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Die TAKVORIAN hatte ihren Metagravflug beendet und trat in einen Orbit um Stiftermann III ein. »Wir sind da, Sir. Vor uns liegt die BASIS«, meldete Coreene Quon, der weibliche erste Offizier. Joaquin Cascal, dem die Meldung gegolten hatte, wandte sich dem Hauptschirm zu und meinte: »Zeigen Sie mal her.« Der Bildschirm, der bisher Stiftermann III mit den dazugehörigen Daten gezeigt hatte, flackerte kurz, dann konnte man auf dem Bildschirm das gewaltigste Raumschiff sehen, das die Menschheit jemals gebaut hatte – außer dem legendären OLD MAN, versteht sich. Cascal schluckte hörbar. »Großer Gott, was für ein Schiff!« Aus dem hinteren Teil der Kommandozentrale vernahm er ein zustimmendes Grunzen, das wohl von Tolk stammte. Man hatte Cascal während des Flugs schon einiges über die BASIS erzählt – aber dieser Anblick übertraf seine kühnsten Erwartungen. Der Grundkörper des Schiffes war ein Diskus mit 9000 Metern Durchmesser. Der Diskus wurde von einem 1500 Meter dicken Ringwulst umgeben, der an zwei Stellen durchbrochen war, an denen sich vorne das 2500 Meter lange, keilförmige Zentralsegment und hinten der Triebwerkssektor mit einem Durchmesser von 6000 Metern befanden. Insgesamt hatte die BASIS die phantastische Länge von 14 Kilometern. »Eine Schande, was sie mit diesem Schiff gemacht haben«, sagte Cascal dumpf. »Das wäre uns nicht passiert.« »Sir?« fragte Quon verwirrt. »Vergessen Sie's.« »Wie Sie wünschen.« Cascal war immer noch überrascht, wie schnell die von ihm eingeführte Kommandostruktur gefruchtet hatte. Eigentlich war es ja nur eine Änderung, die dazu dienen sollte, daß Cascal und Tolk sich etwas heimisch fühlten. Cascal war eben der Überzeugung, daß es nichts brachte, wenn man die Leute dazu zwang, sich gegenseitig zu duzen. Darüber hinaus war er erfreut, wie gut die Zusammenarbeit mit seinem weiblichen Ersten Offizier klappte. Seine anfängliche Skepsis war längst dahingeschwunden. Die Besatzung der TAKVORIAN war überhaupt sehr diszipliniert. Sie hatten aber dennoch nicht verhindern können, daß... Cascal schossen die Tränen in die Augen, als er an die Vernichtung des Planeten Sverigor dachte. Die MORDRED hatte eine neuartige Waffe, die stark an eine Arkonbombe erinnerte, auf Sverigor getestet. Im Gegensatz zu den Arkonbomben allerdings zerstörte sie den Planeten nicht völlig, sondern fraß die Oberfläche innerhalb von nur knapp einer Stunde hinweg und vernichtete dabei fast zwei Milliarden Lebewesen. Die TAKVORIAN konnte das Unglück nicht mehr verhindern. Als sie ankamen, war bereits alles vorbei und die Besatzung konnte nur noch versuchen, Opfer zu bergen. Mit einer derart bestialischen und skrupellosen Tat war selbst Cascal bisher nicht konfrontiert worden. Die MORDRED war offensichtlich zu allem bereit, um die Vernichtung Camelots zu erreichen. Doch die Bedrohung durch die MORDRED hatte sich schon vor der Zerstörung Sverigors abgezeichnet. Mehrere Camelotbüros auf verschiedenen Planeten waren überfallen, die Menschen massakriert worden. Eine schwangere Frau, die verschont worden war, hatte von der MORDRED berichtet – und von Cauthon Despair, der auch für die Zerstörung Sverigors verantwortlich war. Da man so gut wie nichts über die MORDRED wußte, bot sich der Somer Sruel Allok Mok alias Sam an, Nachforschungen zu betreiben. Er glaubte, auf Stiftermann III oder besser der BASIS mehr über diese Gruppierung herausfinden zu können. Seit seinem Einsatz auf der BASIS war er allerdings verschollen. Ihre Aufgabe bestand nun logischerweise darin, mehr über den Verbleib von Sam festzustellen.
So ein Mist!« fluchte Dean und schlug mit der Faust auf eine unschuldige Konsole. Sam schwang in seinem Sessel herum. »Kriegst du das hin?« »Ich glaube nicht«, seufzte Will. »Dieses Antriebssystem arbeitet etwas anders wie unsere Modelle. Vor allem habe ich hier nicht das nötige Werkzeug. An Bord eines LFT- oder Camelot-Schiffes wäre das hier vermutlich kein Problem.« Beim letzten Angriff der TOBRUK waren sie nur mit knapper Not in den Hyperraum entkommen. Der Paratronschirm hatte noch gehalten, aber diverse Aggregate waren überlastet worden. Daher arbeitete an Bord der Space-Jet nicht mehr alles so, wie es sollte. »Schaffen wir's noch bis Camelot?« wollte der Somer wissen. »Natürlich. Wenn du aussteigst und ein paar tausend Lichtjahre schiebst...« meinte Will grinsend. »Was schlägst du also vor?« »Zurück nach Stiftermann III.« »Meinst du...« begann Sam, wurde aber vom durchdringenden Geräusch der ausschlagenden Massetaster unterbrochen. »Raumflugkörper, Durchmesser 1500 Meter. Das ist die TOBRUK.« »Oh, welch eine Überraschung!« rief Will theatralisch. »Also gut, Trick Nummer zwölf...« General Walther Eyke alias Nummer Drei lief unruhig in seiner Kabine auf und ab. Schon seit über einer Woche jagten sie nun die beiden Agenten. Diese waren nur in einer Space-Jet unterwegs, und dennoch war es der TOBRUK noch nicht gelungen, das Schiff der Infiltranten zu zerstören. Eyke bestrafte Versager für gewöhnlich hart, und ebenso hart ging er mit sich selbst ins Gericht. Er wollte kein Versager sein. Für seine Ziele und Ideale war er bereit, das letzte zu geben. Ja, er war sogar bereit, für sie zu sterben. Eyke blieb lange vor einem Bildnis des plophosischen Diktators Iratio Hondro, seinem Idol, stehen. Nein, er würde nicht versagen. Das Summen des Interkoms riß ihn aus seinen Gedanken. »Sir, wir haben sie wieder.« »Ich komme.« Eyke verließ sein Zimmer, das direkt an die Kommandozentrale der TOBRUK grenzte. Er ließ sich in seinen Sessel fallen und befahl: »Transformkanonen einsatzbereit. Auf meinen Befehl feuern.« Eyke nahm einen Schluck aus einem Wasserglas, das er dann auf der Armlehne seines Sessels abstellte. Er schloß langsam die Augen und gab den Feuerbefehl. Anstelle einer Erfolgsmeldung hörte er allerdings vom Waffenleitstand: »Sir, ich habe Schwierigkeiten, das Ziel zu erfassen.« »Feuer!« schrie Eyke nochmals. »Zwecklos, Sir. Sie sind weg. Sie scheinen eine Art... Störsender eingesetzt zu haben.« Eyke verlor die Fassung. »Verdammt!!!« brüllte er und warf das Wasserglas an die Wand der Zentrale, wo es klirrend zerschellte. »Tyken«, sagte er mit bebender Stimme zu dem Offizier am Waffenleitstand. »Stellen Sie fest, was geschehen ist und melden Sie sich dann in meinem Quartier.« Jeder in der Zentrale wußte, was das bedeutete.
Auf der BASIS angekommen, begaben sich Tolk und Cascal in das erstbeste »Etablissement« (wie es in ihrem Reiseführer hieß, »Spelunke« wäre zutreffender gewesen), in dem sie vermuteten, Informationen erhalten zu können. Aus den Lautsprechern dröhnte schlechte Synthoklassik, eine Musikrichtung, die im 49. Jahrhundert alter Zeitrechnung einer erstaunlichen Wertschätzung unterlag. Cascal empfand es als Beleidigung für die Ohren. Das ohnehin schon gedämpfte Licht wurde von Zigarettenrauch weiter abgeschwächt. Der Genuß von Nikotin war ein Laster, das die Galaktiker immer noch nicht abgeschafft hatten. Entsprechende Initiativen waren am Widerstand der jeweiligen Völker gescheitert. An der Theke saßen allerlei zwielichtige Gestalten. Von Swoon über Arkoniden bis Epsaler war alles vertreten, was in der Galaxis Rang und Namen hatte, beziehungsweise gehabt hatte. Cascal gesellte sich zu einem Unither, der mit leerem Blick auf seinem Hocker saß und mit seinem Rüssel eine bräunliche, blubbernde Flüssigkeit aus einem seltsam in sich verschlungenen Glas saugte. »Kennst du diesen Mann?« fragte Cascal mit gedämpfter Stimme und hielt dem Unither ein Bild von Sam hin. »Kommt drauf an«, meinte dieser unbestimmt und bestellte einen weiteren Drink. »Worauf?« »Naja... Es heißt ja, Geld löst die Zunge. Warum probierst du das nicht mal bei mir?« Cascal holte seufzend eine Karte aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Der Unither nahm sie und überwies sich mit einem tragbaren Lesegerät die gewünschte Summe. »Und, was ist? Kennst du ihn?« »Nein, tut mir leid. Ich habe diesen Mann noch nie gesehen.« Tolk grunzte ärgerlich. »Aber ich kenne jemanden, der etwas über ihn wissen könnte.« Cascal blickte ihn ungeduldig an. »Und?« »Meine Zunge wird schon wieder ganz schwer...« Mit einem wütenden Schnauben packte Tolk den Unither am Kragen und hob ihn in die Luft. »Verdammt, rede, sonst machen ich Gesicht zu Brei!« Der Unither fuchtelte röchelnd mit seinen Armen um sich. »Sandal!« sagte Cascal besänftigend. »Laß ihn runter.« »Warum?« fragte Tolk und wandte sich zu Cascal um, während er mit einer Hand immer noch den Unither, der seltsam grünlich anlief, in der Luft hielt. »Nun, so kann er nicht atmen. Und Tote haben nun mal die Eigenart, recht wenig zu reden.« »Stimmt«, rief Tolk erstaunt und ließ den Unither fallen, so daß dieser hart auf dem Rücken aufkam. Joak Cascal war eigentlich nicht sonderlich angetan von Sandals Vorgehensweise, aber er vertrat die Auffassung, daß der Zweck die Mittel heiligte, und daher beschloß er, die Situation auszunützen. Der Unither rückte schließlich gezwungenermaßen mit der Information heraus, daß sein Bekannter der Blue Ysür war. Er war offenbar berühmt, oder vielmehr berüchtigt, über alles und jeden an Bord der BASIS Bescheid zu wissen. Seine Informationen beschaffte er sich nicht immer legal, und deshalb wechselte sein Aufenthaltsort ständig. Auf einem normalen Raumschiff hätte es vermutlich kein großes Problem dargestellt, ihn zu finden, aber auf einem Koloß wie der BASIS konnte es unter Umständen Wochen dauern, bis man eine einzelne Person aufspürte. Tolk und Cascal begannen ihre Suche...
