Thydery 5: Die Legende der Sonnenschiffe

Was bisher geschah

Wir schreiben das Jahr 523 Neuer Terranischer Zeitrechnung, was dem Jahre 2966 n. Chr. entspricht.

Vor 546 Jahren endete der Krieg der galaktischen Mächte gegen das Volk der anorganischen Cytryxiyl. Große Teile der Milchstraße lagen in Trümmern. In dieser Zeit der Unruhe griff die Familie von Caranor nach der Macht auf Terra, und gründete das terranische Reich; eine Monarchie mit einem Sternenkönig aus der Familie derer von Caranor.

Zur aktuellen Zeit herrschen die von Caranor über weite Teile der Milchstraße. Extraterrestrische Völker werden unterdrückt und ausgebeutet; das gesamte Reich ist ein reiner Überwachungsstaat. Nur die geächteten Schmuggler und Piraten entziehen sich immer noch einigermaßen erfolgreich der kompletten Überwachung; sie sind jedoch, sollten sie bei illegalen Geschäften erwischt werden, vogelfrei.

Ernstzunehmende Gegner hat das Reich keine. Lediglich der THYDERY-Verbund, unter der Leitung des ehemaligen Reicharchivars Anthony Haddington und drei nicht-terranischen Lebewesen, plant im Untergrund den verzweifelten Widerstand.

Ein wichtiges Projekt behandelt Die Legende der Sonnenschiffe…

Hauptpersonen

Liv Zili, Melvin Duchamps:
Terraner im Trümmerfeld Riotoo
Kirk Ginger, Diane Schindel, Maren Hilfiger:
Etho-Terraner an Bord des Krylaw Guenevere

Prolog
Gefangen

Für immer gefangen in der Weite des Alls

Gefängniswächter die Sterne

Für immer getrieben von der Enge des Selbst

Gebrandmarkt von Erinnerung

Für immer getötet im Bewusstsein der Zeit

Grabbeigaben die Trümmer

Für immer gefallen

Unsterblich

Kapitel 1
Tonys Hoffnung

06 Januar 523 NTZ

Nachdenklich starrte Anthony Haddington auf den Bildschirm, der das Trümmerfeld von Riotoo zeigte. Meile um Meile breitete sich das Meer aus Schutt und Steinbrocken aus, angeleuchtet von einer fernen blauen Sonne. Wie Staubpartikel in einem seit Jahrhunderten ungenutzten Raum schwebten die Bruchstücke in der Schwärze des Alls. Es war dieser Anblick, der Haddington immer wieder faszinierte, der ihn in seinen Bann schlug und ihn die Zeit und die Sorgen vergessen ließ. Mit dem Wissensdrang des Forschers und Historikers versuchte er sich in jenes Volk zu versetzen, das vor Jahrzehntausenden hier gelebt haben sollte. Damals. Als das System der Cichiro noch nicht durch jene apokalyptische Katastrophe vernichtet worden war, von der man noch immer nicht wusste, was sie herbeigeführt hatte.

Sie sagten, es sei nichts übrig geblieben. Sie sagten, es gebe keine Überlebenden. Aber wer hätte dann darüber berichten können? Wie hätte man jene Gerüchte erschaffen können, die Kinder und Wundergläubige zum Träumen anregten? Gerüchte über ein Volk, weiter entwickelt als jede bekannte Rasse. Ihre Technik sollte an das Unglaubliche grenzen. Nein, sie waren nicht spurlos verschwunden. Trümmer und Sternenstaub waren geblieben.

Anthony gab den Gedanken nicht auf, dass sich irgendwo in diesem riesigen Grabmal ein Artefakt jener ausgelöschten Kultur verbarg. Ein Artefakt, das ihn zu den geheimnisvollen Sternenschiffen der Cichiro führen würde.

Fast bedauerte er es, als das Bild sich veränderte. Es zeigte kurz das Emblem der Forschungsstation Riotoo-HQ, das dann vom Gesicht Liv Zilis ersetzt wurde. Der Blick ihrer hellen, wasserblauen Augen suchte den seinen. Sie lächelte. Wie unverschämt gut sie aussah. Haddington musterte unauffällig ihr hübsches Gesicht mit den kurzen, blonden Haaren. Die jüngsten Ereignisse auf der Station hatten in ihren Zügen keine Spuren hinterlassen. Sie wirkte jung und ausgeruht, ganz so, wie Haddington sie in Erinnerung hatte. Er schenkte ihr ein freundliches Lächeln.

Du hast dich beeilt.

Hast du das Datenpaket erhalten?

Ja.

Wir haben den Code von Marens neuem Spielzeug entschlüsselt. Die kleine Etho hat uns doch tatsächlich was Brauchbares angeschleppt. Es kann losgehen.

Ich möchte, dass Du zusammen mit Diane Schindel ein Forschungsteam leitest und die gefundenen Koordinaten überprüfst. Haddington versuchte, seine Aufregung nicht durch seine Worte schimmern zu lassen. Er setzte seine Brille ein Stück höher. Was auch immer Maren und ihren Krylaw beschützt hat – vielleicht ist es noch da draußen im Trümmerfeld. Es könnte Diane und ihre Crew bewachen und somit auch dich schützen.

Liv lächelte betörend. Wie du willst, Chef. Für Dich tue ich alles. Selbst Ethos ertragen.

Haddington lächelte zurück. Du warst schon immer in allem gut, Liv. Auch im Schmeicheln. Allerdings solltest du nicht schlecht über unsere Verbündeten reden.

Ich nehme das als Kompliment. Liv senkte den Blick gespielt kokett. Vielleicht sieht man sich ja bald wieder ein wenig … näher?

Wenn Du die Sternenschiffe finden solltest, werde ich Dir einen Empfang bereiten wie einer Königin.

Wenn ich die Sternenschiffe finden sollte … Liv machte eine kurze Pause. Werde ich Dir einen Auftritt bieten, den Du niemals vergessen wirst.

Ich wünsche Dir Glück. Haddington versuchte sich die Sorge nicht anmerken zu lassen. Pass auf Dich auf. Die Technik der Cichiro ist uns fremd und sie kann selbst nach zehntausend Jahren noch Gefahren bergen, auf die wir nicht vorbereitet sind.

Du glaubst doch nicht wirklich, dass diese Schiffe – so es sie überhaupt gibt – noch funktionsfähig sind?

Haddington schwieg.

Du bist ein Narr, Anthony. Liv sagte es so freundlich, dass er es ihr nicht übel nehmen konnte. Aber ich werde sehen, was ich für dich tun kann.

Ich verlasse mich auf dich.

Ich weiß.

Liv unterbrach die Verbindung. Vor Haddington erschien wieder das Trümmerfeld von Riotoo. Wie viel Spott hatte er von den Szuu und den Ethos ertragen müssen für das Festhalten an seiner Idee. Sie hatten ihm vorgeworfen zu handeln wie ein prästellarer Menschenherrscher, der seinen Reichtum auf den Minen des Königs Salomon aufbauen wolle. Jetzt war es soweit. Jetzt würde sich zeigen, ob er mit seinen Recherchen und seinen Hoffnungen richtig lag oder ob er ein lebensunfähiger Träumer war, ein verkalkter Historiker, der auf einem Nebenschauplatz ohne Bedeutung seine Zeit verbrachte.

Bitte, flüsterte er den dahintreibenden Trümmerstücken zu. Lasst mich die richtige Eingebung haben.

Kapitel 2
Alptraum in Rot

07 Januar 523 NTZ

Eine säuselnde Elfenstimme riss sie aus dem Schlaf. Maren setzte sich auf und machte zaghaft einen Schritt in den Raum. Ihre nackten Füße tauchten in Nässe. Rote Nässe. Direkt an ihrem Ohr säuselte die melodisch klingende Stimme, körperlos.

Bist du bereit?

Ein zarter Lufthauch fuhr über Marens dünne Schlafkleidung. Die weiße Seide lag kühl auf ihrem Körper. Instinktiv spürte Maren, dass sie jenseits der Realität war. Das Wissen schützte sie wie eine strahlensichere Weste. Sie befand sich in Trance, war irgendwo, nur nicht in ihrem Körper. Obwohl sie ihre Glieder fühlte, war sie nicht vorhanden; eine Erfindung im Raum. Die säuselnde Stimme sprach nun an ihrem anderen Ohr.

DU willst meine Schiffe? DU? Bist DU das wert?

Es war noch immer ihr Schlafraum, aber er war kaum noch zu erkennen. Erstaunt sah Maren sich um.

Rot. Eimerweise rote Farbe, frivol an den Wänden und auf dem Boden verteilt. Sie stand darin, stand bis zu den Knöcheln darin. Verwundert bückte sie sich, senkte die Finger in das rote Nass. Marens Hand tauchte hinein. Es tropfte mit einem leisen Plitschen hinab in den roten See, als sie den Handrücken hob. Noch ehe ihre Lippen die Flüssigkeit berührten, wusste sie, was es war, aber sie konnte die Bewegung nicht stoppen. Ihre Zunge leckte über das metallisch schmeckende Blut, das viel zu skurril um sie verteilt war, um noch Ekel in ihr auslösen zu können. Die ganze Szene war surreal, die vielen Liter Blut nicht mehr fassbar für Marens überreiztes Gehirn.

Wieder hörte sie die säuselnde Elfenstimme. MEINE Schiffe. MEIN Blut. Das Blut MEINES Volkes. DU weißt, wer ihr seid. Wer die Menschen sind. Homo superior. Willst DU sie wirklich? Die Schlachtmesser der Menschheit? Bist DU es wert? Henkerin DEINES Volkes?

Maren drehte sich mit großen Augen im Kreis, schlingerte auf dem feuchten Boden.

Wer bist du? Was willst du von mir?

Bist DU es wert? Die säuselnde Stimme verhöhnte sie.

Plötzlich hielt Maren eine Waffe in der Hand, wie damals als Kind, als sie die Soldatin getötet hatte. Es war dasselbe Modell. Eine altertümliche Projektilwaffe.

Aus der roten Flüssigkeit stieg flimmernder schwarzer Nebel auf. Ein unheimliches Wesen erschien vor Maren. Es nahm Konturen an, verdichtete sich vor ihr zu einem haarigen Geschöpf mit spitzen Ohren. Es erinnerte sie entfernt an einen Menschen, da es aufrecht stand, doch das Gesicht und die Gliedmaßen waren nicht terrestrisch. Ähnlich einer Katze ragte Maren eine kleine rote Nase entgegen, über der schwarze Schnurrbarthaare saßen. Unter den geöffneten Lefzen zeigten sich spitze Reißzähne. Ein Geruch nach Alter und Verwesung schlug Maren entgegen. Sie ist Bastet, die Katzengöttin der alten Ägypter. Maren hatte Holobilder in den Speichern gesehen. Bilder von ägyptischen Aufzeichnungen, die dem Wesen vor ihr ähnelten. Die Katzengöttin verzog das Gesicht zu einem Grinsen. Wenn DUMEINE Schiffe willst, dann drück ab. Tu es. Mehr ist es nicht. Die krallenbewehrten Pranken der Katzengöttin fuhren vor.

Nein! Mit einem Aufschrei ließ Maren die Waffe fallen.

Maren öffnete hektisch die Augen. Sie war wach. Und es war wieder geschehen. Wieder hatte sie jener sonderbare Traum heimgesucht, an den sie sich nicht erinnern konnte. Sie sprang von ihrer Schlafliege auf und rief die Aufzeichnungen ihres DataVis ab. Zusätzlich hatte sie einen externen Speicher in den Datenzugang über ihrem linken Handgelenk eingeführt. Dort waren ihre Schlafphasen verzeichnet. Dort müsste ihr Traum gespeichert worden sein. Sie berührte die Oberfläche des Datenwürfels. Sie hatte es nicht mehr ausgehalten, konnte die Unwissenheit nicht länger ertragen. Jede Nacht träumte sie – aber man konnte nichts sehen in den Aufzeichnungen ihres DataVis. Ihre Träume schienen sich nicht in ihrem Gehirn abzuspielen. Das war vollkommen unmöglich.

Maren rief die letzten zwanzig Minuten des Datenwürfels ab. Sie sah gähnende Leere. Wie konnte das sein? Sie hatte geträumt! Zumindest das wusste sie mit Sicherheit. Nur an den Inhalt ihrer Träume konnte sie sich nicht entsinnen. Es war, als hätte eine Hand in ihr Gehirn gegriffen und den Traum herausgezerrt. Wütend ballte sie ihre Hände zu Fäusten. Wie konnte das sein? Am liebsten hätte sie geschrieen. Kein Laut kam über ihre Lippen.

-Du hast auch nichts gespürt, oder?, wollte sie kleinlaut von Guenevere wissen, dem Krylawweibchen, das gemeinsam mit ihr, Kirk Ginger und Diane Schindel eine Einheit bildete. Durch das Affinitätsgen fiel es ihr wesentlich leichter mit Guenevere zu sprechen; der telepathische Kontakt bereitete ihr ohne den Krylaw Mühe.

-Du hast geschlafen, antwortete der Krylaw abgespannt. Guenevere schien der dauernde Stresszustand von Maren mehr zuzusetzen als ihren menschlichen Begleitern.

Maren wünschte sich einen Sandsack, auf den sie einprügeln konnte. Kirk Ginger drängte darauf, sie zu ersetzen und die gerade aufkommende Freundschaft zu Diane wurde auf eine harte Probe gestellt.

-Soll ich Diane rufen?, fragte Guenevere vorsichtig. Marens telepathische Kräfte waren verkümmert, da sie seit ihrer Kindheit versuchte, sich gegen andere abzuschotten. Seit ich die Reichssoldatin erschossen habe. Maren versuchte, nicht an jenen schrecklichen Tag zu denken. Sie blickte auf ihre Hände. Ihre Finger zitterten.

-Ich habe geträumt. Ich bin mir ganz sicher. Sie schloss ihre Augen.

-Ich glaube dir, flüsterte die gedankliche Stimme von Guenevere.-Ich wecke Diane.

Maren glitt vom Bett und berührte den blauschimmernden Boden des lebenden Raumschiffs.

-Nein. Lass sie schlafen. Du bist die Einzige, der ich vertrauen kann. Ich will nicht von hier fort.

Kapitel 3
Livs Team

07 Januar 523 NTZ

Endlich weg von hier und wenn es nur ein paar verdammte Tage sind. Wütend starrte Liv Zili in den Spiegel. Sie wurde alt hier, versauerte am Ende des Universums, während man andernorts bei Champagner und terranischen Delikatessen saß.

Ob Du das je wieder gut machen kannst? Schulde ich Dir wirklich mein Leben?

Liv berührte das kühle Glas des Spiegels. Hinter sich hörte sie die Stimme von Melvin Duchamps aus ihrem Schlafzimmer.

Komm endlich ins Bett, Liebes.

Mel. Ein Grinsen huschte über ihr hübsches Gesicht. Er war so erfrischend. So naiv. Gab ihr immer wieder Grund zu einem Lächeln. Er sollte in ihrem Team sein. Sie wollte ihn bei sich haben, wenn sich herausstellte, dass Anthony sich irrte. Khalakur. Hirngespinste. Die heiß ersehnte Superwaffe. Ja, sie hatten die Koordinaten entschlüsselt. Auf dem einzigen verbliebenen Planeten des Systems hatte offenbar vor Äonen ein Heimathafen der Khalakur existiert. Die Wissenschaftler wussten noch immer nicht, warum ausgerecht Riotoo-S übrig geblieben war. Alle anderen fünfundzwanzig Planeten samt ihrer Monde hatte es buchstäblich in ihre Einzelteile zerrissen. Nur dieser eine Planet war geblieben. Und ausgerechnet dort sollten nun die Schiffe der Cichiro geparkt worden sein.

Ich komme schon, Mel, flötete sie in Richtung Schlafraum. Sie fuhr mit der Hand über den roten Satin ihrer Reizwäsche. Was war das nur für eine barbarische Zeit, da man noch Unterhosen an einem Stück getragen hatte?

Ja, sie würde Mel mitnehmen und sie würden jede Menge Spaß haben. Liv hatte sich schon seit langem die Frage gestellt, wie ein Krylaw darauf reagierte, wenn gewöhnliche Vulgär-Terraner in ihm Sex hatten.

Sie schüttelte ungehalten den Kopf. Der Aufenthalt im Riotootrümmerfeld verblödete sie, das stand außer Frage. Sie hatte einen Stationskoller. Dazu kamen noch die ständigen Ärgernisse. Sicher, es war nicht außergewöhnliches – mal ein Ausfall dort, mal ein verschwundener Gegenstand hier – fast könnte man meinen, Riotoo-HQ beherberge einen Poltergeist. Aber immerhin hatten sie nun die verdammten Koordinaten. Vielleicht fanden sie ja sogar ein paar halbzerfallene Raumschiffe, dann war diese Sache endlich zu Ende und sie konnte ihrer Riotoo-Gefangenschaft entfliehen.

Sie straffte die Schultern und ging hinüber zu Mel. Seitdem er wusste, wie geräumig ihr Bett war, kam er gerne. Sie blieb vor dem Bett stehen und sah auf ihn hinab.

Das Warten hat ein Ende.

Liv saß in ihren Räumlichkeiten und sichtete noch einmal das Material, das die Sicherheitschefin Blaise Wellington ihr ausgehändigt hatte. Über dem Hologerät erschienen übergroße 3-D Bilder der Personen, bei der Arbeit, privat – teils sogar nackt. Die Frau schreckte wirklich vor nichts zurück.

Karottensaft, Sam, befahl Liv abwesend.

Mit oder ohne Vodka?, fragte ihr Personal-Programm scherzhaft.

