
Wir schreiben das Jahr 523 Neuer Terranischer Zeitrechnung. Vor 546 Jahren endete der Krieg der galaktischen Mächte gegen das Volk der anorganischen Cytryxiyl. Große Teile der Milchstraße lagen in Trümmern. In dieser Zeit der Unruhe griff die Familie von Caranor nach der Macht auf Terra, und gründete das terranische Reich; eine Monarchie mit einem Sternenkönig aus der Familie derer von Caranor.
Zur aktuellen Zeit herrschen die von Caranor über weite Teile der Milchstraße. Extraterrestrische Völker werden unterdrückt und ausgebeutet; das gesamte Reich ist ein reiner Überwachungsstaat. Nur die geächteten Schmuggler und Piraten entziehen sich immer noch einigermaßen erfolgreich der kompletten Überwachung; sie sind jedoch, sollten sie bei illegalen Geschäften erwischt werden, vogelfrei.
Ernstzunehmende Gegner hat das Reich keine. Lediglich der THYDERY-Verbund, unter der Leitung des ehemaligen Reicharchivars Anthony Haddington und drei nicht-terranischen Lebewesen, plant im Untergrund den verzweifelten Widerstand.
William von Caranor leitet die Jagd auf die letzten Rebelleneinheiten und kehrt zum Rapport zurück nach Terra. Er ist der Sternenprinz…
Harold Richard von Caranor trat zum Bogenfenster, legte die Hände auf den Rücken und blickte stumm hinaus in den Park des Reichspalastes.
André Coupièr blieb an seinem Platz stehen und wartete geduldig auf eine Reaktion des Sternenkönigs, den er soeben vom Tod seines Bruders unterrichtet hatte.
Die letzten Strahlen der Abendsonne liessen den hydroponischen Garten, der in der Mitte des Palastes angelegt war, in warmen rot-orangen Farbtönen aufleuchten. Ein Schwarm Mücken tanzte über den Sträuchern mit Caranor-Rosen, die ihre Blütenkelche in stolzer Eleganz der Sonne entgegenstreckten. Sie stammten vom Planeten Caranor, der vor mehr als vierhundert Jahren im Krieg gegen die Anorganischen zerstört worden war. Die einzigen pflanzlichen Überbleibsel einer einstmals prachtvollen Welt: Zwei Dutzend blutrote Rosen.
Dorian war ein Nachzügler. Mein Vater hatte mir die Regierungsgeschäfte bereits übergeben und kümmerte sich persönlich um Dorians Erziehung. Doch Vater war dafür zu alt – und zu nachgiebig. Dorian erhielt nicht die nötige Härte mit auf den Lebensweg. Er wurde zwar zu einem brillianten Taktiker, doch er war zu wenig konsequent. Zuwenig gradlinig. Das war seine Schwäche.
Erst beim letzten Wort war eine leise Gefühlsregung in den Worten des Sternenkönigs bemerkbar.
André Coupièr, Leiter des königlichen Geheimdienstes und höchster Leibwächter des Monarchen, nahm die Aussagen regungslos zur Kenntnis. Er kannte die Fähigkeiten des obersten Kriegsstrategen des Terranischen Reiches.
Des gefallenen obersten Kriegsstrategen! General von Caranor würde eine Lücke hinterlassen, die nicht so leicht zu schliessen war. Keiner in den Reihen des Strategiekommandos war imstande, durch blosses Studium Empathie für ein ganzes Volk zu entwickeln und daraus die nötigen Schlüsse für eine Kriegstaktik zu ziehen. Dorian von Caranor war fähig gewesen, bei jedem Volk, ob es nun menschlichen oder fremden Ursprungs war, den einen wunden Punkt zu finden, der es angreifbar und verletzlich machte. Diese Fähigkeit hatte ihn einzigartig und zum wichtigsten Dreh- und Angelpunkt bei der Erschliessung neuer Welten gemacht.
Doch mit dem Einfühlungsvermögen waren eben auch die Gefühle gekommen. Dorian von Caranor hatte diese Völker zu nah an sich heran gelassen. Völker, die nur zu einem einzigen Zweck existierten: Neuen Lebensraum und Rohstoffe für das expandierende Terranische Reich zu liefern. Zu oft hatte Dorian von Caranor den Exponenten unterworfener Welten Rechte zugestanden, die absolut unnötig gewesen waren.
Weshalb hat Dorian den Kreuzer selber befehligt?
, kam es ruhig von der grossen hageren Gestalt des Sternenkönigs.
Der oberste Denker der Kan'trakk war mit einem Raumschiff geflohen und in einem Pulk von 600 Raumern untergetaucht. Es war eine einmalige Chance gewesen, ihn aufzugreifen und den Widerstand gegen die Übernahme zu brechen.
General von Caranor wechselte auf den Kreuzer über und flog mitten in den Pulk hinein. Dadurch provozierte er eine für dieses Volk typische Verteidigungsreaktion, die das Schiff mit dem obersten Denker entlarvte. Doch er hatte sich zu weit vorgewagt und wurde bewegungsunfähig geschossen. Kurz bevor sein Kreuzer explodierte, schoss er das Schiff des obersten Denkers ab und entschied dadurch die Schlacht für uns.
Was hätten Sie an seiner Stelle gemacht, Coupièr?
André Coupièr räusperte sich. Die Lösung war offensichtlich. Mit den dort stationierten acht Superschlachtschiffen der Caranor-Klasse wäre es eine Sache von wenigen Minuten gewesen, die 600 Kan'trakk-Schiffe in atomaren Staub zu verwandeln. Und dies ausserhalb der Reichweite irgendeiner Waffe der Kan'trakk und somit ohne Gefahr für Verluste auf unserer Seite.
Exakt
, murmelte der Regent grimmig. Konsequent, kompromisslos, sauber. Gibt es Aufzeichnungen?
Kurz vor der Explosion wurden in einem Rafferimpuls das Logbuch und die DataVis-Aufzeichnungen der letzten zehn Minuten abgestrahlt. Automatisch gemäss Standard-Notfallszenario.
Auf meinen DataVis!
André Coupièr sendete die vorbereiteten Dateien an den DataVis des Monarchen. William von Caranor hielt Coupièr weiterhin den Rücken zugewandt und liess sich die Daten vor das innere Auge projizieren.
Von einem Sonnenstrahl erhellt, spiegelte sich sein Gesicht in der Fensterscheibe. Coupièr betrachtete die markanten Züge des 87-jährigen Regenten. Von Trauer oder gar einem Schockzustand war nichts zu bemerken. Im Gegenteil. Leichter Zorn liess ihn seine Lippen schürzen, als er die letzten Minuten im Leben seines Bruders aus dessen Sicht abspielte.
Die Erziehung, Coupièr
, sagte er dann mit kehliger Stimme. Die Erziehung entscheidet darüber, wieviel wir aus unseren Genen herausholen können.
Abrupt drehte er sich um und schritt auf seinen höchsten Leibwächter zu. Die Gene von Dorian waren exzellent, aber seine Erziehung war es nicht.
André Coupièr liess eine Augenbraue in die Höhe steigen. Worauf wollte der Regent hinaus?
So überflüssig Dorians Tod vom militärischen Standpunkt aus auch war, bringt er uns die Gelegenheit, einen hervorragenden Thronfolger zu kreieren!
Seinen Sohn?
, fragte Coupièr.
Exakt. William von Caranor wird einst meinen Platz übernehmen. Und wir werden ihn auf diese Aufgabe vorbereiten. Mit allen Mitteln und mit aller Härte.
Mit Verlaub, Exzellenz
, warf André Coupièr vorsichtig ein. Weshalb wollen Sie nicht einen eigenen Sohn nachziehen?
Harold Richard von Caranor sah sein Gegenüber schweigend an. Jedem anderen Gesprächspartner wäre es spätestens jetzt Angst und Bange geworden. André Coupièr hielt dem harten Blick aber ohne mit der Wimper zu zucken stand. Er hatte durch seine jahrzehntelange Integrität Privilegien gewonnen, die es ihm ermöglichten, direkt und ohne protokollarische Schranken mit dem Regenten zu sprechen und ihn zu beraten. Mit der letzten Bemerkung hatte er jedoch eine Grenze erreicht, die auch der Leiter des königlichen Geheimdienstes nicht überschreiten durfte.
Der Regent hatte eine starke Abneigung gegen alle Formen von Schwäche. Eine offizielle Beziehung einzugehen, oder gar Gefühle für eine Partnerin zu entwickeln, kam für ihn nicht in Frage. Mit seinem Schweigen auf Coupièrs Frage beendete er die Diskussion zu diesem Thema.
Was geschieht mit Williams Mutter?
, fragte Coupièr deshalb.
Suzann von Caranor wird sich wegen des Verlusts ihres Gatten das Leben nehmen
, antwortete der Regent nach minimalem Zögern. Heute noch.
Ich werde das Nötige veranlassen
, sagte Coupièr knapp.
Gut. William wird unverzüglich hierher gebracht. Ich will unterrichtet werden, sobald er im Palast eingetroffen ist.
Ein grimmiges Leuchten stand in seinen stahlblauen Augen.
Sehr wohl, Exzellenz
, bestätigte Coupièr, drehte auf dem Stiefelabsatz um und ging Richtung Ausgang.
Noch etwas, Coupièr
, sagte Harold von Caranor, als Coupièr schon fast bei der Tür war. Wie alt ist William?
Coupièr blieb stehen und wandte sich um. Fünf Jahre, Exzellenz.
Ein Lächeln stahl sich auf das Antlitz des Sternenkönigs. Perfekt.
Der königliche Gleiter durchstach die dünne Wolkenschicht und flog in einer weiten Schleife über das ehemalige Manhattan, dem neuen Bezirk 12
von Caranor-City.
William von Caranor hatte seine langen Beine übereinander geschlagen und betrachtete nachdenklich seine linke Stiefelspitze. Ein kleiner, braunroter Blutfleck hatte die Säuberungsprozedur nach dem letzten Bodeneinsatz unbeschadet überstanden. Er überlegte, ob er ihn abwischen sollte, entschied sich aber dagegen.
Dieser unscheinbare Blutfleck hatte durchaus seine Berechtigung, den da facto zweitmächtigsten Mann der Galaxis daran zu erinnern, was wenige Stunden zuvor geschehen war.
Als sie eine Rebellenparzelle auf dem Planeten Tashkan ausgemerzt hatten. Als Blut geflossen war, um diesen zweimalvermaledeiten Etho Mantovani auszuschalten.
Menschenblut, Ethoblut. Und beinahe auch sein eigenes.
Das Blut des einzigen Thronfolgers war wertvoller als alles andere. Er hatte es vielleicht etwas zu leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Vielleicht. Doch im Moment der Entscheidung war es nicht anders möglich gewesen.
Nicht zögern, William. Wer zögert verliert. Eine mittelmässige Entscheidung zur richtigen Zeit ist allemal besser, als die perfekte Entscheidung, die zu spät kommt. Die Worte seines Beraters Jagomir.
William löste den Blick von seiner Stiefelspitze und blickte zum Panoramafenster hinaus. Caranor City. Seine Heimat, seit man ihn im Alter von fünf Jahren hergebracht hatte.
Die Abgründe zwischen den Sternensystemen zu überbrücken und die Rebellenbewegung Schritt für Schritt zu dezimieren war eine Sache. Heimzukommen eine ganz andere.
Die Sonne schien in sein Gesicht und liess es im Panoramaglas spiegeln. Er blickte in seine Augen. Es waren die wasserblauen Augen der von Caranors. Die Augen seines Vaters. Nach seinem Vorbild hatte er auch das platinblonde Haar straff zurückgekämmt und am Hinterkopf mit zwei Spangen mit stilisierten weissen Löwen – dem Wappentier der von Caranors – zusammengesteckt.
Vieles war geschehen, seit er vor 33 Jahren seinen Vater zum letzten Mal lebend gesehen hatte.
Er hatte lernen müssen, was es hiess, zum Clan der von Caranors zu gehören. Dieses Blut, das durch seine Adern floss, brachte nicht nur Privilegien, sondern vor allem brachte es Verantwortung. Gegenüber dem Sternenreich, gegenüber der Familie und gegenüber sich selber.
Um das zu lernen hatte er einen hohen Preis bezahlen müssen. Vieles erduldet, vieles ertragen.
Und das Schlimmste hatte er nicht irgendwo in den Weiten des Sternenreiches erlebt, sondern direkt hier auf der Erde. Im Sternenpalast. Zu dem sie gerade hinflogen.
Nein, heimkommen war eine ganz andere Sache.
So nachdenklich, Will?
, Jagomir war unbemerkt in die Kabine getreten und lehnte sich lässig gegen den Rahmen der Kabinentür.
Jagomir, alter Freund.
William löste sich von seinem Spiegelbild und blickte zu seinem Attaché hoch. Ich dachte gerade an die Bedeutung von Blut. Von meinem Blut. Dasjenige der von Caranors. Das Blut meines Vaters.
Jagomir war der einzige Mensch, mit dem William über seinen Vater sprach. Sprechen konnte.
Ein warmer Ausdruck trat in Jagomirs Augen. Er lächelte sachte. Will, denke nicht darüber nach, woher es kommt, sondern was Du damit machen kannst. Wenn die Rebellion besiegt und Du dereinst den Thron bestiegen hast, wird eine goldene Zeit für das Reich anbrechen. Es ist gut, dass Du Deinem Vater nachstreben willst, Will. Aber Du wurdest zu Höherem berufen.
Williams Augen verschleierten sich. Er drehte den Kopf wieder zum Panoramafenster, wo in diesem Moment der gewaltige Herrscherpalast des Sternenkönigs auftauchte, der die Skyline von Caranor City dominierte.
Ich würde nie an Deinen Worten zweifeln, Jagomir. Aber der Einflussbereich des Reiches ist riesig. Überall gibt es etwas zu tun. Überall gibt es Probleme, denen man sich annehmen muss, und Entscheidungen, die gefällt werden müssen. Wie kann das eine einzige Person je schaffen?
Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt, Will. Danach folgt der zweite, dann der dritte. Vertraue darauf, dass – wenn Du Deinen letzten Schritt gemacht haben wirst – das Ganze rückblickend wie ein Spaziergang aussehen wird.
Wie immer, wenn Jagomir ihm einen Ratschlag gab, hörte sich dies so einfach und klar an. Jagomir hatte die Fähigkeit, die komplizierte Welt, die sich immer wieder in Williams Kopf aufbaute, mit ein paar Worten niederzureissen und ihr ein schlichtes und übersichtliches Aussehen zu geben. Jagomir gab ihm Antworten, wenn er noch nicht einmal die Fragen formulieren konnte.
Jagomir war sein Vertrauter, seit diesem unglückseligsten aller Tage, als William seine Eltern und seine Kindheit verloren hatte. Ein Tag, der nicht mehr hatte enden wollen und an dem er gelernt hatte, wie die Hölle von innen aussehen musste. In der Stunde der höchsten Not war ihm Jagomir beigestanden und hatte ihm mit seinem ersten Ratschlag den Weg aus dieser Hölle gezeigt.
Vier Jahre später war er dann zu Williams persönlichem Berater ernannt worden. Seinem Attaché. Er hielt sich diskret im Hintergrund auf und nahm keinen Einfluss auf das Geschehen. Doch wenn William ihn brauchte, war er sofort zur Stelle. Er hörte sich seine Sorgen und Ängste an und half ihm, Entscheidungen zu fällen und mit diesen zu leben. William sah in ihm weit mehr als einen Berater, Jagomir war sein Gewissen.
Wirst Du an meiner Seite bleiben, Jagomir?
Dutzende von Fältchen verzweigten sich in Jagomirs Augenwinkeln. Solange Du mich an Deiner Seite haben willst, werde ich da sein.
Danke
, sagte William schlicht. Er lächelte zurück. Wenn er mit Jagomir sprach, fühlte er sich oft wieder wie als Kind, als er die Ratschläge seines Mentors wie ein Schwamm aufgesogen hatte. Es war ein gutes Gefühl.
Hör' auf zu flennen wie ein Weib, William! Das ist eines von Caranors unwürdig!
Die donnernde Stimme seines Onkels ging Will durch Mark und Bein. Er versuchte sich zusammen zu nehmen, doch schon wurde er vom nächsten Weinkrampf durchgeschüttelt. Harold von Caranor machte einen Schritt auf Will zu und schlug ihm mit dem Rücken der linken Hand flach ins Gesicht.
Die Wucht des Schlages liess ihn zu Boden gehen.
Steh sofort auf und nimm' Dich endlich zusammen, William! Meine Geduld mit Dir nähert sich dem Ende.
Tatsächlich gelang es Will, den Weinkrampf zu unterdrücken und mit unsicheren Bewegungen aufzustehen. Nur ein leises Wimmern kam noch über seine Lippen, als er schwankend vor seinem hoch aufgerichteten Onkel stand. Vorhin hatte dieser ihm gesagt, dass sein Vater gefallen war und seine Mutter deshalb Selbstmord begangen hatte. Von einem Moment auf den anderen war seine Welt aus den Angeln gehoben worden.
Hast Du Dich nun im Griff?
Will nickte tapfer. Die Situation erfüllte ihn aber immer noch mit einer Angst, wie er sie nie zuvor in seinem Leben erlebt hatte.
