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Der Marquese bereitete einen feierlichen Empfang für Perry Rhodan vor. Nach der Landung der LEIF ERICSSON wurde der Terranische Resident von einer prunkvollen Parade der Nationalgarde des Terrablocks begrüßt. Ein Gleiter kam vorgeflogen, und der Marquese von Siniestro stieg zusammen mit Joak Cascal aus, um Rhodan willkommen zu heißen. »Es freut mich, Sie wiederzutreffen, Terranischer Resident«, sprach der Marquese freundlich und reichte Perry Rhodan die Hand. Der Unsterbliche erwiderte die Geste und begrüßte auch Cascal freundschaftlich. »Ihre Mitteilung von der Rückkehr Despairs hat mich sofort dazu bewogen, Cartwheel zu besuchen«, erklärte er. »Nun, die Details möchte ich Ihnen bei einem Essen mit meiner Familie erläutern«, bot der alte Spanier an. Rhodan wirkte verwundert. »Familie?« Don Philippe de la Siniestro konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er erzählte Rhodan die offizielle Version der Adoption. Rhodan gratulierte und war gespant, die Kinder des Terra-Administratoren kennen zu lernen. Es war lange her, dass er Cartwheel besucht hatte – über elf Monate. Zuletzt war er bei dem symbolischen Begräbnis seines Freundes Aurec dabei gewesen, der bei der Vernichtung Xamours ums Leben gekommen war. Zwar hatte man nie den Leichnam gefunden, doch es war sicher, dass der Saggittone dieses Inferno nicht überlebt hatte. Schwermütig hatte Rhodan damals Abschied von dem Hoffnungsträger Cartwheels und einem guten Freund genommen. Gemeinsam stiegen Rhodan, der Marquese und Cascal in den Gleiter ein, der sie nach IMPERIUM ALPHA brachte. Das Festessen für Perry Rhodan wurde nur in einem engen Kreis abgehalten. Nur die wichtigsten Honoratioren des Terrablocks und Cartwheels waren anwesend. Neben dem Marquese und seinen Kindern Orlando, Peter, Stephanie und Brettany waren noch Joak Cascal, Remus und Uthe Scorbit, Jonathan Andrews und der Somer Sruel Allok Mok anwesend. Jeder begrüßte Rhodan sehr herzlich, mit der Ausnahme von Peter. Er stand auf und salutierte vor dem Terranischen Residenten und meldete, dass alle Mann am Tisch seien und auf seine Order warten würden. Rhodan blickte den Marquese verdutzt an und nickte schwach. »Ja... gut, setzen«, sagte er geistesgegenwärtig. »Ja, Sir!« schrie Peter laut und setzt sich wieder hin. Diabolo betrat den Raum und machte Rhodan seine Aufwartung. Danach brachten Roboter das Essen. Es gab ungarisches Gulasch, eines der Leibgerichte Rhodans, neben so vielen anderen auch. Er schätzte besonders die traditionellen Essen und verzichtete auf die typischen Gerichte reicher Wesen, die zwar gut aussahen, aber oft wie Plastik schmeckten und Unsummen kosteten. Dieses Geld wollte Rhodan lieber Bedürftigen spenden als es sich in den Rachen zu schieben. »Nun, Marquese, ich danke Ihnen für die Einladung zum Essen. Ihren Sohn Peter habe ich ja bereits kennen gelernt.« Rhodan nickte ihm kurz zu. »Aber ihre anderen Kinder haben Sie mir noch nicht vorgestellt.« Orlando erhob sich. »Das können wir auch selbst übernehmen, Sir. Ich bin Orlando de la Siniestro. Es ist mir eine Ehre, Sie kennen zu lernen, denn ich bin ein glühender Verehrer Ihre Politik und Philosophie«, erklärte er aufrichtig. Rhodan machte eine dankende Geste. Bevor Brettany etwas sagen konnte, mischte sich Stephanie ein. Sie hatte sich direkt neben Rhodan gesetzt. »Und ich, lieber Mr. Rhodan, bin Stephanie de la Siniestro. Ihr Ruf eilt Ihnen voraus, doch ich hätte nicht gedacht, was für ein Mann sie in der Tat sind. Sie strahlen all das aus, was eine Frau schwach macht. Ich nehme an, Sie haben viele Verehrerinnen?« Rhodan wirkte etwas verlegen. Er räusperte sich und nahm einen Schluck von dem spanischen Wein. »Nun, Miss de la Siniestro, ich bin verheiratet, daher interessieren mich keine anderen Frauen in dieser Beziehung...« Stephanie machte einen Schmollmund und blinzelte mit den Augen. Rhodan bemerkte sofort, dass die de la Siniestro es auf ihn – oder vielleicht seine Macht – abgesehen hatte. »Das ist aber schade«, sagte sie. Rhodan schwieg. Nun ergriff Brettany das Wort. Sie stellte sich vor und teilte die Ansicht Orlys über Perry Rhodan. Auf Rhodan wirkten Orlando und seine Schwester Brettany aufrichtig und liebenswert. Stephanie konnte er schwer einschätzen. Gehörte sie zu den vielen Teenie-Fans Rhodans oder hatte sie andere Absichten? Sie machte auf jeden Fall einen intelligenten Eindruck. Peter schien etwas schräg zu sein, fand der Unsterbliche. Er kleidete sich wie ein Offizier aus dem 18. Jahrhundert. Rhodan fühlte sich an die Jugend seines Sohnes Michael erinnert, denn auch er lief in einer alten Uniform durch die Gegend. Jedoch besaß Peter nicht das Charisma und wirkte etwas abwesend. Rhodan begannn, mit Cascal, Sam, den Scorbits und Andrews eine Diskussion über die aktuelle Lage zu führen. Er erkundigte sich dabei auch, wie es ihnen privat ging. Peter wurde neidisch auf die Aufmerksamkeit, die die anderen von Rhodan bekamen. »Sir, ich möchte wissen, wie wir Cartwheel noch stärker gegen MODROR ausbauen können?« warf der de la Siniestro laut in das Gespräch ein. »Finden Sie nicht, dass wir eine Wehrpflicht einführen sollten?« Joak Cascal fühlte sich unsanft unterbrochen und wollte etwas entgegnen, doch Perry Rhodan kam ihm zuvor. »Nein, das denke ich nicht. Man darf kein Intelligenzwesen dazu zwingen, Dienst an der Waffe gegen seinen Willen zu tun. Ebenfalls halte ich es für ungesetzlich, wenn man Wesen zu einer Zwangsarbeit zwingt. Das ist nicht die Art der Terraner. Schon seit sehr langer Zeit nicht mehr!« Peter wurde rot im Gesicht. »Aber jeder muss an der Waffe ausgebildet werden, um sein Vatersystem verteidigen zu können«, ereiferte sich Peter. »Nur weil dieser Despair aufgetaucht ist, dürfen wir doch nicht die Zügel schleifen lassen. Wir brauchen eine Armee, die alle anderen Armeen besiegen kann.« Seine Schwester Brettany mischte sich ein: »Ich finde, wir sollten doch erst einmal abwarten, ob das Angebot von MODROR ehrlich ist. Außerdem finde ich Krieg grässlich, und man sollte die Menschen nicht noch dafür zwangsweise ausbilden.« »Schweig still, Schwester! Du bist ein Mädchen und hast keine Ahnung davon«, herrschte Peter Brettany an, die zusammenzuckte. Cascal wollte diesen jungen Terraner maßregeln, doch Orly übernahm das schon für den Terramarschall. Er forderte seinen Bruder auf, sich bei seiner Schwester zu entschuldigen. Peter knurrte eine Entschuldigung und hackte mit seiner Gabel in dem Essen herum. Rhodan beobachtete den Marquese, dem die Diskussion unangenehm war. Perry kommentierte das mit einem Schmunzeln. »Peter, Sie sind recht impulsiv. Natürlich müssen wir für einen Krieg mit MODROR gewappnet sein. Doch in Maßen. Wir sind kein Militärstaat. Sollten wir eine Resolution verabschieden, die Cartwheel die völlige Autarkie von den Heimatgalaxien gewährt, haben die Bewohner der Insel auch andere Aufgaben. Sie müssen sich eine wirtschaftliche und soziale Struktur aufbauen.« »Aber sie brauchen eine starke Armee um diese Struktur zu verteidigen«, warf Peter ein. »In der Tat, doch das muss nun wahrlich nicht jeder Bewohner eines Planeten sein, oder?« forschte Rhodan nach. »Nur Soldaten sind gute Menschen!« schrie Peter mit hochrotem Kopf. Alle Blicke ruhten auf ihm. Als er das bemerkte, schwieg er und aß das Gulasch. Rhodan meinte nach einer Weile: »Sie sind noch jung und unerfahren in solchen Dingen, Peter. Ihr Enthusiasmus in Ehren, aber ich denke, wir sollten eher über den Frieden als den Krieg sprechen. Des Weiteren kann ich Ihnen Tausende von zivilen Helden nennen, die sehr gute Menschen sind. Ihr Vater ist nur einer davon.« Peter schlug trotzig mit den Fäusten auf den Tisch. Sein Vater forderte ihn auf, sich erneut für sein Benehmen zu entschuldigen. Peter tat dies und war ruhig. Nach dem Essen setzten sich alle in den Salon. Brettany de la Siniestro und Uthe Scorbit verstanden sich sehr gut. Sie schienen auf derselben Wellenlänge zu sein. Auch Orly, Jonathan und Remus bauten ein gutes Verhältnis zueinander auf. Orlys Schwester versuchte sich während des ganzen Abends an Perry Rhodan heranzumachen, der sich jedoch gekonnt aus den Fängen der jungen de la Siniestro retten konnte. Zum Abschluss einigten sich Rhodan und Sam in acht Tagen zuerst die Völker intern mit Wahlen über die Unabhängigkeit abstimmen zu lassen. Sollte das erfolgreich sein, so würde man im Parlament entscheiden. Dann sollte auch eine Konferenz mit allen Repräsentanten und Rhodan selbst zu dem Thema Unabhängigkeit von Cartwheel und den Frieden MODROR einzuberufen werden. Dort sollte man dann per Volksentscheid die erste Hürde nehmen. »Meinst du, dass die Cartwheeler in der Lage sind, sich alleine zu regieren?« fragte Rhodan seinen Freund Sam. Der Somer wusste nicht genau, was er antworten sollte. »Vielleicht können sie es«, sagte er schließlich. »Vielleicht auch nicht. Sie haben auf jeden Fall eine Chance verdient.« Rhodan stimmte dies nachdenklich. Bevor er jedoch tief greifende Gedanken an Sams Aussage verlieren konnte, mischte sich erneut Peter de la Siniestro ein. »Sir, darf ich Sie um morgen um 0600 dazu einladen, am Morgenappell meiner Spielsoldaten teilzunehmen? Es wäre mir eine Ehre!« Rhodan wusste nicht mehr, was er sagen sollte.
Er war nicht einmal besonders groß. Gerade mal 1,31 Meter maß er, bei 33 Kilogramm Gewicht. Niemand würde unter normalen Umständen Angst vor ihm haben. Er war noch ein Kind, er war ein Blue, der ein tragisches Schicksal erlitten hatte. Aber das war im Augenblick bedeutungslos. Er bewegte sich nicht einmal besonders schnell. Mit kurzen, abgehackten Schritten taumelte er durch den Gang der Station, stützte sich kurz an die Wand und verharrte. Schweiß ran ihm in seine vorderen zwei Augen, er wischte ihn weg und stieß sich von der Wand ab. Alles, was passierte, spielte sich in seinem Gehirn ab. Hinter ihm zeichneten sich die Gestalten von drei weiteren erschreckend deformierten Wesen ab. Die Chimären folgten dem Blue, nicht weniger unsicher. Die erste der Gestalten sah aus wie ein Mensch mit Fledermausflügeln- und Gesicht. Hilflos flatternd schien er sich ständig in die Lüfte erheben zu wollen, schaffte es aber nicht. Spitze, an der Grenze der Hörschwelle liegende Schreie untermalten seine Bewegungen. Er nannte sich Torytan. Der zweite war eine große, stämmig gebaute Gestalt mit einem Horn auf der Stirn, das von einem Dscherro geborgt zu sein schien. Er hatte außerdem vier Arme und stieß in diesem Augenblick ein dumpfes Grollen aus. Sein Name war Jevvrus. Die dritte Gestalt war weiblich. Sie sah noch am normalsten aus, aber auch sie war nicht mehr nur Mensch. An ihrem Hals konnte man Kiemen erkennen, sie war mit den Genen eines Fisches vermischt worden. Kylaka konnte unter Wasser atmen. Aber die gefährlichste von diesen vier Gestalten war der Blue. Er ging auf eine der Türen zu, öffnete sie und stieß sie weit auf. Der Arzt, der sich in dem dahinter liegenden Raum befand, blickte verwundert auf den Blue. Bevor er etwas sagen konnte, weiteten sich seine Augen. Unglaubliche Schmerzen erfassten seinen Körper, ein Druck, der nicht zu beschreiben war. Für einen Moment fühlte er diesen stechenden, alles vernichtenden Schmerz, dann löschte er sein Bewusstsein für immer aus. Er bekam nicht einmal mehr mit, wie sich sein Körper in einer rötlich erscheinenden Wolke auflöste. Ungerührt blickte der Blue auf die Überreste des Arztes, der nicht einmal mehr einen Schrei ausstoßen konnte. Hass füllte jede Zelle seines Körpers aus, aber in diesem Augenblick auch eine tiefe Befriedigung. Ein Monster weniger, das ihm seine Familie genommen hatte. Als er sich umwandte, öffnete sich eine der anderen Türen. Eine Schwester trat auf den Gang und erstarrte, als sie die vier Gestalten erblickte. Sie wollte schreien, aber konnte nicht. Torytan, breitete die Fledermausflügel aus und stieß einen Schrei aus, der niemand hören konnte. Die Wellen breiteten sich mit Schallgeschwindigkeit aus, innerhalb eines Sekundenbruchteils hatten sie die Schwester erreicht. Sie zerrissen den grazilen Körper, schleuderten die Teile, die einmal ein Mensch gewesen waren, durch den Gang. Torytan grinste boshaft. Brüllend drang Jevvrus in einen weiteren Raum ein und schlang seine vier Arme um den Körper eines Arztes. Von Grauen geschüttelt wandte sich die Fischfrau ab. Sie war zwar überzeugt, dass die Ärzte für ihre Verbrechen sühnen mussten, aber sie wollte es nicht sehen. Verzweifelt blickte sie in die nach vorne gerichteten Augen des Blue, der sie zu verstehen schien. Er schüttelte in einer menschlich anmutenden Geste den Kopf. So klein, dachte die Frau. Aber trotzdem war er die schrecklichste Monstrosität, die sie jemals zu Gesicht bekommen hatte. Erinnerungen schüttelten den jungen Blue, der sich konzentrierte und seine mutierten Sine über die ganze Station auszubreiten versuchte. Er setzte eine weitere seiner Fähigkeiten ein, impfte allen anwesenden Personen in der Station einen mentalen Befehl ein. Kylaka war davon nicht betroffen, aber ganz kurz nur streifte sie ein Ausläufer der mutierten Sine des Blue. Sie erschauerte, als sie begriff. Alle Wesen in der Station sollten sich töten. Alle, außer den vier anwesenden Mutanten. Mit geweiteten Augen blickte sie auf den Blue. Unschuldig erwiderte er ihren Blick. Er blockte alles ab, was in diesem Augenblick auf ihn eindrang. Sein Geist verschleierte sich, und er erinnerte sich.
