhnen der Explosionen nicht in den Ohren schmerzte. Smith schenkte sie nur einen kalten Blick und konzentrierte sich auf die Abwehr der Angriffe.
Firo an alle
, rief sie in ihr Helmfunkgerät. Nehmt keine Rücksicht. Jetzt sind wir ohnehin entdeckt. Feuert mit allem, was ihr habt. Scheut auch nicht davor zurück, Thermo- und Desintegratorgranaten zu benutzen. Hier ist eh nichts von Wert für uns.
Sie zerschoss einen anfliegenden Kugelroboter, dessen Waffen auf flexiblen, schlauchförmigen Auswüchsen saßen. Haltet euch für weitere Befehle bereit, ich habe eine Idee.
Sie schickte eine der Aufklärungssonden, die mit ihr und Smith in Deckung gegangen waren, zum Wrack des Roboters, um ihn zu untersuchen.
Nach zwei Minuten, in denen sich Firo und Smith mühsam den immer stärker werdenden Angriffen erwehrten, kehrte die Sonde mit viel Glück unbeschadet zu Firo zurück. Einzig Rußspuren hatte die Sonde davongetragen.
Sie ließ sich alle gesammelten Daten auf die Minipositronik ihres Kampfanzugs überspielen und rief sich die Ergebnisse der Untersuchung auf den helminternen Bildschirm. Smith gab ihr Deckung, während sie die Daten analysierte.
Hab ich's mir doch gedacht
, murmelte sie.
Was?
, rief Smith. Seine Stimme klang brüchig und Schluckgeräusche zeugten davon, dass er seine Kehle befeuchtete. Was haben Sie herausgefunden? Sprechen Sie!
Celice zerstörte einen weiteren angreifenden Roboter, den Smith über seine Worte verfehlt hatte. Dann erklärte sie:
Die Robotik ist selbst heute noch nicht weit genug, um solche Massen an Robotern autark operieren lassen zu können. Meine Vermutung war, dass uns fast nur alte, ausgemusterte Modelle angreifen, die erst recht nicht dazu in der Lage sind und von leistungsfähigeren Positroniken koordiniert werden müssen.
Die Untersuchung dieses Wracks hat das bestätigt. Es muss also mindestens eine, vielleicht auch mehrere Steuerzentralen geben.
Obwohl sie nicht schreien musste, da sie die Außenübertragung gedimmt hatte, wurde Celice unwillkürlich lauter.
Also müssen wir nur die Steuerzentralen finden und diese deaktivieren, beziehungsweise zerstören
, schlussfolgerte Smith. Sein spöttisches Grinsen stahl sich zurück in seine Miene. Ein weiterer Todesschrei im Hintergrundrauschen ihrer Funkempfänger wischte es schnell wieder aus dem Gesicht.
Nur ist gut
, versetze Celice. Ich schlage vor wir bilden Gruppen, um die Zentralen zu suchen.
Wir sollten Verstärkung aus der CLAW und der GERONIMO rufen
, schlug Celices Begleiter vor. Alleine haben wir keine Chance.
Und sie dieser Gefahr aussetzen? In einem unbekannten Terrain?
Celice schüttelte den Kopf. Nein. Ich schlage vor, wir rufen die hiesige Rebellengruppe zu Hilfe, die diese unterirdischen Anlagen entdeckt hat. Deren Ortskenntnisse könnten uns wertvolle Hilfe leisten.
Smith stimmte zu und Celice gab ihre Befehle an den Rest der Truppe weiter.
Ich rufe Verstärkung. Doch wir teilen uns in drei Gruppen auf, um die Steuerzentralen aufzuspüren, die unsere Angreifer koordiniert. Zweimal sechs Mann, einmal fünf. Muller leitet die erste Gruppe.
Über ihr Radar ordnete sie dem Offizier fünf Männer zu.
Smith die zweite.
Ihm ordnete Celice drei Männer und zwei Frauen zu.
Ich selbst leite Gruppe drei.
Smith quittierte es mit einem Grinsen, dass sie Rubens zu sich in die Gruppe beorderte.
Los jetzt! Gruppe drei und zwei geben Feuerschutz, Eins! Ab in den ersten Korridor in eurer Nähe. Versperrt den Robotern den Weg mit allem, was ihr findet.
Sie schoss Sperrfeuer in die umherfliegende Masse der Kampfroboter und sah auf ihrem Radar, dass alle Männer der Gruppe lebend ihr Ziel erreichten.
Jetzt Gruppe zwei!
Smith schoss neben ihr hoch und sprintete geduckt los, mit seinem Desintegratorkarabiner in die Höhe feuernd.
Auch die zweite Gruppe erreichte ihr Ziel.
Hastig setzte sie einen codierten und gerafften Funkspruch an die Rebellen-Zelle Terra ab.
Firo an HQ: Wir sind unter Beschuss. Übermacht Roboter greift uns an. Hauptsächlich veraltete Modelle. Versuchen Steuerzentralen aufzufinden. Koordinaten drei, fünf, vier sieben, zwei, drei. Firo Ende.
Sie suchte in ihrer Tasche und kramte eine Granate heraus, die ihnen wenigstens für einen Augenblick lang Ruhe und damit den Moment für ihre Flucht in einen der letzten der sechs Korridore ermöglichen würde.
Firo an alle: Deaktiviert alle eure Geräte, keine Widersprüche. Und wenn ich in die Luft schieße, rennt los, so schnell ihr könnt. Zehn Sekunden ab … jetzt!
Langsam zählte sie von zehn abwärts, damit auch jeder die Chance hatte ihre Anweisungen zu erfüllen, dann aktivierte und warf sie die EMP-Granate.
Elektronischblaue Blitze zuckten durch die riesige Hangarhalle und etliche der immer nachrückenden Angreifer stürzten wie vom Schlag getroffen herab.
Jetzt! Celice feuerte die Signal-Salve ab und rannte los.
Er machte sich auf den Weg zum Ursprung des seltsamen Kratzens und je näher er kam und je mehr Zeit verging, desto genauer wurden die Ergebnisse, die ihm seine Dienerschar von Robotern übermittelte.
Es war schwierig, einen genauen Standort der Störung ausfindig zu machen. Die zu überwachende Außenfläche war groß und wenn ein möglicher Gegner erst einmal in die Station eingedrungen war, summierten sich die Schwierigkeiten, da er und seine Diener ein unglaublich großes Volumen zu überwachen hatten, das noch dazu in großen Teilen äußerst schwer zugänglich war.
Der Zahn der Zeit nagte überall, Schäden und Ausfälle machten weite Gebiete kaum begehbar für die massiven Maschinen.
Er bog um eine Ecke, der Schwung trug ihn seitlich in die Höhe und er setzte die linken Extremitäten der zwei Beinpaare an die Wand, die anderen beiden an die Decke. Mikrofasern griffen dort in die kleinen Furchen, die er vor langer Zeit mit den ultraharten Spitzen seiner stählernen Glieder in den Beton gekratzt hatte.
Sein menschlicher Kopf pendelte von links nach rechts. Oh wie ärgerte ihn dieser Schwachpunkt. Doch die Kombination zwischen Maschine und seinem schwachen biologischen Körper machte ihn erst zu dem effektiven Diener, der er war. Also akzeptierte er diese störende Schwäche als notwendiges Übel – immer wieder aufs Neue.
Zumindest war es dunkel – er brauchte dank seiner kybernetischen Upgrades kein Licht zur Orientierung – sodass er sich nicht selbst sehen musste in den spiegelnden Flächen, denen er immer wieder begegnete. Die Vorbesitzer der Station mussten sich ungemein gerne betrachtet haben. Eitelkeit war jedoch eine Schwäche, die er sich nicht leisten konnte und noch weniger verstand.
Ein plötzlicher Energieausbruch weit in der Peripherie der Station band seine Aufmerksamkeit. Er überprüfte, ob funktionsfähige Überwachungsgeräte am fraglichen Standort vorhanden waren, doch leider war dies nicht der Fall. Die äußeren Bereiche waren die mit am stärksten verwitterten, die Nässe des Ozeans war dort eingedrungen und hatte die Station mit biologischem Leben verseucht.
Er beorderte einen großen Teil seiner Heerscharen dorthin, denn es war sehr wahrscheinlich, dass die Verantwortlichen der Störung auch dort ihre Finger im Spiel hatten. Was bedeuten würde, dass ihnen das Eindringen in die Station gelungen war. Das machte es nur schwieriger und nötiger, die Unruhestifter bereits dort zu stellen.
Ein Funksignal kam herein und die ersten Roboter lieferten Bilder. Infrarotsicht war nicht einmal nötig, denn die Eindringlinge – es waren tatsächlich mehrere – illuminierten die Hangarhalle, in der sie sich befanden mit großen Scheinwerfern.
