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Es war viel zu ruhig, seit sie an Bord der NIMH alleine durch die Tiefen des Weltalls flogen. Seshonaar erwies sich nicht gerade als besonders interessanter Ort. Viele Völker gab es hier, allerdings schien keines davon in der Lage zu sein, ein Raumschiff zu benutzen. Seit mehreren Wochen flogen sie nun in dieser Galaxis herum, aber auf Raumfahrt waren sie noch nicht gestoßen. Stattdessen auf sehr viele Planeten, auf denen sich außer den Überresten von Bauwerken nicht sehr viel befand. Manchmal nicht einmal das. Wenn schon etwas lebte, dann ganz gewiss nichts, dass über Intelligenz in irgendeiner Weise verfügt. Eine sterbenslangweilige Galaxis hatten sie sich da ausgesucht. Sie bereute schon, dass sie sich für diesen Unfug freiwillig gemeldet hatte. Seit die BLAIR WITCH mit der SLEEPY HOLLOW zusammen wieder zurück geflogen war, war es nicht besser geworden. Tania Walerty hatte die Beine auf eines der Schaltpulte gelegt und verschlief die Hälfte ihrer Wache. Nicht, dass sie allein in der Zentrale gewesen wäre, aber die anderen anwesenden Besatzungsmitglieder beachteten die derzeitige Kommandantin des Raumschiffes kaum. Sie konnte ungestört vor sich hin dösen. Die einzige Gefahr, die ihr drohen würde, wäre die Kommandantin gewesen. Die anderen hielten sich wohltuenderweise aus den andauernden Streitigkeiten zwischen der Kommandantin und der Nummer Vier heraus. Tania Walerty war nach ihrem heldenhaften Einsatz im Ansehen sehr gestiegen. Sie wurde zur vierten Offizierin befördert und löste damit Klavus Wiffen ab. Der Maschinist, war darüber nicht erbost. Er gönnte der Terranerin den Aufstieg und war selbst auch nicht wild auf den Titel des vierten Offiziers und der damit verbundenen Verantwortung. Tania hob die Augenlider nur ein kleines Bisschen an und beobachtete die anderen Besatzungsmitglieder. In Wahrheit war sie hellwach, sich der Tatsache, dass die Kommandantin jeden Moment zur Kontrolle erscheinen könnte, durchaus bewusst. Sollte Nicola Posny sie erwischen, wäre das nicht zum Vorteil ihrer Karriere gewesen. Aber letztendlich war es ihr egal. Nicola war auch nicht perfekt. Gemeinsam würden sie das Schiff schon heil durch diese Galaxis bewegen können. Ausgerechnet sie hatte es erwischen müssen. Anfangs hatte es sich ja durchaus spannend angehört, in eine fremde Galaxis zu fliegen um diese zu erforschen. Aber irgendwie war die Realität nicht so, wie erwartet. Zwar hatten sie ein kleines Abenteuer erlebt, bei dem die SLEEPY HOLLOW ernsthaft in Schwierigkeiten geraten war, aber sie hatten es heil überstanden. Das war auch der Grund, warum das Schiff in die Heimatgalaxis zurückkehrte. Heimat, das war auch so eine Sache. In letzter Konsequenz hätte sie sich niemals auf diesen Blödsinn mit der Insel einlassen sollen. Wenn sie einfach auf Terra geblieben wäre, dann hätte sie mit dem weitermachen können, was sie getan hatte und eine Menge Umstellung wäre weggefallen. So hatte sie eine neue Heimat gefunden, mit der sie sich noch nicht so richtig abfinden konnte. Tania schmunzelte, als sie an ihre Freundin Jennifer Taylor dachte. Die Bordärztin der IVANHOE hatte schließlich den Ausschlag gegeben. Viele Bekannte ließ sie nicht in der Heimat zurück und ihre beste Freundin war ohnehin auf der Insel, insofern war es nicht verwunderlich, dass sie mit der Situation weniger unzufrieden war, als sie sich selbst eingestehen wollte. Trotzdem wäre sie in diesem Moment lieber auf Terra oder auf einem der anderen Schiffe der LFT gewesen, anstatt in dieser trostlosen Galaxis herumzufliegen und nach irgendetwas zu suchen. Auf den Bildschirmen tat sich nicht sehr viel. Die Augen der Nummer Vier waren wie gebannt auf eine Anzeige gerichtet. Die Borduhr rückte nur langsam voran. Tania langweilte sich. Sie fragte sich, ob es wirklich nötig war, eine Arbeit zu verrichten, bei der man in einem Sessel sitzen musste und nichts tun durfte, außer der Anzeige einer Uhr zu folgen. Von dieser Art von Job hatte sie eigentlich nie geträumt. Aber letztendlich musste sie sich eingestehen, dass das eben zu dieser Art von Arbeit gehörte. Ein Schiff wie die MIMH, das auf ihrem Weg durch das All immer wieder auf Dinge traf, die im schlechtesten Fall interessant und im Besten kreuzgefährlich waren, war einfach ein Arbeitsplatz, auf den jeder Stolz wäre. Wenn nur nicht diese verrückte Kommandantin gewesen wäre, dann hätte sie ihren Arbeitsplatz richtig geliebt. Immerhin musste sie zugeben, dass eine Ausfahrt mit einem Schiff wie der NIMH, dessen Aufgabe die Forschung war und das deshalb ständig in Gegenden des Alls unterwegs war, in dem noch keine andere Menschen gewesen waren, eine reizvolle Angelegenheit war. Ein Glück, dass Jennifer Taylor sich von ihrem eigenen Schiff hatte lösen können und auch an Bord dieses Raumschiffs gekommen war. Seither ging es ihr auch an Bord der NIMH trotz der Kommandantin besser. Die Leuchtanzeige der Borduhr hatte sich über all die Gedanken nicht besonders viel weiter bewegt. Vielleicht sollte sie einfach mal irgendwas anstellen, einen Alarm auslösen, oder so was. Sie grinste. Einer der Piloten sah, wie sich ihre Mundwinkel verzogen und beschloss, schnell in eine andere Richtung zu sehen. Wenn sie grinste, dann war das kein besonders gutes Zeichen. Es bedeutete in den meisten Fällen, dass die etwas zur Disziplinlosigkeit neigende Nummer vier auf irgendwelche dummen Gedanken gekommen war. Tania öffnete die Lider ein kleines Stückchen weiter und blickte in Richtung des roten Knopfes, der in Griffweite angebracht war. Alternativ zu den sonstigen Möglichkeiten, Befehle verbal weiterzugeben und einen schiffweiten Alarm einfach per Sprache auszulösen, gab es immer noch die Möglichkeit einer mechanischen Auslösung. Diese war auch wichtig, denn nicht immer waren Menschen noch in der Lage, sich verständlich zu machen. Aber vielleicht waren sie noch in der Lage, sich zu bewegen, dann würde dieser Alarmknopf ausreichen. Nur wenn kein Mensch mehr in der Lage war, einen Alarm auszulösen, würde die Bordsyntronik von sich aus übernehmen und andere noch aktive Menschen an Bord über die Situation informieren. Ihre Finger zuckten, aber sie beherrschte sich. Ein Alarmzustand, der keinerlei Rechtfertigung hatte, war sicher nicht dazu angetan, ihre Position an Bord des Schiffes zu festigen. Ein Geräusch ließ sie die Augen öffnen. Sie drehte sich nicht um, das wäre nicht sehr professionell gewesen. Sie ignorierte die Tatsache, dass jemand offenkundig die Zentrale betreten hatte und konzentrierte sich gewaltsam auf die Bildschirme. Wenn etwas zu sehen gewesen wäre, dann hätte sich die Syntronik mit einiger Sicherheit zu Wort gemeldet. Was sollte sie also überwachen? Eigentlich waren sie an Bord weitgehend überflüssig. Nicht vollkommen, denn viele der Funktionen waren doch noch an die Anwesenheit eines Menschen gekoppelt. Ganz aus der Hand geben wollte der Mensch seine Macht einfach nicht geben. In ihrem Augenwinkel tauchte eine Gestalt auf. Sie beachtete die Gestalt nicht weiter, denn sie erkannte, dass es nicht die Kommandantin sein konnte. Die Gestalt der Frau war wesentlich zierlicher, als die der Kommandantin und insofern interessierte es sie eigentlich nicht, wer da erschienen war. Sie begann, sich wieder zu entspannen. »Wo sind wir?« Die Stimme riss sie aus ihren neuerlich überhand nehmenden Gedanken. Sie drehte langsam den Kopf und musterte die schlanke Gestalt, die neben ihr aufgetaucht war. Die junge Gestalt beachtete sie nicht sondern beobachtete die Bildschirme, die nichts außer der Schwärze des Alls anzeigten. Ereignislos glitt das Raumschiff durch das All einem Ziel entgegen, das hoffentlich interessanter sein würde, als die Ziele, die sie bis jetzt so angeflogen hatten. »Wer will das wissen?« Natürlich kannte Tania die Wissenschaftlerin, die da neben ihr stand. Allerdings fühlte sie sich nicht für jeden an Bord zuständig und eigentlich hatten die Wissenschaftler an Bord nichts in der Zentrale verloren. Normalerweise. Aber was war schon normal in diesen Zeiten? Es war natürlich auf der anderen Seite auch nicht verboten, dass die Wissenschaftler in die Zentrale kamen. Nur hatten die normalerweise mehr als genug zu tun und würden sich in der Zentrale ohnehin nur blicken lassen, wenn es nötig war. Einen nicht unerheblichen Anteil daran hatte allerdings auch Tania, die mit ihrer Art bei den Wissenschaftlern nicht so sehr beliebt war. Die junge Frau ließ sich allerdings nicht stören. Tania konnte an ihrem Gesicht sehen, dass sie asiatische Vorfahren hatte. Sie hatte ein sympathisches Gesicht, ihre Augen waren nicht so sehr geschlitzt, wie man das von den Asiaten ansonsten kannte, insofern hatte sie sicher auch noch andere Vorfahren. Nicht sehr verwunderlich, wie die Nummer vier fand. Vor langer Zeit war es durchaus üblich gewesen, dass sich die Rassen voneinander isolierten und nur innerhalb der eigenen Rasse nach Fortpflanzung strebten. Das hatte sich geändert, seit die Menschen sich als eine Einheit verstanden, seit sie erkannt hatten, dass solche geringfügigen Unterschiede für fremde Völker aus sehr fremden und manchmal sehr unverständlichen Welten denkbar uninteressant waren, hatten sich viele der einstigen Rassen miteinander vermischt. Heutzutage gab es viel mehr Mischlinge aus verschiedenen Rassen, als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Nach einigen Augenblicken, die der Nummer vier genug Zeit für ihre Betrachtungen gegeben hatten, drehte sie den Kopf und schaute in Richtung der stellvertretenden Kommandantin. »Emma«, meinte sie knapp. Erst jetzt sah Tania die Gestalt, die sich einige Schritte hinter Emma befand. Es war eine Gestalt, die man kaum als menschlich bezeichnen konnte. Allerdings auch nicht als mechanisch. Es war irgendetwas dazwischen und es sah in etwa aus wie die Schwester von Emma. Möglicherweise war es ein Roboter, möglicherweise auch eine Androidin. Auf jeden Fall war es eine Gestalt, die Tania noch nie an Bord des Schiffes gesehen hatte. »Das ist Mel«, stellte die Wissenschaftlerin das merkwürdige Wesen vor. So genau beachtete die stellvertretende Kommandantin das Wesen allerdings schon nicht mehr. Sie heftete ihre Blicke auf die junge Frau und versuchte, ihre Blicke festzuhalten. Das gelang ihr allerdings kaum. Immer wieder glitten die Blicke der Frau ab, unstetig wanderten sie zwischen Tania, Mel und den Bildschirmen hin und her, so als wäre da etwas, was sie alle eigentlich sehen müssten. Aber niemand konnte da etwas erkennen. Tania wunderte sich langsam schon, dass sich Emma Zeit genommen hatte, das merkwürdige Wesen, das sie begleitete und sich selbst vorzustellen. Aber sie hatte es getan. Vollkommen gefangen in ihrer speziellen Welt war sie also offenkundig nicht. »Kann ich dir irgendwie helfen?