Sie kennen unsere Ziele«, stellte General Eyke fest. »Die Zerstörung und Eliminierung Camelots und Erreichung einer Vormachtstellung in der Galaxis«, bestätigte Leutnant Tyken. »Weil unser gemeinsames Ziel so bedeutsam ist, brauchen wir ein Höchstmaß an Perfektion bei unseren Aktionen.« Tyken lief der Angstschweiß über das Gesicht. Nummer Drei goß sich etwas Wasser nach und trank einen Schluck, bevor er weitersprach. »Aus diesem Grund können wir natürlich keine fehlerhaften Elemente in unseren Reihen dulden.« Tyken begann zu zittern. Er hielt sich mit den Händen an den Stuhllehnen fest. »Unglücklicherweise mußte ich vorher feststellen, daß Sie ein solches fehlerhaftes Element sind«, sprach Eyke weiter. Seine Stimme war nun völlig emotionslos. »Daher muß ich Sie zum Wohle der MORDRED eliminieren.« Tyken sank auf die Knie. Tränen flossen ihm über das Gesicht. »Sir, ich flehe Sie an...« rief er verzweifelt. »Erheben Sie sich und nehmen Sie ihre Strafe wie ein Mann entgegen.« Man konnte hören, wie Eyke seinen Desintegrator entsicherte. Er wartete einige Sekunden, bevor er fortfuhr: »Gut, wenn Sie es vorziehen, im Sitzen zu sterben...« Er richtete seinen Strahler auf Tyken und schoß. Lieutenant Edward Tyken hatte aufgehört zu existieren. Die Idee, die Forschungssonden mit Störsendern auszustatten, war genial!« lobte der kleine Somer seinen Freund. »Kein Wunder, sie stammte ja auch von mir«, entgegnete Will lachend. »Mir scheint aber, als hätten wir nur einen kurzen Vorsprung gewonnen«, fuhr er nach einem Blick auf seine Kontrollen fort. »Sie sind uns schon wieder auf den Fersen.« In diesem Moment trat die TOBRUK aus dem Hyperraum. Kurs und Geschwindigkeit ließen keine Zweifel an ihrem Ziel zu. »Jetzt aber schnell hier weg, sonst werden wir geröstet!« In ihren Verschnaufpausen hatten sie sich immer wieder Pläne zurechtgelegt, wie sie der TOBRUK beim nächsten Mal entwischen konnten. Denn sie hatten schließlich noch einen langen, gefahrvollen Weg vor sich. Und der begann genau hier. Die Space-Jet mußte einige schwere Treffer hinnehmen. Neben Sam explodierte eine Leitung, so daß er zu Boden geworfen wurde. Außer einigen Wunden im Gesicht schien er sich aber keine größeren Verletzungen zugezogen zu haben. Will Dean allerdings steuerte die Space-Jet unbeirrt auf einem Kurs, der sie in die Korona der Sonne führte. Dort nämlich war es für die TOBRUK schwierig bis unmöglich, sie zu orten, geschweige denn zu treffen. Außerdem konnte ein derart großes Schiff wie die TOBRUK dort nur mit äußerster Vorsicht agieren. »Sie folgen uns!« rief Sam. Die Space-Jet trat in einem steilen Winkel in die Korona ein. Dean flog ein extrem gefährliches Manöver, und er wußte es. Die wabernde Hitze umgab die Space-Jet. Sie waren nur von einem Paratronschirm vor den zigtausend Grad beschützt, die draußen wüteten. Allerdings war es mit diesem Schirm, der aufgrund einiger schwerer Treffer Fluktuationen unterlag, wie mit einer Seifenblase: Er konnte jederzeit den Geist aufgeben, und Will sagte in Gedanken jeden Psalm auf, den er kannte, daß das nicht gerade jetzt geschehen möge. Ihre Flugbahn im Verhältnis zur Sonne entsprach in etwa einer Tangente. Als sie schließlich nach einigen halsbrecherischen Manövern auf der anderen Seite wieder aus der Korona austraten, aktivierten sie das Triebwerk und waren ihrem Ziel wieder ein Stück näher gekommen.
Es muß doch möglich sein, diesen Kerl zu finden«, brachte Tolk lautstark seine Meinung zum Ausdruck. Cascal und er befanden sich jetzt seit 17 Stunden auf einer Tour durch die verschiedenen Casinos, Bars und Kneipen, die die BASIS zu bieten hatte. »Noch ein Versuch«, meinte Cascal und gähnte. Sie betraten ein weiteres Casino. Überall blitzten bunte Lichter, auf drei Ebenen gab es Spieltische und Automaten, die nur darauf warteten, den Spielern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Hunderte von Leuten vergnügten sich an Spielen jeder Art. Cascal blickte sich um. Es war schwer, in diesem Durcheinander die Übersicht zu behalten. Unter den Leuten waren natürlich auch einige Blues, aber keiner paßte auf die Beschreibung, die ihnen der Unither gegeben hatte. »Ich habe irgendwie das dumme Gefühl, der hat uns reingelegt«, befürchtete Cascal. »Ich werde sein Gesicht zu Brei verarbeiten«, versprach Tolk. »Moment. Was ist mit dem da drüben?« fragte Cascal und zeigte auf einen Blue, der alleine an einem Tisch saß, weitab vom Geschehen. »Nur etwa 1,80 Meter groß, leicht mißgebildeter Schädel, rotes Fleckenmuster am Kopf.« »Paßt«, befand Cascal und näherte sich dem Blue. »Bist du Ysür?« wollte er von ihm wissen. »Kommt drauf an«, entgegnete dieser. »Dieses Jahrhundert kotzt mich irgendwie an«, raunte Cascal seinem Freund zu. »Es muß doch auch noch eine andere Möglichkeit geben, hier an Informationen zu kommen.« Zu dem Blue gewandt meinte er: »Ich lade dich zu einem Drink ein. Vielleicht können wir ja ins Geschäft kommen.« Der Blue nickte zustimmend, und so begaben sie sich an die Bar. »Vurguzz«, bestellte Cascal, und sie begannen ihre Konversation. »Wir sind auf der Suche nach diesem Mann....« Ein eindringliches Summen ertönte. Der Überschwere Terget öffnete die Augen, nahm seine Füße vom Tisch und setzte sich aufrecht in seinen Sessel, bevor er das Kommunikationsterminal aktivierte, von dem der Ton ausgegangen war. »Was gibt's?« »Er ist da, Sir!« informierte ihn der Mann auf dem Bildschirm. Terget atmete tief durch. Er wußte, von wem die Rede war. Die Tür seines Büros glitt auseinander, und herein trat ein Mann von etwas mehr als zwei Metern Größe. Sein Antlitz war von einer eisernen Maske verhüllt. Er trug eine silberne Rüstung, der graue Umhang vollendete das düstere, gespenstische Aussehen. Er blieb in der Tür stehen. Terget schämte sich seiner Furcht nicht, die ihn beim Anblick dieser Person befiel, denn vor ihm stand einer der übelsten Bösewichte, die diese Galaxis jemals gesehen hatte. Er hatte Milliarden Leben auf dem Gewissen, und er hatte diese Morde derart kaltblütig verübt, daß selbst Terget, ein einflußreicher Bandenchef der Galactic Guardians, es mit der Angst zu tun bekam. Sein Name war Cauthon Despair. Endlich verließ er seinen Standort in der Tür und bewegte sich auf Terget zu. Terget lächelte gezwungen und sagte etwas unbeholfen: »Guten Tag, Mister Despair. Nehmen Sie doch Platz.« Despair setzte sich wort- und grußlos in den großen Pneumosessel, auf den Terget gedeutet hatte. »Es wird Zeit, daß wir zum entscheidenden Schlag ausholen«, begann Despair. »Ja, das sehe ich auch so. Camelot ist am Ende.« »Ich hoffe, die MORDRED kann sich auf Ihre Mithilfe verlassen.« »Aber sicher doch. Ich....« »Der Verrat dieses Pfork hat unser Vertrauen in die Galactic Guardians allerdings sehr beeinträchtigt.« »Ich versichere Ihnen, das war ein bedauerlicher Einzelfall, es wird nicht wieder vorkommen«, beeilte sich Terget zu erklären. »Ich hoffe in Ihrem Interesse, daß wir keine weiteren Zwischenfälle dieser Art mehr hinnehmen müssen.« »Sie haben unsere volle Unterstützung, Mr. Despair.« »Gut! Die notwendigen Instruktionen werden Ihnen übermittelt.« »Diese Entscheidung ist das Ende für Camelot«, glaubte Terget. »Wir werden sehen«, meinte Despair unbestimmt. Er reichte Terget die Hand, wandte sich ab und verließ das Büro.
