Dorgon Extra 1: VETRA

Was bisher geschah

Die IVANHOE ist in Andromeda unterwegs und erkundet bislang unbekannte Zonen der Galaxis. Bislang ist nichts sehr Interessantes geschehen, außer dass man eine uralte Sonde fand, die auf der Suche nach einem unbekannten Signal war. Das Bordleben nimmt deshalb seinen ganz normalen Lauf …

Hauptpersonen

Xavier Jeamour:
Der Kommandant der IVANHOE begegnet einer Unbekannten
Göllers Martijin:
Ein Oxtorner kämpft um sein Schwert
Akus Lof:
Ein Rasuk in Nöten
Mathew Wallace:
Der Schotte erlebt zu viele gefährliche Abenteuer in kürzester Zeit
Silja Firta:
Eine geheimnisvolle junge Frau mit eigenartigen Aussagen
Vetra:
Eine als Göttin verehrte Superintelligenz, die sich gegen Ritalous wehrt
Ritalous:
Eine spinnenartige Superintelligenz, die Völker sammelt und im Auftrag der Kosmokraten unterwegs ist

Prolog
Zwei Männer im Kampf und der Posbi

Der Schlag kam sehr schnell und überraschend. Dove wurde mit voller Wucht von der Faust des Gegners auf seinen Brustkorb getroffen. Die Rippen eines normalen Terraners wären nach diesem Schlag sofort gebrochen gewesen. Aber nicht die von Irwan Dove. Während er nach hinten fiel und mit dem Rücken krachend aufschlug, blieb ihm kurz die Luft weg. Als Oxtorner konnte er viel mehr vertragen als ein normaler Mensch.

Dies verdankte der Oxtorner seinen Vorfahren, die im Jahre 2330 auf Oxtorn notgelandet waren und sich dort angesiedelt hatten. Im Laufe der Jahrhunderte hatten sie sich der Extremwelt angepasst. Der Erfolg daraus war, dass bei Oxtornern das Skelett und die Muskulatur so widerstandsfähig waren wie Stahlplast.

Irwan fluchte still vor sich hin, rollte sich nach hinten ab und stand auf. In diesem Moment schwor er sich nie wieder einen Gegner zu unterschätzen und wenn er auch noch so ungefährlich aussah. Da war auch schon Göllers vor ihm und versuchte mit einer Schlagkombination Doves Deckung zu durchbrechen. Dieses Mal war aber Dove schneller. Er schaffte es, Göllers rechten Unterarm zu ergreifen und an sich heranzuziehen, so dass der Gegner sein gesamtes Gewicht auf seinen rechten Fuß verlagern musste. Genau dieses Bein war das Ziel von Doves linkem Bein, das genau auf Göllers Knie-Innenseiten zuraste. Martijin wurde durch die Wucht des Trittes umgerissen. Noch während des Sturzes ließ sich Dove mit lautem Kampfschrei auf Göllers fallen. Ein lauter Aufschlag war die Folge. Während Göllers sich noch vom Aufprall erholte, nutzte Dove die kurze Zeit, die ihm blieb, und setzte beim Gegner eine Dagor-Technik an.

Jetzt!, dachte er. Jetzt habe ich so gut wie gewonnen. Aus dieser Festhalte- und Würgetechnik wird nicht mal dieser so genannte Experte für altertümliche terranische Kampfsportarten entkommen. Noch ein paar Sekunden und er verliert das Bewusstsein. Die Dagor-Kampftechniken sind doch immer noch die Besten.

Da spürte Dove mit einem Mal einen Ruck durch Göllers Körper gehen. Danach ging alles so schnell, dass Dove später nicht mehr sagen konnte, wie es Göllers genau geschafft hatte seiner perfekten Technik zu entkommen.

Am Ende saßen sich die beiden Oxtorner keuchend gegenüber. Wie, fragte Dove luftschnappend, wie hast du das geschafft? Mein Gott war das schnell.

Göllers sah auf. Nenn mich Gott, sagte er mit dumpfer, verstellter Stimme.

Dann aber sprach er normal weiter: Es gab, als die Menschheit noch dachte sie wären die einzigen im Weltall, eine schon damals sehr alte Kampfsportart namens Jiu-Jitsu. Bei dieser Kampfart gab es unter anderen auch diese Festhaltetechnik, die du angewandt hast. Zusätzlich gab es auch eine Gegentechnik, um daraus zu entkommen. Du siehst, auch die Menschen damals kannten schon Arten sich zu verteidigen.

Lorif, der die ganze Zeit des Kampfes in der Ecke der Sporthalle gestanden hatte, meldete sich zu Wort. Leutnant Martijin Göllers?

Ja, Lorif?

Ich finde das hier sehr interessant. Besonders den Bezug zur Vergangenheit der Menschen und ihre angewandten Sporttechniken. Ich würde gerne eine Studie über frühere Kampftechniken und heutige Techniken durchführen und wie sehr sie sich im Laufe der Jahre verändert haben. Außerdem würde ich gern …

Lorif! Hol mal Luft!, unterbrach Dove ihn.

Der Posbi verstummte kurz und fragte dann: Aus welchem Grund sollte ich das tun, Major?

Stille. Dann lachten Göllers und Dove laut los. Lorif starrte die beiden teilnahmslos an und wartete ab. Nachdem die beiden Männer sich beruhigt hatten, erklärte Martijin: Lorif! Major Dove meinte damit, dass du nicht um den heißen Brei reden sollst.

Um welchen heißen Brei handelt es sich, um den ich nicht reden soll? Bitte erklären Sie mir das!

Dove schüttelte den Kopf. Lorif, du bist unverbesserlich. Also, du sollst in kurzen Worten sagen, was du von Leutnant Martijin Göllers willst. Hast du das verstanden?

Warum sagen Sie das nicht gleich, Major? Doch ich weiß immer noch nicht, was das mit einem Brei zu tun hat.

Lorif! Jetzt reicht es. Sage uns bitte, was du willst!, fuhr Irwan Dove den Posbi an.

Ich wollte nur wissen, ob Leutnant Göllers Unterlagen über Kampfsportarten aus der präraumfahrenden Zeit besitzt!, erwiderte dieser, nicht im geringsten eingeschüchtert.

Aber natürlich habe ich die. Ich bin auch bereit, sie dir für deine Studie zu leihen.

Vielen Dank, Mister Göllers!

Martijin stand auf und meinte: Du bist ein sehr guter Kämpfer, Major! Ich würde mich freuen mal einen Landeinsatz mit dir zu unternehmen.

Auch Dove erhob sich und reichte Göllers eine Hand, während er mit der anderen auf dessen Schulter klopfte. Ganz meinerseits. Wenn ich den nächsten Landeinsatz unternehme, verspreche ich dir, dich mitzunehmen, Leutnant.

Kapitel 1
Das Mädchen

Xavier erhob sich vom Kommandosessel und streckte sich. Wie lange noch bis zum Wiedereintritt?, fragte er.

Noch knapp vier Stunden, bis wir das unbekannte Sonnensystem erreichen, Sir! antwortete James Fraces, der stellvertretende Kommandant.

Ich kann es kaum erwarten zu sehen, was wir dort vorfinden werden, überlegte Jeamour kurz.

Sie hatten vor zwei Tagen eine alte, antriebslose Sonde gefunden und diese an Bord geholt. Der Wissenschaftler Timo Zoltan hatte es geschafft, trotz des beschädigten Computerkerns einige Informationen aus der Sonde zu holen. Dank dieser Daten erfuhren die Terraner, dass die Sonde vor Jahrhunderten von einem unbekannten Sonnensystem ausgeschickt wurde, um nach einem Signal zu suchen, das den Terranern nichts sagte.

Aber noch war etwas Zeit bis zu dem ersehnten Augenblick.

Na dann hab ich ja noch etwas Zeit, mich mal wieder im Schiff umzusehen und mich unters Volk zu mischen. Fraces!

Ja, Sir?

Übernehmen Sie inzwischen.

Ja, Kommandant.

Xavier machte sich auf und verließ die Kommandobrücke. Nachdem er sich in seiner Kabine Freizeitkleidung angezogen und einen Antigravlift benutzt hatte, fiel ihm, als er in die Kantine abbiegen wollte, ein junges, weißhaariges Mädchen auf, das gerade um die Ecke kam, ihn anlächelte und an ihm vorbeiging. Jeamour blieb stehen und sah ihr nach, bis sie im Antigrav verschwand.

Komisch. Es befinden sich zwar an die achthundert Mann Besatzung hier in der IVANHOE und ich kann mir sicher nicht alle merken, aber dieses Mädchen wäre mir sicher aufgefallen, dachte er sich. Zeit habe ich ja noch bis zum Wiedereintritt. Also werd ich ihr mal folgen und mich vergewissern wer sie ist.

Der Gedanke an einen blinden Passagier ließ ihn schmunzeln. Wenn er auch an vieles glaubte, an das sicher nicht. Also machte Xavier sich auf den Weg, hinter dem Mädchen her. Er hatte gesehen, dass sie nach unten geschwebt war. Eine Ebene tiefer stieg er aus und sah sich um. Nirgends konnte er sie erblicken. Aber noch gab er nicht auf und ließ sich eine Ebene tiefer tragen. Er erblickte sie sofort zwischen anderen Besatzungsmitgliedern. Der schneeweiße Haarschopf war zwischen den anderen Terranern wie eine Leuchtsignal.

Das Mädchen betrat gerade einen Aufenthaltsraum. Xavier ließ sich Zeit, ihr zu folgen. Aus diesem Raum gab es nur diesen einen Ausgang. Sie konnte ihm nicht mehr entkommen. Die Menschen grüßten ihn höflich im Vorbeigehen. Xavier grüßte zurück. Vor dem Türschott des Aufenthaltsraumes blieb er noch einmal stehen.

Als er dann den Raum betrat, sah er das Mädchen abseits von den anderen an einem Tisch sitzen und nachdenklich einen Drink schlürfen, während sie ein Schachbrett betrachtete, das vor ihr lag. Xavier bestellte sich einen Kaffee und ging auf sie zu.

Entschuldigung. Ist hier noch ein Platz frei?

Sie sah auf und während sie Jeamour anlächelte, funkelten ihre dunkelgrünen Augen. Xavier schätze sie auf etwa zwanzig Jahre. Aber sicherlich! Nimm ruhig Platz.

Xavier bedankte und setzte sich. Das Mädchen sah wieder gedankenverloren auf das Schachspiel.

Und wie war dein Tag heute?, hinterfragte er freundlich.

Oh, nicht schlecht. Hatte viel zu tun. Was ist denn dein Job hier auf der IVANHOE?

Habe ich mich eben verhört, oder fragt die mich das wirklich? Ich heiße Haktu Molk und mein Job hier ist Techniker, log er. Und was ist deine Aufgabe hier im Schiff?

Mein Name ist Silja Firta. Ich bin Major und in geheimer Mission im Auftrag des Kommandanten unterwegs. Aber sage es bitte keinem weiter. Ja?, flüsterte sie ihm leise zu.

Xavier fiel die Kaffeetasse beinahe aus der Hand, als er das vernahm.

Sie sind was?, rief er lauter, als er es vorgehabt hatte.

Silja zischte: Leise. Willst du, dass die anderen das erfahren? Sicher nicht. Wenn du es verrätst, dann wird der Kommandant dich zur Rechenschaft ziehen, Haktu.

So langsam begann Jeamour an dem Geisteszustand von dieser Silja zu zweifeln. Sie musste einfach nur verrückt sein. Welcher Geheimagent würde einem fremden Techniker seine Identität enthüllen? Zumal sie sehr offensichtlich log, da er als Kommandant keine Agenten hier an Bord hatte. Dennoch beschloss er das Spiel weiterzuspielen.

Oh, flüsterte Xavier. Entschuldige. Natürlich will ich mich nicht mit dem Kommandanten anlegen.

Gut. Ist auch besser so. Dieser Xavier ist ein Tyrann, auch wenn man hier anders über ihn spricht. Glaub mir, er ist ein Psychopath und er betet einen Götzen an, teilte Silja ihm mit.

Wirklich?, fragte er verblüfft. Woher wissen Sie denn das?

Das Mädchen lachte. Ich war schon mal in seiner Kabine. Dort stehen lauter schwarze Kerzen und an die Wänden sind satanischen Formeln in roter Farbe gemalt. Die Farbe besteht sicher aus dem Blut eines unglücklichen Eingeborenen eines Planeten, der gerade zur falschen Zeit am falschen Ort war.

Jetzt war sich Jeamour sicher, dass sie nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte. Das glaube ich dir aber jetzt nicht. Soweit ich weiß, ist der Kommandant ein gerechter und gottgläubiger Mann.

Ja, das glauben alle. Aber wenn du es nicht glaubst, nehme ich dich mal mit zu seiner Kabine, wenn er nicht da ist. Natürlich nur, wenn du dich traust. Denke aber daran, dass wir geliefert sind, wenn uns wer erwischt. Sie werden uns dann sicher im Weltall aussetzen. Ohne Raumanzüge. Riskierst du das?

Xavier tat, als würde er zögern, doch dann antwortete er: Na ja, ich bin normal nicht so ein mutiger Mann, sondern nur ein gewöhnlicher Techniker. Aber einverstanden. Ich komme mit. Wann gehen wir hin, Silja?

Silja überlegte kurz. Dann stand sie auf beugte sich über den Tisch und küsste ihn auf die Wange. Ich sag dir Bescheid wann, okay? Mein tapferer Held.

Sie setzte sich wieder und fragte fröhlich: Spielen wir ein Spiel?

Jeamour überlegte kurz, dann nickte er.

Können Sie Schach?

In diesem Moment ging eine Erschütterung durch das ganze Schiff. Xavier hielt sich geistesgegenwärtig am Tisch fest. Die Schachfiguren fielen runter. Silja sah ihn verwirrt an, als ob er wüsste, was gerade geschah. So schnell wie das Beben kam, so schnell war es auch wieder vorüber.

Verdammt, was war das denn?, rief einer der Kantinenbesucher. Da erklang auch schon die freundliche Stimme EINSTEINs, des Bordsyntrons der IVANHOE: Kommandant Xavier Jeamour möge bitte schnellst möglich auf die Kommandobrücke kommen. Die Besatzung wird gebeten Ruhe zu bewahren und sich auf den jeweiligen zugeteilten Stationen zu melden.

Xavier erhob sich. Entschuldigen Sie, aber ich muss zur Komman … ah … zu meiner Technikerabteilung.

Raumschiff GRASSEL

Oham Huttro konnte zufrieden sein. Das Schiff, die GRASSEL, war mit den modernsten Waffen ausgerüstet worden, die Besatzung war perfekt aufeinander eingespielt und er hatte endlich die entflohenen Rebellen der Gbrul aufgespürt.

Er war nicht zufrieden.

Seine Auftraggeber erwarteten Perfektion von ihm und er hätte die Rebellen schon längst aufspürt und deren Bestrafung, einem Todesurteil gleichbedeutend, ausgeführt haben sollen.

Aber jetzt hatte er sie gefunden. Sie konnten nicht mehr entkommen. Die Rebellen befanden sich zwar gerade in einem der großen Kriegsschiffe aus dem Volk der Rasuks, aber mit seinem Schiff, der GRASSEL, hatte er ein Schiff, das der Technik der kugelförmigen Rasuks überlegen war. Das Hyperraumblockiersystem, ein Prototyp, leistete perfekt das, was es leisten sollte. Das gegnerische Schiff konnte nicht in den Hyperraum überwechseln und somit nicht mehr entkommen. Die Rebellen mussten sich also dem unvermeidlichen Kampf stellen oder gleich untergehen. Oham hoffte, dass sie sich wehren würden. Er hatte schon lange keinen ernstzunehmenden Gegner mehr gehabt.

Auf der IVANHOE

Bericht?, rief Xavier, während er in die Kommandozentrale stürmte.

Sir!, meldete James Fraces, der gerade von einem Schaltpult hochblickte. Wir wurden aus uns unbekannten Gründen aus dem Hyperraum gerissen. EINSTEIN meldet keine Fehlfunktion. Also kann es nur eine Außeneinwirkung gewesen sein. Wir stehen hier vor einem Rätsel.

Jeamour setzte sich auf seinen Kommandosessel. Was sagt die Ortung?

Jetzt meldete sich Lorif zu Wort, der kurz vor dem Kommandanten auf der Kommandobrücke angekommen war. Ich orte in vier Lichtminuten Entfernung einen Kampf zweier unterschiedlicher Raumschiffe.

Xavier zog eine Augenbraue hoch. Können Sie mir etwas Genaueres darüber sagen, Lorif?

Der Posbi antwortete, nachdem er sich mit EINSTEIN nicht einmal eine Sekunde lang über Funk unterhalten hatte. Ich denke, dass die beiden Raumschiffe schuld daran sind, dass wir unseren Hyperraumflug nicht fortsetzen können. Laut meinen Instrumenten und EINSTEIN zufolge ist das etwas kleinere Schiff Ausgangspunkt einer Strahlung, die eine Reichweite von vier Lichtminuten hat und den Flug im Hyperraum verhindert.

