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Viel zeigte diese Welt nicht von ihrer Oberfläche. Selten riss die dichte Wolkenschicht auf, die ein grau-weißes Schimmern in den Weltraum sandte. Nur ein relativ kleiner, spitz auslaufender Zipfel am Äquator machte eine Ausnahme. Hier herrschten die hohen Temperaturen einer trockenen, wasserarmen Landschaft. Ein großes Gebirge auf der einen Seite und der umschließende Ozean auf der anderen hielten die ewigen Wolkenmassen vor diesem Gebiet zurück. Ein Fluss entsprang in jenem Gebirge, er durchzog das karge Land, in regelmäßigen Abständen trat er über die Ufer und hinterließ fruchtbaren Schlamm in seiner Ebene, immer dann, wenn Schmelz- und Regenwasser aus dem Gebirge seine Kapazität überforderte. Und gerade in diesem harten Landstrich, entlang dem Lauf des Flusses Amun, lebten die härtesten, ausdauerndsten und intelligentesten Bewohner der Welt. Sie wurden täglich auf die Probe gestellt, mussten sich ständig entwickeln um der Natur zu trotzen. Überquerte man das Gebirge, erwartete einen das trübe, ewig graue Bild einer untechnisierten Welt niedriger Entwicklungsstufe. Viele Wälder bedeckten die weiten Landflächen, sporadisch von Dörfern und kleinen Städten aufgebrochen. Vereinzelt zogen sich schmale, zum Großteil unbefestigte Straßen durch das Land, noch seltener sah man Wanderer, kaum Reiter. Als Reit- und Zugtiere dienten großmäulige, grobgliedrige Wesen mit vier Beinen, zottigem Fell und kleinen, stechenden Augen, die scheinbar boshaft umherglotzten. Gundu wurden sie von den präatomaren Bewohnern der Welt genannt. Sie waren außergewöhnlich ausdauernd, trabten allerdings kaum schneller als ein zügiger Läufer. Meist wurden sie vor Lastkarren gespannt, oder vor Feldgerät, denn nicht wenige der Dorfbewohner verdienten sich als Bauern ihren Lebensunterhalt. Wie der Großteil der Welt selbst, so sahen auch ihre Bewohner aus: grau, farblos, in einfache Gewänder gehüllt, die nur unzureichenden Schutz vor der feuchtkalten Luft boten. In der Amun-Ebene kleidete man sich ebenso zweckmäßig, die große Hitze verlangte bloß kurze Oberbekleidung, die Oberarme und Schultern vor der Sonneneinstrahlung schützte, sowie einen kurzen Schurz um die Hüfte. Die Frauen trugen nicht minder einfache Kleidung, doch waren ihre Stoffe meist länger. Alle diese Menschen lebten unbescholten unter der Fuchtel ihrer Fürsten, die wiederum eng mit der religiösen Einrichtung dieser Welt kooperierten. Die oberste Instanz nannte sich Inquisition. Ihre Hauptkastelle standen in der fortschrittlichen Amunebene, von dort wachte sie über die Einhaltung der spirituellen Gesetze, verhinderte die Entstehung einer anderen Religion und wirkte in der Öffentlichkeit als Bindeglied zwischen den Menschen und ihrem Gott, MODROR. Sie allein hatte das Recht, unbeschränkte Militärmacht auszubilden. Ihre Krieger sorgten für Ordnung, wenn die einzelnen Fürstentümer in Konflikte gerieten oder sie ihre anvertrauten Untertanen nicht in der Gewalt behielten. Mit brutaler Gewalt setzten sie sich für den Willen MODRORs ein, verfolgten Ketzer über jede Entfernung, durch jeden Dschungel und jedes Gebirge, bis sie sie schließlich einfingen oder wie Tiere zu Tode hetzten. Noch niemals war jemand der Inquisition entkommen. Bis jetzt. Der Wald lag in trostloser Stille. Kein Lüftchen regte sich, feine Nebelschwaden durchdrangen das Dickicht. Ein einsamer Vogel hüpfte durch eine Baumkrone und stieß ab und zu verzweifelt wirkende Laute aus. Die Baumstämme, Äste, Zweige und Blätter, die Büsche und das Unterholz trieften vor Nässe. Ein morscher Ast brach knackend ab und stürzte zu Boden, zersplitterte während des Falls am knorrigen Stamm des Baumes. Erschrocken flatterte der Vogel davon und schrie Warnlaute in die dumpfe Stille. Dann lag der Wald wieder still da. Plötzlich hörte man ein Rascheln im Unterholz, als bahnte sich ein großes Geschöpf seinen Weg durch die Büsche. Äste brachen, dumpf dröhnten die Tritte mehrerer Füße im modrigen Boden. Die Geräusche kamen näher. Bald hörte man das angestrengte Keuchen beanspruchter Lungen und das Klatschen nasser Kleidung, die während des Laufes aneinander geschlagen wurde. Aus größerer Höhe sah man schon die Büsche erzittern, durch die sich mehrere Wesen hindurch kämpften. Und dann brachen sie auf die kleine Lichtung, in deren Mitte der Tümpel aus brackigem Wasser lag. Es waren drei Menschen, anscheinend intelligente Bewohner des Planeten. Stöhnend sank die Frau zu Boden. Sofort kehrte einer der Männer um und beugte sich über sie, während der andere noch einige Schritte weiter lief, ehe auch er stehen blieb. Alle drei waren sie in die farblose Kleidung der Dorfbewohner gekleidet, die nun tropfnass und klamm an ihren Körpern klebte. Bleich waren ihre Gesichter, die Körper zitterten vor Anstrengung. »Komm, weiter!«, presste der Mann keuchend hervor und griff der Frau helfend unter die Achseln. »Wir sind noch lange nicht in Sicherheit!« Krampfhaft verzog sich das Gesicht der Frau, als sie sich auf die Beine helfen ließ. Taumelnd, einander stützend, überquerten sie die Lichtung und verschwanden wieder im Wald, folgten dem Weg, den der andere Mann bahnte. Minutenlang kehrte wieder Ruhe ein. Im Tümpel stieg eine Blase auf und platzte mit schmatzendem Geräusch an der zähen Oberfläche, langsame Wellen werfend. Aus der Richtung, aus der auch die drei Flüchtlinge gekommen waren, erschollen jetzt laute Rufe, das laute trampeln vieler Füße und das laute Knacken, wenn Zweige aus den Büschen gerissen wurden. Zwanzig Männer erschienen auf der Lichtung, Armbrüste auf dem Rücken und Schwerter in den Händen. Sie waren uniform in dunkles Grau gekleidet und trugen schwere Lederhüte. Des Anführers Hut zierte eine lange weiße Feder, er trug als einziger eine Projektilwaffe im Gürtel. Es war ein einfaches Gerät, mit Lunte und Zündstein versehen, umständlich zu handhaben. Die Entwicklung in diese Richtung stand noch in den Kinderschuhen. Ein Uniformierter, nur leicht bewaffnet mit einem langen Dolch, trat vor und musterte eingehend den weichen Untergrund. »Nur wenige Zehntel, da lang!«, zischte er dem Anführer zu und deutete in die Richtung, in der die Gejagten verschwunden waren. Der Anführer nickte, hob den Arm und stieß die Faust nach vorn. Die Schar der Verfolger setzte sich wieder in Bewegung, die Schwerter bahnten ihnen den Weg. Die rücksichtslosen Menschen verschwanden, endlich senkte sich die Ruhe zurück über die Lichtung. Im Wipfel eines Baumes zwitscherte der Vogel sein einsames Lied, das Rascheln in den Büschen rührte wieder nur von tropfendem Wasser her. An der Seite wurden vorsichtig die Zweige auseinander geschoben und der eine Flüchtling schlich auf die Lichtung. Es war jener, der der Frau geholfen hatte, aufzustehen. Er hob die Hand und winkte, da kamen auch die beiden anderen aus dem Dickicht. Die Frau sank sofort wieder zu Boden. »Das war knapp«, brummte der erste. »Ich will nur hoffen, dass wir hier in Ruhe die Nacht verbringen können.« »Aber Herr!«, empörte sich der andere Mann verzweifelt. »Die Knechte der Inquisition werden wiederkommen, und dann gnade uns MODROR!« »Still! Sie werden noch lange nicht merken, dass wir nicht mehr vor ihnen sind. Und dann ist es Dunkel, so dass auch sie lagern müssen, um unsere Spur im Licht des Tages wiederzufinden. Und außerdem …«, fügte er nachdenklich hinzu, »gibt es hier weit und breit keine andere Lichtung, auf der wir uns ausruhen könnten!« Er wandte sich der Frau zu und hockte sich neben ihr auf den Boden. Sie war bleich, zitterte vor Anstrengung und Kälte. Ihr braunes, ehemals glattes Haar hing in wirren Strähnen in ihr Gesicht. Ihre vollen Lippen bebten, die reizenden Züge krampften sich immer wieder zusammen. Behutsam strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht. »Jila!