General Walther Eyke stand kreidebleich vor dem Hauptschirm der TOBRUK. Sein Kinn war nach unten geklappt. Er sah in dieser Situation ziemlich dämlich aus, allerdings gab es niemanden an Bord, der sich darüber amüsierte. Nach knapp einer Minute schloß er den Mund wieder. Er konnte es einfach nicht fassen. Die beiden feindlichen Agenten waren mittlerweile das siebte Mal entwischt. Wut keimte in ihm auf. Wut über Sam und Will Dean. Wut über sich selbst, weil er sie nicht erwischt hatte. Wut über die Besatzung der TOBRUK, weil seiner Meinung nach eigentlich alles und jeder an Bord unfähig war. »Ich werde diesen Abschaum aus der Galaxis tilgen, und wenn es das letzte ist, was ich in meinem Leben tue!« brüllte er plötzlich. In der Zentrale herrschte nach wie vor betretenes Schweigen. Eyke spürte, wie jemand zu ihm herantrat. Es war Leutnant Normen Nelder, mit dem er schon lange befreundet war. »Walther, kann ich dich einen Moment unter vier Augen sprechen?« flüsterte er ihm zu. »Wieso?« fragte Eyke gereizt. »Bitte, Walther. Es ist wichtig.« Eyke gab nach, weil er Nelder vertraute. Sie begaben sich in Eykes Quartier, um ungestört reden zu können. »Also, was ist?« fragte Eyke. »Ich... du scheinst nicht mehr Herr deiner selbst zu sein. Du kannst dich nicht mehr kontrollieren.« »Ach was«, widersprach Eyke. »Das ist nicht gut, Walther. Noch gehorcht dir die Besatzung. Aber du machst den Eindruck eines Cholerikers. Ich weiß nicht, ob du noch in der Lage bist, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Vielleicht solltest du das Kommando abgeben. Noch ist diese Besatzung hinter dir. Wenn du dich aber weiterhin so aufführst, verlierst du ihr Vertrauen.« »Ich warne dich, Normen. Wir sind gute Freunde, aber noch habe ich die Kontrolle über dieses Schiff. Ich entscheide hier. Ist dir bewußt, daß ich das Recht und die Möglichkeit habe, dich jederzeit zu exekutieren?« »Walther!« rief Normen erschreckt. Nummer Drei schenkte sich ein Glas Wasser ein. »Ich meine es gut mit dir. Deswegen schenke ich dir das Leben.« »Ich verstehe nicht ganz...« »Da gibt es auch nicht viel zu verstehen«, bemerkte Eyke und drückte einen Knopf. »Sicherheit. Leutnant Nelder steht bis zum Ende unserer Mission unter Arrest.« »Du bist von Sinnen«, stellte Nelder fassungslos fest. Eyke nahm einen Schluck Wasser. »Vielleicht bin ich das.« Die Sicherheitsleute kamen in Eykes Quartier und führten Nelder ab, der keine Gegenwehr leistete. »Aber im Prinzip spielt es auch gar keine Rolle.« »Glaub mir, du wirst es bereuen!« rief Nelder, bevor sich die Tür schloß und Eyke allein in seinem Quartier war. »Schon möglich«, sinnierte er mit einem Blick auf das Porträt von Iratio Hondro. »Aber vorher habe ich noch eine Mission zu erledigen...«
Stütz mich«, befahl Cascal seinem Freund Tolk. Dieser bewahrte den torkelnden Mann vor dem Fall, indem er ihm unter die Arme griff und hinter sich herschleifte. Joak stöhnte. »Du hättest nicht soviel trinken sollen«, stellte der Barbar fest. »Du hast gut reden... Woher hätte ich wissen sollen, daß Blues soviel vertragen?« erwiderte Cascal ächzend. »Alleine hätte ich ihn das Gesöff ja nicht trinken lassen können, sonst wäre er mißtrauisch geworden.« Sie befanden sich mittlerweile wieder in einem Gang, irgendwo auf der BASIS. Cascal würgte. »Warte mal!« Tolk ließ ihn los, worauf er auf die Knie sank und sich übergab. Das ziemlich ekelhaft aussehende Erbrochene floß langsam an der Wand des Korridors hinab. »Tja, so eine Agententätigkeit fordert nun mal ihren Tribut«, meinte Tolk grinsend. »Da muß man mit vollem Einsatz zu Werke gehen.« Ihr Informant, der Blue Ysür, war erst nach der achten Runde Vurguzz mürbe beziehungsweise redefreudig geworden. Aber es hatte sich gelohnt. Sie wußten jetzt zumindest, daß sich Sam bei seinen Ermittlungen mit einem TLD-Agent namens Will Dean zusammengetan hatte, und daß die beiden schließlich von drei Parteien, nämlich der MORDRED, den Galactic Guardians und den Pfestern, einer rivalisierenden Bande, gejagt wurden. Ihnen war offenbar die Flucht mit einer Space-Jet gelungen. Über ihr weiteres Schicksal war Ysür nichts bekannt. »Unsere... Suche geht jetzt... im All weiter. Also... zurück zur TAKVORIAN«, brachte Cascal noch hervor, bevor ihn das Bewußtsein verließ. Der Alkohol hatte seine Wirkung wahrlich nicht verfehlt...
Die Space-Jet mit Will Dean und Sam alias Sruel Allok Mok an Bord befand sich auf einer ihrer Metagravetappen. Die TOBRUK war ihnen nach wie vor auf der Spur. Will Dean ließ sich völlig ermattet in einen Sessel fallen. »Lange halte ich das nicht mehr durch.« »Naja, es ist nicht mehr allzu weit.« »Wie bist du eigentlich zu Camelot gekommen?« »Das ist eine lange Geschichte. Mein Vater war ein einflußreicher somerischer Diplomat. Wohl auch wegen seines Einflusses habe ich mich seit frühester Kindheit für die Kultur der Galaktiker interessiert. Ich entschloß mich, Botschafter zu werden und zwischen den Völkern zu vermitteln. Das ist mir, glaube ich, bisher auch ganz gut gelungen. Vor etwa sechs Jahren, also im Jahre 1285 Neuer Galaktischer Zeitrechnung, signalisierte Camelot, daß es Interesse an mir hatte. Ich teilte ihnen jedoch mit, daß mich nur Perry Rhodan persönlich zum Beitritt bewegen könnte. Denn ich sympathisierte mit Camelot in erster Linie deswegen, weil es mit Rhodan unter der Führung eines Mannes stand und immer noch steht, der dieselben hohen ethischen und moralischen Vorstellungen besitzt wie ich. Schließlich trafen wir uns bei der Jungfernfahrt der LONDON. Er...« Sam legte eine Pause ein. Die Erinnerung an das Geschehene war noch zu gegenwärtig. Das Geschehene hatte tiefe Spuren hinterlassen. Bei dem tragischen Untergang des Schiffes fanden 11.023 Lebewesen den Tod. Sam litt bis heute darunter. Immer wieder wurde er von schrecklichen Alpträumen geplagt. Außerdem hatte das Ereignis bei dem Somer eine krankhafte Furcht vor Wasser hinterlassen. Er traute sich an keinen See und an kein Meer mehr heran. »Ich kann nicht darüber reden. Noch nicht.« Will nickte verständnisvoll. Er wußte von dem Schicksal der LONDON. Die Medien hatten das Thema vor sechs Jahren ausgeschlachtet. »Und was machst du seither?« »Ich setze mich öffentlich für Camelot ein und versuche, das Image der Organisation zu verbessern. Außerdem...« »Wir treten wieder in den Normalraum ein«, unterbrach ihn Dean. Sam las die Daten ab, die er von seinen Geräten erhielt. »Wir befinden uns im Dwarf-System, 89 Lichtjahre von Stiftermann III entfernt. Gewissermaßen ein Katzensprung. Durchmesser der Sonne 673.000 km, ein Planet, Dwarf I, Durchmesser 4570 Kilometer. Und so weiter. Wir sind knapp 18 Kilometer von der berechneten Position entfernt herausgekommen. Die Sonne ist übrigens zu klein, um uns als adäquater Ortungsschutz dienen zu können.« »Wann können wir wieder eine Etappe fliegen?« »In frühestens zehn Minuten. Die Berechnungen laufen noch.« »Hoffentlich halten wir bis dahin durch.«
Cascal und Tolk hatten sich mittlerweile mit ihrer Space-Jet in die TAKVORIAN eingeschleust. Der erste Offizier, Coreene Quon, empfing die beiden im Hangar. »Sir, hast... haben Sie irgendwelche Neuigkeiten?« fragte Quon knapp. Cascal lächelte. Es freute ihn, daß sich die Besatzung an seine Anweisungen hielt. »Ja, die habe ich.« Sie setzten sich in Bewegung. »Aktueller Status?« »Das Schiff ist voll funktionsbereit. Alle Systeme arbeiten zufriedenstellend. Die TAKVORIAN ist bereit für Metagravflug, Sir.« Das Metagravtriebwerk war eines der technischen Neuerungen, die die beiden letzten anderthalb Jahrhunderte, die Cascal nicht miterlebt hatte, mit sich gebracht hatten. Cascal war fasziniert von dem Prinzip dieses Triebwerks. Der wesentliche Unterschied des Antriebs bestand darin, daß er sich seine Energie mittels eines sogenannten Hypertrops aus dem Hyperraum beschaffte. Damit entfiel die Notwendigkeit, große Mengen an Treibstoff mitzuführen. Ein weiterer Vorteil war, daß das Metagravtriebwerk bewirkte, daß sich das Raumschiff praktisch ständig im freien Fall befand. Statische Überlegungen spielten somit bei der Entwicklung von Raumschiffen keine Rolle mehr. Cascal gab seinem ersten Offizier einen Datenchip. »Hier sind die Koordinaten gespeichert, zu denen Sam offenbar geflogen ist. Berechnen Sie anhand der angegebenen Daten ein Suchmuster, nach dem wir vorgehen können.« »Aye, Sir!« Quon wandte sich der ihr zugeteilten Aufgabe zu und begab sich zur Zentrale, während Tolk mit Cascal sprach. »Glaubst du wirklich, daß Sam noch lebt?« »Ich hoffe es. Aber ich kann nicht behaupten, daß ich daran glaube. Schließlich werden sie seit über zwei Wochen vermißt, und sie haben sich auf der BASIS keine Freunde gemacht. Nein, ich glaube ehrlich gesagt nicht, daß unsere Suche Erfolg haben wird.« »Wir sollten sie nicht so schnell aufgeben, finde ich. Tote leben länger, heißt doch eines der terranischen Sprichwörter.« Cascal grinste. »Hoffen wir, daß du recht hast, aber es heißt Totgesagte leben länger...«