Reichssoldaten hatten ihn mitten in der Nacht aus dem Bett geholt und nach Terra in den Sternenpalast gebracht. Aus lauter Angst hatte er sich selbst benässt, was der Grund für den ersten Wutausbruch seines Onkels Harold gewesen war.
Und nun stand er in dem riesigen Raum, der mit allerlei Waffen ausgestattet war. Er war barfuss, weil ihn die Reichssoldaten ohne anzukleiden mitgenommen hatten. Kalt und glatt fühlte sich der Marmor unter seinen nackten Fusssohlen an. Erneut lief ein Zittern durch seinen ganzen Körper.
Von nun an, junger Caranor, wirst Du Dein Leben der Perfektion widmen. Perfektion! Verstehst Du, was das ist? Hat Dich Dein alter Herr darauf vorbereitet? Wohl nicht.
Ruckartig wandte sich der Regent ab und holte bereits Luft um seine Rede fortzusetzen, als Will mit dünner Stimme sagte: Doch, hat er. Er hat gesagt, dass nur die Naturgesetze perfekt sind. Alle anderen werden erfolglos suchen. Doch diese Suche stelle für viele den Sinn des Lebens dar. Die Suche nach der Absoluten Harmonie im Universum.
Mit einem wütenden Aufschrei drehte sich der Sternenkönig um seine eigene Achse, packte Wills Hals und hob ihn soweit zu sich hoch, dass Will nur noch mit seinen Zehenspitzen den Boden berühren konnte.
Ich will dieses verdammte esoterische Gelaber von Deinem Erzeuger nie wieder hören! Es ist die Terranische Rasse, die perfekt und allen anderen überlegen ist! Deswegen beherrschen wir auch diese Galaxis. Und an der Spitze von Terra stehen wir, die von Caranors! Wir bestimmen die Harmonie!
Will wollte etwas sagen, doch nur ein leises Röcheln kam aus seiner Kehle. Verächtlich zischend entliess ihn der Regent aus seinem Griff und stiess ihn weg, so dass Will abermals zu Boden fiel. Nach Luft japsend blieb er liegen.
Ich werde Dir zeigen, was es heisst, ein von Caranor zu sein. Du wirst lernen, was es bedeutet, anderen überlegen zu sein! Coupièr!
Sehr wohl, Exzellenz.
Aus dem Hintergrund löste sich ein Schatten und näherte sich dem immer noch am Boden zusammengekrümmten Will.
Harte Schritte erklangen, wurden lauter und verhielten direkt vor ihm. Der Geruch von Stiefelfett stieg ihm in die Nase. Instinktiv hielt er sich die Arme schützend über den Kopf.
Stehen Sie auf, William von Caranor
, sagte eine ruhige Stimme, die so kalt und glatt war wie der Marmorboden auf dem er lag.
Furchterfüllt hob Will den Kopf. Sein Blick glitt an schweren Stiefeln entlang hoch, erfasste eine schwarze Uniformhose, die goldenen Knöpfe einer dazu gehörenden Jacke, einen weissen Stehkragen und … Will zuckte heftig zusammen. Die kältesten Augen, die er jemals in seinem Leben gesehen hatte.
Stehen Sie auf, William von Caranor!
, ertönte es abermals, diesmal aber leiser, drohender. Schrecklicher.
Grauen stieg in Will auf. Wie in Trance schüttelte er den Kopf.
Wie Sie wollen, Sir... Korvitainen! Bringen Sie ihn in sein Quartier!
Yessir!
Der Reichssoldat, der Will hereingebracht hatte, packte ihn am Kragen seines Schlafanzuges und hob ihn mühelos hoch. Eine Naht riss.
Endlich löste sich Wills Starre. Nein, ich will nicht! Lass mich los!
Er wollte sich losreissen, doch der Griff des Soldaten war unerbittlich. Mutter, Vater! Wo seid ihr?
Will schluchzte hustend. Vater...
Der Soldat zog ihn aus dem Raum. Das letzte, was er sah, bevor sich die schweren Türflügel schlossen, waren die wasserhellen Augen seines Onkels und die anderen Augen, die immer noch alle Kälte des Weltraums zu versprühen schienen.
Leere. Leere war alles, was Will empfand.
Alles Gute, was in seinem Leben gewesen war, war in den letzten Stunden weggefegt worden. Stunden, die auf ihn wie ein Alptraum gewirkt hatten. Aber einem, aus dem man nicht aufwachen konnte.
Der Soldat hatte ihn nicht etwa in ein Kinderzimmer gebracht, sondern in eine Gefängniszelle. Einen Kerker.
Den schlimmsten Ort im Universum.
Mutter hatte ihm schon mit dem Kerker im Sternenpalast gedroht, wenn er wieder einmal zu waghalsige Spiele gespielt oder stundenlang gequengelt hatte, weil er seinen Vater an die Front begleiten wollte. Die Drohung war zwar nie ernsthaft gewesen, aber die kurzen Beschreibungen durch Mutter hatten den Begriff Kerker des Sternenpalastes
tief in sein Bewusstsein eingebrannt.
Und nun sass er selbst hier, erfüllt von nagender Angst.
Der Kerker war überhaupt nicht, wie er ihn sich vorgestellt hatte. In seinen Gedanken hatte er jeweils so ausgesehen, wie man Kerker aus mittelalterlichen TriVid-Filmen kannte. Dunkel, nach Verfaultem und Fäkalien stinkend. Das stete Tropfen von Wasser irgendwo im Hintergrund.
Doch dieser hier war anders. Hell, modern. Schrill.
Der Kerker war ein Spiegelkabinett.
Tausendfach wurde sein Ebenbild reflektiert und in tausend Gesichtern erblickte er zweitausend weit aufgerissene Augen, die sich gehetzt umsahen auf der Suche nach einem Ort der Zuflucht. Doch den gab es nicht. Nicht hier. Nicht jetzt. Hier gab es nur ihn. Tausendfach. Und seine Angst – wieder und wieder projiziert.
Doch das schlimmste waren nicht die Wände, sondern der Boden. Ebenfalls reflektierend und spiegelglatt war er und zu allem Überfluss leicht abfällig. Will wurde das Gefühl nicht los, dass er konstant in die Mitte des Raumes rutschte, die ein kreisrundes, etwa drei Meter grosses Loch barg. Wohin es führte wusste Will nicht. Doch der schwarze Schlund machte ihm Angst.
Zuerst hatte Will am Boden gelegen, das Gesicht in den Armen vergraben. Doch jeder Zentimeter, den er weiter gerutscht war, hatte ihm immer neue Adrenalinschübe beschert, sodass er sich schliesslich hinsetzte, mit dem Rücken an die Wand gelehnt und sich mit den nackten Füssen gegen das Abrutschen stemmte.
Sein Keuchen und leises Weinen wurde von den Wänden zurückgeworfen. Der unangenehm säuerliche Geruch des eigenen Urins umspielte seine Nase und es war ihm, als ob Onkel Harolds stechender Blick ihn durchbohrte, die wortlose Anklage seines Missgeschicks.
Diese Augen, die jenen seines Vaters so sehr ähnelten, denen jedoch jede Wärme abhanden gekommen war.
Irgendwann schlief Will ein. Doch die Dämonen verfolgten ihn bis in seine Träume.
Ein furchtbares insektenhaftes Wesen stieg aus einem Loch im Boden und kam auf klackenden Extremitäten auf ihn zu. Starr vor Schreck war es ihm unmöglich sich zu bewegen. Er wollte schreien, doch er brachte keinen Ton heraus. Der Chitinpanzer des Insektoiden schimmerte in unterschiedlichen Braun- und Grüntönen. Und die Augen... Sie wollten so gar nicht zu diesem Wesen passen. Sie waren handtellergross und nahmen mehr als zwei Drittel des Gesichts ein. Die Iris schimmerte golden, die Pupillen waren horizontal geschlitzt und aufmerksam auf Will gerichtet, während sich der Unbekannte langsam näherte.
Beruhige Dich, Will. Dir wird nichts geschehen
, flüsterte eine warme Stimme. Will ruckte herum.
Und wachte auf.
Der Insektoide sass drei Armlängen entfernt von ihm und stiess grelle Laute aus.
Will benötigte ein paar Sekunden, bis er realisierte, dass er vorhin zwar geträumt hatte, das alptraumhafte Wesen jedoch Wirklichkeit war.
Der Insektoide schien bemerkt zu haben, dass Will aufgewacht war. Er wandte ihm sein Gesicht mit den riesigen goldenen Augen zu und erhob anklagend eine seiner Extremitäten. Dazu bewegten sich seine Mundwerkzeuge ununterbrochen und stiessen zum Teil klackende, zum Teil aber auch hohe, schneidende Töne aus.
Den Rücken immer noch an die Spiegelwand gepresst, wich Will zitternd und bebend so weit zurück, bis er schliesslich auf der anderen Seite des Raumes war. Mit dem Loch zwischen ihnen.
Das Gefühl der Bedrohung durch den Fremden und den Kerker blieb. Zentnerschwer drückte ihn die Angst und nahm ihm den Atem. Tränen rannen an seinem heissen Gesicht hinunter und er wünschte sich, dass ihn jemand aus dieser Situation befreien würde. Er sehnte sich nach Vater und seinen starken Armen, die ihn beschützen und seine Angst nehmen würden.
Doch er war alleine. Vater würde ihn nie wieder beschützen.
Der Fremde hatte seinen – seinen Arm? immer noch auf Will gerichtet und die Dutzenden von Spiegelungen links und rechts neben ihm taten es ihm nach.
An der Vorderseite dieses Armes hatte der Fremde feine Klauen und drei milchige kreisrunde Aufsätze.
Saugnäpfe!
Deswegen rutschte der Fremde trotz Chitinpanzer nicht Richtung Loch wie Will!
Ihm kam wieder sein Vater in den Sinn. Nächtelang hatte dieser jeweils Schriften und Trivids von fremden Völkern studiert. Mutter war der Ansicht gewesen, dass er zu viel Zeit aufwendete und sich zu wenig um die Familie kümmerte. Vater hatte immer auf dieselbe Weise geantwortet. Um zu überleben, um diesen Krieg zu gewinnen, muss ich den Gegner kennen. Besser als er sich selber. Und glaub mir: Ich werde das entscheidende Detail finden, bei dem wir den Hebel ansetzen können.
Nun war Will selber in einer Situation, in der er einen Gegner hatte. Will beschloss, sich an das zu halten, was er von seinem Vater gelernt hatte. Er begann den Fremden genau zu beobachten.
Die Saugnäpfe gaben dem anderen bereits einen riesigen Vorteil. Während Will sich mit den blossen Händen und Füssen einigermassen an Ort und Stelle halten konnte, blieb der Fremde dank seinen Saugnäpfen einfach am Boden kleben. Und wer weiss – vielleicht konnte er sogar entlang einer Wand oder an der Decke laufen. Allzu schwer schien er jedenfalls nicht zu sein.
Er war ein wenig grösser als Will, zumindest was seinen Torso anbelangte. Falls er auf seinen dünnen Beinen wie ein Mensch stehen konnte, würde er ihn bei weitem überragen.
Der Fremde wurde nicht müde, immer und immer wieder dieselben Laute auszustossen. In Wills Ohren tönten sie hart und schneidend, doch er hatte von Vater gelernt, dass man ein fremdes Wesen niemals nach den eigenen Empfindungen einschätzen sollte, solange man seine Sprache und Gestik nicht wirklich verstand.
Was sollte er bloss tun?
Wenigstens kam der Fremde nicht näher, sondern blieb auf seiner Seite des Kerkers sitzen.
Will beschloss, einen Kommunikationsversuch zu wagen.
Hallo
, sagte er leise, seinen ganzen Mut zusammennehmend.
Der Fremde brach seine stakkatoartigen Tiraden abrupt ab, zog seinen Arm zurück an den Körper und schwieg.
Na also. Er hatte zumindest seine Aufmerksamkeit erregt. Vielleicht liess sich ja wirklich eine Art Verständigung aufbauen. Er holte tief Atem.
Mein Name ist Will. Ich bin...
Er überlegte sich, weshalb er eigentlich eingesperrt war. Ich habe mir in die Hosen gemacht.
Sofort schoss ihm das Blut in den Kopf. Sowas Blödes! Er hätte doch irgendetwas Gescheites sagen können und nicht, dass er sich in die Hosen gepisst hatte!
Der Fremde schaute ihn weiterhin unverwandt schweigend an.
Gut, er hatte ihn wenigstens nicht verstanden.
Vielleicht half ihm die Zeichensprache. Er streckte beide Arme aus und zeigte seine leeren Hände.
Ich bin unbewaffnet!
, sagte er tapfer.
In diesem Moment begann der Fremde wieder zu kreischen, höher und schärfer als zuvor. Und diesmal tönte es wirklich aggressiv! Dazu hatte er die obersten beiden Extremitäten – seine Arme weit ausgestreckt und machte damit wilde Verrenkungen.
Will zuckte zusammen und hielt sich die Ohren zu. Der Fremde war lauter als ein startender Gleiter und zu allem Übel wurden seine Laute noch x-fach von den Spiegelwänden zurückgeworfen.
Er hatte doch nur mit ihm reden wollen! Wie konnte sich der andere nur so aufführen!
Will stiegen die Tränen in die Augen und liefen in Bächen an seinen Wangen hinunter. Er war nicht nur am schlimmsten Ort des Universums eingesperrt, nein nun war auch ein Wesen, dem er nichts angetan hatte, offenbar so aufgebracht und wütend über ihn, dass es nicht aufhören wollte mit Schreien und Klacken und Keifen.
Er presste sich die Hände noch stärker an die Ohren und schluchzte leise vor sich hin. Die Augen hielt er starr auf den Fremden gerichtet, doch der machte bisher keine Anstalten, sich ihm zu nähern.
Nach langer Zeit, Will hätte nicht sagen können, ob es eine halbe Stunde oder deren fünf gewesen war, öffnete sich plötzlich eine Klappe in der Nähe des Fremden und ein dunkles Bündel wurde in den Raum geschoben. Mit einem saftigen Schmatzen fiel es auf den Boden. Die Klappe schloss sich wieder und das Bündel begann langsam, dem Gesetz der Schwerkraft folgend, auf das Loch zuzurutschen.
Der Fremde verstummte unvermittelt und fuhr herum. Mit einer katzenhaft fliessenden Bewegung, die Will ihm niemals zugetraut hätte, näherte er sich dem stetig schneller rutschenden Bündel. Roch er etwa daran, oder wollte er es bloss ein wenig besser sehen?
Kurz bevor das Bündel ins Loch abrutschte, griff der Fremde zu. Er packte es und hielt es dann wie eine Trophäe hoch in die Luft. Da erkannte Will was es war. Er würgte.
Ein kleiner toter Tankill-Affe baumelte im Griff des Fremden. Ohne Arme und Beine, der Torso übel zugerichtet.
Tankill-Affen waren besonders bei Kindern beliebte Gefährten, da sie nicht nur äusserst intelligent waren, sondern auch eine hohe Sprachbegabung aufwiesen. Will hatte seine Eltern angefleht, ihm ein solches Äffchen zu kaufen, doch sie hatten ihm dies verweigert, mit der Begründung, dass diese Primaten in den Wäldern ihrer Heimatwelt am glücklichsten wären.
Dieses Exemplar hier hatte jedoch alle Drolligkeit verloren, die seine Spezies auszeichnete.
Der Fremde kreischte wieder. Diesmal klangen seine Laute wild triumphierend. Er nahm den Kopf des Affens in eine seiner Klauen und drehte ihn ein wenig herum, bis er offenbar die für ihn beste Seite gefunden hatte. Aus dem Gesicht des Fremden lösten sich zwei Maulscheren, die er bisher flach angelegt gehabt hatte.
Fasziniert und angeekelt zugleich konnte Will seinen Blick nicht vom Fremden nehmen.
Mit einem saftigen Knacken gab die Schädeldecke des Affen dem Druck der Maulscheren nach. Blut und graue Masse spritzten links und rechts vom Fremden weg.
Will würgte und schluchzte. Er wusste zwar, dass der Affe bereits tot gewesen war, doch wie der Insektoide mit ihm verfuhr, war brutaler und schlimmer als alles, was er jemals zuvor gesehen hatte.
Der Fremde saugte gierig alle Flüssigkeit aus dem Affenschädel. Als er damit fertig war, öffnete er den Schädel vollständig, klaubte sich die Reste des Gehirns heraus und stopfte sie sich eilig ins Maul.
Noch schmatzend gab er ein paar dunkle Klacklaute von sich und präsentierte Will den Rest des Affens. Ein weiterer Klacklaut. Eine Frage?
Dann warf ihm der Fremde den Kadaver in hohem Bogen herüber. Dumpf klatschte es neben Will auf den Spiegelboden.
Will stiess einen spitzen Schrei aus und bewegte sich rasch ein Stück weit vom toten Affen weg.
Das Wesen stiess wiederum ein paar der dunklen Klacklaute aus und zeigte mit dem Arm auf den Affen, der nun langsam wieder auf das Loch zuzurutschen begann.
Die Klacklaute wurden eindringlicher.
Doch Will konnte und wollte nichts unternehmen.
Der Affe erreichte die Kante und war kurz vor dem Herunterfallen, als der Fremde aus dem Nichts heraus einen gewaltigen Sprung machte, der ihn über das Loch fliegen und neben Will wieder zu Boden kommen liess.
Will schrie auf und krabbelte so schnell er konnte auf allen Vieren vom Insektoiden weg.
