Jens HirselandPERRY RHODAN ONLINE CLUB (PROC) HomepageHeft 55
Fanzyklus des Perry Rhodan Online Club

Die la Siniestros

Nachwuchs für den Marquese - doch es scheint nicht alles so zu sein, wie es sich darstellt

Was bisher geschah

Im Jahre 1296 NGZ sind abseits der Milchstraße viele Völker dem Ruf der Entität DORGON gefolgt, um in der Galaxie Cartwheel an dem Inselprojekt teilzunehmen, um ein Bollwerk gegen MODRORs Heerscharen, angeführt von der Inkarnation Rodrom und den Söhnen des Chaos, aufzubauen, denn es scheint nur eine Ruhe vor dem Sturm eingekehrt zu sein.

Als die wichtigsten Vertreter des Rates von Paxus, der Regierung der Insel, auf dem Disco-Raumer BAMBUS einige stimmungsvolle Tage erleben wollen, greift Cau Thon, ein Sohn des Chaos, an. Doch der Zugriff misslingt und die BAMBUS und die Angreifer stranden auf einer fremden Welt. Es gelingt, Cau Thon zu überwältigen, und in der Gefangenschaft erzählt er seine Geschichte, die MODROR noch mächtiger aus befürchtet darstellt. Cau Thon wird von der Inkarnation MODRORs befreit. Bei dieser Befreiung verlieren Aurec und Gal'Arn ihr Leben. Damit sind die zwei wichtigsten Streiter für DORGON gestorben. Es brechen schwere Zeiten für Cartwheel an und man fürchtet den baldigen Angriff von MODROR, da kehrt Cauthon Despair zurück und verkündet, dass MODROR den Frieden will. Abeits dieser kosmischen Entwicklungen gibt es plötzlich völlig unerwartet Nachwuchs für den Marquese, es handelt sich um DIE LA SINIESTROS...

Hauptpersonen

Marquese von Siniestro – Der Administrator des Terrablocks bekommt unerwarteten »Nachwuchs«

Stephanie de la Siniestro – Des Marquese bezaubernde und intelligente Tochter

Peter III. de la Siniestro – Der extravagante Sohn des Marquese

Orlando »Orly« de la Siniestro – Der Sohn, den sich der Marquese immer gewünscht hat

Brettany de la Siniestro – Die liebreizende Terranerin verkörpert das Gegenteil ihrer Schwester

Michael Shorne – Der Milliardär macht dem Marquese ein Geschenk

Neve Prometh und Marvyn Mykke – Zwei junge Terraner, die sich näher kommen

Dorys, Ian und Charly Geddy – Verwandte von Ottilie Braunhauer

Prolog. Anfang März 1298 NGZ

Zufrieden mit sich selbst blickte der Marquese von Siniestro aus dem Fenster seines Amtssitzes im Zentrum von Mankind.

Er hatte Unglaubliches erreicht. Kein Mensch, abgesehen von den berühmten Zellaktivatorträgern, konnte Vergleichbares vorweisen. Und doch war der alte Spanier nicht vollkommen glücklich. Er hatte keine Familie, mit der er Freud und Leid teilen konnte. Niemanden, dem er all das, was er aufgebaut hatte, hinterlassen konnte.

Don Philippe machte sich keine Illusionen mehr. Er war alt und hässlich. Keine Frau würde sich freiwillig mit ihm einlassen, es sei denn, sie war hinter seinem Vermögen und seiner Macht her. Doch solch einer Frau würde er niemals trauen können.

Der Marquese seufzte. Zu seiner Zeit war alles einfacher gewesen. Junge Frauen waren glücklich gewesen, wenn sie ältere Männer mit Vermögen und Titel ehelichen konnten. Meist waren sie allerdings auch nicht gefragt worden, sondern von den Familien aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen verheiratet worden. So war der Marquese auch einst an seine Gemahlin gekommen. Sie war die Tochter eines reichen Don gewesen und 25 Jahre jünger als Don Philippe. Doch die Zeiten hatten sich, sehr zum Leidwesen des Adligen, sehr geändert. Sämtliche Annäherungsversuche bei jungen Damen, die er gemacht hatte, waren höflich aber bestimmt abgelehnt worden. Man sah in ihm mehr den gütigen Großvater. Der Marquese verstand die Welt nicht mehr. Diese jungen Schnepfen ahnten ja nicht, was ihnen an ihm entging. Die trüben Gedanken des Spaniers wurden durch einen Interkomanruf unterbrochen.

