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DORGON - Die Fan-Serie des Perry Rhodan Online Clubs

Sterneninsel Barym

Die NIMH in Barym – sie trifft auf Gal'Arn

Was bisher geschah

Im Jahre 1298 NGZ ist die Galaxis Cartwheel als neue Heimat zahlreicher Pilger von fünfzig verschiedenen Völkern anerkannt. Mit all ihren Kräften wollen sie auf Anraten der friedlichen Entität DORGON ein Bollwerk gegen die Armeen der finsteren Entität MODROR und seiner schrecklichen Söhne des Chaos errichten, die seit 1291 NGZ mit verschiedenen Mitteln ihrer schier endlosen Macht aus noch unklaren Gründen den Galaktikern den Krieg erklärt haben.

In der Milchstraße wird Perry Rhodan mit einem alten, terranischen Mythos konfrontiert; den altägyptischen Göttern. Osiris und seine Gefährten existieren wirklich und sind mächtiger als alles in der Milchstraße. Der Gott Osiris beansprucht den Thron auf die Erde.

Derweil wird Cartwheel von einer neuen Welle des Terrors erschüttert. Die Söhne des Chaos verfolgen damit einen neuen, finsteren Plan zur Unterwerfung der Insel.

Unterdessen ist die NIMH auf ihrer Expedition in der Galaxis Barym auf den totgeglaubten Ritter der Tiefe gestoßen, der sich mit Gegnern von MODROR zusammen getan hat und Aurec in der STERNENINSEL BARYM sucht …

Hauptpersonen

Gal'Arn – Der Ritter der Tiefe hat Kontakt zu den Rebellen von Barym aufgenommen

Jaktar – Der mutige Orbiter des Ritters

Ben Strout, Sandal Tolk und Tania Walerty – Die Besatzungsmitglieder der NIMH finden sich in der Höhle des Löwen wieder

Banternach – Anführer der Barymrebellen

Ghul'Adar – Der Larsaar ist der mächtige Herrscher von Barym

Shul'Vedek – Ein brutaler General der Larsaar

Prolog. Totgeglaubte

Tania Walerty saß der Schreck noch im Nacken. Eine schiere Ewigkeit waren sie immer und immer wieder vor General Raktor und seiner Flotte geflohen. Mick Shumh, der Pilot der NIMH, hatte sich völlig verausgabt und doch war die Flotte der schlangenartigen Krieger immer nur wenige Augenblicke nach dem Forschungsschiff aus Cartwheel aus dem Hyperraum gestürzt.

Als die Kommandantin Nicola Posny bereits laut über eine Kapitulation nachgedacht hatte, waren sie plötzlich in diesen Konvoi geraten, der die NIMH kurzerhand per Traktorstrahl mitgerissen hatte. Dann nahm jemand Funkkontakt mit ihnen auf. Dieser jemand war niemand anderes als der seit Jahren tot geglaubte Ritter der Tiefe Gal'Arn …

Der Ezialist Ben Strout hatte als erster den Schock überwunden und sprach den Anführer des Konvois an: »Welch eine unerwartete Überraschung! Wie klein doch das Universum ist, Gal'Arn.«

»Die Freude ist ganz meinerseits, Terraner«, antwortete der Elare freundlich. »Was führt euch nach Barym?«

Strout kratzte sich am Kopf. Seine Haare standen nach dieser Behandlung wirr ab, doch das schien der Allround-Wissenschaftler nicht zu bemerken. »Nun … Eine Raum-Zeit-Anomalie in Seshonaar verschlug uns durch eine künstlich erzeugte Raumkrümmung in ein negativ gepoltes Cartwheel. Als dieses durch MORDORs SONNENHAMMER vernichtet wurde, gelang uns durch eine weitere Raumkrümmung die Flucht in diese Galaxie …«

Walerty deutete das bleich werdende und von Unverständnis gezeichnete Gesicht Gal'Arns richtig und reagierte blitzschnell. »Was er sagen will ist, dass wir eine Forschungsreise in die Nachbargalaxis der Insel durchführten und von MORDORs Flotte in ein Sternentor getrieben wurden. Wir landeten danach in Cartwheel, doch es war ein völlig zerstörtes Cartwheel. Wir fanden heraus, dass wir in einer parallelen Wirklichkeit gestrandet waren, in der DORGONs Gegenspieler längst die Insel überrannt hatte. Als er die Galaxis dann vernichtete, gelang uns abermals die Flucht und wir landeten hier, wo auch immer wir hier sind …«

Der Ritter der Tiefe blickte von einem zum anderen. In seinen Augen stand deutlich das Wort »Bahnhof« geschrieben – oder wie auch immer man das in seiner Heimatsprache nannte.

»Äh … ja …«, begann er schließlich. »So abenteuerlich erging es uns dann doch nicht. Wir sind lediglich auf der Suche nach Aurec.«

»Ach ja«, rief Tania schnell, bevor Ben Strout oder Nicola Posny etwas sagen konnten. »Das ist eigentlich auch unsere Mission. Wir sollten ursprünglich nach Hinweisen oder den sterblichen Überresten von einigen Prominenten suchen.« Sie kicherte. »Einen haben wir bereits gefunden!«

Das hatte Gal'Arn verstanden. »Einen habt ihr bereits gefunden«, meinte er lächelnd, »und ich kann euch versichern, dass auch Aurec noch lebt.«

Walerty wollte ihn neugierig weiter ausfragen, doch dann durchzuckte ein furchtbarer Schmerz ihren Fuß. Posny hatte perfekt gezielt und mit ihrem Hacken den Schuh ihrer aufmüpfigen dritten Offizierin perfekt getroffen.

»Ich merke schon, wir haben einiges zu bereden«, sagte die Kommandantin dann, während Tania ihren Fuß schüttelte und mit Tränen in den Augen jeden Schmerzenslaut zu unterdrücken versuchte. »Wie wäre es, wenn wir uns im Konferenzraum der NIMH zu einem gemütlichen Essen treffen und über alles reden?«

Gal'Arn nickte. Eine Geste, die er mittlerweile den Terranern abgeschaut hatte.

»Nur eine Frage hätte ich noch«, meldete sich Ben Strout zu Wort. »Was ist mit unseren Verfolgern?«

Der Ritter winkte ab und lächelte geheimnisvoll. »Wir sind schon eine Weile in Barym. Mittlerweile haben wir Mittel und Wege gefunden, sie abzuschütteln …«

»Gut«, sagte die Kommandantin. »Bist du mit einem Treffen in einer halben Stunde einverstanden?«

Gal'Arn bestätigte und trennte dann die Verbindung.

Nicola Posny machte sich danach sofort auf den Weg in den Konferenzraum. Ihr folgten die wichtigen Mitglieder der Schiffsführung, darunter auch eine betont humpelnde und in Mordgedanken versunkene Tania Walerty.

Tania Walerty wusste nicht warum, aber Gal'Arn war ihr direkt unheimlich. Der Ritter der Tiefe hatte eine Ausstrahlung, die der dritten Offizierin der NIMH direkt durch Mark und Bein fuhr. Zögerlich ergriff sie die Hand, die ihr freundlich entgegen gestreckt wurde. Er lächelte sie an, als sie von Posny vorgestellt wurde, und doch wich das Gefühl nicht.

Er wirkt so …, suchte sie innerlich nach Worten, … überheblich – nein! Über den Dingen stehend. Ja, das ist es! Als würden ihnen die kleinen Probleme Normalsterblicher nicht tangieren. Ob es so ist, wenn man einen der Unsterblichen gegenüber tritt?

Sie rief sich in Erinnerung, was sie über Gal'Arn gehört hatte. Vor vielen Jahrtausenden hatte demnach ein echter Ritter der Tiefe, der sich mit den Kosmokraten entzweit hatte, einen eigenen Orden in der fernen Galaxis Shagor gegründet. Den von ihm eingesetzten Rittern fehlte zwar die psionische Aura, die die Ritter der Tiefe im Dom Kesdschan empfingen, doch da er nur seinen Nachfolger als Ordensleiter die Wahrheit erzählte, hielten alle Ritter der Tiefe aus Shagor sich für die einzig existierenden. Im Jahr 1291 NGZ war dann urplötzlich der Kosmokrat Sipustov den Rittern erschienen, gewährte den »unechten« Rittern großzügig Amnestie für ihr überhebliches Tun und verlangte die Erledigung einiger »Kleinigkeiten«. Die Ritter – über diese Arroganz mehr als empört – beschlossen schließlich, der Entität Glauben zu schenken und seinem Auftrag, einem gewissen DORGON beizustehen, zuzustimmen. Doch dann tauchten MODRORs Heerscharen auf der Ritterwelt auf und verursachten unter der Führung Cau Thons ein unglaubliches Blutbad. Lediglich Gal'Arn gelang es mit zwei Rittern zu fliehen. Nach einer langen Odyssee, bei der die anderen beiden Ritter starben, lernte Gal’Arn einige Terraner kennen. Darunter auch sein Ritterschüler Jonathan Andrews, die Scorbits und der heutige Terra-Administrator von Cartwheel, den Marquese von Siniestro. Schließlich gelangten sie nach Terra.

Nach allem, was man wusste, war Gal'Arn also eindeutig kein Unsterblicher. Und doch – aus seinen Augen sprach eine tiefe Lebensweisheit, die kaum zu einem Sterblichen zu passen schien.

Als Tania aus ihren Grübeleien aufschreckte, hatte sie die Vorstellung der Gesandtschaft des Ritters versäumt. Sie bemerkte, dass er sie immer noch freundlich anlächelte, als würde er ihre Gedanken erraten – nichts, dass dazu bei trug, ihr dumpfes Gefühl zu vertreiben.

Nachdem alle am Konferenztisch Platz genommen hatten, griff sie ohne zu zögern nach den bereit gestellten Getränken.

Das wird mir alles zu viel hier, stellte sie innerlich fest. Seshonaar, die Parallelwelt, Peter … Das Bild des Sohns des Marqueses erschien vor ihrem innerlichen Auge und ein warmes Gefühl breitete sich in ihrem Bauch aus. Mal richtig Urlaub machen, am liebsten mit Peter – das wäre doch was …

»Liebe Anwesende«, riss die Stimme Gal'Arns sie aus ihren Träumereien. Der Ritter der Tiefe nahm einen Schluck des bereit gestellten Mineralwassers. »Nachdem wir uns vorgestellt haben, möchte ich meine Freude bekunden, hier in Barym, quasi der Höhle des Löwen – wenn ich ein terranisches Sprichwort zitieren darf –, auf ein Suchkommando aus Cartwheel nach Aurec und meiner Wenigkeit getroffen zu sein. Sicherlich habt ihr noch keine Zeit gehabt, euch in Barym umzusehen und seid ebenso erstaunt, dass es mir gut geht und dass der Kyberklon Evspor bei mir ist. Zunächst einmal kann ich euch versichern, dass Aurec noch unter den Lebenden weilt! Wir wissen es nicht hundertprozentig, sind jedoch einer heißen Spur auf den Fersen. Doch vielleicht sollte ich erst berichten, wie es uns überhaupt von Xamour in diese Galaxis verschlagen hat …«

1. Gal'Arn

Fassungslos rannte Gal'Arn aus dem provisorischen Lager auf Xamour. Das Unglück schien regelrecht an ihm zu kleben: Zunächst das unglaubliche Blutbad auf der Ritterwelt, von der nur er mit einigen Gefolgsleuten fliehen konnte, nur um dann wenige Monate später den Tod eines Großteils der Passagiere des terranischen Raumschiffes THEBEN auf der Welt der Schweinebestien zu erleben.

Dann waren einige Jahre Ruhe, doch jetzt ging es wieder Schlag auf Schlag: Was so friedlich aus Vergnügungsfahrt auf dem Diskoraumer BAMBUS begann, endete als Gemetzel, als Dscherro das Schiff angriffen und ziellos unter den Passagieren wüteten. Den Rest steckten sie auf einer abgelegenen Welt in Internierungslager, aus denen sich die Unterdrückten schließlich befreien konnten. Doch dann tauchte Rodrom mit seinen Skelettkriegern auf und setzte das blutige Werk seiner Vorgänger fort.

Hinzu kam, dass Gal'Arn immer noch Cau Thons Erzählungen auf dem Magen lagen. Der Sohn des Chaos hatte vieles so detailliert geschildert, dass es bei dem Ritter der Tiefe in Kombination mit dem von ihm leibhaftig Erlebten mehr als nur Unwohlsein verursachte.