Aber der hatte gar nicht vorgehabt, ihn anzugreifen. Offenbar wollte er nur die von Will verschmähte Mahlzeit retten. Doch er kam zu spät. Der Affe verschwand im dunklen Schlund.
Will war sich nun ganz sicher, dass sich in den grossen goldenen Augen des anderen die Enttäuschung über den Verlust der Mahlzeit spiegelte.
Es tut mir Leid, Fremder!
, stammelte Will und fragte sich, ob der andere ihn nun bestrafen würde.
Doch dieser zog es vor, am Rand des Schlundes sitzen zu bleiben. Er beugte sich soweit es ging vor und tastete mit seinen Armen im Loch herum in der offensichtlichen Hoffnung, dass es nicht allzu tief sein und den Affen wieder hergeben möge.
Nach ein paar Minuten gab er die Suche wieder auf. Leise – traurig? – schnatternd zog er sich bis an die Wand zurück und legte sich dort hin, Will keines Blickes mehr würdigend.
Täuschte er sich, oder schmollte der andere wirklich? Will wusste es nicht. Und dennoch konnte er fühlen, dass die akute Bedrohung, die er noch vor kurzem wahrgenommen hatte, deutlich zurückgegangen war.
Die innere Anspannung und Verkrampfung löste sich langsam. Er konnte wieder freier atmen, wurde ruhiger.
Unweigerlich spürte er dafür Müdigkeit in sich aufsteigen.
Probehalber schloss er die Augen. Den Insektoiden und seine Spiegelbilder nicht mehr anschauen zu müssen und nicht überall, wohin er blickte, mit seiner eigenen Angst konfrontiert zu werden - was für eine Wohltat!
Will öffnete nochmals kurz die Augen und prüfte, ob sich der Fremde in der Zwischenzeit bewegt hatte. Doch der lag immer noch genauso reglos wie vorhin da.
Beruhigt vergrub Will den Kopf in seinen Armen, schloss die Augen und genoss die wohlige Dunkelheit. Durch die Fusssohlen fühlte er die Kühle des Bodens. Auch wenn sie nicht sehr angenehm war, gab sie ihm doch das Vertrauen, dass er an Ort und Stelle bleiben und nicht zu rutschen beginnen würde.
Er wehrte sich nicht dagegen, als der Schlaf ihn übermannte, sondern gab sich ihm mit einem Seufzer der Erleichterung hin.
Sie standen auf der Kuppe eines kleinen steinigen Hügels. Um sie herum breitete sich eine Wüste mit ockergelbem Sand aus. Auch der Himmel war gelb gefärbt. Durch den Wüstenstaub, den der ständig wehende Wind mit sich brachte, war die Sonne nicht direkt sichtbar, sondern schien nur diffus und unbestimmt und bildete so eine unwirkliche, bedrohliche Kulisse.
Der Insektoide stand neben ihm und stützte sich auf einen langen Speer. Seine grossen goldenen Augen blickten Will aufmerksam an. Dann hob er einen Arm und deutete auf seinen und anschliessend auf Wills Kopf.
Was wollte er ihm mitteilen? Bestand eine Verbindung zwischen ihnen?
Das ist ein Traum, nicht wahr?
, stellte Will fest. Jedes seiner Worte wurden sogleich vom Wind weggetragen.
Der Fremde klackte zur Bestätigung zweimal kurz.
Es ist Dein Traum. Du willst mir etwas mitteilen!
Wieder die zwei Klacklaute.
Mit einem Schlag begriff Will, was für ein Wesen er vor sich hatte. Es war ein Prrrtak! Vater hatte ihm erst vor kurzem von ihnen erzählt, da das Terranische Reich gegen das Volk der Prrrtak Krieg führte. Die Verhandlungen, die Vater mit der Königin der Prrrtak geführt hatte, waren erfolglos geblieben. Es war die erste und einzige Niederlage gewesen, die Vater auf dem diplomatischen Wege eingestehen musste.
Die Schwierigkeit bei den Prrrtak bestand darin, dass sich ihre Kultur und ihr sozialer Umgang nur in ihren Träumen während den Schlafphasen abspielte, wenn sie sich zu einer grossen Kollektivintelligenz zusammenfanden. Während den Wachphasen befriedigten sie ihre niederen Gelüste, jagten, bauten, kämpften und paarten sich. Sie waren Tiere am Tag und Wesen von filigraner Schönheit in der Nacht.
Es war Vater zwar gelungen, sich in die Traumwelt der Prrrtak einbinden zu lassen und auf diese Weise mit der Königin in Kontakt zu treten. Doch sie war an den Themen des Besitzes und des Krieges nicht interessiert, da diese in die Wachphasen gehörten.
Und nun war Will selbst in einer solchen Traumwelt eines Prrrtaks gefangen! Doch seltsamerweise spürte er keine Bedrohung, sondern war gespannt, was ihm der Prrrtak zeigen wollte.
Etwas grosses, dunkles fiel vom Himmel. Der Prrrtak fuhr herum und stiess einen markerschütternden Schrei aus. Das Ding beschrieb eine Parabel und bremste stark ab. Es war ein terranischer Schützengleiter, wie er für den Bodenkampf eingesetzt wurde.
Der Prrrtak schrie weiter, so laut, das sich Will die Ohren zuhalten musste. Da öffneten sich rund um den Hügel Löcher im Boden und daraus kletterten Prrrtak. Zuerst waren es Dutzende, dann Hunderte, schliesslich wimmelte die Sandebene unter ihnen von aufgebrachten und mit Speeren bewaffneten Prrrtak.
Der Gleiter flog einen weiten Kreis über die Sandebene. Aus seiner Unterseite lösten sich orangefarbene Strahlen. Wo sie auftrafen, lösten sie Chaos und Verwüstung aus. Thermostrahlen! Sie liessen die Prrrtak verbrennen, einige explodierten geradezu, wenn die Flüssigkeit ihres Körpers von den Thermostrahlern innerhalb einer Zehntelsekunde verdampft wurden und die Chitinpanzer barsten.
Eine Luke öffnete sich am Gleiter, sechs Soldaten sprangen nacheinander hinaus und stürzten sich mit ihren Thermokarabinern in den Kampf, der ungleicher nicht hätte sein können. Die orangefarbenen Strahlen mähten die Prrrtaks gleich reihenweise nieder. Oft konnte Will sehen, dass ein einziger Strahl drei und mehr der Insektoiden durchschlug und tötete. Es war furchtbar.
Instinktiv griff er hilfesuchend nach dem Arm des Prrrtaks, der immer noch neben ihm stand und dem grausamen Schauspiel regungslos zuschaute.
Wach auf!
, sagte die warme Stimme.
Will schlug die Augen auf.
Sofort blendete ihn wieder die grelle Realität des Kerkers. Sein Kopf schmerzte und er verspürte einen gewaltigen Durst.
Der Fremde – der Prrrtak – lag immer noch da wie zuvor.
Will setzte sich auf. Was war das für eine Stimme gewesen, die er gehört hatte? Und war sie nicht schon beim ersten Traum der Grund dafür gewesen, dass er aufgewacht war?
Er blickte sich um, aber ausser sich und den Prrrtak in tausendfachen Ausgaben sah er niemanden. Auch kein Mikrofon oder etwas ähnliches.
Er räusperte sich. Seine Kehle war völlig ausgetrocknet. Wie lange er wohl geschlafen hatte?
Wieder und wieder musste er sich räuspern, doch das leidige Gefühl im Hals blieb. Er musste unbedingt etwas trinken!
Suchend blickte er sich um.
Nichts.
Er setzte sich wieder mit dem Rücken an die Spiegelwand, schlang die Arme um die angezogenen Knie und versuchte den fast übermächtigen Durst zu ignorieren.
Minuten und Stunden vergingen. Nichts geschah. Bisweilen zuckte eines der Glieder des Prrrtak, das war dann aber auch schon alles.
Wills Kopfschmerzen wurden langsam stärker und der Hals fühlte sich an, als ob er mit Sandpapier ausgeschmirgelt worden wäre.
Als er ein leises Plätschern vernahm, dachte er zuerst, seine überforderten Sinne spielten ihm einen Streich. Doch dann war er sich ganz sicher: Irgendwo lief Wasser!
Unsicher stand er auf und schaute um sich.
Da!
Aus einer Ritze zwischen Spiegelboden und -wand floss ein dünnes Rinnsal.
So schnell er konnte lief er darauf zu, liess sich auf die Knie sinken und begann das kostbare Nass aufzuschlürfen.
Wie das gut tat!
Jeder Tropfen, der seine geschundene Kehle hinunterrann, war eine Wohltat.
Erst nach Minuten wurde ihm bewusst, dass das Wasser unter Umständen nicht gesund sein könnte. Er hielt kurz inne und kostete es etwas genauer. Aber er konnte keinen speziellen Geschmack feststellen. Also machte er weiter. Er schlürfte und leckte das wenige Wasser auf, das aus der Ritze floss.
Er war so vertieft dabei, dass er den Prrrtak völlig vergass. Plötzlich spürte er eine Bewegung hinter sich.
Er blickte auf und sah ihn – sechsfach projiziert – hinter ihm stehen. Will versteifte sich.
Da begann der Prrrtak wütend zu kreischen, packte Will mit beiden saugnapfbewehrten Klauen, hob ihn mühelos hoch und schleuderte ihn zur Seite. Schmerzhaft krachte Will auf den Spiegelboden und musste sich sofort gegen das Abrutschen wehren.
Der Insektoide brüllte nochmals laut und unkontrolliert und beugte sich dann über das Rinnsal. Doch in dem Moment, als er zu trinken beginnen wollte, versiegte das Wasser.
Es war, als ob die Hölle losgebrochen wäre.
Der Prrrtak begann zu toben. Er schrie und kreischte, warf sich gegen die Spiegelwände und schlug mit seinen Armen auf sie ein. Oder war es sein Spiegelbild, das er angriff?
Will konnte es nicht sagen, aber es war ihm auch egal. Die Angst kam zurück und ergriff ihn mit ihren kalten Klauen. Was hätte er auch tun können, wenn sich der Fremde plötzlich gegen ihn wendete?
Die Schreie und deren Echos schienen von allen Seiten zu kommen. Sie schmerzten trotz der auf die Ohren gepressten Hände, füllten ihn aus und liessen ihn wie eine Glocke dröhnen.
Will zog sich so weit es ging vom Prrrtak zurück und presste sich an eine Spiegelwand.
Der Insektoide hörte nicht auf zu toben. Will hatte keine Ahnung, woher der andere die Kraft nahm. Er schrie und brüllte, krachte in die Spiegelwände, nahm gewaltige Sätze quer durch den Kerker. Stundenlang.
Will stand einfach nur da und liess es geschehen. Wenn der andere ihm zu nahe kam, machte er ein paar Schritte zur Seite. Doch sonst konnte er nur die Ohren zuhalten und abwarten.
Dann geschah es.
Ein grüner Strahl blitzte auf und traf den Prrrtak. Wie vom Blitz getroffen krachte er auf den Spiegelboden.
Ungläubig blickte Will auf den Insektoiden. Wie er nach dem scheinbar unendlich langen Toben plötzlich bewegungslos da lag erschien ihm ebenso irreal wie die wieder eingetretene Stille. Dafür hörte er, wie seine Ohren nach dem Martyrium sirrten. Aber das würde wieder vergehen.
Vorsichtig ging er ein paar Schritte auf den Prrrtak zu.
Aus sicherer Distanz versuchte er den Chitinpanzer zu inspizieren. Er konnte keine Einschussstelle entdecken. Bei dem Strahl, der den Prrrtak getroffen hatte, musste es sich um einen Paralysatorschuss gehandelt haben. Die Soldaten, die Will aus seinem Schlafzimmer geholt hatten, hatten ebenfalls einen solchen Strahl eingesetzt, als er nicht mit ihnen mitgehen wollte. Er hatte noch hören, sehen und riechen können, doch es war ihm nicht mehr möglich gewesen, auch nur einen kleinen Finger zu bewegen.
Der Prrrtak war somit lediglich für ein paar Stunden ausser Gefecht gesetzt worden.
Will runzelte die Stirn und suchte mit den Augen die Position der Extremitäten des Insektoiden.
Gut, die Saugnäpfe von mindestens einem Arm und einem Bein hielten den Prrrtak an Ort und Stelle. Er würde also nicht in das Loch abrutschen solange er paralysiert war.
Will zog sich wieder zur Wand zurück und setzte sich nieder.
Er versuchte sich darüber klar zu werden, ob er den Insektoiden als Freund oder Feind anschauen sollte.
Grundsätzlich war er von ihm noch nicht direkt angegriffen worden. Einzig vorhin, als sich der andere auf das Wasser stürzte, hatte er Will sehr schmerzhaft zu Fall gebracht. Doch das war vermutlich mehr eine Kurzschlusshandlung als ein wirklicher Angriff gewesen.
Das würde auch mehr dem entsprechen, was er von seinem Vater über die Prrrtak gehört hatte. Geisteswesen in ihren Träumen und von ihren Instinkten Getriebene ausserhalb der Traumwelt.
Während er noch am Grübeln war, ertönte plötzlich ein schabendes Geräusch neben ihm.
Will fuhr herum und sah, dass sich eine Spiegelwand aufgelöst hatte und den Blick auf einen dunklen Gang freigab...
Schritte schwerer Stiefel ertönten.
Unvermittelt begann Will zu frösteln. Er hatte diese Schritte schon einmal gehört!
In der Dunkelheit des Ganges wurden goldene Knöpfe und ein weisser Stehkragen sichtbar. Dann schälte sich der Rest aus der Dunkelheit.
Die schwarze Uniform.
Der Mann mit den kältesten Augen des Universums.
William von Caranor!
, sagte der Mann, den sein Onkel Coupièr genannt hatte.
Will wich zurück, als er den Schlagstock in Coupièrs Händen gewahrte.
Es tut mir Leid
, stammelte Will.
Was tut Ihnen Leid, William von Caranor?
, fragte Coupièr mit seiner harten und doch aalglatten Stimme.
Ich, ich...
, begann Will, doch ihm wollte nichts Gescheites einfallen. Der Mann machte ihm Angst.
Coupièr streckte seinen linken Arm aus und zeigte auf den Prrrtak. Das dort. Was ist es?
Ein Prrrtak
, sagte Will mit ersterbender Stimme.
Coupièr zog eine Augenbraue in die Höhe. Stimmt. Aber gleichzeitig ist es noch vieles mehr. Es ist ein Gegner der terranischen Rasse und unseres Reiches. Und es hat einen unserer Generäle umgebracht.
Coupièr machte drei Schritte auf Will zu.
Die Schritte dröhnten in seinen Ohren und kurz keimte in Will der Wunsch auf, dass der andere auf dem Spiegelboden ausrutschen und ins Loch fallen möge. Doch es sah nicht danach aus, als ob Coupièr mit der Schräge des Bodens irgendwelche Probleme haben würde.
Und jetzt raten Sie einmal, wer dieser General war, den dieses Ding umgebracht hat!
, sagte Coupièr mit einem spöttischen Unterton in der Stimme.
Will schaute zu Coupièr empor. Er dachte an die Traumsequenz, die ihm der Prrrtak vermittelt hatte. An die Speere der Verteidiger und wie wirkungslos sie gegen die gepanzerten Raumlandesoldaten geblieben waren. Er konnte sich nicht vorstellen, wie ein Prrrtak auch nur einen einzigen Terraner im Gefecht hätte umbringen können.
Ich... Ich weiss nicht
, flüsterte Will.
Dann werden Sie vermutlich dieses Filmdokument als höchst aufschlussreich empfinden
, sagte Coupièr und zeigte mit dem Stock auf eine der Spiegelwände.
Will blickte auf die Wand und sah, dass sich der Spiegel in einen Holoschirm verwandelt hatte.
Eine ockergelbe Wüstenwelt wurde sichtbar. Das Licht der Sonne schien nur diffus durch die von Sandstaub durchsetzte Atmosphäre. Die Welt der Prrrtak, die er bereits in der Traumsequenz gesehen und betreten hatte!
Die Kamera schwenkte herum und zeigte einen hochdekorierten General des Terranischen Reiches, wie er gerade einen Gleiter verliess und mit langen, sicheren Schritten die Distanz zwischen dem Gleiter und einem von Prrrtak bewachten Eingang in einen kleinen Hügel hinter sich brachte. Eine tiefe Kapuze schützte ihn vor dem Sand, den die peitschende Winde vor sich her trieben. In seinem Geleit hatte er zwei schwer bewaffnete Raumlandesoldaten.
Sie betraten den Hügel und folgten dem sich windenden Gang in die Tiefe. An den Wänden des Ganges wuchsen pilzartige Pflanzen, die ein erstaunlich helles, grün-blaues Licht verbreiteten. Vor einem mit weiteren Prrrtak bewachten Tor blieben sie stehen. Einer der Prrrtak machte einen Schritt auf die Terraner zu, hob seinen Speer und stiess kurze abgehackte Klacklaute aus.
Der General fasste sich an die Kapuze und zog sie nach hinten.
Will verkrampfte sich. Vater!
General Dorian von Caranor bittet um Einlass zu der Königin der Prrrtak, um das Eingeständnis ihrer totalen Niederlage entgegenzunehmen. Ihr Leben ist nicht in Gefahr, da es der Wunsch des Terranischen Reiches ist, das grosse Volk der Prrrtak als gleichberechtigten Partner einzugliedern.