»Michael Shorne wünscht Sie zu sprechen, Marquese«, wurde ihm gemeldet.

»Stellen Sie in mein Büro durch«, ordnete Don Philippe an.

Er setzte sich in seinen großen, schwarzen Drehsessel – der Marquese bevorzugte altmodische Sitzgelegenheiten anstelle von Formenergiesesseln – und kurz darauf erschien das Gesicht Michael Shornes auf dem Bildschirm. Don Philippe war dieser Mann unsympathisch, doch er war sehr nützlich. Seit der Marquese ihn in seine Schranken verwiesen hatte, behandelte Shorne ihn mit Respekt und man war sich wieder näher gekommen. Trotzdem war sich Don Philippe nicht sicher, ob man dem Geschäftsmann trauen konnte. Im Moment herrschte ein Status Quo zwischen den beiden mächtigen Männern.

»Ah, mein lieber Shorne«, begrüßte er Michael Shorne. »Was kann ich für Sie tun?«

Shorne verzog seine Mine zu einem Lächeln. »Sie heute nichts für mich. Aber ich kann etwas für sie tun. Ich habe eine Überraschung für Sie.«

»Eine Überraschung?« war der Spanier erstaunt. »Was ist es denn?«

»Wenn ich Ihnen das verrate, ist es ja keine Überraschung mehr. Kommen Sie heute Abend allein in mein Büro, dann zeige ich es Ihnen.«

Der Marquese überlegte. »Warum allein?«

»Es ist sehr persönlich. Es ist in ihrem eigenen Interesse, wenn sie allein kommen. Doch seien Sie unbesorgt. Es ist eine freudige Überraschung.«

Das Ganze gefiel dem Marquese nicht sonderlich, doch er war neugierig geworden. Außerdem wollte er Shorne nicht vor den Kopf stoßen, nachdem man sich jetzt wieder verstand.

»Also gut, ich komme heute Abend um 20 Uhr zu Ihnen«, lenkte er ein.

»Ausgezeichnet. Ich erwarte sie dann. Bis bald«, verabschiedete sich Shorne.

Shornes Gesicht verschwand und Don Philippe kam ins Grübeln. Das Shorne jemanden eine Freude machte, konnte er sich kaum vorstellen. Und warum sollte er allein kommen?

1. Familienzuwachs

Pünktlich um 20 Uhr erschien Don Philippe im Gebäude von SHORNE INDUSTRY. Ein Sekretär führte ihn in Shornes Büro, wo er freudig begrüßt wurde. Der Arbeitsraum des Industriellen wirkte kalt und steril.

»Guten Abend, verehrter Marquese. Wie schön, Sie wieder zu sehen.«

Don Philippe winkte ab. »Die Floskeln können Sie sich sparen«, sagte der Spanier mit drohendem Unterton. »Ich habe Diabolo von unserem Treffen berichtet. Wenn ich mich in einer Stunde nicht bei ihm melde, wird er rechtliche Schritte gegen Sie einleiten. Sollte das also eine Falle sein, geben Sie lieber gleich auf...«

Shorne tat entrüstet. »Marquese, was denken Sie von mir? Ich würde niemals etwas Illegales gegen Sie unternehmen.«

»Das will ich Ihnen auch geraten haben. Also, wenn es keine Falle ist, was wollen Sie dann von mir?«

»Das sagte ich doch schon. Sie überraschen.«

»Wieso?«

Shorne lächelte. »Dank Ihnen ist SHORNE INDUSTRY wieder oben auf. Ich habe das Steuer wieder in der Hand und dafür möchte ich mich bedanken, indem ich Ihnen ein Geschenk mache.«