Dann, meinte Jeamour, bleibt uns nichts anderes über, als dort vorbeizuschauen.

Raumschiff GRASSEL

Oham war in seinem Element. Gedanklich bedankte er sich bei den Rebellen. Diese hatten sich nicht ergeben, als Oham sie dazu aufgefordert hatte. Statt dessen hatten sie, als sie merkten, dass sie nicht in den Hyperraum entfliehen konnten, sofort das Feuer auf die kleinere GRASSEL eröffnet.

Der Kommandant des größeren Raumschiffes namens FORLOT war nach Ohams Geschmack. Er führte mit der FORLOT erstklassige Manöver gegen die GRASSEL. Doch das konnte die Rasuk auch nicht retten. Die GRASSEL war der FORLOT technologisch überlegen.

Nicht mehr lange und … seine Gedanken wurden unterbrochen, als ein Offizier sich meldete.

Herr! Wir orten ein unbekanntes, kugelförmiges Raumschiff, das sich uns mit Lichtgeschwindigkeit nähert.

Funken sie das Schiff an und erklären sie denen, dass wir im Auftrag der edlen Gbrul eine Bestrafungsaktion durchführen. Wenn sie keine Probleme haben wollen, dann sollen sie sich da raushalten.

Ja, Herr!, meldete der Offizier.

Oham konzentrierte sich wieder auf die FORLOT und beschloss ein letztes Mal zu der Besatzung dieses Schiffes zu sprechen.

An den Kommandanten der FORLOT! Sie haben Rebellen und Verrätern der Gbrul zur Flucht verholfen. Das bedeutet, dass auch Sie ein Verräter sind. Die Strafe lautet Auslöschung. In Namen der edlen Gbrul, die mir die Vollmacht als Richter übergaben, ordne ich, Oham Huttro aus dem Volk der Gbrul an, dass die FORLOT nach Ablauf von zehn Minuten zerstört wird. Hat die FORLOT noch letzte Worte? Dann möge man jetzt sprechen. Wenn nicht, auch gut!

Das Hologramm eines großen, kräftigen, grau aussehenden Echsenwesens erlosch. Kurz vor der Funknachricht war der Schild des größeren Schiffes zusammengebrochen und das kleinere hatte den Beschuss eingestellt. Xavier befand sich in einem Gewissenskonflikt. Durfte er sich in diesen Konflikt einmischen? Hatte die IVANHOE das Recht dazu?

Andererseits konnte er als Terraner nicht einfach so zusehen, wie das Schicksal seinen Lauf nahm. Lorif hatte ihm berichtet, dass anhand der Auswertungen EINSTEINs die IVANHOE im Gefecht mit dem Schiff des Gbruls Oham Huttro ebenbürtig sei.

Wieder baute sich ein Holo auf, aber anstatt Oham erschien ein kugelförmiges, stark behaartes Wesen, dessen Füße nicht erkennbar waren. Das Wesen hatte einen Durchmesser von etwa fünfzig Zentimetern, zwei lange, schlanke Arme und schien in der Luft zu schweben.

Mein Name ist Akus Lof. Ich bin der Kommandant der FORLOT. Ja, ich habe die Faltusers auf mein Schiff aufgenommen. Oham Huttro, können Sie es mit Ihrem Gewissen verantworten, dass Sie, wenn Sie uns vernichten, damit die Rasse der Faltusers ausrotten?

Ohams Holo erschien zusätzlich neben Akus.

Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass sich das letzte Faltuser Weibchen bei Ihnen an Bord befindet. Sie hat es sich selbst zuzuschreiben. Als sie einen der edlen Gbrul beleidigte und sich weigerte, sich zu entschuldigen, hat sie damit sich selbst zu Tode verurteilt.

Akus gab niedergeschlagen auf. Da ich merke, dass Sie nicht zu überzeugen sind und wir keine andere Wahl haben, werden wir uns der Verurteilung fügen. Bitte erlaubt uns, die Strafe an uns selbst durchzuführen.

Huttro lachte laut auf: Aber bitte sehr. Wenn ihr wollt, sprengt euch selbst in die Luft. Spare ich mir wenigstens die Munition. Diesen Wunsch gewähre ich euch. Aber nach Ablauf von zehn Minuten wird mein Schiff, die GRASSEL, das Feuer eröffnen.

Akus Lofs Augen zeigten Trauer und Hoffnungslosigkeit.

Bitte gewährt uns fünfzehn Minuten. Wir wollen uns geistig darauf vorbereiten.

Nach diesem Gespräch hatte Jeamour sich entschieden. Er konnte nicht einfach nur hier stehen und teilnahmslos zusehen, wie die FORLOT sich selbst richtete. Gerade wollte er die GRASSEL anfunken und versuchen Oham davon abzubringen die FORLOT zu zerstören, als Lorif sich meldete.

Soeben empfing die IVANHOE ein Funkbotschaft von der FORLOT, die an unsere Position geschickt wurde. Meinen Berechnungen zufolge hat die GRASSEL die Botschaft nicht empfangen.

Na dann, murmelte Xavier erstaunt, Was sagt die Botschaft aus?

Ein Offizier überreichte Xavier die Übersetzung.

An die Besatzung des kugelförmigen Raumschiffs. Ich, Akus Lof, Kommandant der FORLOT, möchte Ihnen ein Geschäft unterbreiten und hoffe, dass ich bei Ihnen nicht auf taube Ohren stoße.

Sie werden sicher das Gespräch mit Huttro und mir mitverfolgt haben. Daher wissen Sie auch, dass die FORLOT keine Chance mehr hat zu entkommen. Die FORLOT wird, kurz bevor sie explodiert, versuchen eine hoffentlich nicht ortbare Transmitterverbindung zu Ihnen herzustellen. Wir werden versuchen die Faltusers und so viele Leute wie möglich zu retten. Wenn Sie uns helfen, werde ich Sie reichlich belohnen. Ich bin nicht gerade ein armer Mann, sondern habe ein recht ansehnliches Vermögen. Als Zeichen des Einverständnisses nehmen Sie bitte offiziell Kontakt mit Huttro auf und lenken ihn bitte ab.

Unser Leben liegt in Ihrer Hand.

Akus Lof – Kommandant der FORLOT

Jeamour sah nachdenklich in die Gesichter der Besatzung, die ihn alle erwartungsvoll ansahen. Dann verschwand der nachdenkliche Ausdruck und er lächelte. Männer! Und natürlich auch Frauen. Ich habe mich entschlossen, der FORLOT zu helfen. Vielleicht erfahren wir von ihnen mehr über die Gbrul und ihre Rolle in diesem Sektor von Andromeda. Also folgender Plan …

Kapitel 2
Selig die, die glauben, ohne zu sehen

Huttro betrachtete neugierig die Ortungsergebnisse des kugelförmigen Raumschiffes. Es hatte sich seit seiner Ankunft zwar ruhig verhalten und nicht eingegriffen. Trotz allem hatte er das Gefühl, als ob Gefahr von diesem Schiff ausginge. In diesen Moment nahm das unbekannte Raumschiff Kontakt zur GRASSEL auf. Oham hörte nur die Akustik. Auf ein Hologramm verzichtete der andere.

Hier spricht Xavier Jeamour, Kommandant des Schiffes, das Sie vor sich sehen. Wir sind hier auf Befehl der edlen Terraner, in einer wichtigen Forschungsmission. Diese Region, in der Sie, Oham Huttro, treuer Diener der edlen Gbrul, sich befinden, wurde vor kurzem zum Sperrgebiet ernannt. Ab sofort sind alle Kampfhandlungen einzustellen und das Gebiet im Umkreis von 20 Lichtjahren zu verlassen. Um die FORLOT und dessen Besatzung werden wir uns kümmern und sie den Gbrul übergeben. Ich wiederhole: Alle Kampfhandlungen sind ab sofort einzustellen! Der Grund dafür hat Sie nicht zu interessieren. Wenn Ihr Schiff ab jetzt auch nur einen Schuss abgibt, gefährden Sie jahrelange Forschungen. Sie werden dann automatisch als Verräter der edlen Terraner angesehen und vernichtet.

Übersiedelung

Fünf TARA-V-UH Kampfroboter und 50 Soldaten bewachten den Transmittervorgang. Lorif justierte die Transmitter der IVANHOE neu, damit sie mit denen der FORLOT kompatibel waren.

Xavier hatte eine Lagerhalle gewählt, die leer stand. Dort sollten die Rebellen von der FORLOT untergebracht werden, bis man wusste, was mit ihnen geschehen sollte.

Irwan Dove überwachte alles mit wachsamen Augen. Die Hälfte der Kugelwesen, die sich nur mit Antigravgeräten zu bewegen schienen, war schon angekommen und befand sich in der hinteren Hälfte der Halle. Seine Männer hatten alle Hände voll zu tun, um die umherschwebenden, aufgeregten Rasuks zu beruhigen und sie zu überzeugen in der hinteren Hallenhälfte zu bleiben.

Wie um alles in der Welt können solch nervöse Wesen ein Raumschiff lenken?, fragte sich der Oxtorner.

Akus, der Kommandant der FORLOT, raste um ihn herum, während er Dankesreden sprach. Wir, die Rasuks, sind Ihnen zu unbezahlbarem Dank verpflichtet. Wenn ich auf meiner Heimatwelt ankomme, werde ich Euren Kommandanten fürstlich belohnen.

Also wenn ich ehrlich bin, brummte Irwan, ohne ein Auge vom Transmitter zu lassen – war da nicht gerade eine kleine Unregelmäßigkeit an den Kontrolllichtern des Transmitters? Aber die Sicherheitsanlagen reagierten nicht –, wären uns Informationen Belohnung genug.

Kapitel 3
Der Eindringling

Marlok Mul erreichte, ohne beachtet zu werden, den Gang vor der Halle. Besser gesagt, ohne gesehen zu werden. Die Sicherheitsanlagen des unbekannten Schiffes hatten nicht reagiert, als er durch den Transmitter im Schutze des Deflektors ankam. Die GRASSEL hatte eine Transmitterverbindung zwischen diesem Schiff und der FORLOT gemessen. Huttro hatte daraufhin die Rasuk-Technik ausgetrickst und eine Verbindung zu deren Transmitter hergestellt. Dann wurde Marlok mittels eigenem Transmitter zur FORLOT geschickt und dort sogleich weitergeleitet auf das kugelförmige Schiff.

Dessen Bewohner waren den Tefrodern vom Aussehen her nicht unähnlich, aber die Technik die sie benutzten, war unbekannt. Muls Auftrag war das Schiff zu sabotieren, wenn er Beweise fand, dass diese Unbekannten der FORLOT in irgendeiner Weise halfen. Beweise fand er genug. Die halbe Halle war voller Rasuks gewesen, die aufgeregt quatschend in alle Richtungen herumschwebten. Die Unbekannten versuchten, sie in den hinteren Teil der Halle zu bekommen. Was sich als nicht allzu leicht herausstellte. Die Rasuks waren nervös und wenn Rasuks nervös sind, dann rasen sie mit großer Geschwindigkeit kreuz und quer herum. Komischerweise war Marlok noch kein Fall bekannt, bei dem die Rasuks zusammengekracht wären. Nirgendwo hier in diesen Gängen, die er durchwanderte, konnte er diese humanoiden Wesen erspähen. Anscheinend waren alle auf ihren Stationen beschäftigt. Nachdem er einem Antigravlift benutzt hatte und ein paar Ebenen tiefer ausstieg, entdeckte er zwei der Lebewesen, die sich aufgeregt miteinander unterhielten. Der Gbrul beschloss, sich ihnen unbemerkt zu nähern und mit Hilfe seines Sprachumwandlers ihr Gespräch zu belauschen. Kurze Zeit später hatte er das Gespräch der Terraner, wie er aus dem Inhalt erfuhr, schriftlich auf seinem Holodisplay.

Daraus las er, dass diese Terraner aus einer anderen Galaxie namens Milchstraße kamen. Ebenfalls erfuhr er, dass sie hier waren, um noch unbekannte Teile von Andromeda zu erforschen. Das alles reichte Marlok, um zu beschließen, dass sein Befehl, dieses Schiff zu sabotieren, gerechtfertigt war. Leise zog er sein Saget, eine schwertähnliche Waffe, die normalerweise jeder Gbrul-Krieger bei sich trug und deaktivierte den Deflektor. Die Terraner erstarrten, als sie plötzlich einem zweimeterfünfzig großen Echsenwesen gegenüberstanden. Der linke, ein Dunkelhaariger, reagierte zuerst und griff, während er den zweiten, der rechts neben ihm stand, zur Seite stieß, zu seiner Waffe. Doch bevor er sie ziehen konnte, war Marlok schon auch bei ihm und packte den Terraner mit seiner linken Hand am Hals, hob ihn in die Höhe und brach ihm das Genick. Dann blickte er den anderen noch lebenden Terraner an. Dieser war noch immer wie erstarrt. Marlok zeigte sein prächtiges Gebiss.

Lauf oder Kämpfe. Sterben wirst du in jedem Fall, grunzte er.

Endlich reagierte der Terraner und griff mit bloßen Händen an. Marlok ließ ihn an sich heran, doch als der Gegner ihm einen Tritt in den Unterleib verpasste, lachte er nur grölend auf.

Marlok hatte sich nicht mal die Mühe gemacht den Tritt abzufangen, geschweige denn eine Verteidigungsposition einzunehmen.

Sein Gegenüber sah ein, dass er nicht den geringsten Hauch einer Chance hatte und wich zurück. Der Gbrul machte einen Satz vorwärts und stieß dem Terraner sein Schwert zwischen die Rippen. Der Humanoide war tot, noch ehe er zu Boden fiel. Marlok sah auf seine Waffe. Nicht ein Tropfen Blut befand sich auf ihr. Das Material, aus dem die Waffe bestand, stieß jegliche Art von Verschmutzung ab. Er liebte dieses Schwert. Es hatte ihn nie im Stich gelassen. Er hatte immer jeden Kampf damit gewonnen. Zufrieden steckte Marlok sein Schwert wieder ein. Nun überlegte er, was er mit den beiden Leichen anfangen sollte. Sein Blick fiel auf ein Türschott, das sich etwa zehn Schritte rechts von ihm befand. Marlok riskierte es und stellte sich davor. Das Schott öffnete sich und gab die Sicht auf einen Raum frei, der leer war. Nur eine große Tür befand sich an der gegenüberliegenden Wand. Marlok trug die Leichen in diesen Raum und ließ sie dort zu Boden fallen. Danach öffnete er die Tür. Vor ihm tat sich eine Halle mit seltsamen Geräten auf. Links sah er drei Säcke, die an einem Seil von der Decke hingen. Der Boden in der Mitte war mit weichen Belägen ausgelegt. Auf der gegenüberliegenden Seite sah er eine Art Tribüne mit vielen Sitzgelegenheiten.

Irgendwie beschlich Marlok das Gefühl, dass dies eine Art Trainingsraum sein könnte. Langsam durchschritt er die Halle. Er blieb vor einer Vitrine stehen, in der sich ein leicht gekrümmtes Schwert befand. Der Griff war weiß und mit unbekannten Schriftzeichen verziert. Das Ende des Griffes war geformt wie ein länglicher Kopf eines Sauriers. Marlok war fasziniert von dieser Waffe. Er wollte sie haben. Aber sie einfach zu stehlen verbot sich von selbst. Das war gegen die Ehre eines Gbrul-Kriegers. Er musste erst den Besitzer in einem fairen und ehrenvollen Kampf töten, denn erst dann war es, nach dem Gesetz der Gbrul, sein. Zuerst aber hatte er noch einen Auftrag zu erfüllen. Also bestieg er die Treppen der Tribüne, um dort zu finden, was er suchte. Und tatsächlich, dort befand sich in einer kleinen Nische, die von der Halle aus nicht einsehbar war, ein Terminal. Marlok kniete sich nieder und riss die äußere Verkleidung herunter.

Ihm offenbarte sich eine für ihn völlig unverständliche Technologie. Aber das interessierte ihn wenig. Huttro hatte ihm einen handgroßen Würfel mitgegeben, welchen er einfach nur an einem Terminal anbringen sollte. Weiter hatte Huttro ihm mitgeteilt, dass er, wenn er den Würfel aktiviert hatte, warten müsste, bis der Bordcomputer dieses Raumschiffes unter der Kontrolle des Computers des Würfels stand. Danach brauchte er nur noch den braunen Knopf zu drücken und die GRASSEL hätte die Kontrolle über dieses Terranische Raumschiff. Das Türschott öffnete sich. Marlok zuckte zusammen. Langsam erhob er sich und sah über die Brüstung. Ein weißhaariger Terraner stand inmitten der Tür. Der Gbrul vermutete, dass es sich um ein Weibchen handelte, da er eine Wölbung in Brusthöhe erkannte.