Lange hatte er kein so helles Licht mehr gesehen, stets nur die blinkenden Kontrolllampen der Positronik. Seine empfindlichen Augen konnten nicht gerade behaupten, es vermisst zu haben. Es war grell und schmerzhaft, schnell reagierte sein DataVis und reduzierte die Helligkeit des in sein Sehzentrum Übertragenen.
Humanoide – vielleicht Terraner, dem Körperbau nach zu urteilen – wuselten panisch durcheinander und feuerten aus ihren Waffen auf seine Roboter.
Alles signalisierte Gefahr. Und er reagierte in Sekundenbruchteilen.
Sie agierten eindeutig aggressiv, verbunden mit ihrem unerlaubten Eindringen ergab seine Analyse eindeutig eine feindliche Absicht. Seine Programmierung ließ nur eine Reaktion darauf zu.
Eliminieren
, befahl er. Seine Roboter eröffneten augenblicklich das Feuer.
Schneller als vorher, mit einem klaren Zielpunkt vor Augen trugen ihn seine vier Beine, während ihn die tausend Augen seiner Roboter vom weiteren Verlauf des Kampfes unterrichteten.
Die Eindringlinge, eindeutig Terraner, wie er nun erkennen konnte, gingen in Deckung und zerstörten etliche seiner alternden Diener. Wut stieg in ihm auf, aber auch ein eindeutiger Gedanke: Ich war auch einst ein Terraner.
Sofort reagierte die Programmierung seines DataVis und unterdrückte die aufkeimenden Gedanken und Gefühle. Sie waren nicht erwünscht. Nur Gehorsam zählte.
Minuten bevor er sein Ziel erreichte, sah er, dass die Terraner sich aufteilten und in den Gängen der Station verschwanden. Sie hinderten seine Roboter an der Verfolgung, indem sie die Gänge mit Hindernissen verschlossen.
Die letzte Übertragung endete mit dem blauen Blitz einer EMP-Granate, der ihn schmerzhaft blendete und erblinden ließ. Als wieder funktionstüchtige Roboter in den Hangar eindrangen, waren, alle Terraner verschwunden.
Das kompliziert die Sache. In den Gängen können meine Kampfroboter die Eindringlinge nur schwer entdecken. Und sollten sie in die ehemaligen Wohnbereiche eindringen, versagt auch das Überwachungsnetz. Und das ist eh schon lückenhaft, aufgrund der seltsamen Auffassung der Vorbesitzer vom Schutz der Privatsphäre, analysierte der kybernetische Diener.
So rief er Sonden auf den Plan, um nach den Terranern zu suchen. Doch war es dringend notwendig, sich selbst mit seiner viel moderneren Ausstattung auf die Suche zu machen.
Er übermittelte eine dementsprechende Nachricht an seinen Herrn. Er würde ihn nicht enttäuschen.
Die Jagd begann.
In den meisten Gebäuden terranischer Bauart sind die Hauptpositroniken sehr zentral gelegen. Aus dem einfachen Grund, dass sie dort am besten geschützt sind. Oft ist es jedoch so, dass sie nicht wie in Raumschiffen mittig positioniert sind, sondern am unteren Ende des Gebäudes; alleine schon der Statik wegen, schließlich ist so eine große Positronik nicht gerade ein Leichtgewicht. Außerdem kommen die wenigsten Angriffe von unten und die meisten Gebäude haben ein sehr solides Fundament. Gerade bei einer unterirdischen Station wie dieser gehe ich von diesen Annahmen aus
, erklärte Celice ihren Begleitern.
Celice strich sich durch die nassen Haare, selbst hier herrschte noch eine drückende Luftfeuchtigkeit. Den Helm hatte sie geöffnet, er lag zu einem Wulst aufgerollt in ihrem Nacken.
Die Mitglieder ihrer Gruppe hatten ihr es nachgetan. Zwar war der muffige Geruch der abgestandenen Luft unangenehm, doch ermöglichte es ihnen die direkte Kommunikation ohne Verwendung der verräterischen Funkgeräte.
Warum suchen wir in erster Linie nach der Hauptpositronik und nicht nach einem Lageplan, der uns zeigt, wo wir die richtige Steuerzentrale finden können?
, fragte Rubens.
Weil es schwieriger ist einen Plan zu finden, als eine riesige Rechenanlage. Wir können nicht auf die Terminals zugreifen, ohne unseren Standort zu verraten, also finden wir so schnell auch keinen Lageplan. Also weiter.
Ich habe Modelle aus verschiedensten Epochen ausgemacht. Bin mir aber nicht sicher welche Epochen abgedeckt sind. Es ist, meiner Meinung nach, sehr wahrscheinlich, dass das Reich Kontrolle über diese Roboter hat. Möglicherweise benutzen sie dabei nicht einmal die Hauptpositronik, sondern setzen modernere Rechenmaschinen ein.
Leider blieb uns keine Zeit unser Vorgehen mit den anderen Gruppen ausreichend zu koordinieren. Vielleicht finden wir auf dem Weg zur Hauptpositronik schon weitere Hinweise, die …
Ein Geräusch von durchschnittener Luft ließ Celice verstummen.
Alle Ruhe und in Deckung. Licht aus
, befahl sie, schaltete selbst ihre Handlampe aus und ging in die Hocke. Wenn ihre Ahnung sie nicht täuschte, dann … Sie hörte ein Summen und zischte: Weg hier, schnell!
Ihre Begleiter sprangen auf und rannten los, doch es war bereits zu spät. Das Summen näherte sich, eine Sonde bog um die Gangecke, die sie nun hinter sich ließen.
Celice aktivierte ihre Lampe, zielte mit ihrem Desintegratorkarabiner und schoss. In einem grellen Leuchten zerstob die Sonde, doch bestimmt hatte sie ihre Entdeckung bereits weitergeleitet.
Wir wurden gefunden
, fluchte sie und setzte sich mit großen Schritten an die Spitze der Gruppe. Schnell vorwärts. Wir müssen weg.
Sie führte die Gruppe an, leuchtete ihnen den Weg. Nun hieß es, den Standort schnell zu wechseln. Sie sprang in einen stillgelegten Antigravschacht, den sie auf ihrem Weg hierher bereits passiert hatten, ergriff die Sprossen der Notleiter und rutschte an ihr herunter. Die anderen folgten.
In rasend schnellem Tempo wechselten sie mehrmals die Etagen. Rannten von einem Raum zum anderen. Celices Herz pochte, sie hörte das rasselnde Atmen der anderen hinter sich, trieb sie gnadenlos weiter.
Schneller, weiter, dort hinein.
Schnell erreichten sie ihre körperlichen Grenzen.
Als selbst Celices Lungen vor Anstrengung brannten, ließ sie Marie, die technisch versierteste unter ihnen, das Schott zu einer Kabine öffnen.
Es war eine Wohneinheit. Schon als sie die ersten dieser Bereiche durchquert hatten, war Celice aufgefallen, dass diese nicht von Kameras bewacht wurden. Im Gegensatz zu den Gängen, auf denen sie immer wieder den wenigen aktiven Überwachungskameras hatten ausweichen müssen.
Als die Tür weit genug geöffnet war, schob sie die anderen vorwärts in das dunkle Innere, schlüpfte selbst hinein und ließ Marie das Schott wieder schließen. Sie schaltete ihre Lampe ab.
Erst als sie nach Minuten noch immer kein Summen von Antigravtriebwerken einer Sonde hörte, wagte es Celice ihre Lampe wieder einzuschalten.
Vorerst waren sie in trügerischer Sicherheit. Doch lange würde es nicht dauern. Sie mussten weiter, wollten sie diesen Einsatz lebend beenden.
Die Funkgeräte schwiegen, und das bereits seit Stunden. Niemand wusste, ob dies ein gutes oder schlechtes Zeichen war.
Es gab verschieden Möglichkeiten:
Auch die anderen beiden Gruppen hatten bislang keine Erfolge erzielen können. Wenn doch hätten sie es durchgegeben.
Oder sie waren tot.
Oder gefangen.
Oder waren nicht in der Lage sie anzufunken.
...
Die Stille drückte allen aufs Gemüt. Marie hockte neben den zwei Männern – Saul und Julian – und unterhielt sich flüsternd mit ihnen. Immer wieder hielten die drei erschrocken inne und lauschten in die Stille, da sie glaubten, etwas zu hören.
Rubens hockte dicht neben der Gruppe und untersuchte seine Waffe immer wieder auf ihre Funktionstüchtigkeit. Ab und zu schielte er zu Celice hinüber, die genau neben der Eingangstür saß und durch einen schmalen Spalt horchte.