Ich kann es einfach nicht fassen.« Julian Tifflor stand, die Hände in die Hüften gestemmt, vor seinem Freund und langjährigem Gefährten, Perry Rhodan, der seinerseits in einem Bürosessel saß und Tifflor aufmerksam anblickte. »Perry, du hast unsere Sache verraten und die Situation Camelots weitaus verschlechtert. Wir haben Camelot damals in dem Wissen gegründet, daß niemand seine Position kannte. Das war unser Vorteil, unsere Stärke! Darauf konnten wir bauen! Warum, Perry? Warum?« Rhodan, der bisher still zugehört hatte, seufzte tief. »Tiff, die Sache ist nicht ganz so einfach, wie du sie darstellst. Ich hatte mehrere Gründe, die Position Camelots den Völkern der Milchstraße mitzuteilen. Zum ersten brauchen wir wirklich Hilfe gegen die Gefahr, die von MATERIA ausgeht. Es war somit ein Vertrauensbeweis meinerseits den Galaktikern gegenüber. Leider scheinen diese die Gefahr aber nicht zu durchschauen. Zum zweiten haben wir lange genug im Verborgenen agiert. Es war an der Zeit, daß wir diesen Zustand beendeten. Zum dritten hat die MORDRED die Position Camelots herausgefunden. Es wäre ohnehin nur noch eine Frage der Zeit gewesen, bis die Galaktiker sie ebenfalls erfahren hätten. Besser die Galaktiker erfahren den Standpunkt durch mich als durch Cauthon Despair. Dennoch ist mir die MORDRED oft zu gut informiert gewesen. Es gab vieles, was selbst Despair nicht wissen konnte, wie zum Beispiel den Standpunkt des Camelotbüros auf Zalit. Die Niederlassung wurde erst 1287 NGZ eröffnet, Despair ist 1282 NGZ verschwunden.« Perry seufzte abermals. »Ich vermute einen Verräter in den eigenen Reihen.« Rolf Friebel, der Stellvertreter der TAXIT, der sich ebenfalls in dem Raum befand, schaltete sich in die Diskussion ein. »Ist das dein Ernst?« »Aber natürlich. Schwarze Schafe gibt es schließlich überall.« »Wir sollten einige Leute beobachten lassen«, meinte Tifflor »Ja, und wo willst du da anfangen? Ich meine, der Verräter kann schließlich jeder sein. Wir können ja unmöglich ganz Camelot observieren.« »Perry, du lenkst vom Thema ab. Ich meine, du hättest dem Schicksal ja schließlich nicht vorgreifen müssen. Oder du hättest den Galaktikern die Koordinaten in Aussicht stellen können, falls sie mit uns kooperierten.« »Das konnte ich nicht tun. Ich wollte ja nicht mit ihnen handeln, ich habe sie um Hilfe gebeten.« »Ich weiß nicht, Perry. Ich finde...« Ein Summen ertönte, das anzeigte, daß jemand den Raum betreten wollte. Rhodan erkannte durch einen Blick auf einen Wandmonitor, daß es sich um Wirsal Cell handelte. Cell war vor Jahren unehrenhaft aus der Akademie der Raumflotte entlassen worden. Er hatte dort als Ausbilder fungiert. Cell hatte Ansichten vertreten, die mit denen Rhodans völlig unvereinbar waren und diese Ansichten auch seinen Schülern vermittelt. Einer seiner Schüler war der junge Cauthon Despair gewesen, und Cell war mitverantwortlich für dessen Entwicklung, denn er hatte Cauthon gegen Rhodan aufgehetzt. In der Folgezeit war Cell senil und apathisch geworden. Nach den Berichten über die MORDRED und über Despair war er offenbar aus seiner Lethargie erwacht und nun gekommen, um beim Kampf gegen die MORDRED mitzuhelfen und seine Schuld zu sühnen. Rhodan ließ Cell eintreten, denn ihm lag nichts daran, die Diskussion mit Tifflor weiterzuführen. Außerdem wäre es unhöflich und auch unklug gewesen, den Mann vor der Tür stehen zu lassen. Cell grüßte freundlich. Es war das erste Wiedersehen mit Perry Rhodan seit 9 Jahren. Rhodan war höflich, dennoch etwas mißtrauisch. Aber er wollte jedem eine neue Chance geben. Laut Adams hatte sich Cell gewandelt. Er brachte nach der Begrüßung sein Anliegen vor. »Ich denke, wir sollten die Galaktiker erneut um Hilfe bitten, und zwar um Hilfe gegen die MORDRED.« »Sie haben mir vor kurzem Hilfe gegen MATERIA verweigert. Wieso sollte es beim Thema MORDRED anders aussehen?« »Die MORDRED stellt eine unmittelbare Gefahr für die Galaxis dar. Denn wer garantiert den Galaktikern, daß sie sich mit der Zerstörung Camelots begnügen? Schließlich kennen wir ihre genauen Ziele nicht. Außerdem sollte doch die Zerstörung Sverigors, einer LFT-Kolonie, die Völker der Galaxis aufrütteln.« Rhodan schluckte hörbar. Das Sverigor-Massaker hatte ihn doch tiefer getroffen, als er nach außen hin zeigte. »Auf der anderen Seite«, erwiderte er nach einer kurzen Pause, »haben alle anderen Angriffe den Camelotbüros gegolten. Ich glaube nicht, daß die Galaktiker dieses Mal einem eventuellen Gesuch unsererseits entsprechen würden.« »Ich finde aber, ein Versuch könnte nicht schaden«, warf Tifflor ein. »Wir können in unserem Kampf gegen die MORDRED jede Hilfe gebrauchen, die wir bekommen.« »Ich könnte ja nach Mirkandol fliegen und diese Aufgabe übernehmen«, erbot sich Cell. Rhodan überlegte kurz, ob es Cell wirklich ernst war und meinte dann: »Warum auch nicht? Aber ich würde mir an deiner Stelle nicht zuviel davon versprechen.« »Ich werde ihn begleiten«, erklärte Friebel. »Ich habe ohnehin noch einige Geschäfte in M 13 zu erledigen.« »In Ordnung«, willigte Rhodan ein. »Ich hoffe, daß ihr die Sache mit der MORDRED in den Griff bekommt. Ich werde mich weiterhin um die von MATERIA ausgehende Gefahr beschäftigen.« »Natürlich«, fauchte Tifflor. »Der gnädige Herr hat uns die Suppe eingebrockt, und wir dürfen sie auslöffeln. Er scheint immer nur an MATERIA zu denken. MATERIA, MATERIA! Die unmittelbare Bedrohung für Camelot ist die MORDRED, falls du das immer noch nicht erkannt hast, Perry! Guten Tag!« Wutentbrannt stürmte Julian Tifflor aus dem Zimmer.
Hast du Kinder?« wollte Dean wissen. »Nein, Will. Ich habe keine...« Sam stockte einen kurzen Moment, Will schaute schon zu ihm herüber, da sagte er schnell: »In meiner Tätigkeit wäre ich wohl ohnehin kein guter Vater, da ich so gut wie nie Zuhause sein könnte... Verdammt, wie lange dauert das denn noch?« Will Dean, der TLD-Agent, und Sam der Somer unterhielten sich über alle möglichen Dinge, um ihre Nervosität zu überspielen. Ihnen waren nämlich die Hände gebunden, solange sie keine weitere Metagravetappe fliegen konnten. Stiftermann III war noch weit, und die TOBRUK, die sie seit Tagen quer durch den Sektor verfolgte, konnte jeden Moment aus dem Hyperraum auftauchen. »Acht Minuten«, erwiderte Dean. »Möglicherweise acht Minuten zuviel«, meinte Sam düster. »Wie kamst du denn überhaupt zum TLD?« »Nun ja, meine Eltern waren recht wohlhabend und ermöglichten mir ein gutes Studium. Sie haben mich später dann auch bei meinen Bemühungen unterstützt, in den Terranischen Liga Dienst zu kommen. Ihnen verdanke ich wohl hauptsächlich meinen heutigen Job. Sieben vierunddreißig.« »Hmm. Meinst du, es ist bereits ein Rettungsteam unterwegs, um uns zu suchen? Lang können wir uns hier nicht mehr halten. Ich...« Sam kam nicht dazu, seinen Satz zu vollenden, denn in diesem Moment wurde er von dem Piepsen der Massetaster unterbrochen. »Die Sensoren orten ein Raumschiff, 1000 Meter Durchmesser. Ich übertrage die Daten auf deine Konsole«, sagte Will. »Eintausend Meter? Das kann nicht die TOBRUK sein«, erkannte Sam. »Will... die Werte, die ich hier habe, deuten darauf hin, daß dieses Schiff von Camelot kommt!« Die Space-Jet SEATTLE mit Rolf Friebel, Wirsal Cell und Aurec sowie dem Piloten Jaheem Al-Waran an Bord befand sich auf ihrem Flug nach Arkon, beziehungsweise der auf Arkon befindlichen Stadt Mirkandol. Aurec, Kanzler der Republik Saggittor, hatte Cell und Friebel auf ihrer Reise begleitet, da Rhodan, wie er ihm in einem vertraulichen Gespräch mitteilte, wünschte, daß jemand mit Rang und Namen beteiligt war. Al-Waran hatte die SEATTLE gerade auf eine Metagravetappe geschickt, so daß die Passagiere der Space-Jet Zeit hatten, sich miteinander zu unterhalten. »Welcher Art sind denn die Geschäfte, die du in M 13 zu tätigen gedenkst?« erkundigte sich Aurec neugierig. »Dazu kann ich leider keine Angaben machen«, meinte Friebel kurz angebunden. »Bitte?« Aurec war überrascht, daß er von Friebel so schroff abgefertigt wurde. »Ich kann dazu keine Angaben machen, diese Geschäfte gehen nur die TAXIT etwas an. Kümmere dich lieber um deine Angelegenheiten.« »Keinerlei Geldgeschäfte sind wichtig im Vergleich zu unseren momentanen Problemen!« zischte Aurec. Bevor die Auseinandersetzung jedoch eskalierte, trat Wirsal Cell zwischen die beiden und meinte beruhigend: »Wir wollen doch jetzt keinen Streit anfangen, oder? Konzentriert euch lieber auf unsere bevorstehende Aufgabe. Eure Differenzen könnt ihr ein anderes Mal erörtern.« Aurec wandte sich von Friebel ab, jedoch nicht, ohne ihm zuvor einen unverhohlen feindseligen Blick zuzuwerfen. »Wir haben soeben die Erlaubnis erhalten, durch das Territorium Arkons zu fliegen«, meldete Al-Waran. »Wir werden in schätzungsweise dreißig Minuten auf Arkon I eintreffen.« Sam hatte sich zunächst etwas gewundert, daß das Schiff sie noch nicht angefunkt hatte. Will Dean vermutete allerdings, daß die Technik der MORDRED etwas weiter war als die Camelots und daß demzufolge die Space-Jet mit besseren Ortungsgeräten ausgestattet war als die camelotischen Schiffe. Darüber hinaus konnten sie ja nicht sicher sein, daß dieses Schiff auf der Suche nach ihnen war. Die beiden hatten dann Kontakt mit dem Schiff aufgenommen. Die Bildverbindung zeigte das Antlitz von Joaquin Cascal. »Cascal!« rief Sam freudig erregt aus. Er hatte den ehemaligen Offizier des Solaren Imperiums auf einem Empfang kurze Zeit nach den Vorfällen auf der LONDON II kennengelernt. »Höchstpersönlich«, grinste ihm Cascal entgegen. »Ich nehme an, Sie brauchen unsere Hilfe?« »Allerdings«, entgegnete Dean. »Und zwar so schnell wie möglich. Ein Kriegsschiff der MORDRED ist uns auf den Fersen, und es kann jeden Moment hier eintreffen. Ich schlage vor, ihr beeilt euch, ansonsten könnt ihr uns mit 'nem Staubsauger einsammeln.« Cascals Miene versteinerte sich. »Das werden wir.« Zu Tolk gewandt meinte er: »Sandal, es wird Zeit. Es wird Zeit, mal wieder eine zünftige Schlacht zu schlagen.« Dean überlegte, auf welcher seiner Aussagen sich Cascal bezogen hatte. »Hören Sie, Sam.« Cascal weigerte sich nach wie vor, das seit über 1400 Jahren gebräuchliche »Du« zu verwenden, was den Somer jedoch nicht störte, sondern sehr erfreute. »Wir werden in einigen Minuten bei Ihnen sein. Bis dahin müssen Sie durchhalten. Können Sie das Metagravtriebwerk einsetzen?« »Frühestens in...« Sam schaute auf ein Display, auf dem ein Countdown zu sehen war. »...sechs Minuten, achtundvierzig Sekunden.« »Die TAKVORIAN ist auf dem Weg«, gab Cascal bekannt.
