![]() | ![]() | ![]() | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
![]() |
Allah ist der große Gott. Er ist der einzige Gott und Mohammed ist sein Prophet. Ich, Abd-Allah al-Mamun, Kalif des großen arabischen Reiches und Nachfolger des großen Mohammeds, der vor zweihundert Jahren das Wort Allahs verbreitete, schreibe diese Zeilen, weil ich die Nachwelt warnen will. Warnen vor dem geheimnisvollen Ägypten. Dort lauert der Tod. Flüche der alten Ahnen liegen über uns. Vor wenigen Tagen passierte es, als ich mit ein paar meiner Gefolgsleute die größte Pyramide von den drei Bauten in Gise untersuchen wollte. Viel wussten wir eigentlich nicht von ihnen. Stammten sie wohlmöglich von der Sintflut oder waren es große Bauten des Hennoch oder Saurid? Im Volk konnte uns auch keiner die Fragen beantworten. Sie standen dort schon seit Generationen. Es kursierten Geschichten über geheimnisvolle Untote, die Mumien. Andere berichteten von großen Schätzen. Ich wollte herausfinden, was der Wahrheit entsprach und was nicht. An jenem Tag, es war heiß und die Luft trocken, begannen wir mit den Arbeiten. Viele warnten uns vor dem Fluch der Ahnen der Ägypter. Ich ignorierte diesen Aberglauben, denn Allah war mit uns. Uns konnte nichts geschehen, wenn wir in seiner Obhut lagen. Einen direkten Eingang fanden wir nicht. So schafften wir uns in mühevoller Arbeit einen eigenen Eintritt. Wir gruben uns durch die Pyramide. Viele Tage dauerte es, bis wir endlich auf einen Hohlraum gestoßen waren. Der Geruch von alter, fauliger Luft, seit Jahrtausenden nicht mehr aus diesen Räumen gedrungen, trat uns entgegen. Mit Fackeln machten wir Licht. Der Tod lag in der schimmligen Luft. Jede Sekunde sprachen wir Gebete an Allah und Mohammed, die uns vor dem Teufel beschützen sollten. Nach einigen Metern, die wir in die Tiefe gingen, teilte sich der schmale Gang. Wir entschlossen zuerst weiter nach unten zu gehen. Dort unten, tief im Bauch der steinernen Pyramide, entdeckten wir eine kahle Kammer, in deren Zentrum ein ausgetrockneter Brunnen stand. Ich beschloss wieder höher zu gehen und meine Leute machten kehrt. So nahmen wir den anderen Weg. Wir gingen durch einen großen und hohen Raum. Dort war nichts. Wir erreichten andere Kammern. Grabräuber mussten sich hier befunden haben. Wir entdeckten jede Menge willkürlicher Schächte, die sicherlich nachträglich erschaffen wurden. Dann gelangten meine Gefolgsleute und ich in eine große Kammer. Nur zwei Dinge standen dort. Ein Sarkophag und eine Statue aus grünen Stein, einer Art Malachit, befanden sich in dem Raum. Der Sarkophag war verschlossen. Wir beschlossen ihn zu öffnen und vor uns lag ein goldener Sarg. Die Bilderschrift vermochten keiner von uns zu entziffern, doch das Gold sprach für sich. Die Totenmaske war einzigartig. Welche Künstler mussten die Erschaffer gewesen sein? Es war dieselbe Schrift, wie in den unzähligen Tempelanlagen aus der Vorzeit. Die Pyramiden schienen also auch aus dieser Zeit zu stammen. Zwischen der Statue und dem Sarkophag stand ein steinernes Gefäß, das mit einem goldenen Deckel verschlossen war. Als wir den entfernten, entdeckten wir eine Art geruchsloses, eingetrocknetes Pech und ein goldenes Kästchen; in diesem fand ich beim Öffnen frisches Blut, das aber, als es von der Luft getroffen wurde, wie Blut zu gerinnen pflegte, und eintrocknete. Es schien ein böser Zauber gewesen zu sein. Woher stammte das Blut? Einige meiner Krieger forderten mich auf, umzukehren. Doch die Neugier war stärker als die Vernunft. Nach Beseitigung des goldenen Sargdeckels erblickten wir einen schlummernden Mann, der auf seinem Hinterkopf lag. Er war vollkommen wohlerhalten und trocken, seine Leibesbeschaffenheit war deutlich zu erkennen und sein Haar noch wohl sichtbar. An seiner Seite ruhte ein Weib, das den gleichen Anblick bot. Einer meiner Männer suchte die Wände ab und berührte dabei die Hand der Statue. Sie war ein Hebel. Ich schrie, er solle ihn nicht ziehen, doch es war zu spät. Ruckartig verschob sich der Sarkophag nach vorne und öffnete einen geheimen Schacht. Wir stiegen hinab, viele Meter tief, bis wir an einer Mauer standen. Sollte dies das Ende des Weges sein? Wir beschlossen die Mauer einzuschlagen und gelangten in eine weitere Kammer. Sie war ganz anders als die anderen. Sie war voller prächtiger Schätze. Die Halle war etwa fünfzehn Meter mal fünfzehn Meter groß. In der Mitte befand sich eine vier Meter durchmessende Insel, um sie herum ein Graben mit Wasser. Ich sah mir die Kostbarkeiten an. Tausende von Gefäßen aus Ton und Gold. Statuen von fremden Göttern. Viele von ihnen jedoch kannten wir von den alten Tempeln aus der Vorzeit. Tempel, die in Vergessenheit geraten waren. Statuen eines schakalköpfigen Wesens, eines Menschen mit Falkenkopf, einer Frau mit breiten Schwingen und vieler anderer Götzen standen vor uns. Allein ihre Existenz war ein Verbrechen gegen Allah. Sie mussten eingeschmolzen werden! Ich fixierte die kleine Insel. Vier Säulen standen auf ihrem Boden und schienen einen zweiten Sarg zu beschützen. Wir sprangen über das Wasser und näherten uns dem zweiten Sarkophag. Ein König, der auf einer Insel ruhte. Er wurde bewacht von zwei sehr lebensecht wirkenden Schakalmenschen. Ich wusste nicht, worauf ich zuerst bei den vielen Schätzen achten sollte. Doch ich wollte dem König ins Auge blicken, der dort begraben lag. Wir brachen die Halterungen entzwei und mit vier Männern schoben wir den Sargdeckel aus purem Gold weg. Mit lautem Getöse fiel er zu Boden. Vor uns lag ein mumifiziertes Etwas mit einer goldenen Totenmaske. Wir nahmen die Maske ab und der König, der von uns lag, war vollständig einbandagiert. Noch nie hatten wir so etwas gesehen. Die Männer hinter mir beteten zu Allah, denn sie hatten große Angst. Er ähnelte jedoch auf den zweiten Blick den Leichen in dem Granitsarkophag. Die Leinen an seinem Körper waren jedoch besser erhalten. Ich sprach meinen Männern Mut zu, als sich plötzlich der Tote regte. Er riss eine Hand los und packte den Offizier neben mir am Hals. Wir schrien in Panik auf. »Der Fluch der Pharaonen!«, brüllte einer meiner Leute und rannte hoch. Plötzlich bewegten sich die Schakalmenschen. Sie hatten Waffen. Seltsame Waffen. Sie spuckten Blitze aus und töteten vier meiner Männer. Der Offizier war verloren. Der tote König hatte ihn erwürgt. Wir rannten, so schnell es ging, hinaus, eilten in die obere Kammer und schoben den Granitsarkophag über den Eingang. Wenige Stunden später kamen etwa einhundert Männer und wir schütteten den gesamten Gang zu dem Inselgrab mit Stein und Sand zu. Wir vernichteten den Mechanismus, der den Granitsarkophag zur Seite schob und meine Getreuen Männer töteten die Arbeiter, damit das Geheimnis niemals an die Außenwelt dringen würde. Die Malachitstatue wurde vernichtet, ebenso wie die beiden Toten in dem Granitsarkophag und das Gefäß mit dem Blut. Wir waren Zeuge der Macht eines fremden Gottes geworden. Eines Gottes oder Teufels, der die Toten auferstehen ließ und Schakalmenschen mit Blitzen auf uns hetzte. Ich fürchtete um die Macht Allahs, denn wir besaßen solche Machtmittel nicht. Deshalb soll niemals dieses Geheimnis gelüftet werden. Nach meinem Tode soll mein Nachfolger sicher gehen, dass das Geheimnis gehütet wird. Dann seine Kinder, dessen Kinder und Kindeskinder. Dort unten, tief im Inneren der großen Pyramide lauerte der Tod. Möge er niemals von dort entkommen … Kalif Abd-Allah al-Mamun, 822 n. Chr.
Osiris fuhr mit der Hand über seinen Nacken. Es fühlte sich gut an, wieder seinen Körper zu spüren. Er spannte die Muskeln an. Sein stählerner Körper zuckte. In dem relativen Tiefschlaf blieb der Körper vollständig konserviert. Normalerweise hätte auch seinem Bewusstsein die Zeit verschwindend gering vorkommen müssen. Wie in einem langen, tiefen und festen Schlaf. Doch es war anders gekommen. 19.000 Jahre des relativen Tiefschlafs, den sein Bewusstsein jedoch sehr wohl durch die geistige Verbindung mit dem Zentralcomputer in der Station unter Ro-Setau mitbekommen hatte. Er hatte die Geschichte der Kemeten, wie er die Erdlinge genannt hatte, bis zu ihrem Untergang unter der letzten Pharaonin Kleopatra mitverfolgt. Nach seinem Volk hatte er die Kemeten benannt. Seine Sprache und Schrift sie gelehrt. Was war davon nun übrig? Hatten sie sich endlich weiterentwickelt? Waren sie zu einem Volk von Raumfahrern geworden und hatten ihre naiven Bürgerkriege beendet? Ein Shak'Arit Wächter kam auf Osiris zu und gab ihm seine Rüstung. Sie war nach 19.000 Jahren noch faltenfrei, wie Osiris mit einem Lächeln bemerkte. Die Roboter hatten sich auf seine Rückkehr vorbereitet. »Schlafen meine Gefährten noch?«, erkundigte sich der hochgewachsene Humanoide bei dem schakalähnlichen Kunstwesen, welches ihm knapp mit einem »Ja« antwortete. Er legte sich eine schwarze Weste um seinen nackten, muskulösen Oberkörper. Dann zog er eine ebenfalls schwarze Hose und hohe Stiefel über. Ein Gürtel mit allerlei technischen Raffinessen schnallte er sich um die Hüfte. Nun war der »Gott« perfekt eingekleidet. Der Zentralrechner gab einige Laute von sich und machte so auf sich aufmerksam. Osiris zog seine rechte Augenbraue hoch und wartete auf einen Kommentar des Zentralrechners von Ro-Setau. »Oh, edler Osiris. Es sind 4916 Jahre seit eurem letzten Kontakt mit den Menschen vergangen«, berichtete die Recheneinheit. »Sie nennen sich nun Terraner. Ich habe drei Gefangene gemacht.« »Gefangene?«, fragte Osiris ungläubig. »Sind sie uns feindlich gesonnen?« »Nun, die Terraner gehen vielen Motivationen nach. Diese hier jedenfalls sind widerrechtlich in unsere Station eingedrungen und haben gegen unsere Roboter gekämpft. Sie haben ebenfalls auf Seshur für Unheil gesorgt.« Osiris hob die Hand und gebot dem Computer zu schweigen. Er klatschte zweimal in die Hände. Sofort wurden die drei Terraner zu ihm gebracht. Unsanft schleifte man sie auf der Erde entlang und warf sie zu Boden. Osiris verengte die Augen und musterte alle drei sehr genau. Er wanderte mit gesenktem Kopf auf und ab. Der 1,92 Meter große Körper des »Gottes« war mit jeder Muskelfaser durchtrainiert. Die bronzefarbene Haut schimmerte seltsam. »Wer seid ihr, Terraner?«, wollte er wissen. Er sprach dabei kemetisch. Alle drei beherrschten die altägyptische Sprache. Kawai Muhalla stand auf und warf sich vor Osiris hin. Er flehte um sein Leben. »Edler Osiris, ich bin dein Diener. Seit Jahrtausenden bewahren wir dein Andenken und wollten auf den Tag deiner Rückkehr warten. Doch diese beiden da …« Er deutete auf Denise Joorn und Johannes van Kehm. »… sind Ketzer. Sie haben deine Station entweiht und sind in den Tempel deiner Schwester Nephtys eingedrungen. Sie haben sie getötet!« Osiris war geschockt. Sein Gesicht zuckte vor Aufregung. Finster blickte er Denise Joorn und Johannes van Kehm an. »Das ist eine Lüge!«, wehrte sich Denise. Sie hatte große Angst in diesem Moment. Alles erschien ihr wie in einem Traum. Sie stand vor einer Legende der terranischen Geschichte und hatte so viele Fragen an ihn. Doch es sah eher danach aus, als wurde sie jetzt verhört. »Sprich, Weib. Lebt denn Nephtys noch?«, wollte Osiris wissen. Denise öffnete den Mund. Es dauerte eine Weile, bis die erste Silbe ihren Mund verließ. »Nein«, gestand sie mit gesenktem Kopf. Osiris schrie die Verzweiflung hinaus. Er rannte zu van Kehm und riss ihn hoch. Mit seinem rechten Arm umklammerte er den Wissenschaftler und warf ihn unsanft zu Boden. Van Kehm stöhnte vor Schmerzen auf. Osiris nahm einen Dolch, doch Denise Joorn warf sich dazwischen. »Nein, tötet ihn nicht«, bat sie. »Du stehst selbst vor dem Tod. Warum, so frage ich dich, setzt du dich für diesen Menschen ein? Ist er eines reinen Gewissens?« Denise fand schnell heraus, dass sie die Art der Fragen von Osiris nicht leiden konnte. Man konnte dabei gar nicht lügen. »Nein … er ist ein Verbrecher, hat mir nach dem Leben getrachtet. Das einzige, was für ihn zählt, ist sein Ruhm. Doch er ist ein Lebewesen. Wir haben nicht das Recht, ihn zu töten.« Osiris senkte den Dolch. »Weise Worte. Denkt jeder in deinem Volk so?« Denise stand auf und klopfte sich den Staub von der Kleidung. »Nein, aber die meisten. Wir Terraner ehren und schützen das Leben. Galaxisweit.