Schließlich fasste sie sich ein Herz, ging hinüber zu Rubens und zog ihn ein paar Meter mit sich in eine kleine, rote Sitzecke.
Erwartungsvoll und verdutzt sah er sie an.
Geht es dir gut?
Celice hoffte, dass der Junge dem Druck standhielt. Sie konnte nicht auch noch Aufpasserin spielen. Träumer wie Rubens oder Frieder Shefcik waren Risiken in einem Kampf um Leben und Tod.
Äh … ja. Alles in Ordnung, Miss Firo.
Gut. Lassen wir das Miss Firo. Nenn mich Celice.
Es zuckte in den Mundwinkeln seiner vollen Lippen und er lächelte schüchtern.
Okay … Celice.
Sie nickte nur.
Und nun?
, brach Rubens das sekundenlange, betretene Schweigen. Wir müssen bald wieder aufbrechen.
Ja. So langsam müssten sich alle erholt haben, sodass wir wieder aufbrechen können. Ich habe zwischenzeitlich unseren Fluchtweg Revue passieren lassen und kann mich einigermaßen orientieren. Ich denke, ich weiß, wo wir uns befinden. Weit zurückgeschlagen hat es uns nicht, dennoch sind wir in einem ganz anderen Bereich, da wir uns kreisförmig bewegt haben. Unser Ausgangspunkt liegt uns beinahe direkt gegenüber, allerdings fünf Etagen höher.
Das dürfte uns auch etwas näher an den Standort der Hauptpositronik gebracht haben. Hoffe ich.
Rubens Blicke waren respektvoll auf sie gerichtet, wahrscheinlich war es ihm schleierhaft, wie sie auf der gehetzten Flucht noch den Überblick hatte bewahren können, während er und die anderen drei ihr nur panisch gefolgt waren.
Danke
, sagte Celice noch.
Wofür?
Rubens schien verwirrt zu sein.
Für die Rose.
Rubens war wie gefesselt, sprach kein Wort.
Er ist nur ein Junge, so sehr er sich auch anstrengt, für seine Sache zu kämpfen.
Überhaupt waren diese Rebellen anders. Auch unter ihnen gab es die Fanatiker. Die verbitterten. Die, die ihre Trauer und Enttäuschung mit lächerlichen Witzen und Anzüglichkeiten zu verschleiern versuchten.
Doch während bei den meisten Soldaten mit den Jahren die Realität die Illusion vom ruhmreichen terranischen Imperium, für das sie kämpften, verdrängte, hatten sich diese Männer und Frauen ihren naiven Traum bewahrt.
Es mochte daran liegen, dass nur der Traum ihrem hoffnungslosen Kampf überhaupt Sinn gab.
Vielleicht hatte es Haddington auch nur daran gelegen, die loyalsten auf diese selbstmörderische Mission zu schicken.
Dennoch taten die Rebellen Celice mehr und mehr auf eine gewisse Art und Weise leid. Nie würde ihr Traum in Erfüllung gehen, dafür war das Reich zu übermächtig.
Das Rauschen ihres Helmfunkgeräts riss sie brutal aus ihren Gedanken. Sofort war sie wieder die Elite-Soldatin, voll und ganz auf ihre Aufgabe fixiert.
Vier Augenpaare richteten sich auf sie, pendelnd zwischen Angst und Erwartung.
Celice versuchte soviel wie möglich von den Worten zwischen den Störgeräuschen zu verstehen.
Werden … gegriffen … Brau … Un … stütz … W … eid …
Verdammt! Ich verstehe zu wenig. Die Stimme kann ich auch nicht identifizieren.
Celice entschloss sich, nicht zu antworten. Zu groß war die Gefahr, dass es sich um eine Falle handelte oder sie eine Nachricht von Reichstruppen auffing.
Nein, das Reich benutzt andere Frequenzen. Darauf habe ich von vornherein hingewiesen. Ist es vielleicht Smiths Gruppe? Oder Mullers?
Roy … Hil …
Klang es weiter aus dem Funkgerät.
Roy, Roy … Ich hab's!
, rief Rubens und dämpfte seine Stimme, als er seine eigene Lautstärke bemerkte. Royal, so heißt doch der Leiter der hiesigen Rebellengruppe oder nicht?
Celice nickte.
Ja, das könnte er sein.
Sie wiegte den Kopf leicht hin und her, während sie überlegte. Dennoch antworten wir nicht, sondern nähern uns vorsichtig ihrem Standort. Wir müssen uns auf eine Falle gefasst machen.
Sie schulterte ihren Desintegratorkarabiner. Rubens war bereits am Schott und schob es auf.
Eifer glomm in seinen Augen wie ein heißes Feuer. Er wollte den in Bedrängnis geratenen Freunden helfen.
Nun wusste Celice, warum Rubens für diese Mission ausgewählt worden war.
Für seinen Traum von einer freien Galaxis würde er durch die Hölle gehen.
Über viele Umwege waren sie immer näher an den Ursprung der Funksprüche gekommen. Er lag am anderen Ende der Station, näher zu Caranor-City, was nahe legte, dass es sich um die Rebellengruppe Terra handelte, jedoch ebenso wenig ausschloss, dass es sich um eine Falle handelte.
Julian, Marie und Saul sicherten seitlich und nach hinten ab. Immer wieder passierten sie geschlossene oder offene Schotts oder gelangten an Gangverzweigungen.
Neben ihr an der Spitze lief Rubens mit vor Wut und Verzweiflung geröteten Wangen. Immer wieder murmelte er: Beeilung, wir müssen ihnen helfen.
Und zog Grimassen ob der sporadisch eintreffenden Funksprüche, als ob es gute Freunde von ihm wären, die da Verluste zu vermelden hatten.
Celice musste ihn immer wieder in seinem Eifer bremsen, auch wenn sie ihn verstand. Niemand wollte seine Kameraden im Stich lassen, ihr war es nie anders gegangen. Dennoch mussten sie Vorsicht walten lassen.
Werde nicht unvorsichtig
, zischte sie ihn an, als Rubens nach nur flüchtigen Blicken nach links und rechts an einer Abzweigung weiterlaufen wollte.
Schuldbewusst nickte er, seine Hände zitterten vor Wut, als er Schmerzensschreie im Funkäther hörte.
Wir müssen ihnen schon ganz nah sein
, sagte er. Ich empfange bereits ihre auf kurze Distanz gesendeten Funksprüche, die sie zur Kommunikation untereinander verwenden.
Rubens umklammerte seine Waffe so fest, dass Celice seine Knöchel hätte weiß hervortreten sehen können, trüge er keine Handschuhe.
Hier gibt es viele Lagerhallen und genau aus dieser Richtung scheinen die Funksprüche zu kommen. Ich rieche die Falle beinahe.
Eine Falle, in die Royals Gruppe hinein geraten sein könnte
, versetzte Rubens.
Celice nickte.
Das kann sein, dennoch gehen wir auf Nummer sicher.
Sie ließ eine Sonde hochschweben und gab ihr Instruktionen. Eine Minute später empfing sie die übertragenen Bilder. Männer und Frauen in Kampfanzügen verschanzten sich hinter leerstehenden Containern, in Nischen und allen anderen Deckungsmöglichkeiten.
Wenn wir zumindest jemanden von ihnen kennen würden, um sie identifizieren zu können
, fluchte Celice. Ihnen zu helfen war ein hohes Risiko.
Sie senden auf unsere Frequenz.
Die das Reich herausgefunden haben könnte.
Das Risiko müssen wir eingehen.
Julian, Marie und Saul stimmten Rubens zu. Jeder von ihnen war gewillt, den vermeintlichen Kameraden zu helfen. Celice erwog sich der Mehrheit zu beugen, als ihr ein Funkspruch einer neuen Partei die Entscheidung abnahm.
Feuert auf alles was sich bewegt! Wir müssen unseren Leuten raus helfen!
Das war Mullers Stimme.
Kurz darauf war auch Smiths Stimme zu hören.
Muller! Sie verdammter Idiot! Was, wenn das eine Falle ist?
Doch es war bereits zu spät. Ihre Gruppen eins und zwei stürzten sich bereits ins Gefecht.
Sie hockten an den zwei Mannschotten und gaben Feuerschutz, den die Neuankömmlinge um Ronald Royal nutzten, um aus der Lagerhalle zu entkommen.
Das große Tor zu den Liefertrassen stand halb offen, wahrscheinlich waren die vermeintlichen Rebellen dort hineingekommen. Aber ebenso schienen ihnen von dort die Kampfroboter der Station in den Rücken gefallen zu sein, so wie nun ihre Gruppe den Robotern, die sich über die gesamte Halle verteilten.
Julian, Saul, Marie, die Leitern hoch. Unterstützt unsere Leute auf der Galerie. Rubens mit mir.