Mirkandol, etwas nördlich des Äquators von Arkon I inmitten der Wüste Khoukar gelegen, war eine gigantische Palaststadt. Das zentrale Gebäude Mirkandols war der Sitzungssaal des neuen Galaktikums, ein 800 Meter hoher Trichterbau. Wirsal Cell, der Gesandte Camelots, befand sich in der Mitte des Bauwerks. Um ihn herum saßen wie in einer Arena die Zuhörer. Das war in diesem Fall nur eine kleine Runde der wichtigsten Außenminister. Cell räusperte sich, atmete tief durch und trat an das Rednerpult. »Galaktiker!« Er blickte sich in der Menge um. »Ihr seid die Vertreter der Völker unserer Galaxis. Ich bin heute hier, um eure Hilfe zu erbitten. Um Hilfe gegen die unheimliche Gefahr, die Camelot droht. Ich spreche von der Organisation MORDRED. Manche unter Ihnen mögen die Taten der MORDRED zunächst mit Genugtuung beobachtet haben. Camelot weiß, daß es bei vielen Galaktikern nicht sonderlich beliebt ist. Aber bei den Angriffen auf die Camelotbüros wurden unschuldige Menschen getötet. Menschen mit Familien und Kindern. Ich frage euch, können wir ein solches organisiertes Verbrechen in der Galaxis dulden? Möglicherweise sympathisierten viele Galaktiker zunächst mit der MORDRED, da sie Camelot, die unerwünschte Macht, die bisher stets im verborgenen agiert hat, geschwächt hat. Doch spätestens seit dem Massaker auf Sverigor muß auch dem letzten unter ihnen klar geworden sein, mit was für einer skrupellosen Gruppierung wir es hier zu tun haben.« Cell legte eine kurze Pause ein, um seine Worte etwas wirken zu lassen. Er sah sich unter den Delegierten um und war zutiefst angewidert. Zwei Blues spielten Karten, ein Ertruser stand auf und holte Kaffee, während der unithische Botschafter mit dem Kopf auf den Tisch sackte und einschlief. Das waren nun die Politiker der Galaxis. Eine Schande! Er biß sich auf die Lippen und versuchte unbeirrt fortzufahren. »Die MORDRED vernichtete über zwei Milliarden intelligente Lebewesen! Zwei Milliarden denkende, fühlende Wesen! Ich frage euch, können wir milliardenfachen Mord in der Galaxis dulden? Können, ja, dürfen wir es zulassen, daß ein derartiges Vorgehen Erfolg hat?« Cell blickte einzelne Personen in der Zuhörerschaft an, damit sie sich direkt angesprochen fühlten. Besonders eindringlich schaute er den Vertreter der Liga Freier Terraner an. »Ich möchte euch noch einmal daran erinnern, daß es sich bei Sverigor um eine LFT-Kolonie handelt. Diese Sache geht also keineswegs nur Camelot etwas an! Doch vor der Vergeltung für begangenes Unrecht muß die Prävention stehen. Die MORDRED hat sich bisher allem Anschein nach das Ziel auf die Fahnen geschrieben, Camelot zu vernichten. Aber vielleicht ist dies ja erst eine Vorstufe, eine Vorstufe zu einem Angriff auf das Kristallimperium...« Cell schaute die entsprechenden Vertreter an. »...die Liga Freier Terraner oder auf andere Völker und Organisationen. Wer garantiert euch, daß sich die MORDRED mit der Zerstörung Camelots zufrieden gibt? Wir müssen die Taten der MORDRED unterbinden, und zwar schnell, bevor es zu spät ist!« Er starrte in die Runde. »Die MORDRED ist mehr als nur ein Unsicherheitsfaktor für die Galaxis. Diese Organisation setzt sich über jede jemals getroffene Vereinbarung hinweg, untergräbt jegliches galaktische Recht. Es handelt sich hierbei um eine kriminelle Vereinigung, die den Frieden in der Galaxis zu stören versucht. Ich frage euch nochmals, können wir das dulden? Können wir das zulassen?« Er schüttelte den Kopf. »Nein, das können wir mit Sicherheit nicht. Unsere Aufgabe muß sein, dem Treiben der MORDRED ein Ende zu setzen. Es gilt, diese Organisation zu eliminieren.« Er blickte abermals in die Runde. »Diese Aufgabe müssen wir, die Völker der Galaxis, gemeinsam angreifen. Nur gemeinsam sind wir stark! – Ich danke Ihnen.«
Sam und Will saßen nach wie vor in ihrer Space-Jet. Noch knapp zwei Minuten mußten sie warten, bis sie wieder den Metagrav einsetzen konnten. Zwei Minuten, die sich endlos lang zu ziehen schienen. »Eins fünfzig«, meldete Sam. Ein nervendes Piepsen erklang von der Ortungsanlage. Sam schloß die Augen. Noch nie hatte er ein Geräusch so gehaßt wie dieses Piepsen. Denn es war eigentlich klar, was die Anlage zu melden hatte. Die TAKVORIAN war zu weit entfernt gewesen, um bereits jetzt einzutreffen. Ein Blick auf die Kontrollen bestätigte die Befürchtungen von Sam und Will. Ein geradezu diabolisches Grinsen zierte General Walther Eykes Gesicht, nachdem ihm gemeldet worden war, daß die gesuchte Space-Jet vor der TOBRUK im Raum lag. »Diesmal entkommt ihr nicht«, flüsterte er. Diese Angelegenheit war kein Auftrag mehr, den er zu erledigen hatte. Vielmehr betrachtete er diese Geschichte mittlerweile als Privatfehde. In den letzten Tagen wurde er derart von dem Gedanken besessen, diese Infiltranten zu vernichten, daß er sein ganzes Handeln einzig auf dieses Ziel ausrichtete. Darunter schien seine Urteilsfähigkeit gelitten zu haben, jedenfalls traf er seine Entscheidungen nicht mehr so besonnen, wie es die Besatzung eigentlich von ihm gewohnt war. In der letzten Stunde hatte er sich gezwungen gesehen, drei Meuterer hinzurichten. Ein Großteil der Besatzung stand allerdings dennoch hinter ihm, entweder, weil sie die radikalen Ansichten ihres Captains teilten, oder weil sie eingeschüchtert waren und Angst vor der Bestrafung im Falle von Ungehorsam hatten. Eyke erkundigte sich nach dem Status der Space-Jet. »Sie beschleunigt, ihr Paratronschirm ist aktiviert. Anhand unserer bisherigen Erfahrungen vermuten wir, daß sie noch nicht in der Lage sind, auf Überlichtgeschwindigkeit zu gehen.« Eyke setzte sich lächelnd auf seinen Sessel. Jetzt, da der Triumph so nahe war, wollte er ihn auskosten. Er nippte noch kurz ein seinem Wasserglas, dann befahl er: »Beschleunigen und feuern, sobald die Space-Jet innerhalb der Reichweite ist.« Ein schwerer Treffer erschütterte die Space-Jet. Der Paratronschirm hielt – noch. Zudem schien er nicht die ganze Energie in den Hyperraum abzuleiten, wie er es eigentlich sollte. Statt dessen schmorten überall Leitungen durch, sprühten Funken aus Konsolen und explodierten kleinere Apparaturen. »Oh shit, ich hatte eigentlich vor, noch ein bißchen zu leben. Ich habe Karten für das Fußballendspiel, die will ich nicht so einfach verfallen lassen«, fluchte Dean. Über seinem Kopf hingen einige Leitungen herab, die es aus der Decke der Space-Jet gehauen hatte. »Wie lange dauert das denn noch?« »Fünfundzwanzig Sekunden!« schrie Sam gegen den Lärm an, der um sie herum herrschte. »Zwanzig.« Dean riß die Space-Jet hart zur Seite, so daß er und der Somer kurz in den Sitz gepreßt wurden. »Fünfzehn.« Der TLD-Agent holte alles aus der Space-Jet heraus. Er flog von Loopings bis zu Schrauben alles, was er in seinem Repertoire hatte. Es war dennoch nicht genug, sie wurden immer wieder getroffen. »Zehn.« Dean flog wie ein Irrer. Immer wieder steuerte er die Jet in unbeschreiblichen Bahnen. »Fünf.« Sam umfaßte mit der rechten Hand einen Hebel. »Vier, drei, zwei, eins...« Er zog den Hebel nach hinten und es passierte – nichts. Das Metagravtriebwerk war offenbar ausgefallen. »Hups!« machte Will vielsagend. Sam schluckte. »Hups? Was meinst du mit hups, Will?« »Naja, eben hups... du verstehst?« Sam verstand. »Ich versuche, einen Notruf an die TAKVORIAN abzusetzen.« Ein Leuchten signalisierte ihm, daß sein Funkspruch abgeschickt worden war. »Und? Antworten sie?« rief Will. Ein weiterer Treffer schüttelte die Space-Jet. »Ich habe keine Ahnung«, gab Sam zu. »Hups«, machte nun der Somer. »Wieso sagst du jetzt hups?« fragte Will aufgeregt. »Naja, soeben hat das Funkgerät auch den Geist aufgegeben.«