Gal'Arn versuchte Cau Thon einzuholen. Dabei wurde er von drei Skelettsoldaten angegriffen. Zwei von ihnen konnte er niederschlagen, ein dritter stieß ihn zu Boden. Gal'Arn wich einem Schuss aus und trat dem Gegner in die Beine. Sofort rappelte sich der Ritter auf und streckte den taumelnden MODROR-Soldaten nieder.

Plötzlich stand eine schwarze, klobige Gestalt vier Meter von ihm entfernt. Es war Evspor. Der Kyberklon war wieder zum Leben erwacht. Er richtete seine Waffen auf Gal'Arn. Hinter dem Ritter der Tiefe tauchten vier Skelettsoldaten auf. Er war umzingelt. Gal'Arn warf die Waffe weg und wollte sich ergeben, doch der Kyberklon reagierte nicht darauf. Er schoss!

Der Strahl traf jedoch nicht ihn, sondern einen Skelettsoldaten hinter ihm. Der Ritter starrte Evspor verwirrt an, zog es aber doch vor in einen Gleiter zu springen und der TERSAL zu folgen. Das Schiff schwebte über der alten Ruinenstadt, die Gal'Arn innerhalb weniger Minuten erreicht hatte.

Gal'Arn hetzte zwischen einige Ruinen der ehemaligen Hauptstadt Xamora, wie er nun aus Cau Thons Erzählungen wusste. Mit infernalischem Lärm stiegen über ihm die Landefähren und Space-Jets in den dunklen Himmel der zerstörten Welt. Immer wieder blitzten und fauchten die Strahlen der Thermo- und Desintegratorgeschütze über ihm auf und bohrten sich in die Schutzschirme.

Der Ritter der Tiefe rutschte etwas zur Seite, sodass er durch einen Spalt in der zerfallenen Mauer – vielleicht die Überreste eines Fensters – das Schlachtfeld überblicken konnte. Er blinzelte, bis sich seine durch die Schüsse geblendeten Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Nur wenige dutzend Schritt von ihm entfernt lag sein Orbiter Jaktar in eine Senke gepresst. Noch etwas weiter lag eine andere Gestalt – aber mit dem Bauch nach oben.

Gal'Arn erstarrte, als er darin Aurec erkannte. Das Oberhaupt der Saggittonen musste entweder bewusstlos oder gar … Gal'Arn weigerte sich, den Gedanken weiter zu verfolgen.

»Jaktar!«, zischte er seinem Orbiter zu. Er musste den Ruf drei Mal wiederholen, bis Jaktar ihn hörte.

Der Orbiter drehte seinen Kopf und suchte die Umgebung ab. Kurze Zeit später gab er Gal'Arn durch ein Handzeichen zu verstehen, dass er ihn entdeckt hatte.

Der Ritter wies auf Aurec. »Dort«, flüsterte er. »Ich glaube, dass ist Aurec. Schau mal, ob es ihm gut geht und komm dann mit ihm her.«

Jaktar nickte und robbte los. Als er etwa die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatte, schaute Gal'Arn wieder zu Aurec hinüber und ihm gefror das Blut in den Adern. Gal'Arn wusste nicht, woher er plötzlich gekommen war, doch wer er war, daran zweifelte der Ritter nicht eine Sekunde. Gal'Arn kannte nur ein Wesen, dass in dieser Galaxis auftauchen konnte und einen Rüssel besaß – Goshkan. Ganz gegen seine Art kam in ihm eine ungeheure Wut hoch, als er daran dachte, dass dieses blutrünstige Monster früher einmal ein Ritterschüler gewesen war. Nun war er vermutlich der Schüler Cau Thons, und dieser ließ seiner unglaublich sadistischen Neigung freie Bahn. Und eben dieser Goshkan stand nun genau neben den hoffentlich noch lebenden Aurec und beugte sich interessiert darüber.

Plötzlich schwebte die KARAN über die Häuser hinweg. Goshkan blickte nach oben und machte ein Zeichen, welches Gal'Arn interpretierte, als würde Aurec noch am Leben sein. Anscheinend musste der Saggittone noch einmal geflohen sein, nachdem Goshkan und Cau Thon ihn und die Terranerin Kathy Scolar zur KARAN gebracht hatten.

Gal'Arn ballte die Hände zu Fäusten, bis seine Fingernägel sich schmerzhaft in seine Haut gruben. Er war der Verzweiflung nahe, denn für ihn stand fest, dass Goshkan mit Aurec kurzen Prozess machen würde. Fieberhaft schaute Gal'Arn sich um. Wenn er doch nur eine Schusswaffe gehabt hätte … Aber da der Angriff so überraschend gekommen war, hatte der Ritter der Tiefe nur sein Schwert bei sich, das er niemals ablegte. In dieser Situation – mit der KARAN unweit entfernt und ohne Schutzschirm – auf Goshkan hin zu rennen und ihm mit dem Schwert Einhalt zu gebieten wäre aber glatter Selbstmord gewesen. So konnte er nur hilflos zusehen.

Goshkan hatte unterdessen seine Untersuchung beendet. Gal'Arn musste mit ansehen, wie er seinen Stab kurzerhand in den Körper Aurecs rammte. Dann hob er den so Aufgespießten an und legte sich den Stab auf die Schulter, sodass Aurec auf seinem Rücken herab hing. Dabei zuckten dessen Glieder.

Gal'Arn wandte sich schaudernd ab. Das Zucken bewies, dass Aurec noch am Leben und womöglich sogar mitbekam, was mit ihm geschah.

Jaktar!, durchzuckte es ihm plötzlich. Sofort blickte er wieder durch die Maueröffnung und suchte seinen Orbiter. Diesem war Goshkan ebenfalls nicht unbemerkt geblieben und er hatte das getan, was jedes Lebewesen in seiner Situation tun würde – er stellte sich tot.

Der Ritter atmete auf. Da sein Orbiter ebenfalls unbewaffnet war, war das das sinnvollste, was er tun konnte. Doch würde Goshkan auf den Bluff herein fallen?

Dieser bewegte sich mit seiner zuckenden Last genau auf Jaktar zu. Als Gal'Arn schon hoffte, dass er ihn nicht bemerkt hatte, blieb Goshkan stehen. Die aus seinem Gesicht hell hervor blitzenden Zähne verrieten Gal'Arn, dass er den Orbiter erkannt hatte. Es war offensichtlich, dass das Rüsselwesen bereute, seinen Stab momentan »belegt« zu haben, daher beschränkte sich Goshkan darauf, einmal heftig gegen den Liegenden zu treten und dann einfach über ihn zu laufen. Gal'Arn hörte einen oder gar mehrere Knochen bersten, doch von Jaktar selbst kam kein Geräusch. Er kam nicht umhin, seinen Orbiter für diese unglaubliche Selbstbeherrschung zu bewundern.

Dann landete die KARAN auf dem Platz. Ein Schott öffnete sich, aus dem es grell strahlte. Gal'Arn kniff die Augen zusammen und konnte so in der Schleuse die Silouette Cau Thons erkennen. Goshkan stieg mit seinem Opfer zu ihm, dann schloss sich das Schott und das Schiff hob ab und raste davon.

Jetzt hielt Gal'Arn nichts mehr. So schnell er konnte, rannte er zu seinem Orbiter und warf sich neben ihn zu Boden.

»Jaktar! Jaktar!«, flüsterte er besorgt.

Keine Antwort.

Verzweifelt tastete er nach dem Hals seines Orbiters und atmete erleichtert aus, als er den Puls spürte. Offenbar war Jaktar durch den Tritt bewusstlos geworden. Das erklärte auch, wie er den Knochenbruch lautlos überstehen konnte.

Gal'Arn tastete den Körper weiter nach unten ab. Bedingt durch die miserablen Lichtverhältnisse war das die einzige Möglichkeit einer Diagnose. Der Kopf, die Brust und der Bauch schienen in Ordnung zu sein, doch am linken Oberschenkel ertastete er Knochensplitter inmitten einer Blutlache.

»Eine offene Fraktur!«, zischte der Ritter der Tiefe und fluchte. »Wenn ich dich nicht schnellstens versorgen kann, könnte das böse enden.«

»Darüber würde ich mir keine Sorgen mehr machen«, erklang plötzlich eine tiefe Stimme hinter ihm. »Deine Tage sind gezählt.«

Gal'Arn wirbelte herum und erkannte Evspor, der offenbar durch Gal'Arns Sprint diesen entdeckt hatte.

Der hat mir gerade noch gefehlt!, dachte er nicht ganz ohne Galgenhumor und sagte: »Warte, Evspor! Du solltest wissen, wer hier die wahren Schuldigen sind!«

»Das interessiert mich nicht«, entgegnete der Kyberklon. »Diese Welt ist Sperrgebiet. Ihr habt gegen die Anordnung der Kosmischen Mächte verstoßen und müsst dafür bestraft werden – ausnahmslos!«

Gal'Arn stand auf und hob beschwichtigend die Hände. »Nur durch MODRORs Schergen sind wir auf diese Welt abgestürzt! Ferner ist mir persönlich durch den Kosmokraten Sipustov aufgetragen worden, auf der Seite DORGONs gegen MODROR zu kämpfen.«

Gal'Arn wartete auf eine Reaktion Evspors, als diese nicht reagierte, fuhr er fort:

»Du siehst, nicht ich bin dein Feind, sondern diejenigen, die meinen Orbiter so zugerichtet, und den äußerst wichtigen Politiker Aurec entführt haben.«

Jetzt reagierte der Kyberklon. »Ich spüre eine Ritter-Aura, außerdem klingen deine Argumente logisch. Auch wenn mir momentan keine Möglichkeit gegeben ist, sie nachzuprüfen, werde ich dir Glauben schenken …«

Gal'Arn atmete erleichtert auf. Er wollte gerade Evspor vorschlagen, ihn nach Cau Thons Schiff suchen zu lassen, da aktivierte der Kyberklon ein Traktorfeld und riss sowohl ihn als auch den schwer verletzten Jaktar mit sich, während er mit Höchstgeschwindigkeit auf sein Schiff zuraste.

»Diese Welt ist nicht mehr sicher«, erläuterte er, als Gal'Arn aufbegehrte. »Wir müssen sie auf der Stelle verlassen. Du und dein Untergebener werden mich bei der Verfolgung des Schiffes der Gesetzesbrecher begleiten.«

Gal'Arn zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass dies keine freundliche Bitte, sondern ein eiskalter Befehl war.

Zehn Monate später hatten sie die Spur der KARAN, Cau Thons Schiff, bis in eine Galaxis verfolgt, die von ihren Bewohnern Barym genannt wurde. Gal'Arn hatte Evspor klar machen können, dass seine TERSAL viel besser für die Verfolgungsjagd geeignet war als das langsame Wachschiff des Kyberklons, so war er kurzerhand auf der Ritterschiff gewechselt und hatte mehr oder weniger das Kommando übernommen.

In den langen Monaten der Verfolgungsjagd hatten sie aber immer mehr Vertrauen ineinander gefasst, sodass man mittlerweile schon fast von so etwas wie Freundschaft sprechen konnte – falls so etwas bei einem Kyberklon überhaupt möglich war.

Jaktar war von den Medo-Anlagen behandelt worden und mittlerweile wieder völlig der Alte, also blieb nur das Schicksal von Aurec ungewiss, doch Gal'Arn zweifelte nicht daran, dass er noch am Leben war.

Barym war eine nach astronomischen Begriffen äußerst aktive Sterneninsel, was nicht zuletzt auf eine in unmittelbarer Nachtbarschaft stehende zweite Galaxis zurückzuführen war, die mit Barym durch einen Materiestrahl verbunden war. Wochenlang irrte die TERSAL jetzt schon durch die Galaxis, ohne auch nur den geringsten Hinweis auf den Verbleib der KARAN zu finden.

Stattdessen erkannten Gal'Arn, Evspor und Jaktar sehr schnell, dass offenbar ganz Barym völlig unter dem Einfluss MODRORs stand. Auf praktisch jeder Welt galt er als der große Herrscher, teilweise sogar als Gott. Raumfahrt war in Barym verboten, lediglich dem humanoiden Volk der Zievohnen, das die größte Bevölkerungsgruppe stellte, und den schlangenartigen Larsaar, die die Soldaten des Reiches stellten, war der Besitz und die Verwendung von Raumfahrzeugen erlaubt. Zusammen mit dem Wirtschaftler- und Diplomatenvolk der vogelähnlichen Atusar und den Rytar, die fast gänzlich Wissenschaftler waren, bedeuteten sie die anderen Völker der Galaxis im Namen von MODROR erbarmungslos auf.

