Thomas Köhl
Der letzte Auftrag

Was bisher geschah

Nachdem beim letzten Einsatz etwas schief ging und die felorische Flotte dem Schiff aufgelauert hat, erreicht die KOJOTE nur mit Mühe und Not das SOL-System. Das Schiff ist bei der Ankunft ein besserer Schrotthaufen, der jeden Moment zu explodieren droht.

Dank der Hilfe einiger terranischer Schiffe gelingt es das Schiff zu retten und zu einer Mondwerft zu schleppen. Dort trifft Michael Sardon auf Reginald Bull, der das Schiff reparieren lassen will, für einen kleinen Gefallen …

Hauptpersonen

Michael Sardon:
Commander der KOJOTE und relativ Unsterblicher
Sharleena:
Eine Spitzennavigatorin
Ryzzelhynn:
Ein geheimnisvoller Zwerg

Kapitel 1
Der Auftrag, Januar 1302 NGZ

Schwere Detonationen schüttelten die KOJOTE. Der Gravitravspeicher rumorte vernehmlich und kämpfte mit der letzten Eindämmung. Ätzende Rauchschwaden krochen aus den Lüftungsschlitzen und quälten meine Lunge.

Das wird unsere letzte Reise, schrie ich gegen den Lärm an. Sharleena nickte kurz. Schweißnass peitschte sie das Schiff durch den Hyperraum. Der Metagrav heulte auf und trieb mir kalte Schauer über den Rücken. In wenigen Minuten flog uns das Schiff um die Ohren.

Die KOJOTE stürzte in den Normalraum, einen langen Feuerschweif hinter sich herziehend. Aus den Trümmern Plutos schossen fünf terranische Kampfschiffe und funkten uns an. Der Panoramaschirm flackerte kurz, dann baute sich das verzerrte Bild eines Terraners auf.

Was seid ihr für Gestalten?

Mir fehlte die Zeit für erschöpfende Erklärungen.

Wenn ihr ein Notfallteam an Bord schickt, können wir uns gepflegt darüber unterhalten. Das untere Drittel des Schiffes ist vakuumgeflutet. Der Gravitravspeicher lässt sich nicht entleeren.

Ich hustete lauthals und wischte die Tränen aus dem Gesicht. Brauchst du noch mehr?

Ich schicke euch Unterstützung.

Ich entriegelte sämtliche noch zu öffnenden Hangars. Ein Heer Spezialisten flutete die KOJOTE und kämpfte sich ins Schiffsinnere vor. Sie brachten die Brände unter Kontrolle und stabilisierten den Raumer.

Einen halben Tag nach der Ankunft im Solsystem schleppte ein schwerer Flottentender die KOJOTE zum Erdmond. Ich lieferte den gut verschnürten felorischen Doppelgänger an Reginald Bull aus. Kopfschüttelnd begutachtete der Unsterbliche die angerichteten Schäden.

Du hattest wohl gerade keine Glückssträhne. Was ist schief gelaufen, Mike?

Die Felorer folgten uns durch den Hyperraum. Beim letzten Orientierungsstopp warteten sie bereits auf uns.

Ohne zu überlegen unterbreitete mir der Ligaminister sein Angebot.

Wir lassen deine KOJOTE im lunaren Trockendock generalüberholen.

Und was ist der Preis dafür?

Bull lächelte vieldeutig.

Ein Dienst unter alten Freunden. Ein letzter Auftrag.

Sechs Wochen später...

Michael Sardon, eine Nachricht für dich, flüsterte die Bordsyntronik.

Das kann warten. Auch ich habe ein Recht auf ein paar Stunden Erholung.

Meine Stimme klang so kratzig wie nach ausgiebigen Alkoholexzessen.

Die Botschaft kommt von NATHAN, legte der Rechner mit gedämpftem Vokabular nach. Ich schlug die Decke zur Seite und quälte mich aus dem Bett.

Warum sagst du das nicht gleich? Licht an!

Du hast mich nicht danach gefragt, erwiderte die Syntronik spitzfindig. Sie erhöhte die Kabinenbeleuchtung in augenfreundlichen Stufen. Das Schreibtischterminal fuhr hoch und spuckte wirre Zahlenabfolgen und Buchstabenkombinationen aus.

Die Botschaft wurde verschlüsselt, bemerkte mein künstlicher Freund.

Das sehe ich auch, knurrte ich missmutig. Ich hasste kodierungswütige Terraner und vorlaute Maschinen wie die Pest.

Noch so ein schlauer Kommentar und und wir unterhalten uns über deine Umprogrammierung.

Da leuchteten zwei klar lesbare Worte auf.

PASSWORT EINGEBEN.

Bull, du bist ein verdammter Sicherheitsfreak!

Bei unserem letzten Zusammentreffen erwähnte er diese Hürde mit keinem Wort.

Passwort, Passwort, …

Meine Gedanken kehrten in die Vergangenheit zurück. Ich fahndete fieberhaft nach Stichwörtern. Erinnerungsfetzen drängten sich auf.

Das Tiefenland, die BASIS, die Liste war schier unendlich.

Natürlich! Syntron: Eingabe des Wortes Zellaktivator .

Sofort gruppierten sich die Zahlen und Buchstaben um. Zurück blieb eine knapp zweizeilige Kombination.

Die Kennung einer Transmitterstation, erkannte ich leicht überrascht.

Syntron!

Ja, hauchte der überlichtschnelle Rechner zurück. Womit kann ich dienen?

Meine Drohung hatte anscheinend gewirkt.

Bestimme bitte die genaue Position.

Terra. Nördliche Hemisphäre. Genauere Koordinaten sind in keiner mir verfügbaren Speicherbank aufgelistet.

Ich kleidete mich an und begutachtete das Ergebnis im Spiegel. Die Hose aus hellbraunem, verschlissenem Vertuleder hatte ihre besten Jahrzehnte längst hinter sich. Auch der graue, grobgestrickte Pullover, war löchrig und mehrfach geflickt. Einzig die brandneuen Stiefel entsprangen terranischen Flottenbeständen. So sah wohl der lausigste Unsterbliche des bekannten Universums aus.

Überspiele die Koordinaten zum Transmitterraum III.

Dort informierte ich die Zentrale.

Ich verlasse die KOJOTE für kurze Zeit. Fragt mich nicht wohin. Ich weiß es selber nicht.

Wenn du um die Zeit nichts besseres vorhast, erhielt ich zur Antwort. Die unbekannte Station meldete sich empfangsbereit.

Zielkoordinaten aus dem Verzeichnis löschen, befahl ich der allgegenwärtigen Syntronik und durchschritt das knisternde Transmitterfeld.

Die Empfangsstation spuckte mich in einer kleinen, silbergrauen Halle aus und stellte den Dienst ein. Eiseskälte kroch in die Glieder, der Atem kondensierte zu flüchtigen Nebelschwaden. Ich erkannte keinen sichtbaren Ausgang. An der Hallenwand gegenüber schimmerten zwei glasähnliche, vereiste Ausblicke.

Ich zog die Ärmelspitze des Mantels über meine rechte Hand, befreite ein münzgroßes Loch vom Eis und erschauderte. Draußen türmte sich meterhoher Schnee. Stürme fegten über die Winterlandschaft und trieben das glitzernde Weiß vor sich her. Bevorzugte der Unsterbliche skurrile Treffpunkte?

Da öffnete sich eine vorher nicht sichtbare Schleuse. Zwei dickvermummte, breitschultrige Gestalten mit überschweren Strahlern im Anschlag stampften herein. Massenhaft weiße Pracht fegte in die Station und trieb die Temperatur weiter in den Keller.

Mitkommen!, befahl der Größere barsch. Ungeduldig schwenkte er den reifüberzogenen Strahler.

Nichts lieber als das.

Sein grimmiger Kollege postierte sich hinter mir. Sie trugen keine sichtbaren Abzeichen. Ich stolperte ins Freie und versank bis zur Hüfte im Schnee. Ohne erkennbares Ziel stampften wir einen verwehten Trampelpfad entlang. Der stetige Druck des entsicherten Strahlers zwischen den Schulterblättern hielt mich bei der Stange.

Die kleine Station verschwand aus meinem Blickfeld. Vor mir nur endlose, weiße Ödnis. Die Kälte saugte meine Kräfte auf. Ich registrierte meine Umgebung wie durch Watte. Der Zellaktivator in meiner Brust feuerte pochende Salven durch den Körper. Dann kippte ich um und versank im Schnee.

Wir sind da.

Sie packten mich unter den Schultern und schleiften mich voran. In der Ferne zischte ein Hydraulikventil. Ich überdrehte die Augen und kollabierte.

Ich erwachte eingehüllt in ein eine wärmende Decke. Das unterkühlte Blut bahnte sich seinen Weg durch den Körper. Flüssiges, mit tausenden von Nadelspitzen gespicktes Blei pulsierte die zusammengeschnurrten Adern entlang. Gegenüber saß Bull und grinste.

Willkommen auf Grönland, im nördlichsten Stützpunkt des Ligadienstes, der Chipträger reichte mir ein volles Glas, angefüllt mit rötlicher Flüssigkeit.

Stell es auf den Tisch, knurrte ich missmutig, ich würde sowieso alles verschütten.

Du musst meinen Männern ihre kleinen Extravaganzen verzeihen. Ich hatte ausdrücklich befohlen, dich mit einem HÜ-Schirm zu schützen. Naja, hier in Grönland entwickeln sich manchmal seltsame Auffassungen von Humor. Aber du hast es ja überlebt.

Das nächste Mal treffen wir uns auf den Bahamas.

Zwischen uns baute sich das Hologramm eines mir unbekannten Sonnensystems auf. Um die 300 terranische Schiffe umkreisten einen gewöhnlichen Mond.

Das ist AT-247, eine unserer ergiebigsten Howalgoniumquellen.

Ein Schiff erhob sich aus der Kruste von AT-247 und schwenkte zu der Flotte ein. Die Datumsanzeige des Hologramms sprang auf 23:00.

Die GOLDEN HIND ist vollgepackt mit Rohhowalgonium.

Innerhalb der Formation materialisierten plötzlich fünf 40 Meter Objekte von annähernder Kugelform. Sie zündeten Impulstriebwerke, passten ihre Geschwindigkeit den umgebenden Schiffen an und funkten mit voller Leistung.

Wie können die unbemerkt auftauchen?, murmelte ich.

Sie verwendeten Sprungtriebwerke und erschienen so wie hingezaubert, erläuterte Bull mit vibrierender Stimme. Er war sichtlich erregt.

Die Waffensysteme verweigerten den Gehorsam.

Wie ist das möglich? Verschickten die etwa Korra Vir?

Eine Abart davon. Nicht so extrem gefährlich, aber ausreichend um die Schiffe für einige Minuten zu blockieren.

Die fünf Kugeln blätterten ab wie zerfallendes Gemäuer. Die kleineren Teile, jedes für sich keinen Meter groß, verstreuten sich zwischen der Flotte. Die fünf großen Reste ähnelten abgenagten, sich in der Mitte verjüngenden Äpfeln. Sie zündeten Impulstriebwerke und steuerten zielstrebig auf die HIND zu.

Ein erstaunlicher Plan. Könnte fast von mir sein, bemerkte ich.

Die Wachflotte trudelte, rotierte wild um die Längsachse. Einige Schiffe schrammten bedrohlich aneinander vorbei.

Es kommt noch besser, knurrte Bull.

Die fünf Kugelreste formierten sich vor der GOLDEN HIND zu einem gleichseitigen Fünfeck. Während die Heimatflotte aus Richtung AT-247 heranbrauste, zuckten innerhalb des Fünfeckes grelle Lichtbögen auf.

Sie zünden einen Transmitter. Respekt.

Aus dem Feld schossen drei kugelförmige Schiffe. Sie zogen die GOLDEN HIND in das Abstrahlfeld und verschwanden samt ihrer Beute.

Die Übertragung brach ab.

Die einzelnen Segmente zerstörten sich selbstständig und hinterließen keine Spuren, ergänzte Bull. Mit einem schnellen Ruck trank er sein Glas aus und fuhr fort:

Vor zwei Wochen schleppte einer unserer Agenten Rohhowalgonium an. Er erstand es auf Rantor IV von einem gewissen Dega Soon. Drei Tage später trieben unser Agent und drei andere Mitarbeiter als aufgedunsene Wasserleichen an das Ostufer des Kirisees. Jeder mit zwei handgroßen Einschüssen im Rücken. Und hier beginnt dein Auftrag: Treib diesen Dega Soon auf und versuche herauszufinden woher er das Howalgonium hat. Wir kennen nur seinen Namen, kein Bild.

Wenn's weiter nichts ist, spottete ich.

Ein Klacks für jemanden wie dich.

Ich sträubte mich. Warum gerade ich? Ich verfügt doch über mehr Möglichkeiten?

Übergangslos hellten sich Bulls Gesichtszüge auf.

Wir möchten die augenblickliche Ruhe mit den Arkoniden nicht über Gebühr strapazieren. Und jemand mit deinem miserablen Ruf geht als alles möglich durch, nur nicht als terranischer Abgesandter.

Das hast du jetzt aber schön gesagt.

Kapitel 2
Die üblichen Probleme, März 1302 NGZ

Die KOJOTE thronte anmutig in dem überdimensionalen Hangar. Die Außenhaut des 300 Meter durchmessenden Kugelraumers glänzte wie mit Diamantstaub überzogen. Selbst der Namenszug leuchtete feuerrot frisch im grellen Schein der Deckenbeleuchtung. Die Begegnung mit Bull lag drei Tage zurück. Ich war froh, ohne abgefrorene Gliedmaßen aus dem Eis zurückgekommen zu sein.

Ich bin beeindruckt. Die lunaren Wartungsteams haben sich wirklich Mühe gegeben. Widerwillig zollte Sharleena den Technikern ihren Respekt. Wir standen vor dem geöffneten Ausgang einer kleinen kargen Frachthalle. An uns zogen terranische Laderoboter vorbei. Über eine Formenergiebrücke verfrachteten die klobigen Maschinen dehydrierte Nahrung und Ersatzteile in die KOJOTE. Der hellgrün glitzernde Bogen aus geronnener Energie überspannte die Kluft zwischen Ausgang und Bordschleuse VII knapp oberhalb des Ringwulstes.

