
Wir schreiben das Jahr 523 Neuer Terranischer Zeitrechnung, was dem Jahre 2966 n. Chr. entspricht.
Vor 546 Jahren endete der Krieg der galaktischen Mächte gegen das Volk der anorganischen Cytryxiyl. Große Teile der Milchstraße lagen in Trümmern. In dieser Zeit der Unruhe griff die Familie von Caranor auf Terra nach der Macht, und begründete das terranische Reich: Seitdem herrscht ein Sternenkönig aus der Familie derer von Caranor über weite Teile der Milchstraße.
Extraterrestrische Völker werden unterdrückt und ausgebeutet; das gesamte Reich ist ein Überwachungsstaat. Nur die geächteten Schmuggler und Piraten entziehen sich immer noch einigermaßen erfolgreich der scheinbar lückenlosen Überwachung; sie sind jedoch, sollten sie bei illegalen Geschäften erwischt werden, vogelfrei.
Ernstzunehmende Gegner hat das Reich keine. Lediglich der THYDERY-Verbund, unter der Leitung des ehemaligen Reichsarchivars Anthony Haddington und drei nicht-terranischen Lebewesen, plant im Untergrund den verzweifelten Widerstand.
Die Operation NEBUKADNEZAR, geplant als der erste große Schlag gegen das Reich, endet in einem Fiasko. Auf der Flucht vor terranischen Verfolgern erreicht das Schmugglerschiff CLAW schließlich das Rebellenhauptquartier ZENTRUM.
Arno Venever.
Er hat mir das Lachen genommen. Das ist wohl wofür ich ihn am meisten hasse.
Hasste.
Lachen. Unbeschwertheit.
Cari Ann hatte ein wundervolles Lachen. Glockenhell, frech, herausfordernd. Vorher.
Maxines Lachen war laut und polternd. Und irgendwann habe ich begriffen, dass es nur eine Fassade war.
Max. Für kurze Zeit dachte ich, sie könnte mir mein Lachen zurückgeben.
Max wurde von den Cys getötet.
Cari Ann wurde von Max getötet. Nein, eigentlich von Venever.
Venever. Den habe ich getötet.
(Venever und andere.)
Der Raum ist klein, vielleicht drei mal drei Meter. An der linken Wand (links vom einzigen Zugang her gesehen) sind drei Pinboards befestigt, die anderen Wände sind leer, kahle hellgraue Plastikflächen. An die rechte Wand ist ein Tisch gestellt, an dessen drei freien Seiten jeweils ein Plastikstuhl steht.
Kelvin Brix steht im hinteren linken Eck, die Hände tief in seine Jackentaschen vergraben. Er nickt Celice zu. Celice verzieht das Gesicht und nimmt auf dem vorderen Stuhl Platz. Die Bewaffnete, die sie hereingeführt hat, verlässt den Raum und schließt die Tür. Kelvin zuckt auf Celices Blick hin mit den Schultern. Es müsste gleich jemand kommen.
Auf dem Tisch stehen eine Karaffe mit Mineralwasser und drei Gläser, daneben ein Stapel Papier. Celice schenkt sich ein Glas voll, trinkt einen kleinen Schluck und zieht das erste Blatt vom Stapel. Kelvin brummt missbilligend.
Die Tür geht auf und ein hoch gewachsener schlanker Mann tritt ein. Altersloses klassisches Gesicht. Geschmeidige Bewegungen. Überlegene, unmerklich herablassende Haltung. Homo superior. Das Beste, was die Menschheit zu bieten hat, denkt Kelvin und grinst. Dann registriert er verblüfft die tiefe Abscheu, die für wenige Sekunden Celices Gesicht beherrscht.
Gryphon
, stellt der Etho sich vor. Nennen Sie mich Gryphon.
Sein faltenloses Gesicht verzieht sich zu einem Lächeln. Das hier dürfte Sie interessieren, Celice Firo.
Er nimmt auf dem Stuhl Celice gegenüber Platz, blättert durch die Unterlagen und zieht nach kurzer Suche ein mehrfach gefaltetes Plakat heraus. Er schiebt die restlichen Blätter zur Seite und beginnt das Plakat umständlich zu entfalten.
Kelvin bemerkt, wie sich Celices Haltung plötzlich versteift. Er stößt sich von der Wand ab, kommt zum Tisch und blickt auf das Poster.
Ich kenne dieses Bild. Ich habe das öfters gesehen.
Ja. Es ist sehr beliebt bei Protestaktionen, Demonstrationen. Aber meistens ist das Gesicht der Schützin retuschiert, durch Sybil Caranor oder gar Harald Caranor ersetzt. Das hier ist das Original.
Gryphon hüstelt. Das heißt, die verwendeten Aufnahmen sind aus dem Originalfilm.
Es ist eine Montage, auf der oberen Bildhälfte ist eine junge Frau in der Paradeuniform der Terranischen Flotte zu sehen, die einen PM-Karabiner abfeuert. Ihr Gesicht ist zu einer hässlichen Grimasse verzerrt. Darunter sind mehrere Humanoide abgebildet, auf einem Haufen übereinander liegend. Acht Leichen. Runde haar- und nasenlose Köpfe mit großen Segelohren, hervorquellenden Augen, klaffenden Mündern. Bei einigen haben die Rak-Geschosse säuberlich Löcher in die Stirn gestanzt, bei anderen ist der obere Schädelteil weggerissen. Die Sprache der Schrift, die das Poster teilt, kennt er nicht. Gryphon liest vor: Das Gesicht des Imperiums.
Er verzieht das Gesicht.
Vor fünf Jahren kam es auf der Welt Senzia zu einem Attentat auf William Caranor. Für jeden toten oder verletzten Terraner wurden acht Eingeborene hingerichtet.
Zwei Handvoll
, ergänzt Celice leise. Zurain haben vier Finger an jeder Hand.
Diese Hinrichtungen wurden aufgezeichnet und häufig als Warnung auf besetzten Planeten ausgestrahlt. Dieses Postermotiv wurde aus einzelnen Szenen konstruiert. Das Seltsame nun ist …
Gryphon klopft mit dem Zeigefinger gegen das Abbild der Schützin. ... normalerweise editiert das Flottenkommando solche Aufzeichnungen. Zumindest die Gesichter der beteiligten Soldaten werden unkenntlich gemacht. In diesem Fall traf das für alle anderen Schützen auch zu. Nur dieses Gesicht wurde nicht ausgeschwärzt.
Er lehnt sich zurück. Warum eigentlich?
Celice murmelt etwas. Ein englisches Wort? Wann auch immer? Whenever? Kelvin blickt auf das Poster, dann auf Celice, dann wieder auf das Bild. In seiner Stimme schwingt Ungläubigkeit mit: Das – das bist nicht du? Oder?
Celices Gesicht ist ausdruckslos.
Doch
, bestätigt Gryphon schließlich. Das ist Offiziersanwärterin Celice Firo vor fünf Jahren. Rotblond damals, rabenschwarzes Haar heute. Zumindest eine kosmetische Gesichtsoperation?
Sie nickt, während ihre Hand abwesend über ihre linke Wange streicht.
Es war damals ein kleineres Problem, den Namen zuzuordnen. Das Gesicht des Imperiums. Ja, das war diese Frau, diese Celice Firo, damals für mich: das grausame Antlitz jenes mörderischen Molochs, des menschlichen Imperiums
, sinniert der Etho. Stellen Sie sich meine Überraschung vor, als ich hörte, wer uns da im ZENTRUM besuchen würde.
Er lacht humorlos. Die Mörderin von Senzia. Zwei Handvoll. Unter den von Ihnen Erschossenen waren fünf Kinder.
Gryphon faltet das Poster wieder zusammen. Sie handelten auf Befehl, nicht? Und es wäre Ihnen schlecht bekommen, diesen Befehlen nicht Folge zu leisten.
Er lehnt sich zurück. Zumindest ist das die übliche Ausrede.
Celice nickt. Ja. Die übliche Ausrede.
Kelvin starrt die Frau an und fühlt in sich Wut hochsteigen. Er fühlt sich betrogen und enttäuscht.
Sie ekeln mich an. Sie wollten auf irgendeinem Planeten abgesetzt werden? Vielleicht sollten wir Sie nach Senzia schicken?
Einer vom Erschießungskommando hat sich damals geweigert.
Sie überlegt kurz. Frieder Shefcik. Er wurde daraufhin für den Rest seiner Dienstzeit auf einen der Kitchener-Planeten versetzt, Wachdienst in den Umerziehungslagern.
Gryphon schürzt die Lippen. Nun, zumindest hat er keine wehrlosen Kinder erschossen.
Nun, zumindest hat er vor zwei Jahren Selbstmord begangen
, gibt Celice zurück.
Sie werden für Senzia zur Rechenschaft gezogen werden.
Gryphon blättert in seinen Unterlagen. Sie sind eine Mörderin, Celice Firo.
Sie seufzt.
Nein, nein. Ich meinte jetzt nicht Senzia, auch nicht Parau-7 oder Pharen. Nicht die Gefangenen, die ihre Einheit auf Aurora abmetzelte. Da gilt ja die übliche Ausrede.
Er schnaubt. Ich meine den Grund, warum Sie so plötzlich auf Revolution machten, machen mussten.
Kelvin zieht den verbleibenden Stuhl in seine Ecke und setzt sich rücklings hin.
Ich meinte den Major der Reichsflotte, den sie vor fünf Tagen auf HGP-476 getötet haben. Arno Venever.
Celice schweigt.
Arno Venever. Ein viel versprechender Offizier. Stand unmittelbar vor seiner Beförderung. Hätte es wohl noch weit gebracht. Mehrfach ausgezeichnet.
Zwei goldene Kometen. Caranor-Ehrenkreuz
, ergänzt sie.
Und so weiter. Die Meldung ist inzwischen über alle Militärfrequenzen gegangen. Sie sind eine gesuchte Frau, Leutnant Celice Firo. Lebenslange Deportierung und Zwangsarbeit ist das geringste, das Sie zu erwarten haben. Hinrichtung ist wahrscheinlicher.
Ja?
Das war der Grund, weshalb Sie überliefen. Kein plötzliches Besinnen auf ehrenhafte revolutionäre Ideale …
Ehrenhafte revolutionäre Ideale? Vive la revolution? Sorry, mein Französisch ist so gut wie nicht existent. – Freiheit für die unterdrückten Menschenmassen und all die armen Aliens? Das habe ich nie behauptet. Ich habe dieses Schiff aus eigennützigen Motiven gerettet. Alles was ich wollte war, auf einer Nicht-Imperiumswelt abgesetzt zu werden. Leider habe ich den Fehler begangen, das Schiff nicht im geeigneten Moment zu übernehmen.
Sie wirft Kelvin einen kurzen Blick zu.
Ich persönlich schwanke gegenwärtig zwischen Ekel und Neugier bezüglich Ihrer Person. Ekel überwiegt
, sagt Gryphon. Er weist auf Kelvin. Und auch seine Gefühle für Sie haben sich inzwischen drastisch geändert.
Kelvin gibt ein grunzendes Geräusch von sich. Gryphon verzieht das Gesicht. Gegenwärtig würden wir beide Sie ohne mit der Wimper zu zucken ans Reich ausliefern. Zumindest wüsste ich dann, dass Sie Ihrer gerechten Strafe nicht entgehen. Andererseits …
Celice schließt die Augen. Andererseits?
Bitte werden Sie sich darüber klar, dass dieses Interview über Ihre Zukunft entscheiden wird. Ich und andere treffen diese Entscheidung. Es scheint Bedarf an Ihren Fähigkeiten zu bestehen. Was wir gegenwärtig wissen ist, dass Sie Ihren Job getan haben. Sie haben im Namen eines unmenschlichen Regimes grausame Handlungen begangen. Sie haben jetzt eine Chance: Beweisen Sie mir, dass Sie mehr sind als die Mörderin Celice Firo. Korrigieren Sie mein Bild über Das Gesicht des Imperiums.
Sie schweigt. Lange. Und dann beginnt sie zu erzählen.
Arno Venever war ein Mensch, der sich nahm was er wollte. Was ihm zustand.
Leutnant Arno Venever lächelte, ein breites gewinnendes Lächeln, als er bemerkte, dass Celice ihn beobachtete. Er hatte Offiziersanwärterin Cari Ann vergewaltigt. Der damalige Offizier der Wache, Offiziersanwärter Celice Firo, hatte den Leutnant daraufhin dingfest gemacht und in die Arrestzelle geworfen. Dies war die Verhandlung.
Im Nachhinein würde sich Celice an die Gerichtsverhandlung wie an eine miserable Episode einer Sitcom erinnern.
Der Prozess fand in der Offiziersmesse der Ausbildungseinheit AC/23 auf dem Jupitermond Europa statt. Drei Tische waren in Form eines Hufeisens arrangiert worden, vor der offenen Seite hatte man eine Projektionswand installiert.
Major Bricken, Leiter der Astro-Physikalischen Abteilung, fungierte als Richter. Er saß neben seinem Schreiber an der Stirnseite, mit dem Ausdruck sichtlichen Unbehagens im Gesicht. Der Schreiber war ein junger Rekrut, verzweifelt bemüht, jeden Blickkontakt mit einem der anderen Anwesenden zu vermeiden.
Am Tisch links (von Bricken aus) war die Anklage positioniert: die beiden Offiziersanwärterinnen, Cari Ann und Celice Firo, sowie ihr Rechtsvertreter, Leutnant Sanchez. Caris Verfassung konnte man gegenwärtig bestenfalls als äußerst verstört bezeichnet, sie war förmlich in sich zusammengesunken. Celice saß stocksteif auf ihrem Platz, sichtlich nur mühsam ihre Wut unterdrückend. Sanchez' Haupttätigkeit bestand darin, sich den Schweiß von der Stirn zu tupfen. Sanchez war als Rechtsbeistand für die beiden Offiziersanwärterinnen festgelegt worden, ein Umstand, der ihn vor allem um seine eigene Karriere fürchten ließ. (Um Himmelswillen, lassen Sie diese Anklage fallen. Venever ist Familie – er gehört zur Familie! Über einige Ecken mit dem Caranor-Clan verwandt. Allein deshalb ist die Sache hoffnungslos.
– Er hat einen Oberst als Verteidiger herangeschafft. Diese Sache ist eine Farce!
Aber Celice hatte Cari Ann unterstützt und ihr sogar zugesprochen, die Verhandlung doch zu erwirken. Immerhin hatten sie das DataVis-Protokoll. Dumme junge Celice.)
Die rechte Flanke belegten der Angeklagte und sein Advokat. Leutnant Arno Venever war zweifellos der Ruhigste unter den Anwesenden, seine ganze Gestik und Haltung verströmte uneingeschränkte Zuversicht und gerechte Empörung über die vorgebrachten Anschuldigungen.
Venevers Anwalt war eine klapperdürre Gestalt mit eckigen unbeholfen wirkenden Bewegungen. Zu allem Überfluss befleißigte er sich auch noch eines quäkenden Tonfalles. Aber Oberst Gently war keineswegs die Witzfigur, als die er Cari und Celice zunächst erschien. Er hatte Cari einem kurzen Verhör unterzogen, an dessen Ende sie zusammengebrochen war. Sein Resümee war, dass Cari ein stationsweit bekanntes freizügiges Flittchen sei, das offensichtlich den hoffnungsvollen Leutnant Venever und dessen Familie erpressen wolle
.
Das ist ein leider immer häufiger werdendes Symptom in unserer Gesellschaft: verdiente Mitglieder werden von Neidern verfolgt und verleumdet. Arno Venever ist im weitesten Sinne adelig. Er ist kein reiner Caranor, aber einer der Hoffnungsträger eines Seitenzweiges. Diese Anschuldigungen sind haltlos.
(Und dann – die Flotte kann es sich nicht leisten, ein Mitglied der Caranorsippe zu verurteilen. Cari, seien Sie vernünftig und vergessen Sie die Anklage
, hatten Sanchez und auch Bricken sie förmlich angefleht.)
Gently warf seine Arme in die Luft und schnappte nach Luft. Hinter ihm auf der Projektionsleinwand lief in einer Endlosschleife eine DataVis-Aufzeichnung, die Wiedergabe der Vergewaltigung durch Caris Augen. Hin und wieder warf Brickens Schreiber einen versteckten Blick auf die verwaschenen Bilder, um dann seinen hochroten Kopf wieder in seine Unterlagen zu vergraben. Gentlys Geierschädel ruckte herum. Er musterte sekundenlang die Bilder. Dann schüttelte er sich.
Sind das haltlose Anschuldigungen?
Celices Stimme überschlug sich. Sie hatte sich unbewusst erhoben und deutete mit ausgestrecktem zitterndem Arm auf die Leinwand. Wie erklären Sie sich das, Herr Oberst?
Gently fuhr herum und musterte Celice mit weit aufgerissenen Augen. Major Bricken. Rufen Sie bitte diese hysterische Offiziersanwärterin zur Ordnung. Offenbar ist sie sich ihrer Position nicht bewusst. Es ist nicht an ihr, mich in dieser Weise zu adressieren.
Er gab ein glucksendes Geräusch von sich. Was übrigens kein gutes Bild auf den Ausbildungsbetrieb hier wirft.
Celice blieb stehen. Cari Ann ist nicht die Angeklagte in dieser Verhandlung. Angeklagt ist dieses Schwein da. Und Beweise sehen Sie vor sich!
Major!
Offiziersanwärter Firo. Sie werden hiermit gerügt. Falls Sie nochmals unaufgefordert die Verhandlung unterbrechen, werden Sie die Konsequenzen tragen.
Gently schnaubte. Gerügt.