« Tanias Blick wurde langsam hilflos und sie fragte sich, ob sie nicht die Kommandantin rufen sollte. Andererseits würde die sich schon fragen, was eine Wissenschaftlerin, die zu den Bordmitgliedern der NIMH gehörte, für ein Problem darstellen sollte. Tania beschloss, die Wissenschaftlerin zu ignorieren. »Wir sollten den Kurs ändern«, meinte die junge Frau. Tania meinte, sich verhört zu haben. Sie schaute einfach nicht in die Richtung der jungen Frau und versuchte ihr so klarzumachen, dass sie störte. Allerdings gelang ihr das kaum, denn jeder konnte sehen, dass Hektik gerade nicht zum Wortschatz der Zentrale-Besatzung gehörte. Seufzend wandte sie sich in Richtung der Frau. »Hör zu, ich weiß nicht, was das alles soll. Aber ich glaube nicht, dass du das Recht hast, hier herein zu schneien und uns zu sagen, wo wir hinfliegen sollen. Das unterliegt immer noch der Schiffsführung! Wir machen unsere Arbeit, du machst die deine. Wollen wir uns darauf nicht festlegen und einfach weitermachen? Jeder in seinem Bereich?« Emma nickte. »Wir könnten das sicher tun. Und es wäre sicher auch vernünftig, das zu tun. Aber manchmal ist das Vernünftige nicht das Richtige. Ich meine, wir sollten den Kurs ändern. Sonst werden wir noch sehr lange durch diese Galaxis irren und niemanden finden.« Tania war sich nicht sicher, aber irgendetwas war an dieser Gestalt, was sie in ihren Bann zog. Eine Ausstrahlung, die kaum zu ignorieren war, umgab die Frau. Irgendetwas war an ihr, das Tania nicht ignorieren konnte und wollte. Und sie erkannte, dass es den anderen in der Zentrale genauso erging. Sie blickten begeistert in Richtung der Frau. Bei den Männern konnte sie das ja noch verstehen, denn Emma war eine wahre Schönheit. Aber das allein war es nicht. Es war noch wesentlich mehr. Diesmal verlor sie keine Zeit mehr mit weiteren Gedanken. »Syntron, Alarm für das Schiff. Die Kommandantin informieren und Emma isolieren.« Kaum hatte sie ausgesprochen, als das flimmern um die Frau verriet, dass sie in einen Energieschirm eingeschlossen war. Das halb-mechanische Wesen war davon auch betroffen. Außerdem erklang ein melodischer Gong, der die Besatzung, sofern sie davon betroffen war, von dem Alarm unterrichtete. Da das Schiff nicht bedroht war, handelte es sich allerdings nur um einen stillen Alarm, der lediglich in bestimmten Sektionen des Schiffes zu hören war. Auf jeden Fall aber in der Kabine der Kommandantin. Tania legte die Hände in den Schoß und wartete. Sollte sich doch Nicola mit diesem attraktiven Problem herumärgern.
Und deswegen wecken Sie mich?« Sie hatte es sich schon gedacht. Nicola war nicht sehr begeistert von ihrer Begründung. Trotzdem war Tania immer noch der Meinung, dass sie sich vollkommen richtig verhalten hatte, als sie den Alarm ausgelöst hatte. Emma stand in dem flimmernden Feld und schaute auf die beiden Kommandanten. Sie mischte sich nicht ein, sondern beobachtete nur. Nicola drehte sich in ihre Richtung und betrachtete das merkwürdige Paar. Sie nahm von der besonderen Ausstrahlung nichts mehr wahr, die Emma an den Tag gelegt hatte. Was auch immer es gewesen war, vielleicht ja nur Einbildung, auch Tania nahm es nicht mehr wahr. Sie beschloss, sich über nichts mehr zu wundern. »Wie kommt ihr beide auf die Idee, dass wir in eine andere Richtung fliegen sollten?« »Ich weiß es einfach«, meinte die Frau ruhig. Sie schaute in die Augen der Kommandantin und verzog die Mundwinkel zu einem Lächeln. »Na, das ist mal eine Grundlage für eine Entscheidung. Syntron, das Feld abschalten.« Sie drehte sich zu Tania um und schaute sie böse an. »Man sollte schon meinen, dass die Nummer Vier dieses Schiffes intelligent genug ist, um zu verstehen, dass man die Mitglieder unserer Besatzung nicht einfach einsperren kann. Was soll diese Aktion?« »Immerhin hat sie diesen merkwürdigen Roboter dabei. Man kann nie wissen...« »Dieser Roboter gehört zu einem Projekt. Er ist ein Hybridlebewesen, außen Android, im inneren allerdings mit einer Positron-Syntronik-Kombination ausgestattet. Sie hat das Gerät entwickelt und ist dementsprechend auch für die äußere Gestalt verantwortlich. Das ist nichts besonders schlimmes.« »Mag sein. Aber dass ein Mitglied unserer Besatzung einfach hier reinspaziert und Kommandos erteilt, ist trotzdem nicht normal.« »Vielleicht hat sie Stimmen gehört?« »Das wäre keine Begründung. Stimmen höre ich ständig. Wenn das passiert, mache ich eben das Radio aus.« Beißende Ironie sprach aus den Worten der Nummer vier. Bevor die Kommandantin wütend werden konnte, sprach sie aber bereits weiter: »Und wenn da Stimmen gewesen sind, dann war es umso richtiger, einen Alarm auszulösen. Hier ist schon genug los, ohne dass irgendwelche Spinner hier hereinplatzen und Blödsinn von sich geben.« Sie ließ offen, ob sie damit Emma meinte, oder die Kommandantin. Die Wangen Nicolas nahmen trotzdem eine leicht rötliche Färbung an. Sie beherrschte sich mühsam. »Keine Stimmen«, meldete sich eine Stimme. Emma legte ihre Hand auf die Schulter der Kommandantin, die sich umdrehte, dabei aber in eine abwehrende Position ging. Sie schüttelte die Hand der Wissenschaftlerin ab. »Ich weiß einfach, dass wir da hin fliegen müssen. Wir haben mit unseren Geräten einige Aufzeichnungen gemacht. Mel hat gemeint, dass die Aufzeichnungen von einem intelligenten Wesen stammen müssen. Der Auslöser der Strahlungen muss intelligent sein, heißt das.« Offensichtlich war die Wissenschaftlerin noch etwas abwesend. Jedenfalls konnte man das aus der Art und Weise schließen, wie sie ihre Begründung formulierte. »Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Dann hätten wir uns das mit dem Alarm schenken können.« »Ich weiß es nicht.« Die Stimme der Frau hörte sich hilflos an. »Auf jeden Fall müssen wir den Ursprung der Strahlung finden und da hin fliegen. Dann werden wir möglicherweise endlich auf Wesen treffen, die etwas mehr zu bieten haben, als die öden Welten dieser Galaxis.« Sie schaute auf die Bildschirme. Ihr Blick war verloren, in die Ferne gerichtet, drückte eine Sehnsucht aus, die schon fast körperlich wehtat. Mel trat an die Seite ihrer Konstrukteurin und legte ihr in einer menschlich anmutenden Geste die Hand auf die Schultern. Tränen stahlen sich in die Augen der Terranerin. Sie beherrschte sich mühsam und wischte die Tränen weg. Nicola und Tania tauschten einen Blick aus. Offensichtlich war die Wissenschaftlerin wirklich über etwas gestolpert, das sie weiterbringen konnte. Aber ebenso offensichtlich war etwas mit ihr nicht in Ordnung. Etwas, das sie dermaßen beeinträchtigte, dass sie nicht klar denken konnte. Und sie verstand nicht, ob das von außen hereingetragen worden war oder aus der klein gewachsenen Halbasiatin herauskam. Sie überließ die beiden Gestalten sich selbst und rief die anderen Mitglieder der Besatzung in die Zentrale. Vor allem den Barbaren Sandal Tolk wollte sie nun dabei haben, der als Krieger an Bord eines solchen Schiffes wohl nicht besonders glücklich platziert war. Ein Forschungsschiff war ein Ort für Wissenschaftler. Er war mit Sicherheit kein Ort für einen Krieger. Andererseits konnten sie ihn bei diesem Auftrag mit Sicherheit brauchen. Es galt schließlich, nach Spuren zu suchen, die Cau Thon in dieser Galaxis hinterlassen hatte. Und da konnte man nie sicher sein, worüber man stolperte. Emma drehte sich von der Kommandantin weg und legte ihre Arme um den Körper der androidischen Robotergestalt. Wieder fühlte sie die besondere menschliche Verbundenheit mit dem Wesen, das sie konstruiert hatte. Die vernetzten Denkstrukturen der Positronisch-syntronischen Erscheinung erlaubten es, dass sie ganz wie ein Mensch fühlen und handeln konnte. Oder besser, sie konnte das simulieren. Wirklich empfinden konnte sie es wohl nicht. Das würde Emma sicher auch nicht so schnell schaffen. Die junge Frau wollte den Roboter so menschlich wie möglich machen. Vielleicht würde sie auf diese Art und Weise ihre verlorene Schwester wieder bekommen. Sie blickte traurig zu Boden und riss sich dann zusammen. Konzentriert lauschte sie auf das, was die Besatzung äußerte. So bekam sie am Rande mit, wie die Kommandantin nach Sandal Tolk rief. Außerdem bestellte sie noch Ben Strout in die Zentrale, der als Wissenschaftler zu den bedeutendsten Koryphäen an Bord des Schiffes zählte. Emma Lian gab sich der wilden Hoffnung hin, dass sie ebenfalls zu einer Expedition gehören würde. Vermutlich würde es so bald keine Expedition geben, denn im Augenblick war da weit und breit nichts in Sicht. Aber vielleicht ja doch. Und dann wäre sie mit Mel an vorderster Front. Ob das wirklich so erstrebenswert war, konnte sie noch nicht sagen. So viele Einsätze außerhalb des Schiffes hatte sie noch nicht mitgemacht. Aber sie würde es lernen. Und es würde sie von den Gedanken an ihre Schwester ablenken, die immer wieder quälend über sie hereinbrachen und sie ablenkten, was für die Erfüllung ihrer Arbeit nicht besonders hilfreich war. Sie bekam nur am Rande mit, wie der Wissenschaftler Ben Strout an ihr vorbeiging. Er warf ihr einen Seitenblick zu, begrüßte sie sogar, sie reagierte aber nicht auf ihn. Er tat es mit einem Achselzucken ab, wechselte aber einige Worte mit Mel, der sich mittlerweile von seiner Schöpferin abgewandt hatte und den Gruß freundlich erwiderte. Das Äußere des Roboters hatte Emma Lian mittlerweile entsprechend angepasst, so dass der Roboter wie eine Frau wirkte, genau genommen wie eine junge Asiatin. Wie sie auf diese Weise ihre Schwester jemals vergessen konnte, war eine Frage, die sich Emma Lian allerdings noch nicht gestellt hatte. Und auch sonst hatte ihr noch keiner die Frage gestellt, denn die wahren Hintergründe ihres Projekts blieben den Mitgliedern der Besatzung verborgen. Vermutlich wollte sie einfach nicht vergessen. Ben Strout beachtete die junge Frau nicht