Eine Träne löste sich aus Wills Augenwinkel. Er streckte eine Hand aus obwohl er wusste, dass das Holo nicht greifbar war.
Ein Kästchen, das Vater in Händen gehalten hatte, stiess die Klacklaute aus, die er bisher von den Prrrtak vernommen hatte. Ein Übersetzungsgerät.
Der Prrrtak liess den Speer sinken, drehte sich um und klopfte zweimal an das Tor.
Langsam öffneten sich die Torflügel und gaben den Blick in einen grossen hohen Raum frei. Vom Tor führte ein Weg direkt zu einer Mulde in der Mitte des Raumes, in der ein riesiges Monster lag. Dessen Kopf hatte die goldfarbenen Augen der Prrrtak und auch der Chitinpanzer wies die typische braune Farbe des insektoiden Volkes auf. Aber der Rest des Körpers war einfach nur monströs. Er glich einer riesigen braunen Made, die ständig in Bewegung war. Am Ende des Körpers waren Prrrtak unablässig damit beschäftigt, gelbe Kokons aufzufangen und wegzuschaffen, die aus einer Öffnung des Körpers gedrückt wurden.
Die Königin der Prrrtak!
Die kleine Delegation um seinen Vater setzte sich in Bewegung. Auf beiden Seiten des Weges standen steife Prrrtak.
Will beobachtete mit klopfendem Herzen, wie sein Vater den anderen ein Zeichen gab und die letzten Meter alleine auf die Königin zuging. Dann blieb er stehen und deutete eine knappe Verbeugung an.
Majestät! Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, uns hier zu empfangen. Viel Blut ist geflossen und ich bin froh, dass wir dem nun Einhalt gebieten können!
Aus den Reihen der Ehrengarde, die links und rechts des Weges stand, löste sich einer der Prrrtak und rannte auf den General zu.
Vater!
, rief Will erschrocken. Hinter Dir!
Doch selbstverständlich konnte Dorian von Caranor den Aufschrei seines Sohnes nicht hören.
Der Prrrtak erreichte den General und durchbohrte ihn mit seinem Speer.
Dorian von Caranor schrie auf. Erstarrte. Der Prrrtak hatte ihm den Speer von hinten quer durch den Brustkorb getrieben. An der Stelle des Herzens ragte er wieder hinaus. Der Terraner sackte in sich zusammen. Fiel zuerst auf die Knie, dann schräg vorne über.
Will kreischte entsetzt.
In der Holoübertragung brach Chaos aus. Die beiden Raumlandesoldaten begannen wild um sich zu schiessen und verwandelten die Königinnenkammer in einen Ort der Hölle.
Eine Stimme ertönte. Offenbar gehörte sie zu derjenigen Person, aus deren DataVis diese Filmsequenz stammte.
Nehmt den Attentäter gefangen! Tötet ihn nicht! Ich wiederhole: Tötet ihn nicht!
Der Prrrtak, der regungslos an Ort und Stelle stehen geblieben war, wurde von einem fahlgrünen Strahl getroffen. Er fiel und blieb neben der Leiche von Wills Vater liegen.
Das Bild fror ein.
Vater!
, schluchzte Will. Er konnte seine Tränen nicht mehr länger zurückhalten. Sie schossen ihm aus den Augen und rannen in grossen Bächen über die Backen. Vater...
Ihre Schwäche widert den Sternenkönig an, junger Caranor!
, stiess Coupièr verbissen aus. Sie können von Glück sagen, dass Sie nicht schon lange deportiert wurden! In seiner unendlichen Güte gibt er Ihnen eine letzte Chance. Eine Chance, hier herauszukommen und im Sternenpalast ein neues Leben zu beginnen!
Will konnte den Blick nicht vom eingefrorenen Bild nehmen. Vom furchtbaren Speer, der seinen Vater durchbohrte. Vom Prrrtak, der mit verrenkten Gliedern neben seinem toten Vater lag. Der ihn getötet hatte. Und der für alles Schlimme verantwortlich war, das seither geschehen war. Ein neues Gefühl begann sich in seinem Bauch zu regen. Es war heiss und vibrierend und breitete sich langsam über seinen ganzen Körper aus.
Wut.
Coupièr ging vor Will in die Hocke. Seine eiskalten Augen blickten ihn prüfend an.
Dieses Ding, das hinter ihnen liegt, war es, das Ihren Vater getötet hat. Wir haben den Mörder hierher geschafft, um ihn in einem öffentlichen Verfahren zu exekutieren. Doch der Sternenkönig bietet Ihnen die Möglichkeit zur Rache, William von Caranor.
Coupièr hielt Will den Griff des Schlagstockes hin.
Bringen Sie den Mörder Ihres Vaters um und beginnen Sie ein neues Leben.
Coupièrs Stimme hatte plötzlich einen warmen, verführerischen Klang. Sie werden es nicht bereuen. Sehen Sie, ein Gefühl der Rache auszuleben kann ungeheuer befreiend wirken. Probieren Sie es aus, William!
Will wischte sich über die Augen. Der Tränenschleier verschwand aber nur teilweise.
Er ergriff den Schlagstock. Er fühlte sich kalt an. Kalt und schwer.
Sehr gut
, sagte Coupièr befriedigt. Ich werde Sie dann alleine lassen.
Damit stand er auf, drehte sich um und verliess den Kerker ohne nochmals zurück zu schauen. Schabend schloss sich die Tür hinter Coupièr. Gleichzeitig verschwand der Holobildschirm so unvermittelt wie er aufgetaucht war.
Will war alleine mit sich, dem Wesen und dem Stock in seiner Hand.
Er wusste nicht, wie lange er schon so da stand. Breitbeinig, mit dem Stock in der rechten Hand. Den bewegungslosen Körper des Fremden direkt vor seinen Fussspitzen.
Schon ein halbes Dutzend Male hatte er mit dem Stock bereits ausgeholt – um ihn immer wieder herabsinken zu lassen. Er konnte es einfach nicht tun.
In ihm tobte ein Ozean der Gefühle. Wie die schweren Wellen am Strand von Ko-Shin, rollten sie heran und brachen in gewaltigem, gischttreibendem Tosen. Wut brandete. Trauer. Verzweiflung. Zorn. Hass. Mitleid.
Dazu lief ein Film an Bildern durch seinen Kopf, der sich nicht abstellen liess. 1.000 Bilder und Erlebnisse aus glücklichen Tagen, die unwiederbringlich verloren waren.
Will erhob den Schlagstock erneut. Jetzt!
Dann blickte er wieder auf den Kopf des Prrrtak. Die golden schimmernden, handtellergrossen Augen waren geöffnet. Will wusste, dass der Prrrtak ihn trotz der Paralyse sehen konnte. Doch das kümmerte ihn nicht. Vielmehr erinnerte er sich an die Traumsequenz. Als der Fremde mit diesen goldenen Augen auf die verheerende Schlacht geblickt hatte. Wieviele Angehörige er wohl in diesem Moment verloren hatte?
Will biss die Zähne aufeinander. Er musste zuschlagen! Jetzt!
Eine Träne floss aus seinem rechten Augenwinkel, rann die Wange hinunter und tropfte auf die ausgestreckte klauenbewehrte Hand des Insektoiden. Sie zuckte zusammen.
Erschrocken wich Will einen Schritt zurück. Die Paralyse liess wieder nach – der Prrrtak würde sich in Kürze wieder bewegen und damit verteidigen können!
Will keuchte. Wenn er es nicht jetzt zu Ende brachte, verspielte er wahrscheinlich seine einzige Chance. Der Insektoide würde die Kontrolle über seinen Körper zurückgewinnen und ihn töten, wie er seinen Vater getötet hatte. Dass er dazu keinen Speer benötigte, hatte er beim Tankill-Äffchen bewiesen, als er dessen Schädel knackte wie eine darwynnische Baumnuss.
Ein verzweifeltes Stöhnen kam aus seiner Kehle. Die Hände, mit denen er den Griff des Stockes umklammert hatte, begannen zu zittern. Das Zittern weitete sich aus auf seine Arme, seinen ganzen Körper.
Warte, Will!
, sagte die warme Stimme hinter ihm.
Will erstarrte. Er kannte die Stimme genau. Auch wenn er sie noch nie in natura gehört hatte. Langsam liess er die Arme sinken und drehte sich um.
Auf der anderen Seite stand ein grosser schlanker Mann, der in eine antiquiert erscheinende Uniform gekleidet war. Sein halb langes, dunkelbraunes Haar war an den Schläfen leicht angegraut und fiel sanft auf den feinen Kragen der Uniform. Das Gesicht war furchig wie dasjenige eines Siebzigjährigen, doch aus den Augen strahlte die Agilität und Kraft eines Jugendlichen.
Die Augen! Sie kamen Will bekannt vor – konnte es sein...
Hallo Will
, sagte der Mann milde lächelnd. Die Stimme hatte denselben warmen und vertrauenserweckenden Klang wie in seinem Traum.
Hallo
, sagte Will weil ihm nichts besseres einfiel. Bist Du mit mir verwandt? Deine Augen...
Das Lächeln des Mannes wurde um eine Spur breiter. Täuschte sich Will und er sah ein Glitzern in seinen wasserblauen Augen?
Nein, Will. Wir sind nicht miteinander verwandt. Aber mein Schicksal ist mit demjenigen Deiner Familie eng verwoben. Ich war Berater und persönlicher Freund Deines Vaters, als er in Deinem Alter war.
Meines... meines Vaters?
, stotterte Will.
Ja. Dorian und ich – wir haben viel voneinander gelernt.
Ein dunkler Schatten huschte über das Gesicht des Mannes. Er war ein wunderbarer Mensch, Dein Vater.
Will wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Mit offenem Mund starrte er auf den hochgewachsenen Terraner.
Und nun bin ich hier für Dich, Will.
Will schüttelte die Starre ab. Hilf mir, hol' mich hier heraus!
, flehte er. Ich kann das nicht machen!
Leider bin ich nicht derjenige, der die Spielregeln bestimmt, Will. Der Sternenkönig ist auch mein Gebieter. Ich weiss aber, dass er Grosses vorhat mit Dir, junger Freund. Ich würde mir nie anmassen, Anordnungen des Regenten in Frage zu stellen.
Er machte eine bedeutungsvolle Pause und fuhr dann mit flüsternder Stimme fort: Aber ich kann Dir in der Tat helfen, diese Situation zu überstehen. Willst Du das?
Will nickte langsam. Was soll ich tun?
Tu' das, was sie von Dir verlangen, Will. Das ist die einzige Möglichkeit, die Du hast.
Will schüttelte erschrocken den Kopf. Ich kann das nicht. Ich kann ihn nicht umbringen!
Der Mann sah ihn traurig an. Ich weiss, junger Freund, ich weiss. Und trotzdem musst Du es tun, wenn Du aus diesem Kerker herauskommen willst.
Er atmete einmal tief durch. Schau, der Prrrtak wird in keinem Fall überleben. Wenn er nicht durch Deine Hand stirbt, dann durch diejenige des Exekutors. Der einzige Unterschied ist die Zeit. Ob er jetzt sterben darf oder aber noch Tage und Wochen in diesem Kerker ausharren muss, bevor er endlich erlöst wird.
Aber... aber...
, stammelte Will.
Vergiss eines nicht, Will. Er hat Deinen Vater umgebracht. Er verdient es zu sterben!
Will war zu keiner Entgegnung fähig.
Überlege nicht lange. Nimm Mass. Schliesse die Augen. Und schenke ihm die Gnade zu sterben.
Will erschauerte. Der Mann hatte Recht.
Kannst Du das tun, Will?
Will schluckte krampfhaft. Dann nickte er. Ja, er konnte es tun.
Gut.
Der Mann lächelte traurig. Dann werden wir uns wiedersehen. Später.
Ohne irgend etwas weiteres zu sagen, drehte er sich um und verschwand durch eine Öffnung in der Spiegelwand, die sich hinter ihm sofort wieder schloss.
Will hörte ein kratzendes Geräusch hinter sich. Mechanisch drehte er sich um.
Der Prrrtak hatte sich ein Stück weit gedreht. Der linke Arm tastete blind über den Boden.
Will trat an den Insektoiden heran.
Der Mörder seines Vaters. Die grossen goldenen Augen blickten trübe, da sie durch die Paralyse getrocknet waren.
Erneut hob er den Schlagstock. Doch diesmal war alles anders.
Er schlug zu.
Mit einem dumpfen Geräusch prallte der schwere Stock ab. Der Schlag hatte eine kleine Delle in der chitinbewehrten Stirn des Prrrtaks hinterlassen.
Der Körper des Insektoiden begann heftig zu zucken. Ein glockenhelles Sirren drang zwischen den Maulscheren hervor, die sich unkontrolliert öffneten und schlossen.
Will begann seinerseits zu schreien und schlug ein zweites Mal zu. Die Delle wurde ein wenig grösser.
Das Sirren des Prrrtaks verwandelte sich in einen lauten, nicht abbrechen wollenden Schrei.
Will schloss die Augen und schlug ein weiteres Mal zu. Und noch einmal. Der Schrei wurde noch lauter und intensiver.
Wenn nur die Schreie nicht gewesen wären! Er wollte, dass die Schreie aufhörten!
Nun brachen in Will alle Dämme. Wie ein Irrer schlug er auf den Prrrtak ein. Wieder und immer wieder. Er hörte auf zu fühlen. Seine gesamte Existenz war reduziert auf den Stock in seiner Hand und die Wucht, die in den Schlägen steckte.
Er registrierte nicht, wie der Stock plötzlich nicht mehr zurückfederte, sondern durchbrach. Er bemerkte auch die Flüssigkeit nicht, die ihm entgegenspritzte.
Und er vernahm nicht, dass der Schrei des anderen längst erstorben war.
Denn in der Blase, in der Will in diesem Moment existierte, gab es keine Empfindungen mehr. Es gab nur noch den Stock, der zuschlug. Weder der Arm, der ihn führte, noch das Ziel, das er traf, noch der Zweck des Zuschlagens waren mehr von Belang.
Als seine Schläge längst nur noch den Boden trafen, wurde er plötzlich in seiner Bewegung gestoppt. Etwas hatte seinen erhobenen Arm gepackt.
Will kam wieder zu sich. Verständnislos gaffte er auf das braungrüne Ding, das vor ihm lag. Die grüne Flüssigkeit war überall. Auf dem Boden, den Wänden...
Will erschrak heftig.
Zwischen den grünen Schlieren an der Wand spiegelte sich derjenige, der immer noch den erhobenen Arm mit dem Schlagstock festhielt. Das Gesicht war zu einem düsteren Grinsen verzogen.
Coupièr!
Das wäre es dann gewesen
, stellte dieser kalt fest.
Er liess Wills Arm los.
Ich werde Ihnen nun Ihre Räumlichkeiten zeigen.
Der schwere Schlagstock entglitt Wills zitternden Finger und fiel polternd zu Boden. Eine grüne Spur zeichnend rollte er auf das Loch zu und verschwand gleich darauf in der Schwärze der Tiefe.
Coupièr legte eine Hand auf Wills linke Schulter, drehte ihn herum und stiess ihn in Richtung des Eingangs, der nun wieder offen stand. Auf halbem Weg verhielt er und blickte auf Will herab.
Ach ja
, sagte Coupièr als ob er etwas vergessen gehabt hätte. In seinen Augen loderte eine eiskalte Glut. Willkommen im Sternenpalast, Master William!
Der Gleiter landete im Innenhof des Palastes. William seufzte und erhob sich von seinem Sessel. Die kurze Zeit des Verweilens und Reflektierens war vorbei. Nun wartete die königliche Schlangengrube auf ihn.
Er strich sich sein Haar zurück und überprüfte den Sitz seiner Uniform. Perfekt.
Dann atmete er einmal tief ein, straffte sich und betätigte den Öffnungsmechanismus.
Das Schott schwang auf und gab den Blick auf die scheinbar erstarrte Szenerie im Innenhof frei.
Der Teppich war ausgerollt und die Ehrengarde stand stramm – alles genau nach Protokoll. Eine einzige Bewegung konnte er ausmachen: Der Taktstock des Kapellmeisters wippte dreimal kurz, worauf die königliche Kapelle die ersten Takte der Ouvertüre des Reichsmarsches zu spielen begann.
Terra, Du meine Heimat,
nie werde ich Dich vergessen,
immer werde ich Dich lieben,
auch wenn die Abgründe zwischen den Sternen,
auch wenn die Feinde der Menschheit,
versuchen werden Zwietracht zu säen,
denn auf Terra liegt die Wiege der Menschheit,
denn auf Terra wacht mein Beschützer,
der seine gütige Hand über mich hält,
Richard von Caranor, Dir sei mein Dank,
Richard von Caranor, Dir sei mein Leben.
Ein kalter Schauer kroch an Williams Wirbelsäule empor. Doch äusserlich blieb er unbeeindruckt. Einzig die kurzzeitig angespannten Kaumuskeln hätten einem geübten Beobachter seine Anspannung verraten können.
William nahm den ersten, zweiten, dritten Schritt und verwandelte sich dabei endgültig in jenen Mann, den sie hier am Hofe kannten: Den arroganten, unberechenbaren Thronfolger, der sich nahm, was er wollte und einzig seinem Onkel Rechenschaft schuldig war.