Dann tat er das DataVis-Protokoll mit einer wedelnden Handbewegung ab. Derartige Protokolle wurden schon früher gefälscht. Aus dem Kontext scheint mir auch nicht zwingend ein gewalttätiger Charakter erkennbar. – Nein, nicht, Arno, nein, nicht. Bitte nicht. Oh. Ah.
, äffte er Cari nach. Also, was haben wir: eine angebliche Vergewaltigung. Mit einigem Geschrei und Gestöhne auf Video. Und dann: eine Offiziersanwärterin, der offenbar ihre Macht als Wachoffizier zu Kopfe steigt. Die wie eine Furie mit einem Rekrutentrupp in Leutnant Venevers Quartier stürmt, den Leutnant mit einem Schockprügel zusammenschlägt und in die Arrestzelle werfen lässt.
Er baute sich vor Brickens Tisch auf. Diese Verhandlung ist Zeitverschwendung. Es wäre äußerst angemessen, sie wegen Geringfügigkeit einzustellen. Geben Sie dem armen Venever einen Verweis. Er soll sich in Zukunft bei der Wahl seiner Sexpartnerinnen vorsichtiger gebärden. Aber beenden Sie diesen Quatsch!
Den letzten Satz zischte er. Sanchez, der sich protestierend von seinem Sitz erhoben hatte, funkelte er nur wütend an. Daraufhin sank dieser mit einem unverständlichen Murmeln in seinen Sessel zurück. Cari Ann starrte mit verheultem Gesicht den Oberst an. Venever lächelte. Und Bricken, der schon negative Folgen für das Ausbildungszentrum aus dieser Verhandlung hatte erwachsen sehen, packte Gentlys Strohhalm mit beiden Händen: Ja. Sie haben Recht, Oberst Gently. Schreiber, notieren Sie: die Verhandlung wird wegen Geringfügigkeit eingestellt. Offiziersanwärterinnen Ann und Firo sowie Leutnant Venever erhalten jeweils einen Verweis. Dies wird in Ihren Personalakten vermerkt. Einspruchsmöglichkeit wird keine gegeben.
Cari Ann stand auf. Sie schwankte. Celice beeilte sich, sie zu stützen. Cari murmelte: Das ist doch Wahnsinn.
Sanchez öffnete mehrmals den Mund, dann drehte er sich um und hätte bei seinem Abgang den Oberst fast umgerannt.
Oberst Gently blieb vor ihnen stehen. Stehen Sie ruhig bequem.
Er ist ein Kriegsheld, dachte Celice, Skorpio, 501. Sie sollten nicht denken, dass diese Sache damit für Sie gelaufen ist. Unruhestifter Ihres Kalibers sind meiner Meinung nach an Raumakademien fehl am Platz. Es gab und gibt einen Platz, an dem auch solche Figuren wie Sie beide dem Imperium dienen können. Ich werde Ihre Versetzung ins Zentrum beantragen.
Er musterte die beiden Mädchen kurz und wandte sich mit einem angewidertem Gesichtsausdruck ab. Auf eine launige Bemerkung Venevers hin reagierte er mit einem meckernden Lachen. Zusammen verließen die beiden, in ein angeregtes Gespräch vertieft, die Messe. Cari Ann, Celice und der Schreiber blieben zurück.
Der Schreiber, ein Offiziersanwärter aus einer anderen Kompanie, schaltete den Bildschirm ab und packte seine Utensilien zusammen. Celice hielt die zitternde Cari Ann am Arm fest. Was zum Teufel soll das sein: Zentrum?
Sie blickte Bricken fragend an. Doch der schüttelte nur den Kopf.
Was soll das alles, Celice?
, flüsterte Cari schwach. Ich begreife es nicht.
Celice schüttelte den Kopf und schob sie zu ihren Stuhl. Setz dich, Cari.
Cari Ann war eine kleine zerbrechlich wirkende Person. Fast ein Kind, dachte Celice, selbst Shawnee ist robuster. Und zum wiederholten Male fragte sie sich, warum die zarte Cari beim Militär gelandet war. Mochte sein, dass Cari ein Einzelkind war und dass ihre Familie sie nicht auskaufen konnte. Aber Cari war ein Mathematikgenie, damit hätte sie im privaten oder im staatlich-nichtmilitärischen Sektor Sponsoren finden müssen. Für das Militär war für Cari physisch und psychisch einfach nicht geeignet.
Ist schon gut
, murmelte Celice, als Cari den Kopf weinend in ihrer Bluse vergrub. Ist schon gut. Ich bin da, Cari, ich bin immer da für dich.
Der Schlauch aus Panzerglas führte über eine glitzernde Eislandschaft, durchbohrte einen blauweißen Gletscher, überbrückte einen klaffenden Abgrund. Celices Füße trommelten auf den Plastikbelag der Laufstrecke, ihr Trainingsanzug war schweißgetränkt, ihre Oberschenkel brannten. Sie hatte inzwischen mehr als das Doppelte ihres allabendlichen Laufpensums hinter sich gebracht, sich viermal durch den Glaswurm gekämpft, der von der hochaufragenden Nadel des Ausbildungszentrum AC/23 zu den kleinen Basen und Depots führte. Sie war wütend und verbittert. Auf Venever, Gently, Sanchez, Bricken, aber auch auf sich selbst. Ihr stures Pochen auf Caris Rechte hatte sie beide in diese verquere Situation gebracht. Die begehrte Versetzung in die Explorerflotte dürfte für die nächste Zeit nicht mehr zur Diskussion stehen. Zentrum …
Nach einem von Wut diktierten sinnlosen Gewaltsprint lehnte sie nach Luft schnappend gegen die Panzerglaswandung des Rundgangs und starrte auf die trostlose Einsamkeit Europas hinaus. Eine Einheit Kadetten in schweren Panzeranzügen quälte sich über einen zerklüfteten Steilhang, über ihnen hing die gelb, braun und weiß marmorierte Scheibe Jupiters.
Celice starrte hinauf zum Giganten, zu seinen scheinbar unveränderlichen Schlieren und Wirbeln, seinen ewigen unvorstellbaren Stürmen.
Jupiter, das war passender Weise auch der zweite Vorname ihres Vaters, Seymour Jupiter Firo. Ein anderer Mann, der ihr das Leben verleidet hatte. S.J. Firo, der Mann, der aus dem kleinen Unternehmen Firebridge Electronics eine Firma von Weltrang gemacht hatte. Hart gegen sich und die anderen. Besonders gegen seine beiden Töchter. Töchter. Er hatte es seiner Frau nie verziehen, ihm keinen männlichen Erben geschenkt zu haben. Und seinen Töchtern hatte er oft genug deutlich gemacht, dass er von ihnen nur erwartete, einen der männlichen Vertreter der terranischen Aristokratie oder Industriedynastien zu ehelichen. Celices Revolte war der Gang auf die Raumakademie gewesen. Shawnee nervte ihren Vater auf ihre Weise: sie zog ihr altsprachliches Studium in die Länge und vergnügte sich mit arbeitsscheuem Gesindel. Celice lächelte schwach. Shawnees Leben war eine endlose Party, ein permanentes Verleugnen der Gegenwart.
Gegenwart.
Celice stieß sich von der Wand ab und verfiel in einen lustlosen Trab. Zehn Minuten später erreichte sie die Abzweigung zum Recreation Center South und schließlich den Zugang zum Sportsektor. Die Gänge waren menschenleer, was allerdings kaum verwunderte: RC South war noch im Aufbau begriffen und zudem zeigte die Stationsuhr späten Abend an. Im Umkleideraum kickte Celice sich die Laufschuhe von den Füßen, zerrte das verschwitzte T-Shirt über den Kopf, strampelte sich aus der Sporthose. Sie zog ein Badetuch aus dem Spender, warf es sich über die Schulter und marschierte nackt bis auf ihre Sandalen zu den Duschkabinen.
Die Duschtür schloss sich klickend hinter ihr. Sie blickte misstrauisch zu den Duschköpfen empor. Heiß, kalt? Heiß. Mit einem Aufschrei begrüßte sie den Trommelregen.
In das Badetuch gewickelt kehrte sie Minuten später in den Umkleideraum zurück. Der Mann in der Technikermontur, ein muskelbepackter Hüne, hatte neben der Tür auf sie gewartet. Er umschlang mit seinen Armen blitzschnell ihre Körpermitte und riss sie hoch. Celice krümmte sich zusammen, warf den Kopf zurück und trat mit beiden Füssen gegen die Schienbeine des Angreifers. Der knurrte wütend aber unbeeindruckt.
Celice. Celice. Celice.
Mit weit aufgerissenen Augen blickte das Mädchen den Sprecher an, der jetzt hinter den Spinden hervortrat. Sie stellte die sinnlosen Versuche ein, sich aus der schraubstockartigen Umklammerung zu befreien. Venever?
, krächzte sie.
Arno Venever deutete eine Verbeugung an. Derselbige. Zu Diensten.
Er grinste kalt. Dann griff er nach dem Badetuch und zog daran. Morris.
Der Riese lockerte seine Umarmung kurz und das Tuch fiel zu Boden. Venever legte den Kopf schief und musterte sie kritisch. Tja. Manchmal macht's die Verpackung. Schade
, fiel sein Urteil aus. Sein Gehilfe grunzte.
Wirklich schade.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus. Als du in meine Kabine stürmtest – wow! – das Sinnbild weiblicher Entrüstung. Mann, du hast mich richtig heißgemacht in deiner Uniform. Diese Bluse – du gehörst zu denen, die immer eine Nummer kleiner anziehen, nicht? Kleines Nüttchen.
Der Hüne quittierte Venevers Kommentar mit glucksenden Geräuschen.
Venevers Gesicht verfinsterte sich. Und dann rammst du mir den Zapper in den Magen.
War schlecht gewählt. Gebe ich zu. Etwas tiefer wäre angebrachter gewesen
, zischte Celice.
Venever grinste freudlos und drohte ihr mit dem Finger. Böses Mädchen. – Du hast mich lächerlich gemacht. Du kleines Miststück hast mich lächerlich gemacht!
Sein Gesicht verzerrte sich zu einer hässlichen Fratze. Er schlug mit dem Handrücken zu. Celices Kopf flog nach links. Der Siegelring an seinem Zeigefinger furchte eine Schramme in ihre Wange. Zappt mich und lässt mich von zwei Kadetten aus meiner Kabine zerren.
Er schlug nochmals zu. Einmal. Zweimal. Celices Unterlippe platzte auf. Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie haben über mich gelacht.
Er hielt keuchend inne. Sie haben gelacht!
Celice schrie leise auf, als Venever mit der Linken ihr Haar packte und ihren Kopf zurück riss. Der Zeigefinger seiner rechten Hand verwischte den Blutfaden an ihrer Unterlippe. Dann fuhr er langsam mit dem Finger über ihr Kinn, ihren Hals, auf ihre linke Brust. Er umzirkelte ihre linke Brustwarze.
Celice trat nach ihm, aber er konnte mühelos ausweichen. Morris verstärkte daraufhin seinen Druck, bis Celice dachte, ihre Rippen müssten brechen.
Du bist ein kleiner mieser Vergewaltiger
, presste sie mühsam hervor. Und genau das ist falsch, reiz ihn nicht, dachte sie, der Typ ist wahnsinnig.Ein feiges Schwein.
Venever holte aus, zögerte dann und schüttelte den Kopf. He! Diese Cari – die war nicht mal Jungfrau.
Er schlug ihr in den Magen.
Morris ließ das nach Luft schnappende Mädchen zu Boden gleiten. Celice kroch in die Ecke und zog ihre Beine an den Leib. Sie starrte zu den beiden Männern hoch: dem feixenden Neandertaler und dem gelangweilten Dandy. Venever setzte sich ihr gegenüber gegen die Spindwand. Er nahm exakt die gleiche Haltung ein wie Celice. Und jetzt?
, fragte er.
Celice starrte ihn wortlos an.
Nein. Ich hab' dir doch schon gesagt, dass du mich nicht reizt. Körperlich.
Er stützte seinen Kopf in die Hände. Was du lernen musst, nein, was du lernen wirst, ist, dass Venever nachtragend sind, sehr nachtragend.
Venever runzelte die Stirn. Ein schlechter Charakterzug. Wir verzeihen nicht. Du wirst zahlen, Kleines. In den nächsten Jahren wirst du zahlen.
Er stand auf und winkte Morris. Sie gingen zum Ausgang. Venever blickte nochmals zu Celice, die regungslos sitzen geblieben war. Du wirst doch jetzt nicht zur Wache rennen. Glaubst du, diesmal würde es was bringen? Und außerdem …
Er blickte auf seine Uhr. ... es sollte eigentlich eine Überraschung sein. Du musst dich jetzt wirklich beeilen. Der Marschbefehl liegt schon auf deinem Bettchen. In vier Stunden geht's ab ins Zentrum. Du wirst es lieben!
Er hob grüßend die Hand und ging hinaus. Celice starrte auf die Tür. Sie umklammerte ihre Fußknöchel, presste das Gesicht auf die Knie und wiegte den Oberkörper langsam hin und her.
Ein Truppentransporter brachte Celice und Cari nach Alpha Centauri. Dort wartete ein vollautomatisierter Frachtraumer auf sie. Darüber aufgeklärt, wo dieses Zentrum sei oder was sie dort erwartete, wurden sie nicht. Da der Frachter nicht für Passagiere eingerichtet war und der Flug angeblich Wochen dauern sollte, wurden Tiefschlafsärge für sie installiert. Die Mediziner, die sie anschlossen, verrieten ihnen, dass dies die normale Prozedur für menschliche Transporte ins Zentrum sein.
Als sie wieder erwachten, sollten fünf Wochen vergangen sein.
Eine unangenehme, schmatzende Stimme, ein Mann: Ich habe die Katheder und Anschlüsse entfernt. Kreislaufstabilisator gespritzt.
Eine weitere, männliche Stimme, ruhig und beherrscht: Es waren keine Überführungen eingeplant. Und zwei Personen? Firo, Ann. Unruhestiftung. Falschaussagen. Was für ein Unsinn.
Die erste Stimme: Ich hatte ja auf Frischfleisch gehofft. Irgendwie …
Sie sind wach
, wurde er unterbrochen. Die kehlige Frauenstimme fuhr im freundlichen Tonfall fort: Nun macht schon die Augen auf, ihr Süßen. Wir wissen, dass ihr uns hören könnt.
Widerstrebend öffnete Celice die verklebten Augen. Unerträglich grelles Licht ließ sie sie sofort wieder schließen.
Moment. So geht's besser. Jetzt.
Diesmal umgab sie Halbdunkel. Langsam konnten ihre Augen die Einzelheiten der Umgebung ausmachen.
Sie lag in ihrem – offenen – Tiefschlafbehälter. Sie war nackt, aber jemand hatte ein weißes Laken über sie gedeckt. Ihr Unterleib schmerzte, die Schläuche und Katheder, an die man sie angeschlossen hatte, waren offenbar schon entfernt.
Die Werte sind gut. Lunge und Herz arbeiten bei beiden ausgezeichnet.
Die schmatzende Stimme gehört einem unglaublich großen, unglaublich fettem Mann. Das Brustemblem an seinem leichten Raumanzug wies ihn als Angehörigen des medizinischen Dienstes aus.
Celice versuchte, ihre schmerzenden Beine zu bewegen. Das Laken rutschte von ihren Brüsten. Ihr Versuch, es wieder hochzuziehen, scheiterte an der Kraftlosigkeit ihrer Arme.
Nur keine Panik.
Diese dritte Stimme gehörte einem zweiten Mann, der erheblich kleiner als der Mediziner war und sehr schlank. Irritiert registrierte Celice die Rangabzeichen, die den Träger als General auswiesen. Asiat. Kurzgeschorene Haare. Dünner Oberlippenbart. Das runde Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. Das hier ist unser Chefarzt, Sebastian Largo. Er sollte von Berufs wegen den Anblick nackter Weiblichkeit gewöhnt sein und keineswegs unangebrachte Gelüste hegen. Ich …
Etwas an der linken Gesichtshälfte des Asiaten stimmte nicht. Zuerst hatte Celice gedacht, es wäre eine Trübung ihrer Augen, aber jetzt erkannte sie deutlich dunkelblaue Hautwucherungen, die in verästelten Strängen vom Hals her kommend in seine Wange mündeten. Ich bin Nobutake Kobuna, General Nobutake Kobuna, der Kommandant der Station Dis. Und so sehr ich weibliche Schönheit immer noch bewundere, bin ich körperlich keinerlei Gefahr mehr für sie.
Er ist impotent. Vor vier Jahren wurden seine Hoden entfernt. Der Krebs frisst ihn stückweise
, warf die dritte Person ein, eine dralle dunkelhäutige Frau mit kastanienbraunem lockigem Haar. Major. Sorry, General-san.
Kobuna verzog das Gesicht. Und das ist Maxine Charlotte Rousseau. Ein vorlautes respektloses Weib. Vor der würde ich mich an Ihrer Stelle allerdings in Acht nehmen.
Wo sind wir hier?
Das war Cari aus ihrem Container rechts von ihr, unsichtbar für Celice.
Sie sind bald auf Dis
, antwortete Kobuna. Das ist eine von zwölf Raumstation in diesem Raumsektor. Bemannt mit dem Abschaum der terranischen Raumflotte. Den Versagern, Deserteuren, Verbrechern.
Sein Lächeln war bitter. Maxine grinste breit. Was wir hier tun? Wir versuchen zu überleben. Wir sind Gefängniswärter.
Er seufzte.
Celice schüttelte verständnislos den Kopf.
Sie werden in den nächsten Tagen alle notwendigen Informationen erhalten.
