Jens HirselandPERRY RHODAN ONLINE CLUB (PROC) HomepageHeft 80
DORGON - Die Fan-Serie des Perry Rhodan Online Clubs

Terror in Cartwheel

Die Boten des Hexameron bringen Tod und Leid - Cartwheel in Angst

Was bisher geschah

Im Jahre 1298 NGZ ist die Galaxis Cartwheel als neue Heimat zahlreicher Pilger von fünfzig verschiedenen Völkern anerkannt. Mit all ihren Kräften wollen sie auf Anraten der friedlichen Entität DORGON ein Bollwerk gegen die Armeen der finsteren Entität MODROR und seiner schrecklichen Söhne des Chaos errichten, die seit 1291 NGZ mit verschiedenen Mitteln ihrer schier endlosen Macht aus noch unklaren Gründen den Galaktikern den Krieg erklärt haben.

Jenseits von diesen Ereignissen hat die Archäologin Denise Joorn ein altes Geheimnis der Geschichte der Menschheit gelöst. Ohne die Gefährlichkeit zu erahnen, wird sie Zeugin der Auferstehung des Gottes Osiris, der zusammen mit seinen Gefährten zu einer Bedrohung der Erde wird.

In Cartwheel überschlagen sich nach der Linguskrise die Ereignisse. Die Bestien aus M 87 gewinnen unter Torsor ihre Unabhängigkeit, womit ein weiterer Plan der Söhne des Chaos mit Erfolg gekrönt wird.

Nun wollen sie sich Cartwheel Untertan machen. Mit Hilfe einer fanatischen Organisation, den Boten des Hexameron wird die Insel erneut von Kriminalität gelplagt. Keiner kann mehr auf der Insel sichern sein, denn es herrscht TERROR IN CARTWHEEL …

Hauptpersonen

Philippe de la Siniestro und Der Spanier heiratet notgedrungen

Dorys Gheddy – Die »bezaubernde« Braut

Raufu-Er-Heron – Der Hauri will die Hochzeit wörtlich platzen lassen

Will Dean und Jan Scorbit – Die beiden Chefs der Agenteneinheiten forschen ermitteln selbst

Rosan Orbanashol-Nordment – Die Halbarkonidin agiert auf eigene Faust

Sam Tyler – Der Sträfling erhält eine zweite Chance

Charly und Ian Gheddy – Die neuen Stiefsöhne des Marquese streben nach mehr Macht

Orlando, Stephanie, Brettany und Peter de la Siniestro – Die Kinder des Marquese sind alles andere als begeistert über die Hochzeit

1. 22.10.1298 NGZ

Trotz der schrecklichen Terroranschläge, die Cartwheel in diesen Tagen in Atem hielten, genoss ein gesellschaftliches Ereignis größtes Interesse: Die bevorstehende Hochzeit des Marquese von Siniestro mit der etwas seltsam anmutenden Dorys Gheddy. Da sich die Bevölkerung ähnlich auf dieses mediale Großereignis freute, wie in früheren Zeiten auf die Hochzeit eines Prinzenpaares, hatte man sich entschieden die Zeremonie nicht zu verschieben. Man wollte dem Volk nicht die Freude nehmen, hieß es. Die Sicherheitsmaßnahmen sollten jedoch drastisch verstärkt werden. Niemand konnte ausschließen, dass der allseits beliebte Marquese zum Ziel der Terroristen werden konnte.

Es gab jedoch nicht wenige, die sich über die Auswahl der Braut, Dorys Gheddy, wunderten. Sie schien so gar nicht zu dem kultivierten »Vater der Menschheit« zu passen. Und so manch einer fragte sich, was sie hatte, dass anderen Frauen nicht besaßen. Doch das die Liebe oft die seltsamsten Wege geht, ist keine neue Weisheit. So erwartete Siniestro mit Spannung die Hochzeit, die am 29. Oktober stattfinden sollte und sicherlich so manche Überraschung bringen würde …

Aus den Chroniken Cartwheels, Jaaron Jargon

Der Marquese rieb sich die Augen. Gerade war er aus tiefem Schlaf erwacht. Als sich die Schleier der Müdigkeit verzogen und er klar sah, erschrak er zutiefst. Vor ihm tauchte ein hässliches, faltiges Gesicht voller Runzeln auf und fauliger Atem schlug ihm entgegen.

»Guten Morgen, liebster Philippus. Ich bringe dir Frühstück ans Bett«, sagte Dorys Gheddy.

Die Frau winkte einen schwebenden Servo herbei, der ein Tablett mit allem was zu einem Frühstück gehörte, servierte.

»Ich heiße Philippe«, knurrte der Marquese gereizt. Jedesmal, wenn er diese Frau sah, verschlechterte sich seine Laune. Am liebsten hätte die ganze Hochzeitsfarce abgesagt, doch der Druck von Dorys Söhnen, Charly und Ian, wurde immer größer.

Ihm war nichts anderes übrig geblieben, als dem angesetzten Hochzeitstermin zuzustimmen. Nur noch eine Woche blieb dem alten Spanier, um einen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden. Doch auch sein treuer Berater Diabolo wusste keinen Ausweg. Auch von Cauthon Despair war keine Hilfe zu erwarten. Der silberne Ritter hielt die Angelegenheit für eine Privatsache des Marqueses. Außerdem hatten sich die Gheddys abgesichert. Sollte einem von ihnen etwas zustoßen, würde der Öffentlichkeit das Geheimnis des Marquese bekannt gemacht werden. Wie es aussah, blieb Don Philippe also nichts anderes übrig, als am 29. dieses Monats Dorys Gheddy zu ehelichen.

»Für mich heisst du Philippus«, holte ihn Dorys knarrende Stimme aus seinen Überlegungen.

»Und jetzt iss' erstmal dein Frühstück, damit du bei Kräften bleibst.«

Der Marquese gab nach und verzehrte sein Frühstück, während sich Dorys einen Kaffee, einen Vurguzz und eine Zigarette genehmigte.

»Wir müssen über die Hochzeit sprechen«, sagte Don Philippe notgedrungen. »Schließlich ist es nur noch eine Woche. Ich bin der Meinung, dass wir aufgrund der aktuellen Lage nur eine schlichte Zeremonie abhalten sollten.«

Doch Dorys schüttelte heftig den Kopf und blies dem Marquese den Rauch ihrer stinkenden Zigarette ins Gesicht, woraufhin dieser husten musste.

»Ich halte das einfach für nicht angemessen«, entgegnete Don Philippe. »Schließlich sind über 2400 Wesen gestorben. Es wäre am besten, die Hochzeit zu verschieben.«

Dorys wurde wütend. »Du Schwein! Das könnte dir so passen! Wenn du das tust, erfahren alle die Wahrheit über deine Klon-Bastarde!«

»Nicht so laut, du ordinäre Schlampe! Wage es nie wieder so über meine Kinder zu sprechen!«

»Ich will meine Traumhochzeit!«, rief Dorys mit hochrotem Gesicht und stampfte mit den Füßen auf.

Don Philippe war zu müde, um sich wieder zu streiten.

»Jaja, schon gut! Einigen wir uns auf den Mittelweg. Eine einfache Trauungszeremonie, dafür findet der Gala-Empfang wie geplant statt«, schlug er vor.

Dorys beruhigte sich wieder. »Na gut, Schnuppelchen. Wie du meinst.«

»Nenn' mich nicht Schnuppelchen!«, empörte sich der alte Spanier.

Dorys ging nicht darauf ein, sondern legte sich neben dem Marquese aufs Bett und begann ihre Bluse aufzuknöpfen.

»Was soll das werden?«, fragte der Don verständnislos.

»Wir sind schließlich bald Mann und Frau. Ich will, dass du es mir besorgst«, erklärte Dorys ernsthaft.

Entsetzt sprang der Marquese aus seinem Bett. »Um Gottes Willen! Das kommt überhaupt nicht in Frage!«

Dorys entblößte ihre gelbbraunen Zähne zu einem Lächeln.

»Ich verstehe, nicht vor der Hochzeitsnacht. Du bist ein Kavalier.«

Die Frau verließ das Bett wieder, was den Marquese sehr erleichterte.

»Ich kümmere mich jetzt um die Hochzeitsvorbereitungen, Schnuppelchen. Ich freue mich schon auf unsere Hochzeitsnacht«, sagte Dorys anzüglich.

Oh Gott, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen, dachte der Marquese. Sollte dies die Strafe sein für sein Tun?

»Übrigens, musst du dich noch um einen Trauzeugen kümmern«, verkündete Dorys. »Meine Trauzeugin ist meine Schwester Ottilie. Sie bekommt Ausgang aus dem Heim und freut sich schon, dich wiederzusehen.«

Der Marquese wurde noch bleicher. Das ist die Höchststrafe!

Der Marquese ahnte nicht, dass ihm noch weitaus Schlimmeres drohte.

2. Gelobt sei Heptamer

Nicht nur Don Philippe und seine holde Braut trafen Vorbereitungen für die Hochzeit. Afu At-Tarkan und seine Terrororganisation bereiteten den nächsten Schlag vor. Der Hauri, der sich für einen Propheten des Hexameron hielt, empfing seinen Planer und Strategen Raufu-Er-Heron in seinem geheimen Hauptquartier, um die nächsten Schritte zu besprechen.

Wie ein König saß er auf seinem Thron und gebot seinem Vasallen zu sprechen: »Nun, Raufu, hast du schon einen Plan für unseren großen Schlag ersonnen?«

Raufu nickte bedächtig. »Ja, mein Gebieter. Die Schwierigkeit besteht darin, in das Schloss hinein zu gelangen. Nach unseren erfolgreichen Aktionen wurden die Sicherheitsmaßnahmen drastisch erhöht. Ein Kommandoeinsatz, um in das Schloss hinzukommen, düfte also sinnlos sein. Auch ein anfliegendes Raumschiff würde abgeschossen werden, bevor es das Schloss bombardieren könnte.«

»Wie ich dich kenne, hast du schon einen Plan«, vermutete Afu.

»Ja, mein Gebieter. Ich wende die Radikallösung an. Wir zünden – in der Nähe des Schlosses – eine Arkonbombe.«

At-Tarkan war von dieser Idee begeistert. »Das ist ein wunderbarer Plan«, schwärmte er. »Somit wird es sogar ein Fanal für den Untergang des Universums werden!«

»Ja, alle wichtigen Regierungschef werden dort sein. Wir werden sie mit einem Schlag auslöschen«, stimmte Raufu zu.

In Afu-At Tarkans Augen trat ein fanatisches Leuchten. Er erhob sich aus seinem Thron. »Und damit Cartwheel in ein Chaos stürzen und dem Untergang näher bringen. Doch damit tun wir ein gutes Werk. Das Universum ist korrupt und degeneriert. Unaufhörlich zerstört es sich selbst. Wir beschleunigen diesen Prozess lediglich. Der Herr Heptamer wird mit uns zufrieden sein. Gelobet sei der Herr Herr Heptamer!«

»Gelobet sei der Herr Heptamer«, wiederholte Raufu-Er-Heron.

Als sich Afu wieder beruhigt hatte, setzte er sich wieder. Sein Denken wurde wieder nüchtern.

»Kommen wir nun zu den Einzelheiten. Woher bekommen wir eine Arkonbombe?«, fragte er seinen Strategen.

»Ich habe bereits eine bei unseren Kontaktleuten in der Milchstraße geordert«, berichtete Raufu.

»Bei den Galactic Guardians?«, riet Afu.

»Ja, Herr. Ich weiß, du verachtest diese Leute. Sie tun alles nur für Profit. Geld scheint für die Wesen der Milchstraße eine Ersatzreligion zu sein, doch gerade deshalb sind sie nützlich.«

»Du hast Recht. Eines Tages wird der Herr Heptamer auch sie strafen, doch bis dahin benutzen wir sie für unsere Zwecke. Wird die Bombe rechtzeitig eintreffen?«

»Das wird sie. Sie wird in mehreren Transporten geliefert, was sehr nützlich. Wir können sie dann besser nach Siniestro einschmuggeln und dort zusammensetzen. Die letzte Lieferung kommt morgen an.

Bis zur Hochzeit wird die Bombe einsatzbereit sein. Ich habe schon lange mit der Idee gespielt, solch eine Bombe einzusetzen, aber es fehlte bislang ein lohnendes Ziel.«

»Welches wir nun haben. Ich heiße deinen Plan gut. Es wird auch eine erfreuliche Überraschung für Cau Thon und seinen Herren MODROR sein. Mit einem Schlag werden auch viele ihrer Feinde vernichtet werden.

Ursprünglich hatte mir Cau Thon geraten, einen großen Schlag gegen die Welt der Somer zu führen, doch als ich die Ansprache des Marquese sah, kam mir die Idee einen Coup gegen seine Vermählung zu führen. Die Wirkung wird wesentlich beeindruckender sein.«

»Du solltest Cau Thon erst nach der Aktion unterrichten. Wenn der Plan gelingen soll, müssen wir äußerste Geheimhaltung üben. Noch einmal darf sich kein feindlicher Agent in unsere Angelegenheiten mischen«, warnte Raufu den Terroristenführer.

»Ja, du hast Recht. Nichts und Niemand soll uns aufhalten. Nun gehe und tue meinen Willen.«

Raufu verneigte sich und verließ den Raum. Afu At-Tarkan lehnte sich zufrieden in seinem Thron zurück. Alles lief bestens. Wenn die Aktion gelang, würde er sich zu der Tat bekennen und alle sollten wissen, dass die Macht des Herrn Heptamers, verkörpert durch ihn, grenzenlos war.

Das entstehende Machtvakuum gedachte er dann schnell auszufüllen. Ironischerweise hatte Cau Thon den Terrorfürsten forciert, nun drohte ausgerechnet dieser die Söhne des Chaos mit einem Schlag auszulöschen.

Doch das ahnte Afu At-Tarkan nicht, da Cau Thon ihn nicht über die Identität der Söhne aufgeklärt hatte. Aber selbst wenn er es gewusst hätte, wäre er nicht von seinem Plan abgerückt. Für ihn zählte nur der eigene Erfolg.