Worauf wartest du noch?, fragte Sharleena, als der Nachschub abriss. Sie trug ihr strohblondes Stoppelhaar fingerdick. Das verlieh ihrem blassen, kleinen Gesicht kämpferische, widerspenstige Züge.

Dareen Aanoo wollte noch kurz mit mir sprechen.

Hat sie dir auch den Kopf verdreht?, spottete meine erste Pilotin. Sie wandte sich kopfschüttelnd dem Steg zu und verschwand über die Brücke. Es dauerte nicht lange und die Eingangsschleuse glitt geräuschlos zur Seite. Leichtfüßig wippte eine kleine Gestalt herein und grüßte freundlich. Ich schluckte hörbar. Das Schott verschloss sich wieder und ich suchte nach Worten.

Hat es dir die Sprache verschlagen?, begrüßte mich Dareen Aanoo, wie immer in der knappsten Version der Bordmontur. In solchen Momenten spürte ich die volle Last meiner reichlichen Lebensjahre. Die Medizinerin versorgte die körperlichen und seelischen Blessuren meiner Besatzung. Dabei trat ein ungeahntes Phänomen auf. Plötzlich schnellte die Zahl hauptsächlich männlicher Patienten steil in die Höhe. Jeder noch so winzige und unbedeutende Kratzer benötigte Dareens Begutachtung.

Was führt dich zu mir?

Ohne Vorwarnung brachte sie sich in Positur.

Wir haben doch mal kurz über meine Patienten gesprochen. Du weißt schon, die aus Abteilung 3C. Sie würden alles dafür geben, wieder ein paar Tage auf einem richtigen Raumschiff zu verbringen. Es sind alles erfahrene Raumfahrer.

In meinem Schädel machte es klick. Sie wollte mir ein paar ihrer psychiatrischen Wracks unterjubeln. Und sie erledigte ihren Job geschickt.

Ich werde sie nach einer Woche erwürgen. Ich bin keinen solchen Umgang gewohnt. Außerdem stören sie den Ablauf und …

Sofort schaltete sie um.

Und ich dachte, wenigstens du hättest ein Herz für meine Freunde. Der Rest der Regierung ist so auf die Arkoniden fixiert, das mir kein Gehör geschenkt wird.

Verständlich, kommentierte ich knapp.

Dann begleite mich wenigstens zum Schott, antwortete sie schnippisch und schwang ihre eingezwängten gutgereiften Formen zum Schott. Dareen legte gerade den Finger auf den Torsensor als ich sie zurückhielt.

Wenn es denn sein muss, sagte ich süß-sauer, kapitulierte und schaltete auf verständnisvoll.

Es haben schon ganz andere versucht, mich ins frühe Grab zu stoßen.

Die Ärztin strahlte über ihr kleines fein geschnittenes Gesicht und mir wurde warm ums Herz. Ich fühlte mich wie ein Junge vor dem ersten Rendezvous.

Ist schon gut, stammelte ich.

Bis deine Helden antanzen werde ich ein kleines Plätzchen für sie freiräumen.

Sie lächelte spitzbübisch und drückte den grünschimmernden Öffnungssensor.

Sie warten schon.

Träge krochen die Tore in der Wand. Dahinter kamen vier Gestalten zum Vorschein die mich schon beim ersten Anblick um den Schlaf brachten. Dareen kümmerte das wenig. Lässig deutete sie auf eine in ein togaähnliches Gewand verpackte voluminöse Gestalt

Du hast mich reingelegt, giftete ich.

Er hört auf Fat Freddy. War früher ein glänzender Spezialist für Flugmanöver und Navigation. Hat während der letzten zweieinhalb Jahre ein bisschen zugelegt.

Er war einen guten Kopf kleiner als ich, aufgedunsen und trabte wortlos zur KOJOTE. Der nächste, kommentierte Dareen Aanoo, war ebenfalls Terraner und hieß Seldinger. Er packte meine Hand und schüttelte sie kräftig durch.

Wir werden gut miteinander auskommen, tönte es unter schulterlangen, wirren Haarbüscheln hervor. Sein Gesicht, selbst das Kinn, war völlig verdeckt.

Wir sehen uns später. Erst mal die Mühle begutachten.

Was für eine Macke?, flüsterte ich Sharleena erschaudernd ins Ohr.

Ein ehemaliger Ligaagent. Kam vom letzten Einsatz ein bisschen, nun wie soll ich sagen, gespalten zurück. An manchen Tagen hält er sich für einen Abgesandten von ES. Völlig harmlos.

Wie schaffte es Seldinger nur, nicht schnurstracks an den nächsten Pfeiler zu knallen?

Blieben noch zwei drahtige, dunkelbraune Männer mit unruhigem Blick.

Merten und Flato Merz. Zwei Plophoser. Haben sechs Monate akonisches Straflager hinter sich, bis ihnen die Flucht gelang. Begnadete Techniker mit kleinem Charakterproblem.

Was soll das anschwärzen, Lady?, legte Merten los. Das ist üble Verleumdung und Verdrehung von Tatsachen und überhaupt...

Durch die Sichtscheibe begutachtete er die KOJOTE.

... gibt es hier außer einer Menge Schrott nichts zu holen.

Ich verstand, wo bei den Plophosern das Problem lag.

Wir reden später weiter, beschied ich. Geht in die KOJOTE. Der Syntron teilt euch passende Quartiere zu.

Ihre Reize waren erloschen. Jetzt erblickte ich die Fratze der nackten, harten Realität. In spätestens einer Woche sind die draußen. Darauf kannst du Gift nehmen.

Sei nicht ungerecht, verteidigte sie sich. Ich bringe dir eine qualifizierte Besatzung und meine Schützlinge haben Abwechslung.

Sie schenkte mir ein warmes Lächeln und hatte es plötzlich eilig zu verschwinden.

Wegen versuchten Diebstahls einiger Schwingquarze verbannte ich die Merz-Brüder in den Maschinenraum. Dareen klopfte kurz über Bordfunk an. Es wurde ein kurzes banales Gespräch.

Starterlaubnis liegt vor, murmelte Sharleena.

Hoffen wir, dass es die Mühle durchhält, sagte sie und sah mich mit ihren unergründlichen wasserblauen Augen an. Sie als ewige Skeptikerin misstraute den Fähigkeiten der Terraner. Doch damit konnte ich leben, denn als Pilotin war Sharleena unerreicht. Das hatte sie in in einigen heiklen Situationen eindrucksvoll bewiesen.

Sie pumpen die Luft ab, meldete Hortan aus dem Hintergrund und schaltete die Außenkameras auf den Hauptschirm. Das Abbild der Hangartore baute sich auf. Letzte Reste Sauerstoff verpufften ins All und zogen vergessenes Gerümpel mit in die dunklen Tiefen.

Die KOJOTE samt Crew konnten endlich wieder beweisen was in ihnen steckte. Jeder kannte seinen Platz im Gefüge und füllte ihn mit Leidenschaft aus. Ein ganz wesentlicher Punkt war sicher auch die meiner Ansicht nach fürstliche Bezahlung.

Die KOJOTE hob gemächlich ab und folgte dem Leitstrahl. Wir passierten die Hangartore und waren frei. Schnell verschwanden Lunas mächtige Umrisse aus dem Blickfeld.

Und wohin soll es gehen?

Ich überlegte kurz

Fürs erste sollten wir die KOJOTE nicht überstrapazieren. Fliegen wir grob Richtung kosmisches Leuchtfeuer Berak Ran. Dann geht es weiter nach Rantor IV, klärte ich Sharleena auf. Sie arbeitete wach und hoch konzentriert.

Wir erreichten die Jupiterbahn und Sharleena aktivierte den Metagrav. Instinktiv horchte ich in die Eingeweide des Schiffes. Die KOJOTE begleitete mich seit über 150 Jahren. Da meldeten sich die Plophoser aus dem Maschinenraum und maulten über entwürdigende Arbeitsbedingungen.

Als der Metagrav mit diesem gotterbärmlichen Heulen loslegte wäre meinem Bruder Flato fast das Frühstück hochgekommen, wetterte Merten Merz.

Ich sage nur Howalgonium, erinnerte ich.

Hab schon verstanden, wurde Merten kleinlaut und unterbrach die Verbindung.

Kapitel 3
Unsterblichkeit

Während des Fluges nach Rantor durchfluteten mich Bilder aus der Vergangenheit. In ruhigen Momenten drückten immer wieder Erinnerungsfetzen an die Oberfläche. Ich genehmigte mir zwei Gläser besten plophosischen Whiskys. Es gelang nicht, meine Erinnerungen zu verdrängen. Das Erlebte war mächtig, zu mächtig.

Die BASIS …

Und du willst mitfliegen?

Der ergraute Chef des Rekrutierungsbüros im vorderen Teil des Gigantraumers begutachtete mich misstrauisch. Er legte den Kopf schief, so als müsste er ein zweites Mal genauer hinsehen. Seine Augen funkelten listig.

Haben dir das deine Eltern auch erlaubt?

Seit Tagen liefen stündlich Trivideospots auf allen Kanälen, die vom Dienst in der Flotte im Allgemeinen und auf der BASIS im Speziellen schwärmten. Darin schwebte der Oldtimer majestätisch durch interstellare Gaswolken, beschleunigte wie ein Panther auf Überlicht und verschwand mit gleißendem Knalleffekt durch das künstliche Black Hole.

Meine Eltern sind schon lange tot. Sie haben zu viele unnötige Fragen gestellt.

Der Teufel soll dich holen, schimpfte der Alte. Sein Vollbart vibrierte vor Erregung. Das Flaggschiff der Liga Freier Terraner ist der Stolz der terranischen Flotte.

Und halbleer, ergänzte ich.

Es gab immer wieder Phasen, in denen die Privatwirtschaft zu verlockende Signale aussandte und mit aller Macht jeden halbwegs Geistesklaren abwarb. Er trommelte mit den Fingern unruhig auf dem Schreibtisch herum. Dann sagte er nur kurz: Du bist dabei. Und sei es nur um dich vom Hals zu kriegen.

Ich unterzeichnete den Vertrag und verschrieb mich die nächsten fünf Jahre der BASIS. Dann geschah Seltsames.

Ich suchte ein paar Tage später das Büro auf um mich bei dem Alten zu bedanken. Dort erklärte ein verwunderter Marsianer, er wäre seit Jahren der einzige Nutzer des Raumes. Der Graubärtige war ihm noch nie im Leben begegnet. Er warf einen kurzen Blick in das Bordverzeichnis und erklärte erstaunt: Der Unterzeichner benutzte eine Signatur der Einserklasse.

Ich blickte ihn ratlos an, während er mir aufmunternd auf die Schulter klopfte.

Du hast wohl Unterstützung von ganz oben. Der Unterzeichner ist nicht erkennbar, aber ein Einser ist auf oberster Kommandeursebene angesiedelt. Viel Spaß beim Suchen.

Ende 429 NGZ waren aus fünf bereits zwölf Jahre geworden. Ich kommandierte eine leichte Korvette namens WOLFMEN als das Schicksal seinen Lauf nahm.

Noch so ein Jahr und ich lasse mich pensionieren, seufzte Ben Neolis links neben mir am Steuerpult. Wir überwachten den Systemcheck der WOLFMEN.

Wem sagst du das. Die letzten Jahre waren ein permanenter Adrenalinschub.

Ich klappte den Helm nach vorne. Er schnappte mit leisem Klacken ein.

Glaub es mir. Ich bin zu alt für diesen Job. Erst die Kranen, dann Seth Apophis. Als die Endlose Armada auftauchte, bekam ich meinen ersten Herzinfarkt. Vom Blutdruck ganz zu schweigen. Und jetzt das hier!

Er deutete auf den Panoramaschirm, auf ein Objekt das es nicht geben durfte. Eine Sonne von ungeheueren, fast irrwitzigen Ausmaßen. Milliardenmal heller als Sol, ein gigantischer Moloch. Erschaffen von den Raum-Zeit-Ingenieuren, umkreisten dieses Ungetüm 150.000 Rettungsinseln. Dorthin flüchteten die Überlebenden des auseinander gebrochenen Tiefenlandes.

Der verrückteste Platz im Universum.

Seit unserer Ankunft vor vier Tagen fielen noch immer Armadaschiffe aus dem Hyperraum und spannten ein mehrere Lichtjahre umspannendes Korsett um die Sonne Taknu und die je eine Lichtsekunde durchmessenden Rettungsinseln. TRIICLE-9, besser bekannt als der Frostrubin, war an seinen angestammten Platz im Universum zurückgekehrt.

Startfreigabe.

Es geht nicht darum, irgendwelche Heldentaten zu vollbringen. Wir sollen Taknu aus der Nähe vermessen um die für jeden sichtbare Anomalie vielleicht ansatzweise zu erklären.

Plötzlich verschwamm die Zentrale vor meinen Augen, alles tauchte sich in grenzenlose Schwärze. In der Dunkelheit tauchten flüchtige Nebelschwaden auf. Sie umtanzten mich, hüllten meine Montur ein und zogen mich mit. Dann sah ich wieder klar. Eine karge, unwirtliche Landschaft. Gesprenkelt mit Steinen in allen Größen in verschiedensten Blautönen. Dazwischen roter, lebloser Sand bis zum Horizont, drückende Schwüle.

Auf einem der Steine hockte eine schlanke Gestalt. Ein Humanoider in langem, schwarzen Mantel aus glitzerndem, mir unbekannten Stoff. Er hob die linke Hand und zeigte mir die leere Handinnenfläche. Ich schaltete den Translator ein.

Den wirst du nicht brauchen, meldete sich eine bekannte Stimme hinter meinem Rücken. Ich drehte mich erstaunt um.

Es war der Alte aus dem Rekrutierungsbüro.