»Sie wissen genau, dass Politiker keine Geschenke von Geschäftsleuten annehmen dürfen«, lehnte der Marquese ab. »Auch nicht als Spende. Und schwarze Konten, wie gewisse andere Politiker, führt meine Partei nicht!«

»Es handelt sich nicht um Geld. Es sind Kinder.«

Der Marquese machte ein ungläubiges Gesicht. »Kinder? Sie wollen mir Kinder schenken?«

»Ja. Vier, um genau zu sein. Zwei Söhne und zwei Töchter. Eine komplette Großfamilie für den Marquese.« Shorne nahm in seinem Sessel an seinem Schreibtisch Platz. »Sehen Sie, Don Philippe, Sie sind ein bemerkenswerter Mann. Aber leider sind sie auch ein sehr alter Mann. Der Zahn der Zeit hat an Ihnen genagt. Sie sind unverheiratet und werden es wohl auch bleiben. Zumindest dürften sie keine Frau im gebärfähigen Alter mehr finden. Ich weiß, dass die mächtigen Menschen ihres Zeitalters immer großen Wert darauf legten, Nachkommen zu haben, die ihre adlige Dynastie fortführten. Wer soll Ihre Dynastie fortsetzen, wenn Sie mal nicht mehr sind? Wem hinterlassen Sie all das, was Sie aufgebaut haben. Sie haben vielleicht nicht mehr soviel Zeit, mein Freund.«

Shornes Worte trafen ins Schwarze. Genau das hatte Don Philippe selbst oft gedacht. Die Zeit lief ihm davon.

»Das mag gut gemeint sein, Shorne. Aber ich kann keine Kinder annehmen, die nicht von meinem Fleisch und Blut sind«, lehnte er jedoch ab.

Shorne grinste. »Das ist genau der Punkt. Sie sind von ihrem Fleisch und Blut. Von ihren Genen, genauer gesagt.«

»Von mir? Aber das ist unmöglich! Ich habe mit keiner Frau...«

Don Philippe verstummte.

»Das war auch nicht nötig. Bei einer Routineuntersuchung, die einer meiner Ärzte bei Ihnen vornahm, wurden Gewebe und Blutproben genommen. Erinnern Sie sich?«

Don Philippe nickte.

»Ja, aber der Arzt sagte, es sei reine Routine.«

Der Spanier erschrak und wurde bleich.

»Soll das heißen, Sie haben in Ihrem Klon-Labor künstliche Kinder hergestellt?«

»Genau das. Aber es sind keine Androiden oder sonstige künstliche Menschen. Es sind richtige Menschen von ihrem Fleisch und Blut, aus ihren Genen hergestellt. Somit sind es Ihre Kinder.«

Don Philippe rang nach Worten. »Aber sie sind gegen meinen Willen... produziert worden. Wie konnten Sie das tun?«

Shorne zuckte nur mit den Schultern. »Ich dachte, ich tue Ihnen einen Gefallen. Mit diesen Klonen können wir vielen kinderlosen Menschen helfen.«

Der Marquese schwieg betreten und ließ sich in einen Sessel fallen.

»Wollen Sie sich sie nicht erst einmal ansehen?« fragte Shorne.

Don Philippe gab sich einen Ruck und erhob sich wieder. »Ja, ich will sie sehen.«

Shorne grinste zufrieden. »Sehen Sie, ich wusste dass Sie neugierig werden würden. Eines müssen Sie jedoch wissen: Die vier sind bereits im Alter von zwanzig Jahren.«

»Wie bitte?«

»War technisch nicht anders möglich«, erklärte Shorne. »Außerdem fangen Kinder erst in diesem Alter an, interessant zu werden. Ich habe selbst einen Sohn, aber bevor der nicht ausgewachsen ist und mir dienlich seien kann, will ich ihn nicht sehen. Ich hasse, rotzende, schreiende, kleine Kinder.«

»Wie nett. Gibt es sonst noch etwas, was ich wissen sollte?« wollte Don Philippe wissen.

