
Wir schreiben das Jahr 523 Neuer Terranischer Zeitrechnung, was dem Jahre 2966 n. Chr. entspricht.
Vor 546 Jahren endete der Krieg der galaktischen Mächte gegen das Volk der anorganischen Cytryxiyl. Große Teile der Milchstraße lagen in Trümmern. In dieser Zeit der Unruhe griff die Familie von Caranor nach der Macht auf Terra, und gründete das terranische Reich; eine Monarchie mit einem Sternenkönig aus der Familie derer von Caranor.
Zur aktuellen Zeit herrschen die von Caranor über weite Teile der Milchstraße. Extraterrestrische Völker werden unterdrückt und ausgebeutet; das gesamte Reich ist ein reiner Überwachungsstaat. Nur die geächteten Schmuggler und Piraten entziehen sich immer noch einigermaßen erfolgreich der kompletten Überwachung; sie sind jedoch, sollten sie bei illegalen Geschäften erwischt werden, vogelfrei.
Ernstzunehmende Gegner hat das Reich keine. Lediglich der THYDERY-Verbund, unter der Leitung des ehemaligen Reichsarchivars Anthony Haddington und drei nicht-terranischen Lebewesen, plant im Untergrund den verzweifelten Widerstand.
Eines dieser verzweifelt geführten Projekte findet im TRÜMMERFELD RIOTOO statt…
Sie durchschritt die niederenergetische Membran des Hotelzugangs und atmete auf, als sie damit das enervierende Gebrodel der Innenstadt hinter sich zurückließ. Die unerträgliche Kakophonie aus Verkehrsgeräuschen und Werbebeschallung wurde ausgesperrt, das grelle Geblinke der Leuchtreklamen wich angenehmem Halbdunkel. Besonders dankbar war sie, der erdrückenden Hitze und dem damit verbundenen Gestank von Ausdünstungen aller Art endlich entgangen zu sein. Mit einem Gefühl der Befreiung ging sie durch die Empfangshalle zu einer besetzten Rezeption.
Sie musste sich eingestehen, dass sie noch nie zuvor eine solche Atmosphäre der Hektik und Unruhe erlebt hatte, wie sie MesaJacobi bot. Die Hauptstadt der Freihandelswelt Jacobs Feast war ein Schmelztiegel der Kulturen. Vertreter aller Völker der Milchstrasse fanden sich hier zu mehr oder minder legalen Geschäften ein. Dem Imperium Caranor war Feast wie all die anderen seit Jahrhunderten existierenden Freihandelszonen natürlich ein Dorn im Auge. Unter den Waren, die hier unter der Hand umgeschlagen wurden, war oft genug terranische Hi-Tech, deren Export normalerweise mit strengsten Auflagen belegt wurde. Aber noch war der Nutzen, den Caranor von den Freihandelswelten zog, groß genug, noch profitierte Caranors Geheimdienst von der Ware Information, die hier genauso frei verfügbar war.
Das eine Problem mit dem JF gegenwärtig zusätzlich zu kämpfen hatte, waren die Flüchtlinge, die nach dem Fall der Phreeni-Koalition hofften, hier einen sicheren Hafen oder eine Zwischenstation zu finden. Das Konglomerat hatte keine Schwierigkeiten mit den zahlungswilligen oberen Zehntausend der Phreeni, die glücklicherweise einen erklecklichen Teil ihres Reichtums vor den terranischen Truppen gerettet hatten, ihnen gewährte man gerne Unterkunft oder Aufenthalt, aber die Millionen Zahlungsunfähigen, die in ihren schrottreifen Schiffen mit letzter Kraft das Jacobian-System erreichten, waren eine ganz andere Sache. Sie hatte die notgelandeten Schiffe in den vom Militär abgesperrten Bereichen des Raumhafens gesehen.
Sie hielt dem Mädchen an der Rezeption ihre ID-Karte entgegen. Die Hybride überprüfte die Karte mit einem Scanner, verglich die DNS-Signatur der Terranerin mit den vermerkten Daten und nickte dann freundlich. Guten Abend, Miss Philips. Wünschen Sie ein Zimmer bei uns zu reservieren oder eine andere unserer Facilitäten in Anspruch zu nehmen?
Ich werde im Restaurant erwartet. Ein Herr erwartet mich.
Miss Philips (Anita Philips, 21 Jahre, geschieden, Net-Technikerin, rekapitulierte sie kurz in Gedanken) lächelte schwach. Ein Herr mit Rose.
Das Mädchen scrollte kurz über einen Bildschirm. Dann sah sie die Terranerin strahlend an und winkte eine Hostess heran. Mia wird Sie zu dem Tisch bringen. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend.
Sie wechselte mit der Hostess, ebenfalls einem Hybrid-Mädchen, einige Worte und diese führte Miss Philips zu einem Lift.
Das Restaurant nahm das ganze Untergeschoss ein. Grüne Inseln voller tropischer Vegetation (und anscheinend auch entsprechender Fauna, Anita konnte mehrere papageiartige Vögel und eine armdicke weiße Schlange entdecken), Steinmauern und Bachläufe trennten die Tische. Auf einer Bühne in der Nähe der Aufzüge tanzten mehrere filigran wirkende Wesen: ihre dünnen pyramidenartigen Körper waren in schillernde Tücher gehüllt. Sie sangen, eine leise zärtliche Melodie, die Anita für Sekunden innehalten ließ. Die Hostess lächelte und sagte leise: Crii.
Sie hatte eine geschuppte, ölig glänzende Kopfhaut und statt Haaren feine dunkelblaue Federn. Ihre Gene waren noch im Mutterleib, wahrscheinlich schon im Embryonalstatus entsprechend umgestaltet worden. Eine Modifikation in späterem Alter war fast unerschwinglich. Die Hybride führte Anita zu einer Nische am Ende der Halle. Auf dem Tisch stand eine Glasvase, in dieser eine Rose (eine echte Rose, wie Anita wusste). Der Mann, der auf sie gewartet hatte, stand auf und schob den freien Stuhl zurück, half ihr beim Niedersetzen. Er wartete, bis sich die Hostess entfernt hatte, dann setzte er sich ebenfalls wieder.
Er musterte Anita mit seinen braunen Augen (seine Augen, der Rest, dieses jugendlich straffe Gesicht mit den hohen Wangenknochen und der markanten Nase, waren nur eine Maske, eine temporäre Änderung, aber sie erkannte ihn mühelos an den Augen) und sagte, offenbar zufrieden mit dem Ergebnis der Musterung, da lächelnd: Du siehst wie immer wundervoll aus, Miss … ?
Philips, Anita Philips.
Traven, Bernhard Traven. Bernie für Freunde. Nehme ich an.
Aus einem mit Eis gefüllten Kübel nahm er eine Flasche und entkorkte sie vorsichtig. Er goss ein Sektglas voll und reichte es Anita. Erwartungsvoll sah er sie an. Sie nippte vorsichtig, ließ die Flüssigkeit in ihrem Mund rotierten, schluckte. Es prickelt
, sagte sie leise lachend. Hui.
Er nickte und füllte sein eigenes Glas. Terranischer Champagner. Soll keiner behaupten, die Caranors würden nichts von wirklichem Wert erschaffen. Sybil Caranor hat Terra mit den französischen Weinanbaugebieten ein Stück Kultur zurückgegeben. Und sie bemüht sich vorbildlich um die Wiederkehr des amazonischen Regenwalds.
Er trank. Wunderbar. Aber solche Dinge gehen Revolutionsbanausen eben ab.
Anita grinste. Sie hob das Glas. Auf den französischen Weinbau! Auf Caranor!
Bernie tat es ihr gleich, erwiderte aber: Auf die Revolution! Für die Galaxis! Gegen Terra!
Er hielt inne, überlegte kurz, verbesserte dann: Für die Menschheit! Für die Galaxis! Gegen Terra!
Die junge Frau setzte prustend das Glas ab. Sie drückte sich schnell eine Serviette gegen den Mund. Als sie sich schließlich beruhigt hatte, sah sie Bernie tadelnd an. Ich hätte mich fast verschluckt!
Sie warf schnell einen Blick in die Runde. Wir sind hier doch sicher?
Die Nische ist abgeschirmt. Außerdem kann ich dir garantieren, dass sich keine Person im Hotel aufhält, die irgendwie an uns interessiert ist. Deine Begleiter sind derzeit an anderen Orten mit ihren Kontaktpersonen beschäftigt und hegen keinen Verdacht dir gegenüber. Aber wir sollten die wirklich wichtigen Dinge später besprechen.
Später?
Später. Ich habe ein Zimmer.
Er hat ein Zimmer.
Er zwinkerte. Es ist ebenfalls abgeschirmt. Keiner wird unsere Lustschreie hören.
Hmm. Woher wusstest du eigentlich, dass ich auf Feast sein würde? Ich habe das selbst erst vorgestern erfahren.
Meine Position bringt eben viele Möglichkeiten mit sich. Und ich bin gerne darüber informiert, wo meine Mitarbeiter und Freunde sich aufhalten. Ah, unser Essen naht.
Zwei Bedienungen kamen mit einem schwer beladenen Schwebetisch nähe. Teller, Besteck, eine Suppenterrine, eine große Salatschale, Beilagen. Das Hauptgericht verbarg sich unter einer silbernen Glocke.
Steht es auf einer Liste aussterbender Arten? Ist es gar intelligent?
Anitas hellblaue Augen blitzten.
Oh. Du nimmst es mir immer noch übel.
Die Frau schüttelte den Kopf. Es war fantastisch. Aber wenn du es mir damals vorher verraten hättest … Es hätte mir noch mal so gut geschmeckt.
Sie leckte sich die Lippen. Das war so böse.
Eine Frau nach meinem Geschmack.
Er nickte den Bediensteten zu und diese stellten die Teller auf den Tisch. Nein, weder aussterbend noch intelligent. Es ist Ka'Ridar-Braten, eine wirkliche Delikatesse der phreenischen Küche.
Er zwinkerte. Aber ich werde auf jeden Fall einen Teller Treen-Creme nehmen. Treen ist pures Aphrodisiakum. Nach einem Teller Treen vollbringt selbst ein Greis wahre Wunder.
Tja.
Anita stocherte in ihrem Salat. Apropos Greis.
Caranor? Du willst nichts über ihn hören. Er hat ein paar nette sadistische Züge, aber selbst da ist er so leidenschaftslos, so ideenlos. Und bei ihm hilft auch Treen nicht. Sein Sexualleben war eigentlich immer nichtexistent. Eine lebende Leiche. Ein Langweiler wie all diese Terraner.
Er schluckte einen Löffel Treen-Suppe und sah dann zerknirscht zu Anita. Wobei es glorreiche Ausnahmen gibt. Du allein gibst mir ein bisschen Hoffnung für dieses Volk.
Ich bin unschuldig. Ein Opfer meiner Triebe.
Das ist ein gutes Stichwort. Deine wunderbaren Triebe.
Bernie stand auf, trat neben die Schwebeplatte und hob die Glocke hoch. Von einem überdimensionierten Truthahnbraten stieg dichter Dampf auf. Jetzt ist es an der Zeit, dass du dich für die kommenden Stunden kräftigst. Keule?
Okay.
Sie sah ihm geistesabwesend zu, wie er ein riesiges Stück Truthahn/Ka'Ridar-Fleisch absäbelte. Das ist wunderschön
, murmelte sie.
Was? Dieser Gesang?
Ja. Es ist mir schon aufgefallen, als ich aus dem Fahrstuhl trat. Die Hostess meinte, es wären Kri oder so ähnlich.
Crii.
Er nickte, packte grüne Kartoffeln und Koa-Algen zu ihrem Ka'Ridar-Stück. Diese lebenden Stofffetzen stammen von Beynard. Sie sind Tiere, zumindest verfügen sie über keine Form der Intelligenz, die von Terranern akzeptiert wird. Sie sind im Kohlensack wegen ihres Gesanges weit verbreitet.
Ich höre diese Wesen heute zum ersten Mal. Das ist faszinierend.
Sie leiden. Soße? Ist scharf und herb.
Sie leiden?
Sie überwinden die Trennung von ihrer Heimat nicht. Und sie können die Gegenwart von Menschen nicht ertragen. Sehr sensible Wesen. Dieser Gesang ist in Wirklichkeit Wehklagen. Soße?
Ja.
In ihrer natürlichen Umgebung werden sie um die siebzig T-Jahre alt. Entführt man sie von dieser Welt, gehen sie innerhalb von fünfzehn Jahren zugrunde. Haben sie nahen Kontakt zu Menschen, wie hier zum Beispiel, reduziert sich ihre Lebenserwartung weiter. Menschen sind psychisches Gift für sie.
Anita trank einen Schluck Champagner. Das ist faszinierend.
Je mehr sie leiden, desto schöner ist ihr Gesang.
Bernie lachte. Es ist immer so. Aus dem größten Schmerz erwächst die größte Schönheit.
Er stellte den Teller vor Anita auf den Tisch. Wir könnten einen Crii mit aufs Zimmer nehmen. Der Aufpreis ist minimal.
Das Ka'Ridar schmeckte tatsächlich ausgezeichnet.
Der Käfig stand auf der anderen Seite des Zimmers. Der Crii bewegte sich in grazilen tänzelnden Bewegung ununterbrochen von einer Ecke seines Gefängnisses zur anderen. Sein zeltartiger Körper bestand aus einer Reihe hauchdünner Trapeze, die sich zwischen zerbrechlich wirkenden Gerüstknochen spannten. Wie ein zum Leben erwecktes Zirkuszelt, dachte Bernie belustigt. Die von schillernden Schuppen bedeckten Trapeze blähten sich auf, falteten sich zusammen, rieben aneinander und verursachten dabei jene Geräusche, jenes Zirpen, Gezwitscher und Pfeifen, die den Menschen wie Gesang erschienen.
Crii waren Empathen. Sie konnten die Gefühle anderer Crii wahrnehmen und auf diese Weise miteinander kommunizieren. Die Emotionen von Menschen und anderen Intelligenzwesen bereiteten ihnen Beschwerden, waren Gift für sie. Traven setzte sich auf und musterte das seltsame Wesen nachdenklich. Dann ließ er für Sekunden seinen mentalen Schirm fallen. Der Crii stockte in seinen Bewegung, sein Patchworkkörper erschauderte. Dann wirbelte er herum, sprang sekundenlang wild von einer Seite des Käfigs zur anderen, krallte sich in die Gitterstäbe und wiegte den Körper wild hin und her. Er sang volltönender, jubilierender, schöner als zuvor. Traven überlegte kurz, wie viel Monate oder gar Jahre seines kurzen Lebens er dem Crii gerade genommen hatte. Wie lange er hätte er den Crii wohl an seiner Aura naschen lassen müssen, um ihn zu töten?
Neben Bernie lag Anitas schweißbedeckter, erschöpfter Körper. Sie betrachtete ihn träge aus halbgeschlossenen Augen. Träge und zufrieden. Eine satte Katze. Bernie fuhr sich mit der Hand über die Schulter, zeigte ihr seine Fingerspitzen. Meine Raubkatze
, flüsterte er. Sie lächelte, nahm seine Hand, leckte das Blut von seinen Fingern.
Er beugte sich zu ihrem flachen Bauch, küsste sie sanft auf den Nabel, kostete ihren salzigen Schweiß. Er drehte den Kopf, ließ ihn auf ihren Bauch sinken und sah zwischen ihren festen kleinen Brüsten hoch zu ihrem Kopf. Er spürte ihren Herzschlag, schnell, hektisch, wie das Flattern eines Vogels. Es ist faszinierend, wie sehr mich dieser Akt befriedigt. Danke, mein kleines Kätzchen, dass du diesem alten Geist immer wieder die Freuden kreatürlicher Lust bereitest.
Kreatürliche Lust. Du Mistkerl
, hauchte sie. Ich werde die nächsten Tage kaum gehen können.
Ich habe mir erlaubt, während unserer … Interaktion dein DataVis entsprechend zu manipulieren. Diese sehr aktive Nacht mit dem Hehler Bernie Traven ist sozusagen die Krönung eines für beide Seiten lukrativen Geschäftes. Die Daten des Geschäftes sind natürlich auch hinterlegt. Deine revolutionären Vorgesetzten werden von deinem Erfolg begeistert sein.
Das heißt, wir kommen jetzt zum wichtigen Teil unseres Treffens.
Sie seufzte tief. Schade.
Bernie setzte sich auf. Haddington.
Anita verzog das Gesicht. Langweilig. Unbedeutend. Unwichtig. Miserabel im Bett.
Das letztere mag stimmen. Aber in den mittleren zwei Punkten muss ich dir widersprechen. Er ist nicht unbedeutend und nicht unwichtig. Er ist bereits jetzt der zweite Mann hinter Remmick. Goodman Remmick ist alt und krank. Er wird noch dieses Jahr sterben, ohne eines seiner hochtrabenden Ziele erreicht zu haben. Die Rebellion verliert mit ihm eine ihrer wichtigsten Galionsfiguren. Und dann rückt Haddington nach. Er wird in den folgenden Jahren den Ton in der terranischen Fraktion führen.
Anita lachte unterdrückt. Ich brauche einen neuen Job. Die Rebellion ist verloren.
Das sowieso. Aber du solltest deinen Kontakt zu Haddington wieder aufleben lassen.
Sie wälzte sich auf die Seite, stützte das Kinn auf die Hand und sah ihn forschend an.
Lächelnd legte er seine Hand auf ihre Hüfte, streichelte ihre Schenkel. Riotoo
, murmelte er schließlich.
Riotoo?