Die Minister zogen sich zur Beratung zurück. Wirsal Cell hatte sich auf einen Stuhl in der Nähe des Rednerpults gesetzt und wartete gespannt auf das Ergebnis. Seit über drei Stunden berieten sich die Herren nämlich bereits in einem Hinterzimmer. Endlich öffnete sich die Tür des Saals und die Außenminister der verschiedenen Machtblöcke betraten den Plenarsaal. Der Außenminister der LFT sprach stellvertretend für die anderen. »Wir haben lange darüber diskutiert, ob wir Camelot militärische Hilfe zukommen lassen. Aber nach Erörterung aller bekannten Fakten und aller angeführter Argumente sind wir zu der Erkenntnis gelangt, daß diese Angelegenheit ausschließlich Camelot etwas angeht. Das Gesuch Camelots wurde demzufolge einstimmig abgelehnt.« Er machte eine Kunstpause. »In meiner Eigenschaft als Vertreter der Liga Freier Terraner möchte ich noch etwas zu dem Sverigor-Massaker sagen. Der Angriff galt offenbar dem dortigen Camelotbüro. Es wurden aber über zwei Milliarden Angehörige der LFT getötet. Die LFT möchte jedoch nicht in den Konflikt zwischen Camelot und der sogenannten ›MORDRED‹ hineingezogen werden. Camelot hat die moralische Unterstützung der LFT, mehr aber auch nicht.« Der LFT-Außenminister hatte seine kurze Ansprache beendet und die Minister strebten dem Ausgang zu. Aurec trat zu Cell heran. »Tja, da kann man wohl nichts machen. Aber unsere Chancen waren meiner Ansicht nach ohnehin nicht sonderlich groß. Die Galaktiker scheinen eine Völkeransammlung aus Egoisten zu sein. Ich bin froh, daß Saggittor über solche Zeiten lange hinweg ist. Wir sollten zurückkehren. Hier zu verweilen, ist verschwendete Zeit.« Cell seufzte. »Wahrscheinlich.« Er blickte sich suchend um. »Wo ist denn Friebel?« Auch Aurec konnte ihn nirgendwo entdecken. In dem Sitzungssaal befand er sich jedenfalls nicht. Ebensowenig war er im Rest des Sitzungsgebäudes aufzufinden. »Er wird schon wieder auftauchen«, meinte Aurec zuversichtlich. »Ich denke, ich mache noch einen Rundgang durch die Stadt. Sie ist wirklich beeindruckend. Kommst du mit?« »In Ordnung«, willigte Aurec ein. Sie machten sich auf den Weg, um das Gebäude zu verlassen. Irgend etwas stimmte nicht. Es war zwar niemand zu sehen, aber Aurec konnte förmlich spüren, daß sich noch eine weitere Person in diesem Korridor aufhielt. Der Saggittone und Cell liefen weiterhin in Richtung Ausgang. Etwa alle zehn Meter zweigte nach links und rechts ein Seitengang ab. Ein ideales Versteck – für einen Verfolger? Aurec verwarf den Gedanken, denn es fiel ihm einfach kein vernünftiger Grund ein, weshalb sie jemand verfolgen sollte. Noch 40 Meter bis zum Ausgang. Merkwürdig. Er hatte keine konkreten Anhaltspunkte, aber er war dennoch nervös. »Ich frage mich immer noch, wo Friebel ist«, meinte Cell, aber anstatt zu antworten, blieb Aurec unvermittelt stehen und legte einen Finger auf die Lippen. Aurec blickte sich abermals um. Cell war nichts aufgefallen, und daher starrte er Aurec fragend an. Wie eine Katze sprang Aurec plötzlich auf Cell und warf ihn zu Boden. Keinen Moment zu früh, denn gleichzeitig pfiff ein Schuß über die Stelle hinweg, an der er Cell soeben noch gestanden hatte. Aurec rollte sich zur Seite und beeilte sich, Cell in einen Seitengang zu ziehen. Sie mußten jetzt erst einmal schnell weg. Erneut fegte ein Schuß scharf an Cells Kopf vorbei und schlug hinter ihm in der Wand ein. Die Verkleidung verflüssigte sich sofort. Cell und Aurec rannten im Zickzack durch die Gänge. Ihr Ziel war es, dort hinzukommen, wo sich andere Leute befanden, denn dorthin würde sie der Attentäter vermutlich nicht verfolgen. Es war Aurec nicht gelungen, den Angreifer zu Gesicht zu bekommen. Dessen Identität war ihm im Moment auch gleichgültig, er wollte zunächst mal heil aus dieser Sache herauskommen. Immer wieder schlugen hinter ihnen Strahlschüsse ein. Nur durch ständiges Wechsel der Richtung konnten sie den Feind abhängen. Aurec sah ein Schild, das die Richtung zu einem Aufenthaltsraum der Minister wies. Er zog Cell in diese Richtung. Mit einem Hechtsprung erreichten sie den Raum, in dem sich etwa siebzig Minister aufhielten, die sie allesamt entgeistert angafften. Die Situation war etwas peinlich, wie sie vor den Leuten auf dem Bauch lagen, aber sie waren dem Aggressor entkommen.
Wie lange halten die Schilde noch?« schrie Sam. Dean antwortete nicht, aber sein panikerfülltes Gesicht sprach Bände. Immer neue, schwere Treffer erschütterten die Space-Jet. Es konnte eine Sache von Minuten, aber auch Sekunden sein, bis der Schirm kollabierte. Nummer Drei alias Walther Eyke atmete schwer. Eine seltsame Mischung aus Haß und Genugtuung erfüllte ihn. Sie hatten sie, die Space-Jet. Sie hatten sie, endlich, und diesmal würde sie nicht entkommen. Diese Erkenntnis stimmte Eyke zuversichtlich, und er hatte auf einmal ein merkwürdig verzerrtes Grinsen im Gesicht. Auf dem Hauptschirm konnte er sehen, wie die TOBRUK die Space-Jet immer wieder traf. Eyke wußte, es konnte nicht mehr lange dauern, und er lächelte. Sein Lächeln erstarb blitzartig, als der Hauptschirm die Ankunft eines weiteren Schiffes zeigte. Cascal spürte es in dem Moment, als auf dem Schirm die TOBRUK zu sehen war. Da war es wieder, dieses Nostalgiegefühl. Er fühlte sich zurückversetzt in die Zeiten des Solaren Imperiums. Er seufzte. Dann wurden seine Gesichtszüge hart und entschlossen. Ja, es wurde wirklich wieder Zeit. Nach 1500 Jahren mußte er wieder in das galaktische Geschehen eingreifen. Es würde ein harter Kampf werden, darüber war sich Cascal im klaren. Die TOBRUK war mit ihren 1500 Metern Durchmesser fast doppelt so groß wie die TAKVORIAN, und sie hatte einen fanatischen Kommandanten. Aber die TAKVORIAN hatte Cascal und Tolk, und das wog die Ungleichheit in bezug auf die Technik wieder auf. Cascal hielt sich an seinen Sessellehnen fest. Er räusperte sich und befahl dann: »Feuer auf mein Kommando!« »Aber Sir!« protestierte Coreene Quon. »Stellen Sie etwa meinen Befehl in Frage?« »Nein, Sir... es ist nur... wir sind ein Schiff Camelots.... ich meine, wir können doch nicht ohne Vorwarnung das Feuer eröffnen!« Tolk warf ihr einen undefinierbaren Blick zu, und Cascal lächelte gönnerhaft. Dann meinte er: »Gut. Übermitteln Sie dem MORDRED-Schiff eine Botschaft mit folgendem Inhalt: ›MORDRED-Schiff, kapitulieren Sie sofort bedingungslos und übergeben Sie uns Ihr Schiff. Andernfalls sehen wir uns leider gezwungen, Sie zu vernichten. Ende.‹« Der angesprochene Funkoffizier übermittelte die Botschaft wie ihm aufgetragen, und Cascal blickte Quon lächelnd an. »Sind Sie jetzt zufrieden?« »Sir! Nein, Sir!« »Ihr Pech. Der Befehl gilt: Feuer auf mein Kommando!« Das Auftauchen der TAKVORIAN hatte die Leute auf der TOBRUK zunächst mehr als beunruhigt. Der Funkspruch aber, in dem Cascal sie aufforderte, sich sofort zu ergeben, sorgte dann aber für allgemeine Heiterkeit. »Sir, was soll ich antworten?« fragte der Kommunikationsoffizier. General Walther Eyke ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Er trank etwas Wasser, lief in der Kommandozentrale auf und ab und setzte sich dann gemächlich wieder in seinen Sessel. »Machen Sie Ihnen klar, daß wir uns weigern, uns zu ergeben«, befahl er schließlich. »Senden Sie mit voller Leistung.« Der Kommunikationsoffizier wandte sich um und machte sich auf den Weg zu seiner Station. »Ach, und noch was«, fügte Nummer Drei hinzu. »Sir?« »Schicken Sie unsere Botschaft über die Transformkanonen!« Sam und Will Dean hatten jede Hoffnung aufgegeben gehabt, als endlich die TAKVORIAN erschienen war. Die TOBRUK hatte daraufhin das Feuer eingestellt. Offenbar konzentrierte sich Eyke nun auf die bevorstehende Konfrontation mit der TAKVORIAN. Sam vermutete, daß es nicht mehr lange dauern konnte, bis eine der Parteien das Feuer eröffnete. Sam seufzte. »Zivilisiert« nannten sich die Völker dieser Galaxis, und trotzdem konnten sie nicht umhin, ihre Konflikte mit Waffengewalt zu lösen. In dieser Hinsicht waren sie genauso primitiv wie ihre affenähnlichen Vorfahren. Wie auch immer, als Botschafter war es ja nicht seine Aufgabe, über Völker zu urteilen, sondern um zwischen ihnen zu vermitteln. »Wir sollten schleunigst hier weg«, äußerte sich Sam zu ihrer momentanen Situation. »Sonst sind wir der TOBRUK schutzlos ausgeliefert. Ich meine, ein einziger ›verunglückter‹ Schuß könnte ja schließlich schon ausreichen, um uns zu vernichten.« »Die Idee ist gut«, erwiderte Dean. »Nur ist sie so... wie soll ich sagen... nicht ganz umsetzbar.« »Soll heißen?« »Naja, das soll heißen, sämtliche Triebwerke sind ausgefallen, kein Funk mehr... Wir driften wie ein Stück Weltraumschrott durchs All. Und die TAKVORIAN kann uns nicht aufnehmen, weil sie dazu ihren Paratronschirm deaktivieren müßte.« »Können sie keine Strukturlücke schaffen?« »Vergiß es, Sam. Es ist mittlerweile zwar möglich, eine solche Lücke zu erschaffen aber... Du mußt dir das ungefähr so vorstellen, wie wenn du in der Badewanne das Wasser abläßt. Um die Strukturlücke herum würde sich die Energie konzentrieren, um eben diese Lücke erhalten zu können, und dazu müßte eben Energie aus anderen Teilen des Schirms abgezogen werden. Das wäre sehr riskant, weil es für die TOBRUK so ungleich leichter würde, den Schirm zu knacken. Unsere einzige Hoffnung ist deswegen, daß die TAKVORIAN diese Hunde aus dem All fegt.« »Ich verstehe«, erwiderte Sam resigniert. »Also wieder mal hups...« »Ich kann dieses Wort nicht mehr hören«, seufzte Will. In diesem Moment brach draußen im Weltraum die Hölle los. Durch ihr Panoramafenster konnten Will und Sam beobachten, wie tausende Gigatonnen zur Explosion kamen. Die Schlacht hatte begonnen. Fast zeitgleich mit Eyke hatte Cascal den Feuerbefehl gegeben. Die 25 Mega-Transformkanonen der TAKVORIAN nahmen ihre Arbeit auf. Salve auf Salve schlug auf beiden Seiten ein. Doch mit zunehmender Dauer des Kampfes wurde immer deutlicher, daß die TAKVORIAN der TOBRUK im offenen Kampf unterlegen war. Es gelang ihnen trotz Punktbeschusses einfach nicht, den Schirm der TOBRUK überhaupt erst ernstlich zu gefährden. Auf der anderen Seite sah es etwas anders aus. Laut den Meldungen seiner Offiziere mußte der Paratron der TAKVORIAN kurz vor der Überlastung stehen. Cascal bekam feuchte Hände. Tolk trat zu ihm heran. »Joak, was ist denn los mit dir? Du wirkst so... hilflos.