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Jahrtausende lag es im Boden versteckt. Behütet zwischen Erde und Sand. Einst gefertigt von Intelligenzwesen, dazu benutzt, nützliche Dinge zu verrichten und eine Entlastung im Alltag zu sein. In Vergessenheit geraten nach dem Tode der Besitzer, nach dem Ende ihrer Zivilisation verloren gegangen im Sand der Zeit. Wiederentdeckt von Suchenden. Ausgegraben von wissbegierigen Forschern wurde es nun seit Äonen wieder vom Licht der Sonne beschienen. Hände mit fünf Gliedmaßen stellten den ersten Kontakt zu dem Artefakt her. Als sei es ein Heiligtum, streichelten zwei Hände über das Gefäß aus Ton. Pinsel und feine Vibrationsskalpelle reinigten es vom Dreck und ließen es in seiner vollen Pracht erscheinen. Eine etwa 20 Zentimeter hohe, braune Vase wurde von dem Terraner voller Ehrfurcht hoch gehalten. Langsam und mit aller Vorsicht stand der Mann auf und schritt wenige Meter zu einem mit Antigravstrahlen gehaltenen Tisch. Dort stellte er das Relikt aus längst vergangenen Tagen ab. Er atmete tief durch, nahm seinen Hut vom Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er wusste, dass dieser Fund sensationell war, denn er bedeutete sehr viel für die Geschichte dieser Galaxis. »Das ist der Beweis für intelligente Kulturen in Cartwheel«, sagte Ben Strout, so als müsste er sich selbst von der Wahrheit überzeugen. Ben Strout war ein sogenannter Ezialist, das bedeutete soviel wie Allroundwissenschaftler. Er hatte mehrere Fachgebiete und war Doktor in Archäologie, Paläontologie, Anthropologie, Kosmopologie und zudem ein anerkannter Völkerkundler. Strout hatte früher für die LFT als Forscher gearbeitet und in der Milchstraße über 500 neue Tier- und Pflanzenspezies entdecken können. Danach hatte es ihn zur Insel gezogen, wo er seither versuchte, etwas über die Zeit vor der Besiedelung durch die über 50 Völker in Erfahrung zu bringen. Es gab weder bekannten Kulturen in Cartwheel, die aus der Vorzeit stammten, noch hatte man irgendwelche Informationen von Nadine Schneider oder DORGON über die Urbevölkerung. Seitdem hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, unerforschte oder erst vor kurzem kolonisierte Planeten zu untersuchen. Dazu hatte er die volle Unterstützung des Terrablocks bekommen. Ihm wurde ein großer Etat bewilligt. Strout gehörte zu den wenigen aktiven Geschichtsforschern in Cartwheel. Die Arkoniden oder Pariczaner hatten kein großes Interesse für die Historie der Insel. Sie steckten alles Geld in die Rüstung. Daher arbeitete er praktisch konkurrenzlos. Diese Tatsache störte ihn herzlich wenig. Strout war zwar kein Feigling, doch er wollte es auch nicht darauf anlegen, auf arkonidisches Militär zu stoßen, das ihn mit vorgehaltener Waffe auffordern würde, in einer anderen Region zu graben. Große Erfolge hatte Ben Strout jedoch nicht vorzuweisen gehabt. Er hatte jedoch nur gelegentlich Hinweise auf uralte Kulturen gefunden, die jedoch keine Raumfahrt beherrscht hatten. Wie es schien, hatte niemals eine höher stehende Kultur in Cartwheel existiert. Oder die Zeugnisse wurden gründlich beseitigt. Dennoch war das Tongefäß, welches Strout in seinen Händen hielt, ein Beweis für frühere Kulturen in Cartwheel gewesen. Was mochte aus ihnen geworden sein? Warum stiegen sie die Evolutionsleiter nicht höher und wurden zu Raumfahrern? Mit dem Tongefäß hatte Strout erst den Anfang einer archäologischen Odyssee begonnen. Er musste den gesamten Planeten nach alten Artefakten durchkämmen und hoffen, dass er auf mehr Zeugnisse als nur auf Vasen und Schalen stoßen würde, denn Bücher oder Aufzeichnungen jeder Art von der einstigen Zivilisation wären äußerst wertvoll. Strout ging mit seiner Assistentin, der Kartanin Ju'ly-Ny'Mar, zurück in sein Lager. Insgesamt vierzehn Mitarbeiter, bestehend aus Terranern, Kartanin und Akonen, hatten sich ihr Camp in der Einöde des Planeten San Ivanhoe aufgeschlagen. Der Name des Planeten stammte von ihren Entdeckern, der Besatzung der IVANHOE. Vor nur fünf Monaten wurde diese Welt zur Kolonie des Terrablocks erklärt. Seit Monaten hatte es ein Wettkolonisieren zwischen Terra- und Arkonblock gegeben. Jeder der Machtblöcke war bemüht, als größte Macht auf der Insel dazustehen. Auch wenn die Terraner die qualitativ besseren Welten kolonisiert hatten, so hatten die Arkoniden weitaus mehr Kolonien in der Zwischenzeit. San Ivanhoe war eine idyllische Welt mit viel Flora und Fauna. Die sechs Kontinente des Planeten boten Dschungellandschaften, Wüsten, Eiswelten und Berge. Es war schwer, hier einen Hinweis auf alte Kulturen zu finden. Nur durch Zufall entdeckte man das Tongefäß. Bei einer Sprengung durch Kolonisten kam das Artefakt zum Vorschein. Sofort wurde der Wissenschaftsbeauftragte des Terrablocks, Timo Zoltan, informiert, der Strout und sein Team nach San Ivanhoe schickte. Seitdem hatte Strout insgesamt vier Artefakte einer längst vergessenen Kultur gefunden. Jede Woche ein neues Relikt. Es würde noch viele Jahre dauern, bis man auf wirklich wichtige Funde stoßen würde. Die Archäologie war eine sehr mühsame Wissenschaft. Strout setzte sich auf seinen altmodischen Holzstuhl. Er mochte nicht zu viel Technik und setzte sich lieber auf einen realen Stuhl aus Holz als auf eine Projektion aus Formenergie. Er nahm seinen Hut ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ju'ly-Ny'Mar goss sich und ihm ein Glas Vurguzz ein. »Wir haben immerhin schon vier Tongefäße gefunden. Vielleicht verbirgt sich tief unten eine ganze Stadt«, vermutete die Kartanin. Strout winkte ab. »Die Messwerte haben nichts ergeben.« »Das hat nichts zu sagen«, warf sie trotzig ein. »Wir wissen nicht, woraus die Häuser einst gebaut wurden. Die Beschaffenheit des Bodens könnte mit den Materialien identisch sein. Wir müssen mehr Scans durchführen.« Die Kartanin wollte unter keinen Umständen aufgeben. Sie war eine junge Wissenschaftlerin, die erst vor kurzem ihr Studium beendet hatte. Bevor die beiden weiter diskutieren konnten, summte das Hyperkomasprechgerät. Strout raffte sich auf und nahm ab. Die Holografie von Timo Zoltan erschien in Lebensgröße. Ben Strout war etwas erstaunt. »Mr. Zoltan. Das ist eine Überraschung, Sir. Was möchten Sie?« Zoltan rückte seine Brille zurecht und lächelte freundlich. »Strout, wir haben einen neuen Auftrag für Sie. Der Marquese wird heute vor dem Parlament den Antrag auf eine Expedition nach Seshonaar stellen. Wir gehen davon aus, dass dem Antrag stattgegeben wird, da wir sicher gehen wollen, dass in Seshonaar keine Gefahr seitens MODROR auf uns lauert. Des Weiteren sehen viele dort neue Handelsgebiete.« Strout fasste sich mit der Hand ans Kinn und grübelte darüber nach, was das alles mit ihm zu tun hatte. Sicherlich würde Timo Zoltan bald die Lösung präsentieren. Seshonaar war die Nachbargalaxis von Cartwheel. Man hatte sie noch nicht erforscht. Sie war nur aus den Erzählungen von Cau Thon bekannt, denn sie spielte in seinem Leben und im Leben seines Volkes eine große Rolle. »Wir möchten, dass Sie die Expedition als Allroundwissenschaftler begleiten«, ließ Zoltan nun die Katze aus dem Sack. »Wieso ausgerechnet ich? Ich habe hier mehr als genügend zu tun!« protestierte Strout energisch. »Wir wissen um Ihre Fähigkeiten. Daher möchten wir Sie bitten, an der Expedition teilzunehmen. Ihre Assistentin wird solange die Ausgrabungen auf San Ivanhoe leiten. Es ist eine einmalige Chance. Sie fliegen in eine Galaxis, in der noch niemals Galaktiker waren.« Diese Worte überzeugten Strout letztlich. Schon immer wollte er zu den ersten Entdeckern gehören. Nun bot sich ihm diese Chance. Er musterte Ny'Mar und wusste, dass sie ihn würdig vertreten würde. »Wann soll es losgehen?« fragte er schließlich. »Sollte der Beschluss heute verabschiedet werden, werden die NIMH, SLEEPY HOLLOW und BLAIR WITCH in zwei Wochen starten. Also packen Sie Ihre Sachen, Mr. Strout!«