Synthetisiere das Zeug einfach und halt die Klappe. Ich arbeite.

Noch einmal ging Liv in Gedanken die vier Personen durch, die als erste die Chance erhalten sollten, mit ihr die Khalakur zu finden. Das Projekt Späher lief unter strengster Geheimhaltung. Bisher waren nur drei Leute auf Riotoo-HQ über die Entschlüsselung der Daten informiert. Nicht einmal die kleine Maren wusste davon, obwohl sie es doch war, die mehr oder weniger in den Fund gestolpert war. Tja, so war das in der Geschichte. Egal ob der Chemiker Otto Hahn oder der Physiker Georges Parsekta, der 2056 erste Beweise für die Existenz von Dunkelmaterie fand – es waren erfolgreiche Menschen, Menschen, die im Leben standen, die letztlich das ausnutzten, was ihre unscheinbaren Mauerblümchen für sie ausgruben.

Maren Hilfiger. Krylaw-Technikerin. Ein Mauerblümchen. Dürr, langweilig, skurril. Sie redete nicht mehr, seitdem sie irgendein Trauma in ihrer Kindheit erlitten hatte. Fast sympathisch. Eine Etho-Irre. Kirk Ginger war in den letzten Wochen zwei Mal bei ihr gewesen, um sie zu überzeugen, Marens Versetzung in die Wege zu leiten – eine Versetzung in ein Etho-Asylum. Aber Liv war dagegen. Sie wusste, dass auf dem Asteroiden mehr vorgefallen war, als ihre Mitarbeiter ihr erklären konnten. Es wäre unklug, Maren jetzt von hier fortzubringen. Diane Schindel hatte sogar den Verdacht geäußert, die Khalakurtechnik habe Maren und den Krylaw beschützt.

Diane Schindel. Krylaw-Pilotin. Umfassende medizinische Ausbildung. Lebensfroh, umgänglich. Eine echte Standard-Etho. Ätzend. In allem gut, aber nie die Beste. Pflichtbewusst … bla, bla … eine Bilderbuchkindheit, in der rosa Schweinchen vom Himmel geregnet waren, nur um die kleine Prinzessin Diane zu erfreuen. Dafür war sie erstaunlich umgänglich geblieben. Sie war ja auch ein Etho. Ein besserer Mensch. Liv verzog das Gesicht.

Anders Kirk Ginger. Waffensystemexperte des Krylaw. Ein Mann mit Ecken und Kanten. Ehrgeizig. Einer, der gerne zum Stich kam und dafür seine Gesundheit auf's Spiel setzte. Ein Zuckerstück. Gut aussehend, wie alle Ethos, nur mit dem Unterschied, dass er Liv nicht ganz so verhasst war. Vielleicht, weil er so viele schlechte Eigenschaften hatte. Zum Beispiel gegen die kleine Maren zu intrigieren. Dabei hatte er die dünne Maus aus der Nanoschicht befreit – oder gab zumindest damit an, seine Gedankenkraft habe die Nanopartikel beflügelt, sich zu verziehen. Ein Idiot mit Humor und knackigem Arsch. Einer, der sich gut auf einem Podium machte, Jahrgangsbester, Etho-Sunnyboy, Sportler, Sprecher auf der Abschlussfestivität.

Liv ging hinüber an den Getränkeserver und holte sich ihr Glas mit Saft ab.

Last not least: Melvin Duchamps.Archäologe, Spezialist für K-Artefakte. Den sie ja nun bereits in- und auswendig kannte. Liv grinste. Wachs in ihren Händen. Genau so, wie sie es haben wollte. Aber ein wenig langweilig. Temperamentvoll aber fantasielos. Nichts im Vergleich zu dem, was sie bereits hinter sich hatte. Ja. Liv seufzte. Sie sehnte sich nach kreatürlicher Liebe, die sie hier, in diesem lustverlassenen System am Rande der Milchstraße sicher nicht finden würde.

Sie braucht Hilfe, beschwor Kirk Diane eindringlich. Sieh sie dir doch an, sie wird immer dürrer. Irgendwann verschwindet sie einfach. Sie ist nicht fähig, ihren Job zu machen.

Fängst du schon wieder damit an? Die Pilotin sah ungehalten in das schöne Gesicht ihres Gegenübers. Sie unterdrückte den Impuls, nach seinen dunkelblonden Haaren zu greifen und sie zu streicheln. Seine tiefblauen Augen strahlten sie an. Der sinnliche Mund über dem kräftigen Kinn verzog sich zu einem beschwichtigenden Lächeln.

Ich mache mir nur Sorgen. Immer diese Hirngespinste von einem Traum … Sie hat den Bogen wirklich überspannt.

Diane rieb sich die Schläfen. Sie hatte es so satt, zwischen Kirk und Maren zu stehen. In Gedanken verfluchte sie Eamonn für die Auswahl von Maren – und sich selbst, weil ihr die Kleine ans Herz gewachsen war und sie die Lage nun nicht mehr objektiv beurteilen konnte.

Haddington selbst besteht darauf, dass Maren hier bleibt. Er hat angeboten, eine Etho-Psychologin herzuholen, die sich mit ihrem Fall beschäftigen soll. Also hör endlich auf, mich zu bearbeiten. Und noch was Kirk: Hör auf, zu dieser Liv Zili zu rennen, nur weil du glaubst, eine Gewöhnliche würde eher tun, was du willst.

Kirk zog gespielt beleidigt die Augenbrauen nach oben. Du weißt, dass ich mich ernsthaft sorge. Maren kann zu einer Gefahr für uns alle werden …

Sie hat Guenevere und mich gerettet! Und jetzt entschuldige mich, ich habe noch zu arbeiten. Und auch du solltest noch Arbeit haben. Immerhin kommen Zili und Duchamps schon morgen an Bord!

Kirk sah den vernichtenden Ausdruck von Dianes giftgrünen Augen und entschloss sich zum Rückzug. Ab diesem Stadium brachte es nichts mehr, mit der rothaarigen Pilotin zu diskutieren. Er versuchte, sich die Enttäuschung und Demütigung nicht anmerken zu lassen. Er schluckte eine wütende Antwort hinunter. Wie du meinst, Kommandantin, meinte er freundlich und ließ Diane stehen. Seine Wut schirmte er gut vor ihr ab.

Es war so schön gewesen, als Diane noch sein Püppchen gewesen war. Man musste sie sich nur ein Mal auf den Schoß setzen, und schon tat sie voller Dankbarkeit, was man wollte. Aber nun hatte sie sich mit Guenevere und Maren gegen ihn verschworen. Verärgert ging Kirk zu den Waffentechnikkammern. Guenevere spürte stärker als Diane, was in ihm vorging. Der Krylaw war medizinisch versorgt worden und hatte sich von den Verletzungen und Krankheiten der vergangenen Wochen erholt.

-Du verrennst dich in etwas, Kirk. Maren ist nicht so übel, wie du denkst.

-Sie ist vollkommen … Kirk unterdrückte den vulgären Gedanken. Er seufzte. Sie ist eine Gefahr, Guenevere. Sie ist unberechenbar.

-Du musst immer alles unter Kontrolle halten. Dabei geht das gar nicht.Naturam expellasfurca, tamen usque recurret-Die Natur, das Leben, lässt sich nicht gewaltsam austreiben oder unterdrücken. Auf irgendeine Weise kommt sie immer zurück.

-Hast Du den blöden Spruch von Maren?

-Ja.

-Ich bin von Verrätern umgeben.

Es klang als würde der Krylaw kichern. -Ach Kirk, finde dich damit ab. Maren bleibt hier.

-Und wenn sie morgen einen Fehler macht, der unser aller Leben kostet?

Guenevere klang erheitert. -Dann sterben wir. Gemeinsam.

Kirk brach die Gedankenverbindung verstimmt ab.

Kapitel 4
Realität

08 Januar 523 NTZ

Maren sah sie kommen. Auf dem Panoramaschirm des Ankunftsraumes war das kleine Raumschiff zu sehen, das gemächlich auf sie zutrieb. Die drei Ethos beobachteten die Landung. Das Shuttle flog neben den Krylaw und blieb an seiner Seite wie ein Waljunges, das sich an seine Mutter schmiegen wollte. Guenevere wölbte ihre Wand aus, sie erinnerte Maren an einen Wels, der sich an einer Glasscheibe festsaugte. Um den Ausstieg des Shuttles bildete sich ein Tunnel, ein Auswuchs von Guenevere. Gleichzeitig öffnete sich ihre Wand, so dass tatsächlich ein Tunnel entstand. In nur wenigen Sekunden war der Vorgang abgeschlossen. Maren folgte Diane und Kirk zum Ausgang des Tunnels. Dort befand sich eine Schleuse, auf die nun zwei Terraner zugingen. Sie durchquerten die Schleuse und kamen den drei Ethos entgegen.

Maren hatte nur Augen für sie: Die Frau in dem leichten Raumanzug, der an ihr mehr wie ein Kampfanzug wirkte. Sie trug noch immer ihren Helm, als müsse sie sich abschotten gegen die Ethos und ihren Krylaw. Sie sah aus wie ein übergroßer Käfer. Wie eine Reichssoldatin, nur dass ihr Anzug nicht die Farben Caranors hatte, sondern tiefschwarz war, glänzend wie Lack. Dicht neben ihr ging Melvin Duchamps. Der muskulöse Mann mit dem pechschwarzen Haar verblasste neben der kleineren Frau mit dem entschlossenen Gang. Trotz seiner Größe wirkte er auf Maren wie der Schatten von Liv. Auch er trug einen Raumanzug.

Maren fiel auf, wie grazil diese Liv sich bewegte, wie ihre Hüfte den Blick von Kirk Ginger auf sich zog, der weibliche, katzenartige Gang. Die Absätze der zierlichen Terranerin schlugen gegen den harten Krylawboden. Jeder Schritt tönte überdeutlich in Marens Gehörgängen. Es war, als wäre jeder Aufschlag auf dem Boden ein und dasselbe Wort: Liv, Liv, Liv …

Sie unterdrückte den Impuls, sich die Ohren zuzuhalten und fixierte die kurzhaarige Blondine, die zusammen mit Duchamps auf die drei Ethos zukam.

Liv Zili blieb dicht vor Diane stehen und streckte ihr die behandschuhten Finger entgegen. Maren runzelte die Stirn. Sicher, die Reise zu dem Asteroiden war kurz, doch es war ausgesprochen unhöflich, sich mit Handschuhen und Helm vorzustellen. Die blonde Frau machte keinerlei Anstalten, den Helm abzunehmen. Auch ihre Handschuhe ließ sie an.

Diane nahm die dargebotene Hand mit kühlem Blick. Krylaw-Allergie?, fragte die Kommandantin distanziert und wies auf Guenevere. Oder haben Sie ein Problem mit Sauerstoff?

Liv lächelte freundlich. Ihre Stimme wurde durch ein integriertes Helmmikro verstärkt. Ich habe keine Zeit zu verlieren. Auch Sie sollten sich umgehend umziehen. Sie kennen ja den Namen meines Begleiters. Lassen Sie uns starten. Unser Ziel ist heute weit größer, als Sie ahnen. Wie selbstverständlich ging Liv an der verblüfften Etho-Kommandantin vorüber in Richtung Kommandozentrale.

Maren spürte ein schmerzhaftes Ziehen im Bauch. Selbst sie konnte Dianes Wut spüren. Die Etho-Pilotin kochte. Ihre giftgrünen Augen waren schmal. Breitbeinig stellte sie sich hinter Liv.

Was haben Sie mir überhaupt zu sagen?, blaffte sie die kleinere Frau an, während Kirk zwischen beiden Frauen hin und her sah und sich offensichtlich nicht entscheiden konnte, welche Hüfte interessanter war.

Liv blieb ebenfalls stehen und drehte sich langsam herum. Sie hob einen Datenwürfel in ihrer Hand an. Ich bin Ihre Vorgesetzte, Diane. Die direkte Vertraute Haddingtons. Heute werden wir Khalakur finden. Also schwingen Sie Ihren süßen Arsch in die Tiefen Ihres Raumtierchens, damit wir losdüsen können. Sie warf der verblüfften Diane den Datenwürfel zu.

Maren bewunderte, wie die Kommandantin ihn geistesgegenwärtig auffing. Kirk drängte sich an sie. Vulgärkomplexe, hörte Maren ihn flüstern. Sie fühlt sich uns unterlegen und meint, es uns so richtig zeigen zu müssen. Nimm sie nicht ernster als eine Fünfjährige, Diane.

Dianes Gesicht verzog sich angewidert. Das ist die dreisteste Person, die mir je …

Kommt ihr jetzt, oder muss ich das Ding alleine fliegen?, erklang Liv's Stimme aus dem Eingang.

Diane ballte die Fäuste. Na warte nur, Schätzchen. So nicht.

Maren zitterte, als sie hinter Diane und Kirk herlief. Hoffentlich war dieser Außeneinsatz bald beendet.

Liv pfiff zufrieden vor sich hin, während sie auf einen großen Bildschirm schaute, der in den Krylaw integriert worden war. Sie und Mel saßen in einer abgetrennten Kammer. Die Ethos ignorierten sie, wie sie es beabsichtigt hatte. Was sollten die Supermenschen auch anderes tun? Sicher, Ethos konnten wütend werden, aber sie waren weder wirklich intrigant, noch gewalttätig. Ihre Bereitschaft zu vergeben grenzte an das Märtyrertum vergangener Sekten. Immer hatten sie sich unter Kontrolle, waren voll ausgewogen in ihrer psychischen Entwicklung und hatten Verständnis für alles. Ihre Analytik war so verlässlich wie die Eigenbewegung der Planeten. Ethos waren die Ziertiere der Menschheit. Hübsche Löwen ohne Krallen und Zähne. Liv grinste. Ohne Eier.

Neben ihr schüttelte Mel den Kopf. Musstest du so taktlos vorgehen?

Ethos. Homo Superior. Liv lächelte unschuldig. Bedauerst du sie etwa?

Mel sah sie verunsichert an. Ich kenne dich nicht so. Ich dachte immer, du seist diplomatisch.

Nur dort, wo ich es sein muss. Liv stand auf und ging zu seinem Sitz hinüber. Sie ließ sich auf seinen Schoß fallen. Wir haben noch zwölf Minuten und vierunddreißig Sekunden bis wir Riotoo-S erreichen. Schaffst du das?

Mel schüttelte verärgert den Kopf. Es ist mir ernst, Liv. Du hättest freundlicher zu den Ethos sein sollen.

Zwölf Minuten und zweiundzwanzig Sekunden, erklang Livs verstärkte Stimme aus dem Helm.

Du gefährdest unseren Auftrag. Außerdem mag ich es nicht, wie du Kirk Ginger ansiehst.

Es war Anthonys Idee, in diesem Ding zu fliegen, nicht meine. Ich fliege lieber in Schiffen, die nicht denken können. Sie packte den Reißhaken am Kragen ihres Raumanzuges und zog ihn hinunter bis zu ihrem Schamhügel. Die molekulare Bindung löste sich lautlos. Zwölf Minuten und eine Sekunde.

Melvin schob sie von sich ohne ihre Brüste auch nur zu betrachten. Zum ersten Mal, seitdem Liv ihn kannte, wirkte er wütend auf sie. Hatte er am Ende doch so etwas wie ein Rückgrat?

Hör zu, Liv! Du wirst dich bei den Ethos für dein unreifes Verhalten entschuldigen und dich zurücknehmen! Ich mag hier nur der Wissenschaftler sein, aber ich dulde es nicht, dass du unsere Teamkollegen so behandelst. Wir wissen nicht, was uns da draußen erwartet und du sorgst dafür, dass diese Ethos uns hassen!

Liv seufzte und zog den Haken nach oben. Die molekulare Bindung wurde wieder hergestellt, nichts wies auf die Zerstörung des Materials hin. Schade. Ein Andermal. Sie sah Melvin zerknirscht an.

Es tut mir Leid.Dass du mich nicht fickst.Ich werde mich bei den Ethos entschuldigen.Auch wenn sie spüren werden, dass ich es nicht ernst meine. Zufrieden?

Melvin nickte erleichtert. Ja. Am Besten machen wir das gleich.

Liv stand resigniert auf. Ihr war einfach kein Spaß vergönnt. Dieses System war wirklich von allen Göttern verlassen.

-Diane tobt, stellte Guenevere fest. Wir wurden belogen. Zili und Duchamps sind nicht hier, um mit uns auf einen viel versprechenden Asteroiden zu fliegen, wie Haddington uns vor zwei Tagen mitteilen ließ. Laut Datenwürfel sind wir Teilnehmer des Projektes Späher. Man hat die Nanoplatte entschlüsselt, bei der du fast gestorben wärst. Sie zeigt unter anderem die Position des Heimathafens der Khalakur an.

-Diese Liv ist ein Teufel. Maren schlang die Arme um ihren Oberkörper. Sie hatte sich in einen gemütlichen Sessel gekuschelt. Widerwillig blickte sie auf den Raumanzug, den sie anziehen sollte. Ihr letzter Außeneinsatz war nicht erheiternd gewesen.

-Kannst Du spüren, was sie fühlt?

-Nein. Guenevere hielt kurz inne. Ich nehme an, ihr Helm schirmt sie vor mir ab. Deshalb will sie ihn auch nicht abnehmen. Ihr missfällt der Gedanke, ich könne ihre Gefühle lesen oder sie auch nur erahnen.

-Ich will nicht mit ihr auf einen Einsatz gehen. Maren spürte einen Hitzeschauer durch ihren Körper laufen. Was war das nur für ein sonderbares Gefühl? Ihre Knie schienen ihr weich und unzuverlässig, als habe sie eine plötzliche Muskelschwäche erlitten.

