
Die Galaxien befinden sich im Krieg seit dem Angriff der Dorgonen auf Siom Som vor fast zwei Jahren. Das Quarterium und das Kaiserreich Dorgon auf der einen Seite gegen eine Allianz der Saggittonen, Akonen, Estarten und USO-Agenten auf der anderen Seite, bekriegen sich seit Februar 1305 NGZ.
Kaum ein Wesen weiß von den Machenschaften des Imperatore de la Siniestro mit MODROR, jener negativen Entität, die für all das verantwortlich zu sein scheint. Während MODROR einen absoluten Krieg – auch gegen die Liga Freier Terraner – fordert, will der Imperatore keinen Krieg mit Perry Rhodan, da er den Unsterblichen fürchtet. Er sucht nach Alternativen und lädt deshalb Perry Rhodan und seinen Sohn Roi Danton sowie Reginald Bull und den Mausbiber Gucky zu einer privaten Weihnachtsfeier mit der de la Siniestro Familie ein.
Während Rhodan noch überlegt, ob er diese Einladung annehmen soll, machen sich in weit entfernten Regionen, Wesen auf den Weg, um Galaxien zu erkunden. Sie sind die SPÄHER DES RIFFs …
Es war soweit. Für Mashree eine besondere Zeiteinheit - nein die Wichtigste von allen. Er war auserkoren worden, die neue Welt als Erster zu erforschen. Diese Ehre wurde nur wenigen in vielen Äonen zuteil. Nur jene, die das Glück besaßen, am Zenit ihrer Fähigkeiten zu stehen, wenn das Riff eine neue Heimat erreichte.
Tosender Applaus donnerte Mashree entgegen, als er die Halle der Weihe betrat. Die Vertreter der Riffvölker jubelten ihm zu. Da waren sie alle versammelt. Die vierköpfigen Huskenen, die kopflosen Dychoo, die tausendgliedrigen Vessyyl, die Giganten von Tohl, die Zwerge von Rifferde, die Flatroor aus den Lüften, die psionisch begabten Gannel und unzählige andere Völker. Kein Riffaner wäre in der Lage gewesen, alle Völker und deren Kolonisten im Riff aufzuzählen. Sie waren einfach zu zahlreich dafür. Immer wieder entstanden neue Wesen und Kreaturen.
Auf seinem Weg zur Ehrentribüne flatterten ihm die leuchtenden Feen aus Miskatoor entgegen. Halb seine Spezies, halb Insektoiden. Sie besaßen die Fähigkeit, den Geist eines Wesens in Harmonie und Freude zu versetzen. Sie waren zweifellos Suggestoren, doch sie verwendeten ihre Gabe nur zu friedlichen Zwecken. Miskatoor-Feen waren für das Gleichgewicht und das friedliche Miteinander im Riff zuständig. Sie verhinderten Verbrechen, indem sie jeden Verbrecher zum positiven Denken zwangen. Miskatoor-Feen waren eine Stütze des Riffs. Ein Leben ohne sie wäre ein Dasein im Chaos.
Die Fanfare des Spähers erklang. Sie galt Mashree. Diese Musik wurde nur gespielt, wenn ein Späher in die neue Welt aufbrach. Nun war es wieder soweit. Nach mehr als hundertdreißigtausend Chrons erreichten sie eine neue Welt.
Vor ihm baute sich die mächtige Gestalt des alten Meisters und Mentors Zigaldor auf. In seinem Gesicht stand die Weisheit von tausenden von Chrons.
Späher des Riffs, bist du bereit für deine Aufgabe?
Die Stimme Zigaldors hallte durch den gesamten Saal. Mashree lief ein Schauer über den Rücken. So lange hatte er auf diesen Moment gewartet, sein ganzes Leben nur diesem einen Ziel gewidmet. Es gab keine größere Ehre für einen Riffaner.
Der Späher des Riffs ist bereit, Meister Zigaldor. Bei unserem Begründer, dem großen Nistant von Sargomoph, ich bin bereit.
Das war die Formel, die Mashree auswendig gelernt hatte. Es war auch nicht schwer, doch ein Versprecher wäre peinlich gewesen.
Zigaldor nickte. Ein Lächeln huschte über seine Lippen. Er gab Murrh ein Zeichen. Murrh schliff über den Boden zu den beiden. Das schwammartige Wesen vom Volk der Persy baute seinen gallertartigen, braunen Körper auf. Aus dem Torso züngelten vier Tentakel. Jede Bewegung wurde von einem blubbernden Geräusch begleitet.
Bei Nistant, dem großen Sargomoph. Vor vielen Millionen Chrons entsandte Nistant uns ins All, um neue Welten zu erforschen und ihnen Leben zu schenken. Seitdem ist das Riff immer mehr gewachsen und wir warten auf die Rückkehr unseres Heiligen. Bis dies geschieht, werden wir seinem Willen folgen. Späher, du hast den Segen der Hohepriesterschaft des Nistant!
Der alte Manjor Zigaldor übergab Mashree den heiligen Stab der Erforschung. In diesem Datenspeicher würde er alle Daten der neuen Welt speichern.
Wieder lächelte Zigaldor und entblößte seine dolchscharfen Eckzähne. Die spitzen Ohren standen senkrecht, das Fell sträubte sich hoch. Ein Zeichen, dass er tief berührt war, so wie Mashree selbst.
Und nun Mashree, deine Gefährten in dieser Mission. Zwei Auserwählte, die den Späher dienen werden, während seiner Erkundungen.
Zigaldor deute auf zwei Wesen, die Mashree nicht unbekannt waren. Borgelund, der Tashool und Wedyyrk, die Fithuul.
Mashree hatte mit beiden zusammen eine hervorragende Ausbildung genossen. Wichtig für ihn war jedoch, dass er der Späher des Riffs war und sie nur seine Diener. Mashree würde in die Geschichtsdatenbanken eingehen. Darauf hatte er sein ganzes Leben hingearbeitet.
Wieder ertönte die heitere Fanfare der Riffspäher, komponiert vom legendären Zwerg Zillii vor siebenhunderttausend Chrons.
Und nun
, sprach Zigaldor und hob seine sechs Arme, breche auf, Späher und bringe uns Kunde über das unentdeckte Land. Möge Nistant mit dir sein, mein Sohn!
Mashree verneigte sich. Er knickte die vorderen Beine ein und neigte den langen Hals tief. Dann erhob er sich und trabte davon. In gebührenden Abstand, wie er freudig registrierte, folgten ihm Borgelund und Wedyyrk. Sie durchschritten den Korridor zur Außenwelt. Vor ihnen stand ein Termetor, ein Wächter der Innenwelt. Das knöcherne Wesen in der grauen Kutte musterte sie abfällig. So wie die guten Miskatoor-Feen Harmonie ausstrahlten, so versprühten diese Kreaturen Kälte und ließen jeden in Furcht erstarren. Doch Mashree war entschlossen, sich keine Blöße zu geben.
Ich bin der Riffspäher. Lasse mich und meine Gefolgsleute durch die Passage.
Der Termetor reagierte nicht und gab ein undefinierbares Wispern von sich. Die Augen leuchteten rot. Langsam wurde Mashree unsicher. Termetoren waren für ihre Unberechenbarkeit bekannt. Sie töteten manches Mal willkürlich, wenn ihnen jemand nicht gefiel. Doch sie waren wichtig, denn sie schützten die Innenwelt vor dem Gesindel der Außenwelt. Vor den Verbrechern und Taugenichtsen. Selbst die Feen waren nicht in der Lage, alle von ihnen zu kontrollieren. Ebenso wenig wie sie die Termetoren kontrollieren konnten. Niemand konnte das bis auf die Priesterschaft.
Du kannst passieren
, hauchte der Termetor nach einer halben Ewigkeit und machte den Weg frei.
Mashree nickte ihm kurz zu und gab Borgelund und Wedyyrk ein Zeichen. Sie folgten ihm. Jedoch hielten sie nicht den Abstand ein, doch Mashree schrieb es ihrer Furcht vor dem Termetor zu. Es war verständlich, dass sie sich in seiner Nähe wohler fühlten. Schließlich war Mashree ein Held des Riffs. Er war der Späher.
Die Passage zur Außenwelt war düster, doch sie schreckte Mashree nicht ab. Schon oft war er hier entlang gegangen, um an seinem Raumschiff zu üben. Das Schott öffnete sich. Eine grün wabernde Kuppel baute sich vor ihnen auf. Sie umschloss nicht nur die drei Riffaner, sondern auch sein Raumschiff. Die Roboter wichen zur Seite. W-XP-SP2 schwebte zu Mashree. Das leuchtende gelbe Auge auf dem zweigliedrigen Gestänge, welche auf einer Kuppel mit abgeflachten Ende ruhte, blinkte unruhig.
Das Raumschiff ist einsatzbereit, Späher
, meldete W-XP-SP2.
Ihm dafür zu danken, wäre wohl übertrieben gewesen, fand Mashree. Stattdessen ging er ins Raumschiff und verlud sein Gepäck. Borgelund und Wedyyrk taten es ihm nach. Er nutzte die Gelegenheit, um noch einmal auszusteigen. Mashree beobachtete die Sterne über dem Riff. Sie waren wunderschön. Als erster Riffaner seit Äonen würde er wieder zu den Sternen reisen, um neue Welten zu entdecken. Sein Traum wurde wahr. Er war nur noch wenige Momente von dem historischen Augenblick entfernt.
Borgelund, mache alles für den Start bereit.
Borgelund nickte. Dabei wippte sein Hals in Symbiose mit seinen fünf Stielaugen hin und her.
Endlich ist es soweit. Meine beiden Herzen pochen wild durch den Körper, so aufgeregt bin ich
, sagte Wedyyrk.
Ich weiß, was du meinst. Für uns alle drei ist das ein großer Moment. Nein, der Größte in unserem Leben
, erwiderte Mashree und gab den Startbefehl.
Borgelund befolgte die Order. Sanft, kaum spürbar, hob die RIFFOR vom Boden ab. Mashree sah auf das Riff hinab. Eher auf einen gewissen Bereich, denn das Riff war so gigantisch, dass es eine Weile dauern würde, bis sie es zur Gänze aus dem Weltall betrachten konnten. W-XP-SP2 nahm seine Position als Hauptrechner in der Kommandozentrale ein. Er verband sich mit dem Schiffsnetzwerk und kontrollierte fortan den gesamten Rechnerverbund an Bord.
W-XP-SP2, gib mir noch einmal die Daten über die neue Welt.
Sofort baute sich ein Hologramm vor Mashree auf. Die Spiralgalaxie war nur eine aus dem großen Galaxienverbund in diesem Sektor. Schon bald würden sie in dieser Galaxie sein. Mashree versuchte wieder einmal den Namen dieser Galaxie auszusprechen. In ihrer Sprache war es einfach, doch in der fremden Sprache der Einwohner klang es immer noch seltsam für ihn. Doch erneut versuchte er es: Sm Sm … Sum Sum …
Erneut probierte er es. Diese Wesen verwendeten eine ganze andere Sprachform als die Riffaner. Doch dieses Mal sprach er den Namen der neuen Welt einwandfrei aus: Siom Som!
Ein dichter Nebel zog über die dunkelgrünen Wiesen. Mit bloßem Auge sah er höchstens 50 Meter weit. Dank seiner Ortungsanzeige am Pikosyn jedoch überschaute Orlando de la Siniestro das gesamte Terrain. Er gehörte zu den wenigen, dessen Ortung nicht gestört war. Für die Infanterietruppen im Tal war es anders. Sie wussten nicht, was sie im Dunst des Nebels erwartete.
Eine Kompanie des Quarterium und eine Kompanie der Liga Freier Terraner. Seite an Seite übten sie für den Ernstfall. Dieser würde eintreten, wenn die 1000 Schiffe MODRORs, einen Angriff starten würden. Knapp 5000 Schiffe der LFT und ihrer Verbündeten sowie 5000 Schiffe des Quarterium schützten das Portal und die drei Raumstationen vor einem Übergriff der fremden Flotte MODRORs.
Orlando war nicht wohl, wenn er überlegte, dass diese 10 000 Schiffe vielleicht gar nicht ausreichten, um den Verband zu stoppen. Sie wussten nichts über die Technologie der Dscherr’Urk Raumschiffe. Wenige, unpräzise Aufzeichnungen besaß die LFT über jene barymischen Einheiten, sofern sie noch dieselbe Technik verwendeten, die sie während der Hell-Sektor Invasion benutzten.
Der Sohn des Imperatore blickte auf das Tal hinab. Langsam und bedacht marschierten die beiden Kompanien, je Kompanie 100 Mann, durch das Feld, sicherten die Flanken und suchten nach möglichen Feinden.
Orlando registrierte zwei Männer neben ihm. Es waren die Einsatzleiter der beiden Kompanien. Oberst Wolf Linker, neuer Kommandant der Elite- Division 503. Tahera
und sein LFT-Gegenstück, Major Thed Waldherr. Während Waldherrs 777. Raumeingreifdivision kaum Kriegseinsätze hinter sich hatte, war die 503. aus Veteranen des Estartu und M 87-Feldzuges zusammengestellt worden.
Orly konnte Linker jedoch nicht leiden. Der adrett gekleidete Offizier gehörte zum Stab von Alcanar Benington, einem der brutalsten Generale in der Quarterialen Armee. Als Ausbilder am Redhorse Point hochgearbeitet, musste Benington einige Degradierungen über sich ergehen lassen. Schließlich fasste er in der Quarterialen Armee Fuß und war nun Generaloberst, aufgrund seiner Verdienste in Siom Som und M 87. Offiziell ein Held - in Orlandos Augen ein größenwahnsinniger Schlächter.
Schweigend beobachteten Linker und Waldherr mit Orlando den Angriff der Roboter. Natürlich wurde niemand wirklich verletzt, die Maschinen feuerten mit Paralysestrahlern. Was weder der dort unten kommandierende Major Helge von Hahn, noch Captain Daniel Ellory ahnten, war, dass die Roboter sich im Erdboden eingegraben hatten und nun wie Pilze aus dem Boden schossen. Beide Kompanien wurden völlig überrascht und traten den Rückzug an.
Orlando las auf dem kleinen Display seines Pikosyns die Daten des Angriffes ab. Es war erschreckend. Dreißig fiktive Tote, zwanzig Verletzte. 25 Prozent der Truppe waren nach wenigen Minuten außer Gefecht. Orlando zeigte Major Waldherr und Oberst Linker die Daten. Beide schwiegen sich aus.
Das ist unakzeptabel!
Benington! Orlando fragte sich, wo der plötzlich herkam. Seine Anwesenheit war ihm nicht sonderlich angenehm.
Sir, ich bitte mich für dieses Fehlverhalten meiner Soldaten zu entschuldigen. Offenbar nehmen Sie eine Übung nicht so ernst.
Benington grinste überheblich. Orlando hasste dieses Lächeln. Im Krieg haben sie sich als hervorragende Kämpfer ausgezeichnet, Sir!
Nun, vielleicht sind die Männer etwas kriegsmüde. Diese Niederlage wird ihnen eine Lektion sein. Das nächste Mal wird es besser
, meinte Orlando.
Beningtons Lächeln blieb.
Ich werde dafür Sorge tragen, Sir!
Auch die LFT wird ihren Männern den Ernst dieser Übung näher bringen. Ich bin davon überzeugt, dass Leutnant Will Dean und Leutnant Scorbit das hinkriegen.
Remus Scorbit, Sir?
, fragte Benington.
Major Waldherr nickte.
Die Veteranen Scorbit und Dean trainieren mit der 777. Raumeingreifdivision. Vielleicht kann ich sie davon überzeugen, ein fester Bestandteil in der Führung dieser Truppe zu werden. Obgleich die Interessen beider woanders liegen. Sie möchten aber für den Kriegseinsatz bereit sein.
Beningtons Lächeln gefror. Er wirkte auf Orlando nun noch unsympathischer.
Kennen Sie Remus Scorbit, Generaloberst?
, wollte Orly schließlich wissen.
Ja, Sir! Er diente zusammen mit dem verräterischen Jonathan Andrews am Redhorse Point. Ich war sein Ausbilder. Außerdem waren sie während der Krise auf Lingus.
Nun, ob Jonathan Andrews ein Verräter ist, weiß ich nicht. Wir kämpfen eben auf unterschiedlichen Seiten. Ich schätze ihn jedoch sehr
, erwiderte Orlando.
Die beiden haben stets für Ärger gesorgt, Sir
, meinte Benington. Keine guten Soldaten. Sie sollten ein Auge auf Scorbit haben, Major Waldherr.
Der schnauzbärtige Terraner nickte und musterte Benington mit einem seltsamen Blick.
Der Generaloberst salutierte und verabschiedete sich. Oberst Linker folgte ihm wie ein Hund bei Fuß. Orlando war nicht stolz auf diese beiden Offiziere des Quarteriums. Sie standen nicht für seine Ideale und auch nicht für die seines Vaters. Manchmal fragte sich Orlando, ob einige Entwicklungen innerhalb des Reiches richtig waren. Doch ihm stand es nicht zu, darüber offen zu sprechen. Es war eine Frage der Ehre und des Anstands gegenüber seinem Vater. Niemals würde sich Orlando offen oder hinter dessen Rücken gegen seinen geliebten Vater wenden. Das war undenkbar für ihn! Er liebte und verehrte seinen Vater. Auch wenn Don Philippe de la Siniestro nicht sein leiblicher Vater war, so liebte er ihn, wie man einen leiblichen Vater nur lieben konnte. Er war ihm zur Treue verpflichtet. Deshalb stand ihm Kritik nicht zu. Höchstens in einem Vieraugengespräch.
