Thydery 1: Fehlschlag NEBUKADNEZAR

Was bisher geschah

Wir schreiben das Jahr 523 Neuer Terranischer Zeitrechnung, was dem Jahre 2966 n. Chr. entspricht.

Vor 546 Jahren endete der Krieg der galaktischen Mächte gegen das Volk der anorganischen Cytryxiyl. Große Teile der Milchstraße lagen in Trümmern. In dieser Zeit der Unruhe griff die Familie von Caranor nach der Macht auf Terra, und gründete das terranische Reich; eine Monarchie mit einem Sternenkönig aus der Familie derer von Caranor.

Zur aktuellen Zeit herrschen die von Caranor über weite Teile der Milchstraße. Extraterrestrische Völker werden unterdrückt und ausgebeutet; das gesamte Reich ist ein reiner Überwachungsstaat. Nur die geächteten Schmuggler und Piraten entziehen sich immer noch einigermaßen erfolgreich der kompletten Überwachung; sie sind jedoch, sollten sie bei illegalen Geschäften erwischt werden, vogelfrei.

Ernstzunehmende Gegner hat das Reich keine. Lediglich der THYDERY-Verbund, unter der Leitung des ehemaligen Reicharchivars Anthony Haddington und drei nicht-terranischen Lebewesen, plant im Untergrund den verzweifelten Widerstand.

In die Wirren dieser Zeit fällt auch der Fehlschlag NEBUKADNEZAR

Hauptpersonen

Kelvin Brix:
Der Schmuggler ist auf der Flucht
Celice Firo:
Die Soldatin nimmt Abschied
Adam:
Der Etho-Terraner erkrankt

Prolog

Es wird sterben, dachte André Coupièr.

Das Krylawjunge trieb ziellos durch die Exosphäre des orangefarbenen Gasriesen. Immer wieder stieß es verzweifelte Rufe nach seinem Elter in den Äther, doch von dem erwachsenen Krylaw fehlte jede Spur.

Der Geheimdienstchef des terranischen Reichs wandte sich vom Panoramabildschirm ab, um sich auf das zu konzentrieren, weswegen er gekommen war.

Die drei Etho-Terraner in den winzigen Verhörzellen – eine Frau und zwei Männer – krümmten sich qualvoll. Die Drogen, die kleine Verhörroboter bereithielten, waren gar nicht nötig, um Informationen aus den selbsternannten Übermenschen herauszubekommen.

Die Geheimdienstler nutzten die empathische Rückkoppelung zwischen dem gefangen Krylaw, der in Fesselfeldern vor dem Geheimdienstraumer schwebte, und Ethos als Foltermittel. Mühevolle Jahre lange Forschungsarbeit – und der unwahrscheinliche Zufall Krylaw und Besatzung lebend in die Hände zu bekommen – waren nötig gewesen, diese Technik so weit zu entwickeln, dass sie Erfolg versprechend war.

Coupièr erinnerte sich ärgerlich an einige misslungene Verhörversuche.

Doch nun feierte der terranische Geheimdienst auf diesem Gebiet seinen ersten Erfolg.

Sir! Ein Offizier im Rang eines Majors, betrat den Raum und salutierte vor Coupièr.

Rühren. Der Major lockerte seine stramme Haltung. Gibt es erste Ergebnisse?

Der Offizier nickte, zog einen Datenträger aus seiner Tasche und legte ihn in ein Abspielgerät.

Auf einem holografischen Datenblatt konnte Coupièr die Vitalimpulse der genmanipulierten Terraner ablesen, die sich einst von ihrem Volk abgesondert hatten.

Jeder Desintegratorstrahl in den Leib des lebenden Raumschiffes fand seine entsprechende Qual bei den Ethos.

Wir haben einen guten Fang gemacht, Sir, begann der Major. Er tippte auf einige Felder und die Anzeige wechselte. Das Hologramm zeigte einen Etho, alterslos, perfekt, doch mit schmerzverzerrtem Gesicht. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Zwar sind bei den Ethos, er sprach den Namen verächtlich und voller Abscheu aus, die meisten Krylaw-Kommandanten in nahezu alle Pläne eingeweiht, Geheimnisse lassen sich aufgrund ihrer telepathischen Verbindung untereinander kaum halten. Doch wir haben hier etwas Besonderes herausbekommen: der Kommandant dieses Schiffes ist in die so genannte Operation NEBUKADNEZAR eingeweiht.

Coupièr rief sich in Erinnerung, was der Begriff NEBUKADNEZAR bedeutete. Das verschwommene Bild eines Kolosses auf tönernen Füßen kam ihm in den Sinn.

Worum geht es bei dieser Operation, Major?

Wir konnten noch nicht alle Details aus seinem Bewusstsein extrahieren. Doch es handelt sich offensichtlich um einen Angriff auf einige der wichtigsten Reichsplaneten.

Wieder änderte der Offizier die Darstellung. Die Schemadarstellung eines Raumsektors wurde eingeblendet; Namen und Koordinaten leuchteten auf.

Hier, der Major deutete auf einen recht zentral gelegenen Punkt, ist ihr Treffpunkt. GERWILL-Station – eine einstmals sehr hoch frequentierte Handelsbasis. Doch seit längerer Zeit ist sie nur noch Anlaufpunkt für Schmuggler, Piraten und anderes Gesocks.

Coupièr nickte. Die Staatsmonopole hatten viele Firmen in den Ruin getrieben. Wer nicht im weitesten Sinne zur Familie derer von Caranor gehörte oder ihr wenigstens treu ergeben war, hatte keine Chance.

Weiter.

Von dort aus wollen sie mit ihrer größten Flotte die wichtigsten Systeme angreifen. Kleinere Angriffsflotten sollen unsere Verbände von diesen Systemen weglocken. Ziel ist es, die restlichen Verteidigungsflotten mit einer für uns unerwarteten Flottengröße zu überraschen.

Danke, Major. Die Details lese ich mir selbst durch. Stellen Sie mir eine Verbindung zum Sternenkönig her. Und zum Thronfolger im Flottenhauptkommando.

William von Caranor soll sich bewähren.

Informieren Sie mich, sobald es Neuigkeiten gibt. Sie können nun gehen. Der Geheimdienstchef widmete sich wieder dem Anblick des Alls.

Thydery.

Irritiert wandte Coupièr den Blick vom riesigen Panoramaschirm, der den verstümmelten Krylaw zeigte. Wie bitte?

Thydery, wiederholte der Major mit selbstzufriedenem Tonfall. So nennen sie ihre Rebellion.

Coupièr zog eine Zigarettenschachtel aus seiner Brusttasche. Der Major fuhr fort: Keine Ahnung, wofür das steht. Wahrscheinlich irgendein Revolutionär der Vergangenheit. Oder der neue Messias ihrer Bewegung …

Nein, unterbrach ihn Coupièr. Mit drei Schlägen gegen den Schachteldeckel entzündete er seine Zigarette. Thydery. Das stammt aus einer toten Sprache. Der Sprache einer längst vergessenen Zivilisation.

Er grinste und zog an seiner Zigarette, inhalierte.

Es bedeutet Rebellion oder auch Freiheit. Er blickte sinnend dem Rauch nach, der zur Decke stieg und von der Ventilation aufgesaugt wurde. Passt doch. Ein Wort aus der Sprache eines toten Volkes. Ein überkommenes Konzept. Freiheit. Auf dem Bildschirm zuckte der Raumriese hilflos. Thydery.

Kapitel 1
Am Anfang steht das Ende

Vorsicht! Fabian Gerills Warnruf hallte in Kelvins Ohren. Schnell steuerte der Schmuggler die CLAW nach links. Trotzdem streifte der Thermostrahl ihren Schutzschirm. Es blitzte grellgrün auf.

In einem der sie bunt leuchtend umgebenden Hologramme erkannte Kelvin die Fetzen des Verbindungstunnels an der Mannschleuse des Diskusraumers. Es erinnerte ihn daran, wie knapp sie dem ersten Angriff auf GERWILL-Station entkommen waren, als sie sich ohne abzukoppeln von der Station losgerissen hatten.

Der Anblick, den das All lieferte, war erschütternd. GERWILL war verloren. Explosionen rissen riesige Krater in den Kugelleib der Raumstation. Die Andockringe an den Polen waren nur noch Trümmerstücke, die von den kinetischen Kräften der Zerstörungen durch das All gewirbelt wurden.

Die bunten und grell leuchtenden Waffenstrahlen, hell blinkende Raumtorpedos und die Feuerblüten explodierender Raumschiffe illuminierten das sonst so finstere, nur von Sternen erhellte All.

Der 11. März 523 Neuer Terranischer Zeitrechnung würde als der Triumph des Reiches über die Rebellion in die Geschichte eingehen.

Anthony Haddington an alle! Hier spricht die Führung des THYDERY-Verbunds! Rückzug! Bringt euch alle in Sicherheit! Operation NEBUKADNEZAR ist gescheitert! Anthony Haddington an alle..., dröhnten die Worte fortlaufend aus den Akustikfeldern und schufen zusammen mit den Alarmsirenen, den lautstarken Triebwerken und dem Jaulen der mit Überlast arbeitenden Aggregate eine chaotische Kakophonie.

Fabian deaktivierte die Nachricht.

Ich wusste es, keuchte er. Sein Schädel leuchtete vor Aufregung knallrot. Das gedimmte Licht, in der fünf Meter großen, runden Zentrale, warf schwache Schatten auf sein dickliches Gesicht. Kelvin meinte seinen Angstschweiß riechen zu können. Wir hätten uns nie auf diese Versagertruppe einlassen sollen.

Ruhe jetzt!, fuhr Kelvin ihn an. Ich muss mich konzentrieren. Ein erst vor wenigen Minuten entstandenes Trümmerfeld aus zerstörten Rebellenschiffen tauchte in der Ortung auf. Wie glühende Skelette riesiger Ungetüme schwebten die Schiffswracks schnell erkaltend im Vakuum.

Wieder fuhr ein ultraheißer Thermostrahl nur knapp an der CLAW vorbei. Zwei feindliche Raumschiffe tauchten in der Ortung auf.

Kelvin schloss die Augen und wechselte in den virtuellen Modus seines DataVis. Gleichzeitig unterbrach der nanometergroße, in sein Hirn integrierte Positronikverbund den Reizfluss über das Ohr zum zuständigen Hirnbereich. Kelvin genoss einen Sekundenbruchteil die Ruhe.

Erst wurde die Welt weiß, dann schwebten leuchtend blaue Felder vor ihm.

Kelvin wählte aus den vor ihm liegenden Optionen.

Vor seinem inneren Auge tauchte plötzlich das All auf. Er schien selbst körperlos durch den Kosmos zu schweben. Das orangefarbene Leuchten der lichtschnellen Thermosalven und die in bunten Detonationen vergehenden Raumschiffe brannten sich in sein Gedächtnis ein.

Er nahm die Ortungssysteme als Anzeige hinzu, ein Gitterraster legte sich über die Welt und Koordinaten leuchteten auf.

Die Ortungsergebnisse wurden direkt in die dreidimensionale Karte eingespeist. Die roten – feindliche Einheiten darstellende – Punkte waren in der Überzahl, seit sie bei ihrem Überraschungsangriff einen Großteil der Rebellenflotte zerstört hatten.

Fabian, berechne mögliche Fluchtkurse durch den Hyperraum. Von der anderen Seite des Trümmerfelds aus.

Schon dabei, leitete das DataVis die Antwort weiter.

Die Ortung sprach wieder an. Kelvin registrierte alarmiert, dass die zwei keilförmigen Schiffe immer näher kamen. Sie waren 600 Meter lang und 180 Meter hoch. Die Hauptpositronik, mit der sein DataVis in ständiger Verbindung stand, identifizierte sie als Schlachtkreuzer der TITAN-Klasse.

Sich zu wehren war vergeblich. Die Schiffe waren stärker bewaffnet. Außerdem war das vollrobotische Waffensystem der CLAW schon beim ersten Angriff auf sie ausgefallen.

Das Trümmerfeld war ihre beste Möglichkeit zur Flucht. Mit ihrer 300 Meter großen CLAW würden sie die größeren Verfolger in der Enge des Trümmerfeldes abhängen können.

Auf Kelvins Befehl hin leitete der DataVis Routinen an den motorischen Sektor seines Gehirns.

Seine Hände glitten, gesteuert von seinem Positronikverbund, rasch über die Touchscreens und programmierten den Kurs zum Trümmerfeld. Es erlaubte Kelvin sich auf die Steuerung der Systeme zu konzentrieren, die derzeit Priorität hatten, während seine Finger ständig neue Ausweichmanöver befahlen.

Während der Autopilot, um den Schüssen auszuweichen, die CLAW Haken schlagend auf das Trümmerfeld zusteuerte, zoomte Kelvin dieses heran.

Er drehte und wendete die Darstellung bizarr verformter Überreste zerstörter Rebellenraumer. Schließlich berechnete er den schnellsten Kurs durch die Trümmer, sodass sie die Reichsraumer, die das Feld umfliegen mussten, abhängen konnten.

Wieder erreichte sie ein Thermostrahl, diesmal streifte er den Schirm der CLAW.

Hoffentlich erreichen wir das Trümmerfeld, bevor die uns abschießen. Die Systeme der Reichsschiffe sind den Routinen meines DataVis hoffnungslos überlegen.

Noch eine Minute, bis zum Erreichen des Zielpunktes, meldete die Positronik.

Das wird verdammt knapp.

Einige Aggregate waren bereits beschädigt ausgefallen. Das Vibrieren und Aufjaulen der Maschinen bekam Kelvin nicht mit.

Seine Wahrnehmung war das All, das Gitterraster, die Ortungsanzeigen. Bilder. Farben. Zahlen.

Noch ein Schuss. Volltreffer.

Die Belastungsanzeige schnellte hoch. Noch wenige Schüsse und der Schutzschirm würde überlastet ausfallen. Die CLAW war kein Kampfraumer.

Sie passierten die ersten Trümmer. Wieder traf sie ein grell orangefarbener Thermostrahl. Schwarze Strukturrisse zogen sich über den flackernden Energieschirm. Die stilisierte Klaue auf der Oberfläche der CLAW wurde in gespenstisches orange-grünes Licht getaucht.

Beim nächsten Treffer würde der Schutzschirm zusammenbrechen.

Kelvin hatte nur noch Augen für die heranrasenden Trümmer.

Die Verfolger kamen näher. Ein ultraheißer Thermostrahl näherte sich der CLAW.

Sie rasten an größeren Trümmern vorbei.

Dann der Einschlag.

Der Schirm brach zusammen.

Noch ein Schuss.

Explosionen.

Licht.

Dunkelheit.

Mit vulkanischer Urgewalt schoss der Strahl in das Trümmerstück über der CLAW. Funken sprühten durch das Vakuum und verglommen. Verflüssigtes Metall spritzte und erstarrte Augenblicke später wieder in der ewigen Kälte.

Einige Metalltropfen prasselten auf den Prallschirm, der den Diskusraumer nach dem Zusammenbruch des Schutzschirms leidlich schütze. Doch selbst eine Kollision mit einem der größeren Trümmer würde er nicht überstehen.

Mit einem trüben Leuchten umschloss er die Hülle der CLAW so eng wie möglich, um die geringste Angriffsfläche zu bieten.

Ein Signal flammte auf und ein Ausschnitt zeigte in Vergrößerung zwei Kampfdrohnen, die sie verfolgten. Kleine, wendige Einheiten, die lediglich aus schwachen Schirmen, Antrieb und Waffen bestanden.

Fabian, schieß die Dinger ab! Auch wenn er die Berechnung der Fluchtkurse vernachlässigen musste.

Die Waffen der CLAW reagierten und spuckten Energiesalven in Richtung der Drohnen. Eine wurde getroffen, der Schirm glühte auf. Die zweite Salve traf. In einer grellen Explosion zerstob der Angreifer.

Ich bekomm nicht alle Waffen unter meine Kontrolle, meldete Fabian über DataVis. Das dauert ewig, bis ich die aus der defekten Robotsteuerung herausbekomme. Aber ich glaube nicht, dass unser Freund da hinten, so lange wartet.

Tatsächlich holte die Drohne auf, konnte sie doch aufgrund ihrer geringen Größe perfekt in der Enge des Trümmerfelds manövrieren.

Mit scheinbar hektischen Bewegungen wich sie den Schüssen der CLAW aus.

Die Kampfdrohne eröffnete das Feuer. Der Schuss traf ein Wrack. Einige Trümmerstücke lösten sich.

Idee, rief Fabian. Ein Thermostrahl, von der CLAW abgefeuert, fuhr in ein Raumschiffwrack. Größere Teile wurden lautlos abgesprengt und senkten sich auf die Drohne, die versuchte auszuweichen. Doch die Metallteile trafen und beschädigten den Antrieb. Der Verfolger schlingerte, konnte den Kurs nicht halten, kollidierte mit einem weiteren Wrack und verging in einer bunten Explosion.

Schon nach wenigen Augenblicken drang die CLAW ungestört in die tiefsten Bereiche des Trümmerfelds ein.

Die unter dem feindlichen Beschuss verflüssigten Metalle der Rebellenraumer formten bizarre Strukturen und erstarrten rasch in der Kälte des Alls. Rasend schnell passierte sie die CLAW.