« Sie hob die Lider mit den langen Wimpern und blickte ihn aus großen braunen Augen verzweifelt an. Er zog sie an sich und barg ihren Kopf auf seiner Brust. Was er eigentlich sagen wollte verschwand von seinen Lippen. Er nahm sie in seine starken Arme und flüsterte ihr beruhigend ins Ohr. Er spührte das Zittern ihres Körpers und dachte sorgenvoll an die kommende Nacht. »Es wird alles wieder gut …« Trakmadon war ein sehr selbstbewusster Mann. Er verkörperte die Macht MODRORs in diesem Bereich der Welt, die man Entrison nannte. Deshalb wagte auch niemand, ihn zu kritisieren oder gar anzugreifen. Ein Befehl von ihm, und ein Dorf der dummen entrisonischen Bauern wurde niedergebrannt. Und diesen Befehl hatte er in der letzten Zeit bereits zweimal gegeben – aus besonderem Anlass natürlich. Niemand wäre auf die Idee gekommen, ihn deswegen anzuprangern. Und doch schien nichts dabei herauszukommen. Dieser Nyrrak blieb einfach verschwunden, und das Weib Jila ebenso. Trakmadon hatte getobt, als ihm von der Flucht berichtet wurde, er hatte in seinem Zorn gleich drei Wächtern den Kopf abschlagen lassen. Aber das brachte die Entwichenen nicht zurück. Schließlich hatte Junda, der Schwiegervater Nyrraks, eine Schar seiner besten Häscher zusammen gerufen, um die Verfolgung dieses Ketzers, der sich seine Tochter erschlichen hatte, aufzunehmen. Trakmadon erkannte die Umsicht des älteren Mannes und beschloss, sich persönlich an die Spitze der Häscher zu setzen. Dieser Bauer schien etwas besonderes zu sein, das hatte er gleich bei ihrer ersten Begegnung festgestellt. Nicht einer dieser einfältigen Dörfler, die ihr Leben damit verbrachten, der Inquisition und damit ihrem Gott zu dienen. Nein, Nyrrak war – anders. Deshalb musste er auch doppelt bestraft werden für die blasphemischen Anwandlungen, die ihn vor einiger Zeit in die Fänge der Inquisition getrieben hatten. Osiris! Trakmadon schauderte und warf einen Blick auf Junda. Der erzgläubige Mann ahnte nicht, dass er MODRORs persönlichem Befehl an Trakmadon gedient hatte, als er seinen Schwiegersohn festnehmen ließ. Trakmadon wusste, dass ihm eine schwere Strafe drohte, wenn dieser Nyrrak entkommen sollte. Was wusste er über Osiris? Ein leidiges Thema, das der Oberinquisator nicht durchschaute – aber MODROR hatte befohlen! Junda hatte sich zwanzig seiner ausdauerndsten Armbrustschützen ausgewählt; die Rolle des Fährtenlesers übernahm er selbst. Flankiert von seinen Jägern ritt Trakmadon in das Dorf ein. Hochaufgerichtet, die Faust in die Seite gestemmt, den prüfenden Blick über die Bauern schweifen lassend. Die lange weiße Feder wippte im Takt der Schritte seines Gundus, strahlte hell im brennenden Sonnenlicht mit provokanter Leichtigkeit. Junda ritt an seiner Seite und führte ihn zu einem großen Hof. Der Hof, von dem Nyrrak aufgebrochen war, MODROR zu schänden. Elegant sprang Trakmadon vom Gundurücken und winkte vier Männer zu sich. Rücksichtslos drangen sie in das Haus ein und trieben die Bewohner in der großen Küche zusammen. Ungerührt durchschritt Trakmadon die Tür und baute sich vor den zitternden Menschen auf. Seine Blicke erfassten den Raum vollkommen. Drei Knechte und zwei Mägde, ein junger Bauer und eine dickliche Frau, der man die tägliche Arbeit nicht ansah, drückten sich vor dem Tisch zusammen, über dem eine kleine Öllampe hing. In der dunklen Ecke hinter dem Ofen lagerten die Holzscheite, auf der anderen Seite stand eine Truhe, in der vermutlich Getreide oder Stoffe gelagert wurden. Ein rußiger Rauchabzug zeugte von der regelmäßigen Inbetriebnahme des Herdes, wenige kleine Fenster ließen gedämpftes Tageslicht in den Raum fallen. »Nun«, begann er langsam. »Ich suche den Herrn des Hauses.« »Herr, wir haben ihn Euch bereits ausgeliefert, auf Euren erlauchten Wunsch!« Die Frau stammelte angstvoll. »Ihr wisst, dass ich meinen Mann schon seit langer Zeit sorgenvoll beobachtete, als er mit dem gottlosen Gerede über schlimme Träume begann! Ich habe versucht, ihn wieder auf den Weg der Tugend zurück zu holen, doch die teuflischen Einflüsterungen waren stärker. Über meinen Vater übergab ich ihn Eurer begnadeten Obhut, auf das es Euch gelänge, seine Seele zu reinigen.« »Nyrraks Seele ist nicht zu retten«, sagte Trakmadon hart. Die Frau zuckte zusammen. »Mit böser Unterstützung ist es ihm gelungen, sich meiner heilenden Hand zu entziehen. MODRORs Zorn wird ihn vernichten!« »So wird ihm das gerechte Schicksal zu Teil!«, rief Yanny, Nyrraks Frau, inbrünstig. »Möge er alle Qualen erleiden, sein verfluchter Körper niemals zur Ruhe kommen!« Ihre Stimme war plötzlich schrill und unbeherrscht. Der junge Bauer trat an ihre Seite und blickte trotzig auf den Häscher. Trakmadon sah, dass sie tiefer Glaube und unbändiger Hass auf Nyrrak erfüllte, und in seinem kalt berechnenden Geist formte sich ein viel versprechender Plan. »Weib, du bist schuld an seinem Schicksal!«, donnerte er und hob den Arm. »Zu lange hast du gezögert, seine Seele an mich zu übergeben! Während du dich bemühtest, kroch die Vernichtung immer tiefer in seinen Geist, so dass selbst ich ihn nicht zu retten vermochte!« Yanny erbleichte und sank zitternd auf die Knie. Er drehte ihr achtlos den Rücken zu und betrachtete die hölzerne Türverrahmung. »Doch noch ist nicht alles verloren.« Er wandte den Kopf. »Du kennst ihn am längsten.« Wieder hob er seine Stimme. »Wohin wird er sich wenden, wenn er keinen Ausweg mehr sieht?« Sie folgten den unglücklich wenigen Spuren, die die Flüchtlinge hinterlassen hatten. Flussauf wurden die alten Kleider gefunden, drei Gungus und einiges an Verpflegung wurde vermisst. Einige Wanderer verloren den Kopf, als sie genau auf der Fährte getroffen wurden und die Ketzer nicht gesehen haben wollten. Der Inquisitor war wütend. Er trieb die Gundus zu größter Eile an, doch schienen die Flüchtigen vom Erdboden verschwunden. Die Fährte führte den Amun hinauf, in jene Gegenden, wo das Klima sich grundsätzlich änderte. War die Amun-Ebene trocken und daher die Landwirtschaft schwer und ertragsarm, so lag das daran, dass der Quellberg des großen Flusses fast jegliche Wolken aufhielt und zum Abregnen zwang. Es war bekannt, dass auf der anderen Seite des Gebirges überwiegend feuchtes, Niederschlag reiches und kaltes, raues Klima herrschte, in dem die Bewohner andere Schwierigkeiten mit dem Ackerbau hatten. Hier mussten die Felder regelmäßig entwässert werden, damit die Saat nicht ersoff. Den beschwerlichen Übergang des Gebirges bewältigten die Häscher dank Jundas Führungsqualitäten in wenigen Tagen. Stets hatten sie die Fährte im Auge behalten und sich den Flüchtlingen beharrlich genähert. Da passierten sie das erste Dorf. Einen ganzen Tag verschwendete Tradmadon hier, um alle Häuser und Gehöfte durchsuchen zu lassen, doch auch hier hatte man Nyrrak und seine Begleiter nicht gesehen. In einer Scheune fanden sie die Ausstattung von Männern der Inquisition, wodurch klar wurde, warum fremde Wanderer die Flüchtlinge nicht erkennen konnten: Ihnen war bei Strafe verboten, unaufgefordert ins Antlitz eines Dieners des Gottes zu blicken. Als die Jäger weiter zogen, stieg hinter ihnen eine schwarze Qualmsäule in den diesigen Himmel. Im Morgengrauen erreichten sie das nächste Dorf. Die Krieger drangen sofort in die Häuser ein und ließen sich für die Zeit ihres Aufenthalts von den Bewohnern einkleiden. Streng achteten sie darauf, dass ihre eigenen Uniformen zu ihrer Abreise gereinigt und getrocknet waren. Trakmadon selbst ließ sich seiner klammen Kleider von der hübschen Tochter des Dorfmeisters entledigen, die ihn im weiteren Verlauf während eines warmen Bades verwöhnen musste. Erst dann widmete er sich seiner anstrengenden Aufgabe, unter den Bauern diejenigen herauszufinden, die Nyrrak Unterschlupf hätten gewähren können. In blutiger Folter verrieten die Männer alles, was sie wussten – nur wusste keiner etwas über die flüchtigen Fremden zu berichten. Auch dieses Dorf verging im Feuer des göttlichen Zorns. Trotz dieser Rückschläge kamen sie näher. Auf einem Feld entdeckten sie eine Lagerstelle der Frevler, die noch gut auszumachen war. Selbst im feuchten Wetter dieses Landes hatte sich das dünne Bodengewächs noch nicht wieder aufgerichtet. Trakmadon triumphierte. Die Gundus gaben ihr letztes, mussten sich jedoch den Flüchtlingen geschlagen geben. Grimmig erschlug Trakmadon den Bauern, der die drei im Dorf am Waldrand gesichtet hatte, ohne sie aufzuhalten. Unter der Führung Jundas drangen die Männer in den unzugänglichen Wald ein. Hier würde sich das Schicksal der Ketzer erfüllen.