weiter. Selbst wenn er in ihre Gedanken hätte hinein blicken können, hätte er vermutlich nichts Ungewöhnliches darin entdecken können. Einige wirre Gedanken, die aber angesichts der Situation schon verständlich erschienen. Der Ezialist ließ sich von der Kommandantin einige Informationen geben. Er warf einen Blick über die Schulter auf Emma Lian, die sie kaum beachtete, als er von ihrem unverständlichen Auftritt hörte. Aber die Argumentation überzeugte auch ihn und nach Sichtung aller Daten konnte er sich der Terranerin nur anschließen. Etwas war dort, was auch immer es war, es war jedenfalls wesentlich interessanter, als die verwüsteten, öden, leeren, teilweise auch von Überresten von Ruinen bedeckten Welten, auf denen sie bisher vorbeigeschaut hatten. Denn was auch immer die junge Terranerin entdeckt hatte, es strahlte eine unverwechselbare Energiesignatur aus. Eine Signatur, die nur sehr weniges im Universum hatte. Und im Normalfall nichts, das natürlichen Ursprungs war. Alle Messergebnisse wiesen darauf hin, dass Emma Lian ein Raumschiff entdeckt hatte. Und da die Energieabstrahlungen weitgehend normal erschienen, konnte es durchaus sein, dass es sich um ein noch funktionsfähiges Raumschiff handelte. Unter diesen Umständen hatten sie durchaus eine Chance, endlich einer Lebensform gegenüber zu stehen. Und das war mehr, als ihnen in dieser Galaxis bislang gelungen war. Viel mehr. »Gute Arbeit«, brummte der Wissenschaftler über die Schulter. Es war nicht so gemeint, wie es sich anhörte. Er nickte der Kommandantin zu, die auf einen Kommentar verzichtete und das Nicken einfach weitergab. Nonverbal angespornt, drehte sich der Pilot zu seinen Kontrollen und ließ sich vom Bordrechner einen Kurs geben. Das Schiff reagierte auf den neuen Kurs, die Triebwerke beschleunigten den Raumer in eine leicht veränderte Richtung. Der Überraum verschluckte sie. Und spuckte sie mehrere Lichtjahre von ihrer augenblicklichen Position entfernt wieder aus. Emma träumte vor sich hin, als der Bordrechner den Kontakt verkündete. »Ein Raumschiff«, seufzte Tolk, der Barbar. Er schien traurig. Vermutlich rechnete er nicht damit, dass es besonders abenteuerlich werden würde. Aber man konnte ja nie wissen. Position?« Der Navigator gab eine Reihe von Koordinaten an die Kommandantin weiter, die sie als in der Nähe des Zentrums der Galaxis befindlich auswiesen. Die Kommandantin nickte. Tania warf ihr einen kurzen Blick zu und schaute dann besorgt in Richtung der Wissenschaftlerin, die sich auf einen der Sessel niedergelassen hatte. Mel hatte sich neben ihr aufgebaut. Sie hatte den Kopf in die Hände gestützt und schien vor sich hin zu träumen. Überhaupt wirkte sie abwesend, wie eigentlich die ganze Zeit. Irgendetwas stimmte mit der Frau nicht. Aber Tania würde sich da nicht mehr einmischen, nachdem die Kommandantin sie zurechtgewiesen hatte. Sie hoffte nur, dass die Frau keine Bedrohung war. Oder werden würde. Auf jeden Fall würde sie vorsichtig bleiben. Auch wenn die launische Kommandantin wie immer nicht sehr verlässlich reagiert hatte. »Kontakt herstellen.« Strout hatte sich mit dem Funker zusammen um die Verständigung gekümmert und gab nun ein Zeichen. Offenkundig hatte er etwas auf dem Kopfhörer, den er sich um die Ohren hatte projizieren lassen. Das Schallfeld war isoliert und würde zunächst keine Geräusche nach außen dringen lassen. Er nickte der Kommandantin zu. Auf ihr Zeichen schaltete er die empfangenen Funkwellen auf den Hauptbildschirm und auf die Lautsprecher. Ein Krächzen erfüllte die Zentrale. Ein Wesen erschien auf dem Bildschirm, allerdings nur zum Teil. Es wirkte sehr insektoid. Das Krächzen ging in ein Klappern über. Die Mandibeln schlugen gegeneinander, etwas drang aus dem Wesen, das sich wie eine Sprache anhörte. Niemand reagierte sonderlich verblüfft. Die Translatoren nahmen ihre Arbeit auf, Übersetzungsprogramme scannten die Laute, die sie erhielten, der Syntron nahm seine rätselhafte Arbeit auf, um verständliche Laute aus diesen Geräuschen zu machen. Tania verstand nicht im Detail, was da passierte. Es war ihr auch egal. Hauptsache, das Ergebnis würde verständlich sein. »...50...« Mehr war zunächst nicht zu verstehen. Nicola begann ihrerseits zu reden, was das Wesen regungslos hinnahm. Es klapperte und krächzte und klickte einfach weiter. Offensichtlich verstand es, dass es Laute produzieren musste, die einen Rückschluss auf die Sprache erlaubten. Ein Glück, dass es eine Sprache gab. Mit Telepathie hätte sich die meisten an Bord vermutlich schwer getan, dachte Tania mit einem Anfall von Sarkasmus. Sie stellte sich neben Emma und behielt die Frau weiterhin im Auge. Wenn sie in ihre Gedanken hätte schauen können, dann hätte sie erkannt, dass in ihrem Kopf die Geschehnisse wie auf einer Leinwand abliefen, allerdings mit einem Projektor, dessen Linse irgendwie getrübt war. Nur langsam schälten sich wieder Konturen heraus. Sie verstand nicht, was mit ihr los war. Emma sank in sich zusammen und rutschte von ihrem Sitz. Tania kümmerte sich sofort um sie. Zusammen mit Mel schaffte sie das Mädchen in einen Nebenraum und rief nach Medorobotern, die sofort mit einer Analyse begannen, aber nichts finden konnten. Ratlos blickte sie auf die Terranerin und ließ sie auf die Krankenstation bringen. Etwas war nicht in Ordnung. Sie hoffte, dass es sie nicht alle betreffen würde. Sie kehrte in die Zentrale zurück, wo das Klicken und Klappern und krächzen mittlerweile verständlicheren Lauten gewichen war. Nicola beachtete sie nicht. »...50-Sesh. So nennt man mich. Vor achtzig Umläufen meiner Welt um die Sonne meines Heimatsystems bin ich aus meinem Ei geschlüpft. Die Zahl fünfzig beschreibt den Wert meines Lebens. Was habt ihr mir zu bieten? Womit werdet ihr mich bezahlen? Habt ihr Seshy?« Die Züge des Wesens waren unbewegt. Es schien nicht wirklich etwas zu empfinden, es regte sich kaum. Nur die Fühler zitterten hin und wieder in bestimmte Richtungen. Die Hände des Wesens führten immer wieder Schaltungen aus. Aus den Worten sprach eine gewisse Gier. »Was sollen wir dir bieten? Seshy haben wir nicht. Aber wir haben eine Menge Güter in unserem Schiff, die dich sicher interessieren werden. Wenn du willst, werden wir darüber verhandeln. Wir sind auf der Suche. Vielleicht kannst du uns Antworten geben.« »Antworten? Auf was für Fragen?« »Wir suchen eine Spur. Eigentlich suchen wir die Geschichte eines Wesens. Sagt dir der Name Cau Thon etwas?« Das Wesen blieb unbewegt, aber plötzlich war wieder das Klicken und Klappern zu hören. Anscheinend waren die Geräusche nicht nur Teil der Sprachen, sondern spiegelten auch Gefühle wider. In diesem Fall eine Mischung aus Hass und Furcht, wie auch die Worte des Wesens bewiesen. »Das ist lange her. Lange vor dem ersten Umlauf nach meiner Geburt. Lange vor dem ersten Umlauf der Geburt unseres wertvollsten. Wir haben eine Kultur, die sich an die Geschichte gerne erinnert, aber es gibt Dinge, über die wir nur ungern reden. Wenn ihr näheres wissen wollt, dann werdet ihr mich bezahlen müssen. Ich werde euch dafür zu den Koordinaten meiner Welt geleiten und dem obersten Wert vorstellen. Er wird euch darüber informieren. Ich werde es nicht tun.« Nicola nickte zur Bestätigung und sprach auch ihr Einverständnis noch laut aus. Sie begann, dem Wesen Werte anzubieten. Gier klang durch, als das Wesen sich für einige seltene Geräte entschied, die auf seiner Heimatwelt sicher sehr viel bringen würden. Für die Terraner waren es Teile, die weniger wichtig waren. Sie hatten viele davon an Bord. Aber offensichtlich waren die Sesh nicht in allen Belangen auf demselben technischen Stand wie die Terraner. Erst jetzt bemerkte Nicola, dass Emma Lian nicht mehr da war. Sie ließ sich von der Nummer Vier informieren, die einen kurzen Bericht ablieferte. Eine Nachfrage bei der Krankenstation ergab, dass die Terranerin schwitzend im Bett lag. Sie zitterte am ganzen Körper, als hätte sie Schüttelfrost, und schwitzte dabei, als wäre es unerträglich heiß. Abwehrreaktionen des Körpers, wie Jennifer Taylor sie informierte. Sie würde sich um die Frau kümmern, konnte aber noch nicht sagen, was mit ihr los war. Auf jeden Fall riet sie an, sehr vorsichtig zu sein. Wer mit der Terranerin in Kontakt gekommen war, sollte sich selbst beobachten und wenn er etwas bemerken würde, dann sollte er sich in der Krankenzentrale melden. Nicola Posny bestätigte zwar, schien aber nicht sonderlich besorgt. Anders Tania, die schon hochfahren wollte, als sie bemerkte, wie wenig die Kommandantin reagierte. Aber Strout warf ihr einen Blick zu, der sie verstummen ließ. Er schüttelte warnend den Kopf. Nicht widersprechen, hieß das. Er hatte sicher Recht. »Ich will diesen Androiden-Roboter, den Emma Lian gebastelt hat«, knurrte Tania. »Er soll uns begleiten, wenn wir auf seiner Heimatwelt das Schiff verlassen. Wenn einer gesund bleiben wird, dann ganz sicher der Roboter.