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Die Zerstörung des Universums und damit das Ende allen Seins ist das höchste Ziel, das es zu erreichen gilt. Es gibt keinen Grund, warum dieses Universum weiter bestehen sollte!« Ich hatte diese Worte laut ausgesprochen, sie waren meine ganze Überzeugung und in At-Tarkan, wie ich meine Organisation genannt hatte, teilten alle Mitarbeiter diese Ansicht. Sie waren alle nach strengen Kriterien ausgewählt worden und leisteten gute Arbeit. Immerhin hatte es meine Organisation innerhalb von sechs Monaten geschafft, zur mächtigsten Terrororganisation von Cartwheel zu werden. Das hatte ich Raufu-Er-Heron und mir zu verdanken. Ich hatte die Ideen, er tüftelte ausgeklügelte Pläne aus, für deren Ausführung wiederum ich die passenden Leute auswählte. Die Zusammenarbeit klappt perfekt, ich kann wirklich froh sein, dass ich ihn habe. Wir machen zwar derzeit große Fortschritte, die Organisation wächst, die meisten Anschläge gelingen und, was das Wichtigste ist, die Neue USO ist uns noch nicht auf den Fersen. Wir haben einfach keine Spur hinterlassen, die sie auf uns gelenkt hätte. Sicher, man hat versucht, Agenten der USO in At-Tarkan einzuschleusen, aber es ist nie gelungen. Das ist sicherlich Keon, einem meiner treuesten Mitarbeiter, zu verdanken, der die Ausbildung der neuen Rekruten übernimmt. Aber irgendwie kommen wir unserem Ziel dennoch nicht näher. Noch haben wir keinen Schlag gelandet, der Cartwheel in seinen Grundfesten erschüttert hätte. Und die Galaktiker tun alles, um zu verhindern, dass wir ihr jämmerliches Leben beenden. Ich habe versucht, mich in ihre Denkweise hineinzuversetzen: Da hätten wir die Dorgonen: Sie hatten eine sehr gute Regierungsform, ein starker Herrscher regierte über die ganze Galaxie, andere Völker wurden unterdrückt. Doch eines Tages kamen die Terraner nach Dorgon, dann versagte das System: Es konnte wenigen Galaktikern gelingen, den Kaiser Thesasian zu stürzen. Carigul und Nersonos waren schwach, Uleman führt die Galaxis in eine komplett falsche Richtung: Unter ihm sollen alle Völker gleich gestellt sein. Die Geschichte beweist doch, dass so etwas nicht funktioniert. Das Volk ist dämlich, es gibt sich mit allem zufrieden. Eine starke Macht muss es führen, jemand wie Heptamer, dem wir Hauri unser Leben verschrieben haben. Dann gibt es die Blues: Es existieren jede Menge Bluesvölker und Bluesstämme, die jede Menge Kinder produzieren und sich gegenseitig abschlachten - und das schon seit vielen Jahrtausenden. Das kann auch nicht im Sinne Heptamers sein, er möchte eine einheitliche Führung für alle Völker. Die Überschweren: Eine Horde Wilder, die für Geld alles tun würden. Sie werden von einem starken Oberhaupt geführt, das sich aber oft nicht gegen diese Individualisten durchsetzen kann. Überschweren mangelt es an Treue und Glauben, nichts ist ihnen heilig. Sie sind nicht für die Herrschaft Heptamers geeignet. Die Arkoniden: Schon seit Jahrtausenden funktioniert die Monarchie bei ihnen, aber sie neigen dazu, dekadent und faul zu werden. Viele von ihnen sind korrupt, viele tun alles für Geld. Nur selten haben sie einen guten Herrscher auf die Beine gestellt, Bostich hatte Chancen, doch auch er kann sich gegen diese Terraner nicht durchsetzen. Und dann Uwahn Jenmuhs: Ein fetter, korrupter Intrigant, triebgesteuert, dessen Versuche, andere Völker zu kontrollieren, sehr plump waren. Über die Lingus-Invasion konnte ich nur lachen. Ihm mangelt es an Glauben, er hat nicht das Zeug zu einem Diener Heptamers. Ja, und dann gibt es die Terraner: Eigenwillig, störrisch, wenn man mit ihnen zu tun hat, machen sie einem alle guten Pläne zunichte, auch wenn sie oft nur viel Glück haben. Ihre Regierungen haben oft gewechselt, aber sie kämpften immer für eine geeinte Milchstraße, für Frieden und Gerechtigkeit, für eine Gleichberechtigung jedes Individuums, die ganze Leier. Immer voran die Unsterblichen unter der Führung Perry Rhodans, dieses hoffnungslosen Idealisten, der in all der Zeit nichts dazugelernt hatte. Nichts konnte ihn totkriegen, mit viel Glück hat er sich bis heute durchgeschlagen. Nein, die Terraner gilt es zu meiden, sie kommen noch nicht einmal für eine Allianz im Sinne Heptamers in Frage. Doch wer könnte ein Partner für uns Hauri sein? Wer hätte die Macht, meine kleine Organisation zu unterstützen, damit wir unseren Plan zur Zerstörung des Universums durchführen können? Die meisten Chaotarchen schieden aus: Sie hatten sich als verrückt oder unfähig erwiesen, nur MODROR hatte Verstand gezeigt. Doch an MODROR heranzukommen, erwies sich als schwierig. Die meisten Söhne des Chaos waren nicht bekannt, Despair schien zum Feind übergelaufen zu sein, Cau Thon war seit dem BAMBUS-Spektakels nicht mehr gesehen worden. Daraus ergibt sich eine Konsequenz: »Ich muss die anderen Söhne des Chaos finden. Ich muss mich mit MODROR verbünden!« »Das sehe ich ganz genauso, Afu-At-Tarkan!« Ich fuhr herum. Das Zimmer hatte ich abgedunkelt, ohne meine Kenntnis konnte niemand es betreten oder verlassen. »Wer ist da?« Cau Thon hatte sich schon eine Weile im Zimmer des Anführers von At-Tarkan aufgehalten. Er wollte den Terroristen nicht in seinen Überlegungen stören, aber jetzt war es an der Zeit, in Erscheinung zu treten. Er setzte sich in Bewegung und kam langsam auf Afu-At-Tarkan zu. »Wer – wer ist da?«, fragte Afu noch einmal. Doch dann hatte er sich wieder in der Gewalt und zog seinen Strahler. Eine Sekunde später hatte er seinen Individualschutzschirm eingeschaltet und sich hinter seinem Sessel versteckt. Nun hörte er Schritte, jemand kam langsam auf ihn zu. Allmählich schälte sich aus der Dunkelheit eine Gestalt heraus: Sie trug eine dunkle Kutte und hielt einen Gehstock in der rechten Hand – nein, es war kein gewöhnlicher Gehstock, er funkelte golden und hatte als Kopfstück einen Totenkopf. Als die Gestalt noch näher kam, wurde auch das Gesicht sichtbar: Es war rot, auf der Stirn war eine Tätowierung erkennbar. Die Gestalt lächelte überlegen. »Cau Thon!«, stieß Afu hervor und warf sich auf den Boden. »Cau Thon, verzeihe, dass ich dich nicht gleich erkannt habe!« Zögerlich erhob sich Afu, er wagte aber nicht, Cau Thon ins Gesicht zu blicken. »Wie kann ich dir dienen?« Ein Lächeln umspielte Cau Thons Mundwinkel. Er mochte es, wenn seine Gesprächspartner ihm von Anfang an den nötigen Respekt erwiesen. Das zeugte von bedingungslosem Gehorsam, der bei potentiellen Verbündeten immer wichtig war. Er machte eine Pause, um seine Präsenz besser auf Afu-At-Tarkan wirken zu lassen, dann begann er: »Ich komme in MODRORs Auftrag. Er ist ein Freund Heptamers und hält große Stücke auf dich. MODROR hat große Pläne und er möchte, dass du Teil von ihnen wirst.« Spontan fiel Afu erneut zu Boden: »Ich bin sein treuer Diener, ich tue alles, was MODROR verlangt.« »Das weiß ich. Dennoch möchte ich, dass du wieder aufstehst und dich auf deinen Thron setzt. Wir haben viel zu besprechen …« Etwa eine Stunde später wurde Raufu-Er-Heron in Afus Zimmer gerufen. Als er ankam, begrüßte ihn Afu stürmisch: »Wir haben es geschafft! MODROR ist auf uns aufmerksam geworden, er möchte, dass wir zum Gelingen seines großen Planes beitragen!« Raufu war von Natur aus ein eher stiller, emotionsloser Hauri. Er hatte schon viele Terroreinsätze absolviert, bisher hatte er jeden überlebt und das war seinem kühlen Verstand zu verdanken. Er schätzte jedes Risiko exakt ab, er schickte keinen seiner Männer unnötig in den Tod und er wusste, wann ein Einsatz verloren war. Außerdem war er ein brillianter Taktiker und Planer: Die Pläne, die sich Afu und Raufu gemeinsam erdacht hatten, führten meistens zum Erfolg. »Was ist passiert?« war daher seine knappe Antwort auf diese sensationelle Neuigkeit. »Cau Thon ist hier aufgetaucht und hat mir einen Plan unterbreitet, wie wir Cartwheel endlich effektiv erschüttern können.« Afu kannte seinen Partner inzwischen sehr gut, er wusste, dass ihn so gut wie gar nichts erschüttern konnte. »Gut, das wurde auch Zeit. Wir haben hart gearbeitet. Also – was sollen wir tun?« Afu erklärte seinem Partner, was er mit Cau Thon besprochen hatte. Zunächst waren zwei Aktionen geplant. »… auf diese Weise verängstigen wir die Bewohner Cartwheels und machen sie verwundbar für die anderen Aktivitäten MODRORs«, endete er. Raufu dachte kurz nach, dann sagte er: »Klingt gut. Dann sollten wir sofort einen Plan ausarbeiten und andere Aktionen zurückstellen. Da fällt mir ein: Wie sollen wir unsere Spur diesmal verwischen?« »Auch dazu hatte Cau Thon eine brilliante Idee …«