Kelvin war, als griffen die Ausläufer der Wracks nach ihm, während ihm die Darstellung des DataVis den Eindruck vermittelte selbst durch das All zu schweben. Als wollten sie ihn gierig zu sich holen, in das Reich des frostigen Todes.

Kurz glaubte er menschliche Körper gesehen zu haben; fürchterlich dehydriert im tödlichen Vakuum schwebend. Doch es war nur eine Täuschung, die ihm seine überreizten Sinne vorgaukelten.

Je tiefer sie in das Feld eindrangen, desto dunkler wurde es außerhalb der CLAW. Das grelle Leuchtfeuer der Raumschlacht blieb hinter ihnen, wich dem nicht minder schrecklichen Eindruck, von der Dunkelheit verschluckt zu werden und sich darin zu verlieren.

Nur die von ihrem Impulstriebwerk ausgestoßene Stützmasse tauchte das Trümmerfeld in mattes Licht. Die zerklüfteten Raumriesen warfen gespenstische Schatten.

Fabian schwieg, konzentrierte sich wahrscheinlich auf die Berechnung des Hyperraumflugs.

Allein die Ortungssysteme erlaubten Kelvin in der Virtualität etwas von der Welt außerhalb der CLAW zu erkennen.

Es war unheimlich, wie leise die CLAW mit hoher Geschwindigkeit durch diese Metallwüste raste, ständig der Gefahr ausgeliefert, mit einem Objekt zu kollidieren. Der Tod würde sie, nach einem kurzem Knall und dem laut pfeifenden Geräusch der entweichenden Luft, zu sich holen.

Kelvin wollte mit einem Kopfschütteln die düsteren Gedanken verdrängen, doch in der körperlosen Virtualität des DataVis war ihm das nicht möglich.

Er zwang sich zu höchster Konzentration, um sich abzulenken und eine Kollision zu verhindern. Doch er konnte sich nicht erinnern, je in einer derart prekären Lage gesteckt zu haben.

Oft genug haben uns Reichspatrouillen gejagt, erst vor kurzem noch, als wir Waffen für die Rebellion schmuggelten. Oft genug mussten wir durch enge Asteroidenfelder flüchten. Doch nie haben tausende Schlachtschiffe auf uns gewartet.

Sie waren gerade erst zwei Minuten im tiefsten Inneren der Trümmerwüste, da erreichten sie schon das andere Ende und der helle Schein ausglühender Wrackstastete sich durch erste Lücken. Kelvin hätte es als gutes Omen verstanden, würde es nicht von der Schlacht künden.

Erleichtert stellte Kelvin fest, dass zumindest keiner der sie verfolgenden schweren Kreuzer in ihrer unmittelbaren Nähe war.

Ein kurzer Lichtschein flammte auf, als hätten Manövriertriebwerke gezündet. Nur einen kurzen Moment lang ein blasses Glimmen.

Die Ortung schlug an. Kelvin meinte die Silhouette eines kleinen Raumgefährts zu erkennen. Ein Transporter womöglich.

Alarmglocken schrillten in ihm.

Er konnte noch einen Blick auf die Statusanzeigen werfen – die Schirme waren noch nicht wieder einsatzbereit –

da traf sie der Schlag.

Ein elektronischblauer Blitz schlug in den metallenen Körper der CLAW. Erst wurde es weiß um Kelvin, dann dunkel.

Aus, dachte er resignierend.

Zwischenspiel

Abschied nehmen

Spencer lag in seinem Sitz. Die Augen weit aufgerissen, das Gesicht, der ganze Körper gelähmt.

Er tat Celice leid.

Er konnte nichts dafür, war ein guter Kamerad gewesen. Sie würde ihn nicht wieder sehen.

Spencer grinste hatte breit gegrinst. Heh, Commander, soll ich wirklich jede Chance aufgeben, Sie jemals in mein Bett zu kriegen?

Celice lächelte vage.

Vollidioten, hatte sie geantwortet. Vollidioten, murmelte sie auch jetzt – Abschied nehmend.

Neben Spencer, ihrem ersten Offizier, lag der Pilot des Transporters. Auch er war paralysiert.

Celice versicherte sich, dass keiner der beiden an der eigenen, gelähmten Zunge erstickte.

Die Touchscreens der Steuerungskonsole vor den beiden Sesseln funkelten grün und blau. Ihr Gesicht spiegelte sich in der glatten Oberfläche.

Grüne Augen, schwarze Haare, ein schlankes aber gezeichnetes Gesicht. Der Anblick widerte sie beinahe an.

Bilder zogen an ihrem inneren Auge vorbei.

Jupitermond Europa, Cari Ann, Arno Venever – der Ort und die Personen, mit denen alles begann.

Patient Zero, Maxine – mit der sie glaubte glücklich werden zu können.

Anui-za-nuk – der Tiefpunkt.

Arno Venever – mit dem alles endete.

Celice wendete sich ab, schloss den Helm ihres Anzugs und öffnete die Tür. Gelbe Gasschwaden kamen ihr entgegen. Betäubungsgas mit dem sie die Männer ihres Bodentrupps außer Gefecht gesetzt hatte.

Sie hingen auf ihren Plätzen, die Waffen neben ihnen, aus den Händen gerutscht. Einige hatten anscheinend noch versucht ihre Helme zu schließen, denn ihre Hände hingen an den Kragen mit dem Helmverschluss.

Das Gas ist schnell.

Dennoch hob Celice abwehrend ihre in Paralysator-Modus geschaltete Waffe. Sie ließ sie durch den Aufenthaltsraum schweifen.

Das plötzliche Rucken, das durch den Transporter fuhr, kündete vom endgültigen Andocken, das der Autopilot an dem Rebellenschiff vollendet hatte.

Celice nahm die Daten auf ihr DataVis. Zufrieden nickte sie.

Das Schott der Mannschleuse öffnete sich, sie stieg hindurch, das Gas wurde abgezogen. Ein entsetzlich schriller Signalton kündete von der Öffnung der gegnerischen Schleuse.

Das vor ihr liegende Schott fuhr nach links.

Die Waffe erhoben, rundum sichernd, betrat sie den fremden Raumer.

Der erste Schritt in eine neue Welt war getan.

Celice fühlte nur Leere.

Kapitel 2
Handelsware Leben

Was wollen die wohl von uns?, hatte Fabian verblüfft gefragt, als alle Lichter ausgegangen waren.

Kelvin hatte nur mit den Achseln zucken können. Auch er konnte sich nicht erklären, warum sie gekapert werden sollten. Weder hatten sie etwas von Wert an Bord, noch sah die CLAW danach aus. Vielleicht vermuteten die Reichstruppen gerade bei ihnen einen flüchtenden höhergestellten Rebellen an Bord. Warum auch immer.

Wir haben keine Chance gegen einen Trupp Soldaten. Unsere einzige Chance ist uns zu verstecken und zu hoffen, dass sie die CLAW für wertlos halten. Vielleicht gelingt es uns sie wieder flott zu kriegen und zu fliehen, bevor sie uns zerstören. Darauf hatten sich die beiden Freunde und Partner geeinigt. Die Suche nach einem Versteck hatte sie auf die Idee mit den Hohlräumen unter den Gängen gebracht, wo normalerweise Hehlerware lagerte.

Sicherlich werden sie so etwas an Bord vermuten und finden. Aber dort gibt es die besten Versteckmöglichkeiten. Besser als sonst wo an Bord des Schiffes, dachte Kelvin.

Licht aus, raunte Kelvin Fabian zu. Der Lichtkegel der Stablampe erlosch. Nur die Notbeleuchtung tauchte die Gänge der CLAW in ein rotes Zwielicht. Ich habe was gehört.

Kelvin zog seinen Strahler. Es war eng in den Gängen des Raumschiffes und so waren die, lediglich auf kurze Distanz tödlichen, Strahlenwaffen effektiver als die Projektilwaffen, deren Geschosse in der Enge auch den Schützen gefährden konnten.

Kelvin lauschte und spähte den Gang hinab, während er sich eng an die Wand presste. Der Korridor bog nach links und so fokussierte der Schmuggler seinen Blick auf die linke Wand. Fabian wies er an auf die rechte zu achten.

Nichts geschah. Kein Raumsoldat kam um die Biegung, kein Schritt war zu hören.

Kelvin winkte Fabian weiter und legte den Zeigefinger vor seine Lippen. Sein Partner verstand und schlich schweigend den Gang entlang, die Waffe im Anschlag.

Gespenstische Stille beherrschte die CLAW, seit der EMP-Treffer alle Systeme außer Gefecht gesetzt hatte. Lediglich die Notstrom-Aggregate, die erst nach dem Energieausfall angesprungen waren, funktionierten. Diese Energie reichte jedoch gerade einmal für die Notbeleuchtung und die Lebenserhaltungssysteme.

Innerlich schloss Kelvin bereits mit seinem Leben ab. Doch er würde sich nicht kampflos ergeben. Das Reich machte keine Gefangenen, wenn es sich nicht lohnte.

Und alles nur, weil wir uns auf einen Handel mit der Rebellion eingelassen haben, dachte Kelvin bitter. Hätte ich nicht wissen müssen, dass man sich mit so einer Organisation nicht einlassen sollte? Dass man ruck zuck von ihnen abhängig ist, weil keiner etwas mit einem mutmaßlichen Rebellen zu tun haben will?

Er schielte zu Fabian hinüber, der mit ebenso verbissener Miene seinen Gedanken nachhing. Wahrscheinlich dachte er gerade dasselbe. Machte sein Partner ihn dafür verantwortlich, dass sie sich nun in dieser aussichtslosen Lage befanden?

Wir sind gleich da, sagte er, anstatt Fabian danach zu fragen. Wir müssen uns beeilen, jeden Moment können die Soldaten das Schiff stürmen und uns finden.

Sie erreichten den Eingang zur größten Lagerhalle, betraten sie und Fabian machte sich gleich daran in einer Ecke eine Bodenabdeckung zu öffnen, unter der die Verstecke lagen.

Es roch muffig, da die Luftumwälzung in den nicht bewohnten und strategisch weniger wichtigen Bereichen des Schiffes nie unter Volllast lief.

Dazu gehörte auch die große Halle, in der die Waffen und etliche Ersatzteile lagerten, die sie bei der Aufrüstung der CLAW für den so genannten Großen Schlag gegen das Reich an Bord genommen hatten. Sie hätten bei der Schlacht teilweise als Angriffsschiff, aber auch als Versorger für beschädigte Rebellenschiffe dienen sollen. Was daraus geworden war, spiegelte ihre derzeitige Situation trefflich wider – eine Katastrophe.

Beeil dich, drängte Kelvin, während er den Eingang bewachte. Wir brauchen doch nur eine kleine Lücke, durch die wir schlüpfen können.

Du vielleicht, schnaufte Fabian empört. Ich brauch ein bisschen mehr Platz, für meine Rettungsringe.

Normalerweise hätte Kelvin gegrinst, doch ihm war nicht danach zumute.

Seine Augen begannen zu schmerzen. Die wachsamen Blicke durch das rötliche Zwielicht strengten ihn an. Kelvin blinzelte und Tränen verschleierten die brennenden Augäpfel. Als er sich die Flüssigkeit aus den Augenwinkeln wischte, hörte der schlanke Terraner ein Rumpeln.

Äh, Kel…

Psst, zischte er leise. Nicht so laut, wenn die uns hören… Er drehte sich um und erstarrte noch in der Bewegung. Ungläubig gaffte er die Frau an, die Fabian eine Waffe an die Stirn drückte und eine zweite auf ihn gerichtet hielt.

Viva la Revolution, sagte sie und grinste humorlos.

Entschuldigt die schlechte Aussprache. Mein Französisch ist nicht das Beste.

Kelvin wusste nicht was sie damit meinte. Unter Französisch verstand er etwas ganz anderes als eine Sprache. Erschrocken blickte er in das flirrende Abstrahlfeld eines Blasters.

Wie…?, begann Kelvin.

Wie ich in euer schnuckeliges Geheimversteck gekommen bin?, unterbrach die Soldatin Kelvin. Glaubt ihr, ich bin blöd? Nahezu jedes Schiff in dieser erbärmlichen Gegend der Galaxis ist damit ausgerüstet. Ich hatte schon vermutet, dass ihr euch hier verstecken würdet, habe ein Loch in den Boden neben der Schleuse gebrannt und nach Geräuschen gelauscht. Als ich dann das Geschraube deines Wackelpeters hier hörte, spöttisch musterte sie Fabian, bin ich hierher und habe auf euch gewartet.

Und jetzt?, fragte Kelvin. Ihm schwante Übles. Schießt du uns ab? Wo sind deine Kameraden? Die Frau war ihm unheimlich, schlich sich allein durch die Eingeweide der CLAW, tauchte vor zwei Männern auf und bedrohte sie grinsend mit der Waffe ohne mit der Wimper zu zucken.

Keine Kameraden. Es blitzte in ihren Augen auf. Das war aber auch die einzige Regung, die Kelvin an ihr entdeckte. Sie machte keine unnötigen Bewegungen. Ihren Körper hielt sie angespannt, jederzeit bereit auf eine falsche Bewegung der beiden Männer zu reagieren. Ich mach euch einen Vorschlag: Ich deaktiviere die EMP-Harpune an eurem Schiff, ihr macht es so schnell wie möglich wieder startklar und dann bringt ihr uns aus dem Schlachtfeld.

Die werden uns doch abschießen, warf Fabian ein. Es war das Erste, was er seit Minuten sagte. Sein Gesicht war leichenblass und Angstschweiß stand ihm auf der Stirn. Seine feisten Wangen zitterten immer noch vor Furcht und Anspannung. Kelvin fiel auf, dass er und auch Fabian immer noch ihre Waffen in der Hand hielten.

Statt ihn zu ermutigen, ernüchterte ihn diese Tatsache. Die schwarzhaarige Soldatin hielt es nicht einmal für nötig sie zu entwaffnen, so überlegen fühlte sie sich. Dass sie es war, bezweifelte Kelvin keinen Augenblick.

Keine Angst, Dickerchen. Wir schleppen den Truppentransporter mit uns und ich sende von diesem aus Signale, die euch als gekapert kennzeichnen werden. Wir sollten uns allerdings beeilen.

Immer noch musterte Kelvin die Frau. Ihre Gesichtszüge blieben hart, wie eingefroren. Doch ihre Augen, so kaltherzig sie wirkten, machten einen gehetzten Eindruck.

Flieht sie vor etwas? Hat sie vor irgendwem Angst?

Was bietest du uns dafür, versuchte er einen Vorstoß.

Ihr humorloses Grinsen wich einem zynischen, als sie antwortet: Euer Leben.

Kelvin blickte Fabian an, Fabian Kelvin, beide die Soldatin, die immer noch die Waffen auf sie gerichtet hielt, die beiden Schmuggler fixierend.

Sie antworteten im selben Augenblick.

Einverstanden.

Kapitel 3
Abschleppkommando

Den Truppentransporter im Schlepptau dümpelte die CLAW durch die Wirren der tobenden Raumschlacht. Langsam aber sicher lichtete sich das Schlachtfeld. Das anfängliche Tontaubenschießen fand allmählich sein Ende, denn die schwächsten Raumer der Rebellen waren vernichtet.

Etliche Rebellenraumer sind anscheinend geflohen. Die Masse der Wracks und die Ortungsreflexe der Rebellenraumer stimmen keineswegs mit der ursprünglichen Flottengröße überein, sagte Fabian. Wenn wir den Ergebnissen der noch immer unzureichend funktionierenden Ortungssysteme Glauben schenken können, schränkte er wenige Sekunden später ein.

Fabian flüchtete sich in die Arbeit. Kelvin merkte deutlich, dass seinem langjährigen Partner nicht wohl zumute war, wenn er an die Soldatin dachte, die sich als Celice Firo vorgestellt hatte.

Auch die Luft innerhalb der Zentrale schien frostig zu sein. Die Hologramme strahlten kaltes Licht aus und hüllten die beiden Terraner ein.

Firo ist noch kühler als ich mir eine Soldatin des Reichs je vorgestellt habe.

Kelvin musste sich eingestehen, dass auch ihm mulmig wurde, wenn er an Firo dachte. Die Frau würde sie töten ohne mit der Wimper zu zucken, wenn sie ihre Ziele nicht anders erreichen konnte.

Und doch scheint sie mir verletzlich, beinahe gehetzt. Wovor flieht sie?

Die Frage machte Kelvin neugierig. Er machte sich nicht viel aus anderen Menschen. Außer aus Fabian vielleicht – und aus Miriam.

Miriam… Hoffentlich ist sie früh genug meinem Rat gefolgt und hat GERWILL verlassen.

Sie war wie eine kleine Schwester für ihn.

Er verscheuchte die trüben Gedanken und die schrecklichen Bilder seiner Flucht vor den Häschern. Es war Vergangenheit, die gegenwärtige Situation war heikel genug. Sie durfte ihn nicht noch sentimental machen.

Alles in Ordnung bei euch?, fragte Firo über Funk. Sie war auf den Truppentransporter übergewechselt, um die Lage dort zu überprüfen. Nicht ohne Kelvin und Fabian vorher zu entwaffnen und in der Zentrale einzusperren. Die Wiederherstellung der noch nicht funktionierenden Maschinen hatte sie Jupp, dem Allzweck-Roboter der CLAW zugewiesen, den sie über DataVis kontrollierte.