« Strout nickte bestätigend und nahm damit der Kommandantin, die mit Sicherheit an Bord bleiben würde, jegliche Grundlage, eine Diskussion anzufangen. Er würde der Leader der Expedition sein. Insofern konnte er auch die Mitglieder derselben bestimmen. Koordinaten kamen über die Funkverbindung, nachdem der Seshone seinen Lohn in Form von technischen Gütern erhalten hatte. Sie beschrieben die Lage einer Welt, die der Seshone als Hauptwelt aller Seshonen bezeichnete. Nicola akzeptierte die Koordinaten und beschleunigte das Schiff in die angegebene Richtung. Die Funkverbindung erlosch, das Schiff des Seshonen glitt an die Seite der NIMH. Gemeinsam flogen sie in den Überraum und glitten lautlos und ohne weiteren Kontakt durch das unverständliche Medium eines dimensional übergeordneten Kontinuums des Hyper-Universums. Emma Lian hatte Halluzinationen. Sie kämpfte gegen die Gefühle an, die sie übermannen wollten, aber sie konnte es nicht. Sie spürte die kühle Hand von Mel, die, ihrer menschlichen Programmierung folgend, Emma tröstend festhielt. Stöhnend warf die Terranerin den Kopf von einer Seite auf die andere. Sie war nass geschwitzt, die Flüssigkeit verdunstete allerdings auf dem Laken sofort, so dass sie nicht den Eindruck hatte, auf einer nassen Oberfläche zu liegen. Gleichzeitig wärmte sie die Decke aber auch, um den Schüttelfrost zu bekämpfen. Ein Mix aus Medikamenten war in ihren Körper gespritzt worden, aber nichts schien zu helfen. Ein Virus hatte ihren Körper ergriffen, der sich vehement dagegen wehrte, von diesem Virus getötet zu werden. Unterstützt wurde ihr Körper von all den Apparaten, die sie umgaben und zu denen sich auch Mel gesellt hatte. Der zierliche Körper der Terranerin lag inmitten all der Apparate und zuckte unkontrolliert. Jennifer Taylor blickte besorgt auf die Anzeigen. Nichts schien mehr zu stimmen. Emma sah die Ärztin, aber nur wie durch einen Schleier. Sie versuchte, zu reden, konnte es aber nicht. Mel beugte sich über sie und entnahm dem Körper der Terranerin etwas Blut. Der Roboter entfernte sich von der Gruppe. Emma war zu schwach, ihn zurück zu halten. Die Tür schloss sich hinter der Maschine, die Emma doch so viel bedeutete. Kraftlos sank ihre Hand auf das Laken, ihr Körper wand sich, kämpfte gegen die Viren an, die ihn attackierten. Jenny Taylor blickte dem Roboter hinterher, hinderte ihn aber nicht daran, zu gehen. Er konnte tun und lassen, was er wollte. Und Emma hatte ihn sicher so sorgfältig programmiert, dass er wusste, was er tun durfte. Sie beugte sich über die Terranerin und strich über ihre Stirn. Kalter Schweiß war zu spüren. Jenny ließ sich selbst ständig überwachen um sicherzustellen, dass sie sich nicht infiziert hatte. Und natürlich hatte sie sich entsprechend geschützt. Die Filter über ihren Atmungsöffnungen mussten genügen. Gegen diesen Virus auf jeden Fall. Es schien zwar schlimmer, als man es normalerweise erlebte, aber die Symptome ähnelten einer Grippe so sehr, dass die Ärztin keinen Grund mehr sah, die Erkrankung der Terranerin zu fürchten. Sie wich zurück und überließ die weitere Behandlung den Robotern.
So ganz sicher war sich die Kommandantin nicht. Das hinderte sie aber nicht daran, sich wie immer zu verhalten. Sie ließ sich nichts anmerken. Trotzdem wanderten ihre Gedanken immer wieder ab, während sie die Schirme im Auge behielt. Ihre Unsicherheit war fast greifbar, aber Nicola war sich sicher, dass keiner irgendwelche Fragen wagen würde. Abgesehen vielleicht von dem Barbaren, der nicht einmal zu ihrer Besatzung gehörte. Andererseits konnte sie sich aber auch sicher sein, dass er die feinen Schwingungen nicht spüren würde, die gerade zwischen ihr und Tania hin und her kochten. Eine merkwürdige Stimmung herrschte in der Zentrale. Alle waren sich darüber im Klaren, dass der Virus, den sich die Terranerin eingefangen hatte, für sie zu einem Problem werden konnte. Auf der anderen Seite waren aber weitere Fälle noch nicht bekannt geworden und jeder hoffte auf die hervorragende Bordärztin, die sicher in der Lage sein würde, größeres Unheil von der Besatzung abzuwenden. Auf der anderen Seite waren aber alle neugierig auf die Welt, die sie antreffen würden. Vielleicht außer dem Barbaren, dessen Ziele eindeutig andere waren. Er hielt seinen Bogen in der Hand und sah sehr grimmig aus. Aber er sagte kein Wort und die meisten Mitglieder des Schiffes waren sicher, dass er sich zurückhalten konnte, sollten sich die Seshonen als harmlos genug erweisen. Tania streifte den kräftigen Oberarm des Barbaren und riss sich dann zusammen. Dieser Kerl könnte ihr schon gefallen, aber so lange sie hier an Bord waren, war ihre Beziehung rein dienstlich. Wenn er das Schiff wieder verlassen haben würde, dann würde er sich sicher nicht mehr an sie erinnern. Insofern war er nur einen kurzen Gedanken wert. Sie heftete ihre Blicke wieder auf den Schirm, denn laut den Entfernungsangaben sollten sie das Ende der Reise schon bald erreicht haben. Auf den Schirmen wurde das Wabern der Normalsicht abgelöst von der samtigen Schwärze des Weltraums. Immer gleich sah er aus, und doch so aufregend, so sehr nach einem Abenteuer aussehend. Ein fremdes Volk, von dem auf der Erde noch niemals jemand etwas gehört hatte, wartete auf seine Entdeckung. Eine Welt, auf die noch niemals ein Mensch seinen Fuß gesetzt hatte lag vor ihnen. Und diesmal handelte es sich um eine Welt, die von intelligenten Wesen bewohnt war. Sollte man jedenfalls meinen. Auf jeden Fall war es da wieder, dieses Gefühl, die Bestätigung, warum sie sich für diesen Beruf entschieden hatte. Sie war unglaublich erregt und musste diese Erregung doch hinter einer Maske der Professionalität verstecken. Eine nicht ganz einfache Angelegenheit. Aber immerhin gehörte sie nicht erst seit gestern zu der Besatzung dieses Schiffes. Tania verfolgte die gelassen Konzentration, mit der die Besatzungsmitglieder das Schiff in das fremde Sonnensystem steuerten. An ihrer Seite tauchte nun auch wieder das mittlerweile vertrauter aussehende Schiff auf, das sie kontaktiert hatten. Es flog an ihrer Seite, wie ein Wächter. Was das wert sein würde, würde sich sicher bald herausstellen. Zu ihrer Überraschung mussten sie feststellen, dass kaum jemand von ihnen Notiz nahm. Einige Raumschiffe schwebten in diesem System herum, aber die Anwesenheit von 50-Sesh schien vollkommen auszureichen, um sie sicher in das System zu geleiten. Langsam entspannte sich Tania und richtete ihre Konzentration langsam auf den vierten Planeten dieses Systems, das in etwa 100 Millionen Kilometern Entfernung um die Sonne dieses Systems kreiste. Es war eine Welt, die etwas kältere Durchschnittstemperaturen als die Erde aufwies. Grüne Kontinente waren vorwiegend in der Nähe des Äquators zu finden, an den Polen hingegen war überwiegend Eis zu finden. Die Polkappen waren ausgedehnter als auf der Erde und die Landmassen in diesem Bereich sehr dünn gesät. Ein Hauptkontinent umspannte etwa zwei Drittel dieser Welt wie ein schmaler Streifen am Äquator. Ein zweiter Kontinent, der weniger wichtig erschien, spannte sich in der verbleibenden Lücke von Nord nach Süd. Insgesamt machte der Wasseranteil etwa zwei Drittel aus, wie die Nummer drei des Forschungsschiffes bemerkte. Also ähnlich, wie auf der Erde. Eine große Stadt lag fast inmitten des Hauptkontinentes. Mehrere kleinere Megaplexe konzentrierten sich an den Rändern des Kontinents und bildeten Häfen, die den Schiffsverkehr begünstigten. Offenkundig herrschte auf dem Planeten ein gewisser Dualismus, einige konnten sich Raumfahrt und Luftfahrt leisten, andere hingegen mussten auf billigere Transportmittel ausweichen und so hatten Schiffe durchaus noch eine wichtige Funktion auf dieser Welt. Sie verbanden die beiden wichtigsten Kontinente und einige größere Inseln mit dem Festland. 50-Sesh hatte sie offenkundig schon angekündigt, denn vom zentralen Raumhafen dieser Welt wurden sie in eine Warteschleife um den Planeten gewiesen, ohne dass jemand näheres über sie zu erfahren wünschte. Sie folgten der Aufforderung und stellten ein Landekommando zusammen, das von Strout als dem Wissenschaftlichen Leiter angeführt werden würde. Dazu würde noch Tania kommen und außerdem Sandal Tolk. Mel, der die drei ebenfalls begleiten sollte, war augenblicklich nicht aufzufinden und meldete sich auch nicht. Die drei beschlossen, ohne ihn aufzubrechen und der Aufforderung der Raumhafenverwaltung zu folgen. Ein Beiboot erhielt Landeerlaubnis. Nicola forderte vom Syntron ein projiziertes Akustikfeld an. Sie stellte eine Verbindung zu 50-Sesh her und stellte ihm einige Fragen über weiteres Vorgehen. Der Raumfahrer verkündete, dass ihn das alles jetzt nichts mehr angehe. Er verabschiedete sich von den fremden Raumfahrern die er zu seiner Heimatwelt geführt hatte und übergab sie an einen übergeordneten Seshonen, der, wie er erklärte, wesentlich wertvoller für seine Welt sei und deshalb jedes Recht habe, sie in Empfang zu nehmen. Damit entfernte er sich von der NIMH und stürzte auf die Oberfläche des Planeten zu. Auf dem Raumhafen landete er und winkte ihnen noch einmal zu. Offensichtlich war er sich durchaus darüber im Klaren, dass sie ihn auch auf der Oberfläche auf den Schirm bekommen konnten. Er ging in Richtung des Raumhafengebäudes und tauchte in der Stadt Sesha unter, die die Hauptstadt des Planeten darstellte. Nicola folgte ihm kopfschüttelnd mit den Blicken, bis er in dem Bauwerk verschwunden war. »Was meinte der jetzt damit?« Sie blickte sich ratlos um. Keiner antwortete, nicht einmal Tania äußerte sich. Sie zuckte mit den Schultern. »Wir sollten einfach losfliegen, dann werden wir schon herausfinden, was er uns damit sagen wollte. Vielleicht meint er ja bloß, dass ein bedeutender Repräsentant dieses Planeten sich uns annehmen würde.« »Das will ich doch mal hoffen. Immerhin werden wir bislang nicht sonderlich beachtet, und dass, obwohl wir sicherlich die ersten sind, die von außerhalb dieser Galaxis kommen. Jedenfalls seit langem«, schränkte sie ein, als sie sich an Cau Thon erinnerte, der ja nun mit einiger Sicherheit schon vor längerer Zeit dieser Sonneninsel einen Besuch abgestattet hatte. Und so sehr in Erinnerung geblieben war, dass ihn die Seshonen bis heute nicht vergessen hatten. Na ja, Cau Thon hatte diese Eigenschaft. Sicher würden ihn auch die Terraner nicht so schnell vergessen. Das Einsatzkommando begab sich an Bord einer Space-Jet und flog auf die Oberfläche des Planeten zu. Niemand interessierte es, als das Schiff auf der ihm zugewiesenen Landeposition aufsetzte. Immerhin schickten sie einen Repräsentanten, der in einem Gleiter auf das Beiboot der NIMH zu glitt. Die drei Besatzungsmitglieder verließen das Schiff und standen zum ersten Mal einem der Seshonen von Angesicht zu Angesicht gegenüber. »Guten Tag. Ich bin 100 000-Sesh«, schallte es aus den Translatoren. Aha. Das meinte 50-Sesh also mit wesentlich mehr wert. Strout stellte sich vor und folgte dem Wesen auf dessen Einladung hin schließlich in den Gleiter. Gemeinsam verließen sie den Raumhafen und näherten sich einem großen Bauwerk, das so etwas wie ein Regierungsgebäude zu sein schien. Mel hatte sich in eines der Labors zurückgezogen und sich darin eingeschlossen. Es befand sich in einem Bereich der NIMH, in dem ihn niemand suchen würde. Die Ampulle, die das Blut von Emma Lian enthielt, hatte er in einer Körperöffnung verschwinden lassen. In seinem Körper versteckt lagerte die Flüssigkeit und wartete darauf, dass die Geheimnisse in ihrem Inneren enthüllt werden würden. Mel wusste nicht, wie es seinem Schöpfer im Moment ging. Er hatte bewusst alle Störungen von sich ferngehalten und ignorierte alles, was ihn derzeit umgab. Er näherte sich