Wer bist du wirklich? Was wird hier gespielt? Was macht dieser …

Keine Fragen – keine Lügen, unterbrach mich der Alte lächelnd. Er stellte sich zwischen mich und den anderen Humanoiden. Dieser sprang von dem Stein herunter und reckte sich, als hätte er schon lange gewartet.

Auf mich?

Ich bin Norb Ertse U Fert. Und ich habe ein Geschenk für dich.

Er sprach perfekt Interkosmo und öffnete bedächtig die Knöpfe über der Brust. Zum Vorschein kam ein eiförmiger Gegenstand. Ich ließ mich in den heißen Sand sinken.

Vor einiger Zeit, als das Tiefenland noch existierte, bat ich Clio vom purpurnen Wasser, genannt die Spielzeugmacherin, um ein Mittel gegen den um sich greifenden Graueinfluss.

Ich verstand kein Wort von dem was er sprach. Er streifte das an einer dünnen Kette hängende Ei über den Kopf, hielt es in meine Richtung und reichte mir die andere Hand zum Aufstehen.

Das Grauleben ist erloschen. Ich habe keine Verwendung mehr dafür.

Bedächtig klopfte ich den roten Sand aus der Kleidung, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich den Alten, der mit undefinierbarem Lächeln zuhörte. Mir wurde unerträglich heiß.

Ein Vitalenergiespeicher. Ihr nennt ihn ja Zellaktivator.

Ohne Vorwarnung glitt der Aktivator aus U Ferts Hand und schwebte in meine Richtung. Die Kette löste sich und fiel surrend zu Boden. Erschrocken wich ich zurück.

Warum verzichtest du auf die Unsterblichkeit? Und warum soll gerade ich sie erhalten? Ich bin kein Held, weder sonderlich talentiert noch außergewöhnlich mutig.

Ich bin der Letzte meiner Art und von meinen Vorvätern künstlich erzeugt worden. Ich bin ohnehin relativ unsterblich. Und ob du der Richtige bist? Da musst du wohl ihn fragen.

Doch der Alte stand nur da und lächelte. Ich konnte nicht mehr fliehen. Eine unsichtbare Kraft hielt mich in ihren Klauen. Der Zellaktivator kam immer näher. Er berührte mich auf Höhe des Brustbeins. Warmes weiches Metall. Ich spürte warmes, belebendes Pochen.

Da spaltete sich meine Brust, es floss kein Tropfen Blut, kein Schmerz. Der Zellaktivator senkte sich in die weit klaffende, blutlose Brusthöhle. Augenblicklich verschlossen sich das Loch und die darüber liegende Bordmontur vollständig. Die aktivierenden Impulse wurden für Augenblicke kräftiger, dann ebbten sie ab zu einem leichten, fast unmerklichen Schwingen.

Willkommen bei den Unsterblichen, ergriff der Grauhaarige das Wort.

Eines Tages verstehst du den Sinn dieser nicht immer leichten Bürde. Nicht jetzt. Auch nicht in hundert Jahren. Vielleicht in tausend.

Bist du ES?

Jetzt lachte der Alte lauthals auf.

Wir stehen uns Nahe. Du musst deine Aufgabe erfüllen. Jetzt!

Ich blickte auf den Chronometer. Der 28. Dezember 429 NGZ.

Übergangslos erschienen die Nebelschwaden wieder, griffen nach meinem Körper und zerrten an meiner Seele. Sie wollten mich aus meinem Körper herausholen, da verlor ich das Bewusstsein.

Kapitel 4
Rantor

Es wurde ein Flug über 42000 Lichtjahre. Rantor IV lag inmitten des GROSSEN IMPERIUMS und entsprechend vorsichtig agierten wir. Als die KOJOTE in den arkonidischen Einflussbereich eintauchte, reduzierte ich die Orientierungsphasen auf ein Minimum. Die dreihundert Meter durchmessende KOJOTE entschlüpfte ursprünglich einer arkonidischen Provinzwerft und konnte nicht als Feindschiff erkannt werden. Ich konnte mir nicht helfen, aber ich spürte, dass uns jemand folgte.

Die Fernabtastung verlief negativ, beruhigte mich Hortan. So schob ich mein ungutes Gefühl auf einen Verfolgungswahn im Anfangsstadium.

Rantor IV war eine wasserreiche Welt mit zwei in etwa gleich großen Hauptkontinenten auf Äquatorhöhe. Wahrscheinlich der perfekte Ort für jemanden wie Dega Soon. Auf Rantor tummelte sich der Abschaum der Milchstraße. Ein Zufluchtsort für gutbetuchte Verbrecher und intergalaktischen Bodensatz.

Die Raumüberwachung meldet sich.

Durchstellen!, befahl ich.

Auf dem Hauptschirm erschien das überlebensgroße Abbild eines kahlköpfigen Rantorianers in prachtvoller Uniform. Mächtige Epauletten zierten die linke Brust. Keine dieser farbenprächtigen Auszeichnungen waren mir auch nur annähernd geläufig.

Wenn ihr auch nur einen Lepta weit in unsere Atmosphäre eindringt, werdet ihr in eure Atome zerlegt, brüllte mein Gegenüber. Dabei entblößte er zerfallende, hellbraune Zahnruinen.

Mir liegt nichts an einer Konfrontation mit den sicherlich bestausgerüsteten Streitkräften Rantors, versuchte ich zu schmeicheln. Ich bitte nur um die Erlaubnis, eine Person nach Rantor IV abzustrahlen.

Abgelehnt.

Ich war lange genug in dem Geschäft um zu wissen, was mich erwartete.

Ich bin natürlich zu einer gewissen Gegenleistung bereit. Sagen wir, so eine Art Transmittergebühr.

Ich höre.

Fünfzehn Gramm reines Howalgonium bei Ankunft und die gleiche Menge nach meiner sicheren Rückkehr.

Howalgonium zog immer.

Zweimal dreißig Gramm und wir sind im Geschäft.

Die Verbindung brach ab. Sharleena blickte mich unschlüssig an.

Ich hätte auch fünfzig akzeptiert, erklärte ich augenzwinkernd.

Du musst es ja wissen, stöhnte sie.

Ich glaubte meinem Gesprächspartner kein Wort. Entsprechend gestaltete ich meine Vorbereitungen. Ich schnürte die Schultergurte des Rückentornisters fest und startete mit der Handsteuerung das Prüfprogramm. Der extra flache Tornister war auf meine Körpermaße zugeschnitten. Ich zog den Mantel an und verstaute die kleinfingergroße Steuerung griffbereit im rechten Ärmel. Das Prüfprogramm meldete keinen Fehler. Dann packte ich den armlangen Impulsstrahler und versteckte ihn der Länge nach im Innenfutter des Mantels. Bull übersandte ihn mir mit der Bitte um Rückgabe in einem Stück. Es war ein Prototyp mit neuentwickelter Abschirmung.

Willst du da unten einen Privatkrieg anzetteln?, spottete Sharleena. Sie ließ es sich nicht nehmen, mich persönlich nach Rantor IV abzustrahlen. Amüsiert deutete sie auf die Kiste zu meinen Füßen.

Ich will gar nicht wissen, was du da drin mitschleppst.

Lebensmittel für zwei Wochen, log ich und umfasste einen der zwei seitlichen Traggriffe. Rein äußerlich ähnelte die Truhe einer uralten Schatzkiste aus hellbraunem Eichenholz mit Eisenbeschlägen. Doch das war nur Fassade. Ihr Innenleben beherbergte High Tech in Reinkultur.

Die in die metallenen Griffe eingearbeiteten Sensoren überprüften mein Individualmuster. Die Kennung fiel positiv aus und so hob die Kiste vom Arkonitboden ab. Sie schwebte bis zur Hüfte hoch und solange ich den Griff festhielt, blieb der integrierte Antigrav aktiv. Natürlich konnte ich den Antigrav auch von der Handsteuerung des Tornisters mitbedienen.

Ich atmete tief durch und konzentrierte mich. Auch mehrhundertjährige Erfahrung schützte nicht vor unliebsamen, bösartigen Überraschungen.

Verbindung steht. Die Empfangsstation liegt in Rantoria. Grüß mir die Hölle!

Ich wurde bereits erwartet.

Keine zwei Sekunden auf Rantor IV und schon blickte ich in die blauschimmernden Mündungsläufe zweier entsicherter Strahler. Die dazugehörigen Soldaten standen breitbeinig etwa vier Schritte vor mir. Sie fixierten mich kalt und ausdruckslos. Zwischen den Beiden wartete mein hochdekorierter Gesprächspartner. Überheblich stemmte er die Arme an seine fetten Hüften. Er schwitzte aus allen Poren und grinste dreist.

Willkommen in Rantoria. Ich hoffe, du hast deine Transmittergebühr dabei, kam er sofort zur Sache. Inklusive der Sicherheitsgebühr. Ach ja, ich vergaß mich vorzustellen. Ich bin Gaubrun Tomm, Dritter Leiter der rantorischen Sicherheit.

Das war nicht vereinbart, entgegnete ich nicht sonderlich überrascht.

Die Soldaten versperrten den einzigen Ausgang aus dieser kleinen Transmitterhalle und sie ließen mich keine Sekunde aus den Augen. Unter ihren hellgrauen Uniformen zeichneten sich mächtige Muskelpakete ab.

Dieses Ungetüm wird natürlich beschlagnahmt. Ich werde dich wegen Vergehens gegen die Einfuhrbestimmungen festsetzen lassen. Natürlich kann dich deine Besatzung freikaufen. Sagen wir für …

Er rieb sich mit der linken Hand das Doppelkinn und spitzte die Lippen.

Sagen wir, für dreihundert Gramm Howalgonium werde ich über deine Freilassung nachdenken. Obwohl, warum nicht vierhundert?

Warum nicht gleich tausend? Ich will mich nicht unter Wert verkaufen.

Der Dritte Leiter lachte lauthals auf und klopfte seinen Männern auf die Schultern.

Du hast Recht. Du bist wirklich tausend wert.

Die Soldaten stimmten in das Gelächter ein und verringerten für Bruchteile von Sekunden ihre Aufmerksamkeit. Das war meine Chance.

Ich hechtete mich Gaubrun Tomm entgegen, rollte mich ab, sprang wieder hoch und rammte den verblüfften Leiter zu Boden. Im Fallen zog ich einen daumendicken Handreifen aus der Manteltasche, griff mir seinen rechten Arm und legte den geöffneten Reif um sein Handgelenk. Er schnappte mit dem Geräusch altertümlicher Handschellen zu.

Im selben Moment spürte ich das kalte Metall der Strahler an meinen Schläfen. Die Soldaten zerrten mich von Gaubrun weg und stießen mich gegen die Wand. Mir blieb für Momente die Luft weg. Mit hochrotem Schädel erhob sich Gaubrun und starrte unschlüssig auf das Anhängsel an seinem Handgelenk.

Ich sollte dich auf der Stelle erschießen lassen!, brüllte er lauthals los.

Es würde dir nicht bekommen. In dem Ring lagert Antimaterie. Sollte ich nicht wohl behütet auf mein Raumschiff zurückkehren, wird sich der Zündmechanismus automatisch aktivieren und dich und die nächste Umgebung in subatomare Teilchen aufspalten.

Du bluffst!, stieß der Dritte Leiter schwer atmend hervor.

Wir können es ja darauf ankommen lassen. Und jetzt entschuldigt mich. Ich habe auf Rantor ein paar wichtige Geschäfte zu erledigen. Versuche nur nicht, an dem Ring herumzuspielen. Das könnte ins Auge gehen.

Ich holte einen kleinen Beutel hervor und warf ihn Gaubrun zu. Der Dritte Leiter sprang mit einer Geschwindigkeit zur Seite, die ich ihm nicht zugetraut hätte.

Der Beutel fiel vor seinen Füßen zu Boden.

W-was ist das?, stammelte er zutiefst erschrocken.

Dreißig Gramm Howalgonium, wie vereinbart. Ich für meinen Teil halte mich an die Abmachung. Ich denke, dass ich auf Rantor ein paar geruhsame und sichere Tage verbringen werde, entgegnete ich und ließ drei verdutzte Gestalten zurück.

Kapitel 5
Die Marionette

Rantoria erwies sich als Metropole der krassen Gegensätze. Auf dem Zentrum der Millionenstadt lastete glühende Mittagshitze. Straßen und Gleitbänder waren leergefegt. Aberwitzige Glaspaläste reihten sich dicht an dicht. In den himmelsstrebenden Glaspalästen wurden die, wie ich vermutete, milliardenschweren Gelder aus dunklen Kanälen in den legalen galaktischen Kreislauf gepumpt. Nach offizieller Lesart fungierten die Springer als Schutzmacht. Ich wollte den galaktischen Händlern keine illegalen Geschäfte unterstellen. Aber es verwunderte doch sehr, wenn ein unbedeutender, rohstoffarmer Planet dermaßen massiv frequentiert wurde.

Ich versuchte ich mein Glück in der ersten Randsiedlung. Hier waren die Häuser, oder besser gesagt Barracken, ebenfalls gewagt konstruiert. Deren Bewohner verarbeiteten schier alles was sie an Baustoff ergattern konnten. Verkleidungen ausgeschlachteter Raumschiffe, viel Holz, manche Gebäude ähnelten den flachen Lehmbauten aus vorchristlicher Zeit.

Ich aktivierte das Tarnfeld der Kiste und versteckte sie im hohlen Stamm eines von grüngelben Maden zerfressenen Mammutbaums inmitten einer Gruppe gleichartiger Bäume. Ihre wenigen halbrunden Blätter hingen an halbverdorrten Ästen.

Es stank erbärmlich nach Exkrementen und Fäulnis. Mir blutete das Herz, als ich die Menschen sah, die in solchen Elendsquartieren ihr Leben fristeten. Verbitterte, verdreckte Wesen, die furchtsam jeden Kontakt scheuten. Selbst die Kinder flüchteten bei meinem Anblick in die Häuser zurück. Ein Bild des Elends und sicher der ideale Nährboden für zukünftige Umstürze.