Das Nachrichtensymbol auf Orlys Pikosyn leuchtete auf. Er aktivierte die Mail. Sie war von seiner Schwester Brettany.
Das Fest der Liebe
Liebster Orly,
die Vorbereitungen für das Fest sind fast fertig. Vater möchte wissen, wann du zurückkehrst. Perry Rhodan und die anderen werden am 22. Dezember ankommen.
Herzliche Grüße,
deine Schwester Brettany
Orlando schmunzelte, wenn er an seine engelsgleiche Schwester Brett dachte. Sie war die gute Seele der Familie. Seit zehn Jahren lebten sie nun bei ihrem Pflegevater de la Siniestro. Nein, Orly weigerte sich, ihn als Ziehvater zu bezeichnen. Don Philippe war ihr Vater! Zehn Jahre lebten sie nun in Cartwheel, als Kinder des bedeutendsten Mannes dieser Galaxis. Es war eine Ehre. Orlando hatte es bis zum Admiral gebracht. Er war Kommandant der I. Terranischen Flotte, einer der vier großen Flotten des Quarteriums. Es erfüllte ihn mit Stolz!
Er dachte wieder an Bretts Nachricht. Es wurde Zeit nach Paxus zu fliegen, um alles für die Reise vorzubereiten. Sein Vater hatte Perry und Michael Rhodan, Reginald Bull und Gucky zu einer gemeinsamen Weihnachtsfeier mit den de la Siniestros eingeladen. Seine Motivation war die Hoffnung auf einen friedlichen Dialog zwischen den beiden Nationen der Menschheit. Orlando fand diese Geste seines Vaters edel. Sie zeigte, dass er – trotz allen Gerüchten – keinen Krieg mit der Liga Freier Terraner wollte. Im Gegenteil. Sie arbeiteten am Sternenportal der Lokalen Gruppe sogar zusammen. Alles deutete auf eine Entspannung hin. Wenn erst einmal der Krieg in den estartischen Galaxien und M 87 beendet war, würde es keine Reibereien mehr zwischen der LFT und dem Quarterium geben. Daher war dieses Fest wichtig, so seltsam es auch war. Diese Einladung war beispiellos und deshalb so besonders. Rhodan und de la Siniestro bestritten zusammen das Fest der Liebe. Weihnachten war ein traditionelles terranisches Fest, doch der Sinn, oder besser gesagt, der Geist von Weihnachten war längst auf viele Kulturen übergesprungen. In der LFT galten trotz verschiedener Glaubensrichtungen der 24. bis 26. Dezember als Feiertage. Jedes Volk feierte das uralte Fest nach eigenen Bräuchen und Glauben. Selbst die Akonen und manche arkonidische Kolonisten feierten Weihnachten. Es gab aber auch viele Arkoniden, die das Fest strikt ablehnten und es als barbarisch bezeichneten.
Nun, Orly gehörte nicht dazu. Er freute sich auf das Familienfest, auch wenn er selbst zu Weihnachten sich immer eine Frau an seiner Seite gewünscht hatte. Er fragte sich, ob seine Sehnsucht nach Liebe irgendwann erfüllt werden würde.
Orly betete, dass es eines Tages so war.
Orlando erreichte das Zentrum von Fort Wolfenstein. Hier lebten knapp 10 000 Männer und Frauen. Es gab hier Restaurants, Einkaufszentren und Freizeiteinrichtungen. Natürlich durften hier nur Familien der Soldaten einkaufen. Viele nutzten die Abwechslung vom Dienst auf den drei Raumstationen und verbrachten ihre dienstfrei Zeit auf dem Stützpunkt.
Das Leben tummelte sich auf dieser Welt. Orlando war immer wieder erstaunt, dass Menschen und Extraterrestrier hier harmonisch zusammenlebten. Es gab keine Unterschiede, genauso wie auch auf Terra. Doch die Lebensweise im Quarterium war anders. Der Mensch war die Herrenrasse und andere Rassen hatten sich ihm unterzuordnen. Manchmal war sich Orly nicht sicher, ob dies richtig war. Jedoch war er fest davon überzeugt, dass der Mensch allen anderen Rassen überlegen war. Perfekter, intelligenter und vor allem moralisch überlegen. Außerdem war die Menschheit seine Rasse und er liebte sie. Orlando weigerte sich jedoch, die Extraterrestrier als Abschaum anzusehen. Sie waren eher wie Kinder oder prachtvolle Tiere. Man musste sie gut behandeln, so wie man auch seine Pferde gut behandelte, hegte und pflegte.
Abgesehen von der noch immer kontroversen Frage der Behandlung der Aliens, war das Quarterium ein starkes und gerechtes Imperium der Menschheit. Sein Vater hatte es geschafft, Terraner, Arkoniden und deren Kolonisten zu vereinen. Selbst die Akonen und Saggittonen gehörten nun dazu. Jedes Volk lebte in Harmonie und unter Wahrung der eigenen Kultur zusammen. Sie strebten gemeinsam in eine bessere Zukunft, fernab von Korruption und Dekadenz. Das alles hatte Cartwheel seinem Vater zu verdanken. Die Kriege waren bedauerlich und durch die Uneinsichtigkeit der alten Führungsclique verursacht, die ihre korrupte Macht behaupten wollten, doch als Sohn des Imperatore war er seinem Vater und dem Reich verpflichtet. Jedoch, je eher der Krieg vorbei war, desto besser.
Orlando bemerkte, dass eine Frau in einer Ecke stand und von einem grobschlächtigen Kerl anscheinend belästigt wurde. Er landete den Gleiter und stieg aus. Beim genauen Hinsehen erkannte er Uthe Scorbit, die ehemalige Sozialministerin des Terrablocks.
Orlando eilte hin.
Mrs. Scorbit, ist bei Ihnen alles in Ordnung?
Sie sah ihn an und da war es um Orlando geschehen. Ihr Blick faszinierte ihn. Sein Herz schlug höher. Wieso hatte er früher nicht so für sie gefühlt? Schnell riss er sich zusammen und konzentrierte sich auf den Halunken vor ihr.
Nun, die … dieser Mann möchte mir seine Dienste anbieten. Aber ich will nicht.
Dann verschwinden Sie besser!
Der Typ starrte Orlando an. Er war einen Kopf größer, kahlköpfig und blickte ziemlich finster drein.
Ich will der Lady doch nur ihre schweren Taschen tragen und ihr einen Drink spendieren.
Orlando wurde langsam ungeduldig.
Die Dame wünscht Ihre Gesellschaft nicht. Nun gehen Sie. Sie haben es hier immerhin mit einem Admiral des Quarteriums zu tun.
Orlando drehte sich um und gab einigen vorbei marschierenden Grautruppen ein Zeichen. Sofort waren sie bei ihm. Der grimmige Mann drehte sich um und musterte die Soldaten. Dann lächelte er verlegen.
So war das nicht gemeint.
Der Mut schien ihn beim Anblick der grimmigen Grautruppen verlassen zu haben, denn er entfernte sich so rasch er konnte. Uthe Scorbit lächelte Orlando an. Wieder fühlte er sich im siebten Himmel. Ihm war schon früher ihre Schönheit aufgefallen, doch vielleicht lag es an der Einsamkeit, dass er plötzlich glaubte, sich verliebt zu haben.
Ich danke Ihnen, Orlando. Wer weiß, was der Typ noch mit mir angestellt hätte.
Wieso sind Sie alleine unterwegs? Wo ist ihr Mann?
Das müssten Sie doch besser wissen. Er spielt Soldat für die Liga Freier Terraner. Ich habe das so satt …
Sie sah auf den Boden, schien offenbar das eben Gesagte zu bereuen.
Ich war hier, um Einkäufe zu machen. Frische Luft zu atmen, nicht mehr diese künstliche Atmosphäre auf der Raumstation.
Sie gingen ein Stück durch die Fußgängerzone. Orlando spürte, dass es Uthe nicht gut ging. Aber es stand ihm nicht zu, danach zu fragen. Er versuchte es diplomatischer.
Das Leben einer Soldatenfrau ist hart. Doch wieso hat sich Remus Scorbit wieder für das Militär entschieden?
Er meint, er kann nicht still dasitzen, während … während das Quarterium alle knechtet.
Orlando fühlte sich in seiner Ehre gekränkt.
Ihr Mann – bei allem Respekt – weiß nicht, was er sagt. Das Quarterium ist sicherlich nicht perfekt, doch es ist ein vereintes Reich der Menschheit. Wir haben in Cartwheel das erreicht, was in der Milchstraße noch immer ein unerreichbares Ideal darstellt. Meinem Vater ist es zu verdanken, dass der Traum von der Einheit aller lemurischen Völker Realität geworden ist.
Uthe sah mich an und lächelte erneut.
Aber es gehen doch auch schlimme Dinge bei Ihnen vor, Orlando. Oder sind das alles nur Lügen?
Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte.
Uthe, überzeugen Sie sich doch selbst. Ich lade Sie gerne dazu ein, uns im Frühjahr zu besuchen. Dann können sie sich selbst davon überzeugen, was Wahrheit und was Lüge ist!
Oh, ich weiß nicht …
Auch Brettany würde sich bestimmt freuen. Sie waren doch früher eng befreundet. Auch wir haben frische Luft und Kultur im Quarterium.
Sie lachte. Orlando glaubte, gepunktet zu haben.
Nun, ich werde es mir überlegen. Sie haben ja etwas bei mir gut, Orly. Schließlich haben Sie mich gerettet. Ich weiß ja, wie ich Sie erreichen kann.
Orlando bedankte sich. Ihre Reaktion gab ihm Hoffnung. So ungewöhnlich diese Verabredung auch war. Sie war zwar eine verheiratete Frau, doch offenbar war ihr Mann mehr damit beschäftigt, das Quarterium zu bekämpfen, als sich um seine liebreizende Frau zu kümmern. Orlando konnte Scorbit jetzt nicht mehr leiden.
Orlando, ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr, wie man so schön sagt.
Danke, ich werde das Fest mit meiner Familie und unseren Gästen von der LFT verbringen. Die beiden Rhodans, Bull und Gucky.
Oh? Das klingt ja nach Entspannung?
Orlando nickte.
Ich hoffe es. Es tat gut, Sie wieder zu sehen. Frohe Weihnachten.
Er riss sich zusammen und drehte um. Ohne zurückzublicken, ging er zu seinem Gleiter. Als er drin saß, sich in Sicherheit wähnte, wagte er noch einmal ihr hinterher zustarren. Nun lächelte er. Er hatte sie aus einer bedrohlichen Lage gerettet und sie würde vielleicht im Frühjahr zu Besuch kommen. Uthe war eine Frau von Klasse und Format. Sie würde an seine Seite passen. Es gab nur noch das Problem mit Remus Scorbit, aber das würde sich auch irgendwie lösen.
Inzwischen hatte der Sohn des Imperatore seine Raumfähre erreicht. Er machte sich auf den Weg nach Paxus. Zurück zu seiner Familie.
Ich habe da ein ganzes mieses Gefühl.
Rupp Grindelwold blickte dümmer drein, als er es sonst tat. In seinem Gesicht stand Angst.
Wieso? Was hast du denn?
Rupp deutete auf Wilzy. Der labernde Wilzy war ein seltsamer Vertreter seines Volkes. Der kleine, pummelige Riffaner mit dem watschelnden Gang redete ununterbrochen, ungefragt und dazu noch kompletten Unsinn. Er war gefürchtet bei allen, denn jenen, denen er seine Aufmerksamkeit schenkte
, mussten lange Zeit mit ihm vorlieb nehmen.
Wilzy ist auch nur ein Gannel, wie wir alle auch
, verteidigte ihn Daccle Kaddner.
Rupp seufzte.
Ja, nur, dass er viel redet und glaubt, wir sind seine Freunde. Wo soll denn das noch enden?
Wilzy hatte die beiden inzwischen erreicht. Aus seinen Sehverstärkern blickte er sie fragend an und seufzte erst einmal.
Tja, tja. Und sonst?
Rupp verdrehte die Augen. Daccle stieß ihn an. Er sollte schließlich Wilzy nicht gleich das Gefühl geben, total unerwünscht zu sein.
Uns geht … es gut
, antwortete Daccle. Und dir? Alles im Lot?
Wilzy fasste sich an den Bauch.
Nein, mein Herz. Schnief, Jammer die Heul. Es tut weh. Wie alles in meinem verkorksten Dasein.
Dann wollen wir dich nicht weiter beim Leiden stören
, sagte Rupp und machte kehrt. Daccle packte seinen Freund am Kragen und riss ihn zurück.
Hast du den Aufbruch des Spähers verfolgt? Toll, nicht?
Wilzy nickte.
Ja, habe ich. Ich habe ganz exklusiv auf dem Sender Riff 50012 mit einer speziellen Kamera das besondere Ereignis gesehen. Damit habe ich euch einiges voraus, auch wenn ich dies natürlich nicht so in den Vordergrund stellen möchte. Trotz Geldnot habe ich mir nämlich ein Abo-Paket von Riff 50012 gesichert und kann damit sehr viel mehr sehen als die Zuschauer der öffentlichen Riffsender. So auch die Begegnung mit den Termetoren, aber Mashree hat das souverän gelöst.
Aha …
, meinte Daccle nur.
Soll ich euch noch davon erzählen, was Riff 50012 sonst noch so zu bieten hat?
, wollte Wilzy wissen und nahm seine Brille ab, um sie zu reinigen. Daccle fiel das erste Mal die recht schuppige Haut von ihm auf. Eigentlich in seinem Volk ungewöhnlich. Zeugte eher von einem Mangel an Reinheit.
Rupp tippte Daccle an.
Da kommt schon die nächste Nervensäge.
Er zeigte auf ein Mädchen mit langen, struppigen blauen Haaren und einer Stupsnase. Wie immer trug sie nur die besten Kleider. Sie konnte es sich auch leisten, da ihre Familie reich war. Einflussreiche Beamte im Riff-Ordnungsamt.
Menirie Bargelsgrund hatte die Gruppe erreicht.
Habt ihr schon die Aufgabe gelöst?
Welche Aufgabe?
, fragte Rupp verstört.
Na, die von Lehrer Snaffrull. Immerhin geht der Unterricht auch gleich weiter. Hallo, wo lebt ihr denn?
Daccle sah verlegen auf den Boden. Das hatte er ganz vergessen. Die Aufregung um Mashrees Abflug war zu groß gewesen. Alles andere war ihm sekundär erschienen. Natürlich auch die Aufgabe des stets übel gelaunten Snaffrull. Der kopflose Dychoo wurde immer so aggressiv.
Ach, seufz und jammer. Ich habe wieder Herzweh. Ich glaube, ich bin krank und melde mich vom Unterricht ab. Dann fragt Snaffrull auch nicht nach der Aufgabe.
Wilzy Wltschwak! So wirst du nie etwas aus dir machen
, rügte Menirie ihn.
Bist du meine Mama? Wohl kaum. Aber lästert nur über mein verkümmertes Leben. Mein arggebeuteltes Schicksal in Pein und Schmerz. Was wisst ihr von der Mühsal und den Höllenqualen meines Daseins? Gar nichts. Vielleicht habe ich Glück und auf dem Weg zum Arzt werde ich überfahren oder von Termetoren getötet. Dann ist das Leid endlich vorbei und keiner wird eine Träne um mich weinen. Ich werde ein leeres, kaltes und einsames Grab irgendwo auf der Außenwelt bekommen …
Halt die Klappe!
, riefen Rupp und Menirie.
In diesem Moment ertönte das Signal. Die Pause war vorbei. Daccle bekam nun plötzlich auch Herzflattern, wenn er an den Wutausbruch seines Lehrers dachte. Vielleicht aber gab es noch Hoffnung.
Menirie, du hast doch bestimmt die Lösung. Kannst du uns die nicht kurz erklären?
Sie seufzte und sah die Drei mit einer Mischung aus Überheblichkeit und Mitleid an.
Selbst wenn ich wollte, begreift ihr wohl kaum so schnell, wovon die vier Thermodynamischen Sätze handeln, oder?
So lautete also die Frage
, erinnerte sich Rupp.
Menirie verdrehte die Augen und zog von dannen. Zögerlich folgten die Drei ihr. Daccle hatte eigentlich immer gute Noten, doch ebenso viele Tadel und Einträge aufgrund seiner etwas leichtfertigen Auslegung der Schulregeln und seines mangelnden Lernverhaltens. Er verstand aber auch nicht, wieso sie an so einem Tag – an dem ein Riffspäher aufbrach – zur Schule mussten. Das war doch ein Feiertag. Die Miskatoor-Feen arbeiteten heute nicht, ihre Kinder gingen auch nicht zur Schule. Genauso die Manjors und Vessyyl. Aber Dychhoos und Gannel mussten natürlich vorbildlich arbeiten.
Mürrisch zog er in die Klasse und lümmelte sich auf den viel zu harten Stuhl. Wenig später stapfte Snaffrull in das Zimmer.
Wie lautet der erste Satz der Thermodynamik?
Die telepathische Stimme schmerzte in Daccles Kopf. Er hatte das Gefühl, als sei die Frage direkt an ihn gerichtet worden.
Nun? Rupp Grindelwold?
Rupp zuckte zusammen.
Ich?
Snaffrull schwieg. Er teilte sich nie einem Einzelnen mit, sondern nahm immer mit der ganzen Klasse telepathischen Kontakt auf. Daccle betrachtete das Wesen. Drei Beine, ein stämmiger Torso mit vier Armen. Dort, wo bei den meisten Wesen der Kopf war, war nichts. Die Augen befanden sich dort, wo bei Daccle die Brust war. Er sah etwas aus, wie eine weibliche Gannel, doch das waren ja nicht richtige Brüste, sondern seine Augen.