Der kleine Körper des Blue krümmte sich in der Ecke seiner kleinen Kammer zusammen. Dunkelheit umgab ihn, man konnte ihn nur auf den Schirmen der Überwachungskameras erkennen, die selbst den letzten Schimmer, der in dem Raum allenfalls zu erahnen war, einfingen, verstärkten und ein klares Bild auf den Monitor eines Pflegers zauberten, der sich allerdings mit ganz anderen Dingen beschäftigte. Der kleine Blue hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Bilder, die aus einer längst verloren geglaubten Zeit stammten, stahlen sich in sein Gehirn, marterten den Geist des kleinen Wesens. In seinem Alter sollte man sich viele Gedanken machen, zum Beispiel, welches Spielzeug man als nächstes benutzen würde. Oder warum eines der älteren Geschwister gerade wieder dabei war, einen zu ärgern. Für solche Gedanken hatte der Blue keine Energie. Er wartete, eingesperrt in dieser Zelle, bis wieder jemand kommen und ihn quälen würde, bis wieder die Männer und Frauen in den weißen Kleidern erscheinen würden und Nadeln seinen Körper quälen würden. Er hatte Angst. Bilder aus der Vergangenheit drängten sich in das Gehirn des jungen Blue. Rijon sah sich selbst, wie er zusammen mit seinen siebzehn Geschwistern auf Gatas in einem einfachen, kleinen Haus gewohnt hatte. Sein Haus stand in einer Reihe mit den Häusern von anderen Blues, die, wie sein Vater, einfache Industriearbeiter waren. Einfach, aber glücklich, so hatte sich das Leben für den jungen Blue dargestellt. Eines Tages allerdings hatte sich sein Vater entschlossen, den Arbeitsplatz zu wechseln. Er war zu einem Unternehmen der SHORNE INDUSTRIES gewechselt. Der junge Blue kannte es nicht, wusste nicht, was es für ihn bedeuten würde. Als die Menschheit sich entschloss, dem Ruf von DORGON zu folgen, machte sich auch die Familie des Blue mit vielen anderen Angestellten von SHORNE INDUSTRIES auf den Weg auf die Insel, besiedelte – zusammen mit vielen anderen – die Welt Mankind, die die neue Zentralwelt der Menschheit werden sollte, einer Menschheit, mit der sich der Blue nicht identifizierte. Aber das war auch nicht wichtig, den solange er seine Familie hatte, war das Leben des Blue noch in Ordnung. Rijon wusste nicht, wie lange es gedauert hatte. Eines Tages verschwanden Mitglieder seiner Familie spurlos, Geschwister, schließlich seine Eltern. Übrig blieben nur seine Schwester Trützy und er selbst. Jedenfalls bis zu dem Tag, an dem die Männer in den weißen Kleidern in ihr Haus eingedrungen waren und sie beide mitgenommen hatten. Sie wurden getrennt und seit diesem Tag war der junge Blue in dieser Zelle eingesperrt, in seiner Verzweiflung nur unterbrochen durch die Angst, die ihm die Besuche durch die Ärzte und die immer wieder neue Konfrontation mit dem Grauen bescherte. Rijon hatte kein Zeitgefühl. Er wusste nur, dass immer wieder Männer mit Masken in seine kleine Kammer kamen, ihn mit nach draußen nahmen und ihm Medikamente verabreichten. Hin und wieder wurde er auch operiert. Ein Leben, das schrecklicher nicht sein konnte. Verzweifelt drängte er sich in eine Ecke der Kammer und starrte in Richtung der Tür, die in der vorherrschenden Dunkelheit nur schemenhaft zu erkennen war. Jeden Augenblick konnte sie sich öffnen und neuerlicher Schrecken konnte sich über ihn ergießen. Inerlich zuckte er bei jedem Geräusch zusammen, das in der Dunkelheit viel lauter und unheimlicher klang, als es in hellem Licht der Fall sein würde. Sehnsüchtig dachte er an seinen Familie. Irgendwo würden sie sein, irgendwannn würde er sie wieder sehen. Schluchzend weinte er sich in den Schlaf, langsam senkte sich eine Dunkelheit auch über seinen Geist, löschte die furchtbare Realität und erlöste ihn für einige Augenblicke. Jedenfalls bis ihn ein Albtraum weckte und er die fürchterlichen Seelenqualen erneut erdulden musste. Ein Schlummer hatte ihn gerade mit sich in die Dunkelheit hinüber gerissen. Ein Geräusch ließ ihn hochfahren und diesmal war es tatsächlich die Tür, die sich lautlos öffnete, eine Lautlosigkeit, die nur durch ein leichtes Rascheln gestört wurde, als der Kittel des Arztes sich am Rahmen der Tür rieb. Irgendetwas bohrte sich in das Gehirn des Jungen, er glaubte, etwas zu hören. Etwas, was niemand gesagt hatte, drängte sich in sein Gehirn und manifestierte sich zu einem klaren Gedanken. ...wie harmlos und klein er aussieht... So, die Spritze ist bereit... Der Junge versteifte sich, als er den Gedanken klar zu hören glaubte. »Bitte nicht«, winselte er, allerdings in einem Ultraschallbereich, den der Ara nicht hören konnte. Der Blue schloss die Augen und verdrängte alle Gedanken, die sich in seinen Kopf stahlen und ihn quälten. Auch die fremden Gedanken, die er kaum einordnen konnte, von denen er nur wusste, dass sie nicht aus ihm selbst heraus entstanden waren, verdrängte er. Dafür drängten sich andere Bilder an die Oberfläche seines gemarterten Geistes. Er flüchtete sich in einen Tagtraum, in dem seine Schwester Trützy die wichtigste Person war. Mit ihr hatte er mit am meisten Zeit verbracht. Vielleicht deshalb, weil sie fast im gleichen Alter, fast im selben Moment geschlüpft waren. Erste bewusste Erinnerungen aus ihrer Kindheit verdrängten die Bilder der Qual, die den Geist von Rijon marterten. Er sah gerade noch seine Mutter, die das Kinderzimmer verließ, seine Hände schienen das Spielzeug fast greifen zu können, das er fest umklammert hielt, keinen Augenblick loslassen wollte. Trützy griff nach dem Wesen, das in der kleinen Faust des Gatasers lag und versuchte, es dem Bruder zu entwinden. Kichernd balgten sie eine Weile um das Spielzeug, bis der Bruder, der einige Sekunden vor der kleinen Schwester geschlüpft war, ihr das Spielzeug überließ. Eine andere Erinerung drängte sich in den Vordergrund. Der Bildschirm des Computers erschien riesengroß, eine ganze Wand des Kinderzimmers hatte sich in einen Bildschirm verwandelt, auf dem die Stationen eines Spieles zu sehen waren. Eine Raumstation schwebte auf dem Bildschirm, eine Gestalt, die in ihrem Raumanzug auf die Station zu schwebte, war deutlich zu erkennen. Eine Schleuse öffnete sich, die Gestalt betrat die Station, offensichtlich auf der Suche nach Spuren und Hinweisen, die ihn weiterbringen würden. Konzentriert steuerte Rijon die Gestalt, während seine Schwester jede seiner Bewegungen aufmerksam verfolgte. Er würde dieses Thoregon schon finden, was auch immer es sein sollte, das das Ziel dieses Syntronspiels sein würde. Die Gestalt seiner Schwester verblasste, als er einen Stich im Oberarm verspürte. Verzweifelt konzentrierte er sich auf die Erinerung, wollte den Kontakt zu den Erinnerungen an seine Kindheit nicht verlieren. Es gelang nicht; die Kammer, die er zu hassen gelernt hatte, schälte sich aus den Bildern, der Man mit der Maske war dicht über ihn gebeugt. Verzweiflung verwandelte sich langsam in Hass. Der Blue starrte in die Augen des Mannes, die als einziges in der Maske zu erkennen waren. Seine Augen verschwammen in Tränen, in den Schleiern sah er noch einmal die Gestalt seiner Schwester, hörte sich selbst reden, ein Versprechen gebend, das er niemals brechen wollte. In feierlichem Ernst erklärte er seiner Schwester, dass nichts sie jemals trennen könnte. Er würde sie schon beschützen. Das Bild zerplatzte wie eine Seifenblase und die Augen des Wissenschaftlers wurden wieder sichtbar. Rijon fokussierte den Blick seines vorderen Augenpaares auf den Sehschlitz in der Maske, hielt die Augen des Mannes einen Moment länger fest, als er eigentlich wollte. Schmerz durchzuckte seinen Körper, von der Einstichstelle ausgehend, die die Spritze des Wissenschaftlers hinterlassen hatte. Wut und Hass ballten sich in der Magengegend des jungen Blue sonnenheiß zusammen. Er hatte für einen Moment das Gefühl, als würde er inerlich verbrennen. Wie ein Feuerball schleuderte er seinen ganzen Hass dem Man entgegen, dessen Augen sich erschrocken weiteten, als in seinen Eingeweiden das Gefühl von Hitze zu explodieren schien. Der Raum schien zu erbeben, der Körper des Ara wurde erschüttert, langsam, wie in Zeitlupe, riss die Haut seines Körpers auf, quollen die Augen aus der Maske hervor. Rijon beobachtete ungerührt, wie sich der Körper des Mannes in einer Explosion aufzulösen schien. Dunkelheit senkte sich über seinen Geist und den Raum. Dunkelheit und Vergessen. In seinem Geist sah er wieder die Gestalt seiner Schwester. Sie spielten ein altes, terranisches Spiel. Stühle standen in der Mitte des Raumes, einer weniger, als sie alle zählten. Sie rannten zu den Klängen der Musik um die Stühle und immer, wen die Musik abbrach, versuchten alle, einen Platz zu finden. Sein Tellerkopf senkte sich, seine Augen verschleierten. Träumend vergaß er alles um sich herum.
Remus klopfte Jonathan kräftig auf die Schulter. »Wir haben es geschafft!« brüllte er und umarmte den Freund lachend. Nebeneinander standen sie vor dem Ausbildungsleiter, der ihnen die Urkunde in die Hand drückte. Die Grundausbildung war beendet, auf den Urkunden standen nicht nur ihre Leistungen sondern auch ihre besonderen Verdienste aufgelistet. Mit diesem Patent in der Hand würden sie es in der neugegründeten Flotte auf Mankind weit bringen können. Der Ausbilder schüttelte ihnen ohne jegliche Regung die Hand, aber in seinen Augenwinkeln zeichnete sich ein verräterisches Funkeln ab. Natürlich wusste auch er, dass sie zu den besten Absolventen ihres Jahrganges zählten. Er schüttelte wortlos auch Jonathans Hand, schickte sie dann zurück in die Reihe der Absolventen. Nichts deutete darauf hin, dass Benington seine beiden besten Kadetten eigentlich hasste. Aufgrund ihrer Intervention wurde er zum Major degradiert. Sie hatten sich seinem unmenschlichen Drill nicht gebeugt. Nun hatten sie die Grundausbildung und die auch mit dem heutigen Tage die theoretische Grundausbildung beendet. Somit würden sie für den Rest ihrer Ausbildungszeit ein Kommando über einen Space-Copter erhalten und relativ selbständig arbeiten. Geduldig warteten beide, bis auch der letzte seine Urkunde erhalten hatte. Kein Zuschauer folgte der Zeremonie, zu alltäglich waren Auszeichnungen dieser Art geworden. Die Flotte brauchte viele neue Mitglieder, deshalb wurden in diesen Tagen immer wieder Menschen mit ihren Urkunden ausgezeichnet, eine Tatsache, die kaum noch Interesse erweckte. Natürlich waren aber die engsten Verwandten mit dabei. Uthe gab ihrem Gemahl einen Kuss, während Jonathan von Mathew Wallace und Jan Scorbit gratuliert wurde. Dann gingen sie wortlos auf den Space-Copter zu, der ihr neuer Arbeitsplatz werden sollte. Jonathan lehnte sich im Sessel des Space-Copters zurück und erinnerte sich an die Zeremonie, die ihnen beiden großen Spaß gemacht hatte. Er warf einen Blick zu Remus hinüber, der den Space-Copter sicher im Griff hatte und über der nächtlichen Stadt New Terrania in Position hielt. Das neu entwickelte Gerät erwies sich als sehr effizient. Sie hatten schon drei Verbrecher dingfest machen können und nutzten die technischen Möglichkeiten des Flugkörpers dazu voll aus. Erst vor kurzem hatten sie bei einem Bankraub gleich mehrere Verbrecher einfangen können, die vollkommen verblüfft gewesen waren, als plötzlich der Copter wie aus dem Nichts über ihnen geschwebt war, ein Licht sie erfasst und geblendet hatte und aus dem Lautsprecher Anweisungen in der Lautstärke eines Orkans auf sie hernieder gedonnert waren. Vollkommen schockiert hatten sie sich widerstandslos verhaften lassen. Jetzt belegten sie gemeinsam eine Zelle im städtischen Gefängnis, das sich dank den Coptern langsam füllte. Aber die Straßen der jungen Stadt New Terrania wurden dafür auch immer sicherer. Remus lenkte den Copter wortlos, Jonathan schwang die Beine hoch und legte sie auf das Schaltpult vor sich. Gemütlich beobachtete er die Monitore, die ihm die Straßen der Stadt unter ihm zeigten, allerdings nicht im Dunkeln, sondern genauso, als wäre es heller Tag. Remus schüttelte nur leicht den Kopf. Solange der Freund seinen Job machte, sollte es ihm egal sein. Schweigend konzentrierte er sich wieder auf die Steuerung.