Ich bin daran interessiert, dass Haddington sein Lieblingsprojekt vorantreibt.
Die Frau dachte kurz nach. Seinen KHALAKUR-Spleen?
Ja. Er träumt davon, die Hinterlassenschaften eines uralten Volkes zu finden und mit unbesiegbaren mythischen Raumschiffen das Imperium niederzuwerfen.
Anthony Haddington. Langweilig. Unbedeutend. Unwichtig. Miserabel im Bett. Und schwachsinnig.
Nicht doch. Er verfolgt bereits eine viel versprechende Spur. Sie wird ihn ins Riotoo-System führen, das ehemalige Heimatsystem der Chihiro. Haddington wird dort Leute brauchen, auf die er sich verlassen kann.
Anita kniff die Augen zusammen. Och nein.
Bernie grinste breit. Och ja.
Um es in einem für unseren terranischen Freund verständlichen Gleichnis zu sagen: Was er hier vorschlägt, entspricht der Idee eines prästellaren terranischen Staates, seine Staatsfinanzen durch die Schätze der Minen Salomons finanzieren zu wollen.
Die Art und Weise, wie Emissary Shalween ihr Gesicht verzog, musste dem entsprechen, was die Menschen als süffisantes Lächeln bezeichneten.
Unser Bund hat keine Mittel in derartigem Überfluss, dass er sie in die Suche nach Hirngespinsten, nach Superwaffen aus Märchen vergeuden kann.
Admiral Kyan erhob sich mit heftig klappernden Mandibeln von seinem Sitz. Er stützte sich auf seine kräftigen Handlungsarme ab und drehte seinen breiten Ameisenkopf von Emissary Shalween zu Anthony Haddington. Seine verstümmelten Fühler zuckten nervös, die Mandibeln rieben hektisch auf der verhornten Unterlippe. Wenn ich das richtig verstanden habe, sind wir hier, um über die militärischen Beiträge der Verbundpartner zu sprechen
, dröhnte sein Translator. Kyan ignorierte die Gebote der Höflichkeit; er war wie die meisten Szuu sehr wohl in der Lage mit seinen Mundwerkzeugen terranische Laute zu imitieren, er verzichtete darauf und zirpte stattdessen in Frequenzen, die den Menschen und wohl auch den echsenhaften Naruu körperliche Schmerzen bereiten mussten. Wissenschaftssenatorin Ieehl sah ihn verweisend mit heftig vibrierenden Fühlern an, sie verströmte warnende Duftspuren, aber der Militär tat dies mit unwilliger Gestik seiner mittleren Arme ab. Er fuhr fort: Stattdessen erzählt ein Human namens Haddington von Legenden. Davon dass wir die caranorschen Terraner mit Märchen besiegen können. Ist die terranische Seite nicht mehr bereit, ihren Beitrag zu leisten?
Kyan glotzte Ieehl ausdruckslos an. Das obere Drittel seines linken Facettenauges war blind, eine weiße, verkrustete Masse, seine Fühler verstümmelt und gelähmt, beides Folgen einer Kriegsverletzung, die er Terranern verdankte. Kyan war ein Hardliner, Terraner-Hasser und Ewiggestriger. Ieehl verstand nicht, warum der Politische Rat ausgerechnet diesem alten Krieger die Oberaufsicht über den militärischen Beitrag der Szuu zum Bund übertragen hatte. Es war bekannt, dass Kyan der Politikerkaste nur Hohn entgegenbrachte. Für ihn waren dies nur größenwahnsinnige Drohnen. Wissenschaftlerinnen? Überschätzte selbstsüchtige Hebammen. Am Ende würden ohnehin die Krieger ihre Chitinpanzer hinhalten müssen. Ieehl zirpte tadelnd.
Tatsache ist, dass das Terranische Reich dem Bund in technischer Hinsicht immer noch weit überlegen ist. Sollten wir den Angriff wagen, müssen wir erhebliche Verluste hinnehmen.
Haddington stand Schweiß auf der Stirn. Wahrscheinlich hatte er sich seinen ersten Auftritt als terranischer Sprecher auf einer Konferenz des Bundes anders vorgestellt. Er deutete auf die 2D-Fotografie, die hinter ihm an die Wand projiziert wurde. Darauf war gegen den Hintergrund einer Sternenballung ein verschwommener kugelförmiger Körper zu erkennen. Ich habe Ihnen Beweise vorgelegt, dass die KHALAKUR-Schiffe mehr als nur Legenden sind. Eine Sichtung der in vielen galaktischen Museen vorhandenen Dokumente …
Ich bin hier, um über die militärischen Beteiligungen der Bundesgenossen zu diskutieren
, dröhnte Kyans Translator. Haddington zuckte mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammen.
Das Problem, das ich hier sehe
, sagte Emissary Shalween. Dieses Problem ist, dass auf den von uns allen respektierten und auch bewunderten Führer der terranischen Opposition, Goodman Remmick, ein verkrachter Gelehrter gefolgt ist. Ein Mann, der von einer fixen Idee besessen ist.
Wir führen einen Krieg
, fiel Kyan wieder ein. Er hieb mit einer Klaue auf den Tisch. Für das Hobby eines … verkrachten Gelehrten ist hier kein Platz!
Vielleicht wäre es angebracht, wenn unsere terranischen Freunde sich die Wahl ihres Sprechers noch einmal überlegen würden?
Auf diese völlig ruhig geäußerte Frage Shalweens begann eine hektisch gemurmelte Diskussion unter den fünf Begleitern Haddingtons. Der Terraner selbst sah die Etho mit verkniffenem Gesicht an. Er setzte zu einer Antwort an, schüttelte dann aber den Kopf und drehte sich um. Er starrte das Bild mit dem mutmaßlichen KHALAKUR an. Emissary Shalween seufzte und als sie weitersprach, schwang Mitleid in ihrer Stimme mit. Anthony, als brillanter Kenner der terranischen Geschichte wissen Sie wahrscheinlich über die angeblichen UFO-Sichtungen der prästellaren Epoche. Fotos unbekannter Flugobjekte, fliegender Untertassen. In der Regel gefälscht oder harmlosen Ursprungs. Wetterballons. Diese Beweise, die Sie hier vorlegen, gehören genau in diese Tradition. Filme, Holos oder Fotos zweifelhafter Herkunft. Unbekannte unförmige Objekte. KHALAKURS.
Ein Jarimi sprang empört gackernd auf. Er verfügte über ein sehr farbenfrohes Federkleid, das er jetzt protestierend aufplusterte. Kyan versprühte eine ätzende Duftwolke, die Abscheu und Spott vermittelte. Der Translator übersetzte das Piepsen, Krächzen und Gackern des Vogelabkömmlings: Die Jarimi haben lange genug geschwiegen. Wir betrachten das Verhalten, das Sie, Emissary Shalween und Admiral Kyan, gegenüber den von uns sehr geschätzten Terraner Haddington an den Tag legen, als überheblich und ehrverletzend.
Die Ziervögelchen der Terraner
, zirpte Kyan mit unverhohlenem Zorn.
Die Jarimi kennen die Legenden über die Erbauer der KHALAKUR und die Jarimi wissen über den wahren Kern dieser Erzählungen. Haddington ist ein angesehener und vertrauenswürdiger Wissenschaftler. Die jarimische Seite wird seine Untersuchungen unterstützen.
Der Ornithoide klapperte heftig mit seinem wie lackiert wirkenden schwarzen Schnabel, sein Kopf zuckte mehrmals vor und zurück, dann setzte er sich wieder umständlich auf sein Kissen. Haddington nickte ihm dankbar zu.
Kyan ließ seine Mandibeln langsam über die Unterlippenpaare raspeln. Ieehl registrierte nachdenklich diese beleidigende vulgäre Geste, die der Jarimi wohl nicht einmal verstand. Welchen Bestand kann dieser Bund haben, wenn seine Anführer soviel Verachtung, Hass und Spott füreinander empfinden?, sinnierte sie. Wie sollen wir gegen Terra bestehen, wenn wir so wenig gemein haben? Sollen wir wieder an den alten Vorurteilen scheitern? Reicht der gemeinsame Wunsch nach Freiheit nicht? Sie verspürte tiefe Niedergeschlagenheit. Der neue Bund war nur Jahre alt und schon waren alle wieder eifrigst dabei, in die alten Denkschemata zurück zu fallen.
Die Alte Echse erhob sich umständlich. Schlagartig verstummte das Getuschel der Delegierten. Eppainken Ursan war angeblich der älteste Naruu, der jemals gelebt hatte. Manche behaupteten, die Alte Echse hätte bereits zur Zeiten der ersten Rebellion gelebt und schon damals gegen Caranor gekämpft. Auf jeden Fall, stellte Ieehl fest, war Ursan einer der wenigen Nicht-Szuu, die Kyan respektierte. Der Admiral saß stocksteif in seinem Sessel und starrte den Naruu an.
Die terranische Seite wird zweifellos ihren Verpflichtungen nachkommen und ihre finanziellen und militärischen Beiträge leisten.
Die Alte Echse sprach leise und zischend. Nach jedem Satz hielt Ursan inne und holte rasselnd Luft. Gelegentlich strich er mit der linken verkrüppelten Hand wie unbewusst über seinen vernarbten Hinterkopf, dann knisternden die blassblauen, fast weißen Schuppen. Ich persönlich sehe durchaus einen Sinn in Anthonys Bestrebungen. Aber ich verstehe auch die Ablehnung und Sorge der anderen. Tony, in Anbetracht dessen sollte dieses Research-Projekt auf Sparflamme laufen. Falls andere Parteien neben den Jarimi und den Naruu zusätzlich wissenschaftliche Ressourcen für dieses Projekt bereitstellen, ist dies zu begrüßen. Aber es kann derzeit nicht die hohe Priorität haben, wie du sie ihm beimisst.
Die Echse richtete den Blick der mattgrauen Augen auf Emissary Shalween. Der militärische Konflikt, auf den wir zusteuern, wird entsetzliche Verluste auf beiden Seiten mit sich bringen. Falls es KHALAKURS gibt und wir in deren Besitz kommen können … Sagen wir so, zumindest diese alte Echse würde es begrüßen, an weniger Gräbern stehen zu müssen. Eine durchaus ethische Einstellung, Emissary Shalween, meinst du nicht auch?
In der terranischen Station, auf der das Treffen der Rebellen stattfand, waren für die Vertreter der Fremdvölker mehrere Sektoren reserviert worden. Ieehl hatte zur Essensaufnahme einen leeren Saal aufgesucht. Als sie hörte, wie sich die Tür einige Reihen hinter ihr öffnete, schloss sie die Schüssel mit der Anru-Speise und säuberte eilig Saugrüssel und Kieferleisten. Die meisten Nicht-Szuu empfanden die Art und Weise, wie diese ihre Nahrung zu sich nahmen, als abstoßend und ekelerregend, also ersparte sie den Näherkommenden diesen Anblick. Ieehls Facettenaugen gewährten ihr fast einen 360 Grad-Rundumblick, so dass sie die anderen bereits erkannt hatte. Sie erhob sich und wandte sich den Nahenden zu.
Es waren drei Naruu. Eppainken Ursan, dürr, den buckligen Körper weit vorgebeugt, ging mit erstaunlich forschem Schritt voraus. Ihm folgten in respektvollem Abstand zwei Naruu-Soldaten. Ursan blieb drei Schritte vor Ieehl stehen. Er stützte sich schwer auf seinen knorrigen Stock und musterte die Szuu.
Eppainken Ursan.
Ieehl deutete eine Verbeugung an.
Ieehl, glaube ich?
Ieehl Fee Maeren-Ka. Wissenschaftliche Beraterin.
Ursan ächzte und humpelte an ihr vorbei. Er sah sich kurz nach einer geeigneten Sitzgelegenheit um und zog sich schließlich einen Hocker heran. Gut. Setz dich bitte.
Er betrachtete die Anru-Schüssel kurz, schüttelte sich und schob sie dann mit seiner verwachsenen Hand weit von sich. Danke für die Rücksichtnahme. Mein Magen hätte den Anblick wohl nicht verkraftet.
Eppainken Ursan. Es ist mir eine Ehre, Sie kennen zu lernen.
Ja. Ich persönlich werde nie verstehen, warum die Szuu immer solche Volltrottel wie Kyan zu ihren militärischen Führern bestimmen.
Ieehl zirpte amüsiert. Es steht mir nicht zu, den Admiral in irgendeiner Weise zu beurteilen.
In dem Falle solltest du deine Körpersprache besser im Zaum halten.
Die Alte Echse lachte knarrend. Tatsächlich scheint es eine universelle Konstante zu sein, dass Völker gerne ihr Schicksal in die Hände verkalkter, uneinsichtiger Greise legen. Oder dass diese Volksvertreter sich trotz dringlichster Lage immer wieder auf ihre Untugenden besinnen. Auf ihre Vorurteile, Abneigungen, Ängste.
Der Naruu zerrte mit seiner Rechten am Kragen seiner Isoweste. Wir haben uns verbündet, um Caranors Terra in die Schranken zu weisen, aber womit vergnügen wir uns auf unseren Treffen? Unsere geschätzte Etho-Delegierte pflegt ihre Komplexe und wacht eifersüchtig darüber, dass den primitiven Normal-Humans ja keine übermäßige Anerkennung zuteil wird. Projekte der Terraner sind abzulehnen, eben weil es Projekte der Terraner sind. Der Szuu-Admiral ist immer noch von der Vergangenheit besessen und sieht wahrscheinlich in jedem Bündnispartner den Kriegsgegner von morgen. Die Jarimi träumen von der verlorenen Macht und unterstützen die Terraner schon deshalb grundsätzlich, um die verhassten Szuu zu ärgern. Die Naruu …
Er zuckte in der Imitation einer terranischen Geste mit den Schultern. Die Naruu folgen den Worten ihrer verkalkten Greise.
Sie sind ein … Menschenfreund, Eppainken Ursan.
Die beiden Augen, die sich bisher unablässig bewegt hatten, fixierten sich auf Ieehls Kopf. Die verwachsene Linke fuhr unwillkürlich nach oben und strich über die bleichen Kopfschuppen. Der Daumen und die folgenden beiden Finger waren zu einem klumpigen Gebilde verschmolzen, der verbliebene Finger stand unnatürlich verkrümmt ab. Nein
, sagte er nach kurzem Überlegen. Ich hasse die Menschen nicht mehr, ich verabscheue sie nicht mehr. Aber ich fürchte sie zu sehr, um sie Freunde zu nennen. Hast du dich je mit der Geschichte der Menschen befasst, Ieehl Fee Maeren-Ka?
Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern fuhr nach einem rasselnden Atemzug fort. Eine endlose Folge von Kriegen, Unterdrückung, Völkermorden. Fast ständig waren diese lächerlichen Säuger damit beschäftigt, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Als sie dann atomare Waffen entwickelt hatten, mit denen sie sich und das ganze andere Leben auf ihrem winzigen Dreckball ausrotten konnten, stellte sich ein klein wenig Vernunft ein. Dann griffen sie nach den Sternen und eine Zeitlang schien, als würden sie an dieser Herausforderung wachsen, wären sie erwachsen geworden. Während der Anorganischen Kriegen erwiesen sie sich als wichtiger Bündnispartner der anderen Galaktischen Völker. Aber der Blutzoll, der Niedergang. Danach war es leicht für Caranor, die alten humanen Tugenden wieder zum Blühen zu bringen.
Der Naruu ruckte mit dem Hocker hin und her. Es ist ein leicht verführbares Volk. Das ist die Gefahr. Und sie werden immer wieder einen Caranor hervorbringen.
Aber …
Sieh dir die Neuen Menschen an. Körperlich vollendet. Das Leben höchsten moralischen Werten unterworfen. Ethos. Eine selbsternannte Elite, die sich zu vollkommenen Menschen, nein zu Göttern hochzüchten will. Größenwahnsinnige. Menschen eben.
Er kratzte sich die faltige Kehle. Und dann Haddington. Der Träumer. Oder der verbohrte Narr, besessen von einer Idee.
Ieehl betrachtete den Naruu fasziniert. Von äußerlichen Gesichtspunkten her war der Alte in keiner Weise beeindruckend. Mager, bucklig, die verwachsene Linke. Tatsächlich ein selten hässliches Exemplar seiner Rasse. Aber da war etwas, eine Kraft, die diese Echse aufrecht hielt, die Ieehl erschaudern ließ. Haddington wird auf jeden Fall diese fixe Idee weiterverfolgen. Was ich fürchte, ist, dass er tatsächlich etwas finden könnte. Raumschiffe, die ganze Sonnensysteme vernichten können.
Die Augen des Chamäleonkopfes wanderten wieder unruhig hin und her. Ich hasse die Menschen nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Aber ich werde ihnen nie vertrauen. Selbst unseren Rebellenfreunden nicht. Ihr Admiral Kyan, wir alle sollten uns eine Frage stellen: was wäre, wenn es KHALAKURS doch gäbe und was wäre, wenn Terraner in ihren Besitz kämen?
Wenn es solche Machtmittel gibt, könnten wir damit Caranor bezwingen. Also ist es richtig, dass Haddington seine Forschungen weiter betreibt.
Du hörst mir nicht zu, Ieehl. Haddington wird ohnehin weitersuchen.
Eppainken Ursan grunzte unwillig. Wenn es solche Machtmittel gibt, müssen wir vermeiden, dass sie in die Hand der Menschen geraten. Solche Machtmittel dürfen nicht den Terranern gehören.
Wir alle müssen sie kontrollieren. Naruu, Jarmi, Szuu, Menschen.