« Denise blickte auf van Kehm. Dann erzählte sie, was sich im Tempel von Nephtys zugetragen hatte. Im Grunde war es ihre Schuld und sie nahm die volle Verantwortung dafür auf sich. Osiris drehte sich um. Niemand sollte sehen, dass er den Tod seiner Schwester beweinte. Seine kleine Schwester Nephtys … Die Trauer wich dem Zorn. Mit rot unterlaufenden Augen sah er Joorn und van Kehm an. »Es mag ein Unfall gewesen sein, doch meine Wut ist grenzenlos. Ich nehme an, dass euch Osiris etwas sagt?« »Ja, der Gott der Unterwelt im alten Ägypten. Einer Zeit, die mehr als 5000 Jahre vergangen ist. Sie müssen ein Raumfahrer sein, nehme ich an. Wir können sicherlich …« Osiris hob die Hand und befahl Joorn zu schweigen. Van Kehm hatte sich inzwischen wieder gefasst. In seinem Gehstock hatte er einen Thermostrahler eingebaut. Er sah die Hoffnungslosigkeit in dieser Situation und wollte sein Leben nicht in die Hände von Denise Joorn, seiner Erzrivalin, legen. Er zielte auf Osiris, doch der bemerkte, was van Kehm vor hatte und warf den Dolch direkt in dessen Gesicht. Van Kehm war sofort tot. Angewidert wandte sich Joorn ab. »Schafft ihn weg!«, befahl Osiris. »Ich hätte ihn nicht getötet, doch er hat es herausgefordert«, erklärte er ohne Bedauern. Osiris lief durch den Raum und setzte sich auf einen Thron. Seth, Osiris Bruder, war scheinbar nichts heilig gewesen. So oft hatte er sich reumütig gezeigt und ebenso oft hatte er gelogen und Schandtaten begangen. Doch Osiris hatte wie immer Mitleid mit seinem missgebildeten Bruder. Vielleicht war er nicht Herr seiner Sinne, denn schon als kleines Kind wurde er von der Superintelligenz Apep-Suatek beeinflusst. Apep-Suatek. Vor Jahrhunderttausenden war sie die Erzgegnerin der Kemeten gewesen. Die Entität, die in der Sprache der Sieben Mächtigen Seth-Apophis hieß, bekämpfte das Volk der Kemeten seit Äonen. Nur mit dem Ziel vor Augen endlich Herrin über Udjat zu werden. Seit ihrer Flucht aus Chepri wussten Osiris und seine Gefährten nicht, ob es Seth-Apophis gelungen war oder nicht. Seine Gedanken schweiften zu sehr ab, wie er fand. Er ermahnte sich selbst, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Vor ihm lag der Leichnam des Terraners Johannes van Kehm. Denise Joorn blickte die Gottheit fragend an. Sie war ein wunderschönes Exemplar der terranischen Gattung, wie Osiris bemerkte. Ihr Teint war blasser als der der alten Kemeten. Sie musste aus einer Region mit einem kälteren Klima stammen. Die Terranerin strahlte Schönheit aber auch Stolz aus. Ihre Haltung verriet das. Er wollte sie nicht töten. Doch er wollte sie auch nicht laufen lassen. Zuerst musste er mehr über die Terraner in der heutigen Zeit herausfinden. »Kawai Muhalla«, rief Osiris. Der Ägypter lief geduckt zu dem lebenden Mythos. Er sank auf die Knie und sprach ein paar Huldigungen in altägyptisch. »Höre mit diesen Floskeln auf. Berichte mir. Wie ist es dem Volk der Ägypter ergangen? Haben die Römer aus meinen Worten gelernt?« Denise glaubte sich verhört zu haben. Osiris hatte auch Kontakt zu den Römern? Sie verstand gar nichts mehr. Warum hatte Atlan in all den Jahrhunderten die Präsenz dieses Gottes nicht bemerkt? Welche Götter existierten neben Osiris noch wirklich? »Die Ägypter sind in die Bedeutungslosigkeit verfallen, oh Herr. Das römische Reich existiert schon lange nicht mehr. Staaten haben keine Bedeutung mehr. Wir alle sind ein Volk. Wir sind Terraner.« Mit Genugtuung registrierte Osiris, dass die Terraner geeint waren und die kleinlichen Bruderkriege beendet hatten. »Habt ihr Gutes getan?« Muhalla überlegte kurz. Er blickte hasserfüllt zu Denise Joorn. Die Archäologin spürte, dass er etwas im Schilde führte. »Nun, wir werden seit Jahrtausenden von einem Mann regiert – Perry Rhodan«, log Muhalla. »Er reißt immer wieder die Macht an sich, mischt sich in Dinge ein, die ihn nichts angehen und opfert mit seinen Eroberungsfeldzügen in fremden Galaxien Millionen Leben.« »Das ist nicht wahr!«, mischte sich Joorn laut ein. »Schweig!«, gebot ihr Osiris. »Ich werde mir selbst ein Bild von den Terranern machen. Sollte einer von euch gelogen haben, wird er sterben.« Bevor Muhalla noch etwas sagen konnte, befahl der Gott der Unterwelt den Anubis-Soldaten, die beiden wieder in den Kerker zu bringen. Denise Joorn musterte Muhalla mit einem feinen Lächeln. Der Ägyptologe verfluchte sich selbst. Er hatte für einen Moment gehofft, mit Osiris an die Macht zu gelangen, doch seine Chancen schwanden, wenn Osiris die Wahrheit erfuhr. Damit sank auch seine Lebenserwartung. Denise Joorn kauerte in ihrer ebenso düsteren wie kargen Zelle. Sie überlegte fieberhaft, wie sie entkommen konnte. Ein Anubis-Soldat betrat ihren Raum und deaktivierte die Energiebarriere. Er brachte Nahrung. Es war ein Krug Wasser und eine Schale mit Obst und Brot. Joorn nahm es als Anlass, eine Diät zu beginnen. »Es ist kalt hier. Kannst du nicht die Heizung etwas aufdrehen?«, fragte Denise den Anubis-Krieger. »Es gibt in diesem Raum keine Temperaturregelung.« »Aha. Deshalb also die Kälte …« Der Krieger wollte gehen, doch Joorn trat an ihn heran. »Entschuldige, aber ich muss mal«, flüsterte sie verlegen. Der Anubis-Cyborg deutete auf eine Ecke in dem Raum. Joorn verdrehte die Augen. »Ich bin eine Dame. Habt ihr denn keine Manieren?«, meckerte sie. »Selbst im alten Ägypten gab es so was wie Schamgefühl, Intimsphäre und auch sicherlich Hygiene.« Ihr Gegenüber überlegte kurz. »Folge mir!«, sagte er knapp. Joorn triumphierte innerlich. Jetzt stiegen ihre Chancen für eine erfolgreiche Flucht. Der Anbubis-Roboter geleitete sie in einen anderen Raum. »Hier waren einst die Örtlichkeiten der Isis«, erklärte er monoton. Denise betrat den Raum und erschrak. Überall waren Spinnweben und zentimeterdicke Staubschichten. Alles wirkte vergammelt. »Wann war denn Isis das letzte Mal auf dem Pott?«, wollte sie wissen und rümpfte die Nase. »Vor genau 6096 Jahren eurer Zeitrechnung.« Joorns Augen weiteten sich. »Seitdem wurde die Toilette wohl auch nicht mehr gereinigt, oder?« »Wir sahen keine Notwendigkeit darin, die Hygienebereiche zu reinigen, da sie niemand benutzte. Ein Reinigungsroboter wird sich der Sache annehmen«, gab der Anubis-Wächter zurück. »Und wo soll ich jetzt?« Hätte der Anubis-Wächter so etwas wie eine Geduld gehabt, hätte er sie spätestens jetzt verloren. »Entweder dort oder in der Zelle.« »Na toll. Entweder auf ein Klo gehen, welches seit 7000 Jahren nicht mehr saubergemacht wurde oder vor aller Augen in die Ecke einer Zelle …« Denise Joorn ging pikiert in den Raum. Hinter ihr schloss sich die Tür. Zuerst überprüfte sie, ob eine Kanalisation vorhanden war. Doch zu ihrem Bedauern landeten die Ausscheidungen in einem Konverter. An der Wand bemerkte sie einen defekten Stromkreis. Ein Kabel ragte aus der Wand. Joorn kam auf eine Idee. Sie ließ Wasser in das große Bad ein und versteckte sich hinter einer Säule. Dann rief sie den Wächter. Das über zwei Meter große Wesen trat herein und suchte Joorn. Langsam stapfte es zu dem großen Bad. Nun trat Joorn aus ihrem Versteck hervor und rannte auf den Anubis-Soldaten zu. So gut es ging, schubste sie ihn in das Becken. Dann lief sie zur Wand, nahm das defekte Kabel und hielt es ins Wasser. Der Anubis-Wächter zuckte zusammen und brach nach einigen Stromschlägen zusammen. Denise jubelte nicht lange, sondern rannte sofort weg. Sie suchte den Weg, den sie gekommen war. Viel stand ihr außer ihrem Gedächtnis nicht dabei zur Verfügung. Sämtliche technische Geräte und auch die Karte hatte man ihr abgenommen. Joorn hoffte den Ausgang zu finden, bevor die anderen Anubis-Wächter aufmerksam wurden. Doch da schrillte schon der Alarm auf …
Der Gott der Unterwelt, wie seine frühere Bezeichnung gewesen war, wanderte durch die Straßen Kairos. Ein seltsamer Anblick bot sich dem Kemeten. Auf der einen Seite primitive Barracken, die kaum fortschrittlicher waren als die Häuser der pharaonischen Ägypter, auf der anderen Seite riesige Bauten, vollgespickt mit moderner Technik. Anscheinend spiegelte Kairo alle Epochen Ägyptens wieder. Unzählige fremde Wesen wanderten durch die Straßen der Millionenmetropole. Einige von ihnen trugen seltsame bunte Hemden und Kameras mit sich. Die Wesen selbst waren blau und besaßen Tellerköpfe mit vier Augen. Ein Reptilienwesen lief an ihm vorbei. Es trug eine Mütze mit der Totenmaske des Tut-Anch-Amun. Osiris beschloß, ihn anzusprechen: »Bist du ein Hohepriester des Amun?« »Was willst du, du Penner?«, schnaupte der Topsider. »Du kriegst kein Almosen. Ihr dekadenten Terraner habt schon genug Galax!« Osirs packte ihn wütend am Hals. Die Echse war sehr erschrocken und versuchte sich vergeblich aus dem starken Griff des Osiris zu befreien. »Ich fragte, ob du ein Hohepriester des Amun bist! Antworte gefälligst!« »Wer in Topsids Namen ist Amun?« Osiris blickte ihn verächtlich an. Dann ließ er den Topsider los. Erschöpft sank dieser zu Boden. »Du trägst die Totenmaske einer seiner Inkarnationen auf deinem Haupt. Die des Tut-Anch-Amun«, erklärte Osiris. Irritiert blickte das Reptil nach oben und nahm das Cappy ab. Er drückte es Osiris in die Hand. »Du kannst es behalten, Mann. Das habe ich von da drüben aus dem Souvenierladen. Ihr Terraner seid doch alle bekloppt. Ich verklage den Reiseführer!« Der Topsider lief fluchend weg und verschwand sehr schnell in der Menge. Osiris blickte verwundert auf die Mütze. Achselzuckend versuchte er noch, den Besitzer der Mütze ausfindig zu machen. Vergeblich. Dann setzte er sie sich selbst auf. Sie paßte ganz und gar nicht zu seinem Anzug. Osiris blickte in die Richtung, die der Topsider gezeigt hatte. Dort machte er ein Geschäft aus. Die Sprache und Schrift der Terraner hatte er inzwischen durch den Zentralcomputer gelernt. Daher konnte er die Überschrift an der Ladentür als »Goppels Pharaonenecke« entziffern. Eine schrille Klingel ertönte beim Betreten des kleinen Raumes, der ein heilloses Durcheinander bot. Überall lagen Souveniers, Bücher, Kleidungsstücke und dergleichen mit altägyptischen Motiven herum. Osiris kannte sie alle. Der Besitzer kam auf ihn zu. Es war ein kleinwüchsiger Einheimischer ohne Haare. »Was wollen Sie kaufen, Sir? Hier! Ich habe zu einem Sonderpreis von nur drei Galax eine Isis-Kaffeetasse.« Der Ägypter drückte Osiris eine Kaffeetasse in die Hand, an der eine kleine Skulptur der sitzenden Isis mit ausgebreiteten Schwingen haftete. Osiris betrachtete missmutig die Tasse. »Nicht sehr gut getroffen«, stellte er nüchtern fest. Sein Gegenüber wusste mit dieser Bemerkung nichts anzufangen. »Wie wäre es mit diesem Ankh-Symbol? Es ist aus echtem Katzengold. Nur fünf Galax«, bot der Händler an. »Ich Tabe tausende aus purem Gold«, erwiderte Osiris gelangweilt. Der Verkäufer betrachtete den Gott der Unterwelt, als ob ein Wahnsinniger vor ihm stehen würde. »Ja, sicherlich. Sie sind Ramses der Große«, rief der Verkäufer zynisch. »Nein, aber ich kannte ihn«, gab Osiris mit einem Grinsen zurück. Er hatte längst erfasst, dass ihm der Verkäufer kein Wort glaubte. Schlagartig wurde er jedoch wieder ernst. »Wo finde ich mehr Informationen über Ihre Kultur?« »Sie wollen nichts kaufen?« »Nein!« »Dann sage ich Ihnen auch nicht, wo Sie das Kairo-Museum finden.« Osiris schmunzelte überlegen. »Diese Information reicht mir. Danke, Ägypter.« Der »Gott« verließ den kleinen Laden und überhörte das laute Schimpfen des enttäuschten Händlers. Osiris begab sich an eine Informationssäule und fand die Adresse des Museums heraus. Dort wollte er sein Wissen über die Terraner auffrischen. Das Museum war prachtvoll. Osiris Herz schlug höher, als er die etwa 30 Meter hohe Pyramide erblickte. Gewaltige Amun-Säulen schmückten den Eingang, an dem ein reger Verkehr herrschte. Er fühlte sich an alte Zeiten vor einigen tausend Jahren erinnert. Der Zentralcomputer der Ro-Setau Station hatte ihm damals die Bilder des Baus der drei großen Pyramiden übermittelt. Diese Pyramide wirkte erbärmlich klein im Vergleich zu Chufus, doch sie weckte einen Hauch Nostalgie bei dem unsterblichen Kemeten. Für einen kurzen Moment spürte er einen Impuls in seiner Brust. Sein Zellaktivator meldete sich bei ihm. Lebensenergie wurde freigesetzt. Nach 19.000 Jahren der körperlichen Gefangenschaft lebte er wieder. Dennoch waren diese paar Jahrtausende nur ein kleines Intermezzo in seinem langen Leben gewesen. Bedächtig betrat er das Museum. Ein grimmiger Terraner in einem schwarzen Anzug trat an ihn heran. »Karte?