
Wir schreiben das Jahr 523 Neuer Terranischer Zeitrechnung, was dem Jahre 2966 n. Chr. entspricht. Das Sternenkönigreich derer von Caranor herrscht über weite Teile der Milchstraße. Extraterrestrische Völker werden unterdrückt und ausgebeutet; das gesamte Reich ist ein reiner Überwachungsstaat. Nur die geächteten Schmuggler und Piraten entziehen sich immer noch einigermaßen erfolgreich der kompletten Überwachung; sie sind jedoch, sollten sie bei illegalen Geschäften erwischt werden, vogelfrei.
Ernstzunehmende Gegner hat das Reich keine. Lediglich der THYDERY-Verbund, unter der Leitung des ehemaligen Reicharchivars Anthony Haddington und drei nicht-terranischen Lebewesen, plant im Untergrund den verzweifelten Widerstand. Nach dem Fehlschlag ihres ambitionierten Projekts NEBUKADNEZAR sammeln sich die Rebellen in ihren Verstecken und planen ihr weiteres Vorgehen. Dabei werden auch Personen, die sich im Zuge der Kampfhandlungen zu den Rebellen durchgeschlagen haben, aufgenommen. Manche freundlicher, manche weniger freundlich.
Celice Firo ist so ein Fall, der weniger freundlich aufgenommen wird. Wer sie ist und wie sie zu der Frau wurde, die sie heute ist, erzählt der vorliegende Band.
Ein Koloss auf tönernen Füßen.
Anthony Haddington kaut nachdenklich am Bügel seiner Brille. Er sitzt in einem der Räume, die er an Bord des ZENTRUMS sein Eigen nennt. Sein 'Refugium': ein Kontrollpult überhäuft mit Ausdrucken und Speicherkristallen, die eine Wand eine Bildschirmgalerie, an den beiden Seitenwänden Regale voller altertümlicher Druckerzeugnisse, Bücher, Magazine, Folianten. Auf dem Boden selbst stapelten sich weitere dieser durchaus kostbaren Relikte.
Haddington legt vorsichtig die Füße auf einen Folienstapel am Rande des Pultes. Prompt gerät dieser ins Rutschen und kippt auf den Boden. Haddington murmelt einen leisen Fluch und legt den Kopf zurück. Er fühlt sich unendlich müde.
Das Imperium hatte in den letzten Tagen mit scheinbarer Mühelosigkeit den größten Teil seiner Pläne – der Pläne des THYDERY-Verbundes – zunichte gemacht und die Rebellion erheblich stärker getroffen, als sich die Verantwortlichen zugestehen wollten. In jeder Stunde treffen neue Hiobsbotschaften ein, neue Meldungen über Erfolge des Reiches.
Die Shaatan hatten sich unter Eindruck der Überlegenheit des Reiches und der mangelhaften Planung der Rebellionsführung von THYDERY losgesagt. Nun, das Fähnlein der Shaatan hatte sich schon immer mit dem Wind gedreht. Schwerer wogen die Erklärungen der Ephan-Triade, der Oin-Naaru und der Szenter, die allesamt die Mitarbeit aufgekündigt hatten.
Ein Koloss mit tönernen Füßen. Daniel 2, 31 - 35: König Nebukadnezar träumte von einer schrecklich anzusehenden menschlichen Gestalt. Einer Gestalt aus Gold, Silber und Eisen, deren Füße aus Ton gebildet waren. Ein herabstürzender Stein zerstörte ihre Füße und fällte den Riesen. Bisher hat Haddington das terranische Reich als solchen Koloss mit tönernen Füßen angesehen, als ein scheinbar stabiles Gebilde, das in Wirklichkeit aber leicht anfällig und zerstörbar ist. Grimmig muss er sich nun eingestehen, dass dieses Bild wohl auch auf den THYDERY-Verbund zutrifft.
Liv. Riotoo.
murmelt er. Die KHALAKUR müssen zum Einsatz kommen. Gnade uns Gott.
Die KHALAKUR konnten, sie mussten das Blatt wenden. Und jetzt können sie nicht mehr länger warten. Jetzt zählt jede Minute.
Er kratzt sich an seinem ungepflegten Zweitagebart, mit ein Zeichen unter welchem Stress er gegenwärtig steht. Sein Blick fällt auf einen der Bildschirme: ein Verhörraum. Gryphon. Eine schwarzhaarige Frau.
Haddington zieht die Beine vom Tisch und setzt sich auf. Comp, gib mir eine Zusammenfassung des Verhörs in Raum B12.
Verhör von Celice Firo, Leutnant der Imperialen Streitkräfte, Taktisches Einsatzkommando. Geführt von P.A. Gryphon.
Ja. Das ist sie. Gib' mir Gryphons Dossier bezüglich Firo auf den zweiten Schirm. Auf den dritten den Bericht von … Dr. med. Martha Wilkins über die Geschehnisse auf Pitt-78, am 18. Mai des Jahres 521. Du müsstest es in meiner persönlichen Ablage finden.
Er greift nach seinem Kaffeebecher, schluckt angewidert das kalte Getränk und betrachtet in den nächsten fünfzehn Minuten konzentriert die Kurzfassung des Verhörs.
Comp. Ich brauche eine Übersetzung. Wort oder Phrase aus einer Regionalsprache des Planeten Senzia, Stadt Wereng. Anuizaanuk. Such phonetisch gleich oder ähnlich lautende Begriffe.
Er blickt auf seine Uhr. In fünfzehn Minuten steht eine Besprechung an. Schadensbegrenzung. Jetzt waren sie noch stärker als zuvor auf die KHALAKUR angewiesen. Er hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache. Ein verdammt ungutes Gefühl. Aber welche Möglichkeiten blieben sonst für diesen Verbund mit dem wohlklingenden Namen THYDERY?
Anthony?
Ja, Comp.
Entsprechungen für die Phrase Anuizaanuk in Regionalsprache Senzia/Aphaor/Wereng …
Anitsch Anuk – gewalttätige Person oder Gruppe.
Anuisch Anuk – strenggläubige Vereinigung, Religionsgemeinschaft.
Anui-za-anuk.
Haddington nickt. Er blickt auf den Schirm, auf dem die schwarzhaarige Frau mit unbewegtem Gesicht eine Frage Gryphons beantwortet.
Celice Firo, das Gesicht des Imperiums. Das Pin-Up-Girl der Flotte Anno 518. Eine von uns.
sagt er leise.
Anui-za-anuk.
Das Volk der Mörder.
Gryphon lehnt sich zurück und faltet die Hände über seinem Bauch. Erwartungsvoll nickt er Celice zu. Ich nehme an, jetzt kommt die Spiegelszene? Jetzt müsste eigentlich die Spiegelszene kommen.
Die Spiegelszene?
Standardmotiv in Trivials. Der Held hat eine Handlung begangen, die völlig seinen Moralvorstellung oder seiner Ehre oder was auch immer entgegenläuft. Er steht im Bad, mit wirrem Haar und blutunterlaufenen Augen und starrt in den Spiegel. Dann drückt er sich die entsicherte Waffe gegen die Schläfe. Dramatische atemraubende Stille …
Celice senkt den Blick. Nein.
Nein?
Sie schüttelt den Kopf.
Celice presst die rechte Hand flach auf die Tischplatte und spreizt die Finger. Zusammenhanglos fragt sie: Kannten Sie eine Etho namens Deborah Wave? Sie nannte sich Boo.
Sie wartet die Antwort nicht ab: Ich wurde zwei Wochen später nach Parau-7 versetzt. Ausbildung im Dschungelkampf.
Boo war wunderschön. Engel müssen so aussehen.
Sie hatten mich dazu notdürftig zusammengeflickt, in die schwarze Uniform und den Rollstuhl gesteckt und zu ihrer Hinrichtung gekarrt. Ich war randvoll mit Schmerzmitteln voll gepumpt.
Sie benutzten Projektilwaffen. Bei Hinrichtungen, Ehrenbezeugungen, bei allen feierlichen militärischen Anlässen werden Projektilwaffen verwendet. Die Kugel zertrümmerte ihr Gesicht. Wie konnten sie das nur tun, dieses wundervolle Gesicht zerstören?
Sie war zwei Wochen auf Parau-7, als Cynthias Hypergramm eintraf. Am Morgen vor Dienstantritt sah sie sich die Nachricht nochmals an. In dem kleinen Holofeld erschien Cyns Oberkörper.
Ich kann die Suche nach Shawnee nicht fortsetzen
, sagte ihre Tante, sichtlich um Fassung ringend. Dieser Venever. Der an Shawnees Verschwinden Schuld sein soll. Er war gestern hier. Er hat die Zwillinge von der Schule abgeholt und bei mir abgeliefert.
Cyn griff sich an den Hals. Sie musste geweint haben.
Er hat Pris diese Barb Q-Puppe geschenkt.
Sie hob das Spielzeug hoch. Das Ding trägt nur Reizwäsche. Und sie hat rubinrotes Haar. Es sieht aus wie Shawnee!
Cyn ließ die BQ fallen. Und er sagte, er mache sich große Sorgen um Shawnee. Und ich solle besser auf Pris und Margie aufpassen. Es könne ja auch …
Cyns Holoabbild starrte mit dem Ausdruck hilfloser Wut vor sich hin. Dann hatte sie sich wieder gefangen. Es tut mir sehr Leid, Celice. Ich habe meine Nachforschungen einstellen lassen. Bitte verstehe, er hat meine Kinder bedroht! Ich …
Celice schaltete das Holo ab. Sie schloss die Augen.
Es ist okay, Cyn
, murmelte sie. Es macht nichts mehr.
Senzia und die Hinrichtung lagen nun vier Wochen zurück und das Schuldgefühl hatte nun einer lähmenden Leere Platz gemacht. Sie hatte acht unschuldige intelligente Lebewesen getötet. Ermordet. Wie konnte sie überhaupt weitermachen?
Der Melder des Phons klingelte. Satoes Porzellangesicht erschien. Firo. Bitte zum Abmarsch in Halle A einfinden. Leichte Kampfausrüstung.
Die Aufgabe ist klar: Wir werden im Dschungel Paraus abgesetzt, mit minimaler Ausrüstung. Wir haben drei Wochen Zeit, unser Ausbildungscamp zu erreichen. Ich persönlich werde bei dieser Aktion nur die Rolle eines Beobachters einnehmen. Firo hier ist für die nächsten Wochen euer Fieldcommander.
Satoe nickte Firo zu.
Celices Gruppe bestand neben ihr aus sieben anderen Common Soldiers in der Ausbildung, drei Männern und vier Frauen. Gegenwärtig hatten sie sich alle zusammen mit Satoe auf der offenen Plattform des Schwebers versammelt. Über ihren leichten Kampfmonturen hatten sie ihre Regencapes gezogen, Paraus Wettergott hatte offenbar nur Dauernieselregen in seinem Repertoire.
Die minimale Ausrüstung würde neben den leichten Monturen nur aus einem Medikit, einer Machete und einem Kompass bestehen. Satoe war zusätzlich mit einem Projektilgewehr und einem Funkgerät ausgestattet. Aber dies würde sie nur im Fall der Fälle benutzen. Bei der Übung kam es darauf an, die Ressourcen des Dschungels zu nutzen, sich aus ihm zu ernähren und sich aus seinen Rohmaterialen alle benötigten Hilfsmittel zu bauen.
Der Schweber hielt sich gegenwärtig noch an die bisher fertig gestellte Trasse der gewaltigen Pipeline, die sich in naher Zukunft über den gesamten Kontinent ziehen würde. In wenigen Minuten aber würden sie das Ende der Röhrenkonstruktion erreichen, dann über das Bergmassiv setzen und in den Kerndschungel vordringen. Und dann waren sie einige hundert Kilometer von ihrem Camp entfernt. Celice gestand sich ein, dass sie diese Trainingseinheit als willkommene Ablenkung begrüßte.
Das Camp der Bauarbeiter tauchte auf. Celice konnte winkende Menschen zwischen riesigen Maschinen ausmachen.
Dann explodierte die Pipeline auf einer Länge von über einem Kilometer. Der Schweber stand sekundenlang neben einer Feuerwand, die bis zum Himmel reichte, dann fiel mit einem Rucken sein Antrieb aus und ein Orkan aus Hitze und Metalltrümmern wirbelte ihn vor sich hin.
Celice sah, wie drei ihrer Kameraden über die Brüstung des Schwebers stürzten. Das Fluggerät kippte in eine Schräglage und raste immer schneller werdend in einem flachen Winkel über den Dschungel hinweg. Celice verlor den Halt und rutschte über den glitschigen Boden. Sie schlug hart gegen den Aufbau des Pilotenstands. Durch die Glasitscheibe sah sie den Piloten, der verzweifelt versuchte, die Kontrolle über den Schweber zurückzugewinnen. Hinter dem Piloten selbst konnte sie die riesigen Bäume des Urwalds erkennen, die mit atemberaubendem Tempo näher kamen. Sie wunderte sich kurz, wie emotionslos und unbeteiligt sie diese Situation wahrnahm.
Der Schweber prallte gegen den ersten Baumstamm. Einige armdicke Äste durchschlugen die Glasitkuppel des Pilotenstandes. Die Maschine bäumte sich auf und überschlug sich. Durch ein Gewirr von Grün, Grau und Braun stürzte Celice dem Boden entgegen. Sie musste Dutzende von Metern hoch über dem Erdboden gewesen sein und sie prallte bei dem Weg nach unten immer wieder gegen Äste und durchriss verwachsene Lianengebilde. Wahrscheinlich retteten ihr diese Hindernisse das Leben, indem sie ihren Fall immer wieder abbremsten. Schließlich verkeilte sich ihr rechtes Bein in einer Astgabel und sie kam mit einem hässlich krachenden Geräusch zum Halt. Sie hing qualvolle Sekunden an ihrem Bein, vier Meter über einem Tümpel. Dann rutschte ihr Fuß aus der Astgabel.
Das Wasser schlug über ihr zusammen. Celice geriet in Panik. Sie ruderte wild mit beiden Armen in der warmen Flüssigkeit herum. Sie schnappte nach Luft und schluckte das brackige Wasser. Schließlich kam sie an die Oberfläche. Mühsam gelang es ihr, sich an dem schlammigen Ufer hochzuziehen. Sie spuckte den ekelhaften Inhalt ihres Mundes aus, wälzte sich auf den Rücken und blieb keuchend liegen.
Das war der Moment, in dem sie der Schmerz einholte. Schmerz, der durch ihr rechtes Bein pulsierte. Schmerz, der sich durch ihr linken Oberarm wühlte. Der ihre linke Wange in Brand setzte. Celice schrie auf und der Schrei hallte in ihrem Schädel wie in einer Glocke wieder und wieder. Die Dunkelheit des Dschungels, nur ab und zu von flirrenden Lichtstrahlen durchbrochen, flammte vor ihren Augen auf und das Bild überlagerte sich mit Szenen der letzten Stunden. Cyn, der Flug, Satoe, die Explosion, der Absturz …
Sie verlor das Bewusstsein.
Bei dem Absturz hatte sie sich das rechte Bein gebrochen, ihr linker Oberarm war aufgerissen worden, ihr linker Wangenknochen war angebrochen. Zudem hatte sie eine leichte Gehirnerschütterung davongetragen und zu allem Überfluss hatte es den DataVis beschädigt. Der Minicomputer war out of sync, er reagierte nicht mehr auf Anruf, überlagerte von Zeit zu Zeit aber ihr Blickfeld und ihr Gehör mit Phantominformationen: Erinnerungsfetzen wurden eingespielt, die aktuellen Wahrnehmungen verzerrt und entfremdet. Und der MedCo, die medizinische Komponente, hatte auch den Dienst eingestellt. Die letzte Aktion der Nanorobots war das notdürftige Verschließen der Armwunde gewesen.
Nach unbestimmter Zeit kam sie wieder zu sich. Der heftige, pulsierende Schmerz in ihrem Bein verflachte langsam zu einem dumpfen dauerhaften Hintergrundrauschen. Sie lag flachatmend da und stierte verständnislos auf das Blättermeer über sich. Nur mühsam gelang es ihr die wirren Gedanken zu ordnen und die Lage zu begreifen.
Sie tastete vorsichtig den Körper ab. Es war nur ein einfacher glatter Bruch unterhalb des Knies. Mit einer geeigneten Krücke würde sie sich bewegen können.
Mit mehreren Ästen und den Fetzen ihres Regencapes schiente sie das Bein schließlich. Ihr Wollunterhemd wurde zu einem Behelfsverband entfremdet. Sie fand einen brauchbaren Prügel und humpelte auf ihn gestützt durch das Unterholz. Sie hatte außer ihrer Machete keinerlei Ausrüstung bei sich. Das Haumesser vermittelte ihr in ihrer gegenwärtigen körperlichen Verfassung nicht im Geringsten ein Gefühl der Sicherheit. An sich war dieser Teil des Dschungels nicht sehr gefährlich; die größte räuberische Lebensform hier waren Kemeren, in Rudeln jagende Großkatzen, die den Menschen normalerweise aus dem Weg gingen.
Sie musste so schnell wie möglich zu der Pipeline zurück, beziehungsweise zu deren Überresten.
Während sie sich mühsam durch das Dickicht kämpfte, überlegte sie, was passiert war. Jemand hatte das Baulager attackiert. Wenn sie sich nicht irrte, hatten die Unbekannten Thermalraketen eingesetzt. Keine Atomwaffen, in dem Fall hätte Celice nicht überlebt. Wer waren diese Unbekannten? Terroristen, Rebellen gegen das Imperium?