Der März war bis jetzt ein sehr ereignisreicher Monat gewesen. Der Marquese bekam Nachwuchs durch die Adoption von vier Waisen, so die offizielle Version. In Wirklichkeit hatte Michael Shorne aus den Genen des Spaniers vier Sprösslinge gezüchtet gehabt und sie dem Marquese geschenkt. Kurz danach tauchte Perry Rhodan in Cartwheel auf, um mit dem Paxus-Parlament über die Zukunft der Galaxis nach dem Friedensangebot von MODROR zu sprechen. Rhodan war vor einem Tag aufgebrochen, um auf Paxus die ersten Vorverhandlungen zu führen. Rhodans Bestreben war ein Volksentscheid. Jedes Volk in Cartwheel sollte über die Unabhängigkeit abstimmen. Sollte es ein positives Ergebnis geben, dann würde das Paxus-Parlament über die Einzelheiten entscheiden. Um das zu besprechen, war Rhodan nach Paxus aufgebrochen. Doch es gab noch mehr Ereignisse in den ersten zwei Wochen des März. Eine Genfabrik von Michael Shorne wurde von dem Bluesjungen Rijon, einem Supermutanten zerstört. Rijon, wie auch viele andere Wesen, wurden gegen ihren Willen verschleppt, um an ihnen illegale Experimente durchzuführen. Rijons ganze Familie starb dabei und der achtjährige Gataser wurde genetisch verändert, sodass er mutantische Fähigkeiten bekam. Diese nutzte er, um mit drei anderen Mutanten die Fabrik zu vernichten und zu fliehen. Gucky, der Mausbiber, hatte derweil mit der Ausbildung von drei anderen Mutanten aus Shornes Genfabrik begonnen. Jeanne Blanc, Hank »Wulf« Lane und Brad Callos waren positive Mutanten. Sie hatten nicht ihren Aggressionen freien Lauf gelassen, obwohl ihr Leben grundlegend von Shorne verändert worden war. Sie hatten sich Gucky angeschlossen, um gegen Rijon zu kämpfen. Michael Shorne befand sich derweil in Untersuchungshaft. Er würde sich bald vor Gericht verantworten müssen. Viel hatte sich getan bis jetzt. Wahrscheinlich würde noch mehr in diesem Monat passieren. Der März 1298 NGZ war schicksalhaft für Cartwheel. Nach dem Tod von Aurec und Gal'Arn hatte sich viel verändert. Seitdem war die Rolle des Marquese von Siniestro weitaus wichtiger geworden. Seine Person, der Somer Sam und Joak Cascal waren die Säulen Cartwheels. Von ihnen hing vieles ab. Uwahn Jenmuhs und Nor'Citel bildeten den negativen Gegenpol. Die Beliebtheit des Marquese bei seinem Volk war enorm. Die Adoption der vier erwachsenen Waisen tat noch einiges dazu. Doch nun plagte den Marquese etwas anderes. Sein Gesundheitszustand! Der Spanier saß in seinem gut gepolsterten Sessel in seinem Büro in IMPERIUM ALPHA und sah aus dem Fenster. Es regnete! Schmerzen in seiner Brust und in allen Gliedern, ein Hustenreiz und Atemprobleme bereiteten ihm große Sorgen. Der Arzt hatte ihm ein paar Tabletten verschrieben und nach der Einnahme ging es ihm wieder besser. Doch für wie lange? Diabolo betrat den Raum. »Senor, das Parlament wartet auf Euch.« Müde drehte sich der Marquese zu seinem Berater und nickte schwach. Er erhob sich mit zitternden Armen von seinem Sessel und schlurfte zum Posbi. Diabolo registrierte durchaus, dass etwas mit dem Marquese nicht stimmte. »Ich habe meine Kinder heute gar nicht gesehen«, flüsterte der Marquese. »Orly hat seine Ausbildung bei Redhorse Point begonnen. Er wird daher eine Weile dort bleiben. Aber das wissen Sie doch, Herr.« »Oh, ja... ja... ich vergaß. Und die anderen?« »Brettany ist weiterhin mit Uthe Scorbit auf Paxus«, erklärte der Posbi. »Sie unterstützen die Helfer und Opfer so gut es geht. Ihre jüngste Tochter ist eine kleine Heldin. Sie können stolz auf sie sein. Mrs. Scorbit hatte bereits vorgeschlagen, Brettany in das Sozialministerium einzugliedern.« »Soso«, machte der Marquese. »Peter III. spielt wie üblich mit seinen Soldaten. Er ist immer noch nicht dazu zu bewegen, einen anständigen Beruf zu erlernen. Er will kein Soldat werden, da er nicht gedrillt werden will, sondern selbst drillen will. Stephanie macht viel Pressearbeit. Sie tut alles, um ihre Person noch beliebter zu machen. Das macht sie auch sehr geschickt.« »Gutes Kind...« Der Marquese fing an zu husten. Diabolo betrachtete das mit Besorgnis. Die Hustenanfälle häuften sich. Der Posbi befürchtete, dass der Marquese nun den Preis für sein hohes Alter zahlen würde. Seine Zeit würde vielleicht bald ablaufen. Nach einer Weile beruhigte sich der Marquese wieder und sie gingen zum Parlament, wo der Antrag zur Expedition angenommen wurde.
Das 1~800 Meter Schiff der Entdecker-Klasse, LEIF ERICSSON, stand auf dem gigantischen Raumhafen im Paxus-Parlamentkomplex. Zwei Gleiter eskortierten den Shift von Perry Rhodan zum großen Parlamentsgebäude. Der 700 Meter hohe Turm war von weitem zu sehen und auch die grünliche Kuppel der großen Halle war zu erkennen. Rhodan wurde von Gucky und Joak Cascal begleitet. Die beiden Unsterblichen unterhielten sich über die drei neuen Mutanten. Gucky sprach sich dafür aus, noch viel länger in Cartwheel zu verweilen und hier ein neues Mutantenchorps zu gründen. Perry hatte nichts dagegen, solange es friedlich in der Milchstraße zuging. Der Gedanke ein neues Mutantenchorps zu besitzen, gefiel Rhodan, insbesondere, da er etwas gegen Bostich in der Hand hatte. Das alte Mutantenchorps zu Zeiten des Solaren Imperiums hatte sich immer als sehr hilfreich erwiesen. »Und du kannst dich für diese drei Wesen verbürgen?« wollte Rhodan wissen und schaute dem kleinen Ilt ernst in die Augen. Gucky grinste breit. »Na klar, Chef! Wulf ist zwar etwas schräg drauf und heult bei Vollmond, aber er ist ziemlich intelligent und kräftig. Brad ist sehr loyal und Jeanne würde sogar dir gefallen.« Rhodan musste lachen. »Soso...« »Soll ich dir eine Verabredung mit ihr besorgen? Die ist wirklich ganz süß!« ließ Gucky nicht locker. Rhodan schüttelte amüsiert den Kopf. »Du vergisst, dass ich verheiratet bin. Mondra ist die Frau die ich liebe«, erklärte er und sah damit dieses Gespräch als beendet an, da ihnen bereits einige Delegierte entgegen kamen. Rhodan begrüßte sie freundlich. Gucky murmelte etwas Unverständliches, dann teleportierte er in den großen Kuppelsaal, wo der Empfang stattfand. Die Konferenz dauerte einige Tage. Am 18. März 1298 NGZ konnte man sich darauf einigen, eine Woche später ein Volksentscheid auf allen Welten durchzuführen. Das Ergebnis sollte dann richtungsweisend sein. Ein Nebenpunkt der Konferenz war die Verlautbarung der Expedition nach Seshonaar. Sie wurde von fast allen Völkern begrüßt, auch wenn man selbst nicht an der Reise teilnehmen wollte. Man überließ es den Terranern, das Risiko auf sich zu nehmen. Am 25. März fand die Abstimmung statt. Von den über dreihundert Milliarden Lebewesen in Cartwheel stimmten mehr als achtzig Prozent für eine Unabhängigkeit. Das Volk hatte gesprochen. Rhodan akzeptierte diese Entscheidung und berief für zwei Tage später eine erneute Konferenz zwischen allen Vertretern des Paxus-Rates ein. Indes sollte aber am 26. März 1298 NGZ die Expedition nach Seshonaar beginnen.
Es regnete mal wieder! Das Wetter in den letzten zwei Wochen hatte sich kaum geändert. Der Regen wirkte sich schon deprimierend auf die Terraner aus, die im April schon Frühlingswetter gewöhnt waren. Doch auf Mankind gab es keine Wetterkontrolle wie NATHAN. Daher musste man sich den Launen des Wetters aussetzen. Außerdem war der April auf Mankind der Monat mit dem größten Niederschlag. Dennoch hatten sich viele Schaulustigen am Raumhafen CENTRAL versammelt, um den Start der drei Explorerraumschiffe zu beobachten. CENTRAL lag direkt neben IMPERIUM ALPHA direkt im Herzen von New Terrania. Die drei 500-Meter-Forschungsraumer NIMH, SLEEPY HOLLOW und BLAIR WITCH ragten imposant über die anderen Schiffe. Containergleiter und Dutzende von Flugrobotern beluden die drei Schiffe mit ihrer Ausrüstung. Unweit davon fand ein Festakt statt, dem der Marquese, seine Kinder, Joak Cascal und Uthe Scorbit beiwohnten. Die Kapelle spielte einige Stimmungslieder und Stephanie de la Siniestro hielt eine flammende Rede in der sie den Terrablock und den Marquese in den höchsten Tönen lobte. Die Kommandanten der Schiffe wurden vorgestellt. Das Flaggschiff NIMH wurde von der Terranerin Nicola Posny befehligt. Posny wuchs in den Karpaten im terranischen Rumänien auf. Ihr Äußeres war unscheinbar. Sie hatte eine sehr altmodische Frisur mit schulterlangen Haaren, ein verbrauchtes Gesicht und sehr starke Hände. Diese Eigenschaft kam von ihrem Hobby; der Gartenarbeit. Posny hatte vorher als wissenschaftliche Assistentin gearbeitet und nach einem Lehrgang das Kommando über die NIMH bekommen. Der Befehlshaber der SLEEPY HOLLOW war der fette Rudger Ricardo. Er hatte kaum mehr Haare, und seine Uniform schien jeden Moment von den Fettmassen zerrissen zu werden. Ricardo war ein sehr ruhiger und unauffälliger Mensch vom Volk der Epsaler. Der Kommandant der BLAIR WITCH war der Blue Zaröty Plüky. Auch über ihn gab es wenig zu berichten. Er war stolzer Familienvater von dreiundzwanzig Sprösslingen und lebte auf Gatasy. Nach der Abschiedsrede des Marquese machten sich die Besatzungsmitglieder daran, ihr Schiff zu erreichen und ihren Posten einzunehmen. Alles war bereit für eine Expedition in die fremde Galaxis Seshonaar.