3. Die Neue USO

Auf Quinto, dem Hauptquartier der Neuen USO in Cartwheel, trafen sich unterdessen die Leiter von TLD und USO, Will Dean und Jan Scorbit, sowie dessen neue Stellvertreterin Rosan Orbanashol-Nordment, um die aktuelle Lage zu besprechen. Hauptgrund war die bevorstehende Hochzeit des Marquese. Angesichts der jüngsten Terrorakte war man zutiefst besorgt wegen der bevorstehenden Festlichkeit.

»Wir haben höchste Alarmstufe angeordnet«, erklärte Jan Scorbit. »Alle möglichen Angriffe auf das Schloss sind berücksichtigt worden. Mehrere Divisionen der Armee wurden nach Siniestro verlegt.«

»Was ist mit der Kirche? Und dem Weg von dort zum Schloss?«, fragte Rosan.

»Das ist ein wunder Punkt«, meinte Will Dean. »Der Marquese will, im altertümlichen Stil, mit einer Hochzeitskutsche von der Kirche zum Schloss fahren, damit das Volk ihm und seiner Schreckschraube zujubeln kann. Das erfordert einen riesigen Aufwand an Sicherheitskräften.«

Jan Scorbit schüttelte unwillig den Kopf. »Und das nur weil der Alte sich in den Kopf gesetzt hat, diese hässliche Schabracke zu heiraten. Dafür nun der ganze Aufwand und das enorme Risiko!«, regte er sich auf.

»Offiziell heißt es, man will ein Zeichen gegen den Terror setzen. Aber meiner Meinung nach steckt die Alte dahinter. Irgendetwas stimmt doch da nicht«, vermutete Will Dean.

Jan zuckte mit den Schultern. »Sein Privatleben geht uns nichts an. Unsere Aufgabe ist es, ihn und die Bevölkerung zu schützen. Wenn wir nur mehr Informationen über die Terroristen hätten!«

»Gibt es schon etwas neues über Akhaho da Purok?«, erkundigte sich Rosan.

»Leider nicht. Er ist spurlos verschwunden«, verneinte Jan Scorbit. »Unsere Leute konnten bislang noch keinen Hinweis auf seinen Verbleib finden.«

»Scheint so als müssten wir ihn abschreiben«, meinte Will Dean mit belegter Stimme.

Rosan bedauerte die Aussage von Dean. Sie klang so nüchtern. Als ob man einen Gegenstand abschreiben würde. Dabei ging es um das Leben eines Menschen. Doch so hart war das Agentenleben. Vielleicht der gefährlichste Job in Cartwheel.

»Also brauchen wir einen neuen Mann«, folgerte Rosan.

Jan stimmte seiner Stellvertreterin zu. »Ganz meiner Meinung.«

Rosan lächelte. Darin bestand also Einigkeit. Daher brachte sie gleich einen Vorschlag ein: »Ich hätte da schon den Richtigen für uns.«

»Und wen?«, fragte Will Dean interessiert.

»Es ist ein alter Bekannter von Ihnen – Sam Tyler.«

Davon war Jan Scorbit nicht sonderlich begeistert. »Dieser Psychopath? Der sitzt doch noch wegen seines Totschlags an Saron.«

Rosan stemmte die Hände in die Hüfte und versuchte ihren Standpunkt zu untermauern. »In diesen verrückten Zeiten brauchen wir knallharte Kerle wie Sam Tyler. Er verfügt über ausgezeichnete Fähigkeiten, Erfahrung und Kaltblütigkeit. Er weiß, wie man gegen solche Organisationen vorgehen kann. Ich halte ihn für den richtigen Mann, wir sollten ihn reaktivieren.«

»Sie hat nicht ganz unrecht«, fand auch Will Dean. »Mit Tyler hätten die Terroristen einen knallharten Gegner.«

»Nein, ich bin anderer Ansicht. Tyler ist unberechenbar. Wir hatten schon genug Ärger mit ihm. Er ist brutal und rücksichtslos, er kann sich nicht unterordnen. Wir sollten ihn da lassen, wo er ist – auf der Gefängniswelt Davau, da ist er genau richtig.«

»Aber …«, machte Rosan noch einen Versuch, aber Scorbit unterbrach sie.

»Kein Aber. Sie müssen erst noch Erfahrung sammeln, Rosan, bevor Sie so etwas beurteilen können«, erklärte er der verdutzten Rosan. »Außerdem habe ich bereits zwei neue Agenten für unsere Organisation. Es ist mir gelungen, sie dem terranischen Militär abzuwerben. Sie verfügen über Erfahrung und sind genauso knallhart wie kompetent.«

»Um wen handelt es sich?«, fragte Will Dean.

»Ich lasse sie rufen; sie warten draußen«, sagte Jan und schaltete die Sprechanlage ein.

»Helge von Hahn und Holge Wossyl können jetzt reinkommen!«, ordnete der USO-Chef an.

Kurt darauf betraten Helge von Hahn und sein bester Freund, der grobschlächtige Holge Wossyl den Konferenzraum. Rosan betrachtete die beiden mit großer Skepsis. Diese beiden Horrorgestalten sollten die neuen Spitzenagenten sein? Von Hahn und Wossyl salutierten zackig.

»Agent von Hahn und Agent Wossyl melden sich zum Dienst.«

»Danke, meine Herren. Sie können sich rühren!«, befahl Scorbit.

Von Hahn grinste und klopfte Jan auf die Schulter. Auch Wossyl lachte stumpfsinnig.

»Schön dich wiederzusehen, altes Haus. Mit uns hast du einen guten Griff getan. Wir werden die besten Agenten sein, die du je hattest. Wo wir zulangen, wächst kein Gras mehr«, lobte sich von Hahn selbst.

»Willkommen bei der Neuen USO, meine Freunde«, entgegnete Scorbit.

Rosans Skepsis wurde immer größer. So war das also! Die beiden waren seine Freunde. Scorbit schien einen seltsamen Freundeskreis zu haben. Besonders Helge von Hahn war Rosan auf Anhieb unsympathisch. Alles an ihm, seine ganze Art, wirkte abstoßend auf die Frau. Jan Scorbit deutete auf Rosan.

»Will Dean kennt ihr ja schon. Darf ich euch meine neue Stellvertreterin Rosan Orbanashol-Nordment vorstellen?«

Von Hahn musterte Rosan neugierig mit seinen Schweinsaugen. »Aber hallo! Was haben wir denn da für einen heißen Feger? Alle Achtung, Jan, echt geile Sekretärin hast du da. Kann die auch guten Kaffee kochen?«, fragte der Mann allen Ernstes.

Rosans höfliches Lächeln gefror umgehend. »Ich bin nicht seine Sekretärin, sondern seine Stellvertreterin und somit auch Ihre Vorgesetzte«, stellte sie klar.

Von Hahn lächelte sie höhnisch an. Er schien sie nicht Ernst zu nehmen. Er musterte sie mit seinen hervorstehenden Fischaugen von oben bis unten als sei in Objekt, das es sich zu besitzen lohnte.

Jan Scorbit räusperte sich und überspielte die peinliche Situation. »Da ich gleich zu einer Inspektion muss, schlage ich vor wir treffen uns heute Abend im Casino, um die weiteren Schritte zu besprechen.«

Rosan war nicht gerade davon begeistert, aber es blieb ihr nicht anderes übrig. Die Zeit drängte und es mussten Maßnahmen getroffen werden.

Am späten Abend begab sich Rosan ins Casino von Quinto, wo sich die Besatzungsmitglieder des Stützpunktes trafen, wenn sie ihren Dienst absolviert hatten. Nicht gerade der geeignete Ort für eine wichtige Besprechung, wie die Halbarkonidin fand, aber Jan Scorbit hatte es so gewünscht und er war der Chef. Außerdem war er mit von Hahn und Wossyl befreundet und wollte den beiden anscheinend einen angenehmen Empfang bei der Neuen USO bereiten. Rosan bezweifelte weiterhin, dass die beiden Neuankömmlinge für die Mission gegen die Terroristen geeignet waren. Zu ihrem Leidwesen war Will Dean, der ihrem Vorschlag Sam Tyler zu reaktivieren durchaus positiv gegenüberstand, nach Siniestro abgereist, um dort mit den Schutzmaßnahmen für die Hochzeit zu beginnen. Sie hätte ihn als Fürsprecher gebrauchen können.

Rosan entdeckte die drei an einem Tisch sitzend. Jeder von ihnen hielt einen riesigen Bierkrug in den Händen. Die drei stießen sich mit den Krügen an.

»Prost! Prost!«, rief Helge von Hahn lauthals und die beiden anderen stimmten in den Chor ein.

Am liebsten wäre Rosan wieder gegangen, doch Jan Scorbit hatte sie schon entdeckt.

»Hallo, Rosan! Hier sind wir!«, rief er.

Der jungen Frau blieb nichts anderes übrig, als Platz zu nehmen. Sie fühlte Helge von Hahns Blicke auf sich ruhen.

»Je später der Abend, desto schöner die Gäste«, begrüßte der blonde Mann die Halbarkonidin.

»Kommen Sie, trinken Sie mit uns!«, lud Scorbit sie ein.

»Danke, Sir, aber wie ich sehe haben Sie drei schon für vier getrunken«, erwiderte Rosan und deutete auf mehere leere Vurguzz-Gläser.

Scorbit lachte, Holge Wossyl rülpste laut und Helge von Hahn stierte weiterhin auf Rosan, die Platz nahm. Der Chef der USO bestellte die nächste Runde Bier und Vurguzz, Rosan nahm nur ein Mineralwasser.

»Warum bist'n du so in schwarz gekleidet? Satanistin oder so was?«, wollte Helge von Hahn wissen, dessen Stimme immer undeutlicher wurde.

»Ich bin in Trauer. Mein Mann ist vor kurzem gestorben. Könnten wir uns jetzt den dienstlichen Angelegenheiten zuwenden?«, fragte Rosan Orbanashol distanziert.

Von Hahn beeindruckte dies jedoch herzlich wenig. »Also bist du wieder frei, Baby«, stellte er taktlos fest.

Bevor Rosan eine scharfe Erwiderung abgeben konnte, brachte der Kellner die nächste Runde mit Getränken. Die drei Männer prosteten sich zu und kippten sich den Vurguzz in einem Atemzug herunter, wobei Holge Wossyl wieder herzhaft rülpste. Ansonsten war gedungen wirkende Mann ziemlich still.

Rosan wunderte sich über Jan Scorbit. Wie konnte der Leiter der Neuen USO sich in Zeiten wie diesen so gehen lassen? Und dann noch seine seltsame Freundschaft mit Leuten wie Helge von Hahn und Holge Wossyl. Die Halbarkonidin kam jedoch nicht dazu sich weitere Gedanken zu machen, denn von Hahn setzte sich direkt neben sie. Sein nach Alkohol riechender Atem ließ Rosan übel werden.

»Wie wär's denn mit uns beiden, du geile Schnitte?«, fragte der Mann anzüglich.

»Mr. von Hahn, ich halte es für das beste, wenn Sie sich wieder auf ihren Platz setzen. Dann bin ich geneigt, Ihr unverschämtes Benehmen zu vergessen«, wehrte Rosan ab.

Doch das reizte von Hahn nur noch mehr.

»Ich mag es, wenn die Weiber sich zieren. Das machte das Ganze nur noch reizvoller. Du spielst die Prüde, aber in Wirklichkeit willst du, dass dich mal ein Hengst so richtig durchnagelt. Gib's zu, ich gefalle dir!«

Rosan sah sich Hilfe suchend nach Scorbit an, doch dieser starrte nur noch mit glasigem Blick vor sich hin. Der letzte von den 30 Vurguzz war wohl schlecht gewesen.

»Das denken Sie nur im Traum! Ich würde Sie nicht mal haben wollen, wenn Sie der letzte Mann in Cartwheel wären!«

»Aber ich finde dich geil und ich will dich haben!«, rief Helge und grabschte Rosan ans Gesäß.

Jetzte reichte es der jungen Frau. Sie versetzte von Hahn eine schallende Ohrfeige, sodass dieser auf einen Schlag wieder nüchtern war.

»Ich habe jetzt genug von Ihrem miesen Benehmen. Sie sind ein widerliches Wildschwein! Im übrigen halte ich Sie als Agenten für die Neue USO völlig ungeeignet und werde mich an höherer Stelle über Sie beschweren«, warf sie dem verdutzen Helge an den Kopf.

Dieser wurde rot vor Wut und wollte auf Rosan losgehen. Doch bevor er an Rosan herankam, griff sein Freund Holge ein und hielt ihn mit einem Griff zurück.

»Mach keinen Quatsch, Mann!«, rief er Helge zu.

Einige Leute im Casino waren schon aufmerksam geworden und blickten neugierig zum Tisch herüber.

»Das machst du nicht noch mal mit mir, du Schlampe!«, schrie von Hahn wie von Sinnen. »Das wirst du mir büßen, du arrogantes Arkonidenmiststück! Eines Tages poppe ich dich dafür tot!«

Rosan hatte genug. Sie verließ eiligst das Casino.

Am nächsten Morgen suchte sie Jan Scorbit auf, um sich über Helge von Hahns Benehmen zu beschweren. Scorbit machte jedoch einen leidenden, gestressten Eindruck und hatte wenig Verständnis für Rosans Beschwerde.

»Helge behauptet, dass Sie ihn provoziert hätten«, erklärte er.

Rosan schüttelte empört den Kopf. »Das ist ja wohl die Höhe!«, rief sie. »Dieser Kerl wäre doch am liebsten vor allen Leuten über mich hergefallen. Ich werde ein Disziplinarverfahren gegen ihn anstreben!«

Jan verzog schmerzhaft das Gesicht und fasste sich an die Schläfen.

»Bitte nicht so laut. Ich habe Kopfweh«, klagte er.