Vom Raumhafen im Norden schwebten schwer bewaffnete Kampfgleiter in die Slums ein. Die Luken öffneten sich und es regnete hunderte schwarzuniformierte Luftlandesoldaten. Wahllos durchkämmten sie die ärmlichen Hütten. Mitleidlos verschleppten sie sich hilflos wehrende Männer, schreiende Frauen und leise wimmernde Kinder. Häuser wurden einfach mit Desintegratoren ausgelöscht.

Sie suchen nach Rebellen der FREIHEIT FÜR RANTOR, zischte mir ein alter graubärtiger Mann zu. Ich war kurz davor, mir diese Ungetüme in Menschengestalt vorzuknöpfen und hatte ihn nicht kommen gehört. Ich fühlte eine eigentümlich wohlige, angenehme Aura.

Sie greifen sich wahllos Unschuldige und setzten sie im Dembardschungel aus. Von dort kehrt niemand mehr zurück.

Schwerer, trockener Husten schüttelte ihn. Er wurde dunkelblau im Gesicht, würgte lauthals und spuckte hellrote Schleimbrocken in den Sand. Innerhalb weniger Minuten schwebten die Soldaten mit den zappelnden Gefangenen zu ihren Gleitern zurück. Der Alte kniff die faltigen Augenlider zusammen.

Der Tag der Abrechnung rückt näher. In den letzten Loktas nehmen die so genannten Säuberungen drastisch zu. Ich werte das als gutes Zeichen. Die Rebellen müssen dem System schon sehr zusetzen, sonst würden die Springer nicht so nervös reagieren.

Der Alte musterte mich eindringlich.

Du bist ein Terraner, stellte er emotionslos fest. Was verschlägt einen Abkömmling von Larsafs Stern nach Rantor?

Ich suche Dega Soon, einen arkonidischen Händler.

Angewidert verzog der Slumbewohner das Gesicht und wich einen Schritt zurück.

Sag nur, du machst mit dieser Kreatur Geschäfte?

Warum?

Wem glaubst du wohl gehört der Boden auf dem all diese Häuser stehen? Dem größten Ausbeuter Rantors, nach den Springern versteht sich. Er tritt nie öffentlich in Erscheinung. Jeder hier weiß, wer uns in Wirklichkeit die Wuchermieten abpresst.

Ich zögerte. Es bestand immerhin die Möglichkeit, dass der Alte für das System arbeitete. Scheu blickten die Bewohner der umliegenden Baracken auf die sandige Straße. Langsam wagten sie sich in den Schein der blutroten Abendsonne. Die Kinder stürmten voran und umringten als quirliger Pulk den Alten.

Erzähl uns eine Geschichte, weiser Daan, flehten sie und umtanzten den Alten.

Später, beschied er den Kindern. Mit traurigen kleinen Gesichtern wichen die verdreckten, verlumpten Kleinen zurück.

Ich bin kein Händler, eröffnete ich leise. Ich will Dega Soon.

Der weise Daan lächelte verschmitzt.

Das Scheusal treibt sich abends oft in einer Bar namens DER BEGAM herum. Ein großer, stämmiger Bursche mit einer Vorliebe für gewisse Frauen.

Ich danke dir. Ich reichte ihm die Hand und legte meine zweite auf seinen faltigen, mit Altersflecken übersäten Handrücken.

Du solltest etwas gegen deinen Husten unternehmen.

Viel zu spät. Es ist eine Abart der rantorischen Lungenfäule. Nicht ansteckend, aber auch nicht heilbar. So und jetzt entschuldige mich, die Kinder warten.

DER BEGAM entpuppte sich als halbseidener Schuppen mit fetter, weithin sichtbarer Hologrammreklame. Ich verfolgte von der anderen Straßenseite aus das stete Kommen und Gehen rund um den als Drachenschlund gestalteten Eingang. Höchst aufdringlich geschminkte Frauen in gewagten, knappen Fummeln dominierten die Szenerie. In ihrem Schlepptau grimmige Springer.

Unsichtbar schwebte meine Kiste eine Handbreit über meinem Kopf als ich den Zugang durchschritt. Es regte sich kein Alarm. Selbst der versteckte Strahler erregte kein Aufsehen.

Der Abend war noch früh und das Gedränge hielt sich in Grenzen. In dem arenaartigen Saal verteilten sich die Gäste auf unzählige hellrote Stehtische. In die Wände waren separeeartige Räumlichkeiten unterschiedlichster Größe eingelassen. Ich beobachtete, wie diese Nischen mittels blickdichten Energieschirmen vom Rest des BEGAM abgetrennt werden konnten. Die idealen Plätze für ungestörte Geschäfte oder einen schnellen Liebesdienst. Wenn Dega Soon wirklich im BEGAM weilte, dann hinter einem dieser undurchsichtigen Energiefelder.

Hey, willst du was wirklich Gutes?

Vor mir stand eine dürre, vom Leben zerfressene Gestalt. Seine Gesichtshaut spannte sich fahl und dünn über knochige Wangen. Er stank widerlich nach Alkohol und streckte mir die Faust entgegen. Dann öffnete er die Finger. Zum Vorschein kam ein kleines Päckchen mit hellgrünem, pulvrigem Inhalt.

Ein paar Körnchen auf deine Zunge und du blickst hinter die Materiequellen, pries er sein Gift leise an.

Vielleicht kommen wir anders ins Geschäft, deutete ich vage an.

Ich griff seine Hand und gab ihm meinen letzten Howalgoniumkristall.

Wenn du mir hilfst, kannst du ihn behalten. Und wenn deine Information stimmt, ist noch mehr für dich drin. Ich suche Dega Soon.

Der Drogenhändler wägte zwischen Gier und der Angst ab.

Kann ich den zweiten Kristall im Voraus bekommen? Ich steh nicht so auf Leichenfledderei.

Er deutete zur größten Nische, entwand sich flugs meinem Griff und verdrückte sich. Vor dem Separee wachten zwei grimmige Humanoide. Es waren verwegene Gestalten mit lederartiger Bekleidung, wirren schulterlangen Haaren und kantigen, ausladenden Gesichtern. Sie erinnerten entfernt an einen mongolischen Stamm auf Terra. Ihre bronzene Haut sprach für eine extraterrestrische Herkunft. Unter knielangen Umhängen zeichneten sich die länglichen Umrisse von Waffen ab.

Hinter ihren Rücken amüsierte sich ein wuchtiger Arkonide mit zwei aufreizenden Gespielinnen. Die beiden Ladys prosteten sich mit langstieligen Gläsern zu. Da schlich mein drahtiger Drogenhändler zu den Wächtern und flüsterte ihnen zu. Sein Blick wanderte in meine Richtung. Er kassierte ein paar Scheine und verschwand durch einen Seitenausgang.

Ich schritt den beiden Bewachern entgegen. Sie streiften ihre Umhänge ab und fixierten mich mit Desintegratoren.

Ich suche Dega Soon!, presste ich durch zusammengekniffene Lippen. Mein rechter Zeigefinger schwebte über der Tornistersteuerung. Die restlichen Gäste flüchteten aus meiner Nähe und bildeten in sicherer Entfernung einen Halbkreis.

Dega spricht nicht mit dreckigen Terranern wie dir, zischte es mir entgegen. Und jetzt verschwinde! Du siehst doch, er ist beschäftigt.

Ich hatte also mein Ziel direkt vor Augen. Mein Herz hämmerte hart und schnell gegen den Brustkorb. Mit Hilfe des in die Steuerung eingearbeiteten Displays steuerte ich die Kiste über ihre Köpfe hinweg. Langsam senkte sich die Truhe hinter Dega Soon zu Boden. Der wohlbeleibte Arkonide versprengte seine Begleiterinnen und brüllte. Seine Leibwächter eröffneten das Feuer.

Ich aktivierte den Paratrongenerator. Das Schutzschild blitzte grell auf und leitete die Desintegratorenergien ab. Die beiden Kämpfer warfen ihre Strahler zur Seite, griffen blitzschnell über die Schultern und zogen schwere Impulsstrahler hervor. Ihre Größe ließ auf Spezialanfertigungen für Epsaler, Ertruser oder andere überschwere Völker schließen. Sie bündelten ihr Wirkungsfeuer auf Höhe meines Brustkorbes. Die ungezügelte Wucht der aufprallenden Energien schleuderte mich durch den Raum. Der Paratron irrlichterte und verlosch für mehrere Sekunden. Der Rückentornister wurde unerträglich heiß. Noch so ein Treffer und das Schild brach todsicher zusammen.

Ich rannte den Bewachern entgegen. Energieblitze schlugen neben mir ein und brannten unförmige, dampfende Löcher in den Bodenbelag. Ich feuerte Dauersalven und zwang die Bronzenen zum Rückzug. Ihre Schutzschilde erstrahlten unter meinen wütenden Attacken. Sie rückten zusammen und postierten sich direkt vor meinem Ziel. Ich will Dega Soon, wiederholte ich und aktivierte die Truhe. Die Kiste wurde sichtbar und entfaltete ihr Paratronfeld. Der Schutzschirm drückte von hinten gegen die verblüfften Bewacher, holte sie von den Beinen und sperrte Dega Soon ein.

Ich rannte los.

Wenige Meter entschieden über den Ausgang des Unternehmens. Die Bronzenen feuerten auf meinen Schirm und testeten seine Belastungsgrenze. Der überhitzte Schirmgenerator brannte sich in meinen Rücken. Ich schrie schmerzgepeinigt auf.

Vor mir öffnete sich eine Strukturlücke und ich hechtete hindurch. Dega Soon bearbeite die Truhe mit Fußtritten.

Das wirst du mir büßen!, stieß er giftig hervor. Ich verpasste ihm einen trockenen Kinnhaken. Bewusstlos sank Dega zu Boden.

Seine Bewacher feuerten zornig auf den Paratronschirm. Ich zog den Mantel aus und streifte den glühend heißen Rückentornister ab. Meine Kleidung scheuerte die Brandblasen auf. Warme Flüssigkeit rann über die Wirbelsäule.

Ich öffnete den Deckel der Kiste und startete das Fluchtprogramm. In Windeseile entpackten sich zwei mannsgroße Säulen zwischen denen das Transmitterfeld aufflackerte. Die Energie reichte nur für einen Versuch. Ich schulterte Dega Soon und griff mir meinen Mantel.

In dem Moment des Abstrahlens würde der Paratron erlöschen und den Rückweg zur KOJOTE freigeben. Plötzlich erlosch das Schutzschild. Ungeschützt stolperte ich dem Feld entgegen und durchschritt den Transmitter. Im selben Augenblick schlugen zwei Salven ein.

Ich hätte dich fast verloren, stöhnte Trar Teen. Mein Transmitterspezialist wischte feine Schweißperlen von der Stirn.

Euer Signal wurde massiv überlagert.

Ich legte den immer noch bewusstlosen Dega Soon zu Boden und setzte mich keuchend daneben. Der Rücken brannte höllisch.

Wir müssen so schnell wie möglich hier verschwinden.

Schon geschehen. Die KOJOTE flüchtet mit Höchstgeschwindigkeit aus dem Rantorsystem.

Ich eilte in die Zentrale, sandte der Bodenstation einen freundliche Nachricht zu und klärte den fluchenden Gaubrun über die Ungefährlichkeit des Armbandes auf. Wieder beschlich mich eine sonderbare Vorahnung. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass uns jemand verfolgte.

Du siehst Gespenster, spottete mein erster Orter Horan Tak. Soweit ich unseren Sensoren vertrauen kann, sind wir völlig allein.

Mein Verfolgungswahn erreichte wohl gerade ein neues Stadium.

Dega Soon schwieg verbissen und widerstand sämtlichen Verhörmethoden. Als letzte Möglichkeit blieb der Einsatz eines Hypnosestrahlers. Ein Einsatz von Psychowaffen war in der Milchstraße weitgehend geächtet. Fälle vollkommener geistiger Zerrüttung waren nichts Ungewöhnliches.

Der Händler lag mit Fesselfeldern gut fixiert auf einer harten Metallpritsche. Ich stellte den einzigen Stuhl im Raum neben Dega und hielt ihm die Hypnosewaffe unter die Nase.

Ich bin mentalstabilisiert, höhnte er verächtlich. Du kannst dir dieses Teil in den Hintern schieben.

Ich legte den Psychostrahler zu Boden und sinnierte über weitere Möglichkeiten, diese harte Nuss zu knacken.

Sie werden kommen und dir die Gedärme herausreißen. Bald bricht ihre Zeit wieder an, giftete Dega.

Hinter meinem Rücken öffnete sich die Tür. Seldinger schlurfte in den Raum.

Was verschafft mir das späte Vergnügen?, begrüßte ich ihn matt.

ES hat mich gebeten dir zu helfen, erklärte er ernst und kam bedächtig näher. Verwunderung spiegelte sich in Dega Soons Augen. Jemand wie Seldinger passte nicht in sein Konzept.

Und wie willst du mir helfen?

Ich hätte zugern gewusst, wie Seldinger unter der wuchernden Haarpracht wirklich aussah. Seldinger stellte sich an das Kopfende der Liege und legte seine Hände auf Dega Soons Schläfen. Ohne Vorwarnung durchfuhren den Gefesselten heftige Zuckungen. Dega Soon durchlebte einen krampfähnlichen Anfall. Weißer Schaum quoll aus Mund und Nase. Der Arkonide überdrehte die Augen und lallte wirr.

Der Herr von Wanderer hat mich mit gewissen Kräften ausgestattet und mir jetzt die Erlaubnis gegeben, diese zu benutzen.

Sein kalter, sachlicher Tonfall überraschte mich. Dega Soons Körper entspannte sich. Er war ohne Bewusstsein und atmete ruhig und gleichmäßig.

In seinem Kopf existiert eine mentale Blockade. Sie steht in Verbindung mit dem Stammhirn. Es ist gut möglich, dass ich ihn bei einer Lockerung der Psychosperre umbringe.

Da bäumte sich Dega Soon erneut auf und drückte gegen die Fesselfelder. Dareens ehemaliger Patient legte seine zarten, feingliedrigen Hände auf Dega Soons Stirn zurück.