Während er überlegte, ob er diese Terranerin auch töten sollte, marschierte sie zu einem der Säcke und begann mit ihren Fäusten danach zu schlagen. Mit einem kurzen Blick überzeugte sich Marlok, ob der Würfel seine Aufgabe schon erledigt hatte. Enttäuscht und mit der Einsicht, dass es noch etwas dauern würde, nahm er sich vor, sich vorerst ruhig zu verhalten, damit niemand bemerkte, dass er sich auf dem Schiff befand. Also sah er der Terranerin zu, während er auf eine Erfolgsmeldung des Würfels wartete. Diese tänzelte fröhlich herum, als hätte sie keine Sorgen. Der Gbrul war jedoch überzeugt, dass sie schon bald sehr viele Sorgen haben würde. Das Schiff hatte Flüchtlinge aufgenommen, was ihnen verboten war. Und jeden Moment konnte es zu einer Auseinandersetzung zwischen der GRASSEL und diesem Schiff kommen. Außerdem hätte sie an den Leichen vorbei …

Die Leichen. Ich hab sie vergessen. Der Gbrul schalt sich einen Narren, dass er die zwei Leichen nicht besser versteckt hatte. Aber diese Terranerin reagierte nicht so, wie er es von intelligenten Lebewesen gewohnt war, wenn man Leichen der eigenen Rasse kurz zuvor gesehen hatte. Eben hörte sie mit ihren Trainingsübungen auf und ging auf die Vitrine zu.

Ist sie vielleicht die Besitzerin des Schwertes? Das wird einfach werden. Ich werde ihr sogar den ersten Angriff lassen, dachte er. Die weißhaarige Terranerin griff in eine ihrer Taschen und zog ein Stück Papier heraus, das sie auf die Vitrine legte. Dann starrte sie die Tribüne hinauf, genau auf die Stelle wo Marlok sich befand und herunterblickte. Der Gbrul vergewisserte sich, ob sein Deflektor auch wirklich noch funktionierte und dieser tat es. Doch wurde er gleich darauf eines besseren belehrt. Die Terranerin lachte los und schwenkte ihre Arme. Marlok verstand die Welt nicht mehr. Dieser Humanoide führte sich auf wie ein Kind, das spielen wollte. Jetzt rief sie ihm auch noch was zu, der Sprachumwandler übersetzte: He, du doofe Echse! Komm runter und spiel mit mir, wenn du dich traust.

Wut stieg in dem Gbrul hoch. Du Zwerg wagst es, so mit mir zu sprechen? Dafür wirst du mein Schwert zwischen deinen Rippen spüren. Deinen Kopf werde ich mit nur einer Hand zerquetschen!, schrie er und deaktivierte den Deflektor.

Die Weißhaarige lachte aber noch immer und zeigte nicht die geringste Spur von Angst. Muss ich jetzt Panik verspüren? Nein, ich denke nicht. Was solltest du Möchtegernkrieger mir schon antun können, außer mich zum Lachen zu bringen?

Mit wütendem Gebrüll sprang Marlok von der Tribüne. Er schlug hart auf dem Boden auf, rollte sich ab und erhob sich knurrend vor der Frau. Nur die Vitrine befand sich zwischen den beiden. Vergessen waren der Würfel, Huttro und alles andere, jetzt wollte er nur eines. Ich werde dich ganz langsam und qualvoll auseinander nehmen. Du wirst um einen schnellen Tod betteln, Terraner.

Sie musste mit ihren Einmetersechzig fast schon den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen zu blicken. Oh, meinte sie knapp. Na gut. Wenn du mir so drohst, dann hole ich meinen großen Bruder. Der haut dich dann windelweich.

Marlok fuhr sie schnaubend an: Ja, hol deinen Bruder. Er soll gleich eine Handvoll Brüder mitbringen. Ich werde alle töten, dich auch.

Wieder war sie nicht im geringsten beeindruckt. Ach ja? Er wird dich mit dem Schwert in der Vitrine besiegen und dann werde ich noch mehr über dich lachen.

In diesem Moment öffnete sich wieder einmal die Tür und es erschien ein am Kopf haarloser Terraner. Dieser Terraner war es auch, der eine Waffe in den Händen hielt und damit auf Marlok zielte. Keine falsche Bewegung, oder ich bin gezwungen zu schießen.

Geistesgegenwärtig ließ sich der Gbrul hinter der Vitrine fallen und aktivierte den Deflektor. Aus der Richtung des Terraners vernahm er Geräusche, die ihn vermuten ließen, dass auch dieser sich eine Deckung gesucht hatte. Aha. Der große Bruder ist da, nehme ich an?, rief Marlok während er aufstand und sich einen Überblick verschaffte.

Er stand vor einem Rätsel. Obwohl in seiner Nähe nur die Vitrine stand, sah er keine Spur von ihr. Nur den Haarlosen, der sich hinter dem offenem Türschott verschanzt hatte. Zufrieden erkannte Marlok, dass dieser ihn nicht sehen konnte. Der was? Was meinst du mit großer Bruder, Fremder?

Gehört dir diese edle Waffe, Terraner? fragte er und dachte: Verneint er, werde ich ihn sofort töten. Bejaht er jedoch, dann werde ich ihn herausfordern. Mal sehen ob er einen Krieger-Ehrenkodex besitzt.

Ja, dieses Schwert ist meines. Doch was hältst du davon, dich zu ergeben? Du hast mindestens zwei Männer getötet und man weiß, dass du hier bist. Verstärkung ist im Anmarsch.

Marlok bewegte sich leise an dem Terraner vorbei, der noch immer mit angehaltener Waffe in die Turnhalle zielte.

Ich könnte diesen ahnungslosen Terraner einfach ohne geringste Probleme töten. Ihn einfach mit meinem Schwert niederstechen, dachte Marlok sich, aber sein Ehrenkodex hielt ihn zurück.

Der Gbrul ergriff mit einer Hand den Lauf der gegnerischen Waffe und schlug dem Terraner mit der anderen Hand ins Gesicht. Der Humanoide ließ vor Schreck die Waffe los, die Marlok ihm entriss. Dann schnappte er den Gegner von hinten am Genick und riss ihn am Türschott vorbei in die Halle, sah sich kurz um. Die Leichen lagen noch immer, wo sie zuvor gelegen hatten, stellte er fest. Zufrieden schoss er mit der erbeuteten Waffe auf das Türschott zwischen dem kleinen Raum und dem Gang und verschweißte es somit. Danach ließ er das zweite Schott schließen und versiegelte auch dieses. Plötzlich ertönte eine Sirene. Anscheinend hatten die Sicherheitsanlagen des Terranischen Schiffes die Entladungen der Waffe geortet und Alarm ausgelöst. Marlok störte dies wenig. Er hatte ja den Deflektor, der perfekt war. Diesen deaktivierte er jetzt und blickte den Terraner an, der in zehn Meter Entfernung eine Kampfposition eingenommen hatte.

Ich bin Marlok Mul. Mitglied des Gbrul-Kriegerordens und fordere dich zum Zweikampf heraus, brüllte er und verneigte sich vor dem Terraner.

Mein Name ist Göllers Martijin. Mitglied der Besatzung der IVANHOE und angesichts meiner jetzigen Lage nehme ich die Herausforderung an. Welche Regeln sollen den Kampf bestimmen?

Der Oxtorner stellte sich gerade hin und verneigte sich ebenfalls. Die über zwei Meter große Echse nickte zufrieden und verbog Göllers Termostrahler.

Nur wir zwei treten gegeneinander an, so wie es meine Vorfahren taten und meine Rasse es auch jetzt noch tut, wenn sie sich gegenseitig herausfordert. Nicht mit energiebetriebenen Waffen, sondern mit Waffen wie dieser hier.

Martijin sah den Gbrul-Krieger ein wellenartiges, pechschwarzes Schwert ziehen und es in die Höhe halten. Wenn ich gewinne, fordere ich dein Schwert mit dem weißen Griff

Der Oxtorner fand, dass dieser Marlok entfernt den Topsidern ähnlich sah, aber eine bedeutend stärkere Statur hatte. Was, fragte Göllers. soll denn mein Gewinn sein?

Marlok zögerte kurz und sagte dann: Dein Preis ist auf der Tribüne. Lass dich überraschen, wenn du dann noch lebst, Terraner.

Göllers drehte sich ohne hektische Bewegung zur Vitrine. Diese öffnete er und nahm das Schwert an sich. Die beiden unterschiedlichen Gestalten trafen sich in der Mitte der Halle und umkreisten sich gegenseitig. Jeder wartete auf den Angriff des anderen. Da ging eine Erschütterung durch das Schiff. Die Alarmanlagen, die inzwischen aufgehört hatten Laute von sich zu geben, aktivierten sich erneut. Beide schienen es nicht wahr zu nehmen. Für jeden von den beiden gab es nur den anderen. Marlok machte den Anfang und griff mit lautem Gebrüll an, Martijin blockte den von oben kommenden Schwerthieb gekonnt ab und trat zu. Der Gbrul, der angenommen hatte gegen einen Terraner zu kämpfen, spürte einige Knochen in seiner muskulösen Brust brechen, bevor er nach hinten viel. Auf dem Boden aufgekommen, rollte er sich rückwärts ab und stand behände auf. Marlok konnte es nicht fassen. Hatte er doch zuvor zwei Terraner ohne viel Kraftaufwand getötet. Dieser Terraner aber besaß um Vieles mehr Kraft als die anderen. Er musste besser aufpassen. Martijin griff an. Mit einer schier unendlichen Anzahl an Schwertattacken trieb er den Gbrul vor sich her.

Das Türschott glühte rot auf. Marlok spürte die Wand im Rücken, sich noch immer in der Defensive befindend. Göllers lies ihm mit seinen Attacken nicht die Zeit, selber in die Offensive zu gehen. Der Schmerz in der Brust war gerade noch zu ertragen und doch wusste der Gbrul, dass er verlieren würde. Er hatte den Gegner unterschätzt. Dieser Martijin war Marlok in Sachen Stärke ebenbürtig. Aber Göllers Kampftechnik war ihm überlegen. Ein lautes Krachen erfüllte den Raum. Marlok sah mit einem kurzen Seitenblick, dass das Türschott, es war kaum noch als solches zu erkennen, in die Halle fiel und auf dem Boden aufschlug. Terraner und Roboter stürmten herein. In diesem Augenblick traf Göllers Schwert Marloks rechten Unterarm. Der Gbrul ließ vor Schmerz brüllend seine Waffe fallen. Sein Gegner stellte den Angriff ein und ging einen Schritt zurück. Die Roboter zögerten keine weitere Sekunde und paralysierten Marlok.

Göllers Martijin ließ leicht außer Atem sein Schwert sinken. Vor ihm lag dieses Echsenwesen, das ihn herausgefordert hatte.

Warum verdammt habe ich nicht gleich Verstärkung geholt und bin auf eigene Faust reingegangen?, fragte er sich. Da fiel ihm auf, dass diesen Gbrul ein blaues Leuchten zu umgeben schien. Göllers wollte mit einem der Männer darüber sprechen, doch als er aufsah, erschrak er. Alle, die sich in der Halle befanden, waren in ein blaues Leuchten gehüllt. Eigentlich nur alle organischen Wesen. Der Rest, zum Beispiel die Kampfroboter, waren nicht davon betroffen. Der Oxtorner sah auf seine Hände, die ebenfalls blau leuchteten. Täuschte er sich, oder wurde das Leuchten stärker? Die Männer vor ihm gerieten in Panik. Dann brach einer nach dem anderen zusammen. Göllers war einer der letzten, die noch bei Bewusstsein waren. Doch auch er spürte schon, wie er langsam und allmählich die Kontrolle über seinen Körper verlor. Und dann wurde es schwarz.

Göllers öffnete ächzend die Augen.

Wo bin ich hier?, dachte er, als er um sich nur dichten Nebel sah. Es ist kälter als sonst.

Martijin hielt sich die Hand vor die Augen. Erst als er sie knapp vor das Gesicht hielt, konnte er sie erkennen. Alles woran er sich erinnern konnte war, dass er gegen diesen unbekannten außerirdischen Gegner gekämpft hatte. Als er gewonnen hatte, war alles um ihn herum blau geworden und er hatte das Bewusstsein verloren.

Jetzt war er erwacht und da war dieser Nebel und ihm kam es so vor, dass der Boden, auf dem er stand, nicht der war, auf dem er sich befunden hatte, als er das Bewusstsein verlor.

Das sind Erde und wiesenähnliche Gewächse. Verdammt, wo bin ich hier?, fragte sich der Oxtorner in Gedanken. Da erklang in seiner Nähe rechts von ihm ein Ächzen. Kurz darauf eine Stimme.

Hallo?

Göllers überlegte kurz und entschied sich dann, zu antworten. Hallo. Wer bist du?, rief er in den Nebel hinein.

Ich bin Major Mathew Wallace und wer bist du?

Leutnant Martijin Göllers. Schönes Wetter hier, nicht?

Ein Lachen ertönte. Aus der Richtung, aus der die Stimme kam, bildete sich der Umriss einer Gestalt. Ja, das kann man sagen. In London könnte es nicht schlimmer sein.

Du warst schon mal in London?

Ja, ich bin auf der Insel aufgewachsen. Warum ist hier auf der IVANHOE so viel Nebel? Vorausgesetzt, das ist die IVANHOE.

Martijin konnte jetzt Wallace vor sich erkennen. Ich habe nicht die geringste Ahnung. Außerdem bezweifle ich, dass das hier die IVANHOE ist.

Das bezweifle ich auch so langsam, Leutnant, erklang eine Stimme rechts neben Göllers. Majors Doves kräftige Gestalt erschien. Nachdem die IVANHOE angegriffen wurde, war alles von einem bläulichen Schimmer umgeben. Und jetzt das hier. Rätselhaft.

Was machen wir jetzt?, fragte Martijin.

Dove starrte in den undurchdringlichen Nebel hinein. Ich würde sagen, wir bleiben erst mal zusammen. Wenn wir uns hier trennen, finden wir uns nie wieder.

Gute Idee. Habt ihr bemerkt, dass unsere Waffen nicht funktionsfähig sind? Und all die Technik ist ausgefallen, die wir bei uns tragen, teilte Wallace den beiden Oxtornern mit.

Irwan griff an die Stelle, wo sich seine Waffe befand und überzeugte sich selbst davon.

Sind ja tolle Aussichten. Ich würde sagen, wir gehen in diese Richtung. Bitte fragt mich nicht warum, aber da es sowieso egal ist wohin wir gehen, können wir auch in diese gehen. Einwände?

Die anderen beiden verneinten. Also tasteten sie sich durch den Nebel in die besagte Richtung. Nachdem sie sich einige Zeit durch den Nebel bewegt hatten und mehreren baumähnlichen Pflanzen ausgewichen waren, stolperte Wallace über etwas.

Ein Aua! Können Sie nicht aufpassen, wo sie Hinsteigen? ertönte von unten.

Sorry. Aber bei dem Nebel sieht man ja nichts, rechtfertigte sich Mathew. Darf ich fragen, wo ich draufgestiegen bin und wer Sie sind? Martijin erkannte einen braunhaarigen Brillenträger, der sich, die rechte Hand haltend, erhob.

Timo Zoltan ist mein werter Name und das, wo du draufgestiegen bist, war meine rechte Hand, Mathew.

Dove schmunzelte und sagte: Langsam werden wir ja vollzählig. Anscheinend befindet sich hier die gesamte Mannschaft der IVANHOE.

Nachdem Major Irwan Dove Leutnant Zoltan erklärt hatte, dass sie umhergingen, um endlich Licht in die Sache zu bringen, schloss sich dieser der Gruppe an. Wenig später trafen sie auf eine andere Gruppe, bestehend aus etwa 50 Männern und 14 Frauen. Auch diese waren bereits unterwegs gewesen. Alle stellten bisher fest, dass jegliche Technik nicht mehr funktionierte. Dove und Wallace übernahmen die Führung auf ihrem Weg durch den Nebel. Dabei trafen sie auf immer mehr Terraner. Und als sie es schon gar nicht mehr erhofft hatten und man schon leicht bis auf 50 Meter sehen konnte, da sich der Nebel immer mehr lichtete, standen sie vor einer Wand.

Ein uns Terranern noch unbekanntes Metall, würde ich sagen, meinte Zoltan, während er die Wand berührte und in die Höhe sah. Die Höhe ist nicht erkennbar.

Also ich würde sagen, wir gehen diese Wand entlang, bis wir eine Art Eingang finden, schlug Wallace vor und machte sich auf den Weg. Schweigend folgten ihm die anderen. Da löste sich der Nebel innerhalb weniger Sekunden ganz auf und gab die Sicht auf eine riesige Landschaft frei. Sie befanden sich auf einer Anhöhe, von der aus sie große Wälder und Wiesen erblickten.