Rosan sah ihn verächtlich an. »Sie müssen doch gesehen haben, wie sich von Hahn benommen hat.«

»Nun, ich muss gestehen, dass ich mich nicht mehr an alles erinnern kann, was gestern Abend vorgefallen ist«, sagte Scorbit zerknirscht. »Am besten, wir vergessen den Vorfall. Helge ist im Grunde genommen ein guter Kerl. Er ist nicht so schlimm, wie Sie denken, nur ein wenig impulsiv. Hinter seiner rauen Schale, verbirgt sich ein guter Kern.«

Rosan bezweifelte dies, schwieg aber.

»Ich rede mal mit Helge. Ich bin sicher, er sieht sein schlechtes Benehmen ein und entschuldigt sich.«

»Wenn Sie meinen«, erwiderte Rosan. »Allerdings zweifle ich an seiner Qualifikation als Agent, ebenso wie Wossyl. Ein Agent muss unauffällig arbeiten und darf sich nicht wie ein wildes Tier benehmen. Ich beantrage daher noch einmal die Reaktivierung von Sam Tyler. Er ist der Mann, den wir brauchen.«

Scorbit schüttelte unwillig den Kopf. »Das ist nur Ihre Meinung. Ich habe Ihnen meine Meinung zu diesem Thema bereits gesagt. Helge und Holge werden die Helfer Ijarkors unter die Lupe nehmen und bei denen nach Hinweisen suchen. Damit ist die Angelegenheit für mich erledigt. Und nun lassen Sie mich bitte allein.«

Nachdem Rosan das Büro ihres Vorgesetzten wütend verlassen hatte, fasste sie einen Entschluss. Sie war der festen Ansicht, dass die Terroristen die Hochzeitsfeier für einen Anschlag auf dem Marquese nutzen würden. Sie war auch nach wie vor der Meinung, dass die Helfer Ijarkors nur als Sündenböcke dienen sollten und das die wahren Drahtzieher der bisherigen Anschläge ganz woanders zu suchen waren. Da nur noch wenige Tage Zeit bis zur Hochzeit waren, beschloss die Halbarkonidin auf eigene Faust zu handeln. Sie würde zur Gefängniswelt Davau fliegen, Sam Tyler aufsuchen und ihn anheuern, sofern er damit überhaupt einverstanden war. Doch sie wollte alles versuchen, und nicht zulassen, dass die Sicherheit der Hochzeitsgäste von einem Mann wie Helge von Hahn abhängig war.

Schon wenige Stunden später befand sich Rosan im Anflug nach Davau, dem Gefängnisplaneten Cartwheels. Es gab hier mehere Gefängnisse, die alle in unwirtlichen Gebieten angelegt worden waren. Ohne ein Raumschiff konnte man nicht entkommen. Der Planet war von öden Wüsten und kargen Gebirgen durchzogen. Außerdem war der Planet unbewohnt, sodass man keine Chance hatte zu überleben, wenn ein Ausbruch überhaupt gelingen sollte.

Rosan landete auf dem Raumhafen von Davau, der schwer bewacht wurde. Von dort ging es mit einem Gleiter weiter in das Gefängnis in dem Sam Tyler nach dem Totschlag an Saron untergebracht worden war. Als stellvertretende Leiterin der Neuen USO war es kein Problem, beim Direktor Besuchsrecht zu erwirken.

Wenig später wurde sie mit Tyler in einem Besucherraum zusammengebracht. Tyler nahm erstaunt zur Kenntnis, dass der Aufseher, der ihn hierher gebracht hatte, den Raum verließ.

»Sie müssen eine wichtige Person sein, wenn wir alleine gelassen werden«, schloss er.

Rosan nickte. »Sozusagen, Mr. Tyler. Ich bin Rosan Orbanashol-Nordment, seit kurzem stellvertretende Leiterin der Neuen USO in Cartwheel.«

»Orbanashol-Nordment? Sie waren auf der LONDON, ich habe die Berichte aufmerksam gelesen. Ihr Mut hat mich beeindruckt, Lady«, sagte Tyler so freundlich, wie er konnte.

»Ich habe Ihre Akte gelesen, Mr. Tyler. Angesichts Ihrer Verdienste hat man sie zu hart verurteilt. Ich könnte dafür sorgen, dass Ihnen der Rest der Strafe erlassen wird.«

Tyler verzog keine Miene. »Und was muss ich dafür tun?«

Rosan erklärte ihm die Vorfälle der letzten Wochen in Cartwheel und ihre Befürchtung, dass die Hochzeit des Marquese zum Ziel der Terroristen werden konnte.

Tyler hörte ruhig zu. Als Rosan geendet hatte, meinte er: »Sie haben den richtigen Einfall gehabt, Lady. Es gibt Gerüchte hier im Gefängnis von einer neuen Terrororganisation, deren Anführer ein Hauri sein soll. Die Helfer Ijarkors stecken auf keinen Fall dahinter. Sie haben damals gegen dieses Schwein Saron gekämpft. Sie sind keine Terroristen.«

»Dieser Meinung bin ich auch. Ein Hauri, sagen sie?«, fragte die USO-Leiterin. »Die eignen sich doch besonders gut für Selbstmordattentate?«

Tyler nickte grimmig. »Besonders wenn die an das Hexameron glauben. Sollten die sich zu einer Terrororganisation zusammengeschlossen haben ist Schlimmes zu befürchten. Was soll ich tun, Lady?«

»Sie machen also mit?«, fragte Rosan.

»Ja, ich will hier endlich wieder raus.«

»Also gut. Versuchen Sie Kontakt mit Sympathisanten der Terroristen hier im Gefängnis aufzunehmen. Sollten Sie erfolgreich sein und uns wichtige Hinweise liefern können, wird Ihnen der Rest der Strafe erlassen. Ich habe einen Deal mit dem Justitzministerium für solche Fälle.« Rosan holte ein kleines Gerät heraus. »Dies ist ein siganischer Mikrosender. Er besitzt jedoch eine große Reichweite. Wenn Sie etwas wichtiges zu melden haben, funken Sie mich damit an.«

Tyler steckte das kleine Komgerät ein. »Okay, Lady. Ich vertraue Ihnen, weil mir ihr Verhalten auf der LONDON imponiert hat«, sagte Tyler finster. »Ich vertraue nur wenigen Leuten.«

»Mir können Sie vertrauen«, versicherte Rosan.

»Und Sie müssen mir vertrauen, Lady. Wenn wir hier raus gehen, muss ich eine überzeugende Vorstellung für die da draußen geben, verstehen Sie?«

Rosan schluckte. Irgendwie war Sam Tyler schon etwas seltsam. »Ich denke schon.«

Als sie den Raum verließen, kamen sie in eine Halle, wo mehrere Gefangene verschiedenster Völker arbeiten mussten oder sich die Beine vertraten. Als sie in der Mitte der Halle waren, packte Sam Tyler Rosan und würgte sie.

»Ich werde niemals mehr für euch arbeiten, du Miststück!«, schrie er dabei. »Cartwheel wird sowieso bald untergehen und ihr alle seid des Todes! Nur die, die reinen Glaubens sind, werden überleben!«

Seine Hände waren wie Schraubstöcke um Rosans Hals. Natürlich hatte man sofort die Aufmerksamkeit aller in der Halle. Der Aufseher, der Rosan und Tyler begleitet hatte, war überrascht von dem plötzlichen Gewaltausbruch seinen Häftlings, da dieser sich bislang immer gut geführt hatte. Er versuchte Tyler von Rosan los zu reißen, doch dieser versetzte ihm einen Handkantenschlag an den Hals, sodass der Aufseher zusammenbrach.

»Tod allen Ungläubigen! Tod und Untergang dem Marquese und seinen dekadenten Schweinehunden! Das Ende ist nahe!«, brüllte Tyler wie von Sinnen.

Einige andere Wärter eilten herbei und paralysierten den Tobenden. Tyler ließ ab von Rosan, die sichtlich nach Luft rang. Einen Moment lang hatte sie geglaubt, Sam Tyler würde sie wirklich umbringen. Ein Wärter kümmerte sich die junge Frau.

»Tut mir Leid, Mrs. Orbanashol, wir hätten nicht gedacht, dass er sie angreift. Bis jetzt war Sam Tyler ein Musterhäftling. Keine Ahnung, was in ihn gefahren ist. Jetzt müssen wir ihn zu den schwereren Fällen verlegen. Schade.«

Rosan begriff, dass dies Absicht von Tyler gewesen war. Als sie die Würgemale an ihrem Hals abtastete, fragte sie sich allerdings, ob Jan Scorbit nicht doch Recht hatte. Tyler war mehr als überzeugend gewesen.

4. Tyler und Hauris

Raufu-Er-Heron plante unterdessen die weiteren Schritte der Aktion. Der Hauri hatte jedoch ein Problem. Er besaß zwar die Arkonbombe, doch sie war in mehrere Teile zerlegt worden. Um sie wieder zusammen zu setzten und die nötigen Schaltungen vorzunehmen benötigte er einen Spezialisten, dem er vertrauen konnte. Seine Organisation hatte zwar solch einen Mann, den haurischen Wissenschafler Hankun-ber-Mallah, ein fanatischen Anhäger des Hexameron, doch ausgerechnet dieser Mann saß derzeit im Gefängnis von Davau. Raufu musste also Hankun-ber-Mallah zunächst aus Davau befreien, bevor er seine Aktion beginnen konnte, denn ein anderer kam für diese Aufgabe nicht in Frage.

Doch der Stratege hatte längst Vorkehrungen für diesen Fall getroffen. Er hatte seine Leute auch auf Davau und zwar nicht nur unter den Häftlingen. Es gab immer wieder korrupte Menschen, die sich kaufen ließen. Raufu verachtete vor allem die Lemurer-Abkömmlinge, für die Geld der wichtigste Wert im Universum zu sein schien. Sicher, es gab auch Ausnahmen – Idealisten die an höhere Werte, Religionen oder Philosophien glaubten, doch sie waren in der Minderzahl. Die meisten glaubten an gar nichts und schienen ihr Vertrauen stattdessen in das Geld zu setzen, welches ja auch seit Urzeiten eine stabile Konstante geblieben war, während viele Religionen oder Philosophien im Laufe der Zeit wieder verblasst waren.

Raufu verachtete die Materialisten, für ihn gab es nur einen Glauben – das Hexameron, das letztendlich obsiegen würde. Der Untergang des Universums war die einzig wahre Konstante, auf die man sich verlassen konnte. Doch Raufu war nicht unglücklich, dass es so viele korrupte Wesen gab, denn sie konnten der Organisation sehr nützlich sein, außerdem trugen sie dazu bei das Chaos und somit den Untergang zu beschleunigen. Der Stratege informierte seine Kontaktleute auf Davau, dass noch heute mit der Befreiung Hankun-ber-Mallahs begonnen werden musste.

Nach seinem »Überfall« auf Rosan Orbanashol-Nordment war Sam Tyler in den Sicherheitstrakt verlegt worden. Hier wurden mittelschwere Straftäter untergebracht. Da sich besonders viele Hauris dort befanden, war das Tyler nur Recht. Die Gefangenen konnten sich in den Trakt frei bewegen, da er von einem Energiefeld abgeriegelt wurde. Dieses Feld von innen zu überwinden war ohne Hilfe von außen unmöglich.

Tyler bekam eine Zelle zugewiesen, in der sich auch ein Dscherro und ein Hauri befanden. Die beiden musterten Tyler mit einer Mischungen aus Staunen und Respekt. Sam war durchaus bekannt, seine Aktion gegen Saron hatte für viel Wirbel in den Medien gesorgt. Wahrscheinlich war das der Grund, weshalb man ihn trotz guter Führung noch nicht begnadigt hatte. Im Gefängnis respektierte und fürchtete man ihn wegen seiner kompromisslosen Art. Das war Tyler nur recht und konnte ihm bei seinem Auftrag nützlich sein. Er wollte unbedingt wieder frei sein und am liebsten hätte er wieder für die Neue USO oder den TLD gearbeitet.

Tyler hatte viel Zeit zum Nachdenken gehabt und seinen Fehler eingesehen. Mitleid mit Saron hatte er allerdings nach wie vor nicht.

»Du bist Sam Tyler«, stellte der hagere Hauri fest.

»Hm«, machte Sam nur.

»Willkommen in unserer Pension«, lachte der Dscherro rau.

»Danke, sieht ja gemütlich aus«, entgegnete Tyler ironisch.

»Ich war vorhin Zeuge deiner … Aktion«, sagte der Hauri langsam.

Tyler zuckte mit den Schultern. »Die USO-Tussi wollte mich kaufen, aber mit denen bin fertig«, sagte er mit langsam lauter werdenden Tonfall. »Geld und materieller Besitz bedeuten mir nichts mehr. Ich glaube an die reine Kraft des Feuers, das das Universum eines nicht mehr allzu fernen Tages verschlingen wird.«

»Wir Hauris glauben an etwas Ähnliches. An die Macht des Herrn Heptamer.«

Der Dscherro grunzte verächtlich. »Wir Dscherro glauben nur Krieg und Beute!«

Der Hauri verzog sein ausgemergeltes Gesicht. »Du musst meinem Freund verzeihen, er glaubt mehr an einfache, weltliche Dinge. Geistiges übersteigt seinen Horizont.«

Der Dscherro winkte ab und fletzte sich auf sein Bett, während der Hauri Tyler mit stechendem Blick in die Augen sah. Sam hielt seinem Blick stand.

»Du hast Saron getötet«, sagte der Hauri leidenschaftslos.

Tyler wurde unruhig. Wollte der Hauri sich an ihm dafür rächen? Immerhin hatte Saron mit den Hauris zusammengearbeitet.

»Und?«, fragte Sam kalt.