Ja, antwortete Kelvin in das vor ihm schwebende Akustikfeld. Mehr Worte mit der Frau zu wechseln, war er nicht gewillt. Jedes Füllwort an sie schien ihm verschwendet. Firo extrahierte eh nur das für sie Wichtigste aus seinen Worten.

Sie durchquerten ein Gebiet, das von Raumschiffwracks übersät war. Hier hatte das größte Flottenkontingent der Rebellenflotte den Einsatzbefehl erwartet, und genau hier hatte das Reich als Erstes zugeschlagen. Sie mussten perfekt informiert gewesen sein und die Flottenbewegungen seit längerem beobachtet haben. An einen Zufall glaubte Kelvin nicht. Nicht wenn das Reich seine Finger im Spiel hatte.

Die Schlacht hatte sich weiter Richtung GERWILL verlagert. Von allen Seiten kesselten die Schlachtschiffe des Reichs die Rebellen ein. Viele versuchten zu fliehen, während sie von den Reichsraumschiffen gejagt wurden.

Immer noch illuminierte das Energiegewitter der Schiffsgeschütze das All.

Sie wird uns töten, sagte Fabian unvermittelt. Tränen standen in seinen Augen.

Eine Gänsehaut fuhr über Kelvins Rücken. Ein schaler Geschmack lag auf seiner Zunge, seine Kehle schien sich zusammen zuschnüren.

Ja. Das wird sie.

Beeilung!, mahnte Firo, als sie in die Zentrale der CLAW eintrat. Äußerlich tat sie beherrscht, doch Kelvins Blick blieb zum wiederholten Male an ihren grünen, funkelnden Augen hängen. Sie wirkte immer noch gehetzt.

Er sah Fabian an und erkannte, dass es seinem Freund nicht auffiel. Anscheinend hatte er nicht die Kraft ihrem Blick zu begegnen.

Was ist los?, fragte Kelvin. Er tat, als wäre er die Ruhe in Person. Tatsächlich hatte er Todesangst und hoffte Firo nicht zu sehr zu provozieren.

Mei... die Besatzung wacht aus ihrer Betäubung auf.

Warum betäubst du die Männer nicht ein weiteres Mal? Kelvin hoffte, den Bogen nicht zu überspannen.

Die Antwort überraschte ihn.

Eine weitere Betäubung könnte bleibende Schäden hinterlassen. Scheinbar hatte sie Kelvins Blicke bemerkt und dass sie zu viel von sich offenbarte, denn schnell wandte sie sich von ihm ab und befahl:

Los jetzt. Fahrt die Maschinen für den Hyperflug hoch, bevor es zu spät ist.

Sofort machten sich die Männer an die Arbeit. Einige Male vertippte Fabian sich, bis Kelvin in zur Seite stieß und die Aufgabe komplett übernahm. Nur ein leises Jaulen und Vibrieren zeugte von den schnell anlaufenden Maschinen. Fast zu schnell; Kelvin hoffte, dass sie keine Schäden davontragen würden. Gleichzeitig fragte er sich, ob das bald noch von Interesse war. Die Waffe in Firos rechter Hand ließ ihn Übles ahnen.

Wir müssen jetzt mehr Fahrt aufnehmen, als mit dem Transporter im Schlepptau möglich. Koppel ihn ab.

Firo reagierte nicht. Immer noch hing das Schiff an der CLAW und behinderte die Beschleunigung auf die, zum Eintritt in den Hyperraum benötigten, sechzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit.

Was ist los? Abkoppeln, drängte er und sah zu der Soldatin. Die blickte anscheinend in die Ferne. Tatsächlich war sie jedoch in der Virtualität ihres DataVis aktiv.

Die rechte Hand hob sich und richtete den Strahler auf Kelvins Kopf.

Natürlich. Sie hat ein Überwachungsprogramm laufen, dass uns selbst in Schach hält, während Firo im DataVis-Modus ist.

Ortung, sagte Fabian und erwachte aus seiner Lethargie. Nicht minder unbrauchbare Panik trat in seine Augen. Ein Reichsschiff. Sie tasten uns ab und richten ihre Waffen auf uns.

Ich habe die Wahl, dachte Kelvin. Die Beschleunigungsphase abbrechen, und hoffen, dass das Schiff beruhigt abwendet. Oder weiter beschleunigen und hoffen, dass Firo bald den Transporter abkoppelt.

Die Soldatin enthob ihn einer Entscheidung.

Ich kann den Truppentransporter sofort abkoppeln. Nur einen Augenblick noch, ein Offizier versucht meine Überrangbefehle außer Kraft zu setzen.

Ihre Mundwinkel zuckten, eine steile Falte bildete sich an ihrer Nasenwurzel. Die einzigen Zeichen ihrer Anspannung.

Dann die Erleichterung: Abgekoppelt. Volle Beschleunigung!

Kelvin ließ den Energien freien Lauf. In hyperstrukturelle Energiefelder gebändigte Stützmasse schoss in das Vakuum und schleuderte die CLAW nach vorne.

Sie erreichten die vierzig Prozent Licht-Marke. Das Jaulen und Dröhnen der Maschinen wurde lauter. Die Maschinen liefen unter Volllast, das Vibrieren des Rumpfes wurde stärker.

Kelvin suchte noch das letzte Quäntchen Energie, um es in den Impulsantrieb zu stecken.

Er wusste den Reichsraumer im Nacken.

Fünfzig Prozent Licht.

Erste Schüsse rasten an ihnen vorbei. Grell gleißende Thermostrahlen. Unvermittelt erinnerten sie ihn an ihre erst wenige Stunden zurückliegende Flucht durch das Trümmerfeld.

56 Prozent Licht.

Das Dröhnen wurde beinahe unerträglich, die Vibrationen schüttelten Kelvin, Fabian und Firo durch.

Überbeansprucht die Maschinen nicht!, herrschte die Frau ihn an. Wir müssen noch weiter fliehen, als nur weg von der Schlacht.

Wir müssen erstmal diesem Raumschiff hinter uns entkommen, schrie er zurück.

58 Prozent Licht.

59 Prozent.

Sechzig!

Die CLAW erreichte das virtuelle Black Hole, das sie in den Hyperraum riss. Die Extra-Dimensionale-Hyperraumschutzblase umschloss den Diskusraumer.

Geschafft.

Kurze Zeit später fiel die CLAW zurück in den Einsteinraum.

Und? Kelvin spürte das kühle Material des Strahlers in seinem Nacken. Haben wir genug getan? Bringst du uns nun um?

Er drehte seinen Kopf und blickte in das Gesicht der Soldatin. Sie ließ durch nichts erkennen, was sie dachte.

Fabian schluckte vernehmbar laut.

Sekunden vergingen.

Nein, antwortet Firo. Ich habe nicht vor euch umzubringen. Nicht so lange ihr keine Probleme macht.

Sie verließ die Zentrale und verriegelte die Tür.

Zwischenspiel

Fieberschübe

Adam fror. Eine Gänsehaut zog sich über seine sonst so glatte Haut. Die ungewohnte Kälte erinnerte ihn an Krok, den Eisplaneten, auf dem er in einer Forschungsstation geboren war.

Namen und Gesichter kamen ihm ins Gedächtnis, an die er seit Jahren nicht mehr gedacht hatte. Samahal, Karike…

Irgendetwas stimmt nicht, dachte der Etho-Terraner. Seit einigen Tagen fühlte er sich schwach. Ein ungewohntes Gefühl für einen gentechnisch optimierten Menschen, der zu einem Volk gehörte, das sozusagen die Krönung der menschlichen Schöpfung darstellte.

Adam? Er schüttelte den Kopf, um die trüben Gedanken zu verscheuchen. Adam?, rief jemand lauter.

Ja? Verwirrt sah er auf und registrierte, dass seine Stimme krächzend klang. Er hustete und sprach noch einmal. Was ist?

Ave musterte ihn misstrauisch. Er spürte ihre Verwunderung überdeutlich über die emphatische Rückkoppelung, die alle Etho-Terraner miteinander verband.

Was ist mit dir los? Ich habe dich gefragt, ob du genauere Daten über das uns anfliegende Raumschiff herein bekommst. Sendet es die geheime Kennung aus, die es als Rebellenraumer identifiziert?

Er sah auf sein Terminal. Die leuchtenden Holoanzeigen schwebten verschwommen vor seinen Augen. Erst einige Augenblicke später erkannte er, dass nicht die Anzeigen selbst verschwommen waren, sondern seine Augen es ihm so darstellten.

Was ist bloß mit mir los?

Ja, es sendet die Kennung.

Wieder jagte ein Schaudern über seine Haut und er schüttelte sich.

Geht es dir nicht gut, Adam?, fragte Ave. Auch sie sah er erst nach einigen Augenblicken klar. Ihre alabasterfarbene Haut leuchtete und er konnte das Muskelspiel ihres schlanken Körpers unter der eng anliegenden Kleidung erkennen. Ihre eisblauen Augen leuchteten verwundert. Du siehst schlecht aus. Was hast du bloß? Eine Welle von Besorgnis erreichte ihn.

Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich eine späte Reaktion auf die Ereignisse der letzten Zeit. Es war anstrengend. Und erschreckend.

Willst du dich ausruhen oder untersuchen lassen? Du siehst blass aus und deine Augen glänzen irgendwie… irgendwie… ja, fiebrig.

Adam versuchte sich an einem verächtlichen Lachen, scheiterte aber kläglich, weil er ein Husten unterdrücken musste.

Fieber! Pah. Ich habe noch nie von einem Etho gehört, der unter Fieber litt. Ich war erst vor kurzem in der Regeneration, es wurde keine Krankheit festgestellt.

Ave wirkte nicht gerade überzeugt, auch ihre emphatische Aura ließ das spüren.

Ich kann mich jetzt nicht einfach ausruhen, fügte er hinzu. Nebukadnezar ist gescheitert. Ein wahrer Schwall von Flüchtlingen kommt auf uns zu, die wir an andere Fluchtpunkte weiterleiten oder hier vorübergehend verbergen müssen. Ich lass euch nicht im Stich.

Das verstehe ich. Ave schenkte ihm ein freundliches Lächeln. Auch wenn die auf uns einstürzenden Probleme alle Schichten beschäftigen – überschätz dich nicht. Damit wäre keinem gedient.

Adam nickte nur und konzentrierte sich wieder auf die grün und blau leuchtenden Darstellungen auf seiner Konsole. Immer wieder verschwommen die Zahlen, Buchstaben und Symbole vor seinen Augen. Er spürte ein leichtes Schwindelgefühl.

- Adam? Das war David. Die Krylaw-Station meldete sich bei ihm.

- Ja?

- Ich mache mir Sorgen um dich. Deine Vitalwerte sind ungewöhnlich negativ. Du solltest dich ausruhen oder in die Krankenstation zur Untersuchung begeben.

- Du weißt, dass wir dafür keine Zeit haben. Schick mir einen Medobot vorbei, wenn du es für unerlässlich hältst. Er kann mich auch hier in der Zentrale untersuchen.

- Das werde ich tun. Aber versprich mir eines, Adam.

- Was? Das hatte harscher geklungen als beabsichtigt. Entschuldige, David. Ich meinte es nicht so. Es ist nur… der Stress, die letzte Zeit…

- Schon gut, ich habe Verständnis dafür. Wir alle sind angespannt. Versprich mir nur, dass du dich nicht überanstrengst. Solltest du Raubbau an deinem Körper betreiben, schadet das allen, da du dann länger ausfallen wirst.

- Ich verspreche es. Aber ich muss den anderen beistehen. Ein Etho lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Das weißt du!

Ein Gefühl von Zuneigung legte sich über seinen Geist und liebkoste ihn. Es beruhigte und tat gut. David stand hinter ihm und unterstützte alle so gut er konnte.

Wenige Sekunden später erreichte der Medobot die Zentrale. Verstohlen und besorgt musterte Ave ihn. Adam lauschte empathisch ins Rund der Zentrale. Niemand anders schenkte dem Geschehen Beachtung. Alle waren zu sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt, die sie voll und ganz auslastete. Nur Ave und ein noch junger Etho in seiner Nähe machten sich Gedanken, die aber schnell von einer neuen Welle Flüchtlingen und der damit verbundenen Beschäftigung, erstickt wurden.

Der Medobot sandte ein Signal aus.

Deine Vitalwerte sind in einem negativen Bereich. Bei einem normalen Terraner würde ich von Fieber sprechen, raunte der Roboter Adam zu, um die anderen Ethos nicht in ihrer Konzentration zu stören. Bei dir könnte es sich tatsächlich um Erschöpfung handeln. Ich habe jedenfalls keine Virus- oder Bakterienerkrankung feststellen können, und dir ein Aufbaumittel injiziert. Ich rate in nächster Zeit zu einer intensiveren Untersuchung im Medobereich.

In den nächsten Tagen ausgeschlossen. Wir haben viel zu viel zu tun, als dass mein Ausfall hingenommen werden kann, lehnte Adam ab. Dann schickte er den Medobot wieder fort, bevor seine Anwesenheit die anderen irritieren und ablenken könnte.

Ich darf nicht ausfallen, redete er sich ein. Ein Etho-Terraner ist nicht so leicht klein zu kriegen. Immer und immer wieder sagte sich das Adam in Gedanken.

Doch die Fieberschübe ebbten nicht ab.

Plötzlich hörte er ein Wispern. Erst verstand er die Worte nicht; Adam legte den Kopf schief und lauschte, langsam wurden sie lauter und deutlicher.

Adam, wisperten die Stimmen. Ahdahm, wiederholten sie gedehnt. Misstrauisch sah er sich um. Niemand sah ihn an, niemand sprach ihn an. Von keinem der Ethos gingen empathische oder telepathische Nachrichten aus.

Doch woher kamen dann die Stimmen?

Sie hörten nicht auf ihn zu rufen. Wurden lauter und lauter.

Adam!

Kapitel 4
Fluchtpunkt Gasriese

Ah... Mist! Fabian fiel auf den Hosenboden, als sich die Tür zur Zentrale überraschend seitlich in die Wand schob. Celice betrat den Raum und musterte Fabian spöttisch lächelnd. Immer noch jagte sie Fabian, den sie bei einem Öffnungsversuch der Tür überrascht hatte, Angst ein.

Sie streckte die Hand aus und eine winzige Sonde landete in ihr.

Sie... sie hat uns die ganze Zeit überwacht. Mann!, fluchte Fabian. Hastig rutschte er auf dem Boden fort von Firo und hangelte sich hoch in seinen Kontursessel. Kelvin, der in einem zweiten Sessel saß, wandte sich wieder seinen Kontrollen zu und schenkte Firo keine weitere Aufmerksamkeit. Anderthalb Stunden hatte sie die beiden Männer allein gelassen. Nun war sie zurück. Kelvin beherrschten ganz andere Gefühle – Ungeduld und Zorn.

Lässt du dich auch mal wieder blicken? Fabian sog der scharfen Worte wegen, zischend die Luft ein. Kelvin interessierte es nicht. Er wusste, dass er sich vor Firo in Acht nehmen musste. Doch was zu viel war, war zu viel. Dies war immer noch sein Schiff.

Sag endlich was du willst. Wir sind vorerst in Sicherheit, weit und breit sind keine Schiffe des Reichs zu orten.

Ich weiß. Die Soldatin setzte sich in einen der beiden Sessel, die normalerweise Gästen zu Verfügung standen. Firo war ein Gast, aber ein unerwünschter.

Kelvin schnaubte verächtlich. Sie übertrieb es mit ihrer überheblichen Art. Er hatte durchaus Respekt empfunden und sich eingeschüchtert gefühlt, doch anderthalb Stunden des Wartens hatten seine Gefühle verändert.

Ich will, dass ihr mich auf einem reichsunabhängigen Planeten aussetzt. Dazu etwas Nahrung und Geld, mit dem ich mich über Wasser halten kann. Mehr verlange ich nicht.

Kelvin überlegt.

Mehr kannst du auch nicht verlangen. Würdest du unser Schiff für dich haben wollen, würdest du wahrscheinlich in der ganzen Galaxis gejagt werden.

Er erinnerte sich an ein Gespräch mit seinem Rebellen-Kontaktmann auf GERWILL, Nestor Lavric, das einige Tage zurück lag.

Kelvin zog die Tür hinter sich zu. Er war nicht zum ersten Mal hier. Nestor Lavric bevorzugte sein kleines Büro als Treffpunkt. Ein großer, aus weißem Plastik bestehender Schreibtisch dominierte den Raum.

Dieser hatte einen quadratischen Grundriss. Die Wände waren hellblau gestrichen, die Decke musste in besseren Zeiten einmal weiß geglänzt haben. Allein Zweckmäßigkeit beherrschte das Büro des Rebellen. Regale voller Datenspeicher reihten sich aneinander, in halboffen stehenden Schränken entdeckte er weitere Datenspeicher und Ordner voller Folien.

Auf dem großen Schreibtisch standen mehrere Holoprojektoren, die an verschiedene Personalpositroniken angeschlossen waren. Weitere Folien und Datenspeicher lagen über den Tisch verteilt.