Kobuna wandte sich an Maxine. Max, sorge dafür, dass die beiden ins Krankenrevier geschafft werden. Könntest du ihnen auch die notwendigen Erklärungen geben?
Er gab ihr einen Datenleser. Das sind ihre Akten.
Maxine warf einen kurzen Blick auf das Display. Verdammt, sind die jung
, murmelte sie. Was zur Hölle habt ihr angestellt? Caranor verprügelt?
Kobuna trat an Caris Container. Max wird sich um alles weitere kümmern. Sobald sie bei Kräften sind, werden wir unser Gespräch fortsetzen. Nun bleibt mir nur eins: Willkommen auf Dis, Cari Ann.
Er ging zu Celice und drückte ihre Schulter. Willkommen auf Dis, Celice Firo.
Er sagte etwas in einer Sprache, die Celice nicht verstand. Maxine deutete eine Ehrenbezeichnung an, Largo nickte Kobuna zu. Der General verließ den Raum.
Maxine kam mit breitem Grinsen heran. Als erstes müssen wir euch einkleiden. Schade eigentlich. Doc, ich schätze, sie werden in der Krankenstation dringendst benötigt. Bets müsste auch gleich mit den Tragen da sein. Und wir Mädels kommen schon klar.
Sie legte ihren Kopf in den Nacken und blickte den fetten Mann abwartend an. Der Arzt knurrte etwas. Bye
, erwiderte Maxine kalt.
Maxine bückte sich und machte sich an Celices Container zu schaffen. Als sie wieder hochkam, hielt sie triumphierend Celices Uniformhosen und -bluse hoch.
Was hat er gesagt?
, fragte Celice und gähnte.
Lesbe. Unangebrachte Gelüste. Scheiße. Der Kerl ist ein Schwein. Es dürfte kaum eine Frau auf Dis geben, die er nicht betatscht hat.
Was? Kobuna hat …
Sorry. Alles zurück. Ich hab' von Seb Largo gesprochen.
Maxine warf Celices Laken zurück und half ihr, sich aufzusetzen. Kobuna, der ist kein Schwein. Eine der Ausnahmen unter Dis' Männern.
Sie runzelte die Stirn. Er hat sein übliches japanisches Sprüchlein gesagt.
Celice sah in ihr breites freundliches Gesicht. Ärgerlich fragte sie: Und?
Er sagt es bei jedem, der hier eintrifft. Ich bete für Sie.
Sie schob Celices rechten Arm in den Ärmel. Er tut es tatsächlich. Beten.
Bets traf ein, als Maxine Celice und Cari eingekleidet hatte. Bets Wagner war eine breite wortkarge Frau in den Vierzigern, nach Maxines Worten ein Organisationstalent und die beste Pasta-Köchin im Umkreis von 1000 Lichtjahren. Sie half Maxine, die beiden Frauen aus ihren Containern auf zwei Antigravliegen zu bugsieren. Die Kleidersäcke hängten sie ans Fußende. Dann schoben sie die beiden auf den Hauptkorridor. Die Gänge waren beim Abflug des Transporters mit Paketen vollgestellt gewesen, nun waren sie leergeräumt. Maxine erklärte, dass auch die restliche Fracht fast schon komplett gelöscht war. In den nächsten Stunden würden defekte Aggregate verstaut werden. Und zwanzig Glückliche, die ihre Heimfahrt antreten würden. Sie würden wie Celice und Cari im Tiefschlaf verschickt werden.
Nur selten kam ihnen jemand entgegen. Wenn, dann starrte derjenige mit unverhohlener Neugier auf die beiden Mädchen.
Sind Sie es, Major?
, murmelte Cari.
Bin ich was, Cari? Nennt mich um Himmels willen Max.
Lesbisch.
Celice wandte den Kopf zu Cari. Sie wusste, dass die Eltern des zierlichen Mädchens der Reinen Christlichen Lehre angehörten. Cari hatte es immer als einen persönlichen Triumph dargestellt, sich vom rigiden und restriktiven Weltbild dieser Religion befreit zu haben. Homosexualität wurde von dieser Kirche auf Strengste abgelehnt.
Yep. Hundertfünfzigprozentig. Alle 72 Kilo. Kennst du erst mal unsere Auswahl an Mannsbildern, ist das die einzig vernünftige Option.
Bets quittierte Maxines Aussage mit einem quiekenden Geräusch.
Die Flotte sieht Homosexualität als Verbrechen an.
Caris Stimme zitterte leicht.
Teile der Flotte, ja. Mit ein Grund warum ich hier bin.
Bets und Maxine schoben die Liegen in den Personenlift und zwängten sich hinter die Kopfteile. Maxine seufzte. Hört zu, Cari und Celice. In den ersten Wochen werdet ihr von allen Seiten Avancen bekommen. Aber niemand wird – niemand kann euch zu – wasweißich, wilden Orgien oder perversen Spielchen zwingen. Kobuna hat einen gut funktionierenden Sicherheitsdienst etabliert, an den ihr euch bei Belästigungen und Übergriffen wenden könnt. Die letzte Vergewaltigung war … puh, vor zwölf Jahren.
Der Lift hielt an. Bets tippte einen Sicherheitscode ein und die Tür glitt auf. Was Kobuna mit dem Kerl anstellen ließ, war eine sehr wirksame Abschreckung.
Beim Wort Vergewaltigung traten Cari Tränen in die Augen. Maxine runzelte die Stirn und fuhr schnell fort: Also noch mal: euer Sexualleben ist eure Sache. Ihr seid, soweit ich weiß, für zwei Jahre stationiert. Ihr könnt euch Partner suchen oder auch enthaltsam leben. Eure Sache.
Durch einen kleinen Schleusenraum gelangten sie in einen kleinen Beiboothangar. Ein Ambulanzgleiter wartete auf sie. Nachdem die beiden Liegen verankert waren, schaltete Maxine das Dach semitransparent. Na dann, Bets, die Touristenroute.
Die Schleusentüren glitten auf. Der Ambulanzgleiter hob ab. Milchige Helligkeit breitete sich vor Celice aus. Träge bewegte sich eine riesige Wolkenwand vor einem absolut schwarzem Hintergrund. Celice drehte irritiert den Kopf zurück. Als der Transporter aus ihrem Blickfeld wanderte, konnte sie hinter ihm die dichten Sonnenkonstellationen des Milchstraßenzentrums erkennen. Aber vor ihnen …
Was Celice nun und in den folgenden Tagen über Patient Zero erfuhr, war Folgendes:
Das Patient Zero genannte kosmische Objekt war eine interstellare Materiewolke, in der Form einer Linse ähnelnd. In idealisierter Darstellung einer Linse mit einem Durchmesser von einem Lichtjahr und einer Dicke von drei Lichtmonaten. Zero lag nahe des galaktischen Zentrums (die genaue Position wurde Celice nie mitgeteilt), unmittelbare kosmische Nachbarn waren ein Neutronenstern und zwei Protosonnen.
Die Staubwolke war eine physikalische Anomalie: tatsächlich stellte sie ein in sich geschlossenes Gebilde dar, ein Taschenuniversum in einer Raumverwerfung, das nur über einige wenige Fasern mit dem Restkontinuum verbunden war. Es gab genau zwölf Berührungspunkte zwischen der Mikrowelt Patient Zero und dem eigentlichen Weltraum.
Über diese zwölf Zugänge konnte man ins Innern der Wolke gelangen. Aber hier war Raumflug auf die herkömmliche Art und Weise kaum möglich. Die Wolke rotierte äußerst träge um ihre Hauptachse, aber innerhalb des Gebildes herrschten unberechenbare Gravitationsverhältnisse, schnell wechselnde unberechenbare Schwerkraftballungen und -strömungen.
Die Staubmassen Zeros waren hochgradig hyperaktiv, degenerierte überladene Materie war der Fachausdruck. Sie steuerten einen Bruchteil der Strahlung bei, die aus Zero ein 5D-Leuchtfeuer zweiten Grades machte. Das milchige Halo des interstellaren Nebels, sein Flair, war nur eine sichtbare Wechselwirkung der 5D-Streustrahlung mit dem umgebenden Normaluniversum.
Entstanden war Zero vor 10 bis 12 Millionen Jahren. Die gängige Hypothese war, dass ein Hyperraumaufriss eine Sonnenballung zertrümmert hatte und sich die Reste der stellaren Materie um den Dimensionsdurchbruch gelegt hatten.
Patient Zero ist ein Raumzeitlabyrinth. Hyperflug ist begrenzt möglich. So genannte Potentialsenken innerhalb der Wolke sind durch ein Netzwerk von hyperenergetischen Adern verbunden. Man kann sich mittels dieser Adern per Hypersprung von einer dieser Senken zur anderen fortbewegen. Wenn das 5D-Klima es gerade zulässt. Die zwölf Portale sind die von außen direkt erreichbaren Potentialsenken
, erinnert sich Celice. Gryphon schüttelt grinsend den Kopf.
Dis befindet sich etwa eine astronomische Einheit über dem Nordpol der Staubwolke. Direkt dort am Nordpol befindet sich einer der Zugänge zu Patient Zero. Die weiteren elf Stationen sind an den entsprechenden anderen Portalen positioniert.
PZ-7 oder Dis: Eine quadratische Plattform von 500 Metern Seitenlänge und fünfzig Meter Dicke. Vier Kreuzer sind mit den Ecken der Plattform verschweißt. Die Kreuzer und die Plattform selbst in verschiedenen Zuständen des Zerfalls. Kreuzer-West und Ost sind Arsenal und Minenlager, Nord enthält die Wohnräume, Süd ist zum größten Teil zerstört, dort sind mehrere schwere Geschütze stationiert. Die Plattform beherbergt die Werftanlagen und die Landehangars der Jäger.
Sie hielt kurz inne. Die Aufgabe dieser Stationen ist, zu verhindern, dass jemand oder etwas diese Wolke verlässt. Sie kommen dieser Aufgabe seit über 500 Jahren nach.
Gryphon zieht die Augenbrauen hoch und gibt ein abgehacktes, ungläubiges Lachen von sich. Auch Kelvin Brix runzelt die Stirn. Und warum sollen sie das? Wen sollen sie hindern?
, fragt der Etho.
Cytryxiyl.
Gryphon stößt hörbar die Luft aus. So, dann sind wir jetzt endlich bei der Märchenstunde angekommen.
Es gibt keine Cytryxiyl mehr
, bestätigt Brix. Dieses Volk wurde im Zuge der Anorganischen Kriege ausgerottet.
Meine … Freundin wurde durch einen Cy-Keim getötet
, erwidert Celice. Kelvin registriert das unmerkliche Zögern und das Zucken ihrer Lippen. Diese Freundin musste wohl mehr als nur Freundin gewesen sein. Vor sieben Jahren.
Im Jahre 2420 der alten Zeitrechnung endete der Krieg gegen die Cytryxiyl mit der Vernichtung aller Welten dieses Volkes. Die organischen Völker hatten in den neununddreißig Jahren dieses Konflikts einen entsetzlichen Blutzoll geleistet. Die Cys waren die unbegreiflichste Existenzform, denen Menschen bis dato begegnet waren: intelligente Konglomerate aus 5-dimensional aufgeladenen Kristallkernen in Panzer aus unbelebter aufgeladener Materie gehüllt, die sie in beliebige Strukturen und Konsistenz bringen konnten. Sie waren Former.
Kollektive von Tausenden Cys vereinigten sich zu riesigen planetoidenartigen Gebilden, die sich in dieser Form gegen konventionelle Waffen als fast unangreifbar erwiesen. Diese Cy-Kometen waren in der Lage, ohne zusätzliche technische Hilfsmittel den Hyperraum anzuzapfen und für den Transport zu nutzen. Zwar besaßen sie keine eigenen Offensivwaffen, aber ihre Angriffsstrategie war effektiv und verheerend: Flotten dieser Giganten brachen unmittelbar über besiedelten Planeten aus dem Hyperraum, was tektonische Stoßwellen von gewaltiger Vernichtungskraft zur Folge hatte. Dann zersplitterten die Cy-Kometen und die Fragmente stürzten auf die gepeinigte Welt ab, um dort zu keimen und tote Materie umzusetzen.
Die Abwehrkräfte der Galaktiker sahen sich immer wieder in die Defensive gedrängt, die mächtigen Flotten kamen in diesen Kämpfen kaum zu Zuge: die Schlachten wurden auf den Planeten geschlagen.
Verbesserungen in der Desintegratortechnik und die Entwicklung von 5D-Störfeldgeneratoren brachten den Ansturm der Anorganischen schließlich zum Stillstand. Und als Gegenschlag wurde ein erbarmungsloser Vernichtungsfeldzug geführt.
In den 39 Jahren wurde nie der Versuch einer Kommunikation unternommen, von keiner der beiden Seiten.
Cys
, macht Gryphon. Nun gut. Und weiter?
Soweit ich es verstanden habe, wurde Patient Zero vor über fünfhundert Jahren als Ursprungsort der Cy-Zivilisation entdeckt. Eine Singulariät, in dem diese bizarre Existenzform entstand. Der Ursprung und schließlich der Fluchtpunkt der verbliebenen Former. Hier in diese unzugängliche Raumsektion zogen sie sich zurück, die Letzten ihres Volkes.
, sagt Celice bitter.
Und die Allianz der Galaktiker riegelte den Sektor ab und verwandelte Patient Zero in ein kosmisches Gefängnis.
Aber dieser Bereich der Galaxis ist extrem lebensfeindlich und der Unterhalt der Stationen zu kostspielig. Und irgendwann war nur noch Terra übrig, hielten nur noch Terraner die Wacht: die Unerwünschten, die Versager, die Politischen. Hier leisten sie ihren Dienst für die Allgemeinheit ab. Hier sterben sie
Kobuna?
, fragt Gryphon.
Nobutake Kobuna. General.
Es gab einen General Kobuna. 502. Der Orionis-Konflikt. Anstatt die beandersche Flotte vollständig aufzureiben, ließ der Oberbefehlshaber des Syphon-Geschwaders die verbleibenden Schiffe abziehen
, wirft Kelvin ein und ergänzt: Mein Vater kämpfte auf beanderscher Seite.
Der Name Kobuna ist mir unbekannt.
Gryphon zuckt mit den Schultern.
Celice verzieht das Gesicht. Sein Name wurde aus allen entsprechenden Publikationen und Registern getilgt. Die Flotte sah ihn offenbar als Verräter und Versager an und ließ die Persona non grata verschwinden.
Kurz nach ihrer Einlieferung (nach Stationszeit 1700) führte Largo eine erste oberflächliche Untersuchung durch. Die beiden erhielten weitere Kreislaufstabilisatoren und aufbauende Medikamente gespritzt. Die erste Mahlzeit auf Dis nahmen sie noch intravenös zu sich. Sie schliefen tief und traumlos in ihren Massagebetten und als sie am nächsten Morgen aufwachten, hatte ihr Körper die Nachwirkungen der Tiefschlafphase zum größten Teil bereits überwunden. Der Morgen war mit Bewegungstraining ausgefüllt. Nach dem Mittagessen (ein undefinierbarer zäher Brei) erfolgte die Hauptuntersuchung durch Largo.
Den Generalcheck heiterte der Arzt durch anzügliche Bemerkungen und Zweideutigkeiten an, die Zeit, die Celice nackt unter dem Scanner lag, kam ihr unerträglich lange vor und als seine breiten feuchten Hände ihren Körper betasteten, verspürte sie den unbändigen Wunsch, ihre Faust in sein feistes Gesicht zu schlagen.
Die Muskelschwäche müsste bis morgen vollständig abgeklungen sein. Es sieht aus, als wären Sie voll einsatzfähig. Eine kerngesunde junge Frau. – Ich werde den Sterilisationstermin für nächste Woche festlegen.
Er weidete sich an Celices entgeistertem Gesichtsausdruck. Es ist eine zeitlich beschränkte Maßnahme. Stationsvorschrift.
Eine Schwester brachte Celice zurück in das Zweibettzimmer und holte Cari ab. Celice blickte ihnen hinterher. Wenn sie schon die Art des Arztes kaum ertragen konnte, wie mochte sich Cari fühlen? Nach ihrer Rückkehr blieb diese stumm und bleich in ihrem Bett liegen.
Zwei Stunden später stürmte der Chefarzt gefolgt von der Schwester in das Zimmer und baute sich vor Caris Bett auf. Kommen Sie mit
, herrschte er Cari Ann an. Es gibt Schwierigkeiten.
Celice blickte überrascht von dem Gemüsebrei auf, an dem sie gerade hingebungsvoll herumkaute. Ärgerlich gestikulierte der Arzt. Beeilen Sie sich, Ann. Schwester Rogers, helfen Sie ihr.
Maxine Rousseau hatte den Tag mit einer Dienstplanerstellung für die beiden Neuankömmlinge und mit dringenden Wartungsarbeiten an dreien ihrer Mockingbirds verbracht. Als sie um 1600 zu einem kurzen Besuch auf der Krankenstation erschien, fand sie in dem Zweibettzimmer nur eine aufgebrachte Celice vor. Cari Ann sei nicht mehr ins Zimmer zurückgekehrt und vor einer halben Stunde habe Schwester Rogers ohne jede Erklärung Caris Bett abgezogen und sei mit ihren Habseligkeiten verschwunden.
Maxine verließ das Zimmer und kehrte nach fünf Minuten mit dem Chefarzt im Schlepptau zurück.
Also, Largo, was ist hier los? Was ist mit Ann?
, fuhr sie ihn an.