Der Somer Sam befand sich in seinem Büro auf Paxus. Unruhig lief er auf und ab, denn dieser Tage plagten ihn viele Sorgen. Dabei hatte es vor wenigen Tagen noch ganz anders ausgesehen: Der Lingus-Konflikt konnte beigelegt werden, wenn auch noch nicht ganz klar geworden war, warum Jenmuhs plötzlich nachgegeben hatte. Sam hatte das Gefühl, dass bei dieser Entscheidung nicht alles mit rechten Dingen zugegangen war: Zunächst verhielten sich die Arkoniden absolut stur, sie konnten es auf der einen Seite nicht legitimieren, Lingus zu besetzen, auf der anderen Seite wollten sie den Planeten auch nicht aufgeben. Schlimmer noch: Sie behaupteten, die Linguiden wollten in das Reich der Arkoniden eingegliedert werden und die Zerstörungen auf Lingus seien auf linguidische Terrororganisationen zurückzuführen. Solche Behauptungen waren lächerlich, vor allem, wenn man die friedliebenden Linguiden kannte. Und dann diese organisierten »Pro-Arkon«-Demonstrationen. Wenn die Lage nicht so ernst gewesen wäre, hätte Sam darüber lachen können. Jenmuhs war nicht erreichbar gewesen und Sams Anweisungen waren ignoriert worden - und das, obwohl er als Generalsekretär Cartwheels über Jenmuhs stand! Und dann: Völlig überraschend, dieser überhastete Rückzug von Lingus. So oft Sam auch darüber nachdachte, er verstand noch immer nicht, was passiert war. Die Lage hatte sich beruhigt, ein Krieg war abgewendet worden. Doch dann gab es vor einigen Tagen die blutige Revolution der Pelewon. Sicher, sie waren von den Konstrukteuren des Zentrums unterdrückt worden, man gestand ihnen nicht die Unabhängigkeit zu, aber warum musste der Kampf um die Unabhängigkeit so brutal und grausam ausgetragen werden? Hätte es nicht noch andere Möglichkeiten gegeben? Doch man musste auch eine andere Seite betrachten: Das Aufgebot an Raumschiffen der Bestien war gigantisch gewesen – sie hatten ihre Unterdrücker regelrecht weggefegt, es war das reinste Schlachtfest gewesen. Nun zeigte sich, dass die Bestien ein neuer, nicht zu unterschätzender Machtfaktor in Cartwheel waren. Sam hoffte, dass sie auf ihrer Seite waren. Er wollte auf jeden Fall die weitere Entwicklung der Pelewon genau beobachten. Wenn das nur die einzigen Sorgen gewesen wären: Es gab mindestens vier so genannte »Söhne des Chaos«. Nur die Identität von dreien war bekannt: Cau Thon, Goshkan und Cauthon Despair. Der Letztere hatte sich auf die Seite der Cartwheeler geschlagen, so schien es zumindest. Seine Handlungen ließen auch nicht auf Gegenteiliges schließen. Sam wusste nicht, was diese Söhne des Chaos taten und planten, er wusste nur, dass es nichts Gutes sein konnte. Er musste auch hier ständig auf der Hut sein und jedem Hinweis auf sie nachgehen. Ja, und schließlich gab es noch die Terroranschläge in Cartwheel … Sams Interkom piepste. »Ja?« Seine Sekretärin erschien auf dem Bildschirm und schenkte ihm ein Lächeln. »Der erwartete Besuch ist eingetroffen.« »Gut, schicken Sie die Herren hinein. Wir möchten nicht gestört werden.« Sam schaltete ab und setzte sich an seinen Schreibtisch. Sam hatte den Anführer der Neuen USO, Jan Scorbit und Will Dean, einen hochrangigen Agenten des Terranischen Ligadienstes in Cartwheel zu dem Treffen eingeladen. Nach einer knappen Stunde hatten sie die Ereignisse der letzten Tage durchgesprochen und beschlossen, wo welche Ressourcen eingesetzt werden sollten. »Die Terrororganisationen machen mir Sorgen«, meinte Jan unvermittelt. Sam war zunächst überrascht, sie hatten gerade über Uwahn Jenmuhs Überwachung gesprochen. Doch dann entgegnete er: »Inwiefern? Sie verhalten sich doch in letzter Zeit eher ruhig, es gab nicht mehr viele Attentate. Wir haben ohnehin schon genügend Sorgen.« »Das ist es ja gerade, was mich wundert. Wir hatten in den letzten Monaten immer eine gewisse Menge terroristischer Anschläge, bisher haben wir es aber nie geschafft, einer Gruppe auf die Spur zu kommen. In den letzten Tagen hat es aber beinahe keine Anschläge gegeben.« Jetzt schaltete sich auch Will ein: »Meinst du, es ist die Ruhe vor einem großen Anschlag? Dass die Organisationen Vorbereitungen treffen?« »Nun, ich kann nichts Konkretes sagen, ich wollte mit dieser Äußerung auch keine Pferde scheu machen. Die USO konnte bislang auch nichts hierzu herausfinden...« Will dachte eine Weile nach. »Vielleicht kann ich hier helfen. Wir stießen vor einigen Tagen auf eine Terroristenzelle, die hin und wieder kleinere Bombenanschläge durchführt. Wenn es uns gelingen würde, dort jemanden einzuschleusen, dann könnten wir an wichtige Informationen kommen. Nur leider …« Will zog ein unglückliches Gesicht »… finden wir niemanden, der für eine solche Aufgabe geeignet ist.« »Ja, diese Terrororganisationen sind so erfolgreich, weil sie sich ihre Leute sehr genau aussuchen. Nicht viele Leute würden die Ausbildung überstehen und sich zugleich nicht verraten«, überlegte Sam. »Mal abgesehen von den Zellaktivatorträgern, die natürlich zu bekannt sind und sich nicht in Cartwheel aufhalten.« »Ja, und die Zeit, in der jeder Agent mit einem fröhlichen »Ja!« einen solchen Selbstmordauftrag angenommen hätte, sind vorbei. Heute achten die Leute mehr auf ihr Leben, von wenigen Ausnahmen abgesehen.« »Wenige Ausnahmen...« Jan war nachdenklich geworden. Während sie beiden anderen sich unterhielten, war er auf einen Agenten gestoßen, der für dieses Unternehmen in Frage kam. Dennoch würde es nicht leicht werden, denn er kannte diesen Mann. Aber Jan war schon mit vielen Menschen zurecht gekommen. »An was denkst du? Kennst du jemanden?« Jan blickte auf. »Ja, ich glaube schon. Es wird nicht leicht werden, ihn für dieses Unternehmen zu begeistern, aber ich glaube, ich schaffe das. Wir müssen außerdem seinen Einsatz genau planen und vorbereiten. Es muss alles genau passen. Will, ich glaube, wir sollten in dieser Sache zusammenarbeiten.« So geschah es dann auch: In den nächsten zwei Tagen fanden Sam, Will Dean und Jan Scorbit wenig Schlaf. Sie und viele Mitarbeiter des TLD und der Neuen USO waren ständig im Außen- und Innendienst beschäftigt. Dabei musste das Kunststück vollbracht werden, die Einschleusung des USO-Agenten nicht zu perfekt wirken zu lassen, um Verdacht zu vermeiden. Jan kümmerte sich persönlich um diesen Agenten …
So ein Mist! So ein verdammter Mist! Warum muss mir das schon wieder passieren? Wieso mir? Gibt es denn keine anderen Agenten, die die Voraussetzungen für den Einsatz erfüllen? Wieso soll es unbedingt ich sein? Sicher: »Du bist der Einzige, der dieser Aufgabe gewachsen ist«, haben sie gesagt. »Dein Einsatz könnte schlimme Katastrophen verhindern«, haben sie gesagt. Und »Nach dem Einsatz bekommst du einige Zeit Urlaub« – auch das haben sie gesagt. Als ob es für mich ein »nachher« geben würde. Die Überlebenschancen sind minimal, mir kann noch nicht einmal jemand sagen, wie lange der Einsatz gehen wird. Andererseits bin ich USO-Agent und es ist meine Aufgabe, auf Einsätze zu gehen und unter Einsatz meines Lebens Cartwheel sicherer zu machen. Wie gefährlich muss ein Einsatz sein, damit ich ihn nicht mehr annehmen muss? Kann das jemand entscheiden? Und vielleicht hat Jan Scorbit ja sogar recht, wenn er sagt, ich sei der Einzige, der diesen Einsatz absolvieren könnte. Ja, richtig, ich sollte mich geschmeichelt fühlen. Mir traut man mehr zu als anderen. Nur, dass die anderen weiterhin ihre übliche Arbeit verrichten können, während ich mich in diese Terrororganisation einschleusen soll. Ach ja - und ich weiß noch nicht einmal, ob mein Einsatz überhaut einen Sinn hat. Vielleicht plant man gar keine große Sache. Kann ja sein. »Verdammt noch mal, wieso ich?« »Hast du etwas gesagt?« Das war der Barkeeper. Ich bemerkte erst jetzt, dass ich vor mich hingemurmelt hatte. »Ja, ich hätte gerne noch einen kleinen Vurguzz«, sagte ich und setzte ein freundliches Lächeln auf. Ich merkte es schon wieder: Es ist gar nicht so einfach, im Dienst seinen Gedanken nachzuhängen und gleichzeitig aufmerksam zu sein. Aber genau das wird von uns Agenten verlangt. Auch in Situationen, in denen nichts passieren wird. Ja, die Jungs bei der USO hatten meinen Einsatz minutiös geplant, nur der Beginn stand bislang nicht fest. Ich wartete nun schon über drei Stunden auf das Signal und durfte noch nicht einmal viel trinken, denn für den Einsatz später musste ich mich völlig unter Kontrolle haben. Ein Gespräch mit dem Barkeeper gab ich auf, nachdem er mit Parolen wie »Da habt ihr euch dumm angestellt bei Lingus, wir Terraner hätten es besser gemacht« oder »Seid ihr alle so dekadent wie euer Chef?« um sich geworfen hatte. Ich hatte jetzt keine Lust auf dieses Stammtischgerede und diese furchtbaren Verallgemeinerungen. Endlich: Der Interkom in der Kneipe piepte. Der Barkeeper nahm das Gespräch an und schob mir das Gerät mit den Worten »Hier, dein Rendesvouz. Scheint eine heiße Braut zu sein.« zu. Dazu verdrehte ich nur die Augen und wechselte einige Worte mit der Agentin. Es war Rosan Orbanashol-Nordment höchstpersönlich. Sie war seit einigen Wochen die Stellvertreterin von Jan Scorbit und erledigte ihre Aufgabe hervorragend. Sie brachte etwas Wärme in diesen kalten Beruf der Agenten und Spione. Der Dialog war abgesprochen, ich sagte also wie in einem Theaterstück nur meinen Text auf. Für neugierige Leute in der Bar lieferte ich noch die dazugehörige Mimik dazu. Nachdem ich das Gespräch beendet hatte, seufzte ich. Manchmal wünschte ich mir etwas weniger Perfektionismus in der USO, ein wenig mehr Spontanität. Es kam schon so weit, dass ganz normale Dialoge gespielt werden mussten, um sie echt wirken zu lassen. Es sollte ja niemand herausfinden, was Orbanashol-Nordment mir mitgeteilt hatte. Es ging jetzt also definitiv los: Ab jetzt gab es einen exakten Zeitplan. Im ersten Teil hatte ich wenig zu tun: Ich musste mich nur langsam in eine Seitenstraße beim Freiheitsplatz begeben und mir dort ein Versteck suchen. Dann hatte ich noch eine halbe Stunde – die USO schätzte 34 Minuten – zu warten, bis die Angehörigen der Terrorgruppe vorbeikamen. Sie sollten von USO-Agenten angegriffen und niedergeschlagen werden. Mein Auftrag war es, die Terroristen unter Einsatz meines Lebens vor den Agenten zu retten und diese in die Flucht zu schlagen. Dabei war der Kampf gegen die Agenten genau geplant: Wir hatten Stunden damit verbracht, ihn zu inszenieren und ihn echt aussehen zu lassen. Immerhin: Ich hatte eine Mordswut im Bauch und würde den guten Leuten sicherlich auch einige blaue Flecken verpassen. Ein paar echte Wunden würden den Kampf sicherlich realistischer erscheinen lassen. Ich lächelte bei diesem Gedanken, er munterte mich etwas auf. Ich zahlte meine Getränke und verließ die Bar. Auch jetzt schenkte mir niemand übermäßige Aufmerksamkeit. Zumindest nicht mehr, als man einem Angehörigen der Arkoniden, die Lingus