-Maren, alles in Ordnung? Das Krylawweibchen wirkte besorgt. Diane ist auf dem Weg hierher.

-Denkst du, sie möchte mich noch hier haben?

-Natürlich. Auch Kirk wird noch begreifen, was er an dir hat.

Maren fühlte sich erschöpft. -Es ist surreal. Alles ist surreal … Wie in meinen Träumen. Bald weiß ich nicht mehr, wann ich wach bin und wann ich schlafe.

-Diane ist da. Guenevere zog sich zurück, blieb aber mit einem Teil ihrer Aufmerksamkeit in tröstlicher Nähe.

Eine Öffnung erschien in einer Seitenwand. Diane Schindel trat leise ein. Sie blieb in respektvollem Abstand vor Maren stehen.

-Kann ich mit dir reden?, fragte sie höflich.

Maren nickte nur.

-Es tut mir Leid, wie diese Zili sich verhalten hat. Ich kenne sie noch nicht lange, aber ich kann dir versichern, sie hat jede Menge Probleme.

Maren legte ihre Finger nervös ineinander und drehte ihre Handgelenke, als wolle sie sie dehnen. -Womit wir beim Thema wären. Jede Menge Probleme. Willst du etwas Bestimmtes von mir hören?

-Nein. Ich will dir zeigen, ich bin hier. Du kannst dich jederzeit an mich wenden. Vielleicht ist es wirklich gut, eine Expertin zu bekommen, die sich mit um dich kümmert. Die Ethopsychologin soll nächste Woche eintreffen. Ich hoffe, sie kann etwas für dich tun.

Maren dachte über die Worte nach. -Sie wird mir nicht helfen können. Ich... Niemand versteht das.

-Du meinst deine Träume? Die Rothaarige lächelte verständnisvoll. Ihre hellgrünen Augen blitzten auf. -Du bist nicht die Einzige, die solche Träume hatte, Maren. Träume, die kein Speicher der Welt festhalten kann.

Maren riss die Augen auf. Auch Guenevere, die das Gespräch belauschte und Maren half, es überhaupt führen zu können, war schlagartig hellhörig. Maren spürte ihre Aufmerksamkeit.

-Nicht die Einzige?, wiederholte Maren hoffnungsvoll. Dann gab es eine Erklärung – und somit vielleicht auch eine Heilung?

-Nein. Ich habe das für dich recherchiert. Diane trat näher. -Es gibt Fälle von Träumen, die sind, aber nicht messbar stattfinden. Sie sind selten, denn sie werden von einem anderen Wesen geträumt. Einem Wesen, das weit mächtiger ist als jedes uns bekannte Geschöpf.

-Märchen, hauchte Maren gedanklich. Solche Wesen gibt es nicht.

-Warum nicht? Dianes grüne Augen waren unergründlich. Maren fühlte, wie sie in ihnen wegdriftete. War das wieder ein Traum? -Schon vor Jahrtausenden glaubten die Menschen an Götter. Auch andere Völker taten das. Es ist ein Gesetz, dass die unterentwickelten Arten die höheren verehren und fürchten, statt sie zu verstehen – weil sie sie nicht verstehen können. Warum soll es solche Wesen nicht geben?

-Wir wüssten von ihrem Wirken.

-Nur wenn sie das wollen. Dianes Lächeln vertiefte sich. -Wenn sie ihre Boten schicken. Götterboten.

Das Gesicht der schlanken, hochgewachsenen Etho veränderte sich. Es nahm die Form eines Katzengesichtes an, lange Ohren standen vom Kopf ab. Goldrote Haare bedeckten die Haut. Maren keuchte und krallte ihre Nägel in die Hände. -Was …

-Stell dir vor, es gibt eine Zeit auf der Zeit, Maren, erklärte die säuselnde Elfenstimme. -Eine zweite Zeit. Auf deinem Data-Vis siehst du nur die eine Zeit, die, die du immer siehst. Dein DataVis kann nur eine Zeit festhalten. Aber ist die zweite Zeit deshalb weniger real? Siehst du mich Maren? Dein DataVis sieht mich nicht. Willst Du wissen, wie es damals war? Willst Du wissen, wo sie sind?

Die Gestalt vor ihr lachte. Maren fühlte, wie es dunkel wurde. Ihre Hände sanken kraftlos hinab. Sie stürzte vom Sessel. Der Boden schlug ihr entgegen.

Maren? Dianes besorgte Stimme erklang über ihr. Maren blinzelte. Sie sah sich in dem medizinischen Raum um, in den man sie gebracht hatte.

-Was …, flüsterte sie schwach.

Diane stand an der Seite der anpassungsfähigen Liege, die präzise Marens Liegeposition nachformte und diese bei Bedarf auch dauerhaft beibehielt. Marens Füße waren hoch gelagert. Du bist mitten im Gespräch kollabiert, Maren. Ich fragte dich nach deinen Träumen, aber du hast nicht geantwortet. Du saßt wie erstarrt, als würdest du etwas sehen, das nicht da war – und dann stürztest du von deinem Sessel.

Maren schluckte. -Der Außeneinsatz …

Diane streichelte beschwichtigend über ihre Schulter. Kirk, Duchamps und das Miststück sind alleine nach draußen gegangen. Ich bin hier geblieben, um nach dir sehen zu können. Aber fühl dich dafür nicht verantwortlich. Ich hatte ohnehin vor, bei Guenevere zu bleiben. Ich passe auf euch auf.

-Danke. Maren wollte sich vorsichtig aufsetzen – die Liege formte ihre Bewegungen sofort nach – doch die Pilotin drückte sie behutsam zurück in die liegende Position.

Lass die Füße noch oben, Maren. Dein Kreislauf muss erst stabilisiert werden. Ich habe dir ein leichtes Beruhigungsmittel injiziert, da dein Herz raste. Kannst du mir sagen, wie es so weit kam? Was hast du gesehen?

Stockend legte Maren ihre Gedanken über den Vorfall dar. -Im Gegensatz zu den Träumen, kann ich mich an alles erinnern, endete sie ihren Bericht. -Es war, als würde mich eine höhere Macht berühren. Als sei ich wirklich in einer anderen Zeit.

Diane schwieg eine Weile.

Möchtest du noch ein wenig schlafen?, fragte sie schließlich.

Maren schüttelte den Kopf. Sie wollte es nicht für Diane denken, aber sie war froh den Außeneinsatz verpasst zu haben. Vielleicht wollte das fremde Wesen sie ja genau davor schützen? Der Gedanke verwirrte sie. Ihr war nicht klar, ob das fremde Geschöpf – Maren ging einfach davon aus, dass es existierte – ihr Gutes oder Böses wollte. Sie würde es bei seinem nächsten Besuch fragen müssen.

Sie hatten ein schützendes Feld um sich gebildet. Drei Roboteinheiten trugen die schweren Generatoren, die das Feld erzeugten. Sie schwebten über dem Boden und bildeten ein gleichseitiges Dreieck. Die Bedingungen auf Riotoo-S waren extrem. Nichts desto trotz waren auch hier bereits Einheiten gelandet – man hatte angenommen, auf dem Planeten die meisten Artefakte der K-Erbauer zu finden, doch diese Annahme hatte sich rasch als Irrtum erwiesen. Riotoo-S war ein trostloser Wüstenplanet, auf dem sich keine Spur von Leben fand. Die Wissenschaftler vermuteten unterirdische Höhlen, in denen sich vielleicht noch etwas verbarg. Eingänge konnten aber trotz vielfacher Untersuchungen nicht ausgemacht werden.

Mit einer Mischung aus Angst und Neugier sah Melvin sich um. Außerhalb des Schutzfeldes wütete ein vernichtender Sturm, der die Erfassung eines Menschen schwer machte. Tödliche Strahlungen tobten sich auf dem Planeten aus wie ungezogene Kinder auf einem Spielplatz.

Sie waren auf einer kargen Felsenplatte gelandet. Schutt und Staub wirbelten um sie herum durch die Luft, als wolle der Planet einen zornigen Gegenreigen zu dem träge dahindümpelnden Trümmerfeld des Systems bilden. Mel spürte den Schweiß unter dem Helm und der Kleidung. Obwohl der Anzug seinen Körper hinunterkühlte, glaubte er doch etwas von den zweihundertsechzig Grad zu fühlen, die auf Riotoo-S herrschten. Das Schutzfeld der Generatoren verringerte die Temperatur bereits auf neunzig Grad. Die integrierte Kühlung lief weiter, es würde noch mehrere Minuten dauern, bis sie bei vierzig Grad waren.

Liv Zili sah ungehalten über den Boden unter der Schutzschirmkuppel. In der Hand der Riotoo-Leiterin lag ein Metall- und Strahlenortungsgerät, das verschiedene Legierungen und Messungen anzeigte. Liv ging den geschützten Bereich ab. Sie hatten etwa zehn Meter, in denen sie sich frei bewegen konnten.

Ich sehe hier nichts in dem verdammten Gerät, fluchte die blonde Frau ungehalten. Dabei sind wir exakt auf den Koordinaten. Wir sollten mitten in Khalakur stehen.

Vielleicht lagen die Schiffe nicht im Heimathafen, als das System zerstört wurde, sondern mitten im Raum. Melvin hob die Schultern. Seiner Stimme konnte man die Enttäuschung anhören.

Vielleicht ist uns auch ein anderes Volk zuvorgekommen, murmelte Kirk düster.

Liv schüttelte den behelmten Kopf. Wären Khalakur gefunden worden, der Rest der Milchstraße hätte es längst erfahren. Sie trat wütend gegen einen Steinbrocken.

Mel betrachtete sie nachdenklich. Sie war süß und im Bett war sie unschlagbar. Aber ihr Charakter ließ doch einiges zu wünschen übrig. Seit den Ereignissen mit diesem Attentäter, für dessen Tod sich Liv mitverantwortlich machte, hatte sie sich verändert. Wie eine Palastfassade, die hässliche Risse bekommt. Melvins Blick lag auf Livs Brüsten. Hatte Liv sich die ganze Zeit nur verstellt? Wurde es ihr auf Dauer zu anstrengend? War das nun die wahre Liv, oder lag es wirklich am Tod von Michael Huber? Ihre Wohnräumlichkeiten waren wesentlich extremer eingerichtet als Melvin gedacht hatte. Zunächst hatte ihm das gefallen. Aber gerade in den letzten Tagen gab es immer wieder Kleinigkeiten, die ihn verunsicherten. Sonderbare Gegenstände. Datenwürfel mit fragwürdigen Aufzeichnungen von bedrohten Rassen. Als hätte Anthonys Freundin Freude daran, diese Rassen sterben zu sehen. Dazu kam Livs unkooperatives Verhalten. Er hatte nicht gewusst, dass die schöne Terranerin einen solchen Hass auf Ethos hatte. Oder war es eine spezielle Aggression gegen Diane Schindel? Die Frau hatte eine Bilderbuchkindheit. Liv dagegen wich ihm immer aus, wenn es um ihre Kindheit ging. Sie ließ nichts davon verlauten. Was hatte sie erlebt, dass sie dermaßen überheblich auf Diane reagierte? Er wünschte, Liv wäre wieder die Alte. Auch wenn er es ihr nie gesagt hatte, liebte er sie wie keine andere Frau zuvor.

Schweigend arbeiteten sie sich über den verwüsteten Standort. Dort wo das Kraftfeld begann, fielen versteinerte Stöcke und Brocken zu Boden. Nichts davon wies auf eine Zivilisation hin, geschweige denn auf Raumschiffe.

Vielleicht sind sie im Hyperraum gespeichert. Melvin wusste, es war der falsche Zeitpunkt, mit Liv darüber zu reden. Er hatte ihr seine Hypothese der versteckten Schiffe bereits wiederholt dargelegt, aber sie hatte immer wieder Gegenargumente gefunden und schließlich die Diskussion unwillig und fast feindselig abgebrochen.

Liv fuhr zu ihm herum. Wenn da verdammte Impulse wären, müssten wir sie messen können! Hier gibt es nirgendwo Raumschiffe. Auch keine Hyperschiffe, die als Impulse verankert sind! Sie schlug mit der Hand auf das Display ihres Gerätes.

Kirk Ginger grinste sie an. Mann, was bin ich froh ein Etho zu sein und nicht Ihre Aggressionen zu haben, Liv. Wie hoch ist eigentlich Ihr Blutdruck?

Liv sah ihn wütend an. Haben Sie vielleicht eine Idee, Übermensch?

Nein, Vulgärterranerin. Habe ich nicht. Und wenn, dann würde ich sie zuerst mit meiner Pilotin besprechen. Denn sie ist meine direkte Vorgesetzte.

Liv schnaubte. Wir werden weitersuchen. Beginnt mit den Bohrungen. Vielleicht sind die Höhlen unter uns so tief, dass wir sie nicht mehr erfassen können.

Aye, aye, Ma'am, meinte Kirk spöttisch. Als Waffenexperte schlage ich eine Bohrmine vor, dann kommen wir wesentlich schneller in die Tiefe und können eine Messsonde nach unten bringen.

Einverstanden. Livs Augen waren schmal. Ich werde diesen gesamten Planeten zerlöchern wie einen Schweizer Käse, wenn es sein muss.

Kirks dunkelblaue Augen blitzten. Kein Problem. Wollen doch mal sehen, ob die K-Erbauer nicht doch eine Nachricht für uns hinterlassen haben.

Maren setzte sich ruckartig auf der Liege auf. -Sie sind in Gefahr, teilte sie Diane und Guenevere mit.

Du meint das Außenteam? Diane schüttelte den Kopf. Ich hatte eben noch Kontakt zu Kirk. Es ist alles in Ordnung. Beruhige dich.

Marens Lider zuckten. -Mir ist, als ob ich sie kenne. Die Erbauer. Die Mächtigen. Die Namenlosen der Paal. Als ob ich durch das Wesen, das mich berührte … Sie verstummte.

Diane sah sie interessiert an. Fahr fort, Maren. Bitte.

-Zeitweise denke ich, es ist in mir. Dann weiß ich wieder, das es das nicht ist. Oder besser – nicht nur. Es ist unglaublich mächtig, dieses – Ding. Es hat überlebt, versteht ihr. Es ist noch übrig geblieben! Ich zweifele nicht mehr daran, dass es noch funktionsfähige Techniken der K-Erbauer gibt. Jahrelang haben wir danach gesucht und nun werden sie zu uns kommen.

Guenevere wirkte unruhig. -Was meinst du?

-Ich meine, das Außenteam ist in Gefahr. Man hat die Schiffe geschützt. Auf eine Art und Weise, die unser aller Tod bedeuten kann …

Diane schüttelte den Kopf. Du bist durcheinander, Maren. Kirk wird vorsichtig sein, da bin ich mir sicher.

-Diane, hol sie da raus! Sag ihnen, sie sollen umkehren! Frag mich nicht woher ich es weiß, aber sie werden da unten keine Khalakur finden. Nur den Tod.

Kirk Ginger hörte das leise Surren zuerst. Die Gewalt des Sturmes um sie herum war ungebrochen. Doch da war ein leises Geräusch, das Geräusch von surrenden Insektenflügeln. Gleichzeitig hatte es eine mechanische Beständigkeit, wurde stetig lauter und wieder leiser.

Hört ihr das?

Liv und Mel verharrten angespannt. Liv zog instinktiv ihre Strahlenwaffe. Kirk tat es ihr nach. Die Bohrmine war auf dem Weg nach unten. Ein eigens dafür mitgebrachter Miniroboter, der aussah wie ein Tintenfisch aus Stahl, wand sich kreiselnd in die steinige Erde. Zuerst hatte Kirk gehofft, das ungewohnte Geräusch sei von dem scharfen Bohrer erzeugt worden, der fleißig sein Loch fraß. Aber das war nicht der Fall. Der Bohrer gab ein tiefes Brummen von sich, die Lösung des Gesteins erfolgte durch einen Desintegrator, Staub und Dreck wurden nach oben geblasen.

Wie weit ist es bis zum Schiff? Melvin sah sich verunsichert um.

Der Krylaw war wegen der schwierigen Bedingungen nicht gelandet, sondern hatte sie lediglich nahe des Planeten abgesetzt. Von dort aus waren sie mit einem winzigen Spezialschiff zu Riotoo-S geflogen.

Machst du dir gleich in den Raumanzug?, Liv grinste, Kirk erkannte es an den Fältchen um ihre hellblauen Augen.

Duchamps hat Recht. Das Geräusch verschwand nicht, sie konnten es noch immer hören – ein Summen, als würden große Käfer außerhalb ihrer Sicht durch den Sturm ihre Kreise ziehen. Wir sollten uns zurückziehen. Das wäre logisch.

Wir wissen ja noch nicht mal, was das ist, knurrte Liv. Vielleicht nur irgendwelche dämlichen Tiere …

Es gibt kein Leben auf Riotoo-S, erinnerte Mel sie alarmiert.

Dann eben ein anderes erklärbares Phänomen …

Kirk sandte ein Datenpaket an Diane. Er war sich nicht sicher, ob es durch den Sturm dringen konnte. Keine Tiere. Der Etho klang belustigt. Angst schien er nicht zu kennen. Das, was da auf uns zukommt, sind Maschinen. Kampfmaschinen. Der Waffenspezialist bewegte sich zielstrebig von der Bohrmiene fort. Lasst uns keine Zeit verlieren. Streiten können wir später.

Mel folgte ihm. Er wirkte blass unter seinem Kopfschutz. Kampfmaschinen?

Ja. Wächter.