Dieses Auftreten fiel ihm nicht allzu schwer, da er für die meisten der Diener und Günstlinge am Terranischen Hof nichts als Verachtung übrig hatte. Die Kopfnicker und Bücklinge, deren Fähnchen sich in einem anderen politischen Wind automatisch mitdrehen würden.
Er hatte sich früher zwar regelmässig aus dem unerschöpflichen Pool an gefügigen Mätressen bedient, doch zu mehr als der Befriedigung seines Sexualtriebes waren sie nicht zu gebrauchen gewesen.
Bis auf die eine. Die grosse Ausnahme, die es nicht nur geschafft hatte, über längere Zeit in Williams Gunst zu bleiben, sondern die auch bis zu einem gewissen Grad sein Vertrauen gewonnen hatte. Dominique nahm damit neben Jagomir eine absolute Sonderstellung in Williams Leben ein.
Der Gedanke an Dominique liess ihn seine Schritte beschleunigen. Der Rapport von der Front bei seinem Onkel hatte Vorrang, doch dann wollte er direkt zu Dominique gehen. Das Gespräch, das sie geführt hatten, bevor er zurück an die Front ging, hallte immer noch in ihm nach. Er musste die Sache mit ihrem EDEN-Konsum so schnell wie möglich aus der Welt schaffen. Doch das hatte noch eine Stunde zu warten.
William hatte den Innenhof durchquert, den Gruss des Kapellmeisters unbeteiligt-lässig abgenommen und betrat die gewaltige Eingangshalle des Sternenpalastes, die von der glorreichen Vergangenheit der von Caranors und dem Terranischen Sternenreich erzählte.
Monpaillasse, der Protokollmeister, stürzte eilfertig auf ihn zu und begrüsste ihn überschwänglich.
Mon Prince d'Etoiles! Der Régent wird Sie in ein paar Minuten im Taktikum empfangen. Er ist auf Ihren geschätzten Bericht sehr gespannt. Ich habe gehört, sie hätten den Etho Mantovani höchstpersönlich ausgeschaltet! Das Phantôme, nach dem die Geheimdienste seit Monaten gesucht, das sie aber nicht gefunden haben! Meine herzliche Gratulation, mon Prince d'Etoiles! Hervorragend! Ich wusste schon immer, dass es für Sie keine Grenzen gibt – Sie werden dereinst ein wunderbarer Régent werden, wenn Sie mir diese Bemerkung erlauben, Sie werden das Reich zu neuen Höhen führen und die Rebellion komplett auslöschen...
William konnte nicht verhindern, dass seine Oberlippe angewidert ein paar Millimeter nach oben gezogen wurde. Wie er diesen Vollidioten hasste! Schon nur seine Kleidung, die jedem guten Geschmack Hohn sprach. Die roten, gelben und violetten Tücher, die offenbar gegenwärtige Modeströmungen repräsentieren sollten, tatsächlich aber nur Monpaillasses feiste Ausmasse zu kaschieren hatten.
Seine kirschrot gefärbten Lippen bewegten sich unaufhörlich in immer salbungsvolleren Lobgesängen auf den Thronfolger. Dazu wabbelte das speckig glänzende Doppelkinn im Takt und verlieh seinem Auftritt die Grazie eines von hungrigem Borstenvieh gestürmten Schweinetroges.
William drehte sich abrupt um und ging auf die Ausstellungsstücke zu. Monpaillasse heftete sich sofort an seine Seite und plapperte unverdrossen weiter.
Wir haben die Historiensammlung um ein paar exklusive Pièce erweitert. Zudem sind nun via DataVis Erklärungen zu den einzelnen Ausstellungsobjekten abrufbar. Sie können …
Der erste vernünftige Vorschlag, dachte William und linkte sich in den Museums-Channel ein. Eine angenehm modulierte Frauenstimme manifestierte sich in seinem Kopf.
<Holowürfel 32: Offene Aufstände gegen die FSP> Der Krieg gegen die Anorganischen hatte deutlich aufgezeigt, dass die Föderation Solarer Planeten zu schwach war, um ein galaxienumspannendes Reich zu verwalten.
Da die so genannte demokratische Regierungsform
keinen Regimewechsel zulässt, bleibt dem Regenten Kassian von Caranor nichts anderes übrig, als die Macht der Föderation zu brechen.
<Objekt 44: FSP-Parlament> Während der Vollversammlung des Föderations-Parlaments explodieren am 14. April 2443 zeitgleich 32 Sprengsätze. Das in sich zusammenfallende Regierungsgebäude tötet die meisten der 429 Abgeordneten der föderalen Planeten und den FSP-Regierungschef Olivier Valazquez. Die eintreffende Eliteeinheit der föderalen Armee unter dem Kommando von General Rikard D. Egersson beseitigt die letzten Überlebenden und übernimmt die Kontrolle über den parlamentarischen TriVid-Sender Freies Terra
.
<Portrait Kassian von Caranor> Über den Sender ruft Kassian von Caranor am 14. April um 17:13 das Terranische Reich aus und erklärt das Jahr 2443 zum Jahr 1 der Neuen Terranischen Zeitrechnung. Die Regierungsform ist diejenige einer Monarchie mit Kassian als erstem Sternenkönig. Er benennt New York in Caranor-City um, wo in den nächsten Jahren der gewaltige Sternenpalast gebaut werden wird.
William blieb stehen und betrachtete das Konterfei von Kassian. Aus den Augenwinkeln gewahrte er nicht unamüsiert, dass Monpaillasse grosszügig gestikulierend an die fünfzehn Meter weiterstakste, bevor er den fehlenden Gesprächspartner an seiner Seite bemerkte und auf seinen lächerlich kurzen Beinen zurückgerannt kam.
Ein tatkräftiger Mann war er, unser erster Régent
, sprudelte es atemlos aus ihm heraus. Ein Charakterzug, der auch bei Ihnen sehr ausgeprägt ist, mon Prince d'Etoiles!
Ein zuckersüsses Lächeln brachte seine Schweinebäckchen zum Glänzen.
Obwohl William nicht reagierte, plauderte Monpaillasse unverdrossen weiter. Nur Kassian von Caranor war es zu verdanken, dass Terra nach dem vernichtenden Krieg wieder zu einer galaktischen Grossmacht anstieg. Keine andere Regierung in der Milchstrasse konnte annähernd so viele Ressourcen für den Wiederaufbau mobilisieren wie Terra.
Ressourcen...
sagte William andächtig und betrachtete den stechenden Blick von Kassian von Caranor. Sein platinblondes Haar war fingerkurz geschnitten. Die Arme verschränkt, stach dem Betrachter das Emblem mit den weissen Löwen in die Augen, das auf der Herzseite der blauen Uniformjacke angebracht war.
Grosse Reiche basieren auf einer einwandfrei funktionierenden Logistik und einer konsequenten Beschaffung von Human- und Rohstoffressourcen. Nach dem Umsturz gab es nur zwei verschiedene Arten von Welten ausserhalb von Terra: Diejenigen, die auf der Seite von Terra waren, und diejenigen, die gegen Terra waren.
Zu den ersteren gehörten die Welten, die den Umsturz unterstützt hatten und dabei elegant zu neuen Regierungen gekommen waren. Sie standen in Kassians Schuld und lieferten so viele Ressourcen wie sie nur irgendwie konnten.
Monpaillasse hielt kurz inne, wohl um zu prüfen, ob der Thronfolger ihm auch wirklich zuhörte. Da dieser keine Anstalten machte sich abzuwenden, fuhr er in eifrigem Tonfall weiter. Die anderen, die Feinde Terras, waren noch zu angeschlagen, als dass sie dem rasch erstarkenden Terra hätten die Stirn bieten können. In nur zwei Monaten hatte Kassian eine Eroberungsflotte ausgerüstet, die in einem Blitzkrieg quer durch die Galaxis zog und die gefährlichsten Gegner ausschaltete. Nach und nach übernahm Terra so die Kontrolle über alle wichtigen Systeme in der Milchstrasse.
Mit fanatisch leuchtenden Augen sah Monpaillasse zu Kassians Portrait hoch. Die Légacie Ihrer Ahnen, mon Prince, ein Sternenreich von beinahe undenklichen Ausmassen.
Wann ist mein Onkel für den Rapport bereit?
, fragte William, ohne auf Monpaillasses Ausführungen einzugehen.
Sehr wohl, Sir.
Der sichtlich pikierte Protokollmeister schwieg einen Moment lang, in dem er offenbar via DataVis auf die königliche Agenda zugriff. In zehn Minuten, Sir.
Lass mich in Ruhe, Monpaillasse!
Sehr wohl, Sir.
Monpaillasse deutete eine kurze Verbeugung an und entfernte sich rückwärts gehend von ihm.
William atmete auf und wendete sich wieder den Ausstellungsstücken zu. Er hatte sie schon so oft gesehen, doch es war für ihn immer wieder faszinierend, durch die Halle zu wandern und die Geschichte der von Caranors und ihrer Sternenkönige zu inhalieren.
Aber er wusste auch, was er als erstes machen würde, sobald er selber Sternenkönig war und die totale Kontrolle über das Reich und natürlich auch den Sternenpalast haben würde: Seinem Vater Dorian von Caranor den Platz in der Geschichte einzuräumen, der ihm gebührte.
Dorian von Caranor war eine Legende. Eine Legende, von der man aber nur hinter vorgehaltener Hand sprach, da der Regent Dorian posthum zum Geächteten erklärt hatte, zum Verräter an den Werten des Terranischen Reiches. Doch alle Veteranen, mit denen William gesprochen hatte und die unter Dorian gedient hatten, sprachen mit grösstem Respekt von seinen taktischen, führungstechnischen, ja sogar menschlichen Fähigkeiten.
Erstaunlicherweise war dies aber nicht nur auf der Seite des Reiches der Fall, sondern auch seitens der Völker, die durch Dorian zum Reich annektiert wurden.
Bei seinen Kontrollbesuchen auf diesen Kolonialplaneten hatte er bisher nicht einen einzigen Hinweis auf die Anwesenheit einer Rebellenparzelle gefunden. Egal wie stark ihre Planeten ausgebeutet und ihre Volkswirtschaften geschröpft wurden, sie hielten Terra die Treue und ehrten Dorians Name
Nicht so in den Annalen des Terranischen Sternenreiches.
William wusste, dass die Geschichtsschreibung massiv verfälscht wurde – gerade die gloriose Geschichte der Ahnen, wie sie hier ausgestellt war, wurde schonungslos den Anforderungen des jeweiligen Throns angepasst.
Die ersten hundert Jahre wurden hier als das Goldene Zeitalter präsentiert, in dem das Terranische Reich durch harte Arbeit, Disziplin und die umsichtigen Planung der ersten drei Sternenkönige Kassian, Roskon und Denrik zum Machtfaktor Nummer eins der Galaxis wurde.
Wie William aber aus alten Aufzeichnungen wusste, war ein anderer Faktor massgeblich an der Entstehung des Reiches verantwortlich: Angst.
Terra und die annektierten Welten wurden als gigantischer Überwachungsstaat aufgebaut. Misstrauen bestimmte das Leben der Menschen und anderen Intelligenzen im Reich. Auflehnung gegen die neue Ordnung wurde nicht akzeptiert, Ansätze bereits in ihrem Keim erstickt.
Die Streitkräfte wurden mit allen Mitteln auf- und ausgebaut. Militärischer Dienst war für alle Fünfzehn- bis Fünfzigjährigen bei Einberufung Pflicht. Ganze Welten wurden in gigantische Fabriken für Kriegsraumschiffe umfunktioniert. Die nach dem Blitzkrieg noch übrig gebliebenen, als feindlich deklarierten Welten, wurden nach und nach übernommen und in die militärische Wertschöpfungskette integriert, bis es keine Völker mehr gab, die sich getraut hätten, Terra mit militärischen Mitteln die Stirn zu bieten.
Ein Pakt der zuletzt noch existierenden feindlichen Armeen wurde wegen der Verschiedenartigkeit dieser Völker nicht geschlossen. Sie wurden, ohne einen Schuss abzufeuern, von Terra annektiert.
Auch eine erste rebellische Bewegung von überwiegend Naruu und Terranern wurde von Terra mit einer Härte und Unbarmherzigkeit verfolgt, die ihresgleichen suchte. In einer Entscheidungsschlacht wurden die Rebellenschiffe ausnahmslos zerstört, ihre Anführer in einem symbolischen Prozess verurteilt und öffentlich hingerichtet.
Die Angst war es, die die Entstehung des Terranischen Reiches ermöglichte. Angst sorgte auch dafür, dass es nicht ins Wanken kam. Man lehnte sich nicht gegen Terra auf, weder im Kleinen, noch im Grossen. Das Prinzip Angst wurde infolgedessen dermassen institutionalisiert, dass sie zu etwas alltäglichem wurde.
William von Caranor wusste, was Angst bedeutete. Er wusste aber auch, dass Angst, wenn man sich ihrer denn zu bedienen wusste, eine hervorragende Mitstreiterin sein konnte.
Natürlich war in den historischen Texten davon keine Rede. Man sprach von den Tugenden, auf denen das Reich aufbauen sollte, nicht aber von der Repressalie, mit der diese beim Volk durchgesetzt wurden.
Aber Angst war nur eine Taste auf der Klaviatur der Macht, die man spielen konnte. Es war Williams Ziel, ein möglich breites Arrangement aus Melodien auf dieser Klaviatur zu spielen. Doch das war einfacher gesagt als getan. In den unzähligen Gesprächen mit Jagomir hatte er zwar ein Idealbild seines Sternenreiches skizziert, doch dieses dann auch so umzusetzen, war eine Lebensaufgabe. Und in den Momenten, wenn er daran zweifelte, dass er dafür stark genug sein würde, benötigte er den Zuspruch des weisen Jagomirs.
William wurde in seinen Gedanken unterbrochen, als im Hintergrund mit dem Stab des Protokollmeisters dreimal auf den Boden geklopft wurde. Monpaillasses schrille Stimme ertönte.
William von Caranor! Unsere königliche stellare Hoheit ist nun bereit, Sie zu empfangen!
Abermals klopfte er mit dem Stab dreimal auf den Boden.
William drehte auf dem Absatz um und schritt auf die sich öffnenden Türflügel des Taktikums zu. Monpaillasse hatte davor eine Art Achtungsstellung eingenommen, die Augenbrauen waren über den geschlossenen Augen so weit wie möglich nach oben gezogen. Lächerlich.
Im Vorbeigehen streifte William ihn mit dem Ellbogen. Nicht hart, dafür aber sehr gezielt. Er traf einen Schmerzpunkt seitlich der Brust.
Pfeifend sog der königliche Protokollmeister Luft ein und krümmte sich nach vorne.
Ohne auf ihn zu achten, betrat William das Taktikum. Bevor sich die Türflügel wieder geschlossen hatten, hörte er noch Monpaillasses leises Fluchen. Der Clown würde sich hüten, ihn bei der nächsten Audienz wieder zulabern zu wollen.
Das Taktikum war in vier Räume aufgeteilt. Im Eingangsbereich fand der Sicherheitscheck statt. Waffen mussten abgegeben werden, danach wurde man durchleuchtet und auf gefährliche Stoffe wie Kontaktgift untersucht.
Der zweite Raum war die Nachrichtenzentrale. Hier wurde in zwei- und dreidimensionalen Darstellungen die gegenwärtige Lage an den Fronten aufgezeigt.
Der Durchgang zum dritten Raum wurde durch einen Energieschirm gesichert, dessen Steuermodul direkt auf den DataVis zugriff und zutrittsberechtigten Personen automatisch eine Lücke freischaltete.
Der Führungsraum war das Herzstück des Taktikums. Ein mächtiger Tisch dominierte ihn, an dem der Sternenkönig mit seinen Generälen und Kriegsstrategen Sitzungen abhielt und die weiteren Entwicklungen in der Galaxis plante.
Der Lagerapport fand im vierten Raum statt. Dem Arbeitszimmer des Regenten.
William liess die DataVis- und Kernschwingungsanalyse geduldig über sich ergehen, bis ein leises Knacken ertönte und die Tür zum Arbeitszimmer aufschwang.
Was hatte Jagomir stets gesagt? Wer den Löwen in seiner Höhle aufsucht, ist Jäger und Gejagter gleichzeitig. Über die Rollenverteilung entscheidet der Löwe.
Nun denn.
William trat ein und sah – Mantovani! Jenen Etho, den er vor ein paar Stunden ausgeschaltet hatte.
Hasserfüllt blickte er William von mehreren Hologrammen gleichzeitig an.
Was wisst Ihr verdammten Reichsschergen schon von Sicherheit und Frieden? Macht ist Euer einziger Anspruch
, schleuderte Mantovani ihm entgegen.
Die Frage ist nicht, ob man Macht besitzt, Mantovani, sondern wie man sie einsetzt.
Williams Stimme.
Ach ja?
Verschiedene Datenströme erschienen und verschwanden wieder. Ein Teilausschnitt am Rand, der mehrere Reichssoldaten zeigte, wurde dunkelblau umrandet und mit dem Zeichen für die K-Steuerung hinterlegt.
Der Befehl, den William via K-Steuerung an die Commons weitergab, wurde als Laufschrift am unteren Bildrand eingeblendet: Rechte Hand zum Kreuz. Eine Clustergranate aus der Magnethalterung nehmen. Entschärfen. Mit langsamer Bewegung den Arm zum Wurf ausstrecken.