Sie erreichte eine Lichtung und sofort schlug ihr der ewige Nieselregen entgegen. Übelkeit stieg in ihr hoch und sie erbrach sich. Im Hintergrund konnte sie die Gebirgskette erkennen und das Flackern eines gewaltigen Feuers. Damit hatte sie ihre Richtung.
Selbst im Tod war Satoes Gesicht ausdruckslos. Wie eine Porzellanpuppe, dachte Celice, die sich mühsam neben dem Fieldcommander niedersinken ließ. Die Japanerin war aus dem Schweber geschleudert worden und hatte sich beim Aufprall das Genick gebrochen.
Celice starrte auf Satoes Kopf, bis das verzerrte Bild wieder im Fokus war. Regenwasser hatte sich in Satoes Augenhöhlen angesammelt und rann nun tränengleich an ihren Wangen hinab. Celice nahm den Waffengürtel der Toten an sich. Immerhin hatte sie nun einen Thermostrahler, was ihre Chancen gegen die größeren Tiere des Dschungels etwas verbessern sollte. Sie durchsuchte die Jacken- und Hosentaschen Satoes nach Brauchbarem, fand aber nichts. Schließlich zog sie der Toten die Uniformjacke aus und schlang sie um ihren zitternden Oberkörper. Mühsam erhob sie sich wieder, blickte auf den Leichnam herab, suchte vergeblich nach den Worten eines Gebetes und humpelte dann auf ihren Ast gestützt weiter.
Der Boden war von rotschillernden Orchideen bedeckt. Der Schweber hatte eine breite Schneise in dieses Blumenmeer gefräst und sich dann fast senkrecht in den Boden gebohrt. Der Pilotenstand hing in zehn Metern Höhe über Celice, unerreichbar für sie. Unerreichbar das Funkgerät. Unerreichbar die Ausrüstungspakete. Sie hatte über eine Stunde gebraucht, sich durch den morastigen Boden bis zu der Flugmaschine zu kämpfen und jetzt stand sie ratlos im Schatten des Wracks. Ein Schüttelkrampf erfasste sie und sie stürzte zu Boden. Ihre Zähne schlugen hart gegeneinander.
Sie blieb einfach im Schlamm liegen, bis sich ihr Körper wieder beruhigte. Mit einem Auge konnte sie kaum etwas erkennen, die linke Gesichtsseite war völlig angeschwollen. Die stechenden Schmerzen in Bein, Arm und Gesicht waren inzwischen durch eine unangenehme Taubheit ersetzt worden. Der bohrende Kopfschmerz war geblieben. Celice blinzelte und das Rot der Blumenpracht glitt für Sekunden in grelles Ultraviolett ab. Mit der Zunge tastete sie über ihre Lippen. Ich darf nicht einschlafen, dachte sie. Wenn ich einschlafe, sterbe ich. Und: Sie müssen die Trassenstrecke absuchen. Der Schweber muss von oben zu sehen sein.
Sie verlor das Bewusstsein. Wohl nur für einige Minuten; als sie wieder zu sich kam, erschienen ihr Sonnenstand und Schatten unverändert.
Sie fror. Aber es war heiß und schwül. Eine schwache Dunstglocke lag über der Lichtung. Es hat tatsächlich aufgehört zu regnen, dachte sie verwundert. Sie hatte Durst, fast unerträglichen Durst.
Rechts von ihr, vielleicht zehn Meter entfernt, stieg das Gelände steil an. Ein Kemere stand dort zwischen den Bäumen. Celice setzte sich auf und fingerte den Thermoblaster aus dem Halfter.
Hallo, Großer
, krächzte sie. Die jaguarartige Katze verharrte unbeweglich, den Blick fest auf Celice fixiert.
Siehst etwas zerrupft aus, Alter. Das Leben war auch nicht so gut zu dir?
Sie stützte die Waffe auf ihren Knien ab und zielte auf die Katze. Der Kemere starrte sie unverwandt an. Plötzlich zuckten die gespaltenen Ohren und in einer fließenden Bewegung drehte die Katze sich um und verschwand zwischen den Bäumen.
Celice zuckte mit den Schultern und schob sich näher zu dem Gleiter, bis sie sich an den Erdwall lehnen konnte, den dieser aufgeworfen hatte. Sie überlegte kurz, dann gab sie einen Energieschuss gen Himmel ab. Vielleicht wurde die Entladung ja angemessen.
Sie legte den Strahler in ihren Schoß. Erneut nickte sie ein.
Ein Knacken weckte sie. Der Strahler war in den Morast gefallen und rutschte ihr fast aus den Händen.
Na, Großer, doch hungrig?
Oben am Abhang stand kein Kemere, da stand ein Mann. Er trug nicht die Uniform des Reiches. Sein Karabiner war auf Celice gerichtet.
Sie stieß einen Fluch aus und riss ihre Waffe hoch. Den zweiten Mann von links hatte sie nicht bemerkt. Er schlug ihr den Kolben seines Karabiners gegen ihre angeschwollene Gesichtshälfte und der Schmerz raubte ihr das Bewusstsein.
Als sie zu sich kam, lag sie mit gefesselten Armen auf der Ladefläche eines Jeeps. Das Bodenfahrzeug raste mit halsbrecherischem Tempo durch den Dschungel und ihr Körper wurde hin- und hergeworfen. Ihr gebrochenes Bein schlug gegen die Wandung und sie schrie auf. Ein kahlköpfiger tätowierter Mann, der auf dem Boden kauerte, erhob sich schwankend. Er schob sie gegen die Abgrenzung zum Führerhaus und setzte sich neben sie, hielt sie fest. Er sagte etwas in einer Celice unbekannten Sprache. Es klang nicht unbedingt höflich.
Die Fahrt dauerte stundenlang. Es war ein surreales Erlebnis für Celice. Immer wieder gaukelte ihr der DataVis verwirrende Bilder und Geräusche vor und verfremdete ihre Wahrnehmung. Ihr war hundeübel. Irgendwann erbrach sie sich auf den Tätowierten neben ihr. Während sie sich darüber wunderte, dass sie überhaupt noch etwas erbrechen konnte, schlug der Mann ihr wütend mehrmals ins Gesicht. Seltsamerweise empfand sie diesmal keinen Schmerz.
Es war dunkel, als der Jeep anhielt. Der Kahlköpfige rollte sie von der Ladefläche. Sie war nicht fähig, sich selbstständig wieder zu erheben. Der Kahlkopf und der Fahrer halfen ihr hoch und drückten ihr ihre Krücke unter den linken Arm. In der Dunkelheit vor sich erkannte sie einige Lichter und beleuchtete regelmäßige Flächen. Die beiden Männer zerrten sie zu einer dieser Flächen, die sich als Zugang zu einem Bunker entpuppte.
Der Kahlköpfige stieß Celice durch die Türöffnung. Sie stolperte drei Schritte in den Raum, ihre Stütze fiel klappernd zu Boden. Sekundenlang mühte sie sich ab, stehen zu bleiben, ruderte mit den Armen lächerlich in der Luft, und stürzte dann hart zu Boden. Tränen der Wut und des Schmerzes traten in ihre Augen. Jemand in einem weißen wallenden Gewand kam mit eiligen Schritten auf sie zu, ergriff ihre Schultern und brachte sie in eine sitzende Stellung, stützte sie.
Ich bin Boo
, sagte der Jemand.
Sie war klein und zierlich, reichte Celice bis zur Schulter, also 1,50 Meter etwa. Ihr wilder Haarschopf war violett gefärbt, mit grausilbernen Strähnen. Ihr Gesicht war wunderschön, ebenmäßig, Stupsnase, koboldhafte Züge, die vollen Lippen des markanten Mundes waren violett geschminkt und ihre Augen glitzerten natürlich in der gleichen Farbe. Sie war jung, jünger als Celice.
Wollt ihr das arme Ding umbringen? Was habt ihr mit ihr angestellt? Byron?
, fragte Boo vorwurfsvoll. Sie fuhr mit ihrer Hand durch Celices verklebtes schwarzes Haar, ordnete es.
Der Kahlköpfige knurrte unwillig. Das ist ein Fieldcommander der TF. Du wolltest einen Offizier. Da hast du einen.
Mit einem Grinsen ergänzte er: Sie scheint als Einzige den Absturz eines Gleiters bei der Pipeline überlebt zu haben. Und wir haben ihr bisher nichts getan. Noch nicht.
Fieldcommander? Das ist ein Fieldcommander?
Boos Stimme klang ungläubig.
Sieh dir ihre Jacke an. Das sind die Embleme. Ausbilder. Fieldcommander
, kam Byrons mürrische Antwort.
Fieldcommander. Ah ja.
Boo lachte leise. Sie hob Celices Kinn mit der Rechten an und streichelte sanft mit der Linken über ihre verquollene Wange. Du hast Glück, Fieldcommander. Wärest du kein Commander, die hätten dich wahrscheinlich einfach erschossen. Vergewaltigt vielleicht und dann erschossen.
Das Mädchen verzog das Gesicht. Ist ja Krieg.
Boo klopfte sanft mit ihrer Faust gegen Celices Stirn. Tick-tack-tick-tack-tack-tack. Das Ding da drin ist mächtig durcheinander. Dein DataDings hat was abgekriegt, Kleines.
Celice schluckte. Ich bin Celice Firo, Personalkennung PhiAT124A-000312-CeliceFiro-3012497.Taktisches Einsatzkommando. Sol...
Boo drückte ihren Zeigefinger auf Celices Mund. Okay, Commader Firo. Du lebst, weil wir Informationen von dir haben wollen.
Ich bin nicht …
Tsss. Überleg' es dir gut.
Boos Augen funkelten. Celice schüttelte den Kopf und schrie fast auf, als ein bohrender Schmerz durch ihren Schädel fuhr. Boos Gesicht verschwamm vor Celices Augen, um dann in Fehlfarben wieder aufzutauchen. Boo öffnete den Mund und ihre Stimme dröhnte. Mack, spritz' ihr Morphin-N und schaff' sie zu dem Sergeanten. Der soll sich um sie kümmern. Im gegenwärtigen Zustand kann ich mit dem … Commander … nichts anfangen.
Celice ließ den Oberkörper auf den kalten Erdboden sinken, kühlte ihre glühende Stirn. Ich bin verletzt. Mein Bein ist gebrochen, meine Armwunde entzündet. Mein Kopf … Sie sind verpflichtet, mir medizinische Hilfe zu leisten
, stieß sie hervor.
Jajaja. Blablabla. Commander Firo hilft uns, wir helfen ihr. Okay?
Boo lächelte spitzbübisch und stand auf. Sie verzog das Gesicht, als sie den Blutfleck auf ihrer weißen Bluse bemerkte.
Sie sind ein Etho
, murmelte Celice.
Ja.
Boo legte den Kopf schief und blickte auf sie herab. Du magst keine Ethos? Mädchen, du hast so Recht.
Sie kniete sich nochmals neben Celice nieder und nahm ihren Kopf in beide Hände. Hasse die Ethos, Celice, hasse sie. Die Krönung der menschlichen Entwicklung? Sie werden das Ende sein.
Der zweite Mann (Mack?) packte Celice unter den Achseln und zog sie hoch. Er drückte ihr die Krücke unter den linken Arm und schob sie zur Tür.
Wir machen das so
, sinnierte die Etho laut. In ein paar Stunden – du solltest dich etwas ausruhen, Commander – werde ich dir etwas über mich erzählen, ja?
Sie strahlte über das ganze Gesicht. Und dann erzählst du all diese Sachen, die ein Commander weiß.
Sie nickte heftig.
Celice starrte sie an.
Aber du wirst nichts sagen.
Boo machte ein trauriges Gesicht. Und dann muss ich dich foltern!
Warum tun Sie das?
Boo wedelte mit den Händen. Ach, Commander Firo. Wir kämpfen gegen Monster.
Sie wandte sich ab. Und wer gegen Monster kämpft, der wird eben auch zu einem Monster. Oder so ähnlich.
Mack öffnete die Tür und schob Celice hinaus.
Sie töten Kinder, Commander Firo. Sie töten Kinder. Aber das weißt du, Celice, nicht?
Celice blickte zurück; Boo hob beide Arme, richtete ein imaginäres Gewehr auf sie und drückte ab. Die Tür schlug zu.
Sergeant Rowan Sebastian.
Während der Gefangenschaft kümmerte er sich um mich und pflegte mich. Als ich meine Hände nicht mehr benutzen konnte, fütterte er mich und half mir bei der Toilette. Es erfüllt mich mit großer Scham, dass mir so wenig von ihm im Gedächtnis geblieben ist. Mein DataVis war gestört, mein MedCo arbeitete nicht mehr und mein Körper war mit der Gehirnerschütterung und den Knochenbrüchen ausgelastet. Während mir seltsamerweise die Gespräche mit Boo fast glasklar im Gedächtnis blieben, sind mir von Bastian nur wenig Erinnerungen geblieben.
Er erzählte, dass er vor Monaten während einer als Unglück getarnten Sabotageaktion in die Hände der Rebellen gefallen war. Dass Boo seitdem ein grausames Spiel mit ihm trieb. Er war überzeugt, dass die Etho telepathisch begabt sei und ihm auf diesem Wege diverse Schwachstellen und Sicherheitslücken der Trassenstrecke entrissen habe. Und es schien mir so, als hätte Boo auch Dinge in Erfahrung gebracht, die der Sarge am liebsten verdrängt hätte, Dinge, für die er sich schämte. Sie töten Kinder. Aber das weißt du, Celice, nicht?
Das war meine Sünde. Die des Sergeants erfuhr ich nie.
Rowan war ein alter Soldat, der vielleicht noch ein, zwei Jahre bis zu seiner Zwangsentlassung hatte. Graues Stoppelhaar, ein kantiges knurriges Gesicht. Kleiner als Celice. Sehr muskulös.
Er gehörte zu der Sorte Soldaten, die jungen Rekruten während der Ausbildung das Leben zur Hölle machten, aber im Notfall auch bereit waren, alles für ihre Kameraden zu geben. Er kümmerte sich rührend um den angeschlagenen Commander.
Der Sergeant kontrollierte den Sitz des Verbandes, dann schob er den Arm in die Schlinge, presste ihn unter ihre Brust und fixierte ihn mit einer Bahn Selbstklebeverband. Ihr Schulterblatt hat wohl was abgekriegt, der Bizeps ist gerissen.
Er musterte sie nachdenklich. Gegen den Wundbrand sollten die Antibiotika helfen. Wie ist das Bein?
Celice blickte auf die zwei Plastikstangen, mit denen der Mann ihr Bein geschient hatte. In Ordnung
, murmelte sie undeutlich. Danke, Sergeant.
Versuchen Sie es so ruhig wie möglich zu halten.
Er seufzte. Das Gesicht ist halb so schlimm. Ist zwar grausam angeschwollen, aber kein wirkliches Problem. Ihre Gehirnerschütterung, die macht mir Sorgen.
DataVis spinnt und MedCo ist tot.
Sie ließ sich in die Kissen zurücksinken und blickte an die Decke der verdreckten Unterkunft.
NovaBurst
, knurrte Sebastian. Künstlicher EMP. Hat Elektronik und Positronik gekillt. Ihr DataVis ist noch glimpflich weggekommen.
Er drückte ein feuchtes Tuch auf ihre Stirn. Es sieht nicht aus, als ob eine Gehirnblutung vorliegen würde. Jetzt bleiben Sie einfach ruhig liegen. Entspannen Sie sich. Ich versuche, hier etwas aufzuräumen.
Er begann im Hintergrund zu werkeln. Das Bild verschwamm vor ihren Augen. Sie hatte Angst einzuschlafen und sagte mit schwerer Zunge: Ich bin kein Commander.
Ich weiß, Kleines. Die Jacke ist Ihnen etwas zu groß.
Commander Satoe ist tot. Ich habe ihre Jacke genommen.
Sie dachte angestrengt nach. Die Kerle dachten, ich wäre …
Sie dachten, Sie wären ein Commander. Wahrscheinlich leben Sie deshalb noch. Die glauben, Sie könnten ihnen noch von Nutzen sein.
Die Kerle denken das. Das Mädchen – sie weiß, dass ich keiner bin.
Der Sergeant murmelte einen hässlichen Fluch. Die Hexe. Boo. Sie ist telepathisch. Dieses Etho-Miststück ist eine Telepathin.
Aber …
Nehmen Sie sich vor ihr in Acht. Hinter diesem hübschen Gesichtchen verbirgt sich eine Sadistin.
Er blieb neben ihr stehen und Celice konnte erkennen, wie sich sein Gesicht in grimmiger Wut verzerrte. Sie wird ihr Innerstes heraussaugen.
Sein Gesicht zuckte, seine Hände öffneten und schlossen sich. Das ist jemand, dem ich mit Freude das Genick brechen würde.
'Sie wird ihr Innerstes heraussaugen.', wiederholte Celice in Gedanken. 'Sie töten Kinder. Aber das weißt du, Celice, nicht?' Das ist meine Sünde und sie weiß es. Der Sergeant ging zu der Toilette mit der Waschgelegenheit und begann sie zu säubern. Sie betrachtete die Bewegungen seiner Rückenmuskeln unter dem schweißnassen Hemd. Ja, da war Wut in seinem Gesichtsausdruck gewesen. Aber auch Angst. Hilflose Angst. Sebastian fürchtete Boo. Was ist der Schandfleck in deinem Leben?, dachte sie, während der Raum immer dunkler wurde.
