Thydery 7: Weisser Löwe

Was bisher geschah

Wir schreiben das Jahr 523 Neuer Terranischer Zeitrechnung, was dem Jahre 2966 n. Chr. entspricht.

Zur aktuellen Zeit herrscht die Familie von Caranor über weite Teile der Milchstraße. Extraterrestrische Völker werden unterdrückt und ausgebeutet; das gesamte Reich ist ein reiner Überwachungsstaat. Nur die geächteten Schmuggler und Piraten entziehen sich immer noch einigermaßen erfolgreich der kompletten Überwachung; sie sind jedoch, sollten sie bei illegalen Geschäften erwischt werden, vogelfrei.

Ernstzunehmende Gegner hat das Reich keine. Lediglich der THYDERY-Verbund, unter der Leitung des ehemaligen Reicharchivars Anthony Haddington und drei nicht-terranischen Lebewesen, plant im Untergrund den verzweifelten Widerstand.

William von Caranor leitet die Jagd auf die letzten Rebelleneinheiten und kehrt zum Rapport zurück nach Terra. Doch es ergeben sich Probleme mit seiner Geliebten. Wo ist Dominique Alvez? Und wie wird der Sternenprinz handeln?

Hauptpersonen

William von Caranor:
Der Sternenprinz im Sturm der Interessen und Gefühle
Jagomir:
Williams Berater gibt seinem Schützling ein Symbol
André Coupièr:
Er ist Ausbilder und Gegenspieler zugleich
Dominique Alvez:
Williams Geliebte fürchtet um ihre Schönheit
Slavo Gragin:
Der junge Rebell verliebt sich

Prolog
Vergangenheit

21. März 499 NTZ

Scheinbar gelangweilt schaute sich die Grosskatze um. William und Jagomir hatten einen Beobachtungsplatz ausgewählt, an dem der Löwe sie nicht wittern konnte, da der laue Wind in ihre Richtung wehte.

Sie befanden sich in einem Savannengebiet der Westsahara, in dem die weissen Löwen in einem vollroboterisierten Reservat gezüchtet wurden. Früher hatte man die Symbolträger der Sternenkönige in einem Zoo in Caranor-City gehalten und gezüchtet. Doch die Gehegehaltung hatte schließlich zur Gewöhnung an die Menschen und zur Lethargie bei den Tieren geführt. Die Könige der Savanne waren zu Schosskätzchen degeneriert. Um dem entgegenzuwirken, erfolgte im Jahr 287 NTZ der Bau des Naturreservats, das den weissen Löwen erlaubte, in einer scheinbar natürlichen Umwelt aufzuwachsen. Da bei einem normalen Lauf der Dinge weisse Löwen in der Natur nicht überlebensfähig gewesen wären, wurden sie durch Geningenieure stärker und vor allem schneller gemacht, damit sie ihre Tarnungsmankos ausgleichen konnten. Zudem wurden normalfarbene Löwen aus dem Park entfernt, da sich diese in ihrem natürlichen Hierarchieverständnis den weissen Artgenossen überlegen fühlten.

Diese Informationen hatte sich William allesamt über DataVis-Lektionen verinnerlicht. Den Rest vermittelte ihm Jagomir.

Er erklärte ihm das komplizierte Familiensystem der Löwen. Mit dem männlichen Oberhaupt und den Beziehungen zwischen den Weibchen der ersten und der anderen Klassen. Den Jungtieren, die sich nach erlangter Reife entweder in die Familie einfügten oder vom Familienoberhaupt weggejagt wurden und sich dann alleine herumschlagen mussten, bis sie stark genug waren, sich ihren Platz in einer anderen Familie zu erkämpfen.

Jagomir zeigte ihm auch, wie sie jagten und kämpften. Wie die Weibchen in perfektem Zusammenspiel Beute machten, indem sie zielstrebig schwache und kranke Tiere aus einer Herde – sie konnten dies bei Wasserbüffeln beobachten – herauslösten und gemeinsam die vielfach schwereren Tiere müde und konfus machten, bis sie endlich den letalen Biss in den Nacken oder Hals ansetzen konnten. Dann zogen sie sich zurück und das Oberhaupt der Familie durfte fressen, danach der Nachwuchs, die Mütter und schliesslich die Jungtiere. Alles war geordnet und klar, es herrschte das Recht des Stärkeren und der handelte immer im Sinne der Familie und für den Fortbestand seiner Art.

Anhand des Lebens der Löwen erklärte Jagomir William die Welt. Das Zusammenspiel der Menschen, die sozialen und kulturellen Verknüpfungen und ihre Differenzen, aber auch die Stellung des Terranischen Reiches im Gefüge der Milchstrasse wurden so für William greifbar und verständlich.

Doch das war noch nicht alles.

Ich will dir mit den Löwen nicht nur zeigen, wie die Welt aufgebaut ist, William, sagte Jagomir und durch sein Lächeln verästelten sich die vielen Fältchen in seinen Augenwinkeln. Es gibt auch einen persönlichen Aspekt, den ich dir aufzeigen will. Wie dasjenige deines Vaters, ist auch dein Leben mit dem Symbol des weissen Löwen verknüpft. Jagomir deutete auf das Wappen der von Caranor, das auf Williams beigefarbenen Hemd aufgestickt war. Ich will, dass du die Kraft und Eleganz dieses Tieres in dir aufnimmst. Ich will, dass du die Grundgesetze, nach denen er sich richtet, verinnerlichst. Ich will, dass der weisse Löwe ein Teil von dir wird, als stete Quelle der Energie und als Mahnmal, immer auf dem richtigen Weg zu bleiben.

Jagomir betrachtete ihn eine Weile schweigend. William hatte das Gefühl, in den tiefgründigen blauen Augen des anderen zu versinken.

William, sagte Jagomir schliesslich. Kannst – oder besser gesagt – willst du das tun für mich?

William sah zum Löwenmännchen hinüber, das immer noch träge im Halbschatten eines Baumes lag und ab und zu mit dem Schwanz ausschlug, wenn es von zu vielen Fliegen drangsaliert wurde.

Es war ein etwa zweijähriges Jungtier, das jedoch schon eine stattliche Mähne gebildet hatte und weit über zwei Zentner wiegen musste.

Dann blickte er wieder Jagomir in die Augen. Ja, sagte er dann langsam. Das werde ich.

Gut, sagte Jagomir und machte eine kurze Pause. Aber durch blosses Beobachten wirst du die Kraft und den Willen dieses herrlichen Tieres nicht in dir aufnehmen können.

William stutzte. Das war nun wieder einmal typisch Jagomir. Was hatte sein Attaché mit ihm vor?

Du wirst den Löwen im Kampf besiegen müssen, William.

William sah ihn überrascht an. Ich... ich soll ihn erschiessen? Seine Finger zitterten, als er den Magnetverschluss seines Handstrahlers öffnete. Bedrohlich stiegen die Bilder aus dem Kerker in ihm auf, wie er mit dem Schlagstock vor dem noch halbgelähmten Prrrtak gestanden hatte. Bitte nicht!

William. Ich weiss genau, an was du jetzt gerade denkst. Aber diese Hinrichtung im Kerker des Sternenpalastes war ein Test gewesen, ob in dir das Zeug zu einem Sternenprinzen steckt. Was ich von dir verlange, William, ist nicht einen wehrlosen Gegner zu töten, sondern den Kampf Mann gegen Kreatur. Er zeigte auf Williams Hand, die den Strahler hielt. Und dieses Ding kannst du auch gleich stecken lassen, mein Freund. Du wirst dich einer einheimischen Waffe bedienen. Und zwar einer, mit der die Menschen in dieser Gegend schon seit Zehntausenden von Jahren gegen die Löwen angetreten sind. Dem Speer.

William schluckte. Sein Blick glitt zum zweieinhalb Meter langen Spiess, den er neben sich ins Gras gelegt hatte. Nun wurde ihm bewusst, weshalb Jagomir darauf bestanden hatte, das Willkommensgeschenk, das er anlässlich der traditionellen Massai-Zeremonie erhalten hatte, auf die Exkursion in den Schutzpark mitzunehmen.

Der Schaft des Speeres war aus dunklem Holz geschaffen und mit einer prächtigen Jagdszene verziert. Erst jetzt fiel ihm ein mit weisser Farbe gemalter Löwe auf. Jemand hatte sich grosse Mühe gegeben, ein für ihn passendes Andenken zu kreieren.

Ich soll..., begann William. Ich... Das schaffe ich niemals, Jagomir!, stammelte er. Du hast mir selber gesagt, wie beeindruckend stark die Löwen sind! Wie soll ich...

Jagomir unterbrach ihn. William. Keine Ausflüchte! Was dir das Löwenmännchen an Körpermasse und Muskeln voraus hat, gleichst du mit deinem Geist aus. Wenn der Löwe ab einem bestimmten Punkt nur noch durch seinen Instinkt geleitet wird, kannst du immer noch auf deinen Verstand und den DataVis zählen.

Aber der Löwe ist mir immer noch überlegen!

Unsinn. Das ist einzig und alleine eine Frage des Standpunktes. So wie ich das sehe, seid ihr euch in etwa ebenbürtig.

Aber wenn... William wusste nicht, wie er es sagen sollte, ohne seinen Mentor zu enttäuschen.

... wenn es sich herausstellen sollte, dass der Löwe tatsächlich stärker ist als du?, vollendete Jagomir Williams Frage. Dann würde das bedeuten, dass ich mich in dir getäuscht habe und müsste vor dem Regenten mein Versagen eingestehen.

Und ich?

Du hättest deine Chance vertan, zu der einflussreichsten Persönlichkeit dieser Galaxis zu werden, William.

William starrte Jagomir entgeistert an. Das konnte er unmöglich so gemeint haben! Doch als er die Härte in Jagomirs klaren Augen sah, wusste er, dass es ihm bitter Ernst war.

Jagomir, begann er erneut, brach aber ab, weil er einsah, dass es keinen Sinn machte, seinem Mentor mit Worten zu kommen, wenn dieser Taten sehen wollte.

William schloss die Augen, horchte in sich hinein.

Jagomir hätte ihn nicht hierher gebracht und diese Forderung gestellt, wenn er nicht absolut davon überzeugt wäre, dass William diese Prüfung würde meistern können.

Die Spitze des Speers glänzte matt im hellen Schein der Sonne. William kniff die Augen zusammen und strich mit der rechten Hand sanft über die Jagdszene auf dem Schaft. Die Fingerkuppen wanderten von Massai-Kriegern mit Speeren und Schilden über Bäume und Grasbüschel der Savannenlandschaft hin zu dem weissen Löwen, der mit einem mächtigen Sprung die Gruppe angriff, anstatt vor ihr zu fliehen.

Er hob den Speer und wog ihn prüfend in der Hand. Für den Fall, dass er ihn würde werfen müssen, war es von Vorteil, ein Gefühl für die Gewichtsverteilung und den Schwerpunkt der Waffe zu haben. Dann blickte er zu dem Löwen hinüber, der immer noch mehr oder weniger regungslos im Halbschatten lag.

Die Distanz betrug etwa siebzig Meter. Deckungsmöglichkeiten gab es nur wenige. Zwei Bäume, eine Handvoll Büsche und eine niedere Sandkuhle, von der aus er seinen Angriff würde starten können - falls ihn der Löwe zu diesem Zeitpunkt nicht bereits erspäht hatte.

Er blickte kurz zu Jagomir hinüber, doch dieser machte keinerlei Anstalten, ihn aufzuhalten. Wenn William bis jetzt noch die leise Hoffnung gehabt hatte, dass es Jagomir nur darum ging, seine Bereitschaft für eine solche Tat zu prüfen und nicht deren Ausführung, so musste er sie nun begraben. Jagomir wollte William gegen das Löwenmännchen kämpfen sehen.

Er würde ihm diesen Kampf liefern.

Gebückt huschte er auf die erste Deckung zu.

Der mächtige Kopf des Löwenmännchens krachte neben William in den sandigen Boden der Savanne. Nach Luft japsend blieb William halb unter dem Tier begraben, die rechte Hand immer noch die abgebrochene Speerspitze festhaltend, die er ihm von unten durch die Kehle gerammt hatte.

André Coupièr blickte vom Monitor der Fernüberwachung hinüber zum zweiten Bildschirm, in dem das furchige Gesicht des Sternenkönigs eingeblendet war.

Das war knapp, Coupièr, sagte Harold Richard von Caranor nachdenklich.

Zwei, drei Bissverletzung, ein paar Beulen und Schrammen. Ich werte dies als äusserst gutes Resultat, Exzellenz.

Das mag wohl sein. Mein Vertrauen in Jagomir hält sich aber immer noch in engen Grenzen.

Jagomir funktioniert perfekt. Der Junge vertraut ihm bedingungslos, sagte Coupièr ruhig aber bestimmt.

In Ordnung, Coupièr. Ich will aber sofort unterrichtet werden, falls dies nicht mehr der Fall sein sollte! Damit unterbrach der Sternenkönig die Verbindung.

Coupièr wendete sich wieder dem anderen Display zu. William hatte sich unter dem Löwen hervorgekämpft und erhob sich.

Coupièr nickte befriedigt. William von Caranor würde zu einer Wunderwaffe werden.

Na, mein alter Freund, dachte er grimmig lächelnd, hast du auch so etwas in der Hinterhand?

Kapitel 1
Gegenwart

13. März 523 NTZ

Jetzt stopf das Essen nicht wieder so in dich hinein, Dominique! Da könnte es einem ja schlecht werden dabei!, sprudelte es giftig aus Tante Monique heraus.

Dominique zog es vor, nicht zu antworten. Erstens hatte Tante Monique wiedermal einen ihrer Paniktage, an denen sie bereits mit dem Gefühl aufgewacht war, ihre Zeit am Palast würde zu Ende gehen. Und zweitens hatte Dominique andere, gravierendere Probleme als ihre keifende Tante.

Sie tafelten im grossen Essraum des Mätressenhauses. Eigentlich wohnte Tante Monique im Bedienstetenflügel des Sternenpalastes, doch nachdem William bis auf Dominique alle anderen Mätressen hatte entfernen lassen, war ihr erlaubt worden, das Zimmer neben Dominique im Mätressenhaus zu beziehen.

Dominique war sich sicher, dass die alte Schlange nicht aus Mitleid zu ihr durch alle Entscheidungsinstanzen gegangen war, sondern weil sie Dominique auf diese Weise besser überwachen konnte.

Dominique konnte ihre Tante nicht ausstehen. Sie war wie alle Bediensteten absolut königstreu und dabei doch nur auf ihre eigenen Vorteile bedacht. Das Leben am Hof brachte viele Privilegien mit sich. Der Umstand, dass sie die Tante der Lieblingsmätresse des Thronfolgers war, verhalf ihr unter der Dienerschaft zusätzlich zu einem höheren Status. Sie hatte nur ein absolutes Minimum an Aufgaben, denen sie jeden Tag nachkommen musste und konnte sich am Rest der Zeit ihrer Nichte widmen. Selbstverständlich wollte sie ihre Sonderstellung unter allen Umständen behalten. Als William jedoch vor einigen Monaten damit begann, die Zahl der Mätressen kontinuierlich zu verringern, hatte es Tante Monique immer mehr mit der Angst zu tun bekommen. Sie befürchtete, dass es Dominique alsbald gleich ergehen könnte, und versuchte zu retten, was zu retten war.

Sie war schon immer eine Giftspritze gewesen, aber nun war es fast unerträglich geworden. Sie kritisierte alles an Dominique. Wie sie sprach, wie sie sich kleidete, ihre Manieren – einfach alles. Besonders schmerzhaft erwiesen sich ihre Äusserungen bezüglich Dominiques Aussehen. Denn hier war sie verletzlich und labil wie nirgendwo sonst.

Der Grund lag in der Edeldroge EDEN, die sie seit vier Jahren konsumierte. Mit EDEN fühlte man sich schöner und agiler. Die Haut sah frisch und lebendig aus, die Augen strahlten und man fühlte sich jung und begehrenswert. Und Sex auf EDEN war fantastisch! Weder Kokain noch der Gefühlspusher Heaven 23 liessen einen auf einer vergleichbaren Welle der Wollust gleiten wie EDEN es vermochte.

Demgegenüber waren die Entzugserscheinungen ruinös sowohl für den Körper wie auch für den Geist. Es war ein Teufelskreis, der sich zu drehen begann. Setzte man die Droge ab, fühlte man sich nicht mehr sexy und konnte sehen, wie die Frische aus dem Körper verschwand. Die Haare wollten nicht mehr glänzen, die Nägel wurden brüchig und das Zahnfleisch nahm einen leicht gräulichen Farbton an. Dies wirkte sich wiederum negativ auf den geistigen Zustand aus, und so drehte sich die Spirale immer schneller. Es gab grundsätzlich nur zwei Möglichkeiten zur Abhilfe: Entweder man nahm die nächste Ampulle EDEN oder man ging durch einen mehrmonatigen Entzug, den man häufig nur als totales geistiges Wrack beendete.

William versuchte, bei Dominique einen anderen Weg zu gehen. Er verringerte ihre Dosen und glaubte so, sie entwöhnen zu können.