Einen Mund besaß ein Dychoo nicht. Ohren auch nicht. Er nahm alles telepathisch wahr. Die Atmung erfolgte über den Rücken. Dychoos waren ein seltsames Volk. Ruhige, intelligente Vertreter der Riffaner. Aber auch sehr unfreundlich und neunmalklug.
Daccle Kaddner, hast du auch etwas zum Unterricht der Physik beizutragen? Wir haben jetzt keine Biologie und Ethik. Die Eigenschaften der Dychoo interessieren niemand.
Daccle vergaß, dass die Telepathen natürlich ihre Gedanken lesen konnten. Nicht von allen, doch junge Gannel waren noch nicht in der Lage, einen Mentalblock zu errichten.
Also Rupp, der erste Satz!
Die Brüste, nein, die Augen von Snaffrull vergrößerten sich. Sie wurden spitz und ziemlich lang.
Rupp war total bleich. Er stotterte herum und wusste natürlich nicht die Antwort.
Noch jemand, der nicht gelernt hat? Daccle? Wilzy?
Sie konnten dem Dychoo sowieso nichts vormachen. Der Lehrer las alles in ihren Gedanken. Menirie meldete sich fleißig. Sie wusste natürlich die Antwort. Snaffrull nahm sie auch dran.
Der Erste Hauptsatz der Thermodynamik ist der Satz der Energieerhaltung: Jedes System besitzt eine extensive Zustandsgröße innerer Energie. Diese kann sich nur durch den Transport von Energie in Form von Arbeit und Wärme über die Grenze des Systems ändern. Die Energie eines abgeschlossenen Systems bleibt unverändert. Verschiedene Energieformen können sich demnach ineinander umwandeln, aber Energie kann weder aus dem Nichts erzeugt werden noch vernichtet werden. Deshalb ist ein Perpetuum Mobile erster Art unmöglich.
Gut, Menirie Bargelsgrund. Schlecht Daccle Kaddner, Rupp Grindelwold und Wilzy Wltschwak! Ihr seid interessiert an dem Riffspäher, richtig? Doch der kennt die Thermodynamik. Ihr werdet nie so werden, wie er. Ihr endet als Bettler und Hausierer in der Außenwelt!
Daccle wäre vor Scham am liebsten im Erdboden versunken. Der Unterricht ging die ganze Zeit so weiter. Als die Sirene endlich ertönte, bekamen die Drei noch eine zusätzliche Aufgabe über die drei freien Tage. Sie sollten einen Artikel über Entropie schreiben, die etwas mit der Thermaldynamik zu tun hatte.
Das bedeutete wohl drei freie Tage vor dem Rechner und haufenweise physikalischen Formeln, die weder Rupp noch Daccle verstanden. Sie hatten nur eine Hoffnung: Menirie!
Nein! Ich habe etwas Besseres zu tun, als die ganzen Hola-Tage mit euch zu lernen!
Was denn? Alleine zu lernen?
, fragte Rupp zynisch.
Menirie blieb stehen.
Rupp Grindelwold, du solltest lieber dankbar sein, dass ich dir schon so oft geholfen habe. Ohne mich wärst du schon dreimal sitzen geblieben. Aber was habe ich von dir als Lohn erhalten?
Rupp schwieg. Daccle musste lachen. Menirie hatte schon recht. Sie alle hatten ihr viel zu verdanken.
Ich habe dich mal gefragt, ob wir uns einen Film zu zweit anschauen wollen. Aber du hast abgelehnt
, sagte Wilzy seufzend. Ich bin dir sicherlich zu fett und zu hässlich. Ein abstoßendes Getier, gemieden von allen Mädchen auf dem Riff. Ein Monster, ein Biest …
Jetzt ist gut. Ich habe nur nicht angenommen, weil ich sowieso nichts vom Film mitbekommen hätte. Du hättest ja die ganze Zeit geredet, Wilzy Wltschwak!
Wilzy starrte auf den Boden. Dann fasste er sich an den Bauch und verzog das Gesicht zu einer leidvollen Grimasse.
Ich habe eine Idee
, meinte Rupp.
Na das kann ja was werden
, erwiderte Menirie schnippisch.
Rupp bedachte sie eines bösen Blickes.
Ihr kennt doch den wunderlichen Professor Wackls auf Überriff? Mein Onkel Rusus kennt den ganz gut. Wackls kann uns bestimmt helfen. Er soll sehr kinderlieb sein.
Daccle fand die Idee gar nicht so schlecht. Professor Wackls war zwar ein wunderlicher Kauz, aber ein hervorragender Physiker. Er hatte in der seiner Schule sogar mal als Dozent unterrichtet, bevor er in den Ruhestand gegangen war. Er lebte auf Überriff. Das war ein Ort, den viele mieden, weil es so nah an der Außenwelt war. Wackls lebte in einem Observatorium. Er beobachtete die Sterne. Das ging natürlich nur auf Überriff und nicht in Unterriff. Er lebte sehr abgeschieden und ihr Weg führte an Termetoren-Wachen vorbei. Daccle war nicht wohl bei der Sache, aber der konnte ihnen helfen, wenn Menirie nicht wollte.
Macht doch, was ihr wollt. Wenn ihr meine Hilfe nicht wollt, kriegt ihr sie auch nicht
, zeterte Menirie und ging weg.
Mädchen sind wunderlich
, sinnierte Rupp.
Daccle stimmte ihm zu.
Was meinst du, Wilzy? Wilzy?
Daccle sah zu ihm herüber. Wilzy reagierte nicht. Er stand in einer Ecke, hatte seinen Kommunikator ausgepackt und tippte wirr darauf herum. Er tat wohl so, als wäre er allein. Daccle schüttelte den Kopf.
Falls du mit willst, Wilzy, dann treffen wir uns in drei Zeiteinheiten vor der Schule. Rupp, du machst das mit deinem Onkel klar.
Pah, alles Humbug!
Perry Rhodan verdrehte die Augen. Wieso musste Bully eigentlich immer nur meckern?
Das ist wohl die Höhe, dass wir mit diesem Verbrecher unterm Tannenbaum sitzen und Oh Du Fröhliche trällern. Ich weiß immer noch nicht, wieso ich diesem Schwachsinn zugestimmt habe …
Weil wir mit einer gemeinsamen Weihnachtsfeier dem Frieden ein Stückchen näher kommen können, Onkel Reginald.
Diesmal musste Rhodan seinem exzentrischen Sohn zustimmen. Obgleich Mike sich in letzter Zeit einige Frechheiten herausgenommen hatte, die in ihm alte Erinnerungen wachriefen, die er lieber für immer verdrängt hätte. Sein Verhalten, seine ganze Art, erinnerte ihn an längst vergangene Zeiten und an Erinnerungen, die er vergessen wollte, an Mory und Suzan. Als Roi Danton hatte er sowohl seinen eigenen Vater, als auch ihre Gegner Cau Thon und die de la Siniestros an der Nase herumgeführt. Mit allen hatte er doppeltes Spiel getrieben. Obwohl seine Schadensfreude wohl irrational war, freute er sich, dass diese Charade für seinen Sohn wohl nicht ganz so glimpflich abgelaufen würde. Stephanie, die skandalumwitterte Tochter Siniestros, hatte ihre Krallen nach ihm ausgestreckt und trachtete danach, ihn zu heiraten. Natürlich wollte Mike das nicht, doch Perry gönnte seinem Sohn, dass diese aufdringliche Person ihm nachstellte.
Michael hat recht. Wenn wir mit den de la Siniestros ein Weihnachtsfest verbringen, können wir in gelöster Atmosphäre über alles reden. Außerdem können wir diese Familie besser studieren. Falls Sie unsere Feinde sind, kann das sehr nützlich sein.
Das denken die sicher auch
, meinte Bully trotzig und kratzte sich am Hinterkopf.
Perry seufzte. Warum war Bully immer so negativ eingestellt? Aber vielleicht war es auch gut so. Wenn Perry selbst die Situation vielleicht zu blauäugig einschätzte, war Bully ein wichtiger Gegenpol. Rhodan nahm noch einmal die Einladung. Er hatte sie in Papierform erhalten. Ein Schriftrolle mit einem Siegel aus Wachs. Es passte bestens zu Imperatore de la Siniestro. Am 22. Dezember waren sie zu einem Festbankett auf dem Madrider Königsschloss nach Siniestro eingeladen. Am 23. Dezember sollten sie morgens früh mit der Jacht des Imperatore, der BUTRAGUENO, nach der Winterwelt Ves-Som in der Südseite von Siom Som, aufbrechen. Dort hatte der Imperatore seit kurzem ein Ferienhaus. Zusammen mit dessen Kindern, dem Posbi Diabolo und Cauthon Despair würden er, Bully, Mike und Gucky eine Woche dort verbringen.
Das waren nicht nur die Weihnachtsfeiertage, sondern auch Silvester und Neujahr. Am 02. Januar war die Rückreise in die Milchstraße geplant. Doch auch Perry bezweifelte, dass es harmonische Weihnachten gab.
Dennoch. Diese Zusammenkunft der aktuell mächtigsten Männer der Menschheit - sah man von Bostich ab – war eine Chance auf Frieden.
Und solche Gelegenheiten ließ Perry Rhodan niemals aus. Er stand auf und blickte auf das Sternenportal, welches immer näher kam. Schon bald würden sie mit der LEIF ERIKSSON hindurchfliegen und Paxus erreichen. Die Zentralwelt Cartwheels war so fern und doch so nah. Die Technologie des Sternenportals war bis dato unbekannt. Es war die Technik der höheren Mächte, zu denen DORGON zweifellos gehörte. Die erste Erwähnung fand das Sternenportal in den Erzählungen des Osiris. Demnach hatte der Kosmokrat Amun vor mehr als einhunderttausend Jahren den Kemeten von der Existenz eines solchen Portals erzählt. Doch wie lange gab es sie wirklich? Wer hatte sie erbaut? War es DORGON oder waren es Kosmokraten? Wie funktionierten sie? Sie wussten es nicht und doch benutzten sie diese Technik seit 1296 NGZ, seit also genau zehn Jahren! Alles, was sie wussten, war, dass sie die Koordinaten des Zielortes eingaben und beim Durchflug durch das Portal direkt dorthin gebracht wurden.
Terranische Wissenschaftler zogen Vergleiche mit dem Sonnensechseck. Prinzipiell funktionierte das Sternenportal ähnlich, nur es gab hier keine Sonnen. Woher nahm das Portal die notwendige Energie für die vielen Transporte?
Perry Rhodan wusste es auch nicht. Es war auch müßig darüber nachzudenken. Sie hatten zurzeit andere Probleme. Zuhause erholte sich die Menschheit von der SEELENQUELL-Zeit und trotzte einem immer stärker werdenden Kristallimperium. Außenpolitisch schrammte die LFT immer nur knapp an einer Katastrophe vorbei. Die Waffenlieferungen an die USO und der saggittonisch-akonischen Allianz waren brisant. Sollte das Quarterium je herausfinden, dass die LFT hinter den Lieferungen steckte, würde es sicherlich zum Krieg kommen.
Doch Perry durfte nicht untätig bleiben. So sehr er auch ein Blutvergießen zwischen Menschen mied, so sehr wollte er aber auch den unterdrückten Völkern aus Estartu und Cartwheel helfen. Er hatte ein schlechtes Gewissen, wenn er an den heldenhaften Kampf der Saggittonen, insbesondere von Aurec, dachte. Trotzdem, Rhodan besaß die Verantwortung für die Liga Freier Terraner. Auch wenn es hart war, doch Aurecs Kriegseintritt war moralisch und ethisch korrekt, aber ein schwerer taktischer Fehler seinem Volk gegenüber.
Aurec war naiv gewesen, als er den Zusicherungen des Quarteriums Glauben geschenkt hatte. Perry Rhodan wollte diesen Fehler nicht machen. Er wollte nicht irgendwo in der Ferne kämpfen, damit das Kristallimperium Terra im Handstreich nahm. Perry Rhodan hatte die Verantwortung für die Bürger der LFT. Das hatte oberste Priorität. Deshalb war eine diplomatische Lösung des Konfliktes auch so wichtig.
Und aus diesen Gründen war das Treffen mit dem Imperatore ebenso wichtig.
Wir erreichen Paxus
, meldete via Interkom Pearl Ten Wafer, die Kommandantin der LEIF ERIKSSON.
Rhodan bemerkte erstaunt, dass er so in Gedanken versunken war, dass er überhaupt nicht den Flug durch das Sternenportal und die Reise durch den Hyperraum über zehn Lichtjahre mitbekam. Das Bild vor ihnen war eindrucksvoll. Tausende quarteriale Supremoraumer kreisten in genau festgelegten Umlaufbahnen um die Hauptwelt des Reiches. Auf bestimmten Routen erreichten und verließen Handels, - und Privatraumschiffe den Planeten. Die LEIF ERIKSSON hatte sich in den Verkehr einzuordnen. Zwei Dutzend Supremo-D-Raumschiffe eskortierten sie. Das Schiff bekam eine Position im Orbit zugewiesen. Perry Rhodan, Reginald Bull, Gucky und Michael Rhodan würden mit einer Space-Jet nach Siniestro fliegen.
Nun sind wir da
, sagte Bully seltsam.
Ein vertrauter Anblick für mich
, meinte Mike, der sich mal wieder als Roi Danton verkleidet hatte. Schließlich bin ich hier ein gern gesehener Gast.
Als zukünftiger Schwiegersohn des Imperatore?
, fügte Perry süffisant lächelnd hinzu.
Würde dir denn Steph als Schwiegertochter gefallen, Paps?
Rhodans Lächeln gefror bei diesem schrecklichen Gedanken. Stephanie gehörte zu dem Schlag Frauen, die er überhaupt nicht leiden konnte. Arrogant, nymphomanisch, gierig und stets nur auf den eigenen Vorteil bedacht.
Sir, das Gepäck ist bereits verladen. Die Space-Jet steht bereit
, meldete Ten Wafer per Funk. Rhodan bedankte sich artig und gab Bully und Mike ein Zeichen. Auf dem Weg zum Hangar trafen sie auch endlich auf Gucky.
Servus
, grüßte Gucky die anderen. Wird Zeit, dass wir zur Nazi-Weihnachtsfeier aufbrechen.
Bully stieß einen Pfiff aus. Rhodan versuchte Guckys Aussage zu überhören.
Zeige deine Abneigung bitte nicht gegenüber unseren Gastgebern, Kleiner. Wir sind hier, um Frieden zu erwirken.
Du kennst mich doch, Großer. Ich und Bully schaukeln das schon mit unseren diplomatischen Künsten.
Michael fing lauthals an zu lachen. Während Gucky ins Gelächter einstimmte, sah Bully die beiden böse an. Er grummelte irgendetwas vor sich und hatte es plötzlich eilig zur Space-Jet zu gelangen.
Nun, mein Sohn! Du wirst bestimmt mit den beiden de la Siniestro Töchtern beschäftigt sein?
Mike grinste.
Oui, Monsieur. Ich tendiere aber eher zu Miss Brettany. Sie ist lieblich, hat ein großes Herz und besitzt, ganz im Gegenteil zu ihrer Schwester, die Fähigkeit zu lieben.
Rhodan schmunzelte.
Brettany würde ich als Schwiegertochter akzeptieren, mein Junge. Doch sieh dich vor. Wir wissen nicht genau, wie sich alles entwickeln wird. Liebe zum potentiellen Feind wäre fehl am Platze.
Mike stemmte die Hände in die Hüften.
Gib mir bitte keine Ratschläge, Papa! Ich habe schließlich die letzten Monate mit den de la Siniestros verbracht und bin nicht ganz unbeteiligt an diesem Treffen. Also sollte eher ich es sein, der dir Tipps gibt!
Perry blieb bei diesem kleinen Ausfall seines Sohnes gelassen. Natürlich hatte Mike schon viel über das Quarterium in Erfahrung gebracht und sich offenbar auch das Vertrauen der mächtigsten Familie erschlichen. Perry kannte aber auch seinen Sohn. Mike war ein Romantiker, der sich gerne und schnell verliebte. Brettany war eine besondere Frau. Ähnlich wie ihr Bruder Orlando war sie edel. Eine richtige Lady, wie man sie aus Atlans Erzählungen oder aus Geschichtsbüchern kannte. Sie wirkte auf ihn zwar naiv, aber keineswegs dumm. Vielleicht eher zu gutgläubig. Oder war es nur Maske? Rhodan war gespannt, all die de la Siniestros näher kennen zu lernen. Auf jeden Fall wusste er auch, dass Michael sich recht schnell in Brettany verlieben konnte. Sollte die ganze Situation jedoch eskalieren und es irgendwann wirklich zu einem Krieg zwischen der LFT und dem Quarterium kommen, wäre das keine gute Voraussetzung für eine Partnerschaft.
Noch schlimmer würde es jedoch sein, wenn Stephanies Verführungskünste Erfolg hätten. Perry traute seinem Sohn eine solche Dummheit durchaus zu, zumal er nach seinen Informationen bereits das Bett mit Siniestros zweifelhafter Tochter geteilt hatte. Noch immer bestand für ihn ein kleiner Zweifel in der Aufrichtigkeit seines Sohnes in allen Belangen, die das Verhältnis zwischen LFT und Quarterium betrafen. Er musste einfach darauf vertrauen, dass sein Sohn das Richtige tat.
Es blieb ihm auch keine andere Wahl.