Sebastian half ihr bei der Toilette. Sie hatte einen knallroten Kopf und schämte sich schrecklich. Sie könnten meine Tochter sein
, antwortete er stoisch. Verdammt, Sie könnten meine Enkelin sein.
Als sie wieder auf ihrem Lager lag, half er ihr bei der klumpigen Suppe, die Mack, während sie noch schlief, gebracht hatte. Er zerbrach ein knochenhartes Brot in kleine Bröckchen und warf sie in die Holzschale. Dann fütterte er sie Löffel um Löffel.
Haben Sie Kinder?
, fragte sie.
Er schüttelte den Kopf. Nie Zeit für so etwas. Und wahrscheinlich wollte ich auch nie eine solche Verantwortung übernehmen.
Sie kaute vorsichtig, die linke Gesichtshälfte möglichst vermeidend. Die Suppe war kalt und sie verschwendete besser keinen Gedanken an den Ursprung des klumpigen Inhalts. Wie alt sind Sie, Sarge? Entschuldigen Sie, aber Sie haben die normale Dienstzeit doch schon erheblich überschritten.
Sebastian lächelte und Celice erkannte eine Spur Stolz. Vor zwei Jahren hatte ich das halbe Jahrhundert voll. Davon zweiundzwanzig als Ausbilder. Die letzten zehn wieder aktiv. Ich habe mich dafür zurückstufen lassen.
Sein Gesicht verfinsterte sich. Nächstes Jahr ist es dann endgültig vorbei.
Und dann?
Er kratzte sein Kinn und schnaubte. Meine Abfindung wird königlich sein. Auf einer der Agrarwelten lebt mein Bruder mit seiner Großfamilie. Sie bewirtschaften eine Farm von der Größe Terra-Argentiniens. Dort wartet ein Altersruhesitz auf mich.
Er spuckte das Wort Altersruhesitz förmlich aus. Altersruhesitz. Ich bin Soldat. Ich war es mein ganzes Leben lang. Ich habe gelernt zu kämpfen, zu zerstören. Ich bin kein Bauer!
Er rührte mit den Holzlöffel in der Suppe herum. Mein Lebenszweck ist das Militär. Ich und meine Kameraden haben das sichere Dasein meines Bruders und der unzähligen anderen Siedler erst möglich gemacht. Wenn wir nicht wären, die Exos würden sie in wenigen Wochen niedermachen.
Er verzog das Gesicht. Ich habe keine Ahnung, was nach meiner Entlassung mit mir wird.
Das, wusste Celice, war ein Problem, mit dem sich viele der alten Krieger des Imperiums konfrontiert sahen. Aber die meisten fanden auf den Siedlungswelten einen neuen Job. Nicht unbedingt als Farmer. Viele der Kolonialplaneten unterhielten eine zusätzliche eigene Wehr, ein Privatheer, eine Miliz, die sich zu großen Teilen aus Ex-Soldaten zusammensetzte. Die Flotte sah diese para-militärischen Vereinigungen nicht gerne, duldete sie inzwischen aber als notwendiges Übel.
Die Agrarwelten waren vor Jahrhunderten von Terra annektiert worden. Die ursprünglichen Bewohner hatte man damals vertrieben. Viele dieser Vertriebenen trachteten immer noch danach, das Unrecht wieder gut zu machen. Und unter den vielfältigen Freiheitsbewegungen fanden sie auch immer wieder Unterstützung. Das Massaker von Sinnida vor dreißig Jahren war von einer Etho-Gruppe unterstützt und geplant worden. Tausende von terranischen Siedlern hatten den Tod gefunden und große Teile des Getreidegürtels dieser Welt waren radioaktiv verseucht worden. Danach hatten die Bürgerwehren erheblichen Rückhalt unter den Siedlern gefunden.
Ich wurde in vitro gezeugt. Und sie gaben mir den Namen Deborah Wave. Frage mich nicht, ob Wave der Name meines Vaters oder meiner Mutter war, ich weiß es nicht. Ich bin ihnen nie begegnet. Im Endeffekt waren es anonyme Spender für eines der genetischen Projekte der Ethos.
Im dritten Monat wurde der Fötus in eine BCU, eine biogenetisch-kybernetische Einheit, verpflanzt und diese an das Hauptnervensystem eines Krylaws gekoppelt. Der Krylaw war selbst ein Neugeborenes, einige Monate alt. Die Rezeptoren, die sie in mein noch in der Ausbildung begriffenes Gehirn schossen, ermöglichten einen Gedanken- oder vielleicht besser Gefühlsaustausch zwischen 'mir' und 'ihm'.
Der Alterungsprozess eines Krylaws läuft erheblich langsamer ab als der eines Menschen. Weshalb sie mich dem Tempo Kids anpassten.
Kid – so nannten sie meinen Bruder, mein anderes Ich.
Mein Bewusstsein erwachte und da war er. Unbeholfen, fragend, suchend. Krylaws kommunizieren untereinander in Melodien, in wundervollen fragilen Tonkompositionen. Er sandte mir die Lieder eines Neugeborenen. Und irgendwie, mit der Hilfe der BCU, verstand ich und antwortete.
Gemeinsam lernten wir leben. Das Leben eines Krylaws. Mein eigener menschlicher Körper wuchs langsam heran, aber ich war mir der Existenz dieses Körpers damals nicht bewusst. Ich und Kid – wir teilten seinen gewaltigen herrlichen Leib, dieses Dutzende von Metern lange Ellipsoid.
Jahre verbrachten wir in der Atmosphäre eines jupiterähnlichen Riesenplaneten, durchliefen die normale Entwicklung eines Krylaws. Der Elter, der die Verantwortung für Kid/mich übernommen hatte, brachte uns bei, in den Strudeln der ewigen Orkane nach Nährplankton zu suchen, mit den Aufwinden zum Nichts, zur Kälte hinauf zu segeln. Von Zeit zu Zeit kamen Ethos, untersuchten Kids/meinen Körper und das Ding, das in der BCU unbewusst heranwuchs.
Kid/ich fürchtete diese seltsamen Wesen. Seltsam, nicht? Die meisten Krylaws fürchten die Ethos. Die Ethos stellen ihr Verhältnis zu den Krylaws immer als gegenseitige Symbiose dar und erzählen von der weißwunder intensiven psychischen Kopplung, die Ethopilot und Krylaw miteinander eingehen. Aber für die Ethos sind die Krylaws nicht mehr als domestizierte Haustiere. Und die frei lebenden Krylaws sehen in den Ethos Sklavenhalter.
Dann kamen die 'Sitzungen'. Die BCU wurde abgekoppelt, ich wurde von Kid getrennt. Und in dieser entsetzlichen Einsamkeit wurde ich gezwungen, meinen eigentlichen Körper zu benutzen. Auf mnemotechnischem Wege wurde mir alles eingeimpft, das ich brauchte, um 'Mensch' zu sein. Du weißt, wie du atmest? Ich wusste es nicht. Ich lernte zu gehen, mich zu artikulieren. Ich begann mit anderen 'Menschen' zu kommunizieren. Die Sitzungen waren kurz, nahmen aber an Häufigkeit zu. Aber ich kann dir nicht das Glück beschreiben, das ich und das auch Kid empfand, wenn ich zurückkehrte in die Einheit Kid/ich.
Als Kid alt genug war (vierzig Menschenjahre waren vergangen, aber mein eigentlicher Körper war noch der eines Kindes), wurden die ersten technischen Komponenten 'ergänzt'. Ich erinnere mich, wie Kid/ich schrie, als die Biotech-Einheiten implantiert wurden, als unser Nervensystem aufgeschnitten und mit den Positronikbauteilen gekoppelt wurde. Es tat unendlich weh. Tagelang waren wir unfähig, bewusst zu schwimmen. Der Elter ernährte uns in dieser Zeit, hielt uns von den trügerischen Wirbeln fern und schützte uns vor dem Fall aus der dünneren Atmosphäre hinab in den tödlichen Ozean.
Aber danach begannen wir plötzlich andere Dinge wahrzunehmen: etwas außerhalb der Welt wisperte zu uns, erzählte von fernen anderen Welten, von vergangenen und kommenden Zeiten. Kid/ich wurde hyperrezeptiv. So wie wir die wechselnden Strömungen in den Atmosphären unserer Riesenwelt wahrnehmen konnten, erkannten wir ein uns und die Welt umgebendes, alles durchdringendes, alles verbindendes Medium. Und wir konnten dieses Medium nutzen, um zu tasten, zu hören, zu riechen, zu begreifen. Und schließlich, mittels weiterer technischer Hilfsmittel, in einem quälenden Prozess eingebettet/eingeschmolzen in unseren Körper, konnten wir es benutzen.
Wir schwangen uns hinauf in den leeren lebensfeindlichen Raum zwischen den Welten. Der Elter und andere Krylaws begleiteten, schützten, halfen uns. Die Partikelströme der Triebwerke verbrannten Teile unseres Körpers, aber der Schmerz verging, die Bioprogrammierung passte die betroffenen Teile an oder ersetzte sie. Und wir wurden schneller und schneller, bis wir jenen Punkt erreichten, an dem wir in den Hyperraum wechselten.
Es war wie eine Heimkehr. Als wäre der Hyperraum eine zweite Heimat für Kid, tauchte der Krylaw hinein in die Strudel, ließ sich mitreißen von einem Strom gleißender Helligkeit. Kid erfasste und verstand den Hyperraum als eine Abart und Erweiterung des Mahlstroms, in dem er entstanden war. Kid schrie vor Glück.
Und ich verzweifelte. Hatte ich bisher geglaubt, eins zu sein mit meinem Bruder, so brach das Erlebnis des Hyperraums uns auseinander. Denn ich war unfähig, dieses Wogen und Toben von Energie zu verstehen. Kid schwamm in einem schnellen 'heißen' Strom, ließ sich von einem Wirbel mitziehen und wechselte schließlich in ein gemächliches kaltes 'Gewässer'. Über der gelbroten zerfurchten Kugel eines Wüstenplaneten, über dem 'Ziel', materialisierten wir wieder. Kid jauchzte vor Glück.
Ich weinte.
Kid versuchte rührend, mir zu helfen, mir all seine Empfindungen mitzuteilen, mich zu lehren, was ihm natürlich erschien. Aber es war der Punkt erreicht, in dem der Mensch Deborah Wave scheiterte. Bei den Hyperraumflügen war ich nur Passagier. Das Experiment war gescheitert.
Dieses Scheitern wurde auch den Ethos bewusst. Ich spürte es deutlich in den 'Sitzungen'. Eine Folge meiner Kopplung mit Kid war die Weiterentwicklung meiner empathischen Fähigkeiten. Ich war zum Telepathen geworden. Mit Kid und anderen Krylaws konnte ich so problemlos kommunizieren, bei Menschen und anderen Lebensformen konnte ich zumindest die Gedankenmuster bildhaft erfassen.
Ich schwamm in meiner BCU, ein nacktes Mädchen von elf Jahren, dessen Wissen über die Menschheit allesamt aus aufgepfropften Computerlehrprogrammen bestand, dessen Körperbeherrschung dem einer Dreijährigen entsprach, und sah vor mir die mitleidsvollen Gesichter der Etho-Wissenschaftler. Und las ihre Gedanken. Ihren Ekel. Ihren Wunsch, dieses gescheiterte Experiment so schnell wie möglich zu entsorgen.
Doch schließlich mussten sie sich doch keine ethisch hochstehende Lösung für das Problem Deborah Wave einfallen lassen. Das Imperium Caranor übernahm netterweise die Lösung. Eine Konferenz um die Beteiligung der Ethos an der wieder erwachten Widerstandsbewegung sollte in einer Dunkelwolke stattfinden. Als sich Kid zusammen mit seinem Elter und anderen Krylaws dort einfand, flogen sie in eine Falle des Imperiums. Der Großteil der Krylaws wurde getötet, Kid entkam schwer verletzt. Er starb im Orbit seines Heimatplaneten.
Ich erlebte jede Sekunde seines Todes mit.
Die BCU hielt mich wochenlang am Leben, bis ein Rebellenschiff Kids Leichnam fand. Sie registrierten die Signale der kybernetischen Einheit, schnitten sich durch Kids totes Fleisch und rissen meinen zitternden Körper heraus.
Es dauerte Monate, bis ich das Trauma überstanden hatte. Und in den folgenden Jahren versuchten sie, mich zu einem normalen Menschen zu erziehen.
Hmmm. Ich kann mich bewegen wie ein normaler Mensch, essen, trinken wie ein Mensch, unterhalte mich wie ein Mensch, ich hab' sogar schon mit einem Mann geschlafen. Ein Erlebnis, das ich nicht wiederholen möchte.
Und all das, dieses 'Menschsein', es bedeutet mir nichts. Ich würde alles geben, wieder eins zu sein mit Kid, mit ihm durch die Kaskaden der Sturmzone zu rasen. Zu leben. Die Welt wieder zu spüren.
Boo schwieg. Minutenlang starrte sie sinnend in das verquollene Gesicht ihres Gegenüber. Mack hatte Celice mit einem Strick an den Stuhl gebunden, um zu verhindern, dass sie zu Boden glitt.
Boo schraubte den Verschluss einer Thermoskanne auf und schüttete eine dampfende Flüssigkeit in einen Becher.
Kamillentee
, erklärte sie, blies in den Becher und hielt ihn schließlich an Celices Lippen. Vorsichtig trank diese.
Das war mein Teil
, sagte die Etho leise.
Ich kann Ihnen keine Informationen geben.
Das Mädchen mit den violettem Haar nickte. Ich weiß, Commander.
Sie legte Celices Machete neben sich auf den Tisch.
Sie sind Rechtshänder, Commander?
Celice blickte sie schweigend an.
Wenn Sie einen Gefangenen erschießen, sagen wir ein Kind, dann würden Sie mit dem Zeigefinger der rechten Hand abdrücken, ja?
Celice schwieg. Mack zog ihren rechten Arm hoch und presste ihre Handfläche auf den Tisch.
Krylaws erfahren die Welt durch eine Art Radarsinn. Sie tasten.
Boo setzte die Machete an und schnitt ihr den Zeigefinger ab. Celice starrte auf ihre Hand und das abgetrennte Glied. Blut sickerte in das Holz. Sie spürte nichts.
Boo schnitt ihr den kleinen Finger ab. Celice sah plötzlich in völliger Klarheit sekundenlang das Gesicht des Zurain-Mädchens vor sich. Es verschwamm und sie blickte in Boos Augen. Eine Träne lief über Boos Gesicht. Celice schluckte und krächzte: Da sind immer noch drei Finger, Boo. Das ist die Hand mit der ich töte.
Celice erwachte aus einem wirren Fiebertraum. Sie fühlte weder ihr rechtes Bein noch ihren linken Arm. In ihrer rechten Hand tobte der Schmerz, jeder einzelne Finger schien zu brennen. Sie sind nicht mehr da, dachte sie mühsam und öffnete die verklebten Augen. Verschwommen erkannte sie einen hellen runden Fleck über sich. Es dauerte eine halbe Minute, bis ihre Augen einigermaßen im Fokus waren. Der DataVis projizierte verschwommene Schattenbilder.
Boo
, murmelte sie.
Die Etho lächelte. Violette und graue Haarsträhnen fielen vor ihre glänzenden dunklen Augen. Hallo Kleines
, flüsterte sie zärtlich und wischte mit einem feuchten Lappen über Celices glühendes Gesicht. Schreckliche Erinnerungen. Armes Ding.
Celice hob die rechte Hand. Auf dem schmutzigen Verband waren frische dunkle Flecken zu erkennen. Boo drückte sanft ihren Arm zurück. Sie werden sie dir wiedergeben. Das wird kein Problem für sie sein. Soll ich dich vorher töten?
Sie hob die linke Hand, in der sie den leichten Desintegrator hielt. Die Ladeanzeige blinkte, die Waffe war entsichert.
Boo stand auf. Wenn ich dich töte, musst du nie wieder töten. Das wünscht du dir doch?
Celice starrte die verschwimmende Figur an. Nicht?
Im Hintergrund bewegte sich jemand. Sarge? Boo wedelte mit ihrer Waffe, zielte auf den Sergeanten, dann wieder auf Celice. Deine Freunde sind zu schnell. Sie werden unser Camp in den nächsten Stunden finden. Wir müssen wohl Schluss machen.
Sie seufzte. Es hat keinen Sinn, dich mitzuschleppen.
Sie drückte die kühle Mündung ihrer Handfeuerwaffe auf Celices Stirn. Celice schloss die Augen.
Das finde ich jetzt wirklich enttäuschend! Hier stehe ich, ein zierliches junges Mädchen. Dort versteckt sich der alte Sergeant feige in die Zimmerecke. Okay, Sarge, du hast eine Fleischwunde und hinkst gewaltig. Aber das arme Ding hier ist deine Vorgesetzte! Ein Mädchen, das deine Tochter sein könnte. Ich hab' sie verstümmelt und will sie jetzt einfach abknallen. Eigentlich hätte ich ja erwartet, dass du vorspringst, dich heldenmütig auf mich wirfst.
Boos Stimme wurde immer leiser. Schade.
Der Knall dröhnte in Celices Ohren. Verwirrt öffnete sie die Augen.
Boo feuerte ein zweites Mal. Nicht auf Celice, auf den Sergeant. Boo ging zu der zuckenden Figur hinüber, zielte mit beiden Händen und drückte ein weiteres Mal ab.