Der Junge folgte ihr ohne Widerspruch und sie hockten sich neben Smith, der am Rand des ihnen näher liegenden Schotts kniete und auf die Feinde schoss.
Firo, da sind sie ja. Ich hatte eigentlich erwartet, dass sie sich trotz der Hilferufe weiter auf die Suche nach der Leitzentrale machen. Ich habe sie wohl falsch eingeschätzt.
Wir konnten nicht wissen, ob nur wir den Hilferuf empfangen haben. Außerdem wäre ich ohnehin in der Unterzahl gewesen, bei diesem Vorhaben.
Rubens zuckte nur mit den Schultern, er schien ihr nicht zu glauben, dass sie Royals Hilferufe ignoriert hätte.
Nach und nach stolperten die Neuankömmlinge durch die Schotten, schließlich blieb einer der Männer neben ihnen stehen.
Gehen sie weiter, Mann!
Smith schob ihn zur Seite, doch der Bärtige blieb beharrlich.
Sind Sie der Leiter der Gruppe, Firo?
, fragte er Smith und wies sich mit den besprochenen Codes aus.
Nein, Smith mein Name.
Er deutete mit seinem Kinn auf Firo und schoss weiter auf die stetig nachströmenden Robotermassen, die sich wie ein endloser Schwall aus dem großen Tor ergossen. Über die Führungsmodalitäten können wir uns später unterhalten.
Celice nickte Royal zu. Nur beiläufig bemerkte sie sein hohes Alter. Graue Strähnen prägten seinen Vollbart und den schütteren Haarkranz. Dennoch schien er ihr agil zu sein.
Miss Firo, sobald der letzte meiner Männer gerettet ist, müssen wir uns auf die Suche …
Celice schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab.
Wir sind bereits auf der Suche nach einer Steuerleitzentrale. Durch Ihre Ortskenntnisse könnten sie uns dabei behilflich sein. Warum wurde uns nicht Bescheid gegeben, dass die Station bewacht wird?
Sie schenkte ihm einen bitterbösen Blick.
Wir wussten es nicht
, er zuckte mit den Achseln. Entschuldigend fasste er sie an der Schulter an. Unangenehm berührt schüttelte Celice die Hand ab.
Royal zuckte ein weiteres Mal mit den Achseln.
Bei unseren bisherigen Erkundungen gab es nie ein Anzeichen dafür.
Das stinkt doch zum Himmel. So was … Hey, was ist?
Rubens hatte ihr in die Seite gestoßen. Im Kampflärm ging seine leise Stimme fast unter.
Lauter
, rief sie.
Dort.
Er deutet mit einem Finger auf ein Gebilde, das sich am Rand der Kampfzone bewegte. So einen Roboter habe ich noch nie gesehen. Auch nicht hier.
Er war grob spinnenartig. Graublaues Metallplastik schimmerte in den bunten Emissionen der Strahlenwaffen, die die Temperatur in unmenschliche Höhen schnellen ließen.
Eine Kuppel glänzte trüb im Widerschein der Salven, etwas Bleiches schien dahinter zu pendeln.
Seltsam … Das ist auf keinen Fall einer der veralteten Roboter, die uns bisher angriffen. Außerdem greift er nicht ins Kampfgeschehen ein.
Könnte das nicht …
Ja, das könnte genau das sein, was wir suchen. Gut gemacht.
Sie klopfte Rubens anerkennend auf die Schulter.
Ich schlage folgendes vor
, mischte sich Royal wieder ein. Eine Gruppe folgt diesem Gebilde. Die anderen ziehen sich zurück und verfolgen die anderen Pläne. Smith wird uns sicherlich in alles einweihen.
Sicherlich
, stimmte Celice zu. Ich übernehme mit meiner Gruppe die Verfolgung. Ein Ortskundiger wäre uns allerdings eine Unterstützung.
Royal nickte und winkte eine Gruppe Männer herbei.
Gil hier wird sie begleiten. Slavo und Jamie gehen ebenfalls mit.
In Ordnung.
Celice hielt sich nicht lange auf, rief Marie, Saul und Julian zurück und machte sich auf den Weg.
Gil schloss zu ihr auf.
Folgen Sie mir. Ich weiß, wie wir zurück zu den Liefertrassen kommen. Dorthin wird unser Zielobjekt zurückkehren müssen, wenn wir die Schotten verriegeln.
Celice nickte. Zur Sicherheit sandte sie einige Sonden aus, die sich an die Spur des spinnenartigen Roboters hefteten.
Die Sonden hatten sich an die Fährte des Spinnenroboters geheftet. Tatsächlich nahm er seinen Weg über die Liefertrassen.
Gil, etwa dreißig Jahre alt, mit schmalen Gesicht und Hakennase, führte sie in eine entlegene Halle.
Am Rand der Halle marschierten sie in eiligem Tempo vorwärts auf das große Tor zu den Liefertrassen zu.
Wir verlieren zu viel Zeit
, schimpfte Rubens. Ihn hatte das Jagdfieber gepackt. Die ehemalige Reichssoldatin erkannte es am Funkeln seiner Augen.
Das ist der einzig sichere Weg
, konterte Gil. Näher am Kampfort ist es zu gefährlich.
Hier unten ist es überall gefährlich. Wir sind im Krieg.
Celice trieb sie zu Eile an. Trotzdem haben Sie natürlich Recht. Wir dürfen kein unnötiges Risiko eingehen. Hoffentlich verlieren wir nicht die Fährte.
Sie schritten durch das große Tor. Noch immer hatte der Spinnenroboter die Sonden nicht bemerkt, die im sicheren Abstand folgten. Hatte Celice die Situation überschätzt? War es kein moderner Reichsroboter?
Eigentlich war dies auszuschließen. Wer sonst außer dem Sternenkönig könnte ein Interesse daran haben, diese unterirdische Station zu bewachen?
Der Roboter bog um eine Ecke, hinein in die normalen Gänge. Gil heischte um Aufmerksamkeit.
Hier entlang, ich kenne eine Abkürzung. Zu niedrige Wartungsschächte für das große Ding.
Die Sonden folgten ihm schon eine Weile. Lange hatte er überlegt – mindestens fünf Sekunden – was er tun sollte.
Die Sonden zerstören, damit seine Verfolger die Spur verloren?
Er hatte sich dagegen entschieden.
Natürlich bemerkte er sie.
Doch sie bemerkten nicht die Sonden, die er zu ihnen ausgesandt hatte.
Natürlich nicht. Es waren nur Menschen. Minderwertige Geschöpfe, seinem kybernetischen Körper und Intellekt weit unterlegen.
Ein Gedanke kroch sein Bewusstsein hinauf. Ketzerisch war er, und hinterlistig.
Sind meine Herren nicht auch nur Menschen? Mir unterlegen?
In Sekundenbruchteilen verscheuchte seine Programmierung den Gedanken. Schon hatte er ihn wieder vergessen.
Er entschied sich also dagegen, seine Verfolger bereits jetzt zu eliminieren.
Stattdessen würde er sie benutzen, um seine Jagd auf den Rest der Eindringlinge zu erleichtern.
Menschen handelten irrational – sie selbst nannten es emotional und menschlich – doch berechenbar.
Er bog von der Liefertrasse in die normalen Gänge ab und hielt auf eine nur 2,345 Kilometer entfernte, seit der Flucht der Vorbesitzer stillgelegte Steuerleitzentrale zu. Immer darauf bedacht, dass seine Verfolger auch Schritt hielten, wählte er sein Tempo und schickte Sonden aus, die Energie in die alten Maschinen pumpen sollten und so den Terranern vortäuschen würden, seine Zentrale entdeckt zu haben.
Staub und Spinnennetze verdreckten die niedrigen Schächte. Es roch muffig und nach Verwesung. Feucht war es auch.
Es erinnerte Rubens an seine Kindheit in den Slums von New Berlin auf seinem Geburtsplaneten Ceti Aguri.
Das Blitzen der Waffen, denen sie erst vor wenigen Stunden entkommen waren und vor denen sie gerade eben Royals Gruppe gerettet hatten, brannte auf seiner Netzhaut nach.
Die Schreie der Sterbenden und das Fauchen der Schüsse hallten in seinen Ohren.
Es war fast wie damals.
Die Soldaten waren durch die Straßenschluchten gestürmt. Mit schweren Schritten und in schwarze Anzüge gekleidet. Gasmasken hatten sie über ihre Gesichter gezogen, damit die beißenden Gase, die ihre Luftunterstützung auf die Stadt losgelassen hatte, nicht in ihren Augen und Nasen stachen.
Mit entsicherten Waffen und unglaublicher Brutalität – die selbst Rubens, der im Slum aufgewachsen war, so noch nicht erlebt hatte – hatten sie ihre Razzia durchgeführt.