Etwa zweihundert Meter entfernt, am Rande eines kleinen Teiches, befanden sich weitere Besatzungsmitglieder der IVANHOE. Göllers erkannte zwischen den Gestalten den Kommandanten Xavier Jeamour, der selbst eine kleine Gruppe anführte. Wallace machte sich sofort auf, Xavier entgegen zu kommen. Nach relativ kurzer Zeit befanden sich die meisten Besatzungsmitglieder der IVANHOE an einer Stelle und der Kommandant beriet sich mit seinen höchsten Offizieren. Kurz danach hielt Jeamour eine Ansprache. Er versuchte die nervöse Crew zu beruhigen.

So wie es aussieht, befinden sich sämtliche Mitglieder der IVANHOE hier in dieser Terra ähnlichen Landschaft, in der sich zuvor dieser starke Nebel befand. Lorif konnte noch keiner entdecken. Jedenfalls wurde er noch nicht gesehen. Sämtliche Technik, die wir bei uns tragen, ist ausgefallen. Die Waffen sind nicht brauchbar. Mir wurde berichtet, dass sich etwa fünfhundert Meter entfernt eine Maschinerie befindet, die einem Transmitter ähnelt. Surgend hat angeblich, als er zu sich kam, Kontakt mit einem blauhaarigen Humanoiden gehabt, der aber kurz darauf ihm Nebel verschwand. Es ist also anzunehmen, dass sich außer uns noch wer hier befindet.

Ein Stimmengemurmel war die Antwort.

Ein Transmitter und ein blauhaariger Humanoider? Hört sich ja toll an, dachte Martijin.

Xavier sprach nach kurzer Pause, nachdem die Crew sich wieder beruhigt hatte, weiter.

Die Rasuks, die sich auf der IVANHOE befanden, sind zur Zeit auch noch nicht gesehen worden. Und wie ich von Leutnant Martijin Göllers und einigen Männern erfahren habe, befand sich kurz bevor das blaue Leuchten auftrat ein außerirdisches, echsenartiges Wesen an Bord. Dieser Eindringling hatte zwei unserer Besatzungsmitglieder getötet. Martijin konnte ihn im Zweikampf besiegen. Was dieses Wesen vorhatte, woher es kam und ob es für die Lage, in der wir uns jetzt befinden, verantwortlich ist, ist zur Zeit unbekannt. Außerdem wurden wir zur gleichen Zeit von der GRASSEL attackiert. Im Moment, muss ich gestehen, bin ich etwas ratlos. Fest steht, wir befinden uns in einer uns unbekannten Landschaft. Hinter mir befindet sich eine gigantische Mauer unbekannten Materials, deren Höhe und Länge wir nicht mal erahnen können. Hinsichtlich dieser misslichen Lage werden wir Folgendes unternehmen: Timo Zoltan wird sich mit einem Trupp Männer seiner Wahl zu diesem angeblichen Transmitter begeben und diesen untersuchen. Major Irwan und Major Wallace werden je fünfzig Mann mitnehmen und die nähere Umgebung erforschen. James Fraces wird auch zwei Trupps zusammenstellen. Diese werden in unterschiedlicher Richtung die Wand entlang wandern, um deren Länge festzustellen oder einen Eingang zu finden. Die Männer, die bis zu diesen Zeitpunkt keine Aufgabe haben, werden in drei Gruppen aufgeteilt. Da wir nicht wissen wie lange unser Aufenthalt hier ist, wird die erste Gruppe ein Lager hier auf der Anhöhe bei der Wand errichten. Gruppe zwei wird sich auf die Suche nach Nahrung machen. Tiere und Pflanzen, die für uns essbar sind. Gruppe drei wird sich ausruhen und unterschiedlich Wachen einsetzen, die diese Gegend um das Lager beobachten. Kontakt halten können wir zur Zeit nur mit Boten, die zwischen den Trupps und mir hin und her laufen. Also dann, Männer und natürlich auch Frauen. Hoffen wir, dass wir bald wissen, wo wir hier sind und wo sich die IVANHOE befindet.

Kapitel 4
Die Rasuks

Akus wurde durch eine Berührung seines kugelförmigen Körpers aus seinem tiefen Schlaf geweckt. Ächzend öffnete er seine Augen und sah dichte, wiesenähnliche Gewächse. Er lag mit seinem Gesicht seitlich nach unten geneigt und roch die Erde. Obwohl er sich noch so anstrengte, er konnte sich an fast nichts mehr erinnern, was vor seinem Schlaf geschehen war und wie er auf einen mit Gräsern bewachsenen Boden kam. Alles was der Rasuk noch wusste war, dass er sich mit seiner Besatzung auf einem fremden Raumschiff in einer Lagerhalle befunden hatte, da er Rebellen der Gbrul zur Flucht verholfen hatte und seitdem von einem Kopfgeldjäger, der sich selbst als Richter und Henker sah, gejagt wurde. Und als er schon geglaubt hatte von diesem so genannten Henker hingerichtet zu werden, kamen die Fremden. Während diese den Kopfgeldjäger ablenkten, konnte Azur mit seiner Besatzung und den Faltusers mittels Teleporter auf das fremde Schiff überwechseln. Dort traf er auf ein Wesen namens Irwan Dove. Ab diesem Zeitpunkt konnte er sich an nichts mehr erinnern und jetzt lag er hier.

Mit einem Gedankenbefehl wollte er sich aus der Bodenlage helfen, indem er damit den in seinem Körper integrierten Antigrav aktivieren wollte. Doch zu seinem Erstaunen geschah nichts. Wieder wurde er von hinten berührt und leicht gerüttelt. Hinzu kam eine besorgte, verängstigte Stimme: Kommandant? Können Sie mich hören? Wachen Sie auf, bitte.

Akus reagierte. Er wälzte sich mit Hilfe seiner Hände zu dem, der ihn angesprochen hatte. Diesen erkannte er als Puza Lsag, den Verantwortlichen für die Ortungsabteilung. Auch Puza Lsag war hier auf dieser großen Grasfläche.

Was? Wo sind wir, Lsag?

Dieser sah ihn erleichtert an und erwiderte: Bin ich froh, dass Sie am Leben sind, Kommandant. Ich denke, so ungefähr die gesamte Mannschaft befindet sich hier auf diesem Planeten oder was auch immer das für ein Ort ist. Keiner weiß, wie wir hierher gekommen sind. Von manchen hörte ich, dass ein bläuliches Leuchten um uns war, kurz bevor wir das Bewusstsein verloren haben. Und … Puza Lsag hielt inne, so als ob er Angst hatte, noch etwas wirklich Schreckliches auszusprechen.

Und was?, fragte Akus ungeduldig.

Keiner von uns kann sich mehr in der Luft aufhalten. Unsere sämtlichen Angriffsfunktionen sind ausgefallen. Wir sind so gut wie wehrlos und bewegungsunfähig.

Akus spürte, wie Panik in ihm hochkam. Wir werden alle verhungern, wenn uns keiner hilft. Ohne Antigrav sind wir nicht überlebensfähig.

Kapitel 5
Terraner und Ameisen

Wallace blieb stehen und hob die Hand. Er befand sich mit seinem Trupp auf einer riesigen Lichtung zwischen den Bäumen. Seine Männer hielten inne und sahen alle nach vorn. Etwa fünfhundert Meter voraus, aus dem Wald kommend, waren Lebewesen auszumachen, die sich ihnen näherten.

Sir! Was sollen wir tun?, fragte einer der Männer. Wallace glaubte, er hieß Nulte.

Erst mal abwarten, bis wir erkennen, wer sich da nähert. Vielleicht diese Blauhaarigen, von denen man erzählt. Achtet alle auf verdächtigen Bewegungen. Ich hoffe wir können uns ohne Translator verständigen.

Nach etwa zehn Minuten waren die Wesen schon so nah, dass man erkennen konnte, dass es sich um Insektoiden handelte. In einer Entfernung von etwa zwanzig Metern blieben diese stehen und sahen abwartend zu den Terranern herüber. Nulte, der neben Wallace stand, meinte: Die sehen mir nicht sehr vertrauenswürdig aus. Sehen irgendwie Ameisen ähnlich. Findest du nicht auch?

Ja. Die Ähnlichkeit ist deutlich zu erkennen. Nur dass diese hier so groß wie wir sind und Kleidungstücke tragen.

Leutnant Göllers tauchte neben Mathew auf und schlug vor: Wir sollten mit nur drei Männer auf sie zugehen, langsam und ohne Aggressivität zu zeigen. Vielleicht können wir uns mit ihnen verständigen?

Gute Idee. Also, Göllers und Nulte. Sie kommen mit mir. Gehen wir also langsam auf sie zu.

Nulte schluckte. Hoffentlich geht das friedlich aus. Ich will liebend gern darauf verzichten gegen diese Insekten zu kämpfen, Major.

Kaum dass sie losgingen, lösten sich aus der anderen Gruppe selbst drei Insektoiden, die sich ihnen zögernd näherten. Ich hab ein ungutes Gefühl. Wenn es zum Kampf kommt, sind wir denen sicher unterlegen, raunte Nulte Wallace leise zu.

Sei nicht so pessimistisch. Du siehst ja, dass sie sich friedlich verhalten, erwiderte dieser, obwohl er sich selbst nicht wohl in seiner Haut fühlte.

Am besten, ich führe die Verhandlungen. Wenn es wirklich nicht so ausgehen sollte, wie wir es uns erhoffen, ist es besser, wenn ich an vorderster Front stehe, da ich die größte Überlebenschance habe, schlug Göllers vor.

Wallace überlegte kurz und willigte ein. Nach dir, sprach er mit einladender Geste.

Etwa zu diesem Zeitpunkt trafen sich die Terraner mit den Ameisenartigen in der Mitte. Martijin trat mit erhobenen bloßen Händen auf sie zu. Er hoffte, dass diese Handlung nicht als aggressiv angesehen würde. Die drei pechschwarzen, ameisenähnlichen Wesen waren alle etwas größer als Göllers. Sie besaßen vier Beine und vier Greifarme. Zwei sahen aus wie bedrohlichen Zangen, wie die eines Hummers. Die anderen zwei waren feingliedrig. Sie hatten fast Ähnlichkeit mit menschlichen Händen, fand Martijin.

Hallo, könnt ihr mich verstehen? Wir kommen in friedlicher Absicht, fragte der Oxtorner in der Sprache der Rasuks. Ein hörbares Zischen und Pfeifen war die Antwort. Noch gab er nicht auf und versuchte es in allen ihm bekannten Sprachen, aber stets kam die gleiche unverständliche Antwort.

Während sich der Oxtorner mit den Insektoiden unterhielt, merkte Nulte, dass sich die Ameisenartigen, die zurückgeblieben waren, langsam näherten. Er machte sofort Wallace darauf aufmerksam.

Dieser erwiderte leise: Verdammt. Du hast recht. Sie nähern sich uns langsam, während unsere Leute sich an die stille Abmachung halten und an ihrem Platz ausharren. Was haben die vor?

Ich glaube, dieses Gequatsche zwischen ihnen und dem Oxtorner hat nur einen Grund, nämlich Ablenkung. Die wollen nur nah genug ran an uns, um uns dann anzugreifen.

Wallace überlegte kurz. Er konnte deutlich sehen, wie die Gruppe der Insektoiden sich langsam, aber sicher näherte, dabei schwärmten sie auseinander und bildeten einen Halbkreis.

Okay, du hast mich überzeugt. Da wir außer Martijin keine Waffen besitzen und ihnen körperlich an Stärke unterlegen sind, werden wir langsam und ohne Hast den Rückzug antreten. Am besten wir ziehen uns zu diesem Fluss zurück, an dem wir vorbei kamen. Hoffe mal, die sind schlechte Schwimmer. Gehe du unauffällig zu Göllers und berichte ihm davon und dann komm zum Rest der Gruppe. Ich werde schon mal zu unseren Leuten gehen und sie benachrichtigen. Mal sehen, wer schneller rennen kann. Wir oder dieses ameisenartige Volk.

Nulte nickte und ging auf Martijin und die drei anderen zu. Wallace drehte sich um und marschierte auf seinen Trupp zu.

Schon fast dort angekommen, hörte er einen Aufschrei hinter sich und sah, wie sein Trupp auf einen Schlag in Aufruhr geriet. Obwohl er ahnte, was geschehen sein könnte, ließ ihm das, was er sah, als er sich umwandte, das Blut in den Adern gefrieren. Die Gruppe Insektoiden, die sich langsam genähert hatte, kam jetzt sehr schnell laufend näher. Sie passierte gerade Göllers, der sich im Kampf mit drei Ameisenartigen befand. Nulte lag am Boden und bewegte sich nicht. Wallace konnte nicht erkennen ob er verletzt oder vielleicht schon tot war. Göllers konnte er jetzt nicht mehr helfen. Der würde es schon alleine gegen die drei schaffen, redete er sich ein. Jetzt musste er erst mal versuchen, sein Leben und das seiner Leute zu retten.

Wir müssen hier schleunigst weg! Zurück zum Fluss! Schnell!, rief er und sie rannten in den Wald. Gejagt von etwa fünfzig gigantischen Ameisen, die immer näher kamen. Vor Wallace stolperte eine junge Frau über eine Wurzel und fiel hin. Wallace blieb kurz stehen und half ihr auf. Sie hinkte und murmelte jammernd und außer Atem etwas, was sich anhörte wie ich … nicht mehr. Gehen Sie. … bleibe … halte … auf.

Doch Wallace dachte nicht daran und befahl ihr, sich zusammenzureißen, nahm sie Huckepack auf seinen Rücken und lief mit ihr weiter, obwohl er wusste, dass er das nicht lange durchhalten konnte. Aber er konnte die Frau nicht einfach opfern. Er war für sie verantwortlich.

Wann verdammt noch mal kommt der Fluss?, dachte er verzweifelt. Hinter sich hörte er die Ameisen. Dann sah er vor sich seine Leute wieder, doch sie liefen nicht, sie diskutierten. Als sie Wallace sahen, kamen sie ihm entgegen und nahmen ihm die Frau ab.

Was soll das? Hab ich denn nicht gesagt, dass ihr zum Fluss laufen sollt? Die Insektoiden sind hinter uns her.

Wollten wir ja, aber vor dem Fluss befindet sich ebenfalls ein Trupp dieser Insektoiden, der auf uns zukommt.

Verdammt. Irgendwie sitzen wir jetzt in der Patsche. Also dann werden wir den Truppwall hinter uns mit Gewalt durchbrechen müssen. Wir bleiben alle zusammen und helfen uns gegenseitig.

Eine der Frauen fragte: Warum fliehen wir nicht in die Richtung, in der unser Lager liegt?

Weil ich auf jeden Fall verhindern will, dass unsere Fluchtrichtung diese Wesen dazu bringt, unser Lager zu finden. Unsere Leute sind nicht darauf vorbereitet, von riesigen Ameisen angegriffen zu werden. Wir müssen sie in eine andere Richtung lenken.

Wallace sah, dass die meisten der Besatzungsmitglieder sich mit Holzknüppeln und Steinen bewaffnetet hatten, doch dann sah er nach oben und änderte sein Vorhaben.

Los, auf die Bäume rauf. Vielleicht sehen sie uns ja nicht, wenn sie vorbeikommen. Beeilt euch, sie sind gleich da.

Ein Wunder, dass sie nicht schon längst da waren. Sie werden sich wohl Zeit lassen, da sie glauben, dass sie uns in der Falle haben.

Kurze Zeit später war es soweit. Zwei der Ameisenwesen kamen in Sicht. Sie verharrten kurz unter den Bäumen, auf denen sich die Terraner befanden. Sie waren außer ordentlich füllig bewachsen und nur schlecht von unten einsehbar. Wallace hielt die Luft an, aus Panik, sein Atem könnte ihn verraten. Die Ameisenwesen unterhielten sich mit pfeifenden Lauten und untersuchten den Boden.

Hoffentlich können die uns nicht riechen, dachte er.

Er war sich im Klaren darüber, dass sie, wenn sie jetzt entdeckt würden, schlechte Karten hatten. Sicher war dann innerhalb kürzester Zeit jeder Insektoid im Umkreis hier. Wallace schätzte, dass es mindestens die 50 wären, denen sie anfangs begegnet waren. Aber er hoffte, da diese Wesen nicht aussahen, als ob sie auf Bäume klettern könnten, dass sie gar nicht erst auf die Idee kamen, dort zu suchen. Plötzlich hielten die Wesen gleichzeitig inne.

Verdammt, sie müssen etwas entdeckt oder gefunden haben. Jetzt sind wir dran. Vielleicht, wenn ich jetzt den Befehl zum Angriff gebe, können wir sie überraschend überwältigen und verschwinden, bevor die anderen kommen.