Doch das war falsch! Der Entzug war zwar nicht total, dafür aber schleichend. Dominique konnte die Auswirkungen jeden Tag deutlicher erkennen. Ihr Atem roch nicht mehr frisch und betörend, die Haut wirkte trocken und wenn sie sich frisierte, blieben mehr ihrer langen schwarzen Haare in der Bürste hängen als früher. Wenn sie diese Entwicklung nicht stoppte, würde sie in ein paar Monaten aussehen wie eine Greisin, da war sie sich sicher.

Jede Äusserung ihrer Tante zu ihrem Aussehen verschlimmerte ihre geistige Situation noch zusätzlich.

Sie wusste nicht, weshalb William ihr das antat, aber die Konsequenz würde früher oder später diejenige sein, dass er sie wie alle anderen Mätressen aussortierte und sich eine Schönere nahm.

Sie musste dies unter allen Umständen verhindern! Wenn sie das nächste Mal den Palast verlassen durfte – in der Regel war dies einmal pro Woche – würde sie sich kurz von ihren Leibwächtern absetzen und sich auf dem Markt ein paar Ampullen EDEN besorgen. Das hatte sie sich fest vorgenommen.

William wurde nicht vor nächster Woche wieder am Palast erwartet, sie hatte also noch etwas Zeit.

Sie nahm sich ein Sesambrötchen, belegte es mit geschnittenen Wachteleiern und und rosafarbenem Kaviar. Genüsslich biss sie hinein. Essen half ihr, die Auswirkungen des EDEN-Entzugs zu mildern. Ausgesuchte Köstlichkeiten und insbesondere Aphrodisiaka gaben ihr das Gefühl der Lebendigkeit und des Begehrtwerdens zurück. Bis zu einem bestimmten Grad zumindest.

Wenn sie sich zu viel Essen zugeführt hatte, so suchte sie diskret eine Toilette auf, um sich zu übergeben. William liebte ihre schlanken Schenkel und ihren knackigen Po – Dominique konnte es unter keinen Umständen zulassen, dass sie fett wurde und so noch weiter an Attraktivität verlor.

Das ist nun schon das Dritte! Weisst du, wieviele Joules im Eigelb stecken?, kam es spitz vom anderen Ende der Tafel. Und dann diese Kaviarpaste! Das ist doch scheusslich, einfach scheusslich! Eine Sternenkönigin würde so was niemals essen, das sage ich dir! Eine Sternenkönigin...

Ich bin keine Sternenkönigin!, unterbrach Dominique den Redefluss ihrer Tante zornig. Ich bin eine einfache Mätresse. William wird mich niemals zu seiner Gemahlin nehmen. Niemals! Tränen stiegen ihr in die Augen.

Das befürchte ich auch langsam!, kam es böse von Tante Monique zurück. Wer würde sich denn schon mit einer solchen Idiotin zusammentun? Weisst du, wieviele schöne Mädchen alles dafür geben würden, um an deiner Stelle zu sein? Hier am Hofe zu leben und die Gunst des Thronfolgers des Terranischen Sternenreiches zu besitzen? Und was machst du daraus? Nichts! Lässt dich gehen und verkommen wie eine billige Magd!

Jedes ihrer Worte traf Dominique tief. Doch sie hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als dass sie dies zugegeben hätte. Sie schaffte es sogar, die Tränen zurückzudrängen.

Du bist nichts anderes als eine böse alte Frau, Monique!, verschaffte sie dem Ärger Luft. Ich hasse dich, abgrundtief!

Wie redest du denn mit mir, du undankbares Ding?, kam es aufgebracht von der Alten zurück. Da kümmert man sich jahrelang liebevoll um eine kleine Göre, die von ihrer Mutter verlassen wurde, opfert sich auf für sie und macht sie zu dem, was sie ist... Und das ist dann der Dank dafür?

Lass meine Mutter aus der Sache heraus!, rief Dominique. Sie fühlte, wie die Tränen zurückkamen. Diesmal würde sie sie nicht zurückhalten können. Sie stand ruckartig auf. Ihr Stuhl fiel polternd nach hinten.

Ich bin noch nicht fertig mit Dir!, fauchte Tante Monique und zeigte drohend mit dem Finger auf sie. Du bleibst gefällig bei Tisch!

Doch Dominique hatte sich schon umgewandt und rannte zum Essraum hinaus. Die Augen füllten sich mit Tränen. Fast blind lief sie durch die Gänge des Mätressenhauses und schliesslich zur Tür hinaus, die direkt in den Palastgarten führte.

Keuchend und schluchzend blieb sie stehen. Sie wusste, dass sie sich hier draussen nicht so gehen lassen konnte. Wenn sie von jemandem gesehen wurde, könnte dies schnell zu unangenehmen Fragen führen.

Sie setzte sich neben einem Rhododendronbusch in das noch leicht feuchte Gras. Langsam beruhigte sie sich.

Sie schaute den Hummeln zu, wie sie die Blüten ansteuerten und schwerbeladen mit Nektar wieder davonflogen.

Weshalb konnte sie es nicht auch so schön wie eine Hummel haben? Weshalb musste ihr Leben so furchtbar kompliziert sein?

Sie liebte William und war überzeugt, dass er sie auch liebte – auf seine Art halt.

Er hatte im Leben ja schon vieles durchmachen müssen. Der Verlust seiner Eltern, die Tage im Kerker. Und dann war da noch diese Geschichte mit seinem besten Freund. Einem Spielkameraden, als William noch ein Kind war. Doch davon wollte er ihr partout nichts erzählen und blockte alle Fragen ärgerlich und unwirsch ab.

Dabei war sie überzeugt, dass gerade diese Episode in seinem Leben verantwortlich dafür war, dass er keine normalen Beziehungen aufbauen konnte. Dass er niemandem mehr traute und wirklich an sich heranliess.

Ausgenommen vielleicht Dominique – bis zu einem bestimmten Grad.

Dominique schloss die Augen, lauschte dem Summen der Hummeln und roch die frische Süsse der Rhododendronblüten.

Wie gut das tat!

Sie würde sich später bei Tante Monique entschuldigen müssen. Auch wenn die Alte nur auf ihre eigenen Vorteile aus war, so hatte sie auch nicht so unrecht mit ihren Vorwürfen. Dominique war im Strudel der Gefühle zu weit gegangen.

Aber vorher wollte sie den Palastgarten noch etwas geniessen, Tante Monique konnte warten. Vielleicht geschah ja noch ein Wunder und der kurze heftige Streit setzte bei ihr einen Denkprozess in Gang. Aber so richtig daran glauben konnte Dominique nicht.

Sie erhob sich und ging quer über den Palastgarten in Richtung des kleinen Birkenhaines auf der östlichen Seite. In der Mitte des Gartens hatten früher die Andenken an die Ursprungswelt der von Caranors geblüht: blutrote Rosen. Doch die Beete waren eingeebnet worden und an ihrer Stelle lag nun eine grosse runde Platte aus weissem Marmor. Darauf prangte das Zeichen der von Caranors: Zwei Löwen mit gekreuzten Schriftrollen.

Am Hofe erzählte man sich, dass der Besitz der Caranor-Rosen die letzte Schwäche gewesen war, die sich der Sternenkönig erlaubt hatte. Durch das Einebnen der Beete hatte er auch diese abgelegt.

Daraus war ein geflügeltes Wort entstanden. Wann immer man sich fragte, ob sich die Zeiten bessern würden, oder ob Terra für irgendwelche Anliegen anderer Völker Gehör finden würde, gab man sich die Antwort: Erst wenn der Regent die Rosen wieder blühen lässt.

Dominique betrachtete nachdenklich die schwere weisse Marmorplatte, die für nichts anderes als die Ewigkeit hier versenkt worden war.

Sie schlenderte weiter bis zum Zierteich. Blaue und gelbe Schwertlilien umrahmten ihn. Auf der Wasseroberfläche schwammen die dicken fleischigen Blätter der Seerosen.

Dominique kniete sich an den Rand des Teiches und schaute ins Wasser. Ihr Gesicht spiegelte sich deutlich darin. Lange blickte sie sich an und fragte sich, was denn Schönheit wirklich war und weshalb die Natur ein solch grausames Spiel mit den Menschen trieb.

Wie zur Bestätigung lief ein Wasserläufer über ihr Spiegelbild und liess es durch die kleinen Wellen seiner Spur kurz verlaufen.

Tränen wollten schon wieder in ihr hochsteigen, als sie plötzlich etwas anderes im spiegelnden Teich erblickte. Ein Gleiter flog lautlos über den Garten hinweg.

Erschrocken blickte sie hoch und sah, dass es der Gleiter mit den Insignien des Sternenprinzen war.

Dominique stiess einen überraschten Schrei aus. William war auf dem Weg in den Palast! Bereits heute und nicht erst nächste Woche, wie sie dies erwartet hatte!

Ihr Herz begann wie wild zu schlagen.

William durfte sie in ihrem Zustand keinesfalls zu Gesicht bekommen! Sie musste sich sofort EDEN besorgen, oder er machte vielleicht gerade heute mit ihr Schluss und liess sie wegschaffen!

Doch wie sollte sie an die Droge kommen? Heute hatte sie keinen offiziellen Ausgang und jemand anderes konnte sie auch nicht zum Markt senden, um ihr EDEN zu beschaffen.

Sie musste sich also irgendwie aus dem Palast stehlen – aber wie?

L’amir Dukic!

Nur das junge Genie konnte ihr noch helfen! Der Informatikingenieur, der als Techniker für das Palast-System arbeitete. Er war seit langer Zeit in Dominique verliebt und hatte ihr schon mehrmals seine Hilfe anerboten, falls sie aus dem Palast fliehen wolle.

Via Palastkom funkte sie ihn an.

Dominique?, sagte er erstaunt anstelle einer Begrüssung.

L’amir! Weisst du noch, was du mir angeboten hast? Ich benötige deine Hilfe! Jetzt!

Zwei Sekunden Stille.

In Ordnung. Wir haben genau 13 Minuten bis zum nächsten Sicherungsdownload. Das sollte reichen! Wir treffen uns in zwei Minuten vor dem Zuliefereingang! Okay?

Okay!, antwortete Dominique erleichtert. Und danke! Doch L’amir hatte die Verbindung bereits unterbrochen.

Dominique stand auf und ging, so schnell sie konnte, ohne dass sie verdächtig erscheinen würde, über die Rasenfläche des Gartens und verschwand im Palast.

Kapitel 2
Vergangenheit

6. Juli 503 NTZ

Das Atmen! Vergisst er wieder zu atmen?, zischte Coupièr zwischen zwei fintierten Angriffen.

William tänzelte zwei Schritte zurück und stiess wütend die angehaltene Luft aus.

So ging es nun schon eine halbe Stunde. Coupièr und er massen sich im zweihändigen Stockkampf. William hatte keine Chance, obwohl er mittlerweile einen halben Kopf grösser war als sein Ausbilder und zehn Kilo mehr auf die Waage brachte.

Wütend biss er die Zähne aufeinander. Er hatte Coupièr wieder einmal böse unterschätzt. Unzählige rote Striemen, Beulen und Blutergüsse auf Williams Körper sprachen eine deutliche Sprache, während Coupièrs eingeölter drahtiger Oberkörper frei von jedwelchen Blessuren war. Beide trugen sie leichte Leinenhosen und Stoffschuhe mit rutschfesten Gummisohlen.

Den Schmerz zu ignorieren, der durch seinen Körper wallte, war noch das einfachste. Die ständigen Verbesserungen und höhnischen Kommentare von Coupièr waren jedoch ungleich schwieriger wegzustecken. Auch wenn er sich sagte, dass dies genau Coupièrs Ziel war, so flackerte sein Zorn immer wieder auf und verleitete ihn zu unvorsichtigen Aktionen.

Na, ist er schon müde geworden?, fragte Coupièr hämisch grinsend und liess den Stock in seinen Händen rotieren.

William tat es ihm nach und begann Coupièr zu umkreisen. Er hasste diesen unsagbar glatten Kerl, dieses unfassbare Phantom, den wilden Dirigenten seiner schlimmsten Alpträume.

Macht sich in ihm Ratlosigkeit breit?

Eine neue Woge der Wut brandete durch seinen Körper.

Coupièr verwendete konsequent die dritte Person, wenn er mit ihm sprach. Auf diese Weise umging er die offiziellen Anreden, die dem Sternenprinzen eigentlich zustanden, wie Ihre Majestät oder Ihre königliche Hoheit.

Sie umkreisten sich wie zwei Tänzer.

Es konnte ganz einfach nicht mehr so weitergehen, dass Coupièr ständig die Oberhand behielt. Auch er musste seine Schwachstellen haben, redete sich William ein. Er musste einfach genügend Geduld aufbringen, um sie herauszufinden.

Er dachte an das Löwenmännchen, wie es im halbhohen Gras der Savanne lag und auf den entscheidenden Sprung wartete, der es bis auf wenige Schritte an seine Beute heranbrachte.

Abwechselnd spannte und entspannte er seine malträtierten Muskeln. Er wollte bereit sein, wenn sie den heutigen Kampf zu seinem Höhepunkt trieben.

Coupièr grinste. Das Sternenprinzchen scheint kein guter Verlierer zu sein, sonst hätte es seine Unterlegenheit längst eingestanden. Aber das ist nicht nur beim Kampf Mann gegen Mann so, nicht wahr? Der kleine Willy kann sich auch beim so genannt schwachen Geschlecht nicht durchsetzen! Coupièr stellte das Rotieren ein und hielt den Stock hinter den Rücken, während er William weiterhin umkreiste. Meint er denn, dass es mir entgangen sei, wie er der einen kleinen, kratzbürstigen Mätresse heisse Liebesschwüre vortrug? Nur dass diese sich eine halbe Stunde später mit einem stinkenden Knecht vergnügte und das Sternenprinzchen aufs äusserste verhöhnte bezüglich seines sexuellen Unvermögens?

William wurde kurz schwarz vor Augen. Wie war es möglich, dass Coupièr davon Wind bekommen hatte? Das war sein schlimmstes Erlebnis in den letzten zwei Jahren gewesen. Er war so verliebt in die kleine Frieda gewesen und hatte seit den Geschehnissen mit Pasqui wieder jemand – ausser seinem Berater Jagomir – bewusst an sich herangelassen. Er war so verliebt gewesen! Eine völlig neue Erfahrung in seinem Leben.

Ich habe alles gesehen. Seine Tränen, als er stammelnd wissen wollte, ob sie ihn denn nicht mehr liebte, und wie sie nicht anders konnte, als ihn auszulachen. Lange und hässlich. Er lachte meckernd, machte Friedas Lachen nach. Es gelang ihm erstaunlich gut.

Und wie sollte es mir bloss entgangen sein, dass sich der – wie war er schon wieder von der kleinen Kratzbürste genannt worden? Ach ja – der Fünfsekundenprinz! Wie sich der Fünfsekundenprinz daraufhin Rauschgift beschaffen liess, mit dem er seine Mätressen von nun an von sich abhängig machte, damit dies nie wieder geschehen würde?

Er imitierte erneut dieses fiese meckernde Lachen. William sah Frieda in seinem Geiste, wie sie sich vor Lachen schüttelte und wie sich dabei ihre halb bedeckten spitzen Brüste im Takt bewegten, die kurz zuvor noch durch Knechteshände begrapscht worden waren. Damals war er davongelaufen.

Heute nicht.

Mit einem wilden Schrei griff er Coupièr an. Er wollte ihm mit einem mächtigen Schlag den verdammten verfluchten Schädel zertrümmern. Er sollte in tausend Stücke zerspringen und er würde lachend in seinem Blut baden.

Coupièr blieb bewegungslos stehen. War er überrascht? Gut! William holte aus und schwang den Stock in Coupièrs Richtung. Seine gesamte Kraft lag in diesem einzigen, finalen Schlag.

Unbeweglich liess Coupièr den Stock auf sich zusausen, um sich im allerletzten Moment fallen zu lassen und, noch bevor er den Boden berührte, seinerseits mit seinem Stock zuschlug.

Der Stock krachte gegen Williams rechte Kopfseite. Durch den Schwung des eigenen, ins Leere gehenden Schlages und dem Treffer von Coupièr, verlor William die Balance und fiel vornüber. Der Stock wurde ihm aus der Hand gerissen und er konnte sich nur noch instinktiv mit den Händen abfangen und sich auf den Rücken abrollen.

Er hob die Hände zur Verteidigung, doch er schaffte es nicht, irgendetwas zu fokussieren. Die Decke des Trainingsraumes drehte sich über ihm und sein rechtes Auge füllte sich mit einer heissen, dunklen Flüssigkeit.

Der DataVis meldete ihm, dass er eine Gehirnerschütterung und eine Platzwunde an der rechten Augenbraue hatte, die durch die MedCo nicht geschlossen werden könne. Zudem sei durch den Schlag ein Arbeitsspeicher-Chip beschädigt worden, der dringend ausgetauscht werden sollte, falls dessen Speicherinhalt durch eintretende Gehirnflüssigkeit nicht zerstört werden sollte.

William stöhnte auf. Was war geschehen?

Da schob sich Coupièrs Antlitz in den verbliebenen Sehbereich.

Sein aalglattes Gesicht blieb regungslos. So leicht aus der Ruhe zu bringen. So viele Jahre des Trainings und er verhält sich immer noch wie der dümmste Anfänger. Schade um meine aufgewendete Zeit. Die Lektion ist beendet! Damit wandte er sich ab. William konnte hören, wie sich seine Schritte entfernten.