Der Arzt grinste selbstgefällig und strich sich mit den Händen über den Bauch. Er gluckste. Cari Ann wollte verlegt werden. Zugleich hat sie auch den vernünftigen Wunsch geäußert, nicht von Major Rousseau eingewiesen zu werden. Ihre genauen Worte …
Er feixte. ... waren: Ich möchte mit dieser abartigen Person nichts zu tun haben.
Genüsslich wiederholte er: Abartig.
Maxines Gesicht war versteinert.
Nach der Genesung, nach der Operation, wird Major Pointier sie zur Pilotin ausbilden.
Operation? Von was zur Hölle redest du?
Ah ja. Offiziersanwärterin Cari Ann ist im zweiten Monat schwanger. Die Stationsvorschriften sind in solchen Fällen eindeutig.
Er nickte bedeutungsvoll. Eindeutig.
Dann schob er seinen fetten Körper grinsend an Maxine vorbei. 'Abartig'.
Maxine starrte dem fetten Mann wütend nach.
Sie ist schwanger?
, echote Celice. Mein Gott. Und was heißt Stationsvorschriften?
Maxine schüttelte den Kopf. Ihr tiefbraunes Gesicht sah plötzlich sehr müde aus. Sie darf das Kind nicht austragen. Der Fötus wird abgetötet.
Abtreibung? Aber das …
Wir können sie nicht zurückschicken. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind ohne Missbildungen oder überhaupt lebend zur Welt kommt, ist äußerst gering. Die Gefahr, dass die Mutter während der Wachstumsphase körperlichen oder psychischen Schaden nimmt, ist sehr hoch.
Das ist doch Unsinn.
Maxine schob Celice sanft aufs Bett zurück. Hör zu. Wir sind hier in einer hochgradig strahlungsaktiven Umgebung. Die Schutzschilder der Station, die Metallpanzer können nur einen Teil dieser Strahlung abhalten. Du wirst zwei Jahre hier sein. Nach sechs Monaten werden sich erste Wucherungen bilden. Man wird sie herausschneiden, aber sie werden immer wieder kommen. Deinem Essen sind stabilisierende und krebshemmende Mittel beigemischt, bekannte allergische Reaktionen sind Haarausfall, Muskelschwund, Koordinationsschwächen. Aber in manchen Fällen reicht das Zeug nicht.
Sie lachte rau. Meine wundervolle Stimme verdanke ich einem künstlichen Kehlkopf. Und meine Niere links geht schon in die vierte Generation.
Sie setzte sich neben Celice auf die Bettkante. Zwei Jahre. Die gehen auf Dis nicht einfach so vorbei, man sitzt so eine Zeit nicht einfach so ab. Ich hoffe für dich und Cari, dass ihr sie durchsteht. Aber wenn ihr dann zurückfliegt, wird euch dieser verdammte Platz geprägt haben.
Celice kniff die Augen zusammen. Dann schüttelte sie den Kopf. Sie machen Scherze
, krächzte sie.
Nein
, knurrte der Maxine. Das hier ist alles andere als ein Scherz. Dis wird kein Feriencamp für euch Kinder. Du weißt, dass mit eurem Transporter zwanzig unserer Temporären ausgeflogen wurden, ja?
Celice nickte. Zwanzig von Achtunddreißig. Eigentlich hätten 38 heimkehren sollen.
Maxine hob die rechte Hand, spreizte die Finger. Fünf sind im Patient Zero verschollen. Sieben starben, als eine Desintegratormine im Lager Ost hochging. Vier: Strahlenpest. Zwei in einer Übung verbrannt.
Sie lehnte den Kopf zurück und kniff die Augen zusammen. Vier von den zwanzig müssen nach der Rückkehr sofort operiert werden. Falls sie die fünf Wochen Rückflug überleben.
Sie verzog das Gesicht. Dis ist ein Straflager. Hier landen Personen, die dem Imperium Schande gebracht haben. Und wenn sie Glück haben, überleben sie. Wenn nicht …
Cari wurde von einem Vorgesetzten vergewaltigt
, murmelte Celice. Wir brachten die Sache vors Gericht.
Scheint ein einflussreiches Tier zu sein, dieser Vorgesetzter.
Ja. Verdammt, ich habe sie ermutigt, das Schwein zu melden.
Celice zerrte an einem lockeren Pyjamaknopf. Cari. Ich weiß nicht, warum sie jetzt so reagiert. Ihre Eltern sind radikal-katholisch. Ich dachte, sie hätte sich von diesem Glauben gelöst, aber … Vielleicht reagiert sie so auf diese Homosexuellensache.
Ups. Dann muss ich wohl ein Geschöpf des Satans für sie sein. Armes Ding.
Nachdenklich sah sie Celice an. Und wie sieht's mit dir aus? Sollen wir für dich auch einen anderen Zuständigen festlegen?
Celice schüttelte den Kopf.
Gut. Du bleibst noch die Nacht auf der Station. Morgen, um Punkt sechs hole ich dich ab. Von 0700 bis 1000 ist Flugausbildung. 1000 bis 1400 technische Grundlagen. 1400 bis 1430 Mittagessen. 1500 bis 1800 Flugausbildung. 1800 bis 2000 Waffenausbildung. 2000 Abendessen.
Die Chefpilotin grinste. Das Essen ist der gefährliche Teil. Und …
Sie stand auf und streckte sich. Und … ich habe zwölf Jahre in dieser Scheiße überlebt. Wir müssten die zwei Jahre hinkriegen.
Sie schob die Decke zurück und schwang ihre Beine über den Bettrand. Sie stand auf und wartete mit gesenktem Kopf bis sich das Schwindelgefühl verflüchtigt hatte. Dann stapfte sie vorsichtig auf bloßen Füßen durch den halbdunklen Raum zum hellen Rechteck der Tür.
Der Gang lag in kaltem grellem Halogenlicht. Etwa fünf Meter zur Linken endete der Gang vor einem leeren Aufenthaltsraum, zwanzig Meter zur Rechten kreuzte er einen anderen Korridor. An den Türen auf beiden Seiten waren mit Leuchtstiften beschriftete Schildchen angebracht. Celice tastete sich zur nächsten Tür vor und las die Aufschrift. Zutritt nur autorisiertes Personal. MPak Klass. 700-800. Die nächste Tür stand offen. Ein dürrer Mann saß mit freiem Oberkörper an einer Blutwäsche. Er glotzte Celice an, hob den freien Arm und winkte. Die nächste Tür: T. Meon – 7/812, K. Flessner – 7/812. Die nächste Tür enthielt Bandagen, Binden, Bettzeug, Handtücher. Dann ein Nassraum. Zögernd stand sie an der Gangkreuzung. Cari musste nicht einmal mehr in dieser Etage liegen.
Sie tappte auf die andere Seite und ging auch hier Tür für Tür ab. Sie erreichte den leeren Aufenthaltsraum. Eine Tür jenseits der Gangkreuzung öffnete sich und ein Mann in einem tiefschwarzen Kittel trat heraus. Er wandte sich noch einmal in das Zimmer und sprach einige Sätze hinein. Aus dem Text, den ihr DataVis rekonstruierte, schloss Celice, dass es sich bei dem Schwarz gekleideten um einen Priester handelte und dass er einem Patienten Mut zusprach und ihm göttlichen Beistand versicherte. Celice marschierte mit gesenktem Kopf los. Der Priester murmelte einen freundlichen Gruß und betrachtete stirnrunzelnd ihre nackten Füße. Celice schob sich an ihm vorbei. C. Ann – 3/001. Sie klopfte an und schob die Tür auf.
Der Raum war hell erleuchtet. Cari saß in ihrem Bett, ihr Gesicht war blass, ihre Augen rotgerändert. Ihr Mund bewegte sich unaufhörlich. Sie blickte Celice an und griff zu dem Rufer an ihrem Nachtisch.
Cari.
Das Notlicht über der Tür begann zu blinken. Cari, ich bin's, Celice. Ich möchte mit dir reden.
Jemand packte sie am rechten Arm. Wütend fuhr sie herum. Der Priester sagte: Sie sind Celice Firo? Cari möchte nicht mit Ihnen sprechen. Nicht jetzt. Bitte akzeptieren Sie das.
Largo erschien neben dem Geistlichen. Ein Largo mit grauem, eingefallenem Gesicht. Als er Celice erkannte, wurde sein Kopf knallrot und wütend brüllte er: Was suchen Sie hier? Gehen Sie sofort auf ihr Zimmer.
Celice drehte sich zu Cari. Diese saß unverändert da, ihre Lippen flüsterten. Gebete, erkannte Celice. Largo packte sie an beiden Oberarmen und zerrte sie aus dem Zimmer. Er trat die Tür zu. Sie will nichts mehr mit Ihnen zu tun haben. Haben Sie das verstanden? Gehen Sie zurück in Ihr Zimmer!
Celice blickte vom Chefarzt zum Priester, der hilflos die Hände hob. Sie machte kehrt und trottete den Gang hinauf. Ein Krankenzimmer stand offen, wohl das Zimmer, aus dem Largo gekommen war. Celice erhaschte einen Blick auf eine ältere schlafende Frau mit eingefallenem, schmerzerfülltem Gesicht. Dann war Largo heran und zerrte Celice hinter sich her zu ihrem Zimmer. Er fuhr Schwester Rogers an, die nun aufgetaucht war. Die Tür ihres Zimmers schloss sich und Celice blieb im Halbdunkel stehen, lauschte noch ein paar Minuten dem Zwiegespräch Arzt – Schwester. Celice setzte sich auf das Bett. Ihre Füße waren kalt.
Sie hob den Kopf, als die Tür sich öffnete. Der Priester klopfte zaghaft an den Türrahmen. Celice nickte, er schob sich durch den Spalt, zog die Tür zu und lehnte sich dagegen.
Der Mann mochte Anfang Fünfzig sein. Sein Haupthaar war fast zur Gänze ergraut, nur einige wenige Stellen zeigten sich noch im ursprünglichen Dunkelbraun. Ein Dreitagebart gab ihm ein draufgängerisches Aussehen. Hellblaue Augen blickten Celice milde an. Um seinen steifen weißen Kragen war eine dünne Goldkette gewunden, in einem Bernsteintropfen waren die Umrisse eines Kreuzes zu erkennen.
Ich bin Vater Bryant. Kontaktperson in religiösen und moralischen Fragen auf Dis. Menschlicher Kummerkasten. Militärpfarrer
, fing er an. Cari Ann. Das Mädchen ist gegenwärtig sehr verwirrt. Die Situation überfordert sie sichtlich.
Er stieß einen abgrundtiefen Seufzer auf. In ihrem Gefühlschaos hat sie zu ihrem Glauben zurückgefunden.
Er kratzte sich an seinem Stoppelkinn. Nur Scheiße, das es diese mistige Reine Christliche Lehre ist.
Celice keuchte. Scheiße?
, wiederholte sie.
Okay. Sorry, ich kann mir diese Vulgaritäten nicht abgewöhnen. Ich werde vier Rosenkränze beten.
Er grinste. Aber wir waren bei Cari Ann. Sie braucht Hilfe. Vielleicht will sie Sie gegenwärtig nicht sehen. Aber sie braucht Sie. Geben Sie sie bitte nicht auf.
Celice räusperte sich. Das werde ich nicht.
Schöne Worte. Vergessen Sie sie nicht. Für Cari sind Sie zu einem sehr großen Teil Schuld an dieser Scheißlage. (Sechs Rosenkränze.)
Damit hat sie wohl auch Recht.
Hmm. Wahrscheinlich sollten wir irgendwann darüber reden. Okay, in Ordnung, nicht unbedingt heute.
Er blickte zur Tür, dann wieder zu Celice. Die Reine Christliche Lehre predigt Askese, Kontrolle und Intoleranz. Nichts gegen Askese und Kontrolle. In Maßen. Die Intoleranz gegen Andersdenkende und Andersartige ist das Hässliche an dieser Religion. Wir sind in Weltraumzeitalter und die uralte grausame Denkungsart der Inquisition feiert ihre Wiederkehr.
Die Lehre ist sehr stark in den Randgebieten verbreitet
, bemerkte Celice. Unter den Siedlern und Pionieren.
Bryant nickte. Bei solchen Lebensbedingungen kann eine restriktive Religion durchaus von Nutzen sein. Cari stammt aus den Randgebieten?
Sie war so stolz darauf, dieses Leben hinter sich gelassen zu haben. Sie hasste dieses beschränkte Weltbild.
Und jetzt wird sie für ihr ungläubiges, gottloses Tun bestraft.
Der Pfarrer verdrehte die Augen. Ich werde versuchen, ihr diesen Quark auszureden.
Danke.
Falls Sie geistlichen Beistand brauchen oder einfach nur jemanden zum Reden, rufen Sie mich an. Ich habe viel Zeit.
Er grinste. Sie sind Major Rousseau unterstellt?
Ja?
Ein schlimmes Weib. Grüßen Sie sie von mir. Ihre gottlose Seele wird auf ewig in der Hölle schmoren.
Bryant lachte. Das war ein Scherz, Miss Firo. Angeblich hat Rousseau eine Voodoo-Priesterin von Terra-Haiti unter ihren Vorfahren. Schon erstaunlich, auf welche Typen man hier trifft. Hexen. Exkommunizierte Priester.
Die Tür schloss sich hinter ihm.
Der Mockingbird schüttelte sich. Celices Oberkörper schlug hart gegen die Sicherheitsgurte. Die Steuerung in ihren verkrampften Händen schien ein Eigenleben zu entwickeln und wollte sich aus ihrem Griff winden. Celices Zähne klackten aufeinander. Etwas zischte, etwas krachte, etwas pfiff. Jemand lachte.
Und dann kam der Mbird abrupt zur Ruhe.
Celice starrte aus dem Frontfenster in die undurchdringliche Nebelwand PZs, dann suchte sie irgendeinen Sinn in den Werten der Anzeigen. Und, nicht zuletzt, versuchte sie ihre Hände von den Steuerknüppeln zu lösen. Erstaunlich, dass diese sich nicht einmal verbogen hatten.
Der Jemand lachte immer noch. Celice wandte den Kopf und funkelte Maxine Rosseau an. Diese verdrehte die Augen. Wahnsinn. War es so gut für dich wie für mich?
Celices Mund klappte auf. Maxine blinzelte ihr zu. Und dann lachte Celice auch. Das hieß, sie versuchte es, aber was da krächzend aus ihrer Kehle kam war nur eine schlechte Imitation. Maxine legte den Kopf schief: Ich schätze, das müssen wir auch üben.
Dann griff sie an Celice vorbei, klappte mehrere Schalter um und drehte an einem Regler. Es sind die Schwerkraftschwankungen
, murmelte sie. Du musst mit ihnen schwimmen, nicht gegen sie. Guck', die drei Statos sind hinüber – das kostet uns morgen den Vormittag.
Sie schüttelte den Kopf. Du hast doch einen DataVis.
Sie tippte gegen Celices Stirn. Und du hast tolle Bewertungen in Navigation. Also: spiel die letzten Minuten ab und dann erklär mir genau, was da schief gegangen ist und danach bringst du uns heil nach Dis zurück.
Celice warf einen Blick aus dem Seitenfenster. Vor den milchigen Staubschichten zeichnete sich winzig die Station ab.
Es war der dritte Tag, ihr erster wirklicher Flugversuch mit einer Mockingbird. Gestern hatte Maxine mit ihr die Grundlagen dieser veralteten Flugmaschine durchgepaukt und ihr mehrere Flugmanöver gezeigt. Sie hatten ein Jahrzehnte altes Lernprogramm in Celices DataVis gespeist und hatten Stunden im Simulator verbracht. Und heute durfte sie zeigen, was sie konnte. Beziehungsweise nicht konnte.
Maxine amüsierte sich offensichtlich großartig.
Der unförmige Körper der Mockingbird, der an eine zehn Meter lange, vier Meter hohe und drei Meter breite Badewanne mit links und rechts angeflanschten Turbinen erinnerte, reagierte nur schwerfällig auf Celices Steuerkommandos. Maxine empfahl ihr zum x-ten Mal, das Flugzeug nicht wie eine zarte Jungfrau zu behandeln sondern wie einen verfetteten bewegungsscheuen Mistkerl.
Nach einer Stunde war Celice schweißüberströmt, ihre Armmuskulatur war völlig verspannt und sie wusste nicht, wo ihr der Kopf stand. Maxine hatte schließlich ein Einsehen und zog die Steuersäule zu sich herüber. Okay. Es war ziemlich unfair, dich so ins kalte Wasser zu werfen.
Sie legte ihre Hand auf Celices, zog sie aber sofort wieder zurück. Die Flugbedingungen in der Nähe der Zero-Zugänge sind äußerst gewöhnungsbedürftig. Wir werden zunächst einige Tage auf dem Schrottplatz üben, damit du ein Gefühl für die Mbird bekommst. Dann wagen wir uns wieder hierher und dann ..
Sie nickte in Richtung der Nebelwand. ... dann sehen uns den Patienten näher an.
Myriaden heller Punkte umhüllten die Enklave. Das Cockpit des Raumgleiters wurde in ein diffuses, flackerndes Licht getaucht. Maxines dunkelbraunes, fast schwarzes Gesicht erschien Celice wie eine Ehrfurcht gebietende Maske. Dann grinste die Pilotin breit und zerstörte die unwirkliche Atmosphäre mit ihrem tiefen Lachen. Unheimlich, nicht?
Maxine hatte die Mbird in den Strudel des Dis-Portals gesteuert. Nach einem desorientierenden Sturz durch einen weißen Korridor waren sie in der Enklave gelandet. Das war ein kugelförmiger Leerraum von etwa zweihundert Meter Durchmesser innerhalb der Wolke, umgeben von unablässig wirbelnden leuchtenden Staubmassen.