Doch die Wesen richteten sich ruckartig auf und rannten in Richtung Fluss. Während Wallace sich darüber wunderte und sich nach dem Warum fragte, brachte der Wind kaum wahrnehmbaren Kampflärm zu ihm. Vorsichtig und erst, nachdem er sich überzeugt hatte, dass keines der fremden Wesen anwesend war, stieg er vom Baum. Er rief einen der Männer, der daraufhin ebenfalls herunter kam.

Geh und schau nach, was der Lärm zu bedeuten hat. Lass dich aber von niemanden sehen. Wenn man dich doch sieht und verfolgt, setz dich ab. Versuche dich dann alleine zum Lager durchzuschlagen und alle zu warnen.

Der Mann, er hatte längeres, blondes Haar, hinten zu einem Zopf zusammengebunden, bestätigte kurz und verschwand zwischen den Bäumen. Wallace kletterte wieder auf seinen Baum und wartete ab. Etwa fünf Minuten später erschien der Blondschopf wieder und rief nach Wallace.

Dieser antwortete schnell.

Ich war beim Fluss. Dort findet gerade ein Gemetzel statt. Blauhaarige Humanoiden, sicher über 200 an der Zahl, haben dort mit altertümlichen Waffen die Ameisenwesen angegriffen. Sie schienen den Kampf zu gewinnen.

Wallace kam vom Baum herunter. Das werden die blauhaarigen Wesen sein, von denen der Kommandant sprach. John, komm mit und zeig mir die mal.

Bevor sie gingen bestimmte er einen Stellvertreter. Dem befahl er einen kleinen Trupp los zu schicken, um nach Göllers und Nulte zu sehen. Danach sollten sie ein paar Stunden warten und wenn bis dahin Wallace nicht zurückgekehrt wäre, dann sollten sie sich zum Lager durchschlagen und Jeamour von den Erlebnissen berichten.

Kurze Zeit später waren sie beim Fluss. Während sie sich zwischen den Bäumen versteckt hielten und das Geschehen bei der Lichtung am Fluss beobachteten, konnten sie mit ansehen, dass die Schlacht schon vorüber war. Wallace sah wie die Humanoiden, die Terranern schon fast zu ähnlich sahen, als dass er an eine andere Rasse glauben konnte, die toten Ameisenwesen zusammen auf einen Haufen schleppten und zerrten. Es gab auch lebende Insektoiden, die mit Ketten gefesselt waren und bewacht am Fluss lagen. Kurz überlegte Wallace, ob er aus seinem Versteck kommen sollte. Doch er entschied sich dagegen. Erst wollte er einmal abwarten und weiter beobachten. Die Blauhaarigen ritten auf Tieren, die Pferden ähnelten, eine gelbliche Farbe hatten und etwas breiter als die Pferde auf Terra waren. Auf einem dieser Reittiere saß ein jung aussehender Mann in stattlicher Rüstung. Wallace schmunzelte, als er sich an die uralte Geschichte von Terra erinnerte, als die Terraner noch glaubten, die Erde sei flach. Als die Terraner noch in so genannten Ritterrüstungen in die Schlacht zogen. Dieser Mann sah aus wie ein Ritter aus dieser Zeit. Er musste auch der Oberbefehlshaber sein, denn er wurde so behandelt.

An seiner Seite saß auf einem der Tiere ein jugendliches Mädchen, das abwesend schien. Sie trug eine Art Mönchsrobe, wobei sie die Kapuze zurückgeschlagen hatte. Der so genannte Ritter rief etwas und ein paar seiner Männer warfen wassermelonenähnliche Früchte, welche zuvor auf Transportkarren gelegen hatten, auf den Berg toter Ameisenwesen. Dann entzündeten sie mit einer brennenden Fackel Pfeilspitzen und zielten auf die Früchte. Der Ritter sah das Mädchen an. Dieses erwiderte seinen Blick und nickte. Als die Männer das Nicken sahen, ließen sie gleichzeitig die gespannten Bögen los. Surrend schossen die brennenden Pfeile auf die Früchte zu und durchschlugen sie. Sofort schlugen hohe Flammen in den Himmel empor.

Toll, hoch brennbare Wassermelonen. Was es nicht alles gibt, dachte er. Leise flüsterte Wallace: John?

Doch die Antwort blieb aus. Wallace blickte nach links, wo sich John fünf Meter weiter entfernt hinter einem Baumstamm versteckt hatte. John war nicht zu sehen. Verdammt, zischte er.

Ein eigenartiges Gefühl beschlich ihn. So als würde er beobachtet werden. Er sah sich um, doch er konnte nichts Ungewöhnliches sehen. Überall Pflanzen und Bäume. Die Blauhaarigen starrten auf das Feuer und hatten ihn noch nicht bemerkt. Aber wo war John? Er sah noch mal auf die Stelle, wo er John zum letzten Mal gesehen hatte. Da fiel ihm etwas auf. Der Baum. Der Baum, hinter dem John gestanden hatte, hat seine Position gewechselt. Der ist näher als er zuvor war. Das ist unmöglich.

Doch so lange Wallace auch den Baum anstarrte, er konnte nichts Ungewöhnliches entdecken. Sogar die Wurzeln waren tief in den Boden gegraben. Vielleicht hatte er sich geirrt? Vielleicht hatten ihm seine Sinne einen Streich gespielt? Aber Tatsache war, dass John nicht mehr da war. Er hob einen etwa einen Meter langen Ast auf, überzeugte sich, dass die Wesen auf der Lichtung noch nicht aufmerksam geworden waren und schlich auf den Baum zu. Einen gewissen Sicherheitsabstand einhaltend berührte er mit dem Holzstück den Baum. Dieses durchdrang zu Wallaces Erstaunen das Holz wie Pudding. Kurz darauf war ein leises Schmatzen zu hören und der Stab wurde ihm buchstäblich aus der Hand gerissen und verschwand im Rumpf des Baumes.

Erschrocken wich der Schotte ein paar Schritte zurück und stolperte über eine Wurzel, die hinter ihm aus dem Boden ragte. Er verlor das Gleichgewicht und fiel zu Boden. Fluchend erhob er sich und bemerkte eine Bewegung über sich. So schnell er konnte sprang er zur Seite, konnte aber nicht mehr verhindern, dass er von einem herabkommenden Ast an der rechten Hand berührt wurde. Etwas durchdrang seine Haut. Es fühlte sich an wie die Nadel einer Injektionsspritze. Wallace griff zu der Stelle. Ein kleiner grüner Stachel steckte in seinem Unterarm. Er spürte, dass ihm übel wurde.

Gift! Der verdammte Baum will mich vergiften und danach fressen oder was weiß ich was.

Der Kreislauf machte sich bemerkbar. Ihm wurde schwindelig. Schwankend drehte er sich um.

Die Lichtung, dachte er verzweifelt. Ich muss es zur Lichtung schaffen. Die Humanoiden sind meine einzige Chance.

Panik kam in ihm auf.

Wo ist die Lichtung. Ich sehe nur Bäume. Sie bewegen sich alle. Ich bin verloren.

Er machte ein paar Schritte vorwärts in die Richtung, wo er sich erhoffte die Lichtung vorzufinden.

Die Bäume! Sie haben Gesichter.

Er schrie verzweifelt auf. Er war umzingelt von Baummonstern, deren Äste nach ihm zu greifen schienen. Böse rot glühende Augen starrten ihn an. Wallace ging in die Knie und übergab sich.

Aus. Ende. Ich kann nicht mehr.

Da sah er sie, die lang ersehnte Lichtung. Sie war nur ein paar Schritte entfernt. Die Erkenntnis gab ihm neue Kraft. Auf allen vieren kroch er der Lichtung entgegen. Die Monsterbäume kamen immer näher.

Gleich haben sie mich.

Verschwindet!, schrie er in die Welt hinaus. Dann konzentrierte er sich wieder auf die Lichtung und zwang seinen Körper, sich weiterzubewegen. Plötzlich wurde er von hinten ergriffen und zurück gezogen. Panisch drehte er sich um. Abgrundtief hässliche Wesen waren um ihn herum und zogen ihn zu den Bäumen. Wallace bäumte sich auf. Wut kam in ihm hoch, die ihm Kraft gab. Er schlug dem Wesen, das seine linke Hand festhielt, mit der rechten voll in das grünliche, von Warzen übersäte Gesicht. Das Wesen ließ los und taumelte rückwärts. Doch schon waren dafür zwei neue an dessen Seite. Sie drückten den Terraner zu Boden. Zu diesem Zeitpunkt war die Wirkung des Giftes soweit fortgeschritten, dass er das Bewusstsein verlor.

Kapitel 6
Der Kontakt

Der Oxtorner Irwan Dove war mit seinem Trupp schon seit Stunden unterwegs, um die Umgebung zu erkunden. Allmählich machte sich bei der Gruppe der Hunger breit. Aber noch war er nicht so groß, dass einer der Männer es wagte von den unbekannten, außerirdischen, womöglich für Terraner giftigen, Pflanzen und Früchten zu kosten. Tiere waren vereinzelt auch schon erblickt worden, jedoch Vögel oder Insekten schien es nicht zu geben.

Die Männer rätselten während des Marsches, wie sich die Pflanzen und Bäume hier ohne fliegende Insekten fortpflanzen konnten. Nach einiger Zeit entschloss sich Dove zum Lager zurückzukehren, da sich die Sonne dem Horizont schon langsam näherte. Doch als er den Befehl geben wollte, bemerkte er ein goldenes Glitzern im Schein der roten Sonne auf einem der Berge. Er schätzte die Entfernung zwischen sich und diesem unbekannten Objekt auf etwa zehn Kilometer ein. Noch etwas fiel ihm auf, das Objekt bewegte sich. Es kam den Berg herab. Anhand der plötzlichen Ruhe wusste er, dass auch seine Mannschaft das Objekt erblickt hatte.

Runter von der Lichtung! Zwischen die Bäume!, rief er und rannte los. Als er die Bäume erreichte und sich umdrehte, sah er zufrieden, dass sich so gut wie keiner seiner Männer mehr auf der leicht einsehbaren Fläche befand. Und so hielt er wieder nach dem Objekt Ausschau. Er erblickte es sofort. Das Objekt befand sich in der Luft und flog in die Richtung, in der sich Dove und seine Männer befanden. Dove vermutete, dass es künstlichen Ursprunges war.

Aber warum kommt es auf uns zu? Ist das Zufall, oder ist man auf uns aufmerksam geworden?, überlegte er.

Als der Oxtorner nach seinen Leuten sah, konnte er nur verbissene und fragende Blicke erkennen. Als wisse er, was sich hier abspielte. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis sich das Objekt als eine goldene, aus unbekanntem Material bestehende Kugel entpuppte, die sanft und geräuschlos auf der Lichtung landete. Dabei blieb es anscheinend auch vorerst. Die Terraner verhielten sich ruhig und warteten ab. Das gleiche machte auch die etwa fünf Meter durchmessende Kugel. Die Sonne verschwand nun ganz. Die Nacht brach herein und gab den Blick auf unbekannte Sterne frei. Nur die Kugel erleuchtete die Umgebung. Dann, als Irwan schon gar nicht damit rechnete, ertönte eine monotone Stimme. Ich bin Dena Sal, ein Diener des mächtigen Ritalous. Ich heiße euch in seinem Namen willkommen, hier in Ritalous Reich.

Kapitel 7
Erwachen

Schmerzen. Starke Kopfschmerzen. Sie waren es, die Wallace ins Leben zurück holten. Ächzend öffnete er die Augen und sah die Decke eines Raumes. Langsam drang die Erinnerung in sein Bewusstsein vor. Die IVANHOE, diese unbekannte Landschaft, die Insektoiden und diese mörderischen Bäume. Da waren dunkle Gestalten gewesen, die diesen Bäume halfen.

Aber was geschah dann?, fragte er sich. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Jetzt bemerkte er eine Übelkeit, die seinen Magen emporkroch. Auch diese Kopfschmerzen machten sich wieder bemerkbar. Der Schotte schloss die Augen und atmete tief durch. Es half etwas. Die Kopfschmerzen wurden erträglicher, nur die Übelkeit blieb. Zum Glück war sie nicht so stark, dass er sich übergeben musste. Nach einiger Zeit öffnete er seine Augen und wieder sah er die schwach beleuchtete Decke. Behutsam drehte er sich zur Seite und erblickte brennende Kerzen, die auf einem hölzernen Tisch standen. Dahinter saß auf einer Art Stuhl ein stark muskulös gebauter, glatzköpfiger Mann. Dieser schenkte sich gerade aus einem Tonkrug eine Flüssigkeit in einen Becher ein. Am Rücken hatte er ein Schwert umgeschnallt. Der Mann erhob sich, als er sah, dass Wallace erwacht war und sagt erfreut: Wallace! Na, wieder unter den Lebenden? Davon solltest du mal kosten. Schmeckt zwar nicht nach Vurguzz, aber es bringt dich sicher wieder auf die Beine.

Wallace versuchte zu grinsen und richtete sich langsam auf. Doch sofort wurde ihm so schwindlig, dass er sich wieder nach hinten fallen ließ.

Ja … das könnte ich jetzt wirklich gebrauchen. Leutnant Göllers Martijin, flüsterte er ächzend. Und ihm wurde schwarz vor den Augen.

Wie lange Wallace dieses Mal das Bewusstsein verloren hatte, wusste er nicht. Doch als er wieder zu sich kam, saß eine blauhaarige Frau mittleren Alters, die nur mit einer bräunlichen Robe bekleidet war, neben ihm und gab ihm etwas zu Trinken. Es schmeckte zwar scheußlich, aber kurze Zeit danach ging es Wallace schon viel besser und er konnte sich aufsetzen. Jetzt erkannte er, dass er auf einem primitiv aussehenden Bett saß. Der Raum, in dem er sich befand, maß ca. 10 mal 15 Meter. Links befanden sich offene Fenster, aus denen weit entfernte Stimmen leise hereindrangen. Hinter dem Tisch befand sich eine Tür, die geschlossen war. Göllers konnte er nirgends erblicken.

Wo ist Leutnant Göllers?, fragte er auf Interkosmo und nannte sich gleich darauf einen Narren. Woher sollte diese Frau denn diese Sprache verstehen? Auch wenn sie aussah wie eine gebürtige Terranerin. Aber es musste ja doch eine genetische Verwandtschaft geben. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass irgendwo im weiten Weltraum ein und dieselbe Rasse zweimal entstand.

Wenn du deinen Kameraden meinst, der hier zwei Tage lang über dich wachte, dann muss ich dir sagen, dass er mit einigen Vetras-Kriegern zum Lager eures Kommandanten aufgebrochen ist, um zwischen ihm und Vetra ein Treffen zu vereinbaren, sprach sie zu Wallaces Erstaunen in einwandfreiem Interkosmo.

Wo bin ich hier und wie kam ich hier her?, wollte er wissen.

Du befindest dich in der Stadt Vetras Neue Hoffnung und wurdest von Vetras-Kriegern vor einer fleischfressenden Pflanze namens Gefährliche Versuchung gerettet. Du warst von dieser Pflanze mit einem Halluzinationsgift infiziert worden. Die Wirkung ist, wie du sicher bemerkt hast, dass du alles tust, um zu ihr zu gelangen, während du nebenbei immer schwächer wirst.

Wallace starrte die Frau entgeistert an Das heißt also, die Lichtung war in Wirklichkeit die Pflanze?

Sie nickte. So wird es wohl gewesen sein. Übrigens, mein Name ist Zlera.

Ich bin Mathew Wallace, freut mich deine Bekanntschaft zu machen. Ich danke euch, dass ihr mir das Leben gerettet habt. Aber wo sind meine Leute? Seid ihr auch auf sie gestoßen?

Wiederum nickte sie. Ja in der Tat, das sind wir. Sie sind einen Tag lang bei uns Gast gewesen und danach aufgebrochen, um eurem Kommandanten Bericht zu erstatten.

Lächelnd hielt sie kurz inne, dann sprach sie weiter: Und, hast du noch Fragen? Ich beantworte sie gerne.

Ja, ich habe Fragen. Auf welchem Planeten befinden wir uns? Wie kamen wir her? Und wo ist unser Raumschiff, die IVANHOE?

Zlera seufzte. So viele Fragen. Ich denke, ich werde dir eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte meines Volkes, wie es hier her kam. Ich denke, damit wären dann sicher viele deiner Fragen beantwortet.

Okay, erzähle mir die Geschichte.

Kapitel 8
Die Priesterin, die zu ihrer Gottheit hält

Leichter Regen fiel auf Zlera herunter. Die Hohe Priesterin stand auf einem kleinem Plateau am Gipfel des Berges Pral und sah auf das weite Tal hinab. Wind kam zusätzlich auf, wehte durch ihr grüngefärbtes, langes Haar. Zlera Sota liebte es, sich hier auf dem heiligen Planeten zu befinden. In Gedanken bedankte sie sich bei Vetra, dem Planeten und der Mutter aller Lebewesen für die Abkühlung nach so einem heißen, schwülen Tag. Im Tal sah sie eine Herde Neals grasen und ein paar Kinder, die zwischen diesen spielten. Obwohl die Neals zueinander oft aggressiv waren, taten die sechsbeinigen, haarlosen und drei Meter großen Tiere den Vetras-Kindern nichts.