William rollte sich auf die Seite und erbrach sich auf den Hallenboden. Der Kopf hämmerte wie verrückt und gnadenlose Wut breitete sich erneut in ihm aus.

Coupièr, dieser verdammte Hund hatte ihm wieder einmal gezeigt, wie die Kräfte verteilt waren. Er hatte ihn provoziert und gnadenlos ins Messer laufen lassen.

William spuckte den letzten Rest Magenflüssigkeit aus und richtete sich langsam auf. Die erste, gewaltige Wirkung des Schlages gegen seinen Kopf war verflogen, doch ihm wurde sofort schwindelig, als er sich seinen am Boden liegenden Stock ergriff und sich damit langsam in die Höhe stemmte.

Nie, absolut nie wieder wollte er sich durch die Provokationen eines Gegners dazu verleiten lassen, seine eigene Taktik aus den Augen zu verlieren.

Doch die Wut wollte nicht verrauchen. Mit Hilfe seiner Medo-Einheit hob er den Adrenalinspiegel. Gleichzeitig schob er den Testosteron-Regler in den gelben Bereich hinauf.

Der DataVis protestierte und wies auf die Gehirnerschütterung und die offene Augenbraue hin. William schaltete die Vita-Anzeige aus und liess die Nanobots bei der Wunde ein Mittel in den Blutkreislauf injizieren, das die Blutgerinnung verstärken sollte.

Er fühlte neue Kräfte in sich wachsen. Das Schwindelgefühl verschwand. Problemlos machte er ein paar prüfende Schritte, dann verfiel er in einen leichten Laufschritt. Er wusste, was nun genau richtig sein würde für ihn.

Wie siehst du denn aus?, fragte Devon erschrocken, als sie die Tür ihres Zimmers im Mätressenhaus geöffnet hatte.

Das geht dich nichts, aber auch rein gar nichts an! Er griff in ihre langen braunen Haare und krallte sich in ihnen an den Haarwurzeln fest. Er schob sie in den Raum und schloss die Tür hinter sich.

Bitte nicht, William!, wimmerte Devon.

Für dich bin ich immer noch dein Gebieter, du verdammte kleine Nutte! Brutal schob er sie vor sich her. Gleichzeitig sog er das Gefühl, das ihn zu durchströmen begann, gierig in sich auf. Es erregte ihn, trieb ihn an, füllte ihn aus.

Devon wehrte sich schwach in seinem Griff. Sie trug nur eine lange weisse Bluse. Offenbar kam sie gerade von der Hygienezelle und hatte sich gepflegt und mit Körperlotion frisch eingerieben. Auf jeden Fall duftete sie verführerisch und ihre langen braunen Beine glänzten glatt rasiert.

Seine Erregung steigerte sich ins grenzenlose. Er würde sie sich genau jetzt nehmen, beschloss er. Sie befanden sich im kurzen Gang, der zu der Hygienezelle und ihrem Schlafzimmer führte. Mitten im Gang stand eine antike Kommode, hinter der an der Wand ein hoher Spiegel angebracht war.

Kurz entschlossen drückte er sie vor sich auf die Kommode. Die Bluse verrutschte und gab den Blick auf ihr so wunderbar geformtes Gesäss frei. Sie trug ein Nichts von einem Slip. Mit einer einzigen kurzen Bewegung riss er ihn ihr von den Hüften.

Nicht, mein Gebieter, bitte nicht!, schrie Devon, doch damit steigerte sie seine Gier nur noch.

Er griff ihr ans glatt rasierte Geschlecht. Sie war feucht, das kleine Miststück war tatsächlich feucht!

Nun gab es für William kein Halten mehr. Er entledigte sich seiner Leinenhose und drang in sie ein.

Die Stösse seines Beckens waren schnell und hart, gleichzeitig drückte er ihren Oberkörper nach vorne. Und erblickte sich selbst im Spiegel. Sein Körper war übersät von Schrammen und blauen Flecken. Die Wunde an seinem Kopf sah übel aus, ein Teil der rechten Augenbraue hing halb über seinem Auge und blutete immer noch schwach.

Sein Spiegelbild. Seit seinen Erlebnissen im Kerker hatte er eine ganz besondere Beziehung zu Spiegeln entwickelt. Er war besessen von ihnen. Oder besser gesagt von seinem Spiegelbild. Je weiter er sich äusserlich weg entwickelt hatte von seinem Kinder- und hin zu einem männlichen Gesicht, desto mehr hatte er in seinem Spiegelbild die Bestätigung seiner Entwicklung gesucht. Der Entwicklung hin zum weissen Löwen, der er werden wollte. Sein blonder Bart spross schon recht gut und unterstützte ihn in dieser optischen Transformation.

Er brüllte wild und stiess noch härter zu. Dabei wickelte er ihre langen glatten Haare um sein linkes Handgelenk und riss ihren Kopf nach hinten. Schmerzerfüllt schrie sie kurz auf.

William fühlte gewaltige Energien durch seinen Körper fliessen. Doch es war noch nicht genug. Mit der rechten Hand zerriss er ihre Seidenbluse, bis sie nur noch in Fetzen von ihrem braungebrannten Körper hing. Ihre vollen Brüste wippten im Takt seiner Lendenstösse. Dann hieb er mit der flachen Hand auf ihre runden Pobacken, hart und noch härter. Sie schrie und er fühlte, wie ihn dies förmlich auf den Höhepunkt zufliegen liess.

Erneut brüllte er auf.

Unmenschlich. Tierisch.

Dann kam er. Der orgastische Höhepunkt hielt ihn sekundenlang gefangen, schüttelte ihn durch und er blickte sich selber im Spiegelbild mit weit aufgerissenen Augen an.

Der Weisse Löwe – er lebte!

Mit einem Ächzen sank er in sich zusammen, hielt sich noch kurz an ihrem Gesäss und der Kommode fest und liess sich dann kraftlos zu Boden sinken. Er blickte zu ihren immer noch gespreizten Beinen empor, die leicht zitterten.

Sekunden später liess sie sich ebenfalls zu Boden gleiten und legte ihren Kopf auf seine Brust.

Das war wunderbar, mein Sternenprinz, seufzte sie.

Ich weiss, sagte er matt.

Hast du etwas dabei?

Selbstverständlich!, antwortete Will und streckte den Arm nach seiner Leinenhose aus. Er war trotz allem geistesgegenwärtig genug gewesen, um sich auf dem Weg zu Devon noch schnell eine Ration EDEN einzustecken. Er hielt ihr die Ampulle mit der königsblauen Flüssigkeit entgegen.

Gierig griff Devon sich die Ampulle und injizierte sich die Droge direkt in die Halsschlagader.

Ihr Gesicht verklärte sich.

William konnte sehen, wie sich das Elixier in ihrem Körper ausbreitete und seine heilende und erquickende Wirkung tat.

Nimm mich noch einmal, William. Diesmal aber härter als vorher!, hauchte sie verführerisch und er konnte den süssen Duft von reifen Pfirsichen in ihrem Atem riechen.

Gleich, meine widerspenstige Katze, antwortete William. Aber zuerst muss ich mir kurz meine Wunde zukleben lassen.

Er wollte sich gerade aufrichten, als sich Devon mit einer geschmeidigen Bewegung erhob und sich auf seine Brust setzte.

Nichts da, mein Sternenprinz!, schnurrte sie. Siehst du, wie feucht ich immer noch bin? Sie griff hinter sich nach seinem Geschlechtsteil. Und du scheinst auch nicht genug von mir zu bekommen, wie mir scheint!

William knurrte, als er nach ihrem Nacken griff, um sie zu sich herunter zu ziehen.

Diesmal würde sie nicht so einfach davonkommen!

Kapitel 3
Gegenwart

13. März 523 NTZ

Das Leben pulsierte auf dem Marktplatz von Caranor-City. Dominique genoss die warme Sonne auf ihrer Haut und atmete die geheimnisvoll-exotischen Düfte genussvoll ein, die von der leichten Brise herangetragen wurden. Der prächtige Markt war vom ersten Sternenkönig im Stile der altterranischen orientalischen Basare entworfen worden, als Zeichen des wirtschaftlichen Zusammenschlusses zwischen den Handelswelten des Terranischen Reiches. Tatsächlich gab es keinen farbenfroheren und faszinierenderen Platz im ganzen Bezirk 12 von Caranor-City.

Auch wenn er vielen Regenten ein Dorn im Auge gewesen war, da er sich in seiner Grösse und Vielfalt nur schwer überwachen und kontrollieren liess, hatte der Sternenbasar von Terra doch mehr als fünf Jahrhunderte unbeschadet überstanden. Abgesehen von periodischen Renovierungsarbeiten, die durch den täglichen Besuch von vierzig- bis fünfzigtausend Menschen und Fremdlebewesen unumgänglich waren.

Der Basar befand sich am südlichen Ende von Caranor-City und nahm eine Fläche von fast zwei Quadratkilometer ein. Er stiess direkt an den Hudson-River, über den der Markt auf dem Wasserweg mit den benötigtem Handelsgütern beliefert wurde. Da der Luftraum über Caranor-City ausschliesslich den Einheiten des Sternenpalastes und der Terranischen Streitmacht gehörte, musste der Warenverkehr über den südlich gelegenen Raumhafen Dendrik Space Port erfolgen.

Dominique liebte die Ausflüge auf den Sternenbasar. Darin einzutauchen und sich treiben zu lassen bescherten ihr immer wieder kurze Momente des Genusses und Glücklichseins.

Ganz besonders heute. Wenngleich sie der Streit mit Tante Monique, das Auftauchen von William am Hofe und die heimliche Flucht aus dem Palast mitgenommen und geängstigt hatten, so trat dies alles nun für einen kurzen Moment in den Hintergrund.

Vergessen war der beschwerliche Fussmarsch vom Palast zum Markt hinunter, weil sie das Risiko nicht eingehen wollte, mit der Rohrbahn zu fahren. Vergessen war auch ihr Weinkrampf, als sie in einer Seitenstrasse zusammengebrochen war, nachdem sie sich in einem Spiegel betrachtet und die Zeichen ihres körperlichen Zerfalls gesehen hatte, die der EDEN-Mangel mit sich brachte.

Einen flüchtigen Moment lang war sie Alice, die durch den Spiegel hindurchschlüpfte und in ein Land voller Wunder und Magie eintauchte. Sie liess sich von den Besuchermassen treiben und betrachtete die exotischen Waren, die an den niedrigen Händlertischen feilgeboten wurden. Marktschreier standen alle zehn Meter, versuchten sich gegenseitig beim Anpreisen ihrer Waren zu übertrumpfen.

Zwischen den Reihen mit Marktständen waren hauchdünne farbige Tücher gespannt. Offiziell als Schutz der Besucher und der Waren vor der harten UV-Strahlung der Sonne vorgesehen, auf die einige Fremdlebewesen besonders sensibel reagierten, verrichteten sie noch einen viel wertvolleren Dienst. Nämlich das Gefühl zu vermitteln, vor den Augen des terranischen Überwachungsstaates geschützt zu sein. Die meisten Händler und Besucher waren sich im klaren darüber, dass die Spionsonden und Agenten des Terranischen Geheimdienstes sich nicht durch die Tücher würden aussperren lassen. Der grosse Unterschied bestand aber darin, dass diese immer nur punktuell oder als Rundgänger eingesetzt werden konnten – zumindest einer konstanten und flächendeckenden Überwachung aus dem All war so der Riegel vorgeschoben.

Dominique wusste, dass dies nichts weiter als eine Illusion war, auf die sich die Menschen und Aliens gerne einliessen. Für sie gab es nichts wohltuenderes, als sich kurz ein wenig Ruhe vor den Millionen Augen des Reiches zu gönnen. Kameras, DataVis-Messungen, ja sogar Freunde und Verwandte waren stetige Gefahrenquellen. Eine kleine Unachtsamkeit und man erregte das Interesse des Terranischen Geheimdienstes. Dass dieser lieber einen Verdächtigen zu viel als einen zu wenig aus dem Verkehr zog, war ein offenes Geheimnis.

Dominique kannte den Stress, der mit diesem Leben einher ging. Im Palast war die Überwachungsquote noch um einiges höher, als ausserhalb.

Sie wusste, dass ihr nicht viel Zeit blieb. Und doch wollte sie nicht hetzen, solange sie im Basar war. So lenkte sie ihre Schritte direkt, jedoch nicht allzu zielstrebig in Richtung des Händlertisches des EDEN-Dealers.

Dominique passierte die Reihen, in denen Lebensmittel angeboten wurden. Da diese den grössten Umschlag verzeichneten und aus Gründen der Frische häufig ersetzt werden mussten, lagen sie meist in den Aussenbereichen des Basars, die am einfachsten erreichbar waren.

Ihr Magen meldete sich sofort, als die Essensgerüche ihre Nase erreichten. Köstlichkeiten aus allen Teilen des Terranischen Reiches präsentierten sich auf Hunderten von Metern.

Sie musste sich gewaltig zurückhalten, um nicht gleich am ersten Tisch etwas zu kaufen. Dort lagen nämlich mit voghünnischem Pfeffer bestreute Honigkekse, die sie in ihrer Kindheit geliebt hatte. Eltern gaben diese Kekse ihren Kindern äusserst gerne, da sie mit verschiedenartigem, enzymverbessertem Honig erhältlich waren, die gegen unterschiedliche Krankheiten und Schwächen wie Konzentrationsstörungen wirkten. Die Kinder andererseits, liebten das angenehme Kribbeln und Prickeln des Pfeffers an ihrem Gaumen. Es fiel schwer, nicht zu lachen, wenn man diese Honigkekse ass.

Dominique hielt sich zurück. Sie würde für eine Fitnesseinheit keine Zeit mehr haben, bevor sie sich mit William traf. Also war eine weitere Zufuhr von energiereicher Nahrung sowieso verboten für heute.

Sie beschleunigte ihre Schritte ein wenig, um nicht noch mehr in Versuchung zu geraten. Die Stände mit den Milchspeisen passierte sie zügig und nahm dann eine Abkürzung zwischen den Reihen hindurch.

Eine völlig neue Geruchswelt erwartete sie, die von leisem Fiepen und Quaken unterstrichen wurde. Hier wurde alles angeboten, was der Kategorie tierisches/tierartiges Essen zugeordnet wurde. Im Unterschied zu dem zahlreichen Angebot von Fleischwaren, das einige Reihen weiter zu haben war, ging es hier um vivarisches – also noch lebendiges – Essen. Darunter fielen kleine Echsen und Fische, Würmer, Krustentiere, Insekten, Dreiviertel ausgebrütete Eier und noch vieles mehr.

Dominique versuchte, nicht zu stark in die Töpfe, Käfige und Terrarien zu schauen in denen es wuselte und kreuchte. Sie ekelte sich davor, Wesen bei lebendigem Leibe zu verzehren, auch wenn es derzeit in den gehobeneren Schichten stark verbreitet war.

Dominique stutzte, ihre Schritte wurden langsamer, dann blieb sie stehen. Irgend etwas stimmte nicht. Sie blickte sich um, doch das Leben um sie herum schien seinen normalen Gang zu nehmen. Niemand schenkte ihr viel Aufmerksamkeit – einmal abgesehen von den Verkäufern, die sich bemühten, jeden Vorbeikommenden mit einer tüchtigen Portion Kundenfreundlichkeit zu kredenzen.

Und dennoch blieb ihr ungutes Gefühl bestehen.

Ihr Blick traf auf ein Aquarium, in dem leuchtende Speisegarnelen schwammen. Die Rückseite des Aquariums war eingeschwärzt, damit der Leuchteffekt der Krustentiere besonders gut zur Geltung kam. Doch die Garnelen interessierten sie nicht. Es war die Spiegelung ihres Gesichtes, die sie in ihren Bann zog.

Ist es wirklich schon so schlimm? fragte sie sich erschrocken. Sie blickte in das Gesicht einer Vierzigjährigen. Tiefe Furchen hatten sich um ihren Mund gebildet. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen.

Ihre Knie wurden plötzlich weich und einen Moment lang hatte sie das Gefühl, dass eine Ohnmacht sie überwältigen wollte. Dominique wischte sich den Schweiss von der Stirn. Sie benötigte unbedingt eine Ration EDEN!

Gerade wollte sich Dominique von ihrem Spiegelbild abwenden, als ihr plötzlich etwas anderes auffiel. Im Hintergrund kam eine verhüllte Gestalt – von der Statur schloss sie auf einen Terraner – mit schnellen und bestimmten Schritten auf sie zu. Zwei dunkle Augen waren starr auf sie gerichtet.

Kurz entschlossen wandte sie sich von den Garnelen und ihrem Spiegelbild ab und setzte ihren Weg fort. Sie bemühte sich, so normal und unauffällig wie möglich zu gehen, damit der Verfolger nicht realisierte, dass sie ihn entdeckt hatte.

Ihr Herz begann wie wild zu rasen. Um wen es sich bei diesem Mann genau handelte, wusste sie nicht. Gegenwärtig kam es ihr aber nicht darauf an, ob es sich um einen Geheimdienstler, einem Mitglied der Palastwache oder einer anderen Partei handelte. In erster Linie musste sie ihren Bedarf an EDEN stillen, dann konnte sie weitersehen.