Ja genau. Gemeinsame Kontrolle. Ieehl Fee Maeren-Ka. Du bist mindestens so ein Träumer wie Haddington.
Ursan lachte. Ich habe eben von den Menschen gesprochen. Ihrem Potential zum Bösen. Du hast während der Besprechung die anderen beobachtet. Wie schätzt du ihr Potential ein? Wem von ihnen würdest du KHALAKURS in die Hände geben? Kyan? Diesem nervösen Paradiesvogel? Emissary Shalween? Mir?
Er stand auf und humpelte an den Soldaten vorbei. Wenn es KHALAKURS gibt und wir finden sie, sollten wir sie nicht besser sofort vernichten?
Die Fähre flog in die weite Hangarhalle ein, schwebte über eine Reihe Container hinweg, reduzierte die Geschwindigkeit und setzte schließlich sanft neben der zerkratzten und verrosteten Karosserie eines Pickup auf. Unter der transparenten Cockpitkapsel mühte sich der einzige Passagier auf dem Sitz neben dem Piloten mit seinen Sicherheitsgurten ab, ließ sich schließlich vom Piloten helfen, bedankte sich offenbar mit einem Küsschen und verschwand in den hinteren Teil des Gleiters. Kurze Zeit später öffnete sich die Mannschleuse und eine Figur im leichten Raumanzug stieg langsam aus. Sie entfernte sich ein paar Meter von der Fähre und sah sich dann unentschlossen um.
Der Mann in der Galerie über den Hangarausgängen überlegte sich müßig, was der Ankömmling beim Anblick der Schuttberge und der altersschwachen Hangarausstattung wohl dachte. Da richtete dieser seinen Blick nach oben und bemerkte den einsamen Beobachter hinter den Plexiglasfenstern. Er winkte heftig. Die Mann in der Galerie deutete zu einem der Ausgänge des Hangars, aus dem jetzt zwei andere Personen in Schutzanzügen traten.
Als er den Gang der Galerie betrat, hatte sich der Neuankömmling seines Schutzanzuges bereits entledigt. Er trug darunter eine schmucklose leichte Kombination. Er war eine Sie. Die Frau war zierlich gebaut, wirkte wie ein junges Mädchen. Sie schüttelte das schulterlange blonde Haar und brachte es dann mit ihren Händen einigermaßen in Form. Dann überbrückte sie die kurze Distanz zu dem wartenden Mann mit schnellen Schritten, blieb einen Meter vor ihm stehen. Sie betrachtete den wartenden älteren Mann mit einem forschenden Gesichtsausdruck, dann zauberte ein Lächeln zwei Grübchen in das so junge Gesicht. Hallo, Dr. Haddington.
Waren wir nicht schon einmal bei Tony? Hallo Liv.
Anthony Haddington reichte Liv Zili die Hand. Willkommen im Trümmerfeld Riotoo.
Der Name scheint Programm zu sein
, erwiderte die Frau und nickte zu einer Ansammlung Schrotts, aus der ein rostzerfressener Kran emporragte, dem Skelett eines prähistorischen Tieres ähnelnd.
Wir sind am Wiederaufbau
, sagte Haddington entschuldigend. Diese Station wurde vor einigen hundert Jahre von Prospektoren errichtet. Anstatt etwas komplett Neues aufzubauen, haben wir uns dafür entschieden, sie zu neuen Ehren kommen zu lassen.
Er lächelte säuerlich. Es ist auch eine Geldsache.
Livs hellblaue Augen musterten kurz Haddingtons Gesicht, dann blickte sie durch das Glas der Wandung hinaus zu der klaffenden Öffnung des Hangars. Vor dem Sternenband der Milchstraße war ein blauer verschwommener Fleck zu erkennen. Trümmerfeld Riotoo
, wiederholte sie. Ja. Es sieht ganz schön zertrümmert da draußen aus. Irgendjemand hat sich in diesem System einmal ausgetobt. Cy-Kriege?
Gehen wir ins Observatorium. Dort haben wir einen besseren Überblick.
Liv nickte. Und bei der Gelegenheit könnten Sie …
Du.
Okay. Ich wusste nicht, ob ich das Oberhaupt der terranischen Rebellion noch duzen darf. Immerhin ist es Jahre her.
Du. Liv. Tony.
Er lächelte und ging voraus zur Tür. Immerhin habe ich es dir zu verdanken, dass wir jetzt hier stehen.
Ähem. Ich bin mir nicht sicher, ob das jetzt positiv zu werten ist.
Liv kratzte sich am Hinterkopf. Tony. Um was geht es hier? Was soll ich hier? Warum hast du ausgerechnet mich angefordert?
Die Gänge, durch sie er sie führte, waren in den verschiedensten Zuständen des Umbaus. Arbeiter waren dabei, neue Energieleitungen zu verlegen und Aggregate auszutauschen.
Wie ich sagte: du bist schon irgendwie daran schuld.
Liv sah ihn stirnrunzelnd an.
Du kennst mein Steckenpferd.
Sie zuckte ratlos mit den Schultern und ging unter einer Plastikplane durch, die Haddington hochhielt.
Mein Hirngespinst. Mein Spleen.
Ihr Gesicht hellte sich auf. Die KHALAKUR-Sache.
Ja. Zeit meines Lebens, während meiner Forschungsarbeiten als Historiker, bin ich immer wieder auf dieses eine Volk gestoßen. In den Legenden der alten Völker fanden sie Erwähnung. Die Namenlosen der Prä-Naruu oder Paal, die Sonnenmeister der Bakt. Der eigentliche Name des Volkes hat sich nicht überliefert, in den entsprechenden Texten finden sich nur oder minder blumenreiche Umschreibungen. Sie werden meist als zentaurenartige Wesen beschrieben, vielleicht mit katzenartigen Unterkörpern wie eine Sphinx. Vor Jahrzehntausenden waren sie die maßgebende Macht in dieser Galaxis.
Sie hielten vor einer Aufzugstür an. Der größte Teil der Aufzüge ist mechanischer Art. Antrieb, Kabel und Kabinen bei Notwendigkeit erneuert. Wir überlegen uns, einige durch Antigrav-Lifts zu ersetzen.
Die Tür glitt auf und sie betraten eine geräumige Kabine. Das Bedienungspaneel wies elf erreichbare Stockwerke auf, sie befanden sich auf Etage 0, es gab fünf Untergeschosse (U-1 bis U-5) und fünf Obergeschosse (O1 bis O5). Beim Anflug hatte Liv genug Zeit gehabt, die Station zu studieren: ein würfelförmiger Planetoid (vielleicht 300 Meter Kantenlänge), an dessen einer Ecke sich ein zylinderförmiger Bau (geschätzt 80 Meter Durchmesser, Höhe 100 Meter) erhob. Der Hangar, in den sie eingeflogen waren, war auf Bodenhöhe des Planetoiden, von diesem abgewandt.
Die Namenlosen der Prä-Naruu, die Sonnenmeister der Bakt
, erinnerte Liv Haddington, als der Lift losfuhr, O5 entgegen.
Der Terraner nickte. Diese Namenlosen hatten keine wirklichen Gegner, niemanden der ihnen ebenbürtig war. So zerfleischten sie sich eben selbst. Alte Quellen, wiederum nur noch Auserwählten zugänglich, erzählen von schrecklichen Bruderkriegen, in denen die meisten Kolonien vernichtet wurde. So furchtbar war der letzte dieser Kriege, dass die Überlebenden sich nie von den Zerstörungen erholen, nie wieder ihren alte Höhe erreichen sollten. Sie entsagten ihrer kriegerischen Vergangenheit, zogen sich in ihr Heimatsystem zurück, isolierten sich vom Rest der Galaxis. Und dann, durch eine kosmische Katastrophe oder durch eine Attacke eines unbekannten Feindes wurden sie ausgelöscht, ihr Heimatsystem zerstört. Dies geschah vor Jahrzehntausenden.
Der Lift hielt an. Sie gingen durch einen überraschend sauberen Flur zu einer großen Flügeltür. Haddington zog die linke Türhälfte auf und ließ Liv den Vortritt. Die Frau blieb überrascht stehen. Das Observatorium hier ist ein kompletter Neubau
, erklärte Haddington. Wenn wir das Trümmerfeld katalogisieren wollen – und das wollen wir! – brauchen wir entsprechende Hilfsmittel.
Mehrere Sitzreihen umgaben ein Podium mit diversen Aufbauten. Dort, an einem hufeisenförmigen Schaltpult stand ein unglaublich langer und unglaublich dürrer Mann. Als Liv und Haddington eintraten, blickte er von seiner Arbeit auf. Das Gesicht unter einem aschgrauen Wust ungekämmter Haar glänzte ebenholzschwarz. Er hatte riesige abstehende Ohren. Als er Haddington erkannte, hob er den Arm und winkte erfreut. Haddington führte Liv die Treppe hinab.
Liv, das ist Walker, der beste Astrophysiker, den ich kenne.
Der so Gelobte grinste Liv breit an und offenbarte ein riesiges, aber strahlendweiß glänzendes Pferdegebiss. Liv ergriff seine angebotene Hand und nickte. Walker, das ist Liv Zili, eine sehr gute Freundin von mir. Ich versuche sie für unser Riotoo-Projekt zu gewinnen.
Ah
, machte Walker, hob theatralisch beide Hände und berührte dann eine Serie von Kontaktflächen. Die Glasitkuppel über ihnen, die bisher den Blick auf einen Teil des Spiralarms freigegeben hatte, an dessen Rand das System lag, wurden intransparent, der Raum verdunkelte sich. Und aus der Finsternis über ihnen schälte sich jetzt eine holographische Projektion: eine blaue Sonne, eingehüllt in eine Wolke aus Staub, umgeben von mehreren Asteroidenringen, ein einsamer Gasriese. Riotoo
, sagte der Astrophysiker in fast andächtigem Tonfall. Seine dünnen Finger tanzten über das Touchpad und die langsam rotierende Darstellung des Riotoo-Systems änderte sich in drastischer Weise: Schwerkraftzentren bildeten sich überall aus, saugten umgebende Trümmerstücke heran. Riesige Brocken und winzigste Staubkörner ballten sich in rasendem Tempo zusammen und bildeten Planeten, Monde. Riotoo
, wiederholte Walker. Riotoo vor zehntausend Jahren.
Sechsundzwanzig Planeten, manche von einzelnen Monden oder ganzen Familien von Trabanten umgeben, wirbelten um einen strahlenden blauen Zentralstern. Gravitationsechos, Spektralanalysen und so weiter. Wir dürften zu über neunzig Prozent akkurat sein. Die Darstellung ist natürlich nicht maßstabsgemäß.
Wow
, murmelte Liv anerkennend.
Die Dunkelheit wich nun einer angenehmen Dämmerung, aber die Abbilder vor langer Zeit vergangener Welten standen immer noch über ihnen.
Das Hauptsystem der Namenlosen war eine blaue strahlende Perle umkreist von über zwanzig Planeten, die meisten bewohnt, selbst die lebensfeindlichen mit überlegener Technik umgeformt. Die Welten wurden vernichtet bis auf eine. War es eine Waffe oder eine kosmische Katastrophe, ein unbegreiflicher Effekt zerfetzte sie, zermahlte die inneren Welten zu Staub, der nun das Licht der einst lebensgebenden Sonne unterdrückt, zertrümmerte die äußeren Welten, verteilte ihre Fragmente über das ganze System, ja fegte sie auch weit in die Leere hinaus.
, rezitierte Haddington leise. Aus den Kosmischen Legenden der Paal-Kultur.
Liv Zili setzte sich auf einen der Computertische. Sie musterte das Hologramm, sah dann den Historiker an. Blaue Sonne, Staubmantel, Asteroidengürtel, Gasriese, sechsundzwanzig Planeten
, zählte sie auf.
Ja.
Der Mann grinste wie ein Schuljunge und setzte sich auf die Tischkante. Ich bin überzeugt, dass Riotoo das ehemalige Hauptsystem dieser Namenlosen ist. Nur Trümmer blieben.
Liv lachte ungläubig. Ja. Okay, aber was …
Was hat es mit dir zu tun? Liv, du hast mir vor einem Jahr Kopien von Dokumenten der Paal-Kultur geschickt, uralte Aufzeichnungen. Der alten Zeiten willen, schriebst du.
Ich bin bei einer meiner Hehlereien darüber gestolpert. Und da du der einzigste Historiker in meinem Bekanntenkreis bist und ich deine Begeisterung für diese Uraltsachen kenne …
Sie grinste. Wahrscheinlich wollte ich mich auch nur mit dem neuen starken Mann der Rebellion gut stellen.
Walker, der wieder seiner ursprüngliche Beschäftigung nachging, lachte unterdrückt.
Die Zitate waren aus diesen Dokumenten. Und Liv, du hast dich mit dieser Sache verdammt gut mit mir gestellt. Das war die erste wirkliche Spur zum Hauptsystem der KHALAKUR-Erbauer!
Gern geschehen. Und jetzt?
Die KHALAKURS waren die gewaltigen Schlachtschiffen der Namenlosen, als mond- oder gar planetengroße Giganten beschrieben (aber das sind wahrscheinlich Übertreibungen). Mit ihnen beherrschten sie einst die Galaxis.
Haddingtons Augen glitzerten. Die Bewaffnung dieser Schiffe muss alles in den Schatten stellen, was gegenwärtig im bekannten Kosmos existiert. Mit ihnen hätten wir endlich einen Trumpf gegen das Imperium in der Hand. Deshalb verfolge ich immer noch dieses Hirngespinst.
Er deutete auf das Holo. Und das hier ist der Platz, wo wir sie finden können.
Die junge Frau sah ihn skeptisch an. Und du glaubst wirklich, dass diese Schiffe all die Jahrtausende überstanden haben. Und dass wir sie in dieser … Schutthalde finden können?
Es gab in der Vergangenheit immer wieder Sichtungen dieser Schiffe, unförmige dunkle Gebilde, die eben diese alten Legenden am Leben hielten. Im kybernetischen Museum der Naruu finden sich uralte Artefakte, die den Namenlosen zugeschrieben wird. Ihnen gemein ist, dass sie keinerlei Anzeichen der Abnutzung oder Alterung aufweisen. Ja, ich glaube, dass es noch KHALAKURS gibt und dass hier die Spur zu ihnen gefunden werden kann.
Liv nagte nachdenklich an der Unterlippe.
Goodman ist vor vier Monaten gestorben
, fuhr der hochgewachsene Mann fort. Ich wurde zwar demokratisch zu seinem Nachfolger bestimmt, leite jetzt offiziell das terranische Kontingent der Rebellion, aber es gibt immer noch starke Widerstände gegen mich. Der Anteil der Personen, denen ich vertrauen kann, ist noch klein. Ich brauche hier jemanden, der das Projekt in meinem Sinne leitet. Jemand, dem ich vertraue.
Liv hob abwehrend die Hand. Du denkst nicht wirklich an mich?
Er grinste. Ich denke wirklich an dich.
Walker, der offenbar über ein ausgezeichnetes Gehör verfügte, kein Wunder bei diesen Ohren, warf ein: Und wenn er das sagt, meint er es so. Sie sollten sich geehrt fühlen, Liv.
Schmutzige Außenjobs, Fluchthelfer, verbotene Waren organisieren. Das bin ich. Ich hehle und stehle für die Rebellion. Aber … Ich habe mein Geschichtsstudium abgebrochen!
Was ich sehr schade finde. Dein Profil zeigt, dass du ausgezeichnet in der Menschenführung bist. Ich biete dir diesen Job an. Leiter des Riotoo-Projekts. Natürlich abseits von der Hektik des Außendienstes. Aber vielleicht würdest du ja gerne einmal etwas zur Ruhe kommen? Denk darüber nach. Ich findest alle Unterlagen in der Kabine. Aber jetzt würde ich dir gerne den Rest der Station zeigen.
Liv hängte sich lächelnd bei ihm ein. Okay, ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen. Aber Liv Zili, Direktor Riotoo, das klingt ziemlich schräg.
An: Doc Haddington
Von: Liv Zili
Okay, die Aufgabenverteilung ist die:
Xander Mpris ist für der Chef der gesamten Wissenschaftlichen Abteilung, ihm berichten die diversen Unterabteilungen (Archäologie, Xeno-Biologie, Linguistik, Hyperphysik, Astronomie, …)
Blaise Wellington übersieht unsere kleine Polizeigruppe
Simeon Leener ist für die IT bzw. Technik allgemein zuständig
Shirley Xao-Teng ist unsere Flottenchefin
Sie koordinieren sich untereinander in wöchentlichen Meetings, unterstehen nach außen dir, ich habe ein Entscheidungsrecht in allen Fragen.
Liv Zili ist der Sicherheit zugeordnet bzw. ZBV für alle Arten Außendienst. Danke, dass du mir letzteres bewilligt hast. Auf einem reinen Schreibtischjob würde ich wahnsinnig.
Grüße,
Liv.
An: H.
Von: Z.
Dein Freund Walker ist (hoffentlich, bitte) einer größeren Sache auf der Spur: Er hat hyperdimensionale Aussetzer bei wiederholten Vermessungen der Asteroidengürtel entdeckt. Annähernd kugelförmige Zonen, deren HD-Spektrum unnatürliche Abweichungen zeigt. Im Mittelpunkt der Zonen scheint sich in der Regel ein Planetoid zu befinden. Wir haben diesen Objekte höhere Priorität bei der Vermessung eingeräumt.