Vetra sorgt für ihre Geschöpfe, dachte die höchste Priesterin des Vetra-Ordens.

Nie würden Tiere absichtlich Vetraner verletzen.

Sie erinnerte sich daran, dass, als sie noch ein Kind war, ein Junge absichtlich ein Nealbaby quälte. Als die Nealmutter das sah, dachte Zlera, dass dieses große Tier sich sicherlich an dem Jungen rächen würde. Aber es kam ganz anders. Die Nealmutter raste heran, hob jedoch bloß den Jungen sanft mit ihrem Rüssel hoch und ließ den zappelnden, schreienden Vetraner in den nächsten Teich fallen. Dies war eines der Erlebnisse, die Zlera dazu bewogen hatten, in den Vetra-Orden einzutreten. Ein anderes war, als sie mit drei anderen Vetranern in den Höhlen …

Sie wurde von der schönen Aussicht und ihren Erinnerungen abgelenkt, als ein Signal an ihrem Armband ertönte. Dass sie hier auf Vetra gestört wurde, konnte nur eines bedeuten: Die Clarks haben wieder mal versucht durch den Planetenschirm zu kommen. Seit diese intelligente Insektoiden-Rasse vor 50 vollen Vetra-Zeiten, einer Zeit als sie noch nicht geboren war, erschienen waren und diese Welt mit den reichen Bodenschätzen entdeckt hatten, herrschte Krieg. Lella Mazo, die damalige Hohepriesterin, schaffte es gerade noch unter sehr hohen Verlusten die Clarks für einige Zeit zu vertreiben. Nur noch ein Viertel der damaligen Streitmacht, den Vetras-Verteidigern, blieb übrig. Daraufhin wurde der damalige, gerade im Bau befindlichen Planetenschutzschirm schnellstmöglich fertiggebaut und aktiviert. Vor diesen Schirm legte man Millionen von Minen und baute gigantische Abwehrforts. Die Clarks blieben davon unbeeindruckt und griffen immer und immer wieder an. Obwohl sie damals technologisch unterlegen waren, waren sie in der Übermacht. Vetras Wissenschaftler stellten fest, dass diese Clarks sich sehr schnell fortpflanzten. Des Weiteren erfuhr man, dass die Clarks, die Vetra angriffen, nicht fortpflanzungsfähig waren. Man vermutete, dass eine Art Königin für den Weiterbestand der Clarks verantwortlich war. Beweisen konnte man es nie. Die Clarks, die man gefangen genommen hatte und verhören wollte, redeten nie ein Wort. Selbst unter schwerster Folter nicht.

Zlera aktivierte ihr Kommarmband und stellte die Verbindung zum Palast her. Eine der Priesterinnen erschien. Entschuldigt vielmals die Störung, Hohe Priesterin. Aber es ist sehr wichtig.

Zlera seufzte und sagte: Na ja, ich wollte sowieso gerade wieder in den Palast fliegen. Was gibt es denn?

Clarks sind fünf Lichtminuten von unserem Sonnensystem entfernt aus dem Hyperraum erschienen, berichtete die Priesterin.

Zlera runzelte die Stirn. Ich hoffe sie werden es wieder nicht schaffen den Schirm zu durchbrechen. Wie viele sind es denn?

Die junge Frau am anderen Ende zögerte kurz, dann sprach sie: Es sind zweitausend, Hohe Priesterin Zlera. So viele waren es bisher noch nie, seit sie zum ersten Mal versuchten, unseren Planeten zu erobern.

Zleras Gesicht wurde weißer, als es sonst schon war. Ich komme, so schnell ich kann!, schrie sie und deaktivierte die Verbindung.

Zweitausend Schiffe. Das werden wir nicht überleben, befürchtete sie, während sie zum Gleiter lief. Als sie im Cockpit saß, lehnte sie sich kurz zurück und atmete tief durch. Zlera hob ihre Hände und merkte, dass sie zitterten.

Auch wenn wir es diesmal nicht schaffen, dürfen die anderen auf keinen Fall merken, dass ich, die höchste Priesterin Vetras, Angst habe.

Sie versuchte sich zu beruhigen, aber ihre Gedanken versuchten das Gegenteil.

Wenn die Clarks gewinnen, dann werden sie uns in Gehege werfen und uns züchten wie die Tiere. Sie werden sich von uns ernähren.

Sie hatte vor langer Zeit gehört, dass Clarks mit Vorliebe Vetraner verspeisten. Gerüchte besagten, dass die Insektoiden gefangene Vetraner angeblich züchteten. So munkelte man. Zlera nahm sich vor, lieber Selbstmord zu begehen, als sich von den Clarks einsperren und dann fressen zu lassen.

Noch einmal atmete sie tief durch, dann startete sie den Gleiter. Dieser erhob sich langsam, drehte sich in der Luft in die gewünschte Richtung und raste in den Himmel, auf dem sich langsam dunkle Wolken zusammenzogen.

Kapitel 9
Hoffnungslose Schlacht

Als der Gleiter kaum beim Palast angekommen war, wurde Zlera auch schon von ihren engsten Beratern abgeholt.

Hat sich inzwischen etwas Neues ergeben?, fragte sie, während sie das Gefährt verließ.

Nein, Hohe Priesterin. Noch verhalten sie sich ruhig. Aber sicher nicht mehr lange, antwortete Rustak, ein schon sehr alter, hagerer Mann. Er hatte eine Narbe, die von seinem linkem Auge bis runter zum Kinn verlief. Ein Clark hatte einmal, als die Insektoiden versuchten, eines der Forts zu übernehmen, versucht, ihm mit seinen Greifarmen den Kopf zu zerquetschen. Rustak war gerade noch entkommen, aber sein Gesicht war furchtbar entstellt worden.

Was schlägst du vor, Rustak?

Es wird besser sein, so schnell wie möglich auf die VETRAS AUGE zu kommen. Diese befindet sich bei der Flotte, Priesterin.

Zlera nickte. Dann los.

Ein Transmitter brachte sie auf das tausendfünfhundert Meter große Flaggschiff.

Als die Priesterin mit ihrem Gefolge die Zentrale betrat wandte sie sich sogleich der Ortung zu. Die Lage war noch immer unverändert. Noch immer befanden sich die Clarks an der Stelle, an der sie aus dem Hyperraum gekommen waren. Ihnen gegenüber befand sich der Minengürtel. Dann kamen fünfhundert keilförmige Raumschiffe unterschiedlichster Größe der Vetraner. Hinter diesen gab es noch die Raumforts und den Planetenschild. Doch Zlera bezweifelte, dass das genügte, um die Clarks zu vertreiben. Aber sie würde bis zum letztem Atemzug für Vetra kämpfen. Alle würden es. Dessen war sie sich sicher, denn ohne Vetra hatte das Leben keinen Sinn.

Die Priesterin schrak zusammen als ein lautes Heulen erklang. Die Clarks setzten sich in Bewegung. Sie flogen wie eine gigantische Walze ins Sonnensystem ein. Genau diese Walze erreichte kurz darauf den Minengürtel. Ohne Rücksicht auf Verluste durchquerten die Insektoiden die gefährliche Zone. Dabei verloren sie an die vierhundert Schiffe, doch eintausendsechshundert Raumer erreichten die andere Seite.

Die Hohe Priesterin sah sich verzweifelt in der Zentrale um und merkte, dass alle sie anstarrten. Obwohl sie es verhindern wollte, rannen ihr Tränen die Wangen hinunter. Doch Zlera verzichtete, sie sich wegzuwischen.

Warum?, stammelte sie leise.

Doch keiner antwortete ihr. Sie hatte es auch nicht anders erwartet. Dann fasste sie sich. Aus Angst und Hoffnungslosigkeit wurden Zorn und Hass auf die Clarks.

Niemand!, schrie sie wutentbrannt. Niemand wird es je schaffen, ohne unsere Erlaubnis Vetra zu betreten. Auch diese verdammten Insektoiden werden es nicht schaffen. Nicht, so lange auch nur ein Vetraner lebt!

Damit gab sie den Angriffsbefehl. Die Schiffe der Vetraner bildeten einen Wall, um mit ihrer überlegenen Technologie die Clarks am Weiterflug zu hindern. Die zahlenmäßig überlegenen Clarks ließen sich aber davon kaum beeindrucken. Eine gigantische Schlacht entstand. Die VETRAS AUGE vernichtete ein Clarkschiff nach dem anderen, aber bei jedem zerstörten Gegner kamen zwei neue hinzu. Doch die Vetraner konnten den Wall halten. Zlera jubelte innerlich. Es sah so aus, als würden sie doch noch eine Chance haben. Dann erreichte sie die alarmierende Meldung, dass die Clarks anfingen, auf Kollisionskurs zu gehen und so die Vetraner beim Zusammenstoß mit ins Verderben zu reißen. Bevor die Priesterin entsprechend darauf reagieren konnte, hatten die Clarks mit diesem Manöver ein Drittel der Vetraner Flotte zerstört und die ersten Clarkschiffe brachen durch. Die vetranische Streitmacht konnte den Wall nicht mehr aufrecht erhalten. Die meisten Kommandanten versuchten jetzt nur noch, mittels Ausweichmanövern den Zusammenstößen mit den Schiffen der Gegner zu entgehen. Die Hohe Priesterin musste hilflos zusehen, wie jetzt ein Raumfort nach dem anderen durch die selbstmörderischen Angriffe explodierte.

Als das letzte Fort verging, ließen die Clarks von den noch existierenden Schiffen der Vetraner ab. Diese formierten sich neu und warteten auf Zleras Befehle zum weiteren Vorgehen. Doch die ließen auf sich warten. Die Priesterin war zu dieser Zeit nicht ansprechbar. Sie stand auf der Kommandobrücke, starrte auf den Hauptschirm und zeigte seit ein paar Minuten keine Regung mehr. Die Schlacht um den Planeten hatte seit Auftauchen der Clarkflotte bis zu diesem Zeitpunkt nicht mal ganz drei Stunden angedauert und die Vetraner waren so gut wie geschlagen. Die Clarks mussten nur noch den Planetenschirm knacken.

Zlera wusste nicht was sie machen sollte. Mit den letzten verbliebenen Schiffen ein letztes Mal versuchen, die Clarks zu vertreiben, wobei sie alle mit Sicherheit sterben würden? Oder sollte sie kapitulieren und sich der Gnade der Clarks hingeben? Hoffen, dass sie weiterhin auf Vetra, ihrem heiligen Planeten leben durften. Einfach zu fliehen, auf diesen Gedanken kam sie nicht. Ein Gebot Vetras besagte: Der Vetraner, der sich von Vetra in der Not abwendet, wird aufhören zu existieren. Daran zweifelte Zlera keinen Moment. Die ersten Notsignale der havarierten Schiffe der Vetraner wurden aufgefangen. Jetzt fasste sich die Priesterin wieder und befahl Rettungsmannschaften auszuschicken, um die Überlebenden zu bergen. Die Clarks nahmen keine Notiz davon. Jetzt, wo sie den Planeten so gut wie in ihrer Hand hatten, wurden die Vetraner anscheinend nicht mehr als Gefahr angesehen. Zlera hoffte, die Insektoiden würden sich an dem Planetenschutzschirm die Kiefer ausbeißen.

Kapitel 10
Die Entscheidung

Stunden später hatte sich die Lage so gut wie nicht verändert. Noch immer versuchten die Clarks, den Schirm zu durchbrechen. Zur Zeit versuchten sie es mit Punktbeschuss. Etwas abseits befanden sich die letzten Schiffe der vetranischen Streitmacht und sahen tatenlos zu. Die Hohe Priesterin hatte die höchsten noch lebenden Offiziere zu sich rufen lassen. Sie befanden sich auf der VETRAS AUGE in einem der Sitzungsräume. Rustak saß neben Zlera, während die Offiziere ihr gegenüber saßen.

Ich habe euch rufen lassen, um miteinander über das weitere Vorgehen zu beraten. Ich hoffe einer von euch hat eine Idee, wie wir die Clarks wieder vertreiben können.

Ein Offizier erhob sich. Zlera erinnerte sich schwach an seinen Namen. Ertal Hault, vermutete sie.

Hohe Priesterin, die Auswertungen unserer Positroniken ergeben, dass wir, wenn wir jetzt angreifen, nicht die geringste Chance haben werden. Wir können den Vetranern auf dem Planeten nicht mehr helfen. Ich schlage vor, wir ziehen uns zurück und gründen auf einem weit entfernten, bewohnbaren Planeten eine neue Zivilisation.

Lautes Gemurmel entstand. Es waren Zustimmung und Ablehnung zu vernehmen. Zlera war geschockt von dieser Aussage. Langsam erhob sie sich. Prompt wurde es wieder ruhig.

Dem Planeten den Rücken zu kehren würde bedeuten, gegen das dritte Gebot zu verstoßen. Ist dir das bewusst? Wir würden aufhören zu existieren!, rief sie entsetzt.

Ertal winkte ab. Religion gut und schön. Aber jetzt geht es um unsere Existenz. Wir dürfen nicht an irgendwelchen Geboten festhalten, die irgendwer vor Jahrhunderten aufgestellt hat. Vetra ist doch nur ein Märchen. Der einzige Vorteil, den dieses Märchen bringt ist, dass wir untereinander den Frieden erhalten.

Immer mehr Zustimmung entstand in der Menge. Zlera setzte sich hoffnungslos wieder hin. Rastuk flüsterte ihr etwas ins Ohr. Verneinend wandte sich von ihm ab, aber der alte Mann gab nicht auf und flüsterte weiter auf sie ein.

Schließlich erhob sich die Priesterin und sprach: Rastuk hat mich überzeugt, eine Entscheidung zu treffen. Obwohl es mir gar nicht leicht fällt, ordne ich an, dass die Vetraner, die gehen und unsere Göttin Vetra verlassen wollen, meinen Segen haben und hoffe, dass sie Recht haben mögen. Es soll abgestimmt werden. Jeder soll für sich selbst entscheiden, wer gehen will und wer nicht. Ich lasse jedem bis Anfang des nächsten Tages Zeit, sich zu entscheiden.

Kapitel 11
Die Göttin

Am nächsten Tag war es soweit. Von den insgesamt 435 übrigen Schiffen, darunter auch zivile Schiffe, brachen 395 auf, um sich auf einem neuen Planeten anzusiedeln. Zlera wusste weder ein und aus. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass so viele sich in der Not von Vetra abwenden würden. Sie befand sich alleine in ihrer Kabine. Die Clarks würden jetzt nicht mehr lange brauchen, bis der Schild überlastet war. Dieser hatte durch den dauernden Punktbeschuss schon andere Farben angenommen. Die Priesterin lag auf ihrem Bett und hatte einen Dolch in ihrer rechten Hand. Sie konnte nicht mehr. Sie wollte mit sich selbst Schluss machen. Warum hatte Vetra das alles nicht verhindert? Sie war ja ihrer Meinung nach allmächtig. Langsam bekam auch sie Zweifel, ob die Göttin wirklich existierte. Langsam näherte sich der scharfe Dolch ihrem linken Unterarm. Nur ein Schnitt. Dann würde sie einschlafen und nie wieder aufwachen.

Aber was wird dann aus den letzten 40 Schiffen, die noch zu Vetra halten?, dachte sie. Wenn ich mich töte, dann werden sie führerlos sein. Na und, sterben werden sie sowieso.

Sachte berührte sie mit dem Messer ihre Pulsschlagader.

Andererseits – sie schauen zu mir auf. Kann ich sie denn enttäuschen? Nein, ich kann es nicht.

Wütend warf sie den Dolch von sich weg und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.

Eine weise Entscheidung, mein Kind, vernahm sie plötzlich eine weibliche Stimme.

Erschrocken fuhr die Priesterin hoch. Vor ihr stand eine junge, grünhaarige Frau, die eine rote Kutte trug.

Wer bist du? Wie kommst du hier herein?, fragte sie stotternd.

Die Unbekannte lachte herzlich auf. Wer ich bin, fragst du? Ich bin deine Gebieterin, deine Göttin, so wie du mich nennst.

Zlera glaubte sich verhört zu haben. Wenn sie auch an Vetra glaubte, dann sicher nicht, dass diese als junges Mädchen in ihrer Kabine erschien. Sie aktivierte einen Schalter auf ihrem Armband und rief: Sicherheitsdienst! Sofort in meine Kabine!

Die Frau, die sich vor dem Bett befand, ließ sich nicht davon beirren. Glaubst du denn, ein Sicherheitsdienst kann mich von meinen Vorhaben abbringen?

Das Türschott öffnete sich und zwei bewaffnete Männer stürmten herein. Doch als sie die junge Frau erblickten, ließen sie ihre Waffen fallen, obwohl sie ihnen nur den Rücken zeigte. Zlera sah entsetzt, dass diese Männer sich langsam, mit gesenkten Armen der Frau näherten und hinter dieser wie zu Statuen erstarrt innehielten. Das Türschott schloss sich wieder.