« »Welche Karte?«, wollte Osiris wissen. »Die Eintrittskarte, du Komiker«, brummte der Mann. Osiris warf einen flüchtigen Blick auf den Empfang. Dort stand ein großes Schild mit der Aufschrift: »10 Galax eine Tageskarte«. Osiris hatte kein Geld bei sich. Schweigend verließ er das Gebäude und suchte den Händler auf. Er tauschte eine goldene Kette mit ägyptischen Insignien für 500 Galax um. Der Händler wusste nicht, welch gutes Geschäft er gemacht hatte. Osiris war es egal. Geld bedeutete ihm nichts. Endlich konnte er seine Eintrittskarte lösen. Gespannt ging er durch die Hallen. Er ersparte sich eine extra Führung. Osiris wollte sich alleine über die Terraner informieren. Doch viele Informationen gab es nicht, die er nicht schon kannte. Statuen, Papyri, Bildnisse und Hieroglyphenwände präsentierten sich ihm. Zeugnisse aus einer Zeit, die er gegründet hatte. Osiris erkannte viele Gegenstände. Sie befanden sich alle in seinen Erinnerungen. Von Menes-Narmer bis Kleopatra waren Artefakte in diesem gigantischem Museum. Selbst die SÄULEN DER EWIGKEITEN befanden sich dort. Atlan, dachte Osiris. Er überlegte, was aus dem Arkoniden wohl geworden war, der ihnen ungewollt so oft half, indem er die junge kemetische Kultur kultiviert hatte. Plötzlich stockte Osiris. Fassungslos starrte er auf die Glasvitrinen, die vor ihm standen. Auf einmal begann er zu zittern. Langsam trat er näher an sie heran und glaubte nicht, was er sah. Dort lagen Mumien! Ramses, Sethos, Tut-Anch-Amun und viele andere waren in Glasvitrinen zur Schau gestellt. Osiris wurde schlecht von dem Anblick. Er kannte diese Leute teilweise persönlich. Er hatte ihr Leben und ihr Sterben beobachtet. Diese Respektlosigkeit war im zuwider. Wie konnte man ihre letzte Ruhe stören, ihre Gräber schänden und sie dann ausstellen, um noch Geld zu kassieren? Ein Mitarbeiter des Museums bemerkte Osiris Anspannung. Er ging auf den hochgewachsenen Kemeten zu. »Sir, ist Ihnen nicht gut?«, erkundigte er sich höflich. »Hat ein Pharao wie Ramses II. nicht mehr Ehren verdient, als dass sein Leichnam in einem Glasschrank zur Schau gestellt wird?« Bitterkeit lag in Osiris Worten. »Ich verstehe nicht, Sir?« Ein paar kleine Kinder rannten zu der Virtrine. Mit ihren Patschhändchen klebten sie förmlich an dem Glas. »Guck mal Mami, das ist eine verknöcherte Mumie. Ist das aufregend«, meinte das eine Kind. In Osiris brodelte es. »Ramses hat den ersten schriftlichen Friedensvertrag aufgesetzt. Er hat dieses Land mit herrlichen Bauwerken geschmückt. Ihm wurde ein prachtvolles Grab errichtet. Zu welchem Zweck? Damit ihr Barbaren es schändet und seine Mumie sabbernen Kindern als Attraktion bietet?« Osiris Stimme überschlug sich. Der Mitarbeiter wirkte teilnahmslos. Er musste sich etwas überlegen, um den wütenden Kunden, der Osiris in seinen Augen war, zu beruhigen. »Sir, das geschieht doch alles im Namen der Wissenschaft. Mr. Ramses wird sich nicht beschweren.« »So?« Osiris hätte diesen arroganten Terraner am liebsten umgebracht, doch er beherrschte sich. Statt dessen nahm er einen Behälter aus seinem Gürtel und drückte auf den Knopf der kleinen Schatulle. Sie verschwand aus seinen Händen und rematerialisierte in der Glasvitrine der Mumie des Ramses. Dort löste sie sich auf. »Höre mich, Ramses. Mein Herz ist dein Herz. Es soll schlagen und deinen alten Körper mit Leben erfüllen. Bei Amun, kehre aus Ptah zurück und finde dich ein in deinen alten Wirt.« Der Mitarbeiter starrte ihn ungläubig an. Er rief den Sicherheitsdienst. Zwei große Männer mit breiten Schultern eilten herbei. »Erstehe auf, Ramses. Zeige diesen unwürdigen Kreaturen deine Macht. Ich, Osiris, rufe dich. Erstehe auf! Erstehe auf!«, orakelte der Gott der Unterwelt. Einige der Besucher kommentierten seine Sprüche mit einem Schmunzeln, welches erstarb, als plötzlich die Mumie von Ramses hochschnellte. Muskeln bildeten sich plötzlich aus dem dehydrierten Gewebe. Die Faust zerschlug die Vitrine. Der Alarm ertönte. Die beiden Kinder fielen schreiend auf den Boden und fingen an zu weinen. Der Mitarbeiter rannte selbst schreiend aus dem Raum. Die Mumie des Ramses II. kletterte aus dem Glassarkophag und wanderte ein paar Schritte. Für einen kurzen Moment herrschte Ruhe. Die toten Augen der Mumie blickten in die verängstigten Gesichter der Menschen und Extraterrestrier. Osiris grinste zufrieden. »Gebt mir endlich meine Ruhe, ihr Narren«, sprach Ramses in altägyptisch. Kein Mensch verstand es in dem Raum. Nur Osiris. Ramses erkannte den Gott der Unterwelt und verneigte sich. Die beiden Sicherheitsbeamten zogen ihre Waffen. »Stehen bleiben. Alle beide …«, stotterte der eine. »Man wird dir deine Ruhe gewähren, Sohn Ramses«, versicherte Osiris. »Ich werde die Herrschaft der Erde antreten und dir ein prachtvolles Grab für deinen Leichnam errichten. Kehre nun zu Amun zurück.« Der zweite Sicherheitsmann verlor die Nerven. Er schoß auf die Mumie. Die Schüsse durchsiebten den wiedererweckten Körper. Doch Ramses schien keine Schmerzen zu fühlen. Er drehte sich um und kletterte in die Vitrine zurück. Dort blieb er regungslos liegen. Nun wandte sich der Sicherheitsmann an Osiris. Ohne Vorwarnung schoß er, doch die Energiesalven prallten an dem Individualschutzschirm von Osiris ab. Der Kemete aktivierte den Fiktivtransmitter am Gürtel und verschwand aus dem Museum. Zurück blieben verschreckte Besucher, die Zeuge eines unfassbaren Schauspiels geworden waren. Osiris materialisierte zirka zweihundert Meter vom Museum entfernt. Polizei- und Feuerwehrgleiter brausten an ihm vorbei und bahnten sich ihren Weg zum pyramidenförmigen Gebäude. Kreischende Menschen rannten in Panik aus dem Eingang. Osiris lächelte zufrieden. Doch dieses kleine Intermezzo konnte seine Verachtung gegenüber den Schandtaten der Terraner nicht lindern. Sie hatten Gräber entweiht und aus der ägyptischen Kultur eine Zirkusattraktion gemacht. Diese Kultur der Pharaonen hatte er zusammen mit seinen Söhnen Horus und Anubis, seinem Weib Isis und seinen Gefährten Hathor und Thot geformt. Vieles spiegelte die Kultur seines eigenen Volkes, den Kemeten, wieder. Wo war der Respekt für die einstigen Regenten dieses Reiches? Hatten sie es nicht verdient, in Ruhe und Frieden in ihrer Grabstätte gelassen zu werden? Doch die Terraner gönnten ihnen diese letzte Ruhe nicht. Schon als sie am Hapi wohnten und unter Einfluß von Osiris standen, gab es Grabräuber. Doch die modernen Grabräuber schienen öffentlich zu agieren. Sie stellten ihre »Eroberungen« für Geld aus. Sie hatten nicht einmal Respekt vor ihren eigenen Urahnen. Die Gier nach Geld war stärker. Anscheinend hatte sich nicht viel geändert, fand Osiris. Wütend stampfte er durch die Straßen, schob sich unsanft an den Massen vorbei und überlegte verzweifelt, wie er seine Rache stillen konnte. Plötzlich blieb er stehen und starrte auf diese Frau. Sie verharrte ebenso ruckartig in ihren Bewegungen. »Joorn!«, fletschte Osiris. Die junge Frau machte kehrt und rannte sofort weg. Osiris beschleunigte ebenfalls, stieß die Leute zur Seite und zog eine Energiewaffe. Voller Wut benutzte er sie auch. Denise Joorn sollte sterben! Joorn warf sich geistesgegenwärtig zu Boden. Der Strahl ging nur knapp an ihr vorbei und schlug in einer Wand ein, die in tausend Einzelteile zerbarst. Denise schluckte. Hätte dieser Strahl sie getroffen, wäre nicht mehr viel von ihr übrig gewesen. Eine Panik brach auf der Straße aus. Die Menschen rannten in alle Richtungen. SpaceCopter beobachteten vom Himmel aus den Tumult. Sofort erreichten Polizeigleiter und Ordnungsroboter die Passage. Sie lokalisierten schnell den Unruheherd, denn Osiris zerstörte gleich drei Roboter auf einmal. Osiris war abgelenkt. Das nutzte Joorn aus und rannte so schnell sie konnte. Ihr Ziel war das Büro des Terranischen Liga Dienstes in Kairo. Dort hoffte sie auf Stewart Landry zu treffen, sollte er noch überlebt haben. Plötzlich verstummten die Schüsse. War Osiris tot? »Nein!«, rief sie ungewollt laut. Sofort rannte sie zurück. Diese lebende Legende durfte nicht so einfach getötet werden. Die Archäologin quetschte sich durch die Menschentraube. Dutzende aufgeregter Terraner, Topsider, Arkoniden und Blue standen vor einem Trümmerhaufen an Robotern und ratlos wirkenden Polizisten. Osiris war nicht unter ihnen. Er lebte noch. Doch gleichzeitig stellte er auch eine Gefahr für den gesamten Planeten dar. Joorn musste sofort zu Landry. Osiris erreichte wieder die Ro-Setau-Station. Den Weg von Kairo zur Station hatte er in Nullzeit zurückgelegt. Die komplizierte und umfangreiche Technik seines Gürtels ermöglichte ihm das. Energisch eilte er zum Zentralcomputer. »Berichte mir. Nein, warte! Denise Joorn ist entkommen?« »Ja, mein Herr …« Osiris zog seine rechte Augenbraue hoch. Er blickte sich in dem großen, leeren Saal um. »Wieviel Shak'Arit-Soldaten sind hier stationiert?« »Es sind noch 27 Wächter in der Station, Herr«, erklärte der Zentralcomputer mit monotoner Stimme. Osiris wanderte durch die Räume. Vieles lag im Dunkeln oder wurde von hohen Staubschichten verdeckt. Die Reinigungskolonnen hatten sich doch nicht genügend auf die Rückkehr Osiris vorbereitet, wie er nun feststellen musste. Der Gott der Unterwelt und der Fruchtbarkeit schritt an einer Galerie altägyptischer Gottkönige vorbei. Sein Freund und Mitstreiter Thot hatte die kunstvollen Gemälde der Könige des Alten Reiches angefertigt. Er war ein begagneter Zeichner. Osiris erinnerte sich, wie Thot versuchte, die irdischen Kemeten in seine Zeichenkünste einzuweihen. Ein besonders guter Künstler unter den irdischen Kemeten war Hor-Sen Papen-br-Hotep gewesen. Das war nun über 6000 Jahre her … Osiris musterte die einzelnen Bilder. Zuerst blieb er vor Menes-Narmer stehen. Menes war der Reichseiniger gewesen. Osiris konnte sich gut an den jungen Kemeten erinnern. Auch konnte er sich an Ré-Anhetes-Atlan gut erinnern. Dieser Atlan war ihnen im Laufe der Jahrhunderte des Öfteren begegnet. Osiris fühlte sich in diesem Moment mit ihm verbunden. Atlan war ebenso wie sie auf der Erde gefangen gewesen. Umringt von primitiven Wesen und ohne die Möglichkeit zur Heimat zurückzukehren. Atlan und Osiris waren sich niemals begegnet. Auch den anderen war Atlan nicht begegnet. Es gab Anweisungen, keinen Kontakt mit ihm aufzunehmen. Dennoch waren sie brüderlich im Geiste. Osiris ging weiter und blieb vor Djoser stehen. Djoser war ein starker Herrscher gewesen. Sein genialer Baumeister Imhotep baute die Stufenpyramide von Sakkara. Osiris warf einen kurzen Blick auf Chufu, dem König der großen Pyramide über dieser Station. Sein Grab blieb bis heute unentdeckt. Nur ein einziges Mal waren Wesen darauf gestoßen. Im 8. Jahrhundert nach der Geburt von Jesus Christus entdeckte der arabische Kalif Abd Allah al-Mamun einen Zugang in der Chufu-Pyramide. Doch wie der Zentralcomputer berichtete, wurde Abd-Allah vertrieben. Chufus Körper ruhte noch in Frieden, während der von Ramses und all den anderen zur Schau gestellt wurde. Osiris musste sich zusammen reißen. Er durfte sich nicht in Sentimentalität und Hass ergeben, sondern einen brauchbaren Plan entwickeln. Denise Joorn war entkommen und mit Sicherheit informierte sie bereits einflussreiche Behörden. Vielleicht sogar diesen Perry Rhodan. Osiris war in der Ro-Setau-Station nicht mehr sicher. »Zentralcomputer! Aktiviere die Stationen in Menefru-Mirê, Luxor und Theben. Zehn Shak'Arit-Cyborgs sollen mich begleiten. Du wartest hier. Sollte eine feindliche Übernahme stattfinden, vernichte dich selbst.« Osiris fiel dieser Befehl sehr schwer, denn er war 19.000 Jahre lang geistig mit diesem Computer verbunden gewesen. Doch kein Stück ihrer Technik durfte den Terranern in die Hände fallen. »Was wird aus dem zweiten Gefangenen?«, erkundigte sich der Zentralrechner bei seinem Herrn. Der Kemete schaute auf den Boden und dachte eine Weile über das Schicksal von Kawai Muhalla nach. »Er soll freigelassen werden und versuchen, Denise Joorn unschädlich zu machen.« Osiris brach mit den Shak'Arits nach Menefru-Mirê auf. In der heutigen Zeit war diese Region als Memphis bekannt. Unterhalb der Ruinen der Hauptstadt des Alten Pharaonenreiches wollte er vorerst seine Zelte aufschlagen. Von dort aus wollte er die Erweckung seiner Gefährten einleiten.