Natürlich war die Ankunft der TERSAL nicht unbemerkt geblieben, doch war es Gal'Arn bisher immer gelungen, den Schiffen der Larsaar zu entkommen. Schließlich zog man sich in den Schutz einer Sonnenkorona zurück und beratschlagte die weiteren Schritte.

»Wenn diese Galaxis quasi das Domizil MODRORs ist, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass hier das Ziel der TERSAL liegt«, fasste Gal'Arn die bisherigen Erkenntnisse zusammen.

»Was ist mit der Nachbargalaxis Baryms?«, fragte Jaktar. »Vielleicht stecken sie auch dort.«

Gal'Arn legte eine Hand auf den Hinterkopf, die elarische Geste für Unwissenheit. »Für die unterdrückten Völker existiert sie nicht – kein Wunder, schließlich ist ihnen auch die Raumfahrt verboten. Die Zievohnen, Larsaar, Atusar und Rytar reden nicht darüber, was mir sehr viel verdächtiger vorkommt, als wäre sie eine Art Tabu.«

»Gerade das macht sie interessant«, schaltete sich Evspor ein. »Es wäre ein großer Fehler, nicht nachzusehen.«

Gal'Arn konnte ihm nur zustimmen. Er steuerte die TERSAL aus dem Ortungsschatten der Sonne, die ihnen in den letzten Wochen Unterschlupf gewährt hatte und flog die Galaxis an.

In sicherer Entfernung von mehreren hundert Lichtjahren fiel das Ritterschiff in den Normalraum zurück. Sofort schlugen die Orter Alarm.

»Ich orte Hunderte von Schiffen!«, rief Jaktar aufgeregt. »Nein, Tausende! Gleicher Typ wie die Schiffe der Larsaar.

»Offenbar eine Art Blockade- oder Wachflotte«, kombinierte Gal'Arn und wandte sich wieder den Navigationsinstrumenten zu.

Der Ritter der Tiefe durchflog die Flotte im sicheren Hyperraum und kehrte dann »hinter« dem Gegner in unmittelbarer Nähe einer zuvor ausgekundschafteten Sonne auf. Sofort ließ er das Schiff in die Korona des Sterns sinken.

Gespannt warteten die drei Besatzungsmitglieder ab. Erst nach einigen langen Minuten stieß Gal'Arn erleichtert die Luft aus. Offenbar war ihre Ankunft unbemerkt geblieben. Er aktivierte wie in den Wochen zuvor wieder sämtliche Funkgeräte, und die drei lauschten jeder für sich den vom Bordcomputer vorsortierten Nachrichten.

Nach einigen Stunden trugen sie ihre Erkenntnisse zusammen.

»Diese Galaxis trägt bei allen die Bezeichnung Verbotene Zone«, begann der Kyberklon Evspor, »und gilt als absolutes Hoheitsgebiet MODRORs.«

Gal'Arn nickte. »Jeder Larsaar und auch viele Angehörige der anderen drei Hauptvölker Baryms sind verpflichtet, bei der Bewachung mitzuwirken. Kein Angehöriger der Wachflotten scheint je das Innere der Verbotenen Zone gesehen oder sie auch nur betreten zu haben, dennoch sehen sie in ihrem Dienst eine große Ehre.«

»Das kann so nicht ganz stimmen«, widersprach Jaktar. »Ich habe ein Gespräch zwischen einem Larsaar und einem Zievohnen verfolgt, in dem sie sich über ein ›Sternentor‹ im Inneren der Verbotenen Zone unterhalten haben. Offenbar genießt dieses Objekt einen noch höheren Schutz, denn dort scheint es eine eigene Wachflotte zu geben.«

»Das ist korrekt«, bestätigte der Kyberklon. »Ich habe Ähnliches gehört, ferner ist es mir auch gelungen, die genaue Position des Sternentors zu ermitteln.«

Gal'Arn machte eine beschwichtigende Geste. »Das ist aber erst einmal unwichtig für uns. Wir hätten sowieso keine Chance, auch nur in die Nähe dieses Sternentors zu kommen, denn es wird wesentlich intensiver bewacht werden als der Rand der Verbotenen Zone – also keine Durchschlupfmöglichkeit für die TERSAL. Hat einer von euch Hinweise auf die KARAN oder Aurec erhalten?«

Dies mussten Jaktar und Evspor verneinen.

»Ich auch nicht«, sagte Gal'Arn. »Also kehren wir zunächst einmal nach Barym zurück, da dort unsere Chancen größer sind. Vielleicht ergibt sich irgendwann später einmal die Möglichkeit, dass wir uns dieses Sternentor einmal genauer ansehen.«

Als keine Einwände kamen, setzte Gal'Arn sein Schiff erneut in Bewegung, diesmal zurück zu Barym.

2. Zwischenspiel

Das ist ja alles sehr nett«, unterbrach Nicola Posny die Ausführungen des Ritters. »Aber leider hilft uns das bei unserer derzeitigen Mission überhaupt nicht weiter.«

Tania Walerty verdrehte die Augen, verzichtete aber sicherheitshalber darauf, sich wieder unbeliebt zu machen. Sicher würde nicht nur sie diese unverschämte Unterbrechung stören, und tatsächlich, Ben Strout meldete sich zu Wort:

»Posny«, er wählte bewusst den blanken Nachnamen als Anrede, um möglichst abweisend zu klingen. »Im Gegensatz zu dir finde ich diesen Vortrag mehr als interessant. Es ist sicherlich nur von Vorteil, wenn wir weitere Informationen über Barym erhalten.«

»Aber dazu muss ich mir nicht die ganze Lebensgeschichte Gal'Arns anhören«, versetzte die Kommandantin der NIMH. »Ihr wisst ebenso wie ich, dass wir lediglich ausgeschickt wurden, um nach dem Schicksal Aurecs und Gal'Arns zu fahnden. Einen haben wir lebend gefunden, von dem anderen können wir jetzt mit Sicherheit annehmen, dass er ebenfalls noch lebt – wenn auch als Geisel MODRORs.« Sie machte eine dramaturgische Pause. »Ich möchte daher mit der NIMH schnellstmöglich nach Cartwheel zurückkehren.«

Tania glaube, sich verhört zu haben. »Gerade deshalb sollten wir hier bleiben und Gal'Arn unterstützen.«

Nicola lachte auf. »Gerade deshalb sollten wir umkehren, Frau Walerty. Die TERSAL ist ein Schiff eines echten Ritters der Tiefe, während die NIMH nur ein Forschungsraumer ist. Außerdem ist der Kyberklon Evspor und diese Flotte von Raumschiffen …«

»… die Schiffe der Widerständler unter Banternach!«, ergänzte Jaktar.

Posny winkte ab. »Wie auch immer. Jedenfalls sollten wir das ganze lieber unseren Experten hier überlassen und zur Insel zurück kehren, damit der Paxus-Rat dann gegebenenfalls Verstärkung durch das Sternentor schicken kann.«

»Sollten wir nicht zumindest den Vortag zu Ende hören, bevor wir uns entscheiden?«, gab Ben Strout zu bedenken. »Wer ist dafür?«

Das Votum ging klar für die Fortsetzung aus, lediglich der Zweite Offizier und der etwas ängstliche Pilot Mick Shumh stimmten zusammen mit der Kommandantin dagegen. Doch diese beugte sich der demokratischen Entscheidung und gab Gal'Arn durch einen Wink zu verstehen, dass er fortfahren solle. Anschließend verschränkte sie demonstrativ die Arme ineinander und lehnte sich mit einem finsteren Gesichtsausdruck weit zurück, als würde sie dies alles gar nichts angehen.

General Shul'Vedek, neben den kleinem fremden Raumschiff, das uns schon seit Monaten immer und immer wieder entwischt, ist jetzt noch ein anderes, viel größeres Raumschiff in Barym aufgetaucht. Leider hat sich der nichtsnutzige General Raktor abhängen lassen, daher wirst du nun die Fremden aufspüren und beseitigen.«

»Jawohl, mein Herrscher. Ich mache mich umgehend auf den Weg.«

Shul'Vedek deaktivierte die Funkverbindung und atmete erst einmal tief durch. Es war das allererste Mal in seiner gesamten Laufbahn als General, dass er einen Befehl vom obersten Herrscher der Larsaar, Ghul'Adar, bekam. Anweisungen von der Zentralwelt Lerh Ar'Modror waren für seinen Dienstgrad nichts Ungewöhnliches, aber vom Herrscher selbst? Das wäre, als hätte sich MODRORs Inquisition bei ihm gemeldet.

Nachdenklich glitt er auf den Bewegungsschuppen seines Schlangenunterleibs durch seine Räumlichkeiten. Versagen konnte in diesem Fall nur den Tod bedeuten – bestenfalls! Andererseits würde er mit einem Erfolg seiner bisherigen Karriere die Krone aufsetzen und vielleicht sogar zum Oberkommandierenden der Streitkräfte in Barym ernannt werden – der absolute Traum für jeden Larsaar.

Mühsam drängte er seine Phantasien zur Seite und konzentrierte sich auf das Wesentliche. Da wäre zunächst einmal das kleine Raumschiff mit offenbar überragendem Ortungsschutz, das nur hin und wieder einmal auf den Überwachungsschirmen irgendwo in Barym auftauchte. Den Larsaar unbekannte Verbündete von MODROR konnten das unmöglich sein, dann hätten sie sich nicht so im Verborgenen aufgehalten. Zufällig in Barym gelandete Forscher konnten es auch nicht sein, denn sonst hätten sie sich nicht so lange in der Galaxis versteckt und wären spätestens nach der beinahen Vernichtung geflohen. Blieb also nur übrig, dass sie Gegner von MODROR waren – und damit auch Gegner Baryms und der Larsaar.

Und nun dieses neue Schiff. General Raktor hatte es fast stellen können, doch leider entkam es. Nach einer langen Verfolgungsjagd verlor man schließlich seine Spur, fand nur die Restemissionen eines Raumschiff-Konvois, der nirgends registriert war.

Die Rebellion?

Natürlich! Warum war er nicht gleich darauf gekommen. Die Rebellion hatten die Larsaar bisher nicht sonderlich ernst genommen, da sie viel zu klein und zu schlecht ausgestattet war, um auch nur die kleinste Bedrohung der inneren Sicherheit darzustellen. Mit Hilfe von Außen konnte sich das aber schnell ändern.

Die Wahrscheinlichkeit war also sehr groß, dass sich die Fremden bei den Rebellen aufhielten – vermutlich sogar in deren Hauptquartier.

Shul'Vedek bleckte zufrieden die Zähne. Es schien fast so, als könne er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – die Fremden finden und nebenbei das bisher unbekannte Hauptquartier der Rebellion ausheben. Bei einem Erfolg würde Ghul'Ardar gar nichts anderes übrig bleiben, als ihm zum Oberkommandierenden zu machen.

Er kehrte an die Funkanlage zurück und kontaktiere seinen Assistenten.

»Schicke eine Nachricht an unsere Schläfer in der Rebellion«, wies er ihn an. »Sie sollen heraus bekommen, ob irgendwo in letzter Zeit ungewöhnliche neue Mitglieder aufgenommen wurden.«

Der Oberst nickte artig und trennte die Verbindung, ohne ein weiteres unnötiges Wort zu verlieren.

3. Gal'Arn

Einen Monat später war so etwas wie Routine in der TERSAL eingekehrt. In wechselnden Schichten überwachten Gal'Arn, Jaktar und Evspor den Funk, während das Ritterschiff selbst im sicheren Ortungsschatten einer Sonnenkorona versteckt war. Einmal pro Woche wechselte man den Standpunkt, um eine neue Perspektive kennen zu lernen.

Doch es passierte nichts. Das Leben in Barym ging seinen Gang und im Hyperfunk waren nur absolute Lappalien zu hören – ein Warentransport hier, eine Bestrafung einer Welt dort. Vor allem letzteres schien in MODRORs Galaxis an der Tagesordnung zu sein.