Im Morgengrauen erwachten sie auf der Lichtung. Nyrrak und Jila hatten sich in eine Mulde gelegt, in der Hoffnung, ihre Körperwärme dort länger speichern zu können. Jila hustete. Sie sah noch blasser aus als am Abend zuvor. Teddus, der Dorftrottel, lag noch ausgestreckt neben dem Tümpel. Eine ganze Schar Stechinsekten hatten ihn sich zum Ziel erkoren und drangsalierten ihn mit ihren Rüsseln. Nyrrak grinste, verzog dann aber das Gesicht. Seine Glieder schmerzten mit einer nie gekannten Vehemenz, als wollten sie ihm mitteilen, dass sie nicht beabsichtigten, sich jemals wieder von diesem Ort zu entfernen. Er stand auf und streckte sich, wobei seine Armgelenke unnatürlich laut knackten. Schaudernd wandte Jila sich ab. »Hey, Teddus, aufwachen!«, rief Nyrrak und berührte ihn leicht mit dem Fuß in der Seite. »Wir haben nicht mehr viel Zeit!« Unwillig brummend richtete der Mann sich auf und schlug nach den Insekten. Sein Gesicht sah entstellt aus mit all den geröteten Pusteln und Schwellungen. »Ich hoffe, du hast dir keine Infektion geholt«, sagte Jila leise. »Was?« Der Trottel blickte sie verständnislos an. »Ich hab mir gar nichts geholt, ich hab hier geschlafen! Außerdem hätte ich euch sonst was mitgebracht.« »Das glaub ich ja, Teddus«, seufzte sie. »Ich meinte, ob du durch die Stiche dieser Insekten krank werden kannst?« »Ach nö, die tun mir nichts. Die wollen doch auch nur was essen.« Er überlegte kurz. »Hm, habt ihr an Essen gedacht? Ich hätte jetzt großen Hunger!« Jila sah Nyrrak fragend an. Der wickelte ein Stück Gebäck aus einem Stofffetzen und trennte drei kleine Teile ab. »Das muss zum Frühstück reichen. Vielleicht finden wir auf dem Weg ja essbare Waldfrüchte, was meinst du?« Teddus blinzelte. »Ja, stimmt, der Wald muss uns füttern! Ich habe schon mal was zu essen gefunden. Ich weiß, wo so was wächst!« Dabei rieb er mit der Hand über seine Wange. Anscheinend waren die Stichwunden doch unangenehm. »Gut«, sagte Nyrrak. »Dann wollen wir überlegen, wohin wir uns wenden sollen. In den hiesigen Dörfern sind wir nicht mehr lange sicher, wenn ich euch an den gestrigen Abend erinnern darf!« Er blickte sie ernst an. »Also, was haben wir noch für Möglichkeiten?«, fragte Jila matt. Nyrrak betrachtete ihr hübsches, aber ausgezehrtes Gesicht. Die Gewaltmärsche der letzten Tage würde sie nicht mehr lange mitmachen können. »Es wird Zeit, dass wir eine dauerhafte Bleibe finden.« »Können wir uns nicht in einem Dorf niederlassen, das Abseits der inquisitorischen Macht liegt?«, fragte Jila hoffnungsvoll. »Tut mir Leid, Mädchen. Ich glaube nicht, das wir so was finden. Der Inquisitor hat so mit seiner Macht geprahlt, dass wir seine Häscher überall erwarten müssen. Die Welt ist groß, ich weiß. Und darin liegt meine Hoffnung. Wir werden einen Ort finden, der uns einige Zeit Sicherheit gewährt. Und wenn sie uns aufspüren, ziehen wir weiter. Ob es ein Land gibt, in dem die Inquisition keine Macht hat, das weiß ich nicht.« Teddus verfolgte mühsam das Gespräch. Jetzt glänzten seine Augen, denn den letzten Satz hatte er verstanden. »Es gibt ein Land!«, rief er inbrünstig aus. Misstrauisch blickten ihn die beiden an. »Was meinst du?«, fragte Nyrrak vorsichtig. »Es gibt ein Land, das nicht auf die Inqui … also, das nicht an MODROR, unseren Gott glaubt.« Nyrrak sprang erregt auf. »Was sagst du? Ein Land, in dem die Inquisition keinen Einfluss hat?« Er packte Teddus an den Schultern. »Bist du sicher? Wo ist es?« »Wir – Wir können nicht dahin!«, stotterte Teddus verwirrt. »MODROR wird uns bestrafen!« »Aber verstehst du denn nicht? Dieses Land kann unsere neue Heimat werden! Abseits der Inquisition, außerhalb des Bereichs unserer Verfolger! Wir wären sicher dort! Jedenfalls sicherer als hier«, fügte er nach kurzem Zögern hinzu. »Ich habe als Kind davon gehört«, berichtete Teddus leise. »Hinter dem großen Wald liegt ein Fluss, an dem das letzte Dorf steht. Links kommt der Fluss vom Teufelsberg«, er schüttelte sich, »von dem noch niemals ein Mensch wieder hinab gekommen ist, der einmal hinauf stieg. Nach rechts fließt der Fluss in großen Kurven zum großen See, wo das Wasser salzig schmeckt und den Durst nicht löscht. Das Dorf liegt an einer Stelle, wo man durch den Fluss gehen kann, und auf der anderen Seite sind noch ein paar Felder. Dann kommt wieder ein Wald, hinter dem eine große Ebene mit wenigen Bäumen und vielen trockenen, stacheligen Büschen liegt. Dort sind erst wenige durchgekommen, ohne zu verdursten. Sie berichteten von einem hohen Gebirge, was wohl eine Wand aus vielen Bergen ist. Da hinter liegt das Land, Vlador, das so ist wie dieses, nur glauben die Menschen dort nicht an unseren allmächtigen Gott, MODROR. Er verfluche sie!« Nyrrak und Jila starrten vor sich hin, in Gedanken versunken. Sie hörten nicht mehr auf das Plappern des Dorftrottel. Mit einem Ruck stand Nyrrak auf. »Das ist unser Weg!«, sagte er entschlossen. »Vlador, ja.« Jila nickte langsam, ehe sie sich erhob und ihre Haare aus dem Gesicht strich. Nur Teddus blieb verstört sitzen. »Was heißt das?«, rief er entsetzt. »Ihr werdet vernichtet! Die Wüste wird euch verschlingen! Ihr werdet verdursten oder in den Bergen von Monstern gefressen!« »Und du auch, denn du wirst uns führen!«, sagte Nyrrak grimmig. »Das kannst du mir nicht antun!«, schrie der einfältige Mann. »Ich will nicht sterben!« »Das wollen wir auch nicht, Teddus«, sagte Jila besänftigend. »Aber kennst du einen besseren Weg, aus den Klauen der Inquisition zu entkommen?« »Denn eines kann ich dir versichern«, fügte Nyrrak hinzu. »Wenn Trakmadon und seine Männer dich erwischen, wirst du unter hundertfachen Qualen in den Tod gehen, und sie werden dir nicht den Weg zu deinem Gott eröffnen, sondern dich in die Verdammnis schicken!« Teddus verstummte. Dann stand er auf, raffte seine Sachen zusammen und drang wortlos in den Wald ein. Jila und Nyrrak folgten ihm ebenso schweigend.
Schon seit zwei Tagen stolperten sie jetzt durch das unwegsame Gelände des großen Waldes. Anfangs hatte er den Dorftrottel noch bewundert, dass er hier die Orientierung nicht verlor, mittlerweile hoffte er nur noch, dass sie nicht im Kreis herum liefen, sondern irgendwann das Ende dieses Urwalds erreichten. Vollständig abwerten konnte er die Leistungen von Teddus jedoch nicht, der immer wieder Sträucher mit essbaren Früchten fand oder gar nicht so schlecht schmeckende Wurzeln ausgrub. So blieben sie wenigstens am Leben. Wasser fanden sie reichlich in großen Blättern, die sich ihnen wie natürliche Kelche darboten. Häufig half er ihrem Führer, einen Weg durch die Büsche zu finden, doch meistens musste er sich um Jila kümmern. Immer öfter taumelte sie und musste sich auf ihn stützen. Offensichtlich hatte sie in ihrem bisherigen Leben keine größeren Anstrengungen zu bewältigen gehabt. Deshalb legten sie immer wieder längere Pausen ein, schließlich sogar einen ganzen Tag. Auf Nyrraks Frage, ob es keine gefährlichen Tiere in diesem Wald gebe, antwortete Teddus nur, dass er noch nie welche gesehen hätte. Und dieses Glück schien ihnen hold zu bleiben. Inzwischen hatten sich alle an die ständige kühle Luft gewöhnt, niemandem machten die klammen Kleider mehr zu schaffen. Eine anfängliche Erkältung hatte Jila glücklicherweise schnell überstanden, und so stapften sie unverdrossen durch die modrige Landschaft. Ihre Körper waren mit einer schmutzigen Schicht bedeckt, die bei weniger Feuchtigkeit sicherlich in dicken Brocken von ihnen gefallen wäre, doch hier wurde sie durch ständige Befeuchtung schmierig gehalten. Während der Nächte versuchten Nyrrak und Jila noch immer, sich gegenseitig zu wärmen. Teddus schlief immer bedenkenlos lang ausgestreckt. Ihm konnte die Kälte nichts anhaben. Wahrscheinlich hatte er schon öfters so übernachten müssen. Und dann kam der Tag, an dem sie endlich einen helleren Schimmer in der Ferne erblickten. »Seht!«, rief Nyrrak und blieb stehen. »Das muss der Waldrand sein!« Jila, die inzwischen wieder eigenständig ging, strengte ihre Augen an. Ein erleichterter Zug erschien auf ihrem Gesicht. »Worauf warten wir?«, fragte sie drängend. »Verlassen wir diese unwirtliche Gegend!« Sie hasteten weiter, bis sie den Waldrand wirklich erreicht hatten. Nyrrak blieb stehen und runzelte die Stirn. Vor ihnen breitete sich eine weite Ebene aus, die mit Feldern und Wiesen bedeckt war. Weiter hinten erblickten sie ein Dorf, das dicht an den Ufern eines Flusses lag. Aber rechts – sie starrten auf eine weite Fläche, grau und spiegelglatt, soweit das Auge reichte. Kreischende Vögel bewegten sich durch die Luft, die merkwürdig nach Salz roch. Nyrrak drehte sich zu Teddus um. »Das Meer, nicht wahr?« Er antwortete nicht, sondern starrte reglos über die weite Fläche. »Mein lieber Teddus, ich glaub, du hast dich verlaufen. Wenn ich mich richtig erinnere, sind wir jetzt ungefähr zwei Tagesmärsche von dem Dorf entfernt, das an jener Stelle liegt, wo man den Fluss überqueren kann!