»Ich danke dir dafür, Sam Tyler. Saron hat Abd-e-Metul ermordet, einen meiner besten Freunde. Du hast uns die Arbeit abgenommen, ihn zu rächen. Für uns ist das, was du mit Saron gemacht hast, kein Verbrechen sondern eine gute Tat. Ich danke dir für den Tod Sarons.«

Tyler war sichtlich erleichtert, was er natürlich nicht zeigte. Einen Freund Abd-e-Metuls zu treffen, der ihm sogar dankbar für den Tod Sarons war, erleichterte die Lage beträchtlich.

Der Hauri streckte die Hand aus. »Als Dank für deine Tat biete ich dir meine Freundschaft an und die Möglichkeit aus dem Gefängnis zu fliehen. Nach dem Angriff auf die Frau werden sie dich wohl kaum bald freilassen.«

»Wohl kaum. Aber wie willst du hier herauskommen, Freund?«, erkundigte sich Tyler. »Davau gilt als sicherstes Gefängnis Cartwheels.«

»Wir haben unsere Verbindungen. Ich und mein Dscherro-Freund gehören zu einer Organisation, die schon bald zu einem großen Machtfaktor in Cartwheel gehört. Erst vor kurzem haben wir durch einige koordinierte Terroranschläge bewiesen wie mächtig wir sind.

Jemand wie du, mit seiner Erfahrung über die USO und den TLD könnte für uns sehr nützlich sein. Schließe dich uns an!«

Tyler nickte. Er hatte wohl in ein Wespennest gestochen und war auf der richtigen Spur. Jetzt hieß es dran zu bleiben.

»Ich hab es satt, hier zu verschimmeln«, zischte er. »Außerdem will ich mich an den Terranern rächen, dass sie mich so schmählich behandelt haben, obwohl ich ihnen treu gedient habe. Das allmächtige Feuer soll sie verschlingen.«

Der Hauri entblößte seine Zähne zu einem bösartigen Lächeln. »Das wird es, mein Freund, das wird es. Schließt du dich uns an?«

Tyler ergriff die Hand des Hauri. »Ja«, sagte er nur.

»Gut, dann wirst du schon heute Abend frei sein. Doch ich warne dich: Wenn du uns verrätst, bist du des Todes.«

»Das Gleiche gilt für dich, wenn du mich bescheißt«, gab Tyler zurück.

Der Hauri stutzte einen Moment, dann brach er in Gelächter aus. »Du gefällst mir immer besser, Sam Tyler.«

»Und wie ist dein Name, Hauri?«, wollte Tyler wissen.

»Ich bin Hankun-ber-Mallah.«

Tyler stellte befriedigt fest, dass er sich auf der richtigen Spur befand. Er hatte enormes Glück gehabt. Die Tatsache, dass er an einen Freund Abd-e-Metuls geraten war, der ihn sogar zu seiner Tat gegen Saron beglückwünschte, war ihm entgegen gekommen. Welche Ironie, ohne den Mord an Saron wäre Tyler bestimmt nicht so leicht in die Terrororganisation hinein gekommen, außerdem versprach sie Hankun-ber-Mallah Vorteile davon, wenn er einen Ex-Agenten wie Sam Tyler auf seiner Seite hatte. Tyler wollte ihn in dem Glauben lassen.

Der Name Hankun-ber-Mallah war dem ehemaligen Agenten geläufig. Ber-Mallah war ein bedeutender haurischer Wissenschaftler, der jedoch auch ein fanatischer Anhänger des Hexameron war. Er hatte für Abd-e-Metul gearbeitet, sein Spezialgebiet war die Entwicklung von Bomben. Nach dem Tod von Abd-e-Metul war er verhaftet worden, als er eine Bombe legen wollte. Das er nun für diese noch unbekannte Terrororganisation arbeitete, und die Tatsache, dass er noch heute aus dem Gefängnis geholt werden sollte, ließ darauf schließen, dass ein Bombenanschlag auf die Hochzeitsfeier des Marquese geplant war. Rosan Orbanashol hatte den richtigen Riecher gehabt. Die Helfer Ijarkors hatten nichts mit dem Terror zu tun. Während die Neue USO einer falschen Spur nachging, bereiteten die Hauris in Ruhe das Attentat vor.

Tyler musste unbedingt Kontakt zu Rosan Orbanashol aufnehmen, doch noch war es zu früh, er brauchte noch mehr Beweise und daher musste er sich Hankun-ber-Mallah anschließen. Tyler war sich klar darüber, dass ihn das sein Leben kosten konnte, doch dieses Risiko hatte er immer gekannt.

Am Abend erschienen zwei Aufseher im Trakt. Die beiden Plophoser machten nicht gerade einen vertrauenerweckenden Eindruck auf Tyler. Einer der beiden wandte sich an Hankun-ber-Mallah.

»Es ist soweit. Der Transport steht bereit«, sagte er.

Der hagere Hauri erhob sich und deutete auf drei Hauri, zwei Dscherro und Tyler. »Diese Leute sind meine Begleiter.«

»Das ist einer mehr als ausgemacht«, maulte der Aufseher. »Das kostet extra.«

Hankun-ber-Mallah sah ihn durchdringend an. »Du wirst dafür belohnt werden.«

Der Aufseher konnte dem stechenden Blick des Hauri-Wissenschaftlers nicht standhalten und gab nach. »Okay, ist ja gut. Kommt schon. Das Schiff fliegt in einer Viertelstunde ab.«

Die beiden Aufseher geleiteten die sieben Häftlinge in einen abgelegenen Raum. Dort befanden sich mehrere Frachtcontainer. Der Aufseher deutete auf einen der Container.

»Der grüne da ist für euch. Beeilt euch!«, befahl er nervös.

Tyler erahnte den Fluchtplan. Die Häftlinge im Gefängnis verdienten sich einige Galax indem sie kleinere Alltagsdinge herstellten, die dann auf den verschiedenen Planeten verkauft wurden. Jede Woche ging ein Transport mit hergestellten Waren zu einem der Planeten ab. Mit dem heutigen Transport wurden die Gefangenen unauffällig herausgeschmuggelt.

Tyler war überrascht, dass sogar Aufseher in den Ausbruch verwickelt waren. Diese Terrorgruppe war ausgezeichnet organisiert. Die Häftlinge bestiegen den Container, der kurz darauf verschlossen wurde. Er war mit genug Sauerstoff versehen, um das Ziel, welches aus immer, zu erreichen

»Wohin geht die Reise eigentlich?«, wollte Tyler von Hankun-ber-Mallah wissen.

»Jetzt kann ich es dir sagen: Siniestro«, antwortete der Hauri.

»Siniestro? Keine schlechte Idee, sich in der Provinz zu verstecken«, sinnierte Tyler in der Hoffnung mehr zu erfahren.

Hankun-ber-Mallah tat ihm den Gefallen. »Wir fliegen nicht dorthin, um uns zu verstecken oder gar auszuruhen«, sagte er höhnisch. »Wir haben zu arbeiten. Es wird allerdings nur ein sehr kurzer Aufenthalt sein.«

Dabei lachten die beiden Dscherro herzhaft. Der Ton in der Stimme des Hauri-Wissenschaftler beunruhigte Tyler. Er war sich nun absolut sicher, dass ein groß angelegter Anschlag auf den Marquese geplant war.

Nach einer Viertelstunde quälenden Wartens wurden die Container eingeschifft und in den Laderaum eines Transportraumers geschafft. Nach einer weiteren Viertelstunde Wartezeit verließ der Transporter das Gefängnis.

Noch hatte niemand den Ausbruch der Gefangenen bemerkt. Die korrupten Aufseher würden schon dafür sorgen, dass die Flucht so spät wie möglich gemeldet wurde. Bevor Alarm gegeben wurde und man heraus bekam wie die Häflinge entkommen waren – falls man es überhaupt heraus fand – waren sie wahrscheinlich schon auf Siniestro.

Tyler dachte, dass man wohl in Zukunft diese Sicherheitslücke schließen müssen würde. Doch für den Moment war sie ihm nützlich. Er musste nun auf eine Gelegenheit warten, noch mehr herauszufinden und sobald wie möglich Rosan Orbanashol oder die Neue USO zu informieren.

Der Flug nach Siniestro verlief ruhig. Als man den Planeten erreicht hatte, landete der Transporter auf dem Raumhafen der Hauptstadt. Es herrschte großer Verkehr, da viele Transporter kamen und gingen die Waren für die bevorstehende Hochzeitsfeier lieferten. Der Container, der die Geflohenen beherbergte, wurde aus dem Transporter ausgeladen und in einer abgelegenen Lagerhalle abgestellt. Anschließend flog der Transporter wieder ab, um sein nächstes Ziel anzusteuern.

»Wir sind am Ziel, meine Freunde. Gleich kommen unsere Leute, um uns in Sicherheit zu bringen«, erklärte Hankun-ber-Mallah.

Und er hatte Recht. Schon nach wenigen Minuten wurde der Container geöffnet und ein Hauri sah zur Öffnung hinein.

»Ihr könnt rauskommen, meine Brüder«, sagte der Hauri.

Die ehemaligen Häftlinge verließen den Container und betraten eine dunkle Halle.

»Willkommen auf Siniestro«, begrüsste Raufu-Er-Heron.

»Sei gegrüßt, Raufu. Ich danke dir für deine Rettung«, bedankte sich Hankun-ber-Mallah.

Raufu deutete auf die anderen Häftlinge. »Sind das deine Leute?«

»Ja, sie sind alle zuverlässig.«

Misstrauisch musterte Raufu Tyler, der grimmig zurückblickte.

»Auch der da?«

Hankun nickte zustimend. »Auch er. Das ist niemand anderes als Sam Tyler, der diesen ruchlosen Saron getötet hat, den Mörder unseres geliebten Abd-e-Metuls. Obwohl er damit eine gute Tat getan hat, verurteilten ihn seine eigenen Leute zu Gefängnis. Nun will er sich uns anschließen, um Rache an dem Marquese und seinen Leuten zu nehmen.«

Raufu sah Tyler durchdringend an. Sam hielt dem Blick stand.

»Ist das so?«

»Ja, ich will Rache nehmen. Der Marquese, der Generalsekretär und all die anderen Weicheier haben mich verraten. Obwohl ich ihnen treu gedient habe, ließen sie mich fallen. Diesen Verrat sollen sie mir teuer bezahlen. All die Werte, an die ich mal geglaubt habe, sind nichts wert. Cartwheel wird regiert von Willkür und Korruption. Der Paxus-Rat ist inkompetent und wir den Untergang der Galaxis nicht verhindern können.«

Tyler hoffte, dass er nicht zu dick auftrug, doch Raufu schien fürs erste überzeugt zu sein.

»Du hast Recht. Deine Argumente klingen überzeugend. Du hast einen Grund dich zu rächen. Warum solltest du deinen ehemaligen Leuten helfen, die dich wie Dreck behandelt haben. Rache ist ein Motiv, das bei Menschen häufig zu finden ist und ich kann dir versichern, dass du dich an all jenen, die dir Unrecht getan haben, schon bald rächen kannst. Doch sei gewarnt, es gab schon Verräter in unserer Organisation, solltest du dir einfallen lassen, deine Meinung zu ändern, wirst du es genauso bereuen wie der Verräter, der es zuletzt versucht hat.«

Tyler zweifelte keine Sekunde daran, dass Raufu-er-Heron es ernst meinte. Dieser Hauri war skrupellos und gefährlich.

»Folgt mir!«, befahl Raufu.

In der Mitte der Halle öffnete sich eine geheime Tür. Die Gruppe stieg eine Treppe hinunter. Am Ende der Treppe befanden sich einige geheime Räume. Raufu führte die ehemaligen Häftlinge zu einer Art Kommandozentrale.

»Willkommen in unserer kleinen Niederlassung auf Siniestro. Sie ist etwas bescheiden, aber wir hätten nicht gedacht, dass Siniestro einmal derart wichtig für uns werden könnte.«

»Wie kann ich dir und Afu-At-Tarkan zu Diensten sein?«, erkundigte sich Hankun-ber-Mallah.

Raufu deutete auf einige Kisten. »In diesen Behältern befinden sich die Einzelteile einer Arkonbombe. Deine Aufgabe ist es, sie zusammen zu bauen und scharf zu machen. Kannst du das, Hankun?«

Hankun verneigte sich ehrerbietig. »Selbstverständlich. Bis wann soll die Bombe gezündet werden?«

Raufu verzog sein Gebiss zu einem hässlichen Grinsen.»Übermorgen, am 29.Oktober, dem Hochzeitstag des Marqueses, wenn der Paxus-Rat und alle wichtigen Honorationen auf Siniestro versammelt sind, um diesem lächerlichen Firlefanz beizuwohnen.«

Tyler lief es kalt über den Rücken. Er hatte in seiner Tätigkeit als Geheimagent schon viel erlebt, aber einen ganzen, bewohnten Planeten zu sprengen, nur um ein paar Leute zu erwischen, war auch ihm neu. Das war also der Plan. Mit einer solch drastischen Methode rechnete natürlich niemand, trotz aller Sicherheitsvorkehrungen.

»Bis dahin wird die Bombe einsatzbereit sein, Raufu«, versicherte Hankun-ber-Mallah.

»Und wie kommen wir hier wieder raus?«, wollte einer der Dscherro wissen.

»Auf dem Landefeld steht ein Raumschiff für uns bereit«, erklärte Raufu. »Kurz vor der Explosion setzten wir uns ab. Die Bombe wird so nahe wie möglich in der Nähe des Palastes gebracht. Es wird kein Entkommen geben für den Marquese und dem degenerierten Paxus-Rat. Chaos und Untergang werden über Cartwheel kommen und unser Meister Afu-At-Tarkan wird zufrieden sein. Gelobet sei der Herr Heptamer!«

»Gelobet sei der Herr Heptamer!«, wiederholten alle Hauris.

Tyler fragte sich, in was für einem Irrenhaus er hier gelandet war. Er musste so bald wie möglich Rosan Orbanashol benachrichtigen.