Liebe Grüße,
Liv
An: Haddington
Von: Zili
Bevor ich's vergesse: Gratulation zur Beförderung. Ich nehme an, die Emissary hüpft gegenwärtig im Dreieck (*). Dass ein unwerter Normalo-Terraner ins Führungsgremium des Bundes aufgenommen wird, dürfte den meisten unserer ethischen Mitmenschen den Tag vermiesen.
Küsschen.
Liv.
(*) Nicht dass es ihr schaden könnte, die Ärmste hat in den letzten Monaten enorm zugenommen. Ich wusste wirklich nicht, dass diese Supermenschen Übergewicht bekommen können…
Traktor war ein ausnehmend falscher Name für die stählerne Spinne, die sich mit ihren zwölf Beinen fest in dem Boden des Asteroiden verankert hatte, und deren vier Rüssel knapp über dem Felsboden diensteifrig schnüffelten. Die Rüssel einer Spinne – Melvin Duchamps schüttelte seufzend den Kopf. Die Schnauze eines solchen Rüssels enthielt sowohl einen schwachen Desintegrator als auch einen Antigrav. Der eine löste das Gestein, zerbröselte es in kleinste Bröckelchen und Staub, der andere saugte diesen Abraum an und blies ihn schließlich ins freie All. Zurück blieb, noch eingebacken in eine dünne Kruste, der Fund. Der Kruste würde man in Riotoo-HQ mit allerlei chemischen Mitteln zu Leibe rücken. Und dann den Fund allen bekannten Analysen unterwerfen.
Riotoo-2415 vollendete eine weitere Rotation um seine Längsachse und Riotoo-S, der einzige verbliebene Planet des Systems schob sich in schmutzigem Weiß über den Horizont. Der Archäologe nickte der gewaltigen körnigen Scheibe grimmig zu. Dort drüben, in der sturmumtosten Wasserstoff/Helium-Hülle des dreimal jupitergroßen Riesen würde R-2415 in wenigen Monaten seine lange Reise beenden. Bei der Zerstörung seiner Welt war dieses Bruchstück in einer weiten elliptischen Bahn aus dem Riotoo-System herausgeschleudert worden, um nach über zehntausend Jahren schließlich hierher zurückzukehren, stur im direkten Kollisionskurs auf den letzten Planeten zuhaltend. Das Gravitationsfeld des Gasplaneten würde den Asteroiden in Dutzende von Fragmente zerreißen. Diese würden dann in die Atmosphäre in die äußere Atmosphäre des jupiterartigen Riesen eindringen und in gewaltigen Explosionen verpuffen. Nun ja. Riotoo-S hatte in den zehntausend Jahren seit der Zerstörung des Riotoo-Planetensystems unzählige solcher Kollisionen miterlebt, die dunkleren, gelbgrauen Flecke, mit denen der Gigant gesprenkelt war, legten Zeugnis davon ab: jeder Fleck bedeckte eine Fläche größer als die der Erde, aufgewühlt, entstanden während des feurigen Untergang eines Kometen oder eines anderen Splitters der ehemaligen Geschwisterplaneten.
Es blieben noch einige Wochen Zeit für Duchamps, R-2415 weitere Geheimnisse zu entreißen. Der Asteroid hatte sich in dieser Hinsicht bisher als unerwartet großzügig erwiesen. Unter einer festgebackenen Erzkruste war der Archäologe auf mehrere Kammern mit Gadgets gestoßen, technische Hinterlassenschaften der K-Erbauer. Zwar hatte er kein funktionsfähiges Stück aufgefunden (im Gegensatz zu Maher, die vor drei Wochen eine Art Roboter entdeckt hatte), aber die Artefakte würden den Forschungsteams auf Riotoo-HQ genügend neue Ideen und Denkansätze liefern. Und er hatte das da gefunden.
Duchamps drehte sich langsam um und blickte zu den Positionslichtern des Tenders hinauf, der einige hundert Meter über ihm schwebte. Der Transporter war gekommen, um seinen letzten Fund einzusammeln und den begierigen Wissenschaftlern zuzuführen. Er würde sich noch etwas gedulden müssen. Die Traktorspinne hatte ihre Arbeit, das Gebilde freizulegen, noch nicht vollendet. Duchamps kniff die Augen zusammen, als er eine Schleuse in der Bugkapsel des Tenders aufleuchten sah. Der angekündigte Besuch. Tobbs hatte sich seltsam bedeckt bezüglich dessen Identität gezeigt. Duchamps blieb abwartend stehen und beobachtete gespannt den Abstieg des Unbekannten. Offenbar war der Fremde noch nicht sehr geübt in der Benutzung des Antigravs, er machte ein paar kleinere Fehler. Aber schließlich setzte er einige Meter neben Duchamps verankertem Jäger auf. Duchamps ließ seine Positionsleuchte aufblinken und der andere antwortete entsprechend. Es knackte in Duchamps Helmempfänger.
Hey
, sagte eine Stimme. Eine Stimme, die Duchamps augenblicklich lächeln ließ. Sie war eindeutig weiblich.
Hey. Bleiben Sie, wo Sie sind. Ich komme rüber.
Mit kleinen Sprüngen näherte er sich dem Jäger und klammerte sich schließlich an einer der Verstrebungen fest. Erwartungsvoll sah er den anderen an. Hinter dem leicht verdunkelten Helmglas sahen ihn freundliche hellblaue Augen unter einem kurzen blonden Haarschopf an. Durchaus nett. Der klobige Anzug verbarg leider die Figur seines Trägers, aber das Gesicht war viel versprechend. Melvin setzte sein charmantestes Grinsen auf und sagte: Hallo. Ich bin Melvin Duchamps.
Liv Zili. Ist das da Ihr Fund?
Melvin nickte. Das ist Eurydike.
Eurydike?
Ich finde, sie sieht aus wie der Kopf einer singenden Frau. Deshalb Eurydike. Nach der Sage.
Nach der Sage.
Die Nase der jungen Frau kräuselte sich leicht und sie sah angestrengt zur Ausgrabungsstelle hinüber. Der säulenförmige Körper der Statue (um eine solche handelte es sich höchstwahrscheinlich) war im Scheinwerferlicht der Traktor/Spinne klar zu erkennen: ein Kegelstumpf mit ovaler Grundfläche (knapp 100 x 70 Zentimeter), über drei Meter hoch, nach oben zu verjüngend, das Kopfteil abgerundet. Das Gebilde war etwas gekrümmt und leicht in sich verdreht. Auf der graublauen Oberfläche waren Symbole eingeritzt. Tatsächlich konnte man einen langgezogenen halbrunden, leicht vertieften Bereich durchaus als Mund interpretieren (oder als Tor). Eingegrabene Rillen erzeugten die Illusion dünner Zahnreihen. Wie Borten eines Wales. Im oberen Drittel umlief ein Kranz aus zehn Zentimeter dicken Kristallkugeln die Säule. Liv schüttelte nachdenklich den Kopf. Ich weiß nicht. Irgendwie wirkt das ziemlich phallisch auf mich.
Duchamps runzelte die Stirn, betrachtete Eurydike erneut, betrachtete Livs Gesicht, räusperte sich. Verzeihen Sie die Frage eines seit Monaten abstinent lebenden Mannes: haben Sie ein erfülltes Sexualleben?
Liv lachte. Eurydike war eine Nymphe, die Geliebte des Meistersängers Orpheus. Als sie starb, begab er sich in die Unterwelt und becircte mit seinem Gesang die Götter, damit diese ihm Eurydike zurückgäben.
Sie legte den Kopf schief. Dass Eurydike sang, davon wusste ich bisher nichts.
Seien Sie nicht so naseweis.
Der Archäologe grinste. Sie sind neu hier? Gehören Sie zu Tobbs' Besatzung?
Ja. Nein. Ich bin seit knapp zwei Monaten in Riotoo. Sicherheitsdienst und ZBV im Außenbereich.
Sicherheitsdienst. Ach du Schande. Eine Politesse. Auf Sightseeing-Tour.
Er nickte zum Traktor hinüber. Es wird noch etwas dauern, bis unsere Schöne ausgegraben ist. Kann ich Sie zu einem Kräutertee in meiner bescheidenen Bleibe einladen?
Er klopfte gegen den Rumpf des Jägers.
Ich soll mich mit einem dauergrinsenden Mann, der seit Monaten sexuell abstinent lebt, in das enge Cockpit eines Riotoo-Jägers quetschen? Um Kräutertee zu trinken?
Sie schüttelte den Kopf. Nein, besser nicht. Erzählen Sie mir lieber noch was von Ihrer Arbeit hier. Ich möchte gerne einen Überblick über meinen neuen Arbeits- und Lebensbereich gewinnen.
Duchamps seufzte enttäuscht.
An: Haddington
Von: Zili
Weitere Artefakte und technische Gadgets, weitere Rätsel.
Diverse Höhlensysteme, die leider in den meisten Fällen von Unbekannten bereits vor Jahrhunderten ausgeräumt wurden. Leider einfach zu wenig Greifbares.
Ein Roboter, ein klobiges hundeartiges Gebilde, mit zusätzlichen Tentakeln statt Armen. Chemogalvanische Batterie. Mpris konnte das Ding aufladen und jetzt läuft es stur im Kreis und blinkt. Ich persönlich tippe auf Kinderspielzeug.
Küsschen,
Liv.
Eurydike sang. Doch kein Mensch hörte oder verstand ihr Lied.
Kein Wunder, dachte Liv Zili. Kein Wunder bei dem Lärm, den diese Irren veranstalten.
Die Glasschiebetüren zu den angrenzenden Laboren waren geschlossen, aber die musikalischen Darbietungen der Laienpopgruppe (Liv hatte den Namen vergessen, den sich die achtköpfige Band gegeben hatte, es war wahrscheinlich etwas Obszönes gewesen) hatte inzwischen einen Dezibelstand erreicht, der den Boden teilweise wie bei einem mittleren Erdbeben vibrieren ließ. Jedes Mal, wenn eine der Türen aufglitt und jemand in das zu Bar und Esssaal umfunktionierte Hauptlabor torkelte, zuckte Liv unter dem hereinflutenden Getöse zusammen.
Das Ende des alten Jahres. Der Anfang des neuen.
Der Rest der Anwesenden schien sich ja zu amüsieren. Liv verzog säuerlich das Gesicht und nahm einen weiteren Schluck ihres Karottensafts. Vielleicht lag es ja daran. Die anderen begnügten sich nicht mit Karottensaft. Vielleicht sollte sie auch zu dem gespiceten Punsch greifen. Nach genügend vielen Gläsern war sie vielleicht so angeheitert wie die vollbusige Assistentin, die eben auf dem Tisch mit den Eis- und Puddingschalen einen Striptease versucht hatte. Liv schürzte die Lippen und schüttelte dann den Kopf. Nein, für einen Striptease mangelte es ihr doch etwas an akrobatischen Können. Schade um das Eis. Und sie kannte sich. In ihrer jetzigen Gemütslage hätte Alkohol sie nur in ein flennendes Wrack verwandelt.
Riotoo. Was für eine Schnapsidee.
Einer von Menardts Mitarbeitern erzählte zum fünfundsechzigsten Mal die Anekdote über die angebliche Jahrtausende alte Tonaufzeichnung der K-Erbauer, die Menardt schließlich als Toilettenspülung identifiziert hatte. Er hatte wie all die fünfundsechzigsten Male zuvor kreischenden Erfolg bei seinen weiblichen Zuhörern. Vielleicht sollte sich Liv doch dem Suff hingeben.
Sie zuckte zusammen, als durch die aufgleitende Tür zehn Meter hinter ihr das Startgeräusch eines alten chemobetriebenen Kampfjets herüber dudelte. Irre.
Sie prostete Eurydike zu. Die drei Meter hohe Statue sah mit ihren Juwelenaugen kühl und missbilligend auf sie herab, der Lamellenmund (so er einen darstellen sollte) war wie immer jammernd aufgerissen. Es konnte allerdings auch sein, dass sie gähnte. Duchamps Fund hatte, nach einer langen Odyssee durch die metallurgischen, die hyperphysikalischen, die xenobiologischen, die parapsychologischen etc. Abteilungen schließlich einen festen Platz im Zentrum des Linguistischen Labors gefunden. Warum auch immer. Vielleicht versuchten sich Menardts Leute ja im Lippenlesen. Liv runzelte die Stirn. Vielleicht hatten die ja doch was in den Karottensaft geschüttet?
Ich wusste es: sie ist einfach schnuckelig.
Das kam direkt von links. Liv hob die linke Augenbraue und drehte sich langsam zu dem Sprecher.
Der grinste sie an und schwenkte eine bauchige Weinflasche. Dann zwinkerte er Richtung Eurydike. Meine Süße sieht einfach toll aus, nicht?
Seine Süße. Der Knabe war ein paar Zentimeter größer als sie, ganz gut gebaut. Wohl in ihrem Alter. Pechschwarze halb lange Haare. Dunkelbraune Augen. Kein Bartwuchs. Ein ungemein freches Lachen. Natürlich. Für mich ähnelt das Ding immer noch einem Riesenphallus.
Das lässt immer noch tief blicken.
Melvin Duchamps nahm Livs Glas und schnüffelte daran. Wodka?
Diese Mistkerle.
Donnergetöse. Der Kerl mit seinem angeblichen Mistelzwerg wanderte wieder von einem Tisch zum anderen. Ein kleiner Mann mit Bierbauch küsste eine muskulöse Mannfrau. Zwei Verlierer, die gewonnen hatten. Irgendwie berührte diese Szene Liv. Sie sah wieder den viel zu fröhlichen Duchamps an.
Sie haben inzwischen noch ein paar von diesen Säulen gefunden.
Ich weiß. Meine Eurydike ist aber die erste, die größte und die schönste.
Liv starrte wieder die Statue an. Keine Ahnung, was sie an dem Ding schön finden.
Duchamps hielt die andere Hand hoch und ließ zwei Weingläser aneinander klirren. Kommen Sie. Ich bin extra zum Neuen Jahr auf die Station gekommen. Trinken Sie mit mir darauf.
Krawumm. Krawumm. Musste ein avantgardistisches Musikstück sein. Hauptsache laut.
Ich kenne auch einen ruhigen Ort.
Liv dachte kurz nach. Irgendein Trottel hatte einen Papphut auf Eurydikes Spitze gesetzt. Liv schob das Karottensaftglas von sich und glitt umständlich von ihrem Barhocker. Meine Kabine.
Okay. Das ist auch eine Möglichkeit.
Es war kurz vor Mitternacht, als Liv Zili Melvin Duchamps das Du anbot. Er nahm an.
Am Morgen des ersten Tages des neuen Jahres fand Liv die Aussicht, ein weiteres Jahr in dieser kosmischen Schutthalde zu verbringen, nicht einmal mehr so abschreckend.
An: A.H.
Von: L.Z.
Unsere Bibliothek hat bedeutenden Zuwachs bekommen.
Auf Riotoo-760 wurden Speichermedien auf Magnetblasenbasis entdeckt. Ich habe Menardt noch nie so begeistert gesehen.
Und noch ein Anlass zur Freude: Lionel William Doris Mahute, 52 cm, 3190 Gramm, 6. Mai 521, 18:31 Terra Standard. Mutter Doris Mahute und Kind sind wohlauf. Auch Vater Ephraim Takeshi hat sich von seinem Vollrausch gut erholt.
Grüße aus dem Trümmerfeld,
Liv
An: Tony
Von: Liv
Die Ethos sind eingetroffen. Vier Krylaws mit je dreien unserer Moralapostel. Lauter hübsche Männer und Frauen.
Liv
P.S. Das vermehrte Auftreten von Piraten im näheren Umkreis beunruhigt mich doch etwas. Bitte stelle ASAP mindestens eine besser bewaffnete Einheit ab.
(Rekonstruktion anhand DataVis-Auswertung)
Der Desintegratorstrahl durchschlägt die Panzerung seines Raumanzuges unterhalb seiner Brust. Michael stolpert rückwärts und prallt gegen die Wand. Seine Beine geben unter ihm nach und er rutscht an der Metallwand zu Boden.
Der mit dem DataVis gekoppelte Anzugcomputer hat Ein- und Austrittsöffnung des Strahltreffers bereits abgedichtet, so wie er auch das Sauerstoffpack auf seinem Rücken abgeklemmt hat, das zerstört worden war. Damit steht Michael nur noch die Notfall-Oxygenration zur Verfügung, teilt ihm sein DataVis mit. Die aufgeplatzte Bauchschlagader konnten die Nanoeinheiten flicken. Aber das faustgroße Loch, das ihm der Schuss in den Magen gerissen hat, der Teil des Rückgrats, den er aufgelöst hat, das können seine Nanodepots nicht reparieren, liest er die Information seines MedCos. Michaels Helminnenseite beschlägt, während er vergeblich versucht, seine Beine zu bewegen, sich aufzurichten, zu fliehen. Er keucht. Verschwommen erkennt er Gestalten, die sich in der Deckung der Maschinenblöcke heranschleichen. Er zieht seinen Blaster an sich, zielt mühsam und schießt. Eine der Gestalten schwankt, fällt. Michael kichert. Eine Stimme dröhnt in seinem Helmempfänger, unverständliches Zeug. Er sieht einen weiteren Angreifer und schießt erneut.
Ein weiterer Desintegratorstrahl bohrt sich in seine Brust. Nur sekundenlang spürt er Schmerzen. Der Blaster entgleitet seiner kraftlosen Hand. Er kann nicht atmen. Er …
Ein Mann steht vor ihm. Sein Gesicht ist eine hässliche Fratze voller Triumph. Eric Falcone, der gleiche Mann, der auch Lupe ermordet hat. Michael starrt zu ihm empor. Er kann nicht atmen. Der andere sagt etwas und wieder dröhnen unverständliche, sinnlose Geräusche in Michaels Helm. Falcone hebt seine Waffe und richtet sie auf Michaels Kopf.