brutal überfallen hatten, geschenkt hätte. Nun wartete ich schon etwas länger als 20 Minuten in meinem Versteck. Ich hatte die Zeit genutzt, um meine gesamte Agentenausrüstung loszuwerden. Meine Mikrokameras, den Antigrav, einen schwachen Deflektorschild und den speziellen Interkom von der nUSO. Schließlich sollten mich die Terroristen nicht schon bei dem ersten Zusammentreffen enttarnen. Bevor es ernst wurde, wollte ich mich aber noch einmal schönen Gedanken hingeben, denn so ruhige Augenblicke würde ich in der nächsten Zeit nicht mehr erleben. So dachte ich an Falbela, die sich auf Arkon gerade sicher fragte, wo ich steckte. Wir hatten uns vor gut zwei Jahren, während Sarons Aufstand, kennengelernt. Dieser wahnsinnige Pterus wollte die Lehre des Permanenten Konfliktes in Cartwheel verbreiten. Ich hatte eine Mission auf Bostich zu erledigen und ich hatte mich allmählich mit ihr angefreundet. Das hatte die Mission auch vorgesehen, ich hatte nur nicht ahnen können, dass daraus echte Gefühle entstehen konnten: Wir hatten uns verliebt. Ich musste Bostich verlassen und nahm an verschiedenen Agenteneinsätzen teil. Zusammen mit Will Dean und Jan Scorbit nahm ich Kontakt mit den Helfern Ijarkors auf, leider traf ich den alten Ijarkor nicht selbst. Mit Hilfe dieser mysteriösen Organisation konnte die Invasion der Pterus gestoppt werden, Saron wurde besiegt und ich bekam wieder Aufträge auf Bostich, wo ich die Beziehung zu Falbela vertiefte. Nun waren wir schon zwei Jahre ein Paar. Ich hatte meistens nur kleinere Spionageaufträge auf Bostich, wir sahen uns praktisch jeden Tag. Die Abkommandierung zu diesem Auftrag hatte ich ihr als längere Geschäftsreise verkauft. Ja, der Gedanke an sie würde mir Kraft geben, ich musste diesen Auftrag überleben, um sie wiederzusehen. Und danach würde ich den Agentenberuf an den Nagel hängen und mit ihr ein friedliches Leben führen … Abermals seufzte ich: Das würde nicht möglich sein: Zumindest nicht so lange, wie das Volk der Arkoniden von dekadenten Herrschern wie Uwahn Jenmuhs regiert wurde und die arkonidische Gesellschaft von dekadenten Adeligen geprägt wurde. Und auch nicht so lange, wie eine Entität wie MODROR eine friedliche Galaxie bedrohte. Nein, noch brauchte man Leute mit meinen Fähigkeiten. Ich schüttelte diese Gedanken ab. Der Beginn des Einsatzes stand unmittelbar bevor. Ich versuchte, aus meinem Versteck heraus die Verstecke der USO-Agenten auszumachen. So sehr ich mich auch bemühte, ich schaffte es nicht. Diese Agenten waren ebensolche Profis wie ich. Jetzt hörte ich Schritte: Vier Gestalten kamen die Straße hinab, geradewegs auf mein Versteck zu. Ich konnte nur ruhig bleiben und beobachten, was passieren würde. Als sie bis auf acht Meter heran waren, passierte es: Aus dunklen Hauseingängen sprangen vier vermummte Gestalten. Eine hatte einen Paralysator und rief: »Ergebt euch, Terroristen. Wir nehmen euch gefangen!« Die Männer standen sehr dicht hinter den Terroristen, die sich blitzschnell umdrehten. Der eine Agent kam gerade noch dazu, einen Schuss aus dem Paralysator abzuschießen, bevor ihm einer der Männer den Strahler aus der Hand trat. Aber die USO-Agenten hatten es nur noch mit drei Gegnern zu tun. Jetzt folgte eine wilde Prügelei. Zunächst war es die Aufgabe der Agenten, scheinbar zu verlieren, um den Kampf aufregender und realistischer zu gestalten. Nach kurzer Zeit aber hörte ich ein hässliches Knacken, nach dem der zweite Terrorist zu Boden ging. Nun sahen sich die Verteidiger vier Angreifern gegenüber, die Meister verschiedener Kampfkünste waren. Sie hatten keine Chance mehr. Ich durfte allerdings noch immer nicht eingreifen, vorher musste es noch einen Arm- und einen Beinbruch geben. Vielleicht etwas grausam, aber es musste ja einen Grund geben, warum die Terroristen auf meine Hilfe angewiesen sein sollten. Tatsächlich: Es knackte noch zweimal und alle Gegner lagen am Boden. Hoffentlich hatten die USO-Agenten den Terroristen nicht das Bewusstsein geraubt, denn sie sollten immerhin meinen heldenhaften Kampf miterleben. Ich grinste und verließ mein Versteck. Im Schutze der Dunkelheit schlich ich mich an einen Agenten an und setzte ihn mit einem gezielten Dagorgriff an den Hals außer Gefecht. Die anderen hatten das mitbekommen, zwei stürzten sich auf mich. Sie stellten sich nicht sehr geschickt an: Einem konnte ich den Fuß in den Bauch rammen, der andere Gegner war zäher: Es kam zu einem spannenden Kampf, in dem die guten alten Kampftechniken wie Karate, Judo oder Dagor zum Einsatz kamen. Ich wirbelte meinen Gegner durch die Gegend, setzte Hände, Füße, Arme und Beine ein, gelegentlich auch den Kopf. Es musste ein atemberaubender Anblick für die nicht bewusstlosen Terroristen sein. Nach einigen Minuten mischte sich auch der letzte USO-Agent ein. Das war das verabredete Zeichen, den Kampf bald zu beenden. Und wirklich: Wie durch ein Wunder traf einer meiner Dagorschläge den ersten Angreifer am Hals und ließ ihn zu Boden gehen. Der andere Kämpfer war ein Kinderspiel: Er stellte sich nicht besonders geschickt an. Ihn schickte ein Fußtritt ins Gesicht ins Land der Träume. Ich verschnaufte kurz, denn auch ein Schaukampf kann anstrengend sein. Erst dann wandte ich mich den am Boden liegenden Terroristen zu und erstarrte: Schon diese khakifarbenen Kombinationen waren ein schlechtes Zeichen. Die Farbe hatte er vorher in der Dunkelheit nicht erkannt. Mein Verdacht bestätigte sich: Ausgemergelte, braunhäutige Gestalten, mit tief in den Höhlen liegenden, kleinen grünschimmernden Augen: Es waren Hauri. Prima! Das hatte mir natürlich keiner gesagt! Ich hatte gedacht, ich hätte es mit Terroristen zu tun, aber nun stellte sich heraus, dass es religiöse Fanatiker waren! Innerlich verfluchte ich Jan Scorbit, aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Einer der Hauri – es war der mit dem gebrochenen rechten Arm – versuchte wieder auf die Beine zu kommen. Ich half ihm dabei. Er starrte mich daraufhin an, lange und sehr eindringlich. Dann fragte er langsam: »Warum hast du das getan?« Jetzt wurde es gefährlich: Mit Hauris war nicht zu spaßen, sie waren mir schon immer unheimlich gewesen. Ich musste nun schnell und überzeugend antworten: »Mein Name ist Torom Parek. Ich war hier in der Nähe, als ich Kampflärm hörte. Schon seit Wochen suche ich Kontakt zu eurer Organisation, es ist mir nur bisher nicht gelungen.« »Welche Organisation?« »Nun, ich bin schon lange Söldner für die Arkoniden gewesen. Ich musste ihrem Herrscher Uwahn Jenmuhs dienen. Inzwischen bin ich davon abgekommen, die Welt der Arkoniden stinkt und darf so nicht weiterexistieren. Bei meinen Aufträgen bin ich häufig auf Agenten gestoßen und das« - ich zeigte auf die vermummten Gestalten - »sind garantiert Agenten. Nun sage mir, warum Agenten mitten in der Nacht rechtschaffende Hauris jagen sollten?« Der Hauri dachte lange nach, sein Blick schien mich durchbohren zu wollen. Dann sagte er langsam: »In Ordnung. Du kannst mitkommen. Aber zuerst versorgen wir die Verwundeten.« Am Straßenrand entdeckten wir ein paar Holzbretter, mit denen der gebrochene Arm und das Bein geschient werden konnten. Verbunden wurde das Ganze mit Streifen aus dem Hemd des toten Hauri. Die USO-Agenten wurden – wenn nötig – noch mit Paralysatorschüssen bearbeitet und so hingelegt, dass eindeutig war, dass sie den unschuldigen Hauri ermordet hatten. Anschließend rief der Hauri mit dem gebrochenen Arm einen Polizeigleiter per Interkom. Ich warf den paralysierten Hauri über die Schulter, er wog zum Glück nicht viel. Der Hauri mit dem gebrochenen Bein stützte sich an dem anderen, dann machten wir uns zum kleinen Stützpunkt der Terroristen auf. Mich beschlich ein ungutes Gefühl bei der Sache: Irgendwie ging das alles zu einfach …
Ich hatte mich bereiterklärt, der Organisation At-Tarkan, wie die Hauri ihre Terrororganisation nannten, beizutreten. Zu diesem Zweck brachte man mich gleich am nächsten Tag zum Raumhafen, wo ich über eine abenteuerliche Flugroute durch ganz Cartwheel zu einem Hauptstützpunkt der Organisation gebracht wurde. Es handelte sich um das sogenannte »Ausbildungs- und Trainingszentrum für Neuzugänge«. Mittlerweile war es Nachmittag geworden. Der Flug war sehr anstrengend gewesen: Zum einen war der Komfort für Neulinge nicht gerade luxuriös zu nennen, zum anderen wusste ich nie, wie lange der Flug noch dauern sollte und was das Flugziel war. Man sagte mir ja nichts. Wir landeten auf einem düsteren Planeten, es schien hier gerade Nacht zu sein. Ich war nie gut im Sternbilder deuten und konnte mir so überhaupt nicht vorstellen, wohin mich der Flug verschlagen hatte. Nach etwa einer halben Stunde bedeutete man mir, mitzukommen. Zwei Hauri brachten mich in ein spärlich eingerichtetes Zimmer: Lediglich ein kleiner Schrank, eine Kaltwassernasszelle und ein hartes Bettlaken fand ich hier. Als Arkonide war ich bessere Unterkünfte gewohnt, so fragte ich vorsichtig nach einer Decke. »Du wirst dieses Bett nie lange benutzen müssen. Und wenn doch, dann wirst du sicherlich auch hier gut schlafen«, war die Antwort. Hatte ich gerade so etwas wie Humor gehört? Bisher war mir fremd, dass Hauri zu derlei Gefühlsregungen fähig waren, aber man lernte ja nie aus. »Keon wird sich bald melden und dich ausbilden. Bereite dich solange darauf vor.