Perry musterte seine Begleiter. Bully und er trugen eine blaue Galauniform mit den Abzeichen der LFT. Bull hatte es sich nicht nehmen lassen, seine Uniform mit einigen Orden aus Zeiten des Solaren Imperiums zu schmücken. Michael war wieder entsprechend seiner Rolle als Roi Danton gekleidet. Ein roter Frack über dem weißen Rüschenhemd, ebenfalls weiße Hosen, schwarze, kniehohe Stiefel. Die langen Haare waren zu einem Zopf geknotet. Immerhin hatte er auf die Schminke und die lächerliche Perücke verzichtet. Es war erst einige Tage her, dass er seine Kleidung als Karnevalkostüm bezeichnet hatte. Die Folge war gewesen, dass Mike regelrecht ausgerastet war. Sein Verhalten war und blieb ihm immer noch absolut unverständlich.
Gucky trug seine gelbe Uniform mit dem roten Streifen in der Mitte. Davon hatte er wohl mehr als 300 Ausfertigungen. Gut, dass Perry ein passendes Geschenk für den Mausbiber bereits vor Wochen ausgesucht hatte. Er war gespannt, wie der Ilt darauf reagierte. Es war schon erstaunlich, wie sehr der Mausbiber die Riten der Terraner übernommen hatte. Weihnachten, Hanukah, Ashura, Songkrann, Thanksgiving oder auch Halloween. Wenn es etwas zu Feiern gab, war der Ilt mit dabei.
Vom Gleiter aus war bereits das prächtige Königsschloss von de la Siniestro zu erkennen. Im fahlen Mondschein wirkte es sogar etwas gruselig. Wie ein Geisterschloss fand Rhodan. Er blickte aus dem seitlichen, dreieckigen Fenster. Schnee so weit das Auge reichte. Die Welt Siniestro mit ihren üppigen Wäldern, Tälern und Gebirgsketten war idyllisch. Sie erinnerte Rhodan an das alte Europa aus dem Mittelalter. Zumindest hatte er es sich so immer vorgestellt. Es gab nur wenig Industrie oder Städte auf Siniestro. Die Nachbarwelt von Mankind war eher ein Ausflugsort für Naturverbundene. Herrenhäuser, Farmen und Ferienanlagen dominierten das Naturgebiet. Die wirklich einzig hochmoderne Stadt war Isabellaport. Dort befand sich auch der einzig öffentliche Raumhafen des gesamten Planeten.
Seid ihr bereit für diese illustre Familie?
, fragte Perry schließlich. Wenn wir uns gut benehmen, können wir vielleicht einen Frieden erwirken. Bedenkt dies.
Michael verzog die Mundwinkel.
Was denkst du, was ich seit Monaten hier mache? Rapidement
, er klatschte in die Hände. Auf ein fröhliches Weihnachtsfest.
Bully verdrehte die Augen.
Ja, ganz prächtiges Fest …
Mike begann plötzlich ein Lied zu pfeifen. Irgendwie kam Perry die Melodie bekannt vor. Und dann, er konnte es kaum fassen, begann er zu singen.
Allons enfants de la Patrie …
Perry Rhodan, Reginald Bull, Gucky und Roi Danton befanden sich auf dem Weg hierher. Ihr Gleiter war nur noch wenige hundert Meter vom Schloss entfernt, zumindest nach der Anzeige meines Peilsenders. Es wurde Zeit für diese Charade. Als ob das Treffen mit Rhodan irgendetwas brachte. Damit wurden keine Probleme gelöst.
Ich beobachtete die de la Siniestros. Orlando zupfte seine Uniform zurecht, der Imperatore saß mit aufgesetztem Lächeln auf seinem Thron und Peter de la Siniestro wies das Personal an, stramm zu stehen. Die beiden Töchter verließen just in diesem Moment ihre Zimmer. Stephanie trug ein enges, schwarzes Kleid mit zwei langen und tiefen Beinausschnitten. Schwarze Stiefel, ein viel zeigendes Dekolleté. Ihre Schwester Brettany war das Gegenteil. Sie trug ein langes, wallendes rotes Kleid.
Ich kann es gar nicht erwarten, bis Roi mir um den Hals fällt
, sagte Stephanie und kicherte. Wenn wir erst einmal Terra beherrschen, werde ich …
Steph, was redest du? Wir treffen uns heute mit Perry Rhodan, dem Terranischen Residenten. Er regiert Terra.
Stephanie betrachtete ihre Schwester mit einem seltsamen, mitleidigen Blick. Dann fing sie an, lauthals zu lachen. Sie lachte Brettany aus, der das sichtlich unangenehm war.
Wie naiv du doch bist. Meine Ehe mit Michael Rhodan wird Perry Rhodans Ende sein. Er wird abdanken und wir werden regieren. Deshalb machen wir das doch nur, Kleines!
Brettany schüttelte den Kopf.
Du denkst immer nur an deinen eigenen Vorteil. Liebst du denn Michael gar nicht?
Nein. Ich liebe seine Position und die Möglichkeiten, die er mir und dem Quarterium bietet.
Stephanie fuhr sich mit der rechten Hand noch einmal durch ihre dunkelblonde Mähne. Sie war eine sehr erotische Frau. Sexy, sinnlich, einfach alles, was ein Mann sich physisch wünschte. Doch ihr Herz und ihre Seele waren zutiefst verdorben. Sie hätte eine gute Tochter des Chaos abgegeben.
Brett hingegen war das ganze Gegenteil ihrer Schwester. Natürlich war auch sie schön. Sie hatte ein zartes, weiches Gesicht, strahlend blaue Augen und seidene, goldene Locken. Sie strahlte jedoch keine so aggressive, offene Erotik aus, wie ihre Schwester. Brettany war schüchtern, zurückhaltend. Sie verkörperte eine klassische, junge Dame. In meinen Augen war sie weitaus anziehender, als Stephanie.
Brettany sah ihre Schwester traurig an. Offenbar hatte auch sie Gefühle für Roi Danton. Doch Gefühle zählten in dieser Welt nicht. Stephanie agierte wie eine Adlige aus alten Zeiten. Sie war ihrem Vater sehr ähnlich, der schließlich aus der Epoche des ausgehenden Absolutismus stammte. Der Imperatore hatte den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, die Französische Revolution und Napoleon miterlebt.
Damals hatte man in adligen Kreisen oftmals nur der Politik wegen geheiratet. Die Prinzessin des einen Landes wurde mit dem Thronfolger einer anderen Nation verheiratet, damit beide Länder enger miteinander verbunden waren.
So sollte es wohl auch zwischen Stephanie und Roi Danton sein. Ich fragte mich jedoch, ob Stephanies Plan aufging? Sie glaubte offenbar, Danton fest in ihren Händen zu halten.
Der Gleiter hielt vor dem Schloss. Das Surren erstarb. Leises Gemurmel, dann öffneten die Diener die große Eingangstür. Perry Rhodan, Reginald Bully, Gucky und Roi Danton traten in den Saal ein.
Oh, Roi, Liebster!
, rief Stephanie und eilte die Treppe hinunter. Sie warf sich ihm um den Hals. Brettany warf mir einen verzweifelten Blick zu, schien offenbar sehr traurig darüber zu sein. Es fiel ihr schwer, ihre Gefühle für Danton zu verbergen.
Kommen Sie, Brettany. Begrüßen wir die Gäste.
Sie sah mich traurig an und nickte. Brett wirkte zerbrechlich und weckte in mir Beschützerinstinkte. Sie war wunderschön und so liebenswert. Dieser blonde Engel passte überhaupt nicht in diese Familie.
Aus dem Thronsaal des Imperatore kamen die Herren des Hauses. Don Philippe und seine Söhne Orlando und Peter. In gebührendem Abstand folgte Diabolo. Der Posbi und ich betrachteten die überschwängliche Begrüßung aus gebotener Distanz.
Perry, es freut mich, dass Sie meine Einladung angenommen haben
, begrüßte der Imperatore ihn und umarmte ihn übertrieben freundlich. Mein Dank gilt Ihnen allen, meine Herren. Sie sind sicher hungrig.
Er gab einem Diener, der gekleidet war, wie ein Lakai aus dem 18. Jahrhundert, ein Zeichen. Der Mann nickte und begab sich in die Küche. Offenbar wurde aufgedeckt.
Dann sind wir wohl überflüssig?
, fragte Diabolo.
Nun, wir werden nicht speisen und nicht trinken. Was sollen wir dort?
Uns den ersten Eklat anschauen. Das dürfte sicherlich amüsant werden, Despair …
Der Sarkasmus des Posbi war unüberhörbar. Er spielte offensichtlich auf Peter oder Stephanie an, die ein Talent besaßen, sich daneben zu benehmen. Steph tat es oftmals mit eiskalter Berechnung, sie wollte ihr Gegenüber demütigen. Peter war ein Idiot, durch und durch. Ich verstand es immer noch nicht, wie man diesen Dilettanten zum Oberbefehlshaber des quarterialen Heeres machen konnte. Gott sei Dank war es meinen Generälen und mir gelungen, ihn von wichtigen Entscheidungen fern zu halten.
So hatte Peter vorgeschlagen, in einer beispiellosen Militäraktion, zehn Millionen Infanteristen in getarnten Transportern in den Dunklen Himmel zu fliegen und auf Etustar abzuladen, um den Rest der Rebellen zu vernichten. Ob und wie die getarnten
Transporter dort ankamen und wie sie sich gegen die Wachflotten wehren sollten, war ihm egal. Er kalkulierte Verluste in Millionenhöhe ein.
Wir hatten dem Pockengesicht, wie er von vielen verächtlich genannt wurde, eine kleine Elitetruppe
zur Verfügung gestellt. Die Holsteiner
bildeten die Leibwache der kaiserlichen Familie. Peter war den ganzen Tag damit beschäftigt, sie zu drillen. Eine wenig Vertrauen erweckende Gruppe. Sie bestand aus Söldnern, Vorbestraften und ehemaligen Offizieren meiner 501. Division, die ich aufgrund ihrer Brutalität aussortiert hatte.
Oberbefehlshaber war Major Yrek da Mott, ein adliger Arkonide und guter Nachbar der de la Siniestros. Allesamt unsympathische Personen.
Die Gäste und die Gastgeber hatten inzwischen Platze genommen. Aus Höflichkeit setzte ich mich dazu, obwohl ich natürlich nichts aß. Dazu hätte ich meine Maske abnehmen müssen. Das wollte ich nicht. Ich sah zu Brett, die mit glänzenden Augen den funkelnden Weihnachtsbaum betrachtete.
Weitere geladene Gäste erschienen. Finanzminister Michael Shorne, Arbeitsminister Diethar Mykke, die Generäle Mandor da Rohn und Red Sizemore sowie der LFT-Militär-Attaché Henry Portland und der LFT-Botschafter Lester Slone.
Es verwunderte mich, dass niemand von der Cartwheel Intelligence Protective anwesend war. Offenbar wollte der Imperatore den Kontakt mit den Geheimdienstlern vermeiden. Genauso erstaunlich – aber sehr weise – war, dass Jenmuhs nicht an diesem Essen teilnahm.
Einen Toast
, sprach der Imperatore. Auf einen menschlichen Frieden.
Die anderen hoben die Gläser. Gucky blieb demonstrativ sitzen, fühlte sich offenbar übergangen. Ich verübelte es ihm nicht. Nicht sehr weitsichtig von Imperatore de la Siniestro.
Wie wäre es, wenn wir generell auf den Frieden anstoßen?
, fragte Bully. Wann werden die Kriege in M 87 und den estartischen Galaxien beendet sein?
Rhodan räusperte sich. De la Siniestro blickte überrascht drein.
Sobald alle Gegner besiegt sind
, sagte ich so bedrohlich, wie nur möglich.
Bull sah mich finster an. Er konnte mich nicht leiden. Ich verübelte es ihm nicht.
Wirtschaftlich gesehen, sollte der Krieg bald beendet sein. Dann können wir in den neuen Gebieten gewinnbringenden Handel treiben
, sagte Shorne. Ich schätze, das Wachstum wird sich deutlich erhöhen. In den neuen Kolonien werden viele Unternehmen ihre Fabriken aufbauen.
Shorne steckte sich ein Stück blutiges Steak in den Rachen. Genüsslich kaute er mit einem selbstgefälligen Grinsen darauf herum.
Und wieso soll das so lukrativ für die Firmen sein?
, wollte Bull wissen.
Shorne lachte.
Das ist doch klar, Mann, eine volkswirtschaftliche Binsenweisheit. Kaum Lohnkosten. Die Eingeborenen arbeiten für ein Butterbrot und ein Ei. Weniger Kosten, mehr Gewinn, mehr Wachstum, mehr Geld. Das führt im Quarterium zu steigendem Wohlstand.
Für die Menschen.
Richtig.
Shorne grinste. Bullys Kopf lief rot an. Perry Rhodan sah besorgt zu ihm herüber.
Wann gedenkt das Quarterium die Rechte für Extraterrestrier wieder einzuführen?
Rhodans Frage war an den Imperatore gerichtet. Dieser nahm zuerst einen Schluck aus seinem verzierten Rotweinglas.
Wenn der Krieg vorbei ist. Sobald Frieden in allen Teilen des Reiches herrscht, können wir eine friedliche Koexistenz mit den Extraterrestriern wieder aufbauen.
Der Imperatore bemerkte wohl, dass Rhodan ihm nicht glaubte. Bull schüttelte den Kopf, Gucky knabberte still an einer Karotte und Roi wechselte verliebte Blicke mit Stephanie. Offenbar hatte sie ihm doch wieder den Kopf verdreht.
Glauben Sie mir, Señor Rhodan. Ich wünsche mir nichts mehr als Frieden. Gerade zu dieser Zeit …
Er klang richtig überzeugend. Natürlich würde es niemals Frieden geben, ohne MODRORs Zustimmung. Oder? Manchmal wusste ich es selbst nicht. MODROR ließ uns in dieser Hinsicht viele Freiheiten. Immer wieder hatte Cau Thon zwar angedeutet, dass es irgendwann zum Krieg gegen die LFT kommen würde. Vielleicht konnten wir dies aber verhindern. Die lemurische Menschheit sollte, nein musste, vereint das Universum beherrschen und sich nicht in einem Bürgerkrieg gegenseitig zerfleischen.
Die Frage über Krieg und Frieden liegt doch darin, ob sich die Interessen der Gegner irgendwann wieder decken oder nicht
, stellte Diethar Mykke fest.
Der feiste Terraner glotzte seltsam in die Runde und schob sich ein Stück Fleisch in den Mund. Als er aufgekaut hatte, fügte er hinzu: Wenn die LFT unsere Rassenpolitik und die Kolonisierung der neuen Gebiete akzeptiert, haben wir doch unseren Frieden.
Er sah Perry Rhodan seltsam aus seinen Glubschaugen an.
Doch wenn die LFT, die USO und Saggittonen mit Waffen und Raumschiffen unterstützt werden, wackelt der Frieden sicherlich!
Rhodan blieb gelassen.
Mykke, ich habe nicht 300 Menschenleben lang den Kosmos bereist, um mit Ihnen diskutieren zu müssen. Futtern Sie mal still weiter, während ich mich mit kompetenteren Menschen an diesem Tisch unterhalte.
Viele lachten über Rhodans Bemerkung. Selbst der Imperatore schmunzelte, Shorne verschluckte sich beim Lachen. Nur Mykke blieb ruhig. Sein runder Kopf lief rot an. Die Hände umklammerten die Serviette. Das war ihm bestimmt sehr unangenehm.
Abschließend möchte ich sagen, dass wir in den nächsten Tagen sicher Kompromisse erreichen können. Genau zu diesem Zweck haben wir uns ja in dieser beschaulichen Zeit auch zusammengefunden!
Rhodan hob sein Glas in Richtung des Imperatore, der die Geste lächelnd erwiderte. Die Gesellschaft diskutierte belangloses Zeug. Selbst Peter war auffallend ruhig. Ob er vorher Beruhigungsmittel bekommen hatte? Stephanie flirtete weiter mit Roi Danton, Orlando unterhielt sich angeregt mit Bull über Militärtaktik im Solaren Imperium, Rhodan ließ sich von Portland über den Zustand von Kathy Scolar, Nataly Andrews und Jaaron Jargon informieren und Gucky unterhielt sich mit Brett.
Er brachte sie sehr oft zum Lachen. Ihre Augen glitzerten. Ich lehnte mich zurück und beobachtete die Beiden. Es tat mir gut, ihnen zu zusehen. Sie lenkten mich von meinem düsteren Leben ab. Ich stellte mir vor, eine Frau wie Brettany an meiner Seite zu haben. Wie es wohl war, eine Frau zu haben? Oder eine Freundin?
Sinnlos Gedanken daran zu verschwenden. Meine Sehnsucht nach Liebe war stets unerfüllt geblieben. Jene Damen, die ich auserkoren hatte, mich lieben zu dürfen, fanden einen schrecklichen Tod. Zantra Solynger wurde von Wirsal Cell getötet, Sanna Breen starb durch mein Schwert und Myrielle Gatto wurde entsorgt.
Ich stand auf und ging auf den Balkon. Das Gerede war mir zuwider. Politische Floskeln ohne Inhalt. Bis auf Gucky und Brettany gab es keine ehrlichen Seelen in diesem Raum. Selbst Perry Rhodan verbarg sich hinter einem diplomatischen Schutzschirm. Allenfalls noch Reginald Bull, stur und taktlos wie immer, strahlte Ehrlichkeit aus.