Shorne knetete besonders heftig den Ball in seiner Hand. Er malte außerdem nervös mit den Zähnen. Sein Blick war starr auf den Bildschirm gerichtet, auf dem sich gerade zum fünften Mal der Arzt in seine Bestandteile auflöste. Dr. Mendus Harvoon, der von Shorne zum Chefwissenschaftler ernannt worden war, beobachtete seinen Chef besorgt. Auch ihm war klar, dass die Szene einen herben Rückschlag bedeutete. Andererseits hatten sie bisher noch kein solches Ergebnis bei ihren Forschungen erzielt. Rijon war auf jeden Fall die beeindruckendste Erscheinung unter all jenen, die bisher in dieser Klonfabrik herangezüchtet worden waren. Schwache Begabungen auf parapsychischer Ebene konnten sie immer wieder, mittlerweile fast willkürlich, erzeugen. Aber nicht so einen Supermutanten, wie der kleine, unscheinbare Blue zu sein schien. Bisher waren Mutanten unter den Blues eine eher ungewöhnliche Erscheinung gewesen. Rijon war ein Mutant, wie er bisher noch nicht aufgetaucht war, seine zerstörerische Kraft nur vergleichbar mit Goratschin, dem Zündermutanten, der nur mit der Kraft seiner Blicke eine kleine, begrenzte, atomare Explosion erzeugen konnte. Auf den Bildschirmen zeichnete sich eine in seiner zerstörerischen Kraft ähnliche Erscheinung ab. Nur war es in diesem Fall mehr eine Erschütterung der Strukturen, die den Raum selbst ausmachten, fokussiert auf genau die Stelle, an der sich der Arzt aufgehalten hatte. Er zerstob in einer Wolke aus rotem Blut und zerquetschtem Fleisch. Außer einem Schmierfilm an den Wänden blieb nichts von ihm übrig. Sollten diese Aufnahmen jemals nach außen dringen, dann würde Shorne große Probleme bekommen. Und nicht nur der Begründer der SHORNE INDUSTRY, sondern ein ganzer, großer und bedeutender Zweig der Shorne-Werke, der sich mit genetischer Forschung beschäftigte, würde vermutlich ebenfalls in Verruf geraten. Was Shorne hier tat, war eigentlich nur noch mit den verwerflichen Gen-Experimenten der Cantaro zu vergleichen. Der Industriemanager räusperte sich und stellte das Kneten des Balls ein. Er drehte sich langsam in Richtung des Mediziners, der ihn gespant musterte. Shorne schien zutiefst beeindruckt, eine Regung, die an ihm selten zu beobachten war. Gleichzeitig aber konnte man auch eine unerwartete Angst in seinen Augen erkennen, die langsam, zögerlich, aus dem Hintergrund seiner Augen hervor zu lodern schien. »Was haben Sie mit dem kleinen Kerl angestellt?« Die Stimme des Managers klang neutral. Trotzdem war der Unterton nicht zu überhören, der dem Ara sehr deutlich machte, dass er besser sehr vorsichtig war. »Nun, wir haben ihn mit den üblichen Medikamenten behandelt. Das allein hätte ihn allerdings nicht in dieser unglaublichen Weise entarten lassen. Wir haben außerdem ein neues Serum an ihm getestet, das auf eine Weise angeschlagen hat, die wir so nicht erwartet hätten. Ich möchte Sie nicht mit den Einzelheiten langweilen.« »Das ist auch besser so. Erklären Sie mir einfach, was aus ihm geworden ist.« »Die Medikamente haben bisher brachliegende Teile seines Gehirns aktiviert. Der Parasektor ist auf eine Weise stimuliert worden, dass die Instrumente fast verrückt spielen, wen wir sie in seine Nähe bringen. Besonders intensive Ergebnisse erzielen wir, wen wir auf Telepathie und Telekinese untersuchen. Offensichtlich verfügt er auch über Fähigkeiten der Strukturerschütterung, obwohl die Apparaturen das bisher nicht bestätigen. Aber außer ihm kann keiner den Arzt auf diese Weise vernichtet haben.« Für einen Moment senkte er den Kopf, riss sich dann aber zusammen. Er machte sich klar, dass er selbst an Stelle des Arztes hätte sein können, und das erschreckte ihn schon. Er sah aber auch den Blick seines Chefs, der ihm besonders deutlich machte, dass er sich besser auf seine Ausführungen konzentrierte. »Andere Fähigkeiten konnten wir noch nicht feststellen, aber die Ausstrahlungen im Para-Sektor seines Gehirnes legen nahe, dass da möglicherweise noch mehr sein könnte. Sie sind viel zu stark, als dass sie nur für die genannten Fähigkeiten da sein könnten.« Der Ara wandte sich der Szene auf dem Bildschirm zu, die in einer Endlosschleife mittlerweile zum vierzehnten Mal wiederholt wurde. Er erschauderte, als er die Einzelteile seines Kollegen gegen die Wand klatschen sah. Teile des Mannes landeten im Gesicht und auf dem Körper des kleinen Blue, der nicht einmal zuckte. Nur kurz kniff er seine Augen zusammen, dann sank er wieder gegen die Wand und versank in der Agonie, die seinen bisherigen Aufenthalt in der kleinen Zelle begleitete, seit er dort gelandet war. Er schien sehr verzweifelt zu sein, die Aktivitäten in seinem Gehirn legten nahe, dass er ständig an Dinge dachte, die ihn von seiner Gefangenschaft ablenkten. Harvoon konnte ihn verstehen. Für einen Moment verblüffte es ihn, dass der Industrieboss nichts sagte, obwohl sein verantwortlicher Arzt verstummt war und nicht weiter redete. Er warf Shorne einen Seitenblick zu und sah, wie der Man nachdenklich über sein Kinn streichelte. Offenkundig rechnete er sich bereits aus, was ihm der kleine Supermutant einbringen würde. Der Ara wollte nicht wissen, was im Gehirn des Mannes wirklich vorging. Vermutlich hätte es ihn nicht verwundert, wen er Telepath gewesen wäre und seine Gedanken gelesen hätte, die ihm genau das verraten hätten, was er ohnehin erwartete. Shorne sah in dem kleinen Blue einen Machtfaktor, den er einzusetzen gedachte, wen es ihm zum Vorteil gereichte. Er warf einen Blick in Richtung des Aras, dann blickte er wieder auf den Bildschirm. »Im Augenblick ist der Kleine noch sehr ruhig. Er scheint sich mit seinem Schicksal aber trotzdem noch nicht abgefunden zu haben. Verwenden Sie alle Mittel, die Sie kennen, um ihn in unserem Sine zu konditionieren. Beeinflussen Sie ihn, machen Sie ihn zu einem treuen Soldaten der SHORNE INDUSTRY. Er soll ein Werkzeug für mich werden, ein wichtiger Faktor in meiner Bilanz. Er wird mir noch sehr viel nützen.« Befriedigung malte sich auf seinen Gesichtszügen, er drückte für einen Moment sehr sanft seinen Knetball, dann bearbeitete er ihn wieder wild. »Wir haben noch andere Erfolge zu verzeichnen«, meinte der Wissenschaftler. »Nichts ganz so spektakuläres wie Rijon. Aber immerhin erwähnenswert. Wollen Sie die Figuren sehen?« Shorne blickte gelangweilt. Auf der anderen Seite wollte er sich einen eventuellen Erfolg nicht entgehen lassen. Zögerlich nickte er, wandte sich zu weiteren Bildschirmen, auf denen andere Zellen zu sehen waren. Harvoon machte ihn auf eine davon aufmerksam. Eine sehr attraktive Terranerin, kaukasischer Typ, vom Aussehen her an eine Skandinavierin erinnernd, lag auf einer einfachen Pritsche und schlief augenscheinlich. »Jeane Blanc. Sie stammt aus der französischen Normandie. Leider hat sie einiges über die illegalen Experimente herausgefunden, was sie nun wirklich nichts anging. Wir haben sie daraufhin zu einem Teil der Experimente gemacht.« Die Worte des Ara klangen gefühlloser, als sie gemeint waren. Immerhin war er Chef dieser Abteilung geworden, weil er etwas von seinem Fach verstand. Wie alle Aras war er aber nicht grundsätzlich ohne Gefühl, er war nur besonders auf seine Arbeit konzentriert. Die Profite kamen eben an erster Stelle. »Die möchte ich gerne mal kennen lernen.« Das Grinsen des Managers konnte man allenfalls als impertinent bezeichnen. Er starrte auf die Gestalt der jungen Terranerin, dann löste er sich gewaltsam von dem Bild. »Besuchen wir die Kandidaten lieber direkt.« Der Ara nickte schweigend und führte den Gast in einen Korridor, der von der Zentrale der Station nicht weit entfernt lag. Die wichtigsten Experimente waren natürlich ganz in der Nähe untergebracht. Vor einer Tür blieb er stehen. Shorne hielt ihn zurück und betrat den Raum allein. Langsam richtete sich die Terranerin auf, warf einen Blick aus verquollenen Augen auf den Industriemagnaten. Die schlechte Behandlung der letzten Zeit, Operationen und Spritzen mit Substanzen, die ihren Körper schwer belastet hatten und in ihrem Ineren kaum vorstellbare Veränderungen erzeugten, hatten ihr nicht wirklich geschadet. Man konnte deutlich erkennen, dass sie eine wunderschöne Frau war. »Erkennst du mich?« Shorne redete die Frau mit der weit weniger respektvollen Anrede an und machte somit klar, dass er sie nicht als seinesgleichen akzeptieren würde. Zumindest zunächst nicht. »Wer würde das nicht.« Verloren ihr Tonfall, Angst schwang in ihrer Stimme mit, aber auch Trotz. Befriedigt nickte der Man. »Ich habe gehört, dass du aus Europa stammst. Terranerinnen sind etwas Besonderes. Und du bist etwas sehr besonderes, wie man mir sagte. Was kannst du?« Ihr Blick war verletzt, als sie seinen unverschämten Blick erwiderte. »Ich kann deine Gefühle erfassen. Ich bin Empathin. Und was ich derzeit erspüre, gefällt mir überhaupt nicht.« »Ich wäre an deiner Stelle nicht so überheblich. Immerhin bin ich derjenige, der an deiner Situation alles ändern kann. Sicher wirst du dich mir nicht versagen. Du wirst es nicht bereuen. Ich mache dich zu meiner persönlichen Favoritin. Du wärest immer an meiner Seite, zuständig dafür, die Gefühle meiner Geschäftspartner zu erfassen. Dafür bezahle ich dich sehr gut. Du wärest aber auch meine Begleiterin in anderer Hinsicht...« Angewidert verzog sie das Gesicht. »Du bist ein Schwein, Michael Shorne. Du wirst niemals..« Sie brach ab, als der Man einen Schritt auf sie zu machte. Sie wich zurück, stieß aber gegen die Liege. Shorne wollte sich offensichtlich auf sie stürzen, ohne Rücksicht auf ihre Gefühle zu nehmen. Empört stieß sie ihn zurück. Shorne blickte verblüfft, als er sich fast neben der Tür gegen die Wand prallen fühlte. Langsam rutschte er daran hinunter, verzog das Gesicht vor Schmerzen. Woher hatte diese kleine, zarte Gestalt so viel Kraft? »Was war das?« »Oh, möglicherweise habe ich vergessen, etwas zu erwähnen. Da sind auch noch einige telekinetische Fähigkeiten.« Sie lachte laut auf und demütigte dabei den Industrieboss noch weiter, der in diesem Moment froh war, dass er den Ara nicht mit in die Zelle gelassen hatte. Er hoffte, dass nicht einer der Pfleger am Bildschirm mitverfolgt hatte, was geschehen war. »Das wirst du bereuen, du kleines Luder!« Jeane stemmte die Hände in die Hüften und blickte auf den Industriellen nieder. »Verlasse meine Kabine, sonst werde ich meine Hände um deinen Hals legen, meine mutierten Sine auf deinen Adamsapfel konzentrieren und ihn langsam zerquetschen. Verschwinde!