5. 28.10.1298 NGZ

Rosan war inzwischen ebenfalls auf Siniestro eingetroffen. Sie ahnte nicht, dass sich Tyler ebenfalls dort befand. Genau wie die Halbarkonidin es vorausgesehen hatte, waren die Ermittlungen der beiden »Topagenten« Helge von Hahn und Holge Wossyl bislang ergebnislos.

Dann erhielt Rosan die Nachricht, dass Sam Tyler zusammen mit einigen Strafgefangenen aus Davau verschwunden war. Bisher fehlte jede Spur von den Flüchtlingen. Rosan ließ sich Dossiers von den anderen Gefangenen geben. Als sie diese studierte wurde ihr klar, dass sich Tyler offensichtlich auf einer heißen Spur befand. Anfangs wollte sie Jan Scorbit informieren, beschloss dann aber – angesichts ihrer Eigenmächtigkeit – noch abzuwarten bis Tyler sich meldete und ihr konkrete Ergebnisse mitteilte. Sie war zuversichtlich, dass ihm das gelang, denn wenn einer das schaffte, dann Sam Tyler.

Auf Siniestro liefen unterdessen die Hochzeitsvorbereitungen auf Hochtouren. Der Marquese wurde immer nervöser und missgelaunter je näher die Stunde der Wahrheit rückte.

Dorys hatte ihre Schwester Ottilie Braunhauer in das Schloß eingeladen. Sie fungierte als Trauzeugin und Beraterin ihrer jüngeren Schwester, was Don Philippe zusätzlich Nerven kostete. Ottlie schlurfte durch das Wohnzimmer und ließ sich ächzend in den Sessel des Marquese fallen.

»Ach, Herr Käse, mir geht es ja so schlecht!«, klagte die alte Frau. »Das können Sie sich nicht vorstellen!«

»Nun, vor kurzem stand ich auch noch mit einem Bein im Grab, Señora Braunhauer. Ich kann das also durchaus nachvollziehen«, antwortete Don Philippe, der die Frau schon seit den Abenteuern an Bord der TERSAL kannte, höflich.

Ottilie Braunhauer winkte verächtlich ab. »Ach, was glauben Sie, wie schlecht es mir ging, als ich im Koma lag! Und als ich wieder aufwachte, war Vatichen tot! Ausgerechnet Vatichen! Sie kannten ihn doch. Ein so kluger, tatkräftiger Mann wie er, hätte auch einen Zellaktivator verdient gehabt! Und nun ist er tot und ich muss im Heim leben, weil meine undankbare Tochter nicht will, dass ich bei ihr wohne! Ach, ich wünschte, ich wäre nicht aus dem Koma erwacht und stattdessen eingeschlafen!«

Der Marquese wusste nicht was er sagen sollte. Im Grunde genommen teilte er Ottilies Wunsch.

»Naja, was soll's. Jetzt wo Doryschen Sie heiratet, werde ich ab jetzt hier wohnen. Das hat sie mir fest versprochen«, erzählte Ottilie

Der Marquese glaubte sich verhört zu haben. Das Ganze wurde immer mehr zu einem Alptraum.

Ottilie Braunhauer war vor wenigen Wochen aus ihrem langen Koma wieder aufgewacht. Natürlich war sie psychisch noch ziemlich angeschlagen und deshalb lebte sie in einer offenen Einrichtung für solche Fälle. Die Gheddys zitterten bereits um ihre Prozente bei BOHMAR INC. So versuchten sie alles, um Ottilie Braunhauer auf ihre Seite zu ziehen.

»Na, Papi, freust dich schon auf die Hochzeit?«, sagte hinter ihm eine Stimme. Es war Charly Gheddy, der süffisant grinste und eine Zigarre rauchte. Gönnerhaft klopfte er dem Marquese auf die Schulter. »Ab morgen sind wir eine große, glückliche Familie.«

Dann stolzierte auch noch Dorys in ihrem Hochzeitskleid herein. Sie sah einfach lächerlich aus. Lasziv strich sie sich mit den Händen über ihren hässlichen Körper. »Gefalle ich dir, Phillipus? Morgen ist endlich unsere Hochzeitsnacht. Ich kann es kaum erwarten«

Don Philippe fragte sich ernsthaft, ob er nicht doch lieber den Zellaktivator an MODROR zurückgeben sollte.

Zur gleichen Zeit inspizierten Rosan Orbanashol und Will Dean die getroffenen Sicherheitsmaßnahmen. Mehrere Tausend Soldaten, Polizisten und Agenten waren für die Feier bereitgestellt worden. Jagdmaschine und Fluggleiter sicherten den Himmel ab. Rund um das Schloss waren Panzerfahrzeuge und Artillerie in Stellung gebracht worden. Siniestro glich einem Heerlager.

»Wir scheinen an alles gedacht zu haben, und doch habe ich das Gefühl irgendetwas übersehen zu haben«, meinte Will Dean.

Rosan hatte großes Vertrauen in Will Dean und erzählte ihm von ihrer eigenmächtigen Aktion mit Sam Tyler.

Will Dean pfiff beeindruckt. »Das kann Tyler eine Menge Ärger einbringen, so oder so. Und Ihnen auch, Rosan.«

»Ich weiß, aber ich bin der festen Meinung, dass er auf der richtigen Spur ist. Dieser Hankun-ber-Mallah, mit dem er geflohen ist, arbeitete als Wissenschaftler für Abd-e-Metul. Seine Spezialität ist der Bau von Bomben.«

»Mit der Möglichkeit einer Bombe mussten wir rechnen«, stimmte Dean zu. »Wir werden den ganzen Palast durchleuchten. Jeder Lieferant wird von oben bis unten durchsucht.«

»Trotzdem habe ich dummes Gefühl«, meinte Rosan. »Ich hoffe Tyler meldet sich bald.«

Dean nickte. »Hoffentlich. Sie müssen Jan Scorbit über die Angelegenheit informieren. Auch wenn er mit von Hahn und Wossyl einen Fehlgriff getan hat, ist er immer noch Leiter der Neuen USO

»In Cartwheel! Zur Not werde ich mit Monkey und Adams sprechen. Aber ich werde vorher mit Jan sprechen. Jedoch erst will ich Ergebnisse haben.«

»Naja, wenn er Sie raus schmeißt, können Sie ja immer noch beim TLD anfangen«, sagte Will salopp.

Sam Tyler wartete bislang vergeblich auf die Chance einen Funkspruch abzusetzten, doch die Hauris ließen ihn nie allein. Die Zeit drängte, bis zur Hochzeit waren es nur noch weniger als 24 Stunden. Sollte er keine Gelegenheit erhalten, die Neue USO zu informieren, musste er es allein versuchen, die Terroristen aufzuhalten.

Hankun-ber-Mallah hatte seine Arbeit beendet und erstattete Raufu-Er-Heron Bericht.

»Die Bombe ist einsatzbereit. Ich kann sie manuell zünden oder per Fernbedienung oder Zeitzünder.«

Raufu nickte zufrieden.

»Gut gemacht, Hankun. Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann. Hast du auch an die Ersatzbombe gedacht?«

»Selbstverständlich. Hier ist sie.«

Hankun holte einen Hand großen Sprengsatz aus einem Behälter hervor.

»Die Sprengkraft reicht aus, um eine ganze Stadt zu vernichten.«

»Gut, das ist meine Notfallbombe, falls wider Erwarten etwas schief gehen sollte«, erklärte Raufu. Er wollte nichts dem Zufall überlassen.

»Wie geht es nun weiter?«, wollte Hankun wissen.

»Bei den vielen Liefergleitern, die rund um das Schloss stehen, wird ein weiterer nicht auffallen. Genial, Raufu, du hast dich wieder einmal selbst übertroffen«, lobte Hankun den Strategen.

»Um auch ganz sicher zu sein, dass nichts schief geht, werden wir die Bombe von hier aus zünden«, entschied Raufu. »Leider werden deine Leute dann noch dort sein, aber mit diesen Verlusten müssen wir rechnen. Außerdem können wir dann ganz sicher sein, dass kein Verräter uns noch dazwischenfunken wird, wie dieser Akhaho da Purok.«

Hankun-ber-Mallah verneigte sich demütig. »Wie du befiehlst. Gelobet sei Heptamer!«

»Gelobet sei Heptamer.«

6. Eine bombige Hochzeit

Der Tag der Hochzeit – von den einen ersehnt, von den anderen verflucht – war gekommen.

Die Zeremonie wurde im altertümlichen Stil, wie es bei königlichen Hochzeiten üblich gewesen war, abgehalten. In einer altertümlichen Hochzeitskutsche, die von vier weißen Pferden gezogen wurde, trabten der Marquese und seine Braut Dorys Gheddy zum Dom von Siniestro, wo die Trauung im katholischen Stil abgehalten werden sollte.

Für die Bevölkerung vor Ort und vor den Bildschirmen daheim, war das ganze Zeremoniell höchst interessant, den so etwas erlebte man im Neuen Galaktischen Zeitalter auch nicht alle Tage. Die Sicherheitskräfte versuchten so zurückhaltend wie möglich zu sein. Die massive Präsenz von Polizei und Armee war jedoch nicht zu übersehen und sollte auch durchaus abschreckend wirken.

Als die Kutsche hielt und der Marquese und Dorys ausstiegen, streuten mehrere Kinder, die vor ihnen her gingen, Blumen.

»Ist das nicht eine Gaudi, Phillipus?«, fragte Dorys mit ihrer rauen Stimme. »Jetzt bräuchte ich einen Schnaps und eine Zigarette.«

Der Marquese versuchte mühsam Haltung zu bewahren. »Versuch dich wenigstens einmal zusammen zu nehmen«, zischte er.

»Okay, reg dich ab, Phil. Wird schon schief gehen«, gab die Alte zurück. »Ist nur alles so verdammt anstrengend. Hoffentlich wird mir nicht schwindlig.«

»Wenn dir die Hochzeit zu anstrengend ist, können wir sie gerne absagen«, bot der alte Spanier an.

»Das könnte dir so passen! Das schaffe ich schon noch.«

In der Kirche hatten sich alle Hochzeitsgäste versammelt. Der gesamte Paxus-Rat war anwesend. Fast sämtliche Minister wie Dythar Mykke, Reinhard Katschmarek, Werner Niesewitz und Peter Rhoek waren dabei. Auch Cauthon Despair war gekommen.

Jan Scorbit war mit Helge von Hahn und Holge Wossyl gekommen, die nun vor Ort ermitteln sollten. Bislang hatten sie allerdings nichts herausgefunden.

Als Trauzeugen fungierten Ottilie Braunhauer für ihre Schwester Dorys und Diabolo für den Marquese. Die Klon-Kinder Don Philippe beobachteten die Zeremonie mit negativen Gefühlen. Zwar gönnten sie ihrem Vater das Glück, waren aber mit der Wahl Dorys Gheddys keineswegs einverstanden.

Charly Gheddy hingegen strahlte über das ganze Gesicht, während sein Bruder Ian, wie stets, misstrauisch und finster dreinschaute.

Als das Hochzeitspaar vor dem Traualtar stand, begann der in Ehren ergraute Erzbischof von Siniestro mit der Zeremonie. Nach einer langen, salbungsvollen Rede kam er zum Kern der Sache: »Philippe de la Siniestro, willst du diese Frau, Dorys Gheddy, zu deinem Weibe nehmen, sie lieben und ehren, bis das der Tod euch scheidet?«

Der Marquese zögerte einen Moment. Sollte er wirklich tun? Noch konnte er zurück. Doch als er sah wie Charly ihm frech zuwinkte und Ian seine Kinder böse anstarrte, blieb ihm nichts anderes übrig als »Ja« zu sagen.

Der Erzbischof wandte sich Dorys zu. »Und du, Dorys Gheddy, willst du diesem Mann, Philippe de la Siniestro, zu deinem Gemahl nehmen, ihn lieben und ehren, bis das der Tod euch scheidet?«

»Jo«, sagte der Dorys mit ihrer rauen Stimme.

»Somit erkläre ich euch, Kraft meines Amtes, zu Mann und Frau.«

Nachdem die Ringe getauscht worden waren, kam der Teil, den der Marquese besonders fürchtete.

»Du darfst die Braut jetzt küssen«, erklärte der Erzbischof.

Dorys hob ihren Brautschleier hoch, sodass ihr hässliches, faltiges Gesicht zum Vorschein kam und entblößte ihre gelb-braunen Zähne. Ihr Atem roch nach Vurguzz. Der Marquese brachte es schleunigst hinter sich, während die Menge jubelte und applaudierte.

Anschließend setzte sich der Hochzeitszug in Richtung Schloss in Bewegung. Der Marquese und seine neue Ehefrau winkten den jubelnden Massen aus ihrer Hochzeitskutsche zu. Für Don Philippe war dies alles ein einziger Alptraum, aber das durfte er sich der Öffentlichkeit gegenüber nicht anmerken lassen.

Am Nachmittag begann die Festlichkeit im Schloss. Alles was Rang und Namen hatte, war eingeladen worden.

Uwahn Jenmuhs, Leticron, Torsor und Cauthon Despair fühlten sich vollkommen sicher. Da Cau Thon die Terrorwelle insgeheim ins Rollen gebracht hatte, waren sie der Meinung, dass Afu-At-Tarkan keinen Anschlag auf ihre Person unternehmen würde. Allerdings übersahen sie dabei, dass Afu-At-Tarkan gar nicht über die Identität der Söhne des Chaos informiert war – so sehr vertraute Cau Thon dem Terrorführer nicht – und außerdem hatte der Hauri seine eigenen Pläne.

Auch die meisten anderen Gäste fühlten sich angesichts der massiven Präsenz der Sicherheitskräfte sicher und feierten ausgelassen. Nur Rosan Orbanashol-Nordment, die sich mit Mathew Wallace, Jonathan Andrews, Nataly Jargon sowie Uthe und Remus Scorbit zusammengetan hatte, hatte ein ungutes Gefühl. Sie hatte erwartet, dass sich Tyler spätestens im Laufe des Tages melden würde. Sie hoffte, dass ihm nichts zugestoßen war. Missmutig sah sie zu ihrem Vorgesetzten Jan Scorbit herüber, der sich wieder einmal mit Helge von Hahn und Holge Wossyl zusammengetan hatte und zusammen mit den beiden einen Vurguzz nach dem anderen leerte. Wütend ging Rosan zu den dreien, die an einem Tisch saßen.