»In der Tat. Sie sind so konditioniert worden, dass sie denken, sie wurden von Ihnen adoptiert und geliebt, als ob sie ihre eigenen Kinder wären. Sie stammen von der Siedlerwelt Herodis und sind direkte Nachfahren ihrer Familie. Sie lebten in Spanien. Seit Ihrer Rückkehr zur Erde vor zwei Jahren pflegen Sie den Kontakt zur Mutter von den Kindern und wurden eine Vaterfigur für alle vier, denn ihr richtiger Vater ist tot. Nach dem Tod ihrer Mutter bei einem Brand vor zwei Monaten haben Sie sich durchgerungen, sie zu adoptieren und ihnen ein neues Heim zu bieten. Deshalb sind die vier jetzt von Terra angereist.

Wenn die vier jetzt also gleich hereinkommen, dann dürfen sie sich Ihre Überraschung nicht anmerken lassen. Ihre vier Sprösslinge kennen sie schon seit Mai 1296 NGZ. Ich habe ein Dossier mit einsuggerierten Erinnerungen angefertigt, das Sie sich durchlesen sollten, um zu wissen, was Sie während Ihrer Besuche auf der Erde mit Ihnen erlebt haben.«

Shorne deutete auf einen vollen Karton mit Datenträgern. Der Marquese sah fassungslos auf die Kiste.

Der Marquese war sprachlos. Alles lief wie in einem Film ab und er glaubte in der ersten Reihe zu sitzen. Vier Kinder für ihn? Würden sie ihn wirklich als seinen Vater akzeptieren? Shorne hatte alles sorgfältig geplant. Alles deckte sich zeitlich sogar mit den Besuchen des Marquese auf der Erde während den letzten 18 Monaten.

»Und wie heißen die vier?«

»Der älteste Sohn heißt Orlando, der zweite Sohn Peter III., die älteste Tochter Stephanie und die jüngste Brettany, wird jedoch von allen meist Brett genannt.«

Der Marquese runzelte die Stirn. »Peter und Stephanie... Das sind ja die Namen meiner Eltern! Aber wieso Peter III.? Und Orlando und Brettany sagen mir nichts.«

»Die ersten beiden Klone sind missglückt. Sie mutierten und mussten eliminiert werden. Der dritte Versuch ist aber voll funktionsfähig.«

»Und wieso die Namen meiner Eltern? Und was haben die beiden anderen zu bedeuten?«

»Ihnen zu Ehren, um Ihnen eine Freude zu bereiten, werter Marquese«, versicherte Shorne freundlich. »Die anderen beiden Namen haben wir mit Sorgfalt ausgewählt. Sind Sie bereit, die beiden jetzt zu empfangen?«

Don Philippe nickte. Allmählich wurde er selbst neugierig. Im Grunde hatte Shorne ja Recht. Seine Aussichten eigene Kinder zu bekommen, waren nicht mehr sehr groß. Und er hatte auch nicht ewig Zeit.

»Ich werde sie mir mal ansehen, und dann entscheiden ob ich sie will«, erklärte er Shorne.

Shorne nickte zufrieden und ging zum Interkom.

»Die vier neuen jetzt hereinbringen!« befahl er einem Mitarbeiter.

Kurz darauf wurden die vier Klone in Shornes Büro gebracht. Der erste war ein mittelgroßer, stattlicher Mann mit wallenden Haaren. Er hatte ein markantes Gesicht und wirkte sympathisch. Es war Orlando. Das Mädchen neben ihm war Stephanie. Stephanie war dunkelhaarig, langbeinig und wohlproportioniert. Ihr Gesicht war wunderschön und wurde von langen, gelockten Haaren umhüllt. Sie lächelte. Dieses Lächeln nahm den Marquese sofort für sie ein. Stephanie erinnerte ihn an seine Mutter, das einzige Wesen, das ihn wirklich je geliebt hatte. Der Spanier hatte sehr an seiner Mutter gehangen und war untröstlich gewesen, als sie starb und er bei seinem strengen, brutalen Vater zurückblieb.

»Lieber Vater, wie schön dich wieder zu sehen«, sagte Stephanie und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

»Orlando, Stephanie, Brettany und Peter kommen gerade von der Erde, um von nun an bei Ihnen zu wohnen«, erklärte Shorne dem hingerissenen Marquese.