Nicola Posny betrat die Kommandozentrale der NIMH. Die Zentrale wurde von 20 Männern und Frauen besetzt. Sie durchmaß etwa einhundert Quadratmeter. Der Antigrav stand auf einer kleinen Empore. Posny ging zum Geländer und ließ ihren Blick über die gesamte Kommandobrücke schweifen. Direkt unter der Empore, die sich langsam zum Boden senkte, befand sich der Platz der Kommandantin. Daneben ein Beraterplatz und der des stellvertretenden Kommandanten. Etwa vier Meter davor waren die Plätze für den Navigator, Orter, Funker und Feuerleitoffizier. Ringsherum waren die Schaltpulte und Sitzplätze für weitere Orter, Funker, Kontrolleure, Wissenschaftler und Sicherheitsoffiziere. Langsam ging Posny zu ihrem Platz und wurde von dem ersten Offizier Col. Ekkifred Lanson begrüßt. Der Terraner aus dem Bundesstaat Schweden war groß gebaut und schlank. Er gehörte zu den Leuten die nicht viel redeten, dafür ihre Mimik spielen ließen. Der Colonel grinste Posny freundlich an. Sie begrüßte die neuen Mitglieder des Schiffes nicht. Das wollte sie auf der ersten Besprechung nachholen. Stattdessen nahm sie Platz und spielte an der Konsole ihrer rechten Armlehne herum. Sie überprüfte, ob alle Besatzungsmitglieder an Bord waren. Sobald dies der Fall sein sollte, würde die NIMH starten. Plötzlich fixierte die Kommandantin ihren Fünften Offizier. Ihre gute Laune verflog innerhalb einer Sekunde als sie ihr Crewmitglied sah. »Miss Walerty!« sprach Nicola Posny streng. Tania Walerty, die Fünfte Offizierin der NIMH, drehte sich um. Sie blickte mit ihren grünen Augen die Kommandantin forschend an. Tania wurde im Jahre 1268 NGZ in dem Bundesstaat Minnesota geboren. Mit ihren 30 Jahren gehörte sie zu den jüngeren Brückenoffizieren. Ihre schwarzen Haare waren schulterlang, ihr schlanker Körper war auf die 1» Zentimeter sehr gut verteilt. Tania war eine Frau, die von jedem männlichen Besatzungsmitglied angehimmelt wurde. Ihr gefiel das und sie zeigte oft etwas mehr als erlaubt war. Gerade das war der Punkt! Nicola Posny blickte Tania erbost an. »Sie wissen, dass nach den Vorschriften des Liga-Freier-Terraner-Sternenflotten-Gesetzbuches der Kragen maximal acht Zentimeter unter dem Kehlkopf geschlossen sein muss. Ich dulde nicht, dass Sie die Vorschriften um mehr als 10 Zentimeter missachten. Wir sind hier auf einem Forschungsschiff und keiner Peepshow, Miss Walerty!« Nicola Posny sprach die Worte mit ihrer rauen Stimme sehr emotionell aus. Die Worte waren hart und die Kommandantin duldete keinen Widerspruch. »Ja, Mam!« knirschte Tania Walerty zwischen den Zähnen hervor und schloss ihre Kombination, bis nur noch die vorgeschriebenen acht Zentimeter Haut zwischen Kehlkopf und Uniform zu sehen waren. »Setzen!« befahl Posny in einem giftigen Ton. Tania befolgte den Befehl und machte sich an ihre Arbeit. Sie war die Funkleitoffizierin und somit für den Funkverkehr verantwortlich. Tania Walerty war in einer behüteten Familie in Minnesota aufgewachsen, die später nach Terrania gezogen war. Sie hatte nach der Schule die Raumflottenakademie besucht. Sie hatte hervorragende Fähigkeiten besessen, die sie jedoch selbst nur bedingt nutzte. Ebenfalls hatte sie von je her ein Problem mit der Disziplin und den Vorschriften, was ihr oft Rückschläge bereitet hatte. Tania wurde von einer Freundin aus den Akademietagen überredet, nach Cartwheel zu ziehen. Dort hatte sie einen Posten auf dem Forschungsschiff GERONDIA bekommen, wo sie sich vorbildlich benommen hatte. Sie wurde befördert und kam zum 500-Meter-Forschungsschiff NIMH. Dort hatte sich auch ihre Abneigung gegen die exzentrische Kommandantin Capt. Nicola Posny entwickelt. Schon seit den ersten Tagen konnten sich die beiden Frauen nicht leiden. »Die Alte hat heute wieder schlechte Laune«, hörte Walerty eine Stimme neben sich. Sie gehörte Kyrsten Wiffen, der Ortungsleitoffizierin. Die dicke Terranerin versuchte Tania wieder aufzuheitern, doch mehr als ein gequältes Lächeln konnte die junge Terranerin aus Minnesota nicht erwidern. »Achtung, Zivilisten auf der Brücke«, meldete der Sicherheitsoffizier Kulumbri Waspesi. Der Afroterraner stand steif an dem Antigrav und ließ die neuen Passagiere gewähren. Nicola Posny erhob sich von ihrem Sessel und blickte verwundert die drei Gestalten an. Die erste Person war die neue Bordärztin Jennifer Taylor. Sie war vorher Ärztin der IVANHOE gewesen, hatte sich jedoch freiwillig für diese Expedition gemeldet. In einem langen Gespräch mit Admiral Xavier Jeamour hatte sie ihm erklärt, dass sie nach neuen Herausforderungen suchen würde. So willigte er ihrer Versetzung ein. Das kam allen Beteiligten an Bord der NIMH auch sehr entgegen, da man eine fähige Bordärztin gebrauchen konnte. Der Mann hinter ihr wirkte wie ein typischer Abenteurer, den man aus guten alten Filmen kannte. Sein Cowboyhut, die ausgetretenen Stiefel und die braune, verstaubte Jacke machten jedem deutlich, dass er ein Archäologe war. Ben Strout nahm seinen Hut ab und begrüßte die Brückencrew. Der Mann dahinter machte einen ganz anderen Eindruck. Er trug auch viel weniger. Sein Oberkörper wurde nur von einem Umhang bedeckt. Über die Brust war ein Gurt für den Köcher gestreift. Eine lange weiße Hose und Fellstiefel bedeckten den unteren Teil des gestählten Körpers. Die langen Haare hingen bis zur Schulter. In den starken Händen hielt der Mann den Bogen für seine Pfeile. An seinem Gürtel hingen diverse Werkzeuge und Waffen. »Sandal Tolk, welche Freude«, begrüßte Posny den Ehrengast. Tolk machte eine Ehrenbezeugung. Der Barbar von Exota Alpha war in den letzten Monaten kaum zum Einsatz gekommen. Er langweilte sich schrecklich in Cartwheel und hatte oft überlegt, wieder nach Exota Alpha in der Milchstraße zurückzukehren. Doch sein Freund Joak Cascal konnte ihn vom Gegenteil überzeugen. Nun hatte Tolk endlich einen Auftrag. Die letzten knapp zwei Jahre in Cartwheel hatte er die Ausbildung von Elitekämpfern übernommen. Zweifellos eine Aufgabe die der Hüne bestens bewältigen konnte, doch er sehnte sich nach dem Abenteuer, dem Kampf. Er war ein Krieger und ohne Krieg war sein Leben relativ sinnlos. Tolk hatte keine Familie mehr. Was sollte er in Friedenszeiten machen? Er und Joak Cascal hatten nach dem Sieg über die MORDRED und dem drohenden Konflikt mit Dorgon ausgemacht, wenn alles vorbei sein sollte, dass sie sich eine neue Frau suchen würden und ein bürgerliches und normales Leben führen wollten. Tolk mochte diese Idee, doch er wusste auch, dass es noch lange dauern würde. Immer mehr kristallisierte sich die Macht MODRORs. Erst die MORDRED, dann das Reich Dorgon, die Vernichtung Saggittors durch den SONNENHAMMER, die Söhne des Chaos, die Bestechung der Dscherro. Was kam als nächstes? Der Kampf gegen MODROR, Rodrom, Cau Thon, Goshkan und all die anderen würde noch viele Jahre dauern, doch Tolk scheute diesen Kampf nicht. Er war bereit ihn bis zum bitteren Ende zu kämpfen und auch zu sterben, wenn es der Wille seiner Götter war. Der Barbar von Exota Alpha lief langsam die seitlich verlaufende Empore herunter und stellte sich vor Capt. Posny. Ihm folgten Dr. Taylor und Dr. Strout. Jennifer Taylor lächelte die Kommandantin an und reichte ihr die Hand. Posny ergriff sie und drückte fest zu. Ein kurzes Lächeln huschte über ihre spröden Lippen. »Und Sie beiden sind also unsere Wissenschaftler. Nun, willkommen an Bord. Meine Erwartungen sind hoch.« Die Stimme von Nicola Posny klang scharf. Es war eine kleine Provokation gegen die neuen Besatzungsmitglieder. Jennifer Taylor blickte Posny etwas verwundert an. Strout machte einen eher gelangweilten Eindruck, während Tolk durch die Kommandostation wanderte. »Sie können jetzt rühren. Wir bereiten den Start vor. Ich möchte alle Besatzungsmitglieder bitten, die nichts auf der Brücke verloren haben, sie umgehend zu verlassen.« Taylor und Strout sahen sich vielsagend an. Dann machten sie sich auf den Weg zum Antigrav. Tania Walerty stand auf und wollte noch rasch ihre Freundin begrüßen. »Jennifer!« rief sie freudig. Sofort wurde ein sanftes Lächeln auf die ebenen Lippen der Bordärztin gezaubert. Die beiden alten Freundinnen aus Akademiezeiten begrüßten sich mit einer Umarmung. Tania Walerty und Jennifer Taylor hatten sich auf der LFT-Sternenflottenakademie kennen gelernt. Während der Grundausbildung auf einem Raumschiff hatten sich beide angefreundet und wurden die besten Freundinnen. Nachdem sich Taylor für die Medizin und Walerty für die Navigation entschieden hatten, wurde Taylor ein Posten bei Camelot angeboten. Walerty hatte sich jedoch entschlossen, bei der LFT zu bleiben. Erst nach der Auflösung Camelots und der Ernennung Perry Rhodans als Terranischen Residenten hatten sich beide Freundinnen wiedergetroffen und Taylor hatte es geschafft, Tania Walerty dazu zu überreden, nach Cartwheel aufzubrechen. Dort hatte Walerty zuerst einen Posten auf der GONDONIA und danach auf der NIMH übernommen. Jetzt trafen sie sich endlich wieder. Nicola Posny hatte wenig Verständnis dafür. »Miss Walerty! Dafür haben Sie später Zeit. Kehren Sie jetzt auf ihren Platz zurück!