Mit lauten Rufen waren sie in das Haus seiner Familie eingedrungen, hatten die verriegelten Türen aufgebrochen und seine Eltern, Großeltern und Geschwister in Gewahrsam genommen.
Als wäre es gestern passiert, hatte Rubens noch das Bild vor Augen, wie sein Vater sich wehrte, als die Männer Rubens Mutter schlugen. Armer Vater. Sie hatten ihn auf der Stelle erschossen.
Nur Rubens überlebte, zusammengekauert unter dem Esstisch.
Eine Stunde später fielen die Bomben auf die Slums von New Berlin. Und die Menschen verließen die Stadt wie die Ratten.
Sie hatten keine Chance.
Bewaffnete Stadt-Guerillas des THYDERY-Verbunds hatten Rubens durch die Stadt irrend aufgefunden und mit sich genommen.
Er sollte nie wieder nach Ceti Aguri zurückkehren.
Stattdessen schwor er sich Rache und fand in den Rebellen eine neue Familie.
Und das erste Mal sah er in seinem Leben einen Sinn. Der Traum der Rebellen von einer freien, friedlichen Galaxis, wurde auch sein Traum.
Tränen stahlen sich in seine Augenwinkel und er schüttelte den Kopf, um die dunklen Erinnerungen zu verscheuchen.
Celice drehte sich zu ihm um und musterte ihn mit fragendem Blick.
Rubens winkte nur ab.
Er ist in einen Raum verschwunden
, durchbrach Gil das konzentrierte Schweigen. In seiner Hand trug er ein klobiges Gerät, das ihm für Messungen diente. Unweit von hier. Ich messe Funkwellen verschiedener Art an. Wir scheinen in ein Wespennest gestochen zu haben. Und dort sitzt ihre Königin.
So ähnlich, ja
, stimmte Celice zu. Ich kenne mich mit Insekten nicht so aus. Aber auf jeden Fall scheinen wir tatsächlich die Steuerleitzentrale ausfindig gemacht zu haben. Wenn es denn nur diese eine ist.
Sie kramte ihre letzten Granaten heraus, die anderen taten es ihr gleich.
Wir gehen kein Risiko ein. Wir versuchen ihn hinaus zu locken und zu zerstören. So bleibt die Zentrale hoffentlich erhalten und wir können möglicherweise noch Einfluss auf die Roboter nehmen oder weitere Zentralen ausfindig machen
, erklärte sie.
Sie verließen den Wartungsschacht und positionierten sich um das Schott. Sie ließen die Sonden eindringen und empfingen die Bilder. Das Schott schien der einzige Ausgang zu sein, was ihre Chancen erhöhte. Plötzlich geriet der Spinnenroboter ins Bild.
Mist! Hat er die Sonden entdeckt? Wir müssen uns beeilen.
Celice begann damit die Granaten scharf zu machen. Gil koordinierte die Männer und Frauen zu ihren Plätzen. Wenn der Angriff begann, musste alles sehr schnell gehen.
Der Roboter im Bild drehte sich, Rubens achtete nicht darauf, sondern kümmerte sich um seine Waffen. Erst der Ausruf des etwa gleichaltrigen Slavos ließ ihn wieder aufblicken.
Es ist ein Junge!
Was?
Die Blicke von sieben Augenpaaren richtete sich auf die übertragenen Bilder.
Wir … wir können doch nicht einen Jungen umbringen
, brachte Slavo mühsam hervor.
Doch.
Schon fuhr Celice in ihrer Arbeit vor. Die Dunkelheit behinderte sie, sodass alles etwas länger dauert mit nur einer Hand. In der anderen hielt sie ihre Lampe.
Nein, Celice. Das können wir doch nicht machen.
Rubens lief zu ihr. Vielleicht können wir ihn retten, einen Verbündeten gewinnen.
Und was, wenn er das gar nicht will?
Celice sah nicht einmal zu ihm auf. Das Risiko ist zu groß.
Gil stimmte ihr zu.
Aber, aber …
Rubens war schockiert, wusste nicht, was er sagen sollte. Er und Slavo wechselten verzweifelte Blicke.
Das sind nicht die Ideale, für die ich eintrete
, brachte Rubens endlich hervor. Und eure auch nicht.
Marie sah beschämt auf den Boden. Doch die meisten schüttelten nur bedauernd den Kopf.
Der Krieg fordert Opfer, ihr beiden. Das müsst ihr begreifen. Dort sitzt der Feind.
Slavo und Rubens wechselten enttäuschte Blicke.
Endlich sah Celice Rubens an, blickte ihm tief in die Augen.
Leben kann man das nicht mehr nennen. Außerdem geht es hier um das Leben vieler deiner Kameraden. Willst du sie wegen dieses … kybernetischen Jungen etwa aufs Spiel setzen?
Ihre Züge waren hart und erschreckten Rubens. Hatte er sich so in Celice geirrt? Nie hatte er den anderen geglaubt, dass sie wirklich so war. Eine lebensverachtende Soldatin des Reichs.
Wer sind wir, dass wir über Leben und Tod entscheiden dürfen? Das wir entscheiden, welches Leben wert ist zu existieren und welches nicht? Was Leben ist und was nicht?
Frag dich das selber. Du bist Soldat geworden, um für deine Sache zu kämpfen. Dabei entscheidest auch du über Leben und Tod anderer.
Es bleibt dabei. Wir greifen an, bevor es zu spät ist.
Helft mir
, erklang da eine dünne, menschliche Stimme.
Jeder blickte wieder auf den Bildschirm. Mit blassbraunen Augen blickte der Junge in dem Roboter in Richtung Schott. Eine dunkelblonde, dünne Strähne fiel ihm in die Stirn.
Wieder öffneten sich die schmalen Lippen, wieder erklangen die leisen Worte wie ein Wispern.
Helft mir.
Die Luft wurde stickiger in dem kleinen Raum, in den sich Smith mit Ronald Royal und einigen Soldaten zurückgezogen hatten, um ihr weiteres Vorgehen zu besprechen.
Eine Spinne floh aus dem Lichtkegel seiner Lampe. Staubkörner reflektierten das Licht.
Smith saß neben Ronald Royal auf einer Sitzgruppe der kleinen Kabine. Immer noch waren diese die einzig einigermaßen sicheren Rückzugsorte, da sie nicht überwacht wurden.
Wie machen Sie das nur in ihrem Alter, Royal?
Was?
Freundlich lächelte der Leiter der Rebellengruppe Terra ihm zu.
Nach all den Strapazen noch so fit und agil auszusehen.
Ich halte mich seit jeher fit.
Immer noch lächelte der Mann, den nichts aus der Ruhe zu bringen schien. Lediglich wenige Schweißperlen hatten sich während der Flucht durch die dunklen, schmutzigen Gänge der uralten Station auf seine Glatze gestohlen.
Smith selbst sah fürchterlich aus, wie er mit einem Blick in den kleinen, verstaubten Spiegel an der gegenüberliegenden Wand festgestellt hatte.
Blass und abgekämpft sah er aus, fettige Haarsträhnen lagen eng an seinem Schädel. Die geröteten Augen lagen tief in den Höhlen und dunkle Ringe zeichneten sich unter ihnen ab. Tiefe Furchen hatten sich in sein Gesicht gezogen. Sorgenfalten.
Sie sehen besorgt aus, Smith.
Wundert sie das? Ich habe bereits vier Männer und Frauen an die Angreifer verloren. Sowieso überrascht es mich, dass sie nur wenige Verluste gemacht haben.
Man tut was man kann
, erklärte Royal mit einem unergründlichem Lächeln. Irgendetwas stimmte mit diesem Mann nicht. Smith musterte ihn und Misstrauen machte sich breit.
Was, wenn dies nur eine weitere Falle ist?
Royal blickte ihm tief in die Augen und alle Bedenken verschwanden aus Smiths bewusstem Denken.
Habe ich etwa an ihm gezweifelt? So ein Unsinn.
Sie werden noch von anderen Sorgen gequält, als die, wie wir aus diesem Schlamassel wieder herauskommen
, stellte Royal fest.
Smith deutete auf die Datumsanzeige seiner Uhr. Der 20. März war angebrochen.
Seit einem Tag schon ist unsere Kommunikation zu unseren Raumschiffen abgebrochen. Brix und meine Männer werden sich Sorgen machen und ein Suchkommando schicken.
Ich befürchte, dass noch mehr meiner Leute in diese Falle tappen.
Royal nickte und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.
Ich habe eine Idee. Sprechen sie einen Text auf einen Datenträger. Meine Stellvertreterin Carina Held wird sich darum kümmern, dass ihre Nachricht in den Ozean gelangt, sodass der Rest ihrer Leute gewarnt sind.