Michael starrt auf die weißglühende Mündung des Desintegrators.
Er kann nicht atmen.
Er
Spiel's nochmal, Sam.
Spiel's nochmal.
Nochmal.
Dies ist Michael Hubers Story. Nun, zumindest ein Teil davon.
Michael Huber war der Böse, der Saboteur, verantwortlich für den Tod von drei Menschen auf Riotoo-Station.
Michael Huber war leicht übergewichtig, dieser birnenförmige Typ von Mensch. Nicht sonderlich erfolgreich beim anderen Geschlecht. Immerhin fand der Techniker bei der Wissenschaftlichen Assistentin Lupe Hernandez seine große Liebe. Wobei Lupe selbst wohl auch kaum der große Fang in Sachen Schönheit war. Zu groß, zu wuchtig, um Männer eigentlich in sexuelle Fieberträume zu treiben. Sagen wir, zwei Mauerblümchen und hässliche Entchen, die nie zu wunderschönen Schwänen mutieren wären, hatten gesucht und einen für sie akzeptablen Kompromiss gefunden.
Naja.
Liv Zili schrieb am 1.1.523 NTZ in einem Hypergramm an Anthony Haddington:
Die ersten Tage des neuen Jahres sollten eine Zeit der Besinnung sein. Ein Zur-Ruhe-Kommen, ein entspanntes Zurücklehnen. Man blickt auf die vergangenen zwölf Monaten zurück, hält Ausschau auf und plant für das Kommende. Leider ließen gerade die letzten Tage auf Riotoo-HQ diese geruhsam und besinnliche Stimmung nicht aufkommen. Dramatische und tragische Ereignisse prägten diesen Jahreswechsel.
Ein armer irregeleiteter Techniker, Michael Huber, verübte einen Anschlag auf den Aliensektor der Station. Dabei kamen zwei Menschen ums Leben. Der Sicherheitsdienst kam Huber sehr schnell auf die Spur, aber dennoch kostete diese Jagd noch zwei, mit Huber selbst drei Leben.
Ich bin wegen der Art und Weise, wie Blaise Wellington die Untersuchung des Anschlags aufgezogen hat, sehr hart mit unserer Sicherheitschefin aneinander geraten. Ich verurteile die angewandten Techniken immer noch. Aber in unserem Gespräch hat Blaise mir gegenüber etwas geäußert, das ich mit tiefer Betroffenheit als zutreffend akzeptieren muss: ich trage Mitschuld an Michael Hubers Taten, ich hätte sie verhindern können.
Der Türmelder schlug an. Liv, ein Michael Huber will mit dir sprechen.
Liv Zili schob die Holofolien zusammen, die sie studiert hatte, atmete tief durch und sagte dann: In Ordnung. Er soll bitte hereinkommen.
Sie warf einen kurzen Blick aus dem Fenster, das die gesamte Rückfront ihres Büros einnahm. Ihr Arbeitsraum lag im ersten Obergeschoss, direkt über dem Hangar. Der Anblick, der sich ihr gegenwärtig bot, war der des blassblauen Leuchten des Riotoo-Zentralgestirns hinter dem milchigen Schleier der Staubwolke. Nicht sehr erwärmend.
Als der Mann die Tür hinter sich schloss, stand sie auf und ging ihm entgegen. Huber hatte ein Allerweltsgesicht und einen kleinen Bauch, sein dunkles Haupthaar war im Begriff zurückzuweichen. Mit einer Körpergröße von 1,60 Meter war er weit unter dem Durchschnitt. Laut Akte war der Vierzigjährige seit Ende 521 als Techniker auf der Station beschäftigt. Nie auffällig geworden. Huber blinzelte Liv an, als diese ihm die Hand entgegenhielt und schlug schließlich ein. Ich bin Michael Huber. Sie wollten mich sprechen, Miss Zili?
Ja. Setzen Sie sich bitte. Sie können mich gerne Liv nennen, Michael.
Huber nahm umständlich Platz, drückte die Beine zusammen, legte die Hände auf die Knie und sah sie fast schon ängstlich an. Liv verkniff sich das Lachen. Sie sind vom Sicherheitsdienst?
Liv räusperte sich und lehnte sich an den Schreibtisch. Kein Grund zur Besorgnis, Michael. Kein Grund zur …
Sie schüttelte den Kopf. Ihre Eltern waren Martha Huber und Sergej Finnen?
Huber nickte. Sie wurden vor zwanzig Jahren von der Erde nach Neffem umgesiedelt. Sie bewirtschaften mit meiner Schwester und ihrem Mann eine Praem-Kautschuk-Farm.
Er lächelte schwach.
Er hat die Vergangenheitsform nicht bemerkt, dachte Liv. Ich muss Ihnen leider eine schreckliche Mitteilung machen.
Hubers Gesicht wurde bleich. Liv wusste, woran er jetzt dachte: an die furchtbaren Geschehnisse von Sinnida vor über 30 Jahren. Und er hatte Recht, sich an das Massaker zu erinnern: die Vergangenheit hatte sich wiederholt, im kleineren Maßstab, nichts was die Trivid News in grellen Schlagzeilen entsetzt verkünden würden, es würde maximal eine kleine Randnotiz wert sein. Kautschuk-Farmer von Neffema-Lohnarbeitern bestialisch ermordet. Kein ausgeklügelter Terrorakt diesmal. Keine radioaktiv verseuchten, für immer verlorenen Nutzflächen. Nur sechs Menschen, davon zwei Kleinkinder, ermordet von verbitterten Neffema, die am Existenzminimum lebten, sich ihr Brot mühselig auf den Feldern verdienen mussten, die einst ihren Ahnen gehörten. Ihre Eltern und die Familie Ihrer Schwester wurden von Neffema getötet. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie leid mir das tut. Ich möchte Ihnen hiermit im Namen der Stationsleitung mein Beileid ausdrücken.
Huber sah sie verständnislos an. Was?
, fragte er hohl.
Ihre Eltern und die Familie Ihrer Schwester …
, begann Liv, dann begriff sie, dass Huber gar nicht zuhörte. Der Mann fuhr sich mit seiner Hand übers Gesicht, setzte mehrmals zum Sprechen an. Dann begann er zu weinen.
Liv nickte. Sie suchte ein Taschentuch aus ihrer Brusttasche und hielt es ihm hin. Huber nahm es nicht an.
Haben Sie jemanden, der sich um Sie kümmert? Sie sollten jetzt nicht allein sein.
Sie musste es dreimal wiederholen, bevor der Techniker sie verstand. Fast unverständlich presste er Lupe
hervor.
Lupe? Das ist Ihre Freundin? Ich werde sie rufen lassen.
Sie eilte um den Tisch herum, aktivierte seine Akte. Sie fand den Namen, staunte erneut darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit und Unverfrorenheit Blaise Wellington private Informationen über alle Riotoo-Mitarbeiter sammeln ließ. Lupe Hernandez? Soll ich sie rufen lassen? – Servo, bitte versuche, Lupe Monica Hernandez zu erreichen. Sie soll so schnell wie möglich hierher kommen. Dringliche Angelegenheit. Stationssicherheit.
Sie blickte auf. Bleiben Sie bitte sitzen, Michael. Ihre Freundin wird in wenigen Minuten hier sein.
Michael sah sie aus verweinten Augen heraus an. Kann ich nach Neffem? Es wird eine Beerdigung geben. Ich sollte …
Liv schüttelte den Kopf. Sie wissen, dass das nicht geht, Michael. Sie sind Thydery beigetreten und haben damit eigentlich Abschied von Ihrem bisherigen Leben genommen. Zudem haben Sie für vier Jahre Riotoo-System unterschrieben. Es tut mir sehr leid.
Michael sah zu Boden. Mein Bruder wird sich wohl darum kümmern. Er ist Soldat beim Imperium. Aber sie hatten kein gutes Verhältnis.
Minuten später kam Lupe Hernandez. Eine große, wuchtige Frau. Eine Frau, die Michael genug Halt bieten konnte. Liv erklärte der Wissenschaftlichen Assistentin (Akte) die Situation und Lupe sah voller Mitleid auf den Mann herab, der wie ein Häufchen Elend in seinem Stuhl saß.
Furchtbar
, sagte sie. Ich werde ihn nach Hause bringen.
Als die beiden gegangen waren, stellte sich Liv ans Fenster, sah nachdenklich hinaus. Unter ihr flogen drei der umgebauten Raumjäger in das weit aufgerissene Maul des Hangars ein, Sucher, die ihren Arbeitstag beendet hatten. Melvin war heute nicht dabei, er beteiligte sich schon seit Wochen an Ausgrabungen am Rande des Systems beschäftigt. Oh ja. Danke, Tony
, murmelte sie.
Auf dem Weg zu Lupes Kabine begegneten sie einem Szuu. Der Insektoide klapperte wütend mit seinen Mandibeln und drängte sich rücksichtslos an ihnen vorbei. Er roch nach Terpentin, er musste Yuukh zu sich genommen haben, ein honigartiges Stimulans. Der Szuu war betrunken. Michael starrte der schwarzglänzenden Figur hinterher, bis sie mit eckigen Bewegungen in einem Seitengang verschwand.
Neffema und Szuu hatten ein gemeinsames Ursprungsvolk. Ein Wesen wie dieses hatte seine Eltern, seine Schwester, seine Neffen getötet.
Liv Zili schrieb am 1.1.523 NTZ:
Ich habe damals versäumt, Huber bei der Psychologischen Abteilung zu melden. Außerdem hätte ich einen entsprechenden Vermerk in seiner Akte vornehmen müssen, ihn wegen wahrscheinlicher emotionaler Imbalance als potentielle, verschärft zu überwachende Gefahrenquelle einstufen sollen. Das alles gehört zum gängigen Protokoll in solchen Fällen. Eine gute Sicherheitsbeamtin berücksichtigt das. Eine gute Stationschefin auch.
Deshalb trage ich Mitschuld am Tode von fünf Menschen.
Angesichts dessen (und vielleicht auch der spärlichen Ausbeute im Trümmerfeld der letzten Jahre) möchte ich dich ersuchen, meine weitere Verwendung im Riotoo-Sektor zu überdenken.
Ein harmloser, leicht übergewichtiger Techniker wird durch die Ermordung seiner Familie durch Nicht-Menschen zum Alienhasser. Begreift endlich, was für ein Schwachsinn Thydery ist und betätigt sich schließlich als Bombenleger und Saboteur.
Hmm. Okay, er könnte natürlich immer noch ein Schläferagent des Reiches gewesen sein.
Michael Huber? Ein Spion des Imperiums? Also echt. Man mag Caranor alles unterstellen, aber ein bisschen Geschmack hat er schon.
Sie erwachte durch Michaels Schrei. Mühsam kämpfte sich Lupe durch die verwirrenden Momente des Erwachens, versuchte sich zunächst vergebens zu orientieren. Eine Regaleinheit voller Trivial-Vids, ein offen stehender Wandschrank, vollgestopft mit Kleidern, ein extrem kitschiger riesiger Teddybär. Neben ihr war Michael, in sitzender, gekrümmter Haltung, seine Hände vor dem Gesicht verkrampft. Er zitterte.
Micha
, murmelte sie und richtete sich auf. Was ist los?
Sein Rücken, seine Arme waren klatschnass. Sie berührte ihn am Nacken und er zuckte zusammen. Was ist los, Micha? Was hast du?
Die Dunkelheit um sie ihn herum wich allmählich einem angenehmen Dämmerlicht, die Automatik hatte das Erwachen beider registriert. Michael ließ die Hände sinken und starrte sie verständnislos an. Lupe seufzte, schlug die Decke zurück und setzte sich neben ihren Freund. Sie streichelte seinen Rücken und begann dann langsam, seinen Nacken zu massieren.
Ein Albtraum? Schon wieder? Das ist nicht sehr schmeichelhaft für mich.
Sie zog eine Schnute. Michael lachte unwillkürlich. Schon besser.
Schon besser. Danke.
Lupe lächelte und küsste ihn auf die Stirn.
Verdammte Hirngespinste
, murmelte Michael und beobachtete, wie die Frau sich leicht schwankend erhob. Lupe gähnte und kratzte sich ausgiebig in ihrem zerzausten goldbraunem Haarschopf. Dann sah sie an ihrem nackten Körper herab, blickte Michael an und lachte unsicher. Michael setzte ein Lächeln auf und sie tapste zum Bad.
Das Bad war winzig. Das Licht war wie in allen Bädern zu grell, zu offenbarend. Lupe streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus. Lupe Monique Hernandez. Achtundzwanzig Jahre. Keine Schönheit. Zu groß. Zu grobknochig. Leicht übergewichtig. Bisher nicht sehr gefragt bei der männlichen Besatzung der Station. Sie setzte sich, sah hinüber zur Tür, lächelte.
Fünf Uhr? Dann lohnt es sich für mich nicht mehr.
Lupe nahm ihre Unterwäsche von der kleinen Kommode und begann sich anzuziehen. Menardt hat neue Artefakte bekommen und eine neue Idee. Das heißt für unsere Abteilung: die nächsten Wochen erst mal wieder Überstunden.
Und? Wird er seinen Durchbruch erzielen?
Lupe zuckte mit den Schultern. Sie kniff ein Auge zu und blinzelte Michael verschwörerisch an. Alles streng geheim. Wenn ich dir auch nur einen Piep von dem erzählen würde, an dem wir da arbeiten, müsste ich dich erschießen!
Sie nickte schwer. Und das wäre schade.
Michael ließ sich in die Kissen zurücksinken. Na dann.
Sie knöpfte ihre Bluse zu. Heute abend?
Als sie gegangen war, saß er noch eine halbe Stunde im Bett und starrte die Wand an. Er hatte geträumt. Den gleichen Traum wie seit drei Wochen. Er hatte von der Ermordung seiner Eltern und der Familie seiner Schwester geträumt. Er hatte die Neffema, groteske fette Riesenameisen um ihre auf Pflöcken aufgespießten verkohlten Körper tanzen sehen.
Er hatte den Traum nicht jede Nacht, aber häufig. Und die Szenen waren so erschreckend real.
Er schlug die Hände vors Gesicht und weinte.
Sublimale Botschaften.
Subconscious Training and Programming.
Pawlow. Wau.
Nichts leichter als das. Wir leben im Zeitalter von DataVis und MedCo.
Übelkeit, Abscheu, Ekel getriggert durch bestimmte optische, akustische, olifaktorische Signale. Die Duftspur eines Szuu, der Feinschuppenstaub von Jarimigefieder. Brech- und Juckreize. Übelkeit, Abscheu, Ekel. Hass.
Und Michaels Träume? Rekonstruierte Bilder des Geschehens auf Neffem. Horrorvisionen ohne wirklichen realen Hintergrund, oft der übelsten Propaganda des Reiches entliehen. Naruus, die Menschenbabies verschlangen. Jarimi, die hilflose Menschen in Teergruben ertränkten. Gemixt mit erwiesenermaßen echter Footage.
Michael …
… ging nicht zum Medik. Menschen wie er gingen wegen solchen Dingen nicht zum Arzt.
… begann größere Dosen Beruhigungsmittel zu schlucken.
… begann, den Nicht-Menschen an Bord der Riotoo-Station mit gesteigertem Argwohn zu begegnen.
… begann sich ernsthaft Gedanken über Thydery und den Ausverkauf der Terranischen Werte zu machen, besonders nachdem ihm ein Traum Haddington gezeigt hatte, wie dieser selbstherrliche Exotenfreund mit seinen Echsen-, Insekten- und Hühnerfreunden ein Gelage feierte, während terranische Soldaten zu ihrer Erbauung exekutiert wurden.
Der DataVis steuert die Träume des Probanten in die gewünschte Richtung, der MedCo untermauert die Psychosen mit dem richtigen Hauch Psychotroppharmaka. Et voila, in wenigen Monaten bastelt man sich den perfekten, überzeugten Assassinen zusammen.
Und nach dem fünften Traum über eine im Alien-Quartier explodierende Sprengladung, kapierte Michael endlich und machte sich ans Werk. Wie erwähnt, war er nicht der genialste und geschickteste Techniker, aber auch dafür gab's DataVis-Tutorials. Den seinen gibt's der Herr im Schlaf.
Der Jarimi stolzierte aus dem Aufenthaltsraum und hätte den Mann in der Technikermontur fast über den Haufen gerannt. Mit einem erschrockenen Gackern prallte er zurück. Der Mensch sah mit verkniffenem Gesichtsausdruck zu ihm auf. Diese Bereiche hier sind für Nicht-Menschen reserviert
, zwitscherte der Vogelartige.
Ich weiß
, erwiderte der Mensch und klopfte auf die Werkzeugtasche, die er trug. Wartungsarbeiten.
Er deutete zur Wand. Die Augen des Jarimis folgten dem ausgestreckten Zeigefinger und musterten irritiert den ovalen Umriss auf der Metallfläche. Zugang zum Wartungsschacht. Wartungsarbeiten.
Ah.
Der Jarimi blieb abwartend stehen. Der Mensch seufzte und ging an ihm vorbei. Mit einem stiftartigen Gerät hob er die Molekularhaftung der Klappe auf, nahm den Deckel ab und lehnte ihn neben dem nun offenen Wartungszugang ab. Er leuchtete mit einer Stablampe ins Innere. Der Jarimi schob sich neben ihn und beäugte neugierig die Kabelbäume innerhalb des nun sichtbaren Schachts. Ich glaube, diese Tätigkeit, War-tung, machen bei uns Roboteinheiten.