Ich blickte auf die schneeweiße Landschaft. Es schneite ein wenig. Ein idyllisches Bild in diesen – in jeder Hinsicht – frostigen Tagen. Krieg überall und wir waren der Verursacher. Meine Vision von einem Imperium der Ordnung war längst in weite Ferne gerückt. Ein blutiger Weg stand uns noch bevor, bis alle Menschen geeint waren. Vielleicht war es der falsche Weg, die Mittel, die wir wählten, waren es auf jeden Fall. MODROR zwang uns dazu, doch die Quarterialen nahmen die Befehle des Kosmotarchen bereitwillig an. Der Pakt mit dem Teufel zog uns immer mehr in den Höllenpfuhl hinein. Ein gottesfürchtiger Mensch hätte jetzt bestimmt Angst, auf ewig im Fegefeuer zu brutzeln. Doch ich durchlebte die Hölle bereits zu Lebzeiten. Mein Leben war eine einzige Plage. Die Aufgabe meines Daseins beruhte darin, diese Menschheit neu aufzubauen, aber die Früchte dieser Arbeit, den Frieden und die Harmonie, würde ich nie erleben. Ich hoffte in der letzten Schlacht von der letzten Kugel getötet zu werden. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg.
Ich hörte Schritte. Durch die klackenden Absätze wusste ich, dass eine Frau den Balkon betrat.
Es ist richtig kalt geworden.
Brettany. Offenbar suchte sie auch die Ruhe. Ich drehte mich um. Sicher war mir nicht danach über das Wetter zu reden.
Was betrübt Sie?
Ich war mir immer noch nicht sicher, ob wir uns duzen oder siezen sollten.
Roi und meine Schwester. Sie hat ihn völlig in der Hand. Ich hatte gehofft, dass er etwas für mich empfinden würde, aber offenbar interessiert sich niemand für so eine altbackene Jungfrau wie mich …
Ich wusste es besser. Brettany war die reine Unschuld, ein süßer Engel. Sicher gab es keine Die Schöne und das Biest
Romanze zwischen uns, doch in diesem Moment tat sie mir leid.
Brettany, Sie sind eine bezaubernde Frau mit einem großen Herzen. Sie werden den Mann Ihrer Träume sicherlich finden. Die Romanze zwischen Stephanie und Roi dürfte politischer Natur sein. Sowohl die LFT als auch das Quarterium erhoffen sich einen Vorteil durch diese Liaison.
Aber ich dachte, dass Roi und sein Vater verschiedener Meinung sind. Wie sollte eine Heirat der LFT nutzen?
Danton würde niemals seinen Vater verraten. Leider glaubt Ihr Vater dies. Nun, ich werde auf Danton achten. Er treibt doppeltes Spiel. Seine Loyalität gilt der LFT.
Brett sah nachdenklich auf den Boden.
Vielleicht wollte er deshalb nichts mit mir zu tun haben. Weil er mein Herz nicht brechen wollte?
Das klang sogar plausibel.
Vermutlich
, sagte ich knapp.
Sie lächelte.
Dann besteht noch Hoffnung.
Ich wollte ihr nicht widersprechen, doch natürlich bestand keine Hoffnung. Sie war zudem sterblich. Ihre Liebe war nicht für die Ewigkeit. Offenbar verstand Brettany dies nicht. Sie war ein liebenswerter, aber auch naiver Engel, glaubte immer an das Beste im Menschen. Es war ein Wunder, dass sie noch nicht bitter enttäuscht wurde. Sollte sie jemals die Wahrheit über das Imperium ihres Vaters herausbekommen, würde sie das wahrscheinlich umbringen.
Nun standen sie vor dem Observatorium. Daccle Kaddner war überrascht, dass alles so einwandfrei funktioniert hatte. Rupps Onkel Rufus hatte ein Treffen arrangiert und Professor Wackls hatte der Termetoren-Wache die Erlaubnis für die Einreise der Kinder erteilt. Das Observatorium war einige hundert Meter von der Passage entfernt. Sie befanden sich nun auf der Außenwelt.
Die Sterne funkelten ihnen entgegen. Ein Anblick, den Daccle nur einmal bisher während eines Ausflugs erlebt hatte. Ansonsten galt die Außenwelt als tabu. Viele schreckliche Kreaturen hausten hier. Zumindest in dieser Region. Es gab auch Bereiche der Außenwelt, die den Riffanern gehörten. Die Manjors lebten dort. Das war aber sehr weit weg.
Daccle sah zu Wilzy und Rupp. Beiden war auch nicht ganz wohl. Doch, was sollte ihnen hier schon passieren? Daccle blickte sich um. Hinter ihnen lag die Passage. Ein großes, in den Fels gehauenes Tor aus Stahl. Der Boden war steinig. Die Gegend von Felsen und Hügeln übersäht. Ab und an schwirrten einige Sammlerdroiden an ihnen vorbei. Wahrscheinlich schürften sie nach Karasonerz. An einigen Stellen der Felsen schimmerte es grünlich. Dort gab es das Erz.
Das Gebäude von Professor Wackls stand alleine auf einem Hügel. Keine anderen Siedlungen weit und breit. Das bedeutete aber auch, dass keine Außenweltsiedlungen hier waren.
Sie gingen ein paar Schritte weiter.
Bestimmt sind wir bald tot
, meinte Wilzy.
Schritt für Schritt wuchs Daccles Angst. Was, wenn hier doch etwas geschah? Plötzlich blieb er stehen. War da etwas hinter der Wand? Ein Schatten? Rupp schien es auch gesehen zu haben. Er sah Daccle besorgt an.
Hey, wartet auf mich!
Daccle glaubte, gleich tot umzufallen, so tief saß der Schreck. Dann erkannte er die Stimme.
Menirie, was machst du hier?
, fragte Rupp verwundert.
Ich habe auch eine Einladung vom Professor erwirken können. Ich will ja euch drei Deppen nicht alleine etwas lernen lassen.
Daccle ignorierte Meniries Beleidigung und ging weiter. Knarrend schloss das Tor zum Unterriff. Nun waren sie auf sich selbst gestellt. Wenn nun die finsteren Kreaturen der Außenwelt über sie herfielen, waren sie des Todes.
Das Observatorium wirkte zerfallen. Kaum ein Licht brannte. Blätterlose Bäume umschlossen das Grundstück. Der milde Wind brachte ihre Äste zum Knarren und knacksen. Es hörte sich so an, als würde jemand an ihnen vorbei huschen.
Wir sollten uns mal beeilen
, fand Rupp und ging gleich einen Schritt schneller.
Jungs sind Feiglinge
, sagte Menirie, hielt aber dem Tempo von Rupp mit und lief sehr dicht neben ihm. Endlich erreichten sie den Eingang zum Observatorium. Sie standen vor einer verschlossenen Tür. Sie war kunstvoll verziert. Ein Spruch stand in Bogenschrift darüber.
Freunde des Kosmos sind willkommen.
Klang recht freundlich, fand Daccle. Er klopfte an, doch nichts geschah. Dann versuchte er die Tür zu öffnen. Ohne Erfolg. Eine Klingel war auch nicht vorhanden. Die Geräusche hinter ihnen wurden immer bedrohlicher. Waren da vielleicht Stimmen?
Wir sollten lieber umkehren
, schlug Menirie vor.
Daccle bemerkte, dass sie nun auch Angst hatte.
Egal, wie wir uns entscheiden. Wir werden sterben. Aber ich bestimmt als Erstes und am grausamsten ...
Wenn du nicht gleich deine Klappe hältst, erwürge ich dich eigenhändig. Langsam und grausam, Wilzy Wltschwak!
Menirie sah den Manischdepressiven wütend an. Plötzlich öffnete sich die Tür. Daccle wich aus. Licht drang aus dem Türspalt. Nach einer Weile und ziemlich lautem Knarren stand die Tür offen. Eine Gestalt kam auf sie zu. Mittelgroß, dick und mit leicht humpelndem Gang.
Professor Wackls?
, fragte Rupp.
Ja, so ist es, Kinderchen. Kommt herein. Ich habe auf euch gewartet. Kommt, kommt!
Die Vier tauschten noch kurz Blicke untereinander und dann folgten sie dem dicklichen Gannel. Daccle sah sich in dem Observatorium um. Alles war sehr dunkel und unaufgeräumt. Es wirkte chaotisch. Eine lange Treppe führte sie in einen großen Saal.
So, hier sind wir. Nehmt Platz. Möchtet ihr eine heiße Schokolade? Oder einen Absinth-Cocktail?
Wackls kicherte seltsam.
Die vier Kinder nahmen auf einer schmuddeligen Couch Platz. Menirie fühlte sich wohl besonders unwohl, zumindest interpretierte Daccle dies aus ihrem Gesichtsausdruck. Rupp schien es am wenigsten auszumachen, aber die Grindelwolds galten schon immer als etwas schlampig.
Wilzy saß apathisch am Rand der Couch und starrte tippend auf seinen Kommunikator. Daccle fragte sich, was er damit wohl machte. Ihm schrieb doch sowieso nie einer eine Nachricht.
Also, Rupp, dein Onkel Rufus hat mir erzählt, ihr habt Strafaufgaben zu lösen?
Ich nicht!
, hob Menirie hervor.
Wieso bist du dann hier?
Weil ich trotzdem etwas lernen möchte. Freiwillig. Wissen ist Macht und ich will einmal mächtig sein. Eine große, renommierte Wissenschaftlerin.
Wackls nickte und lobte sie für ihre Einstellung. Daccle ging die Streberin manchmal auf den Keks.
Entropie ist ein schweres Thema. Jaja. Die meisten wissen eigentlich nichts darüber, aber ich weiß mehr als andere wissen, wisst ihr?
Daccle hatte seine Probleme, dem Professor zu folgen.
Die Entropie ist leicht zu erklären, Kleines, wachsendes Chaos in der Ordnung. Ein Mini-Chaotarch in der Welt der Kosmokraten, versteht ihr? Das Thoregon, der Dritte Weg. Jenseits von der starren Linie entwickelt sich eine Unordnung, ein Gegensatz zur Ordnung. Es entsteht immer, man kann es nicht verhindern …
Wackls lachte hysterisch. Daccle verstand zwar, was er meinte, doch irgendwie war der Typ ihm nicht geheuer.
Ich kann es euch auch genauer erklären. Die Entropie ist ein Maß für Unwissenheit. Die Entropie bleibt nur dann unverändert, wenn die Prozesse reversibel verlaufen. Reale Zustandsänderungen sind immer mit Energieverlusten verbunden, wodurch sich die Entropie erhöht. Eine Verringerung der Gesamtentropie in einem geschlossenen System ist nicht möglich. Aber die Entropie kann lokal verkleinert werden, wenn sie an anderen Orten des Systems entsprechend anwächst. Die maximale Entropie in einem Raumbereich wird durch ein Schwarzes Loch realisiert. Da keine Information durch den Ereignishorizont nach außen dringt, ist es der Zustand maximaler Unwissenheit.
Schweigen. Daccle versuchte die Worte zu verstehen. Rupp brach schließlich die Stille.
Das bedeutet, dass bei meiner Mathematikarbeit immer maximale Entropie in meinem Kopf herrscht?
Die anderen lachten los.
So einfach ist es nicht
, sagte der Professor.
Ein Droide schwirrte zu ihm. Er teilte ihm etwas auf einer ihnen unbekannten Sprache mit. Nur Wackls schien zu verstehen. Er sah uns besorgt an, dann kicherte er wieder übertrieben freundlich.
Wisst ihr, ich will euch etwas zeigen. Habt ihr schon einmal ein Raumschiff gesehen?
Ein Raumschiff? Kaum ein Wesen besaß ein Raumschiff. Nur den Gannel und Manjor war es erlaubt, Raumschiffe zu bauen. Die meisten Riffaner sollten das Riff nur verlassen, wenn eine neue Welt besiedelt wurde. Dafür gab es die spezielle Kolonialflotte.
Daccle wusste nicht, ob es sogar verboten war, ein Raumschiff zu bauen. Zumindest kam keiner in Unterriff auf die Idee. Wo hätte er denn auch eines bauen sollen? In den Höhlen?
Sie folgten ihm einige Etagen höher. Nur Menirie war nicht beeindruckt. Offenbar war sie eingeschnappt.
Wissen Sie nicht, Professor, dass ein Raumschiff nur mit dem Segen der Nistant-Priesterschaft gebaut werden darf? Nistant, der Sargomoph wollte nicht, dass wir einfach so ins Universum reisen. Nur zur Besiedelung von neuen Welten!
Ich weiß, Menirie Bargelsgrund. Aber ich bin Forscher und Realist. Nistants Priester werden wohl kaum ein Raumschiff mit ihrem Segen sicherer machen können. Das können nur Schutzschirme und Stahllegierungen und eine dichte Hülle aus Karasonerz.
Sie folgten Wackls bis zum kleinen Hangar. Dort stand das Raumschiff. Es war vielleicht 20 Meter lang und drei Meter breit. Die Hülle schimmerte im feinen grünen Erz. Die Form entsprach die eines Keils. Es sah nicht schlecht aus, fand Daccle.
Wofür brauchen Sie ein Raumschiff?
, fragte Rupp.
Es ist mein Traum, die Sterne zu bereisen, die ich all die Jahre beobachtet habe. Das Riff reist seit Äonen durch das Weltall, entlädt hier und da in anderen Galaxien Lebewesen, um die fremden Galaxien neu zu besiedeln. Rassen werden assimiliert und in die Gemeinschaft eingegliedert. Doch es gibt noch viel mehr. Warum nicht mal fremde Völker besuchen und einfach ihre Kultur kennen lernen? Warum darf nur der Späher das tun? Ich will es auch. Ich will mehr über den Kosmos erfahren, seine Rätsel lösen!
Daccle bemerkte ein Leuchten draußen. Zuerst dachte er an die Sammlerdruiden, doch das Licht teilte sich auf, bewegte sich sehr unruhig. Das waren mehrere Wesen mit Lampen. Sie marschierten in ihre Richtung. Rupp bemerkte es auch.
Wir sind tot
, meinte Wilzy. Das ist unser Ende. Eine Horde Ylors marschiert auf uns zu. Schnief. Wir werden grausam sterben.
Daccle blickte fragend zu Professor Wackls.
Ist das so? Sind das wirklich diese Furcht erregenden Ylors? Wieso bewegen die sich so nahe an Überriffpassagen?
Wackls druckste etwas herum, musste husten und räuspern.
Nun ja, ich fürchte, sie suchen mich …
Wieso?
Ich habe für den Bau meines Raumschiffes einige Teile bei den Ylors gekauft, aber vergessen sie zu bezahlen. Nun sind sie wohl etwas wütend auf mich.
Er kicherte wieder irre.
Und was machen wütende Ylors mit Ganneln?
, fragte Menirie.
Foltern und verspeisen
, antwortete Wilzy.
Ich habe nicht dich gefragt!
Er hat aber recht
, sagte Wackls. Ylors sind extrem gefährliche und bösartige Kreaturen. Sie werden das Observatorium niederbrennen uns grausam foltern und wenn sie Hunger haben, braten und auffressen. So sind die Sitten bei denen.
Daccle war geschockt, doch er wusste, dass sie hier ganz schnell weg mussten. Es war aber bereits zu spät. Die Ylors erreichten das Observatorium.
Gibt es einen Fluchtweg?
Wackls schüttelte den Kopf. Das Geschrei der Kreaturen wurde immer lauter. Daccle kannte Ylors nur aus Gruselgeschichten. Sie bewohnten die Außenwelt, lebten in den finstersten und kältesten Teilen des Riffs. Sie waren einem Gannel nicht unähnlich, doch ihre Ohren waren spitz, genauso wie auch ihre Zähne. Ihre Gesichte waren deformiert und entstellt. Sie scheuten das Licht, einige starben sogar unter Einwirkung von Sonnenstrahlen. Der Legende nach saugten sie auch das Blut ihrer Opfer und fraßen ihr Fleisch. Ylors waren aber auch intelligent und ebenso gefährlich. Es hatte viele Kriege zwischen Gannel und Manjors auf der einen Seite und den Ylors auf der anderen Seite gegeben.
Kein vernünftiger Riffaner machte freiwillig Geschäfte mit denen. Professor Wackls schien wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben. Die Fluchtwege waren versperrt. Es gab nur noch einen Ausweg für Daccle und seine Freunde.
Professor, fliegt Ihr Raumschiff?
Wackls sah Daccle entgeistert an.
Ja, ja, natürlich. Das ist die Lösung! Wir fliegen in den Kosmos. Weit weg von den Ylors.
Spinnt ihr? Wenn unsere Eltern das wüssten
, regte sich Menirie auf. Ich steige da nicht ein!
Alternativ wirst du von den Ylors gegessen. Was ist dir lieber?
, fragte Rupp und lächelte sarkastisch.
Menirie schlug ihm auf die Schulter.
Sei du bloß ruhig. Wessen idiotische Idee war es denn, zu dem beknackten Professor zu gehen?
Rupp schwieg. Wilzy watschelte in Richtung des Raumschiffes und stöhnte unüberhörbar.
So oder so sind wir am Ende. Aber mir wird es noch viel schlimmer als euch ergehen. Wahrscheinlich habt ihr einen schön schnellen Tod und ich werde langsam bei lebendigem Leibe von den Ylors abgeknabbert werden ...
Daccle schob Wilzy in das Raumschiff. Menirie und Rupp folgen sofort. Der verrückte Professor saß schon drin. Die Ylors waren inzwischen in das Observatorium eingedrungen. Ihre Schreie waren erschreckend.
Bereit?
, rief Wackls. Dann los. Start!