Es gibt einfach keine Helden mehr.
Sie kam zu Celices Liege zurück und kniete sich neben ihr nieder. Der alte Mann hat mich sehr enttäuscht.
Boo schob ihren linken Arm unter Celices Schulter und hob die Verletzte an, drückte sie an ihre Brust. Du glühst. Aber keine Sorge, deine Kollegen werden bald hier sein. Eure Ärzte kriegen dich schon wieder hin. Manche Dinge …
Sie küsste Celice sanft auf die Wange. Manche Dinge kann man heilen.
Celice stöhnte, als sie zurück aufs Lage fiel.
Von fern hörte sie Boos Stimme: Wir sehen uns, Kleines.
Eine Stunde später fanden die Soldaten das verlassene Rebellenlager, fanden den toten Sarge, fanden die lebende Celice Firo.
Am folgenden Tag wurde Boos Gruppe gestellt. Bis auf Boo und zwei Kolonialterraner wurden bei dem kurzen Feuergefecht alle Rebellen getötet. Die Befragung der drei brachte keine neuen Erkenntnisse. Weitere zwei Tage später wurden die drei Rebellen hingerichtet.
Celice war bei der Hinrichtung zugegen. Sie saß in einem Rollstuhl, direkt neben den Plätzen der höheren Militärs. Eine Krankenschwester kümmerte sich um sie.
Für die nächste Woche waren erste Operationen ihres rechten Armes angesetzt. Muskeln, Sehnen, Knochen des Arms und auch der Schultern würden im Zuge eines Enhancements durch widerstands- und leistungsfähigeres Bioplastik und Fibergewebe ersetzt. Die Kosten wurden von der Flotte getragen. Offenbar
, hatte der Arzt mit gerunzelter Stirn bemerkt, ... offenbar haben sie Gönner in höchsten Kreisen.
Sie starrte auf den rechten Armstumpf. Es fiel ihr schwer sich auf den Vortrag des Offiziers zu konzentrieren, der gerade die Missetaten der Rebellen auflistete.
Boo und die beiden Männer wurden hereingeführt und an Metallpfosten angekettet. Celice fühlte eine eisige Kälte in sich aufsteigen. Ihre rechte Hand zitterte. Die Krankenschwester sagte etwas Beruhigendes.
Das Mädchen mit dem violetten Haar blickte sich um. Ihr Blick wanderte über die Bankreihen, auf denen sich die Kollegen der Arbeiter versammelt hatten, die den Anschlägen zu Opfer gefallen waren. Sie suchte unter den in Reih und Glied angetretenen Soldaten, und fand Celice schließlich auf dem Podest bei den Offizieren.
Boo sah Celice an. Celice sah Boo an.
Und Boo lächelte.
Und eine Kugel zerschlug ihr Gesicht.
Sie ersetzten meine rechte Hand. Um die biomechanischen Finger sinnvoll zu unterstützen, war es auch nötig, Sehnen- und Muskelgewebe des rechten Armes zu verstärken und zu transformieren. Die Knochen des Armes und der rechten Schulter wurden entsprechend verstärkt und mit Fiberverbundstoffen ’unterfüttert'.
Nerven wurden neu gezüchtet.
Mein rechter Arm wurde damit zehnmal stärker und belastbarer.
Ich kann einen Menschenkopf damit zerdrücken.
Nein, das habe ich bisher nicht getan.
Das Taktische Einsatzkommando hat ein eigenes Rangsystem, das unabhängig von dem der Flotte existiert.
Es gibt im Endeffekt drei Stufen: Common, Subcommander, Commander.
Der einfache Soldat, der Common, ist neben seiner allgemeinen Kampfausbildung in einem Fachgebiet spezialisiert: Sniper, Sprengstoffexperte, Pilot, Mediker etc.
Eine Untereinheit umfasst normalerweise fünf bis zehn Mann. Das Kommando über eine solche Einheit hat der Subcommander.
Die Koordination der gesamten Einheit, also bis zu zwanzig Untereinheiten, wird vom Commander übernommen.
Ich wurde nach meiner Rekonvaleszenz zusätzlich als Pilot für Landungs- oder Kaperboote ausgebildet.
Bei einem Kampfeinsatz in einer Corrolianer-Kolonie ’bewährte’ ich mich in den Augen meines Commanders, Michelle Anken-Rouex, derart, dass sie mich für die Weiterbildung zum Subcommander vorschlug. Der Widerstand, den sie daraufhin aus der normalen Flotte erfuhr, stachelte Michelle sogar noch an.
Im Dezember 519 übertrug sie mir das Kommando über eine Aufklärungseinheit.
Im Juli 520 wurde ich vom Offiziersanwärter zum Leutnant befördert, ein Vorgang, der ohne irgendwelche größeren Zeremonien ablief.
Im November 520 drückte Michelle meine Beförderung zum Commander durch.
Im Dezember 520 musste Firebridge, die Firma meines Vaters, Bankrott anmelden. Die bisherigen Geldgeber, allesamt Unternehmen mit starken Caranorbeteiligungen, hatten sich von Firebridge zurückgezogen, Kredite waren gekündigt worden und Gerüchte über Unregelmäßigkeiten im Finanzgebaren hatten zu einem Einbruch im Finanzmarkt geführt.
Meine eigenen Konten wurden für einen längeren Zeitraum gesperrt.
Arno Venever schickte mir ein Schreiben, in dem er mir sein Mitgefühl bezüglich dieses Schlages für meine Familie ausdrückte.
Mein Vater selbst nahm wegen dieser Angelegenheit keinen Kontakt mit mir auf.
Die Detektive, die seit Jahren erfolglos nach Shawnee suchten, schickten mir ihre üblichen Misserfolgsberichte.
Kelvin Brix findet eine Com-Kabine im nächsten Gesellschaftsraum. Er schließt die Tür hinter sich und setzt sich vor das Terminal. Er faltet die Hände vor seinem Gesicht und starrt vielleicht eine Minute lang vor sich hin. Schließlich schüttelt er wütend den Kopf und tippt die Kennung der CLAW ein. Sekunden später flimmert das von Fabian kreierte abgrundtief hässliche Erkennungsemblem seines Schiffes auf dem Bildschirm.
Handelsschiff CLAW
, erklingt eine schlecht modulierte Computerstimme. In welcher Angelegenheit sprechen Sie vor? Wer sind Sie? Wen wollen Sie sprechen?
Jupp
, knurrt er. Ihr müsstet mich visuell identifizieren können. Verbinde mich mit Fab.
Bitte warten, Boss
, antwortet die Stimme, es klickt und eine Musikaufnahme läuft an. Antike Rockmusik in miserabler Aufnahmequalität. Kelvin flucht leise.
Jeezus, Kelvin, was treibt ihr denn? Ich dachte, die wollten Celice nur kurz interviewen.
Fabians Gesicht ist ölverschmiert. Hinter ihm sind die Aufbauten der Lufterneuerungsanlage zu erkennen. Zumindest Fab scheint die Wartezeit sinnvoll zu nutzen. Du siehst mies aus. Was ist los? Machen Sie der Kleinen den Prozess?
Frag’ nicht.
Kelvin wird bewusst, wie müde und kaputt er sich fühlt. Die Kühle der Com-Kabine, die ihm zunächst angenehm erschienen war, lässt ihn nun frösteln.
Frag’ nicht? Was zum Teufel ist los? Was ist mit Celice?
Fab streicht sich nervös mit der Hand über seine kurzen braunen Haare. Er mag sie tatsächlich, denkt Kelvin.
Frag’ nicht! Ich erzähle dir alles, wenn ich wieder an Bord bin.
Wann ist das?
Keine Ahnung. Ich werde hier bleiben, solange dieses Verhör läuft.
Solange dieses Verhör läuft
, wiederholt Fab hohl. Du weißt, was hier gerade abgeht?
Nein. Ich krieg’ so gut wie nichts mit.
Kelvin runzelt die Stirn. Die Korridore und der Aufenthaltsraum sind leergefegt …
Genau. Die Ratten sind dabei, das sinkende Schiff zu verlassen. In den letzten Stunden haben sich die meisten angedockten Schiffe verabschiedet.
Fab reibt sich die Nase und mustert dann seine ölige Hand. Offenbar hat Terra die Rebellion sogar stärker getroffen als ursprünglich angenommen.
Fabian lacht humorlos. Sieht aus, als hätten wir diesmal aufs falsche Pferd gesetzt, Kelvin.
Du meinst …
Ich meine, wir sollten es den Shaatan, den Ephan, den Corrolianern … gleichtun und so viele Lichtjahre wie möglich zwischen uns und diesen Schwachsinn THYDERY bringen.
Der Dicke verzieht das Gesicht. Hauen wir ab, Kelvin, bevor dieser Versagerclub auch uns ins Verderben reißt!
Nach kurzem Nachdenken schüttelt Kelvin schließlich den Kopf. Nein.
Fabian rollt mit den Augen. Nein?
Nein.
Kelvin hustet. Was ist mit den Ersatzteilen, um die du dich kümmern wolltest?
Der andere schnaubt. Ich muss froh sein, dass die mir nicht die Maschinenblöcke demontieren. Nix Ersatzteile, Käpt’n Brix. Hmm, wenn wir bleiben, muss ich wohl die Frachträume leeren.
Kelvin hebt fragend eine Augenbraue.
Sie haben schon angefragt. Im Falle einer Evakuierung müssen wir ein paar hundert der Zentrums-Crew übernehmen.
Okay.
Fabian bleckt die Zähne. Er ist sichtlich wütend. Mann, Mann, Mann. Anscheinend bist du auf deine alten Tage tatsächlich ein überzeugter Revoluzzer geworden.
Kelvin schließt die Augen. Fab. Die CLAW ist genauso dein Schiff wie meines. Wenn du nicht bereit bist, zu bleiben …
Er sieht seinen Freund an. ... dann nimm’ sie und hau’ ab. Okay?
Das Gesicht des Dicken wird zunächst bleich, dann knallrot. Okay
, sagt er schließlich. Ich warte. Auf dich und auf Celice.
Danke.
Der Bildschirm wird dunkel. Kelvin steht langsam auf. Draußen im Aufenthaltsraum mustert er unschlüssig die leeren Tischreihen und die verlassenen Kioske. Schließlich geht er zu einem Imbissstand und zieht sich eine Packung Proteinsticks.
Im Besprechungszimmer findet er nur Celice vor. Gryphon hat ihr ein Tablett mit Essen bringen lassen und sich selbst für eine Stunde verabschiedet. Die junge Frau bearbeitet gerade mit einem ziemlich stumpfen Plastikmesser ein offenbar sehr zähes Steak. Sie blickt zu ihm auf.
Kelvin lächelt verlegen. Er deutet auf die verschiedenen Schalen mit Beilagen. Irgendetwas, was Sie – was du nicht magst?
Celice kaut ungerührt weiter und schiebt schließlich den Karottensalat über den Tisch. Kelvin seufzt tief und greift nach einem Plastiklöffel.
Nach ein, zwei Bissen blickt er auf: Sind Sie – bist du an einem Gespräch interessiert?
Sie nimmt einen kleinen Schluck Mineralwasser und mustert ihn überlegend.
Nein, eigentlich nicht.
Okay.
Fünf Minuten später nimmt sie den Jogurt und stellt ihn neben Kelvins leere Salatschale.
Headman Churan erwachte bei Anbruch des Tages. Die fahlen Strahlen der Sonne Pharens fielen durch die zerbrochene Fensterscheibe seines Schlafraumes und malten seltsame Muster auf die Wände.
Churan erhob sich stöhnend. Sanft zog er seinen rechten oberen Arm unter dem Körper des Mädchens hervor, das neben ihm auf dem Lager schlief. Sekundenlang betrachtete er verwirrt ihren mageren zerbrechlichen Körper. Ein Kind, dachte er, Was tust du da, Churan, sie ist nur ein Kind. Sanft strich er mit zwei Händen über ihren warmen Rücken. Das Mädchen, Ifan aus Epinani erinnerte er sich, bewegte sich unruhig.
Der Headman erhob sich leise und trat an das zersplitterte Fenster. Er umklammerte mit allen vier Händen den Holzrahmen und starrte hinaus auf die ehemalige Prachtstraße der pharenschen Hauptstadt. Von den gewaltigen Epibäumen, die einst die Allee gesäumt hatten, waren nur noch verkohlte Stümpfe übrig. Die Bauten links und rechts lagen in Trümmern. Ganz Pharen Metrocore war nur noch eine Ansammlung zerbombter Ruinen.
Wind wirbelte den allgegenwärtigen Staub auf.
Heute ist der letzte Tag, dachte der Headman. Heute endet es. Die terranischen Truppen hatten die kläglichen Überreste von Churans Armee umzingelt. In den letzten Tagen hatten sie schweres Kriegsgerät in Stellung gebracht. Es endet heute, wiederholte er müde in Gedanken.
Auf der zerstörten Strasse spielten Kinder. Minutenlang verfolgte Churan das hektische Ballspiel.
Der Com summte. Das Mädchen Ifan schreckte mit einem Schrei hoch und setzte sich mit entsetztem Gesichtsausdruck auf. Churan winkte ihr beruhigend zu, nahm den Com und seine Kleidung und ging in das angrenzende Zimmer.
Headman Churan
, meldete er sich, während er sich ankleidete. Ist es so weit?
.
Auf dem Bildschirm tauchte das eingefallene Gesicht des Alten Emois auf. Ein Terraner kommt die Prachtstraße herunter.
Churan schloss und öffnete sein Stirnauge. Ja? Tötet ihn.
Er ist unbewaffnet. Er trägt einen ihrer schwarzen Kampfanzüge, aber hat keinerlei Waffen an sich.
Churan verzog seinen Mund zu einem unwilligen Grinsen. Er wird eine Bombe am Körper versteckt haben.
Emoi fluchte. Junge. Komm’ zu dir! Wozu sollte er mit einer Bombe kommen? Wozu?
Churan starrte auf den Bildschirm. Tränen traten aus seinen Augen. Emoi hatte natürlich Recht. Die Terraner hatten es nicht nötig, auf eine solch unsinnige Weise gegen die Phareni vorzugehen. Sie würden die Widerständler einfach überrennen.
Ein Unterhändler? Über was will er verhandeln?
Er wird in zwölf Em den Paradeplatz erreichen.
Churan dachte kurz nach. Dann schloss er kurz alle drei Augen. Ich werde dort sein.
Churan saß auf einem der Säulenstümpfe, als der Terraner am Paradeplatz eintraf. Vor zwei Mal zwölf Tagen hatte noch ein Wald von Ehrensäulen den Platz gesäumt, Marmorsäulen, in denen die Namen der Großen, der berühmtesten und ehrenhaftesten Pahreni, eingraviert waren. Churan stieß mit dem Fuß gegen einen Marmorsplitter und versuchte vergeblich den eingemeißelten Schriftzug zu entziffern.
Selbst in seinem Kampfanzug und mit den Polstern seines Körperpanzers wirkte der Terraner auf den Pharen wie ein magerer Halbwüchsiger, kaum mehr als ein Kind.
Der Terraner blieb abwartend vor dem Headman stehen. Das Symbol an seiner rechten Schulter wies ihn als Fieldcommander aus. Das hieß, er befehligte die Truppen, die Churans Leute eingeschlossen hatten. Churan musterte lange die schwarze Gesichtsmaske und die verspiegelten Linsen. Schließlich stand er schwerfällig auf und führte sein oberes Armpaar über dem Kopf des Menschen zusammen.
Der Terraner griff sich an den Hals, öffnete den Verschluss seiner Haube und zog sie sich vom Kopf. Schweiß glänzte auf dem blassen Gesicht mit der seltsamen vorspringenden Nase. Der Commander griff sich mit beiden Händen an den Hinterkopf und löste einen Haarknoten. Schwarzes Haar fiel auf seine Schultern.
Der Headman machte unwillkürlich einen Schritt zurück. Du bist eine Frau.
Die Terranerin strich sich eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht und rieb sich die winzigen hellgrünen Augen. Ja. Ich bin eine Frau.
Sie reichte Churan gerade bis zum Ansatz seines ersten Armpaars. Sie sah an ihm hoch. Ich hoffe, Sie werten das nicht als Affront, Headman. Ich habe unter meinen männlichen Untergebenen niemanden gefunden, der bereit war, dieses Gespräch zu führen.
Churan lachte kurz. Wir vergreifen uns nicht an Unterhändlern, Commander.
Sie nickte. Ich weiß. Die Phareni sind ein ehrenhaftes Volk.
Über was willst du verhandeln, Menschenfrau?
Meine Einheiten werden in drei Stunden das Stadtzentrum stürmen.
Sie überlegte kurz. Das entspricht zweihundert Em Ihrer Zeitrechnung.
Churan bewegte sich unruhig. Sie fuhr fort: Es ist egal, ob Ihnen der genaue Zeitpunkt bekannt ist. Wir sind Ihnen waffentechnisch überlegen. Sie können uns nicht aufhalten. Und zu einem Ausfall vor Ablauf dieser Zeit sind Sie nicht mehr fähig.
Bist du gekommen, um mir das zu erzählen?
Churan zitterte vor Wut.
Nein. Sie werden verstehen, dass wir bei unserem Vorgehen die eigenen Verluste so gering wie möglich halten werden.
Sie sah ihn mit ihren hellgrünen Augen unverwandt an. Das heißt aber auch, dass nur ein kleiner Bruchteil Ihrer Krieger den Angriff überleben wird.