« Das letzte Wort brüllte sie auf eine Weise, dass der Industrielle erschrocken zusammenzuckte. Das war offensichtlich nicht so gelaufen, wie der Man sich das vorgestellt hatte. Wie ein geprügelter Hund verzog sich der Industrielle, verließ die Zelle. Es sah mehr wie ein Rückzug aus. Er ließ eine Gefangene zurück, die unglücklich den Kopf senkte. Sicher hatte sie ihre Situation damit nicht verbessert. Trotzdem bereute sie höchstens, dass sie dieses Monster nicht getötet hatte. Verloren sank sie auf das Lager nieder. Welche Demütigungen würden sie wohl noch erwarten? Shorne trat aus der Zelle. Er hatte sich wenigstens soweit wieder hergerichtet, dass man nicht auf den ersten Blick erkennen konnte, was passiert war. Trotzdem konnte der Ara erkennen, dass der Industrielle inerlich kochte. Er konnte es nicht verhindern, dass ein Gefühl der Befriedigung in ihm aufkam. Offensichtlich klappte auch bei ihm nicht immer alles, wie er es sich vorstellte. Und die Terranerin war offensichtlich ein Faktor, der nicht in seinem Sine tätig werden wollte. Shorne ging nicht auf seine Niederlage ein. Er warf dem Ara einen fragenden Blick zu. »Der nächste? Wo ist seine Zelle, wie heißt er und was kann er?« »Hank Lane. Er war auf der Erde als Wrestler tätig. Das sind diese komischen Typen, die spektakuläre Aktionen im Ring zeigen und eigentlich nur so tun, als würden sie sich schwer verletzen wollen. Er war ein Profi, bevor er mit uns nach Mankind kam.« »Ich weiß, was Wrestling ist. Die Liga gehört mir. Ohne mich wäre Falk Drogan ein Nichts.« Grinsend ging er neben dem Ara her. Wenigstens ein Feld, in dem er das Sagen hatte und in dem niemals jemand ihm widersprechen würde. »Man kann nicht sagen, dass er über besondere Fähigkeiten verfügt. Derzeit nicht, heißt das. Er leidet noch unter den Folgen einer Operation. Sehen Sie selbst.« Er ließ eine der Türen zur Seite gleiten und betrat die Zelle. Auf der Pritsche lag eine Gestalt, die nur noch entfernt an einen Menschen erinnerte. Das Gesicht des Mannes war grausam verformt, wirkte wie der Schädel eines Wolfes. Ein Grunzen drang aus dem deformierten Rachen des Mannes. »Wir haben ihn mit Tier-Genen behandelt. Deshalb haben sich seine Muskeln überproportional entwickelt. Er hat die Kraft eines Bären. Außerdem hat er einen Instinkt, wie ein Tier. Wir haben ihm den Namen Wulf gegeben.« »Aha. Wie auch immer, er ist im Augenblick wohl nicht ansprechbar. Schauen wir uns den nächsten an.« Die Tür glitt hinter dem Ara und Shorne in die Wand und verriegelte sich. Direkt nebenan war eine weitere Tür, auf die der Ara zusteuerte. »Brad Callos ist ein Teleporter. Deshalb haben wir den Raum auch zusätzlich gesichert. Er kann hier nicht verschwinden, den er ist in einen Paratron eingeschlossen. Wir werden deshalb auch kaum in der Lage sein, an ihn heran zu kommen. Mit ihm reden werden Sie allerdings können.« Sie betraten den Raum. Nur wenige Schritte hinter der Tür signalisierte leuchtend rote Farbe auf dem Boden und an der Decke, dass hier der Schutzschirm begann. Sicher setzte er sich in der Wand fort, aber das war nicht zu sehen. Shorne musterte die Gestalt, die auf der Liege lag und ihm den Rücken zukehrte. Er räusperte sich. Unbewegt beobachtete er, wie sich die Gestalt umdrehte und langsam erhob. Sekundenlang musterten sich die beiden Menschen. Dann grinste der Teleporter. »Shorne. Welch zweifelhafte Ehre.« Der Industrielle musterte den Terraner. »Ich glaube kaum, dass du in deiner Position ein solches Auftreten an den Tag legen solltest.« »Möglicherweise nicht. Aber auf der anderen Seite bin ich schon in Schwierigkeiten. Ich habe nichts zu verlieren. Meinen Sie nicht?« »Vielleicht hätte ich aber die Möglichkeit, Deine Situation zu verbessern.« »Indem Sie mich zu ihrem Sklaven machen? Das glaube ich nicht, Shorne. Eines Tages werde ich hier herauskommen. Immerhin bin ich Teleporter. Dann werde ich Sie auffliegen lassen und zu meiner Frau und meinem Kind zurückkehren.« »Das glaube ich nicht.« Das selbstgefällige Grinsen des Industriellen warnte den Teleporter. Sein Gesicht verzog sich, eine Maske schieren Entsetzens starrte Shorne an. »Was wollen Sie damit sagen?« Die Gesichtszüge des Mannes erbleichten, er wollte es nicht wissen. »Sie sind schon lange tot. Glaubst du nicht, dass die beiden nicht schon lange versucht hätten, dich zu finden? Du hast niemanden mehr, außer mir. Arbeite mit mir zusammen, das ist besser für dich!« Der Ara verbarg sein Entsetzen. Er bedauerte den Man, konnte aber nichts für ihn tun. Jegliche Kraft schien aus dem schlanken Körper des Mannes zu entweichen. Er sank auf die Liege und verbarg das Gesicht in den Händen. Dann blickte er auf, rot geränderte Augen hefteten sich auf Shorne. »Ich werde Sie kriegen! Und dann werde ich Sie töten! Ich hasse Sie...« Shorne schüttelte den Kopf, konnten so viel Ignoranz einfach nicht verstehen. »Noch ein Blindgänger. Hoffentlich kommen wir auch mal an einen Mutanten, der weiß, was gut für ihn ist.« »Ich glaube, das kann ich garantieren.« Wir haben noch drei Mutanten, die man nicht als gelungene Versuche bezeichnen kan. Drei Chimären, die teilweise Tier, teilweise Mensch geworden sind. Ich stelle Ihnen die bewussten Personen vor. Die erste heißt Torytan.« Harvoon öffnete die Tür zu einer weiteren Zelle und zeigte Shorne eine fledermausähnliche Erscheinung, die in einer Ecke der Zelle kauerte. Sie stieß einen Schrei aus, der aber unhörbar blieb. »Wir haben selbstverständlich besondere Schallfelder installiert, den die Schreie des Mutanten liegen in einem Bereich, der für Ihre Trommelfelle sehr schädlich wäre. Außerdem kann er fliegen. Ich glaube kaum, dass er Ihnen widersprechen wird. Das Wesen ist sehr gefährlich und schwer zu bändigen, ist aber auf Sie konditioniert.« »Gute Arbeit!« »Der zweite heißt Jevvrus. Auch er ist eine Chimäre, die wir wohl kaum in den Griff bekommen können. Sie wird Ihnen allerdings folgen, wen Sie das für nötig halten. Er ist eine Mischung aus einem Topsider, einem Dumfries und einem Dscherro.« Die Gestalt hatte ein Horn wie ein Dscherro auf dem Kopf und war sehr stämmig gebaut. Sie stieß einige dumpfe Laute aus. Die vier Arme des Wesens schlenkerten herum, griffen nach allem, was sich bewegte, einschließlich der Person selbst. Das Wesen konnte sich aber nicht verletzen, Fesselfelder hinderten es daran. »Das letzte der Wesen ist eine Frau. Nun, man sollte sie besser als Amphibie bezeichnen. Kylaka ist eine Mischung aus einer Terranerin und einem Fisch.« Shorne verzog angewidert das Gesicht. »Diese drei Wesen sind zwar beeindruckend, aber im Augenblick wohl kaum hilfreich. Richten Sie ihre volle Aufmerksamkeit auf Rijon. Bringen Sie ihn dazu, alles zu tun, was ich ihm befehle. Er wird wohl der einzige werden, der mir helfen kan.« »Selbstverständlich.« Shorne beendete die Führung und entfernte sich schnell aus der Genstation. Irgendwie war das alles sehr belastend für ihn, er wollte nichts damit zu tun haben. Abgesehen von den Ergebnissen, die sollten natürlich in seinem Sine sein. Harvoon kümmerte sich sofort um den Blue, der sich unter der Behandlung vor Schmerzen krümmte. Menschen oder Aras allerdings schickte Harvoon nicht mehr in die Zelle. Er überließ die Behandlung einem Roboter. Rijons Augen weiteten sich. Er wandte sich von dem Roboter ab, der plötzlich vor ihm auftauchte. Seine nach hinten gerichteten Augen erfassten die Maschine, er konnte sie nicht aus den Augen verlieren. Er zitterte vor Angst. Er wollte nichts mit dem Roboter zu tun haben und konzentrierte sich wieder auf Bilder aus der Vergangenheit. Schemen trieben vor die Bilder, schienen sie verschleiern zu wollen. Der Blue wischte sie hinweg. Eine Nadel wurde in seinen Arm gesteckt, ein Serum drang in seinen Körper ein. Rijon konzentrierte sich auf die Gedanken an seine Schwester. Er versuchte, ihr Bild vor seinem geistigen Auge zu bewahren, konnte es aber nicht. Immer wieder drängte sich das Bild eines anderen Wesens vor das seiner Schwester. Ein Terraner, wie es schien, hinter ihm waren Galax-Zeichen abgebildet. Außerdem das Logo der Firma, für die sein Vater gearbeitet hatte. Shorne, so nannte sich der Man wohl. Der Name entstand plötzlich im Kopf des jungen Blue. Auf Bildschirmen, die in seiner Zelle angebracht waren, konnte er plötzlich Szenen erkennen, die diesen Man in den unterschiedlichsten Positionen zeigten. Er schauderte. Er hasste diesen Menschen. Immer wieder bedrängten ihn die Bilder. Er verstand, dass dieser Man verantwortlich war für die Experimente, die man mit ihm veranstaltete. Etwas verriet ihm, dass dieser Mensch Wesen züchten wollte, die Macht und Einfluss hatten, aber ihm hörig waren. Er wehrte sich gegen die Gedanken, die in ihm entstanden und alles übernehmen wollten. Fast verlor er das Bewusstsein. Er taumelte, kämpfte sich auf die Beine und presste sich gegen die Wand. Panik kam in ihm hoch. Er versuchte, dem Roboter auszuweichen, der aber immer an seiner Seite blieb. Die Nadel steckte in seinem Körper. Er drängte den Roboter zurück, setzte dazu seine telekinetischen Fähigkeiten ein. Er wehrte sich gegen den Roboter und versuchte, auch den Bildschirmen auszuweichen. Er schloss die Augen, hatte aber die Bilder immer noch vor seinem geistigen Auge. Er konnte seine Schwester nicht mehr erkennen. Verzweiflung drohte ihn zu übermannen und plötzlich verschwamm die Umgebung vor seinen Augen. Die Umrisse der Zelle veränderten sich, wurden durchscheinend, gewannen allerdings wieder an Substanz. Rijon wünschte sich die Wände weg und eine andere Umgebung herbei. Dabei hatte er allerdings keine konkreten Vorstellungen von seinem Ziel, er wollte einfach nur weg. Alles verschwamm vor seinen Augen, ungezielt sprang er aus der Zelle heraus. Der Ara Harvoon sprang auf und schlug auf den Alarmknopf, als sich plötzlich der Körper des Jungen in Nichts auflöste. »Ein Teleporter!« schrie er den Wachen entgegen, die in die Zentrale gestürmt kamen. »Was kann dieser kleine Teufelsbraten eigentlich nicht?« Der kleine Junge war nirgends mehr zu sehen. Er war in der ganzen Station nicht aufzufinden. Offensichtlich halfen ihm seine telepathischen Fähigkeiten dabei, den suchenden Wachmannschaften auszuweichen. Und seine neugewonnenen Fähigkeiten der Teleportation ließen ihn immer wieder verschwinden. Lange Zeit verbrachten sie damit, den Mutanten zu suchen. Die Nacht brach herein, niemand konnte den jungen entdecken.