« herrschte die Kommandantin ihre Untergebene an. Tania zuckte zusammen. Wütend drehte sie sich um und wollte etwas sagen, doch Jennifer gab ihr einen Impuls auf den Oberarm, der hr zu Besonnenheit riet. Walerty riss sich zusammen und setzte sich auf ihren Platz. Sandal Tolk hatte seinen Rundgang in der Zentrale beendet. »Nettes Schiff«, sagte er knapp. »Aber zu wenig Waffen!« »Das ist kein Kriegsschiff sondern ein Explorerschiff«, warf Posny ein. Tolk musterte sie von oben bis unten und gab einen grimmigen Laut von sich. Er mochte es nicht, unvorbereitet in das Unbekannte vorzudringen. »Und nun verlassen Sie bitte meine Zentrale. Wir wollen jetzt starten«, sprach Posny unfreundlich. Tolk warf ihr einen unfreundlichen Blick zu und verließ die Brücke, gefolgt von Ben Strout und Jennifer Taylor. Dann gab die Kommandantin den Befehl zum Start an den Ersten Offizier und Navigatoren Ekkifred Lanson. Kurz nach dem Start rief Nicola Posny die wichtigsten Crewmitglieder zu einer Besprechung zusammen. Der Besprechungsraum war recht groß mit drei weißen Wänden. Die vierte Wand bestand aus einem Fenster, durch das man im Moment das immer kleiner werdende Mankind und zahllose Sterne erkennen konnte. Eine Glasvitrine an der gegenüberliegenden Wand beherbergte Statuen von großen Entdeckern und Erfindern wie Christoph Kolumbus, James Cook, Amerigo Vespucci, Albert Einstein, Arno Kalub und Geoffrey Abel Warringer. In einer anderen Vitrine waren Modelle von bekannten und legendären Raumschiffen wie STARDUST, TITAN, MARCO POLO, BASIS und SOL. An der dritten Wand stand ein Board, auf dem sich kleinere Apparaturen wie Datenspeicher oder auch Getränkeproduzierer befanden. In der Mitte des Raumes befand sich ein gläserner Tisch mit zwölf Sitzplätzen. Acht davon waren besetzt. An den beiden Kopfenden saßen jeweils die Kommandantin Nicola Posny und der Barbar von Exota-Alpha, Sandal Tolk. Rechts von Posny hatten Dr. Jennifer Taylor, Tania Walerty und Dr. Ben Strout Platz genommen. Auf der Linken waren der Erste Offizier Ekkifred Lanson, der Sicherheitschef Kulumbri Waspesi sowie Klavus Wiffen. »Wir haben den Orbit von Mankind verlassen und steuern auf den Rand von Cartwheel zu«, erklärte Posny. »Nach einem kurzen Zwischenstopp auf dem Planeten Yorkworld fliegen wir in Richtung Seshonaar.« Sie musterte jeden der Teilnehmer. Bevor sie weitersprach, zündete sie sich eine Zigarette an. Posny war das, was man eine Kettenraucherin nennen konnte, fast unentwegt nuckelte sie an einem der Glimmstängel. »Haben sich die neuen Mitglieder eingearbeitet?« Jennifer Taylor erhob als erste das Wort. »Ich habe mir die Krankenstation angeguckt. Sie ist nicht so umfangreich wie die der IVANHOE, aber ich denke, dass wir auch im Notfall medizinisch alles im Griff haben.« Posny verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Es freut mich, dass es unserer Stardoktorin gefällt«, sagte sie abfällig. Jennifer suchte den Blickkontakt zu Tania. Ihre Freundin verdrehte vielsagend die Augen. Dr. Taylor erwiderte die Aussage der Kommandantin mit einem gequälten Lächeln. Nun erhob Ben Strout das Wort, der völlig ruhig gewesen war. »Mein Forschungslabor ist sehr gut eingerichtet. Jedoch kann ich erst sagen, ob ich mich eingearbeitet habe, wenn es etwas zu tun gibt.« Nicola Posny sah in schweigend an und nickte schwach ihr Haupt. Dann ruhten ihre Blicke auf Sandal Tolk. Für einen kurzen Moment befanden sich beide in einem Blickduell, welches Posny eindeutig verlor. Ihr Blick senkte sich auf den Tisch. Sandal Tolk stand auf. »Ich werde die Kampfausbildung der Soldaten an Bord übernehmen. Wir wissen nicht, was uns in Seshonaar erwartet. Wir müssen auf alles vorbereitet sein! Auf den Nahkampf, die Jagd nach Wild, das Überleben in ungastlichen Regionen«, erklärte der Barbar von Exota-Alpha in einer für seine Verhältnisse sehr langen Ansprache. »Die Besatzung muss auch in der Lage sein, mit den dort neuen Verhältnissen umgehen zu können«, warf Strout ein. Er machte eine umfassende Geste. »Wir treffen auf neue Kulturen, werden vielleicht Ausgrabungen auf Planeten durchführen und uns gegen die dortige Flora und Fauna durchsetzen müssen.« »Danke, Mr. Strout für Ihre Anregung. Ich bin keine Idiotin! Ich weiß sehr wohl, was auf uns zukommen wird«, entgegnete Posny. Ihre Stimme bebte. Anscheinend hatte die Kommandantin ein großes Autoritätsproblem, vermutete der verdutzte Strout. Er fühlte sich vor den Kopf gestoßen. »Ich wurde engagiert, um Sie zu beraten. Wenn Sie alles schon wissen, warum bin ich dann hier?« Posny lächelte abfällig. »Stellen Sie sich nicht wie eine Mimose an, Mr. Strout. Sie werden noch zum Zuge kommen.« Strout sah die Kommandantin mit steinerner Miene an. Er fragte sich, wie dieser Drache es geschafft hatte, die Kommandantur über eine so wichtige Expedition zu bekommen. Er beschloss vorerst zu schweigen und lehnte sich in den Sessel aus Formenergie zurück. Ein Servo brachte den Teilnehmern der Besprechung Kaffee und Kaltgetränke. Strout entschloss sich für kaltes, frisches Wasser. Der Ezialist konnte koffeinhaltigen Getränken wenig abgewinnen. Nach etwa einer Stunde und diversen Diskussionen über die Einzelheiten des Vorgehens wurde die Besprechung von der Kommandantin beendet. Jeder kehrte an seinen Arbeitsplatz zurück.
Die NIMH war inzwischen mehr als zwei Wochen unterwegs. Das Raumschiff des Terrablocks hatte vor 12 Tagen Cartwheel verlassen und bereits 1,2 Millionen Lichtjahre zurückgelegt. Es würde noch etwa weitere 14 Tage dauern, bis das Raumschiff den Randbereich von Seshonaar erreichte. Für die meisten Crewmitglieder war wenig zu tun. Der Alltag bestand aus Kontrollen und Berechnungen. Dr. Taylor freute sich über jeden Grippepatienten, Ben Strout und Sandal Tolk langweilten sich unendlich. Während der Ezialist überhaupt nichts zu tun hatte, trainierte Tolk immerhin mit einigen Soldaten und konnte so seine Kraft unter Beweis stellen. Am Abend des 29. April 1298 NGZ trafen sich die Führungsoffiziere zu einem gemütlichen Abend. Die Kommandantin war auch anwesend, was eine Seltenheit war. Sie schien für einige Stunden die Vorschrift und die Ränge zu vergessen. Tania Walerty, Ekkifred Lanson, Jennifer Taylor, Klavus Wiffen und Ben Strout waren neben Nicola Posny selbst anwesend. Die Runde saß gemütlich an einem Glastisch in der Kabine von Ekkifred Lanson, dem Ersten Offizier der NIMH. Auch Posny trank einen Vurguzz, der ihr jedoch schwer bekam. Klavus Wiffen, der Maschinenchef, hingegen konnte viel vertragen. Der gedrungene Terraner war ein einfacher und direkter Mann. Er war einmalig auf seinem Gebiet und verband strenge Arbeit mit seinem einmaligen Humor. Klavus trank seinen Vurguzz aus und gestikulierte wild: »Kennt ihr schon bluesisches Glücksrad? Ich kaufe ein ›Ü‹: Bing – Bing – Bing – Bing... Oder der: Wie lautet die Werbung für Urlaub auf Arkon? Kommen Sie zu uns, bevor wir zu Ihnen kommen!« Klavus und Ekkifred lachten sich über die Witze kaputt. Auch Strout, Taylor und Walerty musste darüber schmunzeln. Tolk verzog wie immer keine Miene und Posny schüttelte humorlos den Kopf. Tania und Jennifer plauderten über die guten alten Zeiten auf der Raumakademie. Die beiden Terranerinnen kicherten über ihre damaligen Abenteuer und Erlebnisse. »Kannst du dich noch an den General erinnern, der immer auf seiner Vorschrift pochte?« erinnerte sich Tania Walerty. »Einmal hatte ich Hunderte von Kopien gemacht und sie als Toilettenpapier verteilt, um ihm zu zeigen, was wir davon halten. Das war lustig!« »Miss Walerty!« mischte sich Nicola Posny herrisch ein. »Die Vorschriften sind von klugen Männern geschrieben worden. Die haben wesentlich mehr gewusst als Sie. Auf meinem Schiff haben Sie gefälligst die Vorschriften zu beachten, wenn Sie noch lange auf der NIMH bleiben wollen!« Die Stimmung war fortan sehr gedrückt. Posny ermahnte Walerty, wo es nur ging. Es fiel Dr. Taylor sehr schnell auf, dass die Kommandantin einen persönlichen Groll gegen Tania Walerty hatte. Sie hoffte, dass er sich irgendwann legen würde, denn ansonsten war auch Streit zwischen ihr und Posny vorprogrammiert.