« Schuldbewusst senkte er den Blick. »Ich muss irgendwie den falschen Weg gegangen sein«, versuchte er sich kraftlos zu entschuldigen. Jila zuckte mit den Schultern. Nyrrak erstarrte. Dann winkte er ab. »Jetzt sind wir schon einmal hier«, sagte er leichthin. »Dann können wir uns auch erstmal ausruhen und uns säubern, ehe wir uns auf den beschwerlichen Weg flussaufwärts machen.« Er deutete auf eine abgelegene Hütte. »Dort scheint mir die Wahrscheinlichkeit am geringsten, dass man uns dort sucht, sollten die Häscher der Inquisition hier auftauchen! Und wir kommen von dort leicht wieder weg.« Die beiden folgten ihm, als er sich geradewegs Richtung jener Hütte in Bewegung setzte. Der Bewohner schien ein alter Fischer zu sein, denn kaum näherten sie sich der Hütte, tauchte er aus der nahen Bucht auf und winkte ihnen zu. »MODROR schütze euch!«, rief er schon von weitem. Eilig kam er heran. »Oh Mann, ihr seht fürchterlich aus! Darf ich euch in mein bescheidenes Heim einladen? Oder nein, springt erst einmal in die Fluten und wascht den Dreck von euren Körpern! Ihr kommt von weit her?« Nyrrak konnte dem Redeschwall kaum folgen, darum nickte er nur und folgte dem Alten zum Meer. »Gebt mir eure Kleider, ich werde sie säubern!«, erbot er sich. »Hier bekommt man nicht häufig Besuch von Leuten von jenseits des Waldes. Wie sieht es aus in der Welt dort drüben? Quellen eure Lagerräume über vor Reichtum, oder nagt ihr am Hungertuch? Naja, erzählt mir nachher, bei einem einfachen Mahl. Mehr kann ich euch nicht bieten, doch nehme ich an, dass es reichen wird nach einem langen Marsch durch den Wald!« »Wie recht du hast, guter Mann!«, sagte Jila erfreut. »Dankbar nehmen wir deine Einladung an.« Während sie sich wuschen, kletterte der Alte auf einen Steg, der ihn weiter über das Wasser brachte. Dort beugte er sich hinab und reinigte die Kleider. Schließlich spülte er sie mit klarem Wasser aus dem Fluss, damit das Salz wieder heraus gewaschen wurde. Nyrrak beobachtete Jila bei ihrem Bad. Wieder einmal erkannte er ihre Schönheit, als sich die Schmutzspuren lösten und der wohlgeformte Körper sichtbar wurde. Die verklebten Haare vielen wieder locker und glatt über ihre Schultern, auch ihr Gesicht hatte sich entspannt. Gerne schlüpften sie in ihre Kleider, die zwar noch längst nicht trocken, jedoch endlich wieder sauber waren. »Nun folgt mir in meine einfache Behausung«, rief der Alte kichernd und ging voran. »Tretet ein und fühlt euch wohl!« Er trat zur Seite und winkte einladend mit der Hand. Nyrrak trat an ihm vorbei in das Halbdunkel der Hütte. Aus dem Augenwinkel sah er etwas aufblitzen und warf sich blitzschnell zur Seite, als auch schon ein kraftvoll geschwungenes Schwert an ihm vorbei zischte. Nyrrak rollte sich ab und prallte dabei gegen die Beine eines Angreifers, der durch die Wucht des Aufpralls zu Fall gebracht wurde. Sofort war der ehemalige Bauer über im und setzte ihn mit zwei gezielten Schlägen gegen den Hals außer Gefecht. Da traf ihn selbst ein gewaltiger Tritt in den Rücken, der ihn vorwärts gegen die Wand schleuderte. Benommen kroch er zur Seite und blickte sich um. Zwei weitere Männer standen mit gezückten Schwertern im Schatten und kamen langsam auf ihn zu. Nyrrak warf sich nach dem Schwert des Bewusstlosen und wehrte die ersten Hiebe der Gegner ab, bis er wieder auf die Beine kam. Dann unterlief er den einen Mann und stieß ihn in die Waffe seines Partners, der sie eben auf den vermeintlich wehrlosen Ketzer gerichtet hatte. Der Tote blockierte das Schwert mit seinem Körper, so dass Nyrrak den letzten Gegner mit einem weiteren Streich erledigen konnte. Im Fallen traf das Schwert des zuerst Getöteten unglücklich den Hals des Bewusstlosen, womit der verräterische alte Fischer nun drei Leichen in seiner Hütte hatte. Schwer atmend starrte Nyrrak auf die blutige Waffe und warf sie angewidert von sich. Er verabscheute Gewalt und konnte sich nicht erklären, wo und wann er diese Fertigkeiten erlernt hatte. In den Augen seiner Gefährten sah er die gleiche Frage, aber er kümmerte sich nicht darum. Seine Hand schnellte nach vorn und packte den Fischer am Kragen. Gefährlich glitzerten seine Augen, als er ihn gegen die Wand der Hütte drückte. »Diese Tat wirst du nicht überleben, Alter!«, sagte er mit zischender Stimme. »Ist er hier?« Der Alte schüttelte entsetzt den Kopf. Man hatte ihm gesagt, dass die drei Krieger leichtes Spiel mit den Bauern haben würden, sollten sie hier auftauchen. Und jetzt hatte dieser unbewaffnete Kerl alle drei umgebracht! »Verschont mich, Herr!«, jammerte er angstvoll. »Sie sind allein gekommen! Sie sagten, es sei nur Vorsicht, denn niemand rechnete ernsthaft mit Eurem Auftauchen! Sie zwangen mich, Euch in meine Hütte zu locken!« »Und du hattest natürlich keine Möglichkeit, uns zu warnen, wie?« Nyrrak presste noch ein wenig fester zu. Der Alte lief rot an, und Jila schrie entsetzt auf. »Nyrrak, was ist in dich gefahren! Dieser Mann wird genauso ausgenutzt wie wir! Lass ihn los!« Nyrrak starrte ihn noch einen Augenblick drohend an, dann ließ er von ihm ab. »So, und nun wollen wir das versprochene Mahl einnehmen! Aber hier draußen, nicht dort bei den Leichen. Schaff heraus, was du hast!« Die Gundus schritten weit aus. Nyrrak ritt an der Spitze. Seit dem Vorfall in der Fischerhütte blickten seine beiden Begleiter immer wieder scheu zu ihm hinüber. Sein Gesicht war plötzlich hart, seine Augen blickten kalt umher, es war kein Gefühl mehr an ihnen festzustellen. Nyrrak selbst beeilte sich absichtlich, denn er war verwirrt. Noch nie hatte er seine Kräfte benutzt, um andere Menschen zu töten, sah man von dem Vorfall ab, der ihm und Jila die Flucht aus dem Kastell der Inquisition ermöglicht hatte. Und nun war es ihm unglaublich leicht gefallen, der Taten gleich drei zu begehen! Er hatte sich bewegt wie ein begnadetet Kämpfer, hatte die Aktionen der Gegner vor ihrer Ausführung geahnt. Wieso verfügte er über diese Fähigkeiten? Was verbarg sich noch unter seiner bäuerlichen Erscheinung? Nach dem einfachen, aber nahrhaften Mahl hatten sie sich einige Gundus geborgt, Lebensmittel verpackt und waren los geritten. Immer flussaufwärts, jenem Dorf zu, das Teddus als letztes Dorf bezeichnet hatte. Dort hofften sie eine Furt zu finden, über die sie den Fluss überqueren konnten und der Inquisition zu entkommen gedachten. Jeder ritt in Gedanken versunken, nur in einem Gedankengang glichen sie sich alle: Konnten Sie es jetzt noch schaffen, vor Trakmadon das »letzte Dorf« zu erreichen?
In der Ferne tauchte aus dem Dunst die Silhouette einer Siedlung auf. Nyrrak warf Teddus einen heimlichen Blick zu. Der Trottel schien sich seiner Sache sicher zu sein. Immerhin war es kaum möglich, sich zu verlaufen: Sie waren die gesamte Strecke neben dem breiten Flusslauf her geritten. Das Dorf sollte nun endlich das gesuchte sein. Befriedigt wandte er sich wieder nach vorn und musterte konzentriert die Gegend. Es gab nicht mehr Gundu als gewöhnlich, und auch sonst deutete nichts auf eine höhere Konzentration an Menschen an diesem Ort hin. Der Weg wurde bald ausgetretener, machte einen benutzten Eindruck. Hier trieben die Bauern ihr Vieh zur Weide oder zum Stall, zogen die Gundu das Werkzeug zur Feldbestellung. Der Schlamm spritzte mit jedem Schritt von dem ewig nassen Boden zu den Reitern empor. Nyrrak begrüßte die Tatsache, dass der Weg breit genug für drei nebeneinander gehende Gundu war. Erschöpft bogen die Tiere in das Dorf ein. Der Tagesmarsch hatte ihnen sichtlich zugesetzt. Nyrrak und seine Begleiter sprangen von den hohen Rücken und gaben den Tieren einen Klaps auf die Schenkel. Sie sollten sich selbst eine Weide oder einen Stall suchen, später würde sich jemand um sie kümmern. Träge zogen die Gestalten der Einheimischen ihre Wege, kaum jemand beachtete die Neuankömmlinge. Der Tag war arbeitsam gewesen, niemand verspürte Lust auf ein Gespräch. Dazu hatte es Morgen immer noch Zeit, dachten wohl die meisten, denn es kam selten vor, dass Wanderer vom Meer kamen und nicht wenigstens einen Tag ruhten. Um so auffälliger empfand Jila das Verhalten einer Frau, die soeben aus einem Wirtshaus getreten war und sich ihnen raschen Schrittes näherte. Jila zupfte Nyrrak am Ärmel. »Was ist?«, fragte der große Mann und wandte sich um. Als er die Frau sah, bekam er große Augen. »Yanni!«, flüsterte er entgeistert. Jila erstarrte. Dann packte sie ihn entschlossen und versuchte, ihn fort zu zerren. »Lass uns verschwinden!«, zischte sie. »Was hat das Weib hier verloren? Das kann kein Zufall sein!« Schon von weitem erkannte Nyrrak den flehenden Ausdruck im Gesicht seiner Frau, als sie sah, dass er sich abwenden wollte. »Nyrrak, so warte doch!