Der Blue kauerte auf dem Boden der Zelle. Jeane wusste nicht, was sie tun sollte. Wen die Wachen auf die Bildschirme blicken sollten, dann würden sie den jungen Blue erkennen können. Sie deckte seinen Körper mit einer Decke von ihrer Liege zu. Offensichtlich kam niemand auf die Idee, sich mit den Bildschirmen näher zu befassen. Oder Manipulationen an den Kameras waren doch möglich und sie zeigten im Augenblick nichts weiter an. Der Blue schluchzte leise. Jeane nahm den kleinen Körper in die Arme und wiegte ihn sanft, so lange, bis sich das Wesen beruhigt hatte. Stammelnd erzählte es seine Geschichte, nannte immer wieder einen Namen. »Trützy«, stöhnte er. Jeane brachte aus ihm heraus, dass das seine Schwester war. Der kleine Blue suchte nach seinen Eltern und nach seinen Geschwistern. Sie waren sicher auch in der Station, irgendwannn einmal waren sie das sicher gewesen. Ob sie allerdings noch lebten, war wohl eher zweifelhaft. »Bring mich hier heraus«, flüsterte die Terranerin. Sie fixierte das vordere Augenpaar des Blue und zwang ihn dazu, über die derzeitige Situation nachzudenken. Für einen Moment schaffte sie es, ihn aus seiner Lethargie zu reisen. Die Umgebung verschwamm vor ihren Augen und sie landeten in einem anderen Raum in der Station. Nicht bei anderen Wesen, aber an einem Ort, an dem sich zumindest niemand aufhielt. »Wir werden deine Familie schon finden«, flüsterte die Terranerin. Sie zog den Blue in eine dunkle Ecke in dem Raum und dachte nach. Dann stieß sie den Blue an. »Setz deine Telepathischen Fähigkeiten ein. Hör dich um und versuche herauszufinden, wo sich die Labors befinden. Vielleicht finden wir heraus, was sie mit deinen Eltern gemacht haben.« Minutenlang herrschte Schweigen. Dann löste sich der Raum um sie herum wieder auf, sie landeten in einem Labor. Wirklich daran gewöhnen, auf diese Art und Weise immer wieder den Standort zu wechseln, würde sie sich wohl nie. Aber es war auf der anderen Seite auch eine sehr angenehme Art der Fortbewegung. Sie blickte sich um und erstarrte, als sie in einem der Tanks eine vertraute Gestalt erblickte. Joak Cascal, durchzuckte es sie. Sie haben ihn auch hierher gebracht. Dann aber dachte sie nach. Wen der Terraner verschwunden sein würde, dann hätte man ihn sicher schon gesucht. Und die Terraner waren sehr gründlich in dieser Frage. Sie hätten ihn sicher auch gefunden, mit der Hilfe eines Mutanten wie Gucky aufgespürt. Und diese Station geschlossen. Und sie befreit. Das aber war nicht geschehen. Das bedeutete, entweder war die Entführung des Terraners noch nicht lange her, oder irgendetwas anderes war hier geschehen. Ein anderer Tank war neben dem von Cascal. Die Terranerin ging zu ihm hinüber. Ein Somer lag darin. Sam war der einzige Somer, den Jeane kannte. Sie winkte den Blue zu sich. »Rijon, wer sind diese Menschen? Kannst du ihre Gedanken erfassen?« »Nein.« Der Blue schüttelte den Kopf. Er sah verstört aus. »Die Gedanken dieser Wesen sind kaum greifbar, irgendwie unfertig, nicht ausgereift. Sie sind noch im Wachstum. Sie sind jünger als ich.« Verwirrt hielt der Junge inne. Das konnte nicht sein, sie waren schließlich Erwachsene. »Klone«, flüsterte die Terranerin. Jeane sank gegen einen der Tanks. »Die klonen die Terraner. Die wichtigsten zumindest. Wir müssen das den Behörden melden. Wir müssen sie alarmieren!« Weitere Tanks standen in dem Raum. Uwahn Jenmuhs und der Marquese schienen auch zu den Geklonten zu gehören. Andere konnte sie nicht finden, den der Blue griff nach ihrer Hand und sie entmaterialisierten erneut. Ein einsamer Ara saß vor Bildschirmen, die sein Gesicht in dem dunkeln Raum geisterhaft erleuchteten. Sie hatten den kleinen Blue immer noch nicht gefunden. Dazu hatten sie feststellen müssen, dass noch eine weitere Mutantin nicht mehr in ihrer Zelle war. Offensichtlich waren sie nun zu zweit auf der Flucht. Shorne ahnte noch nichts davon, der Ara hatte noch nichts weiter gemeldet. Er wollte diese Krise allein bewältigen, das würde er sicher leicht schaffen. Sie mussten nur die beiden irgendwannn einmal lokalisieren. Dazu ließ der Ara mittlerweile Detektoren beschaffen, die Mutanten aufspüren können würden. Dass diese Orter nicht sofort verfügbar waren, war eigentlich unverzeihlich. Das würde sich aber bald ändern. Wen sie erst einmal da waren, würden die beiden Ausreißer schnell gefasst werden. Dann würde man solche Spürer überall installieren und ein solcher Vorfall würde sich nicht mehr wiederholen. Seine Arme fühlten sich schwer an. Er wurde langsam müde. Vielleicht sollte er einfach ins Bett gehen und die Suche den Wachen überlassen, er konnte ihnen ohnehin nicht helfen. Er wollte sich erheben, konnte es aber nicht. Wie gelähmt saß er auf dem Stuhl, konnte sich nicht bewegen. Verzweifelt versuchte er, die Hände frei zu bekommen. Es ging nicht. Langsam, wie in Zeitlupe, bewegte sich der Stuhl. Er rutschte einen halben Meter zurück und drehte sich dann langsam. Eine Gestalt tauchte im Blickfeld des Aras auf, die schlanke, sehr schöne Gestalt einer Frau, die er kannte. Jeane, eine der flüchtigen Mutanten. Sie war aber nicht sein Problem, den nur einen Augenblick später tauchte in seinem Blickfeld der Tellerkopf eines Blue auf. Die Mundöffnung an dem spindeldürren Hals war zu einem Grinsen verzerrt, das allerdings sicher nicht als Grinsen gedacht war. Der Ara konnte die Wut des Jungen spüren. »Meine Eltern, wo sind sie? Sag es mir!« Bedauern entstand in dem Ara, er blickte mitleidig auf den Jungen. »Ich werde dir alle Daten zugänglich machen. Lass mich nur an den Computer.« Die Terranerin schüttelte den Kopf. »Sag uns einfach, wie wir da hinein kommen. Den Rest machen wir schon.« Sie übernahm die Eingabe der Daten und ließ die Akte auf dem Bildschirm erscheinen. »Hier ist es. Ich werde den Ara übernehmen.« Sie setzte nun ihrerseits die telekinetischen Fähigkeiten ein, über die sie verfügte. Der Blue trat an den Bildschirm und las die verfügbaren Daten. »Nein«, flüsterte der junge Blue. Er konnte nicht verstehen, kaum nachvollziehen, wie jemand so grausame Dinge tun konnte. Der Ara hatte versucht, seine Eltern mit Zentrifaalern zu vermischen. Sie waren bei diesen perversen Versuchen gestorben. Auch seine Geschwister lebten nicht mehr. Der Blue trauerte stumm um seine Familie, dann entdeckte er noch einen Hinweis. Trützy war noch am Leben! Sie wurde in einem der Labore am Leben erhalten. Irgendetwas schien mit ihr nicht zu stimmen. Er ließ die Akte vom Schirm verschwinden und näherte sich dem Ara. »Du bist ein Monster.« Seine Stimme war ruhiger, als er sich fühlte. Er konzentrierte sich auf den Ara und drückte seinen Adamsapfel zusammen. Jeane konnte es nicht verhindern, allerdings versuchte sie es auch kaum. Jegliches Gefühl erlosch in dem Blue, als er mit ansah, wie sich der Ara röchelnd auf dem Boden wand. Er litt, konnte nicht mehr reden, kaum noch atmen. Der Tod griff nach ihm. Jeane beobachtete die Szene entsetzt. Sie konnte kaum fassen, dass das Kind zu solchen Taten fähig war. Was mussten sie ihm angetan haben, dass so etwas in ihm entstehen konnte? Grausamkeit im Blick, trat der Blue ganz dicht vor den Ara, der sich auf dem Boden wand. Er setzte seine Fähigkeiten der Strukturerschütterung ein und ließ einen Teil des Körpers des Aras explodieren. Nur das Bein löste sich in einen roten Regen auf. Dann das andere. Dann die beiden Arme. Schließlich der Kopf. Nur der Rumpf blieb übrig, den der Blue nicht mehr beachtete. Er griff nach der Hand der Terranerin, die sich nicht bewegte und nur entsetzt auf die Überreste des Aras starrte. Der Raum verschwand, ein Labor erschien vor ihren Augen. Jeane wusste nicht, was sie mehr entsetzte. Das Verhalten des Blue, oder das der Gen-Manipulatoren, denen sie in die Hände gefallen waren. Die Gestalt einer jungen Blue jedenfalls würde ihr keine Antwort geben können, den ihr Bewusstsein war fast erloschen. Lebenserhaltungsmaschinen sorgten dafür, dass die Organe der Blue noch funktionierten. Eine Haut schien sie nicht mehr zu haben, jedes einzelne Organ lag blank. Auch das Gehirn der Blue. Ein Bewusstsein schien aber noch vorhanden zu sein. Der Blue bestätigte, dass er Gedanken von ihr empfangen konnte. Sie dachte über ihre Kindheit nach und sie dachte an Rijon. Der Blue konnte es kaum ertragen, seine Schwester so zu sehen. Er sank auf die Knie und übergab sich. Fast verlor er das Bewusstsein und blickte die Terranerin nur noch hilflos an. Sie konnte ihm nicht wirklich böse sein, dass er den Ara getötet hatte. Er war ein Monster, wie alle anderen Mitarbeiter, wie Shorne selbst. Unglaubliches geschah in dieser Station, das hatte sie am eigenen Leib erfahren müssen. Sie verstand den kleinen Kerl vollkommen, der da am Rande des Tanks kniete, in dem seine Schwester lag und sich nicht bewegte. Oder besser die Überreste der kleinen Gestalt. »Du kannst sie nicht retten«, äußerte die Terranerin. Sie hasste sich dafür. Aber sie musste ihn aus seiner Lethargie reisen. »Nein, ich werde sie nicht töten. Sie wird das überstehen.« Trotzig klammerte sich der Blue an die Hoffnung, die ihn erfüllte. Verzweifelt blickte er auf die Organe, die frei in dem Tank an den Stellen schwebten, wo sie auch im Körper sein mussten. Aber einen Körper konnte er nicht erkennen. Ihre Gedanken drehten sich weiterhin um Rijon, aber der Blue schaffte es nicht, sich bemerkbar zu machen. Sie konnte nichts und niemanden um sich herum erkennen. Dann allerdings schaffte es der Blue doch, in ihren Geist vorzudringen. »Rijon...« Die Stimme war wie ein Windhauch, schien nur im Geist der Terranerin zu entstehen. »Beschütze mich! Du hast es mir versprochen. Erlöse mich davon...« Jeane verstand nicht, aber sie ahnte, was die Stimme meinte. Sie wollte sterben, lieber sterben, als in diesem Elend weiterleben. Auch Rijon hatte das verstanden, aber er wollte das nicht wahrhaben. »Nein«, flüsterte er. »Doch«, sagte die Terranerin in erschreckender Deutlichkeit. »Tu es für sie, sie will es so.« Rijon weinte, aber seine Hand streckte sich nach der Bedienungseinheit der Lebenserhaltungssysteme. Er legte den Hebel um, zerstörte die Energiezufuhr. Er tötete seine Schwester. »Danke...« Nur ein Hauch, ein letzter Gruß. Trützy war tot. »Sie werden es alle büßen«, flüsterte Rijon. »Tu es nicht, es wird nicht helfen, wen du unschuldige Menschen tötest.« »Niemand ist unschuldig.« Er setzte seine telekinetischen Fähigkeiten ein, drückte die Terranerin an die Wand. Dann sperrte er sie in eine Kammer ein und rannte aus dem Labor. Er wollte sie alle finden, er wollte sie alle töten. Sie würden es ihm büßen. Er hatte sie alle befreit, hatte auch einige gefunden, die sich ihm angeschlossen hatten. Jetzt würden sie es bereuen. Sie würden nicht mehr lange leben. Er richtete seine suggestiven Fähigkeiten auf die Mitarbeiter in der Station und impfte ihnen den Todesbefehl ein. Sie sollten sich alle selbst vernichten, leiden, für ihre Verbrechen sühnen, die sie an vielen Menschen und Fremdwesen beganngen hatten.