Am 17. Mai 1298 NGZ erreichte die NIMH die ersten Ausläufer der Spiralgalaxie Seshonaar. Sie hatten innerhalb von 32 Tagen 3,5 Millionen Lichtjahre zurückgelegt und ihr Ziel erreicht. Was würde sie nun erwarten? Um 5:30 Uhr war es soweit. Capt. Nicole Posny betrat die Kommandozentrale, als die Ortungsleitoffizierin Kyrsten Wiffen das erste Sonnensystem auf der Ortung entdeckt hatte. Capt. Posny forderte die schwergewichtige Terranerin auf, eine Holografie zu starten. Umgehend erschien ein Abriss des Sektors. Langsam wurde auf das erreichte Sonnensystem gezoomt. »Zwei Sonnen, siebzehn Planeten«, erklärte Wiffen. »Davon besitzt jedoch keiner eine atembare Sauerstoff oder Methanatmosphäre. Lebensform sind hier nicht auszumachen.« »Eine Vergrößerung der Karte!«, kommandierte Posny. »Wir suchen nach neuen Systemen. Rufen Sie Strout auf die Kommandobrücke!« Der Ezialist erreichte sehr schnell die Zentrale. Außer Atem beobachtete er das systematische Absuchen der Karte nach bewohnbaren Sonnensystemen. Es wurde nun deutlich, dass die NIMH einen Außenarm der Spiralgalaxie erreicht hatte. Es dauerte über zwei Stunden, bis die Ortung brauchbare Daten lieferte. Die Vorgehensweise war simpel, aber sehr langwierig. Jedes Sonnensystem wurde einzeln analysiert, der Abstand zwischen Sonne und Planeten, die Zusammensetzung der Atmosphäre und eine Komplettortung der Oberflächenstruktur einer Welt. Um 7:40 Uhr summte ein Warnsignal auf. Es bedeutete, dass man eine Welt mit Leben gefunden hatte. Posny forderte sofort einen umfangreichen Bericht über das Sonnensystem und den Planeten. Ben Strout sah sich die Daten an, die ihm von dem syntronisch-positronischen Rechner geliefert wurden. Lt. Cmdr. Wiffen überprüfte die Daten akribisch, um etwaige Fehler auszuschließen. Schließlich las der Allroundwissenschaftler die Ergebnisse vor: »Es handelt sich um ein Sonnensystem, welches 119 Lichtjahre von hier entfernt ist. Um die blauweiße Sonne der Spektralklasse O kreisen insgesamt vier Planeten. Auf drei von ihnen existieren Ozeane und eine atembare Sauerstoffatmosphäre. Die Schwerkraft auf den einzelnen Welten liegt zwischen 0,90~g und 1,58~g. Lebensformen werden eindeutig geortet, eine genauere Identifizierung ist jedoch nicht möglich ohne näher heranzufliegen.« Capt. Posny blickte zu ihrem Sicherheitsoffizier Kulumbri Waspesi. Der hochgewachsene Afroterraner hob eine Augenbraue. »Wir können uns bedenkenlos dem System nähern. Wir haben keinerlei Hyperfunkwellen aus diesem System empfangen. Das lässt auf eine primitivere Kultur schließen.« »...von der wir aber auch etwas über Seshonaar lernen können«, warf Strout ein, um den endlosen Diskussionen über den Sinn der Erforschung des Planeten vorzugreifen. »Also gut. Col. Lanson, bringen Sie uns zu dem Sonnensystem«, erklärte Posny ohne lange darüber nachzudenken. Sie wollte die Expedition ins Rollen bringen. Endlose Debatten brachten keinen weiter. Es mussten Taten folgen. Noch am selben Vormittag trat Capt. Posny mit den Kommandanten der SLEEPY HOLLOW und BLAIR WITCH in Kontakt. Cmdr. Rudger Ricardo war der Oberbefehlshaber der SLEEPY HOLLOW. Der dickbäuchige Fleischberg mit der hohen Stirn begrüßte die Kommandantin freundlich. Neben ihm saß Cmdr. Wladymr Chruxkov. Der Kommandant der BLAIR WITCH war von der Erscheinung klein und schlank. Er stammte aus Kiew. »Meine Herren, wir erreichen in Kürze das erste anscheinend bewohnte System von Seshonaar. Wie gehen wir weiter vor?« »Wir haben drei Schiffe. Jedes Schiff erforscht einen der Planeten«, schlug Chruxkov vor. »Dann tragen wir nach einem Tag unsere Ergebnisse zusammen und sehen weiter.« Rudger Ricardo nickte stumm und futterte zwei Stück Kuchen. Der Kommandant der SLEEPY HOLLOW war ein exzentrischer Epsaler. Mit seinen 279 kg Lebensgewicht ein Felsbrocken und fast schon furchteinflößend, doch der Kommandant hatte große Probleme sich durchzusetzen und widmete sich lieber seinem Hobby, dem Essen. Nicola Posny sah das Nicken als Zustimmung an und beendete die kurze Besprechung. Am 18. Mai 1298 NGZ um 1:25 Uhr erreichten die drei Schiffe aus Cartwheel das fremde Sonnensystem mit der blauweißen Sonne. Wenig später schwärmten mehrere Space-Jets aus der BLAIR WITCH und NIMH aus. Nur die SLEEPY HOLLOW landete selbst auf einen Planeten. Die Erforschung begann.
Capt. Nicola Posny leitete die Operation von der NIMH aus. Commander Chruxkov umflog die Planeten, während die SLEEPY HOLLOW und Rudger Ricardo den größten Planeten anflogen. Die Daten dieser Welt wurden übermittelt. Posny sah sie sich genau an. Die Schwerkraft auf dem 219~000 Kilometer durchmessenden Planeten betrug 1,58 g. Die drei Kontinente waren mit Berglandschaften, Dschungeln und Wüsten übersäht. Die Welt besaß zwei Polkappen aus ewigem Eis. Rudger Ricardo taufte diesen Planeten »First Meal«, denn es war der erste Planet in Seshonaar, wo er etwas essen würde. Posny und Chruxkov fanden diesen Vergleich etwas seltsam und tauften die zweite und dritte Welt in »First Place« und »First Step«. Das System wurde »First Meet« getauft. Vier Space-Jets der NIMH landeten auf der Welt First Place. Mit an Bord waren auch Ben Strout, Kulumbri Waspesi, Tania Walerty, Dr. Jennifer Taylor und Sandal Tolk. Der Barbar von Exota-Alpha sicherte mit einigen Soldaten die Flanken, während Strout sofort mit der Analyse des Planeten anfing. Er fand heraus, dass First Place eine Schwerkraft von 1,02~g hatte und somit ziemlich erdähnlich war. Die Welt besaß nur einen gewaltigen Kontinent, der alles bot, was man sich vorstellen konnte. Wüste, Regenwälder, Eis und Schnee, Bergketten, gewaltige Flüsse und Seen. Das Team der Space-Jet bestand aus vierzehn Männern und Frauen. Drei Roboter und zwei Offiziere sollten die Space-Jet bewachen, während die anderen unter der Führung von Ben Strout und Sandal Tolk den Planeten erforschen wollten. Die kleine Gruppe musste sich durch das Dickicht durchkämpfen. Tolk und Strout gingen voran. Sie hatten die größten Erfahrungen im Dschungel. Kulumbri wies seine Leute an, die Schlingpflanzen zu desintegrieren, was Strout nicht gut fand, da er es als massiven Eingriff in die Natur sah. Kulumbri war dies egal. Nach einer Weile erreichten sie ein Tal. Was sie dort erblickten, faszinierte jeden einzelnen von ihnen. Riesige Herden von Sauriern und noch gigantischen Insekten. 20 Meter große Ameisen, Käfer, Libellen und Bienen. »Unglaublich! Auf dieser Welt scheinen zwei dominante Formen zu existieren. Saurier und Insektoiden«, murmelte Strout erstaunt. »Wie meinen Sie das?« wollte Jennifer Taylor wissen. »Nun, auf der Erde gab es immer bestimmte Dynastien für eine besondere Spezies. Insektoide, dann die Dinosaurier bis hin zu den Hominiden und Menschen. Doch alles war immer nacheinander, nicht zur selben Zeit. Hier scheinen Insektoiden und Saurier in der dominanten Phase zur gleichen Zeit zu existieren. Sehr ungewöhnlich.« Taylor verstand schnell. Sie war Medizinerin und somit nicht ganz unvertraut mit dominanten und rezessiven Kulturen. Das Zeitalter der Dinosaurier auf der Erde dauerte fast Zweihundertmillionen Jahre. Nach deren Aussterben brach die Zeit der Säugetiere an. Insekten hatte es zwar in jeder Epoche der Menschheit gegeben, doch in dem buchstäblich großem Ausmaß wie auf First Place niemals. Zwei so gewaltige Ordnungen wie Insektoiden und Saurier nebeneinander waren ein anthropologisches Wunder. »Vorsicht!« rief Tolk. Ein etwa 30 Meter hoher Saurier wanderte durch das Tal. Er war größer als alles andere und erinnerte an einen Drachen aus der altterranischen Mythologie. Jeder seiner Schritte löste ein mittleres Erdbeben aus und warf die kleinen Menschen zu Boden. »Wir kehren zur Space-Jet zurück und ziehen unsere SERUNs an«, forderte Waspesi. Tolk lehnte ab, da ihm so ein Anzug nur hinderlich war.Strout wollte das auch nicht. Er war Wissenschaftler und wollte mit seinen eigenen Händen die Untersuchungen anstellen, wenn es machbar war. Da First Place über eine sehr saubere Atmosphäre verfügte, nahm er das Risiko in Kauf. »Ich muss Sie nochmals auffordern, zum Schiff zurückzukehren, um die SERUNs anzulegen, sonst...« Waspesi stockte. Das riesige Ungetüm drehte sich um und fing an zu laufen. Es zertrampelte den halben Wald und schien auf etwas Jagd zu machen. »Wo rennt das Monster hin?« wollte Tania Walerty wissen. »Ich habe da eine Befürchtung«, murmelte Strout und lief los. Sofort folgten ihm die anderen. Sie nahmen den Weg zurück zur Space-Jet.