«, rief sie verzweifelt. Zögernd blieb er stehen. »Was willst du hier?« Seine Stimme klang so kalt, dass er selbst erschrak. »Schnell, fort!«, drängte Jila wieder. »Ich traue ihr nicht. Das könnte eine Falle sein!« »Lass uns hören, was sie hierher treibt. Dann ist es immer noch früh genug, zu verschwinden!« Sie schüttelte zweifelnd den Kopf, sagte aber nichts mehr. Dafür beobachtete sie scharf die Umgebung. Plötzlich erschien ihr die Gleichgültigkeit der Einwohner unnatürlich. Normalerweise bestürmte man in so abgelegenen Dörfern jeden Fremden mit Fragen nach Neuigkeiten. Die hiesigen Menschen ignorierten sie vollkommen. Yanny kam heran. Offensichtlich war ihr das Zusammentreffen peinlich, denn sie senkte verlegen den Blick. »Ich bin deinetwegen hier«, bekannte sie schließlich. »Als du weg warst, ging auf dem Hof alles drunter und drüber.« Sie blickte Nyrrak flehend in die Augen. »Ich brauche dich! Ich habe meine Fehler erkannt und möchte sie wieder gut machen!« Als er zögerte, fiel sie ihm in den Arm. »Weise mich nicht von dir! Ich kann ohne dich nicht leben.« »Warum hast du mich verraten?«, fragte Nyrrak zweifelnd. »Versteh doch: Ich habe an Gotteslästerung geglaubt und wollte dir helfen! Niemals hätte ich gewollt, dass sie dich umbringen! Aber jetzt weiß ich, dass es falsch war. Nimm mich mit, wohin du auch gehst, damit wir ein neues Leben beginnen können! Wir werden vergessen, was vorgefallen ist, und glücklich jenseits des Flusses leben, wo wir MODROR dienen können, ohne von der Inquisition gehindert zu werden!« Nyrrak überlegte nicht lange. »Wir werden es versuchen. Mir scheint, du hast dir nun ebenfalls Feinde in der Inquisition geschaffen! Du sollst uns willkommen sein. Aber verlange nicht, dass ich Rücksicht übe, falls du uns hintergehst!« »Ich wäre verloren in der Fremde! Ich liebe dich, ich würde dich niemals wieder hintergehen!«, schwor sie mit leuchtenden Augen. Jila und Nyrrak tauschten einen schnellen Blick. Jila war ganz und gar nicht zufrieden, denn sie traute dieser Frau nicht. Nyrrak jedoch schien sich entschlossen zu haben, seiner Frau zumindest Asyl zu gewähren. Jila hoffte dringlichst, dass es nicht stärkere Gefühle waren, die ihn zu dieser Handlung veranlassten. Sie ertappte sich dabei, wie sie sich mit Yanny verglich. Da runzelte sie die Stirn und schüttelte den Kopf. Du wirst doch wohl nicht eifersüchtig auf diese Schachtel sein, Jila!, dachte sie wütend. Trakmadon stand mit Junda im dunklen Zimmer eines Hauses und beobachtete die Szene. Erleichtert erkannte er, dass sein Plan erfolgreich sein würde. Dieser Nyrrak war doch nur ein Bauer!, dachte er amüsiert. Grinsend sah er, wie der Mann seine abwehrende Haltung immer mehr aufgab, bis er sich schließlich seiner vermeintlich reuigen Frau annahm. Dem Inquisitor entging dabei nicht die Spannung zwischen Nyrrak und Jila, die eine allzu herzliche Begrüßung zu verhindern schien. Er grinste wieder. Bis hierher hatte der Plan wunderbar funktioniert. Nun kam es auf die Frau an, ob es auch weiterhin so gut lief. Wenn sie sich authentisch verhielt, hoffte Trakmadon durch sie herauszufinden, ob Nyrraks blasphemische Ideen und ketzerischen Vorstellungen noch weitere Anhänger gefunden hatten. Er wollte hundertprozentig sicher gehen. Mit Nyrrak sollte sein gefährliches Gedankengut vernichtet werden! Gab es weitere Anhänger, würden sie mit ihm sterben. Wenn nicht – um so besser, dann musste er sich keine Gefechte mit ihnen liefern, was ein schlechtes Bild auf die Inquisition geworfen hätte. Er konzentrierte sich wieder auf das Geschehen. Gerade sprach Yanny auf die drei Ketzer ein und deutete in eine Richtung … Kommt, ich habe einen großen Raum bei einem Freund, da können wir alle Platz finden, bis wir entschieden haben, wie es weiter gehen soll!« Yanny lief schier vor Tatendrang und Glück über. Offensichtlich bedeutete ihr die Wiedervereinigung mit Nyrrak wirklich eine Menge. Wenig später saßen sie zusammen in einem Raum um einen großen Tisch. Der Gastgeber war ein freundlicher Bauer, den Yanny von früher kannte. Das Essen hatte sie träge und nachdenklich gestimmt, entspannt plätscherte eine Unterhaltung dahin. Nyrrak überdachte die Situation und seine Absichten für die Zukunft. »Mein Mann ist ein angesehener Bauer hinter dem Wald!«, erzählte Yanny gerade dem beeindruckt lauschenden Wirt und legte stolz die Hand auf Nyrraks Arm. »Nicht einen Winter hatten wir zu darben, stets hatten wir eine gut gefüllte Vorratskammer. Und zu verdanken haben wir das nur dem klugen Geist meines Mannes!« »Ja, man sieht ihm an, dass er fleißig und vorausschauend ist. Ich selbst handle ähnlich, denn auch ich möchte verhindern, dass meine Familie leidet.« »Wie jeder besorgte und ehrliche Bauer«, warf Nyrrak ein. »Ich werde noch ein wenig die Abendluft genießen.« Wenige Schritte abseits der Hütte traf er auf Jila, die es ebenfalls nicht in der dunklen Behausung gehalten hatte. »Deine Frau ist glücklich.« »Das ist sie. Die Menschen hier sind aufgeschlossen, Yanny findet sicher schnell gute Freunde unter ihnen.« »Du vertraust ihr.« Ein leiser Vorwurf klang in ihrer Stimme mit. »Sie macht einen reuigen Eindruck«, sagte er ablehnend. »Ist sie es auch?« »Was ist los, Jila? Sie ist meine Frau, die mich noch nie belogen hat!« »Ja, sie ist deine Frau!«, zischte Jila zornig. »Sie ist es sogar in besonderem Maße! Sie meinte es nur gut mit dir, als sie dich der Inquisition übergab! In der Hoffnung, aus dir würden die Dämonen getrieben werden! Wenn sie so gedacht hat, ist sie zu beklagen. Ist schon jemals ein Mann der Gotteslästerung bezichtigt worden, um die Kerker wieder zu verlassen? Sie wurden alle hingerichtet!« Nyrrak wich vor den harten Worten der Frau zurück. »Was soll das heißen?« »Sie hat dich im vollen Bewusstsein in den Tod geschickt! Und sie wird es wieder tun, wenn sie keinen anderen Weg sieht. Jetzt treibt sie nur die Einsamkeit in deine Arme, aber was wird sie tun, wenn der heilige Trakmadon auftaucht und nach deiner Seele verlangt?« »Ich glaube das nicht!«, schrie Nyrrak. »Sie ist einmal gestrauchelt und hat mich verloren, jetzt bereut sie ihre Tat, und wenn es nur der Familie Willen ist! Hier draußen gibt es keinen Verrat!« Damit stürmte er auf das Haus zu. »Ja, du Held! Lauf nur zu deiner Frau! Sie wird dich schon trösten, wenn es in ihren Plan passt!« Sie rannte in die entgegengesetzte Richtung davon. Als die Tränen versiegten, blieb nur noch diese dumpfe Verzweiflung, und sie haderte mit dem Schicksal, dass ihr dieses falsche Geschöpf in die Quere geschickt hatte. Spät in der Nacht, der bewölkte Himmel ließ die Welt schwarz erscheinen, erreichte Jila die Behausung. Kein Mensch war mehr wach. Vorsichtig, um niemanden zu wecken, schlich sie durch das stille Haus. Ihre tastenden Hände fanden eine kleine Öllampe, die sie mit einem Kienspan aus dem Ofen entzündete. Die kleine Flamme warf merkwürdige, verzerrte Schatten auf die Wände, als Jila weiterschlich. Vorsichtig schob sie den Vorhang beiseite, der den großen Schlafraum vom Flur trennte. Sie blickte in das entsetzte Gesicht einer Frau, die nicht mit ihrem Auftauchen gerechnet hatte. Mindestens ebenso entsetzt starrte Jila auf den blitzenden Gegenstand, der aus den erhobenen Händen der Frau – sie war niemand anders als Yanny – auf Nyrraks Oberkörper zielte. Mit einem schrillen Schrei sprang Jila die heimtückische Attentäterin an und riss sie sofort mit zu Boden. Die Lampe zersprang unter dem Vorhang, wo sie der erschrockenen Hand entglitten war. Nun kam Leben in die ruhig daliegenden Körper. Jemand brüllte nach Licht, ein heilloses Durcheinander entstand. Nyrrak versuchte sich im Dunkel zu orientieren, doch prallte etwas mit Wucht gegen seine Beine, so dass er wieder auf das Lager fiel. Nicht weit von sich entfernt hörte er das Stöhnen einer Frau, und in dem ganzen Lärm immer wieder Jilas Stimme: »Nein! Verschwinde! Stirb!« Schließlich tauchte der Hauswirt auf, der sich in dem Durcheinander am besten zurecht gefunden hatte. In seiner Hand hing eine der kleinen Öllämpen, und in dem unheimlichen Licht starrten sie auf eine unheimliche Szene. Nyrrak lag auf seinem Lager und erwehrte sich des über ihm sich panisch wälzenden Teddus. Frau und Kinder des Bauern drängten sich in einer Ecke des Raumes, und dicht neben dem Lager Nyrraks lagen zwei Körper auf dem Boden – in einer dunklen Blutlache. Der obere Leib gehörte Jila, und sie schlug noch immer auf den anderen ein, immer kraftloser, bis ihre Bewegungen erstarben und sie zitternd und weinend an die Wand rückte. Der zweite Körper bewegte sich nicht. Mit einem Schrei sprang Nyrrak auf und wälzte ihn herum. Die entsetzten Augen seiner Frau starrten ihn glasig an, ihre Hände umfassten noch immer den Griff eines Dolches, der in ihrem Körper steckte.