Jeane richtete sich stöhnend auf. Zuerst hatte sie sich noch auf den Beinen halten können, aber die Kräfte des kleinen Blue waren dann doch zu viel geworden. Sie hatte das Bewusstsein verloren. Langsam schob sie sich an die Wand, ihr Rücken berührte das kalte Material. Sie lehnte den Kopf dagegen, presste beide Hände gegen die Schläfen und stöhnte. Grausame Bilder schossen durch ihre Gehirnwindungen. Sie sah noch einmal den Körper des Bluesmädchens, oder besser, was davon übrig geblieben war. Es war nicht viel gewesen, nur Organe, die ein Gehirn versorgten. Ein nicht lebensfähiger Organismus, der aber trotzdem existierte, am Leben gehalten nur durch einen Tank, der die Organe wie eine Haut zusammenhielt. Wozu dieses Experiment gedient haben sollte, war ihr nicht klar. Vor allem aber diente es dazu, den kleinen Blue zu quälen, ihn mehr und mehr zu einer Bedrohung zu verwandeln. Einer Bedrohung für jedes lebende Wesen. Dieses Kind hatte einen Hass auf jedes Leben entwickelt, mit dem er zu tun hatte, weil seit kurzem sein Leben nicht mehr normal war, auf eine Art verändert, dass er einfach jeden für einen Feind halten musste. Nur bei ihr hatte er kurzfristig eine Ausnahme gemacht, vermutlich deshalb, weil sie ihm geholfen hatte, als er in ihrer Kabine gelandet war. Hoffentlich würde er sich daran erinnern. Sie stemmte sich hoch, kam auf die Beine, wandte sich zur Tür um. Ihre mutierten Sine richteten sich auf die Tür, griffen langsam, tastend, in den Mechanismus und bewegten kleine Teile, die wie Zahnräder ineinander griffen und den Verschluss öffneten. Der Blue hatte gewusst, dass sie sich befreien konnte. Trotzdem hatte er ihr nicht mehr angetan. Das war immerhin beruhigend. Sie orientierte sich kurz, als sie den Raum verlassen hatte. Teleportieren konnte sie nicht, ohne den Blue war sie auf ihre Fähigkeiten der Empathie und der Telekinese angewiesen. Aber das reichte zumindest, um sich gegen etwaige Feinde zu wehren und sie rechtzeitig zu erspüren. Sie richtete ihre Fähigkeiten nach außen, ließ Gefühle an sich heran und erspürte die Schwingungen zweier Lebewesen, die nicht sehr weit entfernt waren. Mutanten, wie sie erkannte. Vorsichtig bewegte sie sich durch die Räume, an den Tanks vorbei, in denen absurde Monstrositäten schwammen, kaum als lebende Wesen erkennbar, entstellt oder durchaus als Mensch oder Außerirdischer zu identifizieren. Dann aber sicher das Ergebnis von Klonexperimenten, mit denen diese Verbrecher weiß ES was vorhatten. Sie schüttelte sich, huschte schnell an den Kreaturen vorbei, die in den Tanks schliefen. Dann erreichte sie eine der Türen und öffnete den Mechanismus, was von außen kaum ein Problem darstellte. Die Tür glitt lautlos nach innen. Vorsichtig blickte sie auf die Pritsche. Der Lichtschein von außen erhellte den Raum nur bis zu einem gewissen Punkt, die Pritsche jedenfalls lag im Dunklen. Sie betrat den Raum und ging auf die Gestalt zu, deren Umrisse kaum zu erkennen waren. Trotzdem berührte sie die Schulter des Wesens, das sich nur unwillig bewegte. Offensichtlich schlief es. Sie schubste ihn an, seine Emotionen waren sehr verschwommen, kaum zu identifizieren. Verzweiflung, Angst, Entsetzen, aber auch eine gewisse Schläfrigkeit, ein Fatalismus, den sie nur zu gut verstehen konnte. Die Gestalt erwachte. Sie wirbelte auf der Liege herum, glitt zu Boden, kauerte vor der jungen Frau und zog die Lefzen hoch. Jeane fuhr zurück, zog die Luft durch die Nase und war kurz davor zu schreien, biss sich aber auf die Lippen. Als sie bemerkte, dass das Wesen nicht angreifen würde, wurde sie ruhiger. Sie kam aus einer leicht gebückten Stellung hoch, die sie eingenommen hatte, um den Angriff abzuwehren. Ohne ihre telekinetischen Fähigkeiten hätte sie da allerdings schlechte Chancen gehabt. »Wer bist du?« Ihre Stimme zitterte. Mitleid nahm für einen Moment überhand, dann beherrschte sie sich aber. Der Mensch mit dem Wolfsschädel hob die Nase, schnupperte für einen Moment in der Luft und beschloss dann offensichtlich, der Frau zu vertrauen. »Wulf nennt man mich.« Seine Stimme war mehr ein Knurren, anscheinend war er mit seinem missgebildeten Rachen kaum in der Lage, Worte hörbar zu formulieren. Offensichtlich war der Man durchaus Intelligent. Und er kam ihr auch bekant vor. Irgendwie jedenfalls, wen sie die Gesichtszüge auf sich wirken ließ, die noch aus dem Wolfsschädel hervorschauten, dann hatte sie das eindeutige Gefühl, dass sie ihn kennen musste. »Eigentlich heiße ich Hank Lane. « Ja, dachte sie, das ist dieser Wrestler. Oder besser, er war es einmal gewesen. Ich denke, wir sollten zusammen nach weiteren Insassen dieser Einrichtung suchen und sie befreien«, schlug sie vor. »Einverstanden«, knurrte der Man. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Jeane nutzte ihre Fähigkeiten der Empathie aufs Neue und steuerte auf eine der nächsten Türen zu. Wulf schnupperte und schaute verunsichert in eine andere Richtung, aber er folgte der jungen Frau. Offenkundig hatte er nichts dagegen einzuwenden, wohin sie ging, anscheinend war diese Richtung sicherer, als die andere, sonst hätte er sicher Alarm geschlagen. Eine Tür zu öffnen, erwies sich nicht als Problem. Jeane brauchte nicht einmal ihre telekinetischen Fähigkeiten zu bemühen, von außen ging es auch ohne, da waren die Türen nicht gesichert. Nur von inen waren sie blockiert. Nur nützte das in diesem Fall nicht sonderlich viel. Der Insasse dieser Zelle war offenbar ein Teleporter, deshalb war seine Zelle zusätzlich mit einem Paratron gesichert. Die beiden Mutanten konnten zwar die Zelle von Brad Callos betreten, aber das war dann auch die Endstation. Ratlos standen die drei Personen vor dem Paratron, nur zwei davon auf der richtigen Seite. »Wie kommen wir da durch?« Wulf schnupperte, dann wandte er sich in Richtung der Wand. Er senkte den Kopf und rannte gegen das Stahlplastik, das sich unter dem Ansturm des kräftigen Mutanten verformte. Jeane erkannte, was er vorhatte, und verstärkte seine Anstrengungen noch telekinetisch. Teile des Stahlplastiks brachen aus der Wand und ermöglichten dem kräftigen Wolfsmenschen so, einen neuen Ansatz zu finden. Er riss weitere Teile aus der Wand und legte schließlich eine Leitung frei, die von der Steuerungseinheit des Schirmes an die Stelle führte, an der der Schirm begann. Offenkundig war hier eine Möglichkeit gegeben, den Energiezufluss zu unterbrechen. Von außen war das sicher eher möglich als von innen. Noch einfach er wäre es gewesen, direkt die Steuereinheit zu beeinflussen, aber die war nicht im Raum und auch nicht davor. Sie war irgendwo weiter weg und damit nicht erreichbar. Damit blieb nur die Leitung. Jeane griff mit ihren telekinetischen Fähigkeiten nach der Leitung und riss sie aus der Wand. Der Wolfsmensch griff nicht nach der Leitung und überließ alles weitere der Telekinetin, die den Vorteil hatte, das Kabel nicht anfassen sondern nur mit ihrem Geist berühren zu müssen. Es gelang ihr, das Kabel zu zerstören. Der Energiezufluss wurde unterbrochen und der Schutzschirm brach zusammen. Jeane sank stöhnend zu Boden. Wulf dachte zuerst, es liege an der Anstrengung, aber es steckte offensichtlich noch mehr dahinter. Er warf einen fragenden Blick auf die Frau, die sich auf dem Boden krümmte. Brad Callos hielt sich nicht mit Formalitäten auf. Er kümmerte sich um die Frau. Er griff nach ihr und teleportierte mit ihr in die Zentrale der Station, wo er sie einem Medoroboter überließ. Ein Sprung zurück, er griff nach dem Wolfsmenschen, der nur einen Augenblick lang geschockt reagierte, dann sprang er mit ihm zusammen zu der Mutantin, die immer noch auf dem Boden lag und stöhnte. Aber sie war ruhiger geworden. Konzentriert blickte sie ins Leere und ignorierte die beiden anderen Mutanten. Achselzuckend wandte sich der Teleporter zu den Syntroniken zu und suchte nach Unterlagen über seine Familie. Er wollte wissen, ob Shorne die Wahrheit gesagt hatte, ob seine Frau und sein einziges Kind wirklich nicht mehr am Leben waren. Zu seiner Überraschung waren die Unterlagen nicht gesichert. Er konnte nicht wissen, dass Jeane und der Blue Rijon hier bereits gewesen waren und in die Datenbanken eingedrungen waren. Sie hatten alle Sicherungen beseitigt, so dass die Unterlagen nun offen für jeden zugänglich waren. Konzentriert suchte er mit Stichworten nach den Namen seiner Familie. Er fand nur eine Akte, die seinen Namen trug. Er öffnete die Datei und überflog die Daten. Die meisten waren für ihn uninteressant und auch kaum verständlich, sie zeigten eigentlich nur, was man ihm alles angetan hatte, um ihn zu einem Teleporter zu machen. Offenkundig war man dabei sehr gezielt vorgegangen, was nahe legte, dass solche Forschungen von Shorne schon länger betrieben wurden. Oder besser von seinen Ärzten, die ihre Kenntnisse mit den Experimenten der Vergangenheit sicher noch weiter hatten steigern können. Da war der Hinweis. Seine Frau und sein Kind waren in die Räume der Station geschafft worden, kurz nachdem er selbst hier gelandet war. Man hatte sich nicht lange mit ihnen aufgehalten; der Ara, der sie behandelt hatte, hatte sie als genetisch ungeeignet eingestuft. Minderwertiges Material, wie er sich ausdrückte. Callos ballte eine Faust und knallte sie auf den Tisch. Sie waren deshalb als Organbanken verwendet worden und retteten so manchem Mutanten das Leben, dessen Organe verschiedenen Belastungen nicht mehr gewachsen waren. Dazu mussten sie nicht unbedingt am Leben sein. Sie waren vermutlich kurz nach ihrer Einlieferung getötet worden. Von beiden war heute nichts mehr übrig geblieben, außer Einzelteilen in den Körpern anderer Mutanten. Angewidert wandte sich der Teleporter von den angezeigten Ergebnissen ab und wollte schon den Rechner ausschalten, aber dann ließ er es sein. Eine Welle der Trauer übermannte ihn. Tränen, die er schon versiegt glaubte, rannen über seine Wangen. Er schluchzte und bemerkte nicht, dass sich die beiden anderen näherten. Jeane legte ihm eine Hand auf die Schulter, er zuckte zusammen. Sie verstand zwar nicht, was den Man belastete, aber angesichts von all den Dingen, die hier geschahen, konnte sie es sich denken – und empathisch fühlen. »Beruhige dich, wir haben noch andere Probleme. Was, wen uns die Männer finden, die hier arbeiten? Immerhin sind wir hier im Allerheiligsten.« »Lass sie ruhig kommen«, knurrte die heisere Stimme des Wolfsmenschen. »Ich werde sie mit Freuden erwarten.« Callos erwachte aus seiner Trauer und blickte in die Augen der Mutantin. »Warum bist du zusammengebrochen, vorhin?« »Aus zwei Gründen. Zum einen, wegen deiner Gefühle, die für mich als Empathin deutlich zu spüren waren. Das allein wäre es aber noch nicht gewesen. Da war noch ein anderes Gefühl, ein Gefühl, dass ich mich töten muss. Es kam aber nicht aus mir, sondern von außen. Ich verstehe nicht, was es gewesen ist. Aber es muss etwas mit den Menschen und sonstigen Wesen zu tun haben, die hier in dieser Fabrik sind. Sie müssen sich offensichtlich den Tod wünschen, einige von ihnen. Ich konnte mit Hilfe dieses Medoroboters diese Gefühle kontrollieren und schließlich aussperren. Es ist grauenhaft.« Sie verstummte, senkte für einen Moment den Blick, dann heftete sie ihn auf den Teleporter. »Du sitzt gerade vor dem Terminal. Wir sollten alles Material aus den Rechnern holen, auf Datenspeichern ablegen und diese mitnehmen. Dann haben wir Beweismittel gegen Shorne und seine Fabrik in der Hand. Danach sollten wir machen, dass wir von hier verschwinden. Irgendetwas stimmt hier nicht. Wir sollten so schnell wie möglich von hier weg gehen. Rijon ist sicher noch hier.« »Wer ist das?« Callos reagierte verständnislos. Jeane schüttelte den Kopf. »Nicht so wichtig. Kümmern wir uns lieber um die Daten.« Wulf schnupperte misstrauisch. Auch er schien zu spüren, dass etwas nicht stimmte. Er hatte sich sehr schnell in seine Rolle hineingefunden. Während Callos begann, nach bestimmten Dateien zu suchen, heftete Jeane ihren Blick auf den Wolfsmenschen. Sie konzentrierte sich nur auf ihn und ließ seine Gefühle auf sich wirken. Nur für einen Augenblick, aber der genügte ihr. Der Wolfsmensch war bei weitem nicht so ruhig, wie er erschien. Und in diesem Augenblick machte sie auch eine dünne Tränenspur auf seinen Wangen aus, die in den Haaren auf seinem Gesicht kaum zu erkennen war. Sie verstand ihn sehr gut. Sie beschloss, seine Privatsphäre zu respektieren und sich aus seinen Gefühlen herauszuhalten. Sie alle mussten mit dieser Situation fertig werden. Und sie alle mussten das alleine schaffen. Niemand würde ihnen dabei helfen. Sie waren Monstren geworden, auch wen das bei einigen von ihnen äußerlich kaum zu erkennen war. Ihr Leben würde sich ändern, viele würden ihnen misstrauen und PsIso-Netze anwenden, um sich vor ihnen zu schützen. »Such nach Dateien über Pläne, die Mitglieder der Regierung durch Klone zu ersetzen«, wies sie den Teleporter an, der ihr einen verblüfften Seitenblick zuwarf. »Wie bitte?