Die SLEEPY HOLLOW war auf einem Hügel gelandet. Vor ihnen lag ein freies Feld. Rudger Ricardo saß in seinem großen Kommandosessel, der aus besonders weich eingestellter Formenergie bestand. »Vrank Asteroid?« »Was ist denn los, Commander Rudger Ricardo?« »Wie ist die Lage?« Der ebenfalls gut genährte dunkelhaarige Erste Offizier, Vrank Asteroid, lief auf seinen Oberbefehlshaber zu. »Sir, wir sind gelandet. Vor uns ist ein Tal mit Graslandschaft. Keine Besonderheiten.« Da mischte sich der Ortungsleiter ein. Heiny Alstair, ein grauhaariger und ständig rauchender Terraner, berichtete: »Unsere Sensoren zeigen einen ungewöhnlichen Energiehaushalt in dem Tal an. Es scheint so als wäre da etwas, was wir nicht sehen können.« Rudger Ricardo lauschte der trägen und alten Stimme seines Zweiten Offiziers. Er erhob sich ächzend aus dem Energiesessel. »Vrank Asteroid, stellen Sie ein Team zusammen. Wir untersuchen das Tal mit größter Genauigkeit. Ich möchte, dass wir vor dem Mittagessen noch fertig sind.«
Die zwölfköpfige Gruppe rannte zur Space-Jet zurück, doch auf halbem Wege hörten sie bereits Energieschüsse. Der Saurier griff anscheinend die Space-Jet an. Waspesi versuchte, per Funk die Space-Jet zu erreichen. Es meldete sich Leutnant Clarks. »Sir, das Biest greift uns an. Schutzschirm aktiviert. Ich starte!« »Nein, bleiben Sie am Boden!« befahl der Sicherheitschef der NIMH, doch Clarks hörte ihm nicht mehr zu. Die Space-Jet stieg auf und umkreiste den Saurier als plötzlich ein Energiestrahl von irgendwo her den Raumer traf, der sofort ins Trudeln geriet. »Hier Clarks, Schutzschirme ausgefallen. Bitte um Befehle!« hörte Waspesi die angsterfüllte Stimme des Piloten. Anstatt das rationellste zu tun, außerhalb der Reichweite des Sauriers zu fliegen, verlor die Space-Jet an Höhe und wurde regelrecht gejagt, bis das gigantische Echsenwesen mit seiner langen Schnauze die Space-Jet zu fassen bekam und durchbiss. Tania Walerty stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Die beiden Besatzungsmitglieder waren tot, die Space-Jet vernichtet. Das riesige Wesen trampelte langsam in ihre Richtung. »Weglaufen!« brüllte Tolk. Sofort liefen alle zwölf Menschen von dem grünen Raubtier weg. Es schien die Fährte aufgenommen zu haben und rannte hinterher. Schnell hatte es die Gruppe eingeholt. Sandal Tolk blieb stehen und feuerte mit allem, was er hatte, auf das Wesen. Es nützte bei der Größe wenig. Bevor das Wesen ihn schnappen konnte, warf er sich auf den Boden und kugelte einen Abhang hinunter. Strout nahm Walerty am Arm und sprang in eine Mulde. Jennifer Taylor und Kulumbri Waspesi versteckten sich mit fünf anderen Soldaten im dichten Gebüsch. Zwei Schreie ließ jeden der zehn hochschrecken. Zwei von ihnen hatten es nicht geschafft. Allerdings verfügte noch jeder über einen Interkomsprechgerät. Sofort konnte man sich so finden. Kaum angekommen, wollte Waspesi Kontakt mit der NIMH aufnehmen. Er berichtete Capt. Posny von dem Zwischenfall und den Verlust von vier Leben. Posny orderte sofort den Rückzug an und informierte die anderen Space-Jets auf First Place. Eine davon sollte das Team abholen. Da überschlugen sich plötzlich die Funksprüche. Überall auf First Place wurden die Space-Jets beschossen. Zwei stürzten ab, die dritte konnte entkommen. Den Space-Jets auf First Step erging es nicht anders. »Unsere Hilfe scheint gerade abgeschossen worden zu sein«, sagte Waspesi mit belegter Stimme. Ein Erdbeben und ein lautes Sirenenheulen ließ sie hochschrecken. Strout und Tolk rannten sofort los, um zu sehen, was passiert war. Sie kletterten auf einen Baum, doch sie konnten nichts erkennen. Waspesi kam ihnen mit seinem SERUN entgegen. »Sehen Sie wozu ein SERUN gut ist, Sirs?« meinte er ohne die Miene zu verziehen. Er stieg mit dem Allzweckanzug über den Wald und berichtete über Funk. »Zwei große Türme im Norden und Süden ragen plötzlich aus dem Boden. Ein grünes Leuchten geht von Ihnen aus. Sie umspannen den gesamten Horizont mit dem Leuchten. Ich vermute ein Schutzschirm oder so etwas. Nein, jetzt verschwindet das Leuchten, das heißt es wird zu zwei Strahlen gebündelt und ihn den Himmel gestrahlt.« »Kommen Sie wieder herunter«, forderte Tolk, doch Waspesi war noch nicht ganz fertig. »Gleich! Laut Berechnung meines Pykosins bestrahlen die Türme die Planeten mit einem Schutzschirm!« Kurz danach flog der Afroterraner wieder auf den Boden. Strout überprüfte die Berechnungen und fand keinen Fehler. Die Türme, wo immer sie auch herstammten, mussten die beiden anderen Planeten in einen Schutzschirm hüllen. »Ich gehe davon aus, dass Capt. Posny die Türme vernichten wird«, vermutete Tania Walerty. Sie war ziemlich beunruhigt. Waspesi nahm wieder den Kontakt mit der NIMH auf. Er erhielt Bestätigung. Es waren bereits Space-Jets auf dem Weg. Kaum hatten sie die Verbindung beendet, hörte die Gruppe ein lautes Donnern. Der Himmel erhellte sich. Strout schnappte sich das Interkomgerät. »NIMH, was ist passiert?« Die Stimme von Ekkifred Lanson erklang. Tonlos sagte er: »Sie verfügen über eine große Kanone. Wir können uns nicht nähern, sonst fegen die uns weg. Die Space-Jets wurden vernichtet.« Strout musste sich hinsetzen. Er sah in die Gesichter der anderen. Alle drückten Ratlosigkeit und Verzweiflung aus. Nur eines nicht. Das von Sandal Tolk. Er griff sein Sprechgerät und funkte zur NIHM: »Wir übernehmen das hier. Halten Sie sich zurück. Unsere Gruppe wird die Schutzschirme und Waffen vernichten.« »Sie haben keine Chance, Tolk«, meldete sich Capt. Posny. »Zehn Leute können gar nichts ausrichten. Warten Sie, bis wir einen Weg gefunden haben. Wir werden versuchen die Schutzschirme zu beschießen, um die SLEEPY HOLLOW zu befreien.« »Die SLEEPY HOLLOW?« forschte Tolk nach. »Ja, sie ist auf First Meal gefangen. Der Funkkontakt ist abgebrochen. Wir wissen nicht, was mit ihnen ist.« Tolk blickte in die Runde. Dann entsicherte er seine Energie-Projektilwaffe. »Wir übernehmen das. Ende!« Bevor Nicola Posny ihren Einspruch erheben konnte, hatte Tolk die Verbindung beendet. Er musterte seine Gefährten. »Wir müssen die Station erforschen und die Schwächen herausfinden. Wer kommt mit?« Stille. Dann schließlich meldete sich Jennifer Taylor als erste. Kurz danach auch Tania Walerty und auch Ben Strout willigte ein. Waspesi war nicht sonderlich wohl zumute, doch der Sicherheitschef der NIHM sah keine Alternative. Letztlich entschlossen sich alle mitzukommen. So brach die zehnköpfige Gruppe zu dem Nordturm auf.
Der Weg zu dem Nordturm war lang und beschwerlich. Die Gruppe musste sich durch dichtes Gebüsch durchkämpfen und überall lauerten gefährliche Tiere. Riesenarachnoiden und ebenso große Insektoiden griffen das Team oftmals an. Dank Sandal Tolk wurde die Gefahr sehr schnell gebannt. Doch nicht nur unheimliche Wesen, sondern auch wundervolle noch nie gekannte Arten von Raupen, Schmetterlingen und unidentifizierbaren Wesen krabbelten und flogen den zehn Cartwheelern über den Weg. Die Flora war einmalig. Hundert Meter hohe Urwaldbäume ragten in den Himmel. Tausende von verschiedenen Pflanzen zierten das gesamte Tal. Ben Strout war von der Botanik überwältigt. Doch niemand sollte sich durch die schöne Natur täuschen lassen. Sie war ebenso gefährlich, wie man vor wenigen Stunden herausgefunden hatte. Und irgendwo in diesem Wald lauerte die Gefahr durch eine technische Zivilisation, die die beiden Türme und die Abwehrkanone gebaut haben musste. Mühevoll kletterte die kleine Gruppe den Berg zu dem über zweihundert Meter hohen Turm hoch. Strout machte auf dem Weg einige Analysen, die sich als äußerst wertvoll erwiesen. Die beiden Türme standen exakt in einem Abstand von zehn Kilometern zueinander; in der Mitte der Verbindungslinie befand sich eine Station, neben der auch die Abwehrkanonen standen. Ben Strout vermutete, dass dort das Herz für diese Bauten lag. Er versuchte Sandal Tolk davon zu überzeugen, doch der Barbar von Exota Alpha wollte sich zuerst den Turm ansehen. Die Neugier war stärker als die Vernunft. Doch niemand wusste, wie es wirklich in Tolk aussah. Innerlich brodelte er. Seit langem hatte er sich auf den Kampf vorbereitet und nun hoffte er, jede Sekunde einen würdigen Gegner gegenüber zustehen. Nach zwei Stunden hatten sie endlich den ersten Turm erreicht. Die Türme selbst waren von einem Schutzschirm umgeben, der anscheinend von der Station in der Mitte produziert wurde. Sie hatten also keine Möglichkeit, an die beiden Türme heranzukommen. Enttäuscht setzte sich Tolk auf einen Baumstumpf und sortierte seine Waffen. Neben Bogen und Sprengkopf, Säure, und Giftpfeile hatte er noch ein Thermoenergiegewehr mit dabei. Es besaß aber auch ein integriertes Maschinengewehr für Projektilmunition, zwei Stoggsäuresprengköpfe, einen Desintegrator und zehn kleine Impulsraketen mit einer Sprengkraft von 10 Tonnen TNT pro Rakete. Ein normaler Mensch hätte dieses kompakte Waffenarsenal gar nicht tragen können, doch Sandal Tolk war ein Muskelberg, dem es keine Mühe machte. »Was machen wir nun?« fragte er in die Runde. Strout trat ihm entschlossen entgegen. »Wir müssen zu der Station in der Mitte. Wenn wir Glück haben, finden wir dort eine Möglichkeit die Schutzschirme auszuschalten und die Waffen zu deaktivieren«, erklärte der Ezialist. Tolk stand auf. »Gut, gehen wir!