Dann werden wir sterben.
Die Augen des Headmans funkelten. Er wollte sich abwenden.
Es ist mir klar, dass Sie eine Kapitulation als unehrenhaft ansehen und ablehnen. Trotzdem: jeder Ihrer Kämpfer, der sich in den nächsten drei Stunden waffenlos meinen Leuten ergibt …
Keiner meiner Männer wird sich ergeben, Commander. Geh’ zurück in dein Lager. Bereite dich auf die Schlacht vor.
Auf die Schlachterei
, entgegnete sie leise. Als der Headman sich abwandte, sagte sie laut: Es geht mir um die Kinder, Headman.
Überrascht fuhr er herum.
Ich habe genug Kinder getötet, Headman. In diesen Gebäuden befinden sich rund zweitausend Phareni. Vielleicht zweihundert davon gehören zu Ihren Kämpfern. Der Rest sind Kinder, Halbwüchsige, Alte, Frauen.
Sie wies zu einem Gebäude, in dessen Eingang zwei Kinder standen und zu ihnen herüberstarrten. Was ist ehrenvoll am Tod eines Kindes? Was sagt die Ehre eines Kriegers über den Schutz von Wehrlosen?
Churan stieß mit seinem rechten unteren Arm nach der Terranerin. Sie wich schnell aus. Der Pharen knurrte wütend. Terraner machen sich keine Gedanken um Unschuldige und Wehrlose. Terraner scheren sich nicht um Phareni-Kinder.
Die Frau schüttelte den Kopf. Manche tun es. Ich tue es.
Sie hob die Arme. Headman, ich möchte heute keine Kinder töten.
Er starrte sie fast eine Em lang an und sie erwiderte seinen Blick. Schließlich zog er seinen Com aus seiner Jackentasche und wandte ihr den Rücken zu. Nach einem kurzen Com-Gespräch wies er auf eine umgestürzte Säule. Setz’ dich, Menschenfrau.
Er nahm ihr gegenüber auf einem Säulenstumpf Platz. Auf diesem Platz haben wir unseren Helden gehuldigt
, sagte er. Die Terranerin nickte. Wenn sie noch weitere Erläuterungen von Churan erwartete, wurde sie enttäuscht. Der Headman schwieg und starrte sie die nächsten Minuten nur mit seinen drei Augen an.
Am Rand des Platzes entstand Unruhe. Phareni erschienen aus den Häuseröffnungen. Frauen und Kinder. Churan erhob sich.
Ifan lief über den Platz. Ich werde nicht gehen!
, schrie sie Churan wütend an. Churan packte sie mit seinen oberen Armen. Ich bin dein Headman. Du wirst tun, was ich dir sage.
Dann schlug er ihr hart ins Gesicht und schob sie zu zwei älteren Frauen, die je ein Baby trugen. Ihr sorgt dafür, dass sie mitgeht!
Er drehte sich zu der Terranerin um. Diese Phareni werden dich begleiten. Weitere Frauen und Kinder werden sich in den nächsten … drei Stunden bei deinen Truppen melden.
Er schloss und öffnete sein Stirnauge in schneller Folge. Du bist für sie verantwortlich!
Ich bin für sie verantwortlich
, bestätigte die Terranerin.
Dann geh’.
Er streckte seinen rechten oberen Arm aus und deutete die Allee hinauf. Dann schrie er den Phareni etwas zu.
Als die Terranerin bereits einige Schritte gegangen war und die ersten Frauen und Kinder ihr folgen wollten, rief Churan: Menschenfrau. Commander.
Sie blieb stehen und blickte zurück.
Mein Name ist Churan Asani Headman Phareni accom Huna.
Das war sein Name, seine Herkunft, seine Berufung. Und diese Art der förmlichen Vorstellung war eine Geste der Hochachtung dem anderen gegenüber. Ich ehre Sie, Commander.
Die Terranerin zögerte kurz, dann nickte sie. Ich bin Celice Firo. Ich ehre Sie, Headman.
Achthundertzweiundachtzig Frauen und Kinder hatten sich innerhalb der Dreistundenfrist den Terranern ergeben. Während des einstündigen Kampfes waren etwas mehr als die gleiche Anzahl von Phareni gefallen. Die terranischen Truppen hatten keine Ausfälle zu beklagen, ein Panzer war in einer Strasse eingebrochen und drei Leute seiner Besatzung waren dabei verletzt worden.
Nach der abschließenden Besprechung des Einsatzes kehrte Celice mit ihren Subcommandern zu ihrem Hauptlager zurück. Sie kam an den bewachten Sammelplätzen vorbei, in denen die Phareni auf ihren Abtransport in die Lager warteten.
Menschenfrau.
Sie blieb stehen. An einem Gitter stand eine weibliche Pharen. Mit Hilfe ihres DataVis konnte sie die grobschlächtige Dreimeterfigur identifizieren: es war das Mädchen, das Churan auf dem Platz geschlagen hatte.
Celice verharrte abwartend im sicheren Abstand vor dem Gitter. Sie hatte Respekt vor den Körperkräften dieser Giganten. Der Blick der drei Augen der Pharen wanderte unsicher über Celices Gestalt. Ist er tot?
, fragte die Pharen schließlich.
Ja
, antwortete Celice.
Tatsächlich war sie sich nicht sicher. Der Headman hatte Jacke und Hose aus grauem Leder getragen. Die Leiche, die Celice auf dem Paradeplatz gesehen hatte, war ebenfalls so gekleidet gewesen, aber ihr Oberleib war zur Unkenntlichkeit verkohlt.
Der Headman war nicht unter den zweiunddreißig Gefangenen, die Celices Truppe gemacht hatte.
Es mochte sein, dass er zu der Gruppe Phareni gehörte, die sich in einem ehemaligen Hotel verschanzt hatten und beim Einsturz des Gebäudes verschüttet worden waren. In diesem Fall war sein Tod nur eine Frage der Zeit. Celice hatte keine Mittel, den Verschütteten zu helfen. Schon ihre Aktion, die Kinder und Frauen aus der Kampfzone zu holen, würde bei ihren Vorgesetzten heftiges Kopfschütteln hervorrufen. Aber dem Wunsch, verschüttete Rebellen zu bergen, würde auf keinem Fall entsprochen werden.
Ja. Er ist tot
, wiederholte sie deshalb.
Ihr seid Monster. Menschen lügen mit ihren Worten und betrügen mit ihren Gesten. Sie morden.
Die junge Pharen spuckte aus. Ich trage das Kind Churans in mir
, sagte sie stolz. Das Kind Churans wird sein Volk wieder in die Freiheit führen, Menschenhure.
Celice warf einen Blick auf die Skyline der zerstörten Stadt. Sie zuckte mit den Schultern. Pharenfrau
, sagte sie. Du lebst. Dein Kind wird leben.
Dann folgte sie ihren Subcommandern.
Unverständnis war die harmloseste Reaktion, die diese Aktion bei meinen Vorgesetzten hervorrief.
Ich hätte unnötigerweise mein Leben aufs Spiel gesetzt, um die Leben von Nichtmenschen zu retten. Während meines Gesprächs mit dem Headman, während des Hin- und Rückweges hätte mich mühelos ein Heckenschütze töten können. Mein Verhalten sei dumm und unverantwortlich für einen Offizier meines Dienstranges gewesen.
Die Phareni sind ein stolzes Volk mit hoch stehenden Ehrbegriffen. Sie töten oder misshandeln keine Unterhändler.
Ich habe mich oft gefragt, ob ich bei Menschen ein solches Risiko eingehen würde.
Ein älterer Mann tritt ein. Kelvin Brix blinzelt verwirrt, Gryphons Körper spannt sich unmerklich an. Celice mustert den Neuankömmling.
Dunkle, ergrauende Haare. Schlank, fast hager. Anachronistische Brille. Zerknitterte Kleidung. Übermüdet. Der Mann bleibt neben Gryphon stehen, nickt diesem zu und blickt dann Celice mit einem verlegenen Lächeln an. Ich bin Hemmings
, sagt er.
Celice seufzt. Anthony Haddington. Historiker. Mutmaßlich einer der Führer der Revolutionsbewegung. Es gibt ein Kopfgeld auf Sie, tot oder lebendig.
Haddington verzieht das Gesicht. Es ist nicht sehr hoch.
Das Imperium betrachtet Ihren Revoluzzerclub nicht als sehr gefährlich.
Celice zuckt mit den Schultern. Sie sind kein Lyonel Roubaz, kein Che Guevara. Ich glaube, die netteste Bezeichnung ist Witzfigur.
Haddington grinst. Aber immerhin ein Kopfgeld.
Celice sieht ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Je länger dieses schwachsinnige Verhör hier läuft, desto klarer wird mir, wie korrekt die Einschätzung der Imperiumsführung ist.
Ja?
Ja. Sie unterziehen ein Mitglied des Taktischen Einsatzkommandos einem Verhör. Einen TEK-Commander mit Nahkampf-Ausbildung und Körper-Enhancement. Ich bin nicht gefesselt. Sie haben offensichtliche Waffensysteme entfernt, okay, aber Sie haben meinen rechten Arm nicht deaktiviert oder eingeschränkt.
Das heißt?
Das heißt, dass ich innerhalb von fünf Sekunden alle drei anwesenden Witzfiguren töten könnte.
Kelvin bewegt sich unruhig. Celice lächelt freudlos. Sie nickt in eine Zimmerecke. Sie überwachen den Raum durch zwei Kameras. Im Falle eines Problems kann der Raum mit Narkosegas geflutet werden, vier Düsen am Boden. Dann steht noch ein Paralysator in der Deckenbeleuchtung bereit. Meine Nanodepots können das Narkosegas neutralisieren. Da wohl kaum wertvolle Mitglieder der Revolution geschädigt werden sollen, wird man eine normale Paralysestärke wählen. Wiederum kein Problem für meine Nanodepots.
Die Tür öffnet sich erneut und die Wächterin schiebt sich mit düsterem Gesichtseindruck herein.
Hallo Mari
, begrüßt Celice sie. Mari hat sich vor kurzem den linken Oberschenkelknochen gebrochen. Bei Recca-Geborenen heilt so etwas nur langsam. Aus religiösen Gründen verwendet sie keine Nanohilfen. Der hohe Stickstoffgehalt der Stationsluft ist sehr unbekömmlich für sie und schadet ihren Augen. Ihre schnelleren Reflexe und ihre größere Körperkraft sind in diesen engen Räumen nur von geringem Vorteil.
Sie hebt die rechte Hand. Hiermit kann ich ihre Knochen wieder brechen. Hiermit kann ich ihren Kehlkopf zertrümmern.
Haddington kratzt sich am Hinterkopf. Er hebt abwehrend die Hand, als Mari ihre überschwere Waffe hebt.
Celice lehnt sich zurück und starrt zur Decke. Die Toiletten sind direkt neben einem Energieverteiler positioniert. Über das Entlüftungssystem kann man problemlos von einem Ort zum anderen gelangen. Und das heißt …
Sie sieht Haddington wütend an. ... dass höchstens eine Minute nach Ihrem Tod dieser Teil Ihrer Station in die Luft fliegen würde. – Mari, ich werde keine derartige Aktion starten. Seien Sie vorsichtig mit Ihrer Waffe.
Danke
, murmelt der Historiker.
Ein Club von Dilettanten und Narren. Es ist erstaunlich, dass Ihre Revolution so lange überlebt hat.
In Ordnung
, erwidert Haddington. Wenn Sie nicht beabsichtigen, so etwas zu tun, warum haben Sie sich dann überhaupt hierher bringen lassen? Warum haben Sie Brix' Besatzung nicht vorher ausgeschaltet? Das wäre doch auch kein Problem gewesen.
Ein Denkfehler.
Die Frau zieht ihr Wasserglas wieder heran.
Sie haben gehofft, man würde Sie irgendwo aussetzen?
Haddington schüttelt den Kopf. Ach, Firo, das ist doch nun Unsinn. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie von uns als Schlächterin von Senzia erkannt werden, war doch sehr hoch.
Celice zuckt mit den Schultern. Pech.
Die Killerin von Senzia
, wiederholt Haddington nachdenklich. Das ist, warum Gryphon hier so an Ihrer Person interessiert ist.
Er wollte einem Monster ins Antlitz sehen?
Haddington hebt in einer hilflosen Geste die Hände. Wahrscheinlich. – Mein Interesse an Ihrer Person hat einen anderen Grund.
Er blättert in den Unterlagen. Sagt Ihnen der Name Martha Wilkins etwas, Dr. Martha Wilkins?
Mit einem Ausdruck milden Erstaunens nickt Celice. Wilkins war eine Zeit lang medizinischer Offizier in meiner Einheit.
Das Datum ist 521. Mai 521. Gryphon, das Kapitel Pitt-78/Aurora wurde noch nicht angesprochen?
Nein. Aber wir können es vorziehen. Soweit ich informiert bin, hat Commander Firo in den paar Monaten zwischen Pharen und Aurora keine nennenswerten Kriegsverbrechen begangen.
Mai 521. Auf einer Kitchener-Welt war es zu einem Aufstand gekommen.
Celices Stimme ist so ruhig und beherrscht wie in den vorangegangenen Stunden. Auf Pitt-78 war zu dieser Zeit ein … ein Guru der Ethos inhaftiert. Ein spiritueller und politischer Führer unseres Homo Superiors. Samual Raskan?
Gryphon bewegt sich unruhig. Nun ja, eine Gruppe Etho-Rebellen wollte dieses hohe Tier befreien. Sie zettelte eine Revolte im betreffenden Gefängnistrakt an und setzte Nervengas frei. Mein Basisschiff war zu diesem Zeitpunkt nahebei stationiert. Wir trafen nach acht Stunden ein.
Sie starrte Gryphon an. Die Ethos hatten unter anderem psychotropen Kampfstoff eingesetzt. Psychotrope Kampfstoffe greifen Gehirn und Zentralnervensystem an. Angreifen ist ein zu harmloser Ausdruck, es ist eine oft irreparable Veränderung und schließlich Zerstörung von Gehirnpartien. Enorm gesteigerter Ausstoß von Adrenalin und Endorphinen, Stimulation des R-Komplex – kaum Schmerzempfinden, übermenschliche Kräfte, extreme Wahnvorstellungen. Aggressivität.
Ihre Stimme ist immer leiser geworden. Jetzt verstummt sie ganz. Nachdem sie einen winzigen Schluck Wasser getrunken hat, fährt sie fort: Das Gefängnispersonal und mehrere Tausende Gefangene waren getötet worden. Weitere Tausende von ihnen hatten die Gebäude besetzt. Sie hatten sich bewaffnet. Das PsG hatte sie in den Wahnsinn getrieben, sie waren so gut wie immun gegen Narkosegas oder Paralysatoren. Sie waren dabei, sich gegenseitig zu massakrieren, als meine Einheit landete.
Das Hauptgebäude, ein lang gezogenes Hufeisen aus kalkweißem Stahlbeton, brannte an mehreren Stellen. Klaffende Lücken waren in die Mauern geschlagen worden. Der Innenhof war von Trümmern übersät. Hinter einem zerfetzten Stacheldrahtzaun gruppierten sich die ausgebrannten Wracks mehrerer Gleiter um einen Krater.
Menschen kletterten über die Schuttberge. Einige schwenkten Metall- oder Plastikstangen. Einige trugen Waffen.
Die Waffen des Personals sind DNA-codiert
, sagte Celice. In den Händen der Gefangenen sollten sie nutzlos sein.
Auf Fentons fragenden Blick hin ergänzte sie: Bleiben Sie in dieser Höhe.
Sie zog das Mikro an sich. Burke. Kreisen Sie über dem Innenhof. Wir versuchen es erst mal mit Vernunft. Schockwaffen, nichts Letales.
Wir haben unbekannte toxische Substanzen in der Luft
, bemerkte Wilkins. Die Medizinerin sah besorgt aus. Nervengas. PsyBC, eventuell.
Okay. Das heißt: Anzüge schließen. Wir gehen kein Risiko ein.
Sie zog die Haube über den Kopf, biss in den Mundschutz und drückte die glitschige Maske gegen das Gesicht. Maske und Haubenrand verschmolzen zischend. Celice ignorierte den leichten Brechreiz und überließ dem DataVis die Anpassung des Blickfelds. Die anderen folgten ihrem Beispiel.
Commander Firo, Taktisches Einsatzkommando PHOENIX. Legen Sie Ihre Waffen nieder und versammeln Sie sich friedlich vor den Geräteschuppen.
Ihre Stimme dröhnte über den Hof. Ausdruckslose Gesichter starrten nach oben, auf die beiden Gleiter. Wenn Sie meinen Anweisungen nicht Folge leisten, werden wir Schockwaffen einsetzen. Legen Sie Ihre Waffen nieder.
Ein Bildschirm zoomte eine einzelne Gestalt heran. Ein Mann mit blutverkrustetem Gesicht und zerfetzter Gefangenenmontur. Seine Brust war von Geschwüren übersät. Wilkins fluchte leise. Die Mistkerle haben biologische Kampfstoffe freigesetzt.
Ein Blitz schoss von einem der Schuttberge hoch. Celice zuckte zusammen.
Strahlkarabiner
, kam Burkes Stimme aus dem Empfänger. Ging weit daneben. Unsere Panzerungen sollten ausreichend sein.
Das war kein Gefangener
, sagte Linden. Die Frau trägt Wärterkleidung.