Es gibt manche Dinge, die kann man Crawlern nicht überlassen. Die muss man selber machen.
Der Mann stieg in den Schacht und kletterte an den Sprossen, die an der Rückwand eingelassen waren, nach oben.
Der Ornithoide wartete noch etwas, dann verlor er das Interesse und marschierte in Selbstgezwitscher versunken davon.
Michael Huber versteckte eine Sprengladungen in diesem Kabelschacht. Weitere in der Nähe der Quartiere der Szuu und Naaru. Es handelte sich um schmutzige Bomben, die hochradioaktive Strahlung freisetzen würden. Wenn die Nicht-Menschen die Explosion überleben sollten, würde die Strahlung sie töten.
Michael war high. Er hatte seinen MedCo manipuliert und sich mit Mutmachern aufgeputscht. So brachte er es sogar fertig, eine Melodie zu pfeifen, als er auf dem Rückweg dem Jarimi erneut begegnete. Irgendein Kinderlied. Der Vogelartige trillerte freundlich und machte ihm zuvorkommend Platz.
Michael brachte weitere Sprengladungen an den verschiedenen Energieverteilern an. Eine am Leitsystem für den Hangar. Niemand kontrollierte ihn, keiner schenkte dem Mann im Anzug der Wartungskräfte Beachtung.
Zu Michaels Pech entschied sich der Jarimi doch dafür, beim Technischen Dienst nachzufragen. Irgendwie war dem Vogelabkömmling die Sache nun doch etwas seltsam erschienen.
Zwei Wartungs-Techniker hörten sich das Gezwitscher des Riesenvogels an und entschieden sich schließlich dafür, nachzusehen, was ihr unregistrierter Kollege ohne Lognachweis da herumgebastelt hatte. Doris Mahute löste die Klappe des Wartungsschachtes und stieg die Leitersprossen empor. Als ihre Hand die sensitive Hülle der Sprengladung berührte, explodierte diese. Doris Mahute verbrannte in dem Glutball, ihr Kollege Marcos Idam wurde von der einbrechenden Decke erschlagen. Dem Jarimi verschmorte es einige Pürzelfedern. Da der Aufenthaltsraum zu diesem Zeitpunkt nicht besetzt war, kamen keine weiteren Menschen oder Extraterrestrier zu Schaden.
Keine Aufzeichnungen. Die DataVis wurden vernichtet.
Schade.
Doris Mahute hinterlässt ihren Lebensgefährten, Ephraim Takeshi, und den eineinhalbjährigen Sohn Lionel William Doris Mahute, bekanntlich der erste Junge, der im Trümmerfeld Riotoo geboren wurde. Das Universum ist grausam und ungerecht.
Marcos Idam war eigentlich allgemein unbeliebt Bei seiner Raumbestattung stand der Priester tatsächlich allein vor dem Sarg.
Blaise Wellington reagierte, wie von ihr zu erwarten war: unmittelbar nach der Explosion ließ sie den Ausnahmezustand ausrufen, sperrte Riotoo-HQ ab und schickte ihre Bluthunde los. Warum Blaise sich für Thydery und dessen Ideale engagiert, ist den meisten ihrer Untergebenen ein Rätsel: Caranor hätte die eiskalte graue Dame mit Kusshand in seinen Geheimdienst aufgenommen. Unbeschwert den Ausnahmezustand nutzend, ignorierten also Blaises Leute die durch die Thydery-Protokolle eigentlich verbrieften Freiheitsrechte der Stationsbelegschaft, schnüffelten und befragten aufs Peinlichste. Schließlich forderte Blaise unter Berufung auf die Notstandsgesetze auch die Auswertung der vorhandenen DataVis-Protokolle.
Natürlich kamen sie auf Michael Hubers Fährte.
Der hatte sich entsetzt über den Tod der befreundeten Technikerin in sein Versteck verzogen, eine alte Werkstatt im nicht wiederhergestellten und eigentlich unzugänglichen Bereich der Katakomben. Dort heulte er vor sich hin und überlegte ernsthaft, sich sich zu stellen.
Lupe Hernandez geriet wegen seines spurlosen Verschwindens und der penetranten Befragung durch die Sicherheitler in Panik. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass der geliebte Micha hinter diesem Bombenanschlag steckte. In der Nacht verließ sie still und heimlich ihre Unterkunft und begab sich über Schleichpfade in den Untergrund. Micha hatte ihr vor Monaten sein kleines Hobbyatelier gezeigt. Dort bastelte er Miniaturbausätze aller bekannten Raumschiffstypen nach. Seufz, er war eben ein großes Kind, ihr Micha.
Aber die Spitzenleute der Wellington hatten sich schon an ihre Fersen geheftet. Mehanin Nazir und Eric Falcone. Gerade der letztere ungemein trigger-happy und versessen darauf, den Caranor-Spion zu erlegen. Wahre Helden eben.
Lupe öffnete die Tür zu dem Werkraum. Das Licht gleißte sofort auf, als sie eintrat.
Sie hatte einige Mühe gehabt, den Raum zu finden. Nachdem er gespürt hatte, wie unwohl sie sich in den Katakomben fühlte, hatte Michael sie nicht mehr hier herunter geführt.
Ihr verständnisloser Blick wanderte über die überfüllten Werkbänke. Sie ging langsam weiter in den Raum hinein. Unter ihren Füßen knirschte etwas. Schaltelemente, die über den Boden verstreut waren. Neben einem Tisch lag ein umgekippter Stuhl. Sie stellte ihn wieder auf.
Lupe? Was machst du hier?
Sie starrte quer durch den Raum auf Michael, der offenbar auf dem Boden hinter einem Metallschränkchen gelegen hatte. Michaels Gesicht war übernächtigt, die verweinten Augen waren blutunterlaufen. In der Hand hielt er eine Waffe.
Die Welt begann sich um Lupe zu drehen, immer schneller. Sie hielt sich mit beiden Händen an der Werksbank fest. Micha! Mein Gott! Was ist los?
Michaels Blick fiel auf die Waffe in seiner Hand und er legte sie schnell auf den Schrank. Mit einer müden Bewegung fuhr er durch sein Haar. Nichts. Nichts ist los.
Er bemühte sich zu lächeln. Es ist schön, dich zu sehen, Kleines. Nichts ist los.
Diese Explosion heute morgen. Im Exotensektor. Hast du damit zu tun?
Lupe hatte sich nie zuvor so hilflos gefühlt.
Nichts ist los.
Michael, wir gehen zusammen hoch, ja? Komm mit mir hoch.
Er schüttelte den Kopf. Ich kann nicht.
Sie starrte ihn an und Lupe spürte, wie Tränen über ihre Wangen liefen. Also war es doch wahr; Michael war der Saboteur, Michael war Schuld am Tod von zwei Menschen. Warum?
, flüsterte sie.
Im nächsten Moment flog die Tür hinter ihr auf.
Michael Huber! Nehmen Sie die Hände hoch! Sonst keine Bewegung!
Es war der Mann, der sie am Mittag so unverschämt befragt hatte, der Sicherheitsbeamte. Eric Falcone. Sicherheitsdienst
, rief er jetzt auch mit vor Stolz triefender Stimme. Ein zweiter Mann, ebenfalls im leichten Kampfanzug, begleitete ihn. Beide hielten Strahlwaffen in den Händen.
Lupes Welt hatte ihre schwindelerregende Drehbewegung nicht eingestellt, sie war im Gegenteil noch schneller geworden. Sie sah Michael auf der anderen Seite des Raumes völlig klar, sah die furchtbare Angst in seinem verheulten Gesicht. Sie sah die beiden Männer, die auf sie zukamen, sah ihre grimmig entschlossenen Mienen. Alles andere war verschwommen und flirrend. Sie machte einen Schritt auf die Beamten zu. Falcone Gesicht wandte sich ihr zu und verzerrte sich zu einer hässlichen Fratze.
Bleiben Sie stehen, Hernandez!
Eine falsche Bewegung, Huber, und ich schieß dich über den Haufen!
Nichts ist los.
Tun Sie ihm nichts.
Micha.
Das Blut dröhnte in ihren Ohren, sie verstand kaum, was die Männer aufgeregt schrieen. Sie blickte zu Micha, sah wie dieser die erhobenen Arme fallen ließ, nach der Waffe auf dem Schränkchen griff. Er war so langsam. Sie starrte entsetzt zu Falcone, der kalt grinsend mit seinem Strahler zielte.
Lupe stieß sich von dem Tisch ab, an den sie sich bis jetzt geklammert hatte, und prallte gegen Falcone. Der kippte zur Seite, ein Schuss löste sich aus dem Strahler, fuhr in die Decke. Falcone schrie wütend und schlug nach Lupe, die sich an ihn klammerte. Schließlich rammte er ihr den Griff des Strahlers ins Gesicht und die Frau ließ wimmernd los. Ein Beintritt verfehlte ihre Schulter.
Falcone fuchtelte mit dem Strahler in der Luft herum und feuerte. Einmal. Zweimal. Das war jetzt Lupes Welt: Eric Falcone, dieser Sicherheitsbeamte, der auf Michael schoss. Falcone, dieser verdammte junge Kerl, der auf den einzigen Mann schoss, der Lupe jemals etwas bedeutet hatte, dem Lupe jemals etwas bedeutet hatte. Mit einem gellenden Schrei sprang sie auf und warf sich auf Falcone. Sie krallte ihre Hände in sein Gesicht und er schlug sie entsetzt zur Seite. Blut rann über seine aufgerissenen Wangen. Er fuhr mit der Linken über sein Gesicht, starrte auf die verschmierten Finger. Lupe schlug ihm ihre Fäuste in den Magen.
Er brüllte etwas, riss die Rechte mit der Strahlenwaffe herum, richtete die Waffe auf Lupe.
Drückte ab.
Nazir packte seinen Kollegen und riss ihn herum. Was zum Teufel hast du getan?
Falcone schüttelte den Kopf und zeigte dem anderen die blutverschmierte Hand. Diese Kuh hat …
Hubers Schuss traf Nazir an der rechten Schläfe und trat in Stirnmitte wieder aus, dabei verdampfte er den vorderen Teil des Gehirns und tötete ihn sofort. Nazir fiel vornüber und riss Falcone mit sich zu Boden. Falcone, der nun auf Lupes und unter Nazirs Leiche lag, geriet in Panik, strampelte Nazir von sich und zog sich an der Werkbank hoch. Er sah Huber wie einen Irren brüllend auf sich zu rennen, den Handstrahler mit beiden Händen umklammert haltend. Falcone ließ sich wieder in Deckung fallen. Strahlschüsse schlugen über ihm auf der Werkbank ein und Metallschlacke spritzte auf.
Lupe sah ihn an. Leere Augen in einem bleichen breiten Gesicht.
Falcone schob sich an ihr vorbei, an der Werkbank entlang, zur Wand hin. Den Kopf schützte er mit den Armen vor niederprasselnden Metallspritzern.
Huber tauchte auf der anderen Seite auf, starrte auf Nazirs, dann auf Lupes Leiche. Er hob den Handstrahler und schoss mehrmals in Nazirs Brust. Dann legte er auf Falcone an. Der suchte verzweifelt auf dem Boden nach seinem Thermostrahler, bis er erkannte, dass er ihn bei Lupes Leiche hatte liegen lassen. Entsetzt starrte er zu Huber auf. Der Techniker umklammerte seine Waffe mit beiden Händen, dennoch zitterte sie. Tränen liefen über sein Gesicht. Sein Mund öffnete und schloss sich, er gab sinnlose Wortfetzen von sich.
Falcone stammelte: Nein. Nicht! Bitte nicht!
und verschränkte die Arme vor seinem Gesicht. Er schloss die Augen, stotterte die ersten Zeilen eines Gebetes, wartete. Wartete auf den tödlichen Schuss, der nie kam.
Als er die Arme wieder sinken ließ, war Huber nicht mehr da.
Sie stellten Huber ein paar Stunden später im Hangar.
Eric Falcone, unser Held (er hatte in der Zwischenzeit die Unterwäsche gewechselt), war wieder mit dabei. Und er machte seine Schande wett: Er war es, der den gewissenlosen Verräter stellte und erlegte.
Die Station war gerettet. Die anderen Bomben wurden gefunden und entschärft.
Blaise Wellington hielt Liv Zili eine Strafpredigt. Die Kleine wollte ihr tatsächlich mit Freiheitsrechten und Inkompetenz des Sicherheitsdienstes kommen. Da war sie aber an die Richtige geraten. Sie, Liv, war es schließlich gewesen, die Michael Huber über die Ermordung seiner Verwandten informiert hatte, aber keine der entsprechenden vorgeschriebenen Aktionen eingeleitet hatte. Wenn jemand Mitschuld an den fünf Toten zu tragen hatte, dann Liv Zili. Wenn Zili sich bei Haddington über Wellingtons Methoden beklagen wollte: kein Problem. Aber mit diesen Methoden hatten sie in kürzester Zeit den Delinquenten gefunden und aus dem Verkehr gezogen.
Zili verließ das Büro der Sicherheitschefin fast heulend. Die alte Frau sah ihr verächtlich nach. Die geheime Chefin der Station. Bah.
Liv Zili schrieb am 1.1.523 NTZ in einem Hypergramm an Anthony Haddington:
Ich hoffe, dass dieses Jahr für dich und für den Thydery-Verbund einen guten Verlauf nehmen wird, dass eure geplanten Unternehmungen erfolgreich sein werden und dass ihr dem lebensverachtenden Regime Caranors endlich Paroli bieten könnt. Mich persönlich lassen die Ereignisse der letzten Tage zweifeln, ob ich die richtige Frau hier am Platze bin.
Liebe Grüße.
Mögen deine Wünsche dieses Jahr in Erfüllung gehen.
Eine nachdenkliche und müde Liv Zili.
Und jetzt gib mir noch einmal Lupes Download, Sam.
Ich liebe diese Szene, wenn sie sich wie ein Muttertier auf Falcone stürzt. Hätte nicht geglaubt, dass das in ihr steckt. Armes fettes Ding. Falcone hatte wahrscheinlich Angst, sie würde ihn platt walzen.
Und dann Micha. Wie er nach Lupes Tod durchdreht.
Seufz.
Wahre Liebe, hmm? Glaubst du, sie hatten guten Sex?
Das Wetter hatte sich den Tag über beständig verschlechtert und als Diane Schindel und Eamonn Donat zum Hotel zurückkehrten, setzte ein heftiger Regen ein. Die Etho-Enklave Aneda zeigte sich wieder einmal von ihrer unfreundlichsten Seite.
Diane hatte Eamonn am Morgen des vorherigen Tages kennen gelernt. Sie hatten sich, wie die anderen Männer und Frauen der Gruppe freiwillig für das Riotoo-Projekt gemeldet. Diane und Eamonn würden eine Krylaw-Partnerschaft eingehen. Der Mann, der hauptsächlich für die Waffentechnik des Guenevere getauften biologischen Raumschiffes zuständig sein würde, machte einen sehr guten Eindruck auf die designierte Pilotin. Er war älter als die meisten fahrenden Ethos, was sein Erscheinungsbild aber bis auf die weißen Haupthaare leugnete. Eamonn war hochgewachsen und sein Gesicht hatte dieses etho-eigene Nicht-Alt-Nicht-Jung-Sein, dieses zeitlose Flair. Die Augen, dachte Diane, die Augen verraten sein Alter. Da war eine gewisse Abgeklärtheit in diesen braunen sanften Augen, die selbst Ethos nur mit den Jahren erfuhren. Er ist ein Glücksgriff für mich, dachte die Frau, nach den für sie äußerst turbulenten letzten Jahren brauchte sie einen ruhenden Pol, einen starken Felsen in ihrem Leben. Jemanden, an den sie sich anlehnen konnte. Eamonn, das fühlte und erkannte sie anhand ihrer positiven empathischen Resonanz, konnte ihr diesen Halt geben.
Diane freute sich auf die Zusammenarbeit. Am heutigen Tag hatten sie sich mit den Besatzungen der anderen drei Krylaws getroffen, die der Etho-Rat für Haddingtons Riotoo-Projekt bewilligt hatte. Sie hatten sich gegenseitig beschnuppert, waren warm geworden. Das einzig offene Problem war der Techniker für Guenevere, da die eigentlich vorgesehene Person ausgefallen war. Eamonn und Diane hatten daraufhin eine Öffentliche Ausschreibung in Anedas Ausbildungsnetz geschaltet. Die Resonanz war nicht überwältigend gewesen (Thydery hatte mit Haddingtons Aufstieg erheblich an Ansehen unter der Etho-Jugend eingebüßt), aber immerhin kamen ein Dutzend Kandidaten in den engere Wahl. Ich bin dafür, dass wir einen jungen und sportlichen männlichen Kandidaten nehmen
, hatte Eamonn beim letzten Umtrunk augenzwinkernd erklärt. Einen mit einem richtig knackigen Hintern. Damit Diane auf ihre Kosten kommt.
Er selbst könne bei seinem fortgeschrittenen Alter entsprechende Wünsche seiner Krylaw-Partnerin wohl nicht mehr zu deren Zufriedenheit erfüllen, also müsse man den Techniker hauptsächlich in Hinsicht auf seine sexuellen Qualitäten und Leistungsfähigkeit auswählen. Der Abend war fortgeschritten, die männlichen Mitglieder der Riotoo-Crew hatten gelacht, die weiblichen übertrieben erschüttert drein gesehen. Eamonns um Verzeihung flehender Dackelblick hatte auch Diane zum Lachen gebracht.