« Kurz und knapp wie man es von Sandal Tolk gewohnt war. Er marschierte los und legte dabei ein Marschtempo vor, das vielen Mühe machte. Es war sehr heiß auf dem Planeten. Die Luftfeuchtigkeit lag bei über neunzig Prozent und war schier unerträglich. Nur für Waspesi und drei seiner Leute war es kein Problem mit den Witterungen umzugehen, denn sie befanden sich in SERUNs. Langsam verwünschten die anderen ihren Starrsinn. Hätten sie auch SERUNs angezogen, würden sie nicht so leiden müssen. Nach knapp einhundert Minuten hatten sie die Station in der Mitte der beiden Türme erreicht. Es gab keine besonderen Zwischenfälle. Tolk deutete den anderen mit einer Handgeste an, stehen zubleiben. Dann legte er sich auf den Boden. Die anderen taten es dem Barbaren nach. Strout nahm ein Fernglas und fütterte seinen Pykosin mit Informationen. Nach nur wenigen Momenten hatte der positronisch-syntronische Rechner mit Plasmazusatz von der Hundertsonnenwelt eine Analyse durchgeführt. »Die Station hat einen Durchmesser von fünfzig Metern, eine Höhe von zehn Metern über Normal Null. Unter Normal Null sind es dreihundert Meter. Die Station wird von keinem Energieschirm geschützt. Kleine Projektoren an der Seite versorgen die Türme mit der Schutzschirmenergie. Der dazugehörige Generator befindet sich in zweihundert Metern Tiefe und hat einen Durchmesser von einhundert Metern. Keine biologischen Lebensformen zu orten.« Der Bericht des Pykosin verwunderte einige. »Warum haben die die Station so ungeschützt hier stehen lassen?« wollte Tania Walerty wissen. »Vermutlich ist sie zu klein, um aufzufallen«, vermutete Strout. »Kein Schiff kann sich nähern ohne abgeschossen zu werden. Die Türme sind geschützt, wie auch die Abwehrkanonen.« »Nicht mehr lange«, stellte Sandal Tolk fest und entsicherte seine Waffen. »Warten Sie! Wir wissen nicht, was uns dort erwartet«, versuchte Waspesi den Barbaren von Exota-Alpha aufzuhalten. »Keine biologischen Lebensformen«, brummte Tolk und lief in Richtung Station. Kaum war er losgelaufen, wurde er auch schon beschossen. Mindestens zwei Dutzend Roboter flogen aus der Station. Sie waren pyramidenförmig. Vier Greifarme und vier Waffenarme ragten aus dem eckigen Körper hervor. »Biologische nicht...« flüsterte Strout besorgt. Tolk warf sich hin und feuerte eine Rakete ab. Diese zerstörte vier von den Robotern. Die anderen schossen in die Richtung, wo sich Tolk versteckt hatte. »Wir müssen ihm helfen«, forderte Tania Walerty. Waspesi wollte seine Leute nicht opfern. Er weigerte sich zu einer unüberlegten Handlung hinreißen zulassen. Tania Walerty stellte sich vor den Afroterraner. »Sie sind mir ein großer Held. Sitzen in ihrem SERUN und trauen sich nicht zu kämpfen. Dann muss ich eben ihm alleine helfen!« Wütend schnappte sich Walerty ein Thermogewehr und schoss auf einen der Roboter, der getroffen zu Boden plumpste. Strout und Jennifer Taylor ließen nicht lange auf sich warten und eröffneten ebenfalls das Feuer. »Verdammte Neulinge!« fluchte Waspesi und befahl seinen restlichen Leuten, auf die Roboter zu feuern. Etwa zehn Minuten dauerte das Feuergefecht, bis alle Roboter zerstört waren. Insgesamt dreißig Stück, von denen Tolk allein die Hälfte vernichtet hatte. Leider hatte es auch das Leben von drei Besatzungsmitgliedern der NIMH gekostet. Nun waren es nur noch sieben. Tolk hatte eine übel aussehende Fleischwunde am Arm. Jennifer Taylor wollte ihn notdürftig verarzten, doch Tolk lehnte ab. »Ich habe im Moment keine Zeit für Schmerzen. Die müssen warten.« Taylor konnte das nicht nachvollziehen. Sie beharrte auf die medizinische Versorgung der Wunde, bevor sie sich entzünden würde. Tolk hörte gar nicht mehr zu. Er deutete auf den Eingang der Station. »Wollen wir es wagen?« fragte er Strout. Der Wissenschaftler seufzte laut. »Wir haben wohl keine andere Wahl. Der Generator liegt in einer Tiefe von zweihundert Metern. Wir müssen ihn in die Luft sprengen. Der Pykosin hat berechnet, dass die Explosion mit einer Stärke von etwa 200 Tonnen TNT sein wird. Das reicht aus um die gesamte Station und die Abwehrkanonen zu vernichten.« »Gut«, sagte Tolk. »Ich weiß nicht...« Tolk guckte Strout fragend an. »Wir müssen rechtzeitig weg sein, sonst sind wir auch hinüber. Zwei Kilometer wären eine gute Distanz.«, erklärte Strout. »Zwei Kilometer? Wie sollen wir das schaffen?« wollte Waspesi erstaunt wissen. Tolk grübelte kurz nach, dann sprach er: »Wir haben drei SERUNs. Ich, Strout und Sie, Waspesi, gehen in die Station. Mit den SERUNs können wir uns rechtzeitig in Sicherheit bringen. Die anderen gehen jetzt schon außer Reichweite.« Der Afroterraner schüttelte heftig den Kopf. »Ohne mich! Das ist reiner Selbstmord, Tolk. Das wissen Sie. Ich werde das nicht machen!« »Dann gehe ich!« rief Tania Walerty plötzlich. Ben Strout bewunderte zum zweiten Mal den Mut der dunkelhaarigen Terranerin. Vom Körperbau war sie zierlich und wirkte zerbrechlich, doch sie war sehr tapfer. Waspesi willigte ein. Er stieg aus dem SERUN und nach wenigen Minuten waren die SERUNs getauscht. Sandal Tolk, Ben Strout und Tania Walerty betraten die Station, während Dr. Jennifer Taylor, Lt. Cmdr Waspesi und seine zwei Leute sich von der Station entfernten. Die Station selbst war sehr spartanisch eingerichtet. Hinter dem Eingang befand sich ein großer Raum. Die Wände waren grau. Ein paar Bildschirme und Holografien leuchteten. Hinter der Halle verzweigten sich mehrere Gänge. Die Gruppe entschied sich in den mittleren Gang zu gehen, da laut Ortung am Ende des Ganges der Zugang zum Reaktor war. Es ging mit einem Gefälle von zwanzig Prozent ins Innere der Station. Ben Strout versuchte irgendwelche Schriftzeichen zu entdecken, die ihn Hinweise auf die Erbauer geben würden. Leider erfolglos. Sandal Tolk konzentrierte sich mehr auf potentielle Feinde. Tania Walerty behielt ihr Ortungsgerät im Auge. Die drei schwebten langsam durch die dunklen Gänge. »Ein sehr verwirrendes Gangsystem«, gab die Terranerin von sich. »Vermutlich absichtlich angelegt. Niemand außer den Robotern kennt wahrscheinlich den richtigen Weg.« »Doch«, grinste Tania und deutete auf ihr Ortungsgerät. Auf dem Weg zum Generator fanden sie die Gebeine vieler Saurier und die Chitinpanzer der Insektoiden. Anscheinend waren ab und zu diese Wesen hier eingedrungen und von den Wachrobotern eliminiert worden. »Vorsicht!« warnte Tolk. »Ich vermute, dass hier noch Roboter sind.« »Ich kann keine orten«, erklärte Tania. Doch das beruhigte Tolk noch nicht. Er fühlte sich unwohl in dem SERUN. Lieber hätte er mit nacktem Oberkörper Mann gegen Mann gekämpft. Doch die Vernunft siegte vor der Tradition. Sollten sie den Generator sprengen, hatten sie wenig Zeit, um zu entkommen. Nur mit der Geschwindigkeit des SERUNs konnten sie rechtzeitig fliehen. Tolk hatte sich bereits Gedanken darüber gemacht, wie er den Generator sprengen würde. Der Barbar von Exota-Alpha hatte noch sieben Impulssprengköpfe übrig. Diese hatten zusammen eine Sprengkraft von 70 Tonnen TNT. Das musste ausreichen, um eine Kettenreaktion im Reaktor hervorzurufen, die die gesamte Station sprengt. Strout war derweil damit beschäftigt, den Rückweg zu markieren. In einem Abstand von fünfzig Metern heftete er kleine Sensoren an die Wand an, die der Pykosin problemlos orten konnte. Auf dem Sichtfenster erschien der Gang mit den leuchtenden Sensoren. Daran konnten die drei sich orientieren. »Achtung, vier Roboter nähern sich uns von vorne. 200 Meter entfernt«, rief Tania Walerty aufgeregt. Tolk gewahr seinen beiden Begleitern anzuhalten. Er entsicherte seine Kompaktwaffe und wartete bis die Roboter nur noch fünfzig Meter entfernt waren, dann feuerte er. Feuer und Rauch brandete den drei entgegen. Nach einigen Momenten war der Rauch verzogen und sie schwebten weiter. Vor ihnen lagen die zerstörten Roboter, deren offene Stromleitungen noch ab und zu aufblitzten. »Weiter!« forderte Tolk. »Der Eingang zum Reaktor müsste gleich vor uns sein«, erläuterte Walerty. Gespannt schwebten die drei in ihren SERUNs zum Ende des Ganges hin. Eine fünf mal fünf Meter große Tür versperrte ihnen den Weg. Tolk zog seinen Bogen und nahm einen Sprengpfeil. Er zielte und schoss! Mit lautem Getöse wurde die Tür aufgeschossen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ging Tolk weiter. Strout und Walerty folgten. Ein dunkler Schacht führte sie etwas zwanzig Meter weiter bis sie vor einer gigantischen Halle standen. Unzählige Apparaturen und Maschinen standen vor ihnen. »Das ist der Kontrollraum des Generators. Er selbst verläuft noch bis tief unter die Erde«, erklärte die Fünfte Offizierin Walerty. »Dann lasst uns an die Arbeit gehen«, sagte Tolk tonlos. »Wo soll ich hinschießen?« Strout begann sofort den Raum zu analysieren. »Ich brauche ein paar Minuten, um herauszufinden, wo die schwächste Stelle ist.« Tolk wollte ihm jedoch nicht mehr Zeit geben. Wütend legte er an und schoss auf die Maschinen. Eine Explosion folgte der anderen. Doch er traf nur sekundäre Apparaturen. Der eigentliche Generator arbeitete weiter. »Roboter kommen!« rief Tania. »Verdammt! Davor wollte ich Sie warnen«, fluchte Strout zu Recht. »Jetzt sind die auf uns aufmerksam geworden und wir haben nichts erreicht!« Tolk sah seinen Fehler innerlich ein, kommentierte die Situation jedoch nur mit einem lauten Grunzen. Er gab Strout die sieben schweren Sprengköpfe, die er mit einem Band zusammengeklebt hatte. »Hier! Detonieren Sie die Sprengköpfe und jagen Sie den Generator in die Luft. Ich halte die Roboter auf.« Strout nickte schwach. »Das ist Wahnsinn«, mischte sich Walerty ein. »Das sind mindestens fünfzig Roboter. Die schaffen Sie nicht.« »Dann sterbe ich eben.