« Die Hauri verließen den Raum und ich legte mich auf die Matratze. Es würde ein Wunder sein, wenn ich mich am nächsten Tag noch bewegen können würde. Die Ruhe hielt nicht lange an: Schon nach zehn Minuten erschein ein anderer Hauri und forderte mich auf, ihm zu Keon zu folgen. Es ging durch einige Gänge und wenige Hallen: Die Wände waren kahl, alles sah gleich aus. Das war schon eher typisch für Hauri: Phantasie besaßen sie nur, wenn es um ihre Religion, die Lehre des Hexameron, ging. Möglicherweise wirkte die Atmosphäre gerade deshalb so bedrückend auf mich. Nach wenigen Minuten klopfte der Hauri an eine Tür. Wir wurden hereingebeten und ich erblickte Keon: Ein kleiner, leicht gebeugter älterer Hauri, mit einem leichten, aber permanenten hintergründigen Lächeln auf den Lippen. »Willkommen, Torum Parek. Man hat mir schon von dir berichtet. Boto, du kannst gehen. Lass uns alleine, damit ich mich mit unserem neuen Freund in Ruhe unterhalten kann.« Er kicherte leise. Keons Sprechweise war sonderbar: Er sprach betont deutlich und sehr langsam. Das kombiniert mit diesem Lächeln machte ihn mir unheimlich. »Gut, mein Freund. So setze dich doch. Solange du noch Gelegenheit dazu hast.« Er kicherte wieder. »Wir wollen erst einmal deine Personalien aufnehmen, für die Kartei. Dein Name?« »Torum Parek.« »Alter?« »22 Standardjahre.« »Ja, ja, die terranische Zeitrechnung. Und trotzdem hat jedes Volk auch seine eigene.« Er kicherte. »Größe?« »1,97 Meter.« »Gut, gut, ein großer Junge also. Haarfarbe?« »Weiß, fingerlang.« »Natürlich, weiß. Wie jeder Arkonide. Wie dumm von mir. Überhaupt eine interessante Frisur: So wirr durcheinander.« Er fragte weiter: »Augenfarbe? Nein, ich glaube, das sehe ich schon. Rot, wie bei Arkoniden üblich. Ich setze ein strahlend davor.« Schon wieder dieses Kichern, als hätte er einen guten Witz gemacht. Wenn er das noch oft machen würde, dann konnte ich für nichts mehr garantieren. »Gut, Torum. Dein Gewicht?« »89 Kilo. Ich habe in den letzten Jahren etwas zugenommen.« »Das ist kein Problem, mein Freund. Du wirst hier ausgebildet, danach wirst du gut in Form sein.« Wieder das Kichern. »Sicherlich.« Nach einigen Fragen über mein Leben und meinen Werdegang, für die ich bereits Antworten einstudiert hatte, stand er auf und sagte: »Gut, das genügt zunächst, mein Freund. Wir werden später sicherlich noch Zeit finden, um uns genauer zu unterhalten. Fangen wir doch mit der Ausbildung an.« Er kicherte erneut, doch diesmal endete der Anfall mit einem Husten. Wenn da nicht dieses ungute Gefühl gewesen wäre, hätte ich vielleicht gelacht. Diesmal waren wir mit einem kleinen Gleiter unterwegs. Ich musste mich auf einem unbekannten Planeten befinden, denn die Anlagen der Terroristen waren gigantisch: Riesige Verwaltungsgebäude wechselten sich mit Unterkünften und Übungsgelände ab. Anscheinend hatte die Neue USO die Bedrohung durch die Terroristen bislang unterschätzt. Schließlich landete Keon vor einer riesigen Halle. Wir stiegen aus und traten ein. Der Anblick war fantastisch: Vor mir breitete sich ein gigantisches Biotop aus, ein Urwald. Er wurde von einigen künstlichen Sonnen beschienen, in einigen Sektoren der Halle regnete es, in anderen war der Wald abgedunkelt. »Ein schöner Anblick, nicht wahr?« Keon war zu mir herangetreten. »Am besten gefallen mir immer die Tiere, die hier leben. Aber auch die fleischfressenden Pflanzen sind hübsch.« Er grinste mich an. Ich beobachtete den Wald erneut: Bei genauerem Hinsehen sah man es überall wuseln, kriechen oder schwirren. In der Ferne beobachtete ich, wie ein größeres Tier ein kleineres erlegte, das sich vergebens wehrte. Mich überkam ein ungutes Gefühl. Keon bestätigte es: »Deine erste Aufgabe, mein Freund, ist es, auf die andere Seite dieses Waldes zu gelangen. Für einen unserer zukünftigen Agenten sollte das kein Problem sein.« Er ließ seine Worte kurz auf mich wirken, dann fügte er hinzu: »Deine Ausrüstung besitzt du bereits: Das, was du bei dir trägst.« Er lächelte mich freundlich an, zumindest sollte es freundlich aussehen. Langsam staute sich eine Wut in mir auf gegen diesen Kerl. Doch bevor ich mich aufregen konnte, sagte er schon: »Na los, worauf wartest du, mein Freund? Marschiere schon los! Ich werde dich auf der anderen Seite des Waldes erwarten.« Er machte einige Schritte zurück und ehe ich mich versah, war ich vom Ausgang durch ein Energiefeld abgeschnitten, während sich das Energiefeld, das mich von dem Wald trennte, aufgelöst hatte. Es gab kein Zurück mehr. Ich hatte eine Riesenwut auf Keon, doch jetzt war die Gefahr zu groß: Derartige Gefühle mussten zurückstehen. Jetzt zählte erst einmal nur das Überleben. Es sah nicht gut aus: Die Tiere, die ich beobachtet hatte, wirkten sehr gefährlich und meine Ausrüstung war spärlich: Ich hatte praktisch nichts bei mir außer den Kleidern, die ich am Leib hatte. Immerhin hatte ich feste Schuhe an, mit denen man zur Not auch durch einen Dschungel wandern konnte. Nach meinen Beobachtungen lagen etwa zwei Kilometer Urwald zwischen mir und dem Ziel, sie galt es zu überwinden. Ich tastete mich vorsichtig voran, um keine Tiere aufzuschrecken. Doch das ging nicht lange gut: Nach knapp 100 Metern hörte ich unter mir einen Schrei: Ich war auf ein Blatt getreten. Nein, jetzt stellte sich heraus, dass unter dem Blatt ein Tier gewesen war, eine Schlange kam zum Vorschein. Sie zeigte spitze Beißzähne. Ich machte, dass ich davon kam. Dabei war mir egal, ob die Schlange giftig war oder nicht, Bisse von solchen Tieren konnte man nie gebrauchen. Außerdem wusste ich nicht, ob sie auch andere Tiere angelockt hatte. Diesmal lief es besser: Ich kam sicher 500 Meter weiter. Doch hier versperrte mir eine dichte natürliche Wand den Weg: Ich sah vor mir nur Blätter und Stämme und verspürte keine Lust, mich dort durchzuschlagen. Ich konnte ja nicht wissen, was sich darin verbarg. Eine giftige Spinne konnte genug sein. Ich wich also nach links aus – doch die Blätterwand nahm kein Ende. Hinter mir vernahm ich ein Zischeln, die Schlange war mir noch immer auf den Fersen. Doch kurz darauf hörte ich ein Grollen und das Zischen verstummte. Ich wandte mich um und erblickte eine riesige schwarz-braune Katze. Nur, dass diese Katze zwei Stoßzähne vor dem Maul und einen auf dem Kopf sitzen hatte. Sie würde die Schlange bald verspeist haben. Dann war ich dran. Von der anderen Seite kamen jetzt einige Vögel auf mich zugehüpft. Ihre spitzen Schnäbel und die Krallen an den Füßen wirkten nicht vertrauenserweckend. Zurück wollte ich nicht mehr, es blieb also nur noch die Flucht nach vorne. Ich setzte einige Schritte zurück, nahm Anlauf und sprang in die Blätterwand hinein. Kurz vor dem Aufprall schloss ich die Augen, ich wollte gar nicht wissen, was auf mich zukam. Wundersamerweise gab die Blätterwand nach – ich fiel. Im Sturz öffnete ich vorsichtig die Augen, um zu sehen, was auf mich zukam. Zunächst der Schreck: Es ging noch sicher zehn Meter abwärts, aber erleichtert stellte ich fest, dass ich in einen kleinen See fallen würde. Meine Schulter brannte, anscheinend hatte ich mir durch einen Dorn eine Schnittwunde geholt. Ich stürzte ins Wasser. Sekunden später stieß ich hart auf dem Boden auf, das Wasser war nicht tief genug gewesen. Ich beeilte mich, aufzutauchen und schwamm an Land. Zumindest wollte ich das tun, aber eine Strömung erfasste mich, ich wurde zu einem Fluss gezogen. Meine Geschwindigkeit erhöhte sich stetig, die Strömung wurde immer reißender. Weit vor mir erblickte ich einige Steine im Wasser. Wenn ich mit dieser Geschwindigkeit auf sie prallte, war es sicher aus. Ich musste ans Ufer kommen. Mit aller Kraft versuchte ich ans Ufer zu steuern, es kam aber nur quälend langsam näher. Außerdem meldete sich meine Schulter wieder, die Schmerzen wurden beinahe unerträglich. Vermutlich hatte mich kein normaler Dorn getroffen. Oder im Wasser war irgend ein Giftstoff. Die Steine kamen immer näher. Ich würde es nicht schaffen, meine Kraft reichte einfach nicht aus. Verzweifelt blickte ich mich um und sah einen sehr dicken Ast, der in das Wasser ragte. Eine letzte Kraftanstrengung und ich erreichte ihn. Krampfhaft hielt ich mich an dem Ast fest und versuchte mich, ans Ufer zu hangeln. Immerhin schöpfte ich ein wenig neue Kraft, denn das Festhalten war nicht so anstrengend wie das Schwimmen. Zunächst ging alles gut, doch als ich schon Hoffnung schöpfte, brach der Ast. Wieder wurde ich in die Mitte des Flusses gerissen, nur diesmal hatte ich den Ast mit beiden Händen umklammert. Den ersten Steinen konnte ich noch ausweichen, doch ein besonders großer Felsen lag genau auf meiner Bahn. Ich hielt den Ast fest und wartete auf den tödlichen Aufprall. Der Aufprall kam auch, der Ast zerbrach dabei. Meine Hände schmerzten und durch meine wunde Schulter zuckte eine Welle an neuen Schmerzen. Ich schrammte mehrmals an den Felsen an, aber der Ast hatte die größte Wucht des Aufpralls genommen und meine Kleidung hielt die ärgsten Verletzungen auf. Es gab noch einige Beinahe-Kollisionen und schließlich stürzte ich einen Wasserfall hinab, der aber zum Glück nicht besonders tief war. Diesmal landete ich in ruhigem Gewässer. Ich schwamm zum Ufer und ließ mich auf den Boden fallen. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort lag, aber es kann nicht lange gewesen sein. Ich wurde von einem Fauchen aufgescheucht. Das bedeutete sicher nichts Gutes, diesmal waren alle Gedanken und Gefühle abgeschaltet, ich wurde nur noch vom Überlebenswillen bestimmt. So sprang ich auf und rannte los. Ich rannte und rannte, sah mich nicht um, ich wollte gar nicht wissen, was mich verfolgte. Ich wollte nur noch raus aus diesem Dschungel. Nur noch weg von hier. Ich habe keine Ahnung mehr, wie weit der Weg war, ich weiß nur noch, dass ich irgendwann zu einem Energiefeld gelangte. Man schaltete mir eine Strukturlücke und ich stürzte dahinter zu Boden. Dann verlor ich das Bewusstsein. Viel Ruhe wurde mir nicht gegönnt: Schon eine Stunde später wurde ich wieder geweckt. Wie die Hauri-Mediziner das fertiggebracht hatten, war mir ein Rätsel. Doch darüber machte ich mir in dem Moment keine Gedanken. Viel mehr beschäftigte mich der Anblick der Person, die ich zu dem Zeitpunkt am wenigsten sehen wollte: Keon! Er grinste mich an und sagte: »So, mein Freund. Du bist also wieder auf den Beinen. Es freut mich, dich gesund und munter zu sehen. Deine Leistung war außergewöhnlich gut, man plant, dich mit in unseren nächsten Einsatz zu schicken. Natürlich nur, wenn du dazu bereit bist. Nun, und das – ja das werde ich entscheiden.