»Meinen Sie nicht, dass Sie jetzt genug getrunken haben?«, fragte sie Jan vorwurfsvoll.

Scorbit winkte lachend ab. »Heute ist ein Tag zum Feiern! Kommen Sie, Rosan, feiern Sie mit uns«, antwortete er vergnügt.

»Ich hoffe nur, Sie vernachlässigen Ihren Dienst nicht«, sagte die Halbarkonidin eisig.

»Ach was, Jan ist richtiger Kerl! Und was ein richtiger Kerl ist, der verträgt schon Einiges. Stimmt's, Jan? Du bist doch kein Muttersöhnchen?«, mischte sich Helge von Hahn ein.

Holge Wossyl unterstützte seinen Kumpanen mit einem kräftigen Rülpser.

»Natürlich nicht!«, erklärte Jan. »Ich kann viel vertragen. Außerdem liegt die Sicherheit in Ihren Händen, Rosan. Ich kann von hier aus alles gut überblicken. Um den Rest kümmern Sie sich.«

»Darauf trinken wir noch einen! Prost! Prost!«, rief Helge und die drei stemmten ihre Bierkrüge hoch und prosteten sich zu.

Konsterniert verließ Rosan die drei und begann alle getroffenen Sicherheitsmaßnahmen zu inspizieren. Obwohl alles ruhig zu sein schien, konnte sie ihre Unruhe nicht abstellen.

Auch Diethar und Judtha Mykke, Werner Niesewitz, Reinhard Katschmarek und Petar Rhoek feierten ausgelassen. Werner und Judtha tanzten vergnügt miteinander und schienen sich sehr anziehend zu finden, was Diethar nicht sonderlich gefiel. Katschmarek und Rhoek stellten jungen Frauen nach – meist vergeblich. Auch Anya Guuze und Krizan Bulrich waren eingeladen worden. Ian hatte das arrangiert. Er wollte Anya, die er sein »Püppchen« nannte, unbedingt wiedersehen. Für ihn war es beschlossene Sache, dass die schöne Blondine eines Tages ihm gehören würde.

»Hallo, schön, dass du da bist, Püppchen. Wie gefällt dir unser Schloss?«, begrüßte er Anya. Bulrich übersah er einfach.

Anya trug ein aufregendes silbernes Kleid, welches leicht glitzerte. Der Rücken und das Dekolletee waren tief ausgeschnitten und die Terranerin zeigte viel Bein. Ian war mehr als angetan von diesem Anblick.

»Oh, es ist wirklich prächtig. Aber ich dachte, es gehört dem Marquese?«, fragte sie etwas verlegen. Ian Gheddy war ihr unheimlich.

»Seit heute ist es Familienbesitz«, stellte Ian klar. »Wollen wir tanzen, Anya?«

»Danke, vielleicht später. Ich bin ja mit meinem Freund hier«, erwiderte sie und legte ihre Hand demonstrativ um Krizan Bulrich, dem das sichtlich peinlich war.

Hastig stieß er ihre Hand wieder zurück, als er Ians böse Blicke auf sich ruhen fühlte. »Ey, lass das! Das ist uncool.«

Dann nahm er seinerseits Anya bei der Hand und zog sie zur Seite. »Hör zu, Anya, dieser Gheddy kann uns noch sehr nützlich sein.«, sagte er, als sie außer Reichweite waren. »Wenn du nett zu ihm bist, kann uns das in der High Society und in der Geschäftswelt weit nach oben bringen. Wir könnten durch ihn zu viel Geld kommen. Das hast du dir doch schon immer gewünscht, oder?«

»Ja schon, aber …«, wollte sie protestieren, aber Krizan unterbrach sie und kehrte den Macho heraus.

»Kein Aber! Du tust das, was ich dir sage! Wenn du mich liebst, dann sei nett zu ihm.«

»Wie nett?«

»So nett, wie er es will. Geh mit ihm ins Bett, wenn es sein muss und staube soviel Geld und Geschenke ab, wie du nur kannst«, verlangte Bulrich allen Ernstes.

Anya war alles andere als begeistert davon, aber sie liebte Bulrich abgöttisch und hatte Angst von ihm verlassen zu werden, wenn sie nicht tat was er verlangte. Dass ihr Freund nur an sich und seinen Vorteil dachte, merkte sie nicht. Sie war ihm hörig, also ging sie wieder zu Ian Gheddy und ließ sich von ihm hofieren. Er führte sie in ein Nebenzimmer des Schlossen. Dort übergab er ihr eine Schatulle.

»Das ist für dich, Püppchen. Mach es auf!«, forderte er.

Anya öffnete die Schatulle, in der ein wertvolles, Diamanten besetztes Kollier lag.

»Oh, das ist ja wundervoll!«, freute sich Anya, die zu der Sorte Frauen gehörte, die durch Schmuck leicht zu beeindrucken waren.

»Leg es an!«, verlangte Ian.

Anya legte sich die Halskette an und fand sie einfach wunderbar.

»Du siehst aus wie eine Königin, Püppchen. Eines Tages wirst du meine Königin sein«, sagte Ian inbrünstig und ein unheimlicher Glanz lag dabei in seinen Augen.

Jan Scorbit feierte indessen heftig mit seinen beiden Freunden Helge und Holge weiter. Sein Bruder Remus kam zusammen mit seiner Frau Uthe an ihrem Tisch vorbei.

»He, Remus! Komm und sauf mit uns!«, forderte Helge von Hahn laut.

»Nein, danke. Im übrigen finde ich, dass ihr jetzt genug habt. Ihr seid schließlich dienstlich hier«, lehnte Remus ab.

Früher war auch er mit Helge von Hahn und Holge Wossyl befreundet gewesen und sie hatten manche Nacht durchgezecht, doch dann kam der Tag, an dem Helge und Holge im Rausch einen wehrlosen Blue zusammengeschlagen und getreten hatten. Remus war dabei gewesen und hatte es nicht verhindert. Noch heute schämte er sich dafür.

Doch diese Zeiten waren nun vorbei. Helge war kein Freund und er hatte einen miesen Charakter. Remus wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben und war entsetzt, dass sein Bruder so eng mit Helge befreundet war. Seitdem hatte sein Alkoholkonsum stark zugenommen. Remus beschloss, in den nächsten Tagen ein ernsthaftes Wort mit Jan zu reden, denn schließlich trug er die Verantwortung für die USO in Cartwheel. Dieser Verantwortung musste er sich wieder bewusst werden.

Helge von Hahn war jedoch über Remus Zurückweisung erbost. »Du blöder Spießer! Kümmere dich lieber um deinen Kram!«, pöbelte Helge.

»Komm, Remus, lass uns gehen. Dieser Mensch ist einfach unmöglich«, sagte Uthe Scorbit, die bislang geschwiegen hatte.

Nun zog sie jedoch Helges Zorn auf sich. »Natürlich, Uthe wieder! Du bist Schuld, dass aus Remus so ein Weichei geworden ist! Du hast ihn gegen mich aufgehetzt.«

Uthe schüttelte mitleidig den Kopf. »Das war gar nicht nötig. Durch dein eigenes Verhalten bringst du die Menschen gegen dich auf, aber das wirst du wohl nie begreifen.«

»Remus, du solltest deiner Frau mal eine Tracht Prügel verabreichen und sie danach mal tüchtig durchnehmen, damit sie weiß wo ihr Platz ist«, zischte Helge Hass erfüllt. »Frauen gehören an den Kochtopf und ins Bett!«

Remus wäre am liebsten auf Helge losgegangen, aber Uthe hielt ihn zurück.

»Friede! Friede! Prost!«, lallte Jan, der nicht mehr viel mitbekam.

Jonathan Andrews hatte die Streiterei mitbekommen und ging ebenfalls zum Tisch. Er bat Nataly lieber zu warten, da er nicht wollte, dass sie in Kontakt mit Helge und Holge kam.

»Wollt ihr das ganze Schloss leer saufen?«, erkundigte sich Jontahan in seiner typischen flachsigen Art.

Ein Bediensteter kam vorbei und fragte, ob die Herren noch etwas zu trinken wünschten.

»Ja, drei Fässer für die Alkoholiker«, meinte Andrews mit einem Lächeln.

Remus warf ihm einen strafenden Blick zu und packte dann Jan Scorbit. Jonathan half ihm dabei. Zusammen mit Uthe schleppten sie ins nächste Badezimmer. Dort verabreichten sie ihm eine kalte Dusche.

Als Jan wieder halbwegs bei Sinnen war, machte ihm Remus Vorwürfe: »Vielleicht denkst du mal daran, dass du Leiter der Neuen USO bist und dich hier mitten in der Öffentlichkeit befindest, also kümmere dich gefälligst wieder um deine Pflichten! Du bist schließlich nicht zum Spaß hier.«

»Ich glaube , ich muss kotzen«, sagte Jan und entleerte seinen Mageninhalt auf dem Fußboden.

Helge vergnügte sich indessen alleine weiter. Er versuchte auf plumpe Art und Weise fast jedes weibliche Wesen im Schloss anzubaggern, holte sich jedoch einen Korb nach dem anderen. Seine Unbeliebtheit wuchs von Minute zu Minute. Cauthon Despair beobachtete ihn interessiert. Soviel negative Ausstrahlung hatte er selten gesehen. Dieser Mann schien recht viel versprechend zu sein. Man sollte ihn im Auge behalten. Vielleicht würde er eines Tages nützlich sein können.

Der Marquese saß am einer großen Tafel, neben ihm posierte seine frisch gebackene Ehefrau Dorys und kippte einen Schnaps nach dem anderen in sich hinein. Ihr Schwester Ottilie, die ebenfalls einige Vurguzz intus hatte, zog ihre Schuhe aus und zeigte Diabolo ihren so genannten »Hammerzeh«. In aller Ausführlichkeit erläuterte sie ihm und den Gästen ihre Leiden.

Der Posbi fragte sich, wie die Menschen allen Ernstes behaupten konnten, sie seien die »Krönung der Schöpfung«. Viele Menschen, die er in letzter Zeit kennen gelernt hatte, schienen eher eine negative Mutation der Schöpfung zu sein.

Als wollte sie seine Gedanken bestätigen, erhob sich Dorys de la Siniestro mit einem großen Glas Vurguzz in der Hand.

»Was ist das hier für ein langweiliger Totentanz! Macht Musik! Ich will Stimmung!«, krakeelte sie, dann zog sie sich ihre Schuhe aus, stellte sich auf den Tisch und fing zu tanzen an. Dabei summte sie mit ihrer rauen Stimme eine undefinierbare Melodie.

Der Marquese vergub vor Scham sein Gesicht in seinen Händen, während sämtliche Gäste Dorys anstarrten. Diese kippte ihr Glas Vurguzz in einem Atemzug herunter und warf das Glas auf den Boden, das klirrend zersprang.

»Nastrowje!«, gröhlte sie.

Diabolo fragte sich, wie wohl erst das Eheleben ablaufen würde, wenn schon die Hochzeit so turbulent war.

Ein anderer fand die Feier höchst amüsant, nämlich Gucky. Der Mausbiber war mit dem Mutantenkorps als zusätzliche Sicherheits-Einheit auf das Fest abkommandiert worden.

Hank »Wulf« Lane stand neben dem Mausbiber und langweilte sich. Jeanne Blanc tanzte etwas und Brad Callos wartete eigentlich darauf, dass sie ihn bat, mitzutanzen.

Als er Dorys auf dem Tisch tanzen sah, meinte Gucky zu Wulf Lane: »Echt was los hier. Anfangs hatte ich Sorge, dass die Party hier stinklangweilig werden könnte, aber man wird hier bestens unterhalten. Fast so lustig wie in der Geisterbahn.«

Lane sah ihn grimmig an. »Wie man es nimmt. Irgend so ein Schwein hat im WC auf den Boden gekotzt und ich bin bei meinem Rundgang darauf ausgerutscht.«

Jeanne Blanc schmunzelte über Hanks Faupax. Auch Gucky kicherte.

»Da war wohl einer von den dreißig Vurguzz schlecht.«

»Ich habe irgendwie das Gefühl, dass heute noch was passiert«, meinte Brad Callos.

Gucky winkte gönnerhaft ab. »Ach was. Hier sind wir sicher. Denn wer würde es schon wagen, einen Ort anzugreifen an dem ich bin?«

»Eben das beunruhigt mich«, meinte Callos.

Nicht alle waren über Dorys Auftritt so amüsiert wie Gucky.

Orly und Peter sahen finster drein. Zu ersten mal waren die beiden einer Meinung.

»Wie konnte Vater nur diese Proletin heiraten? Sie führt sich auf wie eine Schlampe! Ich hasse sie!«, regte sich Peter auf.

»Es ist nicht zu verstehen«, stimmte Orly zu. »Vielleicht hätten wir der Sache eher Beachtung schenken sollen. Ich hatte immer noch die Hoffnung, er würde es sich anders überlegen.«

Nur Brettany blieb besonnen. »Es ist Vaters Entscheidung. Ich finde sie auch sonderbar, aber wenn Vater sie liebt, müssen wir sie akzeptieren. Wir sollten zu den beiden gehen und ihnen alles Gute wünschen.«

»Bier her, Bier her oder ich falle um!«, gröhlte Dorys an ihrem Tisch.

»Ohne mich!«, antworteten Orly und Peter im Chor.

Brett zuckte mit den Schultern. »Dann frage ich Stephanie. Wo ist sie denn?«

»Ich glaube sie unterhält sich mit diesem widerlichen Bennington«, meinte Orly.

Stephanie nutzte die Feier, um ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen – Männern. Gleich drei auf einmal umringten sie – Elcanar Bennington, Krizan Bulrich und Charly Gheddy.