Denise Joorn hatte das TLD-Büro in Kairo erreicht und Stewart Landry, der sehr erleichtert war, dass Joorn noch lebte, über Osiris informiert. Landry zögerte keine Sekunde und stellte eine Geheimverbindung zur Solaren Residenz her. Auf diesem Kanal erreichte er Perry Rhodan persönlich. Nur wenige Agenten hatten die Möglichkeit, den Terranischen Residenten selbst zu kontaktieren. Landry gehörte zu diesem auserlesenen Kreis. Das Hologramm von Perry Rhodan erschien dreißig Zentimeter hoch auf dem Tisch. Fragend blickte er Landry und Joorn an. »Sir, wir haben ein Problem in Ägypten …«, meldete Landry. Denise schob ihn sanft beiseite und erklärte Rhodan selbst, was vorgefallen war. In kurzen und knappen Worten schilderte sie ihre Erlebnisse mit Osiris. »Ich komme sofort. Ordnen Sie eine Razzia in Kawai Muhallas Büro an!«, sprach Rhodan ernst. »Wenn er und seine Vorgänger seit Jahrhunderten etwas vertuschen wollten, finden wir dort vielleicht brauchbare Informationen.« Danach erlosch die Verbindung. Denise blickte Stewart an und wartete auf seine Entscheidung, die er innerlich bereits längst gefällt hatte. Sofort brachen sie mit einer Gruppe zum Gebäude der Terranischen Altertumsforschung auf. Kawai Muhalla war gerade wieder in seinem Büro angekommen. Er ließ sich auf den Sessel fallen und schaute zum ersten Mal seit langer Zeit auf sein Chronometer. Man schrieb den 3. Oktober 1298 NGZ. Die letzten Tage waren aufregend für den Terraner gewesen. Immerhin war er mit dem Leben davon gekommen. Doch er musste schnell reagieren. Viele seiner Leute waren tot. Seine und van Kehms Leute hatten sich gegenseitig umgebracht. All das war eingetreten, wovor sich schon einst Kalif Abd Allah al-Mamun gefürchtet hatte. Der böse Geist war auferstanden. Denise Joorn wusste gar nicht, welch große Gefahr sie geweckt hatte. Muhalla konnte nicht ahnen, dass Denise Joorn eigentlich gar nichts mit der Auferstehung Osiris zu tun gehabt hatte. Weder Muhalla noch sonst irgendjemand hätten diesen Prozess aufhalten können. Die Furcht vor Osiris war groß. Muhalla wusste nicht genau, was er tun sollte. Ihm waren die Hände gebunden. Er überlegte, ob er sich absetzen sollte. Irgendwo in die Westside. Genügend Geld hatte er. Da öffnete sich plötzlich die Tür und drei uniformierte Terraner stürmten mit gezogener Waffe hinein. Bevor Muhalla reagieren konnte, hatten sie ihn schon gepackt und auf den Boden gedrückt. Dann traten Denise Joorn und Stewart Landry herein. »Lassen Sie mich los!«, brüllte Muhalla. »Sie haben kein Recht mich festzuhalten!« Stewart nahm diese Beschwerde lässig entgegeben. »Mr. Muhalla, wir haben soviele Beweise für ihre kriminellen Machenschaften, dass wir Sie die nächsten eintausend Jahre festhalten könnten. Es wäre besser, wenn Sie mit uns kooperieren würden.« Landry gab den Leuten einen Wink. Sie ließen Muhalla los. Der Leiter der terranischen Altertumsforschung fasste sich an seine schmerzenden Handgelenke. »Was wollen Sie wissen?« »Was Sie über Osiris in Erfahrung gebracht haben«, erwiderte Joorn. »Anscheinend wussten Sie sehr gut, was passieren würde.« Muhalla nickte schwach. Er ging zu seinem Tresor und drückte ein paar Tasten an der Konsole. Eine geheime Tür öffnete sich. In dieser Kammer hatten Denise Joorn und Stewart Landry die uralten Papyrirollen entdeckt, die Kawai Muhalla jetzt herausholte. Er legte sie auf den Tisch. Es waren insgesamt fünf Rollen und eine lose Ansammlung von Blättern. »Unsere Informationen beruhen auf diesen Schriftrollen«, erklärte der Ägypter mit belegter Stimme. »Die älteste ist aus der Zeit des Imhotep, etwa 2650 vor Christus. Die jüngste Rolle stammt von dem Kalifen Abd Allah al-Mamun und wurde 822 nach Christus verfasst.« Denise Joorn blickte auf die fünf Rollen aus Papier, als würde dort Gold und Silber liegen. Für die Menschheit waren diese Schilderungen weitaus mehr wert als alles Geld. »Was steht dort drin?«, wollte Joorn wissen. »Lesen Sie es selbst!«, gab Muhalla patzig zurück. »Nur soviel, Miss Joorn: Unser Orden wurde im Jahre 822 nach Christus gegründet. Wie Sie als Archäologin sicher wissen, hatte in diesem Jahr der Kalif Abd Allah al-Mamun einen Zugang zur Chufu-Pyramide entdeckt. Die offiziellen Berichte sprachen von einer Kammer ohne Schätze, einem Steinsarkophag und etwas Ominösem, welches nicht genauer beschrieben wurde.« Muhalla nahm die lose Blattsammlung und berichtete, was der arabische Kalif wirklich dort gefunden hatte. »In Wirklichkeit hatte Abd Allah al-Mamun eine geheime Kammer unter dem Granitsarkophag gefunden, die sie über 100 Meter in die Tiefe geführt hatte. Dort fanden sie kostbare Schätze und das wirkliche Grab des Chnom Chufu, welches der Legende nach ja auf einer unterirdischen Insel liegen sollte. Doch Chufu erwachte zu Leben und tötete einige. Anubis-Krieger tauchten auf und der Kalif entkam nur knapp. Aus Angst ließ er den gesamten Stollen zuschütten und tötete alle, die davon wussten. Nur er selbst schrieb darüber und gab dieses Geheimnis von Generation zu Generation weiter. Die Angst, dass dort unten eine Gefahr lauerte, die die gesamte Menschheit vernichten könnte und vor die sie selbst Allah nicht schützen konnte, zwang ihn zu diesem Schritt.« Muhalla legte eine Pause ein. Joorn las die Erzählungen des Kalifen, die die Worte Muhallas bestätigten: »Wir gründeten die Organisation, die Wächter der Pharaonen. Seit 822 nach Christus hüteten wir das Geheimnis unter den drei großen Pyramiden von Gise. Zu Zeiten der großen Ägyptologie war es schwer, doch es gelang uns immer wieder das Geheimnis zu bewahren. Unsere Mittel wechselten vom Schwert zur Politik und Bestechung. Bis die Erde in den Mahlstrom verschwand, blieb es auch dabei. Danach geriet unser Orden in Vergessenheit und es grenzte an ein Wunder, dass bei den Ausgrabungen des Auges des Laire die Station von Osiris nicht entdeckt wurde. Dann stießen gläubige Muslime wieder auf die Aufzeichnungen und beschlossen den Willen des Kalifen fortzuführen. Bis zur heutigen Zeit. Doch ich habe versagt. Ich habe meinen Gott enttäuscht und die große Gefahr läuft nun wie ein Löwe umher. Begreifen Sie jetzt, Miss Joorn, was Sie falsch gemacht haben?« »Immer noch kein Grund, Menschen zu töten. Sie hätten Rhodan informieren sollen«, warf ihm Landry vor. Er gab seinen Leuten ein Zeichen und sie führten den Ägyptologen ab, der keinen Widerstand mehr leistete. Er wusste, dass er verloren hatte. »Mein Leben ist zu Ende. Doch ich bin bereit vor Allah zu treten. Sind Sie es auch?«, rief er noch hinterher. Joorn blickte ihm beunruhigt hinterher. Anschließend nahm sie die Papyri an sich. Landry bekam einen Anruf, der ihn über den Vorfall im Museum unterrichtete. Ein anderer Offizier meldete die Ankunft Perry Rhodans. Der Terranische Resident trug wieder seinen blauen Raumanzug, der ein Geschenk der Galornen war. Rhodan begrüßte Landry und Joorn knapp, dann forderte er: »Ich möchte bitte genaustens über die Ereignisse informiert werden. In den Medien laufen unentwegt Berichte über die lebendig gewordene Mumie von Pharao Ramses II.. Was ist passiert?« Denise berichtete erneut, was vorgefallen war. Zu den Ereignissen in dem Museum konnte sie nichts sagen. Doch die Person in den visuellen Aufzeichnungen identifizierte sie eindeutig als Osiris. Rhodan setzte sich auf Muhallas weichen Sessel und lauschte gespannt dem Bericht der attraktiven Archäologin. Einge Male blickte Rhodan sie ungläubig an. Zu phantastisch schienen einige Passagen zu sein. »Zu dumm, dass Atlan nicht hier ist. Er könnt uns bestimmt weiterhelfen …«, murmelte Perry. »Landry, hat das Wissenschaftlerteam die Mumie von Ramses II. untersucht?«, wollte der Unsterbliche jetzt wissen. »Ja, Sir. Hier sind die Unterlagen.« Rhodan übergab die Unterlagen Denise. Sie setzte sich auf den gegenüberstehenden Stuhl von Rhodan und las sich den dreiseitigen Bericht eines Biologen in Kairos durch. »Erstaunlich«, flüsterte sie mehr zu sich selbst. »Dürfen wir an Ihren Erkenntnissen teilhaben, Denise?« Rhodan lächelte freundlich. Er bat Landry das Fenster zu öffnen, da es ziemlich heiß hier war. Aus Rücksicht auf die Tierwelt gab es in Afrika kaum Wetterbeeinflussungen durch NATHAN. »Ja, Sir …«, murmelte Denise und las weiter. Einige Minuten herrschte Stille. Rhodan gab ihr die Zeit, den ganzen wissenschaftlichen Kram zu verstehen. Er hätte bestimmt länger gebraucht. »Zuerst müssen Sie wissen, wie die Mumien konserviert wurden«, erklärte Joorn und fing an zu berichten: » Man entnahm der Leiche das Gehirn und die Eingeweide, und anschließend füllte man die Körperhöhlen mit einer Mischung aus Heilkräutern und anderen Substanzen. Die Ägypter legten die Leiche in Natriumcarbonat, spritzten konservierende Flüssigkeiten in die Blutgefäße, füllten die Hohlräume mit teerartigen und aromatischen Stoffen sowie mit Salz und wickelten den Körper in Stoffbahnen, die mit ähnlichen Lösungen getränkt waren. Der Leichnam wurde nun auf ein schräges Einbalsamierungsbrett gelegt, das am Fußende eine Rinne hat. Die inneren Organe wurden sortiert und in vier götterähnliche Behälter getan. Der bei der Einbalsamierung entstandene Schnitt wurde mit einer goldenen Eisenplatte bedeckt, die das schützende Horusauge zeigte. Nach vierzig Tagen wurden die Natronpäckchen wieder entnommen. Der Körper war nun ausgetrocknet. Er enthielt keinen Tropfen Wasser mehr. Der Leichnam wurde jetzt geschmückt. Danach wurde eine Zeremonie eingeführt, um die Mumie entweder zu verfluchen oder zu vergöttern.« Landry kämpfte, während Joorn erzählte, mit zwei lästigen Fliegen. Rhodan schwieg und wartete, bis Denise eine Brücke zu den heutigen Ereignissen geschlagen hatte. »Die Biologen haben heute in der Mumie von Ramses einige Fremdkörper gefunden. Es handelt sich dabei um kleine, künstliche Mikroorganismen. Sie wurden anscheinend mit Hilfe eines Fiktivtransmitters in die Vitrine abgestrahlt.« Gleichzeitig startete Joorn eine Holoaufzeichnungen von den Sicherheitskameras des Museums. Es war deutlich zu sehen, wie Osiris einen Behälter von seinem Gürtel nahm, auf einen Knopf auf der Oberseite des Behälters drückte und dieser in der Glasvitrine rematerialisierte. Danach löste er sich förmlich auf. »Ich vermute, dass dieser gesamte Behälter aus den Mikroorganismen besteht, sie sich nach der Transmission aufgeteilt haben und somit nicht mehr sichtbar gewesen sind«, erklärte Joorn. »Sie legen sich im alten Gewebe fest und übernehmen kurzzeitig sämtliche Körperfunktionen, beschleunigen die eigene Zellteilung, so dass ein künstliches Wachstum von Muskeln und Gewebe an dem toten Körper stattfindet.« Rhodan beobachtete, wie die Mumie aus dem Glasschrank stieg und die altägyptischen Wörter sprach. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Selten hatte er so etwas Unheimliches gesehen. Er fühlte sich an alte Horrorfilme aus seiner Jugendzeit im 20. Jahrhundert erinnert. Das Thema von auferstandenen Mumien war immer ein beliebter Stoff für Horrorromane und Gruselfilme gewesen. Hier allerdings wurde es zur Realität. »Aber warum konnte die Mumie sprechen?«, warf Rhodan ein. »Es kommt mir fast so vor, als hätte Ramses persönlich gesprochen.« Denise zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Auf diesem Gebiet wissen wir zuwenig. Fakt ist, dass sich die Mumie mit Hilfe dieser Mikroorganismen bewegt hat. Doch warum sie sprechen konnte, kann ich nicht beantworten. Die Mumie müsste zu diesem Zeitpunkt eine Seele gehabt haben.« Rhodan wollte den Gedanken gar nicht weiterspinnen. Wenn dieser Osiris in der Lage war, uralte Leichen wieder zum Bewegen zu bringen und sogar ihre Seelen zurückkehren lassen konnte, dann war er ein übermächtiger Gegner. »Die Wissenschaftler sollen diese Mikroorganismen genau untersuchen«, erklärte Rhodan. »Vielleicht können sie etwas über die Technik herausfinden. Mir wird das langsam sehr unheimlich.« »Es gab schon oft seltsame Zwischenfälle, die auf Flüche von Pharaonen zurückgeführt wurden«, meinte Denise. Sie erzählte von dem Fluch des Echnaton: » Im Jahre 1899 traf sich die High Society von Luxor, um als neutrale Zuschauer einem Mysterien-Spiel beizuwohnen. Das Schauspiel sollte den Fluch der Priester über den Pharao Echnaton, der alle Götter abschaffte und nur einen Gott, Aton, anbetete, brechen. Echnaton war verflucht, nie seine Totenruhe zu finden. Als sie sich alle in der Wüste versammelt hatten, sollte das Schauspiel beginnen. Es war der Tag, an dem sich die Prophezeiung von Echnatons Auferstehung erfüllen sollte. Alle schauten gespannt auf den Darsteller des Gottes Horus. Flehend bat er die anderen Götter um Vergebung des in Lumpen gekleideten Echnatons. Genau in dem Moment, als nun der Darsteller Echnatons zum Sprechen anhob, schlug völlig überraschend ein Blitz ein. Ein kräftiger Wind übertönte die Stimme Echnatons und peitschte den Sand der Wüste in die Gesichter der Zuschauer. Als sich der Sturm gelegt hatte, setzten die Darsteller das Schauspiel fort. Der Darsteller Echnatons fing an, eine Hymne an den Sonnengott zu sprechen. Genau an dieser Stelle prasselte plötzlich ein heftiger Regen auf alle nieder, der sich bald in einen Hagelsturm verwandelte. Es war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich, die Aufführung zu vollenden. Am nächsten Morgen berichteten zwei Mitglieder unabhängig voneinander denselben Alptraum: Beiden war die lebendig gewordenene Statue Ramses II. im Traum erschienen und hatte sie mit einer Königsinsignie, der Geißel, berührt. Innerhalb 48 Stunden erkrankten alle Darsteller und Zuschauer. Das Stück wurde nie wieder aufgeführt.« »Hm«, machte Rhodan nur. »Ob es da eine Verbindung mit Osiris gibt?«, überlegte Stewart Landry. »Dieses Wesen scheint seit Jahrtausenden unter Gise zu wohnen. Was, wenn er die Zuschauer manipulierte. Mit Technik ist alles möglich …« »Es gab noch andere Flüche. Diese schienen allerdings mehr auf natürlichen Krankheiten zu beruhen«, führte Denise weiter aus. »Der Fluch des Tut-Anch-Amun zum Beispiel. Sehr viele starben, die das Grab entweiht hatten. Damals ging man von einem Fluch aus. Heute weiß man, dass die stickige und schimmelige Luft im ungeöffneten Grab für Krankheiten sorgte und viele dahinraffte.« Rhodan stand auf und lief zum Fenster. Die Sonne ging langsam unter und färbte sich rot. »Wir werden zu dieser Station unterhalb von Gise gehen. Landry, suchen Sie ein paar Männer zusammen. Wir müssen diesen Osiris finden und mit ihm sprechen. Denise, Sie bleiben vorerst hier und studieren diese Papyrusrollen. Ich will wissen, was dort drin steht.« Alle hatten verstanden. Energisch verließ Rhodan diesen Raum. Ihm war nicht sonderlich wohl zumute. Alles entwickelte sich sehr schnell. Urplötzlich wurden jahrtausendalte wissenschaftliche Fakten über den Haufen geworfen und ein Gott wanderte plötzlich durch die Straßen Ägyptens und erweckte Mumien mit einer fremdartigen Technik zum Leben. Ein neues Geheimnis der antiken Erde wurde scheinbar gelüftet. Welche Richtung diese Wendung nehmen würde, wusste Rhodan noch nicht. Er dachte über Osiris nach. Der Legende nach zählte er zu den bedeutendsten Gottheiten des alten Ägypten. Seine einstige Rolle als Fruchtbarkeitsgott zeigte sich in der Symbolik des ihm zugeordneten Getreidekorns mit seinem natürlichen Wachstumskreislauf: die Saatkörner wurden in die Erde gegeben – Begräbnis –, ruhten einige Zeit im Dunkeln – Unterwelt – und keimten dann zu einer neuen Saat auf – Auferstehung. Nachdem sich der Osiris-Kult immer weiter ausbreitete, nahm Osiris das Wesen anderer Gottheiten an, die er schließlich ganz verdrängte. Osiris hatte einen starken Bezug zum Königtum und wurde daher gewöhnlich mit den Königsinsignien Geißel und Krummstab dargestellt. Er war der Sohn der Himmelsgöttin Nut und des Erdgottes Geb und der erste König Ägyptens. Als Osiris von seinem missgünstigen Bruder Seth ermordet wurde, erweckte seine Gattin Isis ihn wieder zum Leben. Sie zeugten den Sohn Horus, der später seine Herrschaft antreten sollte. Die Zauberkräfte der Isis bewahrten den Leichnam des Osiris vor der Verwesung, so dass der Gott in der Unterwelt zu neuem Leben auferstehen konnte. Er herrschte über das Reich der Toten, bewachte den Zutritt der Verstorbenen in die Unterwelt und verkörperte die Sonne in ihrer nächtlichen Form. Als Symbol der Wiederauferstehung wurde Osiris von zahlreichen Anhängern seines Kults verehrt. Demnach war er ein guter Gott gewesen. Doch was war Mythos und was Realität? Die Aktionen im Museum und auf der Straße Kairos ließen eher auf einen aggressiven Osiris schließen. Bald würden sie Näheres erfahren. Landry fuhr mit einem Panzergleiter vor. Drei weitere Gleiter mit einer Besatzung von je sechs Mann folgten ihm. Rhodan stieg ein und warf einen letzten Blick auf das Hochaus der Terranischen Altertumsforschung. Denise Joorn stand am Fenster und blickte auf die Gleiter herab. Rhodan spürte, dass sie gerne dabei gewesen wäre. Doch sie mussten schnellstens an die Informationen aus den Papyrusrollen kommen. Und dafür war die Archäologin bestens prädestiniert. Rhodan verspürte allerdings auch einen archäologischen Drang. Die Neugier war groß. Als vierter Mensch, seit Jahrtausenden, würde er die Station des Osiris betreten. »Beeilen Sie sich, Landry. Wir haben eine Verabredung mit einem Gott. Und Götter lässt man nicht warten.