Schwachsinn, knurrte Liv. Nach zehntausend Jahren wird es hier wohl kaum noch funktionstüchtige Maschinen geben.

Wenn Sie das denken, Liv, warum suchen sie dann Khalakur? Kirk ging zielstrebig voran, die beiden Terraner eilten ihm nach, um den Abstand zwischen den Generatoren tragenden Robotern nicht zu groß werden zu lassen. Die Maschinen reagierten auf ihre Bewegungen.

Liv Zili schwieg. Kirk fühlte, wie aufgewühlt sie innerlich war. Er hatte einen wunden Punkt getroffen. Sieh mal an, dachte er bei sich. Anthonys Mädchen glaubt nicht an die Sternenschiffe. Warum ist sie dann hier?

Mel blieb aufgeregt stehen. Hört ihr es? Alle lauschten. Es ist weg.

Liv sah auf ihr Messgerät. Das waren wohl eher Minimaschinen, höhnte sie. Sehen Sie sich das an, Kirk. Sie hielt dem Etho das Display unter die Nase. Winzige Flugmaschinen waren darauf abgebildet.

Auf Kirks Stirn hätte sich eine Falte gebildet, wenn die Spannkraft seiner Haut es zugelassen hätte. Was hatte Anthony Haddington sich dabei gedacht, eine Frau wie Zili zur Stationschefin im Trümmerfeld Riotoo zu machen? Durchschauten die Terraner einander so wenig? Er bemühte sich um Ruhe.

Wie schnell sind sie, wenn ihr Leben davon abhängt, Liv? Wir haben noch etwa zwanzig Minuten und das Schiff ist acht Meilen entfernt. Acht Meilen. Was für eine lächerliche Distanz. Kirk hätte gerne gelacht. Dennoch durfte er die Situation nicht unterschätzen. Er musste auf seine Logik und seine analytischen Fähigkeiten setzen. Auf der einen Seite wollte er hier heraus. Auf der anderen wollte er die Khalakur. Wächter waren dazu da, etwas zu beschützen. Sie mussten dem Schatz des Universums sehr nah sein. Er traf seine Entscheidung.

Liv sah ihn verwirrt an. Ihre Anzüge enthielten Antigrav. Die Mitglieder des Außenteams waren von der Schwerkraft unabhängig und konnten auch zu ihrem Schiff zurückkehren, ohne zu rennen oder sich übermäßig anzustrengen.

Was meinen Sie, Kirk?

David und Goliath. Kirk sah sie herablassend an. Es ist nicht immer die Größe, die den Sieg davonträgt. Er wies auf die drei Roboteinheiten, die sie gegen den Sturm schützten und die extreme Temperatur milderten. Sehen Sie mal auf die Temperaturanzeige.

Liv tat es. Sie schluckte. Hundertzehn. Sie steigt.

Wir werden bald kein Schutzfeld mehr um uns herum haben. Die Viecher haben ihren Streich geführt. Sie haben nicht uns angegriffen, sondern die Geräte, die wir zum Überleben brauchen. Nun liegt es an uns – gehen wir, verschwinden wir wie feige Ratten, oder bleiben wir und versuchen herauszufinden, was sie beschützen.

Livs Augen funkelten bei seinem Tonfall auf. Du hast einen Schwanz, Kirk.

Der Etho lächelte. Ich nehme nicht an, dass man Sie aufgrund von Eloquenz und Sicherheitsbewusstsein einstellte. Schätzte er Zili richtig ein? Sie glaubte nicht an die Khalakur, aber sie wollte sie finden. Ebenso verzweifelt wie er. Das war es. Wenn ihnen das gelang, dann war der Krieg gewonnen. Und Kirk würde es schon schaffen, dass er den Ruhm für die Auffindung der Schiffe erhielt, nicht diese zu kurz geratene Terranerin, dieses überholte Menschheitsmodell.

Sie waren weit genug entfernt. Kirk hob den kleinen Stick in seiner Hand. Grünes Licht schimmerte zwischen seinen Handschuhen. Er drückte den Knopf. Die Explosion war eine ferne Erschütterung.

Sehen wir uns an, was diese mechanischen Biester vor uns verstecken wollen.

Das … das ist Wahnsinn, stotterte Mel. Wir werden hier sterben! Seid vernünftig! Wenn Sie Recht haben, Kirk, dann müssen wir fliehen …

Unsere Anzüge können gut zwanzig Minuten standhalten. Wir müssen nur schnell sein. Kirk aktivierte per Knopfdruck das winzige Gerät, das die Explosion aus seiner Schutzhülle gerissen haben sollte, ohne es zu zerstören. Er wartete auf die Datenübertragung.

Wir müssen umkehren! Mel ballte wütend die Fäuste.

Liv und Kirk sahen einander an. Sie fanden alle Antworten in den Augen des Gegenübers. Die blonde Frau trat dicht an Kirk heran. Wie zufällig streifte ihre Hand dabei sein Bein. Was hat unser kleiner Spion dort unten entdeckt?

Seltsamerweise erregte ihn diese unvollständige Person. Verwirrt dachte Kirk darüber nach, was das nun bedeutete. Er hatte den übermäßigen Kontakt mit Normalterranern immer vermieden. Sie waren eine überholte Version der Menschheit. Aber diese Liv sprach etwas in ihm an, von dessen Existenz er bisher nichts gewusst hatte. Vielleicht weil er sich schon immer von anderen Ethos unterschied. Einem Etho waren die Beziehungen das wichtigste überhaupt. Es gab bei Ethos keine One-Night-Stands. Man schlief nur mit Frauen, die man kannte und mochte, häufig auch mit solchen, mit denen man Nachwuchs zeugen wollte und wählte die Partnerin entsprechend der benötigten Kriterien. Einen verrückten Moment dachte Kirk Ginger daran, mit Liv Zili zu schlafen, dann schüttelte er den Kopf und machte wieder seine Arbeit. Er war ein Etho. Warum sollte er im Dreck spielen? Die Kindheit der Menschheit war überwunden.

Haben Sie etwas entdeckt?, fragte Liv ungeduldig.

Wir sollten gehen, Melvin sah sich hektisch um. Diese Dinger können wiederkommen!

Nichts, Kirk sah bedauernd auf. Dort unten ist überhaupt nichts.

Das kann nicht sein! Geben Sie mir das Gerät! Liv griff nach dem länglichen Kasten in Kirks Hand.

In dem Moment brach der Schutzschirm zusammen. Geistesgegenwärtig klammerte sich Melvin an die zierliche Frau, während Kirk sich zu Boden fallen ließ. Der Sturm brach mit voller Wucht über sie herein. Trotz der internen Kühlung konnten sie die Hitze erahnen, die die staubige Luft um sie her zum Flimmern brachte. Kirk erhob sich mit Hilfe seines Antigravs und packte Liv Zili am Arm. Gemeinsam hatten sie bessere Chancen zurück zum Schiff zu kommen.

Bei allen Sternengeistern, hörte er Melvin Duchamps keuchen. Wir müssen hier weg!

Kirk machte den Anfang, merkte aber, dass auch Liv nur unwesentlich später als er ihre Beschleunigung in die gleiche Richtung lenkte.

Ein Stein schlug gegen Melvins Helm. Der Archäologe schrie wütend auf, fast hätte er Liv losgelassen.

Nur acht Meilen, meinte Liv aufmunternd. Komm schon, Mel. Nicht loslassen.

Kirk glaubte die unterdrückte Wut in ihrer Stimme zu hören. Liv war alles andere als glücklich über diesen Außeneinsatz.

Sie steuerten in geduckter Haltung durch das Tosen, versuchten die wirbelnden Steine von sich zu halten oder ihnen auszuweichen. Kirk hatte seinen Strahler gezogen und ihn auf eine Druckfunktion gestellt, mit der er zu große Gesteinsbrocken aus ihrem Weg lenkte. Er spürte die sengende Hitze. In ihren Anzügen war die Temperatur inzwischen auf fünfzig Grad angestiegen. Kirk machte sich noch keine Sorgen. Es waren nur noch sieben Meilen. Keine ernstzunehmende Entfernung. Angst stieg erst in ihm auf, als er das hohe Sirren erneut hörte. Jetzt konnte er auch einige der Maschinen sehen, die wie Geninsekten aus Metall um sie herumschwirrten und ganz offensichtlich auf etwas zu warten schienen. Ob sie bewaffnet waren? Kirk stellte seine Waffe auf Vernichtung um. Vielleicht war ihr Ehrgeiz, was die Khalakur betraf, zu groß gewesen.

Kapitel 5
Nur ein Wort …

08 Januar 523 NTZ

Maren war gerade aufgestanden und hatte von Diane eine heiße Tasse Tee in die Hand bekommen, als ihr erneut schwindelig und fiebrig wurde – so hatte Diane den Zustand benannt, den Maren kurz vor ihrem Zusammenbruch erlebt hatte. Maren rief sofort Guenevere, die Diane informierte.

-Es … es wird immer schlimmer, keuchte sie, während ihr MedCo ihr ein Beruhigungsmittel verabreichte.

Atme tief ein, Maren. Diane war bei ihr und setzte sie auf die Stabilisationsliege. Versuch, wach zu bleiben. Das Team ist bald zurück und dann fliegen wir direkt nach Riotoo HQ.

Maren hörte die Worte, aber sie waren weit von ihr fort, gesprochen in einer anderen Wirklichkeit.

-Was willst du?, fragte sie das Wesen, das erneut vor ihr stand. Es manifestierte sich auch dieses Mal in Diane Schindel. Die Raumpilotin sah aus wie eine rotgoldene Katze. Maren schüttelte sich.

Ich will Frieden, Maren. Ich will Ruhe. Ich möchte endlich gehen können.

-Was hat das mit mir zu tun?

Du bist seit Jahrtausenden das erste Geschöpf, das meine Aufmerksamkeit erregt hat. Was willst du, Maren? Willst du meine Schiffe?

-Wir wollen deine Schiffe.

Wir? Katzendiane lachte rau. Du meinst die Menschen? Ihr seid eine geteilte Rasse, die seit Jahren an einem kalten Bürgerkrieg leidet. Glaubst du, es wird Frieden geben, wenn ich euch die Schiffe aushändige?

Maren konnte nicht mehr vernünftig denken. Es gab dieses Wesen. Es gab das Geschöpf tatsächlich! Und es war in der Lage, ihnen die Khalakur auszuhändigen. Sie ihr auszuhändigen. Was für eine Möglichkeit lag hier in greifbarer Nähe? Was konnte sie tun, um das Wesen von der Menschheit zu überzeugen? Die Macht der von Caranor musste fallen!

Katzendiane grinste noch immer. Während du dir deinen ovalen Menschenkopf für die Rebellion zerbrichst, sterben drei deiner Begleiter.

Maren sah Bilder vor sich, sah Mel, Liv und Kirk im Hitzesturm von Riotoo-S. Ihr Schutzschirm war verschwunden und sonderbare Fluginsekten aus Metall hatten sie umringt. Die Technikerin spürte die Hitze, als würde sie selbst dort stehen, Rücken an Rücken mit dem Außenteam. Sie glaubte Verbranntes zu riechen.

-Nein! Hol sie da raus!

Ich könnte die Drohnen zurückziehen. Die fliegenden Wächter. Ich könnte ihnen befehlen, zurück in ihre unterirdischen Höhlen zu kriechen, die nahe am Kern liegen. Soll ich das für dich tun, Maren?

-Bitte! Maren konnte weder Kirk noch Liv sonderlich leiden und Melvin kannte sie kaum. Aber keiner der drei sollte auf diese Art sterben. Sie war noch immer mit ihnen auf dem Planeten, spürte die Angst, die aufsteigende Verzweiflung gepaart mit dem Wissen, dass hier das Ende war.

Ich kann dich nicht hören. Katzendiane trat näher an Maren heran. Sprich es aus, Maren. Nur ein Wort. Tu es für mich. Und dann werden wir sehen, ob du meine Schiffe wert bist. Ich kann dich zu ihnen führen. Quer durch die Zeit.

-Bitte, zieh diese Wächter zurück! Maren sah, wie die insektoiden Wesen erste Schüsse abgaben. Man erkannte ein starkes Flimmern, mehr nicht. Das, was die Wächter trafen, verschwand einfach, als hätte es nie existiert. Anders als bei menschlichen Waffen, die mit Explosionen, Nebeln und sichtbarer Zerstörung einhergingen, geschah hier die Zerstörung völlig lautlos. Ein großer Steinbrocken neben Melvin Duchamps löste sich spurlos auf. Maren spürte Tränen über ihre Wangen laufen.

-Ich kann nicht. Ich kann nicht sprechen.

Dann werden sie sterben.

Die Verzweiflung, die Maren fühlte, war das Schlimmste, was sie je erlebt hatte. Sie fühlte sich vergewaltigt, gedemütigt bis über ihre Grenzen hinaus. Sie musste jetzt handeln. Sie musste jetzt sprechen, oder sie würde nie mehr glücklich werden.

Sie stand auf, ihre Fäuste hämmerten auf Diane ein. Die Katzenfrau schützte sich überrascht vor dem einsetzenden Hagel. Maren packte sie an den Schultern. Das Katzengesicht verzog sich spöttisch.

Das Wort ist stärker als der Tod. Du hast nur noch wenige Sekunden.

Bitte … Maren schüttelte Diane durch. Sie konnte es kein zweites Mal sagen. Kraftlos sank sie auf den Boden und weinte. Sie zog sich ganz eng zusammen, eine lebende Kugel. Über sich hörte sie Dianes Stimme, als wäre die Welt um sie her plötzlich auf Ton geschaltet. Das Katzenwesen war verschwunden und Diane war wieder Diane.

... kann dir nicht noch mehr Beruhigungsmittel geben! Was ist nur mit dir los? Diane rieb sich verstört über ihr zerschlagenes Gesicht.

Maren sah die Schwellungen, die sie der Raumpilotin zugefügt hatte.

-MAREN! Guenevere. Sie rief schon sehr lange nach ihr, aber Maren hatte es nicht hören können.

-Kleines, was ist passiert? Der Krylaw war ebenso aufgewühlt wie Diane. Maren wippte vor und zurück. Sie konnte noch nicht antworten. Sie brauchte Ruhe. Ruhe. Ruhe.

Sie ziehen sich zurück! Schnell! Liv fragte nicht lange, warum die Biester es taten. Die Waffenkraft der Maschinen hatte sie entsetzt. Die Khalakur waren ein genialer Fund – aber was half ihr das, wenn sie tot war?

So schnell sie konnten, legten sie die letzten Meilen zurück. Sobald sie im Schiff waren, bediente Kirk die einfache Automatik, die sie zurück zu Guenevere bringen würde.

Ich weiß nicht Recht … Melvin Duchamps nahm seinen Helm ab und starrte hinunter auf den Planeten. Sein rotes Gesicht war schweißüberströmt. Ich hatte das Gefühl, wir waren da unten nicht allein. Als hätten wir einen Schutzengel.

Liv und Kirk verdrehten die Augen über so viel Wunderglauben.

Nach den Ereignissen auf Riotoo-S kam Diane Schindel mit dem Außenteam zusammen. Diane bat alle in den Konferenzraum, an einen runden Schwebetisch. Auch Guenevere war mit ihrer Aufmerksamkeit bei ihnen. Wenn Diane richtig lag, nicht mit ihrer vollen, denn der Krylaw mochte Maren sehr und passte auf sie auf.

Das Außenteam sah mitgenommen aus, besonders Melvin Duchamps machte auf Diane einen abgekämpften Eindruck. Er hatte eine Verbrennung am Kopf, die von Liv bereits versorgt worden war.

Kirk und Diane trugen das Erlebte vor. Als Diane geendet hatte, berührte sie verstohlen ihr geschwollenes Auge. Eine erwachsene Etho wie Maren sollte nicht so viel Aggression aufbauen und sie zugleich noch an einer anderen Person auslassen können. Schon gar nicht an jemandem aus ihrem eigenen Team. Die Gemeinschaft stand den Ethos über allen Dingen.

Liv wies auf Dianes malträtiertes Gesicht. Das war wirklich Maren? Respekt. So viel Kraft hätte ich der Kleinen gar nicht zugetraut.

Es kommt eben nicht immer auf die Größe an. Kirk lächelte nachsichtig. Hätten Sie mir zugehört, wüssten sie das, Liv.

Diane bemerkte erstaunt und beunruhigt die ambivalenten Signale, die Kirk an Liv sandte. Auf der einen Seite wirkte es, als würde er Liv abwerten, weil sie keine Etho war und somit nicht genügend lernfähig. Auf der anderen gewann Diane den Eindruck, er würde mit der blonden Frau flirten.

Wie geht es eigentlich unserer Kampfkatze?, lenkte Liv ab.

Sie schläft wieder. Diane war besorgt. Der neuerliche Kontakt hat sie sehr viel Kraft gekostet.

Eine unglaubliche Geschichte, flüsterte Mel. Seine Wangen waren noch immer gerötet, wie nach einem Aufguss. Ich glaube, Maren hat uns das Leben gerettet.

Ach ja? Kirk sah Diane herausfordernd an, als erwarte er von seiner Geliebten Unterstützung. Ich denke, dieses 'Wesen' existiert nicht. Es war Zufall, dass die Maschinen sich zurückzogen. Maren will sich nur wichtig machen.

Sie hat gesprochen, Kirk! Diane blickte ebenso herausfordernd zurück. Marens Visionen waren echt. Sie war inzwischen davon überzeugt. Maren war auch nicht der Typ, der sich wichtig machte. Sie hat geredet, und das hätte sie niemals ohne Grund getan. Du weißt von ihrem Trauma.