Daccle wurde in den Sitz gepresst. Menirie fing an zu schreien und Wilzy sagte nur, dass das Ende gekommen sei. Das Raumschiff schoss aus dem Hangar in Richtung Weltall. Plötzlich verschwanden die Sterne um sie herum und ein graues Wabern umschloss das Schiff.
Wo sind wir?
, fragte Rupp.
Im Hyperraum, kleiner Grindelwold. Wir reisen mit Überlichtgeschwindigkeit
, erklärte Wackls.
Und wieso? Bringen Sie uns sofort zur nächsten Unterriffpassage. Wir wollen nach Hause!
, forderte Menirie.
Der Professor schwieg. Daccle schwante Übles. Der Professor hatte nicht vor, sie zurückzubringen. Er wollte irgendwohin fliegen.
Wisst ihr, das Ganze war nicht geplant. Aber da wir nun schon unterwegs sind und ich eine Crew habe, können wir gleich in die Galaxis Siom-Som fliegen.
Wohin?
, fragte Daccle.
Siom-Som, meine Kleinen. Dorthin ist auch Mashree der Späher unterwegs. Wir werden unsere eigenen Erkundungen machen und das ganze Riff wird von Wackls, dem Entdecker sprechen. Naja, ihr werdet sich auch erwähnt werden.
Menirie verdrehte die Augen. Rupp vergrub das Gesicht zwischen den Händen und Wilzy war wieder in apokalyptischer Stimmung. Irgendwie hatte Daccle Kaddner sich eine Nachhilfestunde in Physik ganz anders vorgestellt.
Perry Rhodan war froh, als die letzten unsympathischen Gäste gegangen waren. Weder Shorne noch Mykke konnte er besonders leiden. Sie passten hervorragend in das System des Quarterium.
Er saß mit einem Brandy vor dem Kamin. Der Imperatore neben ihm. Sie waren allein. Roi vergnügte sich mit Stephanie, Gucky war irgendwo und Bully musste sich Peters Spielzeugsoldaten ansehen und fachmännische Kommentare über die Stärke von Peters Eliteeinheiten Holsteiner
abgeben.
Was ging in dem Imperatore vor, fragte sich Rhodan? Dieser alte Spanier war nicht nur offiziell der älteste Mensch Terras, er war innerhalb kürzester Zeit zu einem der wichtigsten Menschen aufgestiegen. Beherrscher des Quarterium, Zellaktivatorträger. Hatte Rhodan de la Siniestro unterschätzt? Früher hatte er ihn als harmlosen Greis angesehen, doch von Jahr zu Jahr hatte der Imperatore sich hoch gearbeitet und stand nun an der Spitze der Macht. Strebte er nach mehr? Wollte er auch Terra und die LFT?
Was waren seine Motive für die Kriege? Stimmten die Meldungen über Deportationen und Internierungslagern? Rhodan befand sich in einer verzwickten Situation.
Sie haben viel geleistet
, sagte Rhodan. Doch wieso führen Sie den Krieg? Er ist doch unnötig.
Rhodan ging forsch an die Sache heran. Der Imperatore nippte an dem Glas und starrte ins knisternde Feuer.
Wieso haben Sie früher so gehandelt, wie Sie es getan haben? Sie haben den Arkoniden ihre Vorherrschaft in der Milchstraße abgenommen und Kriege gegen Andromeda geführt.
Rhodan empfand diese Verdrehung der Tatsachen als unangenehm. Die Terraner reagierten und agierten nicht.
Wir haben uns immer nur verteidigt. Das Solare Imperium hat nie einen Krieg begonnen. Alles, was wir wollten, war, den Kosmos zu erforschen, die Menschheit in eine bessere Zukunft leiten. Außerdem haben wir den Auftrag von ES.
Auch wir wollen wir die Menschheit in eine bessere Zukunft leiten und handeln im Auftrag von Höheren Mächten. Das Quarterium ist ein ausgewähltes Reich. Uns gehört die Zukunft.
Wieso muss diese Zukunft auf Knochen aufgebaut werden? Gibt es keine friedlicheren Wege?
Der Imperatore schwieg. Rhodan hatte das Gefühl, als wollte de la Siniestro diesen Weg gar nicht einschlagen. Welchen Mächten diente er? Das ganze Quarterium war geheimnisvoll. Hatte ES etwas damit zu tun? Oder DORGON? Rhodan konnte sich bei dem besten Willen nicht vorstellen, dass beide Entitäten solch ein brutales Vorgehen unterstützen. Dennoch, ES war immer für eine Überraschung gut gewesen.
Rhodan wollte mehr herausfinden und fragte direkt: Welchen Entitäten dienen Sie denn?
Das darf ich Ihnen noch nicht mitteilen, Rhodan. Es wäre das Beste, Sie vertrauen mir.
Der Imperatore blickte Rhodan direkt an. Seine gelblichen Augen, die tiefen Falten in seinem Gesicht, ließen ihn wie 5000 Jahre ohne Zellaktivator erscheinen. Er sah aus wie eine lebendige Mumie.
Wir sind Spielbälle der Entitäten, ihre Schachfiguren. Doch wir können das Beste daraus machen. Auch ich suche einen unblutigen Weg, doch Sie müssen mir dabei helfen.
Und wie?
Die Estarten, Saggittonen und Akonen müssen ihre Niederlage akzeptieren. Die LFT und USO sollen sich heraushalten. Wir handeln einen Frieden aus und erlauben den Saggittonen und Akonen Autarkie. Am besten sie siedeln nach Andromeda um.
Die Saggittonen mussten schon einmal umziehen. Glauben Sie nicht, dass sie nicht noch einmal ihre Heimat verlassen wollen?
Pah
, rief de la Siniestro ungehalten und stand auf. Er ging zum Kamin und wärmte sich die Hände. Die haben sich doch noch gar nicht an die neue Heimat gewöhnt. Da fällt der Abschied nicht so schwer.
Nun stand Rhodan auch auf und stellte sich neben den Spanier.
Ein Gegenvorschlag: Wir wäre es, wenn Sie sich aus den besetzten Gebieten zurückziehen und den Estarten und Saggittonen ihre Freiheit wiedergeben.
De la Siniestro sah ihn entgeistert an. Seine Mundwinkel zuckten. Die Furchen im Gesicht schienen noch tiefer zu liegen.
Das ist unmöglich.
Wieso?
Er wandte sich ab und wanderte durch den Raum.
Wir haben auch unseren kosmischen Auftrag. Und wir müssen ihn erfüllen. Tun wir dies nicht, ist die Menschheit, wohlbemerkt die gesamte Menschheit, verloren. Mehr kann und darf ich dazu nicht sagen.
Er blickte flüchtig zu Rhodan herüber und schien mit sich zu ringen.
Es ist spät, Señor Rhodan. Bereiten Sie sich für den Abflug vor. Wir wollen pünktlich in Siom Som sein. Guten Abend!
De la Siniestro verließ das Zimmer und ließ Perry wie einen begossenen Pudel stehen. Rhodan warf im Zorn das Glas in den Kamin.
Das werden bestimmt fröhliche Weihnachten!
Drei Stunden erreichten Perry Rhodan, Reginald Bull, Gucky und Michael Rhodan die BUTRAGUENO, Siniestros Yacht. Eine Schleuse von 200 mal 200 Metern im Erdboden öffnete sich. Die BUTRAGUENO schwebte an die Oberfläche. Sie ähnelte einem spanischen Schiff aus dem 18. Jahrhundert. Ein Beweis mehr, dass de la Siniestro ein Nostalgiker war.
Ein unangenehmer Wind wehte Rhodan ins Gesicht. Es war bitterkalt auf Siniestro. Höchste Zeit, dass sie ins warme Schiff stiegen. Zwei Gleiter fuhren vor. Die fünf de la Siniestros, Despair und Diabolo stiegen aus. Aus der BUTRAGUENO kamen drei Gestalten, die allesamt nicht unbedingt freundlich aussahen.
Despair hatte Rhodan und die Anderen als Erstes erreicht.
Bereit für ein harmonisches Weihnachtsfest unter Freunden?
Rhodan bemerkte den Sarkasmus.
Wer sind die dort?
Der Kapitän der Jacht, unser Palastverwalter und der Copilot
, erklärte Despair.
Der Kapitän, ein graubärtiger, hoch gewachsener Mann, hieß Alonso Calvallo und stammte natürlich aus Spanien. Der Verwalter sah besonders fies aus. Halbglatze, speckiges Gesicht, kleine Schweinsaugen. Er hieß Martyn Hubba und kam aus dem Bundesstaat Deutschland. Der Copilot war unscheinbar. Ein Olymper namens Byll Hazz.
Ist alles bereit, Hubba?
, fragte Despair.
Ein feistes Grinsen ließ das ohnehin dicke Gesicht noch bereiter erscheinen.
Ja, Sir, Mister Despair. Alles ist vorbereitet. Die Tellerköpfe haben schön sauber gemacht. Eine hat nicht gespurt, da habe ich sie erstmal bestraft, Sir.
Mon dieu, darf ich wissen, was mit ihr geschehen ist?
Natürlich, Sir. Ich habe sie ausgepeitscht
, erzählte Hubba, als wäre es das Normalste auf der Welt.
Rhodan war sprachlos. Die anderen auch. Keiner wollte jetzt einen Konflikt mit den de la Siniestros riskieren, doch es zeigte deutlich, wie wenig sich das Quarterium um die Rechte der Außerirdischen scherte.
Don Philippe und seine Familie hatten Rhodan und die anderen erreicht.
Alles bereit? Dann können wir mal. Auf ein frohes Weihnachtsfest.
Er ging voran. Die anderen folgten ihm. Perry bemerkte an Bullys rotem Kopf, dass sein Freund kurz vor einem Wutanfall stand. Rhodan zog ihn beiseite.
Keine Unbeherrschtheiten. Wir sind hier, um einen Frieden zu erwirken. Falls das nicht klappt, lernen wir zumindest alles über einen potentiellen Feind.
Was sollen wir schon über die noch lernen? Das sind alles ausgemachte Arschlöcher, einer wie der andere!
, knurrte Bully.
Rhodan fasste ihm an der Schulter.
Schon gut. Ich kann sie auch nicht leiden. Aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt.
Bully zog grummelnd weiter. Michael nickte seinem Vater verstehend zu. Wenigstens einer, der wie er dachte. Es überraschte Perry, dass ausgerechnet sein Sohn, soviel Verständnis zutage legte.
Perry stieg in die Jacht ein. Wenige Minuten später startete das Raumschiff und dreißig Minuten später hatten sie das Sternenportal passiert und befanden sich in Siom Som. Von hier aus war es ein Flug von 14 Stunden, bis sie die Eiswelt Ves-Som erreichten. Dort stand das Ferienhaus des Imperatore.
Langsam fragte sich Perry, ob die Idee wirklich so gut gewesen war. Hoffentlich endete nicht alles in einem Eklat.
Orlando de la Siniestro dachte über die Begegnung mit der liebreizenden Uthe Scorbit auf Wolfenstein nach. Er hatte sein Herz an sie verloren. Seit Jahren hatte er sie nicht mehr gesehen, zuletzt im Jahre 1298 NGZ. Sie hatte sich damals aus Cartwheel verabschiedet und war mit Remus wieder nach Terra gezogen.
Lange war es her. Und nun hatte er sofort sein Herz verloren, als er sie wieder sah. Doch sie war verheiratet. Seine Ehre verbot es ihm, etwas mit einer verheirateten Frau anzufangen. Offensichtlich war sie jedoch unglücklich. Vielleicht konnte er sie davon überzeugen, sich scheiden zu lassen. Er würde ihr ein guter, treusorgender Ehemann sein. Orlando kannte Scorbit schon seit Jahren. Ein Abenteurer, wie sein verwegener Freund Jonathan Andrews. Offenbar war Scorbit so davon überzeugt, dass das Quarterium abgrundtief böse war, dass er lieber sich in einen Kampf stürzte, als ein treusorgender Ehemann zu sein. Das machte ihn für Orlando doppelt unsympathisch. In jeglicher Hinsicht war Remus nun ein Konkurrent für ihn.
Orlando betrachtete ein holografisches Bild von Uthe. Er hatte die Datenbank des Quarterium abgefragt. Da gab es massenweise Material über die ehemalige Sozialministerin des Terrablocks.
Was gaffst du dir da für Fotos an?
Orlando deaktivierte rasch die Holografie. Peter stürmte in das Zimmer. Sein Bruder war plump wie immer.
Ich habe gestern dem Bull meine Holsteiner gezeigt. Der war beeindruckt, das sage ich dir. Es gibt keine Truppe, die so gut ist, wie meine Holsteiner. Auch Despairs 501. nicht!
Da hast du gute Arbeit geleistet, mein Bruder.
Orlando dachte in Wirklichkeit etwas anderes. Die Holsteiner waren eine üble Truppe von Verbrechern. Es gefiel Orlando überhaupt nicht, dass sie als Leibgarde seiner Familie dienten. Auf der anderen Seite gab es keine Gefahren auf Siniestro und Paxus. Und so wurde Peter davon abgehalten, sein Amt als Oberbefehlshaber des Heeres auszuüben. Zweifellos war Peter völlig unfähig. Durch und durch ein schlechter Soldat und Stratege. Doch er liebte ihn und wollte ihm diese Enttäuschung ersparen. Orlys Vater dachte genauso.
Was wirst du mir zu Weihnachten schenken?
, fragte Peter und lümmelte sich auf das Bett. Ich habe mir dieses Jahr ein Geschütz gewünscht. Das möchte ich im Garten aufstellen und mit den Holsteinern Schießübungen abhalten.
Orly verdrehte die Augen. Er wusste von diesem beknackten Wunsch seines Bruders. Natürlich würde er kein echtes Geschütz bekommen. Vor fünf Jahren hatte ihr Vater ihm einen Panzer geschenkt. Peter war damit quer durch Siniestro gefahren und hatte Tiere erschossen. Leider hatte er dabei auch zwei Nachbarn schwer verletzt. Es kostete viel Überzeugungskraft und jede Menge Geld, die Nachbarn von einer Anklage abzubringen. Wer weiß, was Peter mit einem Geschütz alles anstellte.
Lass dich überraschen. Ist schließlich auch eine Überraschung.
Ich will es jetzt wissen. Oder ich sage Vater, dass du dir heimlich Fotos von Uthe Scorbit anguckst. Bist du scharf auf die?
Orlando atmete tief durch. Wie hatte Peter das nur herausgefunden?
Das ist mein Privatleben und geht dich nichts an. Ich habe Vater auch nichts von deinen diversen Eskapaden mit dieser Sylke Stabum erzählt …
Orlando dachte mit Grausen daran zurück. Er hatte beide mehrmals in flagranti erwischt. Bei ihren Spielchen benutzten sie unter anderem Waffen als stimulierende Spielsachen. Es war widerlich, regelrecht abnormal. Vater hätte einen Schock bekommen.
Peter sprang auf.
Ich hasse dich! Eines Tages werde ich der größte Feldherr aller Zeiten sein. Dann behandelt ihr mich nicht mehr wie einen Vollidioten. Ihr werdet schon sehen. Ich werde Rhodan töten und Terra erobern. Jawohl!
Jetzt reichte es Orlando. Er stand auf, doch Peter gab schon klein bei und lief weg. Orlando fragte sich, wie es mit seinem Bruder weiterging. Er war eine Gefahr für alle. Er verschloss die Tür und aktivierte wieder Uthes Bild. Seine negativen Gedanken waren weg. Sein Herz war voller Freude, wenn er sich vorstellte, wie sie wohl in einem Brautkleid aussehen würde.
Sie hatten Ves-Som erreicht. Der ganze Planet war in einer weißen Schneedecke bedeckt. Bei Perry Rhodan kam für einen kurzen Moment etwas Besinnlichkeit auf. Er erinnerte sich, wofür Weihnachten eigentlich stand. Familie, Liebe und Frieden. Nicht Geschenke oder ein großes Fest. Es ging einfach darum, mit seinen Nächsten eine friedliche Zeit zu verbringen. Nicht nur mit seinen Nächsten, mit allen Menschen. Nein, mit allen Lebewesen.
Dafür lohnte es sich, immer wieder zu kämpfen. Immer wieder gab es Kreaturen, die den Frieden störten, aus ihrer Gier heraus Kriege führten und Unschuldige töteten. Nicht nur Sterbliche, auch höhere Entitäten. War es nicht seine Aufgabe, dies zu verhindern? Eine nie endende Aufgabe, aber vielleicht besaß er auch deshalb seinen Zellaktivator.
Die Jacht landete. Brettany und Stephanie stürmten wie kleine Kinder heraus. Gucky teleportierte ihnen nach. Die Drei bekriegten sich in einer Schneeballschlacht. Stephanie wirkte in diesem Moment richtig sympathisch, doch Perry war sich sicher, dass es nur Maskerade oder ein Anfall von Gefühlen war. Ihm war auch klar, dass es selten das absolut Böse unter Menschen gab. Jedes Scheusal hatte auch irgendwo seine liebenswerten Seiten. Selten gab es reines Schwarz oder Weiß in der Gesinnung eines Lebewesens.
Michael stieß auch hinzu und wurde von den beiden Siniestro-Schwestern eingeseift
. Gucky spielte natürlich unfair und bombardierte die Drei gleich mit mehreren Schneebällen, die er telekinetisch auf sie schleuderte.
Erfrischend, nicht?
, fragte de la Siniestro.
Die Jugend ist zumeist erfrischend und hoffnungsvoll. Auch wenn Mike nicht unbedingt rein biologisch mehr zur Jugend zählt.