« Er kicherte leise in sich hinein. »Wer – was bist du? Du kannst kein Hauri sein«, hauchte ich. Hauris waren keine Individualisten, sie dachten stets im Kollektiv. Sie hatten keinen Humor, dachten immerzu zielstrebig an ihr großes Ziel: Die Zerstörung des Universums, um ein neues zu schaffen. Keons Grinsen wurde breiter: »Kein Hauri?« Er schüttelte den Kopf und fuhr lächelnd fort: »Aber nicht doch. Auch in unserem Volk kommt es hin und wieder vor, dass Kinder geboren werden, die – anders – sind. Afu und Raufu sind solche Leute und auch ich dürfte dazuzählen. So etwas ist nur natürlich, jemand muss das Volk ja koordinieren. Es führen. Leute wie wir haben einfach den größeren Überblick. Durch unsere Arbeit dienen wir ebenfalls dem Kollektiv.« »Raufu? Afu? Wer sind sie?« »Alles zu seiner Zeit, mein Freund. Erst wirst du fertig ausgebildet, dann wirst du mehr erfahren.« Keon erhob sich. »Und jetzt, mein Freund, stehe auf. Wir müssen das Training fortsetzen.« Ich fasste es nicht: Mein ganzer Körper schmerzte, ich war vollkommen erschöpft, dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen und schon sollte ich diese grausame Ausbildung fortsetzen? Das konnte doch nicht Keons Ernst sein. Keon bemerkte mein Zögern und sagte: »Aber, aber. Diesmal wirst du deine Kräfte nicht brauchen, wir wollen nur miteinander reden. Im Übrigen ist es viel besser, wenn du nicht fit bist, dann können wir nämlich davon ausgehen, dass du die Wahrheit sprichst, mein Freund.« Anscheinend nutzte keine Widerrede – Keon war gefährlich, ich musste mich ihm beugen. Mühsam richtete ich mich auf und folgte ihm in ein Labor. »Ich möchte, dass du dich auf diesen Sessel legst. Es ist eine Spezialkonstruktion.« Das sah ich auch: Schon die Stahlfesseln an den Lehnen und beim Beinstück ließen mich nichts Gutes vermuten. Um den Sessel herum standen allerlei Apparaturen, einige davon kamen mir bekannt vor. Ich meinte, sie schon mal bei der USO gesehen zu haben – in den Räumen, in denen Gefangene verhört wurden. »So setz dich doch und mache es dir bequem. Ich will doch nur mit dir reden. Wenn du alles richtig machst, dann wird es auch nicht wehtun, mein Freund.« Diesmal betonte er die letzten Worte besonders deutlich. Doch, diese versteckte Drohung war bei mir angekommen. Ich setzte mich behutsam, Keon machte meine Arme frei und befestigte Arme und Beine mit den Stahlfesseln. Danach legte er einige Kontakte auf meine Arme. Jetzt wurde es ernst: Es würde sich zeigen, wie gut ich in der USO ausgebildet worden war und wie gut ich lügen konnte. Im wachen Zustand war ich Meister darin gewesen, aber jetzt war ich völlig ausgebrannt. Ich konnte wahrscheinlich sogar froh sein, wenn ich nicht mitten im Verhör einschlief und im Schlaf die Wahrheit vor mich hinmurmelte. Aber selbst wenn mir das gelang, konnte mich Keon immer noch in Widersprüche verwickeln, langsam und immer tiefer. Es wirkte, als ob Keon ein Meister darin sei. Der Folterknecht war inzwischen fertig mit den Anschlüssen: Er setzt sich mir gegenüber und lächelte mich freundlich an. Wie mir dieses falsche Lächeln zuwider war. Aber ich musste mich jetzt auf das Verhör konzentrieren und durfte mich nicht von Gefühlen leiten lassen. Sonst hatte Keon sein Ziel erreicht. »Nun, dann wollen wir mal anfangen. Dein Name?«, begann er. Totmüde fiel ich auf die Matratze. Das Verhör hatte mich so angestrengt, dass ich sofort schlafen wollte. Nur konnte ich nicht: Hatte ich alles richtig gemacht? War meine Geschichte glaubwürdig? Keon war das ganze Verhör über freundlich geblieben, nie hatte er seine Miene verändert. Hin und wieder hatte er dieses grässliche Kichern von sich gegeben, oft nur, um über seine eigenen Witze zu lachen. Streckenweise hätte ich fast die Konzentration verloren. Teilweise hatte mich nur der Gedanke an Falbela wach bleiben lassen. Wie mochte es ihr wohl gehen? Vermisste sie mich? Hatte man meine wahre Identität herausgefunden und ihr nachgestellt? Ich musste sie unbedingt wiedersehen, das war im Augenblick mein einziges Ziel. Mit den Gedanken bei ihr schlief ich endlich ein.
Drei weitere Tage hatte mich Keon noch ausgebildet. Es war eine sehr harte Zeit gewesen: Ich hatte viele andere Trainingsgebiete kennen gelernt. In einer Eislandschaft hatte ich mir schwere Erfrierungen geholt, die aber dank der heutigen Medizin wieder vollständig auskuriert werden konnten. Auch die Wüstenlandschaft hatte es in sich, ich weiß noch immer nicht, wie ich dem Treibsand entronnen bin. Einmal musste ich auch wieder in den Dschungel zurück, diesmal war es aber meine Aufgabe, mich auf einer 5 Meter breiten Straße, nur durch Energiefelder vom Rest des Dschungels getrennt, durchzuschlagen. Jede Minute musste ich einen Kontakt auslösen, sonst wären die Energiebarrieren gefallen und ich wäre wieder den Tieren ausgesetzt gewesen. Aber ich hatte auch Dinge für den terroristischen Alltag gelernt: So musste ich zusammen mit anderen Agenten eine Bombe auf einem gut bewachten Raumhafen platzieren, oder wichtige Unterlagen aus einem Büro des Ausbildungshauses beschaffen. Ich bin auch zweimal noch verhört worden, aber Keon schien mit mir zufrieden zu sein, soweit ich das feststellen konnte. Am 19. Oktober – vier Tage war ich ausgebildet worden – gönnte man mir einen Vormittag Erholung. Gegen 12 Uhr kam Keon und sagte mir, ich sei ins Hauptquartier beordert worden. Man hätte einen wichtigen Auftrag für mich. Die Abreise fand eine Stunde später statt, wieder erfuhr ich nicht, wohin es gehen sollte. Nur war der Flug diesmal erheblich kürzer, nur zwei Stunden später erreiche ich das Hauptquartier der Terrororganisation. Ich sollte hier dem Anführer, Afu-At-Tarkan vorgestellt werden. Keon war zum Glück nicht mitgekommen. Ich hätte bei seinem Anblick wahrscheinlich bald trotz USO-Ausbildung für nichts mehr garantieren können. Der Weg zum Büro des Anführers war nicht weit, wahrscheinlich lag es genau in der Mitte des Gebäudes. Kurze Zeit später stand ich Afu-At-Tarkan, dem gepriesenen Kopf der mächtigsten Terrororganisation, gegenüber. Um nicht respektlos zu erscheinen, kniete ich vor ihm nieder und schwieg. Er sagte daraufhin: »Gepriesen sei Heptamer, unser aller Herr. Wir dienen nur ihm und seiner Lehre!« Ich entgegnete: »Wir dienen nur dem Großen Ziel.« Diese Formulierung schien mir unverfänglich. Nach einer Weile sagte Afu: »Erhebe dich, Arkonide. Keon hat mir von dir erzählt, er hält große Stücke auf dich. Du kommst gerade zur rechten Zeit, denn wir haben eine Aufgabe, für die du dich prächtig eignest.« Ich stand langsam auf und betrachtete den Anführer der Organisation: Afu war schätzungsweise 1,80 Meter groß und er wirkte bereits etwas älter. Ich schätzte ihn auf 100 Jahre. Er war, wie die meisten Hauri, ausgemergelt und dürr, wog bestimmt keine 60 Kilo. Seine Augen waren grau, aber ich bemerkte ein leichtes grünes Schimmern in ihnen. Afu begann: »Es ist selten, dass wir Arkoniden in unserer Organisation begrüßen dürfen. Ihre Ideologie ist falsch, die meisten sind dekadent und sie sind ungläubig. Um so mehr freut es uns, einen Andersdenkenden zu sehen. Und jetzt ist die Zeit gekommen, um dich zu prüfen: Du erhältst deinen ersten Auftrag!« »Ich bin bereit«, sagte ich laut. »Gut, gut. Deine Aufgabe ist einfach, aber von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Wir verlangen von dir, dass du in das Regierungsgebäude von Bostich gehst und dort an einer bestimmten Stelle eine Bombe legst.« Afu drückte einen Knopf. »Gleich kommt Raufu, er wird dir die weiteren Details verraten. Gelobt sei Heptamer!« Nur wenige Augenblicke später betrat Raufu den Raum: Er war deutlich größer als Afu und etwas kräftiger gebaut. Außerdem war er höchstens halb so alt wie der Meister. »Raufu ist ein wichtiger Mitarbeiter unserer Organisation: Er ist ein ausgezeichneter Planer, aber auch im Einsatz ist er unverzichtbar. Er wird mit dir zusammen in den Einsatz gehen und ein Auge auf dich werfen. Wir glauben, du wirst es weit bringen.« »Wenn ich einen derart wichtigen Auftrag ausführen soll, sollte ich dann nicht etwas mehr über diese Organisation wissen?« Afu reagierte sonderbar: »Ich, ein Schüler des Großen Ab-e-Metul und Nachkomme des mächtigen Afu-Metem, des Herren des Feuers, bin dir keine Rechenschaft schuldig,« schrie er. Schnell beruhigte er sich wieder und fuhr regelrecht freundlich fort: »Raufu wird dir später vielleicht etwas über uns erzählen, aber es liegt in seinem Ermessen, was du wissen sollst.« Er setzte eine Kunstpause und fuhr fort: »Gelobet sei Heptamer. Ihr seid entlassen.« »Gelobet sei Heptamer!«, wiederholten Raufu und ich und verließen den Raum. Die Mission startet in einer Stunde. Da alle Vorbereitungen getroffen sind, werde ich dich hier etwas herumführen.