Lavric!, rief Kelvin in den kleinen Raum hinein. Wo sind Sie?

Neonröhren fluteten den Raum mit kaltem, weißem Licht, das harte Schatten warf. Aus einem dieser Schatten trat Nestor Lavric heraus. Er kam aus der schmalen Ecke zwischen zwei hohen Schränken und ging auf Kelvin zu.

Ah, Brix, Sie sind es. Der feiste Endfünfziger reichte Kelvin seine verschwitzte Hand. Lavric hatte einen festen Händedruck, was ihn jedoch nicht angenehmer machte. Schnell zog Kelvin seine Hand wieder zurück und wischte sie sich unauffällig am Hosenbein ab, als Lavric ihn für kurze Zeit aus den Augen ließ und sich in den großen Bürosessel hinter seinem Schreibtisch setzte.

Das habe ich bemerkt, Brix.

Kelvin zuckte mit den Schultern und machte ein gelangweiltes Gesicht. Auch gut. Er setzte sich ungefragt auf den Stuhl gegenüber von Lavric. Aber jetzt zur Sache.

Wie Sie wollen.

Sie hatten sich wegen des Mordes an Kelvins Freund Gerno Humble gestritten. Kelvin hatte Lavric vorgeworfen am Tod des Händlers schuld zu sein; dass er ihn hatte umbringen lassen, weil er der letzte Mann außerhalb der Rebellion war, der Fabian und ihm noch Aufträge eingebracht hatte.

Wie sehr hatte Kelvin sich doch geirrt. Es schmerzte ihn heute noch, wenn er daran dachte, dass sich Gerno zusätzlich Geld damit verdient hatte, die Rebellen auf GERWILL auszuspionieren.

War Gerno etwa an dem Massaker schuld? Hatte er die Reichsflotte auf den großen Schlag gegen das Reich hingewiesen? Kelvin zweifelte daran. Denn in der kurzen Zeit, die Gerno davon hätte wissen können, hätte nicht ein so perfekt ausgeklügelter Angriff geplant werden können.

Firo hüstelte und sah ihn ungeduldig an, wartete auf eine Antwort.

Würde er ihr den Gefallen tun? Würde er sich in die Gefahr begeben,in der Nähe eines Planeten von Reichsschiffen gestellt und verhaftet zu werden. Lavrics Warnung hatte sich in sein Gedächtnis gebrannt.

Ich habe einen Auftrag für Sie, Brix.

Einen Auftrag? So, so. Worum geht es? Finde ich nichts Besseres, nehme ich ihn vielleicht an.

Lavric grinste ihn an, es wirkte fies auf Kelvin.

Denken Sie erst gar nicht an Flucht, in der kurzen Zeit können Sie sich vielleicht noch schnell verstecken, aber sind wir erfolgreich, finden wir Sie.

Und wenn nicht?, fragte Kelvin.

Dann findet das Reich Sie – als flüchtigen Rebellen.

Und?, fragte Firo, nachdem sie ihm eine Minute Bedenkzeit gegönnt hatte. Genau eine Minute.

Nein.

Nein? Firo hob ihren Blaster, richtete die flirrende Abstrahlmündung auf ihn. Er blieb gelassen.

Sieh es doch ein. Es ist viel zu gefährlich, jetzt zu einem Planeten zu fliehen, der nicht dem Reich angehört… Genau das erwarten die doch von uns.

Ich will, sagte sie, und ihre Stimme klang dabei messerscharf, dass ihr mich auf einem Planeten aussetzt und…

Ein Piepton und eine einsetzende Sprachnachricht unterbrachen die Soldatin mitten im Satz.

Dies ist eine automatische Nachricht, generiert, da die Kopplung mit Ihren Ortungssystemen belegt, dass Sie sich derzeit außerhalb der Gefahrenzone befinden.
Bitte legen sie nun den Datenchip, den sie von ihrem Kontaktmann erhalten haben, in das Analysefeld.
Eine blau leuchtende Scheibe entstand vor Kelvins Pult in der Luft.

Der Terraner stutzte und sah Fabian verwundert an.

Was ist das? Wie kann es sein, dass uns irgendwer so ein Ding ins Schiff gesetzt hat?

Anscheinend verfügen diese Rebellen doch über größere Machtmittel, als wir bisher gedacht haben.

Firo lachte.

Oder ihr wart einfach nur zu blöd, um es zu merken.

Kelvin versuchte sich nicht aufzuregen. Am liebsten wäre er der schwarzhaarigen Frau an die Gurgel gesprungen, doch ihm war klar, dass er so eine Aktion nur einmal starten könnte.

Bitte legen Sie nun den Datenchip, den sie von ihrem Kontaktmann erhalten haben in das Analysefeld, wiederholte die Stimme. Sie klang künstlich und blechern. Es schien sich zumindest um ein recht einfach gehaltenes Gerät zu handeln.

Kelvin zog einen Datenchip aus der Tasche und legte ihn mit den Worten Hab ich von Lavric auf die blaue Scheibe.

Einige Sekunden herrschte Stille und nur das Wummern der Maschinen verbreitet ein leises Hintergrundgeräusch.

Aufgrund der vorliegenden Ortungsergebnisse, schlage ich Ihnen folgenden Fluchtpunkt vor.

Koordinaten leuchteten auf.

Das ist alles? Die Stimme antwortete nicht mehr und als Kelvin den Datenchip wieder an sich nahm, erlosch das Analysefeld.

Und nun? Fabian sah sich fragend um. Sogar Firo musterte er, wenn auch scheu. Anscheinend verlor er langsam die panische Angst vor ihr.

Ich würde sagen wir steuern den Fluchtpunkt an. Er warf einen Blick auf die Waffe die, auf Firos rechtem Oberschenkel liegend, immer noch auf ihn gerichtet war. In Ordnung?

Sie atmete einmal tief ein und erhob sich dann.

Ich brauche zehn Minuten Bedenkzeit. Die schlanke Frau ging. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. Macht keinen Unsinn. Eine kleine Kamerasonde erhob sich in die Luft. Dann ging sie und verschloss die Tür wieder.

Wäre Kelvin sich nicht sicher gewesen, an ihrer Stelle genauso zu handeln: er hätte sich, zornig auf das Metall hämmernd, gegen die Tür geworfen.

Genau zehn Minuten später gab Celice Firo ihr Einverständnis.

Aber sobald Gras über die Sache gewachsen ist, setzt ihr mich auf einem Nicht-Reichs-Planeten ab, klar?

Einverstanden. Kelvin versuchte seine Erleichterung zu verbergen. Er bezweifelte, dass er seinen Willen gegen Firos hätte durchsetzen können. Gott sei Dank hatte sie die Angabe des Fluchtpunkts überzeugt.

Kelvin aktivierte sein DataVis und holte sich die Koordinaten aus dem Memobereich, in dem die akustischen und optischen Wahrnehmungen der letzten 72 Stunden gespeichert waren. Er fügte sie per Gedankenbefehl in die Positronik ein und ließ Fabian die Hyperraumetappe berechnen. Währenddessen beschleunigte er die CLAW wieder auf die zum Eintritt benötigten sechzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit.

Kurze Zeit später umgab sie das wesenlose Wallen des in allen Blau-, Rot- und Rosafarben leuchtenden Hyperraums. Graue, granulatähnliche Kugeln wirbeltenin der Ferne. Die schützende ExDiBlase der CLAW schimmerte in allen Farben des Regenbogens.

Der Terraner strich sich durch seine kurzen, braunen Haare und lehnte sich in seinem Kontursessel zurück.

Die letzten Stunden waren nervenaufreibend und anstrengend gewesen. Langsam aber sicher machte sich die Erschöpfung bemerkbar. Er würde sich eine Stunde Ruhe gönnen, so lange sie sich im sicheren, übergeordneten Kontinuum aufhielten.

Kelvin roch an seiner Kleidung und bemerkte den Schweißgeruch. Leider würde er sich erst wieder eine Dusche erlauben können, wenn sie in Sicherheit waren – und Firo sie nicht mehr in der Zentrale einsperrte.

Kurze Zeit später war er eingeschlafen. Es war ein tiefer traumloser Schlaf.

Als er nach etwas mehr als einer Stunde wieder erwachte, waren sie kurz vor dem Ende der letzten Etappe. Acht Minuten später fielen sie aus dem Hyperraum.

Vor ihnen lag das System einer roten Riesensonne. Die Koordinaten belegten, dass ihr Ziel der siebte von zwölf Planeten war: ein grünlich leuchtender Gasriese.

Da wären wir also.

Firo war alles andere als begeistert, als sie sah, dass sie einen Gasriesen anflogen.

Sicherlich eine Station der verdammten Ethos, fluchte sie. Es war die heftigste Regung, die Kelvin in den Stunden seit ihrer Ankunft auf der CLAW an ihr bemerkt hatte. Ihr rechter Mundwinkel verzog sich nach oben und ihre Brauen nach unten. Sie starrte auf die Darstellung des Holoschirms.

Was…, setzte Kelvin an, doch die Stimme des Rebellengeräts meldete sich wieder.

Anflug auf Fluchtpunkt. Sende Identifizierung als THYDERY-Schiff. Die Maschine sagte nichts weiter. Zurück blieb bei Kelvin ein zwiespältiges Gefühl; einerseits hatte sie das Gerät zu einem Fluchtpunkt geleitet – wie sicher dieser war, würde sich noch herausstellen – andererseits war Kelvin wütend darüber, dass die Rebellen ihm heimlich ein Kuckucksei ins Nest gesetzt hatten.

Wahrscheinlich sicherten sie sich mit ihrer Geheimnistuerei vor zu vielen Mitwissern ab, doch es behagte Kelvin keineswegs; konnte er sicher sein, dass sie nicht noch mehr an Bord seines Schiffes versteckt hatten?

Als sie sich dem Gasriesen auf wenige tausend Kilometer genähert hatten und abbremsten, erreichte sie ein gerafftes Funksignal, wieder war es das Kuckucksei-Gerät, das half und den Funkspruch dechiffrierte.

Hier Krylaw-Station David. Seid willkommen. Wir stellen bei euch keine gravierenden Schäden fest. Ist das korrekt?

Kelvin bestätigte.

Habt ihr Verletzte an Bord?, fragte der Sprecher weiter.

Kelvin verneinte.

Dann würden wir euch gerne an einen anderen Fluchtpunkt verweisen, da wir hoffnungslos überfüllt sind. Die CLAW drang währenddessen in die Atmosphäre des Gasriesen ein, ihre Ortung zeigte keine Reichsschiffe. Wir laden ein oder zwei Abgesandte eures Schiffes auf David ein. Dort werdet ihr, aus Sicherheitsgründen persönlich, Koordinaten ausgehändigt bekommen; von Stationen, die nicht in euren geheimen Speichern vorhanden sind. Ich teile euch einem Andockplatz zu. Bitte habt etwas Geduld.

Damit beendete der Mann die Verbindung. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um einen Etho, da fast nur Angehörige dieses Volkes Krylaw-Stationen, -Habitate oder -Schiffe bewohnten.

Ich möchte, dass du mitkommst, während Fabian auf die CLAW aufpasst. Kelvin sah Firo in die Augen. In ihnen blitze es auf und es zuckte um ihre Mundwinkel.

Ich habe kein Bedürfnis, mich einem Etho mehr als tausend Kilometer zu nähern, entgegnete sie.

Ich weiß, dass viele Terraner, gerade Reichs-Bürger wie du, Ethos nicht leiden können. Sicher ist der Umgang mit ihnen nicht immer leicht… Aber reiß dich zusammen.

Du verstehst nicht. Ich hasse die Ethos. Und habe meine Gründe. Abwehrend hob sie ihre rechte Hand.

Trotzdem, sagte Kelvin, den Firos plötzliche Offenheit wunderte, du kommst mit. Ich traue dir nicht über den Weg. Er hoffte zum wiederholten Male an diesem Tag, sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Die Frau schien ihm unberechenbar, auch wenn er in kleinen Happen mehr von ihr erfuhr.

Ich verstehe. Widerwillig blickte sie auf den hell- und dunkelblau gescheckten Zylinder, der sich allmählich aus den grünlichen Gasschwaden der Atmosphäre schälte.

Die Ortung meldete eine Größe von fünfhundert Metern in der Höhe und 200 Metern im Durchmesser. Andockschleusen, Ortungs- und Hyperfunkantennen, Waffen- und Schutzschirmprojektoren durchstießen an einigen Stellen das Fleisch des Weltraumlebewesens. Ungewöhnlich waren die quadratischen Gegenstände an der Außenseite, die wie Container aussahen.

Perverse Schweine, zischte Firo. Und leiser, fast unverständlich flüsterte sie:

Boo.

Der Mann, der sich als Gregor vorgestellt hatte, war wie alle anderen Ethos auch: Freundlich, zuvorkommend und mit einem offenherzigen Lächeln auf den Lippen.

Celice konnte ihn nicht leiden.

Bitte folgt mir, sagte er und ging Kelvin Brix und ihr voran. Brix hatte anscheinend keine große Abneigung gegen die Ethos, doch er war mit einer gesunden Portion Misstrauen gesegnet. Er war keiner dieser naiven, idealistischen Rebellen. Was ihn geritten hatte diese Organisation zu unterstützen, konnte Celice sich nicht erklären.

Gregor versuchte ein paar nette Worte mit Brix zu wechseln, doch darüber kam er nicht hinaus.

Es machte Brix irgendwie sympathisch, was Celice überhaupt nicht in den Kram passte; würde sie sich entscheiden müssen den harten Weg zu gehen, um ihr Ziel zu erreichen, waren solche Gefühle nur hinderlich. Sie musste es wissen, denn zu oft schon hatte sie vor noch schmerzlicheren Entscheidungen gestanden.

Sie verdrängte den Gedanken daran. Hier und jetzt musste sie sich darauf konzentrieren, nicht über den Tisch gezogen zu werden. Ihr Leben stand auf dem Spiel.

Ganz heimelig hier, sagte Brix. Celice registrierte erst nach Sekunden, dass er sie angesprochen hatte, nicht den Etho. Sie sah zu ihm herüber und er äffte das übertrieben freundliche Grinsen des Etho-Terraners nach. Unwillkürlich musste sie grinsen.

Das schien Brix zufrieden zu stellen. Wollte er sie einlullen, sie in Sicherheit wägen, damit er sie überrumpeln konnte?

Celice mahnte sich zur Vorsicht, sie konnte niemandem trauen. Schließlich war sie auf feindlichen Boden – Freunde gab es nicht mehr.

Brix' Kommentar ob der heimeligen Atmosphäre hatte sie jedoch auf ihre Umgebung aufmerksam gemacht. Als sie durch die Schleuse getreten war hatte Celice instinktiv ihre Sinne ausgeschaltet, sich dagegen gewehrt, auch nur ein bisschen von der Atmosphäre des Krylaws in sich aufzunehmen.

Nun roch sie den fruchtig-tranigen Duft des Krylaw-Fleisches. Es erinnerte sie an den Geruch von Fruchtbäumen; und von Delphinen, die sie in ihrer Kindheit, zusammen mit ihrem Vater und ihrer Schwester Shawnee, im Zoo besucht hatte.

Shawnee… Schnell verdrängte sie die schmerzhaften Erinnerungen; sie gehörten nicht hierher.

Celice schüttelte sich unmerkbar und machte sich von den Einflüssen frei. Sie aktivierte ihr DataVis und versuchte die Örtlichkeit sachlich zu analysieren.

Alles nur Fassade, rief sie sich in Erinnerung. Die Freundlichkeit, das Geschwafel von der hohen Moral. Pah!

Das Fleisch des Krylaws – beziehungsweise die darüber liegende Haut – war glatt und blau. An der Decke und am Boden grenzend war sie mit schwarz-gelben Streifen gefärbt. Vielleicht angestrichen oder genetisch verändert.

Als sie den Empfangsbereich der Schleuse verließen, änderte sich die Farbstreifen in rot-grün.

Also kennzeichnen sie damit die verschiedenen Sektoren, merkte sich Celice. Die Wände waren oben und unten gewölbt. Ihn ihrer Mitte waren handgroße Zahlen angebracht und lieferten weitere Hinweise, wo man sich gerade befand.

Die Zahlen und Farben sind nur für unsere Besucher gedacht. Im jetzigen Fall die Flüchtlinge, erläuterte Gregor, der Celices Blicke bemerkt hatte. Wir selbst stehen in ständigen emphatischen und telepathischen Kontakt mit der Station; falls wir uns verirren sollten, hilft David weiter.

Ja, fühl dich nur toll und überlegen. Euch kriegen wir alle! Sofort merkte Celice, dass sie in alte Denkmuster zurückfiel. Sie gehörte nicht mehr zum Reich. Sie war auf der Flucht.

Die Stirn runzelnd wandte sich der Etho wieder von ihr ab.

Hat er meinen Wutausbruch gespürt? Können sie ihre Empathie auch an uns normalen Terranern benutzen? Oder sogar unsere Gedanken lesen?

Celice machte die Probe aufs Exempel und schickte einige unfreundliche, gar verletzende Worte und Gefühle in Gregors Richtung. Sie bemerkte keine Regung an ihm.