Rhodan lachte.
Dennoch benimmt er sich manchmal noch sehr unreif. Kommen Sie, Don Philippe. Suchen wir Ihr Domizil auf.
Der alte Spanier nickte und sie gingen aus dem Raumschiff. Perry genoss die kalte, klare Schneeluft. Sie befanden sich in einem Tal. Rechts von ihnen lag ein gefrorener See, links ein großer Berg. Direkt voraus das Haus des Imperatore. Dahinter ein gewaltiger Nadelwald. Alles wirkte sehr terranisch. Keine exotischen Pflanzen oder Oberflächenstrukturen. Perry fragte sich, ob der Imperatore bei der Gestaltung der Welt nicht etwas nachgeholfen hatte.
Bully, Despair, Orlando und Peter waren schon vorausgegangen. Peter blieb stehen, nahm etwas Schnee und warf ihn kichernd auf Gucky. Der Mausbiber hielt den Schneeball telekinetisch fest, drehte den Ball ein paarmal um seine eigene Achse und schleuderte ihn Peter direkt ins Gesicht zurück. Peter fing an zu schreien, dann zu weinen. Der Imperatore war über das Verhalten seines jüngsten Sohnes sichtlich geschockt. Orlando packte seinen Bruder und zog ihn in Richtung des Hauses.
Ich habe alles vorbereitet
, berichtete Martyn Hubba und grinste über seine beiden fetten Wangen. Das Lichterfest beginnt jetzt, Euer Majestät.
Gut, gut
, sagte der Spanier nur.
Flutlicht begrüßte sie beim Betreten des Grundstücks. Eine weihnachtliche Melodie spielte, Lichterketten, leuchtende Rentiere und Weihnachtsmänner drehten sich auf dem Dach im Kreis. Das Prunkstück war ein gewaltiger Weihnachtsbaum auf dem Hof.
Oh, das ist wunderschön
, freute sich Brettany und lachte herzlich.
Klimbim
, meckerte Peter.
Perry bemerkte an Bullys ausgeglichenen Gesichtszügen, dass es sogar seinem Dicken gut gefiel. Die de la Siniestro Kinder stürmten – bis auf Orlando, der ganz normal ging – in das Haus. Michael rannte mit. Er benahm sich wie ein Teenager. Ob das auch Maskerade war? Perry wusste es nicht. Vielleicht freute sich Michael auch nur so. Es war schon manchmal seltsam, welche banalen Dinge, wie z.B. Weihnachtsschmuck, das Herz der Unsterblichen höher schlagen ließ. Er selbst war an diese Art der Entspannung nicht mehr gewöhnt. Es war etwas Besonderes für ihn. Wie viele Weihnachten hatte er in irgendeinem Krieg irgendwo, Millionen Lichtjahre von zu Hause, verbracht? 693 Weihnachtsfeste musste er in einem Stasefeld quasi verschlafen. Meist war Weihnachten nur eine traurige Erinnerung an seine Jugend geblieben. Und doch berührten ihn solche Festtage, denn dann präsentierte sich die Menschheit von der besten Seite. Das war das größte Geschenk für ihn. Hoffnung, Hoffnung auf Besserung.
Nach einer Weile hatten alle ihre Zimmer bezogen und ausgepackt. Perry sah auf den Chronometer. Es war der 23. Dezember, 19:00 Uhr Standardzeit. Auf diesem Planeten wurde es, dazu passend, jetzt auch Nacht. Fast war alles auf dieser Weihnachtswelt zu perfekt, fand Rhodan.
Perry betrachtete das Haus. Es war vielleicht 200 Quadratmeter groß. Eine simple Holzhütte. Sie erinnerte ihn an Almhütten aus den Alpen. Bestimmt hatte der Imperatore dies absichtlich so gestaltet.
Auf jeden Fall wirkte es beschaulich und idyllisch. Rhodan wanderte durch die Gänge. Die Einrichtung war rustikal und dennoch altmodisch elegant. Es gefiel ihm hier. In der oberen Etage befanden sich die Schlafzimmer der Familie und der Gäste. Unten waren ein großer Empfangssaal, der Speiseraum, die Küche und das groß angelegte Wohnzimmer.
Die Quartiere der Dienerschaft waren im Nebengebäude. Hier würden sie also eine volle Woche verbringen. Gemütlich war es für Rhodan. Fragte sich nur, ob die Gesellschaft in Ordnung war. Rhodan ging die Stufen hinab und traf auf den Verwalter Hubba.
Sir
, grüßte Hubba ihn.
Perry Rhodan musterte ihn abfällig. Normalerweise tat er so etwas nicht, doch Hubba war im von Anfang an unsympathisch.
Wollen Sie nicht wieder Ihre Sklaven auspeitschen?
Hubbas feistes Grinsen gefror.
Ich tue nur meine Pflicht, Sir. Ob Tellerköpfe, Flattermänner oder Gurken. Sie müssen dem Menschen nun einmal dienen. Und tun sie das nicht, muss ich sie maßregeln.
Rhodan war nahe an einem Wutanfall.
Hören Sie auf, abwertende Synonyme für die Lebewesen zu finden. Es sind Gataser, Somer und Swoon, von denen Sie reden. Denkende und fühlende Wesen, die auch Schmerz empfinden.
Hubba schwieg. Er blickte sich Hilfe suchend um. Orlando de la Siniestro schien das Gespräch verfolgt zu haben. Er wandte sich an Martyn Hubba und Perry Rhodan.
Gibt es Probleme, meine Herren?
In der Behandlung von Extraterrestriern haben wir beide anscheinend grundlegende Differenzen
, sagte Rhodan kühl.
Hubba, da wir Weihnachten haben, möchte ich, dass kein einziges Alien misshandelt oder bestraft wird. Während unserer gesamten Zeit auf Ves-Som gilt mein Befehl.
Aber?
Hubba glotzte verständnislos den ältesten de la Siniestro Sohn an. Perry war überrascht über Orlandos Entscheidung, schätzte sie jedoch nur gering. Was war schon eine Woche? Wahrscheinlich wurden sie zu Beginn des neuen Jahres dafür doppelt so schlimm misshandelt. Das ganze System war falsch. Der Menschheit ging es gut im Quarterium, denn sie lebte auf Kosten der Extraterrestrier. Das war nur einer der vielen unhaltbaren Zustände. Und anstatt diese zu bekämpfen, verbrachte Perry Rhodan fröhliche Weihnachten mit dem Verantwortlichen dieses brutalen Regimes. Rhodan erntete dafür zu Hause heftige Kritik bei der politischen Linken. Viele interessierte es aber auch gar nicht. Die Kriege in den estartischen Galaxien, in Cartwheel und M 87 waren weit weg. Das öffentliche Interesse innerhalb der LFT war gering. Es gab nur wenige, diese jedoch mit einer seltsamen Hartnäckigkeit, die für die Rechte der Aliens und Saggittonen demonstrierten.
Hubba beschwerte sich bei Orlando.
Ihr Vater hat mir freie Hand gegeben!
Und ich untersage es Ihnen jetzt. Nun gehen Sie, Hubba!
Hubba glotzte Orlando böse an und lief weg. Perry blickte ihm hinterher. Dann sah er zu Orlando herüber. Der gut aussehende Sohn des Imperatore wirkte adrett in seiner Uniform, voller Stolz und Ehrgefühl. Und dennoch ließ er solche Verbrechen zu. Wie passte das zusammen? Das Quarterium war seltsam. Einerseits baute es auf alte Traditionen des Solaren Imperiums auf, ignorierte dabei aber die Rechte für Lebewesen, die im Solaren Imperium immer peinlichst genau beachtet wurden. Sie nutzten ihr Militär auch nicht zur Defensive, sondern zur Offensive. Quarterium und Solares Imperium waren sich teilweise ähnlich, aber gleichzeitig auch grundverschieden.
Offenbar legten die Verantwortlichen des Quarterium viel Wert auf Ehre und Anstand. Doch wieso führten sie dann Kriege und unterdrückten die Aliens? Das passte alles nicht zusammen. Und was war mit dieser Artenbestandsregulierung? Bisher hatte de la Siniestro immer das Thema vermieden, untersagte Besuche von humanitären Organisationen auf Objursha und verharmloste die Internierungslager. Doch was ging wirklich dort vor?
Perry unterbrach seine Überlegungen und blickte zu Orlando, der ihn fragend ansah. Was erwartete de la Siniestro nun? Ein Dankeschön? Wofür? Für etwas, was eigentlich selbstverständlich war?
Mon dieu, das war beeindruckend …
Roi drehte sich zur Seite und atmete erst einmal tief durch. Stephanie lag neben ihm. Der Kerzenschein spiegelte sich in ihren Augen wieder. Sie lächelte ihn an. In diesem Moment sah sie wie ein Engel aus, doch er wusste genau, dass sie keiner war. Stephanie war gar nicht fähig, jemanden zu lieben, sich um ihn zu kümmern und eine andere Person, als sie selbst, in den Vordergrund zu stellen.
In den Monaten, in denen Roi in Cartwheel verweilte, hatte er Stephanie gut kennen gelernt. Sie hatte ihre besonderen Vorteile, war eine außergewöhnliche Liebhaberin, verstand es einen Mann zu bezirzen und zu umgarnen. Es machte Spaß, mit ihr auszugehen. Sie war klug und wunderschön. Aber auch berechnend, kaltherzig und machtbesessen. Das Schlimmste war jedoch ihre Skrupellosigkeit.
Danton hatte viel über die de la Siniestros in Erfahrung gebracht. Insbesondere über Stephanie, denn über die gab es am Meisten zu erfahren. Sie stand in Verbindung mit der staatlichen Übernahme von INSELNET, war wahrscheinlich dafür verantwortlich, dass Guy Pallance zum Chefintendanten wurde.
Sie sollte wohl auch nicht ganz unschuldig am Tode von Pace Joharr gewesen sein. Ihr Ruf als Nymphomanin, als Männerfresserin war groß, die Anzahl ihrer Liebhaber anscheinend gewaltig. Böse Zungen behaupteten, man hätte damit eine ganze Division füllen können. Das war der Hauptgrund, warum Roi ihr misstraute. Eine Frau, die durch so viele Betten gegangen war, konnte für ihn nicht mehr begehrlich sein. Er hätte niemals für sie tiefere Gefühle entwickeln können. Dennoch war es wichtig, die Beziehung zu ihr aufrechtzuerhalten. Nur so bekam er einen Einblick in das Herz der quarterialen Regierung. Stephanie war inzwischen eingeschlafen. Roi nutzte dies, um sich wieder anzuziehen und in den großen Wohnsaal zu gehen.
Er wärmte sich am knisternden Kaminfeuer. Plötzlich überkam ihn das Gefühl, sich einen schönen Cognac zu können. Er drehte sich um und stand plötzlich Orlando gegenüber.
Auch wieder da?
Roi blickte auf das Chronometer. Es war erst 21 Uhr. Direkt nach seiner Ankunft war er mit Stephanie intim geworden. Roi machte einen Diener und ging zur Bar.
Cognac?
, fragte er Orlando.
Nein
, sagte dieser knapp. Whiskey.
Roi füllte den Alkohol in die Gläser, ging zurück und setzte sich neben Orlando.
Wie ist es Sohn eines Herrschers zu sein
, fragte er Orlando. Der de la Siniestro sah Danton überrascht an. Roi lächelte. Mir kannst du es ruhig sagen, ich bin schließlich auch der Sohn eines Regenten.
Orlando schien darüber nachzudenken. Dann nickte er.
Es ist schwer. Ich versuche immer ihm gerecht zu werden. Ich möchte, dass er stolz auf mich ist.
Danton nippte von seinem Cognac.
Das kenne ich gut. Es kann zu einer fixen Idee werden. Unsere beiden Väter sind die wohl wichtigsten Terraner zurzeit. Ich hoffe nur nicht, dass sich bald bekriegen …
Orlando sah Danton seltsam an. Roi versuchte aus dem Gesichtsausdruck zu lesen, doch er kam zu keinem Entschluss. Was ging in Orlando vor? Auf wessen Seite stand er?
Sicher ist im Quarterium nicht alles richtig. Dennoch hat mein Vater ein Reich der Menschheit geschaffen, Arkoniden, Terraner und alle ihre Kolonialvölker vereint. Auch Akonen und Saggittonen werden sich noch eingliedern. Dein Vater sollte uns den Weg ohne Einmischung gehen lassen. Doch er spielt sich auf, als würde ihm das Quarterium gehören!
Da lag der Hund begraben. War es gebrochener Stolz? Beschmutzte Ehre? Minderwertigkeit gegenüber seinem Vater?
Mein Vater mischt sich doch kaum ein. Das hat er früher schon ganz anders gemacht. Doch wir können auch nicht tatenlos zusehen, wie unsere Freunde, die Estarten und Saggittonen, vernichtet werden. Ich verstehe das Quarterium und deshalb will ich vermitteln …
Orlando sah Danton kalt an.
Im Bett meiner Schwester?
Hups …
Roi sah verstohlen auf den Boden. Es war Zeit, wieder etwas mehr Maske aufzusetzen. Er hob die Hände und seufzte.
Was sollte ich tun? Sie ist wie ein Wirbelwind. Keine Chance, ihr zu widerstehen …
Orlando lachte abfällig.
Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde. Dass du …, pardon Monsieur, Ihr, mit meiner Schwester schlaft oder dass Ihr euch mit dieser Natter einlasst. Egal, Ihr macht kein gutes Bild dabei. Ich traue Euch nicht, Danton. Ihr treibt doppeltes Spiel und ich warne Euch!
Heute? Kurz vor Weihnachten?
Orlando stand auf und warf wütend das Glas in den Kamin.
Jederzeit! Mischt Euch nicht in die Angelegenheiten des Quarterium ein und spioniert uns nicht unter dem Deckmantel der Freundschaft aus. Mein Vater glaubt an Euch. Enttäuscht Ihr ihn, werde ich Genugtun fordern!
Orlando warf Roi noch einen letzten, eiskalten Blick zu. Dann ging er einfach aus dem Raum. Das waren klare Worte gewesen. So hatte sich Roi das Gespräch nicht vorgestellt. Naja, immerhin schien ihm zumindest der weibliche Teil der de la Siniestros zu Füßen zu liegen.
Am Morgen des 24. Dezember 1306 NGZ waren wir aufgebrochen, um einen Weihnachtsbaum zu fällen. Ich hatte das Vergnügen, mit Brettany und Gucky einen passenden Baum aussuchen zu dürfen. Es schneite ziemlich heftig draußen. Mir machte es wenig aus, aber um Brett machte ich mir Gedanken. Völlig umsonst. Sie lief freudig aus dem Haus und schien sich über die Schneemassen zu freuen. Gucky schwebte im Schneidersitz einen Meter über den Boden.
Morgen
, brummte er.
Ach? Müde?
Sprich mich noch einmal in einer Stunde an. Bully hat mir seinen selbst gebrannten Vurguzz gegeben. Wir haben Meiern gespielt. Nach jeder verlorenen Runde gab’s dieses Gesöff. Igitt …
Ich lachte leise. Gucky war jemand, der es bei fast jedem Wesen schaffte, das Herz zu erreichen. Selbst ich mochte ihn gerne. Der Ilt war immer so offen, so vertrauensvoll. Er wollte jedermanns Freund sein, konnte aber auch entsprechend handeln, wenn es sein musste. Wenn der Mausbiber kämpfte, tat er es jedoch mit einem eigenen Charme und Humor.
Sicher war er auch mal ernst. Doch dies bewahrte er bestimmt für seine einsamen Stunden auf. Einsamkeit. Er musste schrecklich einsam sein, als Letzter seiner Art. Ich verstand ihn gut. Wir beide waren uns im Grunde genommen sehr ähnlich. Er spielte den Clown, ich das Monster. Doch wir beide blieben trotz des Respekts, den man uns entgegenbrachte, einsam. Auch in Gucky musste der Wunsch nach einer Frau und einer Familie, besonders in dieser Zeit, lodern.
Wir können den Gleiter nehmen. Falls ihr gut zu Fuß seid, es sind knapp zwei Kilometer bis zum Wald
, sagte ich.
Gehen wir zu Fuß. Ist doch ein schönes Wetter
, fand Brettany.
Nö
, meinte Gucky und packte uns. In der nächsten Sekunde befanden wir uns direkt im Wald. Der faule Ilt hatte uns teleportiert. Typisch für ihn, bloß keinen Schritt zu viel tun. Der Nadelwald war dicht. Wir würden wohl keine Probleme haben, einen passenden Weihnachtsbaum zu finden. Bereits nach wenigen Minuten hatte Brettany einen ausgewählt.
Der ist doch perfekt!
Ihre Augen glitzerten. Sie freute sich, wie ein kleines Kind über diesen Baum. Ich verstand sie nicht. Freude war für mich sowieso ein Fremdwort. Menschen, die unentwegt lachten, waren mir suspekt. Waren sie nur schrecklich naiv oder spielten sie eine hinterhältige Charade? Bei Brettany kannte ich die Antwort. Sie war naiv. Ihr großes Herz war voller Liebe und Freude. Immer wieder wünschte ich mir solch eine Frau an meiner Seite, doch es war Wahnsinn. Selbst wenn Brettany mich lieben würde, war es unmöglich, denn meine dunkle Seele würde die ihre verzehren. Ich befand mich zu lange im Sog des Chaos, um daraus ausbrechen zu können. Ich hatte zu viele Morde begangen, zu viele Schlachten geschlagen und zu viele Freunde verraten.
Für mich gab es kein zurück mehr. Der Weg meines Meisters MODROR war auch der meine, musste es sein.