Celice musterte das Holo. Der Anzug der Frau war zerfetzt, ihr Gesicht verrußt. Sie schießt auf uns?
Da sind weitere Leute in Uniformen. Die meisten sind bewaffnet.
Celice runzelte die Stirn. Schockwaffen einsetzen. Dann sammeln wir sie eben so ein
, entschied sie schließlich.
Abbertsen feuerte die vier Nervenschocker ab. Durch die Menschenmasse ging ein Ruck. Viele taumelten, einige stürzten hin.
Der erste Energiestrahl war zu niedrig gehalten. Er raste fast parallel zum Boden durch die Menschen, durchschlug und zerfetzte mehrere Körper. Celice schrie auf.
Eines der Gleiterwracks!
Fentons Stimme überschlug sich.
Hochziehen! Energieschirme verstärken!
Der zweite Strahl war gezielter. Er erwischte Burkes Gleiter und riss ein faustgrosses Loch in dessen Heckantrieb. Das Flugzeug stürzte trudelnd ab. Der Pilot konnte ihn nicht abfangen und der Schwere Gleiter schlug mitten in eine Menschengruppe. Körper wurden in die Luft gewirbelt oder unter dem Rumpf zerquetscht, während das tonnenschwere Gerät über den Innenhof schlitterte und einen Wachschuppen einriss.
Hochziehen!
, schrie Celice den jungen Fenton an. Als der nicht reagierte, griff sie mit einem Fluch nach dem Steuerknüppel. Im gleichen Moment flammte draußen eine Miniatursonne auf. Der Antriebsblock des zweiten Gleiters war explodiert. Celice spürte, wie ihr Gleiter sich aufbäumte, sie verlor den Halt und schlug neben Fentons Sitz zu Boden.
Abbertsen!
Bin dabei
, brüllte der Gunner zurück. Sein Desintegratorschuss schlug in dem Gleiterwrack ein und löste das Cockpit auf. Trotzdem kam der Gegner noch dazu, seine Thermokanone ein weiteres Mal abzufeuern. Fenton schrie schrill auf, als die Panzerglasscheibe vor ihm zersplitterte. Glutflüssiges Metall spritzte ins Cockpit.
Der Gleiter kippte nach hinten. Durch die aufgeplatzte Frontscheibe konnte man nun den schmutzig grauen Himmel des Planeten sehen. Celice zog Fenton aus dem Sitz nach hinten. Der Pilot schien unverletzt, nur geschockt, sein Anzug war unbeschädigt.
Jetzt drehte sich der Gleiter und Celice sah entsetzt, wie sie in einem flachen Winkel auf den Gefängnishof zurasten. Sie erkannte brennende Gebäude, sah zerfetzte Leiber am Boden liegen und verwirrte Menschen herumrennen. Sie warf sich in Fentons Sitz und riss an der Steuerung. Mehrere Metallsplitter hatten sich in die Armaturen gegraben.
Der Gleiter schrammte über den Boden. Ein Mann tauchte direkt vor ihnen auf, versuchte vergeblich zur Seite zu springen. Zwei Frauen. Celice schrie. Sie zog den Steuerknüppel zu sich heran, der Gleiter schnellte nach oben. Dann war die Wand des Hauptgebäudes vor ihr und das Fahrzeug prallte seitlich dagegen. Verkeilte sich. Stürzte.
Stille. Celice erhob sich mühsam aus dem Sitz und ließ sich nach hinten rutschen. Raus hier
, keuchte sie. Raus hier, bevor unsere Einheit hochgeht.
Linden stieß die Notausstiegsluke auf und sie folgte dem Subcommander hinaus. Fenton zerrten sie hinter sich her.
Sie liefen einige Dutzend Meter an der Wand entlang, aber die Explosion ihres Gleiters blieb aus. Fenton kämpfte noch mit seinem Schock, aber ihre Leute waren unverletzt. Sie waren insgesamt sechs: Celice, Linden, Fenton, Wilkins, Abbertsen, Scheemann.
Celice orientierte sich. Hinter ihnen ragte die Stahlbetonmauer des Hauptkomplexes empor. Vor ihnen waren kleine schuppenartige Gebäude. Baracken. Offenbar hatten sie das Camp am westlichen Ende des Gefängniskomplexes erreicht. Gestalten torkelten durch das qualmverhangene Gelände.
Celice deutete zu einem der Geräteschuppen.
Abbertsen lief als Erster los und hetzte im Zickzackkurs über das Feld auf die nahen Gebäude zu. Als er sich hinter einem Geräteschuppen in Deckung warf, folgten Wilkins und Linden. Celice versuchte, Kontakt mit den anderen Landungsbooten aufzunehmen. Als niemand antwortete, funkte sie ihr Basisschiff, die PHOENIX, an.
Budding meldete sich. Seine Stimme überschlug sich. Firo! Was ist bei Ihnen los?
Wir haben die Boote verloren. Burkes Mannschaft ist tot.
Celice lief los. Sie haben uns mit dem Geschütz eines Gleiterwracks in Beschuss genommen.
Die sind doch gesichert.
Durchgedrehtes Wachpersonal. Wilkins hat unbekannte Toxine in der Luft ausgemacht.
Sie warf sich neben Abbertsen in den Morast. Budding, nach meinen Information haben die Ethos ein Chemiewerk gesprengt. Zwanzig Kilometer von hier. Der Wind steht günstig. Ich sehe verdammte schmutzige Wolken hier.
Was wollen Sie damit sagen?
Ich glaube, dass in diesem Chemiewerk biochemische Kampfstoffe entwickelt wurden.
Sie reden sich um Kopf und Kragen, Firo. Auf Kitchener-Welten werden keine biochemischen Toxine erprobt.
Fein. Und wie erklären Sie sich, dass die Gefangenen auf unsere Nervenschocks nicht reagiert haben?
Ich erkläre mir gar nichts. Firo, ich schicke, sobald es mir möglich ist, ein Hilfskommando. Verschanzen Sie sich so lange.
Budding unterbrach die Verbindung. Celice fluchte. Jemand pochte gegen Celices Gesichtsmaske. Wütend fuhr sie herum. Was ist?
, fauchte sie Wilkins, den Sanitätsoffizier, an.
Commander, ich kann erhöhte Kampfstoffkonzentrationen in der Atmosphäre nachweisen. Nervengas, BC. Ich tippe auf psychotrop.
Budding meldete sich nach einigen Minuten wieder: Bis auf Ihre Untereinheit haben alle Kommandos ihre Einsatzorte erreicht. Die gegenwärtige Situation ist: die Ethos haben, um ihre Aktionen zu maskieren, die Gefangenen in allen Installationen auf dem Nordkontinent freigesetzt. Das konnten sie, nachdem sie die Computerkontrolle geknackt hatten.
Budding schwieg kurz. Zusätzlich haben sie dann eine experimentelle Forschungsstation vernichtet, in dem das Reich Forschungen zur Neutralisierung von biochemischen Kampfstoffen ausführt.
Celice grinste freudlos hinter ihrer Gesichtsmaske. Dabei sind Mengen höchst gefährlicher Substanzen in die Atmosphäre gelangt. Wir haben die Evakuierung der betroffenen Gebiete in die Wege geleitet. – Firo, wir müssen zunächst die Zivilbereiche sichern. Sie sind deshalb vorläufig auf sich gestellt.
Celice zischte einen hässlichen Fluch. Als Budding seine kurze Ansprache beendet hatte, erhob sie sich. Okay. – Linden, wir ziehen uns in den Wachturm zurück. Dort können wir eventuell auch Zugang zum Überwachungsnetz bekommen.
Sie liefen im Zickzack über den freien Platz und warfen sich in Deckung. Linden brach das Stahltor auf. Fenton drang als Erster in den unbeleuchteten Raum ein.
Ein erstickter Ruf erklang und Fenton stürzte wieder ins Freie. Zwei Frauen in grauer Gefangenenkleidung hatten sich auf ihn geworfen, klammerten sich an ihn und schlugen mit Metallstücken auf ihn ein. Hinter ihnen sprangen weitere Gefangene brüllend aus der Tür.
Linden gab eine Salve aus ihrem Nervenparalysator ab, aber zu Celices Erschrecken reagierte keiner der Angreifer darauf. Ein grauhaariger Mann mit einer gezackten Eisenstange erreichte Scheemann und schlug ihm seine Waffe ins Gesicht. Die schwarze Schutzmaske splitterte und der Soldat ging zu Boden. Celice riss ihren Karabiner vom Rücken und drosch ihn dem Gefangenen in die Hüften, als dieser gerade die Stange in Scheemanns Gesicht rammen wollte. Der Grauhaarige stürzte hin, sprang aber sofort wieder auf. Zähnefletschend und seine Stange schwingend kam er auf Celice zu. Celice fing die Stahlstange mit der Rechten ab und stieß ihm ihr linkes Knie in den Magen.
Sie fuhr herum. Fenton und Scheemann waren am Boden, die anderen hielten sich die Angreifer mit Mühe vom Leibe.
Ein Fenster in sechs Meter Höhe wurde aufgestoßen und eine Frau sprang wild strampelnd heraus. Sie prallte neben Celice auf den Boden und blieb mit gebrochenem Rückgrat zuckend liegen. Gleich darauf stürzten sich zwei weitere Männer aus dem Fenster. Beide brachen sich die Beine, was sie nicht davon abhielt, Linden und Wilkins zu attackieren.
Ein Energieschuss blitzte auf. Abbertsen taumelte zurück, mit brennenden Schultern und Kopf. Sekundenlang blieb er wie erstarrt stehen, dann brach er zusammen. Sein Mörder, eine junge Frau mit strähnigem blonden Haar, schwenkte triumphierend einen Karabiner.
Celice erschoss das Mädchen, dann zwei weitere Angreifer.
Scheemann war tot, die Stahlstange hatte ihm den Schädel zertrümmert. Auch Fenton hatte schwere Verletzungen davon getragen; Wilkins sprach von Rippenbrüchen und inneren Blutungen. Schlimmer als diese Verletzungen aber war, dass die Angreifer seine Schutzmaske zertrümmert und seine Schutzjacke zerrissen hatten. Fenton war damit den Erregern in der Luft ausgesetzt.
Sie zogen sich auf das Dach eines kleinen Gebäudes zurück.
Wilkins ging neben Fenton in die Hocke und untersuchte ihn.
Budding!
, rief Celice wütend. Wir hatten Feindkontakt. Hier sind psychotrope Stoffe aktiv! Die Gefangenen sind hyperaggressiv und fast schmerzunempfindlich. Das Zeug muss sie in den Wahnsinn treiben.
Sie dachte mit Schaudern an die Gesichtsausdrücke der Angreifer. Budding!
Niemand antwortete. Die Verbindung zur PHOENIX war tot.
Verdammt. Warum antwortet der nicht?
Sie wechselte die Frequenz. PHOENIX, hier Commander Firo. Schicken Sie sofort eine Hospitaleinheit an meine Position! Ich habe hier einen schwer verletzten Soldaten! PHOENIX?
Sie blickte auf Wilkins und Fenton herab. Die schwarze Gesichtsmaske verbarg Wilkins' Gesicht völlig, aber die Sanitäterin zuckte hilflos mit den Schultern. Wir müssen ihn hier rausbringen. Er hat mehrere Rippen gebrochen und definitiv innere Blutungen.
Sie schob die zerfetzte Maske des Common zur Seite. Die Lippen des Jungen waren von Blasen übersät und gelber Schorf bedeckte seine Wange. Er hat eine Dosis von diesem Psycho-Zeug abbekommen. Aber nach seinem MedCo haben die Nanos das gerade noch unter Kontrolle.
Es knackte in Celices Empfänger. PHOENIX?
Negativ
, kam die Antwort. Hier ist die HARRENBERG. Der Clean-Up wurde in unser Kommando übergeben.
Die Stimme kam Celice entfernt bekannt vor aber sie verfolgte den Gedanken nicht weiter. Der Clean-Up?
Wir haben einen Ausbruch psychotroper Kampfmittel, Commander Firo, und eine Horde infizierter Gefängnisinsassen, die eine Reichsinstallation besetzt haben. Ihre Versuche, die Lage unter Kontrolle zu bringen, sind gescheitert.
Mit zusätzlicher Boden- und Luftunterstützung lässt sich die Situation beruhigen.
Negativ. Wir haben bis auf ihre kleine Einheit alle Soldaten aus dem Gebiet abziehen können. Das Clean-Up wird in fünf Minuten beginnen. Stellen Sie die völlige Dichtheit ihrer Schutzanzüge sicher.
Wir haben hier einen Soldaten ohne Schutz! Senden Sie einen Hospitalgleiter, um uns auszufliegen!
Negativ. Wenn er ohne Schutz ist, wurde er infiziert.
Celice erstarrte. Was soll das? Sie wollen ihn umbringen?
Er ist mit einem experimentellen Virus infiziert. Das Kampfgebiet ist zum größten Teil in der Hand irrsinniger Erkrankter. Es liegt in meinem Ermessen, über die Prozedur bezüglich ihres Soldaten zu entscheiden. Er ist unglücklicherweise ein Opfer.
Seine ID ist William Jason Fenton, GammaAT823A-102322-WilliamJasonFenton-1608502. Rufen Sie seine DNA-Signatur von der PHOENIX ab und programmieren Sie die Fresszellen entsprechend!
Negativ. Eine Zeitverzögerung von einer halben Stunde erscheint mir inakzeptabel. Sorry, Celice.
Am Horizont konnte Celice nun eine Korvette erkennen. HARRENBERG?, dachte sie. Woher kenne ich den Namen? HARRENBERG …
Venever
, knurrte Celice.
Das hat aber lange gedauert. Du lässt nach im Alter, Celice.
Verdammt, Venever, wenn Sie Ihren verfluchten Clean-Up nicht verzögern, bringen Sie einen Kameraden um!
Er ist infiziert. Versüßen Sie ihm die verbleibende Zeit, Celice. Oder verkürzen Sie sein Leiden.
Celice wechselte die Frequenz. PHOENIX!?
, schrie sie aber niemand antwortete.
Dieser Mistkerl hatte genug Zeit, die DNA-Signaturen der gesamten Einsatzgruppen abzufragen. Genug Zeit …
, fluchte sie. Vier Minuten, dachte sie und starrte auf das schmerzverzerrte Gesicht Fentons. Verdammt jung. 18? Verdammt.
Er hatte genug Zeit
, wiederholte sie. Sie winkte Linden heran und deutete auf Fentons Jacke. Helfen Sie Wilkins, ihm Jacke und Körperpanzer auszuziehen
, befahl sie. Wie ist die Stoffkonzentration?
Wilkins prüfte ihre Geräte. Minimal. Kaum mehr anmessbar.
Okay.
Sie tippte ihre Codesequenz in den Anzugscomp. Die Molekularbindung ihrer Gesichtsmaske löste sich und sie riss die Maske mit einem Ruck los. Sie spuckte den Mundschutz aus. Die schweflige Luft trieb ihr Tränen in die Augen und nach dem ersten Atemzug kämpfte sie sekundenlang gegen das Erbrechen.
Wilkins sprang auf. Sind Sie wahnsinnig!? Ziehen Sie sofort die Maske wieder über!
Lindens Spiegellinsen glotzten sie an.
Celice hustete und zog die elastischen Kapuze über den Kopf. Sie warf Wilkins die Kapuze und den Atemschutz hin. Los verdammt, nehmen Sie ihm seinen Körperpanzer ab.
Der Klebeverschluss ihrer Schutzjacke sprang mit einem knackenden Geräusch auf. Sie kämpfte sich aus dem Kleidungsstück. Sie müsste ihm ohne Körperpanzer passen. Schließen Sie ihn korrekt an. Kommunikation ist egal. MedCo-Kopplung ist wichtig. Beeilen Sie sich, verdammt noch mal.
Linden löste Fentons Brustpanzer und zog den keuchenden Jungen hoch. Celice betrachtete das riesige Greifentattoo auf Fentons geröteter zitternder Brust. Fröstelnd legte sie sich die Arme um ihren Oberkörper. Sie trug nur mehr ein dünnes T-Shirt über ihrem leichten Körperpanzer. Pitt-78 war eine kalte Welt.
Sie befeuchtete ihre Lippen. Die Korvette stand über dem Lager. Wilkins befestigte die Gesichtsmaske und zog die Kapuze über Fentons Kopf. Die Molekularbindung zischte. Celice verzog das Gesicht zu einem humorlosen Lächeln. Sie wechselte zur Frequenz der HARRENBERG zurück. Venever?
Nach kurzer Zeit meldete sich der Kommandant der Korvette. Was ist, Celice? Lebt Ihr Soldat noch?
Er lebt und er wird leben. Er trägt meine Maske.
Venever sog hörbar die Luft ein. Was soll das?
Er wird leben.
Was ist mit Ihnen?
Brechen Sie die Aktion ab oder programmieren Sie die Nanos auf mich.
Celice blinzelte. Ihre Augen tränten immer noch.
Okay, Celice, das war’s dann wohl.
Das Knacken im Empfänger deutete an, dass die HARRENBERG die Verbindung beendet hatte.
Die Korvette wanderte über sie hinweg. Celice starrte mit brennenden Augen nach oben, folgte ihrem Flug. Sie zieht weiter
, murmelte Linden. Sie zieht weiter.
Celice rief ihre aktuellen MedCo-Daten ab. Entzündung der Atemwege, hohe Blutzuckerwerte, Beeinträchtigung der Nierenfunktion.