Beruhigt war sie dadurch nicht. Wer seine perversen, gentechnischen Spielereien so geschickt hinter einer moralischen Maske verbergen konnte, der würde sich auch in dieser Situation zusammenreißen können.

Sie betraten einen eindeutig technischen Antigravlift, der in der sonst organischen Umgebung fremd wirkte, und betraten einige Stockwerke höher einen großen runden Raum. Die technische Ausstattung, die Sessel, Holobildschirme und Konsolen legten die Vermutung nahe, dass es die Zentrale war. Sicher war sich Celice jedoch nicht, so gut kannte sie sich nicht mit Krylaws aus.

Wir sind da.

Celice schob ihre Überlegungen beiseite und konzentrierte sich auf die neue Räumlichkeit und die anwesenden Personen. Fünf Ethos saßen in Kontursesseln und kümmerten sich nicht um sie, sondern waren augenscheinlich mit ihren Aufgaben ausgelastet.

Ein weiterer Etho stand in der Mitte des Raums neben einem Kontursessel. Zwei Terraner – ein Mann und eine Frau – sowie zwei Szuu und ein Naruu standen um ihn herum. Sie schauten auf die Neuankömmlinge, als der Etho-Terraner sie bemerkte und das Wort an sie richtete.

Willkommen auf der Krylaw-Station David, begrüßte der Mann Celice und Brix. Goldblonde Locken fielen ihm in die Stirn. Er deutete Gregor an, die Zentrale wieder verlassen zu können. Ich heiße Samuel Darwin. Ihr seid Kelvin Brix und Celice Firo, richtig?

Brix nickte und übernahm das Sprechen.

Ja, die sind wir. Uns wurde gesagt wir könnten hier keine längere Zeit verbringen und müssten unsere Flucht fortsetzen. Brix wartete mit hochgezogenen Brauen auf eine Antwort.

Darum haben wir dich hergebeten. Wie dir sicherlich schon gesagt wurde, ist David vollkommen überlastet. Aber lass mich nicht unhöflich sein und dir und deiner Begleiterin die anderen Anwesenden vorstellen. Er streifte Celice mit einem Blick aus seinen tiefschwarzen Augen. Tief wie ein dunkler Ozean… Dies, sagte er mit einem Kopfnicken in Richtung der weiblichen Terranerin, ist Jeannet Mayer, die Kommandantin der TRUILLAN. Der Mann neben ihr ist Harm Galasek, Kommandant der P.P. Galasek nickte grinsend. Diese beiden Szuu sind Karak Zsiss, Kommandantin der ZULU, und ihr Bruder Hork Zsiss.

Die weibliche Szuu, erkennbar an ihrem gröber gemusterten, braun-olivefarbenen Chitinpanzer, starrte Darwin ergeben und bewundernd an. Glaubte Celice zumindest, die keine Erfahrung darin hatte die Mimik eines Insektenwesens zu deuten. Nichtsdestotrotz sammelte die Szuu damit Minuspunkte bei Celice.

Aber zurück zu unseren Problemen. Darwin, der Celices Abneigung ebenso zu bemerken schien, wie vor ihm Gregor, behielt Celice im Auge; auch wenn er versuchte es so unaufdringlich wie möglich zu tun. Wir beherbergen bereits jetzt Unmengen an Flüchtlingen.

Darwin aktivierte ein Hologramm, das eine Schemadarstellung der Station zeigte. Die Lager waren rot gekennzeichnet, nur zwei gelb. Darwin deutet mit dem rechten Zeigefinger auf eine rote Darstellung. Zahlen wurden eingeblendet.

Diese Zahlen sind nur exemplarisch. Wie ihr an der Größe vielleicht einschätzen könnt, sind diese Hallen für höchstens fünfzig Personen geeignet – und das wäre schon sehr eng. Die meisten Container haben wir ausgelagert und außen an der Station verankert. Dies kann beileibe kein dauerhafter Zustand sein, da die Atmosphäre sie höchstwahrscheinlich beschädigt.

Die Station ist sehr groß, warf Harm Galasek ein. Er wuchtete seinen kompakten Körper ein Stück vorwärts und fixierte den Kommandanten mit seinen blassgrünen Augen. Warum ist dann so wenig Platz an Bord? Wenn ich mir die Darstellung so ansehe, glaube ich doch, dass es noch mehr Platz an Bord der Station geben muss. Notfalls müsst ihr halt eure feinen Gemächer räumen und auch dort Flüchtlinge unterbringen. Galasek sprach mir rauer Stimme, als würde er regelmäßig zu viel rauchen und trinken. Trotzdem, er hatte Recht.

Celice mochte sich nicht in die Rebellendiskussionen einmischen. Aber sie stimmte Galasek darin zu, dass die Ethos ihre Hintern vom hohen Thron heben sollten, wenn sie die Leute wirklich retten wollten.

Darwin sah geflissentlich über den Vorwurf hinweg.

Arrogantes Schwein!

Das taten wir bereits. Trotzdem sind wir immer noch überlastet. Wir können die Hallen durch kontrollierten Zellwachstum Davids vergrößern, indem wir neue Ebenen in der Höhe der Hallen schaffen. Er atmete tief ein. Dennoch: David ist nicht darauf ausgelegt eine solche Menge an Menschen zu beherbergen. Wir mussten bereits Anlagen aus den Ersatzteillagern montieren, um die Frischluftzufuhr einigermaßen aufrecht zu halten. Auch sind die Nahrungs- und Wasservorräte nicht groß genug; sollte einer der an der Außenhaut Davids verankerten Container beschädigt werden, sieht es ganz düster aus. Von Sanitäranlagen für all die Lebewesen verschiedenster Abstammung mal abgesehen. Punktum: Die Lage ist katastrophal.

Karak Zsiss klackerte zustimmend mit ihren Mundscheren, brachte aber nichts Konstruktives hervor. Sie wurde Celice von Minute zu Minute unsympathischer.

Ein Summen ertönte aus dem Rund der Zentrale und Celice lokalisierte es auf vier Meter hinter dem Kommandanten. Die blonde Etho-Terranerin, die dort saß, warf Darwin nur einen flüchtigen Blick zu. Samuel Darwins Miene verdüsterte sich.

Es kommt bereits zu Unstimmigkeiten. Die Flüchtlinge sind verunsichert, übermüdet, gereizt. Lange kann das nicht mehr gut gehen.

Jemand hüstelte. Es war Jeannet Mayer, die neben Celice stand und sie nun leicht mit ihrem rechten Arm streifte.

Wir könnten Flüchtlinge aufnehmen und zu anderen Stationen bringen. Aber beantworte mir eine Frage: Operation Nebukadnezar war bestens geplant; ich kann nicht glauben, dass die THYDERY-Führung nicht für ausreichend Fluchtmöglichkeiten gesorgt hat. Warum ist diese Station so schlecht ausgestattet?

So weit ich weiß, war es der Führung klar, dass bei einem Scheitern mögliche Rückzugsorte knapp werden können. Es wurde vorgesorgt, doch niemand hatte wirklich damit gerechnet, dass Nebukadnezar schon vor der Ausführung scheitern würde. Außerdem gibt es noch Fluchtpunkte, allerdings nicht direkt in diesem Sektor, sondern weit über das geplante Einsatzfeld verteilt. Keiner konnte ahnen, dass es Verrätern oder Undercover-Agenten, bei diesen Worten schien es Celice als mustere er sie eindringlich, gelingen würde, die hochgeheimen Pläne an das Reich weiterzuleiten. Anders kann ich mir den Überfall nicht erklären. Eine weitere Ursache dafür, dass wir so überfüllt sind, ist folgendes:

Darwin drückte ein Feld des Touchscreens auf seiner Sessellehne – die Darstellung im Hologramm wechselte zur Darstellung dieses Sektors des Alls. Ein grüner Punkt mit roter Umrandung leuchtet in einigen Lichtjahren Entfernung auf.

Dies wäre die nächste Station gewesen – sie wurde entdeckt und zerstört, was auch den erhöhten Anlauf auf unsere Station erklärt. Schon zu Beginn der Flüchtlingswelle, leiteten wir noch funktionstüchtige Raumschiffe weiter an entferntere Stationen. Doch vor wenigen Stunden erreichte uns ein ganzer Flüchtlingskonvoi, dessen Schiffe man als fast zerstört einstufen musste. Die Wracks versteckten wir tief in der Atmosphäre dieses Planeten. Die nächste Station wäre ganze dreißig Lichtjahre entfernt, eine Entfernung, die keines dieser Schiffe mehr zurücklegen konnte.

Zurück zu den Ausweichmöglichkeiten, drängte Galasek. Wohin könnten wir nun fliehen?

Entweder zu dieser 30 Lichtjahre entfernten Station oder anderen in deren Nähe. Ich übergebe ihnen die Koordinaten hiermit persönlich auf ihre DataVis.

Celice registrierte gerade, dass Darwin ihr nicht die Koordinaten überspielt hatte, da erklang Ortungsalarm.

Samuel, rief die zweite Etho-Frau. Alarm! Ein Verbund von zehn Schiffen ist an der Systemgrenze aus dem Hyperraum ausgetreten und nimmt Fahrt auf Richtung Systeminneres. Sie legte den Kopf schief und schien zu horchen. David bestätigt die technische Ortung, auch seine Sinne haben die Schiffe bemerkt. Wir werden sie bald identifiziert haben.

Darwin nickte schwerfällig, ein trauriger Zug spielte um seine Lippen. Trotz all der Rückschläge wirkte er dennoch nicht niedergeschlagen, sondern voller Elan.

Bestätigung: Es handelt sich um Reichsschiffe. Zwei 600-Meter-Schlachtkreuzer der Titan-Klasse, vier schwere 320-Meter-Kreuzer der SOL-Klasse und vier 210-Meter-Aufklärer der Mars-Klasse. Letztere beginnen mit einer ersten Sondierung des Systems.

Sie müssen hier konkret etwas vermuten. Ich glaube nicht, dass sie auf Gut-Glück beliebige Sonnensysteme sondieren. Sie müssen einen Verdacht haben, jemanden gefolgt sein. Oder wir haben einen Verräter an Bord, der sie möglicherweise sogar mit einem Signalgeber hier her gelockt hat. Er atmete tief ein und fixierte Celice mit einem vorwurfsvollen Blick. Nicht wahr, Soldatin Firo?

Zwischenspiel

Schüttle dich!

Etwas stimmte nicht. Auch Derek war verdächtig blass, einige Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Die Tatsache, dass auch er krank zu sein schien, ließ vermuten, dass es sich um ein allgemeines Phänomen handeln könnte. Vielleicht ging es einigen anderen bereits ähnlich.

Adam war besorgt, dass auch der in Etho-Augen eher schmächtige Mann Symptome zeigte. Symptome, die so bei ihresgleichen nicht bekannt waren. Konnte es sich um einen Angriff handeln?

Adam seufzte. Er hatte in letzter Zeit genügend erlitten, und hoffte, dass er nur erschöpft war. Obwohl das bei seinem gentechnisch optimierten Organismus eigentlich nicht sein durfte. Auch nicht nach Stunden ständiger Arbeit.

Eben betraten zwei weitere Personen die Zentrale. Es waren Terraner: eine Frau und ein Mann.

Adam würdigte sie nur eines flüchtigen Blickes, dann sondierte er die Umgebung um den Gasriesen weiter nach Funkbotschaften, während Ave neben ihm nach Ortungsreflexen suchte, die auf Raumschiffe oder Sonden hinwiesen.

Höchste Wachsamkeit war angesagt: jede frühzeitige Ortung eines anfliegenden Reichsraumers könnte das Leben der Besatzung retten; jede frühzeitige Ortung eines Feindes die Chance schnellstmöglich auf die Bedrohung einer Entdeckung zu reagieren.

Adam blinzelte. Das Licht in der Zentrale – herbeigeführt durch biochemische Reaktionen einer, an der inneren Haut des Krylaws lebenden, Bakterienkultur – blendete ihn und schmerzte in seinen Augen. Ebenso das Leuchten der vor ihm schwebenden Hologramme.

Das ständige Piepen der Konsolen, Ortungs- und Funkgeräte hinterließ ein hässlich hohes Pfeifen in seinen Gehörgängen.

Überhaupt war er überempfindlich – selbst gegenüber der beruhigend gemeinten Berührung Aves. Heftiger als gewollt, schüttelte er ihre Hand ab.

- Adam!, herrschte sie ihn, auf telepathischem Weg, an. Die Gäste sollten die Probleme nicht mitbekommen. Abgesehen davon, dass die Lage angespannt genug war, ging es sie schlicht nichts an. So kann das doch nicht weiter gehen. Das alles beunruhigt mich. Nun zeigt auch Derek ähnliche Symptome. Ihr solltet euch dringend untersuchen lassen.

Besorgt warf Ave einen verstohlenen Blick auf Derek. Seine blassblauen Augen glänzten fiebrig. Das erkannte selbst Adam, dessen Wimpern allmählich von Tränensekret verklebten.

Er selbst bot keinen besseren Anblick, wie er in der spiegelnden Fläche seines Touchscreens erkannte.

Abgelenkt von der vielen Arbeit, während der Ankunft der Neuankömmlinge, hatte er gedacht die Fieberschübe wären nur ein zeitlich begrenztes Phänomen gewesen.

Doch die Krankheit hatte unerbittlich zurückgeschlagen. Krampfartig hatte er zu husten begonnen und sein erhitzter Körper wurde von Kälteschaudern geschüttelt.

Verschluckt, hatte er grinsend den, ihn irritiert musternden, Gästen erklärt, womit sie sich zufrieden gegeben hatten.

Nicht jedoch Samuel Darwin. Der Kommandant hatte seine emphatisch ausgestrahlte Sorge nicht verbergen können.

Auch jetzt warf er immer wieder Blicke zu Adam hinüber, während er mit den terranischen und szuuschen Gästen über ihre Probleme referierte. Doch auch Derek Lindau galt nun die Besorgnis. Das machte die Sache noch um einiges schlimmer.

Hatte einer der Rebellen, der vielleicht ein Agent des Reiches war, einen gefährlichen Erreger eingeschmuggelt?

- Samuel mustert immer wieder diese schwarzhaarige Frau, die als letztes angekommen ist. Zusammen mit dem recht adretten Terraner, erklärte ihm Ave, die ihre unverhohlene Neugierde nur mäßig verbergen konnte.

Wohin gegen Adam seine lieben Mühe hatte, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren.

Wiederum ließ ein Schüttelfrost seinen Körper erbeben. Nur mit größter Anstrengung unterdrückte Adam den fast unerträglichen Hustenreiz. Ihm schwindelte und er musste sich am Pult abstützen.

- Es reicht, Adam, erklang Samuels Stimme in seinem Kopf. Begib dich zügig auf die Krankenstation. Und nimm Derek gleich mit.

- Sofort…, gab Adam nach. Sobald ein Ersatz für mich und Derek hier ist.

Die Zeit des Wartens wurde unerträglicher, als Adam es sich gedacht hat. Er bezweifelte nicht mehr, dass er krank war; die Symptome konnten nicht nur von Erschöpfung herrühren. Die Krankheit schritt schnell voran und nahm von seinem Körper Besitz ein.

Adam schüttelte sich fröstelnd und es erinnerte ihn wiederum an Krok, den Eisplaneten – und die brennende Forschungsstation, seine in den Flammen sterbenden Eltern.

Ironischerweise waren sie, umgeben von Eis, in der Hitze der Flammen umgekommen.

Adam fror. Doch seine Haut schien zu brennen.

Als die Ablösung kam, stürzte ein Verbund von Reichsschiffen aus dem Hyperraum.

Sie materialisierten am Rande des Systems. Ave erstattete dem Kommandanten Bericht. Wenige Sekunden später gingen die Aufklärer der kleinen Flotte auf Erkundungskurs.

Marlon, so hieß der Mann der Adam ablöste, schob ihn sacht beiseite und versuchte gleich, Funkbotschaften, die zwischen den feindlichen Raumern gewechselt wurden, aufzufangen.

Wie Adam, in seinem betäubten Zustand noch mitbekam, ohne Erfolg.

Riskier nicht zu viel, hätte er ihm noch sagen wollen. Wir dürfen nicht entdeckt werden. Doch ihm war klar, dass Marlon keineswegs dumm war.

… haben einen Verräter an Bord, der sie möglicherweise sogar mit einem Signalgeber hier her gelockt hat. – Nicht wahr, Soldatin Firo?, hörte Adam Samuel Darwins Stimme, wie aus weiter Ferne.

Hatte der Kommandant Recht und die Schwarzhaarige war wirklich eine Verräterin? Laut Ave hatte Samuel die Frau schon länger beobachtet.

Verschwommen sah Adam mit an, wie Firo von zwei Ethos des Wachpersonals abgeführt wurde. Samuel und der männliche Begleiter der Frau folgten ihnen.

Was sie sagten verstand Adam nicht, denn es rauschte in seinen Ohren. Nur das hohe Piepen wühlte sich wie ein mit scharfen Zähnen bewehrter Wurm in seine Gehörgänge.

Die Welt sah er nur noch wie durch eine milchige Scheibe. Die Lichter blendeten und schmerzten.

Etwas fasste ihn am Arm und Adam zuckte vor der Berührung zurück.