Sie ist eine Irre! Kirk schlug wütend auf den Tisch. Das liegt doch auf der Hand! Ein genetischer Fehler! Sie hat Minderwertigkeitsgefühle, die einem Etho nicht anstehen. Ich denke, sie erträumt sich ein mächtiges Wesen und wertet sich selbst als 'Auserwählte' auf.

Glauben Sie etwa nicht an höhere Wesen, Kirk? Livs Stimme klang neckend. Denken Sie, es gibt nichts Besseres mehr über Ihnen?

Dianes giftgrüne Augen richteten ihren Blick auf Liv Zili. Ehe Kirk antworten konnte, sprach die Pilotin mit melodischer Stimme. Hören Sie, Liv, ihre Aggressionen gegen Ethos bringen uns gerade nicht weiter. Ich weiß, dass Sie in einem Ethowaisenhaus aufgewachsen sind, nachdem man ihre Eltern tötete, und dass Sie sich an diesem Ort niemals wohl fühlen konnten. Bereits als Zwölfjährige haben sie es verlassen – Sie sind mehrfach davongelaufen und haben jede Menge Ärger verursacht. Aber mit diesen Erlebnissen sollten Sie abgeschlossen haben. Ihre Kindheit ist vorüber. Sie sollten sich wie eine erwachsene Frau verhalten und wenn Sie das nicht können, dann werde ich einen medizinischen Bericht an Tony senden und um ihre sofortige Beurlaubung bitten.

Diane verkniff sich ein Grinsen. Livs Gesicht war wie versteinert. Anscheinend hatte die Terranerin nicht gewusst, dass auch sie gut mit Anthony Haddington befreundet war.

Liv Zili schluckte und hob ihre Schultern. Diane empfand Bewunderung. Diese Frau konnte auch einstecken. Als sie sprach, klang ihre Stimme ruhig.

Wir haben hier und heute die Chance, Khalakur zu finden. Eines Tages werden nur noch unsere Namen in Erinnerung sein, in einem Atemzug erwähnt mit der Entdeckung der Schlachtschiffe und dem Sieg der Rebellen. Ich stimme Ihnen zu, Diane, dass dieses Anliegen über unseren Streitigkeiten stehen sollte. Konzentrieren wir uns darauf, wie wir das anstellen. Ethos und Menschen gemeinsam.

Kirk verschränkte die Arme vor der Brust. Sie scheinen in Ethos keine Menschen zu sehen.

Liv seufzte. Das seid ihr für mich auch nicht mehr. Ihr seid eine andere Rasse, ebenso wie ein außerirdisches Volk. Die Kluft zwischen uns ist einfach zu groß, und behaupten Sie nicht, Kirk, Sie würden das anders sehen. Ich mag keine Gedanken lesen können, aber ihre Arroganz gegenüber 'Vulgärterranern', wie ihr Ethos uns gerne heimlich nennt, steht Ihnen mit roter Farbe ins Gesicht geschrieben.

Kirk lehnte sich zurück. Also gut. Waffenstillstand. Versuchen wir gemeinsam, diese Schiffe zu finden.

Liv nickte. Wir brauchen dazu Maren.

Diane ging auf den Themenwechsel ein. Ich weiß nicht, ob Maren stabil genug ist, einen weiteren Kontakt zu überstehen. Sie wurde bereits über ihre Grenzen hinaus belastet.

Das klingt, als sei das arme Mädchen für sie eine Maschine, warf Melvin ein.

Diane schüttelte den Kopf. Sie ist für mich alles andere als das. Sie ist eine Schwester im Geist und ich kann es nicht verantworten, sie gegen ihren Willen einer solchen Gefahr auszusetzen.

Denken Sie, es wäre möglich, einen weiteren Kontakt herzustellen?, hakte Liv nach.

Es ist denkbar, aber es bleibt zu befürchten, damit Marens Tod zu provozieren. Kein Körper ist für derartige Strapazen ausgelegt. Auch nicht der einer Etho.

Kirk stützte die Ellbogen nachdenklich auf dem runden Steintisch ab. Ihr glaubt also tatsächlich an diese höhere Macht, die mit Maren in Verbindung steht? Ausgerechnet mit Maren?

Ich sehe keinen Grund zu zweifeln. Diane sah ihn lange an. Auf welcher Seite stand er eigentlich? Wie wichtig war es ihm, diese Schiffe zu finden?

Liv ballte ihre Hände zu Fäusten. Wir brauchen diese Schiffe. Maren kann der gesamten Menschheit einen Dienst erweisen.

Diane erhob sich. Ich schlage vor, wir überlassen Maren diese Entscheidung selbst. Zunächst werden wir ihr eine Ruhepause gönnen, in der auch wir uns erholen können. Auf ein paar Stunden kommt es wohl nicht an. Solange werden wir mit Guenevere durch das Feld fliegen und so tun, als seien wir auf Ortungsfahrt, um Neugierige nicht zu sehr auf Riotoo-S zu stoßen. Vielleicht sind die Schiffe ja wirklich im Inneren des Planeten verborgen. Diese Wächter müssen schließlich auch irgendwoher gekommen sein.

Ich bin einverstanden, erklärte Liv Zili beherrscht. Aber ich bitte darum, die Pause nicht länger als nötig zu halten.

Diane sah Liv bestimmt an. Ich möchte betonen, dass ich nicht zustimmen würde, Maren Hilfiger für Terra zu opfern. Wenn Maren einen weiteren Kontakt verweigert, werden wir einen anderen Weg finden müssen. Machen Sie sich bitte darüber Gedanken.

Liv nickte.

Diane wies höflich zum Ausgang. Ich danke Ihnen für diese Zusammenkunft.

-Sie wollen, dass ich nach den Koordinaten der Schiffe frage. Maren saß zusammengekauert in einer von Gueneveres Zellen. Eine Wärmedecke lag um ihren dürren Körper. Sie schloss gequält die Augen.

-Ich weiß. Sie wollen diese Schiffe. Um jeden Preis.

-Und ich soll ihn zahlen.

-Was denkst du … Guenevere stockte. -Warum hat dieses Geschöpf ausgerechnet dich ausgesucht und was genau ist es für ein Wesen?

Maren wippte auf den nackten Füßen vor und zurück. Der warme blaue Boden unter ihren Fußballen beruhigte sie ein wenig. -Ich denke, es ist eine Art Wächter. Etwas, das die Schiffe beschützt. Es ist grausam. Und unwissend.

-Du meinst, es weiß gar nicht, wie grausam es zu dir war?

Maren schüttelte die kurzen schwarzen Löckchen. -Ich denke, das weiß es nicht. Es … es wollte mich testen. Es wollte meinen Willen testen.

-Er ist fast gebrochen. Wenn ich dir einen Rat geben darf: Versuch es nicht.

-Ich weiß nicht, ob ich eine Wahl habe. Das Geschöpf, die Katzengöttin, wird ohnehin wieder zu mir kommen. Sie sucht mich, ruft nach mir. Uns verbindet … Maren dachte nicht zu Ende. Was war es, was die Katzengöttin wirklich von ihr wollte?

-Du wirst es tun? Gueneveres Gedanken waren furchtsam.

Maren nickte. -Sag Diane, ich werde es versuchen. Sobald das Geschöpf wieder mit mir Kontakt aufnimmt, werde ich probieren, es zu fragen.

-Ich habe Angst um dich.

Maren spürte eine Träne über ihre Wange laufen. -Das hatte schon seit langer Zeit niemand mehr – Angst um mich. Sie haben alle nur so getan, als ob sie sich um mich sorgten, dabei war ich nur ein Ärgernis. Aber dir glaube ich, Guen. Danke.

-Pass auf dich auf.

Kapitel 6
Zeitsprung

09 Januar 523 NTZ

Dianes Gesicht war ernst. Es ist soweit. Guenevere hat mir eben mitgeteilt, das fremde Wesen nehme wieder Kontakt auf. Maren befindet sich auf dem Weg in den medizinischen Versorgungsraum.

Liv und Melvin standen auf.

Wir kommen. Liv ging voran. Ethos und Terraner trafen sich in dem geräumigen Zimmer mit den blauen Wänden. Integrierte Holos zeigten Marens Werte an. Das Herz der Etho schlug hektisch, Adrenalin und Noradrenalin stiegen in einer beängstigend steilen Kurve an.

Könnten wir denn überhaupt etwas dagegen tun?, flüsterte Melvin zu Diane, die mit besorgtem Gesicht vor der Liege stand. Sie hatte von allen das umfangreichste medizinische Studium.

Ich fürchte, nein. Wir müssen Maren vertrauen und darauf hoffen, dass das fremde Geschöpf sie nicht tötet.

Vermutlich könnte es uns alle töten, wenn es so mächtig ist, gab Mel zu bedenken.

Er betrachtete die bleiche Frau auf der Liege. Das kurze schwarze Haar ließ ihre dünne Haut noch bleicher erscheinen. Ihr schmächtiger Körper zuckte. Sie schien in einem tiefen Schlaf zu liegen.

Ihre Lippen bewegten sich. Ihr wollt meine Schiffe, sagte sie mit tiefer Stimme. Sie klang alt, müde. Melvin fühlte einen Hauch von Ewigkeit, einem andauernden Sein, das ihn verstörte. Den Ethos schien es noch schlimmer zu gehen. Er bemerkte, wie grün Diane Schindel im Gesicht war. Kirk Ginger zitterte und hielt sich die Ohren zu. Unter ihnen erbebte der Boden. Auch Guenevere schien sich in Schmerzen zu winden, ebenso wie Maren.

Liv trat unbeeindruckt vor. Wieder wunderte sich Melvin, wie viel Kraft in dem zierlichen Körper steckte. Was für ein Wille.

Wir wollen die Schiffe. Was können wir tun, um sie zu bekommen?

Rettet uns, die Stimme klang gequält. Helft uns. Ihr sollt die Schiffe erhalten, wenn ihr uns helft.

Wie können wir euch helfen? Liv trat noch näher an die liegende Maren heran.

Hinter ihr stürzten die Ethos zu Boden. Diane wimmerte.

Melvin beugte sich zu ihr hinab und wollte ihr aufhelfen, doch die Etho drängte seine Hände zitternd von sich fort.

Legt euch besser hin, erklärte die dunkle Stimme freundlich. Es war eine beunruhigende Freundlichkeit, und Mel kam nicht mehr dazu, dem Rat zu folgen: Es warf ihn von den Beinen, schleuderte ihn mit einem Ruck gegen die blaue Wand von Guenevere. Er spürte das Beben des Bodens, die plötzliche Beschleunigung, ähnlich einem Sprung in den Hyperraum und doch neu, nie gefühlt. Seine Organe wurden zusammengepresst, das Herz zu einem harten Klumpen. Er keuchte. Gut, zumindest nanonische Komponenten zu haben, dachte er benommen, während der Druck ihm die Besinnung nahm. Aber würde sein veränderter Körper diese Strapazen aushalten? War das das Ende? Melvin blinzelte. Der Schwindel wurde immer stärker. Winzige Sonnen tanzten um ihn. Bitte nicht, dachte er noch, dann versank er in der Finsternis des Alls.

Diane erwachte voller Schmerzen. Es schien keine Stelle an ihrem Körper zu geben, die nicht wie Feuer brannte. Mit einem leisen Stöhnen kam sie auf die Beine. Sie sah Melvin Duchamps und Liv Zili bewusstlos am Boden liegen. Die beiden Terraner hatte es anscheinend noch härter getroffen als die Ethos. Kirk stand bereits mit offenem Mund vor einem riesigen Holo.

Ich bin auf der Brücke, dachte Diane verwirrt. Wie komme ich hierher? Wie kommen wir alle hierher? Sie trat neben Kirk. Jetzt bemerkte sie auch Maren, die ebenfalls vor dem Holo stand, einen seltsamen Glanz in den großen schwarzbraunen Augen.

Riotoo-S, sagte Kirk, als erkläre das alles. Der Planet lag vor ihnen, umgeben von samtener Schwärze. Der Staub und die Trümmer waren verschwunden. In der Ferne konnte man zwei weitere schimmernde Planeten sehen.

Diane blinzelte. Der Kopfschmerz ließ langsam nach.

Was ist geschehen?, fragte sie benommen. Sie erinnerte sich an die Schmerzen, an die tausend Stimmen in ihrem Kopf. Das fremdartige Geflüster längst toter Geschöpfe. Und nun stand sie hier, vor einem Holo von Riotoo-S, wie der Planet vor zehntausend Jahren ausgesehen haben musste.

Warum hast du das Holo aktiviert, Kirk?, fragte sie schwerfällig. In ihrem Gehirn klebte weiche, faserige Watte, hüllte es ein, dämpfte jeden Gedanken.

-Das ist die Außenübertragung, erklärte Guenevere statt Kirk. Der Waffenspezialist schien nicht ansprechbar zu sein. -Kirk kann noch nichts hören. Sein Trommelfell ist beschädigt und wird gerade von seinem MedCo medizinisch versorgt.

-Die Außenübertragung? Diane wurde schwindelig. -Dann … Du meinst …

-Wir sind quer durch die Zeit gereist. Gueneveres Übertragung war dünn, als sei der Krylaw zutiefst verängstigt. -Wir sind vor Riotoo-S. Ich bekomme keinen Kontakt mehr zu Riotoo-HQ …

-Ganz ruhig, Guen. Diane richtete sich auf und trat nach vorne. Sie musste jetzt stark sein. Stark für Guenevere und für ihre Crew.

Maren?, sie berührte die wie eingefroren dastehende Etho vorsichtig. Maren regte sich nicht. Sie starrte nur weiter mit glasigen Augen auf Riotoo-S.

Kirk machte eine abwertende Geste mit der Hand. Völlig irre, erklärte er laut.

Hinter ihnen kamen Melvin und Liv zu sich.

Wow, stöhnte Liv. Das war ja ein unvergleichlicher Ritt.

-Ein Wesen von dem Planeten will mit mir Kontakt aufnehmen. Guenevere zitterte, Diane spürte es unter ihren Füßen. -Was soll ich machen, Diane?

-Nimm den Kontakt auf. Gib uns ein Holo, wenn möglich.

Das Holo vor ihnen veränderte sich und statt Riotoo-S erschien nun ein Wesen, das entfernt an eine große Katze erinnerte. Es hatte einen stämmigen, vierbeinigen Körper, der nach vorne hin immer schmaler wurde, der Hals erinnerte an den einer dicken Schlange. Der runde Kopf hatte spitze Ohren, die vier Augen waren schräggestellt und schimmerten grün. Lederne Haut bedeckte den Körper der Kreatur. Das Wesen war glänzend schwarz.

Oho, murmelte Liv. Heißt es nicht, schwarze Katzen bringen Unglück?

Melvin blinzelte neben ihr.

Der vergrößerte Katzenkopf richtete den Blick der schrägen Augen auf sie, als könne er sie sehen. Das Wesen drehte den Kopf und nun sah Diane, dass es nicht vier Augen waren, sondern sechs – zwei vorne, zwei an der Seite und zwei hinten.

Willkommen auf Panduir, sagte eine stark akzentuierte Stimme. Mein Name ist Kahali, Sicherheitschefin dieses Planeten und Diplomatin der Cichiro. Verzeihen Sie etwaige Unklarheiten meiner Aussprache. Ich bin gerade erst dabei, über eine Symbiose mit einem Otryxil Ihre Sprache zu erwerben. Der Gesamtvorgang wird noch fünf Sekunden in Anspruch nehmen.

Die redet deutlicher als du nach dem Aufstehen, murmelte Liv in Mels Richtung. Die Terraner standen auf. Diane bemerkte, dass Liv und Mel ihre Nähe suchten. Auch Kirk trat näher und so rückten alle Insassen von Guenevere eng zusammen, als könnten sie einander auf diese Weise stärken und beschützen. Alle bis auf Maren. Das dürre Mädchen starrte noch immer wie blind vor sich hin.

Willkommen, sagte die fremde Stimme noch ein Mal. Man hat mich von ihrer Ankunft unterrichtet. Eine der Alten führte euch durch die Zeit, da wir eure Hilfe benötigen. Mir wurde gesagt, ein Handel sei bereits vereinbart?

Diane versuchte Haltung zu bewahren. Was für ein Handel? Meinen Sie das Auffinden der Khalakur?

Das Katzenwesen nickte. Diane erschien das Wesen weiblich, aber es war schwer, das Geschlecht ohne Vorkenntnisse der Rasse zu bestimmen.

Das ist korrekt. Gestattet ihr eine Otryxil-Übertragung? Ich würde die Daten über Kar-Wellen schicken und an eure Gehirne adressieren. Die Otryxil setzen sie zielgerichtet in der entsprechenden Region ab. Da wir euch als Geschöpfe der C-Klasse identifiziert haben, sollte eine derartige Übertragung möglich sein.

Hat das Nebenwirkungen? Diane dachte an die schmerzhafte Reise zurück.

Das Wesen schien kurz über ihre Frage nachzudenken. Keine von Dauer.

Na dann los. Diane schloss die Augen. Tatsächlich kam nur wenige Sekunden später eine Art elektrischer Impuls in ihrem Gehirn an, der sie schmerzhaft auf die Knie stürzen ließ.

Oh Fuck, Melvin Duchamps sank auf alle Viere und spuckte neben ihr Galle. Liv Zili schien die Einzige zu sein, die den stechenden Schmerz ihres Gehirnes mit frivolem Grinsen hinnahm.