Es ist nicht dieselbe Materie wie außerhalb
, erwähnte Maxine. Es wirkt nur so. Außerhalb haben wir Ausfällungen, ein Seiteneffekt der 5D-Emissionen. Das hier ist degenerierte Materie, wahrscheinlich aus einigen tausend Sonnenmassen entstanden. Protomaterial für Cytryxiyl-Kerne.
Maxine machte Celice auf eine Serie von Ortungsreflexen aufmerksam. Das sind Desintegratorminen. Beim Eintritt in diese Enklave wurden wir gescannt und identifiziert. Falls der Scan negativ ausgefallen wäre, das heißt, falls wir Cys-Substanz an Bord gehabt hätten … Bumm.
Sie änderte den Frequenzbereich des Funkgeräts und drehte die Lautstärke hoch. Schwaches statisches Rauschen war zu hören. Maxine sah Celice bedeutungsvoll an.
Wir hatten und haben eine Serie von Wissenschaftlern, die sich an Patient Zero die Zähne ausbissen bzw. -beißen. Ramesh Kumar meint, Patient Zero sei eine Kriegsmaschine. Ein Arsenal, vor Millionen von Jahren von einer unbekannten Rasse gebaut. Die Cys sind nicht mehr als Maschinen, Roboter, die auf Vernichtung programmiert sind. Ein Zerstörungsmechanismus, der aus unerfindlichen Gründen aus seinem Dornröschenschlaf geweckte wurde und fast die Zivilisationen der Milchstraße auslöschte. – Hörst du etwas?
Celice schüttelte den Kopf.
Hmm. Patrik Pashen hat PZ als einen Riss im normalen Raum-Zeit-Gefüge angesehen. Ein Durchbruch zu einem anderen Universum. Die Cys sind Lebensformen dieser anderen Welt, unfähig unser Universum wirklich zu erfahren und zu begreifen.
Maxine lauschte angestrengt und verzog dann enttäuscht den Mund.
Oder Henner Leitner: PZ ist eine Produktionsstätte universaler Antikörper. Die darauf aus sind, organische Parasitärformen auszumerzen. Ich habe Leitner nie für voll genommen. Er ging vor zehn Jahren bei einem Routineflug in PZ verloren. Mir persönlich hat Eve Knumas Theorie immer am meisten zugesagt: Sie geht davon aus, dass die Cytryxiyl, die wir kennen, nur eine Übergangsform sind, Vor- oder Zwischenstufen der wirklichen Cy-Existenz. Diese wirkliche Existenz nun ist Patient Zero selbst: diese n-dimensionale Verwerfung ist der Cytryxiyl. Oder der Cytryxiyl ist darin gefangen. Wie auch immer. Dieses Wesen produziert Ableger von sich, Boten oder vielleicht Spermien: diese Kristallkerne. Und diese Kerne verfolgen nur ein Programm: Reproduktion.
Celice zuckte mit den Schultern.
Ja. Eigentlich egal. Aber es erklärt, warum eine Kommunikation mit diesen Dingern nie möglich war. Wie kommuniziert man mit einem Spermium? Und es wirft die Frage auf, ob nun Kommunikation möglich wäre mit … Patient Zero?
Maxine zuckte zusammen und machte: Psst.
Psst?
Sie wies auf den Empfänger. Celice strengte sich an, aber sie konnte keinen Unterschied erkennen. Da war immer noch dieses gleichmäßige Rauschen. Oder?
Da ruft jemand?
Maxine nickte. Und dann dröhnte ein Schrei aus dem Lautsprecher. Schrill. Langgezogen. Gepeinigt. Celice presste die Hände gegen die Ohren. Der Schrei erstarb, aber da waren jetzt andere Geräusche. Wimmernd. Lockend. Das Kichern eines Wahnsinnigen. Verwirrt blickte sie zu Maxine. Die hob entschuldigend die Hände und schaltete den Empfang aus.
Wir nennen diese Geräusche Banshee-Rufe. Vielleicht schreit der gewaltige Geist, der in der Wolke gefangen ist, Wut und Schmerz hinaus. Oder vielleicht sind es die Stimmen jener, die in Patient Zero gestorben sind.
Maxine blinzelte Celice an. Aber wahrscheinlich sind es nur zufällige Schwankungen im Hyperspektrum.
Banshees – ist das irgendeine Voodoosache?
Nein. Irische Folklore. Totenfeen. Wenn die Bean Sidhe heult, wird jemand sterben.
Maxine runzelte die Stirn. Wie kommst du ausgerechnet auf Voodoo?
Vater Bryant hat erwähnt, Sie hätten eine Voodoo-Hexe in Ihrem Familienstammbaum.
Bryant? Was hast du mit dem zu tun?
Er kümmert sich um Cari.
Tut er das?
Maxine zog eine Augenbraue hoch. Voodoo-Hexe …
Als sie weitersprach war ein sichtlich stolzer Unterton in ihrer Stimme: Ich bin eine 'ballah, das heißt, ich stamme von Damballah, Port Bondye. Auf dieser Welt findest du fast nur Auswanderer mit schwarzafrikanischen Wurzeln. Meine Vorfahren waren Sklaven aus Benin, die sich um 1800 Alter Zeit herum ihre Freiheit in Haiti erkämpften. Und ja, da sind einige Mambos darunter. Starke schwarze Frauen.
Maxine lächelte und ihre goldbraunen Augen funkelten. Maxine die 'ballah, wiederholte Celice in Gedanken.
Die Banshee hat geschrien. Das heißt auch, dass die Passagen zugänglich sind.
Ein Holodisplay baute sich auf. Die Kugel in der Mitte kennzeichnete ihre Enklave, von ihr gingen in alle Himmelsrichtungen sieben Geraden ab. Sie führten jeweils zu anderen Kugeln. Drei der Kugeln waren rot, die anderen, wie auch die der Dis-Enklave, grün. Rot heißt Sackgasse.
erklärte Maxine. Bisher kam keiner zurück, der diesen Weg genommen hat.
Sie stieß mit dem Finger an einen der grünen Lichtbälle. Leuchtschrift formierte sich über dem Ball. Tinseltown-Enklave. T-town-Station liegt eigentlich am Rand der Linse, also etwa ein halbes Lichtjahr entfernt. Die Passagen erlauben uns eine Art Hyperflug. Du fädelst dich in die Passage ein und kommst am Zielpunkt an. In den meisten Fällen. Die verstrichene Zeit ist unterschiedlich. Zu Tinseltown dauert es von hier drei Minuten. Zu dieser Enklave …
Die Leuchtschrift über dem Ball identifizierte ihn als PZ-Intern-81. ... dauert es knapp eine Sekunde.
Sie schloss die Hand um den Ball und das Hologramm baute sich um PZ-Intern-81 neu auf, zeigte nun eine Vielzahl von weiteren Passagen. PZ-Intern-81 ist unser Hauptzugang ins Innere. Hier ist unsere älteste Internstation. Eve Knuma residiert hier seit fünf Jahren. Alle halbe Jahre kommt sie mal raus und lässt einen neuen Satz Organe auswechseln.
Ihr Blick bewölkte sich. Ich bin ja einigermaßen stolz auf meine Hautfarbe. Aber du müsstest sie einmal sehen. Ebenholz. Eine nubische Prinzessin. Ich glaube kaum, dass sie noch ein Jahr durchsteht.
Maxine nagte an ihrer Unterlippe. Eve ist Xenobiologin, Genetikerin, Astrophysikerin, ein gottverdammtes Genie. Sie hat sich offen gegen die Biowaffenforschung des Reiches ausgesprochen und …
Maxine ließ die Mbird herumschwingen und nahm Fahrt auf. Die Signaturen für die verschiedenen Passagen sind eingespeichert. Du solltest zumindest einen Teil davon permanent speichern. Es könnte dein Leben davon abhängen. Wir treten fast aus dem Stand in den Hyperflug. Das ist äußerst …
Es wurde schlagartig dunkel. Celices Herz setzte aus. Sie schnappte vergeblich nach Luft. Ich sterbe, dachte sie, ich sterbe. Und es wurde hell. Ihr Herz hämmerte laut und ungestüm.
...
... unangenehm und du wirst dich nie daran gewöhnen. Sorry.
Celice schlug Maxines Hand zur Seite. Verdammt!
, schrie sie. Willst du mich umbringen? Was soll das?
Maxine hob abwehrend die Hände. Man gewöhnt sich nicht daran. Selbst wenn ich es dir beschrieben hätte: es wäre genauso schlimm gewesen.
Außen war endlose Schwärze, die Mbird stürzte durch vollkommenes Nichts.
Irgendwie stirbt man jedes Mal bei diesen Transits. Es sind keine normalen Hyperflüge. Nichts ist normal an Patient Zero.
Celice starrte wütend auf die Chefpilotin.
... du fädelst dich in die Passage ein und kommst am Zielpunkt an. In den meisten Fällen.
Aber es gab Ausnahmen. Gleiter, die verschwanden und nie ihr Ziel erreichten. Die vorzeitig aus dem Transit fielen. Abhängig davon, wie weit man von der nächsten Enklave entfernt war, bestand in diesen Fällen noch eine winzige Chance. Der Flug mit den Normaltriebwerken war beschwerlich, aber nicht unmöglich.
Eine andere Gefahr waren die äußerst seltenen Blackouts, plötzliche Totalausfälle der hyperenergetischen Geräte im gesamten Bereich der Wolke. Die Blackouts dauerten im Schnitt vier Stunden, der längste bekannte hatte sich über anderthalb Tage gezogen, keiner der zu diesem Zeitpunkt im Transit befindlichen Fbugs und Mbirds war zurückgekehrt.
Und manchmal starben Menschen in der Wolke. Einfach so. Der Fbug oder Mbird beendete den Transit und einer von der Gleiterbesatzung war tot.
Und dann waren da die Cytryxiyl.
Sie lieferten mehrere Container mit Medikamenten sowie einige Datenträger in Tinseltown ab. Danach ließ Maxine Celice die Maschine zurück zum T-town-Portal bringen.
Celice starrte fasziniert zu PZ-2 zurück. Die Station war eine unförmige Traube aus acht Korvettenkugeln. Ein Geschwader Fbugs flog im Formationsflug vor dem Gebilde vorbei. Maxine verzog das Gesicht. Eine Horde von militärverliebten Angebern
, knurrte sie, nachdem sie das Mikrophon abgeschaltet hatte. Cecile grinste. Es musste Maxine natürlich klar sein, dass der Leutnant, der sich über Bildfunk mit ihnen unterhielt, mit Hilfe seines DataVis mühelos ihre Lippen lesen konnte. Die 'ballah schaltete das Mikro wieder ein und schenkte dem Gegenüber ein strahlendes Lächeln.
Nach einigen Minuten Smalltalk verabschiedete sich Maxine und übernahm den Flug durch das Portal.
Im nun schon bekannten Flackerlicht der Tinseltown-Enklave lehnte sich Maxine mit einem tiefen Seufzer zurück. Unsere Hauptaufgabe ist, die Cytryxiyl in Patient Zero zu binden. Wir haben keine Waffensysteme, die in der Lage wären, die Portale oder Patient Zero selbst zu zerstören. Deshalb pflastern wir jede erreichbare Enklave mit Desintegratorminen und Hyperstörern.
Das Ortungsgerät piepste. Maxine drehte kurz am Funkempfänger und ließ sekundenlang Banshee-Schreie erklingen. Es wird genauso schlimm wie beim ersten Mal. Also...
Celice nickte.
Mit kaltem Schweiß auf der Stirn erwachte sie aus dem Alptraum. Das hier ist kein Platz für Menschen
, kam Maxines Stimme, ruhig wie immer.
Es gibt Abertausende dieser Enklaven. Manche sind von Cys bevölkert. Riesige Kristallverbunde frei im Raum schwebend. Es sind beeindruckende Gebilde. Wir schicken Fbugs voller Desintegratorminen durch die entsprechenden Passagen. In diesem halben Jahrtausend müssen wir hunderte dieser Nester vernichtet haben.
Sie tippte sich nachdenklich ans Kinn. Cys leben nicht in unserem Sinne. Wir bezeichnen sie nicht als Lebens- sondern als Existenzform. Praktisch. Wir können uns nicht mit ihnen verständigen. Wir begreifen sie nicht. Wie praktisch. Wir vernichten sie wann immer wir können. Manchmal wache ich nachts auf und denke: Es ist Völkermord, du hilfst bei einem Völkermord.
Der Hyperflug endete. Mit minimaler Eigengeschwindigkeit fielen sie in die Dis-Enklave zurück. Maxine ließ Celice die Mbird aus dem Portal steuern.
Von Zeit zu Zeit schlagen sie zurück. In den letzten zehn Jahren haben wir fünf unserer internen Stationen verloren. Vor drei Jahren versuchten die Cys einen Großausfall gegen Tinseltown. Die Traube, die wir gesehen haben, ist Tinseltown Version 2. Die erste PZ-2 wurde damals schwer beschädigt, fast ein Drittel der Besatzung kam ums Leben. Gut, jetzt bring' uns zurück zu Dis.
Als sie die winkende Maxine erkannte, brach Celice ihren Hürdenlauf ab und sprintete quer durch die Sporthalle zur Zuschauertribüne.
Die 'ballah hatte sich auf die Stiegen zwischen den Bänken gesetzt. Sie blickte Celice schief von unten an. Gott. Wie kann man nur so sportlich sein. Ich wäre nach 'ner halben Minute schon völlig außer Atem.
Sie grinste und deutete auf ihre Oberweite, die die Uniformbluse doch arg in Bedrängnis brachte. Schon allein deshalb.
Du gehörst zu denen, die immer eine Nummer kleiner anziehen, nicht?
, murmelte Celice.
Maxine runzelte die Stirn und lachte unsicher. Und was soll das heißen?
Celice sah sie mit verschlossenem Gesicht an. Nichts.
Schade. Ich hatte gehofft, es wäre eine Anmache.
Celice ächzte. Können wir das nicht bleiben lassen? Was wollen Sie?
Verzeihung. Mein Fehler. – Ich komme wegen Cari.
Celice zuckte zusammen. Was ist mit ihr?
Du hast sie seit einigen Wochen nicht mehr gesehen?
Nach unserer Ankunft habe ich versucht, sie ein paar Mal zu treffen. Jedes Mal reagierte sie hysterischer.
Sie blickte Maxine mit einem schuldbewussten Ausdruck an. Danach …
Ja. Danach hast du's bleiben lassen.
Maxine schürzte die Lippen. Egal. Sie macht sich laut Pointier recht gut als Pilotin. Offenbar erheblich besser als du.
Sie lachte. Aber sie hat sich freiwillig für PZ-Intern-30 gemeldet. Pointier und Kobuna haben es bewilligt.
Was heißt das?
Dass sie ab morgen für vier Monate im Inneren von Dis verschwindet. Sie und drei andere ersetzen die bisherige Besatzung der PZ-Intern-30
, erklärte Maxine. Ich meine nur, falls du mit ihr reden willst, wäre heute die letzte Gelegenheit. Für vier Monate.
Celice biss sich auf die Unterlippe. Es hat keinen Sinn.
Du bist ein Feigling?
In manchen Dingen bin ich ein Feigling.
Schade. Ich hoffe, du bereust das nicht.
Die Pilotin klopfte ihre Hose ab und erhob sich. Bevor sie sich abwandte, musterte sie Celice noch einmal. Übrigens siehst du so verschwitzt wahnsinnig sexy aus.
Der Flug nach PZ-Intern-30 nahm normalerweise knapp zehn Stunden in Anspruch. Von Dis-Portal führte der Weg über weitere vierzehn Enklaven, wobei zwei mit Intern-Stationen versehen waren. Als nach vier Tagen die alte Besatzung der PZ-Intern-30 noch nicht zurückgekehrt war und auch keinerlei Meldung vorlag, ließ Kobuna ein Suchkommando zusammenstellen. Celice drängte Maxine darauf, für eine der drei Suchmaschinen eingeteilt zu werden, und diese ließ sich schließlich überreden. Unter dem Kommando von Major Beauchamps brachen am nächsten Tag drei Mockingbirds auf, eine davon flogen Maxine und Cari.
Die letzte Intern-Station, die auf dem Weg nach PZ-Intern-30 passiert wurde, war die Nummer 29. Die kleine Suchflotte erreichte PZ-I-29 nach sieben Stunden. Die Stationsbesatzung bestätigte, dass zwei Mbirds mit Ziel PZ-I-30 vier Tage zuvor kurz angedockt hatten. Aber es seien danach keine Mbirds von Nummer 30 eingetroffen. Die drei Maschinen flogen weiter. Jede der erreichten Enklaven wurde messtechnisch ausgelotet. Treibstoffrückstände bewiesen, dass beide Mbirds die nächste Potentialsenke erreicht hatten. Ebenso die folgende. In der dritten Enklave nach PZ-I-29 aber war nur ein Mbird angekommen.
Beauchamps ließ die Mbirds ins Innere der Wolke vordringen. Sie durchstießen die Hülle der Potentialsenke und fanden sich in einer von wimmelnden Lichtpunkten erfüllten Welt wieder. Visuelle Orientierung war so gut wie unmöglich. Maxine verdunkelte die Fenster. Die Hypertaster zeigten die beiden anderen Schiffe.
Wir nehmen für eine Stunde Kurs auf die andere Enklave. Fächert aus und achtet auf die Hyperortung.
Maxine schaltete das Funkgerät aus und nahm langsam Fahrt auf. Die Enklave ist gut zwanzig Lichtsekunden entfernt. In einer Stunde schaffen wir bei den gegenwärtigen Verhältnissen höchstens ein Zehntel der Strecke. Wir müssten schon etwas Glück haben, um den Gleiter zu finden.