Sie blasen ab.
Celice schloss die Augen sekundenlang. Als sie sie wieder öffnete, sah sie den roten Nebel, der sich um die Korvette ausbreitete. Nanomaschinen, die organische Materie angriffen, auf molekularer Ebene zersetzten und die DNA auflösten. Okay, Celice, das war's dann wohl
, wiederholte sie Venevers Worte. Sie blickte Linden an. Sobald Sie erste Wirkungen sehen, erschießen Sie mich. Kopfschuss. Bitte.
Zwischen den Baracken tauchten Männer und Frauen auf. Sie gestikulierten und wiesen immer wieder auf die herantreibende Nebelwand. Von Nanos bei lebendigem Leib zerfressen zu werden, ist der schrecklichste Tod, den ich mir vorstellen kann
, sagte Celice. Linden, Wilkins, versuchen Sie …
Sie schüttelte den Kopf. Seien Sie barmherzig. Mit denen da unten.
Die beiden starrten sie an, ausdruckslose schwarze Gesichtsmasken.
Der Nebel war heran. Sie hielt den Atem an, obwohl ihr klar war, dass diese Aktion sinnlos war: die Nanos drangen über die Haut, über die Schleimhäute in den Körper ein und begannen wohl jetzt schon ihr Werk. Sie wartete. Linden hob ihre Waffe und richtete die Mündung auf Celices Gesicht.
Schreie setzten ein. Entsetzliche unmenschliche Schreie. Celice blickte zu den Baracken hinüber. Ein Mann torkelte auf den Kiesweg, die Hände vors Gesicht gepresst. Sein Oberkörper war nackt. Hautfetzen hingen von seinen Armen, Fleischbrocken lösten sich. Auf seiner Brust bildeten sich schwarzrote Flecken. Neben ihm brach eine Frau zusammen. Sie krümmte sich zuckend auf dem Boden zusammen. Unter ihrem Hemd bewegte sich etwas, schien etwas zu brodeln.
Irgendetwas?
, herrschte Celice Linden an. Sehen Sie irgendeine Veränderung an mir?
Linden schüttelte den Kopf.
Okay.
Celice griff nach ihrem Karabiner und sprang über die Brüstung. Sie stürzte drei Meter tief, rollte sich ab und erschoss die sich windende Frau, als sie hochkam. Sie lief los, durch den dichter werdenden roten Dampf. Ein Mann stürzte ihr entgegen, die Augen nur noch leere blutende Höhlen. Celices Schuss durchschlug seine Stirn.
Es läuft wieder darauf hinaus, dachte sie bitter. Celice Firo, die Mörderin aus Barmherzigkeit.
Eine Frau sprang sie an, stieß sie zu Boden, schlug ihr die Waffe aus den Händen. Celice wehrte die immer kraftloser werdenden Schläge ab, umklammerte schließlich die Hände der Angreiferin. Die zierliche Frau warf sich verzweifelt schreiend hin und her, konnte sich aber nicht aus Celices Griff befreien.
Trotz aller Entstellungen erkannt Celice erschüttert, dass die andere sehr viel jünger als sie war, mehr Kind als Frau.
Das verquollene Gesicht der Jugendlichen war von schwärenden Wunden übersät. Die milchigen Augen waren weit aufgerissen, Blut sickerte aus den Augenwinkeln. Sie musste fast blind sein, aber der psychotrope Wirkstoff hatte Teile ihres Gehirns angegriffen; was sie in Celice sah, musste für sie schrecklicher als ein Dämon aus tiefster Hölle sein. Ihr Körper produzierte extreme Mengen Endorphins, ebenfalls als Folge des Kampfstoffes, aber die Schmerzen, die die Nanomaschinen ihr zufügten, konnten sie nicht unterdrücken. Und so wollte das Mädchen schreien. Aber die Nanomaschinen hatten bereits begonnen, ihr Lungengewebe zu zersetzen. Blut sprühte aus ihrem Mund.
Celice hörte sich tröstende Worte stammeln. Sie ließ die Hände der Fremden los, richtete den Oberkörper auf und zog das zitternde Mädchen an sich. Sie drückte die andere an sich, streichelte sie hilflos.
Sie schob ihre Hand unter das Kinn des Mädchens. Es war, als ob sie einen trockenen Zweig zerbrechen würde. Es hörte sich genauso an.
Sie ließ die Leiche sanft zu Boden gleiten. Dann zog sie den Karabiner an sich und kroch in den Schutz einer niedrigen Mauer. Sie stierte vor sich hin. Ihr T-Shirt war blutgetränkt und zerrissen. Mühsam unterdrückte sie den Brechreiz. Und – wird es davon auch ein Poster geben?, fragte sie sich. Firo, die blutüberströmte Schlächterin für das Imperium? Tränen der Wut und Hilflosigkeit liefen über ihre Wangen. Sie konnte nicht sagen, ob der bittere Geschmack auf ihren Lippen von ihren Tränen oder dem Blut der anderen stammte.
Ein Desintegratorstrahl durchschnitt den Scharlachnebel neben ihr und durchbohrte eine Gestalt. Celice sah Linden auf dem Dach des Werkzeugsilos. Die Soldatin zielte und schoss erneut.
Celice stand auf. Ich werde dich töten, Arno Venever, dachte sie. Ich werde dich für all das töten.
Der Phon summte. Celice, die sich gerade auf das Lager hatte fallen lassen, starrte müde und wütend auf das Interface. Sie hatte gerade eine fünfstündige, äußerst unangenehme Dekontamination hinter sich und war jetzt für weitere zwei Tage in Quarantäne. Was zur Hölle wollte wer auch immer jetzt von ihr? Schließlich rief sie: Gespräch angenommen. Hier ist Commander Firo.
Wilkins.
Was wollen Sie von mir, Wilkins? Ich bin völlig fertig und will jetzt nur schlafen. Hat es nicht Zeit?
Es ist ganz kurz. Ich dachte mir, es würde Sie interessieren.
Was, Wilkins?
Sie gähnte. Beeilen Sie sich. Ich stehe unter Narko und schlafe Ihnen jede Sekunde weg.
Ich habe hier die Analyse der Nano-Fresszellen, die aus ihrem Magen geborgen wurden.
Celice wartete.
Die Zellen waren programmiert. Die DNA-Signaturen der HARRENBERG-Crew. Und Ihre.
Celice setzte sich auf. Habe ich Sie richtig verstanden, Martha? Die Zellen kannten meine Signatur?
Ja.
Weitere?
Die HARRENBERG-Crew und Ihre. Sonst keine weiteren.
Lässt sich feststellen, wann die Programmierung stattfand?
Die Daten der HARRENBERG-Besatzung wurde bereits den Initialzellen eingeimpft, das ist das Standardvorgehen. Wann Ihre Daten verankert wurden, lässt sich nicht feststellen. Die Nanos aus ihrer Schleimhaut sind die x-te Generation. Ich habe die Funkprotokolle zwischen der HARRENBERG und unseren Einheiten eingesehen. Ihre Daten wurden nicht angefordert.
Danke, Wilkins.
Haben Sie eine Erklärung hierfür?
Celice dachte nach. Nein.
Ich wollte Sie nur informieren.
Danke, Wilkins. Sie sollten sich auch etwas ausruhen.
Commander, darf ich noch etwas sagen?
Celice schnaubte. Martha, ich will schlafen!
Fenton geht es den Umständen entsprechend gut. Er dürfte innerhalb eines Monats wieder hergestellt sein.
Das ist gut, Wilkins. Gute Nacht.
Der Phon schaltete sich aus. Celice starrte zur Decke.
Natürlich haben Sie eine Erklärung
, sagt Haddington und sieht sie an.
Sie muss jedem als paranoid erscheinen
, erwidert Celice abwehrend.
Wie geht das noch einmal?
Haddington kratzt sich hinterm Ohr. Paranoid zu sein bedeutet nicht, nicht verfolgt zu werden?
Celice zuckt mit den Schultern. Okay
, sagt sie schließlich. Ich kann nichts davon beweisen. Aber es könnte so verlaufen sein: Venever hatte unmittelbar nach Eintreffen über Pitt-78 fast alle meine Einsatztruppen zurückgerufen und die PHOENIX abziehen lassen. Er wusste zu jedem Zeitpunkt, wo ich mich befand. Er wollte mich im Zentrum eines Nano-CleanUps. Der verletzte Fenton war nur eine Draufgabe.
Haddington kaut am Bügel seiner Brille. Gryphon sieht unbeeindruckt aus. Brix sieht unruhig von einem zum andern.
Aber er wollte sein Spielzeug natürlich nicht gefährden. Deshalb hatte er seine Nanokultur bereits im Anflug auf Aurora mit meinen Daten gefüttert.
Sie haben Recht
, sagt Gryphon mit beißendem Spott. Es ist paranoid.
Brix grunzt wütend. Haddington hebt beruhigend die Hand.
Dr. Martha Wilkins
, sagt er.
Mein damaliger Medizinischer Offizier. Sie desertierte einige Monate danach. Ich hatte einigen Ärger deswegen.
Ich weiß
, erwidert Haddington und lächelt über Celices ungläubigen Blick. Sehen Sie, Gryphon hier kannte sie von diesem berüchtigten Plakat her. Ich ließ ihren Namen durch unsere Computer laufen und fand ihn in den Befragungsprotokollen von Martha Wilkins. Sie ist damals zu uns übergelaufen.
Celice sieht ihn abwartend an.
Es gibt Menschen, die eine hohe Meinung von Ihnen haben, Miss Firo. Martha ist einer davon.
Er denkt kurz nach. Gryphon hier kam her, weil er die Mörderin von Senzia kennen lernen wollte. Ich wollte den Menschen sehen, der bereit war, für einen Untergebenen zu sterben.
Ich habe auch auf Aurora getötet.
Sie nannten es Barmherzigkeit. Ich würde es auch so nennen.
Sekundenlang starren die beiden sich an. Brix mutet es wie ein lautloses Duell an, eines dieser Kinderspiele, bei dem es darauf ankommt, nicht als Erster wegzusehen oder zu lachen. Natürlich gewinnt Celice. Haddington schlägt die Augen nieder. Brix grinst. Celice sieht ihn strafend und verächtlich an. Brix zuckt mit den Schultern.
Das Taxi hielt unter dem Gerippe einer Fußgängerbrücke an. Celice runzelte die Stirn. Der Fahrer wandte sich zu ihr um. Zwölfneunzig, Ma'am.
Das ist Falcon Square?
, fragte Celice ungläubig und gab dem Mann einen Kreditstab.
Falcon Square
, bestätigte der Fahrer, während er den Betrag abbuchte. Nach den Unruhen letztes Jahr verzichtete die Regierung auf einen Wiederaufbau der zerstörten Gebäude.
Celice stieg aus. Der Straßenbelag unter ihren Füßen war an vielen Stellen aufgeplatzt und wies riesige glasig erscheinende Flecken auf. Haben Sie Thermobomben in bewohntem Stadtgebiet eingesetzt?, dachte sie entsetzt und blickte zu den schmutzigen Wohnhäusern hinüber. Das Taxi hinter ihr hob ab und schraubte sich in die Höhe. Es war unnatürlich still. Am anderen Ende der Fußgängerbrücke lag ein verwahrloster Park mit überwucherndem Gestrüpp und verdorrten Bäumen. Hawk's Corner. Ich habe hier mit Pris und Margie gespielt, erkannte sie plötzlich. Vor zehn Jahren war der Platz ein kleines Wäldchen gewesen, ein mystischer Platz voller Schönheiten. Celice zog die Jacke ihrer Ausgehuniform enger an den Körper und lief über die Straße.
Ein Sniper in einem der Wohnblöcke könnte mich jetzt mühelos ausschalten, dachte sie und biss sich dann wütend auf die Lippe. Dies war der Mars, dies war das Heimatsystem, keine der Kriegszonen, die sie in den letzten vier Jahre kennen gelernt hatte.
Falcon Square 32, Appartement 430, Cynthia Marony.
Sie tippte auf Cyns Namensschild und wartete, bis der Schirm des Portalcoms aufleuchtete. Cyn, mit kurz geschnittenem Haar, sah sie mit einem breiten Lächeln an. Celice. Schön, dass du hier bist. Nimm den rechten Kabinenaufzug.
Die Tür öffnete sich mit einem Knacken.
Celice ging durch die leere ausgeräumte Empfangshalle. Es gab diverse Anzeichen beginnender Verwahrlosung. Mehrere Kinder spielten am Treppenaufgang.
Als sie im vierten Stock aus dem Lift stieg, erwartete sie ihre Tante bereits. Cyn fiel ihr um den Hals, drückte sie an sich und wollte sie gar nicht mehr loslassen.
Um Himmels Willen, Cyn, wofür war das denn?
, fragte Celice atemlos.
Mädchen, ich habe dich über fünf Jahre nicht mehr in Person gesehen. Und jedes deiner Hypergramme erzählte eine andere schreckliche Geschichte.
Cyn sah sie forschend an. Um ehrlich zu sein, ich hatte den Glauben aufgegeben, dich lebend wieder zu sehen.
Celice lächelte unsicher. Du übertreibst.
Cynthia führte sie zur offenen Appartementtür. Ich kann mich nicht an diese Haarfarbe gewöhnen. Ce, du hattest so schönes blondes Haar. Und dein Gesicht.
Sie umfasste Celices Kinn und schob ihren Kopf nach links und rechts.
Celice lachte leise. Die linken Wangenknochen wurden mehrmals rekonstruiert. Das Ganze ist ein klein wenig asymmetrisch geworden.
Rekonstruiert
, murmelte Cyn und nahm ihr Uniformjacke und Barett ab. Sie hängte es in den offenen Wandschrank. Eine enge Wendeltreppe führte zum zweiten Stock des Appartements hoch, Pris' und Margies Reich, wie sich Celice erinnerte. Sorry, Margie ist im Mathecamp und Pris musste unbedingt zu ihrer Clique
, sagte Cyn entschuldigend. Durch den kleinen Korridor gelangten sie ins Wohnzimmer. Celice setzte sich folgsam auf das Sofa und ließ sich Tee und Kuchen vorsetzen.
Sie biss ein Stück vom Sandkuchen ab und sah sich suchend um. Die kleine Porzellansammlung erkannte sie wieder, im Alter von fünf Jahren hatte sie einige von Cyns besten Stücken zerschlagen. An der Wand neben dem Schreibtisch mit dem Computeranschluss hingen altmodische 2D-Bilder. Onkel Martin, der vor neun Jahren gestorben war. Cyns Eltern. Martins Eltern.
Celice stand auf und deutete auf eines der Bilder. Ist das dieser tolle Riktor?
Cyn nickte. Das ist der tolle Riktor.
Ich habe eigentlich gehofft, ihn heute kennen zu lernen.
Pech für dich. Wir haben uns vor drei Wochen getrennt.
Celice drehte sich um. Warum das? Deine Hypergramme klangen immer begeistert. Ich dachte, du hättest mit ihm endlich das große Los gezogen.
Ihre Tante zuckte mit den Schultern. Er will nach Magellan.
Magellan?
Cynthia stellte sich neben sie, nahm das Bild von der Wand und betrachtete es. Er hat Ärger mit dem Politkommissar seiner alten Firma bekommen. Vor zwei Monaten wurde er gekündigt, da hat er dann mit dieser fixen Idee angefangen. Die neuen Kolonien in Magellan, frei von der Kontrolle des Imperiums. Undsoweiter.
Und?
Und? Er fragt mich, ob ich und die beiden mit ihm in die Wildnis ziehen.
Und?
Mädchen, ich bin achtundvierzig. Soll ich in dem Alter von vorne anfangen? In einer verdammten Kolonie?
Celice runzelte die Stirn. Von vorne. Cyn, weißt du, wie mein Taxifahrer diesen Stadtteil genannt hat? Rat-Town. Und Rat-Town ist nur noch Monate davon entfernt, sich in Mars-Ports nächsten Slum zu verwandeln.
Ich habe einen Job bei einem Vidcenter in Aussicht. Wenn ich ihn kriege, werden wir nach Galileo-Korcev ziehen.
Wenn. Cyn, aus der Sicht einer Berufssoldatin: Magellan ist gegenwärtig keine schlechte Idee.
Cynthia starrte sie verständnislos an.
Ich glaube, dass das Reich demnächst wieder verdammt viel Ärger mit diesen Rebellen kriegen wird. Diese Schwachköpfe fühlen sich wieder einmal stark.
Sie schüttelte den Kopf. Sie sind es nicht, aber gerade der Mars war ja immer ein beliebtes Ziel für ihre Terroraktionen.
Cynthia setzte sich auf einen Stuhl. Celice nahm ihre Teetasse und trank einen kleinen Schluck.
Und wenn ich mit den beiden nach Magellan gehen würde. Wir hätten fast nichts. Das wäre Wahnsinn!
Du hättest einen Mann, der dich liebt. Pris würde nicht zum Militär eingezogen – und ich wünsche ihr das definitiv nicht!
Cyn sah sie überrascht an. Und bezüglich des Finanziellen, da könnte ich dir eventuell helfen.
Eine Tür öffnete sich und Tritte erklangen auf der Wendeltreppe. Cyn erhob sich überrascht. Ich dachte, Pris wäre schon gegangen.
Ein junges Mädchen kam die Treppe heruntergetrippelt. Es blieb im Korridor stehen und blickte durch die offene Tür ins Wohnzimmer. Erst als Cyn Pris!
rief, kam es zögernd näher. Celice erhob sich.