Fieberhaft suchte sie nach einer Lösung, wie sie ihren Verfolger abhängen und so schnell wie möglich zum EDEN-Händler gelangen konnte. Sie war nicht mehr weit von ihm entfernt. Die Gewürzstände befanden sich am Ende der nächsten Querstrasse. Sie musste also sofort handeln, wenn sie ihn nicht direkt zu Tussan führen wollte.

Gerade als sie dachte, dass ihre Situation ausweglos sei, kam ihr Gevatter Zufall zu Hilfe. Zehn Meter vor ihr gerieten sich mehrere Jarimi in die Federn. Die Vogelartigen stritten sich um ein Glas mit einem dunklen Inhalt. Dominique nahm an, dass sich darin Watungi-Würmer befinden mussten, denen man bei den Jarimi eine ähnliche Wirkung nachsagte wie EDEN bei den Menschen.

Laut gackernd gingen die Wesen aufeinander los und versuchten sich gegenseitig zu verletzen. Innerhalb von Sekunden, war das Durcheinander perfekt; ein wildes Gemisch aus Federn, Krallen und Schnäbeln.

Dominique machte ein paar rasche Schritte, tauchte unter einem in die Luft gesprungenen Jarimi durch und schlug dann einen Bogen nach rechts.

Sie stand direkt beim Watungi-Stand. Der Händler bemühte sich gerade, die Streithähne zu trennen, und sie nutzte die Gelegenheit und sprang über die Auslage hinweg in das Innere des Marktstandes. Aus den Augenwinkeln sah sie die dunkelblauen Tücher ihres Verfolgers, der durch einen wütenden Jarimi bedrängt wurde. Er blickte ihr trotz des Gemenges mitten in die Augen. Er hatte ihren Sprung also gesehen.

Perfekt!

Geschwind durchquerte Dominique den Stand, schlüpfte zwischen lose aufgehängten Tüchern hindurch und fand sich auf der Rückseite in der Lücke zwischen den Marktstandreihen wieder. Sie wandte sich nach links und rannte los. Nach etwa fünfzig Metern presste sie sich wieder zwischen zwei Ständen hindurch und lugte vorsichtig zurück.

Der Pulk der streitenden Jarimi hatte sich um zwei Menschen und ein Echsenwesen vergrössert. Ihr Verfolger schlug eines der Vogelwesen nieder und drang seinerseits in den Watungi-Stand ein.

Als Dominique sicher war, dass er sie nicht mehr sehen konnte, sprang sie wieder in die Gasse. In hastigem Zick-Zack-Kurs musste sie Schaulustigen ausweichen, die stehen geblieben waren und die Rauferei mit Zurufen noch zusätzlich aufheizten. Trotzdem erreichte sie die Querstrasse nach wenigen Sekunden und bog ein.

Sie zwang sich, ihre Schritte zu verlangsamen. Es war nicht klug, durch den Markt zu sprinten. Zu schnell konnte jemand darauf kommen, dass sie etwas gestohlen hatte, und sie festzuhalten versuchen, um eine etwaige Prämie einzukassieren.

Verstohlen blickte sich Dominique um. Hier schien alles seinen gewohnten Gang zu nehmen. Zwar drang das Schreien und Gackern des Streits in der anderen Gasse herüber, doch auf dem riesigen Basar geschahen ständig zu viele Dinge, als dass man einem einzelnen Vorkommnis eine zu grosse Aufmerksamkeit schenken wollte.

Dominique schloss kurz die Augen und atmete tief ein. Sie konnte die Gewürze bereits riechen! War es möglich, dass diese leise Note nach Pfirsich, die sie wahrnahm, von EDEN stammte?

Verärgert über sich selber, schüttelte Dominique den Kopf. Erstens war dies völlig unmöglich und zweitens musste sie sich sofort wieder auf ihr Ziel konzentrieren, wenn sie nicht wollte, dass der Verfolger ihre Spur wieder aufnehmen konnte, bevor sie EDEN hatte.

Dominique zog ein Seidentaschentuch aus ihrem Kleid und band es sich um den Kopf. Falls sich der Fremde an ihren pechschwarzen Locken orientierte, würde er es nun schwieriger haben.

Sie bemühte sich, möglichst auf der rechten Seite der Gasse zu gehen, die durch Auslagen und Trenntüchern zwischen den Ständen etwas Sichtschutz bot.

Das langsame Gehen wurde zur Qual. Nervosität breitete sich aus und Dominique hatte das Gefühl, dass jeder ihrer Schritte irgendwelche Wegelagerer oder Kopfgeldjäger auf sie aufmerksam machen musste.

Mehrmals blieb sie stehen und blickte kurz auf die ausgelegten Waren, um mit einem schnellen Seitenblick zu prüfen, ob der Verfolger ihre Spur verloren hatte.

Doch alles sah so aus wie es sollte.

Als sie endlich den Stand ihres Händlers sah, fühlte sie eine unglaubliche Erleichterung. Ein paar Minuten noch, und sie konnte ihren Durst nach Schönheit stillen.

Ein letzter Kontrollblick zurück – vom Verfolger war weiterhin nichts zu sehen. Dann wischte sie sich den Schweiss von der Stirn und ging direkt auf den Marktstand zu.

Eine schier unglaubliche Geruchswelt erwartete sie. Gewürze in jeder möglichen Form, Farbe und Aussehen präsentierten sich in Dutzenden von Körben, Töpfen, Gläsern, Tiegeln, Säckchen und Zerstäubern. Die traditionellen terranischen Speisegewürze machten nur einen kleinen Teil des Angebotes aus. Gross im Trend waren derzeit Darwynnische PsySpices, deren Geschmack durch eine psychochemische Komponente verstärkt wurden.

Der Händler – ein verschroben wirkender Naruu – war in eine hitzige Diskussion mit einem Artgenossen vertieft. Die Gesichtsfarbe der beiden Echsenwesen wechselte im Fünf-Sekundentakt vom natürlichen Blau in ein hektisches Rot.

Sie bedienten sich der Sprache ihrer Heimatwelt, Naruush, die vor allem aus Zisch- und Kehllauten bestand. Kein Terraner wäre in der Lage gewesen, ein perfektes Naruush zu sprechen. Als man das Volk der Naruu vor mehr als 300 Jahren in das Terranische Reich integriert hatte, war es denn auch der erste Befehl von Terra gewesen, Terranisch als Hauptsprache zu verwenden.

Dominique trat ungeduldig von einem Fuss auf den anderen. Es wäre nicht klug gewesen, die beiden Echsenartigen zu unterbrechen. Seit die Rebellion wieder erstarkt war, hatten sich ihr viele Naruu angeschlossen. Zudem konnte man sich bei den Händlern generell nie ganz sicher sein, auf welcher Seite sie gerade standen.

Verstohlen blickte sie sich um, doch vom Verfolger war nichts zu sehen. Sie hatte ihn erfolgreich abgehängt.

Endlich verabschiedeten sich die beiden Gesprächspartner voneinander, indem sie sich gegenseitig in die dreigliedrigen Hände griffen. Dann zog sich der andere zurück und der Händler wendete sich Dominique zu.

Aaah, Mylady!, wisperte er und deutete eine Verbeugung an. Dasss issst aber keiner Eurer normalen Besssuche auf dem Markt, nicht wahr? Seine arttypischen, konisch geformten Augen, die ihm Ähnlichkeit mit terranischen Chamäleons verliehen, ruckten unruhig herum. Hatte sie sich bereits verraten und er wusste, dass sie verfolgt wurde?

Nein, Tussan. Dominique versuchte so ruhig wie möglich zu bleiben. Ausserordentliche Umstände haben mich gezwungen, den Sternenpalast kurzzeitig zu verlassen. Selbstverständlich war ich nie hier. Ich zähle auf deine Integrität mir gegenüber als gute Kundin.

Tussan näherte sich Dominique und legte ihr scheinbar beiläufig eine Hand auf die Schulter. Sie wusste, dass dies nichts anderes als eine versteckte Drohung war.

Ssselbsssstredend. Diesss issst ein Geschäft mit zzzwei Ssseiten!, zischelte er leise und zog sie in den hinteren Teil des grossflächigen Marktstandes. Hier war es angenehm kühl. Auf einem kleinen Kocher dampfte ein aufgesetzter Kräutertee und verbreitete einen angenehmen süsslichen Duft.

Du hast doch... Dominique musste kurz schlucken. Du hast doch EDEN, nicht wahr?

Psssssst, nicht ssso laut!

Leichte Panik stieg in Dominique auf. War das ein Nein? Was sollte sie tun, wenn er wirklich kein EDEN bei sich hatte?

Hast du...?, fragte sie etwas leiser mit deutlich vibrierender Stimme.

Gewisssss habe ich. Wessshalb bissst du ssso nervösss? Seine Augen drehten sich in alle Richtungen.

Verdammt! Sie musste sich besser zusammen nehmen! Händler hatten einen ausgeprägten Sinn für Gefahr.

Esss issst bessssser, wenn wir diesssesss Geschäft ssso schnell wie möglich hinter unsss bringen, Mylady. Nichtsss gegen Euch, aber esss scheint sssich etwasss zzzusssammen zzzu brauen in den Tiefen der Milchstrassssse. Überall wurden die Sssicherheitsssvorkehrungen verstärkt. Zzzudem mussssste ich sssoviel Schutzzzzgeld wie noch nie bezzzahlen, alsss ich nach Terra einreissste. Der Naruu machte eine kurze Pause, als ob er sich an etwas erinnern würde. Esss issst etwasss faul im Staate Terra, wie Ihr zzzu sssagen pflegt! Er stiess ein durchdringendes Lachen aus, das vollständig aus Zischlauten bestand.

Dominique konnte mit dem Ausspruch nichts anfangen. Stattdessen wuchs ihre Unruhe. So kurz vor dem Ziel war jede verstrichene Sekunde, in der sie kein EDEN erhielt, eine Tortur.

Der Naruu musterte sie einen Moment lang prüfend und machte dann mit beiden Händen eine Bewegung, als ob er ein Buch zusammenklappen würde. Das naruusische Zeichen des Abwinkens.

Kommen wir zzzum Geschäft, Mylady! Wieviel benötigt Ihr und auf welche Art gedenkt Ihr zzzu zzzahlen?

Dominique atmete auf. Ich benötige mindestens 20 Ampullen. Beim letzten Mal habe ich 500 Credits pro Ampulle bezahlt. Das wären dann 10.000 Credits. Fast drei Viertel ihres gesamten Vermögens, für das sie jahrelang gespart hatte.

Tussan schaute sie nur stumm an.

Ich habe leider kein Bargeld. Das ist doch kein Problem, oder?, beeilte sich Dominique zu sagen.

Dasss issst esss nicht, sagte die Echse. Aber durch die hohen Abgaben und dasss um ein Vielfachesss erhöhte Sssicherheitsssrisssiko verteuern sssich die Ampullen sssignifikant. Neu gilt ein Basssissspreisss von viertausssend Creditsss pro Ampulle!

Dominique schwieg geschockt. Das durfte nicht sein!

Das darfst du nicht machen, Tussan!, rief sie. Ich... ich kann das nicht bezahlen!

Der Händler machte ihr eine wütende Geste, leiser zu sein. Wenn Ihr Euch nicht sssofort mässssigt, erhöht sssich die Gefahrenzzzulage noch weiter!

Bitte Tussan!, flehte Dominique und gab sich bei aller Eindringlichkeit Mühe, die Echse nicht noch weiter zu verärgern. Dann könnte ich nur gerade drei Ampullen kaufen! Damit würde ich nicht einmal zwei Wochen überstehen!

Dann kauft vier, Mylady. Ich gebe Euch einen Treuerabatt von 1000 Credits. 15.000 für vier Ampullen EDEN, dasss issst bei den gegenwärtigen Zzzuständen ein fairesss Angebot!

Aber ich habe nur knapp 14.000 Credits, murmelte Dominique dumpf.

Und wasss issst mit diessser Brosche?, fragte Tussan und beäugte das kunstvoll ausgearbeitete Schmuckstück, das Dominique an ihrer Bluse befestigt hatte. Ein Geschenk von William von einer fernen Welt.

Das kann ich nicht machen. Er... er würde es nicht verstehen, wenn ich sie nicht mehr hätte, stotterte sie.

Aha, meinte Tussan nur.

In Dominiques Kopf arbeitete es fieberhaft. Schon den Verlust ihres gesamten Vermögens würde sie William nicht erklären können, falls er sie darauf ansprechen sollte. Da fiel die Brosche eigentlich schon nicht mehr ins Gewicht. Mit einer vierten Ampulle könnte sie wenigstens zwei Wochen durchstehen und sich etwas neues einfallen lassen. Ja, das war es! Sie musste sich Zeit kaufen! Sobald sie wieder EDEN hatte, um die verringerten Rationen von William zu strecken, würde sie wieder klar denken und sich einen Ausweg überlegen können. Zwei Wochen waren eine lange Zeit, um einen Plan aushecken zu können! Vier Ampullen! Sie brauchte sie unbedingt!

In Ordnung, Tussan. Ich gebe dir 14.000 Credits und die Brosche für vier Ampullen Eden.

Abgemacht, Mylady, zischte der Naruu befriedigt. Er holte aus seinem Umhang ein kleines schwarzes Terminal hervor und tippte den Betrag ein. Eure rechte Hand, bitte!

Dominique streckte sie ihm entgegen. Behutsam ergriff er die Hand und legte sie auf das Terminal. Die feinen Härchen auf ihrem Handrücken stellten sich auf. Eine Gänsehaut kletterte langsam an ihrem Arm empor, breitete sich über die Schulter und den ganzen Rücken aus.

Die Berührung der kalten, schuppigen Handfläche des Naruu war ihr äusserst unangenehm, doch sie wusste, dass er die Transaktion nur mit einer DNA-Probe akzeptieren würde. Sie fühlte einen winzigen Stich, nicht stärker als derjenige einer Mücke. Das Terminal würde nun die DNA-Probe mit den gespeicherten Daten der Terranischen Kreditbank vergleichen.

Den Code, Mylady, schnarrte der Händler. Er liess ihre Hand wieder los.

Auf dem Terminal erschienen Zahlen von 0 bis 9.

Dominique schloss kurz die Augen. Mit der zwölfstelligen Zahlenkombination würde sie die Transaktion endgültig freigeben.

Worauf wartet Ihr?, fragte der Naruu fordernd und beäugte sie prüfend.

Sie schluckte leer. Nein, sie hatte keine andere Wahl. Mit zitternden Fingern tippte sie den Code ein.

Ein grünes Licht leuchtete auf. Die Transaktion war authentisiert. Innerhalb weniger Sekunden hatte sie ihr gesamtes Vermögen ausgegeben.

Nun noch die Brosche!

Das Blut hämmerte in ihren Ohren, als sie den Öffnungsmechanismus des Schmuckstücks betätigte und es dem Naruu aushändigte.

Gut, zischte Tussan. Nun zzzu meinem Teil desss Geschäftesss! Er drehte sich um und ergriff einen unscheinbaren Tiegel. Er war aus grauem, handgefertigtem Ton. Kurz öffnete er den Deckel und prüfte den Inhalt.

Vier Kapssseln EDEN. Viel Spasss damit, Mylady.

Vorsichtig ergriff sie den Tontiegel und öffnete ihn. Die vier durchsichtigen Kapseln lagen fein säuberlich aufgereiht auf einem Bett aus Watte. Der Inhalt leuchtete in einem satten, leicht phosphoreszierenden Blau.

D... darf ich?, stotterte Dominique.

In einer Minute ssseid Ihr drausssssen!, zischte die Echse und wandte sich von ihr ab.

Behutsam nahm sie eine der Kapseln heraus. Die Form erinnerte an einen Apfel. Sie presste den Stachel – den Stiel – an ihre Halsschlagader und löste die Hochdruckinjektion durch dreimaliges Antippen an der anderen Kapselseite aus. Mit einem leisen Zischen entlud sich der blaue Inhalt in ihren Blutkreislauf.

Sofort breitete sich wohlige Wärme aus. Zuerst im Hals, dann im Kopf und schliesslich im ganzen Körper. Auf ihrer Zunge manifestierte sich der süsse Geschmack von reifen Pfirsichen. Ein intensives Glücksgefühl durchströmte sie. Dominique konnte fühlen, wie das erquickende Elixier in ihrem Körper zirkulierte und ihr die verlorene Schönheit wiederschenkte.

William!

Nun war sie bereit, William zu treffen. Den Sternenprinzen, ihre grosse Liebe.

Sie drehte sich um – und blieb stehen, als ob sie gegen eine Wand gelaufen wäre. Vor ihr stand der in blaue Tücher gehüllte Verfolger. Dominique, von der Wirkung der Droge immer noch überwältigt, war unfähig, sich zu rühren. Doch auch ihr Widersacher schien sich plötzlich nicht mehr sicher zu sein, was er wollte, sondern starrte sie nur mit weit aufgerissenen Augen an. Zwei Sekunden verstrichen, dann fünf. Dann erst rührte sich der andere. Er packte sie am linken Oberarm und zog sie nach draussen.

Schnell, wir haben nicht viel Zeit! stiess er hervor, während er sie mit sich zerrte.

Dominique wusste nicht, wie ihr geschah. Eine dünne Stimme in ihrem Hinterkopf sagte ihr, dass sie in Gefahr war, doch der intensive Geschmack nach Pfirsichen liess sie schweben. Schwerelos und glücklich glitt sie neben dem Fremden her.