Die Blockade verselbstständigt sich ohne mein Eingreifen. Die neuronalen Impulse schwellen explosionsartig an, klang es dumpf unter Seldingers Haarbüscheln hervor.

Verdammt, setz deine Kräfte ein!

Ich habe keinen Einfluss auf das weitere Geschehen. Ich konnte nicht damit rechnen, dass bereits ein oberflächliches Abtasten diese Kettenreaktion hervorruft.

Dega Soon atmete flach und schnell.

Ich lasse ihn auf die Krankenstation bringen, entschied ich spontan.

Zu spät. In wenigen Sekunden ist sein Gehirn nicht mehr als eine plumpe, dampfende Gewebsmasse. Ich könnte allerdings sein Erinnerungszentrum für einige Augenblicke aktivieren.

Ich verstand Seldingers Hintergedanken.

Was ist?, drängte Seldinger.

Einverstanden. Hol aus ihm raus was du bekommen kannst.

Seldinger erstrahlte in einer rot glühenden Aura. Sie wogte die Arme entlang, sprang auf Dega Soon über und umhüllte den zuckenden Körper des Arkoniden. Seldinger und der Arkonide verschwammen. Dann begann der Arkonide zu reden.

Was sind das für sonderbare Raumschiffe? … Dieser Typ ist mir völlig unbekannt. … Sie greifen uns an … Belschab … Ich will keine Geschäfte … Solche Güter sind nur schwer zu besorgen … Wir treffen uns im Sektor Derasch …

Die Aura erlosch.

Sein Gehirn ist eingeschmolzen.

Seldinger wandte sich gleichgültig vom Leichnam ab. Ich fühlte tiefe Trauer, selbst mit einer zwielichtigen Gestalt wie Dega Soon und löste die Fesselfelder. Ich musste mich mit Seldinger dringend unterhalten.

Hey, wo bin ich hier?, stöhnte mein Sorgenkind auf. Mein Schädel brummt wie verrückt.

Seldinger erblickte den toten Arkoniden und schreckte zurück.

Was ist denn mit dem passiert? Der sieht irgendwie krank aus.

Er ist tot, stieß ich hervor. Und du mein Freund bist nicht ganz unschuldig daran.

Und ich dachte, Dareen Aanoo hat den Abgesandten für alle Zeiten aus meinem Körper vertrieben.

Ich erwarte ein paar klare Antworten.

Seldinger stieß mich zur Seite.

Ich bin niemandem eine Erklärung schuldig!, versetzte er zornig, stürmte aus dem Raum und ließ mich mit der langsam erkaltenden Leiche zurück.

Über die genauen Gründe seines Todes hüllte ich mich in Schweigen. Ich erwähnte gegenüber der Besatzung eine Art Irrsinnsschaltung, die Dega Soon killte. Seldingers Rolle blieb mein Geheimnis. Dieser ging mir aus dem Weg wo er nur konnte.

Unsere Fernabtastung hat einen verwaschenen Ortungsfleck eingefangen, meldete Horan Tak. Jetzt verschwindet er wieder.

Ein Raumschiff?

Nicht auszuschließen. Ein annähernd kreisrundes Echo verursachen nur wenige natürliche Phänomene, mutmaßte Horan.

Ich fühlte mich in meinen Vorahnungen bestätigt.

Wir wurden verfolgt.

Kapitel 6
Im Vorannebel

Anfangs konnten wir mit den Wörtern Derasch und und Belschab nichts anfangen. In den Sternenkarten existierten keine solche Sektoren.

Vielleicht sind das keine Begriffe in Interkosmo, sondern in einer anderen, älteren Sprache?, tippte Sharleena und nahm sich das arkonidische Archiv der KOJOTE vor. Spät abends klopfte sie aufgeregt an meine Kabinentür.

Derasch bezeichnet einen etwa 100 Lichtjahre durchmessenden Sternenhaufen in der Eastside der Galaxis.

Und wie bist du dahinter gekommen?

Sie lächelte überlegen und klopfte sich auf die Brust. Kannst du dich an den Geschichtsunterricht erinnern?

Vage, vage. Das liegt schon sehr lange zurück.

Vor bald dreitausend Jahren verschmolzen Terraner und Arkoniden für immerhin zweihundert Jahren zum Vereinten Imperium. Ebenso die terranischen und arkonidischen Sternenkarten. Und so wurde aus Derasch der Follaufnebel. Ein Jahrhundert später durchforstete Explorer 2341 die kleine Wolke, fand keine Spuren intelligenten Lebens, keine bedeutenden Rohstoffe. Danach wurde Follauf links liegen gelassen.

Elektrisiert schreckte ich hoch. Holte mich die Vergangenheit schneller ein als ich dachte?

Was ist mit dir los? Du siehst blass aus.

Es ist nichts weiter. Und Belschab?

Das Wort Belschab ist der arkonidischen Urmythologie entliehen. Es bezeichnet die Wächter der Unterwelt, so die ungefähre Übersetzung. Es liegt kein Bildmaterial vor, aber sie werden beschrieben als große echsenähnliche Monster mit furchteinflößenden Reißern und sechs Hörnern.

Waren die Dwooran zurückgekehrt? Mir wurde übel.

Eine solche Beschreibung stimmt mich so richtig fröhlich. Vielleicht Degas Kontakt?

Sharleena grinste schief. Ich vermute, wir werden es rechtzeitig erfahren.

Sofort kontaktierte ich Bull und schilderte die neuesten Erkenntnisse. Seine Antwort war ein kurzes Verdammt.

Sie haben eine Möglichkeit gefunden, zumindest für einige Zeit Karman zu verlassen. Dessen bin ich mir völlig sicher.

Und es gibt keine andere Möglichkeit?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, was auf Karman genau vor sich geht.

Nur Ryzzelhynn konnte die passenden Antworten liefern.

Ryzzelhynn ….

Vergangenheit

Dwooooor.

Der eisige Todesschrei durchschnitt den Nebel und schreckte die noch lebenden Dwooran für Momente aus der Lethargie. Wieder einer weniger, registrierte Dwooran-Dah verbittert. Seine übergeordneten Sinne durchstreiften den Nebel, in besseren Zeiten als Todeswolke gefürchtet, nach weiteren milde vor sich hinglimmenden Lichtpunkten.

112

Wie kannst du deine Schuld nur so leicht ertragen?, klagte Dwooran-Fer. Immer wieder die alte Leier. Trotzdem verknüpfte er seinen glitzernden Astralleib mit Dah. Wenn sie überlebten, dann nur zusammen mit Dah. Er war seit Jahrtausenden der vitalste und gleichzeitig gierigste aller Dwooran. Selbst die schier unendliche Verbannung trübte sein Lebenslicht nur unmerklich.

Wer konnte schon ahnen, dass uns diese Zwerge in die Falle lockten, verteidigte sich Dah. Wie immer, seit Jahrtausenden. Aber noch lebten er und seine unersättlichen Artgenossen. Und seit die Zwergenmaschine überraschend ihren Dienst einstellte, war das große Sterben gestoppt.

An seine Stelle trat langsames, beständiges Siechtum. Alle paar Jahrhunderte erloschen die Lebensspeicher eines Dwooran und damit seine Existenzgrundlage.

Dah war sich der Situation durchaus bewusst. Er konnte noch Äonen von seinen Vitalreserven zehren. Aber irgendwann waren sie erschöpft. Gemächlich bettete er sich in das Kollektiv und verfiel in schweren Dämmerschlaf.

Die Jahrtausende vergingen ereignislos und selbst Dahs Schein litt unter den Entbehrungen. Die einst so grelle Aura war matt geworden. Trotzdem überstrahlte er den kläglichen Rest mit spielerischer Leichtigkeit.

Acht Artgenossen.

Er sehnte sich nach frischen, lebendigen Kreaturen, die ihre Vitalenergie den Dwooran opferten. Aus dem Himmel senkte sich plötzlich ein Raumschiff. Es drehte einige Runden um den Planeten, bis es sich auf dem Zentralkontinent, am Rande der großen Wüsten, niederließ.

Ich wußte es, ich wußte es, triumphierte Dah. Er sprühte vor Energie und berührte in wildem Zickzack jeden seiner Artgenossen.

Könnt ihr sie spüren? Es müssen hunderte, wenn nicht tausend sein. Endlich können wir wieder satt werden.

Der Nebel hob sich aus der kleinen Bodensenke am Nordrand des Kontinents und schwebte nach Süden. Sie vergaßen jede Zurückhaltung und beschleunigten den Nebel auf Höchstwerte. Der Geruch wilden, lebendigen Fleisches ließ ihre Glitzerleiber erzittern und schraubte die Gier in unermessliche Höhen.

Endlich, endlich in warme, weiche Körper eintauchen und ihren Lebensatem aufsaugen. Hinter dem Gebirge tauchte der in der Morgensonne stählern glitzernde Kugelkoloss auf.

Diese Unwissenden versuchen uns mit einem Schutzschirm fernzuhalten, spottete Dah. Hochgeputscht passierten die Dwooran ohne jedes Problem den Schild und dahinter die Außenhülle.

Schlachtfest …

Dah genoss den Sieg in vollen Zügen. Er labte sich an den zitternden, dünnhäutigen Humanoiden und entzog ihnen genussvoll die Lebensenergien. Diese Humanoiden waren im Universum weit verbreitet. Die ersten Dwooran teilten sich in Zwillinge und beschleunigten so das Fressen. Energisch ermahnte Dah sie zur Zurückhaltung.

Ich weiß um die Versuchung, aber wir dürfen unsere Kräfte nicht verzetteln. Wir müssen materialisieren, sonst kommen wir nie von diesem Planeten weg.

Diese Humanoiden werden nicht ausreichen. Wir bräuchten noch Tausende, entgegnete Fer mit euphorischem Unterton. Wenigstens haben wir die Syntronik blockiert. Die überlichtschnellen Felder reagieren auch nach den Jahrtausenden auf unsere Aura.

Wir werden sehen, knurrte Dah.

Ihr Terraner haltet euch immer für die Herren des Universums, dabei seit ihr nicht mehr als ein Haufen viertelgebildeter Affenabkömmlinge.

Vor mir zappelte ein bis zum Bauchnabel reichendes humanoides Männchen und gestikulierte wild mit den Armen. Die Gesichtszüge waren eindeutig menschenähnlich. Das breite fleischige Gesicht umrahmte ein hellroter, gelockter, schütterer Haarkranz. Sie hingen wirr über die handgroßen Ohren und fielen ungeordnet auf die buckelige Schulter. Es weckte mehr mein Mitleid als meinen Zorn. Eine lange, knollige Nase über den breiten Lippen komplettierte das außergewöhnliche Äußere. Der Wicht trug knallbunte, togaähnliche Kleidung. Sie fiel faltig bis zu den Füßen und verdeckte die unteren Extremitäten.

Graue Augen konterkarierten den eher amüsanten Gesamteindruck. Sie waren hellwach und belauerten mich angespannt.

Wohin hatte mich ES geschickt? Ich zückte den Strahler und rammte ihn meinem Gegenüber in den voluminösen, leicht kugeligen Bauch.

Wer bist du, verdammt? Ich habe zu viel erlebt um über deine Späßchen lachen zu können, knurrte ich ungehalten.

Wir beide waren allein in einer Art Maschinenhalle. Mir unbekannte Türme und Röhren brummten leise vor sich hin und zogen sich endlose Gänge entlang.

Der Zwerg raufte die strubbeligen Haare. Blitzschnell griff er nach dem Strahler und riss ihn mir aus der Hand. Die Waffe segelte zu Boden und mit einem flinken Fußtritt beförderte er sie in die Ecke.

Du kommst wohl gerade aus dem Tiefenland?

Ich war sprachlos. Dann tippte er auf meine Brust.

Und dieser Vitalenergiespeicher hinter deinen Rippen entstammt wohl ebenfalls dem Raum unter dem Universum.

Die TIEFE existiert nicht mehr. Der Frostrubin ist an seinen Platz im Universum zurückgekehrt, die Tiefenvölker wurden gerettet.

Ich weiß, nickte der Unbekannte nachdenklich. Die universellen Stoßwellen waren nicht zu übersehen.

Wir betrachteten uns schweigsam. Mich wunderte gar nichts mehr und mein Gegenüber brütete vor sich hin.

Man nennt mich Ryzzelhynn, eröffnete er nach einigen Minuten. Und du, Michael Sardon, musst wohl der Gesandte sein.

Was denn noch alles?, schrie ich auf. Ich bin nicht mehr als ein einfacher Mensch.

Ryzzelhynn lachte lauthals und entblößte zwei blitzende weiße Zahnreihen.

Nun gut, einfacher Mann. Dann werde ich dir etwas zeigen.

Da, an der Decke.

Ryzzelhynn und ich standen in der Kommandozentrale eines Raumschiffes. Der Panoramaschirm zeigte die Oberfläche eines wüstenähnlichen Planeten. Um uns herum arbeiteten terranische Raumfahrer. Sie waren aufgeregt. Etwas stimmte hier nicht.

Wir sind auf der Planetenoberfläche gelandet. Niemand kann uns hören oder sehen.

Eine Glitzerwolke schwebte über den Köpfen. Meine zusammengekniffenen Augen schmerzten. Dem Rest in der Zentrale erging es wesentlich schlechter. Sie krümmten sich vor Schmerzen, einige übergaben sich und rangen mit dem Bewusstsein.

Die Besatzung feuerte zur Decke. Die Wolke streckte sich in die Länge und zerriss. Acht funkelnde Einzelteile entstanden. Ohne Vorwarnung stoben die einzelnen Leuchtpunkte auseinander und jagten kreuz und quer durch die Zentrale. Der mentale Druck wurde schier unerträglich.

Die Lichtsplitter versenkten sich in den Körpern von sieben Besatzungsmitgliedern. Schwere Krämpfe schüttelten ihre Körper. Sie mutierten zu staubigen Mumien, zerbrachen in einzelne Stücke und selbst diese Fragmente verfielen weiter.

Zu Staub.