»Wir haben alle unsere Sachen an deine Adresse senden lassen, Vater«, erklärte Stephanie.

Don Philippe kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Dann erblickte er seine zweite Tochter. Sie war ebenso schön wie Stephanie, doch auf eine andere Weise. Sie besaß ein bezauberndes Lächeln und funkelnde blaue Augen. Sie war nicht so wohlproportioniert wie Stephanie, doch die blonde Terranerin war eine natürliche Schönheit. Sie rannte zu ihrem »Vater« und umarmte ihn innig. Der Marquese spürte sofort aufrichtige Liebe von diesem Wesen.

Orlando reichte seinem Vater die Hand.

»Ich bin froh, dich wieder zu sehen, Vater«, sagte er mit ruhiger und freundlicher Stimme.

Der Marquese war von seinen drei Kindern angetan. Verwirrt sah er Shorne an.

»Meine Firma kümmert sich um den Transport des Gepäcks«, versicherte Michael Shorne. »Alle Besitzgegenstände der beiden werden in ihre Villa gebracht. Ihre Zimmer werden von uns eingerichtet.«

»Auch meine Soldaten!« rief eine krähende Stimme.

Jetzt wurde Don Philippe auch auf den zweiten Jungen aufmerksam, der den Namen Peter III. trug.

»Willst du mich nicht begrüßen, wie es einem General zusteht, Vater?« fragte der junge Mann streng.

Der Marquese wusste nicht, was er tun sollte.

»Salutieren Sie«, raunte ihm Michael Shorne zu.

Don Philippe salutierte in militärischer Haltung. Auch Peter III. nahm Haltung an und salutierte. Jetzt war er zufrieden. Don Philippe hatte nun Gelegenheit, Peter genauer zu betrachten. Im Gegensatz zu Stephanie, Orlando und Brettany war der Junge alles andere als schön. Sein Gesicht war von Narben entstellt, er wirkte hager und kränklich. Gekleidet war in eine blau-weiße Uniform des 18. Jahrhunderts. Auf seinem Kopf trug er eine weiße Perücke, auf der ein schwarzer Dreispitz saß. Er trug schwarze Stiefel und einen Säbel. Irgendwie erinnerte ihn Peter an seinen Vater.

»Ich freue mich auch, euch zu sehen«, sagte der Marquese, um Fassung bemüht.

Es war unglaublich. Er wusste, dass man in der heutigen Zeit viele sagenhafte Dinge tun konnte, die man in seiner Zeit nie und nimmer für möglich gehalten hatte. Aber dass man Menschen machen konnte, das beeindruckte den alten Spanier mehr als alles andere.

»So, jetzt lasst uns beide bitte noch einen Moment allein«, ergriff Michael Shorne das Wort.

»Für sie immer noch General de la Siniestro! Ich verlange, dass meine Divisionen alle vollständig im Haus meines Vaters untergebracht werden!« herrschte Peter Shorne an und schritt stolz hinaus, gefolgt von Stephanie und Brettany, die den Marquese freundlich anlächelten. Orlando wirkte noch etwas misstrauisch. Er konnte Michael Shorne auf den ersten Blick nicht leiden.

Als letztlich alle Kinder das Büro verlassen hatten, ergriff der Spanier das Wort. »Von welchen Divisionen redet er? Wie sollen die alle in mein Haus passen?«

Shorne lachte. »Spielzeugsoldaten. Seine ›Armee‹ besteht aus Spielzeugsoldaten. Peter III. hat einen ausgeprägten Sinn fürs Militär. Er will General werden, das ist sein größter Wunsch.«

»Er ist hässlich und wirkt irgendwie seltsam«, fand Don Philippe.