« »Eine gute Idee«, stimmte ich zu. Wir marschierten durch das Gebäude. Wieder gab es nur kahle, trostlose Gänge. Auch Hallen, Treppenhäuser, Labors und Unterkünfte, alles war spartanisch und nüchtern ausgestattet. Antigravschächte suchte ich vergebens, anscheinend versuchte man, Energie zu sparen, um nicht so leicht geortet werden zu können. Raufu verhielt sich zunächst ruhig, erst nach einer Viertelstunde begann er zu berichten: »At-Tarkan wurde vor einigen Monaten gegründet, die Anlagen errichteten wir Hauri selbst, denn für das Große Ziel arbeiten wir gerne. Wir haben große Stützpunkte auf drei dir unbekannten Planeten, deren Standorte sind nur ganz wenigen bekannt. Aber auf so ziemlich jedem wichtigen Planeten Cartwheels arbeiten Teilorganisationen, die über Verbindungsleute Kontakt zur Zentrale halten und ihre Aufträge übermittelt bekommen. Diese Teilorganisationen sind ansonsten völlig unabhängig und wissen nichts über die Hauptorganisation. Werden sie geschnappt, werden und können sie nichts über uns berichten. Mal abgesehen davon, dass Hauri das nicht tun, denn sie dienen alle dem Großen Ziel.« Viel mehr Interessantes erfuhr ich nicht mehr, auch der weitere Rundgang war nicht besonders aufschlussreich. Ich war fast froh, als Raufu und ich uns zum Raumschiff begaben, das uns nach Bostich bringen sollte. Als wir auf Bostich ankamen, war es bereits Abend geworden. Das Regierungsgebäude war allerdings noch eine Stunde für jedermann begehbar. Wir passierten die Waffenkontrolle problemlos und ließen uns in das achte Stockwerk tragen. Dort standen wir unvermittelt vor verschlossenen Türen: Der Gang war für die Öffentlichkeit gesperrt. Alle Versuche, die Tür zu öffnen, schlugen fehl. Auch wenn mir die Versuche teilweise etwas plump vorkamen. Nach einer Weile sagte Raufu: »Gut, wir ändern den Plan: Wir legen die Bombe vor dieser Tür. Die Explosion müsste stark genug sein, um einige Büros mitzureißen. Da hier wichtige Daten gespeichert werden, dürfte auch das ein erfolgreicher Anschlag werden.« Raufu zauberte einige seltsame Gegenstände aus verschiedenen Taschen seines Anzugs und begann, sie geschickt zusammenzusetzen. »Dies ist Raufon, eine Eigenentwicklung unserer Organisation. Ein Sprengstoff, der aus verschiedenen, einzeln ungefährlichen Materialien besteht. Zwischen diese drei Materialien kommt ein neutraler Stoff, der sich langsam auflöst. Kommen alle drei Stoffe zusammen, gibt es eine Explosion.« Eine raffinierte Idee, schon seit Jahrtausenden gab es immer wieder neue Sprengstoffe, die man bei Kontrollen nicht bemerken konnte. Viele waren inzwischen lokalisierbar, aber es wurden ständig neue erfunden. Die Neue USO kam mit ihren Forschungen gar nicht nach. »Wir haben etwa 20 Minuten, dann geht die Bombe hoch. Verschwinden wir.« Wir erreichten ohne Probleme das kleine Raumschiff und hatten Bostich bereits verlassen, als die Bombe explodierte. Wir hörten die Nachrichten der arkonidischen Sender, nach den Aussagen der Sprecher schien die Explosion einer Katastrophe gleichzukommen. Alle Sicherheitskräfte waren zum Regierungsgebäude beordert worden … »Wir scheinen einen erfolgreichen Schlag gelandet zu haben!« meinte ich. Es war ein milder Abend auf Bostich. Zu schön, um zu Hause zu bleiben. Falbela hatte einen Spaziergang durch einen Park gemacht, danach ist sie in das Edelrestaurant »Zu Bostichs Tafel« gegangen. Eigentlich hatte sie zwei Theaterkarten für das bekannte Stück »Adeliger aus Leidenschaft«, hinter dessen Titel sich eine Komödie um einen einfachen Arkoniden, der sich als Adeliger ausgab, um Gutes zu tun, verbarg. Doch ohne Akhaho machte ein solcher Theaterbesuch keinen rechten Spaß, sie hatte die Karten an eine Freundin gegeben, die gerade frisch verliebt war. Jetzt saß Falbela im Restaurant und genoss einige erlesene Spezialitäten. Wo Akhaho nur stecken mochte? Es war in den letzten Jahren gelegentlich vorgekommen, dass er auf Geschäftsreise ging und nicht erreichbar war, aber diesmal war es anders, das fühlte sie. Diese Verabschiedung hatte etwas Merkwürdiges an sich gehabt, wenn sie es nicht besser gewusst hätte, sogar etwas Endgültiges. Aber es hatte doch alles bestens gestanden zwischen ihnen, warum also der plötzliche Abschied? Es herrschte plötzlich eine Unruhe im Restaurant. Falbela bekam sie erst jetzt mit und bemerkte, dass die meisten Gäste auf den Trivid starrten, der den ganzen Abend leise lief. Ein Kellner stellte gerade den Ton lauter. »… gerade gesehen habt, sind die ersten Bilder eines grauenhaften Terroranschlags, der hier auf Bostich, im Herzen unseres Imperiums, stattgefunden hat. Genaueres ist noch nicht bekannt, aber wir erhalten ständig Informationen.« Jetzt wurde ein großes, mit vielen Säulen versehenes Gebäude gezeigt. Man hörte jede Menge Schüsse und Schreie. Gelegentlich sah man Arkoniden aus dem Gebäude rennen, kurz darauf wurden auch sie erschossen. Jetzt rückte ein Kampfroboter ins Bild, auf dessen Brust ein stilisierter Ritter mit einem großem Schwert prangerte. Darunter waren unbekannte Schriftzeichen zu erkennen. Er schoss auf die Kamera, danach erlosch das Bild. Der Nachrichtensprecher erschien wieder: »Ich erfahre gerade, dass die Roboter explodiert sind und das sie dadurch das Gebäude komplett zerstört haben. Die Sicherheitskräfte treffen erst nach und nach ein, sie waren mit der Bombe im Regierungsgebäude beschäftigt. Sie werden jetzt nach Überlebenden suchen. Erste Informationen deuten darauf hin, dass die mysteriöse Organisation ›Helfer Ijarkor‹ ihre Finger im Spiel …« Falbela hörte gar nicht mehr hin. Sie stand unter Schock. Karola und ihr neuer Freund, den sie noch nicht einmal kennengelernt hatte. Sie waren … tot? Und das nur, weil sie ihnen die Karten überlassen hatte? Sie lebte nur noch – wegen eines Zufalls? Plötzlich dachte sie an Akhaho, der glaubte, sie sei ins Theater gegangen. Sie musste ihm bescheid geben, er musste wissen, dass sie noch lebte. Aber er war ja nicht erreichbar …
Im Regierungszentrum auf Paxus war einiges los: Kaum jemand hatte in der letzten Nacht ein Auge zugetan. Die beiden Anführer der nUSO Jan Scorbit und die Halbarkonidin Rosan Orbanashol-Nordment hatten bereits am frühen Morgen einen Termin mit Sam. Die drei trafen sich in Sams Büro: »Ich kann immer noch nicht fassen, was passiert ist. Eine solche Brutalität«, meinte der Rosan sichtlich berührt. Der Anschlag auf das Theater auf Bostich war nicht der einzige geblieben: Nur kurze Zeit später fanden auf Saggitor, Dorgon, Mankind und Paxus ähnliche Anschläge statt. Alle nach dem selben Muster: Zuerst ein Ablenkungsmanöver, danach der richtige Anschlag. Dabei hatten immer zehn Kampfroboter öffentliche Veranstaltungen mit viel Prominenz gestürmt und alles erschossen, was sich nicht wehren konnte. Insgesamt waren bei diesen Anschlägen 2391 Wesen ums Leben gekommen, um das Leben einiger wurde noch in Krankenhäusern gekämpft. Aber nicht alle würden es schaffen. Sam schüttelte den Kopf. »Die Aussagen der Überlebenden sind wirklich eindeutig? Keine Zweifel?« »Nein, leider keine Zweifel möglich. Zwei Überlebende auf Mankind und einer auf Saggitor behaupteten, sie hätten Pterus am Ort des Geschehens gesehen, mit demselben Zeichen auf den Kombinationen wie die Kampfroboter. Sie haben das auch der Presse erzählt, die Sache ist also nicht mehr geheim.« »Das ist eine Katastrophe, jetzt haben alle Menschen Cartwheels ihren Sündenbock. Sie misstrauen den Helfern Ijarkors sowieso. Wir müssen öffentlich Nachforschungen anstellen. Ich hätte das lieber im Verborgenen getan.« Jan war nachdenklich geworden. »Sonderbar: Ich habe Ijarkor vor zwei Jahren getroffen, seine Organisation hatte uns damals geholfen, mit Saron fertig zu werden. Warum sollte sie sich jetzt gegen uns stellen?« Rosan mischte sich ein: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Helfer Ijarkors so plump vorgehen würden. Wer rennt denn schon mit Emblem vor die Kameras? Auf der anderen Seite gibt es keinen Bekennungsruf der Helfer. Das ist sehr ominös.« »Mir will das auch nicht recht in den Sinn. Aber das Volk will einen Schuldigen und wir müssen ihm einen präsentieren«, glaubte der Generalsekretär. »Gut, ich werde ermitteln lassen, was dahinter steckt«, erklärte Scorbit. »Wobei wir zum nächsten Punkt kämen: Akhaho hat sich noch nicht gemeldet. Er ist schon lange überfällig.« »Wahrscheinlich hat er es nicht geschafft. Wir hätten ihn besser vorbereiten müssen.« Jan schüttelte den Kopf. »Nein, Sam. Dafür war keine Zeit. Diese Terroristen konnten jederzeit zuschlagen.« Er überlegte kurz, dann sagte er: »Auf der anderen Seite könnten auch die Terroristen etwas mit dem Anschlag zu tun haben. Sie haben doch einen großen Schlag geplant.« »Es dürfte aber schwer sein, das zu beweisen. Überhaupt: Beweise dafür zu beschaffen dürfte ein Ding der Unmöglichkeit sein. Wir müssen auf Akhaho hoffen, nur er kann sie liefern.