Gal'Arn hatte gerade seine Schicht beendet und den Platz in der Zentrale an seinen Orbiter abgegeben. Jetzt entspannte er sich in seiner Kabine mit einer Meditationsübung, die er immer vor dem Zu-Bett-gehen anzuwenden pflegte. Dennoch konnte er nicht verhindern, dass immer wieder aktuelle Probleme durch seine Konzentration schlüpften.

Was mochte aus Aurec geworden sein? Lebte er wirklich noch, oder hatte Goshkan ihn schließlich doch noch hingerichtet? Wie sah es in Cartwheel aus? Hatte MODROR vielleicht doch schon angegriffen?

Der Ritter der Tiefe bemerkte, dass seine Konzentration gestört war. Er zwang sich, sich ein Möbius-Band vorzustellen und eine Kugel im Geiste daran entlang rollen zu lassen. Immer, wenn die Kugel eine Umrundung geschafft hatte, atmete er ein, und wenn sie an der gleichen Stelle – nur auf der Unterseite des Bandes – angekommen war, stieß er die Luft aus. Nach zehn Umkreisungen stellte sich etwas wie Ruhe bei ihm ein …

… als der Schiffsalarm ihn abrupt hochfahren ließ.

Nur den Bruchteil einer Sekunde später hielt er sein Schwert kampfbereit in der Hand. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er es hier nicht benötigen würde. Er schob es wieder in die Scheide und stieß die Kabinentür auf. In der kleinen TERSAL lag die Zentrale nur ein paar Schritte entfernt, sodass dies genau so schnell wie ein Interkom-Anruf ging.

Erstaunlicherweise fand er dort neben Jaktar auch schon Evspor vor. Der Kyberklon schien über unglaubliche Reflexe zu verfügen und praktisch in Nullzeit dort angekommen zu sein.

»Was ist los?«, stieß Gal'Arn hervor. »Ein Zeichen von Aurec?«

Jaktar schüttelte nur den Kopf und aktivierte wortlos ein Holo.

Gal'Arn erkannte darin ein Orterbild der aktuellen Umgebung. Der grüne Punkt im Zentrum, der auf der Oberfläche eines großen blauweißen Balls klebte, das war die TERSAL. Ausgehend von der Größe des Balls, die das Sonnenversteck markierte, konnte der Maßstab der Abbildung nicht allzu groß sein. Umso mehr beunruhigten den Ritter die vielen roten Punkte, die wie die Sonne wie eine Kugelschale umgaben.

»Haben die uns entdeckt?«, fragte Gal'Arn langsam, dabei unwillkürlich flüsternd, obwohl die fremden Schiffe ihn unmöglich hören konnten.

»Ich fürchte ja«, erklärte Jaktar. »Sie tauchten alle gleichzeitig hier auf und verwenden momentan praktisch die gesamte Energie ihrer Schiffe für die aktive Ortung. Bislang hat kein Strahl die TERSAL getroffen – aber das ist wohl nur eine Frage der Zeit. Ich bin sofort viel tiefer gegangen, aber lange halten das nicht einmal die Maschinen eines Ritterschiffs aus.«

Gal'Arn begann, nachdenklich in der Zentrale auf und ab zu schreiten. Sämtliche Müdigkeit der vergangenen Schicht war völlig von ihm abgefallen. Nach einigen Runden gab er seinen grübelnden Gang plötzlich auf und fixierte seine beiden Zuschauer mit seinen Blick.

»Wir müssen hier weg«, stellte er lakonisch fest.

Jaktar verzichtete darauf, diese triviale Aussage irgendwie zu kommentieren. Er kannte seinen Meister viel zu genau, sodass er wusste, dass sich Gal'Arn schon viel weiter gehende Gedanken gemacht hatte.

»Wie weit sind sie noch entfernt?«, fragte Gal'Arn dann auch tatsächlich.

»Etwa eine halbe Astronomische Einheit«, erklärte Jaktar. »Sie kommen aber mit etwa 50% Licht näher.«

Gal'Arn überschlug die Zahlen im Kopf. Die TERSAL brauchte bei Maximalbeschleunigung exakt 100 Sekunden, um auf halbe Lichtgeschwindigkeit und damit die benötigte Mindestgeschwindigkeit für das Hypertakt-Triebwerk zu kommen. Dabei würde sie gut siebeneinhalb Millionen Kilometer zurücklegen, also ein zwanzigstel einer astronomischen Einheit. Allerdings konnten sie nicht voll beschleunigen, da sie sonst in der Atomglut der Sonnenoberfläche verbrennen würden, und auch der Stern selbst zerrte mit seiner Gravitation an der TERSAL.

Nun kamen aber auch die gegnerischen Schiffe in derselben Zeit eine zehntel Astronomische Einheit näher – alles voraus gesetzt, dass sie nicht nach dem Orten der TERSAL beschleunigen würden.

Es blieb also ein Zeitfenster von günstigstenfalls einer Minute, in der die TERSAL entkommen konnte – und diese Zeit lief gerade ab.

Gal'Arn stieß einen Fluch aus und rief: »Maximale Beschleunigung!«

Jaktar zögerte nicht eine Sekunde und hieb auf die Kontrollen. Sofort glühten die Schutzschirme auf und der Bordcomputer dunkelte die Fenster ab. Gebannt starrten alle drei auf das Orter-Holo.

Nur unendlich langsam löste sich die TERSAL von der Sonne und startete in den freien Raum. Viel zu träge beschleunigte das Ritterschiff, während die Sonne mit ihrer Gravitation daran zerrte. Währenddessen wurden die Schiffe des Gegners immer schneller, da diese die Anziehungskraft des Zentralgestirns zu ihrem Vorteil verwenden konnte.

»Hier spricht General Raktor«, erklang plötzlich eine Stimme über Funk in der Zentrale. Gal'Arn und Jaktar zuckten zu Tode erschrocken zusammen, nur Evspor schien wieder einmal aus Stein zu bestehen. »Sie halten sich widerrechtlich in der Galaxis Barym auf. Wir werden sie daher auf der Stelle verhaften. Bitte schalten Sie Ihren Antrieb aus und lassen Sie unser Enterkommando an Bord. Andernfalls werden wie Sie abschießen.«

Zur Untermauerung seiner Forderung gaben einige Schiffe einen Warnschuss ab, der jedoch aufgrund der noch großen Entfernung hoffnungslos daneben ging.

Gal'Arn ignorierte ihn einfach. Stattdessen saugte sich sein Blick an den Anzeigen des Schiffes fest. Dort meldete die TERSAL die beiden nun bedeutendsten Werte – die Entfernung zum Gegner und die noch benötigte Zeit bis zum Eintauchen in den Hyperraum. Momentan standen dort 40 Millionen Kilometer und 30 Sekunden, eine sehr große und eine sehr kleine Zahl und doch wusste Gal'Arn, dass es extrem knapp werden würde.

30 Millionen Kilometer und 20 Sekunden. Die gegnerischen Schiffe begannen zu feuern, obwohl auf diese Distanz ein Zielen noch absolut unmöglich war. Nichtsdestotrotz würde ein eventueller Zufallstreffer das sofortige Ende der TERSAL und ihrer Insassen bedeuten, da die Schirme schon lange zugunsten des Antriebs abgeschaltet waren.

18 Millionen Kilometer und 10 Sekunden. Gal'Arn schloss die Augen. Alles Starren auf die Anzeigen brachte nichts, denn das konnte ihr Schicksal auch nicht mehr ändern.

Doch Jaktar las die Sekunden laut ab: »Zehn … neun … acht … Noch 13 Millionen … sechs … fünf … 8 Millionen … drei … zwei …«

Die Stimme des Orbiters versank in einem ohrenbetäubenden Knall. Gal'Arn wurde zu Boden geschleudert und verlor das Bewusstsein.

Als Gal'Arn wieder zu sich kam, wunderte er sich als erstes darüber, dass er sich überhaupt noch wundern konnte.

Er öffnete die Augen und stellte fest, dass er auf der Liebe in der Medo-Station lag. Dann kam Evspor in sein Blickfeld.

»Ja, wir leben noch«, teilte ihm der Kyberklon überraschend freundlich mit. »Etwa eine halbe Sekunde vor dem Beginn des Hypertakts hat uns ein Schuss der Larsaar gestreift. Wir haben die Hyperfunk-Antenne und einige Waffen verloren, aber überlebt. Ihr beide habt leichte Blessuren davon getragen, aber nichts Ernstes.«

Gal'Arn stöhnte. Ausgerechnet der Hyperfunk. In ihrer momentanen Lage war das praktisch gleichbedeutend mit tot.

Er teilte Evspor seine Bedenken mit.

»Keine Sorge«, meinte dieser. »In den vergangenen Stunden konnte ich nicht nur unsere schwerfälligen Verfolger abschütteln, sondern habe auch ein bewohntes System ausfindig gemacht, in dem sich offenbar zurzeit keine Larsaar-Schiffe befinden.«

»Nichts wie hin«, sagte der Ritter der Tiefe sofort.

Evspor nickte. »Wir befinden uns bereits im Landeanflug.«

Die Schmerzen ignorierend, schwang sich Gal'Arn von der Liege. »Dann wollen wir mal hoffen, dass wir auf dieser Welt nicht allzu stark auffallen.«

Er landete das Schiff mit aktiviertem Deflektorfeld in einer offenbar selten genutzten Ecke des Raumhafens, dann stiegen die drei ebenfalls unsichtbar aus.

Auf Antigravs verzichteten sie, um nicht noch mehr unnötig aufzufallen, selbst Evspor, der sonst eine handbreit über dem Boden schwebte, stampfte auf seinen metallenen Füßen blechern vorwärts.

»Ich glaube nicht, dass wir uns so unbemerkt irgendwo anschleichen können«, kommentierte Jaktar die Schrittgeräusche des Kyberklons.

Daraufhin verstummten die Schritte. Alle trugen Antiflecks-Brillen, daher konnten Gal'Arn und Jaktar sehen, dass der Kyberklon stehen geblieben war.

Als sie einige Schritte weiter gingen, folgte er ihnen nicht. So blieben die beiden Shagoer ebenfalls stehen.

»Was ist los?«, fragte Gal'Arn den Zurückgebliebenen.

»Wie Jaktar völlig korrekt bemerkt hat, sind meine Fortbewegungsgeräusche zu laut«, erklärte Evspor. »Normal schweben kann ich wegen der Ortungsgefahr nicht, also bleibt als einzige Möglichkeiten, auf den Händen weiter zu laufen oder stehen zu bleiben. Ich habe mich für letzteres entschieden.«

Gal'Arn starrte ihn absolut fassungslos an und fragte sich ernsthaft, welches Ende von ihm wirklich aus einer Blechdose bestand.

Jaktar hingegen seufzte übertrieben, nahm seinen Rucksack ab und wühlte darin herum. Schließlich zog er ein Paar dicke Wollstrümpfe heraus und reichte sie Evspor.

Gal'Arn verstand die Welt nicht mehr. »Was ist das

»Handgestrickt«, erläuterte Jaktar mit sichtlichem Stolz. »Du weißt doch, dass ich mir immer fast die Füße abfriere, wenn wir draußen übernachten müssen. Und als ich im Speicher der TERSAL eine Anleitung fand …«

»Und wieso sehe ich die jetzt zum ersten Mal?«, fragte Gal'Arn weiter, während sich Evspor die Strümpfe über die Fußblöcke streifte und dann praktisch lautlos weiterging.

Jaktar zuckte mit den Schultern. »Wann haben wir denn das letzte Mal unter freien Himmel geschlafen? Wir hatten doch immer die TERSAL. Jetzt allerdings …«

Gal'Arn blieb nur, den Kopf zu schütteln und den mittlerweile voraus gegangenen Kyberklon zu folgen.

Was zum Donnerwetter tun die da?«, fragte Jaktar.

Gal'Arn antwortete nicht, sondern beobachtete weiter das Geschehen. Am Rand des Raumhafens, direkt an der Übergangszone zur Stadt, hatten sie diese merkwürdige Gruppe bemerkt. Eine große Schar von entfernt humanoiden, aber vierarmigen Wesen – offenbar die einheimische Bevölkerung dieses Planeten – wurde von Larsaar-Wachen flankiert und einer nach den anderen zu einem Tisch geführt, so einige Rytar die Wesen untersuchten und dann je nach Ergebnis in verschiedene Baracken weiterleiteten.