Im Dunkel der Nacht erschollen laute Rufe. Man hörte das Klirren von Metall und das hastige Patschen schneller Füße über die morastige Straße. Als erstes erschienen drei Menschen zu Fuß, die vor dem Lärm zu flüchten schienen. An der Spitze hielt sich ein großer, starker Mann, der eine Frau an der Hand mit sich zog. Dahinter kam ein dürrer, aufgeschossener Typ, der kaum Schritt halten konnte. Die Frau stöhnte auf. »Weiter, weiter!«, stieß der erste Mann hervor. »Komm schon!« »Wir dürfen nicht auf den Berg der Teufel!«, schrillte der dürre Kerl. »Die Dämonen werden uns zerfetzen!« Der erste achtete nicht darauf. Die Angst seiner beiden Begleiter rührte von den Legenden her, die sich um den Teufelsberg rankten. Aber er war sicher, dass sie sich jetzt nur noch dort retten konnten, wenn die Häscher der Inquisition aus Angst vor dem Teufel zurück blieben. So zog Nyrrak die geschwächte Jila hinter sich her und trieb sich selbst und die anderen immer wieder an. Kurz nach Yannys Tod, Jila hatte gerade unter Zittern erklärt, was sie gesehen hatte, war im gesamten Dorf ein Tumult ausgebrochen, als die Gundus und die Jäger Trakmadons aufgetaucht waren. Nyrrak sah das als Rehabilitation Jilas und war sofort über die Felder des Bauern davon gestürmt. Die Verwirrung des Bauern hatte ihnen einen wertvollen Vorsprung eingebracht. An eine Flucht über den Fluss in das heidnische Land war jetzt nicht mehr zu denken, so dass ihnen keine andere Möglichkeit als der Teufelsberg blieb. Gegen die Gundus konnten sie sich einige Zeit halten, denn die kamen nicht viel schneller vorwärts als sie selbst. Und doch kamen sie stetig näher, das erkannte Nyrrak an dem steigenden Gebrüll hinter ihnen. Seit zehn Minuten rannten sie jetzt schon in flachem Winkel den Fuß des Berges hinauf. Nicht mehr lange, und die Steigung würde sie in eine langsamere Gangart zwingen. Sie konnten nur auf die abschreckende Wirkung des Berges hoffen, sonst würden die ausdauernden Reittiere der Jäger zum Zuge kommen. So schleppten sie sich mit keuchenden Lungen die engen Windungen des Pfades den Berg hinauf, kaum noch in der Lage, die Beine zu bewegen. Ein Blick zurück ließ Nyrrak aufstöhnen. Die Reiter hatten nur kurz gezögert, jetzt machten auch sie sich an den Aufstieg. »Schneller!«, keuchte er verzweifelt. Was hatte ihre Flucht jetzt noch für einen Sinn? Gab es die Dämonen des Teufelsberges, wurden sie gemeinsam mit ihren Häschern vernichtet. Gab es sie nicht, blieben die Häscher am Leben, nur ihrem armseligen Dasein würde ein Ende gesetzt … Er hieß Drullf. Er entstammte dem Wissenschaftlervolk der Rytar. Das war sein Vorteil, denn die Rytar wurden meist in Ruhe gelassen. Unter Zwang forschte es sich nun einmal nicht halb so gut wie freiwillig. Nicht, dass die Rytar mit fortwährenden Forschungen beschäftigt gewesen wären. Im Grunde nutzten sie ihre Stellung, um ein möglichst bequemes Leben zu führen. Nur wenn ihre Neugier erwachte, wurden sie zu dem, woher sie ihren Ruf hatten: Forscher mit unstillbarem Wissensdurst. Jedenfalls so lange, bis die selbstgestellte Aufgabe erledigt war und die Neugier wieder einschlief. Sie waren nicht besonders gesellig, deshalb wurden sie auf vielen peripheren Welten der Galaxis mit Beobachtungsposten betraut. So einen Posten hatte Drullf inne – auf dem Planeten Entrison, eine primitive Bauernwelt, auf der zeitweise Verbrecher festgehalten wurden. Ein müdes Grunzen läutete den Tag des feisten Rytars ein. Träge hob er die drei Säulenbeine aus dem Schlafllager und senkte sie mit einem lauten Donnern auf den Boden. Mit trüben Augen blickte das Wesen umher und erkannte die Reste seines Abendessens neben seiner Schlafstelle. Mit den viergliedrigen Pranken griff er nach dem bereits stinkenden Stück Fleisch und stopfte es in den breiten Mund. Anschließend kommentierte er sein Mahl mit einem herzhaften Rülpsen. Unterbrochen wurden seine Mahlzeiten nur von den routinemäßigen Rundgängen, die er wöchentlich durch seine Station machen musste. Und jeden zweiten Tag musste er sich einmal ins Observatorium begeben, um das Universum optisch zu durchforschen. Das war sein Auftrag, und seiner Meinung nach erledigte er die Aufgaben bereits seit vielen Jahren zur Zufriedenheit der Regierung. Zumindest hatte sich noch nie jemand beschwert, obwohl er die zweitägigen Sternforschungen mit der Zeit zu allmonatlichen Ereignissen zurück gestuft hatte. Seufzend rollte er sich aus der Schale. Es wurde Zeit. Jede Bewegung untermalte er mit einem Stöhnen und Japsen, jeder Atemzug wurde von dem Fleischberg akustisch unterlegt. Sein Weg führte ihn durch die Zentrale, in der die Wände mit Monitoren gespickt waren und alle Schaltelemente untergebracht waren. Misstrauisch schielte er auf das Flackern eines Lämpchens. Schleim tropfte auf die Amarturen, Speichel lief in Fäden aus dem Mund des ätzend grünroten Koloss. Ihm war nicht auf Anhieb klar, was das zu bedeuten hatte, doch dann deaktivierte mit einem Griff die Überwachungsanlage. Seit knapp zwei Umdrehungen der Welt um ihr Zentralgestirn hatte sich nichts Besorgnis erregendes ereignet, und er wünschte, das es so bliebe. »Gehirn, veranlasse die Behebung des Schadens in Sektor 3-L!«, nuschelte er und schleppte sich weiter. Sektor 3-L lag außerhalb der Station, gewissermaßen im Fundament des Baus, deshalb musste das System für die Zeit der Reparatur deaktiviert werden. Drullf erinnerte sich an einen Zwischenfall vor einem knappen Jahr: Ein Architekt war in die Station eingedrungen und hatte Dinge erfahren, die kein Entrisoner wissen durfte. Deshalb war er von der Inquisition geläutert worden – den unglaublichen Erzählungen eines Narren glaubte niemand, die Gefahr schien gebannt. Das Observatorium bestand nur aus einem Raum, in dessen Mitte eine Energieschale hing. Sobald Drullf sich hinein legte, erlosch das künstliche Licht und die zentrale Steuereinheit stellte die Verbindung zum orbitalen Beobachtungssatelliten her. Die Daten wurden aufbereitet und als Holographie in die Kuppel über dem Rytar projiziert. So lag er da und sabberte seine Befehle, die die Automatik zum Ändern der Projektionen brachte: sie konnte zoomen, drehen, spiegeln und was der Dinge mehr waren. Der Koloss rieb seinen zum Zerplatzen gespannten Bauch und kratzte sich ausgiebig an den Genitalien, die sich auf dem Rücken befanden. Ihn langweilte die Aufgabe. Wenig später schlief er schon wieder. Schneller!« Trakmadon trieb seine Leute zu größter Eile an. Sie durften keinen Gedanken daran verschwenden, dass sie sich auf verbotenem Gebiet befanden. Und seine Taktik schien Erfolg zu haben. Die Männer trieben ihrerseits ihre Gundu mit allen Mitteln vorwärts, wollten die flüchtigen Ketzer endlich fassen. So ging es den Teufelsberg hinauf, dass alle Lungen keuchten, die Tiere röhrende Laute der Missbilligung ausstießen und von zornigen Tritten der Männer bezwungen wurden. Trakmadon erblickte sie, wie sie zwischen den Felsen verschwanden, die das letzte Hindernis vor der Hochebene bildeten. Dort würden sie mit den Gundus nur langsam vorwärts kommen, aber es gab von dort oben kein Entkommen. Trakmadon lachte hysterisch. Wenn die Dämonen ihm nicht zuvor kamen, war dieser Nyrrak ihm endlich sicher. Vor einer halben Stunde erst war er mit seinen Leuten öffentlich im Dorf erschienen. Der Tumult, den die Bewohner daraufhin veranstaltet hatten, musste Nyrrak vertrieben haben. Das Yanny den Tod gefunden hatte, berührte den Inquisitor nicht. Sie war nur der Köder gewesen, der sich als nutzlos erwiesen hatte. Es gab keine Anhänger Nyrraks, den Trottel und die Frau vielleicht ausgenommen. Junda hatte seine tote Tochter mit erstarrtem Gesicht betrachtet, seine Hände ballten sich in eiskalter Wut. Dann hatte er sich abgewandt und war Trakmadon begegnet. Den Inquisitor schüttelte es bei der Erinnerung an die Szene erneut. Derartig tödlichen Hass hatte selbst er in seiner langen Laufbahn niemals gesehen. Jetzt ritt Junda noch neben ihm durch die behindernden Felsen, drängte sich jedoch schnell an die Spitze der Jäger. Seine Augen flammten, er trieb sein Tier zu größter Eile an. »Fasst ihn lebend, wenn ihr könnt!«, brüllte er hinter den Jägern drein, die soeben zwischen den Felsen verschwanden. Dahinter begann plötzlich ein gewaltiges Geschrei, und Trakmadon drängte schneller durch das Wehr. Der Anblick verschlug ihm den Atem. In der Mitte der Hochebene lag das Schloss der Dämonen! Gewaltig, von einem silbrig-grauen Glanz, erinnerte sein Baumaterial an die Schwerter, die im Land der Inquisition gefertigt wurden. Fackeln, die nicht aus Feuer waren, ließen die unbezwingbaren Wände des Schlosses in der Dunkelheit erstrahlen. Hinter ihm waren seine restlichen Männer zum Stillstand gekommen. Keiner konnte die Augen von der Burg lösen, die Tiere scharrten angstvoll mit den Hufen. Ein gellender Schrei riss Trakmadon aus seiner Starre. Über die Ebene hetzte nur noch Junda auf seinem Gundu den Flüchtenden nach und kam ihnen immer näher. Seine Wut konnte selbst von dem gewaltigen Anblick des Schlosses nicht gedämpft werden. In ohnmächtigem Zorn musste Trakmadon mit ansehen, wie die Frau das Schloss erreichte. Sie machte eine undeutbare Bewegung, dann klaffte eine Öffnung in dem Schutzwall, durch den sie schnell verschwand. »Lass Nyrrak nicht entkommen!«, schrie Trakmadon unbeherrscht. Seine Jäger überwanden erst jetzt ihre Erstarrung und trieben die Tiere hinter Junda her. Tatsächlich schien Nyrrak den Rückzug seiner Gefährten decken zu wollen, denn er war zurückgefallen und erwartete Junda in abwartender Haltung. Der erreichte ihn Augenblicke später und wollte ihn einfach niederreiten. Trakmadon brüllte, als er sah, wie der ehemalige Bauer geschickt auswich und sich hinter dem Mann auf das Tier schwang. Man sah, wie er den Kopf des anderen packte und mit einem kräftigen Ruck herumriss. Danach hing sein ehemaliger Schwiegervater leblos auf dem bockenden Gundu. Nyrrak sprang wieder hinab und stürmte durch den sich schließenden Spalt in der Wand in das Dämonenschloss.