Ich erkannte die verwaschenen Umrisse eines echsenähnlichen Wesens. Seine Artgenossen teilten sich in drei, vier leuchtende Fragmente und verschwanden durch die Schiffswände. Andere fuhren blitzschnell in die restliche in der Zentrale verbliebene Besatzung. Sie töteten lautlos. Mit jedem Menschen erstrahlten ihre Umrisse heller.

Jetzt erkannte ich noch deutlicher die echsenähnliche Grundgestalt. Schuppige, nackte Panzerhaut, spitzer Schädel mit fünf hornartigen Aufsätzen an den Schläfen. Darunter dreieckige, düstere Augenhöhlen und ein breiter, lippenloser mit spitzen Reißern bestückter Mund. Das fremde Wesen überragte mich um eine Kopflänge und belauerte mich. Sein Körper ruhte auf zwei Säulenbeinen mit drei krallenartigen fußähnlichen Fortsätzen.

Vorsichtig streckte ich die Hand aus und fuhr durch den muskulösen Leib. Er war völlig immateriell. Als Antwort fuhr er die krallenartige Pranke aus und fegte über mein Gesicht. Ich spürte keinen Lufthauch. Er setzte langsam einen Schritt nach vorne und ohne Vorwarnung verwandelte sich die Echse in die bekannte flimmernde Lichtgestalt zurück und drang in mich ein.

Dah hatte ihn beim ersten Eintritt in die Zentrale sofort gerochen, obwohl er sich hinter einem Schirm versteckte. Rein äußerlich war er nichts Ungewöhnliches, aber seine Vitalenergie übertrug, verdeckt von nahrhaften Schwingungen, den Geruch des Feindes.

Des wahren Feindes.

Dieser Gestank stellte vor Urzeiten die Falle auf und verbannte sämtliche Dwooran in diese Einöde. Willige Helfer der Zwerge, Ritterwerkzeuge, Todesengel. Dah wünschte sich eine Kralle um den Fremden in tausend Stücke zu zerfetzen. Er war so aufgebracht, dass er jede Vorsicht fahren ließ und in den Humanoiden eindrang.

Wie erwartet, konnte er keine Vitalenergie absaugen. Diese kleine Maschine in seiner Brust verströmte diesen fast unerträglichen Gestank.

Ich werde dich zermalmen, drang Dah in die Gedankenwelt des Fremden ein. Er konnte sie nur fragmentartig erkennen.

Du hättest es längst getan, wenn du könntest, antwortete der Fremde. Er hieß Michael Sardon. Soviel erfuhr Dah allein durch mentalen Kontakt.

Und du kannst mir glauben, dass ich einen Weg finden werde euch Parasiten auszulöschen, fuhr dieser Sardon fort.

Dah verfluchte das launige Schicksal. Endlich spülte es ein Schiff auf diesen Planeten und dann beherbergte es einen Immunen. Aber je länger Dah nachdachte, desto weniger glaubte er an eine Strafaktion oder gar Rückkehr der Ordnungsmächte. Dafür war die ganze Landung viel zu unkoordiniert.

Wahre Ordnungsmächte gingen energischer zu Werke. Diese bittere Lektion hatte Dah für alle Zeiten gelernt. Die Dwooran waren so hoch gestiegen, kratzten an den Sphären der hohen Mächten und büßten bitter für ihre Hybris.

Wir werden sehen. Du kannst den Planeten nicht verlassen und wirst uns für alle Zeiten Gesellschaft leisten. Oder du hilfst uns Dwooran bei der Navigation des Schiffes und entlässt uns im Weltall.

Die Antwort kam prompt.

Lieber sterbe ich.

Dah zog sich aus dem Körper zurück, durchdrang die Schiffshülle und scheuchte mit grellen Zornesblitzen die vor Lebensenergie strotzenden Dwooran aus der NEMORA.

Du bleibst vorläufig hier, Fer und blockierst weiter die Syntronik.

Die restlichen Dwooran formten sich zu einem wild pulsierenden Nebel und zogen sich über das Gebirge in die Nebelsenke zurück.

Dah konnte warten.

Niemand kann seiner Bestimmung entgehen. Auch du nicht Michael Sardon. Die Dwooran müssen aus diesem Universum für alle Zeiten verschwinden.

Wir entmaterialisierten noch einmal und entstanden wieder in einer langgezogenen Maschinenhalle. Leises stetiges Brummen erfüllte den Saal. Temperaturen knapp über dem Nullpunkt ließen mich frösteln. Ich war von dem Kontakt mit den Dwooran überwältigt. Es gab wohl keine bösartigere Brut als diese Schemen. Ich hatte durch den Kontakt mit Dah einiges von der Geschichte der Dwooran und ihrer abgrundtiefen Bösartigkeit erfahren.

Wo bitte liegt das Problem?

All die Jahrtausende sandte ich ungezählte Hilfsbotschaften in die Weiten Himmel und wurde jedesmal enttäuscht. Keine Antwort. Nichts. Und mit der Zeit wuchs in mir ein Verdacht: Wahrscheinlich wollten sie die Dwooran nicht ausrotten. Vielleicht liegt ihnen einiges daran, ein paar Restexemplare zu behalten. Man weiß ja nie, vielleicht werden sie eines Tagen von den hohen Mächten gebraucht.

Diese Möglichkeit elektrisierte mich. Ich traute den Kosmokraten jede Untat zu.

Und ES?

Ryzzelhynn lachte hell auf.

Dem Herrn von WANDERER waren die Hände gebunden. ES durfte keinen seiner Unsterblichen nach Karman schicken oder sonst wie tätig werden. Aber er versprach mir, sich des Problems anzunehmen.

Der Gnom stockte kurz und blickte mich mit funkelnden Augen an. Ich fühlte Wärme und erblickte hinter weit geöffneten Pupillen das lodernde Feuer der Jahrtausende.

Deshalb führte dein Weg nach Karman. Niemand kann seiner Bestimmung entgehen. Auch du nicht, Michael Sardon. Nur die wenigsten werden gefragt, ob sie dies oder jenes wirklich machen wollen.

In diesem Sternensektor geschehen sonderbarste Dinge, mein Freund. Universelle Kräfte drehen an den Gewalten des Universums und wollen wahrhaft kosmische Dinge erzwingen.

Ein gelbes, leicht knisterndes Feld legte sich auf meine Haut und hob mich zur Decke. Mir wurde noch kälter, meine Sinne schwanden.

Ich werde dich konservieren. Deine Zeit ist noch nicht reif. Die SIEGEL sind erst in einigen Jahrhunderten einsatzbereit, waren seine letzten Worte bevor mich die Umnachtung übermannte.

Eines schönen Tages holte er mich wieder aus dem Kühlfach hervor. Ich hätte ihn liebend gern erwürgt. Mit mir wurde umgesprungen wie mit einem Stück Dreck.

Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für deine kleinkarierten Empfindlichkeiten. Ich habe dir viel Leiden erspart. Ein Kugelraumer ist im Orbit aufgetaucht. Die Dwooran werden sich während des Sinkfluges auf die Besatzung stürzen, wiegelte Ryzzelhynn meine Fragen ab.

Du wirst mit dem Schiff verschwinden.

Das klang eindeutig. Ich stand in einer weitläufigen Maschinenhalle, Ryzzelhynn nannte es einen Sammler.

Wir schreiben jetzt das Jahr 1186 NGZ und die Milchstraße erholt sich langsam von der Knechtschaft durch MONOS. Das ist jetzt deine Gelegenheit. Ich habe die Syntronik des Arkonidenraumers entsprechend verändert. Die Besatzung ist längst tot.

Und die Dwooran?

Die lass nur meine Sorge sein, versprach Ryzzelhynn.

Szenenwechsel.

Trotz diverser Verfremdungen, einiger eindeutiger technischer Verbesserungen und Umorganisationen in der Zentrale war ich sicher im Arkonidenschiff zu sein. Um mich herum verstreut lagen Dutzende staubbedeckte Uniformen. Ich schluckte.

Der Hauptbildschirm zeigte Karmans Kontinente. Sie wurden rasch kleiner. Ich entfernte mich also. Plötzlich flimmerte der Schirm, das ursprüngliche Bild verblasste und machte einer anderen, gewohnten Fratze Platz.

Ich habe die Dwooran aus dem Schiff vertrieben. Sie sind mit der Einverleibung der Besatzung ziemlich mächtig geworden. Du wirst das Schiff alleine fliegen müssen. In den Lagerräumen liegen fünf SIEGEL. Du musst sie beim Verlassen des Nebels ausschleusen. Dann kann niemand mehr den Planeten betreten.

Ryzzelhynn kratzte sich am Hals und machte eine wegwerfende Geste.

Du wirst das hinkriegen. In den Datenbänken des Schiffes lagert ein Algorithmus. In unregelmäßigen Abständen öffnet sich ein Tunnel durch den Nebel. Versuche nicht, ihn zu benutzen. Verschwinde und vergiss nicht was du gesehen hast.

Ich werde es niemals vergessen, erklärte ich verbittert. Die Verbindung brach zusammen oder wurde unterbrochen. Jetzt war ich endgültig alleine. Ich fühlte mich wie ein geprügelter, räudiger, aussätziger Kojote. Mir gefiel der Ausdruck und so taufte ich das Schiff spontan auf den Namen KOJOTE.

Ich verließ problemlos den Planeten. Jetzt wußte ich, wofür mich ES benötigte. Als Transporteur des SIEGELS. Das Sonnensystem lag innerhalb eines galaktischen Nebels. Ich durchstieß den Nebel bis sich plötzlich die Ladeluken öffneten.

Die SIEGEL schleusten sich aus.

Ein gewaltiger Impuls durchlief das Sonnensystem. Die interstellare Wolke begann zu rotieren und erhitzte sich. Die Ortungssignale des Planeten erloschen.

Jetzt war Ryzzelhynn mit den Dwooran alleine.

Kapitel 7
Verfolger

Während des Fluges sortierte ich meine Gedanken. Wie kam Dega Soon nach Karman und vor allem, wie konnte er ein Zusammentreffen mit den Dwooran überleben? Ich wußte es nicht. Vielleicht war ich auch auf der vollkommen falschen Fährte. Ich drehte mich gedanklich im Kreis und wandte mich der Realität zu.

Die nähere Umgebung Follaufs ist so leergefegt wie Horans Gehirn, stichelte Sharleena trocken.

Lieber ein leeres Gehirn als einen Eisblock als Herz, kam prompt die Entgegnung. Horan hatte in der Vergangenheit Sharleena des Öfteren seine Zuneigung gestanden. Aber in dieser Hinsicht war meine erste Pilotin tatsächlich kalt wie Eis und ließ Horan Tak mehrmals übel abblitzen. Trotzdem gab er die Hoffnung, sehr zu Sharleenas Ärger, nicht auf.

Bohr dir doch einen Nagel durchs Knie, giftete sie zurück.

Der nächste Kommentar kostet euch einen Monatssold, fuhr ich genervt dazwischen.

Nichts lief so wie ich es mir vorstellte. Seldinger verbunkerte sich seit Tagen in seiner Kabine, Fat Freddy dezimierte unsere Vorräte und die Merzgang, nun ja, wie soll ich es ausdrücken? Sie würden selbst unserer Bordkatze Nelson das Futter aus dem Napf stehlen, wenn sie es nur gewinnbringend verscheuern konnten.

Doch als die beiden plötzlich in der Zentrale standen, jeder mit zwei Strahlern bewaffnet, dämmerte mir, dass sie noch für ganz andere Dinge gut waren.

Was soll das?, herrschte ich die beiden ungehalten an. Ich bin nicht in der Stimmung für solche Scherze.

Anstatt einer Antwort feuerte Merten in meine Richtung. Ich sprang vom Kommandantensessel auf und stürzte mich zu Boden. Die Salve schlug im Kommandopult ein und hinterließ ein dampfendes, verschmortes Einschussloch.

Wir übernehmen das Kommando und fordern die Übergabe der Zentralcodes.

Ich rappelte mich übertrieben langsam auf, um Zeit zu gewinnen. Jeden der Merzens umhüllte eine feine, leicht verschwommene Aura. Diese Verräter trugen also Schutzschirme. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie die Zentralbesatzung den Blickkontakt zu mir suchte. Sie waren bereit ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben zurückzuschlagen. Ich schüttelte fast unmerklich den Kopf und verfluchte in Gedanken Dareen, die mir diese Höllenbrut untergejubelt hatte.

Und was wollt ihr damit? Gegen den Willen meiner Besatzung kommt ihr kein Lichtjahr aus diesem Sternensektor heraus.

Langsam streckte ich den Merzbrüdern meine leeren Handflächen entgegen.

Gebt mir eure Waffen und ich werde diesen Vorfall vergessen, log ich ungehemmt. Natürlich würde ich die beiden höchstpersönlich erwürgen oder auf einer unwirtlichen Schwerkrafthölle aussetzen.

Ich glaube, du verkennst die Lage. Nicht wir werden die KOJOTE übernehmen, sondern die, erwiderte Merten, der das Sprechen übernahm, und deutete auf den Zentralschirm. Im selben Moment schlugen die Taster Alarm.

Ein Raumschiff fällt aus dem Hyperraum und kommt mit extrem hohen Werten auf uns zu. Die ersten Scans zeigen abgeplattete Polflächen., interpretierte Horan eigentümlich heiser die ermittelten Messwerte.

Akonen, zischte ich zornig. Sie haben euch beide wohl umgedreht.

Merten Merz lachte freudlos.

Wir verrotteten sechs elende Monate in dem verdammten Lager auf Devils Island. Und niemand hat sich um uns gekümmert, kein Ligadienst, niemand. Die Liga hat uns verheizt. Und als es um unsere Befreiung ging, mochte sich niemand die Hände schmutzig machen.

Trotzdem habt ihr eure Heimat, die terranischen Ideale verraten. Oder …

Ein schrecklicher Gedanke durchzuckte mich.

Oder haben sie euch etwas eingepflanzt?, setzte ich instinktiv nach.