»Ich glaube, dass ist eine Art Eignungstest«, sagte Evspor. »Die Rytar untersuchen die Einheimischen je nach körperlicher Neigung und sortieren sie danach. Schaut euch die Baracke ganz rechts an. Dort werden nur besonders kräftige Naturen hingeschickt.«

»Offenbar rekrutiert MODROR so seine Soldaten«, kombinierte Gal'Arn. »Und in die Baracke ganz links kommen die armen Schweine, die für nichts richtig zu gebrauchen sind.« Er wandte sich ab. »Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, was denen bevor steht.«

»Also war dieser Planet doch keine so gute Wahl«, stellte Jaktar fest.

»Allerdings«, bestätigte der Ritter. »Früher oder später wird mit Sicherheit ein Schiff kommen und die neuen ›Rekruten‹ abholen. Wir sollten zusehen, dass wir bis dahin verschwunden sind.«

Nach dieser flogen sie noch mehrere andere Planeten ab und überall bot sich ihnen dasselbe Bild. Offenbar war hier eine gigantische Kriegsmaschinerie im Gange und keiner der drei konnte sich so recht vorstellen, wie viele Soldaten dort rekrutiert wurden.

Erst nach Tagen erreichten sie eine Welt, in der keine Anwerbung im Gange war. Da dort sehr viele unterschiedliche Völker unterwegs waren, beschlossen sie, ohne Deflektoren die Stadt aufzusuchen. Lediglich die TERSAL blieb wie immer getarnt.

Der Planet war eine Wüstenwelt, daher verwunderte es die drei nicht, dass praktisch alle Gebäude aus Sandstein gebaut worden waren. Dennoch schritt Gal'Arn erstaunt durch die Straßen und beobachtete die geduckt und klotzig erscheinenden Bauwerke, die lediglich Türen und Fensterläden, jedoch keine Scheiben aufwiesen.

»Dort vorne gibt es so eine Art Taxi«, meinte da plötzlich Jaktar.

Der Ritter der Tiefe folgte dem Arm seines Orbiters und erkannte einige Rikschas, die jedoch nicht von einem Lebewesen, sondern von einem Roboter gezogen wurden. Sofort setzte er sich in Bewegung und nahm auf der Sitzbank Platz. Jaktar setzte sich daneben, während Evspor sich hinter der Rikscha postierte.

»Wir suchen einen Schrotthändler«, erklärte Gal'Arn dem Zugroboter. »Bitte bringe uns zu einem.«

»Oki oki«, machte der Roboter mit schnarrender Stimme und setzte sein Gefährt in Bewegung. Evspor schwebte mit konstantem Abstand hinterher.

Nach einigen Minuten erreichten sie ein Gebäude, vor dem Stapelweise ausgediente Roboter, Aggregate und auch einige funktionstüchtige Geräte gestapelt waren. Gal'Arn bezahlte die Kutschfahrt mittels einiger Münzen, die er von den zuvor besuchten Planeten mitgebracht hatte. Er steckte in ein davor vorgesehenes Fach des Roboters schob und wartete nervös. Dann akzeptierte der Automat zur allgemeinen Erleichterung die Zahlung und verschwand mit seiner Rikscha.

Der Besitzer des Schrott-Ladens hatte sie mittlerweile bemerkt. Er kam ihnen mittels zweier Flügel entgegen geflattert und ließ sich auf einem Sitz nieder. Gal'Arn bemerkte, dass die Beine des kleine Wesens nur schwach ausgebildet waren und Fliegen offenbar seine Hauptfortbewegungsweise war. Das Gesicht des Schrotthändlers, das von zwei großen Augen, einem Rüssel und zwei gammelig aus dem Mund herausragenden Zähnen dominiert wurde, grinste sie übertrieben freundlich an.

»Ah … Kundschaft!«, krächzte er in einem merkwürdigen Dialekt der Verkehrssprache Baryms. »Was kann ich für euch tun?«

»Wir suchen einen Hyperfunk tauglichen Sendemast mit Howalgonium«, erklärte Gal'Arn.

»Howalgonium?« Der Händler stieg einen Meter nach oben und flatterte in Augenhöhe Gal'Arns auf der Stelle, dabei rieb er sich nachdenklich das Kinn und murmelte einige Worte in seiner Heimatsprache. »Das wird gar nicht billig …«

Unauffällig griff Gal'Arn in seine Manteltasche und richtete den dort verborgenen Psychostrahler auf den Händler. »Geld spielt keine Rolle.«

»Doch! Und ob es das tut!«, widersprach der Händler.

»Du wirst ihn uns so geben.«

»Nein, das werde ich nicht!«, erklärte der Händler wütend. »Versuchst du irgend so einen Psychotrick? Die funktionieren bei meinem Volk nicht.« Er hielt seine Hand direkt vor Gal'Arns Augen und rieb die Finger gegeneinander – eine offenbar im ganzen Universum bekannte Geste. »… nur Geld!«

Ehe Gal'Arn auf das Versagen des Psychostrahlers reagieren konnte, hatte sich der Schrotthändler bereits umdreht und flatterte durch eine Tür im hinteren Bereich seines Geschäfts. »Folgt mir, ich werde ich die schönsten Hyperfunk-Sendemäste zeigen, die ihr je gesehen habt!«

Dem Ritter der Tiefe blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. In den nächsten Minuten bekam er mehrere Mäste und ähnliche Stangen gezeigt, die jedoch alle nicht brauchbar waren. Als er bereits den Händler für seine Mühe danken und sich verabschieden wollte, kramte dieser plötzlich eine Antenne hervor, die von der Dicke und der Länge her wie für die TERSAL geschaffen zu sein schien.

Der Händler deutete den Ausdruck in Gal'Arns Gesicht sofort richtig. »Nur günstige 150.000 Baryms und sie gehört dir!«

»Ich werde das Geld besorgen und komme dann wieder«, erklärte Gal'Arn und verließ mit seinen beiden Begleitern den Laden.

Als sie außerhalb der Hörweite des Händlers waren, hielt es Jaktar nicht mehr aus. »Wie willst du das anstellen? Wir haben gerade mal eine Hand voll Münzen der in dieser Galaxis gültigen Währung!«

»Sei still, Orbiter!«, wurde er dafür sofort von seinem Meister gemaßregelt. »Sonst hört man uns noch! Mir wird schon was einfallen.«

Eine Zeit lang zogen sie ziellos durch die Straßen, bis sich Gal'Arn schließlich völlig in Gedanken versunken unter einen Schatten spendenden niederließ. Wie man es auch drehte und wendete, es blieb ein schier unlösbares Problem. Nach der schlechten Erfahrung mit dem Psychostrahler und den fast idealen Fund hatte er wenig Lust, noch bei anderen Händlern oder gar auf anderen Planeten nach dem benötigten Teil zu suchen. Somit blieb dieser Händler und damit das Problem des fehlenden Geldes. Würde sich der Händler vielleicht auf ein Tauschgeschäft einlassen? Vielleicht, aber so weit weg von Cartwheel und auf mittlerweile Monate langer Mission waren die Ersatzteile an Bord der TERSAL wichtig wie nie. Sie konnten natürlich auch auf irgendeinen Asteroiden Erze abbauen und irgendwo veräußern, doch das würde viel zu lange dauern und der Mast bis dahin schlimmstenfalls schon weg sein. Davon abgesehen brauchten sie den Hyperfunk so schnell wie möglich, um weiter nach Hinweisen über Aurec forschen zu können.

Evspor riss Gal'Arn aus dessen Grübeleien. »Der Typ da vorne verfolgt und schon seit dem Schrotthändler. Seit wir hier sitzen, lehnt er an dieser Hauswand und beobachtet uns unauffällig.«

Jetzt bemerkte auch Gal'Arn den humanoiden Verfolger, dem offenbar jetzt bewusst wurde, dass er enttarnt war und auf die Dreiergruppe zukam.

»Ihr seid nicht aus dieser Galaxis«, eröffnete er das Gespräch.

Gal'Arn fehlten für einen Augenblick die Worte. »Wie kommst du darauf?«

Der Fremde grinste. »Nun, so laut wie dein ›Orbiter‹ vorhin herum geschrien hat, konnte man das nicht überhören.« Er beugte sich vor und sprach bedächtig leise weiter. »Ihr müsst aufpassen. MODROR hat seine Augen und Ohren überall.«

»Demnach stehst du nicht auf der Seite des Herrschers von Barym?«, hakte der Ritter der Tiefe nach.

Der Fremde winkte ab. »Wer tut das schon? Vermutlich noch nicht einmal seine Larsaar-Soldaten, wenn er sie nicht einer Gehirnwäsche unterziehen würde. Aber leider tun praktisch alle nichts dagegen.«

»Aber du schon?«

Der Mann nickte begeistert. »Ich habe mich der geheimen Rebellion gegen MODROR angeschlossen, die eines Tages Barym befreien wird. Folgt mir, ich werde euch jemanden vorstellen!«

4. Durchbruch zum Sternentor

Gut, jetzt wissen wir also, wie ihr auf die Rebellion getroffen seid«, unterbrach Posny den Ritter der Tiefe ein zweites Mal. »Gehe ich recht davon aus, dass die uns begleitenden Schiffe die gesamte ›Streitmacht‹ der Rebellion unter diesem Atusar namens Banternach ist?«

Gal'Arn nickte.

»Und sehe ich das ebenfalls richtig, dass seit dem Zusammentreffen mit diesem Banternach nichts besonderes mehr passiert ist?«

»Nun … So direkt gefragt …«

»Gut!« Posny tat, als wäre Gal'Arn mit seinem Bericht fertig. »Angesichts der Berichte über MODRORs Soldatenrekrutierungen bitte ich noch einmal ausdrücklich darum, dass wir sofort nach Cartwheel zurück fliegen und diese wertvollen Informationen überbringen. Wer ist dafür?«

Zögernd hoben sich nach und nach die Hände. Mit leichtem Entsetzen stellten Tania Walerty, Ben Strout und Sandal Tolk fest, dass sie nunmehr die einzigen waren, die gegen den Vorschlag stimmten.

»Geschätzte Frau Posny …«, begann Strout, wurde aber von der Kommandantin der NIMH sofort unterbrochen.

»Als ob Sie mich schätzen würden!«, fauchte sie.

»Kommandantin«, machte der Ezialist einen neuen Anlauf. »Sicherlich ist es wichtig, die Informationen nach Cartwheel zu bringen. Aber kommt es jetzt noch auf ein paar Tage mehr oder weniger an? Wir hatten immerhin den Auftrag, nach Aurec zu suchen. Wie wäre es, wenn wir nicht nur die Informationen über MODRORs Wohnzimmer, sondern auch noch das Oberhaupt der Saggittonen mit nach Hause bringen können?«

»Das lassen die Vorschriften nicht zu. ›Schnellstmöglich‹ heißt schnellstmöglich und nicht erst in ein paar Wochen, wenn wir gerade Lust dazu haben. Im Übrigen sind Sie, geschätzter Herr Strout, kein offizielles Mitglied der Crew und können mich höchstens in meinen Entscheidungen beraten, mir aber nicht in die Belange des Schiffes rein reden.«

»In diesem Fall möchte ich auch kein inoffizielles Mitglied der Mannschaft mehr sein und wechsele auf die TERSAL über«, erklärte Strout.

»Und ich quittiere hiermit meinen Dienst!«, schlug Tania in dieselbe Kerbe.

Sandal Tolk donnerte seine Axt auf den Boden und grollte zustimmend.

Posny zuckte mit den Schultern. »Wie ihr wollt, dann bleibt halt hier.«

Banternach trat vor. »Es tut mir Leid, dass ihr mit eurem Schiff nicht die Rebellion unterstützen wollt, doch wenn ihr dann mit Verstärkung zurückkehrt, sucht bitte unseren Stützpunkt auf.«

Er nannte Posny die Koordinaten, die diese reichlich unwillig entgegen nahm.

Anschließend klatschte sie in die Hände. »Würden jetzt bitte alle Nicht-Crew-Mitglieder das Schiff verlassen? Bugh, Sie nehmen ab jetzt Walertys Stelle als Schiffsoffizier ein.«

Erst jetzt wurde Tania Walerty richtig bewusst, dass sie soeben ihren Dienst quittiert und praktisch aus der Insel-Armee desertiert war, doch dann sagte sie sich, dass dies immer noch besser war, als weiter an diesem Schiff Dienst tun zu müssen.