Gaahuunnzz ruuhaiigg…, durchdrangen, wie ins unendliche gezogene, mit leiernder, dumpfer Stimme gesprochen, die Worte die Wand vor seinem Gehör, die sonst nur hohe Töne durchstießen.

Als steckte mir Watte in den Ohren.

Wie in Zeitlupe, bewegte sich die Welt vor ihm, und jedes Objekt zog Schlieren hinter sich her, als Adam den Kopf wendete.

Eine stahlgraue Kugel schwebte neben ihm und zog an seinem Arm. Adam folgte ihr. Er spürte noch das empathische Streicheln, das Ave ihm zum Abschied schenkte.

Wiiieeehuuu weihut iuust eös nooacch?, fragte Adam den Medo-Roboter. Selbst seine eigene Stimme, verstand er nicht richtig. Oder sprach er wirklich so leiernd?

Wieder plagte ihn ein Krampf und ein Schüttelfrost durchfuhr seinen Körper. Adam verlor das Gleichgewicht und wäre gestürzt, hätte der Robot ihn nicht mit zwei weiteren Tentakeln gestützt.

Adam wurde übel und er erbrach sich. Eine übel riechende Lache bildete sich auf dem Boden. Die Magensäfte brannten in Adams Hals.

Noooaaach eiiiuuunee Miiiuunuuutööö, beantwortet die Metallkugel Adams vorherige Frage.

Die Minute erschien ihm wie Stunden.

Adam…, raunte jemand. Er erkannte die wispernden Stimmen wieder, die ihn schon vor wenigen Stunden gerufen hatten.

Aufgrund des beinahen Zusammenbruches, hatte ihm der Medo-Roboter ein Aufbaumittel injiziert. Es war nur schwach, da sich die Medo-Einheit nicht sicher sein konnte, ob es dem Etho bei der unbekannten Krankheit nicht schaden könnte. Doch es stabilisierte seinen Kreislauf einigermaßen, sodass Adam in der Krankenstation wieder auf eigenen Beinen stehen konnte.

Auch die Stimmen verstummten.

Nach kurzer Untersuchung verabreichte die Positronik ihm ein weiteres Aufbaumittel. Adam nickte kurz ein. Er war von den Strapazen des bisherigen Krankheitsverlaufs vollkommen erschöpft. Als er wieder aufwachte war eine Viertelstunde vergangen.

Lass mich bitte auf die Toilette. Er schob die ihn versorgenden Tentakel der Krankenstation beiseite und ging zu einer Hygieneeinrichtung.

Er übergab sich ein zweites Mal, diesmal ins Klo. Anschließend erfrischte er sich mit kühlem Wasser. Der Strahl sprudelte, für Adams Empfinden lautstark, in den Abfluss des Beckens. Er wischte sich mit dem kühlen Nass durchs Gesicht. Die Haut brannte trotz der Behandlung.

Als er in den Spiegel schaute, erschrak der Etho.

Wie… sehe ich aus? Seine Augen waren rot unterlaufen, dicke, rot- und blaufarbene Ringe zeichneten sich darunter ab. Das Weiße im Augapfel war kaum noch zu erkennen. Sein Blick war glasig – stetig liefen Tränen seine Wangen hinab.

Rot-bläuliche Flecken übersäten seine kreidebleiche Haut, dicke Beulen seine Arme und – wie er feststellte, als er sein Oberteil hochzog – auch seinen Leib.

Oh mein, Gott, schluchzte er und schlug die Hände vor das Gesicht. Bitte nicht! Habe ich nicht genug erlitten?

Nein, erklang die lapidare Antwort. Wieder waren es die wispernden Stimmen. Ein neuerlicher Schüttelfrost ließ seinen Körper beben.

Rüttle dich und schüttle dich! Adam kannte den Vers aus seiner Kindheit. Wirf dein Säckchen hinter dich!

Die Stimmen kicherten.

Kapitel 5
Mist verdammt!

Rücken Sie schon raus mit der Sprache, forderte Darwin. Der Kommandant der Station starrte sie aus seinen tiefschwarzen Augen an. Er war zum Sie gewechselt. Doch es klang kein bisschen respektvoll, sondern lediglich distanzierend.

Celice saß auf einem Plastikstuhl, der ebenso ein Fremdkörper im organischen Leib des Krylaws darstellte, wie all die technisch hochgezüchteten Maschinen.

So viel zum Thema in Symbiose mit den Krylaws leben, verurteilte sie die Ethos.

Ich protestiere gegen die Behandlung, die mir zuteil wird. Es waren die ersten Worte, die sie an Bord der Station sprach. Und sie bemühte sich, so wenige Emotionen wie möglich darin mitklingen zu lassen.

Geben Sie sich keine Mühe, Soldatin. Wie verächtlich Darwin dieses Wort – Soldatin – aussprach. Ich spüre ihren unterschwelligen Hass und wie er immer wieder aufkocht.

Ich protestiere trotzdem gegen diese Behandlung.

Lass dich nicht von diesem Möchtegern-Übermenschen aus der Ruhe bringen, Celice, schärfte sie sich ein. Der wartet doch nur auf eine Möglichkeit, dich außer Gefecht zu setzen. Natürlich so human wie möglich. Celice musste unwillkürlich grinsen, so absurd war der Gedanke.

Was ist so lustig? Celice schwieg und Darwin wandte sich an Brix. Kelvin – ich darf Sie doch duzen? Der Mann nickte zögerlich. Wusstest du, dass Miss Firo eine Angehörige des Reiches ist?

War!, kam ihm Celice zuvor. Ich bin … desertiert. Die Worte kamen ihr beschwerlich über die Lippen. Nur sehr langsam konnte sie sich an den Gedanken gewöhnen. Noch immer zählte sie sich zum Reich und würde es wohl auch noch lange tun. Zu Abschaum wie dem an Bord dieser Stationwürde sie nie gehören wollen. Lieber stand sie zwischen den Fronten.

Ich bin zwar nur ein schwacher Empath, Kelvin, doch ich spüre deinen Zwiespalt. Glaubst du dieser Frau etwa?

Brix zuckte mit den Schultern.

Ich weiß es nicht. Ich kenne sie beide nicht richtig. Wie soll ich das beurteilen?

Darwin nickte.

Sehr richtig. Es ist klug von ihnen und sehr gerecht, einen Menschen nicht aufgrund seiner Vergangenheit vorschnell zu verurteilen.

Laber nur so oberlehrerhaft. Könnten Blicke töten, Darwin wäre tot umgefallen.

Doch ich spüre den Hass dieser Frau.

Samuel, rief eine Etho. Celice konnte sie nicht sehen. Die Stimme kam aus der ihr rückgewandten Seite. Wir konnten keine Signalgeber oder sonstige Geräte finden, mit denen die Frau die Schiffe hätte herbeirufen können. Auch unsere Leute, denen Kelvin erlaubt hat, die CLAW zu untersuchen, haben bisher nichts gefunden.

Hm. Okay, trotzdem bleibt die Frau in Gewahrsam.

Wagen Sie es nicht!, platzte es nun doch aus Celice heraus. Ich habe nichts an mir, also lassen Sie mich frei! Das müsste ihre ach so hohe Moral ihnen doch geradezu aufdrängen. Sie hatte die Zähne gefletscht, spürte das Blut in ihr Gesicht schießen. All der aufgestaute Hass musste heraus.

Sie wollte sich auf Darwin stürzen, doch Fesselfelder verhinderten es.

Mein Verstand rät mir allerdings zur Vorsicht, sagte Darwin lediglich.

Dann werde ich Sie wohl doch an das Reich verraten, versuchte Celice einen Bluff.

Darwin drehte sich noch einmal, am Ausgang stehend, zu ihr herum.

Nicht, dass ich es Ihnen nicht zutrauen würde. Ich kann ihre Gefährlichkeit durchaus einschätzen; ihr Verhalten, ihre Bewegungen und ihr Mienenspiel zeugen von ihrer Gefährlichkeit. Doch warum sollten Sie das machen? Vor wenigen Stunden sind Sie doch erst desertiert.
Warum überhaupt?

Das geht Sie gar nichts an.

Der Etho zuckte mit den Schultern. Dann verließ er den Raum. Kelvin folgte ihm, Celice einen letzten, unsicheren Blick zuwerfend.

Würde er sie mit zurück nehmen oder im Stich lassen?

Celice konnte den Mann nicht einschätzen.

Mist verdammt!

Minuten später brach die Etho-Frau in Celices Rücken schreiend zusammen und schlug mit einem dumpfen Laut auf dem Boden auf.

Ein Vibrieren schreckte Kelvin aus seinen Gedanken über die derzeitige Situation und Celice Firo auf.

Was hat das zu bedeuten?

Keine Sorge, beruhigte Darwin ihn. Ich stehe mit dem Krylaw und meiner Besatzung in telepathischen Kontakt und habe David und meine Leute angewiesen, die Station tiefer in die Atmosphäre sinken zu lassen.

Das Vibrieren hielt an, schwächte sich jedoch etwas ab. Ansonsten änderte sich nichts. Es roch immer noch leicht nach Fruchtbäumen und Tran. Die Temperatur blieb gleich warm.

Aus welchem Grund? Besteht Gefahr, dass wir entdeckt werden? Unwillkürlich spannten sich Kelvins Muskeln an.

Die besteht natürlich. Doch die Station kann sich sehr gut tarnen. Trotzdem ist es sicherer, wenn wir uns tiefer sinken lassen. Das verringert das Risiko, da wir dort aufgrund der dichten Atmosphäre schwerer geortet werden können. Wir vergraben uns gewissermaßen. Eine akute Bedrohung herrscht momentan nicht. Darwin lächelte ihn freundschaftlich an, wollte ihn wohl aufmuntern.

Kelvin ignorierte Darwins Lächeln. Er hatte kein Interesse daran sich mit irgendwem hier anzufreunden. Er wollte nur mit den Leuten auskommen, um so schnell wie möglich weiterreisen zu können.

Deswegen sprach er nicht, obwohl er sonst stets für einen lockeren Spruch zu haben war. Doch mit wem sollte er hier schon scherzen? Mit Darwin, dem so perfekt erscheinenden Übermenschen, nicht. Auch nicht mit den naiven Rebellenkommandanten, von denen ihm ganz besonders die Szuu mit ihrer Unterwürfigkeit gegenüber Darwin nervten.

Stattdessen musste er wieder an Firo denken. Irgendwie tat sie ihm leid, wie sie von Darwin angeklagt, auf dem Stuhl gefesselt, dagesessen und ihm hinterher gesehen hatte.

Wie sie verzweifelt versuchte ihre Motive zu verbergen.

Er musste daran denken, wie hübsch sie wäre, würde sie nicht stets so verbissen und misstrauisch blicken.

Was für eine grazile Figur sie haben könnte, würde sie nicht stets angriffsbereit dastehen.

Und an ihren knackigen Po.

Erschrocken stellte er fest, wie er sich immer mehr in Gedanken verlor, die nicht hierher gehörten. Fing er etwa an, sich für Firo zu interessieren?

Als sie die Zentrale betraten, holten ihn die holografischen Bilder von außerhalb wieder zurück in die Realität.

Wie es aussah, kontrollierten die Reichsschiffe nun gezielt die Gasriesen des Systems. Sie mussten also eine Krylaw-Station in diesem System vermuten, vielleicht weil sie keine anderen entdeckt hatten.

Zumindest konnte Kelvin keine Schiffe entdecken, die Stationen beispielsweise in den Asteroidengürteln suchten.

So lange die Schiffe im System bleiben, sitzen wir jedenfalls in der Falle, dachte Kelvin.

Schon wieder waren sie in Gefahr. Erst der überraschende Angriff auf GERWILL, und nun das.

Mist verdammt!

Als sie die Zentrale betraten, kam es Samuel vor, als könne er die Krankheit bereits riechen. Er zeigte es nicht offen, doch den mit ihm empathisch verbundenen Etho-Terranern konnte er seine Sorge nicht verbergen.

Die Station sank viele Kilometer in die Tiefe, erkannte er zufrieden auf den Hologrammen. Alles funktionierte, wie Samuel es Kelvin erklärt hatte. Nun gingen sie auf die Mitte des runden Raumes zu.

Adam und Derek sind noch immer nicht zurück, registrierte der Kommandant. Ave warf ihm einen Blick zu, der beinahe mehr sagte, als ihre empathisch zu teilenden Gefühle: Ich habe Angst.

Samuel verstand sie nur zu gut. Es war mehr als seltsam, dass bereits zwei ihrer Männer wegen schwerer Krankheit behandelt werden mussten. Nur ein gefährlicher Virus konnte als Erklärung dienen. Doch weder David noch die Analyse-Roboter hatten bisher einen derartigen Erreger entdeckt.

Ihre Leute sehen erschöpft aus, sagte Kelvin hinter ihm.

Darwin erschrak. Wenn es bereits einem Unbeteiligtem auffiel, musste es wahrlich schlimm sein.

Tatsächlich schauten ihn seine Leute aus erschöpften, fiebrig glänzenden Augen an. Ihre Haut war fahl und schimmerte von einem dünnen Schweißfilm.

Auch David schien es nicht gut zu gehen. Die Innenhaut des Krylaws kräuselte sich leicht. Ein normaler Terraner würde es nicht wahrnehmen, doch Samuel beunruhigte es sehr. Noch nie war ihm so etwas in seinem Leben untergekommen.

Die anderen Rebellenkommandanten warteten bereits auf sie beide. Darwin ging auf sie zu.

Ich muss sie so schnell wie möglich von Bord schaffen. Was uns Etho-Terranern so zu schaffen macht, ist für diese Leute höchstwahrscheinlich tödlich.

- Wir konnten den Erreger noch nicht entdecken, warf David ein. Sah Samuel schon Gespenster oder hörte sich Davids mentale Stimme tatsächlich schwächer an als sonst? Und daher nicht ausschließen, dass unsere Gäste bereits infiziert sind, fuhr der Krylaw fort.

Das ist wahr. Wir stecken in einer Zwickmühle. Was tun? Auf bloßem Verdacht die Station von außen abschotten und ein Chaos herbei beschwören, indem es mit hochprozentiger Wahrscheinlichkeit Tote und Verletzte geben wird – oder riskieren, dass die Flüchtlinge eine Epidemie in die Weiten des Alls hinaus tragen?

Und? Hat die Soldatin Sender an sich?, fragte Jeannette Mayer. Die Frau war selbst für Terraner keine Schönheit und körperlich nicht auf der Höhe. Es wunderte Samuel, dass sie bei ihren Mitmenschen respektiert wurde. Terraner legten oft wert auf Äußeres, weniger auf Kompetenz.

Nein. Allerdings können wir nicht ausschließen, dass sie bereits von der CLAW aus heimlich ein Signal gesandt hat. Unsere Spezialisten arbeiten noch daran.

Wie Jeanette sich bewegte, ungelenk und unästhetisch.

Die Menschen des Volkes ihrer Abstammung erschienen vielen Etho-Terranern wie die misslungene Vorstufe ihrer Entwicklung.

Komischerweise ging ihnen das nur bei ihren Verwandten so. Extraterrestrische Völker schienen den Etho-Terranern weiter entwickelt. Möglicherweise war dies eine Folge ihrer Entstehungsgeschichte, als sie als ein Teil der terranischen Bildungselite von Terra fort gingen und sich abgesondert hatten. Es prägte ein Volk, wenn man augenscheinlich höher entwickelt war, während die anderen Nachkommen ihrer Ahnen sich nur langsam fortentwickelten.

Und jetzt?, fragte Harm Galasek. Was sollen wir bis dahin tun? Fliehen können wir ja derzeit schlecht.

Wir sollten die Flüchtlinge an Bord unserer Schiffe bringen, damit wir sofort nach Abflug der Reichsschiffe starten können, bevor wir ein weiteres Mal überrascht werden, schlug Jeannet vor.

- Prüf sie weiter auf einen möglichen Erreger. Wir können sie nicht weiter hier behalten. Doch wenn sie tatsächlich infiziert sind wäre es katastrophal. Wir müssen die avisierten Fluchtstationen informieren.

Könnte die Soldatin möglicherweise den Erreger eingeschleppt haben?

- Möglich ist es, antwortete David. Doch bisher gibt es keinen Beleg dafür. Doch ich werde sie weiter daraufhin kontrollieren.

- Den Rebellenkommandanten gegenüber bewahren wir vorerst Stillschweigen, um keine Panik heraufzubeschwören, sagte er David lautlos, über die telepathische Verbindung. Die Anwesenden fragte er: Sind alle mit Jeannets Vorschlag einverstanden?

Karak und Hork Zsiss klackerten zustimmend mit ihren Mundscheren. Konstruktives konnte man von ihnen nicht erwarten.

Die beiden Szuu waren seltsame Vertreter ihrer Spezies, fand Samuel. Zwar bestachen die friedlichen Insektoiden stets mit Integrität und Zuneigung, doch in diesem Fall, schlug es bereits in Verehrung für Samuel und die anderen Etho-Terraner um. Was zwar schmeichelte, aber sie nicht voran brachte.

Kelvin?

Einverstanden.

Samuel hatte Kelvin anfangs nicht als verschwiegene Person eingeschätzt. Sein Auftreten und seine Lachfalten redeten eine andere Sprache. Daher schloss Samuel aus dem Schweigen auf Misstrauen ihm und den Rebellen gegenüber.