« »Ich weiß nicht, Sandal.« »Früher hast du vor Ideen in solchen Fällen nur so gestrotzt.« Cascal atmete schwer aus. »Vielleicht haben sich die Zeiten ja geändert.« »Ach was«, entgegnete Tolk ärgerlich. »Das redest du dir ein. Den Casaro hattest du doch auch in den Hintern getreten!« Cascal stützte sein Kinn in die rechte Hand und überlegte. Und er ließ sich Zeit, während die Schlacht ohne ihn weitertobte. Nach einer Weile erhob er sich langsam aus seinem Sessel, stellte sich breitbeinig vor den Panoramaschirm hin und stemmt die Hände in die Hüften. »Ich werde den verweichlichten Typen in diesem Jahrhundert zeigen, was ein Offizier des Solaren Imperiums so alles draufhat!« Sicheren Schrittes begab er sich zum Piloten des Schiffes. »Fliegen Sie das Korom-Khan-Manöver.« »Sir?« fragte der Angesprochene verwirrt. »Was denn, hat man das euch auf der Akademie nicht beigebracht?« fragte Cascal fassungslos. Der Pilot schüttelte stumm mit dem Kopf. Cascal ächzte. »Alles muß man selber machen...« Mit einer unmißverständlichen Handbewegung verscheuchte er den Piloten von seinem Sitz. Das von Cascal angesprochene Manöver war nach dem Kommandanten der INTERSOLAR benannt worden, Elas Korom-Khan. Die INTERSOLAR war in den Jahren 3431 bis 3436 das Flaggschiff Perry Rhodans. Die Theorie des Manövers war denkbar einfach. Grundvoraussetzung für das Manöver war ein aktivierter Paratronschirm. Man ging davon aus, daß es bei aktiviertem Paratron in engem Umkreis um das Schiff eine sogenannte »Tote Zone« gab. In dieser Zone konnten keine Energieemissionen geortet werden, da sie von den eigenen überlagert wurden. Das Manöver im eigentlichen Sinne sah also folgendermaßen aus: Das angreifende Schiff beschleunigte kurz, um direkt in der Nähe des verteidigenden Schiffes herauszukommen. Diese Phase des Manövers war äußerst gefährlich und konnte zur Kollision führen. Man mußte hier mit absoluter Genauigkeit vorgehen. War man zu weit weg, konnte das Schiff wieder geortet werden, war man zu nahe dran... nun, dann rammte man eben das gegnerische Schiff. In der nächsten Phase feuerte man einfach mit allem, was man hat, um den Schirm zu knacken, solange der Überraschungseffekt anhielt. Und eben das hatte Cascal vor zu tun... An Bord der TOBRUK saß General Walther Eyke alias Nummer Drei in seinem Kommandosessel und lächelte zufrieden. Die Schlacht verlief im Prinzip nach seinem Wunsch, und er war guter Hoffnung, daß die TOBRUK diesen Kampf für sich entscheiden konnte. Eyke nippte an seinem Wasserglas. »Männer, dies wird ein weiterer, wichtiger Sieg für die MORDRED!« Die Mienen seiner Offiziere drückten Zuversicht aus. Und Vertrauen. Vertrauen in erster Linie in die überlegene Technik der TOBRUK, und darüber hinaus auch Vertrauen in sich selbst. Es war seltsam. Sie befanden sich mitten in einer Schlacht, aber dennoch schien es keinen Grund zur Beunruhigung zu geben. Die TAKVORIAN ließ sich brav von den Transformgeschützen der TOBRUK treffen, der Paratronschirm hielt den Treffern der TAKVORIAN mühelos stand, und es konnte aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr lange dauern, bis die Schilde der TAKVORIAN geknackt worden sein würden. »Sir!« Der entsetzte Ruf eines Offiziers unterbrach Eykes Gedankengänge. »Was ist los, Varson?« fragte Eyke leicht verwundert. »Sir!« Der Mann konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Er konnte einfach nicht fassen, was geschehen war. »Sir, sie sind weg!« »Was?« Eyke sprang auf. »Sie sind weg, Sir. Einfach so.« »Ja, und wo sind sie jetzt?« fragte Eyke ungeduldig. »Ich weiß es nicht, Sir. Ich weiß nur, daß dieses Schiff...« Er suchte nach einem passenden Begriff. »Ich weiß nur, daß dieses Schiff verschwunden ist!« General Eyke war verstört. Mit so etwas hatte er nicht gerechnet. »Etwas genauer wäre es mir schon recht.« Varson hatte sich mittlerweile wieder gefangen und erstattete Meldung. »Kurz vor dem Verschwinden des Schiffes konnten wir noch einen plötzlichen Energieanstieg anmessen.« »Aber sie können doch nicht einfach...« In diesem Moment wurde die TOBRUK von einem schweren Einschlag erschüttert. Von sämtlichen Decks und Stationen kamen Meldungen. »Sir, wir wurden auf Backbord angegriffen, aber die Instrumente zeigen überhaupt kein Schiff an!« Nummer Drei war ratlos. Er setzte sich in seinen Sessel und trank einen Schluck Wasser. Dann ging alles plötzlich sehr schnell. Die TOBRUK mußte eine Serie von schwersten Treffern hinnehmen. Voller Panik vermeldete Varson, daß der Paratronschirm kurz vor dem Zusammenbruch stand. Allgemeine Konfusion griff um sich. Alle rannten hektisch umher, keiner wußte, was zu tun war. »So tun Sie doch etwas!« schrie jemand Eyke zu. Varsons verzweifeltes Kreischen verriet, daß das Ende der TOBRUK kurz bevorstand. Auf einmal durchschaute Walther Eyke den Trick der TAKVORIAN, aber es war zu spät, um noch etwas dagegen zu unternehmen. Eyke vergrub das Gesicht in seinen Händen. Er hatte versagt. Mit zitternder Hand griff er zu dem Wasserglas, das neben ihm auf der Armlehne stand. Das Glas war leer. Eyke lachte irre. Sein Lachen wurde immer lauter und höher und wurde schließlich zu einem nicht mehr enden wollenden, allen in ihm befindlichen Haß und Zorn und Verzweiflung zusammenfassenden Schrei. Der Schirm kollabierte. In einer grellen Lichtentfaltung explodierte die TOBRUK. Zunächst riß es das Schiff in der Mitte auseinander, dann zerbarsten die zwei Hälften und nahmen die gesamte Besatzung, einschließlich Nummer Drei alias General Walther Eyke, mit in den Tod. Mit ihm zusammen starb auch Normen Nelder, der in seiner Arrestzelle von alledem nichts mitbekommen hatte. Ironie des Schicksals, daß sich die TOBRUK hätte retten können, wenn auch nur eine Person auf die Idee gekommen wäre, aus dem Fenster zu schauen. Von einem Traktorstrahl wurde die Space-Jet mit Will Dean und dem Somer Sruel Allok Mok, auch genannt Sam, an Bord in einen Hangar der TAKVORIAN befördert. Als die Space-Jet auf dem Boden abgesetzt worden war, wandte sich Will Dean zu Sam um und reichte ihm die Hand. »Es war mit eine Ehre, mit dir diesen Einsatz durchzuführen.« Sam lächelte und gab das Kompliment zurück. Das Schott glitt auf und Joaquin Cascal trat herein. »So, meine Herren. Willkommen auf der TAKVORIAN. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug...«
Wirsal Cell und Aurec saßen an einer Bar im Eingangsbereich des Gebäudes. Sie hatten den Vorfall selbstverständlich an die Sicherheitsbeamten weitergeleitet, diese machten ihnen jedoch nicht viel Hoffnung auf eine schnelle Aufklärung des Falls. Sie vermuteten einen radikalen arkonidischen Gegner Camelots hinter dem Anschlag. Wirsal Cell blickte trübe in sein Glas. Ihm war anzusehen, daß er sauer war. Natürlich, sauer auf Friebel war er, denn dieser hatte sich seit seiner Rede nicht mehr blicken lassen. Er sah die Sache jedoch noch relativ gelassen, im Gegensatz zu Aurec, der im Zweiminutentakt üble Flüche und Verwünschungen gegen Rolf Friebel von sich gab. Das war in seiner Situation auch durchaus verständlich, er war seit dem unangenehmen Zwischenfall auf dem Herflug nicht sonderlich gut auf den Vizechef der TAXIT zu sprechen. Seit Friebels Verschwinden waren mittlerweile gut vier Stunden vergangen. »Sollen wir ihn als vermißt melden und von der Sicherheit suchen lassen?« regte Cell an. »Ach was, der alte Sack wird schon wieder auftauchen. Unkraut vergeht nicht, sagen die Terraner«, lehnte Aurec ab. »Hüte deine Zunge, Saggittone!« Aurec wandte sich überrascht um. Der Einwurf war von der Person gekommen, die direkt hinter ihm stand, und das war Rolf Friebel. Aurec hatte bis jetzt versucht, seiner Rolle als Staatsoberhaupt Saggittors gerecht zu werden und sich zu beherrschen. Aber diese Arroganz, mit der Friebel diese Worte ausgesprochen hatte, waren zuviel. Vor allem die verächtliche Art, auf die er »Saggittone« gesagt hatte, kränkte Aurec in seinem Stolz. Aurec schnellte nach vorne und packte Friebel am Kragen. Bevor die Situation wirklich eskalieren konnte, griff jedoch Wirsal Cell ein und trennte die beiden Männer. »Ich schlage vor, wir verlassen diesen Ort jetzt erst einmal«, zischte Cell ihnen zu. »Eine öffentliche Schlägerei zwischen zwei Beauftragten Camelots wäre dessen Image sicher nicht dienlich.« Widerstandslos ließen sich die beiden von ihm nach draußen eskortieren. In der Space-Jet angekommen, ging der Streit erst richtig los. »Wo warst du denn die ganze Zeit?« wollte Aurec von Friebel wissen. »Ich war... in einer wichtigen Besprechung.« »Soso, in einer wichtigen Besprechung.« Aurec lachte sarkastisch. »Darf man wenigstens erfahren, worum es dabei ging?« »Nein, diese Information ist vertraulich.« Aurec stieß einen verächtlichen Laut aus. »Ich glaube es einfach nicht. Da versuchen wir, Camelot und die Galaxis zu retten, werden so eben mal von einem Attentäter angegriffen und fast erschossen, und unser Freund befindet sich in einer wichtigen Besprechung und will uns jetzt nicht einmal verraten, worum es ging.« Friebel war das Thema sichtlich unangenehm, daher versuchte er, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. »Haben euch die Galaktiker wenigstens Zugeständnisse gemacht?« »So gut wie keine«, berichtete Wirsal Cell. »Der Vertreter der LFT sagte, wir hätten die moralische Unterstützung der LFT.« Friebel schüttelte den Kopf. »Unglaublich, wie ignorant dies Galaktiker sind. Aber was will man von derart degenerierten Völkern auch anderes erwarten.« »Findest du nicht, daß du etwas zu hart über sie urteilst?« erkundigte sich Cell. »Weshalb denn? Eine derart egoistische Handlungsweise ist für mich unbegreiflich.« »Ich kann ihren Standpunkt durchaus verstehen«, verteidigte Cell die Galaktiker. »Sie sind eben in erster Linie auf Konfliktsvermeidung aus.« Friebel lachte verächtlich. »Die Milchstraße ist mittlerweile nur noch ein Sauhaufen, in dem dringend mal aufgeräumt werden müßte!«