« »Ich habe hier Personen gesehen, die kaum länger fehlen könnten, ohne dass es zu Suchaktionen kommen würde. Und wäre das der Fall gewesen, dann wüssten wir es längst, meinst du nicht?« »Was für Personen?« Sie berichtete kurz über ihre Abenteuer mit Rijon und stellte ihnen dabei auch den jungen Supermutanten vor, der sicher noch für Probleme sorgen würde. Sie hatte seine Drohungen nicht vergessen. Beeindruckt schwieg Callos und suchte nach Dateien, die nähere Informationen darüber beinhalten würden. Es gelang ihm, einige Datenträger mit entsprechenden Informationen zu füllen. Dann deaktivierte er den Rechner. »Verschwinden wir, aber diesmal zu Fuß.« Jeane nickte und wies den Weg zur Tür. Dabei stolperten sie über den kopflosen Rumpf eines Aras, der auch keine Arme und Beine mehr hatte. Callos reagierte entsetzt, auch Wulf verharrte für einen Augenblick. »Das ist Harvoon. Oder das, was von ihm übrig geblieben ist. Rijon hat sich auf grausame Weise an ihm für den Tod seiner Eltern und seiner kleinen Schwester gerächt. Ich kann ihn irgendwie verstehen.« Trotz dieser Worte blickte sie angewidert auf die Leiche nieder. Dann stieg sie zusammen mit den beiden anderen über den Leichnam hinweg und verließ die Zentrale. Kaum hatten sie den Raum verlassen, überfielen sie wieder diese Selbstmordgefühle, die überall in der Station zu sein schienen. Sie gingen aber nicht von ihr oder einem der beiden Begleiter aus, sondern von Ärzten und Pflegern und Schwestern, die in dieser Klinik beheimatet waren. Sie wollten sterben und legten Hand an sich. Sie empfing das Gefühl eines sterbenden und überließ sich für einen Augenblick diesem Gefühl, dann schüttelte sie sich. »Da sind die Gefühle wieder.« Sie merkte, dass die Gefühle alle einen Ausgangspunkt hatten und tastete sich langsam in Richtung dieses Ausgangspunkts. Die Hassgefühle, die sie empfing, lähmten sie für einen Moment. »Es ist der Mutant«, keuchte sie. »Offensichtlich kann er noch mehr, als ich dachte. Bisher kenne ich nur seine Fähigkeiten als Telepath, Teleporter und Strukturerschütterer. Aber da muss noch mehr sein. Er muss auch noch als Suggestor fungieren. Er zwingt die Mitarbeiter der Station zum Selbstmord.« Entsetzt blickten sich die drei Mutanten an. Der Teleporter sprang zurück in den Raum, den sie gerade verlassen hatten. Er holte ein Versäumnis nach und konsultierte die Überwachungseinrichtungen der Station. Auf einem der Schirme konnte er einen Blue mit drei merkwürdigen Gestalten erkennen. Die Chimären umgaben ihn, als wollten sie ihn beschützen. Und vermutlich taten sie genau das. Sie arbeiteten offensichtlich mit ihm zusammen. Er prägte sich die Bereiche der Station ein, in denen er die vier Mutanten finden würde. Dann sprang er zurück zu den beiden anderen, die ungeduldig auf ihn warteten. »Ich weiß, wo er ist.« Er nahm die beiden anderen Mutanten an der Hand und sprang in die Nähe der vier entarteten Mutanten. Sie bogen um die Ecke und konnten gerade noch erkennen, wie eine fledermausähnliche Gestalt sich kurz in die Luft erhob, allerdings nur für einen Augenblick. Der Raum war für wirklichen Flug viel zu niedrig. Er richtete seinen Blick in Richtung der drei Mutanten, konnte sie aber kaum erkennen, dafür waren sie noch zu weit entfernt und durch die Biegung geschützt, hinter der sie hervorlugten. Dafür aber nicht die Schwester, die aus einer Tür gestürzt kam und verwirrt auf die vier Mutanten blickte. Sie griff an ihren Hals, als sie den Selbstmordimpuls empfing. Aber sie brauchte sich nicht mehr zu bemühen. Offensichtlich hatte der Fledermausähnliche ihr Erscheinen als Bedrohung empfunden und öffnete den Mund. Es war zwar nichts zu hören, aber dafür konnten sie sehen, wie die Gestalt der jungen Terranerin plötzlich wie mit einer Riesenfaust getroffen zurück flog und an die Wand krachte. Blut quoll aus ihrem Mund. Anscheinend war mehr passiert, als mit dem Aufprall zu erwarten war. Eine flüchtige Untersuchung zeigte, dass kein Knochen in ihrem Körper heil geblieben war. »Ultraschall«, meinte der Wolfsmensch. Er schüttelte sich und wollte auf die vier Personen zustürzen. Jeane hielt ihn zurück. »Wir haben keine Chance gegen diese vier. Wir sollten verschwinden.« Callos nickte zustimmend. Bevor sie verschwinden konnten, wurden sie allerdings von den anderen Mutanten entdeckt. Rijon drehte sich nach den drei Mutanten um, nachdem er den Warnruf der Fledermaus empfangen hatte. Er sah die Gestalten und wandte seine Fähigkeiten an. Der Teleporter verspürte ein Kribbeln in den Eingeweiden, das sich fast sekündlich verschlimmerte. Ohne zu zögern griff er nach den beiden anderen und sprang hinter den Blue. Er blickte auf die kleine Gestalt des Wesens, während Jeane ihre telekinetischen Fähigkeiten einsetzte. Die Gestalt des Blue wurde durch den Gang geschleudert. Bevor sie allerdings die Wand erreichte, entmaterialisierte sie. Einen Sekundenbruchteil später stand sie wieder im Gang und blickte in ihre Richtung. »Verschwinde!« Er blickte ruhig in ihre Richtung, sein Blick heftete sich auf die schlanke Gestalt der jungen Frau. Offenkundig wollte er ihr nichts tun, aber er wollte auch ihre Anwesenheit nicht dulden. Sie nickte und griff nach den beiden anderen. »Gehen wir.« Sie warf noch einen Blick auf den jungen Blue. »Lass sie leben. Ihr Tod wird nichts ändern.« Ihr Blick verschwamm in Tränen, aber damit konnte sie den Blue nicht mehr erweichen. »Sie werden dafür von mir bestraft werden. Und daran wird nichts vorbeiführen. Nun geh endlich.« Er blickte auf die Wand und konzentrierte sich für einen Moment. Direkt neben ihnen brachen große Teile der Wand zusammen, tragende Teile des Gebäudes bebten, während mutantische Kräfte an ihnen zerrten. Die drei Mutanten rannten schleunigst davon und sahen hinter und neben sich das Gebäude zusammenbrechen. Rijon beobachtete ungerührt, wie sich das Gebäude nach und nach auflöste. Donnernder Lärm der zusammenbrechenden Gebäudeteile machte eine Unterhaltung fast unmöglich. Er hörte kaum, wie Kylaka ihm ins Ohr schrie. »...verschwinden...« war das einzige, was er verstand. Er richtete seine telepathischen Fähigkeiten auf sie und nun verstand er sie. Sie wollte, dass sie sich absetzten, bevor das ganze Bauwerk über ihnen zusammenbrach. Er nickte zustimmend und nahm sie an der Hand. Er entmaterialisierte und sprang mit der Fischfrau aus dem Gebäude. Dann kehrte er zurück und holte die beiden anderen. Aus einiger Entfernung beobachteten sie das Gebäude. Rijon nahm nun keine Rücksicht mehr. Er schleuderte seine mentalen Feuerbälle auf das Gebäude und sah, wie es nach und nach zusammenbrach. Schließlich war nur noch ein Trümmerhaufen übrig. Im Geist des jungen Blue waren Todesschreie von sterbenden Menschen zu hören. Viele waren gestorben. Aber nicht alle. Trotzdem war es genug. Der junge Blue zitterte am ganzen Körper. Er war hochintelligent und wusste sehr genau, was er getan hatte. Aber er wusste auch, dass er nicht anders konnte. Das Bild seiner Schwester, deren Organe in dem Tank schwammen, wollte nicht aus seinem Geist weichen. Er schluchzte. Zusammen mit seinen drei Begleitern tauchte er unter. Kylaka übernahm die Führung, solange der Mutant in diesem Zustand war. Bald waren sie vom Tatort verschwunden. Der Copter von Scorbit und Andrews war ganz in der Nähe, als es passierte. Fassungslos beobachteten sie auf den Bildschirmen, wie das Gebäude einstürzte. Sie sahen sich einen Moment lang entgeistert an, dann lenkten sie das Luftfahrzeug in die Nähe des Unfallortes. Sie konnten nicht mehr viel tun, als das Gebäude zusammenbrach. In der Nähe sahen sie vier Gestalten, die auf einer Anhöhe standen. Sie flogen in diese Richtung und versuchten, an die Personen heranzukommen. Es gelang ihnen auch, aber dann sahen sie erstaunt, wie sich eine der Gestalten vom Boden löste. Wie eine Fledermaus schwebte sie heran und öffnete den Mund. Schallwellen trafen den Space-Copter, der daraufhin abzusacken begann. Scorbit zerrte an der Steuerung, dann brüllte er die Syntronik an. Sie reagierte nicht, schaffte es nicht, den Copter in der Luft zu halten. Hilflos mussten die beiden Piloten mit ansehen, wie die vier Gestalten verschwanden. Sie konnten nichts dagegen tun. Und das, obwohl sie mit einem Space-Copter über das modernste und beste Mittel für die Verteidigung der Sicherheit auf den Straßen der Hauptstadt von Mankind zur Verfügung hatten.
Die beiden Unglückspiloten hatten sofort Verstärkung angefordert. Sie war auch gekommen, zusammen mit der Presse und einem Man, den sie nun wirklich nicht sehen wollten. Benington, ihr heißgeliebter Ausbilder, hatte die Leitung der Operation übernommen. Und natürlich sparte er nicht mit Spott darüber, dass sie es geschafft hatten, gleich in einer der ersten Nächte ihres Einsatzes den Space-Copter zu verlieren. Andererseits konnte er kaum erklären, was eigentlich passiert war. Er gab aber immerhin zu, dass die Schäden durch Schallwellen kaum vorhersehbar waren. Die Armee unterstützte die beiden Piloten bei der Suche nach Verletzten und wurde auch fündig. Viele Menschen hatten das Unglück aber nicht überlebt. Die ersten Verletzten, die sie fanden, lagen in der Nähe des Einganges und hatten deshalb Glück gehabt. Sie waren kaum von Trümmerteilen getroffen worden. Es handelte sich um drei Personen, eine Frau und einen Man, sowie einen Menschen, der wie ein Wolf aussah. Die drei Personen wurden sofort in ein Krankenhaus gebracht, wo sie die beste Versorgung erhielten, die nur möglich war. Schnell wurden die Trümmer durchkämmt und brachten immer mehr Tote zum Vorschein. Insgesamt waren 155 Menschen unter den Trümmern für immer begraben. Den Leiter der Fabrik, einen Ara namens Harvoon, fanden sie unter einigen Trümmern. Allerdings erkannten sie ihn kaum wieder, erst eine genetische Untersuchung erbrachte Klarheit über die Identität des zerschmetterten Torsos. Irgendwie hatten die Rettungskräfte den Eindruck, dass das Wesen bereits vor dem Zusammenbruch der Fabrik tot gewesen war. Neben den drei Wesen, die gleich zu Anfang gefunden worden waren, wurden nur noch neun Personen lebend geborgen. Shorne reiste mit einem Gleiter an und blickte schockiert auf die Überreste seiner Fabrik. Als ihn die Presse fragte, was er von dem Unglück halte und was dahinter stecke, warf er nur einen wütenden Blick in die Kameras. Er kündigte an, eigene Untersuchungen anstellen zu wollen, unabhängig von TLD und der neuen USO. Er wollte sich nicht von diesen Versagern in seine Geschäfte hineinreden lassen, wie er sich ausdrückte. Währenddessen trafen auch Perry Rhodan und die Sozialbeauftragte der Regierung, Uthe Scorbit, am Ort des Unglücks ein. Erschüttert sahen sie die Trümmer und schauten den Sicherheitskräften der Armee dabei zu, wie sie überwiegend tote Körper aus den Trümmern brachten. Uthe Scorbit kündigte spontan ihre Unterstützung für die Hinterbliebenen an. Auch Jan Scorbit und Will Dean trafen mittlerweile am Unglücksort ein. Sie vertraten die neue USO und den TLD. Jonathan Andrews war beeindruckt von dem Aufgebot an Menschen, das sich um den Ort der Tragödie versammelte. Er blickte in Richtung des TLD-Agenten, der plötzlich in einen Gleiter sprang und Jan etwas zurief. Der Vertreter der neuen USO schaffte es gerade noch in das Flug-Fahrzeug, dann starteten die beiden in Richtung der Trümmer. Inmitten der Ruine hielten sie an und sprangen aus dem Fahrzeug. »Hände hoch und Waffen weg!« brüllte Jan Scorbit. Dean stand neben dem Beauftragten der neuen USO und hielt seinen Strahler im Anschlag. Er zielte auf eine der Gestalten, die gerade damit beschäftigt war, etwas zu vernichten. Der Einsatz von Strahlern war den beiden Agenten aufgefallen, deshalb waren sie in die Trümmer geflogen, um sich vor Ort zu überzeugen. Offensichtlich waren die Menschen Angestellte von Shorne, darauf wies jedenfalls die Arbeitskleidung hin, die ähnlich wie eine Uniform in den Werken des Industriemagnaten getragen werden musste. Sie waren dabei, etwas zu vernichten. Nachdem die Gestalten entwaffnet waren, untersuchten die Agenten den Ort, an dem die Wesen tätig gewesen waren. Die Menschen schwangen die Waffen in Richtung der beiden Störenfriede. Sofort feuerte Will Dean und schickte zwei der Männer in die Bewusstlosigkeit. Auch Jan Scorbit erwischte einen der Männer. Dann knieten sie sich an der Stelle nieder, an der die Menschen zugange waren. »Das sieht ziemlich merkwürdig aus«, meinte Dean .Er bückte sich und griff in die Trümmer. In seiner Hand lagen Knochen, die allerdings keinem Menschen gehörten. Vermutlich auch keinem sonstigen intelligenten Wesen. Es sah mehr aus wie der Oberschenkelknochen eines Hundes. Allerdings lagen daneben noch weitere Gebeine und diese waren nun eher menschlich. So, wie die Gebeine lagen, mussten aber der Hundeoberschenkel und die Menschenknochen zusammengehören. Und das konnte eigentlich nicht sein. »Das war doch keine normale Fabrik hier. Was haben die hier gemacht?