Unterstützt er Firo gar? Auch wenn der Mann seine Gefühle gut verbergen konnte, Samuel empfing emphatisch dessen Misstrauen. Feindseligkeit spürte er jedoch nicht. Das beruhigte ihn, doch er würde wachsam bleiben.

Gut. Gehen wir.

Samuel wandte sich gerade zum Gehen, da jagte ein emphatischer Schmerzensschrei durch sein Bewusstsein und Sekundenbruchteile später akustisch durch das Zentralenrund.

Alarmiert wand er sich um, sah Ave noch fallen, da wurde ihm selbst schwarz vor Augen und ihm schwindelte.

Irgendetwas stimmt hier nicht, konnte Samuel noch ächzen.

Mist verdammt!

Dann fiel auch er.

Zwischenspiel

Wer zu spät kommt…

- Adam, wisperte eine Stimme in seinem Kopf. Und wieder: - Aadaam.

- Wer… wer spricht da? David? Adam schlug die Augen auf und sah sich um. Er lag dort, wo er in Ohnmacht gefallen war. Erbrochenes lag neben ihm und haftete an seiner Kleidung und seinem Mundwinkel.

- Ja. Ich bin es.

Die mentale Stimme des Krylaw kam dem Etho-Terraner seltsam vor. Es war die seine, aber doch ganz anders. Die Art zu sprechen, wie der Krylaw seinen Namen aussprach, der Unterton …

- Du bist nicht David, stellte er fest. Die Mental-Stimme kicherte. Sie kicherte, wie… Adam verstand von einer Sekunde auf die andere. – Du hast bereits zu mir gesprochen. Du warst in mir.

- Nicht warst. Ich bin es immer noch. Doch nicht nur dort. Wieder kicherte das Wesen, das mit Davids Stimme sprach.

Adam zwang sich hoch. Schlagartig lastet wieder das körperliche Leid auf ihm. Die Welt drehte sich vor seinen Augen, es wurde dunkel – hastig stützte er sich am Becken ab, vor dem er zusammengebrochen war.

Sein Magen rebellierte und Adam erbrach sich wieder. Die Galle schmerzte ätzend in seinem Rachen.

Adam hob seine linke Hand vor seine Augen. Sein Blick klärte sich etwas, doch die verkrusteten Lider behinderten seine Sicht.

Seine Hand war blass und übersät von dunklen Schwielen, als wäre er tagelang über einen felsigen Untergrund gekraucht oder einen Berghang empor geklettert.

Er traute sich beinahe nicht, doch wagte schließlich einen Blick in den Spiegel.

Getrocknetes Erbrochenes klebte in den Mundwinkeln. Seine Lippen waren trocken und aufgesprungen. Blut troff aus seiner Nase, und eine dicke Schicht geronnenen Blutes bedeckte bereits seine Oberlippe unter den Nasenhöhlen.

- Findest du dich hübsch, Übermensch?, spottete Davids Stimme.

- Was hast du mit mir gemacht? Der Etho-Terraner ächzte und stieß sich von dem Becken ab, über dem der Spiegel hing. Er blickte sich um. Davids Haut kräuselte und verdunkelte sich.

Dunkle, wie Hämatome aussehende Flecken prägten die sonst hellblaue Innenhaut des Raumlebewesens. – Was hast du mit David gemacht? Was mit den anderen? Wer… was für ein Monster bist du überhaupt?

Ein starker Alpdruck lastete auf seinem Bewusstsein, als er sich und seinem Körper wieder bewusst wurde. Der Schleier der Bewusstlosigkeit fiel von ihm, und wich dumpfem Schmerz.

- Ziemt es einem höchstmoralischen Übermenschen, wie du doch einer zu sein denkst, so über jemanden zu urteilen, den du gar nicht kennst. Die Stimme lachte laut. – Übermensch! Übermensch! Übermensch!, schallte es durch Adams Bewusstsein, durch jede einzelne Hirnwindung, schmerzhaft laut und zynisch im Angesicht seines Zustandes.

- Was willst du!, schrie Adam zurück. Dabei ächzte er vor Erschöpfung. Er hustete und spuckte mit Schleim durchsetztes Blut aus, das plätschernd auf den Boden tropfte. – Und wer bist du? Wie bist du hierher gekommen?

- Töten, Morden, Abschlachten werde ich euch! Schrill bohrte sich die Stimme, die eigentlich David gehörte, in Adams Hirn.

- Warum?

- Weil ihr es verdient!

Es zwang Adam in die Knie. Sekret troff aus seiner Nase auf Hose und Boden, dunkelrotes Blut mengte sich bei. Es schnürte Adam die Luft ab. Er rang nach Sauerstoff, doch erst quälende Sekunden später gelang ihm wieder ein Atemzug. Er sackte zusammen und schnappte japsend nach Luft.

- Ist das der einzige Grund? Kannst du dich sonst nicht rechtfertigen? Warum provoziere ich das Wesen denn noch?, fragte sich Adam. Bin ich denn lebensmüde? Oder mir sicher, dass es mich eh töten wird?

- Muss der Mächtige sich rechtfertigen?

Wieder zuckte ein Schmerz durch Adams Körper und ließ ihn schleimiges Blut spucken. Ein Schüttelfrost beutelte ihn. Minutenlang lag er spastisch zuckend am Boden.

Bilder spielten direkt in seinem Kopf. Ein von Blut, Schleim und Erbrochenem besudelter Mann wälzte sich auf einem pockigen, dunklen Boden. Adam verstand, dass er es war.

- Gefällst du dir?

Adam antwortete nicht, wollte dem Wesen, das ihm dies antat, nicht seine Schwäche zeigen, denn sein Geist schwächte sich immer weiter ab.

Ihm war, als würden seine mentalen Fühler nach und nach beschnitten werden. Empathisch und Telepathisch bewegte er sich nur noch wie auf einem gesunden Bein voran.

Als der Etho-Mann sich erheben wollte, bemerkte er die bleierne Schwere seiner Glieder. Mit höchster Anstrengung hieb er seinen Körper hoch. Erst auf die Knie, mit den Händen abstützend. Dann krabbelte er, wie ein kleines Kind auf die nächstgelegene Wand zu. Für die wenigen Meter brauchte er eine halbe Minute.

Dort richtete Adam seinen Oberkörper auf, stützte seine Hände an die Wand und zog sich hoch, bis er auf seinen wackeligen Beinen stand.

- Und nun? Die Stimme klang plötzlich teilnahmslos. Adam begriff, was das Wesen hinter Davids Stimme ihm damit sagen wollte: Ganz tolle Leistung. Wen willst du damit beeindrucken, Ex-Übermensch?

- Und nun, werde ich meine Freunde suchen und mit ihnen überlegen, wie wir dich wieder loswerden.

- Süß. Kichern. – Aber weißt du was? Du wirst es bereits ahnen, denn so dumm bist du nicht – ihr könnt mich nicht loswerden. Ich bin ein Virus, springe von Wesen zu Wesen und infiziere es. Selbst die Kontrolle über eure Station habe ich übernommen, was zugegeben mein höchstes Ziel war, da es alles erleichtert. Wie also, wollt ihr mich aufhalten?

Adam musste sich wieder an der Wand abstützen. Die mentale Kraft raubte ihm beinahe den letzten Funken Widerstand, der seinen geschundenen Körper noch aufrecht hielt.

Er lehnte mit dem Gesicht an der Wand. Pocken und Narben verunzierten sie. Es roch nach Tod – süß und modrig.

- Wie bist du an Bord gekommen?, fragte Adam. Vielleicht können wir so einen Weg finden, wie wir den Virus wieder loswerden können, dachte er, hoffend, dass der in seiner hohen Anzahl wohl intelligent gewordene Virus nicht über Davids Sinne seine Gedanken lesen konnte.

- Falls du denkst, ihr könntet so einen weg finden, mich zu besiegen, vergiss es. Aber ich möchte dir den Gefallen tun, und es dir zeigen.

Bilder entstanden wieder direkt in Adams Kopf. Ein Krylaw, der verletzt durchs All schwebte.

Jamile, erkannte er den verstorbenen Krylaw. Er war auf ihm stationiert gewesen, als das organische Raumschiff von Reichsschiffen angegriffen und getötet worden war.

Weiter Bilder erschienen: Männer in dunklen Uniformen, die Etho-Terraner schleppten. Eine enge Zelle. Verhörroboter. Schmerzverzerrte Gesichter. Eine Injektionsnadel, die in eine Halsschlagader gerammt wurde.

Wir wurden gar nicht sofort aus Raumnot gerettet, wurde sich Adam bewusst und bemerkte, dass er den Gedanken laut ausgesprochen hatte.

- Nein, bestätigte der Virus vergnügt. – Und nun rate mal, wer als einziger Überträger hier an Bord der Station in Frage kommt?

Adam ächzte. Alles drehte sich, und diesmal war es nicht nur wegen seinem kranken Körper. Die Erkenntnis traf ihn brutal.

Ich. Ich bin schuld.

Er torkelte los, ging durch die Tür in die Krankenstation. Die Geräte brannten, krankhaft wucherndes Krylawfleisch griff auf die technischen Installationen über und zerstörte sie.

Entsetzt wandte Adam den Blick ab.

- Was tust du nur?, klagte er den Virus an. – Was haben wir dir denn getan? Und was habe ich denn getan, dass es schon wieder mich trifft?

Warum nur immer ich, dachte Adam verzweifelt und fasste einen Entschluss.

Ich werde nicht aufgeben, krächzte er heiser. Seine Kehle brannte, sein ganzer Körper war ein einziger Schmerz. Der Rauch der brennenden Geräte stach in seiner Nase.

Ein Zerren in seinem Kopf ließ ihn stocken. Er hörte ein Raunen und ein kurzer mentaler Kontakt gelang mit einem anderen Etho-Terraner. In der Kürze und Schwäche der Verbindung konnte Adam nicht erkennen, wer der andere war. Doch er sandte der Person alle seine Erkenntnisse in einem Schwall und hoffte der andere würde die Informationsflut verstehen.

Diesmal werde ich nicht verlieren. Ich lasse mich nicht unterkriegen.

Adam öffnete die Tür zum Gang und trat hinaus.

Ein Tentakel aus Krylawfleisch traf ihn und er ging zu Boden.

Da begriff er, dass es bereits zu spät war.

Kapitel 6
Kollaps

Der Himmel schien ihnen auf den Kopf zu fallen.

Die vor kurzem noch hellblaue nur von wenigen dunkelblauen Flächen gefleckte Innenhaut der Krylaw-Station, hatte sich innerhalb von wenigen Minuten in einen tiefdunklen, sich dem schwarz nähernden Farbton verändert.

Dabei kräuselte sie sich, platzte an einigen Stellen auf, wobei eine schleimige Flüssigkeit aus den Wunden troff. Nur, um sich sekundenschnell wieder zu schließen und pockenartige Narben zurückzulassen.

Mittlerweile ähnelte die Haut der eines greisen, blauhäutigen Mannes.

Auswüchse bildeten sich in rapidem Zellwachstum, wie Karak Zsiss diagnostizierte – endlich macht sie sich mal nützlich, dachte Kelvin. Langsam senkten sie sich der Gruppe Menschen und Szuu entgegen, die sich um die Ethos scharte.

Karak und ihr Bruder Hork, beide leidlich, doch am besten von allen, medizinisch bewandert, kümmerten sich mit Hilfe der wenigen Medo-Roboter, um die bewusstlos gewordenen Männer und Frauen.

Was auch immer hier geschieht, raunte Harm Galasek mit seiner rauchigen Stimme den anderen zu, als würde er fürchten belauscht zu werden, im Gegensatz zu terranischen Schiffen und Stationen, scheint die Zentrale hier nicht der sicherste Ort zu sein. Er zeigte mit seinen dicken Fingern auf die wenigen noch aktiven Bildschirme, die Eindrücke aus der Station zeigten.

Anscheinend sah es nicht überall so schlimm aus, wie hier.

Wir sollten uns baldmöglichst von hier fort machen.

Erst, wenn wir den Etho-Terranern geholfen haben, mischte sich Karak klickend ein. Ein Translator übersetze ihre Worte in Terranisch.

Kelvin konnte sie aufgrund ihrer vollkommenen Physiognomie überhaupt nicht einschätzen.

Ist sie besorgt? Erschüttert, dass ihre Idole doch nicht unanfällig für alle Gefahren sind? Woran könnte ich es erkennen; an dem Klackern ihrer Mundscheren, ihren Bewegungen?

Die Funkanlagen funktionieren überhaupt nicht mehr, unterbrach Jeannet Mayer Kelvins Überlegungen.

Im Gegensatz zu mir, kümmert sich die Frau um Wichtigeres, rief er sich zur Ordnung. Während die beiden Szuu sich um die Versorgung der Ethos gekümmert hatten und Jeannet die Funk- und Ortungsanlagen erneut überprüfte, hatte Kelvin die nähere Umgebung der Zentrale untersucht, doch nichts außer einigen vom Zellwachstum beschädigten Maschinen gefunden. Alles sah gleich aus, die Farben und Zahlen, die zur Orientierung für Nicht-Ethos diente, waren verblasst und bevor Kelvin in Gefahr geraten war, sich zu verirren, war er in die Zentrale zurückgekehrt.

Wir müssen von außen angegriffen worden sein. Irgendeine Strahlung, die die Veränderungen der Station verursacht und die Funk- und Ortungsgeräte stört, meinte der dreischrötige Galasek.

Dann muss dies aber sehr unauffällig geschehen sein. Mayer schien mit Galasek nicht einig zu sein. Es konnte kein sich näherndes Objekt geortet werden, wie ich den Archiven der Ortung entnahm.

Einer der Ethos rührte sich und stöhnte leise auf. Es war Darwin, der Kommandant.

Was ja nun auch egal ist. Kelvin schob sich an den beiden Terranern vorbei und hockte sich neben Darwin. So leid es mir tut, log er, aber Sie müssen sich jetzt aufrappeln.

Keine Zeit zum Wunden lecken, bekräftigte ihn Galasek, mit dröhnender Stimme, die Darwin sein Gesicht schmerzhaft verziehen ließ.

Was ist denn passiert? Der Etho erhob sich in eine aufrechte Position und rieb sich den anscheinend schmerzenden Schädel. Getrocknetes Tränensekret verklebte seine Augenlider und als Darwin es sich heraus gerieben hatte, blickte er sich erschrocken um. Das ist…

Erschreckend? Allerdings. Kelvin schob Karak Zsiss zur Seite, die nach Darwin sehen wollte. Er kümmerte sich nicht um ihr empörtes Klacken. Als sie alle umfielen, gingen nach und nach die Lichter aus, erläuterte Kelvin was geschehen war. Wir konnten unsere Leute noch darüber informieren, dass sie die Flüchtlinge evakuieren sollen, dann versagten auch die Funk- und Ortungssysteme. Keine Ahnung, ob es ihnen gelang. Die Holos zeigen nur wenige Bilder von innerhalb der Station, kein einziges von außerhalb.
Ich habe zwischendurch die Umgebung untersucht, doch nicht viel entdeckt, außer einigen beschädigten Maschinen.

Und diese Veränderung?, fragte Darwin und deutet auf die sich überall krankhaft vermehrende Krylaw-Substanz. Sie glänzte, wie von einem feinen Schweißfilm überzogen.

Ging Hand in Hand mit den Ausfällen der Systeme. Weit bin ich nicht gekommen, da ich mich nicht verlaufen wollte. Doch nirgends sah es so schlimm aus wie hier.

Wahrscheinlich verursachte das Zellwachstum die Störung der Systeme, hat sie wohlmöglich beschädigt, fügte Jeanette Mayer hinzu.

Außerdem ging alles sehr schnell. Wir sollten uns beeilen, um hier wegzukommen. Es sei denn sie können die Situation noch retten. Fragend sah Galasek den Etho-Kommandanten aus seinen grünen Augen an, sein Blick wirkte gehetzt. Er war wohl einer der schnellen Truppe, hielt nichts von Geduld.

Ich weiß nicht, ob wir was dagegen tun können.

Wenigstens ist er ehrlich.

Auf jeden Fall müssen wir zusehen, dass ihr von hier fortkommt und die Flüchtlinge evakuiert werden. Darwin erhob sich schwankend und sah nach den anderen Etho-Terranern. Bald sind hoffentlich auch meine Leute wieder auf den Beinen. Ich werde euch allerdings schon zu den Schleusen bringen. Ave hier, er deutet auf eine junge Frau, die gerade erst erwacht war, und sich irritiert umsah, wird sich um die anderen kümmern. Kommt.

Karak und Hork Zsiss bekamen auf dem Weg Schutzanzüge ausgehändigt, die in einem Lagerraum der Zentrale für Fremdvölker bereitgehalten wurden.

Wie unvernünftig, sich so auf fremde Technik zu verlassen und sich in solchen Krisen nicht selbst abzusichern.

Kelvin verstand das unkritische und unverantwortliche Verhalten der beiden Szuu einfach nicht. Er hatte kein Verständnis für solch ein uneingeschränktes Vertrauen anderen gegenüber; es widersprach seinem Naturell.