Wie wollen sie das schaffen? Überall lauert der Feind. Und der Weg zur Hangarschleuse führt durch riesige Schächte. Ihre Stellvertreterin böte sich auf dem Präsentierteller an.
Es gibt andere Wege. Schwerer gangbar, doch sicherer. Vertrauen Sie mir.
Vertrauen … War ich nicht gerade noch misstrauisch?
Ein Blick in Royals Augen und jeder Zweifel war wie davon gewischt.
Gut. Danke, Royal.
Nennen Sie mich Ronald.
Okay, Ronald. Sag Greg zu mir.
Einverstanden.
Royal lächelte sein unergründliches Lächeln und ging zu einer stämmigen Schwarzhaarigen, deren grüne Augen im Strahl der Lampen funkelten.
Währenddessen sprach Smith in ein Aufnahmegerät. Versuchte sich kurz zu fassen.
Smith an Brix. Sind in Falle geraten. Verstärkung der hiesigen Rebellengruppe ist eingetroffen. Melden uns, sobald Probleme gelöst sind. Warten sie ab.
Er schloss mit einem Identifizierungscode.
Carina Held kam auf ihn zu. Sie grinste. Doch in ihren Augen erkannte Smith, wie müde und abgekämpft sie war. Ganz anders als Royal.
Na, dann her mit der Post. Wir werden das Kind schon schaukeln.
Smith nickte nur und reichte ihr den Datenträger.
Als sie wieder gegangen war, schloss er für einen Moment die Augen.
Alles geht schief, dachte er. Wo ist der Fehler, den wir gemacht haben? Ganz klar der, dass unsere Informationen nicht von einem Abwehrsystem der Station gesprochen haben.
Royal sagt, bei ihren Erkundungen wären sie nie auf Roboter oder andere Hinweise gestoßen.
Wie kann das sein? Irgendetwas an der Sache ist faul. Als hätte man eine Rebellenaktion erwartet und uns in die Falle locken wollen.
Royals Stimme riss ihn aus seinen Gedanken und Zuversicht durchströmte ihn in Ronalds Anwesenheit.
Wir sollten weiter. Je länger wir an einem Ort weilen, desto größer wird die Gefahr, entdeckt zu werden.
Smith erhob sich ächzend. Sein Rücken und all seine Glieder schmerzten. Er zwang sich einen Konzentratriegel hinunter und spülte mit einem Schluck Wasser nach.
Gibt es Nachricht von den anderen Gruppen?
, erkundigte er sich.
Royal schüttelte den Kopf.
Wenn ihre Leute ebenfalls nichts von sich hören lassen, dann nicht.
Ein Rauschen erklang in Smith Helmfunkgerät. Schweigen legte sich über die Gruppe, als jedermann gespannt lauschte.
Ein schriller Schrei fuhr ihm durch Mark und Bein. Ein Schaudern lief seinen Rücken hinab.
Firo.
Helft mir
, wisperte der Junge. Metallene Arme zuckten. Die pure Verzweiflung funkelte in seinen Augen, blanker Horror spiegelte sich in ihnen wieder.
Was sollen wir bloß tun?
Das war Slavos Stimme.
Firo? Ihre Befehle?
Gil.
Sie spürte die Blicke in ihrem Rücken, wie glühend heiße Nadeln. Sie senkte den Blick.
Ich kann das nicht.
Jemand trat an sie heran. Celice roch Schweiß und sauren Atem, von Stundenlangem Kampf und Angst.
Ich kann ihn nicht töten, Celice.
Als Celice dem Jungen in die Augen sah, entdeckte sie hinter dem stummen Vorwurf eine Bitte.
Helft mir
, wisperte die brüchige, dünne Stimme pausenlos. Flehte.
Es ist eine Falle
, sagte sie.
Verzweifelt sah er sich um, erhoffte sich Hilfe und Zuspruch von den anderen.
Ich kann auch nicht
, stand Slavo ihm bei.
Die anderen schwiegen und warteten auf Befehle.
Es ist eine Falle.
Celice, bitte.
Er hat es verdient eine Chance zu bekommen. Jeder Mensch hat eine Chance verdient, Celice. Verurteile ich dich für deine früheren Taten?
Jeder von uns ist doch zu kleinen Teilen ein Cyborg
, fügte Slavo hinzu, der zu ihnen getreten war. Er tippte sich an die Stirn, spielte auf ihr DataVis an.
Helft mir.
Celices Blick glitt zu ihrem rechten, künstlichen Arm.
Nein, das ist was anderes.
Ihre Befehle
, drängte Gil. Besorgt musterte er die Bilder des Jungen in seinem Spinnenroboter. Erwartete einen Angriff in jeden Augenblick.
Die Falle ist zu offensichtlich, dachte Celice. Sie aktivierte ihren Desintegratorkarabiner, nahm eine Granate in die Linke. Die Elite-Soldatin in ihr übernahm die Führung über ihr Denken. Sie schaltete die Emotionen aus. Sie hatte Verantwortung ihren Kameraden gegenüber. Auch wenn sie nicht ihre Freunde waren, wenn sie nicht an deren Visionen glaubte.
Verzweifelte Blicke der beiden Jungen trafen sie.
Bitte, Celice.
Zur Seite.
Sie stieß Rubens von sich. Ging auf das Schott zu, zielte auf den Jungen in dem Roboterkörper.
Plötzlich ging alles ganz schnell.
Der Spinnenroboter hatte vier Vorderarme. Zwei an der Brust, zwei entsprangen über dem menschlichem Kopf dem Brustteil der Maschine.
Dem Rücken des größeren Hinterleibs entsprangen zwei Armpaare, die zwei Hinterarme erkannte Celice nur schemenhaft.
Der menschliche Kopf pendelte von links, nach rechts. Seine schmalen Lippen verzogen sich. Lächelte er etwa?
Projektoren an den oberen Rückenarmen flammten auf. Instinktiv warf sich Celice zur Seite.
Der Desintegratorstrahl verfehlte sie nur knapp. Schlug in die Wand hinter ihr ein und setze explosionsartig giftigen Staub des atomisierten Betons frei.
Jemand schrie: Er greift an!
Celice konnte nicht identifizieren, wer es war. Sie musste sich schnell in Deckung begeben.
Für Gedanken blieb keine Zeit mehr. Jahrelang antrainierte Instinkte und Reflexe übernahmen die Kontrolle über sie.
So tragisch die Tatsache war: Celice Firo war in ihrem Element.
In ihrem Rücken eröffneten Gil und die anderen das Feuer.
Celice hoffte, dass Rubens und Slavo endlich ein Einsehen hatten.
Sie sprang, um dem nächsten Schuss zu entgehen. Mit einer geschmeidigen Bewegung rollte sie sich auf dem staubigen, harten Boden ab. Zu zielen und ihre Waffe abzufeuern war eins.
Fauchend schoss die Salve durch die Luft, verfehlte den Spinnenroboter nur knapp. Celice dachte nicht mehr von ihm als kybernetischen Jungen, sondern nur noch als Feind.
Er hatte versucht, sie zu töten, sie wehrte sich. Krieg war manchmal so erschreckend simpel.
Ein Schrei ertönte, ein Körper flog durch die Luft und krachte gegen eine Konsole. Glas splitterte.
Slavo!
, schrie jemand.
In einem Zickzack-Kurs hetzte sie durch den Raum. Lichter blinkten an den Wänden, sie kam an einer Konsole vorbei und erhaschte einen Blick darauf. Rohre waren darauf abgebildet, Wasserläufe.
Das ist keine Steuerleitzentrale für Roboter. Er hat uns wirklich in eine Falle gelockt. Und mangels alternativer Orientierungspunkte bei unserer Suche sind wir hinein getappt.
Schweißperlen rannen ihren Hals hinab in den Anzug. Die Temperatur war mit dem Einsatz der Strahlenwaffen in die Höhe geschnellt. Giftiger Staub machte sich überall breit. Celice wollte ihren Helm schließen.
Da bemerkte sie ein metallisches Glitzern in den Augenwinkeln. Ihre Ausweichbewegung kam zu spät.
Ein heftiger Schlag fegte sie von den Beinen, schmiss sie an die Wand. Der Aufprall presste ihr die Luft aus den Lungen.
Erst dann bemerkte sie den Schmerz, der sich über ihre Brust zog. Sie schmeckte eine warme, metallische Flüssigkeit im Mund – Blut.
Es sickerte ebenfalls aus dem Riss in ihrem Anzug. Die Brusttasche war aufgerissen, die Rose zerfetzt.
Dröhnend erbebte der Boden. Der Spinnenroboter stürmte auf sie zu, feuerte währenddessen auf die anderen Menschen.