« Auf dem Rückflug hatte ich in den Nachrichten mitbekommen, was auf Bostich passiert war. Raufu hatte mir danach das ganze Ausmaß der Ereignisse erklärt. Ich hätte ihn in diesem Augenblick erwürgen können, doch genau das durfte ich nicht tun. Mir wurde klar, es war kein Zufall, dass ich auf Bostich eingesetzt worden war. Man hatte testen wollen, ob ich loyal zur Organisation war, ob ich es verkraften würde, bei einem Terroranschlag gegen mein eigenes Volk mitgewirkt zu haben. Für die Zeit des Fluges schaffte ich es, meine Fassung zu bewahren. Aber nach meiner Ankunft eilte ich auf mein Zimmer und warf mich auf die Matratze. Ich dachte an die vielen Opfer und besonders an Falbela, ich hatte ihren Tod mitverschuldet. Den nächsten Anschlag musste ich sabotieren, ich konnte bei diesem Übel nicht mehr länger tatenlos mitmachen. Ich verfluchte dieses Universum und seine Bewohner, die es nicht schafften, einfach friedlich miteinander zu leben. Wenigstens musste ich nicht fürchten, beobachtet zu werden, denn es gab keine Überwachungskameras in den Wohnbereichen. Wenigstens die Intimsphäre respektierten diese Scheusale. Don Phillipe de la Siniestro, der Marquese und Paxusrat für die Terraner, hatte einen langen Tag hinter sich: Er hatte sich bereits kurz nach den Anschlägen an das Volk richten müssen, schließlich erwartete es unverzügliches Handeln der Regierungen. Der Marquese war daraufhin durch ganz Cartwheel gereist, um sich mit den Chefs der Regierungen zu besprechen und Ansprachen an die Völker zu richten. Außerdem hatte er eine Konferenz mit Will Dean und Jan Scorbit gehabt. Doch der wichtigste Tagesordnungspunkt stand noch aus: Die offizielle Rede an ganz Cartwheel. Für einen normalen Menschen wäre ein solcher Tagesablauf unmöglich gewesen, auch Don Phillipe fühlte sich trotz seines Zellaktivators etwas ausgelaugt. Immerhin gab es diesmal keinen Grund zur Sorge, er hatte gute Neuigkeiten zu verkünden. Der Marquese war ein sehr begabter Redner, alleine sein Auftritt und seine Mimik zogen die Zuhörer in den Bann. Außerdem hatte der Marquese die Cartwheeler auf seiner Seite, spätestens nach seiner friedlichen Lösung des Krisenfall Lingus war er zum beliebtesten Mann Cartwheels geworden. Jetzt trat er vor die Trivideokameras. Neben ihm stand Cauthon Despair. Der silberne Ritter war ein ständiger Begleiter des Marquese geworden. Er schien dem Posbi Diabolo, zumindest offiziell, den Rang abgelaufen zu haben. Bevor der Terra-Administrator anfing zu sprechen, schwieg er noch eine Weile, um seine Präsenz auf die Zusachauer wirken zu lassen. »Verehrte Bewohner Cartwheels, ich spreche heute aus einem sehr traurigen Anlass zu Ihnen. Es hat auf den Planeten Paxus, Saggitor, Dorgon, Bostich und Mankind schreckliche Terroranschläge gegeben: Kampfroboter haben öffentliche Veranstaltungen gestürmt und wahllos alle Lebewesen getötet, die sie aufspüren konnten. Es hat dabei insgesamt 2412 Opfer gegeben. Zweitausendvierhundertundzwölf!« Der Marquese ließ die Worte eine Weile wirken, die Zuschauer sollten sich vorstellen, welche Ausmaße der Anschlag angenommen hatte und sie sollten den Toten gedenken. »Auf allen Tatorten haben wir Spuren gefunden, die darauf hindeuten, dass die Organisation der Helfer Ijarkors ihre Finger im Spiel haben könnte. Überlebende haben den Verdacht bestätigt und wir werden hart arbeiten, um die Schuldigen zu finden. Derzeit versuchen einige Agenten, an die Organisation heranzukommen. Mir ist bekannt, dass große öffentliche Veranstaltungen sich hervorragend für Attentate und Anschläge anbieten, die Prominenz sitzt quasi auf dem Präsentierteller. Meine baldige Hochzeit mit Doris Gheddy ist so eine Veranstaltung. Um die Gäste zu schützen, müsste ich die Hochzeit absagen. Doch damit würden wir den Terroristen nachgeben, uns von ihnen einschüchtern lassen. Aber genau das werden wir nicht tun! Die Hochzeit wird stattfinden und es wird keine Zwischenfälle geben! Die Täter werden gestellt und verurteilt.« Wieder setzte der Marquese eine Pause. Jetzt kam der wichtigste Teil der Rede, er wollte diesen hervorheben. »Um die Sicherheit in Cartwheel schnellstmöglich wiederherzustellen, habe ich heute einige sehr vielversprechende Abkommen getroffen. So hatte ich ein wichtiges Gespräch mit Uwahn Jenmuhs. Wir sind uns einig geworden und haben folgendes besprochen: Die drei größten Geheimdienste, der TLD, die nUSO und der Kristallgeheimdienst, werden zusammenarbeiten, um die Terroristenorganisationen ein für allemal zu zerschlagen. Wir werden nicht ruhen, bis dieses Ziel erreicht ist. Es wird wieder Frieden herrschen in Cartwheel und jeder, der meint, er müsse sich gegen dieses Ziel stellen, wird es bitter bereuen! Ich hoffe, dass ich euch alle, Dorgonen, Saggitoren, Blues, Arkoniden, Terraner und Angehörige aller anderen Völker in Cartwheel, mit diesen Worten beruhigen kann. Es werden keine Worte bleiben, es werden Taten folgen! In diesem Sinne wünsche ich allen Bewohnern Cartwheels eine ruhige und angenehme Nachtruhe.« Die Rede des Marquese hatte in Cartwheel wie eine Bombe eingeschlagen. Viele Leute standen der neuen Allianz skeptisch gegenüber, andere befürchteten die Einführung eines Polizeistaates, aber die meisten waren zuversichtlich. Und wenn sie es nur waren, weil sie dem Marquese vertrauten. Die Popularität des ältesten Terraners war nie größer gewesen. Niemand ahnte, dass die langsame Annäherung der beiden Machtblöcke der Terraner und der Arkoniden Teil eines umfangreichen, langfristigen Planes war, den Cau Thon mit den anderen Söhnen des Chaos geschmiedet hatte. Der Marquese ließ sich nach der Rede echauffiert in seinen Sessel fallen. Diabolo wartete in diesem Büro auf ihn. »Nun, Marquese, eine beeindruckende Rede. Die Söhne des Chaos sind ihrem Ziel wieder näher gekommen. Es mussten nur wieder viele tausend Menschen dafür ihr Leben lassen«, sprach der Posbi zynisch. Despair schritt an ihm vorbei und sagte: »Dein Sarkasmus könnte eines Tages dein Ende bedeuten, geschwätziger Roboter.« Diabolo beschloss zu schweigen. Der Marquese verdrehte die Augen. Er war der Müdigkeit nahe, doch etwas anderes ließ ihn vor Sorgen nicht einschlafen: Die Hochzeit mit Dorys Gheddy. Er wollte sie absagen, doch diese Verbrecher, die Gheddys, erpressten ihn immer noch! »Sind die Vorbereitungen für die Hochzeit schon getroffen? Wenn nicht, können wir sie gerne verschieben …« Diabolo verneinte den Wunsch des Marquese. »Alles ist vorbereitet. Trotz der Terrorakte werden Sie Ihre Hochzeit gebührend feiern.« »Dezent bitte, Diabolo. In dieser schweren Zeit muss ich auf mein Image achten.« »Das sieht Ihre zukünftige First Lady aber anders. Sie wollten eine Prunkhochzeit mit Fernsehübertragung. Allein ihr Hochzeitskleid hätte drei Millionen Galax gekostet.« Der Marquese fing an zu husten. Er stellte klar, dass die Hochzeit nicht übertrieben wirken sollte. Das Volk hätte kein Verständnis, wenn er ein rauschendes Fest gab, während andere Menschen durch den Terror ihr Leben verloren. »Wie dem auch sei, Marquese«, meinte nun der silberne Ritter. »Alles verläuft nach Plan. Schon bald werden die nächsten Terrorwellen die Insel heimsuchen und die Amtszeit des blauen Somers wird sich dem Ende neigen.«
Erst nach einigen Stunden betrat ein Hauri mein Zimmer. Ich hatte nach meinen Gefühlsausbrüchen einen Rundgang durch die Organisation gemacht, um der nUSO eine Nachricht zukommen zu lassen. Aber es war hoffnungslos, jede Syntronik und jedes Funkgerät war gesichert, alle Nachrichten wurden kontrolliert. Außerdem wurde der ganze Komplex überwacht: Es wäre aufgefallen, wenn ein neuer »Agent« plötzlich Kontakt mit irgendjemandem aufgenommen hätte, denn die Regeln von At-Tarkan besagten ausdrücklich, dass derartige Kontakte nicht bestehen durften! Frustriert war ich in meine Kabine zurückgekehrt, hatte es sogar geschafft, einige Stunden zu schlafen. Danach machte ich mich frisch und jetzt lief ich mit dem Hauri zu Afu-At-Tarkan, der mich sprechen wollte. Man sagte mir nicht, was At-Tarkan von mir wollte. Er konnte mich also entweder für den guten Einsatz loben oder meine Hinrichtung befehlen. Raufu war ein guter Beobachter, ich konnte nicht wissen, was er Afu erzählt hatte. Schließlich erreichten wir Afus Audienzsaal, anders konnte man sein Zimmer nicht beschreiben. Der Meister der Organisation stand vor seinem Thron und breitete seine Arme aus. Sofort fiel ich auf die Knie und sagte demütig: »Großer Meister, ich bin nicht würdig, von dir angesehen zu werden.« Diese Haltung schien mir sinnvoll und ich hatte recht, Afu war geschmeichelt. »Steh auf, Torum Parek. Raufu hat mir von dem Einsatz berichtet. Du hattest nur eine passive Rolle, aber deine Reaktionen auf die Situationen haben uns bewiesen, dass du ein fähiger Mann bist. Raufu möchte dich in seinem nächsten Anschlag einsetzen: Als Hauptperson. Raufu, erkläre ihm die Details.« Afu setzte sich, ich blieb aber vorsichtshalber auf dem Boden kniend. Doch Raufu forderte mich auf, aufzustehen. Dann sagte er: »Heute abend sollen zwei nagelneue Luxusraumer vom Raumhafen Bostichs starten. Es werden je 2000 Passagiere an Bord erwartet. Die Schiffe werden heute ein letztes Mal technisch überholt. Es soll nicht zu Versagern kommen. Wir haben dich in das Technikerteam eingeschleust. Du sollst die Syntroniken der Schiffe prüfen und nebenbei die Computer so manipulieren, dass ich die Schiffe steuern kann.« »Ja, es soll ein kleines Feuerwerk über dem Raumhafen geben!«, ereiferte sich Afu. »So viele dekadente Arkoniden werden sterben!« »Dein Schiff startet in einer Stunde vom Hangar. Sei pünktlich. Gelobet sei Heptamer!« »Gelobet sei Heptamer«, wiederholte ich. »Du darfst wegtreten.« Ich verließ den Saal und überlegte bereits fieberhaft, wie ich die Katastrophe verhindern konnte. Afu und Raufu blieben zurück. Nach einer Weile sagte Afu: »Unser erster großer Schlag lief ausgezeichnet, Cau Thon kann stolz auf uns sein.« »Ja, das kann er. Und unser nächster Schlag wird nicht weniger spektakulär. Wenn Torum seine Arbeit gut macht.« »Zweifelst du daran?« »Eigentlich nicht. Auch Keon meint, er sei zuverlässig. Aber er ist immer noch Arkonide.« Afu war nachdenklich geworden: »Ja, es ist ein Glücksfall, dass wir ihn rekrutiert haben. So können wir diese Aktion durchführen. Einen Hauri hätte man wohl nicht auf die Schiffe gelassen.« »Wie dem auch sei, ich werde ihn auf jeden Fall im Auge behalten. Falls er auf dumme Gedanken kommen sollte.