»Ich glaube Sie und ich haben viel gemeinsam«, meinte Bennington zu Stephanie. »Wir wissen beide sehr genau was wir wollen. Macht und Stärke zieht uns erotisch an.«

Stephanie lachte schrill und leerte ein Glas Champagner. »Da haben Sie Recht. Vielleicht sollten wir uns irgendwohin zurückziehen, wo es ruhiger ist«, sagte sie anzüglich.

»Da will ich aber mitkommen«, mischte sich Krizan Bulrich ein.

Stephanie lächelte verführerisch. »Wo Platz für zwei ist, ist auch Platz für drei.«

»Oder für vier«, ergänzte Charly Gheddy mit lüsternem Blick.

Das war Bennington aber gar nicht recht. »Dagegen muss ich protestieren.«

Charly sah ihn verächtlich an. »Dann protestieren Sie mal. Am besten Sie schreiben es auf und wir beschäftigen uns später damit.«

»Ich bin für alles zu haben«, versicherte Krizan Bulrich.

»Für was zu haben?«, fragte eine kraftvolle Stimme.

»Toran! Wie schön, dass du doch noch kommen konntest«, sagte Stephanie freudestrahlend.

»Für dich ist mir kein Weg zu weit«, erwiderte Toran Ebur galant.

»Wir sollten deine Ankunft gebührend feiern – in meinem Zimmer«, beschloss Stephanie und verließ mit dem Zaliter den Saal.

Bennington sah ihnen wütend hinterher, während Krizan Bulrich sich nach einer neuen Gelegenheit umsah.

Charly klopfte Bennington auf die Schulter. »Schade, da müssen wir uns wohl nach einer neuen Gelegenheit umsehen.«

Doch für Bennington war die Sache nicht erledigt. Stephanie de la Siniestro konnte ihm für seine Karriere höchst nützlich sein. Er war fest entschlossen, sie wiederzusehen.

Als es dämmerte setzte Sam Tyler alles auf eine Karte. Endlich war einmal allein, die anderen Hauris hielten Gebete an den Herrn Heptamer ab. Tyler begab sich in die Toilette und sendete einen Funkspruch an Rosan Orbanashol ab.

»Rosan, bitte kommen. Hier Tyler.«

»Hier Rosan. Endlich melden Sie sich«, erklang die Stimme der Halbarkonidin aus dem Gerät.

»Hören Sie auf zu labern und hören Sie mir zu: Siniestro soll mit einer Arkonbombe in die Luft gesprengt werden. Die Bombe wird mit einem Liefergleiter auf das Schlossgelände oder in dessen Nähe gebracht. Halten Sie Ihre Leute bereit. Sobald ich den genauen Standort weiß, melde ich mich wieder.«

»Tyler, wo bist du?«, rief eine Stimme. Es war einer der Dscherro.

Sam beendete die Verbindung und versteckte den kleinen Sender wieder. Dann verließ er das WC und ging zu dem Dscherro.

»Was ist denn los?«, fragte mürrisch.

»Wo warst du denn? Wir haben dich schon gesucht«, beschwerte sich der Dscherro.

Tyler deutete auf die Toilette. »Schiffen gehen. Wer weiß, wann wir wieder dazu kommen.«

Der Dscherro lachte rau. »Auch eine Art der Vorbereitung. Die Hauris haben zu ende gebetet. Es geht also los.«

Tyler und der Dscherro begaben sich hinauf in die Halle, wo der Liefer-Gleiter bereitstand.

Hankun-ber-Mallah verstaute die Bombe.

»Der Tag des Gerichts ist gekommen«, verkündete Raufu-Er-Heron. »Ihr werdet die Bombe auf das Nachbargelände des Schlosses transportieren. Danach wird Sarik-Id-Wadil, der eure Gruppe anführt, die Bombe aktivieren. Ihr habt dann noch eine Stunde Zeit, hierher zurück zu kehren. Wenn die Bombe explodiert, müssen wir schnellstens von hier weg. In dem allgemeinen Chaos wird es ein Leichtes sein unterzutauchen. Geht nun. Der Herr Heptamer möge euch beistehen.«

Der Gleiter setzte sich in Bewegung und verließ den Raumhafen. Sein Ziel war das Schloss des Marquese.

7. Showdown auf Siniestro

Als Rosan Orbanashol den kurzen Funkspruch Tylers empfangen hatte, alarmierte sie sofort Will Dean.

»Wir müssen sofort die Evakuierung einleiten«, meinte Rosan.

Dean war anderer Ansicht. »Wenn wir das machen, entsteht eine Panik und dann wüssten die Terroristen sofort was los ist und zünden die Arkonbombe sofort. Ich trommle meine besten Leute zusammen. Holen Sie Gucky und das Mutantenkorps. Wenn Tyler sich wieder meldet, müssen wir sofort einsatzbereit sein.«

Rosan war damit einverstanden und ging zu Gucky, der gerade das neueste Opfer von Ottilie Braunhauer geworden war. Auch ihm zeigte sie ihre Füße und berichtete ihm ausführlich von ihren Leiden.

»Sie können sich das nicht vorstellen, Herr Micky, was so ein Hammerzeh für Schmerzen bereitet«, jammerte Frau Braunhauer, während sie ein Glas Vurguzz leerte. »Und das alles muss ich ohne Vatichen ertragen. Hach, ich wünschte ich wäre tot!«

»Kann ich verstehen«, erwiderte Gucky.

»Ich glaub, ich muss kotzen«, sagte er, als ihm Ottilie ihren »Hammerzeh« zeigte.

Rosan ging zu dem Ilt und flüsterte ihm die Neuigkeiten ins Ohr. Sofort wurde Gucky ernst und rief unauffällig die anderen Mutanten zusammen. Jetzt konnten sie nichts weiter tun als warten und hoffen, dass Tyler noch dazu kam sie alarmieren.

Der Ilt versuchte, die Gedanken Sam Tylers zu espern.

Der Liefer-Gleiter setzte in der Nähe des Schlosses auf. Er befand sich inmitten von vielen anderen Gleitern, sodass ihn niemand beachtete.

Diese Gleiter erhielten keine Erlaubnis, das Grundstück des Marquese zu betreten. Etwaige Mitbringsel wurden am Eingang des Palastes von TLD- und USO-Agenten kontrolliert.

Sarik-Id-Wadil begann nun damit, die Arkonbombe scharf zu machen. Tyler wusste, dass er dazu nicht kommen lassen durfte. Ein ganzer Planet stand auf dem Spiel. Mit einem Handkantenschlag schlug einen Hauri nieder und schnappte sich dessen Waffe.

»Keine Bewegung oder es ist eure letzte!«, rief er den Terroristen zu.

Hasserfüllt sah ihn Sarik-Id-Wadil an.»Du elender Wurm! Für deinen Verrat wirst du teuer bezahlen.«

»Nicht so teuer wie du, Skelettgesicht.«

»Packt ihn!«, befahl Sarik seinen Leuten.

Sofort stützten sich die Hauris auf Tyler, der sofort schoss und zwei tödlich traf. Doch die beiden Dscherro schlugen Tyler die Waffe aus der Hand. Geistesgegenwärtig öffnete Tyler die Ladetür und sprang aus dem Gleiter. Die beiden Dscherro setzten ihm jedoch nach. In ihren Händen hielten sie Äxte, die sie drohend schwangen.

»Koscha, Dscherro! Koscha!«, riefen sie.

Ihr berüchtigter Blutrausch schien über sie zu kommen.

Doch bevor sie zuschlagen konnten, materialisierten Gucky und Brad Callos mit Will Dean und einigen TLD-Agenten, die das Feuer auf die Dscherro eröffneten. Schreiend brachen die beiden Terroristen zusammen. Tyler schnappte sich von einem Agenten einen Thermostrahler und stürmte in den Gleiter, wo Sarik-Id-Wadil dabei war die Arkonbombe zu aktivieren.

»Auch wenn du mich tötest, werde ich im Fallen den Schalter betätigen«, geiferte der Hauri. »Du hast verloren, Verräter! Das Feuer wird euch alle verschlingen!«

Doch als er die Bombe zünden wollte, konnte er seine Hand nicht mehr bewegen.

»Was ist das?«, fragte der Hauri verzweifelt.

»Nicht was, sondern wer. Ich natürlich, der Retter der Universums«, erklang die piepsige Stimme Guckys, der in den Gleiter stolzierte.

Dahinter erschienen Will Dean und Rosan Orbanashol.

»Ist das die Bombe?«, fragte Rosan ängstlich.

Tyler nickte grimmig.

»Ups, ich lese in seinen Gedanken, dass die Bombe auch ferngesteuert gezündet werden kann, wenn Schaschlik der Wesir sich nicht bei seinem Herrchen meldet«, meldete der Ilt.

»Im Orbit steht ein unbemanntes Schiff bereit, um die Bombe an Bord zu nehmen«, erklärte Will Dean.

»Dann wollen wir keine Zeit verlieren.«

Gucky nahm die Bombe und teleportierte mit ihr weg. Nur wenige Sekunden später kam er wieder zurück.

»Wir haben Robotkommandos an Bord, die versuchen werden die Bombe zu entschärfen«, erzählte Dean.

Rosan ging auf Tyler zu. »Wir haben Ihnen viel zu verdanken, Tyler. Ohne Sie wäre ganz Siniestro verloren gewesen. Nicht zu fassen, wozu diese Leute fähig sind.«

Tyler winkte ab. »Wir sind noch nicht fertig, Lady. Ihre Anführer, Raufu-Er-Heron und Hankun-ber-Mallah sind noch frei. Die müssen wir unbedingt erwischen, denn die haben bestimmt noch mehr Tricks auf Lager.«

Will Dean ging drohend auf Sarik-Id-Wadil zu. »Los, raus mit der Sprache: Wo sind deine Leute?«, wollte er wissen.

»Das erfahrt ihr nie, denn ich bin tot. Gelobet sei der Herr Heptamer!«, rief der Hauri noch, dann sank er zusammen.

Hastig beugte Dean sich über ihn. »Er ist tot. Er hat eine Giftkapsel geschluckt.«

»Das nützt denen auch nichts. Ich habe mir den Weg gemerkt, als wir hierher kamen. Sie sitzen in einer Lagerhalle am Rande des Raumhafens.

»Dann nichts wie hin!«, befahl Rosan.

»Sie kommen mit den Agenten nach, Lady. Ich, Will und Gucky teleportieren voraus«, entschied Tyler.

»Wer hat hier eigentlich das Sagen?«, fragte Rosan wütend.

»Mach dir nichts daraus, das ist seine charmante Art mit Frauen umzugehen«, warf Gucky ein.

Kurz darauf verschwand Gucky mit Tyler und Dean. Rosan setzte sich mit den Agenten in Richtung Raumhafen in Bewegung.

In ihrer Kommandozentale warteten Raufu-Er-Heron und Hankun-ber-Mallah auf eine Nachricht Sarik-Id-Wadils, die jedoch ausblieb.

»Er hätte sich inzwischen melden müssen. Irgendetwas stimmt nicht«, vermutete Raufu.

»Die Positronik zeigt an, dass die Bombe scharf ist«, meldete Hankun-ber-Mallah.

»Zünde die Bombe! Sofort!«, befahl Raufu dem Wissenschaftler.

Hankun betätigte umgehend ein paar Schalter.

»Gezündet«, meldete Hankun.

Doch auf dem Monitor erschien nichts.

»Warum ist sie nicht explodiert?«, schrie Raufu. Der Hauri verlor zum ersten mal die Nerven und begann Hankun zu würgen.

»Tu ihm nicht weh, es war nicht seine Schuld. Wir waren es«, sagte eine Stimme neben ihnen.

Gucky, Tyler und Will Dean standen mit vorgehaltener Waffe vor den beiden Terroristen.

»Leider ist nun einer unserer Robot-Kreuzer dahin. Wir werden Schadenersatz fordern müssen«, sagte Will Dean.

Hass erfüllt starrte Raufu Sam Tyler an.

»Du bist an allem Schuld!«, schrie er.

Tyler nickte kalt. »Stimmt, nur weil ich diesen Bastard Saron erschossen habe, heißt das noch lange nicht, dass ich Sympathie für solchen Abfall wie euch hege.«

Raufu schrie auf, packte Hankun-ber-Mallah und warf diesen mit unheimlicher Kraft auf die drei Eindringlinge. Tyler gab noch einen Schuss ab, der aber Hankun traf und nicht Raufu. Dieser hatte sich unterdessen einen Behälter geschnappt und war aus der Zentrale gestürmt.

»Alarm! Eindringlinge sind in der Zentrale! Tötet sie!«, rief er.

Im Nu waren mehrere Terroristen zur Stelle, die das Feuer eröffneten. Tyler und Will Dean schossen zurück, während Gucky äußerst beunruhigendes in den letzten Gedanken des sterbenden Hankun-ber-Mallahs las.

»Ich glaube, wir sind in Schwierigkeiten«, meinte Will Dean.

»Es sind zu viele«, stimmte Tyler zu. »Gucky, wir müssen hier raus.«

Gucky nah die beiden an der Hand und teleportierte nach draußen.

Dort trafen gerade mehrere Einheiten von TLD und USO ein. Es kam sofort zum Feuergefecht mit den heraus stürmenden Terroristen. Die Hauris und Dscherro leisteten erbitterten Widerstand, doch da die Sicherheitskräfte immer mehr Verstärkung erhielten, war der Kampf nach einer Viertelstunde entschieden. Nur wenige Terroristen konnten gefangen werden. Die meisten waren gefallen oder hatten sich selbst gerichtet.

Rosan Orbanashol tarf ebenfalls auf dem Raumhafen ein. »Gratuliere, ihr habt es geschafft«, begrüßte sie die drei.

»Kommt drauf an ob Raufu-Er-Heron dabei ist«, räumte Gucky ein.