Die beiden Etho-Terraner verließen den Wind- und Regenschutz der U-Bahnstation. Sie überquerten eilig die Strasse, Eamonn hielt seine Jacke über Diane, um sie vor dem hernieder prasselnden Regen zu schützen. Sie rannten die Auffahrt hoch.
Als sie den Haupteingang erreichten, trat eine Figur aus dem Schatten. Es war ein junges Mädchen. Sie schlang vor Kälte zitternd eine viel zu dünne leichte Leinenjacke um ihren dünnen Leib. Offenbar hatte sie schon seit längerem im Regen gewartet, Jacke und Hose waren völlig durchnässt. Das kurz geschnittene braune Haar klebte klatschnass an ihrem Kopf.
Eamonn und Diane blieben überrascht stehen. Das Mädchen hielt Eamonn wortlos die geballte rechte Faust hin. Diane kniff irritiert die Augen zusammen. Wollte das Mädchen sie bedrohen? Oder wollte sie betteln? Beides war unsinnig: auf Aneda gab es – wie auf jeder anderen Etho-Enklave auch – weder Kriminalität noch Armut. Da hob Eamonn seinerseits seine Hand und die andere ließ einen kleinen Würfel auf seine Handfläche fallen.
Ein Datenwürfel? Eamonn, was soll das?
Sie will sich bewerben
, sagte der Mann ruhig. Kannst du die Vorhalle öffnen? Wir holen uns sonst hier alle den Tod.
Er knöpfte umständlich sein linken Hemdsärmel auf, schob ihn hoch und klickte den Datenwürfel in seinen DataVis-Zugang, ein Implantat, das er oberhalb des Handgelenks trug.
Diane presste ihre ID-Karte gegen die in die Marmorwand eingelassene Kontaktfläche und die Hoteltür glitt auf. Sie warf einen Blick in das von Nässe triefende Gesicht des Mädchens, und scheuchte dieses dann voran in die Vorhalle. Der Servo, der den Zustand der Ankommenden registrierte, aktivierte sofort ein Warmluftgebläse. Diane schüttelte sich und reichte Eamonn die Jacke. Dann nahm sie sich die Zeit und betrachtete eingehend ihren Gast.
Da war keine Aura. Diese Tatsache hatte Diane schon draußen irritiert. Jedes Lebewesen strahlte ständig unbewusst seine Gemütszustand an die Umwelt ab. Auch normale Menschen waren für dafür empfindlich, besonders wenn sie dem anderen Nahestanden. Ein Empath nun nahm diese Aura als ein Leuchtfeuer der Empfindlichkeiten wahr. Ethos konnten auf diese Weise sogar miteinander kommunizieren. Dieses Mädchen, dieses Etho-Mädchen (!), hatte keine Aura. Falsch. Diane korrigierte sich: sie unterdrückte sie in einem Maße, welches Diane bisher für unmöglich angenommen hatte.
Wer bist du?
, fragte die Pilotin und die ängstlichen Rehaugen der anderen huschten kurz über ihr Gesicht.
Sie heißt Maren Hilfiger
, erklärte Eamonn. Er stand in der Mitte des kleinen Vorraums, die Jacke um den rechten Arm geschlungen, den linken angewinkelt. Seine Augen hatte er geschlossen: er las den Würfel, den die Fremde ihm gegeben hatte. Sie spricht nicht.
Sie spricht nicht?
, echote die Pilotin irritiert.
Ihre Familie kam bei einem Überfall der Imperialtruppen auf ihre Heimatwelt um. Dabei trug sie ein Trauma davon. Sie weigert sich, zu sprechen.
Diane schickte eine empathische Welle voller Mitgefühl zu dem dünnen Geschöpf. Als Maren nicht reagierte, sagte sie laut: Das tut mir sehr leid, Maren.
Sie steht kurz vor dem Abschluss einer Ausbildung in AstroTech. Sie ist heute morgen auf unsere Ausschreibung aufmerksam geworden.
Er öffnete die Augen, sah Diane kurz an und wandte sich dann Maren zu. Danke, Maren. Ich bin Eamonn Donat, das ist Diane Schindel. Wir sind die bisherige Besatzung des Krylaws Guenevere. Es freut uns sehr, dass du an einem Beitritt zu unserer Gemeinschaft interessiert bist.
Er legte den Kopf schief und musterte die halbwegs getrocknete Maren von oben bis unten. Du siehst etwas mitgenommen aus. Aus den Unterlagen geht hervor, dass du in einem Heim in Tri-Mida wohnst.
Das Mädchen nickte. Diane empfand die empathische Stille, das Nicht-Erfühlen-Können des Mit-Ethos als irritierend. Fast als widernatürlich. Das ist auf der anderen Seite des Kontinents. Du bist extra wegen uns hierher gereist?
Maren nickte erneut. Die öffentliche Schwebebahn? Kostenlos, aber du musst den ganzen Tag unterwegs gewesen sein. Du hast hier eine Unterkunft?
Diesmal schüttelte sie den Kopf.
Diane begann, diese Pantomime als nervend zu empfinden. Sie nestelte einen Kreditstab aus der Seitentasche ihrer Hose, überprüfte den Stand und hielt ihn dann dem Mädchen hin. Damit kannst du dir ein Zimmer nehmen und die Transitbahn nach Tri-Mida bezahlen.
Maren machte einige ablehnenden Gesten. Das soll kein Almosen sein, Maren. Und ich will dich damit auch nicht abspeisen. Ich bin wirklich beeindruckt davon, dass du den langen Weg auf dich genommen hast, um dich vorzustellen. Eamonn und ich werden deine Unterlagen prüfen und dich über unsere Entscheidung in Kenntnis setzen.
Eamonn räusperte sich. Den Ethos der jüngeren Generation geht die Tugend der Gastfreundschaft etwas ab. Maren ist sehr müde und ich schätze auch sehr hungrig. Sie hat diesen Weg unseretwegen auf sich genommen.
Diane sah ihn verständnislos an. Er lächelte, ging zur Lifttür und entriegelte sie über seinen ID-Chip. Unsere Suite ist groß genug. Für diese Nacht kann sie bei uns bleiben.
Maren saß im Wohnraum und machte sich mit sichtlichem Heißhunger über ein Fertiggericht her. Eamonn hatte noch ein paar Floskeln von sich gegeben und dann Diane in eines der beiden Schlafzimmer gedrängt.
Er schloss die Tür hinter sich und setzte sich auf das Bett. Diane sah ihn mit wachsendem Widerwillen an. Eamonn, was, bei allen Sternengeistern, geht hier vor sich?
Das Zimmer hatte ein großes Frontfenster. Eine aufgewühlte dunkle Wolkenlandschaft zog über der Stadt dahin, Regentropfen schlugen lautlos auf das Glas, kleine Wasserbäche rannen über die Scheibe. Eamonn hielt ihr den Datenwürfel hin und sie steckte ihn mit einem Seufzer in ihren Port. Der Mann gähnte ausgiebig und rieb sich den Hinterkopf. Sie hat durchschnittliche Noten in den meisten Fächern. Keine Raumerfahrung. Ganz gute Bewertungen in E/P/H-Tech. Aber ihr Kommunikations- und Psycho-Profil ist natürlich miserabel. Sie verweigert jede wirkliche Sozialisierung.
Oh. Ich habe mitbekommen, dass sie nicht spricht.
Spricht nicht und sendet sowenig wie möglich. Blockt sich ab. Ihre Telepathie ist stark verkümmert.
Der schlechteste unserer normalen Bewerber ist besser qualifiziert als sie.
Der schlechteste unserer normalen Bewerber wird einen Job finden. Ihre Chancen sind so gut wie nicht vorhanden. Deshalb ist sie persönlich hierher gekommen.
Ich sehe nicht, wie ihr diese Vorstellung helfen soll. Hofft sie auf Mitleid?
Eamonn zuckte mit den Schultern. Das arme Ding ist verzweifelt. Sie ist jetzt 18 Jahre alt, sie hat ihre Ausbildung so gut wie beendet. Keine Familie, keine Mäzen. Die Gemeinschaft ist für sie zuständig. Wenn sie keine Anstellung findet, wird sich der Sozialbereich um sie kümmern. Das heißt, sie wird schließlich als psychisch krank eingestuft werden und in ein Asylum eingewiesen.
Er schnaubte. Die perfekte Lösung unserer perfekten Gesellschaft für die Unanpassbaren.
Man wird ihr dort helfen können.
Maren stieß sich von der Wand ab und ging zum Fenster, folgte mit den Augen dem Weg eines einzelnen Wassertropfens auf der Scheibe.
Psychische Krankheiten werden bei Ethos als widernatürlich angesehen. Wir sind perfekte Menschen, wie kann es so etwas geben? Die Lösung, die wir für den verschwindend geringen Bruchteil unserer betroffenen Mit-Ethos bereithalten, ist, sie einfach zu ihrem eigenen Schutz wegzusperren. Das hat auch einen bedeutsamen Vorteil: man sieht sie nicht. Maren hatte im Endeffekt bisher wahnwitziges Glück. Dass ihre Erzieher und Ausbilder nicht einfach aufgegeben haben.
Eamonn strahlte Verbitterung und Enttäuschung aus. Diane seufzte. Es war spät, sie war müde. Irgendwie scheint dir das Schicksal des Mädchens nahe zu gehen.
Tut es. Ich bin so.
Sie nickte. Du bist so. Fein. In deinen Augen: sind ihre Qualifikationen zumindest ausreichend?
Der Ältere wiegte den Kopf überlegend hin und her. Ich werde ihr die ersten Monate helfen müssen. Aber ja, sie sollten für den normalen Betrieb genügen.
Hmm. Riotoo wird kein Krisengebiet sein.
Sie lehnte sich gegen das kühle Fensterglas und betrachtete Eamonn versonnen. Schade. Das heißt dann wohl, ich kriege doch keinen sportlichen jungen Hüpfer. Keinen knackigen Hintern.
Eamonn atmete sichtlich auf. Er setzte ein verwegenes Grinsen auf. Nun, falls Mylady entsprechende Gelüste verspüren, wird sich eben der alte Eamonn erbarmen müssen und Ischias, Rheuma und knirschende Knochen missachtend todesmutig seiner Pflicht nachkommen.
Diane lachte leise. Mal sehen. Lass mich noch die Nacht darüber schlafen, okay?
Eamonn nickte. Natürlich, Diane.
Diane ging zur Tür zurück und öffnete sie. Sie warf einen Blick in den Wohnraum. Maren lag auf der Couch, hatte sich unter eine Decke gekuschelt. Die Augen in dem mageren jungen Gesicht waren geschlossen. Sie schläft
, flüsterte Eamonn, der sich lautlos erhoben hatte und jetzt hinter ihr stand. Weißt du, was ich mir wünsche? Sie lächeln zu sehen.
Diane blickte an ihm hoch. Seine Augen. Alt, erfahren. Gütig. Sie seufzte leise. Dann flüsterte sie zurück: Das hier ist mein Schlafraum.
Ja?
Er beherrschte dieses unverschämte Grinsen perfekt.
Diane schüttelte den Kopf und deutete mit dem Daumen über ihre Schulter hinüber zum anderen Schlafzimmer. Heute habe ich keine Lust auf alte Lustmolche.
Er nickte, schob sich an ihr vorbei. Maren räkelte sich unruhig unter der Decke.
Es war dunkel in der Kommandozentrale des Krylaws. Wie in den sonstigen Einschlüssen waren bis auf die lebensnotwendigsten Anlagen alle Energieerzeuger/verbraucher, alle verräterische Strahlungen abgebenden Maschinen, heruntergefahren. Die passiven Ortungssysteme liefen noch. Der große Panoramaschirm zeigte, in schnellem Wechsel, Ausschnitte der näheren Umgebung. Gegenwärtig war es das schorfige Trümmerstück, das unmittelbar vor ihnen im Raum schwebte, ein zusammengebackener Brocken aus Eis, Dreck und Schlacke.
Die Darstellung wurde natürlich von der Positronik aufbereitet: der Brocken hatte einst zu einem der Planeten des Riotoo-Systems gehört und war bei jener Katastrophe kosmischen Ausmaßes, die alle Welten dieses Systems zertrümmert hatte, entstanden. Zusammen mit einer Gruppe anderer Asteroiden war er von den Gewalten an den Rand des Systems und darüber hinaus geschleudert worden. Die heimatliche Sonne war hier nur ein verschwommener weißblauer Fleck, unfähig dem Trümmerstück noch Wärme oder Licht zu spenden, und der nächste Stern befand sich Lichtjahre entfernt. Hier draußen war keine Lichtquelle, die diesen langweiligen Klumpen Materie beschien, die Scheinwerfer Gueneveres waren nicht eingeschaltet.
Der Klumpen diente in gewissem Masse auch als Sicht- und Ortungsschutz gegenüber dem, was jetzt auf dem Hauptmonitor erschien: ein keilförmiges Raumschiff, alt und pockennarbig. Wahrscheinlich ein ausrangierter Schwerer Kreuzer des Terranisches Reiches, den man überholt und neu ausgerüstet hatte. Man waren in diesem Fall wohl Plünderer und Piraten. Verbrecher, die von Terra geduldet und teilweise auch unterstützt wurden. Sie trieben sich hauptsächlich in den Grenzbezirken herum, machten die Handelslinien der wohlgemerkt nicht-menschlichen bzw. nicht-terranischen Völker unsicher. Und sie fanden sich in letzter Zeit in beunruhigender Weise immer wieder im Bereich des Riotoo-Trümmerfeldes ein.
Das Keilschiff mochte alt sein, aber für Guenevere war es ein mehr als ernst zu nehmender Gegner. Der Krylawweibchen war gerade von einem Parasitenbefall genesen und hatte seine alte Wendigkeit noch nicht wiederhergestellt. Waffentechnisch schien der Unbekannte, zumindest den Telemetrie-Daten zufolge, überlegen. Eine Konfrontation war definitiv nicht ratsam.
Diane Schindel, Kommandantin und Pilotin des Krylaws, bewegte sich unruhig in ihrem Sessel. Sie verfluchte den unglaublichen Zufall, der die Piraten in diesen Teil Riotoos geführt hatte. Und sie dankte dem unwahrscheinlichen Glück, dass sie den Ortungsgeräten des anderen bislang entgangen waren.
Zu der Trümmerwolke, die sich immer weiter vom eigentlichen Riotoo-Bereich entfernte, gehörten mehrere erzhaltiger Bruchstücke. Ihr Auftrag bestand in der Katalogisierung und ersten Untersuchung dieser Objekte, immer in der Hoffnung, eine Station oder andere Relikte von Haddingtons Superrasse zu finden. Angesichts der minimalen Ausbeute, die man in den Jahren der Suche gemacht hatte, eine Hoffnung, die zumindest Diane inzwischen als unsinnig einstufte. Riesige allem überlegene Raumschiffe harren hier auf uns, auf dass wir die KHALAKURS bemannen und das Imperium in seine Schranken weisen. Klar. Und Schweine fliegen. Auf jeden Fall, als Guenevere sich anschickte, die eventuell Erfolg versprechenden Fragmente, eben jene größeren Brocken, anzufliegen, war das Piratenschiff in unmittelbarer Nähe mit Donnergetöse aus dem Hyperraum gefallen. Diane hatte blitzschnell reagiert und die Energieerzeuger heruntergefahren. Seither spielten sie Toter Mann, waren nach außen nicht mehr als ein weiterer langweiliger Splitter dieses kosmischen Scherbenhaufens namens Riotoo. Die Piraten aber hatten zu ihrem Erschrecken genau eines der Trümmerstücke angesteuert, das eigentlich auf Dianes Liste gestanden hatte. So kam es, dass Guenevere gerade mal 400.000 Kilometer von dem Unbekannten entfernt im All trieb. Eine in kosmischen Maßstäben vernachlässigbare Distanz.
Die Piraten haben das Trümmerstück gezielt angeflogen. Und sie haben etwas gefunden. Diane nippte vorsichtig an ihrem koffeinhaltigen Getränk. Als sie die Geräusche hinter sich vernahm, drehte sie leicht den Kopf zurück.
Hallo Liebling
, begrüßte sie den hochgewachsenen Mann, der jetzt im Hauptzugang erschien. Kirk Ginger hob die Hand zum Gruß. Mit geschmeidigen Bewegungen kam er näher und beugte sich über Diane. Er küsste sie auf die Lippen und biss sie spielerisch in den Hals, woraufhin sie mit einem halbherzigen Heh! Lass das!
protestierte.
Kirk lachte leise. Diane musterte sekundenlang das markante Gesicht. Kirk blinzelte sie mit seinen tiefblauen Augen an und wies dann mit dem Kinn zum Panoramaschirm. Wie sieht's aus?
Schlecht
, murmelte Diane. Aber das weißt du. Du bist der Waffenexperte. Der Knabe ist uns offensiv und defensiv über. Und in dem Zustand, in dem sich Guenevere gegenwärtig befindet, kommen wir hier nicht schnell genug weg.
Also verhalten wir uns still und hoffen, dass er uns nicht bemerkt.
Diane nickte. Und wir warten, bis er mit seiner Arbeit fertig ist und abhaut.
Sie bleckte die Zähne. Der Kerl hat was gefunden! Verdammt!
Sie zog die Konsole an sich und tippte einige Kommandos ein. Unscharfe, flimmernde Bilder erschienen auf dem Display.