Erschrocken blickten sich die Merzbrüder an. Für einen winzigen Moment verloren sie die Fassung. Meine Vermutung war offensichtlich richtig.

Wir werden angefunkt. Es sind Akonen. Sie fordern die Übergabe des Schiffes, meldete Sharleena ohne jede Erregung.

Ein vierhundert Meter durchmessender Kugelraumer. Sie schleusen Beiboote aus, ergänzte Horan.

Das Enterkommando.

Insgesamt zwölf akonische Beiboote umschwirrten die KOJOTE wie Motten das Licht. Das akonische Schlachtschiff verharrte außerhalb der Reichweite unserer Transformkanonen. Sie gingen auf Nummer sicher.

Ich warte auf deine Entscheidung, Sardon!, erinnerte mich Merten kalt.

Entweder die Zugangscodes, oder deine hübsche Zentrale verwandelt sich in eine Leichenhalle.

Unerträgliche Spannung lag über der Zentrale. Wir waren schon des Öfteren in ähnlich ausweglosen Situationen und entsprechend vorbereitet.

Ihr wart es also, die den Akonen ständig unseren Standort preisgaben. Sie haben uns seit dem Solsystem verfolgt.

Natürlich. Das Forum Raglund benötigt das Howalgonium sicher dringender als die Terraner. Und als uns eine Ironie des Schicksals auf die KOJOTE spülte, war der Rest ein Kinderspiel. Und jetzt gib mir die Codes!

Ich verzog keine Miene.

Nein.

Du hast es nicht anders gewollt, knurrte Merten grimmig und fixierte Sharleena mit dem Strahler.

Sag auf Wiedersehen, Sharleena, ätzte der Verräter.

Fahr zur Hölle, giftete meine erste Pilotin zurück.

Mit lautem Geschrei sprang Horan auf und warf sich Merten entgegen. Der Plophoser verriss den Strahler und feuerte in die Decke. Glühende Metallsplitter prasselten als Funkenregen nieder und brannten sich in den Bodenbelag. Horan fiel wie ein gefällter Baum und und blieb reglos liegen.

Das war unsere Chance!

Jetzt!, brüllte ich meine Besatzung an. Mit schnellem Griff holten acht von ihnen die unter den Steuerpulten verborgen Handstrahler heraus und eröffneten das Feuer auf die Merzens.

Sie tragen Schutzschirm. Höchste Feuerkraft.

Binnen Sekunden erstrahlten die Schilde der Plophoser wie Miniatursonnen. Die meiste Feuerkraft konzentrierte sich auf Merten. Sein Schirm flackerte irrlichtern, dann schlugen die ersten Wirkungstreffer durch und der Plophoser kippte um.

Sein Bruder war zäher. Er versuchte sich den Weg zum Turbolift freizuschießen. Als sich die Lifttür endlich öffnete, versagte sein Schirm und der Plophoser endete als dampfender Gewebeklumpen.

Meine Sorge galt Horan. Ich stürzte zu ihm, drehte den reglosen Körper auf den Rücken und schreckte zurück. Ein faustgroßer Einschuss hatte seine Brust zerfetzt. Er musste sofort tot gewesen sein. Sharleena sprang auf und kniete sich neben mich.

Dieser … dieser verdammte Idiot, stammelte sie kreidebleich. Sie fuhr mit dem Handrücken über ihre feuchten Augen und wischte Tränen aus dem erbleichten Gesicht.

Ich habe ihn so schlecht behandelt und er rettet mir das Leben.

Bedächtig schloss sie Horans gebrochene Augen, umfasste den Kopf und drückte ihn sanft gegen ihre Brust.

Das werde ich mir nie verzeihen.

Sanft legte ich meine Hand auf Sharleenas Schulter.

Ich weiß, ich verlange fast unmögliches von dir. Nur mit deiner Hilfe können wir diese Akonen aus dem Universum blasen. Es wird Horan nicht mehr zurückholen, aber sein Tod darf nicht ungesühnt bleiben.

Die Zentralbesatzung hielt den Atem an. Jedem war bewusst, dass wir uns nur mit Sharleenas außergewöhnlichen Fähigkeiten aus der akonischen Umklammerung lösen konnten. Meine Pilotin richtete sich auf und ging wortlos zu ihrem Platz zurück.

Machen wir sie fertig, willigte Sharleena gedehnt ein.

Die Akonen warteten weiterhin ab. Sie konnten noch nicht wissen, dass wir ihre Helfer erledigt hatten. Ich ließ die dampfenden Überbleibsel der Plophoser entfernen und Horan Taks sterbliche Überreste in einem Lagerraum aufbahren.

Langsam zog sich eine Blutspur durch das gesamte Unternehmen. Und wenn der Kampf mit den Akonen verloren ging, endete die KOJOTE als stahlummantelte Leichenhalle.

Wir haben nur eine Chance, wenn wir direkt auf das akonische Mutterschiff zusteuern, legte ich die Taktik fest. Das vermindert die Feuerkraft der Beiboote, denn sie werden es nicht riskieren auf ihre eigenen Leute zu schießen.

Dafür fliegen wir direkt in ihre Breitseite. Das ist Irrsinn, kam es aus dem Hintergrund.

Ich widersprach energisch.

Wenn wir fliehen oder vor Ort verharren, ziehen wir das komplette Wirkungsfeuer auf uns. Mit ein bisschen Glück nützt uns das Überraschungsmoment und wir sind im Hyperraum bevor sie verstanden haben was mit ihnen geschehen ist.

Der Plan war mehr als lausig..

Dann los!

Die KOJOTE beschleunigte mit Höchstwerten, der vierfach gestaffelte Paratronschirm fuhr hoch.

Wie Bluthunde hetzten die Beiboote hinter uns her. Die Transformkanonen streuten einen gewaltigen Feuerwall zwischen uns und die Beiboote. Erste Treffer schlugen im Schirm ein und erschütterten die KOJOTE. Sie kamen nur von den Beibooten, das Mutterschiff blieb passiv.

Zehn Prozent Lichtgeschwindigkeit, verkündete Sharleena kühl.

Mit flinken Fingern flog meine erste Pilotin über die Oberfläche des Steuerpults und versetzte die KOJOTE in Rotation um die Längsachse. Damit konnte Veran an den Waffensystemen unsere Offensivkräfte effektiver ausnutzen. Und als ebenso wichtiger Nebeneffekt verteilten sich die Einschläge gleichmäßiger auf den Schutzschildern. Dann legte der akonische Raumer los und deckte uns mit schweren Salven ein.

Schilde an der Belastungsgrenze, brüllte Veran aus dem Hintergrund. Noch so ein paar Einschläge und wir sind gewesen.

Feuert was die Magazine hergeben.

Ein helles Klingen durchlief die KOJOTE. Danach folgte eine schwere Erschütterung, die uns kräftig durchschüttelte. Die Gurte des Kontursessels zogen sich straffer und hinterließen tiefe, blutige Andenken.

Treffer im unteren Bugsegment. Der Paratron ist kurz vor dem Kollaps.

Ein weiterer Einschlag und wir sind erledigt, fürchtete Veran, während Sharleena weiterhin eisern Kurs hielt. Unsere nächste Salve durchschlug die Verteidigung des gegnerischen Schiffes.

Wir haben sie erwischt, interpretierte ich die eingehenden Energieechos.

Da geschah das Unerwartete. Die Akonen setzten zur Flucht an. Der Akonenraumer blähte sich auf und verging als Minisonne. Die lichtschnelle Druckwelle vernichtete die meisten Beiboote. Der Rest verlor den Mut und flüchtete mit Irrsinnswerten in den Hyperraum.

Das war knapp, verdammt knapp, kommentierte Sharleena.

Dann nichts wie weg. Wir haben eine Mission zu erfüllen.

Und hier sollen wir durch?, zweifelte Sharleena. Eine weitere Entladung schüttelte die KOJOTE kräftig durch.

Abwarten. Man muss nur zur richtigen Zeit am perfekten Ort sein.

Die Stunden verstrichen ungenutzt. Wir mussten die nächste Passage abwarten.

Etwas geschieht. Die Wolke zieht sich auseinander. Nein, es bildet sich eine Lücke.

Sehr gut. Wenn der Leerraum auf über einhundert Kilometer angewachsen ist fliegen wir durch.

Da durch?, zweifelte Fat Freddy und deutete auf den Hauptschirm.

Tatsächlich bildete sich zwischen den rotierenden, zuckenden feuerroten Plasmamassen des Follaufnebels eine Röhre oder Walze. Zunächst unscheinbar, dann immer deutlicher. Ein Leerraum zwischen den hereinbrechenden Urgewalten. Ich kannte den Effekt und war entsprechend gelassen.

102 Kilometer und stabil.

Dann hinein ins Vergnügen.

Die KOJOTE nahm langsam Fahrt auf und kroch durch den entstandenen Tunnel. Ringsherum brannte der Himmel. Es wirkte als umwirbelten die KOJOTE glühende Kohlebrocken.

Wir müssen uns beeilen. Der Effekt hält nur wenige Minuten.

Ich bin jedesmal über deine rechtzeitige Aufklärung begeistert. Geht das nicht eine Spur früher?, schimpfte Sharleena. Ihr ganzes Talent war gefordert. Sie schwitzte aus allen Poren.

Ich war lange nicht mehr hier, entschuldigte ich mich.

Der Tunnel fiel ohne Vorwarnung zusammen und wir bekamen ein paar saftige Entladungen verpasst. Dann wurde es ruhig. Kein beständiges Zerren am Schiff, keine aufbrausenden Naturgewalten. Nur permanentes, mildes, rötliches Hintergrundleuchten.

Und vor uns ein unscheinbares Sonnensystem.

Willkommen im Auge des Sturms. Das System nennt sich Last Hope, die Sonne Hope und der innerste Planet ist Karman.

Erklär uns lieber, wie wir aus dem Gefängnis wieder herauskommen, forderte Sharleena.

Ich lächelte verhalten, erhob mich und postierte mich vor dem Hauptschirm.

Die Schleuse folgt einem ausgeklügeltem Algorithmus. Der Ort und die Zeit ist ohne die entsprechenden Formel nicht vorhersagbar. Grob gesagt, wird alle 70 Stunden für wenige Minuten ein Ausgang sichtbar. Keine Angst. Seht euch lieber das an.

Karman füllte den Schirm voll aus.

Ihr müsst hier im Orbit kreisen, bis ich meine Aufgabe erledigt habe. Dort unten leben Wesen, die nach eurem frischen Fleisch förmlich gieren.

Und du bist immun dagegen?

Ja.

Ich würde dich am liebsten erwürgen.

Ich weiß, entgegnete ich kurz. Mir wurde bewusst, dass ich das Vertrauen in mich gehörig strapazierte. Ich schleuste mich mit einer Space Jet aus, flog einen engen Bogen und tauchte in der Atmosphäre Karmans ein. Die Jet tauchte in tiefere Schichten der Atmosphäre ein.

Plötzlich hörte ich ihr mentales, forderndes Wispern. Sie waren also noch da und erwarteten mich. Mit jedem Kilometer, den sich die Space Jet dem Boden zusenkte wurde ihr forderndes Zerren bewusster und ungemein stärker. Mein Zellaktivator pochte und feuerte brennende Impulssalven bis in die Haarspitzen.

Meine Hände zitterten leicht, die Kehle schnürte sich zu. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Die Vitalvampire forderten mich zur letzten Schlacht. Jetzt wurden alle alten Rechnungen beglichen. Oder ich würde Karman nicht mehr lebend verlassen.

Kapitel 8
Finale

Der Tag der Abrechnung war gekommen. Ich ortete ein Raumschiff. Den Daten nach war es die GOLDEN HIND. Das Howalgonium war also tatsächlich auf Karman angelangt. Nur von der Besatzung war keine Spur zu entdecken.

Ich landete am östlichen Rand des kleinen, mittleren Kontinents. Irgendwo unter mir im Sand mussten die Sammler verborgen sein.

Das wird so nicht funktionieren, vernahm ich plötzlich eine helle krächzende Stimme hinter mir. Ich schreckte hoch, stieß mir am Rand der Öffnung den Schädel blutig und griff nach dem Strahler. Schnell sprang ich zur Seite weg und rollte hinter das Pult.

Steck dein Spielzeug weg, du kleinhirngesteuerter terranischer Wicht. Eigentlich gehört dir der Hals umgedreht, aber meine gute Erziehung hindert mich daran, ein wenig Verstand in deinen hohlen Schädel hineinzuprügeln.

Ryzzelhynn, verdammt!, knurrte ich ungehalten.

Ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht mehr hier auftauchen.

Was ist passiert? Wieso ist das Siegel geöffnet worden?

Der Zwerg raufte sich die strubbeligen Haare.

Die Dwooran schafften es, einen der Sammler zu manipulieren. Der Sammler spuckte das in ihm gespeicherte Sextagonium aus. Durch die Manipulationen konnte einer von ihnen dauerhaft materialisieren und ein gestrandetes Schiff steuern. Außerdem reichte die restliche Menge aus kurzzeitig ein Loch in den Nebel zu sprengen.

Und Kontakt zu Dega Soon aufnehmen, vermutete ich.

Kurzerhand machte sich Ryzzelhynn an den Schaltungen zu schaffen.

Das Howalgonium der GOLDEN HIND wird direkt in die Sammler gepumpt.

Was planen sie?, stocherte ich nach.

Sie wollen aus den Sammlern einen Nullzeitdeformator bauen. Aber noch widerstehen die Sicherungen.

Ohne Vorwarnung erschienen vor mir drei Lichtgestalten. Dwooran! Sie waren stark geworden. Ihre Echsenkörper waren eindeutig zu erkennen. Die mittlere Gestalt sprang mich an. Seine Pranke fuhr quer über meine Brust und zerfetzte meine Uniform Überrascht schreckte ich zurück und fiel den beiden anderen in die Arme. Sie fassten mich an der Schulter und pressten mir ihre Krallen ins Fleisch. Ich trat ihnen in die Eingeweide, erreichte aber keine Reaktion.