den Geräten, die in dem Labor vorhanden waren und machte sich an die Arbeit. Schnell hatte er alles identifiziert, was er brauchte. Er ließ die Flüssigkeit in mehrere Behälter fließen und machte sich über das erste der kleinen, konisch geformten Gläser her. Mit nur wenigen Tropfen des Blutes startete er eine allgemeine Analyse und ließ sich anzeigen, wie das Blut zusammengesetzt war. Es war nichts Ungewöhnliches darin enthalten. Nun, das wäre auch zu einfach gewesen. Er nahm eine weitere der Proben und überließ sie einem Scanner, der jede bekannte Erkrankung identifizieren konnte. Die Blutprobe würde dafür ausreichen. Mit einer weiteren Probe bewaffnet startete er eine Reihe von Analysen und Tests, mit denen er unbekannte Viren aus der Substanz extrahieren wollte. Diesmal hatte er mehr Erfolg. Nach drei Stunden konzentrierter Arbeit hatte er ein Abbild des Erregers auf einem Bildschirm vor sich, der die Aufnahmen des Mikroskops anzeigte, das der Roboter für die Analyse benutzte. Der Erreger glich nichts, was der Syntron des Schiffes oder des Roboters in seinen Speichern hatte. Er war vollkommen unbekannt. Woher genau er stammte, konnte der Roboter aus den vorliegenden Daten nicht extrahieren, auch nicht zusammen mit dem Bordgehirn. Jedenfalls war einigermaßen sicher, dass sich Emma den Erreger erst hier in dieser Galaxis Seshonaar eingefangen hatte. Unglücklicherweise half ihnen das auch nicht weiter. Sie mussten in jedem Fall ein Gegenmittel finden. Das würde sich Mel zur Aufgabe machen. Er musste seine Erschafferin retten, das war er ihr schuldig neben dem allgemeinen Gefühl, dass der Android von der Wissenschaftlerin einprogrammiert bekommen hatte, war da auch ein anderes Gefühl, eines, das Maschinen normalerweise höchstens ihren konstruierten Artgenossen gegenüber empfanden. Er empfand für die Wissenschaftlerin wie für eine Schwester. Und vor allem aus diesem Grund wollte er ihr helfen. Er machte sich an die Arbeit und züchtete zunächst einmal den Erreger auf einigen Kulturen. Auf der Basis der Kulturen wollte er verschiedene Methoden ausprobieren, wie man dem Erreger zu Leibe rücken konnte. Strout betrat einen prachtvoll eingerichteten Raum an der Spitze seiner Begleiter. Zusammen folgten sie 100 000-Sesh und näherten sich einer weiteren Gestalt, die noch wichtiger aussah als der Seshone, dem sie folgten. Die insektoide Gestalt war im Gegensatz zu allen anderen, denen sie begegnet waren, nicht nur in einen Chitinpanzer gehüllt, sondern mit einer Robe bekleidet, die ihren Unterleib verhüllte. Dieser Unterleib schien in ständiger Bewegung zu sein. Immer wieder verlor der Seshone etwas, das von anderen Seschonen eilfertig eingesammelt und weggetragen wurde. Tania trat an seine Seite und blickte kurz zu ihm rüber. »Was machen die da?« »Das sieht man doch«, meinte Strout, leicht ungeduldig. Er wies auf den geblähten Unterleib des Wesens, das wesentlich größer als seine Artgenossen war. »Diese Seshone ist eine Art Königin dieses Volkes. Sie hat wohl nicht sehr viel mehr zu tun, als den ganzen Tag Nachwuchs für den Planeten zu produzieren. Die Arbeiter, die die ganze Zeit um sie herumrennen, sind damit beschäftigt, die Eier, die sie produziert, in Sicherheit zu bringen und zu pflegen. Dafür wird sie von anderen ernährt. Nahrung dürfte bei diesem Lebenswandel das Wichtigste sein, was dieses Insekt benötigt. Es ist eigentlich auch nichts anderes, als in einem Bienenstock. Oder bei den Ameisen, die wir von Terra kennen. Auch auf diesem Planeten funktionieren die Insektoiden so, wie sie das bei uns tun.« Sie näherten sich dem großen Wesen, das in einer Art Liege gefangen schien. Die Liege stützte den unförmigen Körper des Wesens und verhinderte, dass die zuckenden Bewegungen des Unterleibes ihn umwerfen konnten. Mit neugierig geöffneten Augen näherte sich das Wesen den Besuchern. »Was kann ich für euch tun?« Die Stimme aus dem Translator, der durchaus auch in der Lage war, Emotionen zu transportieren, die allerdings in die synthetische Stimme gemischt waren, klang nicht unfreundlich. Strout stellte sich und seine Begleiter vor. Die Insektenkönigin beobachtete ihn genau, als er sich selbst vorstellte und seinen Namen nannte und sie musterte auch Tania genau, die ihre Gesichtszüge kaum bewegte, obwohl sie sich darüber im Klaren war, dass es keinen Unterschied machte. Vermutlich sahen ihre Gesichtszüge für die Insektoiden in etwa genauso unbewegt aus, wie diejenigen der Insektoiden für sie. Auch ein Lächeln hätte die Königin der Seshonen wohl kaum beeindruckt. Sie hätte es vermutlich auch nicht als solches erkannt. Auch das Zeigen der Zähne wäre hier wohl nicht als Bedrohung aufgefasst worden. Diese Wesen hatten selbst keine Zähne. Vielleicht wussten sie nicht einmal, was das war. Trotzdem war es immer besser, vorsichtig zu sein. Man konnte nie wissen, was solche fremden Wesen als Bedrohung empfinden würden. Letztendlich war es für beide Seiten wichtig, einfach die andere Seite zu akzeptieren und nicht alles, was von den anderen kam, als Bedrohung misszuverstehen. Strout wies auch auf den Barbaren und stellte ihn vor. Tolk nickte der Königin zu und verhielt sich weitgehend neutral. Man konnte ihm aber ansehen, dass er die Situation nicht genoss. Schweiß glänzte auf seiner Stirn und er trat von einem Fuß auf den anderen, so als müsse er mal. Tania war sich darüber im Klaren, dass das wohl kaum sein Problem war. Er hätte es lieber gesehen, wenn einige der Anwesenden Dummheiten gemacht hätten und es zu einem Kampf gekommen wäre. Andererseits war er sich auch darüber im Klaren, dass das nicht das Ziel des Besuches war. Und deshalb versuchte er, unauffällig zu bleiben. Allerdings schien die Königin seine Unsicherheit zu spüren, denn sie haftete ihren Blick besonders lange auf ihn. Dann drehte sie wieder den Kopf und fixierte Strout. »Und was wollt ihr nun?« Sie war nicht wirklich höflich, wie Tania feststellte. Vermutlich war sie über die Störung eher ungehalten. Sie warf Strout einen Seitenblick zu und stellte fest, dass auf seiner Oberlippe einige Schweißtropfen aufgetaucht waren. Als Ezialist konnte er mit der Situation durchaus was anfangen. Die Wissenschaft der Ezialisten war alles andere als spezialisiert. Im Gegenteil, jeder von ihnen konnte fast alles. Auch hier gab es Grenzen, aber was einer nicht konnte, das konnte einer der anderen. Und als Kosmopsychologe war Strout durchaus zu gebrauchen. Immerhin hatte er unter anderem einen Doktortitel in Kosmopsychologie. Abgesehen von denen in Paläontologie, Archäologie und Geschichte. Als Lebewesenkundler im kosmischen Bereich und der Tierwelt war er eine Kapazität. Wenn er mit den Seshonen nicht klar kam, dann konnten sie gleich wieder nach Hause fliegen. »Ich nehme an, du bist die Wertvollste deines Volkes«, begann er. Sie unterbrach ihn. »Ich bin 1 000 000 000 000-Sesh!« »Trotz allem gibt es Zahlen, die noch größer sind«, fuhr der Terraner unbeeindruckt fort. »Auch über dir steht jemand, oder irre ich mich da?« »Du meinst den Unbezahlbaren?« »Den meine ich. Willst du mir von ihm erzählen?« »Was weißt du von dem Unbezahlbaren?« Strout wehrte ab. Er hatte eine Vermutung, wer der Unbezahlbare wohl war. Aber er wollte es von der Königin hören. »Ich weiß sehr viel von dem Unbezahlbaren. Vor allem, dass er unbeugsam ist.« Die Königin nickte. »Das ist er. Was willst du von ihm wissen?« »Ich möchte vor allem alles über die Geschichte deines Volkes erfahren. Und inwiefern diese Geschichte von Cau Thon beeinflusst wurde.« Lauernd blickte er in die Facettenaugen, die unbewegt erschienen. Nichts war in diesen Augen zu erkennen, nur der Unterleib zitterte noch etwas heftiger. »Er hat den Namen genannt«, flüsterte es in dem Raum. Schlagartig verstummten alle Geräusche in dem Raum und Strout erkannte, dass er sich offenkundig in Gefahr gebracht hatte. Die Wesen hatten Angst. Und wenn sie Angst hatten, dann waren sie sicher unberechenbar. Er bemerkte, dass sich 100 000-Sesh in seinem Rücken annäherte. »Cau Thon, der Unbezahlbare. Er ist nicht unser Freund. Er hat großes Leid über unsere Galaxis gebracht und außerdem angedroht, dass er noch mehr Leid über uns bringen wird. Alles, was wir über ihn erfahren, kann uns helfen. Willst du uns helfen?« Es kehrte Ruhe ein. Die Königin beruhigte sich langsam, 100 000-Sesh kam in seinem Rücken zum Stillstand. Trotzdem bewegte sich lange Zeit nichts. Strout war der einzige, der ruhig zu bleiben schien. Tania zitterte leicht, als sie die drohend vorgereckten Mandibeln der Insekten sah, die leise, wie Sägen, gegeneinander mahlten. Sie war sich nicht sicher, was gleich passieren würde. Aber sie hielt die Hand in der Nähe der Waffe. Sie wusste, dass Tolk das Gleiche tun würde. Das beruhigte irgendwie. Auch wenn ihr nicht klar war, wie sie gegen den ganzen Planeten gewinnen sollten. Zum Raumhafen zurück und in den Orbit war schon schwer genug, aber dann auch noch gegen die ganze Raumflotte des Planeten? Das wäre ein gewaltig gefährliches Unterfangen und mit einiger Sicherheit zum Scheitern verurteilt. Die Königin senkte langsam das Haupt und fixierte den Terraner. Strout blieb immer noch unnatürlich ruhig, er schien sich seiner Sache sicher zu sein. »Ich werde dir die Aufzeichnungen übergeben, die unser Volk über den Unbezahlbaren hat. Außerdem alles, was in den letzten Jahrtausenden passiert ist und in unserer Galaxis von Bedeutung ist. Als Gegenleistung erwarte ich nur eines: Verschwindet von unserer Welt und lasst uns in Ruhe!