Einer seiner Brustarme hatte sich in ein Sägeblatt gewandelt. Es blitzte auf und Celice schloss die Augen.
Nun ist es vorbei.
Ein dumpfes Geräusch, als würde ein Körper auf den Boden prallen, ließ sie ihre Augen wieder aufreißen. Eine dunkle Silhouette lag vor ihr auf dem Boden.
Und Celice lebte noch.
Rote Rosenblüten wirbelten durch die Luft.
Sie berührten etwas in ihm, etwas das seit langer Zeit verborgen war in den Niederungen seiner Existenz, seines Bewusstseins.
Die schwarzhaarige Frau lag zusammengekrümmt auf dem staubigen Boden, auf dem sich das Blut verteilte, das aus ihrer Brustwunde sickerte.
Rote Rosenblüten wirbelten durch die Luft – blutrote Blütenblätter.
Sie verwelkten schell in der heißen Luft.
Viel zu schnell.
Eine Rose hatte langsam zu sterben.
Woher weiß ich das?
Emotionen kochten in ihm hoch und ließen das dünne, von Nanomaschinen durchsetzte Blut brodeln. Die winzigen Maschinen versuchten vergeblich Blutdruck und Adrenalinspiegel zu regulieren.
Die Programmierung versuchte sich seiner Gefühle wieder zu bemächtigen. Die Erinnerungen der menschlichen Überreste – ein schwacher, ausgemergelter Körper, nur leidlich am Leben gehalten – zu unterdrücken.
Doch etwas in ihm regte sich, versuchte mit aller Gewalt an die Oberfläche des Bewusstseins zu gelangen.
Es waren Worte, vor langer Zeit einmal gehört.
Nichts stirbt schöner als eine Rose. Die Art, wie der Lebenssaft langsam aus den Blättern weicht und sie dadurch ihre Farbe ändern … Wie die Blüte auf ihrem letzten Gang immer noch so herrlich duftet wie an ihrem ersten Tag... Es ist, als ob die sterbende Rose ihre eigene Traurigkeit zelebrieren würde. Und wenn dann die Blütenblätter langsam zu fallen beginnen, so macht die Rose dies in einer Eleganz, die ich bisher nirgendwo sonst gesehen habe. Die Eleganz in der Stunde des Todes.
Für mich ist dies in einer Weise perfekt, die durch nichts im Universum übertroffen werden kann.
Worte kamen über seine schmalen, blassen Lippen.
Zu … schnell.
Sie stirbt viel zu schnell, setze er die Worte in Gedanken fort, zu schwach um weitere Laute zu Formen.
Nur wer auf diese Weise sterben kann, hat bewiesen, dass er auch so gelebt hat.
Sein Blick glitt auf den reglosen Körper vor seinen Roboterbeinen. Eine Blutlache breitete sich unter ihm aus. Rasend schnell wich das Leben aus dem Leib des Terraners.
Viel zu schnell … Warum lösche ich Leben aus, das noch nicht einmal richtig gelebt hat?
Das Gesicht des Terraners – das war jung. Das eines Jugendlichen.
Viel zu jung.
Blaue Augen stierten aus dem Gesicht, tief in den Höhlen liegend. Blaue Augen, wie die …
… kleiner Setzling … Wir sind wie Brüder, nicht wahr? Der Sternenprinz und … der Rosenprinz!
Blau wie die Augen Wills …
Mit aller Gewalt drängte die Erinnerung nun hoch. Brodelte wie ein reißender Strom, riss ihn mit sich. Seine Programmierung, die ihm unbedingten Gehorsam diktierte, raste, doch verlor die Kontrolle über ihn.
Sein Roboterkörper wurde steif, er verlor die Kontrolle über ihn, als sich Emotionen, Worte, Gerüche über ihn hermachten, um ihn zu verschlingen.
Du fährst viel zu schnell, Will. Plötzlich passiert etwas und wir haben Probleme mit Stabsadjudant Coupièr!
Da war Angst.
Der Sternenprinz und der Rosenprinz! Genau das sind wir!
Da war Freundschaft.
Pasqui! Und ich habe mir schon Sorgen gemacht!
Da war sein Vater mit unendlicher Liebe.
Und ein Name: Pasqui … Das bin ich.
Hier, mein Junge, dein Lieblingsessen.
Der Geruch von gesüßten Kartoffeln stieg ihm in die Nase. Dazu der Geschmack von frischem Beerensaft.
Seine Lieblingsspeisen.
Und immer wieder sah er die roten Blütenblätter der Rose durch die Luft wirbeln und viel zu schnell verwelken.
Was habe ich nur getan?
Vor seinen Augen drehte sich das Sägeblatt seines Brustarmes immer noch stetig langsamer werdend.
Das Sägeblatt hing einen Moment singend über dem Kopf seines Vaters, bevor es mit einer ruckartigen Bewegung herunterfuhr und in einer Öffnung im Podest verschwand.
Die sauber zertrennten Körperhälften sackten in Zeitlupentempo in sich zusammen.
Hatte er tatsächlich vorgehabt einen Menschen auf ebenso grausame Art zu töten?
Was für ein Monster ist aus mir geworden?
Coupièr packte ihn, zog ihn mit sich.
Tagelang hockte er apathisch in einem Verlies.
Bis Coupièr ihn holte.
Mit dir, junger Pasqui Harkness, haben wir etwas ganz besonderes vor … Die Kombination von Mensch und Maschine ist höchst effizient … Fähig und schnell wie eine Maschine, kreativ wie ein Mensch.Kraftverstärker … DataVis … humanoider Robotkörper … leistungsfähiger, größer, gefährlicher …
Irgendwann hatten sie ihn abgeschrieben, war er zu kostspielig geworden.
Wir haben eine Aufgabe für dich, Kyber-Junge. Eine alte unterirdische Station, du wirst sie bewachen, damit uns niemand den Boden unter den Füßen wegzieht.Coupièr hatte beinahe gelacht.
Und du wirst gehorchen!
Nein!
, schrie Pasqui in der Gegenwart. Nein. Will, hilf mir doch!
Doch William hatte ihn schon vor knapp dreißig Jahren im Stich gelassen.
Was hat Coupièr bloß aus uns gemacht
, wimmerte Pasqui. Will, wir waren doch der Sternenprinz und der Rosenprinz.
Er spürte Leben in seine tauben Menschenglieder fließen. Die Programmierung die dröhnend Gehorsam forderte, wurde immer leiser und verstummte schließlich ganz.
Warme, salzige Tränen flossen über seine bleichen Wangen.
Pasqui war wieder ein Mensch.
Der Schmerz in Celices Brust war höllisch. Sie verfluchte die Tatsache, dass mit ihrem DataVis ebenso die medizinische Komponente – der MedCo – deaktiviert war.
Die Nanodepots hätten die Wunde wenigstens notdürftig geflickt.
Sie kramte in ihren Taschen und holte einige Pillen Schmerzmittel hervor, die sie schluckte. Ihr Hals brannte und die Wasserzufuhr ihres Anzugs war beschädigt, sodass nur wenige Tropfen ihre Kehle befeuchteten.
Schlimmer war nur die Angst.
Sie kroch auf allen Vieren auf den vor ihr liegenden Körper zu. Eine große Blutlache breitete sich um ihn aus.
Sie blickte in das junge Gesicht und die Befürchtung wurde zu Gewissheit.
Vor ihr stand der riesige Spinneroboter starr, der menschliche Kopf hing schlaff herab.
Rubens stöhnte auf. Doch Celice machte sich keine falschen Hoffnungen. Das Sägeblatt des Roboters hatte eine klaffende Wunde in Rubens Oberkörper geschlitzt.
Er starrte mit seinen hellblauen Augen in die Luft, wurde Celice gewahr.
Slavo lebt!
, rief Gil.
Rubens stirbt, dachte Celice.
Die Luft brodelte vor Hitze.
Du lebst
, keuchte Rubens, als er Celice Anwesenheit registrierte. Er versuchte ein Lächeln und scheiterte kläglich, musste husten. Blut quoll aus seinen Mundwinkeln.
Ja …
Sie brachte ihren Mund ganz nah an Rubens Ohr. Danke
, flüsterte sie.
Der … Roboter …
Steht still.
Ist er …?
Tot? Ich weiß es nicht.
Der Junge … hat er … den Kampf gewonnen? Ist … ist er frei?
Vielleicht …
In einem Anflug von Gnade brachte Celice es nicht übers Herz, Rubens seinen Glauben an das Gute zu nehmen, in seinen letzten Sekunden.
Aber ich glaube, ja
, sagte sie deshalb.
Letztlich gelang es Rubens doch noch. Er starb mit einem Lächeln auf den Lippen.