Es war ganz anders, als er es sich in seinen kühnsten oder auch schlimmsten Träumen vorzustellen vermochte. Überall saßen an den Wänden rot, blau und grün leuchtende Dämonen. Sie strahlten wie Feuer, doch flackerten sie nicht. Sie waren beständig wie die Sonne. Nur in anderen Farben. Nyrrak erkannte Jila einige Meter vor ihm. Zögerlich schlich er zu ihr. Sie blickte auch auf die Leuchtdämonen. Erst jetzt bemerkte Nyrrak das Fehlen des Trottels Teddus. Er hatte es also nicht bis in die Burg geschafft. Sein Schicksal schien besiegelt. Nyrrak bedauerte ihn. Seine Vergangenheit barg noch viele Geheimnisse, und schließlich war er über die Zeit der gemeinsamen Flucht fast zu einem richtigen Freund geworden. Er versuchte einen Ausgang wieder zu finden. Erfolglos. Sie saßen in der geheimnisvollen Burg fest. »Was sind das für böse Geister?«, hauchte Jila. Nyrrak konnte die Frage nicht beantworten. Er nahm Jilas Hand und ging mit ihr den finsteren Korridor entlang. Es war stickig und kalt. Nur die blauen Dämonen spendeten Licht. »Ich habe Angst.« Jila klammerte sich an Nyrrak fest. Bei allem was der Bauer bis jetzt erlebt hatte, war dies der düsterste Moment. Sie waren zwar den Häschern der Inquisition entronnen, doch nun liefen sie durch die Höllen der schlimmsten Verdammnis. Das Schloss auf dem Teufelsberg! Teddus war schon einmal hier gewesen. Bevor er der Inquisition zum Opfer fiel. Hier erhielt er anscheinend sein Wissen über Osiris und die anderen fremden Götter. Lag hier vielleicht der Ursprung von Nyrraks und Jilas Albträumen? Mut und Neugier wichen der Angst. Entschlossen ging Nyrrak den Gang entlang. Jila folgte im angstvoll. Plötzlich durchzuckte ein stechender Schmerz den Schädel des Bauern. Er fiel auf die Knie. Durch seinen Kopf schossen unzählige Bilder. Eine Stahlscheibe, die durch den Weltraum fliegt. Zwei verbundene Pyramiden aus Stahl, die die Sonne zum explodieren bringen. Der Satan! Bezelbub! Der Teufel. Seine leuchtenden feurigen Augen. Rotes Fleisch, das Mal von drei Sechsen. Jila! Feuer! Tote! Dann wird es dunkel. Als nächstes spürte Nyrrak die Wärme Jilas. Sie hockte über ihn gebeugt und streichelte ihn behutsam. »Nyrrak? Was ist mit dir?« Langsam kam er wieder zu Sinnen. Der Schmerz ließ nach. Mit Mühe richtete sich der Entrisoner auf. Er klammerte sich an der Schulter Jilas fest. »Ich weiß nicht, oh holde Jila. Ich … ich habe Dinge gesehen, fern jeglicher Realität. Der Satan selbst ist mir begegnet.« Jila erschrak bei den Worten. Der Aberglaube war stark ausgeprägt in diesem Volk. Allein die Erwähung des Wortes Satan löste bei jedem aus dem Volke der Entrisonen eine grenzenlose Panik aus. Doch Jila wusste, dass sie anderes waren als normale Entrisoner. Sie sahen Dinge, die andere nicht sahen. Sie wurden von Träumen oder gar Visionen geplagt von wahrscheinlich großer Bedeutung. Und deshalb trachtete ihnen Trakmadon nach dem Leben. Nyrrak entschloss sich, weiter zu gehen und nahm Jila bei der Hand. Sie schritten durch einen langen Gang mit vielen roten, gelben, grünen und blauen Leuchtdämonen. Nach einer Weile wurde es heller. Neugierig guckte Nyrrak um die Ecke. Ihm offenbarte sich ein Raum mit vielen leuchtenden Punkten. Überall piepte und surrte es. Der Boden und die Wände waren gelbweiß und wirkten steril. Ganz anders als die Burgen auf Entrison. Jila wollte nicht weitergehen, doch irgend etwas zog sie immer weit in den fremden Raum. Dort wo die Dämonen warten würden. Beide verspürten einen Druck auf ihren Augen und schmerzhaftes Puckern in ihren Schädeln. Jila schloss die Augen und taumelte. Visionen schossen durch ihren Kopf. Ein Teufel. Ein grüner Teufel, gehörnt und mit einer Axt in den Pranken mit der er viele Menschen richtete. Jila sah Menschen in Panik aufschreien und weglaufen. Viele von den grünen Teufel waren in dem großen Raum und zerhackten Frauen und Männer gleichermaßen. Jila konnte diese Todesvisionen nicht ertragen, sie zwang sich dazu die Augen zu öffnen. Nyrrak war verschwunden und sie fand sich selbst am Boden in der Ecke des Raumes sitzend wieder. »Nyrrak?«, flüsterte sie. Doch Nyrrak gab keine Antwort. Er war mit sich selbst beschäftigt. Die Visionen nahmen überhand. Hunderte, nein Tausende von neuen Szenarien offerierten sich in seinem Geiste. Er sah so vieles. Ein scheibenförmiges Metallluftschiff, ein roter Satan in langer Kutte, eine wunderschöne blonde Frau, ein fliegendes Schiff aus Metall … so viele neue Eindrücke und Erinnerung. Zu viel für den Kopf. Schweiß rann Nyrrak von der Stirn. Sein Kopf schmerzte. Vor den Augen zog ein Schleier entlang. Dann fiel er auf den Boden. Mühsam kroch er weiter, schleppte sich in den nächsten Raum. Dort zog ihn etwas magisch hin. Mit alle Kraft hiefte sich Nyrrak mit Hilfe einer der blinkenden Kästen hoch und starrte auf das Ding. Plötzlich wusste er, was er zu tun hatte. Wie in Trance, wie in einem Traum geschah es, dass er einen Finger hob und auf eine Taste drückte. Nyrrak blickte auf die Tür neben dem Kasten, die sich mit einem lauten Knarren öffnete. »Jila!«, rief er seine Gefährtin. Sie schleppte sich hoch und ging mit schweren Schritten zu Nyrrak. Jila war klitschnass, die Augen wirkten müde. Nyrrak nahm sie bei der Hand und deutete auf die offene Tür. »Irgend etwas sagt mir, wir müssen dort eintreten, um das Geheimnis unserer Träume zu lüften.« Jila nickte schwach und signalisierte damit ihre Zustimmung. Nyrrak zerrte sie mit in den dunklen Raum. Mit einer automatisierten Handlung drückte er einen Schalter an der Wand. Es ward Licht. Weder Nyrrak noch Jila wunderten sich über diese seltsamen, hexerischen Ereignisse. Nyrrak glaubte nicht, was er sah. In diesem Raum hingen an einer Stange zwei Anzüge. Der eine glich beinahe einer blauweißen Ritterrüstung. Das andere war ein sehr gewagtes Kleid einer Frau. Es gewährte großzügige Einblicke in Bauch, Beine, Rücken und Dekollté. Daneben lagen in einer Vitrine seltsame Waffen. Sie hatten keine Klingen und sahen aus wie die modernen Pulvergeschosse, wie sie die Armee in der Entwicklungsphase hatte. Nyrrak wanderte mit dem Blick weiter durch den Raum. Jila hingegen ging zielstrebig zu dem Kleid hin und berührte es. Sie zog die dreckigen, ausgetretenen Stiefel voller Löcher aus und schlüpfte mit ihren Füßen in die schwarzen Stiefel, welche unter dem Kleid standen. Die passen als wären sie für mich von einem Meister geschustert worden«, meinte sie erstaunt. Nyrrak fixierte sich derweil auf eine leuchtende Abbildung. Sie schimmerte grün und zeigte Schriften und Bilder. Nyrrak hatte diese Zeichen niemals zuvor in seinem Leben gesehen, dennoch kamen sie ihm irgendwie bekannt vor. Er stockte bei den Bildern. Dann merkte er noch, wie sich mit einem dumpfen Ton ein stechender Schmerz in seinem Genick ausbreitete, ehe Dunkelheit ihn umfing. Trakmadon und seine Männer standen immer noch am Fuße des Berges und beobachteten das Dämonenschloss. Die steinerne Miene des Inquisitors drückte keinerlei Gefühlsregung aus. Mit Argusaugen beobachtete er jede Veränderung am Schloss. Noch immer stand der Narr Teddus an den Toren und lief aufgeregt umher. Abfällig musterte Trakmadon den Trottel. »Offizier!«, rief der Kircheninquisitor. Ein anderer Mann kam angeritten und salutierte. »Suche die mutigsten Männer aus. Die gottesfürchtigsten Soldaten sollen mir zum Dämonenschloss folgen.« Der Mann erschrak. Wollte Trakmadon wirklich dieses ketzerische Vorhaben in die Tat umsetzen? Jeder von ihnen konnte in der Hölle landen. Das Dämonenschloss galt als schlimmster Punkt auf der Welt. Hier befand sich der Einstieg zur Hölle. »Aber Herr …«, gab der Offizier zu bedenken. Trakmadon würdigte ihn keines Blickes. »So sollten deine Truppen mir nicht folgen, so verweigern sie Gott den Dienste und werden von mir exkommuniziert!« Der Offizier verstand. Voller Furcht ritt er davon und suchte die Männer aus. Trakmadon war fest entschlossen, Nyrrak und Jila zu finden. Ay, gah. Wass suscht du hyr?«, fragte das seltsame Wesen mit lauter Stimme. Nur noch sein Schniefen und Atmen war lauter. Jila hielt Nyrrak fest, der noch immer bewusstlos war. Sie verstand nicht recht, was dieses klobige Wesen mit drei Beinen und einem riesigen Auge von ihr wollte. Allein der Anblick dieses Dämonen machte ihr riesige Angst. War sie nun im Fegefeuer? War nun alles vorbei? »Wersteest misch nikt? Ik byn dess Drullf, dar Rytar. Tu byscht ty Freu, dy nikt hyr heer comen gedurfta? Wersteeste? Wersteeste misch?« Jila verstand teilweise, was dieses Wesen sprach. Es kommunizierte in ihrer Sprache, doch sein Dialekt war grauenvoll. »Bist du ein Dämon? Ein Vasall des Satans? Bist du hier, um mich und Nyrrak in die Hölle zu holen?« Jilas Stimme klang schwach und angstvoll. Die Ereignisse der letzten Stunden, insbesondere die Erscheinung dieses Drullf, waren einfach zu viel für einen normalen Entrisoner gewesen. Auf der anderen Seite bewunderte sich Jila für ihr Durchhaltevermögen und ihre Fähigkeit, die neuen Ereignisse zu verarbeiten. »Naa, ay gah. Ik byn nuurr dar Werter hyr in da Burk. Ik zoll zwee leudde von dyser dooven weld bewakken. Dy habben a gedeechtnissbloc auf deren zwee hyrne gehabten tut. Sy zollen nymals meer sych errinern tuten. Daruuf zoll ik ahcht gebbän tuten. Wersteeste?