Plötzlich hielt der Mann an, blickte sich hastig um und stiess sie dann in einen leeren Marktstand. Sofort machte er sich an zwei Seilen zu schaffen, worauf schwere Tücher sich vor den Eingang schoben und diesen schlossen.

Dominique blieb unsicher stehen. Sie kämpfte gegen die betörende Wirkung der Droge. Nur langsam gelang es ihr, ihre Gedanken zu ordnen. Sie wich soweit vom Fremden zurück, wie es nur möglich war.

Er machte zwei Schritte auf sie zu und löste die Tücher, die er um seinen Kopf gewickelt gehabt hatte. Ein wirrer hellbrauner Schopf kam zum Vorschein, blasse Haut. Und das mit feinen Linien gezeichnete Gesicht eines Teenagers. Der Junge sah sie an, als ob er einen Geist sehen würde.

Grundgütiger!, sagte er und vergass, seinen Mund wieder zu schliessen.

Dominique schwankte. Sie fühlte, wie die ersten, so wunderbar vereinnahmenden Effekte von EDEN langsam nachliessen. Von der belebenden und Schönheit verleihenden Wirkung des Elixiers würde sie aber immer noch gute drei bis vier Tage zehren können.

Wer bist du?, fragte sie leise.

Der Fremde schaute sie nur schweigend an. Er liess seinen Blick über ihren Körper gleiten, jedoch lag keine Lüsternheit in seinen Augen, sondern … Bewunderung. Er blickte ihr wieder in die Augen, holte Luft, als ob er etwas sagen wollte, gab das Vorhaben dann aber wieder auf.

Kannst du sprechen?, fragte Dominique und lächelte sanft. So gefährlich wie die Situation noch vor zehn Minuten ausgesehen hatte, so unschuldig wirkte sie nun. Der Junge war vielleicht achtzehn, neunzehn Jahre alt, war etwa fünf Zentimeter grösser als Dominique und hatte immer noch ein wenig Babyspeck im Gesicht, doch man konnte bereits sehen, dass er in ein paar Jahren zu einem gut aussehenden Mann reifen würde.

Ich bin Slavo Gragin, stiess er endlich hervor.

Als er diese Hürde geschafft hatte, schien sich seine Starre zu lösen und die weiteren Worte sprudelten nur so aus ihm heraus. Es tut mir Leid, dass ich dich so einfach entführt habe, aber ich musste handeln. Ich habe gesehen, dass nach dir gefahndet wird. Nicht einfach die üblichen Sicherheitsbeamten, nein, ein Spezialteam aus dem Sternenpalast ist hinter dir her. Zufälligerweise bist du mir dann im Markt aufgefallen und ich habe beschlossen, dir zu helfen.

Sie suchen nach mir? Dominique hatte Mühe, sich auf das düstere Thema zu konzentrieren. Viel lieber hätte sie sich mit etwas schönem, aufregendem befasst. Doch die Bedrohung war real. Dominique holte Luft.

Sie dürfen mich unter keinen Umständen finden! Hörst du? Sie würden mir grossen Schaden zufügen!

Das würde ich nie zulassen, sagte Slavo Gragin, der sie immer noch anstarrte, als hätte er noch nie zuvor eine Frau gesehen. Wer bist du überhaupt?, fügte er scheu hinzu.

Ich bin Dominique Alvez. Ich arbeite im Sternenpalast.

Weshalb wirst du von deinen eigenen Leuten verfolgt?

Dominique schloss kurz die Augen. Nun musste sie die richtige Antwort geben, das spürte sie. Wenn wirklich nach ihr gefahndet wurde, so hatte ihr dieser Junge einen grossen Dienst erwiesen. Das hätte er aber nie gemacht, wenn er selber auf der Seite der Königstreuen stehen würde.

Weil ich es nicht mehr ausgehalten habe im Palast! Ich bin eine einfache Dienerin und lebe dort mit meiner Tante Monique. Es ist fürchterlich. Der Neffe des Sternenkönigs stellt mir ständig nach und droht mich zu töten, falls ich mich ihm nicht hingebe. Sie schaffte es, dass sich Tränenflüssigkeit in ihren Augen zu sammeln begann.

Es dauerte einen Moment, bis Slavo realisierte, was er soeben gehört hatte. Sein Gesicht verwandelte sich in eine Maske des Zorns.

Caranor! Dieser Hund! Er hat dich vergewaltigt? Dieses verdammte Schwein!

Der Junge hat den Köder geschluckt, dachte Dominique. Dann drohte ihr zumindest von ihm keine Gefahr mehr.

Hilfst du mir, von hier zu verschwinden, Slavo?

Wohin du willst, Dominique, antwortete er.

Ich muss wieder zurück in den Sternenpalast. Meine Tante Monique ist noch dort und wird grosse Probleme kriegen, wenn ich noch länger wegbleibe.

Slavo schaute sie verblüfft an. Zurück in den Sternenpalast? Aber dann wirst du doch in Schwierigkeiten geraten, nicht wahr? Die verfolgen dich sicher nicht grundlos! Er blickte sie einen Moment lang unschlüssig an, als ob er sich zu einer Entscheidung durchringen müsste. Du musst nicht zu Caranor zurückgehen, Dominique. Bleibe bei mir. Ich kann dich beschützen. Und deine Tante werden wir ebenfalls befreien!

Dominique schaute Slavo leicht amüsiert an. So, du willst mich also beschützen? Und ihr werdet Monique aus dem Sternenpalast befreien? Wer seid ihr denn?

Slavo trat nahe an Dominique heran, schaute sich kurz verstohlen um und flüsterte dann: Ich bin Teil einer riesigen Rebellenarmee, die sich THYDERY nennt. Wir operieren hier auf Terra mit dem Ziel, den Sternenpalast dem Erdboden gleichzumachen und die verdammte Caranor-Brut auszuräuchern! Bereits in einer Woche sollten wir soweit sein.

Dominique wich einen Schritt zurück. Was wollt ihr?, fragte sie erschrocken.

Wir wollen die Freiheit für die Menschen und anderen Wesen in der Milchstrasse. Für Thydery kämpfen Menschen, Etho-Terraner, Szuus, Naruus, Jarimis und noch viele andere Völker. Das Motto der Menschen bei THYDERY lautet Für die Menschheit, für die Galaxis, gegen Terra!

Aber ihr habt doch niemals eine Chance gegen die Terranische Sternenflotte!

Oh doch, wunderbare Dominique! Gerade weil wir im Vergleich kleiner sind, können wir sehr viel effektiver angreifen und das Reich dort treffen, wo es am meisten weh tut. In seinen Augen glomm ein Feuer, das ihr zeigte, dass der Junge mit Leib und Seele an das glaubte, was er erzählte. Wir werden dem Löwen den Kopf abschlagen!

Dominique benötigte ein paar Sekunden zum Überlegen. EDEN hatte sie zwar nicht mehr so stark im Griff wie noch vor ein paar Minuten, aber die Informationen, die sie soeben erhalten hatte, stellten plötzlich alles in ein neues Licht. Wenn diese Rebellen wirklich schon so stark waren, dass sie glaubten, den Sternenpalast einnehmen zu können, dann musste sie William dies mitteilen. Vielleicht konnten sie beide die Situation ausnutzen?

Dominiques Puls beschleunigte sich, als sie plötzlich eine Vision hatte.

William bereitete sich auf den Angriff der Rebellen vor, liess den Alten jedoch ins Messer laufen, um dann mit einem Schlag die Rebellion niederzuringen und den Thron des Sternenkönigs zu besteigen.

Dominique hätte dann bewiesen, dass sie an seine Seite gehörte, und würde zur Sternenkönigin. Die Aufregung breitete sich in warmen Wogen über ihren ganzen Körper aus. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie wäre am Ziel ihrer Träume!

Sie machte wieder einen Schritt auf den Rebellen zu.

Und du würdest mich dann befreien, Slavo?, hauchte sie ihm zu. Du bist ja so süss!

Slavo versteifte sich. Sichtlich nervös blieb er stehen, wusste nicht recht, was er tun oder sagen sollte.

Dominique schob sich noch ein wenig näher an ihn heran. Ich kann Tante Monique nicht alleine lassen, ich muss zu ihr zurück kehren. Aber da ich nun weiss, dass Eure Rebellenarmee Tüderü da draussen ist, werde ich voller Freude und Sehnsucht auf den Tag meiner Freiheit warten. Sie schob ihr Gesicht ganz nahe an dasjenige von Slavo heran. Ihre Körper berührten sich leicht.

THYDERY. So … heissen wir, flüsterte Slavo matt, offensichtlich überwältigt von Dominiques Nähe.

Dominique atmete ein und drückte mit ihrem Busen leicht gegen seine Brust. Habt ihr Verbindungsleute im Palast? Jemand, an den ich mich wenden kann um zu erfahren, wann ihr kommt?

Slavo konnte seine Erregung nicht länger verbergen und begann stärker zu atmen. Leider nicht. Die DataVis-Überwachung ist lückenlos im … Sternenpalast. Er schluckte.

Dominique lächelte verständnisvoll. Sie musste sich gar nicht gross verstellen. Dank EDEN fühlte sie sich unwiderstehlich erotisch und die schon fast hilflose Art dieses Jungen wirkte auf sie wie ein zusätzlicher Verstärker. Wie selbstverständlich wanderten ihre Hände um seinen Brustkorb und blieben unterhalb seiner Schulterblätter liegen. Dann warte ich einfach darauf, dass du mich retten kommst, mein junger Rebell...

Ihr Mund war beim Sprechen immer näher an seinen heran gekommen. Noch einen Augenblick verharrte sie so, dann liess sie ihn ihre Lippen ganz leicht spüren. Ein merkliches Zittern ging von ihm aus, das sie amüsierte. Unendlich langsam und zart umschloss sie seine Oberlippe. Endlich erwiderte er den Kuss, saugte ganz sanft und vorsichtig an ihren Lippen. Dominique schob sich noch enger an seinen Körper und spürte seine Erektion durch ihr dünnes Kleid.

Dominique fühlte sich wieder wie als Zwölfjährige, als sie Katto, den Sohn eines der Köche, in der Vorratskammer zum ersten Mal geküsst hatte.

Nun begannen auch seine Hände zu wandern, von ihrer schlanken Hüfte in ihr Kreuz und hinunter zu ihrem knackigen Po, auf den sie besonders stolz war.

Sie lächelte kurz und stiess mit ihrer Zunge zwischen seinen Lippen hindurch und schickte sie in seinem Mund auf Entdeckungsreise. Bald stiess sie mit seiner zusammen und sie gaben sich dem Tanz ihrer Zungen hin. Dominique wusste, dass er den Pfirsichgeschmack genauso stark wahrnehmen konnte wie sie.

Slavo küsste noch ein wenig überhastet und unkonventionell, doch er war ein gelehriger Schüler. Er rieb seine Hüfte gegen die ihre und begann leise zu stöhnen. Er würde wahrscheinlich innerhalb von ein, zwei Minuten kommen, wenn sie nicht etwas dagegen tat. Doch warum sollte sie? Sie hatte selber Spass dabei und warum nicht diesem Jungen ein Erlebnis bieten, das er wahrscheinlich nicht so schnell wiederholen konnte?

In diesem Moment hörte sie Stimmen von draussen. Jemand musste unmittelbar vor dem Marktstand stehen.

Hier irgendwo sind sie verschwunden, Sir, sagte eine gackernde Stimme, die zweifellos einem Jarimi gehören musste.

Dominique stiess Slavo von sich und deutete zu den Tüchern, die den Eingang verdeckten. Slavo benötigte ein paar Momente, bis er wieder in der Wirklichkeit angelangt war.

Bist du sicher?, fragte die harte Stimme eines Terraners kritisch.

Jawohl, Sir. Die Frau von ihrem Hologramm und einen in Tüchern gekleideten Terraner.

Dann wollen wir mal, sagte eine zweite terranische Stimme.

Schnell, hier hinunter, raunte Slavo. Er bückte sich und hob einen Teppich empor. Darunter kam eine Luke zum Vorschein. Mit einem Griff entriegelte der junge Rebell den Verschluss und öffnete die Luke. Treppenstufen wurden sichtbar, die ins Dunkle hinunterführten. Geh' du voraus. Ich muss hinter uns schliessen!

Ohne zu zögern sprang Dominique auf die erste Stufe und stieg dann vorsichtig in die Dunkelheit hinein. Slavo kam ihr nach, machte sich an der Luke zu schaffen und schloss sie leise. Schwärze hüllte sie ein.

Das war keine Sekunde zu früh gewesen, wie sich bald herausstellte. Dumpf drangen die Stimmen der drei Wesen zu ihnen. Der Jarimi zeigte sich äusserst entsetzt, dass sich niemand im Marktstand aufhielt.

Ich weiss nicht, ob sie die Luke unter dem Teppich finden werden, aber es ist sicherer, wenn wir so schnell wie möglich von hier verschwinden! flüsterte ihr Slavo aus dem Dunkeln zu.

Wo sind wir überhaupt?, fragte Dominique ebenso leise.

Der gesamte Marktplatz ist unterhöhlt. Vorratskeller und die Kanalisation wechseln sich ab. Etwas knackte leise, dann leuchtete eine kleine Lampe in Slavos Händen auf. Er beleuchtete die Treppe. Sie führte in einen niedrigen Gang.

Los, Dominique! Ich führe dich zur nächsten Rohrbahnstation! Damit ergriff er ihre Hand, schob sich vorbei und zog sie mit sich.

Etwa eine halbe Stunde waren sie durch dunkle, stinkende Gänge geeilt, bis sie an einer Tür angelangt waren, an der zwei Blitze prangten.

Hier ist ein Technikraum der Rohrbahn. Keine Angst, er ist leer. Durch ihn gelangst du direkt auf das Bahnperron.

Dominique ergriff Slavos Nacken, zog ihn zu sich und küsste ihn auf den Mund.

Nach etwa einer Minute löste sich Slavo von ihr. Sein Gesicht war im indirekten Licht der Lampe nur diffus zu sehen, doch sie glaubte, in seinem Augenwinkel ein schwaches Glitzern auszumachen.

Dominique, ich..., begann er und brach wieder ab. Offenbar fand er die richtigen Worte nicht.

Ja?, fragte Dominique sanft.

Ich liebe dich, Dominique.

Sie lächelte. Er war wirklich süss!

Ich weiss, Slavo. Sie küsste ihn abermals. Hör zu. Du musst mich warnen, bevor ihr den Palast stürmt. Könntest du das für meine Tante und mich tun?

Slavo nickte zögernd. Die Enttäuschung über ihren plötzlichen Themenwechsel war ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Wie können wir dies bewerkstelligen?

Ich werde mich in sechs Tagen kurz aus dem Palast schleichen und zur Rohrbahnstation gehen. Triff mich dort beim blinden Mann mit den Marionetten, der immer dort ist.

Wann?

Nachmittags um drei, sagte sie und dachte an William, der ihr bei diesem Ausflug würde helfen müssen. Es ging schliesslich um ihre gemeinsame Zukunft.

In Ordnung. Dann sollte ich auch wissen, wann wir angreifen werden.

Gut, mein junger Rebell. Ich werde auf dich warten!

Damit drehte sie sich um, öffnete die Tür und huschte in den angrenzenden Raum.

Der Junge tat ihr fast ein wenig Leid.

Sie musste zu William zurück.

Kapitel 4
Vergangenheit

1. Juli 510 NTZ

Jagomir?, fragte William vorsichtig, weil er den friedlichen Moment nicht zerstören wollte.

Ja, mein Freund?

Jagomir stand einige Schritte vor ihm auf dem kleinen Bootssteg, der auf den Vänernsee hinausführte. Er trug einen langen, mit kostbaren Stickereien verzierten Umhang, unter dem nur gerade die Sohlen seiner eleganten schwarzen Stiefel sichtbar waren. Er hielt ihm den Rücken zugewandt und blickte auf das absolut friedliche Bild, das sich vor ihren Augen darbot. Trotz der vorgerückten Stunde war die Sonne erst gerade untergegangen und tauchte den Horizont in die wunderbarsten, rot-orangen Farbtöne. Ein Schwarm Mücken tanzte über ihrem Hybridgleiter, der fest vertäut neben dem Steg leicht in kaum wahrnehmbaren Wellen schaukelte. Die Ruhe und Stille waren Balsam für seine in Aufruhr geratene Seele.

Weshalb bin ich, wie ich bin?

Bevor ich darauf antworten kann, musst du mir sagen, welches die Beweggründe für diese Frage sind.

William atmete tief ein. Das würde nicht einfach werden, das wusste er. Er konnte Jagomir nicht anlügen, hatte es noch nie gekonnt.

Ich bin verwirrt, Jagomir. Du hast mich so vieles gelehrt. Wichtige Dinge für mein Leben. Und auch wenn es mir schwer fällt, es zuzugeben: Auch Coupièr hat mir einiges beigebracht und einen Strategen und Kämpfer aus mir gemacht. Er hat mich gelehrt, die Hand zu führen, während du mir gezeigt hast, was ich mit meinem Geist alles bewegen kann.

So ist es, William. Worauf willst du hinaus?

Ich werde eure Ansprüche niemals erfüllen können. Es tut mir so Leid, aber in mir sind so viele andere Dinge, die in krassem Gegensatz zu euren Lehren stehen. Ich habe Angst vor dem Moment, an dem ich dich enttäuschen werde, Jagomir. Er keuchte. Angst davor, dir dabei in die Augen zu sehen, wenn du realisierst, dass dein Schüler versagt.