Die Wut brannte in ihr. Brachte Celice Blut zum Kochen.
Mühsam stand sie auf, den Schmerz ignorierend.
Sie hob ihren Desintegratorkarabiner auf, der einige Meter weit neben ihr lag, und ging auf den kybernetischen Jungen zu.
Jetzt mache ich dem Spuk ein Ende.
Doch als sie vor dem Kopf des Jungen stand und seine Worte vernahm, stockte sie.
Vater … Will … helft mir.
Dennoch hob Celice die Waffe, richtete sie dem Jungen auf die Stirn.
Da schlug er die hellbraunen Augen auf.
Der Junge fixierte sie. Leid stand in den stumpfen Augen. Falten hatten sich in sein jungenhaftes Gesicht gegraben. Er musste älter sein, als es die jugendlichen Züge verrieten. Er sah aus, wie ein in der Entwicklung stehen gebliebenes Kind, an dem die Jahre ihr Spuren hinterlassen hatten.
Er bemerkte Celice und sah beschämt zur Seite, was ihn alle Kraft zu kosten schien.
Es tut mir so leid.
In diesem Moment fühlte sich Celice mutterseelenallein. Sie senkte die Waffe.
Heh, Celice, heute schon ein Kind getötet?
, hatte Arno Venever sie gefragt. Celice Firo ging in die Knie.
Nein, heute noch nicht. Und hoffentlich nie wieder
, flüsterte sie.
Eine kalte Metallhand legte sich auf ihre Schulter. Der Schreck einen tödlichen Fehler begangen zu haben, schnürte Celice die Kehle zu.
Es tut mir so leid …
Niemandem war zum Feiern zumute.
Slavo stand bei Carina Held, die ihm tröstend einen Arm um die Schulter gelegt hatte. Der Tod des etwa gleichaltrigen Rubens hatte ihn schwer mitgenommen. Er selber hatte nur einige Prellungen davon getragen.
Carina schien sich ihm gegenüber verantwortlich zu fühlen, kümmerte sich herzlich um den Jungen. Celice hatte nur wenige Worte mit Slavo gewechselt. Auf Rubens war sie dabei gar nicht zu sprechen gekommen.
Der Junge mit den hellblauen Augen, der Idealist, der ihr eine Rose geschenkt hatte, war im Krieg gefallen. Es war nicht Celices Krieg, es waren nicht ihre Visionen, die sie in diesem Kampf vertrat.
Ihr ging es um eine Amnestie, darum eine neue Chance zu bekommen. Und vielleicht sogar Hilfe bei der Suche nach ihrer Schwester Shawnee.
Dennoch fühlte sie sich verpflichtet, das hier zu Ende zu führen.
Kelvin trat zu ihr. Er war mit dem ersten Trupp Rebellen von der CLAW herübergesetzt. Carina Held, die von Celices Erfolg auf dem Weg zu den Außenbereichen am Ozean überrascht worden war, hatte die Gruppe angeführt.
Willst du reden?
Wieso sollte ich dies wollen?
Wegen dem Jungen?
Es ist Krieg. Menschen sterben.
Obwohl Kelvin der einzige Mensch war, mit dem sie reden konnte, wurde ihr bewusst, dass sie es nicht wollte. Deswegen war sie erleichtert gewesen, als er nicht geöffnet hatte.
Letztendlich blieb sie eine Einzelgängerin. Seit Maxines Tod.
Wir müssen bald aufbrechen
, brach Kelvin schließlich das Schweigen, als Smith auf sie zukam.
Dein Wachhund kommt bereits.
Smith grüßte sie mit einem Nicken. Ihr Stellvertreter enthielt sich eines Kommentars Rubens betreffend. Er hatte selbst Mühe, die Verluste zu verkraften.
Wie geht es nun weiter?
, fragte Celice.
Smith wusste sofort, worauf sie anspielte.
Ich übernehme die Koordinierung der Mission zusammen mit Royal. Nach Hajnals Tod bin ich ranghöchster Offizier, von Royal einmal abgesehen. Sie haben sich gut geschlagen, Firo. Ich hoffe, Ihnen trauen zu können.
Natürlich haben sie weiterhin ein Auge auf mich.
Ein Lächeln huschte über Smiths Lippen.
Sie kennen mich bereits ganz gut. Nichts für ungut, Firo. Es ist nichts Persönliches.
Natürlich nicht.
Wann brechen wir auf?
, schaltete sich Kelvin in das Gespräch ein. Und vor allem: Was geschieht mit diesem Ding?
Junge … er ist nur ein Junge. Ein kybernetischer Junge
, murmelte Celice.
Wir brechen auf, sobald alle Ausrüstungsgegenstände von den Raumschiffen herübergeschafft wurden. Ich schätze, Mr. Gerill wird den Transport der Güter von der CLAW zusammen mit meinen Leuten koordinieren.
Zurzeit überprüfen wir diesen … kybernetischen Jungen, wie Firo ihn nannte, auf Wanzen und ähnliches. Wir wollen uns kein Kuckucksei ins Nest legen lassen, doch kann er uns vielleicht weiterhelfen.
Vor einigen Minuten hat er eine Nachricht an seine Herren geschickt, mit dem Inhalt, dass die Eindringlinge eliminiert wurden. Wir existieren also nicht mehr.
Ich hoffe nur, wir tappen nicht wieder in eine Falle.
Nein, Brix. Für den Fall der Fälle rüsten wir Pasqui, so sein Name, mit einem EMP-Gerät aus. Sollte er uns verraten, setzen wir ihn außer Gefecht.
Celice nickte nur und ließ die beiden Männer stehen.
Sie brauchte nun einige Stunden für sich.
Dumpf brütend hockte sie sich in ein Bett und dachte an Shawnee. Vielleicht würde Celice sie eines Tages finden.
Sie fand wenigstens für kurze Zeit Schlaf. Er war tief und traumlos.
Er beobachtete, wie William von Caranors Shuttle abhob, um den Thronfolger zurück zu seinem Flaggschiff zu bringen, dass im Orbit um Terra flog. Einem 1.500 Meter riesigem Koloss aus Stahl; ein Superschlachtschiff der Caranor-Klasse.
Das mächtigste Raumschiff, das das terranische Reich aufzubieten hatte.
Er konnte darüber nur amüsiert lächeln. Weit Eindrucksvolleres hatte er in seinem Leben gesehen. Dinge, die sich die Menschen mit ihrem beschränkten Intellekt nicht einmal vorstellen konnten.
Er wanderte an dem Panoramafenster des Sternenpalastes entlang. Möwen zogen an der Küste ihre Bahn.
Bald, bald würden die Masken fallen. Alles strebte seinem unwiderruflichen Höhepunkt entgegen. Und nach all den Jahrhunderten, in denen er an der Spitze der Terraner deren Weg begleitete, würde er sich endlich wieder neuen Zielen zuwenden.
Ein Funkruf ging ein.
Ereignisse in der uralten unterirdischen Station, die einst die Föderierten erbaut hatten, zeugten davon, dass auch sein Widersacher eingesehen hatte, dass das Ende nicht hinauszuzögern war.
Bald würden sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Und die Entscheidung würde fallen.
Bald, mein alter Freund, bald.
Er grinste.
Die Sicherheitsvorkehrungen wurden verschärft …
Er schnitt dem Offizier das Wort ab.
Gut. Ich möchte nicht weiter gestört werden.
Er genoss den Sonnenuntergang des 20. März 523 Neuer Terranischer Zeitrechnung. Blutrot sank die Sonnenscheibe in den Atlantik vor der Küste Caranor-Citys. Vielleicht genoss er den Anblick zum letzten Mal.
Die letzten Strahlen hüllten die Freiheitsstatue in warmes Licht.
Freiheit. Thydery.
Er musste lachen.
Ende
Den Rebellen gelang der Vorstoß nach Terra und haben in Pasqui, dem kybernetischen Jungen, möglicherweise einen Verbündeten gewonnen.
Nun müssen sie aus dem Untergrund in Aktion treten.
Das weitere Vorgehen der Rebellen behandelt Verena Themsen im nächsten Thydery Band, der in zwei Monaten erscheint.
Die Internet SF-Serie THYDERY ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUB e.V.. Band 8 zuletzt geändert am 2007-09-30. Autor: Dennis Mathiak. Titelbild-Zeichner: Günther Drach. Korrekturleser: Günther Drach, Marc A. Herren, Stefan Friedrich. Generiert mit Xtory 3.0 (powered by Apache Cocoon 2.1) von Christian Lenz. Nach einer Idee von: Dennis Mathiak. Homepage: http://www.thydery.de/. E-Mail: meinung@thydery.de. Copyright © 2006-2007. Alle Rechte vorbehalten!