Sie verließen die Zentrale über die Leiter im Schacht des ausgefallenen Antigravliftes und betraten einen Gang, über den Kelvin auf dem Hinweg die Zentrale erreicht hatte.

Sie erwartete eine Hölle.

Karak Zsiss erwischte es als Erste.

Ein dunkler, fast schwarzer Tentakel erwischte sie mit einem heftigen Schlag, worauf sie stürzte. Dann wurde sie von dem Tentakel gepackt und hochgehoben.

Ihr Bruder Hork zirpte panisch und klackerte hektisch mit seinen Mundscheren. Harm Galasek hob seinen Blaster, doch es bot sich ihm keine Möglichkeit den Tentakel zu treffen, da er stets in Gefahr lief Karak selbst zu treffen.

Schließlich teilte sich die Pseudopodie aus Krylawfleisch und bohrte sich durch Karaks Mundöffnung in deren Körper. Durch die Tracheenöffnungen drang die dunkle Masse wieder hervor. Dabei wurden die anfangs dünnen Fäden immer dicker und sprengten schließlich den Chitinpanzer der Szuu. Mit einem hässlichen Knacken, wie beim Öffnen eines Hummers, brach der Panzer und transparente Tracheenflüssigkeit troff auf den Boden. Jeannet Mayer würgte.

Kelvin konnte nur betroffen zusehen. Sein Magen verkrampfte.

Weiter, wir müssen weiter. Harm Galasek schoss blaue Strahlen in die fleischigen, glänzenden Tentakel, worauf Boden und Wände vibrierten, als würde die Station vor Schmerz beben.

Doch ehe sie sich versahen, hatten sich neue Pseudopodien ausgebildet und schlugen nach den Männern und Frauen.

Darwin zog den sich vor Trauer windenden Hork mit sich, denn gegen den Etho-Terraner, dem er ein übermäßiges Urvertrauen entgegenbrachte, wehrte sich der Szuu am wenigsten.

Mayer war leichenblass und übergab sich plötzlich doch noch. Kelvin zerrte sie am Arm mit sich. Stolpernd folgte sie. Galasek bildete die Nachhut.

Ich kann David mit Mühe und Not in Schach halten, krächzte Darwin an die Adresse der drei Terraner. Der Etho-Kommandant hatte doppelt zu kämpfen – mit Hork und mental mit der Krylaw-Station. Ein Schweißfilm bedeckte seine Haut und feuchte Flecken bildeten sich auf der beigefarbenen Kleidung des Ethos.

Haben Sie eine Ahnung, was der Grund für all das sein könnte?, fragte ihn Kelvin.

Darwin machte eine wegwerfende Handbewegung. Hör doch auf mit diesem dämlichen Gesieze, schimpfte er ungewohnt heftig.

Die stressige und schmerzhafte Situation, lässt ihn alle Höflichkeit vergessen, bemerkte Kelvin. Darwin sah ihn aus blutunterlaufenen Augen an. Der vor knapp einer Stunde noch so stattliche, alterslos erscheinende Mann mit den goldenen Locken wirkte nun alt – sehr alt und krank. Seine Haut war aschfahl, die Lippen aufgeplatzt, der Schimmer seiner tiefschwarzen Augen fiebrig.

Ich habe keine Ahnung, was das sein könnte, habe noch nie von so etwas gehört. Vielleicht hat das Reich… Darwin stockte und schwieg.

Ein Schrecken huschte über sein Gesicht und schmerzhaft, wie beim Verlust eines Freundes, verzog sich seine Miene.

Weiter, krächzte er dann. Wir müssen uns beeilen.

Der Schmerz war beinahe unerträglich – der körperliche und der mentale.

Sie hetzten durch die verunstalteten Gänge Davids. Darwin zog Hork neben sich her, der ein leises, vom Klackern der Mundschere untersetztes Wimmern ausstieß.

Er tat Samuel leid, doch es ging um ihr Leben, sodass sein Mitleid hintan stehen musste.

Kelvin, Jeannette und Harm folgten, mit ihren Blastern blaue Energiestrahlen in den Leib des Krylaws schießend.

Der Schmerz über die emphatische Rückkoppelung zum Krylaw erreichte ihn nur dumpf, als würde etwas zwischen ihnen stehen. Trotzdem schmerzte es Samuel, doch er sah keine andere Möglichkeit, mit der sich die Menschen vor den aus Zellwucherung entstandenen Tentakeln hätten retten können. Er selbst konnte David nur teilweise davor zurückhalten, sich nicht zerstörerisch auf die Gruppe zu stürzen.

Dafür schmerzte ihn die krankhafte Ausstrahlung Davids. Sein Inneres roch nach krankem Fleisch, das wucherte und sich kränklich dunkel verfärbte. Etliche Narben geplatzter Pocken übersäten das fleckige, fleischige Innere Davids.

Eine dunkle, gequälte Aura strahlte die Station auf empathischer Ebene aus, und sie schien sich nur noch instinktiv gegen die fälschlicherweise als Eindringlinge eingeschätzten Menschen zu richten.

Als würde der Organismus, im Eifer des Gefechts, statt gegen den Krankheitsreger, der Ethos und Station befallen hatte, gegen die Ethos und Menschen kämpfen.

Wie weit ist es noch?, fragte Kelvin hustend. An vielen Stellen, die sie passierten, hatte das wuchernde Fleisch Maschinen gequetscht und beschädigt. Es brannte dort, was David schmerzte und ihn nur noch wilder machte. Rauch zog durch die Gänge und trübte die Luft. Sie war stellenweise zum Schneiden dick und ätzte in den Lungen.

Ich habe keine Ahnung was das sein könnte. Habe noch nie von so etwas gehört. Vielleicht hat das Reich…, erklärte er gerade und stockte.

Eine mentale Nachricht erreichte ihn, dessen Eindringlichkeit und schmerzhafte Intensität und Informationsfülle ihm für einen Moment den Atem raubte.

Weiter, krächzte er dann. Wir müssen uns beeilen.

Mit schleppendem Schritt mühte er sich weiter. Dabei versuchte er die Informationen Stück für Stück in sein Bewusstsein fließen zu lassen.

Kelvin und Harm zeigten das größte Durchhaltevermögen. Jeannette war völlig außer Atem, würgte, keuchte und hustete. Ihre Augen waren blutunterlaufen, gereizt und tränten.

Ich kann nicht mehr, krächzte sie. Doch sofort richtete sie sich wieder auf, blickte als müsste sie sich selbst ohrfeigen und sprach: Doch. Wir müssen Haddington vor dieser Gefahr warnen. Sie darf die Rebellion nicht weiter schwächen.

Samuel wusste nicht, ob er sie für tapfer oder naiv halten sollte. Kelvin hingegen schien eine klare Meinung davon zu haben:

Seien Sie doch nicht so dumm und naiv. Hier geht es um unser nacktes Überleben. Wer weiß, ob ihre tolle Rebellion da draußen überhaupt noch existiert. Also weiter jetzt.

Jeannette schien protestieren zu wollen, doch ein Hustenkrampf hielt sie davon ab.

Harm nahm sie am Arm und zog sie weiter.

Der Schmerz, den die Nachricht des anderen in ihm verursacht hatte, ebbte langsam ab und Samuel extrahierte die Informationen.

Jamile… Reich… Gefangen… Virus…

Samuel musste sich stark konzentrieren, um das wichtigste aus der Informationsflut herauszufinden und um die empathische Übermittlung von unsäglichem Leid auszuklammern. Die Nachricht musste in höchster Not abgeschickt worden sein.

Jamile, wiederholte der Kommandant in Gedanken, während er versuchte neben der Nachricht auch auf die Umgebung zu achten und Hork mitzuziehen, der nun apathisch in seinen Armen hing. Jamile, Reich… Ah! Jetzt. Jamile war der Krylaw auf dem Adam stationiert war, bevor er hierhin versetzt wurde.

Da ihn seine Erinnerung im Stich ließ und er nicht noch mehr Konzentration dafür aufbringen konnte, holte sich Samuel die Informationen aus seinem DataVis.

Der Krylaw Jamile wurde von Reichsschiffen aufgebracht und getötet. Die überlebenden Etho-Terraner wurden von Rettungsschiffen geborgen, sandte das DataVis die Informationen direkt in Samuels Bewusstsein, die Erinnerung schien plötzlich einfach präsent zu sein.

Reich… uns… nicht an Bord gelassen, verstand Samuel weitere Informationsfetzen. Injektion, Virus. Überlebenden… andere Stationen infizieren.

Wohin nun?, riss ihn eine männliche Stimme aus seinen Überlegungen. Er blickte zur Geräuschquelle und erkannte den kurzhaarigen Terraner.

Kelvin, rief er sich in Erinnerung. Wie verwirrt bin ich, dass ich schon beinahe die Namen vergesse? Ein Hustenkrampf beutelte ihn und ein stechender Schmerz raste durch seinen eh schon geschundenen Rachen.

Er sah vor sich eine Gabelung und registrierte, dass er intuitiv den bisherigen Weg gegangen war, wie er ihn in Erinnerung hatte, ihn tausende Male gelaufen war. Diese Stelle war Samuel unbekannt. Verwirrt blickte er sich um.

Ich… ich bin mir sicher, dass wir richtig gegangen sind, auch ohne Davids Leitung. Aber diese Gabelung kenne ich nicht, und ich kann von mir behaupten jeden Winkel der Station zu kennen. Die Zellwucherungen müssen diese Gabelung erschaffen haben. Wieder musste er husten und spie Blut aus. Besorgt musterte ihn Harm Galasek. Kelvin wartet ungeduldig. Das, was von David Besitz genommen hat – ein Virus, wie ich nun herausfand – muss das Innere umzuordnen versuchen. Möglicherweise will es uns gefangen nehmen.

Kelvin runzelte ungläubig die Stirn. Samuel konnte es ihm nicht verdenken, wurden sie doch immer noch von der Station angegriffen und hatten bereits eine Tote zu beklagen.

Wie auch immer. Wo lang sollen wir gehen? Wir müssen endlich weiter, drängte Kelvin und schoss auf ein sich näherndes Tentakel. Der Gestank von verbranntem Fleisch verursachte Samuel Übelkeit.

Jeder Weg ist gleich gut, erwiderte er. Es ist soweit, dass auch ich nicht mehr helfen kann, außer, die Angriffe einigermaßen im Rahmen zu halten.

Da durchzuckte ihn ein aggressiver Impuls und er sackte in die Knie.

Stimmen wisperten und riefen kaum vernehmlich seinen Namen.

Darwin ging in die Knie und blieb dort hocken, inmitten des Chaos um sie herum. Das Zischen von Waffenstrahlen, das Knallen durch die Luft peitschender Tentakel und das schmerzhafte Beben der Station bei jedem Treffer der Blaster schuf eine Kakophonie des nahenden Todes.

Jeannet Mayer kniete sich neben den Etho und tätschelte seine Wange, schlug dagegen, schrie ihn an und beschwor den vor wenigen Stunden noch so vitalen, stolzen Mann zu kämpfen. Sie injizierte ihm Aufbaumittel in schädlichen Mengen, doch sein Blick blieb in unbekannte Ferne gerichtet. Seine Lippen bebten und schließlich sackte er in sich zusammen und schlug auf den feuchten, fleischigen Boden auf.

Galasek drehte sich zu Jeannet um und hielt kurz inne in seinem abwehrenden Beschuss der angreifenden Tentakeln, die immer mehr zu werden schienen. Ein Schweißfilm bedeckte seine Haut, und im Gegensatz zum Etho rührte dies nicht von einem Virus her, sondern von Anstrengung und der fiebrigen Hitze, die die Luft zusammen mit dem beißenden Gestank brennenden Plastiks unerträglich machte.

Kelvin zog den Stofffetzen, den er sich vor Mund und Nase gebunden hatte, herunter und sagte an Jeannet gerichtet: Was ist los? Warum wacht er nicht auf?

Sie zuckte mit den Schultern und schwieg.

Wenn er nicht wieder erwacht müssen wir ihn eben hier lassen.

Die Rebellin wollte aufbegehren, als ein Zucken durch Darwins Körper ging und seine Pupillen sich weiteten. Wild ruckten seine Augen hin und her. Er schien in einer Traumwelt gefangen, und das kehlige Stöhnen das zwischen seinen Lippen hervordrang, ließ ahnen, dass es ein Alptraum war.

Er kämpft, sagte Mayer und strich Darwin zärtlich einige schweißnasse Strähnen aus der Stirn. Bitte wach auf, flehte sie. Lass uns nicht im Stich.

Es brodelte über ihnen, und dass weiter Tentakel aus der Decke wuchsen, direkt über der Frau und dem Kommandanten, war für Kelvin ein deutliches Zeichen, dass es mit Darwin zu Ende ging. Bisher hatte er die Station einigermaßen im Griff gehabt, sodass sie wenigsten nicht komplett den Angriffen des Krylaws unterlegen waren. Nun schien es damit zu Ende.

Kelvin schoss in die immer länger werdenden Auswüchse und der Etho ruckte hoch, sein Kreuz drückte sich durch und ein von Hass und Schmerz erfüllter Schrei entrang sich seiner Kehle.

Kelvin stürzte zu dem Mann, dessen Blick sich zu klären schien. Darwin sackte wieder in sich zusammen und Kelvin ergriff dessen Gesicht.

Wach auf!, schrie er ihn an, doch Darwin schien ihm wieder zu entgleiten. Mit voller Wucht zog Kelvin ihm seine Rechte durchs Gesicht und stieß mit der Schulter Mayer weg, die ihn unter lautem Protest von Darwin wegzerren wollte.

Alle sterben, krächzte Darwin und Blut quoll aus seinem Mundwinkel. Tränen standen in seinen Augen und liefen über bereits getrocknetes Tränensekret die Wangen des Mannes hinunter.

Wir müssen zu den Hangars!, schrie Kelvin dem Mann ins Gesicht und schüttelte ihn an den Schultern. Sie müssen uns helfen. Los, Mann.

Kelvin spürte, dass es immer heißer wurde, schwüle Luft drückte auf seine Lungen und erschwerte das Atmen, schien ihn zu erdrücken.

Darwin reagierte nicht, schloss nur die Augen und ließ Kelvins nächsten und übernächsten Schlag ins Gesicht über sich ergehen.

Eine Datei ging in Kelvins DataVis ein und an dem Aufblitzen in Mayers Augen, erkannte Kelvin, dass wohl auch sie die Datei empfing. Die Firewall des DataVis hielt sie für unbedenklich und Kelvin akzeptierte den Eingang. Kurz vor dem Übertragungsende öffneten sich noch einmal Darwins Lippen.

…kriegst mich nicht… Dann erlosch in ihm der letzte Funken Leben.

Das Chaos brach über sie herein.

Endspiel

Eines anderen Mannes Regen

Wir sind verloren, wiederholte Adam in Gedanken. Und ich bin daran schuld. Ich habe den Virus eingeschleppt.

Er schlug seine schwieligen Hände über dem Gesicht zusammen und weinte. Ein Hustenanfall beutelte ihn und sein Körper verkrampfte sich; Adam sackte auf dem Boden zusammen und blieb dort, inmitten des Chaos, liegen.

Das von unbändigem Zellwachstum entartete Fleisch des Krylaws quoll auf und wieder ab. Die Pseudopodien kreisten lauernd um ihn herum, durch die stickige, nach Fäulnis und Tod riechende Luft, die Adam an den Geruch alter Lebewesen erinnerte. Doch sie berührten ihn nicht.

Etwas griff nach ihm; er zuckte zusammen und sammelte seine letzten Kräfte. Er würde sich nicht kampflos ergeben, doch er wusste, dass er verloren hatte.

Nun ist es also soweit. Erst verlor ich Eltern und Freunde, beim Untergang der Forschungsstation im ewigen Eis; dann meine Unschuld in dem ich einen Menschen tötete. Ich verlor viele meiner Freunde, als das Reich unseren Krylaw ermordete und uns mit diesem Virus infizierte – und nun verliere ich mein Leben.

Die Hand, die Adam unendlich langsam erhoben hatte, durchschlug nur Luft. Er öffnete die brennenden Augen und erkannte seine Umgebung, die einem Alptraum entsprungen zu sein schien.

Warum quälst du mich?, krächzte Adam. Sein Hals war ausgetrocknet und es schmerzte ihn bei jedem Luftholen in Hals und Lungen. Er hustet und spuckte wieder Blut; die dunkelrote, von Schleim durchsetzte Flüssigkeit versickerte im porös gewordenen Boden. Bring mich doch um! Adam erinnerte sich des Messers. Er hatte es in einem Meter Entfernung fallen gelassen.

Langsam, mit kraftlosen und schmerzenden Gliedern kroch er darauf zu, packte den Schaft und stieß die Klinge in das immer dunkler werdende Fleisch des Krylaws.

Ein Tentakel schlug nach seinem Arm, aber streifte ihn nur schmerzhaft, als Adam ihn zurückzog. Fest hielt er das Messer in der Hand.

Da musst du schon mehr machen. Seine Stimme war nicht mehr lauter, als ein Flüstern. Doch Adam war sich sicher, der Virus würde ihn hören. Bring es schon zu Ende.

Die Kräfte verließen ihn und sein Kopf sackte auf die Brust. Wieder streifte ihn etwas, er schielte auf die Stelle und merkte en