Die Sonne spendete nur noch wenig Licht. Die Temperaturen sanken und ein kühler Luft wehte über den Sand Gises hinweg. Die vier Gleiter kamen in der Nähe des Sphinx zum Stoppen. Rhodan und Landry stiegen als erste aus. »Ist das Gebiet geräumt?«, erkundigte sich Rhodan. »Ja, Sir. Wir haben die Fremdenführer angewiesen, die Besichtigungen nur bis 20 Uhr Ortszeit durchzuführen. Wir haben das Gelände weiträumig abgesperrt.« Rhodan nickte unmerklich und lief langsam auf die Pyramide des Chufu zu. Er hörte das Gekreische eines Falken von irgendwo her. Das war, neben des Pfeifen des Windes, das einzige Geräusch, welches ihn begleitete. Nach wenigen Minuten hatte er den Eingang der Pyramide erreicht. Schon oft hatte er vor dem gewaltigen Bau gestanden. Dieses Mal erschien ihm die Pyramide noch geheimnisvoller als je zuvor. »Laut diesem Kalifen befindet sich der Schacht zu Chufus Grab direkt unter dem Granitsarkophag. Bewaffnen Sie sich mit Desintegratoren, meine Herren. Ich will diesen Gang freilegen.« Landry berichtete von Protesten seitens des Leiters des Gise-Plateaus Iwaz Ssawah, doch Rhodan interessierte das herzlich wenig. Er hatte genug von Ägyptologen, die alles verstuschen und jeglichen Forschungsdrang untergraben wollten. Bedächtig schritten sie durch die Gänge der Chufu-Pyramide und erreichten die Kammer mit dem Granitsarkophag. Landry aktivierte seinen Antigravstrahler und verschob den Granitblock. Rhodan selbst schoß mit dem Desintegrator ein Loch in den Boden. Nun begann eine stundenlange Arbeit. Nach zwei Stunden waren sie fertig. Sie hatten eine Mauer erreicht. Rhodan stellte fest, dass sie nur provisorisch errichtet worden war. Die Hieroglyphen waren teilweise zerstört. »Das muss die Mauer sein, die der Kalif eingeschlagen hat«, erklärte Rhodan. »Demnach befindet sich dahinter Chufus Grabkammer. Setzen Sie bitte Atemmasken auf. Die Luft dürfte nicht die beste sein.« Sie desintegrierten die Wand und aktivierten ein paar Lampen. Die Schilderungen des Kalifen waren nicht übertrieben. Endlose Kostbarkeiten reihten sich aneinander. Eine große Barke gefüllt mit Juwelen, etliche Statuen der Götter Anubis, Bastet, Hathor, Isis, Horus und von Chufu selbst. Und schwarzfarbene Anubis-Wächter. Rhodan mahnte die TLD-Agenten zur Vorsicht. Er befürchtete, dass jederzeit die Anubis-Wächter angreifen könnten. Langsam näherte er sich Chufus Grab. Er stand auf der Plattform, die auf dem Wasser schwomm. Damit hatte die Sage von der unterirdischen Insel Recht behalten. Rhodan fuhr mit der Hand über den Sargdeckel. Landry folgte ihm und ging auf die andere Seite. Rhodan gab ihm ein Zeichen und sie schoben den Deckel langsam zur Seite. Sie hätten einen Antigravstrahler benutzen können, doch die zwei wollten selbst anpacken. Der Forschungsdrang war stärker als die Vernunft der beiden Männer. Die Mumie des Chufu musste von den Anubis-Wächtern wieder ins Grab gebettet worden sein. Jedenfalls sah sie aus, als hätte sie sich niemals bewegt. Die Totenmaske strahlte golden und in den bandagierten Händen hielt die Mumie Chufus die Insignien des pharaonischen Ägyptens, die Geißel und den Krummstab. Rhodan nahm behutsam die Totenmaske ab. »Was bezwecken Sie, Sir?«, wollte Landry wissen. »Ihre Leute sollen erst einmal nach einem Eingang zu der Station suchen. Ich will sehen, ob Chufu wirklich lebt. Vielleicht können wir …« In dem Moment packte ihn die mumifizierte Hand Chufus am Hals und drückte fest zu. Landry versuchte sofort die knöchernde Hand von Rhodan loszureißen. Etwas zu heftig, denn er brach sie ab. Die Klaue erschlaffte und fiel herab. Ein leises Krächzen drang aus der Kehle des Chufu. Rhodan wischte sich den Schweiß von der Stirn. Plötzlich bewegten sich die Anubis-Statuen und schossen auf die TLD-Agenten. Sofort erwiderten sie das Feuer. Etwa sieben Anubis-Soldaten waren im Raum. Rhodan und Landry verschanzten sich hinter dem Sarkophag. Die anderen Agenten suchten auch irgendwo Schutz. Einer wurde tödlich getroffen, doch die Übermacht der Soldaten brachte ihnen den Sieg. Schnell konnten sie die Anubis-Soldaten desintegrieren oder zerstrahlen. »Das ging mir fast zu einfach«, bemerkte Rhodan. Die Mumie von Chufu regte sich etwas. »König Chufu. Wir sind deine Nachfahren. Wir möchten dir nichts tun. Wir sind auch keine Grabräuber«, sprach Rhodan durch einen Translator, der das Interkosmo in Altägyptisch umwandelte. Landry blickte Rhodan seltsam an und schüttelte nur den Kopf. Die Mumie hob einen Arm und die toten Augen begannen sich nach links zu drehen. Sie fixierten Perry Rhodan. Rhodan verspürte durchaus ein großes Unbehagen. Nicht jeden Tag sprach er mit einem Geist. »Rhodan … Rhodan …«, murmelte Chufu. »Ich höre dich, Pharao Chufu.« Die Hand der Mumie legte sich um Rhodans Nacken und drückte seinen Kopf langsam zum Mund Chufus. »Warum störst du meine Ruhe? Warum hast du mich aus der Symbiose mit Amun gerissen? Er war dabei, mir so einzigartige, kosmische Wunder zu zeigen. Wunder, die kein menschliches Wesen von unserem Planeten gesehen hat.« Die Stimme des Chufu war schwach und leise. Rhodan hatte Mühe das Flüstern zu verstehen. Doch der Translator hatte bessere »Ohren«. »Ich suche Osiris. Ebenfalls möchten wir die Geheimnisse deiner … deiner Auferstehung lösen«, erklärte Rhodan. »Taucht hinab. Geht unter die Insel. Dort werdet ihr Osiris finden. Ich spüre, dass der Sohn Amuns wieder auferstanden ist. Wenn ihr reinen Gewissens seit, wird euch nicht passieren. Seid ihr es nicht, werdet ihr sterben …« Chufus Hand erschlaffte. Luft wich aus dem Mund, die Augen blieben starr stehen. Landry hatte den Körper gescannt. »Wieder diese Mikroorganismen …« »Doch der Mann, der zu mir sprach, war Chufu«, stellte Rhodan teils bitter, teils begeistert fest. Was für einer überlegenden Kultur gehörte Osiris an? Sie mussten tatsächlich in der Lage gewesen sein, die Seele eines Wesens zu ergründen und sie in den toten Körper zurückkehren zu lassen. Rhodan atmete tief durch. Chufu musste mit »unter der Insel« diese Plattform meinen. »Durchsucht den Grund des Wassers. Vielleicht ist dort ein Eingang zur Station von Osiris«, befahl Rhodan. Er nahm die Totenmaske des Chufu und legte sie wieder auf dessen mumifiziertes Gesicht. Landry half ihm, den Sargdeckel wieder geradezuschieben. »Chufu soll von niemandem mehr gestört werden«, beschloss der Terranische Resident. Kurz darauf erhielt er eine Erfolgsmeldung eines Tauchers. Tatsächlich befand sich ein unterirdischer Weg zur Station. Rhodan schickte ein Team voraus, welches einen kleinen Transmitter am Ende aufbauen sollte. Das gleiche taten die Leute in der Grabkammer des Chufu. Nach dreißig Minuten stand die Verbindung. Mit gezogenen Waffen stiegen die TLD-Agenten und Perry Rhodan durch den Transmitter direkt ins Ungewisse. Sie kamen in einer kleinen Halle heraus. Sie war dunkel und wirkte uralt. Keinerlei Technik war vorhanden. Einer der TLD-Agenten trat auf Rhodan zu. »Sir, wir haben hier einige Brandspuren entdeckt. Die Station wurde vor kurzem durch ein Feuer vernichtet. Nur noch Trümmer sind zu finden. Geschmolzenes Metall und Gold. Nichts Brauchbares.« Rhodan senkte die Waffe enttäuscht. »Osiris hat die Station verlassen. Suchen Sie ganz Ägypten ab, Landry. Ich bin sicher, dass er sich noch irgendwo aufhält. Ein Team soll die Station untersuchen. Vielleicht finden sie noch etwas …« Resigniert trat Rhodan den Weg zurück nach Kairo an. Osiris war ihnen entwischt und die ganze Sache wurde immer undurchsichtiger.