Er schluckte mühsam. Nun war es heraus. Das Gespenst, das ihn schon so viele Jahre geplagt hatte. Er hatte es beim Namen genannt. Bisher hatte er immer darauf gehofft, dass er eines Morgens als dieser perfekte zukünftige Herrscher aufwachen würde, zu dem ihn seine Ausbilder zu formen versuchten. Und stets war er nur wieder mit seinem eigenen Unvermögen konfrontiert worden.

Letzte Woche hatte Coupièr ihm mitgeteilt, dass seine Grundausbildung nun abgeschlossen sei und er sich auf dem Feld bewähren müsse. Als Beweis dieser Aussagen hatte er in Williams DataVis die Überrangsteuerung aktiviert, das mächtigsten Werkzeug, über welches sein Rechenverbund verfügte. Mit Hilfe der Überrangsteuerung war es ihm möglich, direkt auf die DataVis von allen terranischen Einheiten zuzugreifen, die einen niedrigeren Rang als er inne hatten, und sie unter seine Kontrolle zu bringen.

Es war am selben Tag seiner Beförderung zum General gewesen. Mit seinen fünfundzwanzig Jahren war er somit der jüngste terranische General aller Zeiten. Selbst sein Vater, Dorian von Caranor, war bereits dreissig Jahre alt gewesen, als er die Generalsinsignien an seiner Uniform anbringen durfte.

William hatte alle Eignungstests mit Bravour bestanden. Taktik, Führung im Kampf, xenobiologisches Wissen – überall hatte er brilliert. Besonders stolz war er aber auf sein Abschlussresultat in Kriegspsychologie. Da hatte er einen neuen Benchmark definiert, als er im Quervergleich mit seinem Vater ganze fünf Referenzpunkte mehr erzielt hatte.

Und doch blieben diese fürchterlichen Selbstzweifel bestehen.

Nicht nur wegen Coupièr und doch war vor allem er dafür verantwortlich gewesen, dass William immer wieder brutal hart auf dem Boden der Tatsachen gelandet war. Im direkten physischen und psychischen Duell mit Coupièr hatte er bisher nie auch nur annäherungsweise eine Chance gehabt. So einfach, wie es ihm fiel, sich in die Psyche eines Jarimi, eines Naruu, ja sogar eines Etho-Terraners zu versetzen, wenn Coupièr ins Spiel kam versagte er.

Jagomir hielt ihm immer noch den Rücken zugewandt, als ob er genau wissen würde, dass William noch nicht alles ausgesprochen hatte, das ihn beschäftigte.

Weshalb versage ich regelmässig, wenn ich mich mit Coupièr messe? Weshalb ist er so viel mächtiger als ich?

Nun drehte sich Jagomir um, die leichte Brise spielte in seinen schulterlangen, braunen Haaren. In seinen weisen Augen stand ein schon fast zärtliches Lächeln.

Stabsadjutant Coupièr ist in der Tat ein bemerkenswerter Mann. Doch im direkten Vergleich mit dir fehlt ihm etwas sehr entscheidendes, William: Deine spezielle Begabung, die dich zum perfekten Regenten machen wird.

Wovon sprichst du? Welches ist diese Begabung, die ich haben soll?

Empathie, William. Du hast ein ausserordentlich stark entwickeltes Verständnis für die Entitäten, mit denen du zu tun hast. Und genau darum geht es. Jagomir streckte die rechte Hand aus und formte sie so, als ob er darin eine Kugel halten würde. Als Sternenkönig musst du die Vereinigung, die Essenz all derjenigen Wesen sein, über die du herrschst, für die du aber auch verantwortlich bist. André Coupièr ist in seiner Person perfekt, aber er könnte niemals für alle Lebewesen in dieser Galaxis einstehen.

Aber das kann ich doch auch nicht. Du tust ja gerade so, als ob ich alle Wesen mögen würde. Aber ich kann Jarimi, Szuu und die anderen Insektoiden nicht ausstehen. Und ich hasse Ethos!

Oh, du musst sie ganz und gar nicht mögen, William. Es ist sogar von Vorteil, wenn dein Blick nicht durch unnötige Sympathien getrübt wird. Darin liegt eben auch der Unterschied zwischen Empathie und Sympathie. Entscheidend ist, dass du dich in die Lebewesen hineinversetzen, sie lesen kannst. Dann hast du Macht über jedes einzelne Individuum. Und über das ganze Volk.

William blickte über den See. Auf der Wasseroberfläche breiteten sich kreisförmige Wellen aus, wenn Fische nach den Mücken schnappten, die knapp über dem Wasser tanzten.

Wieviel zählt denn jedes einzelne Individuum?

Nur soviel, als dass es dem Zweck dienlich sein soll, William. Früher gab es – und einige Hinterwäldlerplaneten kennen es immer noch – ein politisches Prinzip, das Demokratie genannt wurde. Das bedeutet, dass jedes einzelne Wesen in der politischen Führung mitbestimmen kann. Du kannst dir selber ausrechnen, dass ein solcher Apparat viel zu schwerfällig ist, als dass er für eine dynamische Entwicklung ausgerichtet werden könnte. Zudem hat sich gezeigt, dass ein demokratischer Staat erst direkt angegriffen werden muss, bis er sich endlich zur Wehr setzt. Es ist genau so wie bei den Löwen, mein Freund: Es braucht ein starkes Individuum an der Spitze, das nicht nur seinen Kopf, sondern auch die nötigen Muskeln einsetzen kann.

Verwaschen stieg aus seiner Erinnerung das Bild seines Vaters auf, der ihm einmal etwas ähnliches über Terras Hirn und Muskeln gesagt hatte.

Jagomir, es ist nicht so, dass ich meine Aufgabe nicht begreifen würde. Ich verstehe meine – wie du sagst – Begabung auch als eine zusätzliche Waffe, die ich zu meinem und Terras Vorteil einsetzen kann. Das Problem ist nur … William zwang sich ruhig zu atmen. Jagomir war der einzige Mensch, mit dem er offen über Gefühle sprechen konnte und doch – oder vielleicht gar deswegen – hatte er Angst, dass er in den Augen seines Attachés und Freundes sinken, dass er ihn enttäuschen könnte.

Mein Problem ist nur, fuhr er fort, dass auch mein Vater mit diesem besonderen Einfühlungsvermögen ausgestattet war. Doch im Gegensatz zu mir war Vater ein starker, gradliniger Mensch mit Prinzipien, von denen er nicht abwich. Er war absolut kongruent in dem, was er sagte und tat. Die Menschen und Ausserirdischen haben ihm geglaubt und vertraut, selbst wenn sie auf der Seite des Gegners gestanden hatten. William seufzte.

Er saugte das friedliche Bild des Sees und der daran anstossenden Wälder in sich auf. Trotz des schwierigen Gesprächs fühlte er, dass es ihm Kraft gab. Ein etwa handflächengrosser Fisch sprang aus dem Wasser und klatschte zurück auf die Oberfläche. Offenbar wurde nicht nur Jagd auf Insekten, sondern auch auf andere Fische gemacht.

William runzelte die Stirn, kniff die Augen zusammen. Ich, auf der anderen Seite … kann meine Linie nicht finden. Ich fühle so viele verschiedene Seiten und Charakterzüge in mir, dass es mich selber erschreckt. Jagomir, ich habe keine Ahnung, wer ich bin und wohin ich gehe.

Er konnte nicht mehr weitersprechen. Seine Kehle war wie zugeschnürt und er hatte eine furchtbare Angst davor, dass er plötzlich anfangen könnte zu schluchzen. Er hatte seit dem Kerker nie mehr geweint und wollte dies unter allen Umständen auch so lassen.

William, sagte Jagomir sanft und lächelte, als William ihm direkt in sein vertrautes Gesicht mit den klaren blauen Augen blickte, die ihn so sehr an diejenigen seines Vaters erinnerten. Wie gerne hätte er seinen Mentor in diesem Moment umarmt. Doch das wäre ungebührlich gewesen. Jagomir legte grossen Wert darauf, dass sie den nötigen Abstand wahrten.

Du teilst ein Schicksal mit sehr vielen jungen Lebewesen, die dem Kindesalter entwachsen sind und ihren Platz im Leben suchen. Nur dass bei dir noch erschwerend hinzu kommt, dass du ein ausserordentlich talentierter Mensch bist und dies auch weisst. Aussergewöhnliche Talente bringen gleichzeitig auch eine grosse Verantwortung mit sich. Das fühlst du. Und das bringt dich in diesen fortwährenden Konflikt.

William ächzte innerlich. Sein Mentor präsentierte ihm den Ausweg aus der Diskussion auf dem Silbertablett. Doch so einfach war es leider nicht.

Ich gebe dir Recht wegen dieser Konfliktsituationen. Was mich aber … verunsichert, ist, wie sie sich … äh …

Du sprichst davon, welches Ventil du dir suchst, um die aufgestauten Emotionen wieder los zu werden, half ihm Jagomir. Du denkst an deine übersteigerte sexuelle Triebhaftigkeit, die Aggressionen... Wenn sich die aufgebauten Energien explosionsartig entladen. Dies, mein junger Sternenprinz, sind genau jene Momente, an denen sich die Kraft und die Leidenschaft des weissen Löwen in dir zeigen.

Jagomir legte sich beide Hände auf die Brust.

Ich weiss. Diese Situationen sind so erschreckend, wie sie aufregend, gewaltig und befreiend sind. Wenn man das Gefühl hat, dass man mit den eigenen Emotionen den Lauf der Welt verändern kann, weil sie so unglaublich stark und zielgerichtet sind, sagte Jagomir leidenschaftlich. Seine Augen strahlten dabei wie die eines Zwanzigjährigen.

Akzeptiere, dass es ein Teil deiner selbst ist, der sich da zeigt. Zwar in vielen Belangen ein dunkler, aber auch ein ungeheuer mächtiger Aspekt deiner Existenz, William. Er holte kurz Luft. Verstehst du? Diese Momente sind enorm wichtig für dich. Nutze sie, denn in ihnen kannst du nicht nur auf die Urkraft des weissen Löwen zugreifen, sondern auch den ganzen seelischen Ballast abwerfen, der sich aufgestaut hat. Deshalb ist es wichtig, dass du den weissen Löwen weiterhin zum Brüllen bringst!

William stand erstarrt da. Er konnte das soeben Gehörte nur ansatzweise verarbeiten.

Du bist der Meinung, dass diese Momente nicht unbedingt negativ, ja sogar wichtig für mich sind?

Jagomir sah ihn unvermittelt Ernst an.

Absolut, William. Es ist eine meiner wichtigsten Aufgaben, dir dies beizubringen.

William starrte ihn an. In ihm stieg die dunkle Ahnung empor, dass sich der heutige Tage als einer der wichtigsten seiner gesamten Ausbildungszeit erweisen mochte. Viele dunkle Gedanken, die immer wie ein drohendes Damoklesschwert über seiner Existenz gehangen hatten, plötzlich machten sie Sinn. Oder sie schienen es auf jeden Fall – er würde sich die DataVis-Aufzeichnung dieses Gesprächs wahrscheinlich noch mehrere Male ansehen, um Jagomirs Worte wirklich begreifen zu können.

Und nun, mein junger Freund, fuhr Jagomir nach einer kurzen Pause fort, wirst du den Gleiter nehmen und zurück nach Caranor-City fliegen. Der Sternenkönig erwartet dich im Taktikum. Es wird Zeit, dass du in das Spiel der Mächte eingreifst.

Und du?

Jagomir lächelte, wandte sich von ihm ab und ging die paar Schritte zum Ende des Bootsstegs. Ich werde noch ein wenig diesen wunderbaren Flecken skandinavischer Natur geniessen.

Aber wir sehen uns wieder, Jagomir?

Jagomir drehte sich halb um und blickte zurück. Aber sicher. Doch von nun an wirst du derjenige sein, der agiert. Ich werde im Hintergrund bleiben und dir ab und zu einen Rat geben, wie ich es immer schon gemacht habe.

William schluckte.

Gehe deinen Weg, William. Er wird von einem grossen Verständnis für die Zusammenhänge gekennzeichnet sein. Aber auch von Härte, denn ein solch gewaltiges Sternenreich kann man nur mit der nötigen Bestimmtheit führen.

William stand einfach nur da.

Verdammt, Will! Begreifst du denn nicht? Deine Zeit ist angebrochen! Das Warten, Üben und Philosophieren über theoretische Inhalte ist vorbei. Und nun bewege etwas! Los!

Mechanisch drehte sich William um und ging zum Gleiter. Er spürte, dass soeben etwas zu Ende gegangen war.

Und etwas Neues begann.

Kapitel 5
Gegenwart

13. März 523 NTZ

Jetzt noch einmal der Reihe nach, sagte André Coupièr gefährlich leise und beugte sich ein Stück weit vor. Monique Alvez wich dieselbe Distanz ängstlich zurück.

Ich... ich weiss wirklich nichts, Stabsadjutant Coupièr! Wir haben zusammen gefrühstückt. Es war alles ganz normal. Wir haben uns dabei so nett unterhalten. Danach ist sie in den Palastgarten spazieren gegangen. Wie jeden Morgen. Monique Alvez sprach zu schnell und zu schrill für André Coupièrs Ohren.

Ich warne dich, Dienerin, sagte er mit der ihm eigenen harten und dennoch aalglatten Stimme. Es wäre für mich ein Leichtes, alles nachzuprüfen. Wenn ich auch nur die Spur eines Verdachts habe, dass du mich anlügst, werde ich deinen DataVis bis in die hintersten Ecken seiner Speicherräume analysieren lassen und dann gnade dir Wer-auch-immer, falls ich etwas finden sollte.

Monique wich einen weiteren Schritt zurück. Aus ihrem runden Gesicht war alle Farbe gewichen. Abwehrend hob sie eine Hand.

Bitte, Stabsadjutant. Habt Erbarmen mit einer alten Dienstmagd, die dem Regenten immer treu gedient hat! Ich habe mich vorhin vielleicht ein wenig unglücklich ausgedrückt, sprudelte es aus ihr heraus. Wir hatten einen Streit heute Morgen. Wegen ihrem Aussehen. Weil sie alles so in sich hineinstopft. Das Essen, meine ich. Das ist doch nicht gesund und der edle Sternenprinz will doch sicher auch etwas hübsches zur Seite gestellt haben und nicht so einen Rumpel! Sie schaffte es, zwei Tränen herauszudrücken und schnäuzte sich dann ausgiebig.

Schluss mit dem Theater!, knurrte Coupièr. Was ist dann passiert?

Keine Ahnung. Ich schwöre es!, fügte sie noch schnell hinzu. Falls ich etwas wüsste, würde ich es Ihnen sofort sagen, glauben Sie mir! Sie rannte aus dem Garten. Das muss so etwa um neun Uhr gewesen sein. Seither habe ich sie nicht mehr gesehen. Am Mittag habe ich mir dann Sorgen gemacht und bin sie suchen gegangen, doch sie war nicht auffindbar.

Und weshalb hast du nicht sofort Alarm geschlagen, Dienerin?, fragte Coupièr lauernd.

Ich … äh. Ich habe gehört, dass seine Exzellenz, William von Caranor, in den Sternenpalast zurückgekehrt ist. Da habe ich angenommen, dass sie bei ihm sei... Ach, Sie wissen doch, wie die jungen Leute so sind, mein Stabsadjutant. Wenn sie sich einige Zeit nicht gesehen haben. Da staut sich so einiges auf... Bei den letzten Worten hatte ihre Stimme einen leiseren, verschwörerischen Tonfall angenommen.

Coupièr blickte sie vernichtend an. Da bist du bei mir an der falschen Adresse. Wenn du dich noch einmal im Ton vergreifst, wenn du mit mir sprichst, lasse ich dich hälften. Ist dies klar?

Monique griff sich mit beiden Händen an den Hals und nickte dann. Angstschweiss stand auf ihrer Stirn.

Was kannst du mir sonst noch über Dominique Alvez sagen, was ich nicht schon weiss? Mit wem traf sie sich? Hatte sie neben dem Thronfolger noch andere Liebhaber?

Bewahre!, schrillte Monique erschrocken. Seine Exzellenz, der Sternenprinz, hat alles, was eine schöne Frau wie Dominique glücklich machen kann. Selbstverständlich hatte und brauchte sie keinen anderen … äh … Liebhaber.

Du stellst meine Geduld auf eine harte Probe, Dienstmagd!, knurrte Coupièr. Du sollst keine Wahlreden abhalten – weder auf Dominique Alvez noch auf den Thronfolger – sondern mir die Wahrheit sagen. Unverfälscht! Ist das klar?

Monique nickte hastig. Völlig, mein Stabsadjutant! Aber ich sage die Wahrheit. Sie hatte sonst niemanden. Als ihr einmal ein junger Systemtechniker nachstellte, liess sie ihn ganz klar abblitzen. Nein, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind: Dominique ist ein gutes Kind. Eine gute Frau, meine ich selbstverständlich.

Coupièr kniff die Augen zusammen. Ein junger Systemtechniker. Soso. Wie hiess er?