« Tolk rannte zurück in den Gang. Von weitem hörte man einige Schüsse. Walerty schluckte hörbar. Sie hatte Angst, nicht lebend aus der ganzen Sache herauszukommen. Ihr Mut hatte sie jetzt an einen gefährlichen Pfad gebracht. Strout packte sie an der Schulter. Erschrocken drehte sich Tania um. »Wir müssen jetzt schnell die schwächste Stelle finden«, forderte er. Tania nickte. Die beiden schwebten durch den ganzen Raum, in dem Wissen, dass sie kaum mehr Zeit hatten und ihr Leben so oder so verlieren würden. Tolk rannte und rannte. Dann standen die Roboter vor ihm. Mit allem, was er hatte, feuerte auf die Stahlwesen. Ein Dutzend konnte vernichten, doch es wurden immer mehr. Geschickt lenkte er ihre Aufmerksamkeit auf sich. Alle folgten ihm aus der Station raus. Sein SERUN wurde schwer getroffen und der Individualschutzschirm brach zusammen. Der Pykosin gab Alarm, doch Tolk deaktivierte ihn. Mit letzter Kraft schwebte der SERUN zum Ausgang, dann versagten die Antigravtriebwerke. Aus drei Meter Höhe fiel Sandal zu Boden. Das Sichtfenster des Helms wurde von einem spitzen Stein zerschmettert. Nur wenige Millimeter trennten Tolks rechtes Auge von der Kante des Steins. Ruckartig erhob er sich und riss sich den Helm vom Kopf. Die Roboter schwebten schießend auf ihn zu. Tolk suchte Deckung hinter einer Mauer. Er kontrollierte, wie viel Waffen und Munition er noch hatte. Die Energie seines Thermogewehrs war fast aufgebraucht. Er hatte noch die Stoggsäureraketen, sowie seinen Pfeil und Bogen. »Heute ist ein schöner Tag zum sterben!« brüllte der Barbar von Exota-Alpha und sprang aus seinem Versteck auf. Er lief seitlich an den Robotern vorbei und feuerte mit allem, was er noch hatte. Als die Stocksäureraketen aufgebraucht waren, ballerte er mit der Projektilmunition. Die Energiestrahlen der Roboter sausten knapp an ihm vorbei. Einige trafen ihn auch an den Armen und Beinen. Tolk schrie seinen Hass und die Schmerzen laut heraus. Einen Roboter nach dem anderen vernichtete er. Doch sie nahmen kein Ende. Dann waren auch die Projektilgeschosse am Ende. Eine der Stahlmaschinen packte Tolk am Arm. Er nahm die Kompaktkanone und schlug auf den Roboter ein, bis dieser zu Boden plumpste und liegen blieb. Die Roboter kesselten Tolk ein, der nur noch Pfeile und Bogen hatte. Beinahe betäubt von den Schmerzen taumelte er umher und schoss ziellos durch die Gegend. Es war aussichtslos. Tolk hatte diesen Kampf verloren. So, jetzt schnell weg hier, Tania!« rief Strout nachdem er die sieben Sprengköpfe mit einer Kraft von 70 Tonnen TNT an das Herzstück des Generators, der Energieversorgung, positioniert hatte. »Und Sie?« wollte Walerty wissen. »Fliegen Sie schon einmal vor. Einer muss noch die Explosion auslösen«, erklärte er. Zuerst wollte Tania nicht, doch sie beugte sich dem Befehl von Ben Strout. Der Ezialist wuchs über sich hinaus. Bis jetzt waren seine größten Abenteuer die Entdeckung toter Artefakte, doch nun musste er sich gegen Dutzende von Robotern durchsetzen und setzte sein eigenes Leben aufs Spiel. Als er bemerkte, dass Walerty losgeflogen war, schwebte er zur zerstörten Tür. Strout atmete tief ein, dann schoss er ohne weiter nachzudenken. Hunderstel Sekunden nachdem der Energiestrahl die Raketen traf, brach die Hölle los. Strout wies den Pykosin an, sofort den SERUN zum Ausgang zu fliegen. Eine gewaltige Druckwelle drückte Strout an die Wand. Der Pykosin war ausgefallen. Der Wissenschaftler rappelte sich auf und blickte kurz nach hinten. Eine Feuerwelle kam ihm entgegen. Sofort beschleunigte er den SERUN. Mit dem Mut des Verzweifelten brauste er durch den Gang, bis er den grauen Saal und danach den Ausgang erreichte. Kaum war außerhalb der Station, sah er auch Walerty. Hinter ihm schoss die Welle an die freie Luft. »Weg hier!« brüllte er durch das Funkgerät. Er hielt bereits Kurs auf den Wald, da bemerkte er, wie Walerty zurückflog. »Fliegen Sie weiter, ich hole Tolk«, hörte er die aufgeregte Stimmte von Tania. So wie sie ihm vertraute, tat er es nun auch und flog mit Höchstgeschwindigkeit von der Station weg. Es dürfte nur noch wenige Sekunden dauern, bis die Station explodierte. Walerty hatte den eingekesselten Tolk gesehen. Sie schoss auf die Roboter und bahnte sich den Weg zu Tolk. Sie aktivierte den Antigrav und hob Tolk hoch. Der schoss immer noch mit seinen Pfeilen auf die Roboter als die beiden schon mehrere Hundert Meter entfernt waren. Tania musste schmunzeln. Sie hatte es geschafft. Was würde wohl Nicola Posny zu ihren Heldentaten sagen? Ihr Lächeln erfror, als die Station explodierte. Alles im Umkreis von einem Kilometer wurde ausgelöscht. Sie, Tolk und Strout hatten es jedoch rechtzeitig geschafft. Jennifer Taylor wies ihnen den Weg zu ihrem Versteck. Erschöpft ließen sich die drei Helden auf den Boden fallen. Tolk legte seine Hand auf die Schulter von Ben Strout und Tania Walerty. »Danke!«
Der Rest war Formsache. Dr. Taylor informierte die NIMH über die Vernichtung der Station und Abwehrkanonen. Nach nur wenigen Minuten tauchten vier Space-Jets über den Himmel auf und holten die sieben Überlebenden ab. Dann wurden die beiden Türme vernichtet. Der Schutzschirm über First Meal und First Step erlosch. Wladymr Chruxkov und Ekkifred Lanson flogen zur SLEEPY HOLLOW. Niemand antwortete auf ihre Funksprüche. Die Space-Jets landeten an dem Tal, wo eine weitere Station stand. Diese war aber leer. Chruxkov nahm ein paar Leute und durchsuchte die Gegend, während der Erste Offizier der NIMH zur SLEEPY HOLLOW aufbrach. Hinter einem Wäldchen hörten die Männer Stimmen. Chruxkov wies die Soldaten an, sich an den Flanken zu verteilen. Er selbst ging direkt durch die Mitte. Erschrocken blieb er stehen. Vor ihm waren einige Crewmitglieder der SLEEPY HOLLOW, darunter auch der Kommandant Rudger Ricardo. Er lag in einer Mulde voller stinkender Exkremente und planschte darin freudig herum. »Vrank Asteroid!« schrie er. »Was denn los, Rudger Ricardo?« antwortete sein Erster Offizier. »Klingt so gut.« »Danke, vielen Dank.« Heiny Alstair kam zu Chruxkov. Der Kommandant der BLAIR WITCH war ziemlich verwirrt und überrascht. »Leutnant Alstair, was ist los?« wollte er wissen. »Kriege ich eine Zigarette?« Chruxkov wurde wütend. »Mann! Sie sollen Bericht erstatten. Warum suhlt sich ihr Kommandant wie ein Schwein in seinen eigenen Ausscheidungen?« »Kriege ich eine Zigarette?« sagte Alstair tonlos. »Was?« »Ach bitte. Nun geben Sie mir doch eine Zigarette!« forderte Alstair. Kopfschüttelnd schob Chruxkov den alten Leutnant zur Seite und ging zu Ricardo. Auf dem Weg traf er Vrank Asteroid. »Hallo, Perry!« rief Asteroid der seltsam staksig lief. »Ich heiße nicht Perry!« brüllte der Kommandant der BLAIR WITCH entnervt. »Danke, vielen Dank!« sagte Asteroid grinsend. Plötzlich ereilte Chruxkov ein Funkspruch von Lanson. Er meldete, dass alle Besatzungsmitglieder auf der SLEEPY HOLLOW völlig wahnsinnig geworden waren. Das spiegelte sich mit dem Bild, auf das Chruxkov hier getroffen war. Irgendetwas musste diesen Leuten auf First Meal den Verstand geraubt haben. Man wusste nicht, was es gewesen war. Doch man hatte die ersten Opfer zu beklagen.
Nach den Ereignissen im First Meet-System musste Posny eine schwerwiegende Entscheidung treffen. Die gesamte Besatzung der SLEEPY HOLLOW hatte den Verstand verloren. Es war ein untragbares Risiko, mit diesen Menschen Seshonaar weiter zu erforschen. Nach langem überlegen entschloss sich Posny dafür, dass die BLAIR WITCH mit der SLEEPY HOLLOW nach Cartwheel zurückkehren sollte. Die NIMH sollte die Erforschung alleine übernehmen. Am 20. Mai 1298 NGZ verließen die SLEEPY HOLLOW und BLAIR WITCH das First Meet-System mit Kurs auf Cartwheel. Zurück blieb die NIMH mit ihrer 900 Mann starken Besatzung. Zwei Tage später verließ auch die NIMH das System mit Kurs auf das innere der Galaxis. Tania Walerty bekam eine Auszeichnung für ihren heldenhaften Einsatz. Posny fiel das nicht sonderlich leicht, doch sie hatte keine andere Wahl. Der Respekt vor Sandal Tolk, Ben Strout und auch Tania Walerty war gestiegen. Posny fürchtete um ihre Autorität. Der Barbar von Exota Alpha hatte eine interne Führungsrolle übernommen und auch Ben Strout war nach den Ereignissen auf First Place deutlich mit seinen Aufgaben gewachsen. Jeder von ihnen blickte neugierig aber auch mit Sorge in die Zukunft. Von wem stammte diese heimtückische Station? Auf welchen Herren hörten die Roboter? Strout konnte die Strahlung des Schutzschirms analysieren und feststellen, dass sie für den geistigen Verfall der Besatzungsmitglieder der SLEEPY HOLLOW verantwortlich war. Wer immer auch der Erbauer dieser Station war, er hatte etwas dagegen, dass man nach Seshonaar vordrang. ENDE Im nächsten Roman wird weiter auf die Expedition der NIMH in Seshonaar eingegangen. Ralf König ist der Autor des Romans der nächste Woche mit dem Titel Eine tote Galaxis in der die NIMH in den inneren Bereich von Seshonaar vordringen und weitere Abenteuer erleben wird.
Der DORGON-Zyklus - Söhne des Chaos - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Heft 57 von Nils Hirseland. Titelbild: Mark Hoffmann. Technischer Berater: Sebastian Schäfer. Versand: PROC. Lektorat, Nachbearbeitung: Rene Schweinberger. DORGON-Kommentar: Björn Habben. Umsetzung in Endformate: Alexander Nofftz. Satz: Xtory (SAXON, LaTeX). Internet: http://www.dorgon.de. eMail: dorgon@proc.org. Adresse: PROC c/o Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf. Copyright © 2001. Alle Rechte vorbehalten! | ![]() | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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