Denise huckte über den Aufzeichnungen des Imhotep. Sie konnte seine Schrift gut lesen, doch eine positronisch-syntronische Recheneinheit führte gleichzeitig eine Übersetzung ins Interkosmo durch. Denise hatte sich einen starken Kaffee gemacht. Inzwischen war es 23 Uhr geworden. Was wohl Rhodan und Landry inzwischen herausgefunden hatten? Denise ermahnte sich, sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Es fiel auch nicht schwer, als sie die ersten Worte Imhoteps gelesen hatte. Denise Joorn tauchte in die Welt des alten Ägyptens ein … Und sie kamen vor vielen Jahrtausenden in die Wüste um Ro-Setau. Sie wohnten auf dem Urhügel, dort wo sie das Chaos bezwangen und das Leben begann. Nomaden und Stämme zogen an ihnen vorbei, ohne, dass sie jemand bemerkte. Dann siedelten sie sich an den Ufern des Hapi an. Viele Stämme! Hunderte Jahre verstrichen, bis sie sich dem ersten von uns zu erkennen gaben. Er war der Anführer einer wilden Horde. Sein Name wird noch heute in Ehrfurcht ausgesprochen; Skorpion. Skorpion, weil er das Wappen des Tieres mit sich trug und gefährlicher war als der Stich eines Skorpions. Er unterwarf Siedlungen oberhalb des Hapi und da erschien ihm das Wesen. Seine Rüstung schimmerte golden, eine Aura voller Glanz umgab ihn. Gebaut wie der stärkste Kämpfer, mächtig und erhaben. Sein Gesicht des eines Falken. Sein Name war Horus, der Sohn des Osiris. Und Horus sprach: »Skorpion, ich bin Horus, Sohn des Osiris, des Gottes der Unterwelt, Sohn der Isis und Diener des Sonnengottes Ré und dessen Herren Amun. Geschaffen von Shu und Tefnut, von Nut und Geb, den Herren des Himmels und der Erde. Ich bin der rechtmäßige Herrscher über Kemet. Von nun an soll auch dein Land diesen Namen tragen. Es stammt aus unserer Sprache und bedeutet Schwarze Erde. Von nun an sind die Völker um den Hapi Auserwählte und sollen den Göttern dienen, um zu einem prächtigen, fortgeschrittenen, gebildeten, gerechten und mächtigen Volk zu wachsen. Du wirst den Grundstein setzen, Skorpion. Mit der Macht des Horus und des Anubis befehle ich dir, die Völker von Ober- und Unterkemet zu vereinigen.« Als Zeichen seiner Macht gewährte er Skorpion einen Einblick in die Welt der Götter. Skorpion war beeindruckt, musste jedoch den Eid leisten, niemals etwas zu verraten. So machte er sich bis zu seinem Tode daran, das Volk Kemets zu einen. Er machte den Anfang. Das Land Kemet wurde fruchtbar und die Stämme begannen mit der Vereinigung. Doch Skorpion erreichte sein Ziel nicht ganz. Sein Geist wurde eins mit Osiris. Was dies bedeutete, würde ich, Imhotep, Hohepriester, Baumeister und Arzt der Inkarnation Horus auf Erden, des Gottkönigs Netjerichet Djoser, erst nach meinem irdischen Leben erfahren. Die Jahre zogen ins Land und die Götter meldeten sich nicht mehr. Die Nachfolger des Skorpion kamen nur langsam voran. Doch der Kult der Götter breitete sich rasant aus. Zwar wurden viele Tatsachen durch die Einfältigkeit der Menschen verändert und viele Gerüchte und erfundene Mythen und Götter mischten sich dazu, doch der Glaube an Amun, Re, Osiris und seine Götter wurde zur Staatsreligion. Ohne dass unsere Vorfahren es wussten, wurden sie die Schrift und die Sprache der Kemet-Götter gelehrt. Ihre Götzenbilder erstrahlten in unzähligen Tempeln, die zu ihren Ehren gebaut wurden. Unter dem Gottkönig Menes, dem Beherrscher von Oberkemet und der Hauptstadt Menefru-Mirê, konnte das Reich geeint werden. Es war eine seltsame Zeit, so kamen Feinde der Götter von den Sternen. Sie trugen den Namen Akonen und rissen in Menefru-Mirê die Macht an sich. Sie infiltrierten die Priesterschaft des Anubis. Anubis selbst soll voller Zorn gewesen sein, doch Hathor, die Göttin der Freude und der Liebe, besänftigte ihn, denn alles erledigte sich von selbst. Dank eines fremden Helden mit dem Namen Ré-Anhetes-Atlan wurden die Akonen vernichtet. Von ihnen zurück blieb der Kult der Löwengöttin Bastet. Den Göttern fiel dieser Atlan auf. Sie wussten, dass er keiner von uns war, sondern ebenfalls von den Sternen kam und auf der Welt gefangen war. Doch sie beschlossen keinen Kontakt mit ihm aufzunehmen. Eine Entscheidung, die jedem schwer fiel, denn er war wie sie: Ein Unsterblicher. Doch sie hatten eine Abneigung gegenüber den Sternengöttern mit dem Namen Arkoniden und ein Verbot des obersten Gottes Amun. Jahrtausendalte Erfahrung sprach aus der Entscheidung unserer kemetischen Götter. Statt dessen erschienen Anubis, Horus und Isis dem Gottkönig Menes und erklärten ihn zu einem Auserwählten. Er war der Reichseiniger, so offenbarten sie sich ihm, wie sie es einst mit Skorpion getan hatten. Ihm wurde das gezeigt, was mir noch bevorstand. Wieder musste er einen Eid leisten, es niemandem zu sagen. Nicht einmal Atlan. Menes nahm den Namen Narmer an. Narmer war einst ein Held in der Geschichte der Götter. Er war auch ein Begründer gewesen. Deshalb sollte Menes fortan diesen Namen tragen. Menes-Narmer litt unter dem Geheimnis der Götter. Warum durfte er seinem treuesten Freund Atlan nichts von seinem göttlichen Auftrag verraten, fragte er sich oft. Oftmals zermarterte er seinen Schädel mit diesen Fragen. Als Atlan dann plötzlich das Volk der Kemeten verlassen hatte, wusste Narmer, dass sein Freund Anhetes-Atlan die beste Entscheidung für alle getroffen hatte. Auch wenn Narmers Schwester Nefer-Meryt nie über den Verlust Atlans hineweg kam und bald darauf erkrankte und ihr Leben verlor. Als Narmer nun auch starb, begann das Reich sich unter seinem Sohn Aha zu formen. Die Einflüsse der Kemet-Götter und des Arkoniden Atlan wirkten sich sehr positiv auf unser Land am Hapi aus. Die Priester des Anubis brachten neue Erkenntnisse, wie das Jahr und die Monate. Ob es Informationen der Götter waren oder sie selbst die Tatsachen erkannt hatten, dass unsere Weltkugel 365 Tage brauchte, um sich um die Sonne zu bewegen, wusste niemand. Wir nahmen die Hinweise der Götter ohne Zweifel und mit Dankbarkeit hin. Auserwählte Herrscher durften in Osiris aufgehen. Sie wurden von Anubis und Isis in die Unterwelt begleitet. Sie offenbarten sich nur ausgewählten Personen. Meist Gottkönige oder Hohepriester, die die Wünsche der Götter an das Volk trugen. Dank den Göttern wurden unsere Techniken im Mumifizieren verbessert und der Glaube an das Leben nach dem Tode wurde stark. Er wurde wichtig für uns und vieles richtete sich danach. Nach Hor-Aha, dem Sohn des Narmer, folgten weitere legendäre Könige, die die Namen Djer, Djed, Semerchet, Chasechmui und mein König Djoser trugen. Mehr als vier Jahrhunderte nun schon existierte das Reich Kemet, angeführt von den Gottkönigen, den Inkarnationen Horus auf Erden. Dann kam der Tag als sie mich aufsuchten. Der Gott Thot war in Begleitung von Anubis. Ich kann mich genau an diese Begegenheit erinnern. Ich erstarrte vor Angst, als ich diese Wesen sah. Zwei Köpfe größer als ich, standen sie in prachtvollen Rüstungen vor mir. Thot mit dem Kopf eines Falken, Anubis mit dem eines Schakals. Und Anubis sprach: »Imhotep, du bist ein fähiger Diener deines Gottkönigs. Du gehörst zu den Auserwählten, denen wir uns offenbaren. Du kennst uns, denn wir sind deine Götter. Wir haben im Namen des Ré und des Osiris einen Auftrag für dich. Beginne mit dem Bau eines Monumentes für deinen König.« Und Thot stellte eine Figur aus Stein auf meinen Tisch. Es war eine Pyramide. Fassungslos starrte ich Thot und Anubis an. »Wie soll ich so etwas bauen, oh Herren?«, fragte ich unterwürfig, doch mit merkbarem Zweifel. »Das überlasse ich dir, Imhotep. Sie soll gewaltig sein und als Ruhestätte deines Herren dienen. Doch sie soll noch viel mehr sein. Sie symbolisiert unsere Kultur. Die Kultur unseres Volkes, welches hoch in den Sternen lebt. Von diesem Volk kommen wir und die Pyramide ist ein Symbol unserer Kultur.« »Aber Herr, ich bin nur ein Mensch. Wie soll ich etwas schaffen, was nur Götter erbauen?«, wollte ich wissen. Anubis lachte. Es war ein seltsames Lachen, doch es stand mir nicht zu, darüber zu urteilen. »Du und dein Volk muss lernen«, erklärte der Gott der Toten. »Durch Taten lernt man am besten. Eines Tages sollt ihr noch viel mehr erbauen, als diese steinernde Monument. Ihr sollt fliegende Pyramiden erbauen, die zu den Sternen reisen. Bis dahin, sei dir dessen gewiss, werden Tausende von Jahre vergehen, doch es wird passieren …« Anubis war eine beeindruckende Gestalt. Sein Gefährte Thot stand schweigend neben ihm. Beide wirkten erhaben, und doch wiederum vertraut und väterlich. Anubis legte seine Hand auf meine Schulter. Ich fühlte mich zutiefst geehrt von dieser Geste. Wer wurde schon von einem Gott berührt? Ich musste die Worte, die er mir sagte, erst einmal verarbeiten. »Mache dich daran, diese Pyramide zu bauen. Setze den Grundstein für eure Wissenschaft und Forschung. Denke daran, zu was ihr eines Tages im Stande sein werdet.« Mit diesen Worten verließen die beiden Götter meine bescheidene Arbeitsstätte und Wohnung. In den darauffolgenden Monaten begannen die Planungen der Pyramide. Mein Gottkönig Djoser wurde ebenfalls von den Göttern erleuchtet. Ihm waren Horus und seine Mutter Isis erschienen. Djoser sah den Bau der Pyramide als notwendig an und ich begann die Konstruktion seiner Grabanlage in der Region Sakkara. Die Mastaba, Tempel und Gräber um die Pyramide herum, stellten kein Problem für mich und meine Arbeiter dar, doch der Bau der eigentlichen Pyramide war sehr schwierig. Bereits bei der Konstruktion der Pläne betete ich zu Thot, dem Gott der Wissenschaft, er möge mir helfen. Zuerst musste der Neigungswinkel berechnet werden. War er zu spitz oder zu stumpf, drohte die Pyramide einzustürzen. Schließlich kam mir die Idee, eine Abstufung zu machen. Eine glatte Pyramide zu bauen, war mir mit den gegebenen Mitteln nicht möglich. Der Aufwand war zu hoch, um diesen Wunsch der Götter zu erfüllen. Ich verwendete das alte Prinzip der Mastabas und setzte sie einfach immer eine Etage höher. Sehr hilfreich waren mir die Aufzeichnungen des Re-Anhetes-Atlan, jenem weisen Fremden an der Seite des Reichseinigers Narmer. Viele Fragen wurden dadurch beantwortet. Anhetes war in der Tat der größte Wissenschaftler in der Geschichte unseres Reiches gewesen. Auch wenn viele sicherlich mich später auf Grund der Pyramide als ein Genie betrachten werden, so war Anhetes mir weit überlegen. Natürlich dauerte das Jahre. Die Jahre zogen ins Land und die gewaltige Pyramide wurde fertig gestellt. Mein Leben war der Pyramide gewidmet. Viele Jahre meines Daseins habe ich für meinen König und die Götter dieses Monument der Ewigkeit gebaut. Viele Tausende Arbeiter vergossen Schweiß und Blut, doch sie sahen den Bau als Ehre an. Über 60 Meter hoch, mit einer Grundfläche von 109 mal 121 Metern und einer Länge der Basisseite von 71 Metern war die letzte Ruhestätte des Djoser vollkommen. Eine große Mauer umgab die Pyramide von Sakkara. Einundzwanzig Jahre dauerte die Amtszeit des Djoser. Dann ging er zu den Göttern. Nun war es sein Schicksal zu Osiris zu gehen und auf der Sonnenbarke des Ré zu fahren. Er hinterließ ein großes Reich, die Südgrenzen waren bis zum Ersten Katarakt gefestigt, und eine Pyramide, als Hort für seine Seele und Zeichen seiner Unsterblichkeit war errichtet. Gemäß unserem Glauben wurde Djoser einbalsamiert und mumifiziert. Es geschah, wie mit allen Gottkönigen und noblen Vertretern unseres Volkes. Es war eine traditionelle Arbeit, die schon seit Skorpion I. unser Volk auszeichnete. Fremde verstanden vielleicht unsere Bestattungsriten nicht. Ich versuche es der Nachwelt zu erklären. Wenn in einem Hause in Ägypten ein Mensch – natürlich einer, der etwas gilt – stirbt, bestreichen sich alle Frauen im Haus den Kopf und auch das Gesicht mit Lehm; dann lassen sie den Toten im Haus liegen, sie selbst laufen durch die Stadt, hochgeschürzt, mit bloßen Brüsten, und schlagen sich und mit ihnen alle weiblichen Verwandten die Brust. Andererseits schlagen sich auch die Männer zum Zeichen der Trauer, und auch sie sind hochgeschürzt. Wenn das geschehen ist, bringen sie den Leichnam zur Einbalsamierung. Dafür sind aber bestimmte Leute da, die sich auf diese Kunst verstehen. Wenn diesen die Leiche gebracht wird, zeigen sie den Anverwandten Muster von Leichnamen aus Holz und recht naturgetreu bemalt und nennen ihnen die beste Art der Einbalsamierung, deren Namen ich mich auszusprechen scheue; dann zeigen sie die zweite, wohlfeilere und mindere, und dann die dritte, die am billigsten ist. Dann fragen sie, nach welcher Art der Leichnam behandelt werden soll. Und die Angehörigen handeln mit ihnen den Preis aus und gehen dann fort; sie aber bleiben mit der Leiche in ihrem Haus zurück. Und solchermaßen ist nun die sorgfältigste und teuerste Art der Einbalsamierung: Sie entfernen zuerst mit einem krummen Eisen durch die Nasenlöcher das Gehirn, und zwar teils so, indem sie es herausziehen, teils indem sie Arzneien hineingießen, Dann öffnen sie mit einem scharfen äthiopischen Steinmesser die Bauchhöhle und nehmen die ganzen Eingeweide heraus; sie reinigen sie, spülen sie mit Palmwein aus und bestreuen sie mit zerriebener Myrrhe, mit Kassiablättern und anderem Räucherwerk, untermischt mit Weihrauch, und nähen die Leiche wieder zu. Dann legen sie die Leiche in Natron, 70 Tage lang; länger darf man sie nicht darin liegen lassen. Sind diese 70 Tage vorüber, dann waschen sie die Leiche und umwinden den ganzen Leib mit Binden aus feinem Byssosleinen und bestreichen sie mit Gummi, den die Ägypter vielfach statt Lehm verwenden. Dann übernehmen wieder die Angehörigen die Leiche und machen einen hölzernen Sarg in Menschengestalt, legen die Leiche hinein und bewahren sie in der Grabkammer auf, wo sie die Leiche an die Wand stellen. So behandeln sie die Leichen, die um den höchsten Preis einbalsamiert werden. Wo aber die Verwandten die Mittelart wählen, weil sie die hohen Kosten scheuen, da geschieht mit der Leiche folgendes: Sie füllen Klistierspritzen mit Zedernöl und füllen damit den Unterleib des Toten, ohne ihn aufzuschneiden und den Magen und die Eingeweide herauszunehmen; sie spritzen es beim Gesäß hinein, aber so, dass das Klistier nicht wieder herausfließt; dann lassen sie die Leiche die vorgesehenen Tage hindurch in Natron liegen; am letzten Tag aber nehmen sie das Zedernöl, das sie früher hineingetan haben, wieder heraus. Dieses hat eine solche Wirkung, dass