Eine Flut von Bildern stürmte auf Diane ein. Sie sah Riotoo-S – oder besser Panduir – wie er in dieser Zeit aussah. Katzenartige Geschöpfe hausten auf ihm, die dreigeschlechtlich waren. Hytis und Karis, so nannte Diane die Cichiro-Männer instinktiv, die beide ein Weibchen befruchten mussten. Die Geschöpfe konnten zwar dank einer Stimmritze alle möglichen Laute erzeugen und auch die Sprachen anderer Völker imitieren, aber sie selbst benötigten die verbale Rede kaum. Sie unterhielten sich digital, über Bilder, die sie einander telepathisch schickten. Dieses Volk war Jahrtausende alt. Diane begriff, dass es kurz vor seinem Untergang stand. Sie sah verstörende Bilder von funkelnden grünen Cichiro, die gemeinsam an der Vernichtung ihrer eigenen Welt arbeiteten. Weitere Bilder stürmten auf sie ein. Bilder über das Leben im Cichi-System, einem System mit einer blauen, stark im 5-D-Bereich strahlenden Sonne. Durch diese Strahlung gelangten die Cichiro wohl auch zu ihrer telepathischen Gabe, das vermuten jedenfalls viele ihrer Wissenschaftler.

Als die Übertragung endete, fühlte Diane sich elend. Eine Roboteinheit wischte Melvins Erbrochenes auf.

Der Luxus meiner Zeit, dachte Diane spöttisch. Dabei war sie gar nicht mehr in ihrer Zeit. Ihre Kopfschmerzen vergrößerten sich.

Die Stimme der Cichiro erklang erneut. Wir bitten Sie darum, zu landen, um Weiteres besprechen zu können. Vielleicht benötigen sie auch Nahrung und medizinische Versorgung?

Melvin zuckte bei dem Wort Nahrung zusammen und auch Diane verspürte keinen großen Hunger.

Wir werden landen. Schicken Sie uns die entsprechenden Koordinaten.

Willkommen auf Panduir, sagte die Stimme noch einmal, wie eine auf Repeat gestellte Tonaufzeichnung.

Diane schüttelte sich leicht. Hoffentlich sind diese Khalakurschiffe das hier alles wert.

Kapitel 7
Die Aufgabe

Sie mussten zwei atmosphärische Schleusen passieren, ehe sie auf Panduir landen konnten. Der Planet funkelte wie ein Smaragd, es gab reichlich Wasser und wohlgestaltete Landschaften. Diane empfand den Planeten als einen einzigen grünen Garten.

Sie haben sich ihr Eden selbst geschaffen, murmelte sie vor sich hin.

Sie blickte zu Maren, die sich noch immer sehr sonderbar verhielt, obwohl ihre Werte stabil waren und ihr äußerlich nichts fehlte. Dennoch wirkte es, als sei Maren geistig nicht bei ihnen. Vielleicht ist sie in eine andere Zeit geraten, als wir?

Diane rieb sich die Schläfen. Was sah Maren, wenn sie mit starrem Blick vor sich hinstarrte? Konnte sie die hohen Bäume erkennen? Den großen Platz aus schwarzem Stein, auf dem sie nun landeten?

Melvin fuhr sich immer wieder nervös durch die dunklen Haare. Ich hätte nie gedacht, mal Erstkontakt mit einem Alienvolk zu haben, meinte er aufgeregt.

Das Leben verläuft oft anders, als man denkt. Liv feixte. Können wir Maren überhaupt mitnehmen, oder ist es besser, wir lassen sie bei eurem Krylawtierchen?

Diane musterte Maren. Ihr wäre wesentlich wohler dabei, sie hier zu lassen, doch sie hatte das überdeutliche Gefühl, die Cichiro wollten alle Teilnehmer der Zeitreise sehen. Sie fragte sich, ob ihr Wissen an ihrer telepathischen Begabung oder an der Datenübertragung lag. Wir nehmen sie mit. Vielleicht wissen diese Geschöpfe ja, was mit ihr passiert ist. Schließlich soll ihre Technik und Kultur wesentlich weiter entwickelt sein als die unsere. Es wäre möglich, dass sie Maren helfen können.

Die Crew stellte sich zusammen. Während Liv Zili entschlossen und neugierig aussah, wirkte Melvin Duchamps nervös und verstört, als überfordere ihn die Situation. Auf ihn würde man am meisten aufpassen müssen. Auf ihn und auf Maren, ergänzte Diane in Gedanken. Die Etho-Pilotin atmete tief durch, ehe sie das Raumschiff verließ. Ein lauwarmer Wind fuhr über ihre Haut. Es roch lieblich, wie in einem Rosengarten. Laut der Informationen der Cichiro-Übertragung besaß die Luft des Planeten genügend Sauerstoff und darüber hinaus keine gefährlichen Bakterien und Gase.

Diane versuchte sich an all das zu erinnern, was sie vor Jahren auf einem diplomatischen Lehrgang gelernt hatte. Sie erinnerte sich noch deutlich an das Gelächter, das dem Ausbilder entgegenschwappte als er sagte: Und wenn Sie einmal Erstkontakt mit einem Alienvolk haben, kneifen Sie sich in die Nase, denn Sie sind sicher eingeschlafen und träumen. In diesem Teil der Milchstraße gibt es kein unbekanntes Volk mehr.

Gemeinsam, mit Liv und Diane an der Spitze, traten sie der Cichiro-Frau entgegen, die am Ende des großen schwarzen Steinplatzes auf sie wartete. Sie hatte den langen Hals stolz erhoben und war so auf einer Augenhöhe mit den Menschen. Ihr Körper, mit den vier Beinen und den beiden tentakelförmigen Armen, war nicht wesentlich höher als ein Meter. Im Gesicht hatte sie sonderbare Auswüchse, die entfernt an Schnurrbarthaare erinnerten, und die sich erregt durch die Luft tasteten.

Diane erkannte die Cichiro an der größeren Kopfform als weiblich und wunderte sich selbst darüber. Die Daten, die die Cichiro ihnen gesandt hatten, mussten es in sich haben. Selbst der Planet erschien Diane vertraut, fast hatte sie das Gefühl, nach Hause zu kommen.

Das in weiße Stoffe gekleidete Katzenwesen deutete eine Verneigung des schlangenartigen Halses an. Diane bemühte sich, die Bewegung zu erwidern. Obwohl das Geschöpf sehr fremd aussah – halb Katze, halb Unterseewesen – kam der Körper des Aliens ihr seltsam vertraut vor. Der forschende Blick der vier sichtbaren Augen störte sie nicht.

Mein Name ist Kahali Hi Deru. Ich bedanke mich für euer Kommen, erklärte die Katzenfrau und sandte gleichzeitig eine Reihe von Bildern an Diane. Bilder, in denen sich ein tentakelförmiger Arm des Aliens in ihre Hand legte und sie unter einem blühenden Frühlingsbaum standen.

Diane stellte die Crew mit fester Stimme vor. Ich nehme an, Sie wissen, woher wir kommen, Kahali Hi Deru?

Die Königin hat uns informiert.

Diane sah das Wesen fragend an. Sie haben eine Königin?

Nicht im menschlichen Sinn. Sie regiert uns nicht, sondern existiert in zwei Zeiten, in einem selbstgewählten Exil. Gerne werde ich euch mehr erzählen und erklären. Ich denke, ihr seid hungrig und verwirrt. Lasst mich euch in den Empfangsraum einladen, damit wir alles in Ruhe besprechen können und eure Körper Erholung finden nach der anstrengenden Reise.

Wieder sah Diane Bilder, dieses Mal ging sie mit der Katzenfrau in ein flaches Gebäude, dessen Boden abgesenkt war. Sie traten durch einen langen Gang in einen kreisrunden Raum, dessen Boden weich und gepolstert war. Zwei Katzenmänner wiesen ihnen Plätze zu und sie saßen entspannt auf dem kissenähnlichen Boden, während Platten mit Gemüse zu ihnen schwebten.

Diane blinzelte. Sie sah die anderen an und bemerkte, dass auch sie anscheinend die sonderbaren Bilder in ihrem Kopf empfingen.

Kahali neigte den runden Kopf mit den spitzen Ohren. Diane tat es ihr gleich und folgte ihr, als die Cichiro loslief. Sie verließen den schwarzen Platz und gingen eine steinige Allee entlang, an deren Seiten links und rechts wunderschöne mannshohe Blumen wuchsen, eingebettet in zarte Blätter. Damit die tiefblauen Blumen Halt fanden, hatte man aufrechte Steinsäulen verwendet, um deren Körper die Pflanzen sich winden konnten.

Melvin Duchamps blieb kurz stehen. Meine Sängerin, flüsterte er aufgeregt zu Liv.

Kahali bemerkte die Verzögerung und drehte sich zu ihm um. Gefallen Ihnen die Kasitrinblüten? Sie strömen einen für uns sehr angenehmen Geruch aus, doch ich fürchte, Menschen können ihn nicht wahrnehmen. Die Nuance ist zu schwach für eure Wahrnehmung.

Melvin lachte, während er die hohen Steingebilde betrachtete, um die sich die zarten Blätter an dünnen Stilen wanden. Die Blüte selbst hatte ihre Wurzel am oberen Säulenende. Obwohl dieses von Blättern und Blütenkelchen zugewuchert war, wusste Melvin, wie es aussah: Wie der Kopf eines Menschen. In der Mundhöhle lag die Erde für die Wurzel und die Schmucksteine der Augen blitzten kaum sichtbar zwischen dem satten Grün hindurch und bildeten einen reizvollen Kontrast.

Eurydike, murmelte er entzückt. Eine Pflanzensäule.

Sollen wir dich mit ihr alleine lassen?, fragte Liv grinsend.

Melvin wurde rot und ging weiter. Ich hoffe, Sie verstehen meine Begeisterung, meinte er in Kahalis Richtung. Ihr System fasziniert mich. Laut der erhaltenen Daten gibt es hier über dreißig Milliarden Cichiro?

Das ist korrekt. Kahali setzte ihren Weg fort. Und ich verstehe Ihre Begeisterung, Melvin. Verstehen Sie bitte meine Zurückhaltung. Ihr Menschen seid den Cichiro doch sehr fremd, obwohl unser Ursprungsplanet dem euren ähnelt.

Riotoo-G. Melvin nickte. Von dort aus habt ihr euch ausgebreitet. Aber trotz aller Ähnlichkeit habt ihr hier ein ganz anderes Licht …

Diane fiel erst jetzt auf, wie oft ihr die Farbe Grün begegnete. Dafür kamen andere Farben, wie Rot, nur sehr selten vor.

Es gibt etliche Unterschiede, bestätigte Kahali. Eure Freundin Maren könnte euch viel davon erzählen, doch sie redet noch immer mit der Alten.

Maren reagierte nicht auf die Nennung ihres Namens. Wie in Trance ging sie hinter Kahali her, dabei waren ihre Augen offen und leer. Diane wagte es nicht, zu tief in diese wie poliert wirkenden Augen hineinzuschauen, denn sie fürchtete ihr eigenes Spiegelbild nicht finden zu können. Ein Schauer lief über ihren Rücken.

Was geschieht mit Maren?

Maren denkt sehr stark in Bildern. Über diese Bilder fand sie Kontakt zur Königin. Die Königin ist ein Wesen der Alten und sie hat euch hierher geführt. Zwei Cichiro öffneten nun ein niedriges Tor und sie traten in das Haus mit dem langen Gang. Beides hatte Diane bereits gesehen.

Kahali ging an den beiden Cichiro-Männern vorüber. Dies sind meine Partner, Meret Hi Malut und Julat Hi Kerson. Wir sind die einzigen Cichiro, die noch auf diesem Gelände leben.

Diane hörte nur halb zu, da sie noch immer über Maren nachdenken musste. Es machte durchaus Sinn, dass Maren in einem bestimmten geistigen Bereich sehr gut war. Die Etho konnte sich gedanklich schlecht unterhalten. Außerhalb von Guenevere war ihre Gabe unbrauchbar. Doch wie bei einem Blinden, der durch seine Behinderung besser roch, fühlte und hörte, konnte es durchaus sein, dass Maren sich Bilder besser vorstellen konnte als andere Ethos.

Sie kamen zu der Tür des kreisrunden Raumes. Die beiden Cichiro-Männer – ein bläulich schimmernder und ein grüner, zeigten ihnen, wo sie sich hinsetzen konnten. Diane nahm kurz Kontakt zu dem Raumschiff auf. Die Lage war friedlich. Außer einem leichten Hungergefühl war Guenevere zufrieden. Der fremde Planet schien sie nicht mehr zu beunruhigen. Diane hoffte, Guen würde es noch eine Weile aushalten, bevor sie neues Helium III benötigte.

Die Cichiro-Männer, ein Hytis und ein Karis, deuteten etwas an, das wohl ein Lächeln sein sollte. Sie schienen damit nicht viel Übung zu haben. Wieder kamen Diane Bilder in den Kopf, dieses Mal von leuchtendgelben Blumen. Anscheinend wollten die Partner von Kahali so ihre Wohlgesonnenheit ausdrücken.

Kahali wies auf den weichen Boden und legte sich hin. Vorsichtig ließ sich Diane im Schneidersitz nieder und alle bis auf Maren taten es ihr nach. Maren stand noch einen Moment mit großen Augen im Raum. Schließlich legte sich wie selbstverständlich auf den Rücken.

Wird sie wieder normal?, Diane betrachtete die junge Frau besorgt.

Sie rutschte näher an Maren heran und hob ihren Kopf auf ihr Bein, damit Maren bequemer lag. Kahali beobachtete das Verhalten mit wissenschaftlicher Neugierde.

Der Einfluss der Königin wird schwinden. Noch kann Maren ihn nicht selbst bestimmen. Sie wird von der Alten beherrscht. Die Alte muss ihr erst beibringen, wie sie gleichberechtigten Kontakt haben können, damit Maren zwischen den Zeiten wählen kann.

Warum?, brach es aus Kirk heraus. Warum Maren?

Kahali Hi Deru musterte ihn überrascht. Das sagte ich bereits: Wegen ihrer Vorstellungskraft.

Und warum sind wir hier?

Zwei schwebende Tischplatten aus weißem, poliertem Stein flogen über den gemütlichen Kissenboden auf sie zu. Sie waren mit Getränken beladen. Zögernd griff Diane nach einem Steinglas mit sonderbar strukturierter Oberfläche. Die K-Erbauer bevorzugten Dinge, die eine lange Dauer hatten.

Können wir ungefährdet davon trinken?, fragte sie vorsichtig. Sie wollte ihre Gastgeberin nicht verärgern.

Kahali nickte gutmütig mit dem runden Kopf. Auch ihr tentakelförmiger Arm griff nach einem der Trinkgefäße.

Es ist Wasser, versetzt mit dem Extrakt der Karess-Blüte.

Pflanzen und Blumen schienen diesen Wesen sehr wichtig zu sein. Diane nahm einen tiefen Schluck. Sofort fühlte sie sich gestärkt und beruhigt. Ihre Nervosität legte sich. Den anderen schien es ebenso zu gehen, denn die Stimmung lockerte sich fühlbar. Liv ließ sich neben Maren auf die Seite sinken und schloss die Augen, als wolle sie schlafen. Sie wirkte wie eine Römerin, das Glas hielt sie noch immer in der Hand. Diane war sich sicher: ihr unbeteiligter Gesichtsausdruck täuschte. Liv hörte sehr genau zu, was in dem runden Raum erzählt wurde.

Warum sind wir hier?, fragte Kirk mit unverhohlenem Interesse.

Kahali legte ihre länglichen Hände ineinander. Sie erinnerte Diane an eine exotische Unterwassersphinx.

Es liegt den Cichiro nicht, lange um die Dinge herumzureden. Wir sind ein ehrliches Volk, haben viele Hindernisse überwunden. Gewalt gibt es in diesem Sinne nur noch kontrollierte. Kein Cichiro hat Grund, seine Arme nach dem andern auszuwerfen. In unseren Ursprüngen waren unsere Zähne spitz und unsere Tentakelfinger klauenbewehrt. Seit achttausend eurer Jahre sind wir friedlich und es gab keinen Mord mehr. Nun aber droht uns eine Gefahr, die wir nur mit Hilfe der Königin besiegen können. Es hat sich eine Gruppierung gebildet, eine Sekte. Die Cichiro glauben an eine steigende Evolution, ein sich wandelndes Sein. Die Sekte der geistig Überlegenen ist der festen Überzeugung, mit einem kollektiven Tod könnten die Cichiro sich entscheidend weiterentwickeln. Sie möchten sich von den sterblichen Hüllen befreien, die sie gefangen halten, und zu Geistwesen werden, die unsterblich sind.

Wäre das denn möglich? Diane schüttelte ungläubig den Kopf. Könnte ein solcher Kollektivtod euch zu Geistwesen machen?

Kahalis Stimme klang besorgt. Ich glaube es nicht. Die Cichiro sind noch nicht soweit. Es ist zu früh. Ich habe die Funktion der Sicherheitsbeauftragten. Seit dreihundert eurer Jahren mache ich nichts anderes, als mich um die Abschottung unseres Systems zu kümmern. Die Cichiro haben sich bereits vor zehntausend Jahren zurückgezogen, in der Zeit der Befriedung. Wir wollen keinen Krieg mehr mit anderen Völkern. Wir wollen unsere Ruhe. Unsere Technik ist denen der anderen Völker der uns bekannten Systeme weit überlegen und wir schaffen es, uns Besucher vom Leib zu halten. Zur Abschreckung ließ ich eine große Zahl von Khalakur-Schlachtschiffen bauen, doch die Cichiro flogen seit Jahrtausenden mehr kein solches Schiff in den Kampf.

Dann sind wir die einzigen Gäste?, fragte Kirk überrascht.