Dann ertönte wieder Williams Stimme. Mit dem jungen Caranor auf dem Thron wird ein neues Zeitalter der galaktischen Zusammenarbeit anbrechen. Mit einem starken Terra im politischen Mittelpunkt.
Wer sagt das?
William von Caranor. Er hat mich geschickt, um Dich zu ihm zu bringen, Mantovani. Du wirst an der neuen Ordnung mitarbeiten können.
Die Wiedergabe wurde gestoppt. Das überraschte Gesicht des Ethos fror ein.
Was hast Du Dir dabei gedacht? Verdammt nochmals!
Der hochlehnige Sessel beim Arbeitstisch drehte sich und ein wutentbrannter Harold Richard von Caranor kam zum Vorschein. Seine rechte Hand mit dem Siegelring der von Caranors war um die Lehne gekrampft, wohl um das Zittern der Hand zu verstecken.
Onkel, Ihr nehmt dieses Gewäsch doch nicht Ernst? Ich musste ihn ablenken
, William zeigte auf Mantovanis Gesicht in einer Holodarstellung. Und wie Ihr seht, hat das wie gewünscht geklappt!
Mit einer Agilität, die man dem 120-jährigen nicht zugetraut hätte, schnellte Harold aus dem Sessel. Darum geht es hier in keiner Weise!
, donnerte er. Es zeigt mir höchstens, dass Du noch sehr weit davon entfernt bist, mein Amt zu übernehmen.
William schluckte. Worauf wollte der Alte hinaus?
Harold machte ein paar rasche Schritte auf William zu, ergriff sein Kinn und zog Williams Gesicht nahe an das seinige heran.
Was mir absolut missfällt, junger Caranor, sind Deine hilflosen Versuche, einen ausgewiesenen Versager und Schwächling zu kopieren!
Immer noch sein Kinn haltend, schwenkte er es demonstrativ hin und her und starrte voller Abscheu auf Williams Bart.
Dorian von Caranor ist zu Recht gescheitert. Er war irregeleitet, nachgiebig und schwach!
Das letzte Wort spie er William zornesvoll entgegen. Ich verbiete Dir, wieder an vorderster Front zu kämpfen! Ich habe sehr viel Zeit und Geld in Deine Ausbildung gesteckt, junger Caranor! Ich will, dass Du Dich endlich an die Maximen hältst, die ich Dir vorgebe! Hast Du verstanden?
William entzog sich dem Regenten, indem er zwei schnelle Schritte rückwärts machte. Beschwörend hob er seine rechte Hand.
Onkel. Ich habe jederzeit im besten Interesse des Reiches gehandelt! Als wir den Aufenthaltsort des verdammten Ethos in Erfahrung gebracht hatten, musste ich umgehend handeln. Weil ich beim vorhergehenden Einsatz zwei Gruppenführer verloren hatte, übernahm ich selber das Kommando über einen Trupp.
William hielt kurz inne und fuhr dann in gefassterem Tonfall fort. Mein Leben stand nie direkt in Gefahr. Ich wusste, dass Mantovani niemals einen Unbewaffneten erschiessen würde.
Ach so, das wusstest Du! Dann haben wir ja plötzlich einen Telepathen in der Familie, herzliche Gratulation!
William liess sich durch den beissenden Spott seines Onkels nicht aus dem Konzept bringen.
Es reicht, geschätzter Onkel, wenn man sich ein wenig über seinen Gegner informiert, dann …
Schweig, Du Narr!
, fiel ihm der Regent zornig ins Wort. Wage es ja nicht noch einmal, mir einen Ratschlag geben zu wollen!
Drohend richtete er seinen rechten Zeigefinger auf William. Zudem Du verdammt nochmals nicht wissen konntest, ob er fähig gewesen wäre, Deine Gedanken zu lesen und so herauszufinden, wer Du wirklich bist!
William liess langsam die angehaltene Luft entweichen. Er gab sich geschlagen, da er wusste, dass er den Regenten nicht mehr argumentativ von seiner Meinung abbringen konnte. Wie hätte er ihm auch erklären können, dass er instinktiv gefühlt hatte, dass ihm vom Etho keine direkte Gefahr drohte? Dies hätte nur zu einer weiteren Auseinandersetzung über Dorian von Caranor geführt, die er unter allen Umständen vermeiden wollte.
Ihr habt Recht, Onkel. Ich habe leichtsinnig gehandelt
, sagte er ruhig und mit sicherer Stimme. Verzeiht, dass ich Euren Zorn hervorgerufen habe.
Harold von Caranor sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Dann liess er die immer noch erhobene Hand sinken.
In Ordnung. Ich nehme Deine Entschuldigung entgegen, William.
Er schloss kurz die Augen, dann lief die angehaltene DataVis-Datei weiter.
Die Übertragung endete mit Williams Worten Ich werde dafür sorgen, dass jeder von Euch gejagt und ausgeschaltet wird, bis dieses Experiment für beendet erklärt werden kann
, bevor er den Knauf des Messers bis zum Anschlag in die Augenhöhle des Ethos trieb.
Bravo, bravo. Was für eine ausserordentliche Vorstellung!
, ertönte hinter William eine Stimme, die ihm durch Mark und Bein drang, unterstrichen von einem genüsslichen Klatschen.
William wirbelte herum – und da war er, keine zwei Armlängen von ihm entfernt: André Coupièr. Der Verhasste, das Monster!
Seelenruhig stand er da und genoss Williams Überraschung. Mit seinen 1,70 m war er fast 20 Zentimeter kleiner als William und von eher unscheinbarer Gestalt. Und dennoch brachte er ihn mit seiner arrogant-ruhigen und aalglatten Art immer wieder zur Weissglut. Zuviel war geschehen in der Zeit, als dieser Mann für seine Grundausbildung zuständig gewesen war.
William schnaubte. Wie ich es von Dir gelernt habe, Coupièr. Kompromisslos. Unnachgiebig.
Und was für ein gelehriger Schüler Ihr wart, Master William.
Ein überhebliches Lächeln umspielte seine Lippen.
William starrte Coupièr feindselig an. Er hatte nicht erwartet, den Leiter des königlichen Geheimdienstes und persönlichen Leibwächter des Sternenkönigs hier im Taktikum anzutreffen. Er wendete sich wieder seinem Onkel zu.
Mittlerweile hat wohl jeder Zutritt zum Taktikum.
Harold von Caranor kniff seine Augen zusammen. Wir haben Gründe davon auszugehen, dass auf Terra mehrere Rebellenzellen aktiv geworden sind. André Coupièr leitet die hiesigen Untersuchungen und Aktionen.
Seelenruhig schritt der Angesprochene um William herum und baute sich neben dem Sternenkönig auf. Eine Frechheit sondergleichen, die sich nur der oberste Leibwächter erlauben konnte.
Zurzeit müssen wir davon ausgehen, dass sich unter den Bediensteten mindestens ein potentieller Attentäter befindet. Das bedeutet, dass ich befugt bin, alle verdächtigen Subjekte, die im Sternenpalast leben oder arbeiten, jederzeit überprüfen und arretieren zu lassen.
Demonstrativ schnippte er ein Stäubchen von seinem Revers. Zu den verdächtigen Personen gehören ganz besonders die ehrenwerten Damen im Mätressenhaus, die einem gewissen königlichen Familienmitglied und Sternenprinzen ungebührlich nahe kommen und ihn gefährden können, wenn er...
, Coupièr hüstelte gekünstelt, in einem Zustand ist, in dem er sich nicht verteidigen kann.
Masslose Wut brandete in William auf. Coupièr fand immer wieder einen wunden Punkt, an dem er ihn treffen konnte. Seit mehr als dreissig Jahren ging das nun schon so. Doch er hatte gelernt sich zu beherrschen. Selbst in der Gegenwart von Coupièr.
Das ist einzig und alleine meine Angelegenheit, Coupièr
, begann er langsam. Eine Angelegenheit, die ich im Griff habe!
Indem Ihr sie mit EDEN abhängig und gefügig macht? Ach, geschätzter Sternenprinz. Euch ist zweifelsohne bekannt, dass EDEN zwar einen kleinen Effekt auf das subjektive Schönheitsempfinden der EDEN-Konsumenten hat, aber auch zu erheblichen Persönlichkeitsstörungen führt, wenn die Droge nicht kontinuierlich konsumiert wird.
Er leckte sich über die dünnen Lippen. Und Persönlichkeitsstörungen kann ich leider nicht tolerieren, wenn die Sicherheit im Sternenpalast im allgemeinen und der von mir über alles geschätzten Mitglieder der königlichen Familie im speziellen kompromittiert ist.
Habe ich Dir nicht befohlen, die EDEN-Abhängigen hier 'rauszuschaffen?
Wie ich es gesagt habe, Onkel: Ich habe die Situation unter Kontrolle.
Ein ärgerlicher Seitenblick traf André Coupièr, der ihn mit einem süffisanten Grinsen beobachtete. Die Frauen wurden aus dem Palast entfernt.
Bis auf eine Dame, die mit ihrer Tante immer noch präsent ist
, spielte Coupièr seine nächste Karte aus.
Williams Kopf ruckte wieder zu Coupièr zurück. Ich fahre Dominiques Dosierung schon seit Wochen sukzessive herunter. Zusätzlich habe ich ein Spezialprogramm auf ihrem DataVis installiert, das mit Hilfe der Nanobots die Entgiftung in ihrem Körper unterstützt.
Er blickte wieder seinen Onkel an. Sagt Eurem Leibwächter, dass er seine Hunde zurückpfeifen kann, Onkel. Ich habe die Situation im Griff!
Das werde ich nicht, Neffe. Sobald sie sich verdächtig macht, wird sie entsorgt.
Sehr wohl, Sir!
, sagte Coupièr … und strich sich über seine kurzen dunklen Haare. Ich werde die nötigen Vorkehrungen treffen. Sonst noch irgendetwas, Sir?
Nein, das wäre dann alles, Coupièr.
Sehr wohl, Sir.
Coupièr deutete eine kurze Verbeugung an, drehte sich um und ging gemächlich Richtung Tür.
Onkel, ich versichere Euch, dass es …
Genug, William! Alles, was gesagt werden musste, wurde gesagt.
Wie als Bestätigung zu der Aussage des Sternenkönigs, fiel die Tür hinter Coupièr ins Schloss. Nun – was hast Du mir von der Front zu berichten, William?
William zögerte kurz. Dann tippte er sich an die Schläfe. Ich habe Euch soeben einen umfassenden Lagerapport übertragen.
Er sog scharf Luft ein. Fasste sich.
Nach der Zerstörung der Rebellenstation im GERWILL-Sektor haben wir insgesamt 44 gegnerische Raumer aufgebracht. Die meisten bargen niederrangige Soldaten, Techniker oder sonstige unwesentliche Einheiten der Rebellen. Daneben konnten wir 284 höherrangige Soldaten ab Stufe Gruppenführer identifizieren. Der Höchste ist ein Szuu im Range eines Oberst. Die Verhöre sind noch am Laufen. Ein erster Erfolg konnte verbucht werden, als wir den Aufenthaltsort von Mantovani in Erfahrung bringen konnten. Er war sozusagen ein Prototyp einer neu designten Etholinie und daher sehr wertvoll für die Rebellen...
Unwichtig!
, fuhr ihm der Sternenkönig scharf dazwischen. Inwiefern konnte das Gerücht eines riesigen Hauptquartiers bestätigt werden?
Seine wasserblauen Augen blitzten wütend aus dem faltigen Gesicht. Der Grund, weshalb ich Dich überhaupt dorthin entsendet habe!
William fühlte kalten Zorn in sich aufsteigen. Den Etho zur Strecke zu bringen war in seinen Augen ein wichtiger Teilsieg gegen die Rebellion gewesen.
Bisher fehlen uns klare Erkenntnisse zu der Existenz eines solchen Hauptquartiers. Die Bezeichnung ZENTRUM ist jedoch schon mehrmals gefallen. Wir nehmen an, dass es sich dabei um das gesuchte Objekt handelt. Doch konnten weder Koordinaten noch sonst irgendwelche relevanten Details aufgedeckt werden.
Dann seid Ihr nicht konsequent genug vorgegangen!
, schnaubte der Regent.
Onkel!
, begann William in protestierendem Tonfall, doch dieser brachte ihn mit einer herrischen Armbewegung zum Schweigen.
Schluss, aus! Ich will von Dir erst wieder hören, wenn Du etwas Zählbares zu berichten hast! Ist das klar?
Verstanden!
Gut. Wegtreten!
William salutierte kurz, drehte sich um und verliess das Arbeitszimmer des Regenten.
Das Blut kochte in seinen Adern.
Dass er es seinem Onkel nicht Recht machen konnte, daran hatte er sich inzwischen gewöhnt. Doch Coupièr...
William zerbiss sich einen Fluch zwischen den Zähnen.
Nicht so schnell, Will! Ich kann Dir gar nicht folgen!
Pasqui sah ihn unglücklich an, nachdem Will mit Müh und Not sein Gefährt gewendet hatte und wieder bei ihm angelangt war.
Du musst Dein Gewicht in den Kurven ein wenig besser verlagern, kleiner Setzling.
Er hatte ihm diesen Spitznamen gegeben, weil Pasquis Vater Gärtner und am Palast für die Pflege der Caranor-Rosen zuständig war.
Will mochte Pasqui. Nicht nur, weil er am Hof der einzige Junge in seinem Alter war, sondern weil er immer lachte und bei guter Laune war. Wenn Will wieder einmal nach einer kurzen, von Alpträumen durchsetzten Nacht dringend etwas Aufmunterung brauchte, gab es kein besseres Mittel, als in Pasquis strahlendes Gesicht zu schauen.
Pasqui war ein Quell der positiven Emotionen – wenn Will ihn nicht gerade ärgerte oder dazu brachte, gefährliche Dinge zu tun.
Wie jetzt, als sie mit zwei kleinen Antigravplattformen das Wagenrennen aus Ben Hur nachzuspielen versuchten. Will hatte einen Parcours in Form eines lang gestreckten Ovals ausgesteckt, der auf der einen Seite um den Zierteich und auf der anderen Seite um den Hydroponischen Garten mit den Caranor-Rosen führte. Die Befürchtungen des Gärtnerjungen, dass den Rosen etwas passieren könnte, hatte er einfach beiseite gewischt. Nur wenn man etwas riskiert, hat man das Anrecht auch etwas zu gewinnen.
Also hatten sie zwei alte Sackkarren zu behelfsmässigen Einachsern umfunktioniert und mit Seilen jeweils eine Antigravplattform davor gespannt. Gesteuert wurden die Gefährte über die Seile, die links und rechts an den Plattformen befestigt waren. Ein leichter Zug an einem der Seile liess die Plattform auf die entsprechende Seite schwenken.
Sie hätten die Antigravplattformen auch über die jeweilige Fernsteuerung lenken können, doch Ben Hur hatte sich schliesslich auch seiner Zügel bedient, da wollten sie ihm nicht nachstehen. Die Fernsteuerung kam dann auch nur beim Halten zum Einsatz, da ihre Rösser auf Brrr!
leider nicht reagierten.
Du fährst viel zu schnell, Will. Plötzlich passiert etwas und wir haben Probleme mit Stabsadjudant Coupièr!
Coupièrs Name liess Will innerlich kurz zusammenzucken, doch äusserlich blieb er cool. Ach Quatsch. Was soll denn schon mehr passieren, als dass wir uns ein paar blaue Flecken holen? Hast Du etwa Angst?
Pasqui antwortete nicht, sondern blickte nur betreten zu seinen Füssen hinunter.
Will atmete langsam aus und legte eine Hand auf Pasquis Schulter. Keine Angst, Pasqui. Ich werde auf Dich aufpassen. Immer. Wir sind wie Brüder, nicht wahr? Der Sternenprinz und … der Rosenprinz!
Nun musste Pasqui doch noch lächeln.
Der Sternenprinz und der Rosenprinz! Genau das sind wir!
Er strahlte ihn mit seinen grossen haselnussbraunen Augen an.
Pasqui! Wo steckst Du?
, ertönte da eine beunruhigte Männerstimme.
Mein Vater! Er sucht mich!
, stiess Pasqui erschrocken aus.
Kein Problem. Komm, wir verstecken unsere Einspänner hier im Gebüsch und gehen zu ihm. Dann können wir das Rennen heute Abend durchführen, wenn die Alten beim Nachtessen sind.
Meinetwegen
, sagte Pasqui, doch Will sah ihm an, dass er immer noch Zweifel an ihren Wagenrennenplänen hegte.
Schnell schoben sie die Karren und Plattformen unter einen grossen Hibiskusbusch und tarnten sie so gut es ging mit Zweigen und Blättern. Dann rannten sie in Richtung des hydroponischen Gartens, wo Pasquis Vater Philip Harkness stand und wartete, die Fäuste in die Seiten gestützt. Sein finsteres Gesicht hellte sich aber sofort auf, als er seinen Sprössling erspähte.
Pasqui! Und ich habe mir schon Sorgen gemacht!
, sagte er erleichtert, bevor er sich an Will wandte. Königliche Hoheit, ich hoffe, dass Ihnen mein Sohn nicht unangenehm zur Last gefallen ist!
In keiner Weise. Im Gegenteil, er hat mich davon abgehalten, etwas Unerlaubtes zu tun.
Verstohlen blinzelte er Pasqui zu.
Ach, Hoheit. Sie sind immer so nett im Umgang mit meinem Sohn.