es auch den Magen und die Eingeweide herausnimmt. Das Fleisch aber wird von dem Natron so aufgelöst, dass von der Leiche nur die Haut und die Gebeine übrigbleiben. Dann geben sie die Leiche so den Verwandten wieder zurück und tun sonst nichts dazu. Die Dritte Art der Einbalsamierung, welche die am wenigsten Bemittelten erstehen, ist folgende: Sie reinigen die Bauchhöhle mit Abführöl und salzen die Leiche 70 Tage ein; dann geben sie diese wieder zurück. Meine Zeit war mit dem Tode von Djoser noch nicht abgelaufen. Erst unter der Zeit des Schemchet riefen die Götter nach mir. Ich diente unter vier Gottkönigen; Chasemui, Nebka, Djoser und Schemchet, doch Djoser war mein wahrer Herr und mit seinem Tode war mein Leben sinnlos. Ich hatte mit dem Bau der Pyramide mein Lebensziel erreicht. Es gab nichts mehr, was ich noch erreichen konnte. Djoser wurde feierlich beigesetzt. Ich habe viele Stollen und Gänge in die Pyramide einbauen lassen und eine große Grabkammer. Dort wurde mein Gottkönig samt seiner Schätze beigesetzt, um vor Osiris zu stehen. Sein Herz würde mit einer Feder aufgewogen werden, Anubis, Isis und Horus würden ihn zu Osiris begleiten, mit dem er dann einst werden würde. Um seine Habseeligkeiten vor Räubern zu schützen, wurden alle getötet, die von der Lage der Grabkammer wussten. Ich versuchte so wenig Menschen wie möglich in dieses Geheimnis einzubeziehen, denn ich wollte nicht ihren Tod. Sechemchet war nicht einmal einen Monat auf seinem Thron, da nahm ich mir das Leben. Es war ein sanfter Tod, mit dem Gift einer Schlange herbeigeführt. Ich schlief friedlich ein und tat Buße vor den Göttern. Ich war bereit in Osiris aufzugehen uns sprach mein letztes Gebet, bevor ich den Weg auf meiner Barke in die Unterwelt begann: Denise Joorn atmete tief durch. Die Geschichte Imhoteps, dem legendären Baumeister und Arzt des Gottkönigs Djoster in der III. Dynastie – also etwa 2645 v. Chr. –, offenbarte ihr viele Geheimnisse. Die Art und Weise wie die Götter mit den Kemeten umgingen, war einmalig. Anscheinend nannte sich das Göttervolk selbst Kemeten und lieh den alten Ägyptern diesen Namen. Denise Joorn glaubte, dass die Götter keineswegs schlecht waren, denn sie versuchten langsam das ägyptische Volk zu formen und zu Raumfahrern zu machen. Sie nutzten ihren Götterstatus anscheinend nicht aus, so wie es die Akonen gemacht hatten. Gespannt nahm Denise die Papyrusrolle des Neferti. Neferti war ein Schriftsteller, Hellseher und Gelehrter in der IV. Dynastie, 2520 Jahre vor Christi Geburt. Joorn war gespannt, was er zu berichten hatte … Ich, Neferti, liege im Sterben. Meine Zeit ist nach einem langen und erfüllten Leben vorbei. Bald schon werde ich vor den Toren zur Unterwelt stehen, mich vor den Richtern rechtfertigen müssen und von Anubis und Thot geprüft werden, um dann von Isis zu ihrem Mann Osiris geleitet zu werden. Dann werde ich eins mit den Göttern werden. Ich blicke auf ein langes Leben zurück. Einhundertvier stolze Jahre. Geboren unter König Snofru, gedient unter den Königen Chufu, Djedefre und Chafre. Mein Ende naht nun, im Jahr dreizehn des Menkaure. Meine Geschichte will ich der Nachwelt hinterlassen, ich will das fortführen, was Imhotep, der Baumeister der Pyramide von Sakkara, begonnen hat. Die Geschichte unseres Volkes und unserer Götter niederschreiben. Denn ebenso wie Imhotep bin ich ein Erleuchteter, den die Götter aufgesucht haben. Geboren wurde ich im Jahre vier des Gottkönigs Snofru, dem Begründer der IV. Dynastie. Mein Vater war Hohepriester und ein Vertrauter des Snofru, einem weisen und gütigen Regenten, der sich mit dem Bau seiner drei Pyramiden unsterblich machte. Die erste Pyramide sollte die Stufenpyramide des Netjerichet Djoser übertreffen. Snofru wünschte eine glatte Pyramide zu bauen und mein Vater, Hor-Re-Antef versuchte diesen Wunsch nachzukommen. Doch es erwies sich als nicht so einfach. Ich war noch ein Knabe, da fiel ein Unglück über die Bauarbeiten herein. Während die zweite Pyramide gebaut wurde, stürzte die erste in sich zusammen und es blieb nur ein Turm übrig. Mein Vater war gezwungen den Neigungswinkel der zweiten Pyramide zu ändern, so dass sie einen »Knick« am oberen Ende bekam. Snofru war nicht sonderlich zufrieden mit den ersten beiden Pyramiden. Ich war selbst mit anwesend, als er mit meinem Vater sprach und von ihm forderte, eine perfekte Pyramide zu bauen. Snofru, in seinem vierzehnten Regierungsjahr, war ein untersetzter Mann mit grauen Schläfen. Feinste Gewänder, goldener Schmuck und die Doppelkrone des Königs zierten seinen Körper. Der mächtigste Mann Kemets wanderte durch seinen prunkvollen Thronsaal, geziert mit Statuen des Horus und Anubis aus purem Gold. »Vierzehn Jahre nun regiere ich und ich weiß nicht, wie viele Jahre mir Ré noch schenken wird«, sprach er. »Ich habe in diesen vierzehn Jahren versucht, dem Volk ein gerechter Herrscher zu sein und meine wichtigsten Söhne Chufu, Rahotep und Nefer-Maat so erzogen, dass sie unserem Volk diesen Standard auch nach meinem Tode bieten. Doch wie wird man sich an mich erinnern, wenn ich als der König eingehe, der es nicht geschafft hat, eine Pyramide zu bauen?« Mein Vater gab mir mit einem Wink zu verstehen, das ich gehen sollte. Ich täuschte vor, dies auch zu tun. Jedoch versteckte ich mich hinter der Anubisstatue. »Oh, König von Ober- und Unterkemet, ich bitte euch mir meine Unfähigkeit zu verzeihen. Es waren meine Fehler, die das Ende der Pyramiden bewirkt haben.« Unterwürfig fiel mein Vater auf die Knie. Snofru blickte sich um und wies auch seinen Wachen und Beratern an, den Raum zu verlassen. Sie waren nun beide allein. Nur ich blieb unbemerkt in dem Raum zurück. »Steh auf, mein treuer Diener. Ich werde dir nichts tun. Die Pyramide mit dem Knick ist mit 101 Metern gewaltig, doch nicht gewaltig genug. Baue mir bei Dahschur noch eine Pyramide. Sie soll mein Grab sein und eine Huldigung an die Götter, die es ausdrücklichen wünschen, dass ich eine Pyramide zu ihren und meinen Ehren errichten lasse.« Mein Vater sah ihn fassungslos an. »Ihr habt mit den Göttern gesprochen?« »Ja, mein Freund. Horus persönlich war bei mir. Eine Ehre, die kein König seit Djoser zu Teil geworden ist.« Mein Vater schwieg. Er verneigte sich vor Snofru und verließ den großen Saal. Snofru selbst wanderte nachdenklich durch die Hallen. Da plötzlich stand mit einem leisen aber grellen Blitz der Gott Horus vor ihm. Ich erschrak mich beinahe zu Tode als ich die goldene Rüstung des Falkenwesens vor mir sah. Snofru machte keinen überraschten Eindruck. »Ich zweifle, ob ich würdig sein werde, die Wünsche meiner Götter zu erfüllen«, sprach er voller Trauer. Horus legte seine Hand auf die Schulter des Königs. »Sei dir gewiss, Hor-Re-Antef wird es schaffen. In Dahschur wird dir eine besondere Pyramide gebaut werden. Rate ihm, roten Sandstein zu benutzen. So wird sie erstrahlen wie die aufgehende Sonne unsers Gottes Ré.« Die Stimme des Horus war jung und warm. Sie beruhigte nicht nur Snofru, sondern auch mich selbst. »Und das ist alles, was du von mir verlangst, mein Gott?«, wollte Snofru wissen. »Ja, Snofru. Du bist ein Teil eines großen kosmischen Plans meines Vaters Osiris und dessen Herren Amun. Das Volk der Kemeten auf dieser Welt ist dazu auserkoren, eines Tages das Universum anzuführen. Skorpion, Narmer und Djoser haben an diesem kosmischen Mosaik teilgehabt. Sie sind zu Osiris gegangen und teilen seine Weisheit. Auch dir wird dieses Schicksal bestimmt sein. Doch dazu erfülle den Wunsch des Osiris und baue eine dritte Pyramide.« Snofru verneigte sich in Demut. Horus wanderte durch den Raum, blieb stehen und blickte zur Statue des Anubis, hinter der ich mich versteckt hielt. Seine Adleraugen verengten sich. Mit einer Handbewegung schob er die Statue zur Seite. Erschrocken wich ich zurück und kauerte ängstlich an der Wand. Ich hatte mich an einen Gott versündigt. Doch Horus schien amüsiert zu sein. »Der Knabe dort ist ziemlich neugierig …« Snofru war wütend. »Es ist der Sohn meines Baumeisters. Ich werde ihn töten lassen für dieses Vergehen!« Horus winkte ab. »Lass ihn leben. Er ist doch noch ein Kind. Güte ist eine der wichtigsten Tugenden. Güte vor dem Verbrechen und die Gabe Fehler zu verzeihen. Das muss die Menschheit erlernen, sonst werden sie es nie zu einer kosmischen Bedeutung schaffen.« Dann wandte er sich mir zu. »Wie ist dein Name, Kleiner?« »Neferti«, antwortete ich. »Neferti. Du wirst mir versprechen, dass du weder deinem Vater, noch deiner Mutter oder irgend jemand anderem von diesem Gespräch berichtest. Nur auserwählte Könige und Hohepriester werden von uns aufgesucht.« Ich nickte ängstlich. Horus legte seine Hand auf mein Haupt und streichelte meine Haare. Mein Herz pochte hörbar und ich hatte Furcht, dass es stehen blieb. »Eines Tages sehen wir uns wieder Neferti. Wenn es Zeit ist das fortzusetzen, was Imhotep begonnen hat. Lebe wohl bis dahin.« Horus verabschiedete sich von Snofru und ließ uns beide alleine. Der Gottkönig starrte mich mit einer väterlichen Strenge an. Dann half er mir hoch und betonte die Worte des Horus. Ich sagte kein Wort, fühlte mich wie ein Verbrecher, dabei war der Gott zu mir so freundlich, gütig und warmherzig. Von diesem Tage an, war mein Glaube an die Götter gestärkt und ich dachte an die Prophezeiung des Horus. Neun Jahre später, ich war ein Mann von neunzehn Jahren, mein Vater hatte die Rote Pyramide von Dahschur fast fertig gestellt, wurde ich zum Hofe des Pharaos bestellt. »Komm doch, Neferti, mein Freund, dass du mir einige schöne Reden sagst, ausgewählte Sprüche, die meine Majestät beim Anhören erfreuen.« Mein Vater hatte mir berichtet, dass Snofru, den ich seit dem Ereignis mit Horus nicht mehr gesehen hatte, sich im Alter langweilte. Er war noch immer guten Herzens, doch sein Körper und Geist waren schwach und alt geworden. Neben ihm stand sein Lieblingssohn und Nachfolger Chufu. Er war jung und stark. Ein unbändiger Wille funkelte in seinen Augen. Ich selbst hatte mich weitergebildet. Die Worte des Horus hatte ich nicht vergessen. Ich tat alles daran, mit Wort und Schrift vertraut zu werden, die Geschichte unseres Volkes und die der anderen Völker zu kennen. Von dem wilden Hordenführer Skorpion, der mit der Reichseinigung begann, über den Reichseiniger Menes-Narmer und seinem Freund Ré-Anhetes-Atlan, Narmers Sohn Aha, dem Vollender, König Djoser und all die anderen. Snofru sah mich fragend an. Darauf sprach ich: »Etwas von dem, was schon geschehen ist, oder etwas von dem, was erst geschehen wird, o König, mein Herr?« Seine Majestät darauf: »Etwas von dem, was geschehen wird, denn das Heute ist ja im Nu zu Vergangenem geworden.« Da streckte er seine Hand zum Schreibkasten aus, nahm sich eine Buchrolle und eine Binse heraus und hielt schriftlich fest, was ich sagen würde. Ich dachte nach über das, was in der Welt geschieht, ich beschwor den Zustand des Ostdeltas, wenn die Asiaten in ihrer Macht kommen, die überfallen, die bei der Ernte sind, und ihnen die Gespanne vor dem Pflug rauben. Ich sprach: »Rege dich, mein Herz, dass du dieses Land beweinst, aus dem du stammst, denn Schweigen wäre verwerflich. Es gab doch etwas, wovon man respektvoll sprach, doch der Beamte ist zu Boden geworfen im Land. Das Land wird zugrunde gerichtet, und niemand kümmert sich darum oder spricht darüber oder vergießt deswegen Tränen. Denn wie ist dieses Land? Die Sonne ist verhüllt und leuchtet nicht, dass die Menschen sehen können; aber man kann nicht leben, wenn Wolken sie verhüllen, und jeder taub ist, wenn sie nicht da ist. Ich will von dem sprechen, was mir vor Augen ist, ich sage nicht voraus, was nicht eintrifft. Ausgetrocknet ist der Strom Kemets … man wird vergeblich Wasser suchen für das Schiff, damit es fährt, denn sein Weg ist zum Ufer geworden. Dann gehen jene schönen Dinge zu Grunde, die Fischteiche mit den Fischreihern, überquellend von Fischen und Vögeln.« Ich schwieg. Chufu machte einen eher gelangweilten Eindruck. Er wechselte den Blick mit seiner Gefährtin Henutsen, die er neben seiner Schwester Merit-Ites zur Frau genommen hatte. Nefer-Maat war ebenfalls anwesend. Er war einer der Söhne des Snofru, allerdings wohl kein Thronfolger, da Chufu die Tochter der Hauptfrau des Snofru geheiratet hatte und somit erstes Anrecht hatte nach dem frühen Tod von Rahotep. Ich sah in dem designierten König einen starken Herrscher. Ob er seine Stärke wie Snofru zu guten oder zu schlechten Zwecken nutzen würde, wusste ich nicht. Vielleicht sollte ich gerade deshalb so eine Geschichte erzählen. Ich fuhr fort: »Aufruhr ist im Osten entstanden, die Asiaten sind nach Ägypten hinabgestiegen. Dieses Land schwankt hin und her, unwissend, was für Prüfungen noch geschehen werden … Ich zeige dir das Land in schwerer Krankheit, was nicht geschehen sollte, ist geschehen: Man wird Waffen des Krieges ergreifen, so dass das Land im Umsturz lebt. Man wird Pfeile aus Kupfer machen und Blut für Brot fordern. Ich zeige dir den Sohn als Gegner, den Bruder als Feind, einen Mann, der seinen Vater tötet! Jeder Mund ist voller Sehnsuchtsworte, denn alles Glück ist geschwunden; die Welt ging zugrunde, als ob es so bestimmt sei, Mängel sind in allem, was man tut, Verfall in allem, was man findet, Geschaffenes ist wie Ungeschaffenes. Rede wirkt auf das Herz wie Feuer, was der Mund spricht, kann man nicht ertragen. Das Land ist gering, aber der Herrschenden viele, es ist verwüstet, aber seine Steuern sind hoch. Die Sonne hat sich von den Menschen getrennt – sie geht zwar noch auf zur richtigen Zeit, aber niemand weiß, wann es Mittag ist, denn man nimmt seinen Schatten nicht wahr. Kein Gesicht wird geblendet, das sie sieht, und kein Auge füllt sich mit Wasser, denn sie steht am Himmel wie der Mond, auch wenn sie ihrem vorgeschriebenen Laufe folgt und ihre Strahlen uns vor Augen sind, wie es immer war. Ich zeige dir das Unterste zuoberst, was auf dem Rücken war, hat jetzt den Bauch unten. Man lebt, wo die Toten sind, der Bettler häuft Schätze auf, der Reiche bettelt, um zu leben.