Liv beließ es dabei, sich zurückzuhalten und Kahali anzustarren. Melvin saß mit großen Augen da und wirkte wie ein riesiger Schwamm, der jedes Wort des exotischen Wesens in sich aufsaugen wollte.

Kahali nickte erneut. Die Cichiro bleiben gerne unter sich. Zudem im Moment Furcht herrscht, da die Sekte der geistig Überlegenen bereits dabei ist, an der Vernichtung unseres Systems zu arbeiten. Sie haben eine mächtige Waffe in ihren Besitz gebracht. Wenn es ihnen gelingt, diese Waffe noch zu verstärken, so wird unser gesamtes System in Trümmer zerfallen.

Kahali … Diane sah betreten zu Boden. Wissen Sie, dass wir Riotoo nur in dieser Form kennen? Als Trümmerfeld?

Kahali schloss die beiden vorderen Augen, die seitlichen blieben jedoch offen. Ich weiß es. In Ihrer Zeit wurden wir vernichtet. Doch es gibt nicht nur zwei Zeiten. Vielleicht gelingt es uns mit ihrer Hilfe die Cichiro zumindest in einer Zeit zu retten. Die Königin ist sehr mächtig. Seit fünftausend Jahren verweigert sie den Kontakt. Nun jedoch schickte sie euch. Als Boten.

In Dianes Kopf herrschte ein wirres Durcheinander. Sollten sie tatsächlich von einem mächtigen Geschöpf der Cichiro durch die Zeit geholt worden sein? Der Gedanke war erschreckend. Diane hatte das Gefühl, auf einem Glasboden zu laufen, unter dem sich gähnende schwarze Leere befand. Jeden Augenblick konnte das Glas brechen und sie würde hinunterstürzen. Sie schluckte.

Wir? Boten?

Boten der Königin, erklärte Kahali gelassen. Sie hat euch erwählt. Ihr müsst zu ihr nach Eskanikir fliegen und mit ihr reden. Von Angesicht zu Angesicht.

Warum fliegen Sie nicht selbst hin?, mischte sich nun Liv ein.

Kahali musterte sie nachdenklich. Es war das erste Mal, dass Diane Unwillen auf dem Gesicht des Geschöpfes zu sehen glaubte.

Weil sie uns töten würde. Eskanikir ist der Abfallplanet unseres Systems. Wobei wir nicht den Abfall meinen, mit dem auch andere Völker zu kämpfen haben. Nichts selbstgeschaffenes. Was wir herstellen, können wir auch wieder planetenfreundlich entsorgen. Nein. Es handelt sich um all jene Pflanzen und Tiere, die wir nicht gänzlich ausrotten wollen, die uns aber gefährlich oder nicht genehm sind. So gibt es riesige Kragiras, meterhohe fleischfressende Jäger, die wir nicht in unseren Wohngegenden haben möchten. Inzwischen sind all unsere Planeten angelegte Parks. Wir haben das Verhältnis von Wasser, Erde und Luft beeinflusst, wie wir es am liebsten haben. Pflanzen und Besiedlung ergänzen einander. Aber eine Gruppierung hat sich gegen uns gestellt und darauf bestanden, auch den wilden Teil des Cichiro Systems zu erhalten. Eskanikir ist ein Zoo ohne Mauern. Ein geschütztes Gebiet, auf das sich die Königin mit ihren Anhängern zurückgezogen hat.

Warum nennt ihr sie immerfort die Königin?, hakte Liv nach.

Sie ist der am weitesten entwickelte Cichiro. Ihr Körper besitzt die Gabe des vollständigen Nachwachsens. Wir nennen sie die Königin, da sie über sechstausend eurer Jahre alt ist und vierhundert Jahre lang war sie tatsächlich eine Art Königin, die über unser System bestimmte. Bis es zu dem Streit um die Auslöschung aller gefährlichen Arten kam.

Diane wusste, die Cichiro wurden gewöhnlich nicht älter als dreihundert bis vierhundert T-Jahre. Die Königin musste ein Mutant sein.

Die Königin lebt also im Exil, folgerte Liv. Und wir sollen hingehen und sie bitten, die Sekte der geistig Überlegenen auszurotten?

Nicht ganz. Kahalis Blick glitt aufmerksam über die Gruppe. Die Königin besitzt mächtige Waffen und Schutzschilde. Als sie damals von Panduir fortging, nahm sie viele der Waffen mit sich, die in ihrer Regierungsperiode in einem zwei Jahrhunderte währenden Projekt gefertigt wurden. Ihr sollt sie um die Herausgabe eines Schutzes für unser System bitten. Wir können das leider nicht selbst, denn kein Cichiro, der nicht ihrem Gefolge angehört, darf Eskanikir betreten.

Da habt ihr euch wohl mächtig verkracht, Liv grinste. Aber mir soll es Recht sein. Wenn ihr uns dafür die Khalakur gebt und uns sicher mit ihnen nach Hause bringt.

Nach Hause bringen kann euch nur die Königin. Die Cichiro wollen nicht durch die Zeiten wandern. Nur die Königin hat sich mit diesem Wissen beschäftigt. Es ist viel Unglück geschehen, als wir diese Technik in früherer Zeit missbrauchten.

Noch ein Grund diese Königin aufzusuchen, murmelte Kirk. Seine Stimme wurde lauter. Wird sie uns denn empfangen? Und warum hat sie uns nicht direkt zu ihrem Planeten gebracht?

Die Wege der Königin sind rätselhaft. Sie liebt das Spiel. Ihr werdet es erkennen, wenn ihr in ihr Angesicht seht.

Nun …, Liv wedelte ungeduldig mit der Hand. Wann können wir losfliegen?

Kapitel 8
Irrwege der Evolution

Liv ging unruhig auf und ab, sie blickte immer wieder zu Mel. Sie waren zu Guenevere zurückgekehrt, nachdem sie gegessen und sich ausgeruht hatten. Melvin hatte von Kahali mehrere Datenwürfel erhalten, die mit Nanotechnik an sein Data-Vis angepasst waren. Er saß in einem breiten Sessel, die Augen geschlossen und strahlte wie ein Kind zu Weihnachten, so viele K-Erbauer Daten auf einmal zu haben.

Das stinkt doch zu den Weiten des Alls, fluchte die Terranerin vor sich hin. Die Ethos haben auch kein gutes Gefühl. Es ist idiotisch, den Cichiro zu vertrauen. Warum holte diese Königin ausgerechnet sie durch die Zeit?

Wir haben gar keine Wahl. Mel öffnete die Augen. Sie sind uns in allem überlegen. Wir werden uns ihrem Willen fügen müssen.

Liv lachte verächtlich. Die Cichiro? Sie sind zahnlose Plüschtiere. Weltraumhippies. Noch verkorkster als unsere guten Ethos. Sie würden uns sicher nichts zu Leide tun, als uns mit Verständnis zu foltern. Ich weiß nicht, wie es dir geht, Mel, aber ich für meinen Teil spiele dieses Spiel nur mit, weil ich Anthony versprochen habe, ihm die Khalakur zu liefern – und einen Auftritt, den er nicht vergessen soll.Und weil ich endlich aus diesem verdammten System will, ganz gleich in welcher Zeit.

Melvin runzelte die Stirn. Ich finde dieses Abenteuer offen gestanden sehr spannend. Ich weiß, ich sollte Angst haben, nicht nach Hause zu können. Ich habe sie nicht. Er sah Liv warm an. Solange du bei mir bist.

Liv wandte sich ab und verdrehte die Augen. Ich hoffe doch, wir bringen diese Aufgabe schnell hinter uns.

Unter ihren Füßen erzitterte der bläuliche Boden. Liv ging hinüber zu ihrem Sessel. Guenevere startete durch.

-Ich übertrage Dir die Koordinaten des Landegebietes.

-Maren? Guenevere war überrascht. -Maren, was ist los mit dir? Warum bist du nicht mehr zu erreichen? Wie kannst du dieses Schutzschild um dich halten? Diane hat gesagt …

-Guen. Ich würde dir gerne alles berichten, aber ich kann es nicht. Ich bin in ihrer Welt und die Verbindung zu dir besteht nur, weil sie es wünscht. Sag Diane, sie soll mich mit auf den Planeten schicken. Ich werde das Außenteam zur Königin führen.

Mit den letzten Worten wurde Marens Stimme leiser und verklang.

-Maren? Maren! Guenevere durchlief ein Schauder, der auch Diane nicht verborgen blieb.

-Was ist los? Dianes körperlose Stimme war beunruhigt.

-Maren. Ich wüsste zu gerne, was gerade mit ihr geschieht. Ich vertraue der Königin nicht. Sie ist grausam. Seit sie Maren zum Sprechen gezwungen hat, kann ich Maren kaum noch fühlen.

-Hat Maren gesagt, wie es ihr geht?

-Nein. Guenevere wiederholte Marens Worte. Soll ich landen?

-Ja.

Riotoo-G hatte eine üppige, wild wuchernde Vegetation. Bereits im All unterschied er sich durch ein wesentlich dunkleres Grün, wie ein angestrahlter Türkis lag er in der Schwärze. Auch die Meeresflächen des Planeten schimmerten Grün. Melvin vermutete zahlreiche Algenarten, die sich dort ungehindert ausbreiteten.

Sie landeten neben einem riesigen grünschimmernden See auf einer Wiese. Auch auf Riotoo-G herrschte eine für Menschen ungefährliche Atmosphäre mit genügend Sauerstoff im Luftanteil. Der Planet war einmal von den Verhältnissen her dem ursprünglichen Mars ähnlich gewesen, doch auch hier waren gravierende Veränderungen vorgenommen worden.

Kahali Hi Deru hatte sie mit Informationen über die Tierwelt von Eskanikir versorgt, die alles andere als beruhigend waren. Die meisten Pflanzen und Tiere des Planeten waren giftig; viele Gifte führten zu einem schnellen Tod, wenn man nicht rechtzeitig das Gegenmittel nahm. Dazu kamen die Jagdtiere, die sich trotz aller Gefahren prächtig vermehrten. Allen voran die Kragiras und die Zyteen. Kragiras waren Meeresbewohner mit langen Krakenarmen, die sich jedoch auch eine Weile an Land aufhalten konnten, und Zyteen waren wilde Säugetiere, ähnlich Hyänen. Ihr Gebiss war größer und kräftiger als das eines Wolfes. Ihr Speichel hatte eine stark zersetzende Wirkung. Die schwarzgrünen Tiere jagten in Rudeln von bis zu dreißig Exemplaren. Ihr Jaulen klang schrill, wie das Wehklagen einer verzweifelten alten Frau, die ihre Götter anrief.

Liv griff nach ihrer Strahlenwaffe. Sie musterte die Wiese und den nah angrenzenden Wald aufmerksam. Ein wahrer Spielplatz für Helden. Sie befestigte zur Sicherheit eine zweite Thermowaffe an dem breiten Gürtel über dem Anzug. Der Anzug schützte sie in erste Linie vor Giftstoffen, Bissen und Kratzern. Er war aus einem hoch entwickelten Material, belastungsfähiger als ein Spinnennetz und resistent gegen Säuren und Basen. Der leichte Helm schützte ihren Kopf und filterte im Bedarfsfall Giftstoffe aus der Luft. Sobald das integrierte Analysegerät Gift feststellte, ertönte neben Livs Ohr ein Warnmelder. In dem synthetischen Rucksack auf ihrem Rücken befanden sich Lebensmittel, Wasser, ein Überlebenszelt mit leichtem Gestänge und jede Menge medizinische Utensilien, die ihnen Kahali mitgegeben hatte. Sie überprüfte noch einmal den Kommunikator in ihrem hohen Kragen.

Wie sieht's aus, Mel?

Gut. Melvin Duchamps grinste. Er stand nicht weit fort von ihr, neben Kirk Ginger und Maren. Wie trostlos und verloren die Ethofrau zwischen den beiden gut aussehenden Männern wirkte. Ihre Haare in dem durchsichtigen Helm waren stumpf, die Haut fahl, schlecht durchblutet. Liv wäre es lieber gewesen, diese sonderbare Etho-Irre nicht um sich zu haben, aber gewisse Dinge konnte man sich nicht aussuchen. Maren erinnerte sie an ihre eigene Vergänglichkeit. Wie lange würde sie noch hübsch und jung aussehen? Wann würde ihre Haut fahl sein und der Ausdruck ihrer Augen der einer alten Frau? Sie schüttelte leicht den Kopf. Gegen so was gab es Mittel. In den zivilisierten Teilen der Milchstraße zumindest.

Sie ging zu der Gruppe hinüber. Ihr gefiel der kurze Blick, den Kirk Ginger ihr zuwarf. Du sehnst dich nach etwas Verbotenem, Kirki. Sie grinste in sich hinein. Du bist anders als andere Ethos. Menschlicher. Sie mochte seinen Blick auf ihren Brüsten. Er begehrte sie. Livs Laune hob sich. Diane war nicht hier. Sie würde bei ihrem Krylawhündchen bleiben. Vielleicht kam sie hier ja doch noch auf ihre Kosten. Mit aufreizendem Hüftschwung ging sie an Kirk vorüber, zu der reglosen Maren.

In welche Richtung sollen wir gehen?, fragte sie mit rauer Stimme, die tief und verführerisch klang. Sie bemerkte zufrieden die volle Aufmerksamkeit von Mel und Kirk.

Maren sagte nichts, setzte sich aber in Bewegung. Von der Lichtung führte ein ausgetretener Pfad weg, hinein in den Wald. Liv folgte entschlossen. Wenn sie für diesen Einsatz wirklich die Khalakur erhielten, dann würde sie reich und berühmt sein und konnte endlich so leben, wie es ihr zustand.

Der wilde Dschungel um sie herum war Teilen der Erde nicht unähnlich. Riesige Bäume schufen tiefe Schatten, schlangen- und spinnenähnliche Geschöpfe krochen über den Boden und an Baumstämmen. Andere Tiere hingegen waren Liv fremd. Es gab Vögel wie große Dreiecke, die sonderbar konstruiert wirkten. Ein Summen, Trällern, Pfeifen und Klopfen lag in der schwülen Luft. Bald schwitzte Liv trotz der Kühlung ihres Anzuges.

Maren sah weder nach links noch nach rechts. Als eine zehnbeinige Spinne über ihre Stiefelspitze huschte, nahm sie es mit Gleichgültigkeit hin. Sie ging ihren Weg wie ein Zombie, unbeeindruckt von den Geräuschen und dem süßen Patschuligeruch, der in der Luft lag.

Ist es weit?, versuchte Liv mit der Etho zu sprechen. Maren antwortete nicht.

Kirk sah sich wachsam um. Wir werden beobachtet. Rechts von uns. Er wies auf die schwindelerregend hohen Bäume neben sich. Weißblitzende Augen starrten aus den Schatten heraus. Das sind vermutlich die Garitas, die Kahali erwähnte.

Eines der affenähnlichen Wesen ließ sich an seinem langen, kräftigen Schwanz von einem Ast hängen und musterte die kleine Gruppe mit unverhohlener Fressgier. Kirk zog seine Waffe. Die werden hoffentlich nicht übermütig.

Liv stellte ihre Strahlenwaffe auf den Tötungsmodus um. Warum nicht? In letzter Zeit war verdammt wenig los.

Melvin schüttelte neben ihr den Kopf. Wir sind quer durch die Zeit gereist und du meinst …

Weiter kam er nicht. Einer der zwei Meter großen Garitas sprang los. Ein Rauschen und Brüllen erfüllte den Wald, als seine Horde folgte. Das schwarzbraune Tier fletschte die spitzen Zähne. Es hob die Arme, scharfe Krallen ragten aus den fellbesetzten Pranken.

Während Liv schoss, riss Melvin Maren zur Seite. Die Etho stand bewegungslos auf dem Trampelpfad, bis er sie fort zog.

Wir brauchen eine bessere Position! Kirk tötete drei der Tiere, die ihn angriffen.

Ziemlich kaltblütig, für einen Etho, dachte Liv grinsend, während sie sechs der angreifenden Tiere ins Nicht-Sein beförderte. Die Garitas waren leider ziemlich dumm. Anders konnte Liv es sich nicht erklären. Vermutlich waren sie keinen Widerstand gewohnt, denn statt sich zurückzuziehen setzten sie ihren Angriff trotz aller Verluste fort. Es schien, als mache das Sterben ihrer Horde sie wütend, statt ängstlich.

Liv fand sich Rücken an Rücken mit Kirk. Melvin schleifte Maren zu einem grünblauen Felsen, der zwischen den Bäumen herausragte.

Mel! Liv schoss drei weitere Tiere ab. Sie fühlte sich wie bei einem Training, nur besser. Hier starb ein Wesen, wenn sie schoss. Das machte Spaß. Sie tötete die Garitas um Melvin herum, mehr um des Tötens Willen, als um ihm den Weg freizumachen. Immer wieder ließen sich die Tiere von den Bäumen fallen und Liv genoss es, sie noch im Sprung zu erwischen. Ihre verzweifelten Schmerzensschreie zu entfachen.

Zwischen sie und Melvin sprangen immer mehr Tiere. Sie trennten die Gruppe. Kirk packte ihre freie Hand.

Wir müssen uns ein Versteck suchen!

Fliehen? Erbost schoss Liv erneut. Sie musste zugeben: Sie saßen in einer Falle. In diesem Wald musste es Hunderte von Garitas geben und sie wurden durch den Lärm angelockt.

Komm schon! Nicht weit hinter uns war ein Lichtung mit einem Hügel am Wegrand! Dort können sie zumindest nicht von oben angreifen! Er rannte los.