Es wird Zeit zu verschwinden, zischte Ryzzelhynn, packte mich und verschwand mit mir.

Vor uns breitete sich die atemberaubende nächtliche Silhouette einer mir unbekannten Großstadt aus. Sie musste gewaltig sein, denn in jeder Richtung in die ich mich wandte strömte mir überwältigender Lichterglanz entgegen. Alles wirkte so echt, so real. Ich glaubte, den nie versiegenden Lärm, das brodelnde, ungezügelte Leben der Mammutstadt mit Händen greifen zu können.

Sieben mindestens 300 Meter breite, mit einer Länge von fast 1000 Metern den Himmel stützende walzenähnliche Bauten umrahmten uns. Ich erkannte auf den ersten Blick, dass diese gewaltigen Türme mit ihrer rötlichen Außenhaut nicht auf diesen Planeten gehörten. Sie stachen zu extrem von den mehr geduckten, fast igluförmigen Gebäuden der weiteren Umgebung ab.

Das ist Kworkwon. Das Herz des Orkwonenreiches. Es umspannte sieben Galaxien und war doch dem Untergang geweiht. Ryzzelhynns nüchterner, fast sachlicher Tonfall wollte mir nicht gefallen.

Wir befinden uns mehr als 70 Jahrtausende deiner Zeitrechnung in der Vergangenheit.

Warum tust du das? Warum zeigst du mir das?

Am Ende des Platzes zogen panzerähnliche Fahrzeuge auf und richteten ihre Fesselfelder in den kupferrot erleuchteten Himmel. Einige Uniformierte, aus der Entfernung entfernt an Wölfe erinnernde Lebewesen marschierten nervös vor den Panzern auf und ab und diskutierten lebhaft in kleinen Grüppchen.

Wir können nur beobachten, aber nicht aktiv eingreifen. Wir sind bessere Zeitgänger. Jetzt pass auf!, forderte Ryzzelhynn. Er ließ meine Frage unbeantwortet. Aus dem am nächsten gelegenen Turm fuhr ein grellroter Strahl vor den Panzern zu Boden und eine Gestalt erschien.

Bin ich nicht gut.

Es war mein kleinwüchsiger Begleiter. Die knallige Kleidung und der Haarschopf waren selbst auf diese Distanz unverkennbar. Weitere Strahlen zuckten durch die Nacht und plötzlich standen Hunderte dieser Wichte zwischen den Säulen.

Sehen dir jedenfalls sehr ähnlich, bemerkte ich. Ich konnte mir eine Spitze nicht verkneifen. Die armen Schweine.

Der Gnom trat mir mit voller Wucht gegen das Schienbein.

Werde nur nicht frech. Sieh hin und genieße meinen großen Auftritt.

Er seufzte schwer.

Sie verehrten uns wie Götter. Nimm dir mal ein Beispiel!

Tatsächlich warfen sich die armen Wesen vor den Doppelgängern meines Begleiters zu Boden und streckten die oberen Extremitäten in seine Richtung. Er sprach zu den verängstigten Wesen ein paar Sätze. Ich verstand die Laute perfekt.

Die hohen Mächte haben Euer verzweifeltes Flehen und Rufen erhört und Euch diese Sammler geschickt. Ich weiß, kein Volk des großen Clusters musste wie das der Orkwonen und ihrer 17 Stämme solche verheerenden Opfer ertragen. Eure Planeten sind entvölkert, die Galaxien bar jeden Lebens. Doch das wird mit der heutigen Nacht enden.

Wirf mal einen Blick in den Himmel.

Ich folgte Ryzzelhynns ausgestrecktem linken Zeigefinger und erkannte einen, vom Sternenhintergrund abgesetzten, kleinen verwaschenen Lichtfleck, der stetig an Größe zunahm. Ohne Vorwarnung erschütterte ein kurzer Stoß die Erde und dumpfes Dröhnen quälte meine Ohren.

Die so genannten Sammler traten in Aktion.

Während sich die Wolke immer schneller senkte und die Stadt mit jedem Meter Sinkflug heller ausleuchtete, spannte sich zwischen den Sammlern ein unscheinbares energetisches Feld. Feingeflochtene Spinnweben. Zart und zerbrechlich.

Erkennst du nun, was der Milchstraße bevorsteht, wenn die Dwooran sich jemals wieder in die Himmel erheben?

Die glitzernde, funkelnde Wolke füllte das Firmament mit gleißender, fast unerträglicher Helligkeit. Dagegen waren die Erscheinungen an Bord der NEMORA ein laues Lüftchen. Selbst als immaterieller Zeitgänger spürte ich die drohende, kalte Aura. Doch dieses Gebilde war mehr als nur ein kosmischer Schmarotzer. Es steckten noch tiefere Wahrheiten dahinter.

Wovor fürchten sich die hohen Mächte, dass sie mit einem Hilfsvolk eingreifen?

Unschlüssig geworden stierte Ryzzelhynn in die Ferne und versuchte meine Frage zu ignorieren.

Rück schon raus mit der Sprache, ließ ich nicht locker.

Die hohen Mächte haben die Gefahr viel zu lange unterschätzt. Selbst als die Dwooran zwei große Galaxien teilweise entvölkerten, reagierten sie nicht darauf. Bis das Problem eine neue Dimension erreichte.

Mach es nicht so spannend.

Die flimmernde, pulsierende Todeswolke schwebte wenige Meter über den Häusern. Erste Blitze schlugen aus der Wolke und äscherten wuchtigere Gebäude kurzerhand ein. Ich hatte keine Ahnung wie diese, im Vergleich zu den ausladenden Dimensionen der Dwooran doch Recht spärlich bemessenen Sammler hier noch entscheidend eingreifen konnten.

Ryzzelhynns Stimme gefror zu Eis. Sie klang hart, bitter und anklagend.

Die hohen Mächte zögerten so lange mit dem Gegenschlag, bis die Wolke kurz vor der KRITISCHEN MASSE stand. Die Dwooran mussten sich nur mehr ein paar Millionen Individuen einverleiben. Dann war die KRITISCHE MASSE erreicht und überschritten. Als Reaktion darauf musste das Kosmonukleotid einen goldenen Messenger gebären.

Mir graute vor der letzten Konsequenz. Ryzzelhynn sprach das Unfassbare, Undenkbare aus.

Die Geburt einer Superintelligenz!

Der Vorhang hob sich für den letzten Akt!

Die Wolke aus vergeistigten Dwooran mitsamt ihrer einverleibten Völker zerteilte sich in ungezählte kleinere ausgefranste Herde und fuhr zwischen die Häuser. Das große Sterben begann. Und es sah danach aus, als sollten diese kosmischen Parasiten endgültig die Oberhand gewinnen. Ich beobachtete, wie einige der Dwooran materialisierten. In ihrer körperlichen Gestalt zerstörten sie Schutzschirmgeneratoren oder ähnliches.

Die perfekten Killer.

Blitzschnell wechselten sie die Ebenen, je nachdem wo sie effektiver vorankamen.

Die Sammler dröhnten immer lauter, die permanenten Erschütterungen bemerkte ich nicht einmal mehr. Ich war gefesselt vom Todeskampf der Orkwonen und verfluchte meine Untätigkeit.

Vielleicht wurde ich nun Zeuge der Geburt einer negativen Superintelligenz.

Da wendete sich das Blatt. Urplötzlich öffnete sich der Himmel und ein seltsam grünlicher Materiestrom ergoss sich über die Sammler. Und es schien, als verliehe der Strom den kosmischen Maschinen frische Kräfte.

Sie hätten fast Erfolg gehabt. Das ist das Howalgonium der GOLDEN HIND, Sardon. Das erste mal konnte wir die Dwooran nicht besiegen. Aber jetzt erfüllt sich ihr Schicksal, offenbarte Ryzzelhynn mit schwerer Zunge.

Du meinst, dieser Strahl kommt aus der Zukunft? Mir schauderte vor den Konsequenzen. Wurde hier ein Zeitparadoxon heraufbeschworen? Und wenn ja, änderte es mein Leben?

Ryzzelhynn erahnte wohl meine Fragen.

Gib dich keinen allzu übertriebenen Hoffnungen hin! Ich kann nur in diesem engen Rahmen einwirken. Und glaube mir, es kostet mich viel Energie eine solche Zeitbrücke zu bauen und zu stabilisieren. Es ist eine Ironie. Die Dwooran glaubten, mit dem Howalgonium könnten sie sich von dem Planeten befreien. In Wirklichkeit beschworen sie ihren endgültigen Untergang.

Die Wolken erhoben sich plötzlich von der Großstadt und rasten mit irrwitzigem Tempo zu den Sammlern. Ich musste mich korrigieren. Sie wurden von den Sammlern angezogen, flatterten wild, flogen kurzerhand in das spinnwebenartige Netz und vergingen mit einem grellen Lichtblitz. Die Dwooran konnten sich dem Netz nicht entziehen und strömten in Massen aus der Stadt zu den Sammlern.

Aber die Dwooran gaben sich nicht so leicht geschlagen.

Da flog mit überirdischem Tempo ein gewaltiger, greller Wust zu den Sammlern. Kurz vor dem Netz platzte er auseinander und Abertausende kleine irrlichterne Fetzen regneten auf die am Boden postierten Orkwonen und Zwerge nieder. Und verschlangen sie! Bis auf Ryzzelhynns vergangenes Ebenbild, den Sekundenbruchteile zuvor der Strahl eines Sammlers erfasste.

Jetzt endlich saugten die Sammler, gestärkt durch den Materiestrom, jede noch so kleine Dwooranwolke auf. Die Sammler zerrten sämtliche Lichtfetzen in ihren Bann, bis die letzte unselige Erscheinung in einem grellen Blitz zerstob. Kein Dwooran war entkommen, der Sieg vollständig. Da erst bemerkte ich eine matt bläulich schimmernde kugelige Erscheinung oberhalb der Sammler.

Das ist die Essenz. Die Sammler befreiten die gefangenen Seelen und entließen sie in die Freiheit. Einzig die Dwooran blieben im Sieb hängen und sammelten sich in der Blase.

Das Werk war vollbracht. In die Sammler kam Bewegung. Sie hoben vom Boden ab und ließen gewaltige kraterähnliche Abdrücke im weichen Boden zurück. Direkt vor der Blase vereinigten sie sich an den Längsseiten zu einem einheitlichen, gewellten Ring. Der bläuliche Schirm strahlte noch intensiver. Die Blase samt Anhang beschleunigte und verschwand binnen Sekunden aus dem Blickfeld.

Auf die Technik der Porleyter war schon immer Verlass, schloss Ryzzelhynn und verschwand mit mir an der Hand.

Die Sammler beförderten jetzt jeden Dwooran, Stück für Stück, in eine andere unschädliche Daseinsform. Wir versenkten die Sammler auf dem Planeten im Follaufnebel. Die Position war mir von den Porleytern verraten worden. Ich taufte den Planeten auf den Namen Karman. Das Wort bedeutet in meiner Sprache soviel wie Hoffnung, aber auch Entscheidung.

Plötzlich schwebten wir frei im Weltraum. Vor uns breitete sich die Milchstraße aus. Jeder Sternenfahrer, der je seine Heimatgalaxis verlassen hatte, erkannte sie unter Tausend anderen Sternennebeln anhand typischer, unverwechselbarer Charakteristika. Wir durchschnitten das glitzernde, majestätische Spiralband, kreuzten unbeschadet Meteorhagel und kollabierende weiße Zwerge, bis sich unsere Reise verlangsamte.

Der Follaufnebel, diese respekteinflößende Barriere aus heißen, wabernden, interstellaren Gasen baute sich vor uns auf. Wir durchquerten sie wie weiche Butter und landeten schließlich am Ausgangspunkt der Reise.

Die Konfrontation mit dem Tod deiner Artgenossen hat dich wohl etwas mitgenommen, vermutete ich blindlings.

Ryzzelhynns Blicke verloren sich in der Ewigkeit.

Natürlich schmerzt es bis in jede Faser meines Körpers, was glaubst du denn. Aber noch viel mehr schmerzte mich die Tatsache, dass ich ihnen nicht folgen konnte, noch nicht folgen durfte, solange nur einer dieser Echsenschädel hier herumgeistert. Hier werden sich unsere Wege trennen.

Augenzwinkernd fügte er hinzu: Versuche erst gar nicht über das Zeitparadoxon nachzudenken. Hauptsache in dieser Zeitschleife gibt es keine Dwooran mehr.

Neben uns tauchte plötzlich Seldinger auf. Ich hatte keine Ahnung was er hier, 70 000 Jahre in der Vergangenheit trieb.

Der Kreis schließt sich, murmelte er. Da löste sich aus Seldingers Körper eine grelle Lichtgestalt. Seldinger brach zusammen und das Wesen hüllte Ryzzelhynn ein.

Du hast ES viel Freude bereitet. Ich soll dir ausrichten, dass du von nun an deinen eigenen Weg gehen sollst. Ich werde Ryzzelhynn nach Hause bringen.

Im selben Moment fiel die Szenerie in vollkommene Schwärze zusammen und mein überstrapaziertes Bewusstsein kapitulierte.

Epilog

Zurück im Solsystem erzählte ich Bull vom Ende der Dwooran.

Das Howalgonium kann ich dann wohl für alle Zeiten abschreiben, resümierte er.

Dann blickte er mich lächelnd an.

Planst du für die nächste Zukunft irgendwas bestimmtes?

Dabei legte er seine Hand auf meine Schulter.

Oh, nein. Diesmal wickelst du mich nicht um den Finger.

Es wäre nur ein klitzekleiner Auftrag. Im Denorsystem tummeln sich …

Ende

PROC STORIES - Fan-Stories vom PROC - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Kurzgeschichte »Der letzte Auftrag« zuletzt geändert am 2005-07-16. Autor: Thomas Köhl. Korrekturleser: Christian Lenz. Generiert mit Xtory 3.0 (powered by Apache Cocoon 2.1) von Christian Lenz. Homepage: http://www.stories.proc.org/. E-Mail: stories@proc.org. Copyright © 2000-2004. Alle Rechte beim Autor!