Sie hatten Glück. Nach vierzig Minuten ereignislosem Flug meldete Brauns Mbird die Ortung eines Metallkörpers mit den Abmessungen eines Kompaktgleiters. Zehn Minuten später koppelte Braun seine Maschine an der antriebslos treibenden Mbird PZ7-MB612 an. Kurz darauf kam Brauns atemlose Stimme aus ihrem Empfänger: Beide sind tot. Keine Verletzungen. Offenbar sind sie bei einem kurzem Blackout aus dem Transfer gestürzt. Und …
... sind einfach gestorben. Manchmal sterben Menschen in der Wolke, einfach so, dachte Celice und starrte auf den Lautsprecher. Ein Gefühl hilfloser dumpfer Angst erfüllte sie. Sie öffnete den Mund, um die Frage zu stellen, aber Maxine kam ihr zuvor: Wer war an Bord?
Phyllis Waller. Pjotr Sienkiewicz.
Celice schloss die Augen. Cari lebte noch. Zumindest bestand noch Hoffnung.
Wie sieht die Maschine aus?
, fragte Beauchamps.
Ich kann keinerlei Beschädigungen finden. Das Triebwerk ist okay. Energielevel ausreichend für den Weiterflug.
Hmm.
Der Staffelführer dachte kurz nach. Falls die anderen beide Intern-30 erreicht haben, könnten sie die Ladung des Gleiters gebrauchen. Andererseits … Max, kann deine Copilotin die MB612 zu PZ-I-29 bringen?
Maxine sah Celice fragend an. Die schüttelte den Kopf. Maxine verzog das Gesicht. Keine gute Idee. Bei ihren Flugkünsten baut sie entweder Bruch oder landet in Andromeda.
Braun grunzte verächtlich und sagte: Mekken kann die MB502 allein weiterfliegen. Ich kann die Maschine zur Neunundzwanzig bringen. Max, irgendwann erklärst du mir, was du deinen Schülern so beibringst. Wie lange soll ich auf euch warten?
Die vermisste Mbird hatte die weiteren drei Enklaven passiert und PZ-Intern-30 erreicht.
Der siebzig Meter hohe und zwanzig Meter dicke Zylinder schwebte im Zentrum der Nische. Auf der oberen Landeplattform war die gesuchte Mbird verankert. Station und Mbird blieben stumm. Die anfliegenden Maschinen wurden nicht angefunkt. Nur minimale Energieausstösse wurden auf der Station angemessen.
Der untere Zylinderteil wies Beschädigungen auf: mehrere metergroße Löcher waren in die Hülle gestanzt. Die Mbirds umrundeten vorsichtig die Station. Ein unförmiger meterdicker Brocken aus dunklem Material klebte an der Außenwand, er bildete den Mittelpunkt eines Spinnennetzes aus unterschiedlich dicken Strängen, die sich über die Oberfläche der Station zogen.
Cys-Befall
, murmelte Maxine.
Es sind keine Aktivitäten anzumessen
, meldete Beauchamp. Seine Stimme war belegt. Okay. Max und ich landen auf der Plattform. Mekken bleibt im Orbit. Wheezie, Max und Celice, ihr seht euch in der Station um. Ich kümmere mich um die MB613.
Maxine ließ eine Leuchtboje aufsteigen. In drei Metern Höhe verharrte die Kugel und tauchte die Zentrale übergangslos in kaltes Licht. Nachdem Celice den Blendeffekt überwunden hatte, starrte sie auf das Bild, das sich ihr bot.
Es war ein Dschungel. Der Raum war förmlich überwuchert von Lianen und Bodenwurzeln, nur dass diese nicht pflanzlicher Herkunft waren sondern aus Metall, Glas und Plastik bestanden. In der Mitte brach ein meterdicker Baum aus dem Hauptkontrollpult, ein Stamm aus ineinander verwobenen und verschmolzenen Kabelleitungen, Metalltrassen und Plastikabdeckungen. Rückenlehne und Sitzfläche eines Sessel ragten in Kopfhöhe heraus. Ein Armaturenbrett wand sich darüber um den Stamm.
Maxine hob den rechten Arm, deutete auf einen Auswuchs unmittelbar unter der Decke. Celices blickte nach oben. Ihr DataVis zoomte den Bildausschnitt, eliminierte den Hintergrund und … Sie gab einen erstickten Laut von sich. Es war ein Arm. Ein Arm, der wie die Karikatur eines Astes aus diesem Gebilde ragte; die gespreizten Finger der Hand schienen nach ihr zu greifen.
Celice machte zwei Schritte zurück und stolperte. Sie fing sich und starrte das Kabinett an, das hier fast vollständig in den Boden versunken war. Nein, versunken war das falsche Wort, der Schrank schien zerflossen zu sein. Sie schüttelte verwirrt den Kopf.
Maxine hatte das Baumgebilde umkreist. Jetzt klang ihre raue Stimme auf: Beau – wir haben hier zwei Opfer. Die ganze Zentrale ist überwuchert. Wie groß war die Besatzung?
Vier. Wie stark ist der Befall?
, kam Beauchamps Antwort.
Sehr stark. Aber es ist inaktiv.
Es ist dormant. Seid vorsichtig. Das Ding kann jederzeit …
Korrigiere
, unterbrach Maxine den Staffelchef. Wir haben drei Tote hier.
Sie zeigte in die Ecke des Raumes. Celice schluckte. Von der Leiche war nur der Oberkörper zu sehen. Kopf, Arme, Brust. Eingeweide, Blut. Würgend wandte sich Celice ab.
Nach einer kurzen Pause entschied Beauchamps: Fangt an, die Station zu verminen. Sie ist befallen, das ist die Standardprozedur.
Was ist mit dem fehlenden Besatzungsmitglied? Was ist mit den zweien von MB613?
Wheezie durchsucht noch den Rest der Station. Ihr fangt an, die Minen zu verlegen.
Eine halbe Stunde später baute sich eine Hyperstörfront in der Enklave auf. Die Funkverbindung zu Beuchamps wurde immer schlechter und brach schließlich ab. Und als sich Wheezie meldete, wurde sie immer wieder von statischem Rauschen überlagert. Der DataVis war nicht in der Lage, die Fragmente eindeutig zu ergänzen: (Ich) habe Cari (gefunden). Sie ist (nicht?)/(un?)/(schwer?) (ver)letzt. Wir sind (im Ma)schinenraum.
Dann kam nichts mehr.
Celice und Maxine installierten gerade die dritte Desintegratormine, Maxine tippte die Codesequenz ein. Cari erhob sich, wartete bis Maxine sie anblickte und sagte: Ich gehe 'runter.
Maxine schüttelte den Kopf unter dem transparenten Helm. Nein. Wheezie kümmert sich um Cari. Du bleibst hier.
Celice drehte sich um und lief los. Maxine schickte ihr einen hässlichen Fluch hinterher.
Der Maschinenraum war fünf Decks tiefer. Celice rief den Bauplan der kleinen Station ab und fand den Eingang zum Treppenschacht. Der Lichtkreis ihres Scheinwerfers geisterte durch den Korridor. Der DataVis memorierte die Einzelszenen und baute ein Gesamtbild zusammen, das sich ständig mit ihren Bewegungen synchronisierte. Celice sah den durch den herumirrenden Lichtfleck eingegrenzten aktuellen Bildausschnitt ergänzt um eine rötlich gehaltene DataVis-Rekonstruktion des Umgebenden. Celice schob das Schott zur Treppe auf und leuchtete in den Schacht. Kreisförmig, 2 Meter im Durchmesser, die Wendeltreppe führte in einem halsbrecherischen Gefälle in die Tiefe. Argwöhnisch leuchtete Celice nach oben und unten, konnte aber keinerlei Deformationen erkennen. Prüfend belastete sie die Konstruktionen zuerst mit einem Bein, dann mit ihrem gesamten Gewicht. Sie lief los.
Nach einigen Minuten hatte sie das Maschinendeck erreicht. Das erste, was sie sah, war ein etwa auf doppelte Größe aufgeblähter Verteilerblock inmitten einer Ansammlung pockennarbiger Plastikstalagmiten. Der DataVis blendete eine Strahlenwarnung ein.
Wheezie? Cari?
Auf ihre Rufe bekam sie nur beständiges Störrauschen zur Antwort. Der Kontakt zu Maxine war schon kurz nach Verlassen der Zentrale abgebrochen. Vorsichtig umging sie die bizarre Skulptur und leuchtete in die abgehenden Türöffnungen.
Das Schott zum Hauptkontrollraum war angelehnt. Celice drückte dagegen. Da war Widerstand. Sie schob stärker. Etwas gab nach, rutschte über den Boden. Das Schott schwang auf.
Das Scheinwerferlicht fiel auf eine liegende Gestalt im Raumanzug. Celice kniff die Augen zusammen. Der Raumhelm wies ein kreisrundes Loch auf. Celice packte die Schulter des Liegenden und zog sie zu sich. Auf der anderen Seite des Helmes war ein weiteres Loch. Der Kopf im Inneren des Helmes schwang haltlos herum. Der Desintegratorstrahl hatte den Hinterkopf der Frau aufgelöst. Louise Martens, MB501.
Wheezie?
Der Schlag traf den Halswulst ihres Helmes und warf sie über Wheezies Leiche. Sie schlug mit dem Kopf gegen die Helminnenseite und biss sich in die Unterlippe. Sie spuckte Blut aus, als ein weiterer Schlag ihren Helm traf. Celice warf sich herum und griff nach ihrer Waffe. Der Scheinwerfer tauchte ihren Angreifer in ein grelles Licht und warf seinen Schatten riesenhaft an die Wand.
Cari!
, schrie Celice. Ein Tritt traf ihr rechtes Handgelenk und erneut knallte der Kolben des Desintegratorgewehrs gegen ihren Helm. Dann sprang das Mädchen auf ihre Brust und drückte mit den Knien Celices Arme nieder. Sie schwang das Gewehr und hämmerte es wieder und wieder gegen Celices Schulter- und Kopfpartie.
Hör auf!
, schrie Celice. Cari, ich bin es! Celice!
Und tatsächlich kam Caris Attacke nun ins Stocken. Sie starrte mit geweiteten Augen auf das Gesicht ihres Gegenübers, dann auf das Gewehr in ihren Händen.
Celice
, flüsterte sie. Der Empfang auf diese Entfernung war fast störungsfrei. Caris Stimme zitterte, aber Celice erkannte einen seltsamen Unterton von … Genugtuung? Celice, das kleine Miststück.
Sie drehte das Gewehr herum, drückte die Mündung unter den Helmwulst. Eine Tochter, eine Tochter wäre schön gewesen.
Ihre Finger suchten den Abzug. Eine Tochter. Aber Arno würde bestimmt einen Sohn vorziehen. Männer wollen immer einen Sohn. Sonntags gehen sie zum Gravo-Football. Vater und Sohn. Eine Tochter wäre so wundervoll gewesen.
Cari lächelte, aber dann verzerrte sich ihr Gesicht. Aber jetzt ist alles weg. Alles weg. Miststück Celice.
Sie schrie laut und durchdringend. Celice konnte den Druck des Strahlengewehres durch das Anzugsmaterial spüren und sie sah, wie sich Caris Finger krümmte.
Der Schuss stanzte ein zentimeterbreites Loch durch Caris Brust. Erstaunen machte sich auf ihrem Gesicht breit. Einem sommersprossigen kecken Gesicht unter rotblondem kurzem Haar. Ihre Augen wanderten verständnislos über Celices Gesicht. Dunkelgrüne immer neugierige Augen. Sie kippte vornüber.
Der Lichtkreis über ihr zeigte die grauen Plastikkacheln der Decke. Celice starrte hinauf und spürte und dachte … Nichts.
Eine Gestalt im klobigen Raumanzug beugte sich über sie, wälzte Cari von ihr. Sagte etwas, wiederholte es. Griff ihren rechten Arm und zog sie hoch. Celice blinzelte. Max?
Die Chefpilotin zog Celices Blaster aus dem Futteral und befestigte ihn an ihrem Gürtel. Firo, ich bringe dich jetzt nach oben. Verstehst du mich?
Celice schüttelte den Kopf. Wo ist Cari?
Ich bring' dich hoch.
Als sie wieder etwas bewusst wahrnahm, saß sie im Cockpit der Mockingbird und Maxine zog gerade die Gurte ihres Sitzes fest. Sie hob abwehrend die Hände und schob die Chefpilotin weg. Maxine blickte ihr prüfend ins Gesicht. Alles wieder klar?
Nein. Überhaupt nicht.
Sie schluckte. Du hast Cari erschossen.
Ja. Sieh' in die Richtung.
Celice drehte den Kopf und starrte auf die leere Landeplattform.
Da ist …
(Nichts.) Die Injektionspistole stach in ihre Halsschlagader und entleerte sich mit einem leisen Zischen. Sie fuhr herum.
Ein nanitisch gesättigter Drogencocktail. MedCos reagieren in solchen Situationen einfach falsch. Das sollte dich für die nächsten Stunden etwas ruhigstellen. Schlaf'.
Maxine aktivierte den Hauptsender des Mbirds. Beauchamps meldete sich sofort und Maxine beschrieb ihm die Lage. Celice lauschte minutenlang einem für sie immer unsinniger werdenden Dialog. Sie gähnte. Maxine lächelte sie mitleidig an. Sie wollte etwas sagen, aber da fielen ihr die Augen zu.
Celice zuckte zusammen, stieß einen schrillen Schrei aus und warf sich nach vorne. Die Sesselgurte hielten sie.
Sie brauchte mehrere Sekunden, um sich zu orientieren: Sie saß im Mockingbird, neben ihr Major Rousseau. Der Mockingbird schwebte innerhalb einer Potentialenklave. Vor ihnen, ein paar hundert Meter entfernt, hing der Quader der Enklavenstation.
Ein Countdown lief gerade aus. … 3-2-1-0. Maxine zeigte zur Enklavenstation. Dort überzog plötzlich ein fahlgrüner Schimmer die grauen Strukturen. Die Konturen des Klotzes wurden unscharf und zerliefen. Risse liefen über die Oberfläche der Station.
Die Desintegratorminen.
Ja. In ein paar Minuten existieren nur noch Atome von der Station. Und von den Cy-Keimen.
Maxine stockte. Celice wandte den Kopf zu ihr. Auf Maxines feuchten Wangen spiegelte sich das Flackern des Auflösungsfeldes. Sie ist da drüben
, sagte sie schließlich. Wir haben Caris Leiche auf der Station gelassen. Auch die von Wheezie und die anderen. Beauchamps und Mekken waren einverstanden.
Sie blickte starr geradeaus. Keine Autopsie. Kein Recycling.
Celice starrte auf den grünwogenden Nebel und die wenigen verbleibenden Materiebrocken.
Ich habe ihren DataVis-Download. Das wird Kobuna genügen.
Wird es eine Totenfeier geben?
Bryant wird eine halten. Außer Kobuna wird kein weiterer etwas über Caris … Verhalten … erfahren. Sie ist eines der Opfer, nicht mehr.
Zwei Wochen. Der schweigsame Heimflug. Das Gespräch mit Kobuna. Die Trauerfeier.
Sie mied Maxine. Kobuna hatte ihr freigestellt, sie auf Wunsch zu versetzen, eventuell sogar auf eine der anderen Stationen. Celice konnte und wollte sich nicht entscheiden. Gegenwärtig fühlte sie sich nur ausgebrannt und leer.
Sie arbeitete vom frühen Morgen bis zum späten Abend in der Wartung. Danach saß sie allein in ihrem Zimmer, untätig, unfähig, ein Tutorial oder gar ein Trivial-Vid zu verarbeiten. Obwohl sie hundemüde war, kam der Schlaf meist sehr spät und oft genug erwachte sie schweißgebadet aus einem Alptraum.
Cari …
Bryant hielt seine Gottesdienste in einer kleinen hydroponischen Anlage. Der Pfarrer hatte hier einen Garten angelegt, in dem er – mit wenig Erfolg – Gemüse und Obst anbaute. Die Früchte seiner Arbeit sahen erbärmlich aus.
Seine kleine Gemeinde hatte auf mehreren Holzbänken Platz genommen und lauschte Bryants Predigt. Celice wartete geduldig unter einem verdorrten Apfelbaum, bis Bryant die vier Frauen und drei Männer verabschiedete. Einer der Männer kam ihr bekannt vor, aber erst als er seinen Arm grüßend hob, erkannte sie ihn: es war dieser abgemagerte Mann, dem sie an ihrem ersten Tag auf Dis im Hospitalbereich begegnet war. Die Blutwäsche. Der arme Kerl sah inzwischen wie ein wandelndes Skelett aus.
Bryant sah sie abwartend an. Was ist, Celice?
Ich komme wegen Cari.
Cari ist tot.
Ich hatte versprochen, mich um sie zu kümmern.
Haben Sie das? Ich meine, sich um sie gekümmert?
Sie sah ihn an. Sein Ton war abweisend, fast feindlich. Nein.
Und? Wie soll ich Ihnen jetzt helfen?
Alles was du tun kannst, Celice, ist, es beim nächsten Mal besser zu machen
, erklang eine Stimme von hinten. Celice wandte sich überrascht um. Maxine Rousseau marschierte quer durch ein Tomatenbeet. Menschen machen Fehler. Wir versagen gerade beim Umgang mit anderen.
Sie warf Bryant einen scharfen Blick zu. Wir lassen gerne Menschen dann im Stich, wenn sie uns am nötigsten brauchen. Und natürlich ergehen wir uns danach in Selbstvorwürfen.