Gemeinsam mit den anderen verließ sie den Konferenzraum, packte in Windeseile ihre Habseligkeiten und suchte die Schleuse auf, an der die TERSAL angedockt hatte.

Nach der letzten Biegung zur Schleuse stieß sie plötzlich mit jemand zusammen. Ihr Koffer polterte zu Boden und entleerte sich.

»Oh – oh. Das tut mir aber Leid!« Sofort bückte sich die Person, auf die sie geprallt war, und sammelte hastig die Sachen auf und stopfte sie in den Koffer.

Erst jetzt erkannte Tania ihn. »Juff? Juff Ikudolf?«

Vor Schreck ließ der Angesprochene die Hefte einer bekannten Science-Fiction-Serie fallen, die er gerade aufgehoben hatte.

»E – es ist gar nichts passiert«, stammelte Juff mit einem verschwitzten Lächeln und langte nach einer Bluse, die er durch Ausklopfen von imaginärem, Staub zu befreien versuchte. Leider verknitterte er den Stoff dadurch völlig, was Tania überhaupt nicht gefiel.

»Juff, ich kann meine Sachen auch selbst aufsammeln!«, zischte sie und riss ihm die Bluse aus der Hand.

Dann versuchte sie zu retten, was noch zu retten war, aber leider ließen sich die Falten nicht mehr heraus streichen. Tania seufzte. Hoffentlich hatte Gal'Arn einen Bügelrobot an Bord.

»Was tust du überhaupt hier?«, wandte sie sich wieder an den Tollpatsch. »Warst du nicht irgendwie Aushilfe bei der Bordreinigung?«

Juff Ikudolfs Gesicht begann rot anzulaufen. »Ersatzaushilfe, aber die Kommandantin meinte, ich würde zu viel kaputt machen und hat mir befohlen, das Schiff auf der Stelle zu verlassen … Nun ja … Aber dass ich ausgerechnet dich hier …«

Ikudolf stockte und starrte ein Objekt aus Tanias Habseligkeiten an, die immer noch größtenteils auf dem Gang verstreut lagen. Sie folgte seinem Blick und erkannte, dass er ihre Holo-Dessous mit Spezialeffekten entdeckt hatte. Mit atemberaubender Geschwindigkeit ließ sie diese in ihrem Koffer verschwinden und stopfte nun selbst den Rest wie Juff zuvor einfach nur hektisch in die Tasche.

Erst als alles verschwunden war, fühlte sie sich besser, dennoch blieb das Gefühl, peinlich getroffen zu sein. Jetzt erst fiel ihr auf, dass Juff offenbar gar nichts verloren hatte.

»Wo ist eigentlich dein Gepäck?«

Ikudolf starrte verlegen seine Fußspitzen an. »Alles kaputt gegangen …«

»Du hast gar keine Anziehsachen?«

»Doch, das schon!«

Juff zog sein Hemd etwas nach oben, sodass Tania sehen könnte, dass er darunter noch mehrere Schichten anderer Kleidung trug. Fassungslos blieb ihr Mund offen stehen. Das hatte sie dann doch nicht erwartet.

In diesem Moment vernahmen beide ein Poltern und Scheppern, das schnell näher kam. Kurze Zeit später, kam ein riesiger Berg an Waffen um die Ecke gestampft. Die ehemalige dritte Offizierin der NIMH brauchte einige Augenblicke, bis sie inmitten all der Äxte, Keulen, Bögen und Schwerter tatsächlich Sandal Tolk erkannte. Kleidung schien er offenbar gar keine zu besitzen, wenn das seine gesamten Habseligkeiten waren.

Bisher hatte sie immer gedacht, mit ihrem Besitz, der in gerade einmal einen Zwei-Kubikmeter-Koffer passte, sehr sparsam zu leben, aber diese beiden Fälle riefen einfach nur Entsetzen bei ihr hervor. Konnten Männer wirklich mit so wenig Kleidung und Utensilien leben? Mit Schaudern erinnerte sie sich an Peter de la Siniestros Kleiderhaufen, wie sie ihn in der Militärstation kennen gelernt hatte.

In diesem Moment erreichte auch Ben Strout als letzter den Schleuseneingang. Zu Tanias Genugtuung schob er einen ebenso großen Koffer wie sie selbst vor sich her. Er nickte kurz und ging dann einfach an den anderen vorbei in die TERSAL.

Tania Walerty verließ nun ebenfalls die NIMH. Sie blickte nicht zurück.

Nicola Posny hatte ziemliche Mühe, ihre hervorragende Laune vor der restlichen Mannschaft zu verbergen. Nach außen hin war sie die unnahbare und strenge Kommandantin – doch innerlich führte sie Freudentänze auf, weil nicht nur diese rechthaberische und aufmüpfige Walerty, sondern auch der nervende Strout und diese Urzeitkreatur ihr Schiff verlassen hatten.

Dass Ikudolf auch gegangen war, stellte einen zusätzlichen Triumph dar. Zwar hatte sie den Tollpatsch seit der Zwangsversetzung zur Ersatzaushilfe der Bordreinigung nicht mehr gesehen, doch schmerzte die Erinnerung an die sprichwörtlichen Zusammentreffen noch sehr.

Blieben als störende Subjekte an Bord nur noch diese Emma Lian und ihr durchgeknallter Roboter Mel. Doch da diese seit jenen furchtbaren Ereignissen in Seshonaar nicht mehr in Erscheinung getreten waren, störte sie ihre Anwesenheit nicht.

Zufrieden steckte sie sich eine Zigarette an und beobachtete die Zentralbesatzung, die es nicht wagte, dagegen auch nur mit einen unwilligen Blick zu reagieren. Posny rauchte gern – und viel, zu jeder Gelegenheit. Zwar hatten die Zigaretten des 13. Jahrhunderts der Neuen Galaktischen Zeitrechnung kaum noch etwas mit ihren Vertretern vor Jahrtausenden gemeinsam, da sie absolut teer- und nikotinfrei waren, doch war Rauchen immer noch verpönt, da der Rauch andere störte und oftmals auch zum Husten brachte.

In der Zentrale hustete niemand. Notfalls hätten sie sich den Kehlkopf herunter geschluckt. Nicola wusste dies und steckte sich wohl wissend eine weitere Zigarette an. Sollten sie doch merken, wer hier der Chef war.

»Wir haben jetzt unseren Orientierungspunkt zwischen Barym und der Verbotenen Zone erreicht.«

Dieser Bericht des Piloten Mick Shumh überraschte Posny total, die immer noch in Gedanken versunken gewesen war. Erschreckt zuckte sie zusammen und verteilte dabei aus Versehen Asche auf ihren Oberschenkeln.

Scharf blickte sie um sich, aber von den Anwesenden hatte niemand das Malheur bemerkt oder sie verbargen es.

»Mir gefällt dieser Name ›Verbotene Zone‹ nicht«, sagte sie daher und wedelte mit ihren Armen umher. Insgeheim versuchte sie dabei, die Asche vom Stoß zu wischen, doch leider hatte die Glut schon Löcher in den Stoff gebrannt. Sie unterdrückte einen Fluch.

»Wie wäre es mit MODRORs Castle?«, meinte der Erste Offizier Ekkifred Lanson.

»Ja … Gute Idee …«, murmelte Posny, ganz in die Löcher versunken. Erst dann registrierte sie den Ausspruch bewusst. Sie blickte auf. »Was? So ein Blödsinn! Wir nennen die Galaxis MODRORs Secret! Wiffen, orten! Ich bin gleich wieder da.«

Schnell, aber nicht auffällig hastig verließ sie die Zentrale. Als sich das Schott hinter ihr geschlossen hatte, konnten einige ihr Grinsen nicht mehr unterdrücken.

Als der Interkom wieder summte, waren exakt zwei Stunden vergangen. Insgeheim zollte Shul'Vedek seinen Untergebenen Anerkennung für diese schnelle Arbeit, doch bevor er den Anruf entgegen nahm, setzte er wieder die Maske des überlegenen Generals auf.

»Ja, Oberst?«

»Wir konnten einen Funkspruch der Rebellen entschlüsseln, demzufolge neue Verbündete angekommen und auf dem Weg in die Zentralbasis sind.«

»Aha … Und wo ist diese Zentralbasis?«

Der Assistent druckste herum. »Das … Äh … Wissen wir nicht …«

Innerlich nahm der General seine Anerkennung wieder zurück und seine Verärgerung zeigte er offen. »Was seit ihr bloß für ein unfähiger Haufen? Seit Jahren sucht ihr vergeblich die Basis, aber zum Erkennen, dass Verstärkung eingetroffen ist, braucht ihr nur zwei Stunden?«

Wenn den Oberst dieser Tadel traf, dann zeigte er das nicht. Gelassen blickte er weiter dem General entgegen.

»Ist sonst noch etwas?«, fragte dieser daher unwillig.

Der Adjutant nickte lächelnd. »Wir haben das Kugelschiff orten können. Es bewegt sich gerade von Barym aus in Richtung Verbotene Zone.«

Shul'Vedeks Körper versteifte sich vor Schreck. Blitzschnell stützte er sich mit dem Schwanzende ab, um nicht umzukippen. »Das sagst du mir jetzt erst? Mobilisiere sofort die Flotte; den holen wir uns!«

Als Nicola Posny zurückkehrte, wunderte niemand, dass sie nun statt dem Uniform-Rock eine abgenutzt erscheinende Hose unter demselben Oberteil wie eben trug. Dieses ausgesprochen hässliche Kleidungsstück stellte so etwas wie ihre Freizeitkleidung dar, in der sie praktisch nie gesehen wurde. Höchstens, wenn sie aus ihrem Garten kam, den es Gerüchten zufolge irgendwo an Bord der NIMH geben sollte.

»Wiffen, Bericht!«, zischte sie und ließ sich auf ihren Sitz sinken. Auf die eigentlich obligatorische Zigarette verzichtete sie diesmal.

»Die ganze Verbotene … Äh … Ganz MODRORs Secret ist von einer Flotte aus Kriegsschiffen umgeben. Die Zahl muss in die Millionen gehen.«

»Und …? Seit wann kann man dieses … Problem nicht mehr durch einen kurzen Hyperraumflug umgehen?«

»Nun, vor allem im Sektor des Sternentors wimmelt es nur so vor Raumschiffen.«

Das war in der Tat ein Problem, aber Vorschriften waren Vorschriften.

»Shumh, kennst du die Frosch-Taktik?«

»Frosch-Taktik?«

»Na, ganz einfach.« Posny legte die Zigarettenschachtel auf die linke Armlehne, dann streckte sie den linken Arm aus, während der rechte im rechten Winkel darauf zeigte. »Das rechts sind wir, das in der Mitte unsere Gegner. Wir führen einfach eine kurze Hyperraum-Etappe durch …« Sie führte die rechte Hand im hohen Bogen über ihren linken Arm. »… und kommen dann genau da raus, wo wir hin wollen.« Zielsicher landete die Hand in der Zigarettenschachtel und fischte eine heraus.

Mick Shumh nickte. »Das klassische Kasom-Manöver.«

»Mir ist egal, wie ihr Piloten das nennt. Durchführung!«

Sie versuchen die Heuschrecken-Taktik«, stellte der Oberst fest.

General Shul'Vedek gähnte ausgiebig. »Wie langweilig …«, meinte er geistesabwesend. »5D-Blocker! Aber schießt nicht zu heftig, wir haben noch etwas vor.«

Etwa fünf Sekunden vor Eintreffen am Ziel fand sich die NIMH übergangslos im Normalraum wieder – mitten in der gegnerischen Flotte. Sofort würde sie von allen Seiten beschossen. Die Schutzschirme glühten auf.

»Sie müssen so eine Art Barriere aufgebaut haben!«, schrie die Ortungsoffizierin Wiffen durch den Lärm der auf Überlast laufenden Maschinen.

»Shumh! Volle Beschleunigung, wir versuchen durchzubrechen!«, antwortete Posny.

»Kommandantin, bei allem Respekt, aber das ist Wahnsinn!«, sagte Lanson.