Dann schwinge deine Axt oder dein Schwert
, sagte Gucky und grinste über beide Wangen. Oder soll ich ihn telekinetisch umstupsen?
Ich nahm das als Herausforderung an und zog das Caritschwert. Ein normales Schwert hätte niemals so einen gewaltigen Stamm durchschlagen können. Mein Schwert mit der Caritlegierung durchschnitt das Holz einfach. Nach zehn Schlägen war ich durch. Der Baum kippte nach hinten und fiel donnernd zu Boden.
Gut, den Rest mache ich
, meinte Gucky, während er an dornigen Büschen herumspielte. Autsch!
Gucky taumelte nach hinten.
Oh nein
, rief Brettany. Sofort kümmerte sie sich um den Mausbiber. Sieh doch, du blutest …
Besorgt tupfte sie mit einem Taschentuch auf die winzige Wunde. Gucky blickte uns traurig aus seinen braunen Kulleraugen an. Damit erweichte er natürlich Bretts Herz sofort.
Demnach wirst du nicht den Baum telekinetisch zurücktragen?
, vermutete ich. Dieser faule Simulant guckte mich Mitleid erregend an und schüttelte langsam den Kopf. Ich seufzte. Dann rief ich per Interkom unseren liebenswürdigen Verwalter Martyn Hubba herbei. Hubba war nach zehn Minuten endlich bei uns.
Ich verlade den Baum sofort, Sir. Welche Ehre. Schafft es die Ratte dort nicht?
Kurz danach sauste Hubba in die Luft und wirbelte im Kreis umher. Er schrie auf. Gucky hingegen lachte. Dann ließ er ihn fallen.
Niemand bezeichnet den Retter des Universums als Ratte. Der Verletzung zum Trotz werde ich den Baum telekinetisch bis zum Haus tragen. Oder gleich hin teleportieren. Sollte auch machbar sein. Vielleicht riskiere ich Wundbrand oder eine Blutvergiftung, aber ich werde es tun. Damit ihr einen Weihnachtsbaum an diesem Fest habt …
Oh, Gucky
, sagte Brett und drückte ihn. Du bist so lieb!
Ich verdrehte die Augen. Gucky nahm den Baum und war schon mitsamt der Tanne verschwunden. Ich half Brett in den Gleiter und stieg selbst ein. Hubba ließ ich im Schnee liegen. Ein Fußmarsch tat ihm sicher gut.
Mashree starrte unentwegt auf die Anzeigen. Jedes Detail verinnerlichte er. Er merkte sich jeden neuen Stern, jedes Ergebnis einer Abtastung. Alle Informationen waren wichtig für sie. Je mehr Erkenntnisse er über die neue Welt sammelte, desto besser.
Die Aufgabe des Riff-Spähers war, die neue Welt zu erforschen. Er sollte potentielle Gefahren erkennen und sie analysieren. Seine beiden Begleiter fertigen Dossiers über die Völker, die wichtigsten Planeten, die Politik und das Militär an. Alle Informationen wurden dann der Hohepriesterschaft von Nistant überreicht.
Dann würde die Hohepriesterschaft entscheiden, wann die Kolonialisierung der Galaxie beginnen würde. Die Manjor würden die Armee des Riffs beschwören. Dies geschah nur alle paar hunderttausend Chrons. Immer dann, wenn Bewohner des Riffs, zur neuen Welt entsandt wurden, um sie zu bevölkern.
Die Armee des Riffs regelte die Angelegenheiten mit den Einheimischen. Es bestand die Möglichkeit, dass die Ureinwohner Siom-Soms mit der Kolonialisierung nicht einverstanden waren.
Ob es früher sogar zu Krieg gekommen war, wusste Mashree nicht. Die letzte Kolonialisierung des Riffs lag lange zurück. Vor rund 130 000 Chrons waren sie das letzte Mal in einer fremden Galaxie gewesen. 130 000 Chrons hatten sie benötigt, um diese Galaxie zu erreichen. Natürlich lebte niemand mehr aus dieser Zeit. Ein Riffaner, wenn man den Durchschnitt aller Völker nahm, lebte, wenn es hoch kam, vielleicht 60 Chrons. Mashree selbst war gerade mal erst 17 Chrons alt.
Wedyyrks Alter war sogar erst 14 Chrons. Borgelund war mit 24 Chrons der Älteste unter ihnen. Er musterte zuerst den Tashool. Die Tashool gehörten zu den ältesten Geschöpfen im Riff. Zwei Stummelbeine, ein wuchtiger Körper, zwei Arme und dann der lange Hals. Mund, Nase und Ohren befanden sich am Hals, dessen Ende sich in fünf Stielaugen aufteilte. Wedyyrk war eine Fithuul. Ihr Volk war sehr sportlich und agil. Sie besaß zwei Herzen und drei Lungen. Jedes ihrer Organe war doppelt besetzt. Ihre Kraft sah man der 150 Zentimeter kleinen Fithuul nicht. Grazil stand sie auf ihren zwei knochigen Beinen. Die Fithuul waren dürr, aber sehr stark. Durch ihre transparente Haut sah er jedes Organ. Ihr haarloser Kopf wurde von den zwei schwarzen Augen beherrscht. Die feine Nase und der kleine Mund fielen kaum auf. Fithuul besaßen nicht nur eine hervorragende Kondition, sie waren hervorragende Forscher. Sie war für die Wissenschaft zuständig, Borgelund für den Kampf und die Verwaltung, so seltsam das klang. Und die Harekuul, zu denen er gehörte, waren geborene Anführer. Sie vereinten Entscheidungskraft, Führerschaft und die nötige Intuition, die man für so eine Aufgabe benötigte.
Wir erreichen jetzt den Randbezirk von Siom Som
, meldete W-XP-SP2. Darauf hatte Mashree schon die ganze Zeit gewartet.
Analyse bitte.
Eine Reihe an Daten wurde ihm übermittelt. Die spärlichen Informationen, die sie von unbemannten Raumsonden erhalten hatten, waren wenig hilfreich gewesen. Siom Som, Hauptvolk Somer. Die Somer waren vergleichbar mit den Flatroor. Mashree hoffte, dass W-XP-SP2 mit der Hilfe von Wedyyrk schon schnell eine ganze Datenbank an Informationen angelegt hatte.
Seht nur diese Sterne! Sind sie nicht wundervoll. Wir nähern uns in großen Schritten Siom-Som!
Professor Wackls starrte wirr aus dem Raumschiff. Hastig kontrollierte er die Anzeigen und tippte – aus Daccles Sicht – wahllos auf den Tasten und Pads herum.
Ich will wieder nach Hause!
, forderte Menirie.
Wir werden alle sterben …
Ruhe, Wilzy
, herrschte Rupp ihn an. Professor, das gibt großen Ärger für uns. Wir sollten eigentlich schon zu Hause sein und nicht durch das Weltall fliegen.
Wackls lachte hysterisch. Irgendetwas störte Daccle an ihm. War er wirklich aufrichtig zu ihnen? Das Ganze kam ihm immer weniger wie ein Zufall vor.
Menirie, ich brauche dich jetzt
, sagte er plötzlich. Er packte Meniris Arm und zog sie zu sich. Setz dich auf den Sessel …
Sie tat, was ihr befohlen wurde. Aus der Decke kam eine Haube. Sie erschrak, doch der Professor versicherte ihr, dass sie keine Angst haben musste. Die Haube senkte sich langsam über ihren Kopf.
Menirie, du hast besondere Gaben. Du bist empathisch sehr begabt. Diese Fähigkeiten benötige ich.
Aber das sind doch viele von uns Gannel
, wehrte sie sich. Daccle war sich sicher, dass sie es dennoch genoss, als etwas Besonderes bezeichnet zu werden.
Aber ich habe noch keine mit so ausgeprägten Sinnen erlebt wie dich. Ich beobachte euch schon lange. Es ist nicht durch Zufall geschehen, dass ihr hier gelandet seit und dein Onkel Rufus, Rupp, immer von mir geschwärmt hat. Ihr alle vier seid sehr wertvoll. Ich bereite mich schon seit Jahren auf diesen Moment vor. Der Moment, an dem wir Siom-Som erreichen …
Daccle war wie vor den Kopf gestoßen. Was hatte das alles zu bedeuten? Wieso wusste Wackls soviel über die neue Welt? Er dachte, dass nur die Hohepriester von Nistant und der Späher Mashree alle Informationen über die neue Welt besaßen.
Spürst du etwas?
Menirie schüttelte den Kopf.
Nun
, sagte Wackls geduldig. Dann werden wir warten. Du musst dich konzentrieren und auf einen Impuls warten.
Wonach suchen wir denn?
, fragte Rupp.
Wackls antwortete nicht. Er tat wohl so, als sei er beschäftigt. Der Professor saß wieder an seinem Pult und kontrollierte die Displays.
Mashree beobachtete, wie emsig Borgelund und Wedyyrk arbeiteten. Er kam sich beinahe etwas überflüssig vor, denn im Moment tat er nichts, außer ihnen bei der Arbeit zuzuschauen. Seine Zeit würde später kommen. Wenn es an die Auswertung der Daten ging und er Entscheidungen fällen musste. Ebenfalls achtete er darauf, dass sie unentdeckt blieben. Ihr Tarnfeld sollte für die hiesige Bevölkerung ausreichen. Zumindest hatte es das in den Äonen zuvor immer getan. Zumindest sagte Zigaldor dies, der weise Hohepriester von Nistant. Zigaldor war mehr als 3000 Chrons alt. Ihm wurde durch Nistant ein langes Leben garantiert. Und doch: Selbst Zigaldor war bei der letzten Kolonialisierung nicht dabei gewesen.
Die ersten Informationen strömten in Form von Bildern und Texten auf seinen Bildschirm. Das Sternenreich Siom Som gehörte zum Kaiserreich Dorgon und dem menschlichen Quarterium. Siom Som, bis vor 0,48 Chrons noch im unabhängigen Galaxienverbund Estartische Föderation
, war demnach bereits eine Kolonie. Das erschwerte ihr Unterfangen gewaltig. Offenbar wurde Siom Som gewaltsam unterworfen. Das bedeutete, dass die Reiche Dorgon und Quarterium militärisch gut gerüstet waren.
Mashree las die weiteren Informationen. Anscheinend war die politische Lage hier mehr als kompliziert. Demnach beherrschten Dorgon und das Quarterium gleichermaßen die fünf Galaxien Siom Som, Trovenoor, Absantha-Schad, Absantha-Gom und Erendyra. Die Dorgonen waren dabei, die Rechte der Einheimischen zu verbessern. Das Quarterium schien keine beliebte Besatzungsmacht zu sein. Es gab Widerstand. Eine Hand voll Rebellen aus den einheimischen Völkern und den Saggittonen sowie Akonen, Völker aus einer Galaxis namens Cartwheel oder auch Milchstraße. Die Angaben waren nicht eindeutig. Offenbar stammten die Akonen aus der Galaxie namens Milchstraße.
Mashree erfasste die Situation schnell. Sie waren mitten in einen Krieg geraten.
Der Name Estartu kam von einer gleichnamigen Superintelligenz, die offenbar die Beherrscherin der Galaxien war. Wo war sie? Mashree fand es interessant, dass diese Wesen offenbar Superintelligenzen, Kosmokraten und Chaotarchen kannten. Vor einigen hundert Chrons hatte es in den estartischen Galaxien eine Auseinandersetzung um das Kosmonukleotid DORIFER gegeben. Die korrekte Bezeichnung war DORIICLE-2, da es Bestandteil des Kosmogens DORIICLE war.
Offenbar hatten die Hohen Mächte Einfluss auf diese Wesen. Mashree spürte, dass sie in einer wichtigen Galaxie gelandet waren. Es musste eine weise Voraussicht unseres Gottes Nistant gewesen sein, als er dieses Ziel ausgewählt hatte.
Dennoch schienen weder die Kosmokraten noch Chaotarchen in Siom Som zu wirken. Die Frage war nur, ob die Völker in ihrem Sinne dienten? Es wäre übel, wenn plötzlich eine Kosmokratenarmee während der Kolonisierungsphase, den Einheimischen zu Hilfe eilte. Mashree bezweifelte dies jedoch, denn dann hätten die Hohen Mächte den Estarten bereits beim Angriff der Dorgonen geholfen.
Borgelund, hast du schon etwas über die Regierung herausgefunden? An wen müssen wir uns wenden?
Borgelunds Augen stellten sich in die Höhe.
Die Galaxis Siom-Som wird von Kaiser Commanus und Imperatore de la Siniestro regiert. Sie haben natürlich auch Statthalter. Für die Dorgonen ist es der Bruder des Kaisers, Elgalar. Das Quarterium hat den Quarteriumsfürsten Leticron als Regenten eingesetzt. Die Einheimischen beanspruchen dennoch den Thron für sich selbst. Der Somer Sruel Allok Mok wird allgemein als Herrscher der estartischen Rebellen bezeichnet. Ihm steht ein gewisser Saggittone namens Aurec zur Seite.
Mashree scharrte mit seinen Hufen. Er hatte befürchtet, dass alles kompliziert war. An wen sollten sie sich zwecks der Kolonisierungsgespräche denn nun wenden? Welche Regierung war rechtmäßig? Eigentlich waren es die Rebellen, doch offenbar kontrollierten die nur noch wenige Bereiche.
Wo befinden sich Kaiser Commanus und Imperatore de la Siniestro?
, wollte Mashree wissen.
Wedyyrk hatte sofort eine Antwort parat: Commanus residiert in der Galaxie Dorgon, rund 4,4Megaparsec von hier entfernt. Der Imperatore de la Siniestro wohnt in der Galaxie Cartwheel, rund 168 Megaparsec von Siom Som entfernt, jedoch mit einem gigantischen Transmitter mit der Bezeichnung Sternenportal erreichbar.
Beide waren zu weit weg. Vielleicht sollten sie den Kontakt zu den Statthaltern suchen. Irgendjemand musste ja schließlich über die kommende Ankunft des Riffs benachrichtigt werden. Die Riffaner wollten keinen Krieg. Sie wollten einfach nur die paar Billiarden Lebewesen in den Galaxien absetzen und damit neu bevölkern. Was hier erschwerend hinzukam, war die Tatsache, dass sehr viele Völker hier noch lebten. In den anderen Galaxien – zumindest den Legenden nach – gab es kaum noch Leben. Da schenkte das Riff neues Leben.
Moment mal
, rief Wedyyrk aufgeregt. Ich habe gerade die aktuellsten Einträge durchsucht. Demnach heißt es in der quarterialen Presse, das der Imperatore mit seiner Familie ein gewisses Weihnachtsfest in Siom Som verbringt. Der Standort wird natürlich geheim gehalten. Er trifft sich dort mit dem führenden Staatsmann aus der Milchstraße, Perry Rhodan.
Das änderte vieles. Nur, wie sollten sie den Standort herausbekommen? Mit ihrer Ortung konnten sie die halbe Galaxis abtasten, doch nach was sollten sie suchen?
Findest du in den Datenbanken der Einheimischen oder Quarterialen Genmuster?
Borgelund hackte sich ein. Dabei stieß er einen Fluch nach dem anderen aus. Die quarterialen Systeme waren hervorragend geschützt. Weniger Probleme hatte er, die Datenbanken der Somer zu knacken. Sie waren altertümlich und verfügten nur über lächerlichen Schutz.
Nichts …
Mashree fluchte und schlug mit der Faust auf den Tisch. Sie waren so nahe dran.
Was machen wir jetzt?
, fragte Wedyyrk.
Mashree dachte nach. Irgendetwas hatte er übersehen. Es durfte doch nicht so schwer sein, diesen Typen in der Galaxie zu finden. Zuerst suchte Mashree den Startpunkt. Das Raumschiff des Imperatore de la Siniestro war aus der Galaxis Cartwheel gekommen. Die einzig logische Möglichkeit war das Sternenportal. Doch wohin dann?
Wenn der Ort nicht offiziell bekannt gegeben wurde, dürfte er nur spärlich besiedelt sein. Dennoch wird eine Station des Quarterium dort sein
, meinte Wedyyrk.
Borgelund fing an zu analysieren. Nach einigen Zeiteinheiten spuckte W-XP-SP2 das Ergebnis aus.
Da wären nur noch 1299 spärlich besiedelte Systeme mit kleinen, quarterialen Stützpunkten …
Borgelund seufzte, doch Mashree gab nicht auf. Weihnachten. Sicher gab es Traditionen zu diesem Fest. Er rief sich allgemeine Informationen über diesen Feiertag auf.
Sie wollen es sicher idyllisch verleben. Menschen bevorzugen Schnee zu dieser Zeit. Filtere die Welten aus, auf denen Schnee liegt.
Wedyyrk tat dies. Mashree hoffte, dass die Datenbanken der Somer komplett waren. Borgelund arbeitete immer noch daran, eine Datenbank der Quarterialen zu knacken. An der Haltung seiner Augen sah Mashree, dass er erfolglos blieb.
Es sind noch 519 Welten, wo man für menschliche Verhältnisse dieses Weihnachten feiern könnte. Wüstenwelten, Gasriesen oder Welten mit giftiger Atmosphäre für die Sauerstoffatmer habe ich aussortiert
, berichtete die Fithuul.
Das waren immer noch zu viel. Selbst mit ihrem Triebwerk der Absoluten Bewegung
würde es lange dauern. Doch auf der anderen Seite hatten sie Zeit, um diese Kreaturen zu studieren.
W-XP-SP2, entsende Spürdroiden zu diesen Welten. Das dürfte die Suche beschleunigen. Eben