« Die Einschleusung in die Reederei Arigam lief ohne Probleme. Die Organisation hatte dafür gesorgt, dass ein Techniker kurz vor der letzten Inspektion krank wurde und hatte mich als ersten Ersatzmann in den Computer der Reederei eingespeist. Eines musste ich der Organisation lassen: Sie arbeitete effektiv und zielstrebig - beängstigend zielstrebig. Ich befand mich jetzt auf dem ersten der beiden Schiffe, der JENMUHS EHRE. Während zwei andere Techniker die restlichen Geräte in der Zentrale überprüften, nahm ich mir die Hauptsyntronik vor. Über ein winziges Mikrophon am Ohr gab mir Raufu Anweisungen, über das am Kehlkopf stellte ich Fragen. Raufu hatte die Pläne der Syntronik vor sich liegen und wusste immer genau, was zu tun war. Dennoch hatte ich meine eigenen Pläne: Beim letzten Anschlag hatte ich nichts gegen das Unglück unternehmen können, hier lagen die Dinge anders. Sollten die beiden Luxusraumschiffe über dem Raumhafen zusammenstoßen, so war das allein meine Schuld. Das konnte ich als USO-Agent nicht auf mich nehmen. Ich musste mich also nach der Ausführung dieses Auftrages sofort absetzen. Viel verstand ich nicht von Syntroniken, aber in der Ausbildung als Agent hatte ich einige Hypnoschulungen erhalten, durch die ich ein gewisses Grundwissen erhalten hatte. Es war schwer, aber ich konnte die Konsole auf meine Art umprogrammieren. Raufu sollte sein blaues Wunder erleben. Etwa eine Stunde später waren beide Konsolen umprogrammiert. Jetzt wollte Raufu prüfen, ob ich ganze Arbeit geleistet hatte. Das war der kritische Moment. Nach einer Weile hörte ich: »In Ordnung, ich erhalte Zugriff auf die Syntroniken. Ziehe dich jetzt zum verabredeten Treffpunkt zurück, wir holen dich ab.« Das hatte ich natürlich nicht vor: Mein Schwindel würde bald auffliegen, dann musste ich mich vor der Organisation in Sicherheit gebracht haben. Ich verabschiedete mich von den anderen Technikern, gab einen Bericht an meine Vorgesetzten ab und verließ den Raumhafen. Danach ging ich langsam auf den Treffpunkt zu, der einige Straßen stadteinwärts lag. In einer Nebenstraße entfernte ich behutsam die Mikrophone, dann setzte ich den Weg in die andere Richtung fort. Ich hatte mir den Plan von Bostichs Hauptstadt genau angesehen, ganz in der Nähe musste ein Lokal zu finden sein, in dem die Neue USO einen Verbindungsmann hatte. Als das Lokal bereits in Sichtweite war und ich mich bereits in Sicherheit wähnte, traf mich etwas am linken Bein. Ich spürte, wie es langsam taub wurde. Dieses Gefühl breitete sich allmählich aus, ich verlor die Kontrolle über meine Beine und stürzte zu Boden. Im Fall drehte ich mich um und sah drei Hauris auf mich zukommen. »Da ist wohl jemand vom rechten Weg abgekommen«, hörte ich noch, danach wurde ich bewusstlos. Den Aufschlag hatte ich schon gar nicht mehr gespührt. Als Raufu die Neuigkeit hörte, wurde er ärgerlich: Mit Torum Parek hatte er noch viele Pläne gehabt. Es war so schwer, neue Rekruten anzuwerben, die keine Hauris waren. Meistens fielen sie bereits bei Keon durch, aber beinahe alle waren im Endeffekt Verräter, sei es aus Geldgründen oder weil sie die Terrororganisation auffliegen lassen wollten. Torum hatte seine Rolle gut gespielt, er hatte Keon getäuscht, hatte einen wichtigen Auftrag ausgeführt. Doch zunächst gab es Wichtigeres zu tun, als sich um einen Verräter zu kümmern, der bereits dingfest gemacht worden war: Gerade bestiegen die Passagiere die beiden Raumschiffe JENMUHS EHRE und JENMUHS RUHM. Raufu sah sich die Passagiere an, schon beim Anblick überkam ihn die kalte Wut: Diese dekadenten, arroganten Figuren, denen nur Geld und Wohlstand wichtig war. Sie dachten nicht an ein geeintes Cartwheel oder wenigstens an ihr Volk, nein, ihnen war nur der persönliche Vorteil wichtig. Raufu schüttelte den Kopf: Wieder einmal bewies sich, dass die Lehre Heptamers die einzige wahre Antwort auf dieses Chaos im Universum sein konnte: Die Zerstörung des Universums. Eine Stunde später waren alle Passagiere an Bord der beiden Schiffe. Es folgte eine Ansprache des Chefs der Reederei Arigam, die eher unspektakulär ausfiel, dafür, dass zwei nagelneue Luxusschiffe seiner Reederei in wenigen Augenblicken ihren Jungfernflug antreten würden. Schließlich hoben die beiden Schiffe ab. Geplant war, dass die Schiffe 10.000 Meter senkrecht nebeneinander in die Höhe stiegen und dabei einen glitzernden Stoff verloren, der langsam zu Boden fiel und einen schönen optischen Effekt erzeugen sollte. Als die Schiffe 1000 Meter Höhe erreicht hatten, übernahm Raufu die Kontrolle. Er ließ ein Schiff nach links und eins nach rechts ausscheren, danach führte er sie wieder auf ihre ursprüngliche Bahn zurück. Diesen Vorgang wiederholte er einige Male. Die Schiffe flogen jetzt Schlangenlinien, was von unten betrachtet sehr eindrucksvoll aussah. Nach einer Minute sagte Raufu: »So, jetzt hatten wir genug Spaß. Zeit für den Höhepunkt!« Er ließ die Schiffe besonders weit ausschwenken und ließ sie dann mit Höchstgeschwindigkeit aufeinander zurasen. Zunächst schien alles nach Plan zu verlaufen, doch als die Schiffe sich auf etwa 200 Meter genähert hatten, schwenkten sie plötzlich zur Seite aus und bremsten gleichzeitig. Es wurde sehr knapp, die Schiffe stießen beinahe zusammen. Nur die Prallschirme konnten die Kollision der bremsenden Schiffe noch aufhalten. Raufu schlug mit der Faust auf die Kontrollen: »Das ist das Werk dieses Arkoniden! Ich will ihn dafür büßen sehen!« Derlei Gefühlsausbrüche waren für Raufu ungewöhnlich, war er doch meistens extrem beherrscht. Aber angesichts eines durch Sabotage gescheiterten Anschlags verlor auch er kurz die Fassung. »Wir fliegen zurück zum Stützpunkt«, sagte er gefährlich leise. Ich hatte nicht mehr mitbekommen, was passiert war. Man sprach auch nicht mit mir. Wortlos hatte man mich zum Stützpunkt zurückgeflogen, wortlos steckte man mich in eine Zelle für Gefangene, wortlos brachte man mir mein Essen. Auf meine Fragen reagierte niemand, man ließ mich allein. So hatte ich viel Zeit zum Nachdenken, denn an Schlafen war hier nicht zu denken: Diese Zelle hatte überhaupt keine Ausstattung. Ich dachte an Falbela, an unsere wunderbare gemeinsame Zeit, an meine Arbeit auf Bostich, an das beinahe perfekte Leben, das ich dort geführt hatte. Ich hatte in meinem Auftrag versagt: Zwar hatte ich mich erfolgreich in die Organisation einschleichen können, ich bin zum Agenten ausgebildet worden, ich konnte bezeugen, dass die Helfer Ijarkors nicht hinter der Tragödie am 19. Oktober steckten, aber ich hatte niemandem von meinen Entdeckungen berichten können, weil ich am Ende zu unvorsichtig gewesen war. Ich hatte mich bereits in Sicherheit gewähnt, hatte das rettende Ziel schon vor Augen gehabt und war zuletzt doch kläglich gescheitert. Hier war mein Weg wohl zu Ende, ich würde niemandem berichten können, was ich erfahren hatte. Plötzlich hörte ich Schritte. Die Geräusche wurden lauter, es näherte sich jemand langsam meiner Zelle. Diese Gangart kam mir sofort so vertraut vor, es konnte doch nicht sein, dass... »Herzlich willkommen daheim, mein Freund.« Er war es! Keon war auf mich angesetzt worden! »Zunächst habe ich noch eine gute Nachricht für dich, mein Freund.« Keon kicherte leise in sich hinein. »Dein kleiner Versuch, die Raumschiffe zu retten, ist gescheitert. Der - Fehler - konnte behoben werden und die Schiffe stießen planmäßig zusammen. Es ist also doch alles gut ausgegangen.« Diesmal setzte Keon sein breitestes Grinsen auf. »Und noch etwas: Aufgrund deines Verhaltens werden wir in der nächsten Zeit noch häufiger das Vergnügen haben, denn ich werde mit dir reden und du wirst mir alles sagen, was du weißt. Ganz sicher.« Er kicherte wieder und diesmal schien es gar nicht mehr aufhören zu wollen. Mir war klar: Ich würde diesen Stützpunkt nicht mehr lebend verlassen. Inzwischen hatte Raufu seinem Herren Bericht erstattet. »So, so. Der gute Arkonide war also doch ein Verräter. Er hat sogar Keon getäuscht, auch mich und dich. Es muss ein besonderer Mann sein,« sagte Afu-At-Tarkan. »Keon kümmert sich bereits um ihn. Der Arkonide wird ihn nicht zweimal täuschen, dafür wird er sorgen.« »Ja, Keon ist unser bester Mann, was Verhöre und Folterungen angeht. Da ist unser Freund in guten Händen.« Übergangslos wechselte er das Thema. »Raufu, wir haben viel zu besprechen. Es geht um ein neues Projekt. Es wird sehr schwierig werden, aber ich vertraue auf dich. Du wirst sicherlich einen brillianten Plan ausarbeiten. Wie immer.« Raufu verbeugte sich vor seinem Meister und sagte: »An was denkst du?« Afu lächelte und sagte: »Nun, wir alle haben die rührende Ansprache des Marquese gehört. Er sprach so schön über seine Hochzeit. Ich glaube, das ist der richtige Punkt zum Ansetzen: Wir schlagen auf der Feier zu und zerstören das Schloss des Marquese. Es wird der größte und schrecklichste Terroranschlag, den Cartwheel je gesehen hat. Unsere Ijarkor-Aktion und die BAMBUS-Katastrophe werden dagegen harmlos wirken. Wir werden die ganze Prominenz Cartwheels auf einen Schlag auslöschen!« »Daran hatte ich auch schon gedacht und bereits einige Ideen gesammelt. Möchtest du sie hören?« Afu sprang auf. »Berichte mir!« ENDE Eine neue Terrorwelle erschüttert Cartwheel. Fanatische Anhänger der Lehre der sechs Tage halten die Insel in Atem. Mehr darüber erfahrt Ihr im nächsten Heft. Terror in Cartwheel ist der Titel von Heft 80 und wird vom Cartwheel-Experten Jens Hirseland geschrieben worden sein.
Der DORGON-Zyklus - Osiris - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Heft 79 von Michael Berg. Titelbild: Lothar Bauer. Technischer Berater: Sebastian Schäfer. Versand: PROC. Lektorat, Nachbearbeitung: Rene Schweinberger und Henriette Zirl. DORGON-Kommentar: Björn Habben. Umsetzung in Endformate: Alexander Nofftz. Generiert mit Xtory (SAXON, LaTeX). Homepage: http://www.dorgon.net/. eMail: dorgon@proc.org. Adresse: PROC c/o Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf. Copyright © 1999-2002. Alle Rechte vorbehalten! | ![]() | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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