»Wieso? Selbst wenn er entkommen ist, kann er allein nicht viel ausrichten.«

»Ich las in den Gedanken Hankun-ber-Mallahs, dass noch eine zweite Bombe existiert, die stark genug ist, um die ganze Stadt in die Luft zu jagen«, erklärte der Ilt. »Als Raufu geflohen ist, nahm er einen Behälter mit sich.«

»Wir müssen sofort zum Schloss. Wenn er entkommen ist, wird das sein Ziel sein«, meinte Tyler.

Raufu-Er-Heron war entkommen. Nun musste er seinen Notfallplan ausführen. Er bedauerte, dass er nun selbst sterben musste, aber nur so konnte der Plan noch gerettet werden. Als Versager wollte er Afu-At-Tarkan nicht gegenübertreten. Raufu hatte sich für diesen Fall durch einen Mittelsmann, der zum diplomatischen Korps der Hauris und somit zu den Hochzeitsgästen gehörte, einen Transmitterzugang zum Schloss schalten lassen.

Während draußen gekämpft wurde, begab sich der Stratege mittels Transmitter zum Schloss. Inmitten des Marqueses und seiner Gäste würde sich Raufu selbst in die Luft sprengen und mit ihm das Schloss und die ganze Stadt.

Nichts ahnend von dieser Gefahr vergnügten sich die Hochzeitsgäste weiterhin ungeniert.

Reinhard Katschmarek und Petar Rhoek torkelten singend durch den Saal und sangen zusammen mit Dorys Trinklieder. Ottilie Braunhauer klagte allen, die es hören oder nicht hören wollten, ihr unendliches Leid. Stephanie trieb es mit Toran Ebur auf ihrem Zimmer, während Helge von Hahn, trotz seines sprichwörtliches »Charmes«, immer noch keine Bettgefährtin gefunden hatte. Also leerte er mit Holge Wossyl die restlichen Alkoholvorräte.

Die Klatschpresse hatte bei dieser Hochzeit ein gefundenes Fressen. Dem Marquese war klar, dass er mit Dorys keine Frau gefunden hatte, die ihm Sympathiestimmen entgegen bringen würden.

Raufu-Er-Heron materialisierte in der Gegenstation des Transmitters im Schloss. Dort erwartete ihn sein Gefolgsmann.

»Willkommen, Herr«, meldete der Hauri demütig. »Ihr befindet Euch hier im Kellergewölbe. Der Saal mit den Hochzeitsgästen befindet sich oben. Ich habe eine ID-Karte für Euch, damit wir ungehindert an den Sicherheitskräfte vorbei kommen.«

»Das hast du gut gemacht«, antwortete Raufu. »Bevor wir gehen, werde ich die Bombe präparieren.«

Der Stratege brachte die Bombe an seinem Körper an und verband den Zünder mit seinem Puls. Selbst wenn getötet wurde, würde die Bombe dreißig Sekunden nach Verlöschen seines Pulses gezündet werden. Seine Feinde würden ihm nicht entkommen.

»Ich bin bereit, gehen wir«, sagte er zu dem Hauri.

Gucky, Tyler und Will Dean teleportierten wieder zurück zum Schloss. Sofort begannen sie nach Raufu zu suchen.

»Wir müssen in den Festsaal, er kommt bestimmt dorthin«, vermutete Tyler.

Hastig begaben sich die drei zum Hochzeitssaal, wo nach wie vor ausgelassene Stimmung herrschte.

Gucky nahm telepathischen Kontakt mit Jeanne Blanc auf und befahl ihr, dass sie mit Lane den Raum durchsuchen sollte und den Sicherheitsleuten die entsprechenden Instruktionen erteilen sollte.

Sie kamen keine Sekunde zu früh. Tyler entdeckte den Hauri inmitten der Menge. Er stand nicht unweit des Hochzeitspaares. Doch auch Raufu hatte Tyler gesehen.

»Töte diesen Mann!«, rief er seinem Gefolgsmann zu.

Dieser zog unter seinem Umhang einen Strahler hervor und schoss sofort auf Tyler. Dieser brachte sich mit einem Hechtsprung in Sicherheit. Hinter ihm kam Will Dean herein und erschoss den Hauri. Die Leute gerieten in Panik und liefen schreiend wild durcheinander.

Raufu nutzte dies und bewegte sich auf den Marquese zu, der mit Orly zusammenstand.

»Orly, das ist ein Terrorist!«, warnte Gucky.

Orlando reagierte schnell und ließ seinen »Schatten« heraus, der den überraschten Raufu niederschlug. Dorys de la Siniestro fing wild an zu schreien und rannte dabei Orly um, der dadurch abgelenkt wurde. Inzwischen hatte sich Tyler durch die Menge gekämpft und Raufu entdeckt, der sich wieder aufrappelte und den Zünder der Bombe aktivieren wollte. Tyler überlegte nicht lange und schoss eine ganze Salve auf den Hauri ab, der tödlich getroffen zusammenbrach.

An seinem Arm wurde der Zünder der Bombe sichtbar. Entsetzt sahen Gucky und Tyler auf dem Display, dass der Countdown der Bombe gestartet wurde.

»Er hat den Zünder mit seinem Puls gekoppelt. In dreißig Sekunden sind wir tot!«, rief Tyler.

Gucky rannte zu der Leiche und entmaterialisierte mit ihr.

»Gucky!«, rief Orly entsetzt.

»Ach, was soll's? Hauptsache, wir leben«, sagte Dorys egoistisch.

Kurz darauf materialisierte Gucky wieder im Festsaal. »Puh, das war knapp. Jetzt habe ich mir aber ein dickes Lob verdient.«

»Wo ist die Bombe?«, wollte Tyler wissen.

Gucky winkte lässig ab. »Och, etwa 2000 km von hier befindet sich eine menschenleere Wüste. Dorthin hab ich sie geschickt.«

Aus der umstehenden Menge kam Brettany und gab Gucky einen Kuss.

»Du bist unser Retter«, sagte sie.

Gucky fühlte sich wie im siebten Himmel.

So endete die Hochzeit des Jahres mit einem Happyend. Sogar die Söhne des Chaos waren froh, dass der Anschlag fehlgeschlagen war, denn sonst wäre auch ihr Leben zu ende gewesen. Uwahn Jenmuhs war empört und forderte eine härteres Vorgehen gegen die Terroristen.

Neben Gucky war Sam Tyler der Held des Tages. Auf Rosans Betreiben wurde ein Begnadigungsantrag für ihn gestellt. Die Halbarkonidin hatte sich als würdige Stellvertreterin der Neuen USO erwiesen, während der trinkfreudige Jan Scorbit samt seinen »Topagenten« Helge und Holge nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte.

Die Suche nach den Hintermännern der Terroristen würde weiter andauern.

Epilog. Das schönste an einer hochzeit

Erschöpft von dem anstrengenen Tag begab sich der Marquese in sein Schlafgemach. Er war nun tatsächlich mit Dorys verheiratet, der Alptraum war Wirklichkeit geworden und er war noch nicht zu ende.

Als er die Tür zu seinem Schlafzimmer öffnete, stieß er einen Schrei des Entsetzens aus. Auf dem Bett saß Dorys mit Reizwäsche bekleidet und sah ihn lüstern an. Don Philippe stöhnte. Eine schlimme Hochzeitsnacht stand ihm bevor …

ENDE

Ein schreckliches Attentat auf die Hochzeit des Marquese konnte dank der USO verhindert werden. Doch die Gefahr durch die Boten des Hexameron ist noch lange nicht gebannt.

Im nächsten Roman wechselt die Handlung zu einem völlig anderen Ort. Alexander Kaiser wird seinen Einstand bei DORGON geben. Sein Werk trägt den Titel

Nyrrak, der Sammler

Die Hauri -aus dem universalen Völker-Lexiko

Ein Volk aus dem sterbenden Universum Tarkan, beheimatet in der Galaxis Hangay. Die Ursprungswelt heißt Talluur. Die Hauri, im Bereich Hangay wichtigstes Hilfsvolk des Hexameron, sind humanoid und bei einer durchschnittlichen Körpergröße von zwei Metern extrem dürr, wie ausgemergelt. Die lederartige Haut ist dunkelbraun. Die langen dünnen Arme und Beine enden in fünf Fingern bzw. Zehen. Im knochig wirkenden Kopf dominieren in tiefen Höhlen zwei relativ kleine Augen, die in dämonischen, grünlichem Feuer zu glühen beginnen, sobald der Hauri sich erregt (z.B. im Zorn). Die Hauri sind zweigeschlechtlich. Ihre Kleidung ist nüchtern und zweckmäßig. In der Regel sind es khakifarbene Kombinationen, die mit verschiedenen Produkten der Mikrotechnik ausgestattet sind. Auf der rechten Brustseite prangt das Symbol der (Letzten) Sechs Tage: ein Halbkreis, aus dem sechs von links nach rechts größer werdende Zacken hervor stoßen.

Die Hauri sind Wüstenbewohner, ihre Heimatwelt ist extrem wasserarm. Dort leben die Hauri zum größten Teil in ihren Technozonen, futuristisch wirkenden Städten mit ringsum angeordneten Kasernenvierteln für die einfachen Soldaten.

Wasser in reiner Form wirkt wie Gift auf die Hauri, kann sie jedoch zu ungeahnten Hochleistungen stimulieren, wonach sie erschöpft zusammenbrechen oder sogar sterben können. Demzufolge gibt es auf Hauri-Schiffen sogenannte Wasserträger, die ganz in Rot gehüllt sind und denen ein hoher, pseudo-religiöser Rang zukommt. Sobald eine Situation den Durchschnitts-Hauri überfordert, kommen die Wasserträger und verabreichen das »Gift«, welches den Hauri für kurze Zeit hoch stimuliert.

Die Hauri bilden eine fast mönchartige Gesellschaft. Es gibt keinen Individualismus. Mahlzeiten werden gemeinsam (in Arbeitsgruppen u.ä.) eingenommen. Jeder Hauri weiß quasi im voraus, was er wann und wo zu tun hat, alles ist nach Plan festgelegt. Der Glaube an die Lehre des Hexameron durchdringt dabei alles. Das haurische Bewusstsein ist in zwei Bereiche aufgeteilt, den Bewusstseins-Vorder- und Hintergrund. Im Vordergrund laufen die aktuellen Gedanken ab, während der Bewusstseinshintergrund die tieferen Gedanken und Informationen beherbergt. Zu diesen können Telepathen nicht vorstoßen.

Die Technik der Hauri wirkt auf den ersten Blick beeindruckend weit entwickelt. Sie ist allerdings nicht ihr Eigenprodukt, sondern ihnen in großen Teilen von Hexameron zur Verfügung gestellt. Die Raumschiffe der Hauri sind von eigenartiger, unregelmäßiger Form, die ihnen den Namen »Weltraum-Aale« eingebracht hat, und in erster Linie zu Transportzwecken bestimmt. Sie sind dreifach untergliedert. Das Heck besteht aus einem konisch zulaufenden Zylinder, der an seiner dicksten Stelle, also mittschiffs, 40 m im Durchmesser hat und 150 m lang ist, somit über die Hälfte der Gesamtlänge (300 m) reicht. Das Mittelschiff hat ein Viertel der Gesamtlänge, ist also 75 m lang und besteht ebenfalls aus einem sich nach hinten verjüngenden Zylinder; Durchmesser vorn 30 m, hinten 10 m. Der Bugteil ist wiederum 75 m lang und an seiner stärksten Stelle 40 m dick, verjüngt sich jedoch an der Bugspitze zu 15 mal 15 m. Die Haurischiffe besitzen einen dem Metagravtriebwerk verwandten Antrieb, der Überlichtfaktoren von bis zu 70 Millionen erzielen kann. Für Lande- und Startmanöver sowie unterlichtschnellen Flug sind Feldtriebwerke vorhanden. Die Schiffe sind stark bewaffnet.

Die Hauri sind eines der wichtigsten Hilfsvölker des Hexameron und unterhalten in der Galaxis Hangay zahlreiche Stützpunkte. Als das erste Viertel Hangays Anfang 447 NGZ im Standarduniversum materialisiert, gelangen mit ihm entsprechend viele Hauri in unseren Kosmos, wo sie sich rasch an die Arbeit im Sinne des Hexameron machen. Dabei haben sie so gut wie nicht unter dem Strangeness-Schock zu leiden. Die zu dieser Zeit bereits in anderen Bereichen des Universums (Galaxis Vilamesch) tätigen Hauri sind schon früher ins Standarduniversum gelangt.

Nach dem Transfer des letzten Hangay-Viertels ins Standarduniversum löst sich die Zivilisation der Hauri in zahlreiche Splittergruppen auf. Vorher trugen die Hauri den Hundertjährigen Krieg in die Milchstraße. Nach der Monos-Zeit sind die Hauris zur Unbedeutsamkeit verurteilt und haben keine wichtige Rolle mehr in der Lokalen Gruppe gespielt. Viele Hauris stört diese Bedeutungslosigkeit. Sie wünschen sich die mächtigen Zeiten des Hexameron zurück. Durch die sozialen Missstände, dem Unvermögen die freie Marktwirtschaft einzuführen und der dadurch resultiernden Armut bei allen Haurivölkern, schürt den religösen Glauben und das Bestreben das Hexameron wieder zurückzuführen. Unter vielen fanatischen Hauris, wie Ab-e-Metul hat sich der Glaube breit gemacht, dass Afu-Metem und der Herr Heptamer wieder auferstehen werden.

Björn Habben

Der DORGON-Zyklus - Osiris - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Heft 80 von Jens Hirseland. Titelbild: Heiko Popp. Technischer Berater: Sebastian Schäfer. Versand: PROC. Lektorat, Nachbearbeitung: Rene Schweinberger und Henriette Zirl. DORGON-Kommentar: Björn Habben. Umsetzung in Endformate: Alexander Nofftz. Generiert mit Xtory (SAXON, LaTeX). Homepage: http://www.dorgon.net/. eMail: dorgon@proc.org. Adresse: PROC c/o Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf. Copyright © 1999-2002. Alle Rechte vorbehalten!