Was soll das sein?
Streuungen ihrer eigenen Aufnahmesysteme. Die Jungs sind unheimlich mitteilsam, will sagen, sie fühlen sich offensichtlich verdammt sicher und achten nicht darauf, was sie unabsichtlich zumindest der näheren Umgebung übermitteln.
Kirk kniff die Augen zusammen und betrachtete die verschwommenen Bilder auf dem Panoramaschirm. Sie verladen.
Im großen Maßstab. Ich schätze, sie haben El Dorado gefunden. Wir suchen seit Jahren danach und die schnappen es uns vor der Nase weg.
Diane stieß wütend mit der Faust gegen die Konsole.
Das ist schlecht.
Kirk dachte angestrengt nach. Wir sind nicht einmal eine halbe Million Kilometer entfernt. Ein schneller Überraschungsangriff …
Diane schüttelte heftig den Kopf. Vergiss das. Die sind uns haushoch überlegen. Und wenn wir jetzt unsere Waffenbatterien hochfahren, haben sie uns sofort in der Ortung.
Wir könnten die anderen benachrichtigen und herbeirufen.
Der Knabe dort draußen wird uns nach dem ersten Piepser aus dem All fegen. Wir warten. Wenn wir Glück haben, lässt er ja etwas zurück. Alles andere ist gegenwärtig zu riskant.
Sie trank. Kirk ließ seine Hand über ihren roten Haarschopf streichen, dann massierte er ihren Nacken. Diane seufzte. Aber das ist nicht der Grund deines Besuches? Oder?
Er hauchte einen Kuss auf ihre Wange. Eigentlich nein, ich habe einen anderen Grund.
Sie hob die Augenbrauen und sah ihn mit gespielter Bestürzung an. Kirk! Du willst doch nicht etwa …
Sie runzelte die Stirn. Nein, willst du doch nicht. Schade.
Maren. Ich muss endlich mit dir über dieses Mädchen sprechen.
Maren.
Maren.
Unter Eamonns Anleitung hatte sich das Mädchen zu einer durchaus passablen Krylaw-Technikerin entwickelt. Weniger Früchte trugen seine Bemühungen, den Panzer zu durchbrechen, den das stumme Mädchen um ihre Seele errichtet hatte. Hier konnte er nur winzige Fortschritte erzielen. Aber, wie er Diane versicherte, er würde nicht aufgeben. Wenn sie sich auch vor ihren Artgenossen verschloss, so hatte Maren seltsamerweise doch ein sehr gutes Verhältnis zu dem Krylawweibchen aufgebaut. Diese Tatsache ließ Eamonn hoffen.
Er hatte Diane versichert, Maren nicht aufzugeben. Leider konnte er dieses Versprechen nicht halten. Bei einem Unfall zog er sich so schwerwiegende Verletzungen zu, dass er seine Arbeit an Bord Gueneveres nicht mehr fortsetzen konnte.
Sein Ersatz hieß Kirk Ginger. Er war in Dianes Alter. Er hatte Charme. Er kannte all die richtigen Worte, all die richtigen Bewegungen. Er wusste, wie man Dianes Knöpfe drücken musste. Er nahm die Frau Diane Schindel im Sturm.
Aber er hatte kein Verständnis für Marens Besonderheiten. Und Diane stellte zu ihrer eigenen Enttäuschung fest, dass sie selbst nicht in der Lage war, das für Maren nötige Verständnis, eine zu Eamonn vergleichbare Güte und Geduld aufzubringen.
-Guenevere!
Klick. Klick. Klick.
-Maren?
-Pass auf! Es gab auf der alten Erde vor Jahrhunderten ein Gebäude, die Berliner Philharmonie. Dieses Bauwerk enthielt einen riesigen Saal. Und wenn man alle Galaxien dieses Universums zusammen nahm, passten sie in diesen Raum!
-Das ist ziemlich unwahrscheinlich.
Klick. Klick.
-Ein Astrophysiker der alten Erde hat das berechnet, ein Bruce Gregory. Er ist von 140 Milliarden Galaxien ausgegangen, was etwa auch den heutigen Annahmen entspricht.
-Es ist immer noch unwahrscheinlich. Es kann auf keinem Planeten einen solchen Raum geben.
-Du musst natürlich die Galaxien vorher auf Erbsengröße schrumpfen! Maren ließ dieser Feststellung das telepathische Äquivalent eines vergnügten Kicherns folgen.
-Ah ja. Guenevere zögerte kurz, dann ergänzte sie: -Also passten 140 Milliarden Erbsen in diesen Raum.
Klickedeklick. -Klugscheisser.
-Sie reden über dich, wisperte Guenevere.
-Sollen sie. Maren Hilfigers Hände fanden selbst in der nachtschwarzen Dunkelheit, die in dem kleinen Raum herrschte, mühelos die Schaltelemente auf der Werkbank und setzten sie mit schnellen geübten Bewegungen zusammen. Klick.
-Der neue Mann möchte dich loswerden. Er sagt, dass du psychisch gestört bist und eine Gefahr für uns alle darstellst.
-Kirk. In Marens Gedanken hallte etwas wie ein geringschätziges Lachen wieder.
-Kirk sagt, dass es für deine Stummheit keine physischen Ursachen gibt. Dass du sprechen könntest, wenn du wolltest.
Klick. Das Gerät war fertig. Maren schob es zur Seite.
-Ich weiß, dass er Recht hat, wisperten Gueneveres Gedanken. -Ich habe dich schreien gehört, wenn du schläfst. Wenn du träumst.
-Ja? Was meint Diane?
-Sie ist unsicher. Sie sagt, du hättest in deiner Kindheit Schreckliches erlebt. Du wärst dabei gewesen, als dein Bruder und deine Eltern von terranischen Soldaten ermordet wurden, und das hätte dieses Trauma ausgelöst. Aber sie meint, du hättest bisher deine Arbeit zu ihrer Zufriedenheit erfüllt und sie sähe keinerlei Anlass, dich ersetzen zu lassen.
-Irgendwann wird sie Kirks Drängen nachgeben. Sie ist ihm hörig. Sie duldete mich bisher nur wegen Eamonn.
-Das wäre traurig. Ich habe mich an dich gewöhnt.
-Ja? Marens Hände suchten durch den Berg von Positronikwürfeln, fanden schließlich zwei geeignete Elemente und fügten sie zusammen. Klick.
-Ja. Macht es dir nichts aus, von hier weg zu gehen?
-Wir Ethoterraner haben wundervolle Kliniken für Fälle wie mich. Wieder klang das Lachen in Marens Gedanken auf. -Nein. Es würde mir nichts ausmachen.
Nur das Klicken der ineinanderrastenden Schaltelemente war in dem Raum zu hören.
-Es ist egal.
In ihren Träumen hörte sich Maren Hilfiger schreien.
In ihren Träumen war sie wieder acht Jahre alt und Ande, ihr älterer Bruder, zerrte sie durch das zerstörte Dorf. Ande hatte sie aus dem Gesellschaftshaus geholt, aus dem Versteck unter ihrem Pult, in das sie sich verkrochen hatte, als die Fenster zerplatzten, Glassplitter durch den Raum schwirrten, andere Kinder verletzten, töteten. Sie hatte sich sofort unter den Pult geworfen. Sie hatte gewartet, mit weit aufgerissenen Augen. Sie hatte nicht gewagt, sich zu bewegen. Vor ihr, vielleicht zwei Meter vor ihr, lag ihre Betreuerin in einer Lache aus rotschwarzem Blut. Leisha hatte ihnen oft Lieder vorgesungen oder mit verstellter Stimme Geschichten nacherzählt. Dabei hatte sie lustige Fratzen geschnitten oder auch grimmige, aber die Kinder hatten immer gelacht. Jetzt war das Gesicht auch zu einer Fratze verzerrt, voller Angst und Schmerz. Ihre Augen waren leer und blicklos.
Maren schrie.
Ande hatte sie gefunden. Und seitdem rannten sie. Durch das Dorf voller brennender und zerstörter Häuser. Trümmer blockierten die Strasse. Glühende Bälle rasten über den Himmel, schlugen jaulend ein.
Menschen schrieen, weinten, liefen, stolperten sinnlos, verzweifelt herum.
Dann kamen sie. Für die kleine Maren waren sie wie riesige Insekten. Käfer, gepanzert in schwarzem Metall und Plastik, die Köpfe verborgen unter glänzendem Leder, aus großen gewölbten Glasaugen glotzten sie auf die Menschen.
Mit Gummistöcken prügelten sie auf die Hilflosen ein, trieben sie zu wartenden, ebenfalls nachtschwarzen Gleitern.
Maren schrie.
Ande schoss. Mit einer Waffe, die er einem Toten abgenommen hatte. Einer Projektilwaffe, die heulende kleine Geschosse verstreute. Die Käfer, die er damit traf, blieben unbeeindruckt, die Kugeln prallten an ihren Panzern ab. Eine Frau wurde von Querschlägern getroffen und brach zuckend zusammen.
Ande stieß Maren von sich. Sie stolperte, stürzte, schlug sich die Knie auf.
Ihr Bruder stapfte breitbeinig auf zwei der Schwarzvermummten zu, blieb schwankend auf der Straßenmitte stehen.
Einer der Käfer rief Ande etwas zu. Ande richtete sich auf. Mühsam hob er seine Waffe hoch und feuerte erneut. Der Käfer schoss zurück, einen grellroten Strahl aus Feuer.
Der Oberkörper des Jungen stand in Flammen. In seiner Brust war ein Loch. Er hielt sich sekundenlang auf den Beinen, drehte sich halb zu Maren, brach in die Knie und kippte vorn über.
Maren schrie.
Ein anderer Käfer rannte über die Strasse, wütend schreiend. Er hielt vor Maren an, ging in die Hocke, zog das Mädchen an sich. Maren starrte zitternd in die schwarze Maske.
Verdammt! Es sind Kinder! Szard, das war ein Kind!
, kreischte der Käfer.
Etwas zischte und der Käfer zerrte mit der einen Hand an seiner Kehle, riss den Gesichtsschutz los. Verständnislos sah Maren in das verschwitzte Gesicht einer aschblonden Frau. Keine Angst
, murmelte die Frau. Dir passiert nichts. Keine Angst.
Maren riss sich von der Fremden los und stolperte zu Ande. Sie starrte mit aufgerissenen Augen auf die schwelende Leiche. Langsam sank sie neben ihm zu Boden, berührte ihn zaghaft mit der Hand.
Sie schrie nicht.
Sie würde nie wieder schreien. Nie wieder sprechen.
Außer in ihren Träumen.
Diane erwachte. Über das Interface, das ihren DataVis mit der Datenerfassung verband, stürmte eine Springflut von Geräuschen und Bildern auf sie ein, betäubte und blendete sie. Sie drängte das dröhnende und flirrende Tohuwabohu zurück, kappte die Verbindung und blinzelte verwirrt und erschrocken in das Dämmerlicht. Sie lag vor dem Hauptsessel, in eine weiche Decke gehüllt. Kirk war nicht mehr neben ihr. Er stand dicht vor dem großen Panoramaschirm und starrte gebannt auf die vielfach geteilte Darstellung. Was ist los?
, krächzte Diane, strampelte sich von der Decke frei und zog sich schwerfällig an dem Sessel hoch. Ist etwas passiert?
Kirk warf ihr einen Blick zu. Er tippte sich gegen die Stirn und wandte sich wieder dem Bildschirm zu. Unsere Freunde brechen auf. Offenbar haben sie genug erbeutet.
Dianes Blick flog über die verschiedenen Bildschirmsegmente. Das wichtigste Infopaket, das ihnen der Pirat so großzügig gewährt hatte, war eine von Störungen überlagerte Videosequenz: der Blick aus der großen Verladerampe zeigte sowohl das Innere der Frachtschleuse des gelandeten Raumschiffes als auch durch die geöffnete Schleusentür die von starken Scheinwerferbatterien beleuchtete Oberfläche des Asteroiden. Direkt vor der Schleuse gähnte ein definitiv künstlicher Höhlenzugang, die Höhlenwände waren zu ebenmäßig um auf natürliche Art und Weise entstanden zu sein und Diane glaubte, auf dem Boden breite Transportbänder und gleisartige Führungsschienen zu erkennen. In den vorangegangenen Stunden hatten unaufhörlich schwer beladene Lastenträger bizarre Gerätschaften in den gefräßigen Bauch des Stahlleviathans transportiert. Ein deprimierender Anblick für die Ethos, in Anbetracht der im Vergleich bisher eher mickrigen Auslese der Riotoo-Forscher. Der hektische Betrieb war eingestellt worden. Ein Metalltor verschloss nun den Höhlenschlund. Die Scheinwerferbatterien erloschen. Die Verladerampe wurde langsam eingefahren. Die Übertragung brach ab. Diane rieb sich das Gesicht. Okay, sobald sie weg sind, setzen wir uns mit Riotoo-HQ in Verbindung.
Und dann sehen wir uns an, was sie uns übrig gelassen haben.
Kirk bemerkte Dianes besorgten Blick und fuhr fort: Diane, was die Kerle da rausgeschafft haben, ist mehr als wir in den drei Jahren zusammengetragen haben. Da drüben wartet Ali Babas Schatzkammer auf uns.
-Die Antigrav- und Impulstriebwerke werden hochgefahren, wisperte Guenevere. Das Schiff hebt von dem Planetoiden ab.
Sie werden den Platz gesichert haben. Vielleicht lassen sie sogar jemanden zurück
, gab Diane zu bedenken, doch Kirk ließ auch dieses Argument nicht gelten: Dafür haben wir Aufklärungsdrohnen.
Und wenn sie zurückkehren?
Riotoo soll das Schlachtschiff in Bewegung setzen. Verdammt, Diane, ich will wissen, was da drunten ist.
Er sah sie verwegen grinsend mit leuchtenden Augen an. Diane lachte. Sekunden lang wurde sie abgelenkt, als Maren Hilfiger in einem der Zugänge erschien. Das dünne, blasse Mädchen lief zu einem Ersatzsessel. Es drückte den Rucksack mit den Werkzeugen, die es immer bei sich trug, in den Kasten neben dem Sessel und setzte sich. Schweigend. Wie immer. Auch auf telepathischer Ebene hatte sie sich abgeschirmt, gab sie keinen Pieps von sich. Stumm starrte sie zu Diane herüber. Ihre Augen waren schön. Groß. Dunkelbraun, fast schwarz, wie ihr kurz geschnittenes Haar. Kirk sah das Mädchen nachdenklich an. Und unsere Technikerin interessiert natürlich auch, was in dieser Schatzhöhle steckt, nicht?
-Das Schiff beschleunigt. Es wird uns im Abstand von 30.000 Kilometern passieren.
Fein. Also sind wir jetzt mucksmäuschenstill. Also Maren, Kleines, psssst.
Riotoo-HQ war informiert. Das Schlachtschiff, der Schnelle Kreuzer, befand sich gegenwärtig nicht im Trümmerfeld, würde aber in den nächsten Stunden zurückkehren. Man würde ihn dann zu Gueneveres Position schicken. In der Zwischenzeit sollten sich die Ethos bedeckt halten. Kirk hatte bedeckt halten sehr frei interpretiert. Sofort nachdem der Pirat auf Überlicht gegangen war, hatte er Aufklärroboter losgeschickt.
Die Roboter entdeckten eine kleine automatische Überwachungseinheit, eine Metallkugel, vergraben im Schutt vor der Höhle. Die einfache Positronik war mit Ortungsgeräten und einem starken Hypersender gekoppelt. Die Drohnen froren die Positronik ein. Des weiteren deaktivierten sie die Minen, mit denen der Vorplatz von Ali Babas Höhle gepflastert war. An Bord des Krylaws machte sich Kirk bereit für das Unternehmen Sesam öffne dich. Er wollte in der Höhle sein, bevor der Kreuzer und mit ihm wahrscheinlich ein Heer von Trümmerfeldforschern eintrafen. Aber er wollte nicht allein gehen.
Sie ist die Technikerin hier an Bord. In ihrem Vertrag hat sie sich verpflichtet, auch bei Außeneinsätzen ihren Beitrag zu leisten.
Kirk ließ nicht mit sich reden. Wenn sie ein vollwertiges Besatzungsmitglied sein will, dann wird sie mich begleiten.
Du weißt, dass sie, wenn überhaupt, nur in Sonderfällen telepathisch spricht. Und selbst dann wird der telepathische Kontakt durch das Fehlen von Gueneveres Milieu sehr beeinträchtigt sein.
Irgendwie können wir uns schon verständigen.
Kirk lächelte dem blassen Mädchen zu. Sie kann ja eine Tröte mit in den Anzug nehmen. Mach dich fertig, Maren, in fünfzehn Minuten machen wir einen Landausflug.
Maren sah Diane mit großen Augen an, doch die schüttelte den Kopf. Die Jüngere wandte sich ab und verließ die Zentrale.
Du willst, dass sie bei uns bleibt. Also geht sie auch auf Außeneinsätze.
Kirk kontrollierte seinen Raumanzug.
Du bist für sie verantwortlich.
Sie ist ein erwachsenes Mitglied dieser Besatzung.
Du bist für sie verantwortlich, Kirk Ginger.
Er seufzte und legte den Kopf schief. Diane Schindel, Kommandantin, wenn du deiner Verantwortung nachkommen würdest, befände sich dieses kranke Mädchen nicht mehr an Bord. Es wäre schon längst an einem Platz, an dem ihm geholfen werden kann.
Guenevere näherte sich bis auf einige hundert Kilometer dem Asteroiden un