« »Ich weiß es nicht. Aber ich denke mal, wir werden das herausfinden.« Gucky materialisierte neben den beiden Agenten und blickte auf die Funde. »Was ist den hier los?« Er drang in die Gehirne der beiden Agenten ein und holte sich die Informationen heraus, die er noch brauchte. Dann nickte er. Er nahm die Funde an sich und brachte sie zu den wartenden Freunden um Perry Rhodan, die vor allem einige der Menschenknochen sofort untersuchten. Verwirrung machte sich breit, als die Ergebnisse der Gentests vorlagen. »Das sind eindeutig Cascal und der Marquese, die hier vor mir liegen«, meinte der Arzt, der die Untersuchung durchgeführt hatte. De la Siniestro blickte verständnislos auf den Man. Er wusste genau, was Shorne in dieser Genfabrik gemacht hatte. Wahrscheinlich waren dort auch seine Kinder produziert worden. Er betete zu Gott, dass man keine Hinweise fand. Niemand sprach ein Wort. »Da stimmt was nicht«, brach schließlich Gucky das Schweigen. Er griff nach den Händen von Will Dean und Jan Scorbit, die neben ihm standen. Er sprang ins Nichts, als er rematerialisierte, krümmte er sich auf dem Boden. »Parafallen«, stöhnte er. Dann verlor er das Bewusstsein. Die beiden Agenten zogen die Waffen. »Wo sind wir hier?« Scorbit ermittelte ihren Standort mit Hilfe eines Satelliten. »In einem privaten Sanatorium, das Shorne gehört. Wieso hat er uns hierher gebracht?« Er forderte Verstärkung an. Andere würden bald kommen und ihnen bei der Durchsuchung dieses Bauwerkes helfen. Aber jetzt mussten sie erst einmal den Mausbiber in Sicherheit bringen. Dean identifizierte eine der Apparaturen, die in dem Raum standen, als die Ursache für die Übelkeit des Mausbibers. Er richtete die Waffe darauf und vernichtete sie kurzerhand. Ein Mittel, das die Bewusstlosigkeit des Mausbibers überwinden konnte, spritzte er dem Wesen und dann warteten sie auf sein Aufwachen. Währenddessen blickten sie sich in dem Raum um und konnten drei Gestalten auf den Liegen identifizieren, die sich stöhnend bewegten. Eine Frau schlug die Augen auf und sah die Männer. »Hilfe«, stöhnte sie. Sofort stand Dean neben ihr. »Wir sind ja da. Wie kann ich dir helfen?« »Das sind Mutanten«, flüsterte der Mausbiber, der sich langsam aufrichtete. »Ich kann ihre Gedanken nicht erfassen. Sie schirmt sich ab. Aber das sind eindeutig Mutanten. Deshalb bin ich hierher gesprungen.« »Shorne...« Die Stimme der Frau brach ab. »Was ist mit ihm?« »...Experimente mit Genen... Mutanten. Er hat uns entführt und verändert.« »Jetzt verstehe ich. Ich bin in ihre Gedanken vorgestoßen, sie hat ihre Abschirmung für mich geöffnet. Shorne hat da eine Fabrik für Genforschungen eingerichtet und darin illegal Mutanten herangezüchtet. Dazu hat er eine Menge Menschen und sonstiger Wesen verwendet, nach denen unsere Sicherheitsbehörden schon seit einiger Zeit suchen. Diese drei sind noch einigermaßen gelungene Exemplare seiner Versuche, drei weitere Mutanten sind entkommen. Dabei ist noch ein vierter, den man getrost als Supermutanten bezeichnen kan.« Der Mausbiber wurde etwas blass um die Nase, als er die Gedanken der Frau erfasste. »Der Kerl hat außerdem einige Prominente von Mankind geklont, wie zum Beispiel Cascal, den Marquese und einige andere. Das ist unglaublich.« Dean griff nach seinem Funkgerät. »Schnappt euch Shorne! Dieser Mistkerl hat mehr Dreck am Stecken als ihm lieb sein kan. Und hier gibt es einige Zeugen gegen ihn.« »Verstanden«, bekam er gerade noch mit, dann verfolgte er, wie Gucky versuchte, das Vertrauen der drei Mutanten zu erlangen. Er machte das gar nicht ungeschickt. Remus Scorbit und Jonathan Andrews warfen sich in einen Space-Copter, den einige der anderen Besatzungen hinterlassen hatten. Sie schwangen sich in die Luft und flogen dem Gleiter des Industriellen hinterher, der in der Nacht des Planeten verschwunden war. Die Ortungen des Fluggerätes erfassten den Gleiter allerdings, und die Triebwerke, die auch im All bis zur Lichtgeschwindigkeit für Schub sorgen konnten, brachten den Copter näher und näher an den Gleiter heran. Sie sahen auf einem der Monitore den Industriellen, der in dem Gleiter an der Steuerung stand und verzweifelt Schub gab. Er schaffte es allerdings nicht, sich abzusetzen. Andrews verließ seinen Sitz und ging in Richtung des Ausstiegs, während Scorbit den Copter näher an den Gleiter heransteuerte. »Was hast du vor?« brüllte Scorbit. »Ich kauf mir diesen Mistkerl.« »Lass den Blödsinn, mit dem Copter kriegen wir ihn ohne Probleme.« »Ja, aber wie wollen wir ihn zur Landung zwingen, wen er nicht will?« »Wie auch immer, zur Not holen wir ihn vom Himmel.« »Damit er seiner Strafe entkommt, was? Das wird nichts. Steuere den Copter genau über seinen Gleiter.« Scorbit gab auf und gehorchte. Er brachte den Copter, der von seiner äußeren Form tatsächlich an einen altmodischen terranischen Helicopter erinnerte, direkt über den Gleiter des Magnaten, der nach oben schaute und mit verzerrtem Gesicht gegen den Beschleunigungshebel seines Gleiters schlug. Das Gefährt wollte nicht schneller fliegen. Andrews öffnete die Luke, die ihn nach draußen entlassen würde. Der Wind in dieser Höhe war enorm, dazu kamen noch Flugwinde, die für zusätzliche Gefahr sorgten. Andrews nahm seinen ganzen Mut zusammen. Für einen Augenblick verfluchte er seine große Klappe, dann stieß er sich ab. Mit ausgebreiteten Armen prallte er gegen den Rücken des Industriellen, der mit der Nase gegen den Beschleunigungshebel prallte und ihn fast abbrach. Blut tropfte aus der Nase des Mannes, der sich einfach dem Impuls folgend nach vorne fallen ließ. Andrews landete neben Shorne und kam taumelnd auf die Beine. In dem schwankenden Gleiter war es fast nicht möglich, das Gleichgewicht zu halten. Aber irgendwie schaffte er es. Allerdings auch Shorne, der sich aufrichtete und seine Faust auf die Reise schickte. Mitten im Gesicht des Space-Copter-Piloten landete die Faust des Industriellen, allerdings richtete sie keinen großen Schaden an. Shorne war zwar nicht gerade schwach und der Schlag tat durchaus weh. Aber er wandte die falsche Technik an, schaffte es so nicht, die Kraft voll wirksam werden zu lassen. Andrews kam auf die Beine und suchte breitbeinig halt. Dann schlug er seinerseits zu. Er erwischte den Man im Solarplexus und dann direkt am Kinn und beendete den Kampf sofort. Shorne verdrehte die Augen und bekam einen leicht glasigen Blick. Dann legte er sich in den luxuriös gepolsterten Sitz des Gleiters. Andrews hatte keine Probleme, das Gefährt unter Kontrolle zu bringen. Er landete es in der Nähe und brachte den Industriemagnaten an Bord des Space-Copters, wo sie ihn in der zusätzlichen Kabine unterbrachten. Langsam rührte sich der Kerl. »Diesmal kommst du nicht so einfach davon. Diesmal landest du vor Gericht«, knurrte Andrews. Dann knallte er die Tür zu der kleinen Kabine zu und überließ den Verbrecher seinen eigenen Gedanken. Gucky hatte aus den Mutanten alles an Informationen herausgeholt, was sie wussten. Unter anderem hatte er die Straße in Erfahrung bringen können, in der Rijon vor seiner Entführung gewohnt hatte. Er suchte das Haus des kleinen Blue auf und beschloss, dort zu warten. Während er in der Wohnung herumwanderte, konnte er nachempfinden, was den kleinen Blue bewegte. Er sah viele der Spielsachen, mit denen er und seine Schwester wohl gespielt hatten. Und auf dem Tisch im Wohnzimmer fand er einen Hologrammwürfel, in dem Aufnahmen einer Blue-Familie zu erkennen waren. Der kleinste war vermutlich Rijon. Nun waren fast alle davon tot. Ein Schluchzen ließ ihn aufhorchen. Er ging in das Nebenzimmer, in dem einige der Kinder untergebracht gewesen waren. Ein kleiner Blue stand dort und griff nach einem Spielzeug. »Trützy«, verstand der Ilt. Er blickte mitleidig auf den Mutanten, der die Puppe in seinen Armen wiegte, ein Spielzeug, das seiner Schwester gehört hatte. Er hielt die Puppe in den Armen und weinte. »Hab keine Angst«, sagte der Ilt in beruhigendem Tonfall. »Ich werde dir nichts tun.« Der Blue öffnete die Augen am Hinterkopf und blickte erschrocken auf den Ilt. Angst hatte er wohl keine. Eher stellte er eine Gefahr dar, den er reagierte sehr unbeherrscht. Gucky spürte die Kräfte, die auf ihn einwirkten. Er teleportierte auf die andere Seite des Jungen und versuchte, ihn zu beruhigen. Mit telekinetischen Kräften hielt er ihn auf Distanz. Aber der Junge entwand sich dem Griff ohne Probleme, indem er teleportierte. Der Ilt sah sich um und konnte gerade noch ausweichen, als eines der Möbelstücke auf ihn zu stürzte. Er verließ den Raum, konnte aber den Blue nirgends erkennen. Das Haus erzitterte. Das warnte den Ilt und er teleportierte ins Freie. Nicht weit von dem jungen Blue entfernt materialisierte er. Er sah gerade noch, wie das Haus, in dem sie sich aufgehalten hatten, zusammensackte. Der Blue blickte den Ilt wütend an. »Das wirst du büßen. Du hast das Haus meiner Eltern vernichtet.« Dabei umklammerte er immer noch das Spielzeug, das ihn immer an seine Schwester erinnern würde und seiner Erinerung wach halten würde. Er schlug unbeherrscht zu und vernichtete mehrere Häuser in der Gegend. Gucky konnte den Angriffen nur durch Teleportation entgehen. Aber er hatte keine Chance gegen den Mutanten. Schließlich teleportierte er keuchend zurück zu den drei Mutanten. Er schüttelte traurig den Kopf, als Jeane ihn ansah. »Er hört nicht. Er kennt nur seinen Hass. Wir haben ein großes Problem.« »Wir werden dir dabei helfen«, sagte die Terranerin. Sie erhob sich und stellte sich vor den Ilt. Die beiden anderen Mutanten standen ebenfalls auf und stellten sich an ihre Seite. »Sicher kannst du uns auch helfen. Wir haben kaum Erfahrung darin, wie es ist, als Mutant unter Menschen zu leben. Hilf uns dabei.« Nachdenklich nickte der Ilt. »Gerne, Freunde.« Er grinste und warf einen Seitenblick auf Will Dean, der ebenfalls anwesend war. »Ich glaube, die Insel hat damit ein Mutantenkorps.« Er sah Jeane in die Augen. »Wir werden euch dafür ewig dankbar sein.«
Während Michael Shorne in Untersuchungshaft war und sich wegen der illegalen und verwerflichen Genversuche verantworten musste, hatte Cartwheel einen neuen Feind – den kleinen Bluejungen Rijon. Ein kleines, unschuldiges Kind, welches nach dem Tod seiner Familie zu einer Bestien wurde. Gefoltert, gequält und genmodifiziert wurde aus dem Kind ein Supermutant. Ein Junge, das nur noch hassen kan, nachdem man ihm alles genommen hatte, was ihm etwas bedeutete. Niemand wusste, wozu der Mutant, der seine Gefühle nicht unter Kontrolle hatte, noch alles in der Lage war. Gucky begann mit der Ausbildung der drei Mutanten, während Rijon zusammen mit seiner Brut an die nächste Vergeltung gegen alle Intelligenzwesen dachte. Am 15. März 1298 NGZ brach Perry Rhodan mit der LEIF ERICSSON nach Paxus auf, um sich auf die Konferenz vorzubereiten. Der Marquese von Siniestro verweilte noch einen Tag länger auf Mankind, um die Sache mit Shorne und Rijon genauer zu untersuchen. Auch wen eine neue Gefahr in der Galaxis war, so strebte sie immer noch nach ihrer Unabhängigkeit... ENDE Der skrupellose Shorne konnte in die Schranken gewiesen werden, doch die verstörten Häuser zeugen davon, dass die Bewohner von Mankind einen neuen Feind haben – den Supermutanten Rijon, der uns sicherlich noch weiter beschäftigen wird. Im nächsten Roman wird ein neuer Handlungsstrang begonnen. Nils Hirseland schildert in Aufbruch nach Seshonaar die Expedition von drei Raumschiffen des Terrablicks zur Nachbargalaxie Cartwheels, Seshonaar, die aus den Erzählungen Cau Thons bekannt geworden ist.
Der DORGON-Zyklus - Söhne des Chaos - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Heft 56 von Ralf König. Titelbild: Mark Hoffmann. Technischer Berater: Sebastian Schäfer. Versand: PROC. Lektorat, Nachbearbeitung: Rene Schweinberger. DORGON-Kommentar: Björn Habben. Umsetzung in Endformate: Alexander Nofftz. Satz: Xtory (SAXON, LaTeX). Internet: http://www.dorgon.de. eMail: dorgon@proc.org. Adresse: PROC c/o Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf. Copyright © 2001. Alle Rechte vorbehalten! | ![]() | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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