»Ruhe! Keine Diskussion. Meine Befehle werden ausgeführt.«

»Wir sind viel zu weit vom Sternentor entfernt!«, widersprach der Erste Offizier ein weiteres Mal. »Wir werden das nicht überleben. Noch können wir tangential zur Barriere beschleunigen und in den Hyperraum fliehen.«

Posny stand kurz vor der Raserei. Wenn die Sicherheitsprallfelder sie nicht in ihrem Sitz gehalten hätten, wäre sie aufgestanden und hätte dem vermeintlichen Deserteur eine gescheuert. Als sie sehen musste, wie dieser Shumh sie anblickte und dieser dann tatsächlich nickte und floh, verlor sie in der Tat die Fassung. So laut sie konnte, schrie sie die Zentralbesatzung zusammen, doch niemand nahm Notiz. Erst als die NIMH in den Hyperraum wechselte und der Maschinenlärm urplötzlich verschwand, verstummte auch sie.

Lanson nutzte die kurze Pause. »Syntron, wie hoch war die Auslastung der Paratrons zuletzt?«

»Drei der fünf Staffeln ausgefallen, die letzten beiden um 348% überlastet.«

»Wie lange hätten sie noch standgehalten?«

»Eins-komma-drei Sekunden.«

Zynisch blickte er die Kommandantin an, die böse zurück starrte. Dennoch musste sie zugeben, dass er richtig reagiert hatte.

»Dennoch müssen wir auf schnellsten Wege nach Cartwheel zurück kehren und die Informationen überbringen«, stellte sie unbeeindruckt fest. »Wenn nicht durch das Sternenfenster, dann eben auf konventionellem Wege.«

»Aber bei unserem Überlichtfaktor würde das Jahre dauern!«, gab Shumh zu bedenken.

»Nach Ihrer Meinung habe ich nicht gefragt, Herr Shumh«, stellte die Kommandantin klar. »Die Vorschriften besagen, dass wir nach Beendigung unserer Mission auf der Stelle nach Paxus zurückkehren sollen, und daran werde ich mich halten.«

»Die Vorschriften sagen aber auch, dass eine Entscheidung der Kommandantin durch ein einstimmiges Veto der Offiziere aufgehoben werden kann«, widersprach Ekkifred Lanson. »Und im Gegensatz zu dir bin ich der Meinung, dass unsere Mission noch nicht beendet ist, denn wir wissen immer noch nicht, was mit Aurec ist.«

Posny verdrehte die Augen. »Du hast doch auch Gal'Arns Bericht gehört. Aurec wurde von Goshkan aufgespießt. Kennst du die Aussagen von Jonathan Andrews bezüglich Goshkans Vorlieben? Ja? Na, dann wirst du ja wohl wissen, welche Überlebenschancen Aurec gehabt hat.«

»Da unsere Ansichten völlig unvereinbar sind, bitte ich um eine Abstimmung der Offiziere«, erklärte Lanson und hob bereits die Hand. »Servo, bitte zu Protokoll nehmen, wer für meinen Vorschlag stimmt.«

Die Ortungschefin Kyrstin Wiffen hob sofort die Hand, unmittelbar gefolgt von ihrem Mann Klavius Wiffen, der für die Maschinen an Bord zuständig war, und dem Piloten Mick Shumh. Der Feuerleitchef Emil Bromssen überlegte nur kurz und gab dann ebenfalls seine Zustimmung zu Lansons Plan. Auch die neu in den Offiziersrang aufgestiegene Funkcheffin Bugh gab ein positives Handzeichen.

Der ruhige Afroterraner Kulumbri Waspesi, der als Sicherheitsoffizier in letzter Zeit nicht viel zu tun gehabt hatte, tat sich mit seiner Entscheidung sichtlich schwer. Unsicher blickte er von einem zum nächsten. Erst als er den triumphierenden Blick der Kommandantin Nicola Posny begegnete, hob er ebenfalls die Hand.

»Ich stelle fest, dass die Entscheidung des Ersten Offiziers per Mehrheitsbeschluss nach Paragraph 47 angenommen wurde«, teilte der Bordsyntron völlig überflüssigerweise mit.

Posnys Miene gefror. Sie wirbelte herum und verließ die Zentrale.

Lanson stieß die aufgestaute Luft aus und ließ sich dann in den Kommandantensitz sinken. »Mick, bringe uns zum vereinbarten Treffpunkt«, sagte er mit schwerer Stimme.

Dann legte er den Kopf zwischen die Hände. Ihm war bewusst, dass sie es sich nun alle – und vor allem er – ein für alle Mal mit der Kommandantin verscherzt hatten. Von nun an würde sie ihren undurchdringlichen Eispanzer nur noch verstärken und auf den kleinsten Vergehen herumreiten. Aber andererseits – und darauf kam es wirklich an – hatten sie den wahnwitzigen Vorstoß zum Sternentor überlebt.

5. Rückkehr nach Barym

Als die NIMH das vereinbarte Sonnensystem erreichte, war die Kommandantin immer noch nicht in die Zentrale zurückgekehrt. Die Stimmung ruhte auf dem absoluten Tiefpunkt und niemand sprach ein Wort.

Mit einem lauten Seufzer aktivierte Ekkifred einen Funkkanal zur TERSAL. »NIMH an TERSAL, leider konnten wir nicht zum Sternentor durchbrechen und sind daher …«

Als das absolut entsetzte Gesicht Gal'Arns auf dem Panoramaschirm auftauchte, schwieg er überrascht.

»Habt ihr denn völlig den Verstand verloren?«, flüsterte der Ritter der Tiefe, sichtlich um Fassung bemüht.

»Ich verstehe nicht …«

Doch dann verstand der Erste Offizier, als Tausende von Larsaar-Schiffen im System der kleinen roten Sonne materialisierten und sofort das Feuer auf alles eröffneten, was sich bewegte.

Mit einem Auge sah er, wie die TERSAL Koordinaten eines Treffpunktes übermittelte, mit dem anderen beobachtete er Mick Shumh, der verzweifelt Ausweichmanöver flog.

Dann flog eine Gießkanne über ihn und er wurde unsanft aus dem Sitz gestoßen.

Mit einem Blick erfasste Nicola Posny die Situation. Immer noch in »Freizeitkleidung« war sie sich in ihrem Sitz. »Shumh, großer Bogen um den Asteroiden dort, Deckung nutzen! Emil Bromssen, alle Geschütze auf das Schiff in Sektor 3/7!«

Die beiden bestätigten und führten die Befehle aus, als wäre vor einigen Stunden nie etwas geschehen. Kurze Kommandos und Bestätigungen wurden durch die Zentrale gerufen, und keine ganze Minute später war ein Feindschiff zerstört und die NIMH im sicheren Hyperraum.

Jetzt erst wandte sich die Kommandantin an Lanson, der schluckte. »Ort-ungs-schutz! Weg ver-schlei-ern!«, bläute sie ihm die Begriffe silbenweise ein, als wäre er in der 1. Klasse.

Dann sah sie aber völlig untypisch doch von einer längeren Standpauke ab und wandte sich stattdessen an Shumh. »Wir machen das genau so wie bei der Flucht vor General Raktor.«

»Jawohl.«

»Diesmal müssen wir aber unsere Spur besser verschleiern. Fliege möglichst nahe an Hyperstrahlern wie Sonnen, H II-Wolken und Schwarzen Löchern vorbei. Wiffen!«

Die Angesprochene reagierte sofort. »Hier in der Nähe gibt es eine große Wasserstoff-Zwei-Wolke …«

»Koordinaten an Bordsyntron übermitteln, Autopilot.«

Erleichtert nahm Mick die Hände von den Kontrollen und massierte die Handgelenke. Die nächsten Überlicht-Etappen waren nun nicht mehr seine Aufgabe.

Gespannt verfolgte die Besatzung, wie die NIMH einige Male scheinbar unmotiviert die Hyperetappe beendete und dann in einer anderen Richtung fortsetzte. Dann füllte übergangslos ein tiefes Rot die Außenbildschirme.

»Irgend eine Sternentstehungszone in unserer Umgebung?«

»Zwei Lichtsekunden voraus«, meldete Kyrstin.

»Auf geht's!«

Mick griff nach den Kontrollen und steuerte den Forschungsraumer genau in das angewiesene Gebiet.

»Außentemperatur?«, fragte Posny kurz.

»Dreißigtausend Kelvin.«

»Das hält die Außenhülle aus«, stellte Posny fest. »Alles abschalten!«

Übergangslos befanden sich die Besatzungsmitglieder in völliger Dunkelheit.

»Jetzt heißt es warten«, stellte Kyrstin Wiffen fest.

Niemand antwortete.

General Shul'Vedek tobte. Vor einem Moment hatte er sich noch an der militärischen Spitze Baryms gesehen, und nun schien sich sein Traum in Luft aufzulösen. Er stützte sich mit den muskulösen Armen ab und umschlang mit seinem Schwanz den Hals seines Assistenten. Unbarmherzig drückte er zu.

»Ihr habt sie schon wieder entkommen lassen!«, schrie er außer sich.

Der Oberst rang verzweifelt nach Luft. Dazu krächzte er etwas. Kurz bevor er ohnmächtig werden konnte, ließ der General ihn los. Keuchend holte er Luft und rieb sich den Hals.

»W – wir …«, keuchte er.

»Was?«, zischte Shul'Vedek.

»Spur … H II-Wolke …«

»Ach, so ist das«, stellte Shul'Vedek fest. »Ihr habt ihre Spur in einen Wasserstoff-Nebel verfolgt?«

Der Assistent nickte und atmete rasselnd.

Shul'Vedek klopfte ihn aufmunternd auf die Schulter. »Na, wenn das so ist, ist ja alles halb so schlimm!«

Nur wenige Minuten später erreichte das Flaggschiff Shul'Vedek den betreffenden Emissionsnebel. Zufrieden stellte er fest, dass seine Flotte das Gebiet bereits umzingelt hatte.

»Und sie sind ganz sicher dort drin?«, erkundigte er sich.

Der Oberst hatte sich von der Attacke immer noch nicht völlig erholt, daher beschränkte er seine Antwort auf ein schlichtes Nicken.

»Gut …« Zufrieden rieb der General seine Hände. »Feuer aus dem Thermogeschützen!«

Sofort setzte ein Strahlengewitter auf die Wolke ein. Zunächst beobachtete Shul'Vedek begeistert das Feuer, dann wurde er jedoch zusehends ungeduldiger.

»Wieso explodiert sie nicht?«, schrie er seinen Assistenten an, als würde er ihn persönlich dafür verantwortlich machen.

»General?«, fragte dieser verwundert zurück und bekam das Wort sogar einigermaßen heraus.

Shul'Vedek ruderte wild mit den Armen und der Schwanzspitze. »Diese ganze Wolke besteht doch aus Wasserstoff!«

»Ja«, musste der Oberst zugeben.

»Wasserstoff ist brennbar!«

»Damit Wasserstoff brennen kann, muss aber Sauerstoff vorhanden sein«, erklärte der Assistent seinem Vorgesetzten, »und den gibt es im freien Weltall nicht.«

General Shul'Vedek hielt übergangslos in seinen Bewegungen inne. »Wirklich?«

»Ja.«

»Das wusste ich natürlich«, erklärte der General laut und fragte dann leise seinen Adjutanten: »Aber eine Möglichkeit muss es doch geben.«

Der Oberst hob die Hände. »Diese Wolken ballen sich zusammen und bilden Sterne. Das entspricht in nächster Nähe etwa der Wirkung einer gigantischen Wasserstoff-Bombe.«

»Dann ballt diesen verdammten Nebel eben zusammen!«, zischte Shul'Vedek gefährlich leise.

»Das … das …«, stammelte der Oberst ängstlich. »Das können wir nicht. Selbst all unsere Gravitationsbomben würden bei dieser Größe von mehreren Lichtjahren Durchmesser nichts bringen. Viel zu groß!«

Shul'Vedek fixierte seinen Assistenten mit einem gefährlichen Blick und ließ wie beiläufig seinen Schwanz näher an ihn heran gleiten.

Im Gesicht des Obersts arbeitete es. Fieberhaft arbeitete er an einer Lösung.

»Ballungszonen!«, rief er dann erleichtert, als sich der Schwanz Shul'Vedeks schon fast wieder um seinen Hals gelegt hatte.

Der General zog ihn zurück. »Ballungszonen?«

»Ballungszonen sind Gebiete, in denen sich das Gas zusammenballt und neue Sterne bildet«, sprudelte das Wissen aus dem Oberst heraus. »Wenn wir dort unsere Gravitationsbomben platzieren, könnte es klappten.«

»Könnte?«, fragte Shul'Vedek scharf.