Monique hob ergriffen die Arme und schüttelte bedauernd den Kopf. Das weiss ich leider nicht. Sie wollte es mir nicht sagen. Als ich ihr dann gedroht hatte, ihn wegen Belästigung anzuzeigen, hat sie mir versichert, dass er ihr nicht zu nahe gekommen war und sie ihn nicht mehr sehen würde. Da liess ich es darauf bewenden. Sie blickte theatralisch gegen die Decke und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Ach, weshalb bin ich nur immer so gutmütig! Da hätte ich wichtige Informationen für den Stabsadjutanten und ich habe diese Sache nicht weiter verfolgt. Ich Dummchen, ich!

Coupièr seufzte. Hast du ihn wenigstens einmal gesehen?

Ja!, sagte Monique stolz. Sie hatten sich einmal im Palastgarten getroffen (bevor sie versprochen hatte, ihn nicht mehr zu sehen, selbstverständlich). Da habe ich mich wie eine Katze angeschlichen und mich hinter einem Baum versteckt. Leider, leider hat mein DataVis keine Visio-Optimierung und so konnte ich ihn nicht genau sehen. Aber ich würde ihn bestimmt wiedererkennen!

Das werden wir ja sehen. Mitkommen!, befahl André Coupièr hart. Er dirigierte Monique zum Mätressenhaus hinaus, zum Nordeingang des Palastes. Dort führte er sie in den technischen Bereich, wo sich Labor an Labor anschloss. Als Monique auf dem Gang stehen blieb, stiess er sie erbarmungslos in den Rücken, sodass sie in ein Labor hineinstolperte.

Was, was ist hier drin, Stabsadjutant?, fragte sie zitternd.

Ach, sagte Coupièr ruhig. Es gab einen überraschenden Todesfall eines jungen Systemtechnikers. Wäre in ein paar Tagen 24 Jahre alt geworden. Kerngesund. Bis auf eine kleine Phobie jedenfalls.

Coupièr stiess Monique durch das Labor. Im hinteren Teil des Raumes lagen ein paar Instrumente am Boden verstreut. Aber, fügte er unheilschwanger hinzu, haben wir nicht alle die eine oder andere Phobie? Damit packte er sie am Genick und präsentierte ihr die Leiche von L’amir Dukic.

Der Junge lag gekrümmt am Boden, die Hände in den Brustbereich seiner Kombination verkrallt, die Augen weit aufgerissen, der Mund zu einem stummen Schrei geöffnet. Monique stiess einen schrillen Schrei aus und wollte sich abwenden, doch Coupièrs Griff war unerbittlich.

War dies derjenige, den du im Park gesehen hast?, fragte er.

Jaja, beeilte sich Monique zu antworten. Unzweifelhaft.

Gut, sagte Coupièr, entliess sie aus seinem Griff und nestelte sich ein Taschentuch aus einer Tasche seiner Uniform. Das wäre dann alles. Du kannst verfügen, Dienerin!

Monique wollte seinem Befehl schon Folge leisten, als sie auf halbem Weg stehen blieb und sich nochmals umwandte. Mit Verlaub, Stabsadjutant Coupièr. Was soll das alles bedeuten und was passiert nun mit Dominique? Ist sie in Schwierigkeiten?

Coupièr sah sie einen Moment lang prüfend an. Sie hat sich ohne korrekte Abmeldung aus dem Palast entfernt, sagte er dann langsam. Sie ist definitiv in Schwierigkeiten. Wie gravierend diese sind, kann ich im Augenblick nicht sagen. Das wirst du früh genug erfahren, Monique Alvez. Er betonte ihren Familiennamen überaus scharf und sie zuckte unweigerlich zusammen.

Sehr wohl, Stabsadjutant, hauchte sie eingeschüchtert, deutete eine kurze Verbeugung an und beeilte sich, aus seiner Nähe zu kommen.

André Coupièr sah auf die Leiche hinunter.

Die Analyse des DataVis hatte erstaunliche Resultate geliefert. William von Caranor war in der Handhabung seines DataVis bereits eine Stufe weiter, als Coupièr angenommen hatte.

Sieht fast so aus, murmelte er, als ob mein Läufer die Fähigkeiten einer Dame entwickelt hätte. Interessant.

Dank der Rohrbahn war Dominique innert Minuten wieder bis kurz vor den Palast gelangt. Kein Vergleich zum beschwerlichen Fussmarsch am Morgen.

Die beiden bewaffneten Wachen am Hintereingang kannten sie und erkundigten sich freundlich nach ihrem Befinden, während sie den ID-Check routiniert vornahmen.

Als sie den Durchgang freigaben, atmete Dominique erleichtert auf. Auf dem Weg hierher war sie unruhig geworden. Obwohl EDEN immer noch in ihren Adern pulsierte und wohltuende Impulse aussandte, hatte sie wegen ihrem Ausflug ein sehr schlechtes Gefühl. Erst im Nachhinein war ihr bewusst geworden, dass nach ihr gefahndet worden war und was das für sie bedeuten konnte.

Via Palastkom versuchte sie, eine Verbindung mit L’amir Dukic zu erhalten, doch die Anrufe blieben unbeantwortet. Kalter Angstschweiss trat auf ihre Stirn. Das war nun eine sehr schlechte Entwicklung für Dominique!

Dukic musste unbedingt die Manipulation an ihrem DataVis wieder rückgängig machen, sonst war sie schon bald in den allergrössten Schwierigkeiten. Bisher war sie davon ausgegangen, dass es sich bei den beiden Männern, die sie auf dem Markt verfolgt hatten, um Mitglieder von Williams Entourage gehandelt hatte. Deswegen hoffte sie, dass nur der Thronfolger von ihrem Verschwinden etwas mitbekommen hatte.

Doch wenn nun das Palastsystem einen Sicherheitsalarm auslösen sollte, weil sie sich mit keiner gültigen DataVis-Kennung im Palast aufhielt, würde das unweigerlich Coupièr höchstpersönlich auf den Plan rufen.

Dominique beschloss, in ihre Räumlichkeiten zurück zu kehren, um von da aus einen erneuten Kontaktversuch mit L’amir zu unternehmen. Falls dies weiterhin erfolglos bleiben sollte, dann musste sie sich an William wenden und ihm alles erzählen, denn dann war er der einzige, der ihr noch helfen konnte.

Sie rannte auf dem schnellsten Weg zurück ins Mätressenhaus und war froh, als sich die schwere Tür des Haupteingangs hinter ihr schloss.

Noch bevor sie die Treppe zu ihren Räumen erklimmen konnte, hörte sie auch schon die ängstliche Stimme von Tante Monique.

Bist du das, Dominique?, kam es von oben.

Dominique stöhnte unterdrückt. Eine Auseinandersetzung mit der alten Giftspritze – genau das hatte ihr noch gefehlt!

Ja, ich bin’s, rief sie zurück. Ich muss aber gleich wieder los!

Die Tür zu der Wohnung ihrer Tante flog auf und eine wutentbrannte Monique tauchte auf. Ihr Gesicht war stark gerötet, ihre Augen aufgequollen. Nirgendwohin wirst du gehen, du kleine Schlampe!, schrillte sie und ihre Stimme überschlug sich mehrmals. Schneller, als Dominique es ihr zugetraut hätte, rannte sie auf ihren kurzen Beinen zur Treppe. Ihre lächerlich kleinen Schuhe mit den harten Absätzen trommelten die Treppenstufen herunter und auf Dominique zu.

Du undankbares Ding!, schrie sie aus vollem Halse und schlug – ausser sich vor Wut – auf ihre Nichte ein. Du verdammtes undankbares Ding!

Im ersten Moment wusste Dominique nicht, wie ihr geschah. Dann schlug sie ihrer Tante zweimal mit der Hand mitten ins Gesicht und drückte sie mit aller Kraft zurück. Monique kam ins Stolpern und fiel hintenüber.

Fassungslos blickte sie zu Dominique auf. Du... du..., stammelte sie, du hast alles zerstört! Nun werden wir aus dem Palast geworfen. Oder vielleicht noch schlimmer! Vielleicht werde ich gehälftet! Grundgütiger! Ich muss wahrscheinlich sterben! Sie presste sich die Hände auf ihren Mund. Ein hysterischer Weinkrampf schüttelte sie durch.

So lächerlich und skurril diese Szene auch war, sie schnürte Dominique trotzdem die Kehle zu. Abwechselnd wurde ihr heiss und kalt. Nun konnte sie ihre Augen nicht mehr vor der Tatsache verschliessen, dass etwas sehr negatives passiert sein musste. Nur was? Dominique hoffte inständig, dass Moniques Zustand auf Williams Konto ging und nicht auf dasjenige von …

Da ist sie ja, die kleine Ausreisserin, sagte eine höhnische, aalglatte Stimme hinter ihr.

Von einem Moment auf den anderen wusste Dominique, dass sie verloren hatte. Dass der rettende Strohhalm, an dem sie sich krampfhaft festgehalten hatte, niemals existiert hatte. Kraftlos liess sie die Schultern sinken.

Stabsadjutant Coupièr, ich habe sie daran gehindert, wieder zu verschwinden!, beeilte sich Monique zu sagen und erhob sich mit fahrigen Bewegungen.

André Coupièr schloss die schwere Eingangstür und ging dann langsam um Dominique herum, die nicht fähig war, sich zu rühren. Sie wusste von William, wozu dieser Mann fähig war.

Die schöne Dominique, sagte Coupièr langsam und trat nahe an sie heran. Wo hat sie sich denn herumgetrieben?

Er hob seine gepflegten, feingliedrigen Hände und ergriff sanft ihren Kopf. Langsam führte er ihn näher an sich heran, als ob er sie küssen wollte. Doch ihre Lippen berührten sich nicht. Stattdessen schloss er seine Augen. Genüsslich sog er die Luft durch die Nase ein. Sein Gesicht verklärte sich.

Ahhh, sagte er. Pfirsiche. Reife, zuckersüsse Pfirsiche!

Was? Was bedeutet das?, fragte die schrille Stimme von Tante Monique aus dem Hintergrund.

Das bedeutet, sagte Coupièr und öffnete seine Augen, aus denen die klirrende Kälte des Weltalls zu dringen schien, dass die Delinquentin sich bei ihrem unerlaubten Ausflug Rauschgift gekauft hat.

Monique stiess einen spitzen Schrei aus. Das kann nicht sein, Stabsadjutant. Sie weiss, dass es Palastmitgliedern nicht erlaubt ist...

Coupièr wirbelte herum, liess dabei jedoch eine Hand an Dominiques Kehle, mit der anderen zeigte er wütend auf Monique. Schweig, Dienerin!, zischte er. Wenn dir dein Leben lieb ist: Schweig!

Die entsetzte Monique machte ein paar schnelle Schritte rückwärts und nickte hastig. Sie schien seine Warnung Ernst zu nehmen.

Gut. André Coupièr wendete sich wieder Dominique zu. Nun zu dir, mein EDEN-Engelchen, sagte er und hüstelte belustigt, scheinbar amüsiert über sein christliches Wortspiel. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?

Dominique schluckte.

William hat meine Rationen verringert, sagte sie zögernd. Ich musste mir zusätzliches Elixier kaufen gehen. Er hätte sonst das Interesse an mir verloren! Eine Träne stahl sich in ihren rechten Augenwinkel und kullerte die Wange hinunter. William hatte ihr eingebläut, immer vor Coupièr auf der Hut zu sein. Nun war alles verloren.

Das weiss ich, knurrte Coupièr. Da musst du mir etwas besseres anbieten.

Dominique fühlte Übelkeit in sich aufsteigen. Coupièr hatte davon gewusst? Aber wie? Und vor allem: Was wollte er von ihr hören?

Wie hast du dich aus dem Palast geschlichen?

Dominique schwieg. Sie durfte den jungen Techniker nicht verraten, der ihr geholfen hatte.

Coupièr sah sie prüfend an. Dann kniff er die Augen halb zusammen und verstärkte den Druck seiner linken Hand um ihren Hals.

Wie, wiederholte er, jedes Wort betonend, hast du dich aus dem Palast geschlichen?

Dominique wurde es kurz schwarz vor den Augen. Blutleere.

Ein junger Systemtechniker hat mir geholfen. Keine Ahnung, wie er es gemacht hat, sagte sie leise. Sein Name ist L’amir Dukic.

Ich weiss, sagte Coupièr. Er ist tot. Ein gemeinsamer Bekannter von uns hat ihn beim Verhör etwas zu hart rangenommen. Oder sagen wir einfach, er hat nun endgültig für dich sein Herz verloren. Er lachte humorlos.

Dominique schaute ihn mit offenem Mund an. L’amir war tot? William hatte ihn...? Nein, das konnte nicht sein. Durfte nicht sein!

Aber das reicht mir noch nicht! Coupièr verstärkte den Druck um ihren Hals weiter.

Sie schluckte mühsam. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Wirbelten wild durcheinander. Endlich gelang es ihr, einen festzuhalten.

THYDERY, sagte sie.

Coupièrs rechte Augenbraue stieg überrascht in die Höhe. Gleichzeitig wurde der Griff um ihren Hals merklich schwächer.

Was hast du gesagt?

So hat der Junge, den ich auf dem Markt getroffen habe, die Organisation genannt, für die er angeheuert war. Er nannte es eine Rebellenarmee.

Erzähl, sagte Coupièr interessiert.

Ein Junge, wahrscheinlich nicht einmal zwanzig, hat mir auf dem Markt geholfen, unentdeckt zu bleiben. Sein Name ist Slavo Gragin. Er sagte, dass er einer Rebellenorganisation mit dem Namen THYDERY angehört. Und dass sie einen Angriff auf den Sternenpalast planen.

Der Leiter des königlichen Geheimdienstes liess Dominique los und pfiff durch die Zähne.

Schau an, schau an, was das Vögelchen mir heut’ singt!, sagte er und seine Augen leuchteten düster. Was für ein Liedchen kennt es denn noch?

Er hat mir nur noch verraten, dass sie keine Verbindung in den Sternenpalast haben. Sie überlegte kurz. Und dass er mich retten will.

Was du nicht sagst, spottete Coupièr. Wann soll dieser Angriff stattfinden?

Das konnte er mir nicht genau sagen. In den nächsten Tagen, vielleicht erst in einer Woche.

Nun gut. Ich werde die automatische Aufzeichnung deines DataVis benötigen... Na, hallo! Wir kriegen Besuch. Ist das aber eine nette Überraschung!

Wer ist es?, fragte Dominique tonlos.

Seine Exzellenz der Sternenprinz ist auf dem Weg hierher!, sagte Coupièr mit gespielter Heiterkeit. Das wird nun sehr interessant werden!

Dominique schloss die Augen.

Nicht, dachte sie.

Kapitel 6
Vergangenheit

11. November 521 NTZ

Das Spiegelkabinett.

Er war wieder zurück. Wohin er auch sah, sein eigenes schreckerfülltes Gesicht blickte zurück.

Wo ist er? hallte Coupièrs Stimme durch die Kerkerzelle. Wo ist er hin? Sieht er ihn? Ein meckerndes Lachen.

Er wirbelte herum und konnte gerade noch dem Schlagstock ausweichen, den Coupièr in seine Richtung geschwungen hatte.

Viel zu langsam ist er, viel zu langsam!, höhnte Coupièr. Bald kommt der Prrrtak, dann ist’s aber wirklich Gute Nacht für das Sternenprinzchen!

William machte eine verzweifelte Angriffsbewegung, kriegte tatsächlich den Schlagstock zu fassen und riss ihn aus Coupièrs Hand. Doch als er sich wieder zu seinem Gegner gedreht hatte, war dieser verschwunden. In Luft aufgelöst. Doch Coupièr war es diesmal nicht, der ihm Angst machte.

Gehetzt blickte er sich um. Wo war der Prrrtak? Er wusste, dass der Prrrtak kommen und Vergeltung nehmen würde, für das, was William ihm angetan hatte.

Doch statt dem Prrrtak-typischen Klacken drang ein schwacher Sprechgesang an sein Ohr.

Anui-za-anuk!, erklang es aus Tausenden von Kehlen. Anui-za-anuk! Anui-za-anuk! Anui-za-anuk!

William keuchte. Er kannte diesen Singsang. Senzia!

Der Sprechgesang wurde lauter und schon krabbelten Dutzende von Zurain aus dem Loch in der Mitte des Kerkers. Diese Witzfiguren des Planeten Senzia mit ihren Kugelköpfen und den lächerlichen Segelohren. Doch diesmal sahen sie gefährlich aus. In ihren riesigen dunklen Augen stand der blanke Hass geschrieben. Sie kreisten ihn ein. Aus ihren lippenlosen Mündern mit ihren spitzen Zähnchen drang immer noch derselbe monotone Sprechgesang. Anui-za-anuk! Anui-za-anuk! Anui-za-anuk! Anui-za-anuk!

William schrie und schlug auf den ersten Zurain ein. Sein Schädel zerplatzte wie ein reifer Kürbis. Noch ein Schlag. Und noch einer. Das gelbe Zurainblut spritzte in alle Richtungen und William schlug wie im Wahn weiter auf die umherwieselnden Gestalten ein.

Anui-za-anuk! Anui-za-anuk! Anui-za-anuk! Anui-za-anuk!

Da wurde plötzlich ein grosses, unförmiges Ding aus dem Loch emporgehoben. Eine Sänfte, auf der ein in groteske Gewänder gehüllter Zurain thronte. Der Gottkaiser.