« Jila saß eine Weile vor dem fremden Dämonen und versuchte seine gesprochene Worte geistig zu übersetzen. Er redete davon, ein Wächter auf dieser Burg zu sein mit der Aufgabe zwei Menschen zu beobachten, die auf dieser Welt gefangen sein. Diese Menschen sollten niemals an ihre alten Erinnerungen gelangen. Jila wurde unwohl zumute. Sie dachte über die Parallelen zwischen ihnen und den beiden Leuten nach, von denen Drullf sprach. Nyrrak war immer noch bewusstlos. Der Schlag von Drullf hatte gesessen. Jila überwand sich, dieses Wesen genauer anzusehen. Es stand auf drei Säulenbeinen. Der Torso war unförmig und glich einer Kartoffel. Der Kopf ging halslos in den Torso über. Ein großes Auge und ein breiter Mund bildeten die Sinnesorgane. Ohren und Riechorgane waren nicht erkennbar. Das Wesen war fett und schwitzte. Das schwere Atmen war deutlich zu hören. »Wersteeste?«, wiederholte Drullf seine Frage beharrlich. Jila nickte schwach. »Guud. Ik byn hyr ziihmlich einzahm, wersteeste? Ik connde ar kleenes spylzuug gebruuchen tute, wersteeste?« »Nein, ich verstehe sowieso nur die Hälfte von dem, was du redest, seltsame Kreatur!« Drullf grunzte überrascht. Schleim triefte aus dem Mund und platschte auf den Boden. Jila musste sich einen Brechreiz unterdrücken. Nyrrak kam langsam zur Besinnung. Jila streichelte sanft über sein Gesicht. »Was ist …« Nyrrak stockte, als er Drullf vor sich sah. Dieser bewegte sich ein paar Schritte auf sie zu. Jila bemerkte erst jetzt den fauligen Geruch in seinem Atem. Das große Glubschauge starrte die beiden unentwegt an. »Momende mahl! Ik keene eu toch tune tut. Iiirr seyd dy beeden, dy ik bewakken zolle tutn. Uihmouizukra!« Nyrrak und Jila sahen sich fragend an. Dann sprang Nyrrak auf und stellte sich vor das seltsame Wesen. Es versuchte Nyrrak zu packen, doch der Entrisoner war schneller. Er duckte sich und versetzte ihm einen schmerzhaften Tritt in den Untertorso. Prustend wankte das Wesen. Jila suchte derweil Waffen und betätigte allerlei Knöpfe. Drullf brüllte auf und war sich mit seinem ganzen Gewicht auf Nyrrak. Der Entriosene brach keuchend zusammen. Dann packte der Rytar den Menschen und warf ihn in einen anderen Raum. Jila blickte entsetzt dem Geschehen zu. Nun wurde auch sie nicht von dem Rytar verschont. Das skurrile Wesen sperrte beide in den benachbarten Raum. Keuchend und prustend zog es von dannen. Trakmadon und seine Soldaten zogen angstvoll aber dennoch entschlossen voran. Sie kamen der Burg immer näher und Teddus lief wie ein in die Ecke getriebener Tiger umher. Er wusste, dass sein Ende gekommen war. Vergeblich suchte er eine Nische, einen Durchgang zum Inneren der Burg. Doch die Festung blieb ihm verschlossen. Die Inquisitoren trabten erhaben auf ihren Gundun heran. Es ward nicht mehr lange bis sie Burg erreichten. Teddus versuchte zu fliehen, doch die Bogenschützen schnitten ihm den Weg ab. Sie verletzten ihn nicht, deuteten ihm aber wohl, seine Flucht zu unterbinden. Trakmadon fühlte sich nun etwas entspannter. Sie standen an der Burg und nichts war passiert. Er stieg aus dem Sattel. Drei andere Soldaten kesselten den kreischenden Narren ein und stießen ihn auf den Boden. Trakmadon befahl einen Soldaten, Teddus Gesicht in den Schlamm zu drücken. Der Offizier leistete dem Befehl mit Vergnügen Folge. Dann zog er ihn wieder hoch. »Mein Sohn, vor MODROR, gestehe deine Missetaten und dir möge vergeben werden. So sprich; wo sind die beiden Flüchtigen?« Trakmadon versuchte Freundlichkeit in seine Stimme zu legen. Doch Teddus hörte ihm gar nicht mehr zu. In den Augen stand der Schwachsinn. »Hier hat alles angefangen«, jaulte der Volltrollel. »Hier hat Teddus bösen Dämonen gesehen. Hier hat Teddus über Osiris gelesen.« Trakmadon wusste, worüber Teddus sprach. Einst war er ein großer Architekt, doch nach einem Urlaub kehrte er als Schwachsinniger zurück, redete von dreibeinigen Monstern und fremden Göttern mit den Namen Osiris, Anubis oder Seth. Natürlich war dies Gotteslästerung höchsten Grades. Es gab keine Wesen mit drei Beinen. Es gab auch keine anderen Götter neben MODROR. Die gegenteilige Behauptung rief die Inquisition auf den Plan. Ihre von MODROR gegebene Aufgabe war es, sein Andenken aufrecht zu erhalten und den uneingeschränkten Glauben an MODROR zu bewahren. Jeder Verstoß gegen den unanbdingbaren Glauben musste bestraft werden. Deshalb gab es Leute wie Trakmadon. Sie folterten, knechteten und töteten im Namen Gottes. Sie taten es für Gerechtigkeit und Güte. Auch Teddus wurde nicht verschont. Trakmadon hatte ihn persönlich gefoltert. Es gab Apparaturen im Folterkeller, die von den Ahnen stammten. Diese richteten viele Schäden am Geiste an. Da Teddus ein einflussreicher Mann war, wollte man ihn nicht töten. Man raubte ihm seines Verstandes. So konnte man ihn einschüchtern, lenken und sollte dies fehlschlagen würde niemand einem Narren Glauben schenken. Doch Trakmadon glaubte langsam an das, was Teddus erzählte. Er packte den Mann, der voller Schmutz war und rüttelte ihn. »Sage mir, wo du diesen Dämon gesehen hast? Wo hast du von den fremden Göttern gelesen? Rede, Frevler, oder dein Leben ist vorbei!« Teddus fing an zu weinen. »Hier war es! In der Burg. Ich fand einen Eingang, der jetzt aber versiegelt ist. Dort lief ich durch Räume mit leuchtenden Dämonen, die Licht spendeten. Mir erschienen Bilder der Götter und sie sprachen ihre Namen. Dann begegnete ich dem dreibeinigen Monster mit nur einem Auge. Es warf mich hinaus.« Trakmadon ließ den Narren los. »Beendet sein lasterhaftes Dasein und sucht danach nach einem Eingang. Wir werden diese frevelhafte Burg im Namen MODRORs durchsuchen.« Da erschien plötzlich das Abbild des Dämonen, drei Ellen höher als ihr größter Soldat. Breiter als ihr stärkstes Tier. Das Auge loderte, der Rachen drohte sie zu verschlingen. Ohne den Befehl abzuwarten, schossen die Soldaten Trakmadons auf die teuflische Kreatur, doch vergeblich. Die Pfeile schossen hindurch ohne Wunden zu hinterlassen. Es schien beinahe, als wäre dieses Wesen nur aus einem Dunst entstanden. Es fing an zu brüllen. Panik breitete sich aus und die Kirchenritter flüchteten in heillosem Durcheinander. Trakmadon war der letzte, der tapfer vor der furchtbaren Kreatur stand. Als er seine Niederlage erkannte, ergriff auch der Inquisitor die Flucht. So schnell er konnte, ritt er den Teufelsberg hinunter. Doch er schwor bei MODROR, diese Niederlage nicht auf sich beruhen zu lassen. Das Dämonenschloss musste vernichtet werden! Denen habe ich es gezeigt tun«, grollte Drullf in seinem mühsamen Dialekt und amüsierte sich köstlich über die fortlaufenden Entrisoner. Er hatte die Eindringlinge vertrieben und die anderen beiden inhaftiert. Jetzt wurde es Zeit, sich auszuruhen. Sicherlich hätte er sofort Shul'Vedek oder den Dreierrat informieren sollen, denn die beiden Gefangen waren von höchster Wichtigkeit. Sie waren der Grund, warum er hier seinen Dienst tat. Das machte ihn stutzig. Er hatte hier eine einfache Aufgabe. Er lebte sorglos in den Tag hinein. Bei einer Meldung würde die höhere Stelle Untersuchungen anordnen oder ihn gar versetzen. Das durfte nicht passieren! Deshalb entschloss er sich dafür, nicht Meldung zu erstatten. Statt dessen legte er sich schlafen.
Nyrrak und Jila saßen in dem ihn bestens bekannten Raum. Dort lagen die seltsam feinen Anzüge, die Waffen ohne Klingen und Behälter, die unentwegt Schriften und Bilder zeigten. Nyrrak hockte gebannt vor dieser Apparatur und schien sie zu studieren. Jila hingegen zog sich das saubere, feine Kleid an. Die Lumpen mochte sie nicht mehr tragen. Jila legte sich in eine der Ecken und beobachtete Nyrrak. Vor ihrem geistigen Auge schossen einige Bilder. Sie und Nyrrak wurden von dem roten Satan mit den drei Sechsen auf der Stirn gefangen genommen. Ihr Kopf schmerzte so sehr. Die Erinnerungen verblassten. Nyrrak stand wieder vor der Abbildung, die er als letztes vor seiner Ohnmacht betrachtet hatte. Und plötzlich sah er klar. »Jila!«, schrie er, aufs Äußerste erregt. Er packte ihre Arme und zog sie zu sich hoch. »Jila, das hier ist ein Bild von uns!« Seine Blicke wanderten von ihrem Kleid zum Bild und zurück. Es gab keine Zweifel. Noch einmal konzentrierte er sich auf die Schriftzüge unter dem Bild. Die wirren Zeichen verschwommen kurz vor seinem Blick und schienen sich neu zusammen zu setzen, doch er wusste nun, dass seine wahre Erinnerung wiederkehrte. Er las hastig die Beschreibung ihrer Personen und kehrte schließlich zu den Bildern zurück. Dort standen ihre Namen. Sie waren anders. Mit einem erstickten Schrei sank er unter der Gewalt seiner Erinngerungen zusammen, als er die Namen verstand: Aurec und Kathy Scolar! ENDE Eine Überraschung, die dem aufmerksamen Leser bereits vor Augen schwebte: Aurec und Kathy Scolar sind am Leben! Mit dieser Erleichterung gestärkt wechseln wir die Schauplätze: Hail Commanus ist der Titel von Heft 84, das die Geschehnisse in M 100 weiter verfolgt. Geschrieben wurde es von unserem Dorgon-Veteran Ralf König.
Der DORGON-Zyklus - Osiris - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Heft 83 von Tobias Schäfer und Nils Hirseland. Technischer Berater: Sebastian Schäfer. Versand: PROC. Lektorat, Nachbearbeitung: Alexander Nofftz. DORGON-Kommentar: Björn P. Habben. Umsetzung in Endformate: Alexander Nofftz. Generiert mit Xtory (SAXON, LaTeX). Homepage: http://www.dorgon.net/. eMail: dorgon@proc.org. Adresse: PROC c/o Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf. Copyright © 1999-2002. Alle Rechte vorbehalten! | ![]() | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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