« Tania verstand, dass diese Reaktion sehr ungewöhnlich war. So, wie dieses Volk in Werten rechnete, wäre zu erwarten gewesen, dass sie einen hohen Preis für die Aufzeichnungen verlangen würden. Das hatten sie aber nicht getan. Vermutlich war das Kapitel Cau Thon kein sehr Schönes in der Vergangenheit dieser Welt. Aber das war auch nicht zu erwarten. Insofern verstand Strout sehr gut, dass die Wesen mit den Erinnerungen an diese Zeit so wenig wie möglich zu tun haben wollten. Andererseits war Cau Thon vermutlich schon vor einiger Zeit aus dieser Galaxis verschwunden. Trotzdem war man sich noch aller Probleme, die er verursacht haben musste, bewusst. Was musste dieses Volk erlebt haben, wenn es immer noch nicht vergessen hatte? Tania war klar gewesen, dass dieser Cau Thon ein ungewöhnlich grausamer Gegner war, den sie fürchten mussten. Aber dass er so grausam sein würde, das war ihr nicht klar gewesen. Sie mussten ihn nicht nur respektieren. Sie mussten ihn fürchten! Nicola wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sie blickte auf die Schirme, die zweigeteilt waren. Zum einen zeigten sie den Landeplatz der Space Jet. Das Schiff lag ruhig und unberührt. Niemand schien es zu beachten. Auf dem zweiten Teil des Schirmes war der Palast zu sehen, in dem die drei Besatzungsmitglieder der Jet verschwunden waren. Auch dort regte sich nichts, und das nun schon seit einiger Zeit. dass es nicht schnell gehen würde, das war der Kommandantin klar. Aber langsam konnte schon was passieren. Ihre Hand glitt an den Kragen ihrer Kombination. Sie war sich nicht bewusst, dass sie mehrere Knöpfe der Kombination öffnete. Schweiß tropfte in ihre Augen und sorgte dafür, dass sie alles nur wie durch einen Schleier erkennen konnte. Sie wischte über die Augen, aber der Schleier ließ sich davon nicht vertreiben. Nicht der Schweiß schien dafür verantwortlich. Sie drehte sich um und sah schemenhafte Gestalten durch die Zentrale hasten. Zwar war das Schiff in relativer Ruhe über dem Planeten in Stellung gegangen, aber erhöhte Aktivitäten waren in der Zentrale feststellbar. Nur konnte die Kommandantin nichts erkennen. Außer als Schemen waren keine der Besatzungsmitglieder identifizierbar. Sie ließ sich in ihren Sessel nieder und klammerte sich an den Lehnen fest. Es half nicht viel, sie kippte aus dem Sessel. Wenn nicht einer der Piloten gerade an ihrem Sessel vorbeigekommen wäre, dann wäre sie wohl auf den Boden aufgeschlagen. So konnte er sie gerade noch auffangen und in den Kommandantensessel zurückbefördern. »Alles in Ordnung?« Er konnte noch im selben Augenblick erkennen, dass nichts in Ordnung war. Nicola Posny verdrehte die Augen, bis nur noch das Weiß der Augäpfel zu erkennen war. Sie stöhnte und versuchte, sich verständlich zu machen. »Luft...« wimmerte sie, aber das konnte es nicht sein. Sie keuchte, holte hektisch Atem. Schweiß rann in Strömen über ihr Gesicht. Sie klapperte aber auch mit den Zähnen. Der Pilot alarmierte Medoroboter, die sich um die Kommandantin kümmerten. Keinen Augenblick später erklang ein Alarm. Diesmal war das ganze Schiff betroffen. »Seuchenalarm...« stammelte der Pilot, der die Kommandantin aufgefangen hatte. Er fasste sich an den Hals, aber er konnte noch keine Symptome bei sich feststellen. Er blickte sich um, konnte aber keinen weiteren Kommandanten im Raum erkennen. Die Nummer Vier war auf Sesh und die Kommandantin lag in der Krankenstation. Er übernahm kurzerhand das Kommando, bis jemand eintreffen würde, und rief nach der Krankenstation. Zu seiner Überraschung meldete sich nicht die Bordärztin, eine der Assistentinnen beantwortete den Anruf. »Jenny ist ebenfalls bereits weggetreten«, keuchte sie kurzangebunden. »Wir haben hier genug Probleme, also fasse dich kurz.« »Die Lage? Mehr will ich gar nicht wissen.« »Bis gerade eben war noch alles in Ordnung. Dann ist Jenny zusammengeklappt und die Kommandantin eingeliefert worden. Und jetzt häuft es sich.« Der Pilot konnte erkennen, dass sie nicht übertrieb. Direkt neben ihm klappte einer der anderen Piloten zusammen. Er zeigte ähnliche Symptome wie die Kommandantin. Ein Medoroboter kümmerte sich um ihn. Gleichzeitig legte sich ein Navigator über den Kartentisch, der seinen Namen zwar noch hatte, aber natürlich keine Karten mehr enthielt. Er übergab sich auf einen der Bildschirme und sank dann zu Boden. Der Pilot bekam es mit der Angst zu tun. »Was ist mit Emma? Mit der hat doch alles angefangen?« Die Assistentin zuckte mit den Schultern. »Die schläft. Sie kämpft immer noch gegen den Virus an, den sie sich eingefangen hat. Ihr Zustand ist unverändert, aber er ist stabil.« »Wenigstens scheint der Virus nicht unmittelbar tödlich zu sein. Was haben eure Ärzte über den Virus herausgefunden?« »Sie arbeiten noch daran. Er ist noch nicht erkannt und man hat auch noch keine Antikörper züchten können. Hoffentlich schaffen wir das noch schnell genug.« Der Bordsyntron mischte sich ein. Er bestätigte, umfangreiche Daten von den Bewohnern des Planeten erhalten zu haben und fragte an, ob er diese in sein System aufnehmen und analysieren sollte. Der Pilot reagierte kaum. Er murmelte seine Zustimmung und rutschte kurz darauf aus dem Sessel. Der Syntron erkannte, dass nicht mehr viele Personen an Bord handlungsfähig waren und übernahm das Kommando. In Ermangelung neuer Befehle hielt er lediglich die Umlaufbahn des Schiffes stabil und wartete darauf, dass jemand ihm neue Anweisungen geben würde. Niemand tat dies. Tania fühlte es in ihrem Körper, hoffte aber, dass sie es noch schaffen würden. Sie rechnete nicht damit, dass es einen der anderen zuerst erwischen würde, denn sie war als eine der ersten mit der Terranerin Emma Lian in Kontakt gekommen. Deshalb vermutete sie, dass sie als erste unter den Symptomen dieses merkwürdigen Virus leiden würde, von dem Emma befallen war. Jetzt erkannte sie, dass es verantwortungslos gewesen war, unter diesen Umständen auf den Planeten zu fliegen. Nicht nur aus ihrer Sicht, sondern auch aus Sicht der Bewohner. Niemand konnte wissen, wie dieser Virus auf sie wirken würde. Und jetzt würden sie womöglich noch vor den Augen dieser Wesen zusammenbrechen und damit sehr verwundbar werden. Tolk brach in diesem Augenblick auf die Knie und sackte in sich zusammen. Er zitterte heftig, schwitzte aber zur gleichen Zeit auch sehr stark. Strout erkannte sofort, was los war. Er wandte sich an die Königin der Seshonen. »Wir haben ein Problem, bei dem wir womöglich eure Hilfe benötigen. Oder ihr die unsere. Eine Krankheit, die uns befallen hat und auch euch vielleicht schaden wird. Wir benötigen eure Hilfe.« Er stand noch aufrecht, und auch Tania spürte nicht mehr als einen leichten Schwindel. Die Seshonen erstarrten wieder. Eine der anwesenden Seshonen rannte aus dem Raum. Die Königin erklärte, dass sie einige Wissenschaftler holen würde, die sich um die Kranken kümmern und die Viren untersuchen würden. Es dauerte nicht lange, und die angekündigten Wissenschaftler betraten den Raum. Sie kümmerten sich um Tolk, der sich nicht gegen die Tentakel wehrte, die seinen Körper berührten. Allerdings hüllten sie ihn zuerst in ein Feld, aus dem nichts entkommen würde, was den Seshonen schaden würde. Wenn es nicht schon zu spät war. Die Königin heftete ihren Blick auf Strout. »Es war nicht richtig von euch, zu uns zu kommen. Wenn es sich um einen gefährlichen Virus aus dem All handelt, gegen den wir nichts machen können, dann habt ihr uns damit zum Tode verurteilt. Warum tatet ihr das?« »Weil wir es nicht wussten. Es tut mir leid, 1 000 000 000 000-Sesh, als wir unser Schiff verließen, gab es noch keine Krankheit. Es gab nur eine Kranke, die die Symptome einer Grippe zeigte. Das ist eine auf unserer Welt normale Krankheit und natürlich haben wir alle Erreger, die möglicherweise aus dem Schiff hätten gelangen können, abgetötet, bevor wir das Schiff verlassen haben. Gegen Grippe haben wir ausreichend Mittel. Nur nicht gegen eine Seuche, die wir möglicherweise in dieser Galaxis aufgenommen haben. Wenn sie aber aus dieser Galaxis stammt, dann kann es durchaus sein, dass euch die Krankheit bekannt ist und ihr uns helfen könnt.« Die Königin machte eine Geste, die Tania zunächst nicht identifizieren konnte. Vermutlich wollte sie damit aber ihr Einverständnis signalisieren. »Ich habe verstanden und akzeptiere deine Erklärung«, meinte die Königin. Die Wissenschaftler hatten ihre Untersuchung mittlerweile abgeschlossen und waren zu einem Ergebnis gekommen. Der Translator übersetzte, was die Wissenschaftler der Seshonen sagten, konnte aber kaum Trost spenden. »Es ist eine Krankheit, die auf unserer Welt bekannt ist. Sie ist für uns nicht gefährlich. Aber für diese Wesen scheint sie auf Dauer tödlich zu sein. Wenn kein Gegenmittel gefunden werden kann, dann werden sie in den nächsten Tagen sterben.« Mitleidig, wie es schien, blickte die Königin auf die Besucher. »Du hast es gehört. Es wird eure Aufgabe sein, ein Gegenmittel zu finden. Dabei werden wir euch nicht helfen. Ich möchte dich nun bitten, unsere Welt zu verlassen.« »...aber... aber das kannst du nicht tun.« Tania war nicht ganz einverstanden. Sie wollte aufbrausen, als sie eine Hand auf ihrem Arm spürte, erkannte aber noch rechtzeitig, dass es sich um Strout handelte. »Lass es gut sein. Wenn sie uns nicht helfen wollen, dann können wir das nicht ändern.« Er wandte sich an die Königin der Seshonen. »Ich danke dir für deine Hilfe. Wir werden gehen und versuchen, mit unserem Problem selber fertig zu werden. Vielleicht kommen wir wieder, wenn wir erfolgreich waren und alles über den Unbezahlbaren herausgefunden haben. Wenn wir bis dahin noch leben.« Er wandte sich ohne ein weiteres Wort um, akzeptierte die Hilfe eines der anderen Wesen, das einen Antigrav auf den Barbaren richtete und dann an den Terraner übergab. Gemeinsam mit 100 000-Sesh verließen sie den Palast der Königin und setzten sich wieder in den Gleiter. Sie flogen zum Raumhafen und bestiegen wieder ihre Space-Jet. Dann verließen sie den Planeten. Vor ihnen wurde das Schiff immer größer. Auf ihre Anfrage hin wurde eine Schleuse geöffnet und sie konnten in den Hangar einfliegen. Niemand empfing sie. Sie mussten den Barbaren selbst in die Krankenstation schaffen. Gemeinsam betraten sie die Zentrale des Schiffes. Ein Chaos erwartete sie. Dieser 30. Mai 1298 NGZ hatte schon schlecht begonnen, aber er ging noch wesentlich schlechter weiter. Mit viel Glück hatten sie eine Auseinandersetzung mit den Seshonen vermeiden können. Mit viel Glück hatten sie sie überhaupt finden können. Und dann mussten sie auch noch diesen Virus an Bord ertragen, der sie durchaus töten konnte. Tania verstand es zwar nicht, aber irgendwie schien Strout den Virus gar nicht so ernst zu nehmen. Zwar waren mittlerweile fast 30 Prozent der Besatzung ausgefallen, aber das schien ihn nicht zu beunruhigen. »Wir werden damit fertig«, hatte er deutlich gesagt. »Und dann werden wir uns um das andere Problem kümmern.