Auf Camelot befand sich Zantra Solynger unterdessen in psychotherapeutischer Behandlung. Sverigor, der Planet, auf dem Zantra gewohnt hatte, war bei dem entsetzlichen Völkermord der MORDRED entvölkert worden. Sie war der Katastrophe nur äußerst knapp entronnen, und verständlicherweise war sie in großer Trauer und wurde ständig von den Bildern der Zerstörung verfolgt. Immer wieder bekam sie Panikanfälle, wenn die Bilder wieder in ihr hochkamen. Der behandelnde Arzt, Dr. Kenya, unterhielt sich mit Homer G. Adams über ihren Zustand. »Wird sie je wieder ein normaler Mensch werden?« wollte Adams wissen. »Nun, das ist im Moment schwer zu sagen, aber ich bin recht zuversichtlich.« Kenya seufzte. »Natürlich wird dieses Erlebnis ihr gesamtes weiteres Leben prägen, jedoch werden die Trauer- und Panikanfälle mehr und mehr von einer Mischung aus Wut und Haß verdrängt. Dadurch findet sie wieder einen Bezug zur Realität.« »Haß auf wen speziell?« »Haß auf Cauthon Despair. Sie ist von dem Gedanken besessen, diesen Mann umzubringen.« »Das kann ich verstehen.« Adams holte sich eine Tasse Kaffee und leerte sie in einem Zug. »Aber eigentlich ist Despair überhaupt kein Mann, er ist ein Monster.« »Du solltest diesen Mann nicht so voreilig verurteilen«, tadelte ihn Adams, bevor er noch einmal einen Kaffee trank. »Das ist jetzt deine siebte Tasse Kaffee, meinst du nicht, du...« »Meine achte«, korrigierte Adams. Kenya schien etwas verwirrt und brachte seinen Einwand nicht zu Ende. »Was ich eben sagen wollte«, fuhr Adams fort, »du solltest Despair nicht so vorschnell verurteilen. Ich glaube, daß wir auf Camelot nicht ganz unschuldig an seiner Entwicklung sind.« »Inwiefern?« »Nun gut, wir haben damals den Fehler gemacht, seine ganze Entwicklungsphase im nachhinein dem schlechten Einfluß Wirsal Cells zuzuschreiben, den er damals auf den Jungen ausgeübt hat. Ich persönlich bin allerdings davon überzeugt, daß er sich auch ohne Cell in diese schlechte Richtung weiterentwickelt hätte. Ohne Eltern und echte Freunde... Wir waren damals offenbar einfach nicht in der Lage, dem Jungen das zu geben, was er brauchte. Vielleicht hätten wir das rechtzeitig erkennen können.« Adams schluckte schwer. »So gesehen, hat sich Camelot selbst einen Todfeind geschaffen.« Kenya wußte offensichtlich nicht recht, was er sagen sollte. »Ich finde diese These dann doch etwas zu weit hergeholt«, meinte er schließlich. »Also, ich meine, wenn man so argumentiert, müßte man uns auch die Toten auf Sverigor und den Camelotbüros zuschreiben.« »Wer weiß, vielleicht sind wir auch daran schuld?«
Cauthon Despair befand sich in seinem Raum auf der VERDUN. Noch immer war er von leichten Zweifeln besessen, was die Zerstörung Sverigors anging. Hätten sie mich damals auf Camelot nicht so behandelt, wäre das alles nicht passiert, dachte er bei sich. Aber so war es nun seine Bestimmung geworden, sich zu rächen und Camelot zu vernichten. Despair dachte an seine bevorstehende Unterredung mit Nummer Eins. Nachdem Terget, ein ranghoher Bandenchef der Galactic Guardians, ihm nun seine Unterstützung zugesagt hatte, erwartete Despair für die nächsten Tage das Ende Camelots. Ein Lämpchen an dem Hologrammprojektor vor ihm blinkte und signalisierte ihm auf diese Weise, daß Nummer Eins bereit war, mit ihm zu sprechen. Der düstere Ritter trat an das Gerät heran und aktivierte es. Nach einigen Sekunden Wartezeit konnte Despair die Gestalt des Oberhaupts der MORDRED sehen. »Ja, mein Meister?« »Despair, ich habe große Neuigkeiten«, begann Nummer Eins. »Welche, mein Meister?« fragte Despair gespannt. »Der finale Schlag gegen Camelot steht unmittelbar bevor.« Despair erwiderte nichts, denn er hatte etwas in der Art vermutet, und wartete auf die ihn betreffenden Instruktionen. »Ich habe mit den Fremden gesprochen«, fuhr Nummer Eins fort. »Sie haben uns ihre Unterstützung zugesagt. Desweiteren werden wir über die Schiffe der Galactic Guardians verfügen können. Hinzu kommen unsere knapp 5000 Einheiten. In zwei Tagen werde ich mich mit Bostich treffen können.« Nummer Eins machte eine kurze Pause. In die entstandene Stille hinein fragte Despair: »Ist es Nummer Drei endlich gelungen, die Infiltranten aufzuspüren und zu eliminieren?« »Das ist ein weiterer Punkt, den ich mit Ihnen besprechen will, Despair. Eron Quertermagin ist die neue Nummer Drei. Die anderen Nummern werden entsprechend aufgewertet.« »Weshalb?« fragte Despair etwas überrascht. »Wurde Nummer Drei degradiert?« »Nein«, erwiderte Nummer Eins. »Die TOBRUK antwortet nicht mehr. Sie ist vermutlich bei der Verfolgung dieser Space-Jet in eine Schlacht mit einem camelotischen Schiff verwickelt und zerstört worden. Ich gehe davon aus, daß Walther Eyke nicht mehr am Leben ist.« Zorn überkam Despair. Camelot mußte vernichtet werden. »Es ist im Prinzip auch belanglos«, meinte Nummer Eins. »Eine handlungsunfähige Nummer muß ersetzt werden. Despair, noch wankt Camelot. Noch ist Camelot geschockt und nur bedingt handlungsfähig. Wir müssen baldmöglichst zuschlagen, bevor Camelot die Möglichkeit bekommt, sich wieder zu sammeln. Denn wir wissen nicht welche Informationen die Infiltranten erlangt haben. Die Zerstörung der TOBRUK ist eine empfindliche Teilniederlage für uns, da gibt es nichts zu beschönigen. Nun gilt es für uns, so schnell und hart wie möglich zurückzuschlagen.« Despair nickte. »Das ist auch meine Meinung. Die MORDRED muß jetzt konsequent handeln.« Nummer Eins lächelte leicht. »Ja, das muß sie.« Er legte eine Pause ein. »Despair, wissen Sie noch, wie das damals gewesen ist? Wie Sie halbtot in der Schlucht lagen und Ihnen niemand half? Auch Perry Rhodan hat ihnen damals nicht geholfen.« Mit jedem Wort, das Nummer Eins sprach, wurde Despair überzeugter. »Nein, sie haben Sie damals im Stich gelassen. Alle haben sie Sie im Stich gelassen.« Cauthon Despair wurde von tiefem, hilflosem Haß erfüllt. »Aber heute, Despair, ist es an der Zeit, sich zu rächen.« Ja, Nummer Eins hatte recht, Despair wußte es. Die MORDRED mußte den Kampf gegen Camelot nun in die entscheidende Phase bringen. »Es ist auch an der Zeit, daß Sie Ihre kosmische Bestimmung vollenden. Despair, ich habe die MORDRED seit beinahe einem Jahrzehnt aufgebaut. Jetzt sind wir endlich soweit, daß wir unser Ziel erreichen können.« Nummer Eins legte abermals eine bedeutungsschwere Pause ein. »Nummer Zwei...« Er verwendete absichtlich diesen Begriff, um die exekutive Gewalt Despairs hervorzuheben. »Nummer Zwei, ich befehle Ihnen hiermit, mit allen verfügbaren Einheiten Camelot anzugreifen und auszulöschen. Vernichtet sie, jeden von ihnen!« »Ja, mein Meister. So sei es!« bestätigte Despair. Despair wandte sich vom Hologrammprojektor ab, und dieser wurde automatisch deaktiviert. Er kontaktierte seinen ersten Offizier und gab ihm den Befehl, die anderen Nummern zu informieren. Despair lehnte sich in seinen Sessel zurück. Eine wirklich bequeme Haltung einzunehmen, war ihm aufgrund seiner Rüstung unmöglich. Es war soweit. Endlich, nach all den langen Jahren! Die Vorbereitung zur endgültigen Zerstörung Camelots hatten begonnen. Rhodan und seine Companions würden nur noch wenige Tage zu leben haben! ENDE Das große Finale des MORDRED-Zyklus, der Hinleitung zum M 100-Zyklus, sind die Hefte 10 und 11, beide geschrieben von Nils Hirseland. Das vorletzte Heft des MORDRED-Zyklus heißt Dunkelheit bricht ein
Der DORGON-Zyklus - MORDRED-Zyklus - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Heft 9 von Dominik Hauber. Titelbild: Andreas Roch. Technischer Berater: Sebastian Schäfer. Versand: PROC. Lektorat, Nachbearbeitung: Klaus Wiehoff. DORGON-Kommentar: Martin Schuster. Umsetzung in Endformate: Alexander Nofftz. Satz: Xtory (SAXON, LaTeX). Internet: http://www.dorgon.de. eMail: dorgon@proc.org. Adresse: PROC c/o Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf. Copyright © 2001. Alle Rechte vorbehalten! | ![]() | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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