Wie, Zlera, mein Kind, willst du denn meine Geschöpfe gegen mich einsetzen? Eigentlich müsste ich jetzt erzürnt sein, aber ich sehe ein, dass du in letzter Zeit viel erlebt hast und verwirrt bist, vernahm Zlera in Gedanken.

Die angebliche Vetra drehte sich langsam um und sah die Männer prüfend an. Nicht schlecht. Der Blonde gefällt mir. Glaubst du, er passt zu mir?

Ich weiß nicht …, antwortete Zlera zögernd.

Dreh dich mal im Kreis!, befahl Vetra. Der blonde Mann gehorchte. Ja, auf dich komm ich später noch zurück, Süßer. Aber zuerst kommt die Arbeit. Los, verzieht euch beide hier und sorgt dafür, dass Zlera und ich nicht gestört werden.

Die Männer wandten sich der Tür zu und verließen, nachdem sie ihre Waffen aufgehoben hatten, den Raum.

Jetzt spürte Zlera die Aura, die von der jungen Frau ausging. Sie strahlte Erhabenheit aus. Die Priesterin wunderte sich, warum sie das erst jetzt bemerkte.

Vetra erhob wieder das Wort, während sie sich zu Zlera aufs Bett setzte. Also gegen die Clarks kann ich vielleicht etwas unternehmen, aber will ich nicht. Das war eure Aufgabe, bei der ihr versagt habt. Wie ich sehe, haben einige den Glauben an mich verloren. Aber ihr seid geblieben und das rettet euch vor meiner Bestrafung. Ach ja, da der Planet in Kürze eingenommen wird, habe ich mich von ihm gelöst und mich in diesen Körper versetzt. Ich musste leider die gesamte Bevölkerung in mich aufnehmen. Ich will nicht, dass die Clarks meinen Kindern was antun.

Zlera fand kaum Worte. Jetzt glaubte sie wirklich daran, Vetra vor sich zu haben. Diese griff jetzt zu einem Kamm und kämmte sich ihre Haare.

Was geschieht mit denen, die sich von dir abgewandt haben, Herrin?

Vetra erwiderte: Ich werde ihnen eine Chance geben. Auch sie sind verwirrt.

Mit diesen Worten erhob sie sich und wandte sich dem Türschott zu. Als dieses sich öffnete, konnte Zlera noch in ihren Gedanken die Worte Wartet hier bis ich wiederkomme und unternehmt nichts! wahrnehmen.

Dann schloss sich das Schott und die Göttin war verschwunden. Ja, wir werden auf euch warten, edle Vetra! rief sie in den Raum hinein, in der Hoffnung, dass sie gehört wurde, doch niemand antwortete Zlera.

Kapitel 12
Das Blau

Zlera konnte es in ihrer Kabine nicht mehr aushalten und ging in die Zentrale der VETRAS AUGE. Kaum dort angekommen bemerkte sie, dass die Ankunft Vetras nicht unbemerkt geblieben war. Überall sah sie strahlende Gesichter und viele erzählten und weissagten, dass Vetra ihnen helfen würde den Planeten zurück zu erobern. Die Priesterin zweifelte daran. Die Göttin hatte ihr mitgeteilt, dass die Vetraner die Aufgabe gehabt hatten über den Planeten zu wachen. Doch sie hatten versagt. Vetra hatte das Bewusstsein aller noch auf dem Planeten Lebenden in sich aufgenommen und war auf der VETRAS AUGE in dem Körper einer jungen Priesterin erschienen. In dieser Gestalt hatte sie auch Zlera mitgeteilt, dass sie nicht daran dachte, gegen die Clarks vorzugehen. Seufzend und ohne ihre Untertanen aufzuklären, verlangte sie die neuesten Informationen über das Vorgehen der Clarks gegen den Planetenschirm. Doch als sie diese erhielt, wurde sie von dem Aufschrei eines Unteroffiziers abgelenkt. Kurz darauf bemerkte sie bei den Clarks-Schiffen, die mit starker Vergrößerung auf dem Schirm zu sehen waren, ein bläuliches Leuchten, das anfangs noch schwach war, danach aber immer stärker wurde.

Was, verdammt noch mal, geht dort vor? Was sagen unsere Messinstrumente?

Ein Ortungsoffizier erwiderte: Das blaue Leuchten, das wir hier sehen, ist mit unseren Instrumenten von dieser Entfernung aus nicht anzumessen.

Der erste Offizier rief: Seht! Das Leuchten breitet sich wie ein Lauffeuer auf alle Schiffe der Clarks aus.

Innerhalb kürzester Zeit waren alle Schiffe von dem bläulichen Leuchten umgeben. Der Beschuss des Planetenschirms wurde abrupt eingestellt.

Meine Instrumente zeigen an, dass immer mehr Schiffe der Clarks an Energie verlieren. Bei manchen kann ich nicht einmal mehr was feststellen. Es ist so, als ob dort drüben alle Systeme ausgefallen wären, meldete der Ortungsoffizier aufgeregt.

Eine junge Priesterin rief begeistert: Das ist sicher Vetras Werk! Sie bekämpft die Clarks, die es wagten, unsere Heimat plündern zu wollen

Die anderen stimmten ihr zu. Ja, Vetra ist gekommen, um uns zu retten.

Selbst Zlera wurde von dieser Aussage mitgerissen. Ja, wer könnte es denn sonst sein, der uns hilft, wenn nicht Vetra. Anscheinend hat sie sich es anders überlegt und hilft uns doch gegen die Clarks, frohlockte sie innerlich.

Der Kommandant sprach: Jetzt, wo die Clarks ohne Energie sind, befinden wir uns trotz großer Unterzahl im Vorteil. Wir können sie vernichtend schlagen, gebt mir bitte euer Einverständnis, edle Hohe Priesterin Zlera, die Insektoiden anzugreifen.

Alle blickten gespannt auf die Priesterin, sie erwarteten von ihr eine Bestätigung des Vorschlages, doch entgegen aller Erwartungen, kam ein einfaches Nein.

Aber …, erwiderte der Kommandant, doch die Priesterin unterbrach ihn.

Ich sagte nein. Vetra hat mir verboten, etwas zu unternehmen, solange sie nicht zurück ist. Wir werden uns ruhig verhalten.

Der Kommandant wollte noch etwas sagen, unterließ es aber dann doch. Gegen die Aussagen der Priesterin kam er nicht an. Die Besatzung wandte sich also wieder dem Geschehen beim Planeten Vetra zu und beobachtete alles genau. Kurz darauf fiel der Planetenschirm in sich zusammen. Jetzt erkannte man, dass auch der Planet von dem Leuchten betroffen war. Zlera konnte sich darauf keinen Reim machen. Aber wer verstand denn schon eine Göttin? Ein Aufschrei ließ Zlera den Blick vom Schirm nehmen, um den Grund zu suchen. Diesen sah sie in der Gestalt der jungen Priesterin, die Vetra in sich beherbergte. Die Göttin stand wie zur Statue erstarrt inmitten der Zentrale. Sie hatte die Hände in die Höhe gestreckt und die Augen geschlossen. Niemand wagte es sie anzusprechen.

Der Ortungsoffizier meldete sich wieder: Soeben sind die Schiffe, die uns verlassen hatten, um eine Kolonie zu gründen, aus dem Hyperraum gekommen und nähern sich uns. Sie sind zurückgekehrt.

Vetra hat sie zurückgeholt, vermutete Zlera überrascht. Jetzt wird alles wieder gut.

Eine Funkbotschaft erreichte die VETRAS AUGE. Auf der GLÜCKSELIGKEIT war es zu Beobachtungen gekommen, dass kurzzeitig Teile des Schiffes von diesem blauen Leuchten umgeben waren. Zlera blickte die Göttin fragend an, aber als die nicht reagierte, verlangte sie eine Funkverbindung zur GLÜCKSELIGKEIT.

Prompt meldete sich die Kommandantin des Schiffes.

Ich erfuhr gerade, dass es bei euch auf der GLÜCKSELIGKEIT zum blauen Leuchten kam, Mara?

Mara Falx bejahte: Ja das stimmt, werte Hohe Priesterin. Es wurde in mehreren Sektoren des Schiffes beobachtet.

Zlera war verwirrt. ›Das Leuchten erschien zuerst bei den Clarks. Daraufhin stellten die den Beschuss ein und alle Schiffe treiben seitdem antriebslos um den Planeten herum. Das Leuchten kommt also von Vetra und bekämpft die Insektoiden. Aber warum taucht es jetzt in einem unserer Schiffe auf?‹

Kam es zu besonderen Vorfällen oder Veränderungen der Besatzung oder des Schiffes?

Mara erwiderte: Ja, kam es. Die Besatzungsmitglieder, die sich in dem blauen Leuchten und in dessen Nähe befanden, wurden durchsichtig. Als aber das Leuchten wieder verschwand, waren die betroffenen Vetraner wieder so wie vor dem Vorfall.

Das hört sich nicht gut an. Hoffen wir, dass sich das nicht noch einmal wiederholt. Wenn doch, dann melde es mir sofort.

Ja, Hohe Priesterin.

Nachdem Zlera die Verbindung unterbrochen hatte, stand sie auf und ging auf Vetra zu. Fünf Meter vor der Göttin blieb sie stehen. Sie hatte sich vorgenommen Vetra um Aufklärung zu bitten. Aber als sie vor der Göttin stand, brachte sie kein Wort heraus. Vetra hatte noch immer die Augen geschlossen und rührte sich nicht.

Wenn ich sie anspreche, lenke ich sie vielleicht von was Wichtigem ab. Vielleicht muss sie ihre ganze Konzentration dazu benutzen, um mit diesem Leuchten die Clarks zu bekämpfen.

Also wartete die Priesterin leise ab, auf dass die Göttin sie ansprach.

Kapitel 13
Gedanken

Wer bist du, dass du es wagst, dich hier einzumischen? Ich brauche deine Hilfe nicht!

Kurze Zeit Stille.

Dann die Antwort: Wer sagt, dass ich dir helfen will? Ich will nur diese Insektenrasse. Es ist Zufall, dass ich dir dabei helfe, sie loszuwerden.

Nun gut, jetzt hast du sie. Verschwinde jetzt und lass mich allein.

Ich gehe, wann es mir passt. Ich tue, was ich will und lasse mir sicher nicht von dir Befehle erteilen. Hast du verstanden, Vetra?

Wieder kurze Zeit Stille. Dann die unsichere Frage: Woher weißt du, wie ich genannt werde?

Lachende Erwiderung: Glaubst du, ich erkenne nicht eines meiner Geschöpfe wieder? Ich hab dich zu dem gemacht, was du jetzt bist und wie hast du es mir gedankt? Du bist geflohen. Eigentlich dachte ich nicht, dich in diesem Teil der Galaxis anzutreffen.

Wieder Stille.

Angsterfüllte Frage: Ritalous?

Ja, so nennt man mich und jetzt sei ein braves Mädchen und komm her zu mir.

Niemals, wenn du mich haben willst, musst du mich schon holen. Ich warne dich, ich werde mich wehren. Ich bin in der Zwischenzeit viel stärker geworden, als du denkst.

Nun gut, du musst wissen, was du willst. Ich werde dich wieder zu mir holen und sei es im Kampf.

Kapitel 14
Der Würfel

Zlera sah auf, als ein Signal ertönte. Der Ortungsoffizier meldete, dass die Instrumente der VETRAS AUGE ein Objekt feststellten, das kurz zuvor noch nicht da gewesen war. Es befand sich fünf Lichtminuten von ihrem Standort entfernt und hatte die Form eines Würfels. Eines gigantischen Würfels. Laut der Positronik der VETRAS AUGE besaß das Objekt eine Seitenlänge von achtzig Kilometern. Zlera lief zu dem Offizier und überzeugte sich selbst davon. Laut der Daten war es auf einmal da, stand antriebslos dort, wo es erschienen war. Noch nie hatte sie so etwas Großes gesehen. Sie schickte sogleich fünf Sonden aus, um mehr darüber zu erfahren. Als die Sonden ankamen, registrierten sie, dass sich drei walzenähnliche, je dreihundert Meter lange und fünfzig Meter breite Schiffe von dem Würfel lösten und Kurs auf die Vetraner nahmen. Auf Funkrufe reagierten sie nicht. Die Priesterin blickte zu Vetra, die, wie sie sehen konnte, stark zu schwitzen begann. Aber noch immer hatte sich die Göttin nicht einen Millimeter bewegt, wenn man vom Atmen absah.

Egal ob die in friedlicher Absicht kommen oder nicht, die Göttin muss in diesem Zustand geschützt werden, dachte sich Zlera und meinte:

An alle Schiffe, da wir nicht wissen, ob diese drei Schiffe in guter oder böser Absicht kommen, befehle ich, dass alle Schiffe einen Wall zwischen der VETRAS AUGE und den fremden Schiffen errichten. Die Göttin muss auf jeden Fall geschützt werden.

Zufrieden sah sie, dass man ihren Befehl ohne zu zögern befolgte. Die unbekannten Schiffe behielten ihre Geschwindigkeit bei und ließen sich von den Aktionen der Vetraner nicht einschüchtern. Starke Energie-Emissionen wurden gemessen. Zlera lies einen Funkkanal öffnen und forderte die Schiffe auf sich zu ergeben und sich nicht weiter den Vetranern zu nähern, da das als feindliche Handlung angesehen werde. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Die fremden Schiffe eröffneten das Feuer. Gelbe Strahlen schossen einem Vetranerschiff entgegen. Die Strahlen durchschlugen dessen Schild, als wäre er nicht vorhanden, umhüllten das Schiff und lösten sich auf. Sekunden später konnte man ein starkes Anschwellen der Energieleistung messen und aus dem Schiff wurde eine kleine Sonne.

Zlera schrie panisch auf, während die Vetraner das Feuer erwiderten. Sie verstanden die Welt nicht mehr. So viele waren gestorben, als die Clarks angegriffen hatten. Jetzt hatte Vetra sich an den Clarks gerächt und prompt war schon wieder ein Gegner erschienen, um ihnen den Rest zu geben. Zwar waren es zur Zeit nur drei Schiffe, aber gegen deren Waffen waren sie machtlos. Selbst der Angriff von knapp fünfhundert Vetranerschiffen hinderte sie nicht daran, den Kurs beizubehalten. Der Beschuss schien wirkungslos. Zlera rannte auf Vetra zu und flehte sie an, etwas zu unternehmen. Obwohl sie nicht an einen Erfolg geglaubt hatte, bewegte sich die Göttin plötzlich wieder. Vetra schien wie aus einem Traum zu erwachen, sah sich kurz um und wischte sich mit einem Ärmel über die verschwitzte Stirn. Danach konzentrierte sie sich auf den Sichtschirm, auf dem sie die gegnerischen Schiffe sehen konnte.

In diesem Moment registrierten die Instrumente eine starke Schwächung des Schutzschildes von einem der drei Schiffe. Die Vetraner nutzten den Vorfall sofort aus und schossen mit Punktfeuer auf das Schiff. Der Schild brach durch diesen Beschuss zusammen und die ersten Treffer wurden registriert. Das Schiff explodierte mit einiger Verzögerung und riss seinen Nachbarn, der ihm zu nahe stand, mit in den Untergang. Der letzte übrig gebliebene Gegner drehte daraufhin ab und kehrte zum Mutterschiff zurück.

Auf den Schiffen der Vetraner atmete man erleichtert auf. Zlera informierte alle Vetraner über Hyperfunk, dass Vetra, die nun wieder in einer Art Starre gefallen war, ihnen geholfen hatte. Jubel antwortete ihr und die Göttin wurde gepriesen. Doch Zlera bezweifelte, dass der Jubel lang anhalten würde. Zu viele hatten in letzter Zeit Verwandte, Eltern, Geliebte oder Kinder verloren. Anscheinend ließen es aber die sich dauernd ändernde Situation, der Stress und der Versuch, sich vorerst selbst zu retten, nicht zu, vollends in Trauer zu versinken. Zlera wünschte sich, dass dieses riesige Schiff einfach verschwinden würde, so wie es erschienen war. Aber dieser Wunsch ging leider nicht in Erfüllung.

Kapitel 15
Das Blaue Leuchten

Es erschien ohne Vorwarnung. Die Vetraner hatten nicht die geringste Chance. Es war das blaue Leuchten. Es schien überall zu sein. Innerhalb kürzester Zeit schien nur mehr VETRAS AUGE funktionstüchtig zu sein. Der Rest trieb nur noch in der Umgebung herum. Zlera war am Rande der Verzweiflung. Warum setzte Vetra das blaue Leuchten, das gegen die Clarks so erfolgreich gewesen war, gegen die Vetraner ein, die ihre Geschöpfe waren? Das war nicht logisch. Oder war das Leuchten doch nicht von Vetra ausgegangen? War es vielleicht doch eine Art Angriff des gigantischen Würfels?