Liv folgte ihm. Die Garitas zögerten kurz, dann nahmen auch sie die Verfolgung auf. Sie überholten sie in den Bäumen und oft genug mussten sich Liv und Kirk den Weg freischießen.

Endlich erreichten sie den Hügel. Sie wollten gerade hinaufrennen, als ein Knurren sie herumfahren ließ. Ein Zyteenrudel brach durch die Büsche. Die Garitas schrieen auf und flohen. Dieser Gegner war ihnen vertraut und erweckte ihre Angst.

Die Zyteen stürzten sich auf die erschossenen Tiere, rissen große Brocken aus ihnen heraus.

Liv und Kirk zogen sich weiter in den Wald zurück. Sie fanden einen Baum, dessen mächtige Wurzel eine natürliche Höhle bildete. Sorgsam suchte Kirk den Boden ab und stocherte darin herum. Es schienen keine Spinnen, Käfer oder Würmer dort zu sein. Seufzend setzte er sich. Die Wurzel wölbte sich über ihnen wie ein winziges Überlebenszelt. Liv ließ sich außer Atem neben Kirk nieder.

Was für ein Gefühl. Wie gerne hätte sie weitere Tiere erschossen, hätte zugesehen wie die Zyteen sich an ihrem Fleisch satt fraßen. Das war Leben. Das war Menschsein. Wer seine Urinstinkte verleugnete, wie ein Etho, der war kein Mensch mehr, sondern nur noch ein Ding. Ein Roboter ohne Lebenswert.

Kirk fuhr sich durch die Haare. Ich dachte, es wäre aus. Lange hätten wir sie nicht mehr aufhalten können. Es waren einfach zu viele.

Liv grinste. Kirk war ein guter Techniker, aber ein miserabler Schütze. Er hatte eine tiefe Kratzwunde am Arm. Fröhlich packte die blonde Frau ein Heilspray aus ihrem Rucksack. Das würde jetzt sicher gleich wehtun. Sie genoss Kirks Gesichtsausdruck, als sie ihn großzügig verarztete.

Du hast ein Problem mit dem Zielen, merkte sie frivol an. Schon lange nicht mehr trainiert, was? Oder denkst du, ein Etho habe Training nicht nötig, da er ohnehin eine perfekte Motorik besitzt?

Kirk ging nicht auf ihre Provokation ein. Es waren einfach zu viele. Sie griffen gleichzeitig an.

Liv wickelte einen festen Verband um den zerfetzten Anzug. Die Krallen dieser Viecher waren verdammt scharf, sie hatten das Material an einigen Stellen durchdrungen. Sorgfältig machte sie einen Knoten in das sterile Tuch.

Wir wollen ja nicht, dass irgendein Insektending Larven in deinem hochgezüchteten Etho-Körper ablegt.

Kirks dunkelblaue Augen suchten ihren Blick.

Warum bist du immer so spöttisch und abwertend? Kannst du nicht einfach normal mit mir umgehen? Ich mag es nicht, wenn jedes Gespräch mit dir ein Trip durch vermintes Land ist.

Aber ich mag vermintes Land. Liv zwinkerte. Und was ist schon normal? Ethos? Ihre Hand blieb auf seinem Arm liegen. Sehnst du dich nicht manchmal danach, etwas zu tun, was für Ethos nicht normal ist? Nach dem Verbotenem, dem Apfel, den dir die Schlange überreicht?

Kirk schüttelte den Kopf, aber Liv sah es in seinen Augen: Er wusste es nur nicht. Wollte es nicht wahrhaben. Für ihn war die Verneinung keine Lüge. Liv durchschaute sie trotzdem. Sie schlang ihre Arme um Kirks Hals und küsste ihn. Einen Moment versteifte er sich überrascht, dann küsste er sie zurück.

Liv löste sich grinsend von ihm. Und? War das so schlimm?

Kirk fasste ihre Schultern und drückte sie auf den erdigen Boden. Ich habe nie einen Menschen wie dich getroffen, Liv. Du bist wahnsinnig.

Und du magst es. Liv zog ihn auf sich, küsste ihn erneut. Mit mir kannst du all die Dinge tun, die eine Ethofrau nicht verstehen würde. Oh ja. Ihr streichelt einander zu Tode. Ist das nicht ziemlich unbefriedigend?

Sex dient in erste Linie der Fortpflanzung. Darüber hinaus drückt man damit Zuneigung aus und festigt …

Wenn ich ein Etholexikon brauche, sage ich dir Bescheid, Darling. Livs Griff war hart.

Soziale Bindungen stehen für uns weit über der rein körperlichen Zuneigung, versuchte Kirk zu erklären.

Wie nett. Dann wird die gute Diane dir bestimmt vergeben, wenn du es mit mir treibst.

In Kirks Gesicht zeigte sich Ärger. Ethos kennen keine Eifersucht.

Wie praktisch. Liv schlang ihre Beine um seine Hüften. Dann gönn dir doch den Spaß. Sei einmal du selbst, Kirk. Fick mich, wie du willst.

Kirk schluckte. Liv sah das Verlangen in seinem Blick. Seine Hände wollten sich von ihr lösen. Sie packte fester zu. Zu feige, Darling?

Wir haben anderes zu tun. Maren und Mel sind noch da draußen.

Wir werden warten müssen, bis die Zyteen sich satt gefressen haben. Oder willst du zu ihrem Futter werden?

Ich werde nicht mit dir schlafen, Liv.

Aber du würdest es gerne. Liv grinste zufrieden. Oh ja. Das würdest du. Es ist viel zu anstrengend, immer anständig zu sein. Nicht wahr, Darling?

Kirk wandte sich verlegen von ihr ab. Sie lachte leise.

Diane fragte sich, wie lange es dauern würde. Sie und Guenevere waren nervös und versuchten einander zu beruhigen. Nach einiger Zeit kam ein Funkspruch von Mel, er habe Liv und Kirk vorübergehend verloren, sonst sei aber alles in Ordnung und Maren würde ihn zu den beiden führen. Er berichtete von Tierangriffen.

Diane schüttelte den Kopf. -Es ist gefährlich. Ich hoffe sie finden die Königin schnell.

-Eine Holoübertragung von Kahali, meine Guen abgelenkt. -Ich schicke sie zu dir.

Das dreidimensionale Bild von Kahali baute sich in Lebensgröße vor Diane auf.

Diane, ich wurde von der Sekte der geistig Überlegenen zu einem Treffen eingeladen. Ich hoffe, unsere Streitigkeiten dort schlichten zu können, doch diese Hoffnung ist gering. Ich bitte Sie, den Schutzschild – so Sie ihn erhalten – zu meinen Gefährten Julat Hi Kerson und Meret Hi Malut nach Panduir zu bringen. Die beiden werden sich um alles kümmern. Die Khalakur habe ich bereits herholen lassen. Ich vertraue Ihnen, Diane. Als Empath spüre ich Ihre Integrität. Lassen Sie mein Volk nicht im Stich.

Diane nickte. Ich werde tun, was ich kann. Noch haben wir den Schutzschild allerdings nicht erhalten.

Das habe ich auch nicht erwartet. Ich melde mich nach dem Treffen wieder. Viel Glück.

Ihnen auch. Die Verbindung brach ab.

Gueneveres Wände pulsierten in einem fahlen Blauton. -Ich habe Angst, Diane. Irgendetwas hier ist ganz schrecklich falsch, aber ich kann es nicht in Worte fassen.

-Ich habe auch Angst, Guen. Angst um Kirk und Maren.

Kapitel 9
Spielt mir das Lied vom Tod

Melvin war froh, als sie Liv und Kirk endlich fanden. Fast eine Stunde war inzwischen vergangen und im Wald herrschte gespenstige Ruhe. Die Zyteen hatten von den Garita-Leichen nur das Blut übrig gelassen. Selbst die größten Knochen hatten sie mit sich in die Büsche gezerrt.

Melvin wünschte sich weit fort von hier. Der Planet der Cichiro war genau sein Ding: Gepflegt, kontrolliert, voller Technik und Wunder. Das hier war nichts für ihn.

Bist du auch sicher, du weißt, wohin du gehst, Maren?, fragte er wieder.

Die dünne Etho antwortete nicht. Kirk machte eine wegwischende Bewegung mit der Hand.

Vergiss es, Melvin. Maren ist irgendwo, nur nicht hier.

Melvin nickte. Er wollte nach Livs Hand greifen. Sie schüttelte nur den Kopf. Sicher, es war albern, hier in diesem Wald Händchen zu halten, doch er sehnte sich nach ihrer Nähe. Ohne sie würde er in diesem Alptraum wahnsinnig werden. Er war froh, nie an einem Ort verwurzelt gewesen zu sein, da ihn die Befürchtung, nicht mehr nach Hause zu kommen, dann noch wesentlich stärker getroffen hätte. Ehe es ihn nach Riotoo verschlagen hatte, hatte er an zahlreichen anderen Orten für die Rebellion gearbeitet. Er liebte es, fremde Rassen zu erkunden. Sie selbst zu treffen war aufregend. Auf einem ihrer Abfallplaneten von irgendwelchen Monstern gehetzt zu werden, war allerdings nicht das, was er sich erträumt hatte.

Sie traten aus dem Wald heraus. Vor ihnen lag eine gigantische kuppelförmige Festung. Sie war von drei hohen weißen Mauern umgeben. Bis zur ersten waren es noch mehrere hundert Meter. Selbst aus dieser Entfernung wirkten die Mauern riesig. Sie wirkten wie aus einem Guss, als gebe es keine Fugen oder einzelne Mauerteile.

Liv stieß einen Pfiff aus. Wie ich schon sagte, die Königin hat sich wohl ziemlich mit den Cichiro verkracht. Solche Mauern errichtet nur jemand, der sich schützen muss.

Auf den hohen Mauern waren mehrere winzige Punkte zu sehen. Dort befand sich ein Wehrumlauf. Melvin hob die Hand und winkte. Er hoffte, man würde sie nicht angreifen. Die Königin hatte sie schließlich hierher bestellt.

Kurz sah er zu Kirk, der ungewohnt still war.

Während sie warteten, öffnete sich das Tor und ein Gefährt ähnlich einem Schlitten schoss heraus. Der Antrieb verursachte kaum Geräusche. Der Schlitten schwebte über der Erde wie ein Luftkissenboot. Das Gefährt war offen. Die nanostrukturierte Oberfläche schillerte schwarzviolett.

Zwei Cichiro-Männer lenkten das Gefährt, ihre runden Köpfe mit den sechs Augen ragten über den Rand. Sie hielten vor der Gruppe an und öffneten eine Tür nach innen. Maren stieg wie selbstverständlich ein. Mel zögerte. Sollen wir?

Liv schwang sich in den Schlitten. Wozu sind wir sonst hier?

Sie lächelte. Melvin fühlte sich ein wenig besser. Gleichzeitig sandten die Cichiro-Männer ihm beruhigende Bilder von einem strahlenden Sonnenaufgang. Melvin fragte sich, ob sie damit etwas bestimmtes meinten. Im Gegensatz zu Kahali sprachen diese Cichiro nicht. Nicht jeder der Rasse war fähig, die Otryxil zu nutzen, eine mysteriöse energetische Kraft, die anders war als jede, die Melvin kannte. Laut seinen erhaltenen Daten, gehörten die Otryxil für die Cichiro zu den belebten Geschöpfen ihres Systems. Otryxil konnten einige Gedankenmuster und Erinnerungen des Langzeitgedächtnisses aufnehmen und sie an anderer Stelle wieder abgeben. Gerne hätte Melvin noch mehr über diese Wesen erfahren.

Schweigend fuhren sie in die Festung hinein. Die dicken Mauern öffneten sich automatisch vor dem Gefährt. Es ging schnell und lautlos. Melvin kam die Szenerie surreal vor. Er fragte sich, ob er träumte. Ein leichter Luftzug trocknete den Schweiß auf seinem Gesicht. Sein Hals fühlte sich trocken und ausgedörrt an. Zwei weitere Male klaffte der Mauerring wie auf Befehl auf, als der Schlitten sich näherte.

Im Zentrum der Festung stand ein gigantisches Kuppelgebäude, wie ein winziger weißer Eisplanet.

Sie durchfuhren einen Innenhof, eine weitere Wand öffnete sich vor ihnen – ein Teil des Mauerwerks glitt einfach zur Seite – und sie fuhren in einen mächtigen Saal, direkt vor eine steinerne Mauer. Hier bedeuteten ihnen die Cichiro auszusteigen, was die Gruppe bereitwillig tat. Die Cichiro fuhren zurück, während Maren wie selbstverständlich auf die Wand zuging und ihre Hand hob. Die Wand glitt automatisch zur Seite. Sie traten in eine noch größere Halle mit gewölbter Decke, in deren Mitte sich ein golden schimmernder Hügel erhob. Auf diesem Hügel standen sternförmig angeordnet mehrere klobige Blöcke, ein größerer Quader, umgeben von sechs kleineren. Alle diese Blöcke waren mit weißen Liegepolstern belegt. Die sechs äußeren Blöcke waren leer. Auf dem mittleren ruhte liegend eine Cichiro. Melvin wusste sofort, wer sie war. Dort lag die Königin, schneeweiß die ledrige Haut, alt die Augen, die die Ankömmlinge musterten. Wissen und Macht strahlten von ihr aus, als wären sie greifbar. Das katzenartige Wesen war kleiner als Kahali. Es wirkte wachsam, neugierig.

Kommt näher, forderte das Geschöpf mit dunkler Stimme.

Maren ging bereits schneller. Direkt unterhalb des Goldhügels blieb sie stehen und sah hinauf.

Liv und Kirk taten es ihr nach. Melvin zögerte. Er fühlte sich nicht wohl in der riesigen Halle. Hier war er nur ein Insekt, nur eine Ratte im Labor eines Wahnsinnigen. Der heftige Impuls zu fliehen ließ ihn keinen Schritt weiter machen. Renn. Oder du wirst es für immer bereuen.

Er spürte ihren Blick auf sich. Fühlte eine Grausamkeit und Kälte, die Maren und Kirk anscheinend vollkommen entging.

Der runde Mund der Königin verzog sich zu etwas, das wohl ein Lächeln sein sollte. Melvin spürte Panik, je länger er sie betrachtete.

Komm ruhig, Melvin. Deine Instinkte sind alt. Glaube ihnen nicht. Ich werde dir nichts tun. Die Gedanken erschienen ihm wie seine eigenen. Aber es waren nicht die seinen. Er spürte ein schmerzhaftes Ziehen in seiner linken Hirnhälfte.

Langsam näherte er sich dem Hügel. Die Worte von Kirk drangen aus großer Entfernung zu ihm, als seien zwischen ihnen nicht zehn Meter Abstand, sondern hundert.

Sie wissen, warum wir gekommen sind, nicht wahr? Ebenso wie unsere Namen, unsere Absichten und unsere Gedanken.

Die Königin blickte Kirk an, und Melvin war froh dem Blick dieser Augen für kurze Zeit zu entgehen.

Ihre Stimme war freundlich. Melvin erinnerte sich voll Furcht an diese Stimme. Er hatte sie gehört, ehe sie durch den Raum gesprungen waren und er das Bewusstsein verlor. Ihm erschien die Freundlichkeit darin falsch, der gütige Ausdruck des Gesichtes war eine Falle, die ihn töten würde. Eine heftige Angst ließ ihn erneut stehen bleiben.

Ihr wollt den Strahlenschirm. Ich habe ihn hier. Sie wies auf einen großen Kasten neben sich. Die Oberfläche funkelte silbern und war wie die meisten Dinge der K-Erbauer nanostrukturiert. Die Königin hob die Hand und der ein Meter lange Kasten flog in die Luft, die Technik wirkte wie die, mit der auch der Schlitten geflogen war. Wollt ihr den Schutz nicht einfach nehmen und gehen?

Liv zögerte. Ich wüsste gerne, was er tut. Was kann dieser Schutzschild?

Die Königin lachte. Ihr runder Mund verzog sich. Nicht einfach euch das zu erklären. Lasst mich versuchen, es euch in euren Physikvorstellungen darzulegen. Die Waffe, mit der die Sekte der geistig Überlegenen uns alle vernichten möchte, basiert auf einem Prinzip, das wir nachlässig als Dunkelmaterieneutralisation betrachten können. Stellt euch Dunkelmaterie als etwas Winziges vor. Etwas Unsichtbares, das noch zwischen die Neutronen und Elektronen passt. Mit dem dunkelenergetischen Zerstörer der Sekte, lassen sich in einem gigantischen Ausmaß Planeten vernichten. Genau genommen ist der Zerstörer exakt für unser System geschaffen worden. Durch diese Waffe wird eine für euch unvorstellbare Menge an großflächiger Dunkelmaterie ausgestrahlt. Stellt euch Staub vor, der sich präzise über die Oberfläche eines Apfels legt. Der Apfel ist in diesem Fall das Elektron. Durch die Staubschicht verliert der Kern seinen Zusammenhalt. Die Polarität. Es besteht keine Anziehungskraft mehr. Der Kern zerfällt. Das, was ich euch nun mitgebe, funktioniert, nun ja … Die Königin klang sehr herablassend. Wie eine Art Staubsauger. Allerdings lässt sich damit nicht das gesamte System schützen. Kahali weiß das. Sie wird sich entscheiden müssen.

Nicht das ganze System? Kirk sah die Königin herausfordernd an. Wie meinen Sie das?

Kahali muss wählen, ob sie den Regierungsplaneten Panduir rettet, oder den Rest des Systems. Mit diesem Schutz, die Königin wies auf den Kasten, lässt sich nur eines davon retten. Entweder zentriert er die Dunkelmate