Wow
, murmelte sie. Dich hätte ich jetzt nicht wiedererkannt.
Pris trug ihr Haar in einem Rasta-Look, der gegenwärtig unter Jugendlichen in war. Ihr Haar, das eigentlich hellbraun wie das Cynthias war, leuchtete in allen Farben des Spektrums. Sie hatte dunkles Make-Up aufgelegt. Ihre linke Gesichtshälfte war Bühne für ein Wandertattoo: aus ihrem Mundwinkel stiegen stilisierte Vögel auf, schwärmten über ihre Wange aus, um schließlich in ihrem Auge zu verschwinden.
Sie trug weiße Turnschuhe, weite graue Schlabberhosen und ein kurzes schwarzes T-Shirt, das knapp unter ihren kleinen Brüsten endete. Ihr Nabel war das Zentrum eines zweiten Wandertattoos, die flackernde Sonne des Sonnensystems.
Pris zwang sich zu einem Lächeln und sagte: Hallo, Tante Ce. Du siehst gut aus in Uniform.
Danke
, antwortete Celice und lachte unsicher.
Aber diese schwarze Haarfarbe ist grausig.
Das Mädchen rümpfte missbilligend das Näschen. Dann wandte sie sich an ihre Mutter: Mom, ich muss zu Bertha.
Könntest du nicht noch etwas bleiben?
Mom!
Pris zog eine Schnute und sowohl Celice als auch Cyn mussten lachen. Pris drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange, gab Celice artig die Hand und rannte hinaus. Ciao, Tante Ce!
Oh Gott! Fünfzehn?
Cyn nickte.
War ich auch so?
Schlimmer.
Celices Tante grinste breit. Die heutigen Mädchen sind erheblich konservativer als zu deiner Zeit. Seymour muss bei dir in dem Alter Höllenängste durchgestanden haben.
Celices Gesicht verfinsterte sich.
Schlechtes Thema? Dein Vater, wirst du ihn besuchen?
Nein. Ich bin nur heute im Sol-System.
Er hat alles verloren. Die Firma, all seine Beteiligungen, den größten Teil seines Privatbesitzes.
Cyn sah Celice an, aber diese schwieg. Schließlich schüttelte sie den Kopf. Glaubst du nicht, dass er seine Tochter jetzt brauchen könnte?
Er braucht mich nicht. Auf seinem letzten Hypergramm hat er mich verflucht.
Celice nickte. Er hat Recht. Wenn ich diesen verdammten Schwachsinn mit Venever damals nicht durchgezogen hätte, würde Firebridge immer noch existieren.
Sie schluckte und schloss die Augen. Bevor sie fortfahren konnte, warf Cyn ein: Du konntest nicht wissen, dass du an einen Psychopathen gerätst. Er hat dieses Mädchen vergewaltigt, verdammt noch mal! Du hast vollkommen richtig gehandelt!
Sie haben mich gewarnt. Bricken, Sanchez, alle.
Sie sah Cynthia an. Wenn ich diesen verdammten Schwachsinn mit Venever damals nicht durchgezogen hätte, würde Firebridge noch existieren. Würde Cari Ann noch leben. Wäre ich nicht zur Mörderin geworden. Wäre Shawnee noch bei uns.
Wäre Shawnee noch bei uns. Mein Gott.
Ich werde noch heute Abend nach Shaandag fliegen. Ein Detektiv dort verschwendet seit zwei Jahren mein Geld.
Shawnee …
Ich mache dir keine Vorwürfe, Cyn. Ich traue diesem Schwein zu, dass er Pris oder Margie etwas antut.
Sie stand und begann erneut, die Wandbilder zu mustern. Es ist nichts passiert in den fünf Jahren?
Nein. Nach dem einen Besuch habe ich ihn nie wieder gesehen.
Cyn zögerte. Celice, wegen Pris. Ich wollte es nicht erwähnen.
Celice nahm Riktors Bild vom Computertisch auf. Ja?
Vor zwei Jahren hat sie dieses Video gesehen. Dieses Video, das auf Senzia gemacht wurde. Die uneditierte Version.
Sie hat mich erkannt?
Einer ihrer Schulkameraden hatte es irgendwie erworben. Er kannte dich zufällig und musste es natürlich Pris vorführen. Ich hatte ihr vorher nichts davon erzählt.
Cynthia schob ihre Teetasse über den Tisch. Sie war wochenlang völlig verstört.
Celice biss sich auf die Unterlippe, dann nickte sie.
Riktor. Magellan.
Sie hängte das Bild wieder an seinen ursprünglichen Platz. Magellan ist nicht so schlecht wie es sich anhört. Was ich von der Milchstrasse gesehen habe … Cynthia, es wird schlimm werden. Sprich mit Riktor. Nimm die beiden Kleinen mit.
Die ältere Frau rollte mit den Augen. Celice, du spinnst.
Nein. Geld. Ihr seid außer Shawnee und Vater meine einzigen Verwandten. Ich habe auf meinem Konto etwa 200.000 Credits, der Grossteil ist noch von Moms Erbe. Ich möchte es dir schenken.
Was soll das?
Die Besteuerung bei Schenkungen ist gegenwärtig sehr günstig. Bei der Auswanderung nach Magellan wird euch das helfen.
Celice! Das ist dein Geld! Du wirst es einmal brauchen.
Sie ergriff Cynthias Hand. Kaum. Um ehrlich zu sein, ich hatte den Glauben aufgegeben, dich lebend wieder zu sehen. Das waren deine Worte?
Ihre Tante nickte sichtlich verwirrt.
Das war eine ziemlich akkurate Einschätzung, Cyn. Ich möchte, dass du das Geld nimmst und mit Pris und Margie auswanderst. Ich werde dieses Geld nicht mehr brauchen.
Cynthia starrte sie entgeistert an.
Ich habe die Bankangelegenheit heute Morgen geregelt. Du müsstest noch heute die entsprechende Benachrichtigung bekommen. Alles was du tun musst ist, die Anweisung zu akzeptieren.
Du meinst das wirklich Ernst.
Celice nickte. Sie versuchte sich an einem verunglückten Lächeln. Können wir von etwas anderem reden? Ich würde wirklich gerne mehr über diesen Riktor erfahren.
Ich bekam Cynthia Maronys Hypergramm am 12. Juni 522. Sie teilte mir mit, dass Pris, Margie und sie zusammen mit Riktor am 25. Juni mit einem Auswandererschiff in die Kleine Magellansche Wolke aufbrechen würden.
Der 12. Juni 522 war ein schöner Tag für mich. Ein Schlusspunkt wurde gesetzt.
Wie sagt man: ich hatte meine Angelegenheiten geordnet.
Eisschnee regnet unablässig auf die Station herab, die Wyatt als Bienenstock bezeichnet hat. Unmittelbar neben ihr durchbrach eine Hunderte von Metern breite, Kilometer hohe Säule die aufgewühlte Wolkendecke. Materie aus dem Innern dieser gewaltigen Welt wurde durch den ewigen Wirbelsturm empor geschleudert. Zu feinem Staub zermahlene anorganische aber auch organische Materie. Dort unten war Leben, wusste Celice und erschauderte leicht, tief drunten in dem Ozean, der die Welt Delphi war, wimmelte es von Leben. Gewaltige Kreaturen, riesiger als jeder Wal der Erde, trieben durch die unendliche See aus flüssigem Wasserstoff und Helium, sanken hinab zum winzigen Kern des Giganten oder schwangen sich empor zu den dünneren, kälteren Schichten. Neugierige Leviathane. Friedliche Giganten. Und in den höheren Schichten, unter den hohen Wolken, tanzten quallenartige Flieger. Die jupiterähnlichen Extremwelten, die Helium-III-Träger, sie waren tatsächlich wahre Horte des Lebens.
Die Urform der Krylaws stammte auch von einer dieser Welten, sie mussten ursprünglich harmlose verspielte Riesen gewesen sein, bis die Etho-Wissenschaftler sie genetisch vergewaltigten, ihnen Intelligenz einimpfen und sie schließlich in unbeschreiblicher Grausamkeit zu Cyborgs umfunktionierten. Ethos – die gentechnisch perfektionierten Menschen mit ihrer hoch stehenden Moral.
Celice wandte sich von der Panoramagalerie ab und blickte zu den Gefangenen, die in der einen Ecke der Stationszentrale saßen oder standen. Zwei Soldaten hielten sie mit entsicherten Waffen im Schacht. Celice wollte sich nicht mit den fünf Frauen und drei Männern beschäftigen. Allein der Anblick der hoch gewachsenen Gestalten bereitete ihr Übelkeit.
Purloight winkte. Spencer auf A-416 für Sie, Commander.
Celice schaltete ihr Funkgerät auf den entsprechenden Kanal. Spencer? Hier ist Firo.
Wir hängen hier fest
, kam die Antwort des Truppführers. Etwa zwanzig Rebellen haben sich in den Südtrakt der Station zurückgezogen, die Durchgänge haben sich nach ihnen geschlossen. Wir kommen nicht weiter.
Celice dachte nach. Es war ihrem Einsatzkommando gelungen, die Station mit erfreulich wenig Verlusten auf beiden Seiten zu erobern. Die zwanzig Flüchtlinge waren wahrscheinlich die letzten freien Rebellen innerhalb des Bienenstocks. Sichern Sie ihre gegenwärtige Position. Sobald der Raumer eintrifft, heben wir auch dieses Nest noch aus. Gegenwärtig ist die Intelligenz zu gefährlich.
Der Bienenstock war ein Krylaw-Konstrukt, ein Hybrid aus Krylaw und Technik. Celice tat gut daran, ihre Leute aus dem eigentlichen Körper des Krylaws fern zu halten. Sonderlich wohl fühlte sich Celice nicht dabei, wenn sie die Stahlwandungen der Zentrale betrachtete und an die Kubikmeter Krylawfleisches dachte, die diese umhüllten. Zumindest reagierte das Biest äußerst empfindlich auf Neuroruptoren und Paralysatoren. Dies und die Ethos in der Gewalt der Terraner hielten die Kreatur in Schach.
Die HARRENBERG ist eingetroffen.
Die HARRENBERG?
Celice ruckte herum. Auf einem der Übertragungsschirme schälte sich der Leib einer Korvette aus dem rotgelbem Mahlstrom.
Die HARRENBERG ist immer noch Venevers Schiff, dachte Celice. Venever ist da.
Können wir eine Verbindung zu ihr aufbauen?
Wir verwenden eines der Shuttle als Relais
, teilte ihr Purloight mit. A-504.
HARRENBERG. Hier ist Commander Firo an Bord der Etho-Station SALINGER. Wir haben den Rebellenstützpunkt eingenommen. Im Südtrakt haben sich zwanzig Flüchtlinge verschanzt, aber die restliche Besatzung ist bis auf zwölf Gefallene in unserer Hand.
SALINGER. Hier spricht Leutnant Tiang von der HARRENBERG. Wir werden in zehn Minuten andocken. Machen Sie sich zum Einschleu …
Der Funkkontakt ging in einem grellen ohrenbetäubendem Dauerton unter. Celice unterbrach die Verbindung.
Purloight schrie auf und deutet auf die Bildschirmgalerie.
Neben, unter und über der HARRENBERG waren eiförmige Gebilde aufgetaucht. Marmorierte hellblaue Haut, warzenförmige dunkle Einschlüsse. Celice stieß einen hässlichen Fluch aus. Krylaws! Aus zwei Waffentürmen der HARRENBERG fuhren Thermostrahlen und schlugen in die Angreifer ein. Aber die Cyborgwesen waren schon zu dicht heran. Celice sah, wie eines der Wesen gegen die Wandung der Korvette prallte.
Dann ging ein Ruck durch die Station. Celice verlor den Halt. Schlagartig erlosch das Licht.
Ein Strahlenschuss gleißte auf.
Das war ihr Tun, ja?
, herrschte Celice den Kommandanten der SALINGER an. Sie haben die Krylaws gerufen? Ihr Hybride hier?
Der Etho lächelte sie kühl an. Der Energieschuss der Wache hatte seine Hand verbrannt, aber der Mann schien von den Schmerzen völlig unbeeindruckt. Celice hob ihre Waffe und presste sie gegen die Stirn des anderen. Sie verdammter Narr!
Die Zentrale wurde jetzt von mehreren Leuchtbojen erhellt. Purloight bemühte sich, eines der Shuttle zu erreichen.
Wissen Sie, was Venever jetzt da draußen anstellt? Er schlachtet ihre kleinen Schoßtiere ab. Das ist alles, was Sie mit diesem Schwachsinn erreicht haben!
Der Etho antwortete nicht.
Verdammter Mistkerl.
Sie schlug ihm mit der Linken leicht gegen die Brust und er stolperte zurück. Eine Frau fing ihn auf. Celice steckte ihren Strahler zurück ins Halfter.
Wir müssen hoch
, entschied sie. Purloight, rufen Sie die Einsatztrupps. Wir sammeln uns oben bei den Shuttles.
Ein zweiter Ruck ging durch die Station. Erheblich heftiger als der erste. Der Boden kippte. Celice und die Wächter stürzten in die Gruppe der Ethos. Purloights tragbare Funkstation schlitterte neben Celice gegen eine Gefangene.
Erneut bäumte sich der Boden auf. Jemand – etwas brüllte. Es klang wie der gequälte Schrei eines riesigen Tieres. Es ist die Station, erkannte Celice. Der Hybride schreit. Mehrere Explosionen klangen auf. Ein greller Blitz flammte auf. Der Etho-Kommandant war plötzlich über ihr und schlug ihr mit seiner gesunden Hand ins Gesicht. Celice fing seine Faust mit der Rechten ab. Diesmal schrie er auf, als Celices verbesserte Rechte seine Hand zusammenquetschte. Sie stieß den Mann von sich und sprang auf. Der Wächter neben ihr schlug eine Etho-Frau nieder, die versuchte, ihm seine Waffe zu entringen. Der andere Wächter trieb die Gefangenen zurück an die Wand.
Purloight! Was zur Hölle ist los?
Purloight kippte die Funkstation hoch und tippte nervös auf die Tastatur.
Spencers Trupp war vor zehn Minuten eingetroffen. Damit fehlten nur noch Solange mit ihren vier Soldaten und die Besatzungen der vier Shuttle.
Celice hatte befohlen, die Raumpanzer zu schließen. Die Gefangenen hatten Raumanzüge aus dem Bestand der Station angezogen. Celice traute der Station nicht mehr. Die Energieversorgung war zusammengebrochen und das hieß auch, dass die Stabilisatoren, die den Bienenstock in der ruhigen Zone des Sturms gehalten hatten, nicht mehr liefen. Die Station musste sich bereits jetzt bewegen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie von den Strömungen erfasst und in den Mahlstrom gerissen wurde.
Seit einigen Minuten lag ein beständiges klagendes Wimmern in der Luft. Eine der Etho behauptete, der Hybrid sei schwer verletzt. Celice interessierte das nicht. Sie musste sich jetzt darum kümmern, ihre Leute von diesem Wrack herunterzubekommen.
Purloights Kopf ruckte hoch. Sie starrte Celice an. Ich habe Kontakt
, las Celice von ihren Lippen. Sie stöpselte den Connector in ihre Handschuhbuchse.
... immer noch Explosionen …
, hörte sie eine leise Stimme.
Hier ist Commander Firo. Wer spricht da?
... ist auseinander gebrochen …
Hier ist Commander Firo. Wer spricht da!?
Aaron. Fähnrich Aaron, Ma'am.
Das ist einer der Shuttle-Piloten. Finn Aspen Aaron, erinnerte sie sich.
Aaron. Geben Sie mir einen Statusbericht. Was ist da oben los?
Ich bin unter den Armaturen eingeklemmt. Ich kann meine Beine nicht fühlen.
Ich schicke sofort jemanden zu dir hoch. Was ist da oben los, Finn?
Die HARRENBERG ist mit der Station zusammen gestoßen.
Die Stimme des Fähnrichs war gequält. Das Schiff ist schwer beschädigt. Ständig neue Explosionen. Sie ist auseinander gebrochen. Ich …
Aaron brach ab.
Okay. Wir kommen hoch.
Sie winkte Spencer und Kuragij zu sich. Aaron in Shuttle 3. Eingeklemmt. Versucht so schnell wie möglich zu ihm zu kommen. Nach seinen Aussagen ist die HARRENBERG in die Station gerast.
Sie schüttelte den Kopf. Wir kommen nach. Ihr holt den Jungen da raus.
Spencer und Kuragij hatten den Fähnrich nicht aus dem Shuttle bergen können. Als die HARRENBERG mit der Station kollidierte, war ein Hagel von Trümmern niedergegangen. Der Shuttle war mehrmals getroffen worden. Der vordere Teil mit dem Pilotensitz war zusammengedrückt, Aarons Körper eingeklemmt worden. Sein Unterleib war völlig zertrümmert. Als die beiden eintrafen, hatte Aaron das Bewusstsein verloren. Sein MedCo hatte ihn die ganze Zeit am Leben und bei Bewusstsein gehalten. Auf Celices Befehl hin überschrieb Kuragij die MedCo-Direktiven, der MedCo leitete Aarons Schlaf sanft in den Tod über.
Der Aufprall der Korvette hatte große Teile der Bienenstockaufbauten zerstört. Die anderen drei Shuttles waren in dem entstandenem Chaos nicht auffindbar. Die Korvette war schwer b