« Tania hoffte, dass der Ezialist Recht behalten würde. Sicher war sie sich jedenfalls nicht. Auf jeden Fall war sie entschlossen, die übersandten Materialen zu sichten, um schon mal einen Überblick über das Datenmaterial zu erhalten. Sie hoffte, dass sie noch eine Weile aktiv bleiben würde. Der Syntron fragte nach ihren Wünschen, als sie im Sessel der Kommandantin Platz nahm. »Die Seshonen haben Daten übersandt. Ist das angekommen?« Der Syntron bestätigte das und begann mit der Darstellung auf einer projizierten, dreidimensionalen Fläche vor den Augen der Terranerin. Die Fläche verhinderte, dass die Terranerin etwas außerhalb der Projektion wahrnehmen konnte. Damit war sie quasi Teil der Darstellung und konnte so erste Informationen aus der Vergangenheit der Seshonen erfahren. Es ging auch gleich interessant los, denn eine der ersten Informationen, die sie erhielt, betraf den Unbezahlbaren. 24 400 Jahre war es nun her, dass der Unbezahlbare die Galaxis Seshonaar betreten hatte. Er hatte sich mit dem hiesigen Ritter der Tiefe angelegt. In einem gewaltigen Zweikampf, der die Galaxis bis in ihre Grundfesten erschüttert hatte und dessen Ausgang keinem der raumfahrenden Völker hatte verborgen bleiben können, war Cau Thon mit dem Ritter der Tiefe von Seshonaar zusammengetroffen. Er hatte ihn mit Feuer und Schwert attackiert und besiegt. Er hatte ihn vor den Augen aller raumfahrenden Rassen von Seshonaar getötet. Danach war der Unbezahlbare verschwunden und hatte der Galaxis den Rücken gekehrt. Der Schock der Vernichtung ihres Ritters der Tiefe hielt 5 000 Jahre an. In dieser Zeit entwickelten sich die Völker von Seshonaar weiter. So war es nach langer Entwicklungszeit möglich, eine Expedition auszurüsten, die die Entfernung zwischen den Galaxien überwinden konnte. Die Galaxis Cartwheel, die von den Seshonen Rad genannt wird, wurde vor 23 900 Jahren zum ersten Mal besucht und ein Kontakt mit den Völkern dieser Galaxis hergestellt. Der Kontakt war nicht sonderlich friedlich. Die Einwohner dieser Galaxis konnten mit den wertbewussten Seshonen nicht sonderlich viel anfangen und attackierten sie deshalb fast sofort nach der ersten Begegnung. Ein langer Krieg entbrannte, der lange Jahre zwischen den beiden Parteien im Leerraum, aber auch in den beiden Galaxien auf vielen bewohnten Welten tobte. Viele Wesen auf beiden Seiten überstanden die Jahre der Missverständnisse nicht und erst nach einer langen Zeit begannen beide Parteien wieder, miteinander zu reden. Ergebnis der Friedensverhandlungen war ein gemeinsames Forschungsprojekt. Das Kosmonukleotid TRIICLE-3 zwischen den beiden Galaxien hatte es beiden Völkern angetan. Gemeinsam begannen sie, das Kosmonukleotid zu erforschen. In den Analen der Völker beider Galaxien war dieses Gebilde als Tabu und damit nicht betretbar verzeichnet, aber die Neugierde war stärker. Und so flogen Vertreter beider Völker in das Kosmonukleotid ein und erforschten es gemeinsam. Was als Projekt begann, von dem beide Seiten profitieren sollten, änderte seinen Charakter mehr und mehr. Die Seshonen, denen Wert über alles ging, suchten nach den Schätzen, die das Innere des Kosmonukleotids ausmachten. Oder besser, sie suchten nach den Überlieferungen ihres Volkes, in denen auch ausgesagt wurde, dass im Inneren des Kosmonukleotids eine Menge Schätze verborgen sein sollten. Sie wurden immer gieriger und sorgten so dafür, dass auch höhere Mächte auf ihr Tun aufmerksam wurden. Die Hohen Mächte sandten darauf hin ihre Stellvertreter aus. Eine Armee von Kyberklonen griff in die neuerlich ausbrechenden Auseinandersetzungen zwischen den Völkern beider Galaxien ein. Die Seshonen schaffen es, zu fliehen. Die Kyberklone verfolgen beide Völker, rächten sich aber vor allem an den Vertretern von Rad. Sie vernichteten jegliches intelligente Leben in der Galaxis Rad. Überlebende, die aus der Galaxis entkommen können, fliehen nach Seshonaar und berichten von unglaublichen Grausamkeiten, die die Kyberklone in Rad begangen haben. Evspor, der Anführer der Kyberklone, gibt sich damit aber nicht zufrieden. Er kommt auch nach Seshonaar, wo die Seshonen schon angsterfüllt auf ihn warten. Evspor gelingt es, die Planeten des heimatlichen Systems teilweise zu entvölkern. Dann wird er von einer rätselhaften Seuche teilweise daran gehindert, weiterzumachen. Die Kyberklone schaffen es aber, die Folgen der Erkrankung abzuschütteln. Den Seshonen war es gelungen, während der Zeit der Erkrankung der Kyberklone die Flucht zu ergreifen. Auf vielen Systemen verstecken sich die Vertreter der Seshonen. Wirtschaftliches Leben kam dabei fast völlig zum erliegen, das Volk der Seshonen kämpfte um das nackte Überleben. Die Kyberklone scheinen damit zufrieden und verlassen die Sonneninsel Seshonaar. Viele tausend Jahre brauchten die Seshonen, um ihre Wirtschaft wiederzubeleben, ihre Welten wieder aufzubauen und unabhängig leben zu können. Viele Seshonen sind dabei gestorben, haben aber den Überlebenden damit auch ein besseres Leben ermöglicht. Geld bleibt aber immer noch einer der wichtigsten Werte im Leben der Seshonen. Plötzlich tauchen neuerlich Gerüchte auf, dass der Unbezahlbare in der Galaxis Seshonaar angekommen sei. Niemand konnte den Unbezahlbaren identifizieren, niemand hatte ihn gesehen. Nur gehört hatte man von ihm. Es blieb trotzdem noch jahrelang ruhig, bis eines Tages die Armeen des MODROR in der Galaxis Seshonaar auftauchten. Das Zentrum der Sterneninsel Seshonaar wird von den Soldaten des MODROR besetzt. Dieser Teil der Galaxis Seshonaar wurde zu einer Verbotenen Zone erklärt. Es gab Versuche, diese Bereiche zu erforschen. Aber es kam niemand aus der Verbotenen Zone zurück. Mit der Zeit traute sich niemand aus dem Volk der Seshonen mehr, die Verbotene Zone anzusteuern. Diesen Status Quo gab es heute noch in der Galaxis Seshonaar. Der Unbezahlbare wurde niemals mehr in der Galaxis Seshonaar gesehen. Wenn er sich noch dort aufhielt, dann sicher in der Verbotenen Zone. Aus diesem Grund meideten die Seshonen nicht nur die Verbotene Zone, sie wollten auch keine Fremden in ihrer Heimat haben. Tania schüttelte sich leicht, als sich die Brille von ihren Augen hob. Die Verbotene Zone also. Im Zentrum der Galaxis Seshonaar gab es einen Bereich, in den sich niemand hineintraute, weil er von Armeen einer fremden Macht besetzt war. Diese fremde Macht nannte sich MODROR und war vermutlich mit Cau Thon oder zumindest seinen Soldaten identisch. War es wirklich so einfach? Sollten sie so schnell eine Spur gefunden haben? Wenn es so weiterging, dann würden sie es womöglich noch schaffen, mit wirklich verwertbaren Ergebnissen aus Seshonaar zurückzukehren. Ein Schwächeanfall machte ich klar, dass sie im Augenblick noch sehr weit davon entfernt waren, mit was auch immer aus Seshonaar zurückzukehren. Zunächst einmal sollten sie wohl dafür sorgen, hier in der Fremde ihr Leben zu behalten. Dann konnten sie damit weitermachen, eine Verbotene Zone zu erforschen. »Syntron, bitte speichere folgende Zusammenfassung...« Die Terranerin begann mit einer langen Rede, die die Ergebnisse ihres virtuellen Ausfluges in die Vergangenheit der Sehsonen zusammenfasste. Sie wog mit den Erzählungen Cau Thons ab und musste feststellen, dass beim Tode des Ritters der Tiefe die Sehonen übertrieben hatten. Aus beiden Schilderungen diktierte sie die ihr plausibelste Geschichte. Falls sie nicht mehr dazu in der Lage sein sollte, wollte sie wenigstens die Ergebnisse in einer einfachen Form greifbar machen. Wer auch immer sie finden würde, könnte so wesentlich besser weiterarbeiten. Hoffentlich würde dieser Albtraum bald enden. »Syntron, wie ist die Situation?« Sie merkte erst jetzt, dass in der Zentrale außer ihr niemand mehr anwesend war. »Das Schiff ist zu 95 Prozent unbemannt. Es sind nur noch wenige Personen aktiv.« Tania erschrak und machte sich klar, dass das vermutlich das Todesurteil von ihnen allen war. Wenn niemand mehr aktiv war, wer sollte dann das Gegenmittel finden? Sie rannte in die Krankenstation und musste sich dort durch eine Unmenge von Personen kämpfen. Viele der Besatzungsmitglieder hatte man einfach auf den Boden gelegt. Es machte aber auch nicht sehr viel aus, weil die meisten ihr Bewusstsein verloren hatten. Auch in der Krankenstation waren kaum noch Menschen auf den Beinen. Nur noch wenige suchten nach einer Rettung. Unter ihnen war Strout, der aber in diesem Augenblick auch ausfiel. So lange er sich auf den Beinen hatte halten können, hatte er alles versucht. Tania konnte auf einem Schirm Strukturen erkennen, die sie kaum identifizieren konnte. Es schien sich um eine sehr kleine Zelle zu handeln, die allerdings eine unvertraute Form aufwies. Sie konnte nicht ahnen, dass es Strout gelungen war, den Erreger zu isolieren. Noch weniger konnte sie ahnen, dass das auch noch jemand anders geschafft hatte. Es war ihr auch egal, denn in diesem Moment erfasste der Virus auch sie endgültig. Aus leichtem Unwohlsein wurde Handlungsunfähigkeit. Zitternd und schwitzend legte sie sich neben Strout auf den Boden. Niemand war mehr da, der sie in ein Bett legen konnte. Niemand arbeitete weiter mit dem Erreger, der sich auf dem Schirm befand. Die Stille des Todes kehrte ein in dem Schiff. Die einzige Insel der Menschheit in einer fremden Galaxie versank in Schweigen. Lange Zeit regte sich nichts an Bord. Emma Lian, die als erste von den Erregern befallen worden war, lag in der Krankenstation und bewegte sich genauso wenig wie alle anderen. Ihre Haut hatte die Farbe gewechselt. Sie schimmerte leicht grünlich. Lange würde es nicht mehr dauern, und der Tod würde sie eingeholt haben. Wenn der Farbton der Haut ins Bläuliche ging, dann würde es vorbei sein. Keiner der anwesenden konnte das wissen. Und wenn, dann würde das Wissen keinem mehr nützen. Eine Tür zu einem der Laboratorien öffnete sich und eine Gestalt verließ den Raum, die eine große Ähnlichkeit mit Emma Lian hatte. Mel trat auf den Gang des ausgestorben wirkenden Schiffes. Seine Zwiesprache mit dem Syntron hatte ihm gezeigt, wie das Bild an Bord des Schiffes sein würde. Emotionslos wie es allen Vertretern seiner android-robotischen Art zu eigen war, bewegte er sich durch die Gänge und stieg über die Körper von Menschen hinweg, die es nicht mehr geschafft hatten, in die Krankenstation zu kommen. Er ignorierte all diese Wesen, weil erst einmal jemand anders Hilfe brauchen würde. Jemand, die schon lange unter den Viren litt. Mel hatte viel