Nennen Sie mich doch endlich Will, Philip. Einfach nur Will.
Harkness' Gesicht verbreitete sich zu einem herzlichen Lachen. Abgemacht, Will. Wenn wir unter uns sind, werde ich dies äusserst gerne machen. Auch wenn es nicht der geforderten Etikette entspricht!
Will machte eine abweisende Handbewegung. Ach die Etikette... Aber erzählen Sie mir doch etwas von den Rosen. Pasqui hat mir erzählt, dass die Rose ein perfektes Gebilde sei. Stimmt das?
Sein Lachen wurde noch um eine Spur wärmer. So, erzählt er das?
Er strich zärtlich über Pasquis braunen Strubbelkopf. Da hat er nicht ganz Unrecht. Auch wenn es in der Pflanzenwelt eigentlich nichts wie Perfektion gibt. Sehen Sie, Eure Hoheit... Will! Die Natur will sich ständig verbessern, sich neuen Begebenheiten anpassen. Was heute perfekt erscheint, wird die Natur schon morgen vielleicht um eine Winzigkeit modifizieren. Ein zusätzliches Blatt bilden, damit die Pflanze mehr Licht aufnehmen kann. Oder sie lässt eine längere Wurzel wachsen, damit die Pflanze an das Quellwasser kommt, das tief unter ihr durchfliesst. Oder die Natur will nicht mehr, dass eine freche Ziege von der Pflanze frisst und sie verwandelt einige Blätter in Dornen.
Sie verwandelt sie?
, fragte Will kritisch.
Nicht von heute auf morgen. Aber vielleicht innerhalb von zehn, zwanzig Generationen. Schauen Sie, Will. Der Wandel innerhalb der Natur ist konstant, doch sie muss nicht hetzen. Alles geschieht langsam und gleichmässig, damit das Gleichgewicht gewahrt bleibt.
Welches Gleichgewicht denn, Papa?
Nehmen wir die Ziege. Auch sie muss fressen. Und wenn sie nicht mehr von der Pflanze fressen darf, so muss sie sich neue Nahrung suchen. Würde sich die Pflanze von heute auf morgen verwandeln, so müsste vielleicht auch die Ziege verhungern. Aber das will die Natur nicht. Also gibt sie ihr genug Zeit, sich neue Nahrungsquellen zu erschliessen.
Wow! Und wer sagt der Natur, was sie zu tun hat?
, wollte Will wissen.
Das, mein königlicher Freund, das kann ich Ihnen nicht so einfach beantworten. Da fragen Sie besser einen Ihrer Lehrer im Palast. Der wird Ihnen dafür ganz spezielle Antworten liefern können.
Ein eigenartiger Ausdruck war in seine Augen getreten.
Wie meinen Sie das, Philip?
, fragte Will vorsichtig.
Harkness wischte sich über die Augen, als ob er eine lästige Fliege verscheuchen würde. Ach, nichts. Ich habe schon zu viel gesagt... Aber wissen Sie was, Will?
Seine Stimme nahm einen verschwörerischen Unterton an. Ich werde Ihnen doch noch etwas zeigen können, das für mich der Inbegriff von Perfektion ist!
Ach ja? Was ist es denn?
Unwillkürlich hatte Will zu flüstern begonnen.
Ich werde es Ihnen zeigen, kommen Sie mit. Du auch, Pasqui.
Harkness führte sie ins kleine Gewächshaus, in dem er die jungen Rosen – die Stecklinge – nachzog. In einer dunklen Ecke stand ein grosser Tontopf, in dem ein Stock mit einer einzelnen Rose stand. Harkness öffnete eine Sonnenstore, damit der hereinfallende Lichtstrahl die Rose beleuchten konnte. Sie war verdorrt.
Beide Knaben machten enttäuschte Gesichter.
Nur eine tote Blume?
, fragte Harkness nachsichtig lächelnd. Kommt näher, Herrschaften, und seht sie Euch ein wenig genauer an.
Will und Pasqui näherten sich vorsichtig.
Nichts stirbt schöner als eine Rose. Die Art, wie der Lebenssaft langsam aus den Blättern weicht und sie dadurch ihre Farbe ändern... Wie die Blüte auf ihrem letzten Gang immer noch so herrlich duftet wie an ihrem ersten Tag... Es ist, als ob die sterbende Rose ihre eigene Traurigkeit zelebrieren würde. Und wenn dann die Blütenblätter langsam zu fallen beginnen, so macht die Rose dies in einer Eleganz, die ich bisher nirgendwo sonst gesehen habe. Die Eleganz in der Stunde des Todes. Für mich ist dies in einer Weise perfekt, die durch nichts im Universum übertroffen werden kann.
Die Knaben starrten die verdorrte Blüte an und liessen das soeben Gehörte auf sich wirken.
Vergiss das niemals, Will. Nur wer auf diese Weise sterben kann, hat bewiesen, dass er auch so gelebt hat.
Will blickte zum Gärtner auf, der immer noch wie gebannt auf die Blüte starrte. Harkness hatte nicht gemerkt, dass er Will gedutzt hatte.
Sanft lächelte er ihn an. Nein, Philip, das werde ich nicht vergessen.
Unvermittelt begann Wills Handgelenk-Interkom zu leuchten.
Master William meldet sich sofort auf der Krankenstation! Coupièr aus!
, schnarrte es aus dem kleinen Lautsprecher.
Will schrak heftig zusammen. Seine rechte Hand schlug aus und erwischte den Stiel der Rose. Vier Blütenblätter fielen ab und segelten zu Boden.
Philip! Das tut mir so Leid! Ich...
Kein Problem, Majestät. Es ist ja nichts passiert. Aber gehen Sie besser schnell. Stabsadjudant Coupièr mag es nicht, wenn er warten muss.
Vielen Dank, Philip. Pasqui, wir sehen uns später.
Er zwinkerte ihm erneut zu, doch es wirkte deutlich weniger locker als zuvor. Coupièr machte ihm immer noch Angst – besonders wenn er nicht wusste, was dieser mit ihm vorhatte. Will rannte aus dem Gewächshaus und den kleinen Weg hinunter, der vom Garten in jenen Flügel des Sternenpalastes führte, der die Krankenstation barg.
Coupièr erwartete ihn vor der Krankenstation. Hoch aufgerichtet stand er auf der obersten der fünf Treppenstufen, die zum Eingang führten. Die Arme verschränkt, das Haar wie immer glatt zurückgekämmt, die stechenden Augen auf Will gerichtet.
Will versuchte die letzten paar Meter in gleichmässigen Schritten zurückzulegen, doch seine Beine fühlten sich an, als wären es nicht seine eigenen, sondern irgendwelche schlecht sitzenden Prothesen.
Vier Jahre waren seit diesem längsten aller Tage vergangen, an dem sich der Horror durch sein Innerstes gewühlt hatte wie eine gefrässige Ratte. Seither war kein Tag verstrichen, ohne dass sich die Bilder von damals mit aller Gewalt vor sein inneres Auge drängten. Kein einziger Tag, an dem er nicht die grauenvolle Leere in seinem Innern spürte, die der Verlust beider Elternteile hinterlassen hatte. An dem er nicht die Schreie des anderen hörte. Und an dem ihn nicht diese absolut kalten Augen Coupièrs verfolgten, die stets den Eindruck erweckten, bar jeder Menschlichkeit zu sein.
Die wenigen unbeschwerten Momente in seinem Leben waren wie weggewischt, wenn dieser Mann auftrat, den sein Onkel zu seinem Ausbilder gemacht hatte.
Master William. Wiedermal mit dem Pöbel im Dreck gespielt? Ts ts ts
, sagte Coupièr von oben herab, beide Augenbrauen weit in die Stirn gezogen. Wieder etwas, das wir bald abstellen werden.
Will wusste nicht, was er sagen sollte. Eigentlich hätte er sich für die gemeinsamen Stunden mit Pasqui einsetzen sollen, doch die Anwesenheit dieses Mannes lähmte nicht nur seinen Gang, sondern sein gesamtes Denken.
Hat Master William wieder einmal seine Stimme verloren?
, fragte Coupièr gefährlich leise.
N-nein,
hauchte Will.
Nein, was?
, kam es scharf zurück.
Nein, Sir!
An der Etikette werden wir auch noch zu arbeiten haben.
, stellte Coupièr fest. Aber heute werden wir uns einem ganz anderen Thema widmen.
Coupièr machte eine verheissungsvolle Pause. Der Perfektionierung Ihrer neuronalen Fähigkeiten. Sie werden heute Ihren DataVis erhalten!
Unwillkürlich machte Will einen Schritt rückwärts und wäre fast hingefallen. Es war nicht Coupièrs Ankündigung gewesen, die ihm einen Schrecken versetzt hatte, sondern der Ausdruck, der gleichzeitig in Coupièrs Augen erschienen war.
Unverhohlener Triumph.
Kalt fühlte sich das Metall der Spange an, mit der sein Kopf an den Operationsstuhl fixiert worden war.
Es herrschte hektische Betriebsamkeit. Ein fünfköpfiges Ärzteteam um den obersten königlichen Leibarzt Suntoo baute gewaltige Apparatetürme auf. Der Saal, in klinisch kaltem Weiss gehalten, roch nach Reinigungs- und Desinfektionsmittel.
Will zwang sich zur Ruhe. Er wollte Coupièr keine weitere Genugtuung zugestehen, indem er Schwäche zeigte.
Dieser hatte in einer Art Schaukasten im hinteren Teil des Saales Platz genommen. Zurückgelehnt, mit halb geschlossenen Augen sass er da und machte den Eindruck zu dösen, doch Will war sicher, dass ihm kein einziges Detail der Operation entgehen würde.
Will schluckte mühsam. Er fröstelte. Die Apparaturen um ihn herum wirkten wie Raubtiere, die ihre Beute eingekreist hatten und sich zum finalen Angriff bereitmachten.
Ein Arzt kam auf ihn zu. Er trug wie alle anderen eine hellbraune Ärztebekleidung. Zwischen Haube und Mundbinde waren nur gerade seine Augen sichtbar.
Albinotisch rot blickten sie ihn unter farblosen Wimpern kritisch an.
Mein Name ist Solveig, Königliche Hoheit. Ich werde die Operationsvorbereitung durchführen. Sie können mir vertrauen.
Der Mundschutz bewegte sich im Takt der Worte und Will blickte wie hypnotisiert in die roten mit grauen Sprenkeln durchzogenen Augen des Arztes. Will spürte, wie sich eine am ganzen Körper eine Gänsehaut bildete.
Es geht los
, sagte Solveig und drückte auf eine Taste an einem kleinen Terminal, das am Operationsstuhl befestigt war.
Ansatzlos wurde Will in die Höhe gerissen und vornüber gedreht, sodass er mit dem Bauch nach unten hängen blieb, festgehalten durch die Gurte des Operationsstuhls.
Sein Magen rebellierte heftig. Das Gefühl, sich übergeben zu müssen, nahm von ihm Besitz, doch Will kämpfte mit aller Macht dagegen an.
Er zwang sich an Ben Hur und das grosse Wagenrennen zu denken. An prächtige Vollblüter, die die Einspänner mit ihren Lenkern durch das Rennoval rissen. Ihre schweren Hufe schlagen schwer im staubigen Grund auf, sodass man die Erschütterungen noch zuoberst auf den Rängen spüren kann. Die Zuschauer springen auf, wenn das Feld an ihnen vorbeizieht und sie reissen ihre Arme in die Höhe, jubeln und treiben die Fahrer zu immer wilder werdenden Fahrten an.
Will atmete tief durch. Das Gefühl der Übelkeit verschwand wieder.
Solveig trat vor ihn. Sein Gesicht füllte Wills gesamtes Blickfeld aus.
Das wird sich nun ein wenig ungewöhnlich anfühlen, Königliche Hoheit, aber die Haltevorrichtung ist wichtig, damit Sie sich durch eine unbedarfte Bewegung nicht etwa eine Verletzung am Augennerv zufügen.
Solveig stülpte ihm eine elfenbeinfarbige Maske über das Gesicht. Sie fühlte sich kalt und … klebrig an. Nach zwei Sekunden begann sie ihre Form zu verändern, wurde weich und passte sich den Konturen seines Gesichts an. Über seine Augendeckel schoben sich zwei löffelartige Teile, die sich mit der Haut verbanden. Gewaltsam wurden seine Augen aufgerissen. Ein paar Sekunden lang blendete ihn gleissende Helligkeit. Erneut streckte die Panik ihre kalten Finger nach Will aus. Da die Maske seine Kiefer ebenfalls fest umschlossen hielt, konnte er seine Angst nicht hinausschreien. Mit aller Kraft versuchte er den Kopf zu schütteln in der wilden Hoffnung, so sich seiner Maske entledigen zu können. Doch mehr als ein paar Millimeter Spielraum brachte er nicht zustande.
Ruhig bleiben, Königliche Hoheit
, hörte er Solveigs Stimme, während er nicht fähig war, irgendetwas zu fokussieren. Es geht viel einfacher, wenn Sie sich nicht bewegen. Moment.
Wills Kopf wurde zurück gedrückt, ein leises Klick ertönte. Dann war er vollkommen fixiert. Keine Haaresbreite Bewegungsraum blieb ihm mehr. Will keuchte heftig durch seine aufeinander gepressten Zähne. Zum Gefühl des Eingesperrtseins kam nun noch die Angst, nicht genug Luft zu erhalten. Immer schneller drehte sich die Spirale der Panik.
Ihre Körperwerte sind enttäuschend hoch, Königliche Hoheit
, ertönte Solveigs Stimme direkt neben seinem linken Ohr. Ich werde Ihnen ein Mittel zur Beruhigung geben.
Ein kurzer Einstich am Hals und in Sekundenfrist begann Will sich zu beruhigen. Es war, als ob er vom bedrohlichen Geschehen zurückweichen und sich ein dünner Schleier über seinen Geist legen würde.
Ich werde Sie nun lokal anästhetisieren, Königliche Hoheit.
Rund um das rechte Auge stachen dünne Nadeln durch Wills Kopfhaut. Es kribbelte kurz, danach fühlte Will nichts mehr in der Augenregion. Nicht einmal das mit aller Kraft zurückgezogene Augenlid.
Das wird nun ein etwas intensiverer Moment Ihres Lebens, Königliche Hoheit. Ich will Ihnen nur noch sagen, dass es für mich eine Ehre ist, dabei zu sein.
Das Licht im Krankenzimmer wurde gedimmt. Doch schon Sekunden später flammte ein greller Scheinwerfer auf, der direkt auf Wills Gesicht gerichtet war. Die Helligkeit schien ihn aufzufressen und schmerzte bis in die hintersten Gehirnwindungen.
Aus dem Meer aus Licht tauchte plötzlich ein schwarzer Schatten auf, der stetig grösser wurde. Es dauerte ein paar Sekunden, bis Will realisierte, dass sich der Schatten auf ihn zu bewegte. Und dabei direkt auf sein rechtes Auge zielte. Zwei Handlängen vor seinem Kopf schälte sich das Objekt aus dem Schatten. Chromstahl blitzte auf. Messerscharf geschliffen, in der Form eines Tierschnabels. Bizarr, gefährlich. Furchteinflössend.
Will würgte. Heiss schoss das Adrenalin durch seinen Körper und zerriss den Schleier des Beruhigungsmittels. Will schrie, schrie seine Angst durch die aufeinander gepressten Zahnreihen, so gut es nur irgendwie ging.
Doch das Objekt schob sich unerbittlich näher und näher. Miniatursensoren an der Vorderseite des Schnabels nahmen ihre Arbeit auf. Ein Laserstrahl fächerte über sein Auge, offenbar auf der Suche nach der perfekten Einstichstelle.
Das alles sah er aus der Perspektive des unmittelbar bedrohten Auges. Die Panik nahm nun endgültig Besitz von ihm, drang durch jede Pore und tanzte durch seinen Körper wie ein Derwisch.
Der Schnabel verwandelte sich in die riesenhaft vergrösserte Radnabe von Ben Hurs Konkurrenten um den Sieg im Rennoval.
Umblendung in die Zuschauerränge. Die Menschen schreien und reissen ihre Hände in die Höhe, als die verbleibenden drei Wagen an ihnen vorbeidonnern. Sein Kontrahent schlägt mit den Zügeln wie wild auf seine Pferde ein. Reisst sie seitwärts, der Wagen folgt der Bewegung der Pferde und schlägt gegen Ben Hurs Wagen. Der riesige Dorn der Radnabe bohrt sich in die hölzernen Speichen und zerstört sie im nächsten Augenblick. Die Menschen schreien frenetisch, ekstatisch.
Der Schnabel schiebt sich mit einem alles durchdringenden Sirren zwischen Augapfel und –höhle und zertrennt das Gewebe wie ein heisses Messer, das durch Butter gezogen wird.
Das Kyberskalpell ist mit über 300 unterschiedlichen Sensoren und Mikrowerkzeugen ausgestattet
, berichtete die konzentrierte Stimme von Solveig. Die Steuerung erfolgt mittels der DataVis des Ärztestabs. Der königliche Leibarzt Suntoo wird höchstpersönlich die wichtigsten Arbeitsschritte vornehmen: Die Durchtrennung der Hauptnerven – darunter des Sehnervs – und die Integration des DataVis-Rechengehirns in die Biomasse Ihres Gehirns. Ich persönlich bin für die Installation der Nanodepots zuständig.