»Ganz sicher«, beeilte sich der Assistent zu versichern.

»Dann los!«

Der Oberst glitt davon. Als Kommandant des Schiffes gab er die benötigten Befehle. Er beorderte die großen Kriegsschiffe, die als einzige mit Gravitationsbomben ausgestattet waren, in das geeignete Gebiet und ließ dann alle gleichzeitig ihre Waffen abfeuern. Anschließend brachte er die Schiffe aus der Gefahrenzone.

Gespannt warteten alle ab. Zunächst tat sich nichts, doch nach einigen Minuten – als Shul'Vedek gerade ungeduldig zu werden begann – entstand in der Wolke plötzlich ein helles Leuchten, das sehr schnell an Größe und Intensität gewann.

Rund eine Stunde später änderte sich an der Größe nichts mehr.

»War dies alles?«, erkundigte sich der General wie beiläufig.

»Wir können dies in den anderen geeigneten Zonen wiederholen.«

»Auf geht's!«

Einen halben Tag später waren alle potenziellen Ballungszonen künstlich zu Sonnen gemacht worden, doch wütend stellte Shul'Vedek fest, dass immer noch der größte Teil der Wolke davon unbeeinflusst war.

»Was, wenn sie sich dort aufhalten und sich die ganze Zeit ins Fäustchen lachen?«, tobte er.

»Wir haben die Gebiete gescannt.«

Der General wollte sich nicht beruhigen. »Ich weiß genauso wie du, dass unsere Masse-Taster bei dieser gigantischen Menge an Wasserstoff unmöglich ein kleines Raumschiff orten können!«

»Schon, aber Hyperstrahlung ist zwar immer schon schwer, aber schon viel einfacher zu orten. Da wir nichts angemessen haben, heißt dies, dass sie alle Aggregate oder zumindest die Schutzschirme abgeschaltet haben.«

Shul'Vedek wurde wieder hellhörig. »Demnach müsste sie die Sternentstehung ganz schön erwischt haben.«

Sein Assistent nickte. »Entweder hat es sie schon erwischt, oder sie sind schwer angeschlagen. So schwer angeschlagen, dass die Gravitation der Sonnen sie früher oder später anziehen und hinein stürzen lassen wird. Wir können jetzt in aller Ruhe den Nebel durchkämmen und nach ihnen oder ihren Überresten suchen.«

Auf einen Wink des Generals hin setzte sich die Flotte in Bewegung.

Mit aller Technik war natürlich auch die künstliche Schwerkraft abgeschaltet worden, so war jeder an Bord der NIMH damit beschäftigt, möglich in seinem Sitz zu bleiben. Dazu war die Anspannung so groß, dass sich keiner ein Wort zu reden traute.

Plötzlich flammte eine kleine rote Lampe inmitten der absolut finsteren Zentrale auf. Sofort wollen alle Blicke wie magisch von dem Kontrolllicht angezogen.

»Was hat das zu bedeuten?«, erkundigte sich Posny.

Kyrstin Wiffen, die am nächsten dran war, hangelte sich im Dunkeln zu der Konsole und entzifferte mühsam die Beschriftung neben dem Licht.

»Höllibatzung«, las sie laut vor.

»Bitte was?«

»Ich kann das hier im Dunkeln praktisch nicht lesen«, schimpfte die Ortungsoffizierin. »Tut mir Leid.«

Man hörte ein Seufzen, dann ein Rumpeln. Schließlich flammte vom Kommandantensitz aus eine Taschenlampe auf.

»Ich wusste, dass ich sie eines Tages brauchen würde«, murmelte Posny und leuchte in Richtung des Lämpchens.

»Ja, jetzt geht es«, stellte Wiffen freudig fest. »Hüllenüberhitzung.«

»Was?«

»Hüllenüberhitzung«, wiederholte Wiffen lachend. »Ich kann es jetzt wunderbar lesen … Oh!«

»›Oh‹ ist wohl etwas untertrieben«, stellte Lanson zynisch fest.

In diesem Moment aktivierte sich eine weitere Lampe, diesmal in leuchtendem Gelb.

»Gammastrahlung«, las Wiffen vor.

Posny fluchte und aktivierte per Tastendruck die Notsysteme. »Passivortung!«

Wiffen stieß sich ab und schwebte für ihren fülligen Körper grazil zu ihrem Platz zurück.

»Um uns herum verdichtet sich der Wasserstoff rapide«, stellte sie wenig später fest. »Die Temperatur und Strahlung steigen sehr schnell an. Die Gammastrahlung wird momentan noch von der Außenhülle absorbiert. Momentane Außentemperatur … 90.000 Kelvin!«

»Das ist viel zu hoch!«, rief Posny. »Wir haben doch keine Ynkelonium-Panzerung!«

Kurz entschlossen aktivierte sie die Aggregate und hüllte die NIMH in einen -Schirm. »Schäden? Ortungsgefahr?«

»Beides negativ«, teilte Wiffen mit. »Noch einmal Glück gehabt, denn die neu entstehende Sonne schirmt uns hypertechnisch einigermaßen ab.«

»Neu entstehende Sonne?« Posny glaubte, sich verhört zu haben.

»Ich weiß nicht, wie die Larsaar das geschafft haben, aber der Wasserstoff um uns herum kollabiert und wir werden genau in das Zentrum der neuen Sonne gezogen.«

»Das würden wir sogar mit Paratron nicht überstehen!«

»Exakt.«

Nicola Posny hasste solche Situationen. »Reicht der Ortungsschutz dieser Baby-Sonne, wenn wir genau aufs Zentrum beschleunigen und dann in den Metagrav gehen?«

Von allen Seiten wurde sie entsetzt angestarrt.

Schließlich antwortete der Computer: »Nur wenn in den letzten Sekunden der Paratron aktiviert wird, um die enorme Hitze und Strahlung aufzuhalten.«

»Ortungsgefahr?«

»Möglich.«

Daraufhin lernte die Zentralbesatzung wieder einige neue Begriffe aus dem schier unerschöpflichen Schimpfwort-Repertoire ihrer Kommandantin kennen.

»Syntron, NIMH in Autosteuerung übernehmen. Bitte lege die komplette Besatzung in Tiefschlaf, damit es trotz abgeschalteter Andruckabsorber nicht zu Schäden kommt. Alle Crew-Mitglieder werden notfalls per Prallfelder geschützt.«

»Verstanden«, hörte man den Computer noch, dann erklang ein Zischen in der Zentrale und alle gaben den plötzlich unwiderstehbaren Wunsch nach Schlaf nach.

Epilog. Der Funkspruch

Wir haben soeben einen Paratron-Schirm geortet!«

»Wo?«, fragte General Shul'Vedek sofort.

»Genau im Inneren der zuletzt gezündeten Sonne.«

Der General schlug auf seine Armlehne. »Also sind sie uns wieder entkommen!«

»Da wäre ich nicht so sicher«, widersprach sein Assistent. »Wir konnten zwar kurzzeitig den Paratron anmessen, aber das war genau im Inneren der Sonne. Außerdem haben wir keinerlei Hinweise auf ein Hyperraum-Triebwerk finden können.«

»Also hat's sie erwischt?«

Der Oberst nickte.

Da glaubte Shul'Vedek, dass dies doch noch sein Glückstag werden könnte, und malte sich aus, wie es als oberster Feldherr Baryms sein könnte.

Doch er konnte seinen Gedanken nicht lange nachgehen.

»General«, wurde er gestört. »Soeben erreicht uns ein Funkspruch aus dem Entrison-System. Ihre Anwesenheit ist sofort erforderlich!«

Zwei Tage wartete die TERSAL, dann gab man die Hoffung auf. Im Schutze des Ortungsfeldes war es dem Ritterschiff gelungen, problemlos vor dem Larsaar-Schiffen zu fliehen, und auch überraschend viele Rebellenschiffe waren an dem Notfall-Treffpunkt erschienen.

Nur keine NIMH.

Traurig blickte Gal'Arn zu den anderen Mitgliedern seiner Besatzung. Vor allem Tania Walerty, Ben Strout, Sandal Tolk und Juff Ikudolf schien der Tod ihrer ehemaligen Besatzungsmitglieder verständlicherweise mehr als zu schaffen zu machen.

»Das Leben muss weitergehen«, sagte Gal'Arn mit belegter Zunge und ärgerte sich unmittelbar danach für diesen dummen Spruch. »Länger können wir nicht mehr warten. Unsere Suche nach Aurec ist wichtiger.«

Schweren Herzens nickten die anderen.

Ihre sprichwörtliche Grabesstille wurde nur wenige Minuten unterbrochen, als die TERSAL einen Funkspruch auffing, der sie die NIMH beinahe vergessen ließ – beinahe.

Sofort machte sich das Ritterschiff auf den Weg ins Entrison-System, wo sich große Ereignisse anzubahnen schienen.

ENDE

Im nächsten Heft schildert Tobias Schäfer die weiteren Abenteuer des Sammlers Nyrrak.

Flucht vor der Inquisition

ist der Titel von Heft 83.

NGC 1409 / NGC 1410

Beide Galaxien sind im Sterbild Stier zu finden und 300 Millionen Lichtjahre entfernt. Die Galaxie NGC 1409 zieht ständig Materie von NGC 1410 ab. Die Wissenschaftler glauben, das der Zusammenstoß der beiden Galaxien vor ca. 100 Millionen Jahren der Auslöser für den Materiefluss war. Unklar ist, warum gerade NGC 1409 die Materie aufnimmt.

Ein dunkles Band aus Materie, das bei der Galaxie NGC 1410 beginnt, schlängelt sich 20.000 Lichtjahr hinüber zu NGC 1409 und umläuft deren Zentrum wie ein Geschenkband. Mit Hilfe von Hubble konnte bestätigt werden, dass es sich tatsächlich um einen kontinuierlichen Materiefluss zwischen den beiden Galaxien handelt – eine intergalaktische Pipeline also.

Die Astronomen gehen davon aus, dass dieser Materiestrom durch die Kollision der beiden Galaxien entstanden ist, sind sich aber nicht sicher, wo diese Pipeline genau beginnt und warum gerade NGC 1409 Materie von der anderen Galaxie abzieht. Außerdem scheint NGC 1409 gar nicht zu merken, dass neues Material zuströmt: Normalerweise führt dies nämlich zu einer heftigen Sternentstehungsphase, von der allerdings nichts zu sehen ist. Eventuell, so ein Erklärungsversuch der Wissenschaftler, ist das einströmende Gas zu heiß, um Sterne bilden zu können.

Vielleicht ist aber auch die Pipeline selbst an dem Fehlen von heftiger Sternentstehung Schuld: Das dünne, nur 500 Lichtjahre breite Band transportiert nur rund zwei Hundertstel der Masse unserer Sonne pro Jahr. NGC 1409 sollte dadurch rund eine Millionen Sonnenmassen an Gas im Laufe der Zeit erhalten haben – eventuell nicht genug um eine heftige Sternentstehungsphase einzuleiten.

Die Kollision selbst hat allerdings zu Sternentstehungsaktivität geführt: Zu sehen ist dies beispielsweise an den hellen, bläulichen Spiralarmen in der Galaxie NGC 1410. Und das Schauspiel dürfte noch weitergehen: Noch viele Male werden sich die beiden Galaxien, die durch ihre Gravitationskraft verbunden sind, mit einer Geschwindigkeit von einer Millionen Kilometern pro Stunde umkreisen und teilweise durchdringen. Ihre Zentren sind nur rund 23.000 Lichtjahre voneinander entfernt – das ist weniger als die Entfernung der Erde zum Zentrum unserer Milchstraße. In rund 200 Millionen Jahren dürften die beiden Galaxien vollkommen verschmolzen sein.

Björn P. Habben

Der DORGON-Zyklus - Osiris - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Heft 82 von Alexander Nofftz. Titelbild: Mark Hoffmann. Technischer Berater: Sebastian Schäfer. Versand: PROC. Lektorat, Nachbearbeitung: Jens Hirseland. DORGON-Kommentar: Björn P. Habben. Umsetzung in Endformate: Alexander Nofftz. Generiert mit Xtory (SAXON, LaTeX). Homepage: http://www.dorgon.net/. eMail: dorgon@proc.org. Adresse: PROC c/o Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf. Copyright © 1999-2002. Alle Rechte vorbehalten!