« Meine Erzählungen wirkten. Snofru blickte bedrückt seinen Sohn Chufu an. Es war als wollte er ihm sagen, lasse dir das ein mahnendes Beispiel sein. Regiere weise und in Vernunft. Chufu schien dies auch zu verstehen. Ich erzählte weiter: »Aber ein König des Südens wird kommen, Ameni mit Namen, Sohn einer Frau aus Nubien und ein Kind Oberkemets ist er. Er wird die Weiße Krone nehmen und wird die Rote Krone tragen – so wird er die beiden Mächtigen vereinen und wird die beiden Herren zufrieden stellen nach ihrem Wunsch. Man wird die ›Mauern des Herrschers‹ bauen, um die Asiaten nicht nach Ägypten hineinzulassen; demütig sollen sie um Wasser flehen, um ihre Herden zu tränken. Die Gerechtigkeit wird an ihren Platz zurückkehren, das Unrecht ist hinausgeworfen. Freuen wird sich, wer es sieht, wer im Dienste des Königs sein wird! Und wer weise ist, wird mir Wasser spenden, wenn er sieht, dass meine Prophezeiung sich erfüllt hat.« Stille herrschte, als ich meine Geschichte beendet hatte. Snofru applaudierte dann. Nefer-Maat war ebenso beeindruckt von der Geschichte wie sein Vater. Nur Chufu schien sie zu langweilen. Zwar hatte er deutlich den Hintergrund der Geschichte verstanden, doch er wollte sich nicht von Weissagungen einschüchtern lassen. Im Grunde genommen war es auch keine, auch wenn ich es so aufgebaut hatte. Aber wer weiß, die Geschichte könnte sehr leicht wahr werden. Snofru erlaubte mir zu gehen. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Wenige Monate später starb er nach vierundzwanzigjähriger Regentschaft. Die Zeit des Chufu war angebrochen. Wir schrieben das Jahr zwei des Chufu. Der Sohn des Snofru erwies sich als guter und weiser neuer Herrscher unseres Volkes. In dieser Zeit dann passierte es, dass Horus mich aufsuchte. Wie er es einst versprochen hatte, kam er endlich. Ich war überrascht, doch nicht mehr der ängstliche Junge, der ich einst war. Immerhin zwanzig Jahre alt war ich nun. Horus wanderte durch mein Arbeitszimmer. Es war prächtig eingerichtet, denn mein Vater und König Snofru hatten sich als sehr großzügig erwiesen. Mein Vater lebte nicht mehr. Die Fertigstellung seiner Pyramide in Dahschur, der Roten Pyramide und der endgültigen Grabstätte des Königs Snofru hatte er nicht mehr miterleben können. Ich war es, der sein Werk vollendet hatte, denn er starb wenige Wochen nach meinem letzten Besuch beim alten König. »Nun, einst habe ich dir versprochen zurück zukehren. Hier bin ich. Deine Geschichte, ja, ich habe sie gehört, hat mich beeindruckt, denn du hast Chufu deutlich gemacht, wohin Habsucht und Gier führen kann.« »Mein Gottkönig ist über jeden Zweifel erhaben«, antwortete ich demütig. Horus lachte. »Niemand ist das. Nicht einmal wir Götter. Das wirst du noch erfahren, mein Freund. Eines Tages, wenn du zu Osiris stoßen wirst und deine Ahnen kennen lernen wirst.« Ich schwieg. »Ich bin gekommen, um dir etwas zu sagen. Du sollst eine Chronik für dein Volk schreiben. Du sollst das fortführen, was Imhotep mit den Schilderungen von König Skorpion I. begonnen hat.« Ich war zutiefst geehrt. Beinahe sprachlos. Ein Gott kam zu mir, um mir einen Auftrag zu geben. Horus persönlich. Es war wie in einem Traum. Ich wusste, dass nicht vielen Menschen diese Ehre zuteil wurde. Doch mein Verstand war voller Neugierde. »Woher kommt ihr, o Götter? Ich habe so viele Fragen an euch.« Ich erschrak über meine Maßlosigkeit, doch Horus schien amüsiert. Er lachte. Da er einen Schnabel hatte, konnte er nicht lächeln, aber er gab mir zu verstehen, dass er keineswegs ungehalten war. »Mein Freund Neferti, eines Tages wirst du alle Antworten kennen. Doch bis dahin musst du den Auftrag auf Erden zu Ende führen.« Horus gab mir eine Papyrusrolle. Ich erkannte die Insignien des Imhotep darauf. »Das sind die Erzählungen des Imhotep. Schließe nun daran an und schreibe über die Geschichte aus deiner Zeit.« Mit diesen Worten verschwand Horus wieder. Ein Blitz umfasste ihn und plötzlich war er nicht mehr im Raum. Ich machte mich daran und begann über mein Volk zu schreiben. Ich möchte auch über unsere Kultur mehr berichten. Für die Menschen in dieser Zeit war der familiäre Zusammenhalt so wichtig, dass sie sich immer um ihre verstorbenen Familienmitglieder kümmerten. Diese Tradition hatte seit Anbeginn unter Skorpion keinen Abbruch erhalten. Aber der Zusammenhalt war nicht nur für das Jenseits, sondern auch für das Diesseits wichtig. Das Familienleben war ein hohes Ideal für die Menschen und die Darstellungen unserer Künstler zeigten die Familien gerne in einer harmonischen Umgebung. Die Kinder wurden den Eltern gleichberechtigt dargestellt und auch die Soldaten – die oft unterwegs gewesen sind – schätzten eine intakte Familie. Kinder wurde in Kemet geliebt und die Kindheit war meist glücklich. Verbrechen an Kindern waren die schlimmsten die sich die kemetischen Menschen vorstellen konnten, da Kinder ohne Sünden und den Göttern nahe waren. Allerdings waren nur eheliche Kinder und Waisenkinder anerkannt, uneheliche Kinder dagegen wurden verachtet. Die Liebe wurde schwärmerisch ausgedrückt wie es in den vielen Liebesliedern zu lesen war. Die Lieder wurden entweder solo oder mit Harfenbegleitung vorgetragen. Die Gefühle wurden zart dargestellt und grobe Schilderungen vermieden. Zu der Verliebtheit gehörte auch die Verbundenheit zur Natur und geheime Treffen fanden in den Papyrussümpfen statt. Die Schönheit des Mädchens wurde gern mit der Schönheit und Zartheit eines Baumes verglichen. Das höchste Glück für einen Jüngling war, mit dem geliebten Mädchen in einem Papyrusboot durch die Wasserarme des Nils zu rudern. Streifte das Mädchen das Leinenkleid ab und sprang ins Wasser war der Jüngling am Ziel seiner Wünsche. Und so erging es auch mir im Alter von 20 Jahren, als ich die hübsche Njif-Aret-Anch hofierte und wir eines Tages auf dem Hapi in einem kleinen Boot saßen und ich ihr Liebesgedichte vortrug. Da tat sie es. Sie lächelte auffordernd, streifte ihr Kleid ab und sprang in den Hapi. Ich tat es ihr gleich und wurde zum glücklichsten Mann Kemets. Ich hatte geheiratet, eine wunderschöne Frau mit dem Namen Njif-Aret-Anch. Sie war die Pracht des Viertels. Sie war ein gutes Weib und versorgte den Haushalt gut. Die Menschen am Hapi hatten unter Chufu eine große Wohnkultur entwickelt. Ziel jedes Kemeten war ein Haus mit einem Garten, in dem prächtige Pflanzen und ein Fischteich Platz fanden. Die vornehmen Häuser waren großzügig gebaut und besaßen große Innenhöfe. Nach außen wirkten diese Häuser sehr schlicht, waren jedoch im Inneren um so prächtiger ausgestattet. Auch hochspezialisierte Arbeiter hatten wunderschöne Häuser. Die Häuser waren aus luftgetrockneten Lehmziegeln errichtet und das Flachdach konnte an milden Sommerabenden auch als Terrasse genutzt werden. Des weiteren gab es separate Räume für Bad und Toilette mit einem Toilettenstuhl. Bei sehr armen Leuten gab es kein Dach, die Außenmauern wurden zum Schutz gegen Sonne mit lehmverschmierten Palmzweigen abgedeckt. Die Häuser der Noblen besaßen ausgedehnte Gärten mit Brunnen, um die sich Bäume und Büsche gruppierten, und Pavillons. Die Möbel bestanden meist aus kleinen Tischen und Stühlen sowie Truhen in denen die Kleider aufbewahrt wurden. Die Kemeten schliefen in Betten mit einem geflochtenen Boden. Kissen und Decken dienten der Bequemlichkeit. Es gab Öllämpchen zur Beleuchtung und im Winter wurden in den Wohnzimmern Kohlebecken aufgestellt. Die Kleidung war nur wenigen Variationen unterworfen. Durch das sonnige Klima gab es leichte Leinenstoffe aber auch Wollstoffe für die kühleren Zeiten. Die Leinenstoffe konnten von den Webern durchscheinend gewebt werden und wurden anschließend sorgfältig plissiert. Die Mode der Männer war meist ein plissierter Schurz, der einem Wickelrock glich, der Oberkörper blieb meist unbedeckt. Die Mode der Damen war meist gleich, ein langes Hemd, das mit Trägern befestigt war. Über dem Kleid konnten Umhänge aus Leinen oder Perlen getragen werden. Wichtig waren bei uns auch Sauberkeit und Wohlgeruch, diese Entwicklung war jedoch nur in der Oberschicht zu finden. Dort wurde auch das Haar kurz getragen und der Bart rasiert. Dies bedingte, dass die Oberschicht zum Schutz gegen die Sonne Kappen trug. Die reiche Haartracht bestand aus Perücken. Die einfache Bevölkerung trug meist wirres Haar und Bärte. Körperpflege war für die Kemeten unabdingbar. Das tägliche Bad gehörte ebenso dazu wie intensives Schminken. Auch die Männer machten davon regen Gebrauch. Die Augen der Frauen wurde besonders betont. Am unteren Lid wurde ein grüner Strich gezogen, am oberen Lid und auch die Augenbrauen wurden mit kräftigen schwarzen Strichen aus Bleiglanz geschminkt. Für die Hautpflege gab es wohlriechende Salböle, die zum täglichen Leben gehörten. Sportliche Vergnügen und Freizeit gehörten mit zum Alltag. Durch die staatliche Organisation und die Einteilung in Berufe verfügten wir über freie Zeit, da wir nicht ausschließlich mit der Sicherung unserer Existenz beschäftigt waren. Ein Arbeiter hatte nach einer Zehn-Tage-Woche einen freien Tag. Zum Familienvergnügen gehörte die Jagd. Es wurden Enten und auch andere kleine Vögel gejagt und dafür wurden Wurfhölzer verwendet. Fische wurden mit Speeren gejagt und auch vor den gefährlichen Krokodilen und Nilpferden wurde nicht Halt gemacht. Viele rühmten sich ihres Mutes bei diesen gefährlichen Jagden in den Nilsümpfen. Weitere gesellschaftliche Vergnügen waren Brett- und Würfelspiele, die besonders bei den Männern beliebt waren. Es war ein Erlebnis den König zu sehen. Er wurde entweder in einer Sänfte – getragen von zwölf Soldaten – dem Volk als Gott präsentiert oder es wurde eine beeindruckende Ausfahrt mit dem Wagen inszeniert. Der Gottkönig musste sich dem Volk immer als strahlender Gott präsentieren. Am Hofe des Pharao gab es auch viele Zeremonien und Rituale und Mitglieder des Hofstaats erwarben seine Gunst durch Beziehungen. Insgesamt ging es am Hof sehr pompös zu. Besonders beliebt war der Titel Freund des Pharao, da dieser auf die besondere Nähe zum Herrscher hinwies. Bei Gesprächen wurde der König selten direkt angesprochen, sondern es wurde monologartig von ihm gesprochen. Über das Privatleben der Herrscher ist uns nur wenig bekannt, da es dem gemeinen Volk nicht zugänglich ist. Doch ich weiß zu berichten, dass sie sich gerne Trinkgelagen hingaben oder sich mit anderen Frauen vergnügten. Allerdings waren viele der Herrscher auch ausgesprochene Familienmenschen, die ihre große Anzahl der Kinder genossen. Die große königliche Gemahlin besaß die meiste Anerkennung. Sie durfte ebenso wie der König auf Darstellungen die Uräusschlange tragen und auch nach ihrem Tod behielt sie die Wertschätzung, da sie die Mutter des Thronfolgers und damit die Mutter eines Gottes war. Neben der großen königlichen Gemahlin gab es Nebenfrauen, die zum Teil aus politischen Gründen geheiratet wurden und mit den Kindern des Pharao in einem Harem lebten. Die Kinder wurden zusammen mit Kindern der Oberschicht unterrichtet und erhielten eine ausgesucht gute Erziehung und Schulbildung. Dadurch wurden bereits sehr früh wichtige Freundschaften geschlossen. In der vornehmen Gesellschaft unseres Volkes wurden sehr gerne Festmähler genossen. Tänzerinnen, die nur mit einer Perücke, einem Schmuckkragen und einem Gürtel bekleidet waren trugen zur Unterhaltung der Gäste bei. Die Gäste saßen auf kleinen Hockern und es wurden Berge von Essen aufgetragen und Wein in feinen Gefäßen serviert. Auf Wohlgerüche war man sehr bedacht und die Damen trugen Parfümkegel in den Perücken, die im Verlauf eines Abends schmolzen und Wohlgeruch hinterließen. Dienerinnen reichten Schalen mit Wasser zur Reinigung der Hände. Die Familie war, wie ich bereits berichtete, in der Gesellschaft das Zentrum. In der Regel heirateten Frauen im Alter von dreizehn bis vierzehn Jahren. Die Männer waren etwas älter da sie in der Lage sein mussten die Familie zu versorgen. Meist besaßen sie zum Zeitpunkt der Eheschließung bereits ein kleines Haus, in das die Frau als Herrin des Hauses einziehen konnte. Die Liebesheirat war am erstrebenswertesten, auch wenn meist die Eltern eine Ehe arrangierten. Die Ehefrauen waren den Männern gleichberechtigt und konnten über ein eigenes Vermögen oder auch über Ländereien verfügen und eigenen Geschäften nachgehen. Normalerweise wurde eine Einehe geführt. Die Vielehe war nur in den gehobenen Gesellschaftsschichten zu finden, da sie für den Normalbürger in der Regel unerschwinglich war. In jedem Fall war eine Vielzahl von Kindern erstrebenswert, da mein Volk zum einen sehr kinderlieb war und zum anderen durch die Kinder der Totenkult für die eigene Person gesichert war. Während der Schwangerschaft einer Frau musste diese vor bösen Geistern geschützt werden. Es gab auch einen Schwangerschaftstest indem die Frau regelmäßig auf ein Säckchen mit Weizen und Gerste Urin gab. Keimten die Samen schneller als gewöhnlich, war die Frau schwanger. Die Kinder gingen zur Schule, wobei der Unterricht für die Kinder der Oberschicht ein Muss darstellte. Dennoch konnten die Kinder aller Schichten zur Schule gehen. War ein Kind begabt konnte es gefördert werden. Meist wurden nur die Knaben zur Schule geschickt und vermutlich konnten nur drei bis vier Prozent der Bevölkerung schreiben und lesen. Meist handelte es sich dabei um Angehörige der Oberschicht. Die Erziehung in den Schulen war sehr streng und auch Prügelstrafen wurden ausgeführt. Durch die – selbsternannte – göttliche Herkunft der Gottkönige vereinigten sie in sich die Macht im Staate und waren die höchste Instanz. Der mächtigste Mann neben dem König war der Wesir und bekleidete das höchste Amt im Staat. Meist erhielten nur engste Familienmitglieder dieses Amt, da es sich dabei um eine besondere Vertrauensstellung handelte. Der Wesir wurde durch eine besondere Schulung auf dieses Amt vorbereitet. Es wurde jedoch auch eine große Anzahl von Beamten mit einer großen Anzahl von Positionen beschäftigt. Es gab hunderte unterschiedliche Ämter und Titel. Einfachen Schreibern standen Vorsteher vor und es gab noch Unter- und Nebenvorsteher. Die Beamten wurden mit Naturalien entlohnt und konnten diese auf den Märkten gegen andere Naturalien tauschen. Bei besonderen Verdiensten gab es zusätzliche Entlohnungen in Gold. Damit konnten sich diese Beamten der Gunst des Herrschers sicher sein und ein finanziell abgesichertes Dasein führen. Das Beamtendasein hatte aber auch seine Nachteile, da durch die umfassende Ausbildung jederzeit ein Beamter versetzt werden konnte und sie umziehen mussten. Es existieren Aufzeichnungen, in denen ein Schreiber über einen langweiligen A |