herausgefunden. Er erkannte, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Er bewegte sich schneller durch die Gänge, bis er in der Krankenstation eingetroffen war. Sein Körper mit den weiblichen Attributen bahnte sich einen Weg durch all die Gefallenen. Emma hatte ihn klein und zierlich gebaut, so konnte er fast überall ohne Probleme durchkommen. In der Krankenstation musste er sich allerdings erst einmal orientieren. Er erkannte die Terranerin, die immer noch auf der gleichen Liege gebettet lag, wie er sie verlassen hatte. Über den Körper von Jenny Taylor hinweg erreichte er die Liege mit der Terranerin und senkte eine Sonde in ihren Körper. Über diese Sonde pumpte er ein Medikament in den Körper der jungen Frau, das ihr die nötigen Antikörper vermitteln sollte. Gleichzeitig aktivierte der Roboter die in der Krankenstation anwesenden Medoroboter, die ihre Arbeit eingestellt hatten, als sie erkannten, dass sie nichts mehr tun konnten. Ausgestattet mit der Formel für die Medikamente schickte er die Roboter in das Schiff. In ihren Körpern konnten sie das richtige Mischungsverhältnis herstellen und so die Menschen in dem Schiff retten. Mel streckte noch weitere Sonden aus und injizierte das Medikament in die Körper von andern Menschen, die in dem Raum lagen. Dann wartete er. Nach einer halben Stunde erkannte er, dass die Färbung von Emmas Haut sich verändert hatte. Sie schimmerte nicht mehr grünlich. Langsam nahm die Haut wieder eine normale Färbung an. Die Kameras in den Höhlen von Mels Augen nahmen wahr, dass sich die Augen der Terranerin öffneten. Sie blinzelte und richtete sich langsam auf. Sie war zwar noch sehr schwach von dem Kampf, den ihr Körper gegen die Erreger geführt hatte, aber sie schaffte es, sich aufzurichten. Mel kam einen Schritt näher und bot ihr Hilfe an. Sie legte die Arme um den Nacken des Roboters, der sie mühelos anhob und in ihre Kabine zurückbrachte. Die Medostation würde sie nicht mehr brauchen. Niemand würde sie mehr brauchen. Alle befanden sich auf dem Wege der Besserung. Mel hatte das Schiff gerettet.
In der Zentrale hatte sich fast alles wieder normalisiert. Strout und Tania regten sich über das Verhalten von Nicola auf, die über den Vorfall nicht einmal einen Eintrag im Logbuch haben wollte. Das wollte sie vermutlich nur deshalb nicht, weil es eindeutig ihr Versäumnis gewesen war. Wenn sie die Krankheit von Emma Lian von Anfang an ernster genommen hätte, dann wäre es wohl kaum so weit gekommen. So hatten sie alle unter der Kyberseuche zu leiden gehabt, wie sie die Krankheit in Anlehnung an die Informationen aus den Aufzeichnungen der Seshonen genannt hatten. Wahrscheinlich hatte sich Emma auf einem der nur mit primitiven Rassen bewohnten Planeten damit infiziert. Doch das war nur eine Vermutung. Genau wusste es niemand. Es würde vielleicht auch ein Geheimnis bleiben, woher diese Viren stammten. Es sei denn, man fand neue. Jetzt würde die NIMH auf jeden Fall stärker darauf achten. Aus den Aufzeichnungen war aber noch eine Menge mehr hervorgegangen, das ihnen nun weiterhelfen würde. Die Verbotene Zone, die von den Soldaten des MODROR besetzt und aufrechterhalten wurde, hörte sich nach einem interessanten Ort an. Einem Ort, an dem sich viele Geheimnisse enträtseln lassen würden. Und möglicherweise würden sie dort auch etwas finden, was ihnen mehr über Cau Thon verraten würde. Informationen konnten sie dringend gebrauchen. Insofern war es nicht verwunderlich, dass Nicola Posny anordnete, in die Verbotene Zone einfliegen zu wollen. Als Sandal Tolk das hörte, funkelten seine Augen. Krank sein war nicht seine Sache; er fühlte sich dann hilflos und nicht sehr männlich. Das war ein Zustand, der dem Barbaren nicht sehr gefiel. Einige Kämpfe würden seinem angekratzten Selbstvertrauen wieder auf die Beine helfen. Auch Tania war mit der Entscheidung mehr als zufrieden. Strout reagierte kaum darauf. Der Ezialist war mit Sicherheit neugierig auf vieles, was sie noch erwarten würde in dieser Galaxis. Aber er ließ es sich nicht anmerken. Und so setzte sich das Schiff in Bewegung. Es verließ langsam den Orbit der Welt Seshon. Niemand hinderte sie daran. Vom Planeten aus erreichte sie nur noch ein kurzer Funkimpuls, der ihnen eine gute Reise wünschte und sich verdächtig danach anhörte, als würde er ihnen kein Wiederkommen empfehlen. Nun, wenn es nach Tania ging, dann würden sie die Welt auch nicht so bald wieder besuchen. Immerhin waren sie nicht sehr freundlich empfangen worden. Wieder wurden die Bildschirme von dem undefinierbar erscheinenden, wesenlosen Wabern eines rätselhaften, außeruniversellen Kontinuums, das doch für die Fortbewegung in diesem Weltraum so wichtig war, übernommen. Einige Zeit ereignete sich nicht sehr viel in der Zentrale. Da man in Zentrumsnähe gewesen war, dauerte es aber auf der anderen Seite auch wieder nicht sehr lange, bis die Verbotene Zone erreicht war. Posny hatte sich entschlossen, ein gutes Stück in die Zone einzufliegen, um möglichst hinter den Linien einer Wachflotte aufzutauchen. Das funktionierte zwar und es gab auch keine unsichtbaren Barrieren, die sie zurückhielten. Aber die Soldaten des MODROR schliefen auch nicht. Sie hatten offensichtlich gemerkt, dass etwas in die Zone eingedrungen war. Als das Schiff aus dem Hyperraum fiel, tauchten sehr schnell Schiffe auf, die ohne lange zu fragen das Feuer eröffneten. Posny ließ sofort Alarm für das Schiff geben. Alle Mitglieder der Besatzung, auch diejenigen auf Freiwache, stürmten auf ihre Posten und versetzten das Schiff in einen verteidigungsbereiten Zustand. Die Schirme wurden von ersten Treffern erschüttert und machten klar, dass es ernst werden würde. »Ausweichmanöver!« brüllte die Kommandantin. Der Pilot bestätigte, allerdings auf eine Weise, die sich verdächtig nach einer Verwünschung ihrer großen Klappe anhörte. Vermutlich war der Pilot der Meinung, dass er bereits alles tat, was möglich war. Und wirklich zwang er das Forschungsschiff in sehr enge Kurven, wenn man die Konstruktion des 500-Meter-Schiffes bedachte. Es war sicher nicht für wendige Flugmanöver ausgelegt. Aber das waren die meisten der Kampfschiffe, die sie umgaben, auch nicht. Trotzdem konnte jeder erkennen, dass es sicher keine gute Idee war, lange Zeit mit Gefechten zu verschwenden. »Wir orten die charakteristischen Ausstrahlungen von Sternentoren«, brüllte Ben Strout, der von Emma Lian unterstützt wurde, der Kommandantin zu. Posny warf ihm nur einen Blick zu, sie reagierte nicht einmal darauf. »Das ist unsere Rettung!« Tania packte die Schulter der Kommandantin, die wütend herumfuhr und die Hand der Nummer drei abschüttelte. »Ich weiß«, knurrte sie und wandte sich wieder den Bildschirmen zu. »Wohin müssen wir fliegen, um in einen der Transmitter zu kommen?« Strout gab die Koordinaten direkt an die Navigatoren weiter, die allerdings kaum einen verlässlichen Kurs berechnen konnten, dafür steuerte der Pilot viel zu wild. Auf der anderen Seite war es aber nicht immer möglich, unter optimalen Bedingungen arbeiten zu können. So berechneten sie einfach Näherungswerte, die immer wieder dynamisch angepasst wurden. Ohne die Unterstützung durch den Syntron hätten die Navigatoren versagt. Schüsse schlugen in den Schutzschirm und brachten ihn gefährlich zum Flackern. Die Belastungsgrenzen stiegen für einige Augenblicke auf über hundert Prozent, nur wenige Sekundenbruchteile, die fast ihr Schicksal besiegelt hätten. Dann gelang es dem Piloten, aus dem Feuerstrahl zu entkommen, der ihren Weg verlegte. Um ein Haar wäre er in weitere Explosionen geflogen, die um sie herum erzeugt wurden. Irgendwie schaffte er es aber, aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich zu kommen. Er steuerte direkt auf eine Sonne zu, die nicht weit von ihnen entfernt war und schaffte es, das Schiff mit dem Metagrav-Vortex in den Hyperraum zu schleudern. Nur wenige Augenblicke blieben sie da, dann fielen sie unweit eines Sternenportals aus dem Zwischenraum. Die Wachschiffe waren in ihrem Rücken. Selbst wenn sie nicht gewollt hätten, wäre ihnen kaum etwas anderes übrig geblieben, das machten weitere Explosionen deutlich. Sie flogen durch das aktivierte Portal und ließen die schießenden Schiffe erst einmal hinter sich. Die Orientierung erwies sich als leichter, als sie dachten. Die NIMH war in einem bekannten Bereich herausgekommen. Die Insel hatte sie wieder, die Sterne, die funkelten, gehörten Cartwheel. Und doch schien etwas nicht zu stimmen. Paxus, das unweit des Sternenportals der Insel gelegen war, brannte. Explosionen waren überall auf dem Planeten zu sehen. Raumschiffe erschienen und nahmen die NIMH in Empfang, die sich schnell aus dem Staub machte und nach einem Versteck suchte. Die Soldaten des MODROR waren auch in der Insel angekommen. Die Insel hatte ihr Antlitz schwer verändert. Das war nicht mehr die Insel, die sie alle kannten. Ihre Heimat war in einen fürchterlichen Krieg gezwungen worden. Niemand sagte etwas. Emma und Strout blickten sich an und drehten sich dann zu den anderen um. Tania und Nicola wirkten geschockt, auch der Pilot sah nicht sehr glücklich aus. Auf den Schirmen erschien das Antlitz von Jenny Taylor, die auch verstanden hatte. Etwas stimmte nicht in Cartwheel. ENDE Nur mit knapper Not ist die NIMH dem Tod entronnen, muss sich jedoch in einer völlig anderen Realität gestrandet wiederfinden, die sie nicht wieder erkennen. Das nächste Heft wird uns aber zwei Monate in der Zeit zurück führen, und die Ereignisse aus dem Heft 55 fortsetzen. Verhandlungssache ist der Titel des 59. DORGON-Heftes von »Gastautor« Christian Herrmann, in dem Perry Rhodan die Unabhängigkeit Cartwheels erarbeiten wird.
Der DORGON-Zyklus - Söhne des Chaos - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Heft 58 von Ralf König. Titelbild: Mark Hoffmann. Technischer Berater: Sebastian Schäfer. Versand: PROC. Lektorat, Nachbearbeitung: Rene Schweinberger. DORGON-Kommentar: Björn Habben. Umsetzung in Endformate: Alexander Nofftz. Satz: Xtory (SAXON, LaTeX). Internet: http://www.dorgon.de. eMail: dorgon@proc.org. Adresse: PROC c/o Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf. Copyright © 2001. Alle Rechte vorbehalten! | ![]() | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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