Die 'ballah blieb stehen und blickte auf ihre verschmutzten Stiefel und die zertretenen Tomaten. Mach' es das nächste Mal besser! Hmmm, dieses Zeug dürfte ohnehin ungenießbar sein. Und einen ästhetischen Wert kann ich diesen Schrumpeldingern nicht abgewinnen.
Sie grinste verwegen. Schrecklich, Celice, ich bin immer so zweideutig.
Dann hob sie ihre rechte Hand hoch und ließ eine goldene Kette mit einem Bernsteinanhänger baumeln. Firo, ich möchte, dass du auf dein Quartier gehst. Betrachte das als Befehl.
Sie wartete.
Celice öffnete den Mund, aber angesichts des wütenden Gesichtsausdrucks der Chefpilotin verzichtete sie auf einen Protest. Unsicher und verwirrt ging sie an Maxine vorbei. Auf dem Gang lehnte sie sich neben die offen stehende Tür.
Sie wissen, wo ich dieses Ding gefunden habe?
, hörte sie Maxines Stimme.
Die Stimme Bryants antwortete: Ich hatte es ihr geschenkt.
Wirklich? Sehen Sie, Patre, ich habe einen Vertrauensbruch begangen. Nachdem ich die Kette gefunden hatte, stöberte ich in Caris DataVis-Privatspeicher. Dazu bin ich nicht berechtigt. Eigentlich darf das nur Kobuna.
Die folgenden Geräusche hörten sich wie ein Handgemenge an. Dann fluchte Bryant. Celice beugte sich vor und starrte in den Raum.
Bryant lag vor dem Altar. Maxine hatte sich breitbeinig über ihm aufgebaut. Der Militärgeistliche blutete aus dem Mundwinkel.
Ich weiß nicht, warum Kobuna Ihnen so etwas durchgehen lässt.
Sie schnaubte. Dieses Mädchen brauchte Ihren Beistand! Und wie viele Rosenkränze werden Sie dafür beten? Die Kleine ist tot.
Sie haben sie erschossen
, krächzte der Pfarrer.
Ja. Ich habe sie getötet.
Maxine starrte auf den Pfarrer herab. Sie schwankte. Dann ging ein Ruck durch ihren Körper. Sie blickte zur Tür, zu Celice. Sprechen Sie mit Kobuna und lassen Sie sich auf eine andere Station versetzen, Bryant. Ich kann nicht für mein weiteres Verhalten garantieren.
Sie marschierte über die Beete zur Tür. Dort blieb sie stehen und sah Celice an.
Wir lassen andere dann im Stich, wenn sie uns am nötigsten brauchen
, murmelte sie und öffnete ihre Hand. Die Goldkette mit dem Kreuz in Bernstein fiel auf den Gang.
Es war kurz vor Mitternacht, als Celice sich Uniformhose und -jacke über den Pyjama zog, in ihre leichten Stiefel schlüpfte und ihre Unterkunft verließ.
Maxines Zimmer lag in der obersten Etage des Nordkreuzers. Celice war bisher nur einmal in diesem Bereich der Station gewesen. Nach einigem Suchen fand sie den Personenlift. Oben angekommen kontrollierte sie ein Wachsoldat, fragte sie nach ihrem Ziel und tätigte ein kurzes Gespräch. Mit einem schiefen Grinsen betrachtete er Celices Aufzug. Sie erwartet Sie. Diesen Korridor entlang, dann rechts nach C-4, letzte Tür. C-425.
Die Tür war offen. Maxine stand abwartend davor, in einen knöchellangen, mit Blumenmustern bestickten, Morgenmantel gehüllt. Ihre Stimme war müde und niedergeschlagen: Was ist, Celice?
Celice sah sie zögernd an. Maxine zog fragend eine Augenbraue hoch. Die Katze hat deine Zunge gefressen?
Kann ich rein?
Maxine zuckte mit den Schultern und trat zur Seite. Celice schob sich an ihr vorbei in ihre Wohnung. Ein Terminal mit einem Datenarchiv. Eine Regalwand, hauptsächlich Fachbücher und Vids der Astronautik, Aeronautik und Astrophysik. Ein Wandschrank, daneben WC/Duschkabine. Eine kleine Kochnische, ein Tisch mit einem Klappstuhl. Ein Bett. Unbenutzt, offenbar hatte auch die Chefpilotin nicht schlafen können.
Nett
, kommentierte Celice.
Eigentlich nicht. Wenn man bedenkt, dass dies seit zwölf Jahren mein Zuhause ist. Winzig. Nichts sagend. Keine Persönlichkeit
, widersprach Maxine und wies zum Tisch. Setz' dich. Kakao?
Nach kurzem Hantieren in der Kochnische kehrte sie mit zwei riesigen Tassen heißer Schokolade zurück, drückte Celice eine in die Hand und setzte sich vor ihr auf die Tischkante. Maxine nahm einen kleinen Schluck aus ihrer Tasse.
Celice blies in ihre Schokolade, blickte angestrengt auf das Bücherregal und versuchte, die Titel zu entziffern.
Maxine betrachtete ihren Gast. Nach mehreren schweigsamen Minuten stellte sie ihre nun leere Tasse ab und runzelte die Stirn. Celice hatte noch keinen Schluck getrunken. Wow. Bis jetzt war unsere Unterhaltung wirklich faszinierend und äußerst anregend. Willst du wirklich etwas von mir?
Celice sah sie an. Sie wollte antworten, aber plötzlich bekam sie keinen Ton heraus. Ihre Hände fingen an zu zittern, immer stärker. Sie starrte auf die Schokolade, die aus der Tasse schwappte. In ihre Augen traten plötzlich Tränen. Maxine griff zu und nahm ihr schnell die Tasse aus den kraftlosen Fingern. Celice stieß einen leisen Schrei aus. Jetzt zitterte ihr ganzer Oberkörper und Tränen flossen über ihr verzerrtes Gesicht.
Maxine packte sie an den Oberarmen und zog sie hoch. Celice presste ihren bebenden Kopf gegen Maxines Schulter. Die Pilotin murmelte beruhigende Worte und streichelte ihr Haar. Langsam beruhigte sie sich wieder. Ich konnte nicht … Ich konnte nicht einschlafen. Da ist immer wieder Cari. Ich kann nicht …
Maxine legte ihr die Hand auf den Mund. Alles okay. Du kannst die Nacht hier bleiben.
Sie verzog das Gesicht zu einem schmerzhaften Lächeln. Wenn du willst.
Celice nickte. Maxine schob sie zu ihrem Bett und warf die Decke zurück. Celice ließ sich auf die Matratze fallen und starrte mit verheulten Augen zu ihr hoch. Die Pilotin verdrehte die Augen und seufzte. Dann zerrte sie ihr mit einigen unschönen Worten die Stiefel von den Füßen.
Hose und Jacke? Okay, du kannst sie anlassen.
Sie hingegen warf ihren Morgenmantel auf den Klappstuhl. Sie trug darunter ein langes gestreiftes T-Shirt. Und mach' ein bisschen Platz, ja. In meinem Zimmer schlafe ich nicht auf dem Boden. Das wär das Letzte.
Celice tat wie geheißen, Maxine rutschte neben ihr ins Bett und zog die Decke über sie beide.
Sie starrten sich an. Celice mit geröteten Augen und Wangen, Maxine mit leicht genervtem Gesichtsausdruck.
Schlaf. Und komm' auf keine falschen Gedanken
, murmelte Maxine und drehte den Dimmer über dem Kopfteil herunter.
Celice schwieg und betrachtete im Dämmerlicht Maxines Gesichtszüge.
Sieh nicht zu genau hin
, bat Maxine. Ich werde alt.
Celice bewegte sich unter der Bettdecke, schob sich zu der anderen Frau hin. Als sie Maxine umarmte, wehrte sich diese nicht. Celice zog Maxine an sich, umklammerte sie wie eine Ertrinkende. Und dann weinte sie. Und Maxine hielt sie fest und streichelte sie. Streichelte sie, bis das Mädchen erschöpft einschlief.
Celice erwachte am frühen Morgen, nach einem tiefen und traumlosen Schlaf. Sie öffnete die Augen und erkannte Maxines Gesicht vor sich. Celices rechter Arm war unter der Pilotin eingeklemmt und schmerzte, aber sie dachte nicht daran, ihn herauszuziehen. Sie betrachtete das breite schlafende Gesicht, die vielen Fältchen unter ihren Augen, die sich ab und zu kräuselnde Nase, den sanften halb offenen Mund. Maxine roch nach Minze und Schweiß und ihre warmen Atemzüge schnarrten leise.
Weißt du …
, flüsterte Celice. Weißt du, ich habe mir inzwischen die hiesigen Mannsbilder angesehen.
Sie strich eine kastanienbraune Strähne aus Maxines Stirn. Es gibt wirklich nur eine Option.
Maxines Zeigefinger legte sich auf ihre Lippen. Shhhh
, machte die Chefpilotin und sah sie ernst an. Warte eine Woche, okay? Eine Woche und wenn du dann immer noch willst … dann bin ich der glücklichste Mistkerl auf dieser Station.
Sie grinste. Die glücklichste Mistgöre.
In der nächsten Woche verkehrten die beiden ganz normal miteinander. Celice absolvierte mehrere Flüge unter Maxines Aufsicht und schließlich auch einen Soloflug. Am frühen Abend des fünften Tages klopfte es an Maxines Tür. Maxine öffnete. Eine nervöse Celice stand vor ihr und trat von einem Fuß auf den anderen. Schließlich brachte sie nur ein fragendes Wort hervor: Okay?
Es ist falsch
, sagte Maxine. Eine Liebesbeziehung zu einer Untergebenen. Das kann nur schlimm enden. Ich sollte es dir ausreden.
Sie seufzte. Wenn ich es mir nur nicht mit jeder Faser meines Körpers herbeisehnen würde …
Sie setzte ein verunglücktes, trauriges Lächeln auf. Celice schob sie ins Zimmer zurück und schloss die Tür hinter sich.
Sie liebten sich in dieser Nacht. Sie erkundeten gegenseitig ihre Körper, ruhig, erfahren, liebevoll von der einen Seite, aufgeregt, nervös, unbeholfen, suchend von der anderen.
Sie liebten sich.
Vier Monate lang war sie glücklich. Vier Monate lang liebte sie und wurde geliebt. Dann zerbrach die Welt.
Die Plattform setzte sich tatsächlich aus neun Modulen zusammen. An das Zentralkreuz waren die acht Flugdecks angekoppelt, jeweils zwei der dreieckigen Einheiten sandwichartig übereinander. Die Decks waren identisch ausgelegt: als Grundfläche rechtwinklige Dreiecke mit 200 Meter langen Katheten, Höhe 20 Meter. Das Hypotenusenstück wies zehn Schotts auf, an den jeweiligen Decken waren weitere fünf vorgesehen. Die Kathetenstücke waren an mehreren Stellen über Schleusen mit den Transitröhren des Zentralkreuzes verbunden. Ein Korridor aus Panzerglas lief an den Katheten entlang, alle zwanzig Meter von Öffnungen zum Decksbereich hin durchbrochen.
Celice warf sich aus dem Transitschacht, rollte sich ab und schlug ihren Schutzhelm zu. Eine weitere Frau im Raumanzug stürzte aus dem Zubringer. Celice half ihr auf die Beine und klopfte an ihren Helm. Myra Goldin, die Pilotin der MB416, grinste sie im flackernden Licht der Schleuse an. Noch drei andere Piloten taumelten in die Schleusenkammer, dann blockierte Myra die Zugänge und aktivierte den Schleusenmechanismus. Die Kammer wurde leer gepumpt, das Schott sprang auf.
Der schrille Piepser war nur der akustisch wahrnehmbare Teil der Datenübermittlung. Der Forcefeed gab Celice einen Überblick des Geschehens: Im Dis-Portal waren in kurzen Abständen mehrere Wellen von Cy-Kometen materialisiert. Die Desintegratorminen hatten die ersten Staffeln neutralisieren können, aber die letzten drei Dutzend Einheiten waren unbehindert durch das Portal in den Normalraum eingetreten. Die Fbirds hatten sofort das Feuer eröffnet, aber einige Cys konnten in Transition übergehen, um unmittelbar über Dis wieder zu erscheinen.
Celice blickte zur Decke hoch. Die vier breiten Hangarschotte glitten langsam zurück und gaben den Blick auf das Halo frei. Sie rannte los.
Flugdeck 4 räumen. Einschläge erwartet in den nächsten Minuten. Flugdeck 4 räumen.
Eine Menschenmenge kam ihr im Randkorridor entgegen und drängte sie zu den Ausgängen zurück. Sie strauchelte, stürzte und geriet sekundenlang in Panik, während die anderen über sie hinweg trampelten. Jemand packte sie am Arm und zerrte sie hoch. Sie riss sich von ihrem Helfer, der sie mit zu den Schleusen ziehen wollte, los. Mühsam kämpfte sie sich durch die Menschen zur nächsten Türöffnung.
Sie taumelte auf das Deck hinaus. Links und rechts hoben Fbugs und Mbirds auf Antigravs ab. Als sie die MB450 erkannte, winkte sie heftig. Die Cockpitkuppel war zurückgeklappt, Maxines gedrungene Gestalt stand auf der Leiter und erwiderte ihr Winken.
Der erste Cy-Komet durchschlug fünfzig Meter entfernt die Decke. Es war ein quaderförmiger Körper von zehn Metern Länge und sieben Metern Breite. Er durchtrennte zwei Stützträger und zerschmetterte eine Mockingbird. Celice blieb stehen und starrte auf die Trümmer. Etwas bewegte sich dort. Bäumte sich auf. Und explodierte in eine Unmenge Bruchteile, die in alle Himmelsrichtungen davonschossen. Celice warf sich in eine Wartungsgrube.
Ein zweiter Cy-Komet blieb in der Decke stecken. Celice schluckte und erwartete, dass sich der glitzernde Körper in eine Splitterbombe verwandelte. Als nichts geschah, kletterte sie aus der Grube.
Die Schnauze der MB450 war zerfetzt. Die offenstehende Glasitkuppel war von Löchern übersät. Maxine war nirgends zu sehen. Celice rannte los.
Im Hintergrund explodierten mehrere Gleiter. Celice zog sich atemlos die Leiter zur Pilotenkanzel hoch.
Die 'ballah saß regungslos vornüber gesunken in ihrem Sitz. Celice packte sie an der Schulter und schob sie zurück. Maxine zuckte zusammen und stieß mit dem rechten Arm nach Celice.
Maxines Gesicht war blutverschmiert. Sie öffnete mit sichtlicher Anstrengung den Mund und versuchte vergeblich etwas zu sagen.
Ruhig
, murmelte Celice. Ich bin's. Ganz ruhig.
Sie versuchte zu lächeln, während sich in ihr ein kaltes erstickendes Gefühl der Hilflosigkeit breitmachte.
Offensichtlich hatten zwei Trümmerstücke den Steuerblock glatt durchschlagen. Auch Maxines Raumpanzer hatte sie nicht aufhalten können. Das smarte Material hatte zwar sofort die Löcher im Gewebe abgedichtet, aber die Lebenserhaltung war stark beschädigt. Und das Feedback, das Maxines MedCo lieferte, zeigte, dass die Nanodepots mit den Verletzungen überfordert waren. Celice fluchte.
Sie löste Maxines Sitzgurte und versuchte ihre Freundin hochzuziehen. Verschwinde
, krächzte Maxine und spuckte Blut. Ihre Augenlider flatterten. Celice starrte sie entgeistert an und sagte schließlich: Ich hol' dich hier 'raus.
Über den Hauptruf dröhnte eine Stimme: Flugdeck 4 wird in neunzig Sekunden dekontaminiert. Flugdeck 4 räumen.
Celice zuckte zusammen und blickte sich gehetzt um. Dekontaminieren – das hieß, man hatte das Deck aufgegeben. Cys mussten sich festgesetzt haben. Das Flugdeck würde energetisch abgeriegelt, die Cy-Kerne mittels hochfrequenter Hyperstrahlung gelähmt und schließlich mit Desintegratorfeldern vernichtet werden. Die hochfrequente Hyperstrahlung übersättigte die Cys und deaktivierte sie zeitweise. Für Menschen war sie tödlich. Celice musste sich und Maxine in den nächsten neunzig Sekunden hier herausbringen.
Sie aktivierte ihr Anzugsantigrav, umklammerte Maxines Oberkörper und stieß sich nach oben ab. Maxines Kopf kippte nach hinten. Ce
, murmelte die Chefpilotin schwach. Ce.
Celice zog Max' schlaffen Körper aus dem Cockpit und langsam sanken sie an der Wandung entlang zu Boden. Danke, Kleines. Danke, dass …
Maxine hustete. Es war schön.
Dann umklammerte sie mit der rechten Hand die Leiter, schob Celice mit der Linken von sich. Sie brachte ihr rechtes Bein zwischen sich und Celice und trat mit aller verbleibender Kraft gegen deren Brust. Celice schrie überrascht auf. Sie musste ihren Griff lösen. Ihr schwereloser Körper driftete zurück und überschlug sich. Als sie die Kontrolle über den Anzug zurückgewann, war sie schon zehn Meter von der Mbird entfernt. Sie schlug hart zu Boden.
Maxine sank neben dem Aufstieg zu Boden. Hinter ihr fielen Tropfen einer zähflüssigen Masse aus dem Boden der Mbirds und das Fahrwerk bog sich dramatisch durch.