Zum Sirren des Werkzeuges gesellte sich ein klägliches Wimmern. Will benötigte ein paar Sekunden, bis er realisierte, dass das Wimmern von ihm selber stammte.
Gleich wird es dunkel, Königliche Hoheit. Wir sind beim Sehnerv angelangt.
Noch bevor Solveig zu Ende gesprochen hatte, wurde es schwarz vor Wills Augen. Einzig ein blaues Flimmern in Form des auf ihn gerichteten Scheinwerfers blieb bestehen, das jedoch schnell an Leuchtkraft verlor. Dann war es vollkommen dunkel um ihn herum. Will war blind.
Ohne die ohnehin grellen und verwirrenden Bilder vor seinen Augen gewannen jedoch seine anderen Sinne zusätzliche Kraft. Er hörte die hohen Töne der Mikrowerkzeuge in seinem Kopf. Das Sirren der Vibroklingen, das Zischen eines Lasers, die Bereitmeldung eines Sensors. Und dazwischen immer wieder kurze Befehle der Ärzte.
Auch wenn die Szenerie nichts von ihrer Schrecklichkeit verlor, beruhigte sich Will allmählich. Stakkatoartig redete er sich ein, dass sein Leben nicht unmittelbar bedroht war und er wieder würde sehen können. Morgen wache ich auf und alles ist wieder gut. Morgen, wenn ich aufwache, ist wieder alles gut. Morgen...
Nach einer scheinbaren Ewigkeit wurde es plötzlich still in seinem Kopf.
Dafür erklang Solveigs Stimme. Die Integration des Rechengehirns an die Hauptnervenstränge ist positiv verlaufen. Ebenso die Installation der Nanodepots. Ein Grossteil der Nanobots befindet sich bereits auf dem Weg zum Hirn, um die Nebennervenstränge an das Rechengehirn anzuschliessen. In etwa zehn Minuten können wir die erste Bootsequenz starten.
Will zermarterte sich das Gehirn, was er von anderen über ihre DataVis gehört hatte. Doch er schaffte es nicht, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.
Morgen wache ich auf und alles ist wieder gut..., sagte er sich stattdessen. Wieder und immer wieder.
Unvermittelt erschien ein Bild vor seinen Augen. Er konnte nicht genau erkennen, was es war. Es flackerte stark und die Konturen waren verzerrt, die Farben verwaschen.
Dr. Karminen! Sie müssen die Justierung manuell vornehmen!
, tönte es kurz und befehlsgewohnt aus dem Hintergrund.
Ja, Sir!
, kam es aus derselben Richtung zurück.
In der Folge begann das Bild ein Eigenleben zu entwickeln. Einmal wurde es in die Länge gezogen, einmal kippte es scheinbar rückwärts, dann veränderten sich die Farben. Das verwaschene Gelb verwandelte sich in ein helles Braun und die verzerrten Konturen festigten sich. Ein Mensch blickte ihn an. Ein Arzt. Der königliche Leibarzt Dr. Suntoo.
Streng blickte er Will an.
Ihre Königliche Majestät! Ich kann Ihnen verkünden, dass der Eingriff ein voller Erfolg war. Das Rechengehirn konnte sowohl an den Sehnerv angeschlossen werden, wie auch an die Sektionen des Gehirns, die für die Erinnerungs-, Motorik-, und Sprachfunktionen Verwendung finden.
Die ersten Worte hatten noch verzerrt getönt, doch schon nach ein paar Sekunden klangen sie klar und scharf.
Ich muss Sie jedoch darauf aufmerksam machen, dass mit einer Wahrscheinlichkeit von 15 % Ihr Hirn auf die Indoktrination der DataVis-Memory- und Lernfunktionen auf das Erinnerungszentrum mit einer heftigen Ablehnung reagieren wird. Falls dies passieren sollte, bleiben Sie möglichst ruhig, Königliche Hoheit. Das Gehirn wird die zusätzliche Datenquelle innerhalb von kurzer Zeit akzeptieren.
Will versuchte möglichst ruhig zu atmen. Er hatte nur einen Bruchteil von dem verstanden, was Dr. Suntoo eben gesagt hatte. Doch die Tatsache, dass er wieder sehen konnte, beruhigte ihn ungemein.
Aber schon in der nächsten Sekunde zuckte er innerlich zusammen, als die Geräusche des Werkzeuges in seinem Kopf erneut ertönten.
Wir entfernen nun das Kyberskalpell, Majestät
, sagte Solveig. Die Schnittstellen werden sauber verschweisst. Bis auf ein leichtes Tränen der Augen – hervorgerufen durch das Trocknen der Hornhaut während der Operation – werden sie von diesem Eingriff zumindest physisch nichts mehr wahrnehmen.
Will fühlte eine Bewegung in seinem Kopf. Dann drückte etwas gegen sein rechtes Auge. Mit einem leisen aber um so hässlicheren Schmatzen verschwand der Druck wieder. Das Werkzeug war herausgezogen worden. Dann spürte er, wie seine Augen mit Wasser besprüht wurden, bevor die Augenlider freigegeben wurden und sich endlich wieder schützend über die Augäpfel legen konnten.
Es gab einen Ruck, als Will wieder in die ursprüngliche Sitzposition gedreht wurde.
Erleichterung breitete sich wie ein wohltuender Balsam in Wills Innerem aus. Tief atmete er durch und fühlte, wie sein Herzschlag ruhiger und ruhiger wurde.
Wir fahren nun das Lernmodul Ihres DataVis hoch, Königliche Hoheit
, sagte Solveig. Im Testlauf vorerst, bis wir abschätzen können, wie flexibel Ihr Hirn mit verschiedenen Datenquellen umgehen kann.
Aus dem Schwarz des Hintergrunds schälte sich eine Schrift.
DataVis
Version 87.3.0001 (Royal Commander 18.0002)
Memory 97 % free
Die Schrift verschwand wieder, nur in der oberen linken Ecke blinkte ein kleiner weisser Strich. Irgendwo hatte er dieses Bild schon einmal gesehen. Wo war das nur ge...
Der Data Recorder/Evaluator/Visualisator ist grundsätzlich gesagt ein Datenaufzeichnungs- und Wiedergabegerät
, referierte der graumelierte Mann mit dem quer auf die Seite gewachsten Schnurrbart, der ihn entfernt an einen darwynnischen Dachs erinnern liess. Im Hintergrund war eine altmodische schwarze Wandtafel sichtbar, auf der in grosser weisser Kreideschrift DATAVIS
geschrieben stand.
Will starrte auf die Szenerie vor seinen Augen. Sie konnte nicht echt sein. Und doch hatte er den Eindruck, dass er nur seinen Arm auszustrecken brauchte, um den Grauhaarigen an seinem Schnurrbart ziehen zu können. Als dieser jedoch gerade Luft holte, um weiter zu sprechen, verschwand er wieder. Wie wenn jemand auf dem TriVid einen neuen Kanal gewählt hätte.
*snipp*
Will erstarrte.
Vor ihm stand sein Vater. In der Galauniform des Reiches. Hochaufgerichtet stand er vor einem Spiegel und nestelte an der Krawatte mit dem Symbol der weissen Löwen, die zu tragen nur der Regentenfamilie vorbehalten war. Lächelnd wendete er sich Will zu.
Ah, da bist Du ja, Will. Hilfst Du mir kurz mit diesem Ding hier? Du hast solch geschickte Finger.
Er beugte sich leicht zu Will herunter.
Wie mechanisch hob Will die Hände und begann, den Knoten der Krawatte mittig auszurichten. Vaters so vertrautes Rasierwasser stach wohlig in seine Nase. Er blickte in seine blaue Augen, die vergnügt blitzten.
Sehr gut machst Du das, Will.
Danke, Vater.
Seine eigene Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen. Fertig.
Danke, Sohn
, sagte Dorian von Caranor und wendete sich wieder seinem Spiegelbild zu. Heute ist ein grosser Tag für das Reich, Will.
Weshalb denn, Vater?
Wiederum tönte seine Stimme fremd und irgendwie falsch.
Heute besiegeln wir die Aufnahme des Volkes der Prixx in das Terranische Reich. Nach monatelangem Widerstand konnten wir sie nun überzeugen, dass es ihnen in der terranischen Gemeinschaft besser geht als je zuvor.
Was sind Prixx?
War das überhaupt seine eigene Stimme, die er da hörte?
Das ist ein humanoides Volk, das auf einem steinigen, unwirtlichen Mond entstanden ist. Sie sind etwa gleich gross wie Du, haben aber pechschwarze Haut und sind zäh wie darwynnische Eber. Grossartige Kämpfer mit einem grossen Herzen!
Weshalb wollten sie nicht von Anfang an zu uns gehören?
Dorian von Caranor wendete sich wieder seinem Sohn zu. Obwohl sein Mund lächelte, blieben seine Augen seltsam kalt. Manche muss man eben zu ihrem Glück zwingen, William. Den Prixx fehlte die galaktische Sichtweise auf die Dinge. Wir mussten ihnen beweisen, dass Terra sowohl mehr Muskeln, als auch mehr Hirn hat als die Prixx.
*snipp*
Ohne dass Will seine Augen von seinem Vater genommen hätte, verwandelte sich dieser ansatzlos in den dachsgesichtigen Alten.
Mit einem Rohrstock zeigte er auf die Tafel, wo nun das Wort HOCHENERGIE-ÜBERLADUNGSSCHIRM
stand.
Die HÜ-Schirme sind die Lebensversicherungen aller Gefährte, die eine genügend grosse Energiequelle mitführen können, um sie zu speisen. Sie erschaffen einen Effekt, der dem energetischen Zustand des Raums zwischen der 4. und 5. Dimension vergleichbar ist, indem zwischen stabilen Feldeinheiten eine instabile Librations-Überladungszone gebildet wird.
Der Alte rieb sich kurz an der Nase. Tönt kompliziert, ist es aber nicht. Das Prinzip der Librationszonen wurde im Jahr...
*snipp*
William von Caranor! Du kommst da sofort herunter!
Mutter blickte zornig zu mir in die Baumkrone hinauf. Überall musst Du hochklettern wie ein Affe! Das gehört sich nicht für einen von Caranor!
Aber unten kann ich gar nichts sehen!
Du wirst Deinen Vater noch oft aus einem Raumschiff aussteigen sehen können, William! Steig nun sofort von diesem Alleebaum herunter!
Ich will ihn aber heute sehen!
Ich gebe Dir fünf Sekunden um herunter zu kommen, sonst steckst Du in gröberen Schwierigkeiten, Sohn!
Bitte, Mama. Ich will doch nur kurz schauen, ob ihm auch wirklich nichts passiert ist.
Noch zwei Sekunden.
Ich hasse Dich.
Und dieser Spruch wird Dir ganz besonders Leid tun, Will.
*snipp*
Weiter im Text!
, sagte der Dachsgesichtige, drehte sich um und wischte mit seinem Ärmel das Wort THERMOSTRAHLER
von der Tafel. An dessen Stelle schrieb er DESINTEGRATOR
hin.
Eine grossartige Waffe! Der Desintegrator, oder auch Kristallfeld-Neutralisator, wird vorzugsweise gegen Objekte ohne Energieschirm eingesetzt. Das Ziel wird unter den Einfluss eines elektrischen Feldes gesetzt, das in seiner Mikrostruktur den Feldern nachgebildet ist, die die Moleküle eines festen Stoffes im Kristallverband festhalten. Damit zersetzt das Feld den Kristall und befreit die Moleküle!
Er machte eine dramatische Geste, als ob ein Zauberkünstler gerade etwas in seinem Zylinder verschwinden gelassen hätte. Und – pffft – bleibt nicht mehr übrig als ein paar umhergeisternde Atome!
Er lachte meckernd, als ob er gerade einen guten Witz erzählt hätte.
*snipp*
Ich will aber nicht nach Terra. Ich will nicht zu Onkel Harold!
Vaters rechte Augenbraue erhob sich leicht.
Will. Am 14. April feiern wir den 488. Jahrestag des Terranischen Reiches. Dein Onkel hat uns explizit in den Sternenpalast eingeladen. Es geht nicht darum, ob wir wollen oder nicht, wir werden dahin gehen. Wir alle.
Onkel Harold mag mich nicht. Beim letzten Mal hat er mich angeschrieen.
Er führt ein Reich, das so unvorstellbar gross ist, dass wir dessen Ausmasse nicht einmal an der hellsten Sternennacht wirklich erfassen können, Will. Stell dir einmal vor, für wieviele Leute sich dein Onkel sorgen muss. Wie gross wohl muss der Druck der Verantwortung sein, der auf ihm lastet?
Aber ich wollte ihm doch nur den Frosch zeigen, den ich im Garten gefunden hatte!
Es war auch nicht gerade der günstigste Moment, den Du Dir ausgesucht hattest. Wir waren in der Mitte eines Lagerapportes.
Was ist ein Lagerapport?
Das ist dann, wenn der Sternenkönig von seinen Generälen erfährt, wie der Kampf gegen die Rebellen und die anderen Feinde läuft. Dann muss er entscheiden, mit welcher Taktik an den verschiedenen Fronten vorgegangen werden soll.
Er sagt, wer getötet werden soll?
Das muss er manchmal. Wir wollen den Krieg gewinnen, wenn es Frieden geben soll im Terranischen Reich.
Ich will niemals Sternenkönig werden.
Wer weiss
, sagte Vater mit einem seltsamen, schon fast melancholischen Ausdruck in seinen Augen. Manchmal nimmt das Leben unerwartete Wendungen.
*snipp*
Der Dachsgesichtige räusperte sich mehrmals, als ob er einen Frosch im Hals hätte. Dann drehte er sich um und schrieb NANOBOTS – ziemlich schräg – auf die Wandtafel.
Noch einmal räusperte er sich geräuschvoll.
So. Wo waren wir? Ach ja, die Nanobots. Im Körper eines jeden DataVis-Trägers befindet sich mindestens ein Nanodepot, in dem Kleinstroboter – Nanobots – auf ihren nächsten Einsatz warten. Nicht grösser als ein Erythrozyt – im Umgangssprachlichen ein rotes Blutkörperchen – reisen sie durch den Körper um beschädigtes Gewebe zu reparieren oder mittels Botenstoffen Einfluss auf Drüsen- und Organfunktionen nehmen zu können.
*snipp*
Die Tür seines Schlafgemachs wurde aufgestossen und Soldaten stürmten auf alle Seiten sichernd ins Zimmer.
Es waren Reichssoldaten. Einer baute sich bedrohlich vor ihm auf. William von Caranor, wir werden Sie nach Terra in den Sternenpalast bringen.
Der harte Blick des Soldaten erfasste seine Pyjamahose, auf der sich ein grosser Urinflecken gebildet hatte.
Wo ist meine Mutter?
Ein erster Schluchzer.
Irrelevant. Sie werden alles später erfahren
.
Ich will zu Mutter!
Sir, wir haben den Befehl, Sie mitzunehmen. Ob Sie nun kooperieren oder nicht.
Nein! Ich will nicht, geht weg!
Hänninen! Paralyse!
Yessir!
Ein grüner Blitz blendete ihn, dann kippte das Zimmer langsam nach links weg.
*snipp*
Sie fragen mich nach meiner Auffassung über Perfektion, Eure Hoheit? Was für eine unerwartete Ehre!
Mein Onkel befahl mir herauszufinden, was Perfektion sei. Mir wurde gesagt, dass Du der wichtigste und talentierteste Sänger des Terranischen Reiches seist. Dein Gesang soll der Inbegriff von Perfektion sein.
Nun, nicht alles, was die Leute reden ist wahr. Tatsächlich versuche ich bei einem Auftritt niemals perfekt zu klingen. Ich müsste sofort aufhören, vor Publikum zu singen, wenn mein Gesang tönen würde, als ob er von einem Datenträger stammen würde.
Was ich suche, ist nach dem bestmöglichen Ausdruck meines Ichs, meiner Emotionen. Sehen Sie, unsere Emotionen sind alles andere als perfekt und doch machen sie uns zu den Wesen, die wir sind.
*snipp*
Ach ja
, sagte Coupièr als ob er etwas vergessen gehabt hätte. In seinen Augen loderte eine eiskalte Glut. Willkommen im Sternenpalast, Master William!
*snipp*
Hyperrrrrsprrrrrungantrieb!
, brüllte der Dachsgesichtige in wilder Begeisterung und wedelte mit den Armen. Der Abgrund zwischen den Sternen verschwindet! Vruuummmmmmmmm!
Aufhören! Aufhören! schrie ich in Gedanken. Ich kann nicht mehr!
Der Dachsgesichtige verwandelte sich in eine Krähe. Eine grosse schwarze Krähe, in deren Augen die Dämonen träumten.
Niemals mehr!
, krächzte sie.
Ich schrie, schrie und schrie.
Die Tür des Taktikums schloss sich mit einem dumpfen Geräusch. William blieb schwer atmend stehen und versuchte sich krampfhaft zu konzentrieren. Wellenartig brandete der Zorn durch seinen Körper. Wie schaffte es dieser verdammte Coupièr immer wieder, ihn dermassen zur Weissglut zu treiben? Nur Stunden zuvor war er in einer Kampfsituation einem Etho gegenübergestanden, einem weiter entwickelten
Menschen. Diesen hatte er mühelos im Griff gehabt. Hatte gefühlt, dass er ihm psychologisch und taktisch überlegen gewesen war. Aber Coupièr …
William schloss d