Die Bombe, dachte William. Ich muss sofort meinen Schutzschirm einschalten! Doch der Robot, der den schweren Schutzschirmgenerator trug, war nicht anwesend. Er musste sofort fliehen!

William drehte sich um und schlug mit dem Stock auf den nächst gelegenen Spiegel ein. Zwei, drei Mal, mit aller ihm zur Verfügung stehender Kraft. Mit einem hässlichen Knacken zerbrach der Schlagstock in zwei Teile.

William schrie erschrocken auf und wendete sich wieder dem Gottkaiser auf seiner Sänfte zu. Anui-za-anuk!, schrie dieser und drückte am Holzrahmen der Sänfte auf einen Knopf.

Die Explosion fegte William von den Beinen. Er krachte gegen die Spiegelwand und rutschte zu Boden. Dicker Rauch breitete sich in der Kerkerzelle aus. William wollte sich erheben, doch er konnte nicht. Er... Entsetzt blickte er auf seine Armstümpfe. Wo waren seine Arme? Wilde Panik nahm Besitz von ihm.

Halt! Er musste sich beruhigen! Mühsam versuchte er ruhig zu atmen.

Da erklang ein leises, klackendes Geräusch. Und Schritte.

Aus dem Rauch schälte sich der riesige Körper des Prrrtak. Seine Maulscheren öffneten und schlossen sich gierig. Zitternde dünne Schleimfäden hingen daran. Der riesige Insektoide beugte sich über ihn.

William schrie. Verzweifelt und unmenschlich.

Schschsch, mein Lieber, sagte Dominique leise und nahm sein Gesicht sanft in ihre Hände. Du hast wieder einen dieser Alpträume gehabt.

William benötigte ein paar Augenblicke, bis ihn sein Gehirn davon überzeugt hatte, dass es wirklich nur ein Alptraum gewesen war. Er hustete kehlig, blickte Dominique erstaunt an. Wie wunderschön sie doch war. Die haselnussbraune Haut, das wilde schwarze Haar und diese wunderbaren nachtschwarzen Augen, die einen einhüllten und verschluckten.

Oh, mein armer Schatz, sagte sie mitfühlend und umarmte ihn. Er fühlte ihren warmen Körper an seiner mit kaltem Angstschweiss bedeckten Haut. Sie duftete herrlich.

Sanft wiegte sie ihn in seinen Armen und streichelte seine Haare. Dabei summte sie ein Lied, an dessen Melodie er sich zu erinnern glaubte. Er hatte sie in seiner Kindheit gehört. Von seiner Mutter oder einem Dienstmädchen? Er konnte sich nicht mehr erinnern, doch das war auch nicht wichtig. Ein neues Gefühl breitete sich in ihm aus, das er nicht genau definieren konnte. Warm und betörend breitete es sich vom Bauch in den ganzen Körper aus.

War es wieder der Kerker?, fragte Dominique sanft.

Ja, antwortete William leise. Er wollte eigentlich gar nicht daran zurück erinnert werden, sondern sich nur dem Gefühl hingeben, das ihn durchströmte. Aber diesmal war etwas anders. Senzia.

Senzia?, fragte Dominique.

Eine Welt, die zum Terranischen Reich gehört. Die Hauptstadt heisst Wereng, die Einheimischen Zurain. Vor drei Jahren war ich dort, um den Ausbau eines Flottenstützpunktes in die Wege zu leiten. Ein Attentat wurde auf mich verübt.

Ein Attentat?, hauchte Dominique erschrocken.

Verwundert registrierte William, dass er Dominique nicht nur alles erzählte, sondern dass dies für ihn wunderbar befreiend wirkte, wie wenn sie ihm dadurch eine grosse Last von den Schultern nehmen könnte.

Der Anführer der Zurain hatte in seiner Sänfte einen Sprengsatz mitgeführt und ihn gezündet, als wir die offiziellen Verhandlungen abhielten. Es gab neun Tote, zwölf Verletzte. Ich blieb als einziger unbeschadet, da ich einen Roboter mit Schutzschirmgenerator mitgeführt hatte.

Er erwiderte die Umarmung. Fühlte sich ruhig und beschützt.

Ich verstehe, dass dich diese Toten noch beschäftigen.

Das ist es nicht, mein Engel. Es ist mehr das, was wir danach gemacht haben. Wir liessen für jeden toten und verletzten Terraner zwei Handvoll – bei Zurain waren dies je vier – der Einheimischen hinrichten.

Dominique löste sich kurz von ihm, blickte ihm betroffen in die Augen und umarmte ihn dann wieder. Der Krieg ist grausam, flüsterte sie.

Und gerade deswegen muss man hart bleiben und darf solches Verhalten nicht dulden, antwortete William düster. Die Zurain wussten, dass Vergeltung drohen würde und doch haben sie das Attentat verübt. Es blieb uns gar nichts anderes übrig. Wir mussten ihnen zeigen, dass wir Ungehorsam nicht dulden.

Er vergrub sein Gesicht in ihren schwarzen Locken und atmete den wunderbaren Duft ihrer Haare ein.

Was beschäftigt dich denn so, wenn es nicht das Leben der Einheimischen war?, murmelte Dominique.

William lächelte. Dominique war um einiges klüger als die anderen Mätressen, die er bisher gehabt hatte.

Unsere Soldaten. Wir hätten Roboter für die Hinrichtung nehmen sollen. Nicht alle waren für diesen Moment bereit gewesen. Er streichelte ihr mit den Fingerkuppen seiner rechten Hand über ihren Rücken. Fühlte jede einzelne Erhebung ihrer Wirbelsäule.

Ich beobachtete eine junge Soldatin mit rotblonden Haaren. Sie hat ihre acht Zurain ohne Widerstand zu leisten erschossen. Erst mit der Zoomfunktion meines DataVis habe ich gesehen, dass sie dabei geweint hat.

Er presste sich noch enger an Dominiques heissen Körper.

Seither bringe ich diese Tränen nicht mehr aus meinem Gedächtnis. Genau so wie ich immer noch den ersten Schlag auf den Chitinschädel des Prrrtak fühle, der diese kleine Delle hinterliess. Ein trockenes Schluchzen kam aus seiner Kehle. Doch er schämte sich nicht, sondern war froh, dass Dominique in seiner Nähe war.

Ich verstehe, mein Schatz, flüsterte sie und wiegte ihn wieder sanft hin und her.

William betrachtete die schlafende Dominique, zeichnete mit seinen Fingerkuppen die Züge ihres Gesichtes nach. Manche seiner Mätressen sahen beim Schlafen wie kleine Engel aus. Als ob sie an einem wunderschönen Ort wären – auf einer exotischen Welt oder zurück in der Zeit ihrer Kindheit.

Nicht so Dominique. Was immer sie im Schlaf beschäftigte, es konnte nichts Gutes sein. Der Mund schien im Gewahren von etwas Unangenehmen erstarrt. Scharfe Linien zogen sich zu den heruntergezogenen Mundwinkeln und verrieten die im Traum gelebte Gram. Dafür waren die so wunderbar geschwungenen Lippen leicht geöffnet und ihr Atem, nach einer Mischung aus Pfirsich und den beim Liebesspiel verzehrten Erdbeeren duftend, liess eine Locke ihrer schwarzen Mähne in regelmässigen Abständen sanft über seine glatt rasierte Brust streichen.

Er hätte sie stundenlang betrachten können. Was vorhin geschehen war – er konnte es noch nicht genau einordnen. Noch nie hatte er sich in der Gegenwart einer Mätresse so gefühlt.

Wobei – Mätresse... Diese Bezeichnung traf auf Dominique schon lange nicht mehr zu. Und wenn er ehrlich war, hatte sie es auch nie wirklich getan.

Dominique hatte ihn von Anfang an auf eine spezielle Art fasziniert. Er hatte sich nie genau erklären können, was sie von den anderen unterschied. War es ihr Stolz, den sie sich immer bewahren konnte, auch wenn sie am Hof am untersten Ende der Nahrungskette rangierte? War es ihr Wille, der manchmal flammengleich aus ihren Augen hervorzuzüngeln schien? Oder war es die Leidenschaft, wenn sie sich ihm beim Liebesspiel hingab, um sich dann wie eine Ertrinkende an ihn zu klammern? Oder wenn genau das Gegenteil passierte, wenn sie sich an ihn presste, eins wurde mit ihm und ihm das Gefühl gab, dass nicht er Macht über sie hatte, sondern sie ihn vor all’ den Schrecken des Universums beschützen würde?

Er wusste es nicht.

Doch zwei Dinge waren ihm vorhin klar geworden: Er benötigte die anderen Gespielinnen nicht mehr. Dominique bot ihm alles – aber wirklich alles – was er benötigte. Und er wollte sie von ihrem Rauschgift-Konsum wegbringen. Es war ein Fehler gewesen, ihr EDEN überhaupt erst anzubieten, doch er hatte dies wie bei allen Mätressen gemacht und erst später realisiert, dass es bei Dominique gar nicht nötig gewesen war. Sie liebte ihn tatsächlich.

Vorsichtig beugte er sich über die Schlafende, küsste sie sanft auf die Stirn und glitt dann aus dem Bett. Lautlos streifte er sich den seidenen Morgenmantel über, auf dessen Rückenteil ein prachtvoller weisser Löwe aufgestickt war.

Mit Sorge hatte er die ersten geistigen Anzeichen ihrer Drogenabhängigkeit wahrgenommen. Die enorme Konzentration auf ihr Aussehen und die Sorge um das Verschwinden desselbigen, wenn die Wirkung von EDEN nachliess.

Er blickte nochmals zum Bett, wo Dominique friedlich schlief. Ihre Mimik hatte sich etwas aufgehellt. William lächelte. Was für eine wunderbare Frau.

Er nahm die halb geleerte Champagnerflasche aus dem Kühler und ging in das angrenzende Arbeitszimmer. Das Kaminfeuer glomm nur noch schwach. William nahm einen Kaminhaken und stocherte in der Glut herum, bis sich wieder eine Flamme zeigte.

Sie scheint eine aufregende Frau zu sein, erklang eine vertraute Stimme.

William drehte sich langsam um. Wie lange bist du schon hier, Jagomir?, fragte er.

Ich bin etwas in Sorge um dich, mein junger Freund, sagte Jagomir ohne auf Williams Frage einzugehen. Er sass auf dem Stuhl hinter dem Schreibtisch und hatte seine langen Beine auf die Tischplatte gelegt.

William seufzte. Jagomir hatte selbstverständlich jederzeit Zutritt zu seinen Räumlichkeiten. Ein Privileg, das dieser jedoch äusserst selten geltend machte. Wenn sie sich trafen – was immer seltener geschah – dann war es draussen im Palastgarten oder wenn er William auf eine Reise begleitete.

Was macht dir Sorgen, Jagomir?

Diese Mätresse. Ich fürchte, sie trübt deinen Blick.

Dominique ist eine aussergewöhnliche Frau. Sie gibt mir ein Gefühl der … des Schutzes, wie ich es noch nie empfunden habe. Sie kann ganz einfach nicht schlecht für mich sein, Jagomir.

Das Abbild der Flammen des Kaminfeuers tanzte in den nachdenklichen Augen seines Attachés.

Es freut mich für dich, dass du es als etwas Positives empfindest, William. Und doch habe ich das Gefühl, dass dir die Konsequenzen einer solchen Liaison nicht ganz klar sind.

Konsequenzen? Nein, Jagomir. Diesmal bildest du dir etwas ein. William fuhr mit der rechten Hand durch die Luft, als ob er Jagomirs Aussage beiseite wischen wollte. Dominique gibt mir die Kraft, die ich benötige. Sie ist keine Bedrohung für mich! Ärger stieg in William hoch. Es war das erste Mal überhaupt, dass er Jagomir widersprach.

Nun gut, sagte Jagomir und erhob sich. Wir werden ja sehen, wer von uns Recht behält. Er ging zur Tür, blieb aber nochmals stehen und drehte sich um. Aber wenn sich herausstellen sollte, dass diese Mätresse dich hintergehen sollte …

Williams Magen versteifte sich. ... werde ich sie selbstverständlich aus dem Weg schaffen, vollendete er Jagomirs angefangenen Satz.

Ich werde dich daran erinnern, wenn es soweit ist, sagte Jagomir und ging hinaus.

Kapitel 7
Gegenwart

13. März 523 NTZ

Wir haben eine Spur verfolgt, doch die erwies sich als falsch. Ohne ein Heer von Spionsonden können wir auf diesem riesigen Gelände nichts ausrichten!

Verstanden. Dann lasst euch durch den Materialmeister des Sternenpalastes ausrüsten und sucht weiter. Dominique Alvez muss gefunden werden!

Verstanden, Chef!

Von Caranor aus.

William wandte sich vom Interkom-Terminal ab, und blickte nachdenklich zu seinem Freund und Berater hinüber, der mit verschränkten Armen beim Fenster stand und seinen Blick über den Palastgarten schweifen liess.

Es ist, als ob ich in dir wie in einem Buch lesen könnte, Jagomir.

Der Angesprochene drehte sich um.

So, kannst du das? Was steht denn da drin?

Du hast mir Dominique nie gegönnt. Warst immer dagegen, dass ich sie näher an mich herangelassen habe, als die anderen Mätressen.

Sie ist eine Hypothek für dich, William. An keinem anderen Tag kam dies so deutlich zum Vorschein wie heute.

Das ist nicht wahr, Jagomir.

Prüfe selbst: Du schlägst dich mit diesem Hanswurst von Monpaillasse herum, streitest während dem Rapport mit Coupièr – notabene vor den Augen des Regenten und erregst dessen Zorn – dann bringst du einen jungen Systemtechniker um, nur weil er der Schönheit deiner Geliebten verfallen war. Und nun, wenn du dich auf die nächsten Aktionen gegen die Rebellion konzentrieren solltest, ist deine kleine Mätresse das einzige, das dich zu interessieren scheint.

William sah seinen Attaché schweigend an. Jagomir erwiderte seinen Blick. Ein Hauch von Trauer schien darin zu liegen.

Weisst du, was ich manchmal denke?, fragte William. Dass du einfach nur eifersüchtig bist auf Dominique, weil du nicht mehr der einzige bist, der mein Vertrauen geniesst.

Das ist das seit langer Zeit Unreflektierteste, das ich von dir gehört habe, Will, sagte Jagomir hart. Und ein weiterer Beweis dafür, wie gefährlich diese Situation ist.

William seufzte. Eine seltsame Mischung aus Gefühlen beherrschte ihn. Im Vordergrund stand seine Sorge um Dominique, doch auch sein Zorn über ihr Verhalten und die Situation, in die sie beide gebracht hatte. Daneben fühlte er sich wie immer sehr betroffen, wenn er mit Jagomir eine Meinungsverschiedenheit hatte. Das ging nun schon seit fast zwei Jahren so und immer waren seine Gefühle für Dominique der Auslöser dazu gewesen. Er wünschte sich, dass zwischen ihnen wieder das Vertrauen und die Verbindung herrschte, wie damals, als Jagomir ihm die grossen Zusammenhänge gelehrt und ihm gezeigt hatte, wie er die natürlichen Kräfte für sich nutzen konnte.

Mein letzter Ausspruch tut mir Leid, Jagomir. Ich weiss, dass du nur mein Bestes willst.

Entschuldigung akzeptiert, mein Freund, antwortete Jagomir und lächelte sanft. Immer noch kein Zeichen von der jungen Dame?

William lächelte flüchtig zurück. Genauso wie er sich entschuldigt hatte, bot ihm auch Jagomir die Hand. Es war also doch noch ein wenig so wie damals.

Sie hat sich noch nicht wieder zurückgemeldet. Ich überprüfe das DataVis-Sicherungsfile von ihrer Tante. Vielleicht weiss sie ja etwas.

William schloss die Augen und konzentrierte sich. In weniger als zehn Sekunden hatte er das aktuellste File gefunden und geöffnet.

Der letzte Download hatte vor nicht einmal fünf Minuten stattgefunden. Er sah eine Decke. Den Strukturen nach zu schliessen, befand sich diese im Mätressenhaus. Das Bild war undeutlich, verschleiert, wurde häufig schwarz – Monique weinte.

Er spulte den Film durch. Kurz vor dem Ende erklang ein Geräusch. William liess das File in normalem Tempo weiterlaufen.

Bist du das, Dominique?, erklang die ängstliche Stimme der Frau.

Ein Zögern.

Ja, ich bin’s. Ich muss aber gleich wieder los

Sofort veränderte sich das Bild. Die Decke rutschte weg, eine Tür wurde sichtbar. Wurde grösser. Eine Hand ergriff die altmodischen Türklinke. Die Tür schwang auf und die gellende Stimme von Monique Alvez ertönte.

Nirgendwohin wirst du gehen, du kleine Schlampe!

Sie ging zum Geländer der Balustrade und sah zu Dominique hinunter, die, im Erdgeschoss stehend, erschrocken heraufblickte.

Damit endete das Sicherungsfile.

Dominique ist zurück?, erriet Jagomir.

Ja. Sie ist ins Mätressenhaus zurückgekehrt, sagte William mit gepresster Stimme, vor … nicht ganz zwei Minuten.

William machte sich auf den Weg. Er musste zu ihr, bevor Coupièr Wind von der Sache bekam und vor ihm dort war. Jagomir folgte ihm wortlos.

Jago, das ist eine Sache zwischen Dominique und mir, sagte William barsch, als er seine Unt