Celice wollte aufspringen und zurückrennen, da sah sie wie sich der Oberkörper der 'ballah aufrichtete. Aber das war nicht auf Maxines Anstrengungen zurückzuführen: Maxines Arme hingen kraftlos herab, der Zoom zeigte ihr Gesicht schmerzverzerrt hinter der blutbespritzten Sichtfläche. Aus ihrem Rückencontainer war ein armdickes schlangenartiges Gebilde gewachsen, das sich nun in ein wahres Wurzelwerk zerfaserte und Maxine vor sich herschob.
In diesem Moment gab das Fahrwerk der Mbird nach, das Fahrzeug kippte zur Seite und begrub die Pilotin unter sich. Die nachgiebige Substanz, in die sich das Metallplastik verwandelt hatte, schwappte über das Deck.
Celine schrie.
Nein!
Das alles konnte nicht wahr sein.
60 Sekunden.
Replay.
Max wehrt sich schwach, als Celice sie aus dem Sitz zieht. Danke, Kleines. Danke, dass … Es war schön.
Ihre goldenen Augen sehen Celice traurig an. Sie bewegt lautlos die Lippen. Dann schlägt ihr Fuß gegen Celices Oberkörper. Celice verliert den Halt, Maxines Arm rutscht aus ihrem Griff und sie, immer noch mit aktiviertem Antigrav, immer noch schwerelos, überschlägt sich. Dann stürzt sie zu Boden, rutscht noch einige Meter weiter.
Der Cy-Keim, der in Maxine oder ihrer Raummontur verblieben war, formt den Anzug um, lässt ein obszönes Pseudopodium aus ihrem Rücken wachsen.
Der sich ebenfalls verformende Mbird stürzt auf die Pilotin.
Nein!
Replay.
Danke, Kleines. Danke, dass … Es war schön.
Schweißverklebte braune Locken. Goldbraune Augen. Maxines Fuß stemmt sich gegen Celices Brust. Celice überschlägt sich.
Maxines Körper verschwindet unter dem zusammenbrechenden Mbird.
Nein!
Replay.
Nein!
Replay.
40 Sekunden.
Maxines Gesicht. Blut sickert aus ihrem Mundwinkel. Sie lächelt mühsam. Ihren Lippen formen ein Wort.
Lebe
, interpretierte der DataVis.
Celice schrie auf und brach die DataVis-Schleife ab. Sie kam mühsam auf die Beine und torkelte auf die nächste Mockingbird zu. Während sie die Leiter zum offenstehenden Cockpit hochkletterte, warf sie einen kurzen Blick zurück auf Maxines Maschine. Von der MB450 existierte nur mehr das skelettartige Grundgerüst, von dem Metall und Plastik herabtropften und sich auf dem Boden zu einem zuckenden Etwas formten.
Aus den Augenwinkeln registrierte Celice Einschläge im hinteren Teil und in den Antriebsgondeln ihres Gleiters. Sie ließ sich in den Sitz fallen und legte eine Serie von Kippschaltern um. Auf dem Checkmonitor flimmerten eine Serie von Warnungen. Celice hob die Sperren auf und schaltete den Antigravantrieb ein. Die Kuppel des Cockpits schlug in die Halterungen.
20 Sekunden.
Die Mbird erzitterte und hob ab. Warnlichter blinkten auf und erloschen. Der Gleiter gewann an Höhe. Der Hangar war nahezu leer. Weit hinten erkannte Celice eine letzte Fbug, die in irrwitziger Beschleunigung nach oben schoss. Ihre Maschine bockte. Das Heck schwang herum und schlug hart gegen einen Pfeiler.
Celice fluchte, zog die Schnauze des Gleiters hoch und hieb auf den Alarmstarter. Die Haltegurte schlangen sich um ihren Oberkörper und quetschten sie ins Polster, dann wurde die Mbird von dem tobenden Inferno, das aus ihren Plasmatriebwerken brach, nach oben katapultiert.
10
Celices Maschine schoss in den freien Raum. Fast im gleichen Moment fiel das linke Triebwerk aus und die Mbird überschlug sich. Celice schaltete das verbleibende Triebwerk aus und wieder an, um den Gleiter so aus der Nähe der Station zu bringen. Sie warf einen Blick aus dem linken Seitenfenster. Aus einer aufgeblähten zitternden Triebwerksgondel wuchsen fingerdicke Auswüchse und schlugen Tentakeln gleich nach dem Rumpf der Mbird.
5
4
Die Heckkamera zeigte die Draufsicht der Station. Sie war einige hundert Meter über dem Flugdeck. Das musste reichen.
Einer der Tentakeln schrammte über das Cockpitfenster und blieb am Aufsatz der linken Thermokanone hängen. Der Waffenblock fiel einfach in sich zusammen. Von der Thermokanone ausgehend liefen plötzlich Wellen über die Gleiteroberfläche. Celices Faust schlug auf den Auslöser des Schleudersitzes.
Die Cockpitkuppel flog nach oben und Sekundenbruchteile später folgte der Pilotensitz. Der Gleiter huschte an Celice vorbei und ein groteskes Bild brannte sich in ihr Gedächtnis ein: die linke Triebwerksgondel hatte sich in einen pulsierenden Kraken aus Stahl verwandelt, dessen Greifarme gierig nach ihr, nach dem Schleudersitz peitschten. Die Flugmaschine fiel zurück.
Maxine war tot.
Der DataVis beendete den Countdown. In dieser Sekunde wurde das Flugdeck bestrahlt. Wer jetzt noch dort war starb.
Celices Selbstcheck war negativ: der Schleudersitz und ihr Anzug waren sauber.
Maxine war tot.
Maxines Gesicht. Blut sickert aus ihrem Mundwinkel. Sie lächelt mühsam. Ihren Lippen formen ein Wort.
Lebe!
, schrie Celice voller Verzweiflung und Wut. Lebe! Und wie? Wie denn?
Der Sitz überschlug sich langsam und die Station wanderte aus ihrem Blickfeld. Zwischen den Nebelschwaden des Zero-Flairs glaubte sie Lichtblitze erkennen zu können, dieser Schemen mochte vielleicht eine Fbird gewesen sein. Egal. Der Sauerstoffvorrat des Anzugs würde noch für knapp sieben Stunden reichen.
Nach einiger Zeit aktivierte sie den Notpiepser des Sitzes. Es dauerte eine weitere Stunde, bis sie von einer Firebug aufgesammelt wurde.
Maxine war tot.
Bei der Attacke der Cytryxiyl waren zweiundfünfzig Menschen umgekommen.
Die MB45-Staffel wurde Major Pointier unterstellt.
Celice brauchte Monate, um über Maxines Tod hinwegzukommen.
Sie übernahm in der Folgezeit jeden Flug, den sie bekommen konnte.
Zwei Wochen nach dem Cy-Angriff geriet ihr Mbird in einen Blackout. Ihr Copilot war tot (manchmal stirbt man einfach). Sie brauchte zwei Tage, um die nächste Enklave zu erreichen. Sechs Wochen später starb ihr nächster Copilot, als eine Desintegratormine bei ihrer Ankunft in PZ-I-81 hochging. Und auch ihr dritter Copilot starb während eines Transfers. Danach fand sich keiner mehr bereit, mit ihr, der personifizierten Banshee, zu fliegen. Was ihr eigentlich Recht war. Sie beschränkte den Kontakt mit der Restbesatzung Dis' inzwischen auf ein Minimum. Annäherungsversuchen begegnete sie schroff und häufig aggressiv.
Im zweiten Jahr hatte sie zunehmend mit körperlichen Beschwerden zu kämpfen. Der PZ-Krebs hatte sich in ihrem Körper festgesetzt. Largo (Ist das jetzt nicht entsetzlich einsam, nachts so ganz alleine?
) ersetzte ihre Bauchspeicheldrüse und vereiste ihre linke Niere. Er implantierte ihr ein Nanodepot, das die verschiedenen Krebsherde attackieren sollte. Die nächsten Monate brachten beständigen Schmerz für sie. Largo bot ihr an, sie bei entsprechender Gegenleistung mit eigentlich verbotenen Morphinderivaten zu versorgen. Daraufhin brach sie ihm die Nase. Was ihr einen strengen Verweis einbrachte. Kobuna verhinderte, dass diese Aktion schwerwiegendere Konsequenzen nach sich zog.
Kobuna starb einen Monat bevor Celices Zeit im Zentrum ablief.
Nach ihrer Rückkehr verbrachte sie zwei Monate auf dem Lazarettschiff BROENHOVEN. Ihre Nieren, Gebärmutter und Teile ihres linken Lungenflügels wurden ersetzt. Sie verzichtete auf die Rücknahme der Sterilisation.
Die zwei Umschläge waren grau, ohne Adressangabe. Jemand hatte den Zeitpunkt der Eingänge mit roter Tinte vermerkt: April 516 (also vier Monate nach ihrer Versetzung), Juli letzten Jahres. Der Politische Offizier hatte sie ihr bei ihrer Verabschiedung wortlos gegeben. Zuvor hatte er ihr in kargen Sätzen mitgeteilt, dass nach den zwei verlorenen Jahren keine Möglichkeit für einen Posten in der Explorerflotte mehr bestand. Vielmehr habe das Oberkommando entschieden, die Offiziersanwärterin in die Boden/Landungstruppen des Taktischen Einsatzkommandos einzugliedern. Sie könne natürlich Protest bei ihrem direkten Vorgesetzten einlegen, er würde ihr davon aber abraten.
In der Messe öffnete sie zunächst den älteren Umschlag.
Er enthielt drei Fotos, Schnappschüsse. Auf dem ersten war ihre Schwester zu sehen, mit grellem rubinrotem Haarschopf, lachend in einem dieser viel zu engen Minikleider, die sie so liebte (bzw. mit denen sie ihren Vater bis zur Weißglut reizte). Im Hintergrund Geysire. Es musste auf Shaandag sein, ihrer Universitätswelt, wahrscheinlich hatte man die Aufnahme bei den berühmten Wasserspielen des Zentralkontinents gemacht.
Als sie das zweite Foto sah, verfinsterte sich Celices Gesicht. Der adrette junge Mann in Uniform, der da die kichernde Shawnee drückte und ihr einen Kuss auf die Wange presste, war Arno Venever. Auf der Rückseite des Bildes stand in Shawnees krakeliger Schrift Alles Liebe, große Schwester, Shawnee + Arno
. Celice fluchte. Sie hatte vor ihrem und Caris Abflug Hypergramme an ihren Vater und Shawnee geschickt, in denen sie die Situation erklärte. In denen sie auch auf Arno Venever eingegangen war. Aber dieses Bild legte nahe, dass Shawnee und wohl auch ihr Vater diese Nachricht nie erhalten hatten.
Das dritte Bild zeigte einen Hörsaal, Studenten, die verschlafen und gelangweilt in ihren Sesseln lümmelten. Ein Stuhl war mit einem roten Kringel gekennzeichnet. Celice runzelte die Stirn. Was sollte das?
Dann begriff sie: Der Stuhl war leer. Es musste Shawnees Stuhl sein.
Ihre Hände zitterten, als sie den zweiten Umschlag aufriss. Wieder Fotos.
Ein heruntergekommener verwahrloster Raum. Ein riesiger muskulöser Mann, nur mit einem Unterhemd bekleidet, offensichtlich hochgradig sexuell erregt. Vor ihm auf einem Lager ein nacktes Mädchen. Die Gesichter sind ausgeschwärzt. Das Mädchen hat rubinrotes Haar.
Morris, dachte Celice dumpf, sein Name war Morris. Venevers Neandertaler. Shawnee?
Ein weiteres Bild. Das gleiche schäbige Zimmer. Das Mädchen, wieder das Gesicht ausgeblendet. Es sitzt in Unterwäsche neben dem Bett, einen Gürtel um den linken Arm geschlungen. Sie ist dabei, sich den Inhalt einer Spritze zu injizieren. Ihr Arm weist Spuren mehrerer Einstiche auf. Ein Mädchen mit rubinrotem Haar.
Die wenigen Soldaten, die sich in der Messe aufhielten, starrten Celice an. Dieser verzweifelte Schrei, das musste sie gewesen sein.
Ich habe daraufhin versucht, Kontakt mit Vater und Shawnee aufzunehmen. Meine zeitweilige Vorgesetzte erlaubte mir ein Hyperfunkgespräch zur Erde und Shaandag. Vater nahm meinen Anruf nicht entgegen. Ich erreichte meine Tante Cynthia. Seit über einem Jahr hätte man nichts mehr von Shawnee gehört. Sie wäre mit einem Flottenoffizier ausgerissen.
Celice trinkt einen winzigen Schluck Wasser. Und Vater sei in große finanziellen Schwierigkeiten geraten. Es stünde schlecht um Firebridge.
Kelvin Brix betrachtet nachdenklich die kerzengerade dasitzende Frau an. Ihre Stimme scheint bar jeder Emotion, denkt er, so leer. Leer und müde.
Ich erzählte Cyn von Venever. Sie versprach, der Sache nachzugehen. Von Shaandag erfuhr ich nur, dass Shawnee ihr Studium Anfang letzten Jahres abgebrochen hatte. Ohne Angabe von Gründen. Dass sie Shaandag mit unbekanntem Ziel verlassen habe.
Sie blickt auf. Und mehr ist von Shawnee nicht bekannt.
Haben Sie sich an die Polizei gewendet? An die Militärpolizei?
Sie nickt. Ich folgte dem vorgeschriebenen Dienstweg. Nach zwei Wochen kam ein Bescheid: der Vorgang wäre eingestellt worden. Tante Cyn machte ähnliche Erfahrungen.
Kelvin stößt einen Fluch aus.
Ich durchlief eine zweimonatige Ausbildung auf irgendeinem namenlosen Sumpfplaneten. Bodenkampf. Nahkampf. Survival. Taktik. Danach weitere zwei Monate Raumtraining.
Sie schließt die Augen. Fast eine halbe Minute herrscht Stille.
Gryphon bricht das Schweigen: Und dann Senzia.
Im Zentrum der Stadt Wereng lag der Marktplatz, ein Quadratkilometer voller Schaubuden. Es war ein Bazar wie aus Tausendundeiner Nacht, wie in jenen Büchern mit orientalischen Märchen, die Celice als Kind verschlungen hatte. Für die sieben Soldaten der Raumlande-Einheit war es gleichsam eine Attacke auf ihre Sinne. Geräusche: Plappern, Gackern, Kichern, Schreien, Blöken. Gerüche: betörend, abstossend, betäubend, lockend. Farben: schreiend, grell, leuchtend, matt.
Überall waren Zurain, Unmengen dieser lächerlichen Gestalten. Nasenlose Kugelköpfe mit riesigen dunklen Augen und abstehenden Segelohren. Tropfenförmige Rümpfe auf kurzen stämmigen Beinen mit langen dünnen Armen. Sie watschelten und stolzierten durch die Gassen zwischen den Ständen, verweilten an interessanten Plätzen und ließen sich in quäkende Feilschduelle mit den Verkäufern ein.
Die Angebotspalette war weit. In Pferchen oder Verschlägen warteten Hühner, Schweine, Rinder (bzw. ihre senzianischen Abarten) auf Abnehmer. An Fisch- und Fleischständen wurde die Ware in, wie es Celice erschien, jedem beliebigen Zustand der Frische angeboten. Hier gab es Früchte und Gemüse, dort Gewürze und Öle. Der nächste Stand wartete mit Spirituosen und Süßigkeiten auf. Möbel, Kunstgegenstände, Bilder, Bücher. Und und und.
Spaßmacher und Zauberer boten ihr Programm auf kleinen Holzpodesten dar, einfache Tricks, die dennoch ihr dankbares Publikum fanden.
Zurain in grotesken Gewändern priesen ihre Waren in höchsten Tönen an, in endlosen Wortbandwürmern quäkend.
Aber sobald der kleine Trupp Terraner an einen Stand kam, verstummte der Marktschreier schlagartig, machten sich die Kunden eiligst davon, die glubschäugigen widerstrebenden Kinder hinter sich herziehend. Anui-za-anuk
, flüsterten manche.
Frieder Shefcik rieb sich seine dunkelrot angelaufene Hand. Mistvieh
, knurrte er zum x-ten Mal.
Vren Middler kicherte.
Und nachdem sie einen winzigen Bissen ihres klebrigen Honigbrockens abgebissen hatte, setzte sie grinsend hinzu: So ein schöner Vogel. Und wie der singen kann! Auauau!
– Du musst wirklich lernen, deine Finger bei dir zu behalten.Ich hab' dir das schon oft genug gesagt!
Frieder und Celice waren die einzigen, die diese Spitze nicht mit Gelächter quittierten.
Mit wütendem Gegacker verjagte ein Händler ein kleines Zurainmädchen von seinem Stand. Die zwei Tische, die ihm gehörten, bogen sich unter Unmengen von Textilien. Seidentücher, Umhänge, Schale in allen Farben des Spektrums, häufig in seltsamen asymmetrischen Mustern bestickt. Mit knurrenden Lauten stopfte der Händler das Tuch, das die Kleine herausgezerrt hatte, wieder in den textilen Berg.
Das Zurain-Mädchen blieb beim übernächsten Händler, der Honig und Zuckerwerk unter die Leute brachte, stehen, ignorierte aber dessen Auslage und starrte nur mit großen verlangenden Augen zum Tuchladen hinüber.
Vor den Tischen des Tuchhändlers blieb Celice stehen, betrachtete die kunterbunte Ware, ließ eine Tunika durch die Hände gleiten. Dann, nachdem sie sich mit einem Seitenblick vergewissert hatte, dass die kleine Zurain sie gebannt beobachtete, zog sie dessen Objekt der Begierde aus dem Stapel: ein quadratisches Tu