Die Priesterin hatte den Befehl zur Flucht gegeben, doch keiner konnte den entsprechenden Befehl ausführen, selbst wenn man noch so wollte. Die VETRAS AUGE nahm den Befehl nicht an. Niemand war laut der Positronik dazu befugt, dem Schiff Befehle zu geben. Die Techniker und Offiziere waren ratlos. Und alle wunderten sich, warum zwar das blaue Leuchten überall im Schiff existent war, aber die Nebenerscheinung, das Durchsichtigwerden und Verschwinden der Besatzung, nicht da war. Nachdem man zwei Stunden mit der Suche nach einer Lösung verbracht hatte und nicht weiter gekommen war, kam man zu der Auffassung, dass der Umstand, dass Vetra sich an Bord befand, sie vor den Nebenerscheinungen schützte und dass die Gefahr vom Würfel ausging. Der Versuch, nochmals von Vetra eine Reaktion oder eine Antwort zu erhalten, schlug fehl. Die Göttin stand wie immer reglos inmitten der Zentrale und die einzige Bewegung, die auszumachen war, war der Schweiß, der ihr über ihr schönes Gesicht rann.

Du überrascht mich, Vetra. Den Widerstand habe ich dir nicht zugetraut.

Kurze Stille. Dann die gleiche Stimme nochmals: Hast du mich verstanden? Oder hat mein Positronischer Angriff dich so geschwächt, dass du nicht mehr in der Lage bist zu antworten?

Schwache, leise Antwort: Verschwinde, du Monster!

Lachen!

Ich, ein Monster? Aber nicht doch. Ich stehe im Dienste der Kosmokraten, wie du weißt.

Lass mich in Ruhe. Du hast mir jetzt so gut wie alles genommen, was ich hatte. Ich werde Jahrtausende brauchen, um mich davon zu erholen. Was willst du noch?

Ich will dich, Vetra. Kehre nach Hause und ich will vergessen, was du getan hast. Kommst du aber nicht, dann werde ich dich vernichten. Du hast die Wahl.

Stille. Dann, nach etwa einer Stunde: Ich füge mich dir, Ritalous. Wenn auch widerwillig.

Eine weise Entscheidung, ehemalige Lemurerin.

Zlera.

Die Priesterin zuckte zusammen und sah von dem Terminal auf, von dem aus sie gerade versucht hatte, das Schiff dazu zu bewegen wieder Befehle anzunehmen, die der Flucht nützlich sein könnten. Die Göttin war aus ihrer Starre erwacht und hatte nach ihr gerufen. Sofort eilte sie Vetra entgegen.

Ja, oh göttliche Vetra?

Die Göttin ging auf den Kommandantensessel zu, wo der Kommandant sich sofort erhob und ihr Platz machte. Ächzend ließ sich Vetra in den Sessel fallen.

Lass die VETRAS AUGE zum Würfel fliegen und dort an dem jeweiligen Hangar andocken.

Zlera glaubte, eine Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit in den Worten zu hören. Doch wagte sie nicht nach dem Warum zu fragen. Sie gab den Befehl an den Kommandanten weiter. Dieser aber erhob Einwand.

Vetra. Ich weiß, es steht mir nicht zu, dich nach dem Wieso und Warum zu fragen. Aber ich kann es nicht verantworten, ohne Information mir und der Besatzung gegenüber, wehrlos zum Feind zu fliegen, um dort anzudocken. Meiner Meinung nach sollten wir stattdessen die Flucht ergreifen.

Die Göttin sprang wutentbrannt auf. Wer fragt dich nach deiner Meinung, Posak Azom? Wage es nicht, mir noch einmal Ratschläge zu geben, wenn ich dich nicht vorher frage!

Jawohl, Vetra, sagte der Kommandant knapp.

Zlera sah ihm den Schrecken an, der aus Vetras Rüge hervorging. Fast tat er ihr leid, aber nur fast. Auch sie konnte es nicht leiden, mit dem Kommandanten um Befehle diskutieren zu müssen.

Kapitel 16
Ankunft

Also nahm VETRAS AUGE Fahrt auf, um dem riesigen Würfel einen Besuch abzustatten. Alle Instrumente funktionierten wieder normal, sogar das Leuchten war verschwunden. Die hohe Priesterin nahm allen Mut zusammen und trat auf die Göttin zu.

Oh große Vetra, vergebt mir die Frage, aber was geschieht oder geschah mit unserer Flotte während des blauen Leuchtens?

Vetra war jetzt wieder die Ruhe selbst, als sie Zlera ansah. Die sind schon im Würfel.

Zlera wartete kurz ab, ob Vetra weiter sprach, doch sie wurde enttäuscht. Die Göttin beachtete sie nicht mehr und sah gespannt auf den Sichtschirm, während der Würfel immer näher kam. Er war aus schneeweißem Metall und überall glatt. Nirgends war ein Antrieb oder ein Zugang eines Hangars zu entdecken. Die Priesterin sah sich um, und in den Gesichtern der Besatzung sah sie Trauer und Entsetzen. Ein Wunder, dass sie die Befehle überhaupt noch ausführten. Vielleicht nur deswegen, weil sie von Vetra persönlich ausgesprochen worden waren. Eigentlich könnte die Göttin, wenn sie wollte, die Vetraner, wie Zlera wusste, zu einfachen, willenlosen Marionetten machen. Die Priesterin erinnerte sich an das Erlebnis in ihrer Kabine. Vetra hatte dort das Sicherheitspersonal kurzzeitig übernommen. Und doch verzichtete Vetra darauf. Zleras Blick wandte sich wieder dem Sichtschirm zu. Anhand der Werte, die dort geschrieben waren, erkannte sie, dass das Raumschiff in knappen drei Minuten dort ankommen würde. Als die Zeit verstrichen war, befanden sie sich etwa dreißig Kilometer von dem Würfel entfernt. Doch nichts geschah. Man konnte nirgends einen Hangar ausmachen.

Posak Azom, der sich anscheinend wieder von seinem Schrecken erholt hatte, sprach Vetra an: Also, hier sind wir, oh große Vetra. Was sind deine Befehle?

Den letzten Satz betonte er besonders. Vetras knappe Antwort war: Wir warten ab.

Der Kommandant wollte noch etwas erwidern, verzichtete jedoch letztendlich darauf.

Ist ihm wohl zu gefährlich, dachte Zlera mit etwas Schadenfreude.

Etwa eine halbe Stunde später wurden sie von einem Traktorstrahl ergriffen und auf den Würfel zu gezogen. Vetra sprach zu der Besatzung, dass niemand was unternehmen solle um das zu verhindern. Der Würfel kam rasend schnell näher und als die Besatzung panisch aufschrie, kurz bevor es zur Kollision kommen musste, waren sie auch schon im Inneren des Würfels. So, als wäre die Wand nicht existent. Sie befanden sich nun in einem überdimensionalen Hangar. Dort wurde die VETRAS AUGE neben den unterschiedlichsten Raumschiffarten sanft abgesetzt. Die Positronik ermittelte, dass die Halle eine Höhe von drei und eine Seitenlänge so wie eine Breite von je 79,8 Kilometern besaß. Das ergab eine Fläche von 6368,04 Quadratkilometern. Die Göttin erhob sich. Ihr schien es wieder besser zu gehen, denn sie schwitzte nicht mehr.

Kommt, sprach sie. Kommt mit in unser neues Zuhause.

In diesem Moment wurde es schwarz vor den Augen Zleras. Sie hatte plötzlich das Gefühl, keinen Boden unter sich zu haben und zu fallen. Die Priesterin wollte schreien, aber sie brachte nicht einen einzigen Ton aus ihrem Mund heraus. Sie konnte ihn nicht mehr fühlen. Nicht nur ihren Mund konnte sie nicht mehr fühlen, ihr kam es so vor, als besäße sie nicht mal ihren eigenen Körper. Trotzdem glaubte sie immer noch zu fallen.

Bin ich tot und gehe ich nun in Vetra auf?

Kapitel 17
Ritalous

Sei gegrüßt, Vetra! Mach es dir doch bequem.

Vetra sah sich um. Sie befand sich in einem etwa fünfzig Meter langen und zwanzig Meter breiten Raum. Der Angriff war überraschend gekommen. Sie war nicht mehr dazu gekommen zu verhindern, hierher gebracht zu werden.

Vor ihr befand sich Ritalous, ein zehn Meter großes, spinnenartiges Wesen. Er hatte zwölf Beine, einen gigantischen Rumpf und einen drei Meter breiten Kopf. Aus diesem starrten drei riesige Augen hervor, die sich dicht nebeneinander befanden. Darunter befand sich ein kräftiges Gebiss, wie das eines Raubsauriers. Um diese Spinne herum befanden sich fünf Kokons in einer Art Spinnennest. Der vorderste Kokon zuckte von Zeit zu Zeit.

Wie ich sehe, schämst du dich noch immer deiner Gestalt, mit welcher du geboren wurdest.

Ich bevorzuge den Körper, von dessen Rasse ich abstamme. Doch das müsstest du ja wissen.

›Ich spüre deinen abgrundtiefen Hass mir gegenüber in dir. Das macht mich traurig, mein Kind.‹

Vetra wechselte das Thema und näherte sich langsam dem zuckenden Kokon. Wie ich sehe, bekommst du ja bald wieder ein neues Kind?

Ja in der Tat, nicht mehr lange, dann werde ich wieder mal aufs neue Vater.

Vetra tastete mit ihren psionischen Fühlern nach dem noch nicht geborenen Kind. Sie spürte, dass es zirka fünf Millionen Bewusstseine in sich aufgenommen hatte. Nur ein Impuls würde genügen und die Bewusstseine würden den Besitzer wechseln und das Junge würde sterben. Dann könnte sie Ritalous gestärkt bekämpfen. Aber fünf Millionen würden gegen Ritalous ein Tropfen Wasser in nächster Nähe einer Sonne sein. Vetra hatte viel Kraft verloren, als sie gegen Ritalous gekämpft hatte. Also zog sie sich vom Kokon zurück.

Was wird jetzt geschehen? Wie wird es weiter gehen?

Das Spinnenwesen erwiderte: Du wirst dich in Ebene 14 begeben und dort mit den Vetranern, die dir überblieben, verweilen, bis ich nach dir rufe und dir eine neue Aufgabe erteile. Dort wirst du auch auf alte Bekannte treffen. Allerdings ist es dir nicht gestattet, persönlich gegen Wesen, die nicht deine Geschöpfe sind, vorzugehen. Wenn du dessen zuwider handelst, werden deine Vetraner darunter zu leiden haben. Denk immer daran Vetra und lass mich jetzt allein, ich habe zu tun.

Kapitel 18
30 Jahre später

Zlera, die Hohe Priesterin von Vetra, konnte es nicht fassen. Vor ihr stand eine junge Frau. Eine wunderschöne Frau. Mit blauem langem Haar und einem zartgebauten Körper, die mit einem dunkelroten, robenähnlichen Gewand bekleidet war. Diese Frau war sehr schwach. Geschwächt durch einen Kampf gegen eine Superintelligenz, den sie verloren hatte. Man sah der Frau an, dass sie jeden Moment das Bewusstsein verlieren konnte. Und doch sah Zlera den Zorn in ihren blauen Augen. Sie befanden sich in einer großen Empfangshalle der Festung Ümlar. Zwei Männer von Vetras-Verteidigern hielten die Frau fest, damit sie nicht umfiel. Die Aura der Frau war allgegenwärtig. Wenn man sie sah und diese Aura spürte, dann wusste man, dass man einem höheren Wesen gegenüberstand.

Diese junge Frau, die sich kaum auf den Beinen halten konnte, war Vetra selbst, die Göttin, die die Vetraner seit Jahrtausenden verehrten. Zlera wagte nicht, in die Augen der Göttin zu blicken aus Angst, dass Vetra sie in ihrem Zorn vernichten würde. Über zweitausend Vetraner befanden sich in einer Ebene, einer scheinbar unendlich großen Halle des gigantischen Würfels. Warum sie hier waren, wusste Zlera nicht.

Vetra hatte es ihr nicht verraten.

Zlera, meine Dienerin? Die Priesterin zuckte zusammen, sah aber noch immer zu Boden.

Ja, oh göttliche Vetra? Wie kann ich euch dienen?

Vetra flüsterte. Ich spüre die Nähe von gutgesinnten Wesen, die sich unserer Position nähern. Aber auch eine Gruppe von Clarks, die sich wiederum ihnen nähert.

Clarks? Hier in unserem Gebiet?

Ja hier, es sind mehr hier als du denkst, mein Kind. Ich will, dass du einen Trupp von zweihundert Vetras-Verteidigern zusammen stellst und diesen losschickst, um dafür zu sorgen, dass die Gutgesinnten lebend hier ankommen werden.

Zlera drehte sich um und gab den Befehl weiter an Dronnar Bergul, den ehemaligen Kommandanten der VETRAS AUGE. Dieser eilte schleunigst davon. Als die Priesterin sich wieder der Göttin zuwandte, schrie diese auf und wand sich vor Schmerzen. Die zwei Krieger waren nicht mehr in der Lage sie zu halten und wurden von Vetra zu Boden geworfen. Vetra schwebte plötzlich in die Höhe. Etwa einen Meter über dem Boden kam sie zum Stillstand.

Zlera sah wieder den unbändigen Zorn in ihren Augen. Eine innere Stimme sagte der Hohen Priesterin, sich von Vetra etwas zu entfernen. Fünf junge Priesterinnen, die sich in der Nähe befanden, rannten hingegen auf Vetra zu, um ihr anscheinend zu helfen. Als diese sich aber in einem Radius von fünf Metern um Vetra befanden, hielten sie plötzlich inne und wurden samt den Kriegern durchsichtig. Zlera blieb stehen und sah entsetzt auf das, was sich vor ihr abspielte. Die fünf jungen Mädchen und die Krieger verschwanden ganz, hatten sich einfach vor ihr aufgelöst.

Vetra sank wieder zu Boden. Sanft kam sie auf dem Boden auf. Mit wankenden Schritten ging Vetra auf Zlera zu und hielt sich an deren Schulter fest. Zlera stand wie angewurzelt da und starrte dieses Mal, ohne dass es ihr bewusst wurde, in die blauen Augen Vetras.

Ich habe sie in mir aufgenommen. In einem Moment, in dem ich vor Schmerzen keine Kontrolle mehr über mich hatte. Zlera! Du hast gut daran getan, dich von mir in diesem Moment fernzuhalten. Aber jetzt wird mir das nicht mehr passieren. Ich brauche jeden einzelnen von euch. Das, was auf uns zukommt, verlangt von uns allen Opfer.

Ja, meine Gebieterin. Ich bin sicher, dass euch niemand vorwerfen wird, was gerade geschah, denn wir sind von euch geschaffen worden. Wir sind ein Teil von euch.

Epilog
Gegenwart

Wow!, kam es von Wallace. Soweit ich das jetzt verstehe, befinden wir uns also hier in einem gigantischen Raumschiff?

Zlera antwortete. Ja. Du befindest dich im RITALOUS, welches den gleichen Namen trägt wie sein Kommandant.

Und wie kommen wir am besten wieder raus aus dem Ding?

Ich fürchte, das ist so gut wie unmöglich. Ritalous ist so eine Art Sammler, könnte man sagen. Er sammelt die verschiedensten Rassen der Galaxie. Und siedelt sie hier in den Ebenen an. Von Vetra erfuhr ich, dass er diese Rassen benötigt, um kosmische Aufträge im Dienst der Kosmokraten zu erledigen. Nicht mal Vetra konnte entkommen, obwohl sie einer Superintelligenz nahe kommt. Sie hatte es vor kurzem versucht und wurde fast von Ritalous ausgelöscht. Also gib gleich auf, Terraner.

Schätzchen, sprach Wallace in gespielter Überzeugung. Du kennst uns Terraner noch nicht. Wir haben schon Schrecklicheres überstanden.

Ende

Die Besatzung der IVANHOE entführt von einer sammelnden Superintelligenz, die im Auftrag der Kosmokraten unterwegs ist. Werden sie entkommen können, oder sind sie für ewig dazu verdammt, Ritalous ausgeliefert zu sein?

Mehr darüber im nächsten Teil:

Die rote Zone

Die DORGON-Serie – Dorgon Extra – ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Band 1 zuletzt geändert am 2004-05-27. Autor: Leo Fegerl. Titelbild-Zeichner: Jan-Christoph Kurth. Korrekturleser: Christian Lenz. Generiert mit Xtory 3.0 (powered by Apache Cocoon 2.1) von Alexander Nofftz. Homepage: http://www.dorgon.net/. E-Mail: dorgon@proc.org. Technischer Berater: Sebastian Schäfer. Adresse: PROC c/o Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf. Copyright © 1999-2004. Alle Rechte vorbehalten!