»Tja, es sind Ihre Gene, Marquese«, meinte Shorne allen Ernstes. »Wir haben die beiden Süßen und Orlando zuerst produziert. Sie sind auf Anhieb gelungen, während es bei Peter einige Probleme gab. Aber, wenn die vier ihnen nicht gefallen, entsorge ich Peter und Orlando und lege mir Stephanie und Brettany in mein Bett. Wenn Sie wollen, produzieren wir neue Klone. Kein Problem!«

Don Philippe sah Shorne voller Verachtung an. Dieser Mann kannte keine Ehre. Durfte man so mit lebenden Wesen umspringen, auch wenn sie künstlich waren. Auch sie besaßen Gefühle, wollten leben und glücklich sein. Don Philippe spürte auf einmal Verantwortung auf sich lasten. Verantwortung für Peter, Brettany, Orlando und Stephanie. Keinesfalls durfte er sie dem zynischen, skrupellosen Shoren überlassen. Auch die Familienähnlichkeit trug wesentlich zur Entscheidung des Marquese bei.

»Sie sind widerlich, Shorne. Ich habe mich entschieden. Ich werde alle vier bei mir aufnehmen, auch wenn das einige Probleme für mich bedeutet. Aber Ihnen werde ich sie keine Minute länger mehr überlassen.«

Shorne blieb unbeeindruckt. »Wunderbar. Dann bin ich zufrieden und hoffe, dass Sie mit meinem Geschenk glücklich sind. Alles was für Sie und die beiden notwendig ist, lasse ich noch heute in ihr Haus liefern. Ihre beiden ›Kinder‹ können Sie gleich mitnehmen.«

Der Marquese verbeugte sich knapp. »Ich darf für heute empfehlen. Guten Abend.«

Don Philippe verließ das Büro, vor dem Orlando, Brettany, Peter III. und Stephanie ihn erwarteten und fuhr mit ihnen ihn ihr neues Heim.

Shorne setzte sich zufrieden an seinen Schreibtisch. Dann rief er nach seinem Anwalt und Berater Jevers, der kurz darauf kam. Jevers war ein durchschnittlich aussehender Mann mittleren Alters. Als Anwalt war er ziemlich erfolgreich und arbeitete mittlerweile fast ausschließlich für Shorne Industry.

»Ja, Mr. Shorne?« fragte er.

»Es hat geklappt. Meine ›Versicherung‹ ist untergebracht«, teilte ihm Shorne zufrieden mit.

»Diese Angelegenheit hat SHORNE INDUSTRY viele Unkosten verursacht. Wo liegt dabei der wirtschaftliche Nutzen?« erkundigte sich Jevers.

»Keine Sorge. Ich habe dem alten Sack nicht aus reiner Herzensgüte dieses Geschenk gemacht«, erklärte Shorne. »Die vier sind meine Rückversicherung, um den Marquese bei der Stange zu halten. Sollte er irgendwann mal wieder auf die Idee kommen, sich gegen mich zu wenden, könnte ich enthüllen, dass seine Kinder nichts weiter als gewöhnliche Klone sind. Davon wird er bestimmt nicht begeistert sein.«

»Brillant, Mr. Shorne. Das wäre mir nie eingefallen«, gab der Anwalt zu.

Shorne lehnte sich lächelnd zurück und spielte mit seinem Knetball. »Richtig, Jevers. Darum werden Sie auch immer nur ein Pickel am Arsch des Universums sein, während es mir eines Tages gehören wird.«

Der Marquese brachte seine neue »Familie« unterdessen in seine Villa im Nobelviertel von New Terrania. Allmählich gefiel ihm die Vorstellung, Familienoberhaupt zu sein. Besonders Stephanie hatte es ihm angetan. Sie charmant und intelligent, während Peter III. eher düster und missmutig wirkte. Orlando, den seine Geschwister Orly nannten, konnte eines Tages in die Fußstapfen seines Vaters treten. Er wirkte sehr reif und verantwortungsbewusst. Brettany war ein Engel. Sie schien unbedarft und naiv zu sein, doch sie strahlte eine liebevolle Wärme aus.

Der Gleiter hielt vor dem Anwesen.

»Ich will meine Soldaten haben«, maulte Peter.

»Nur Geduld, Peter. Sie werden bald geliefert«, versicherte Don Philippe ihm.

»Ich will sie aber jetzt. Ich will sie zum Nachtappell antreten lassen und drillen!«

Besorgt fragte sich der Marquese, ob bei Peter III. Gehirnschäden vorlagen. Wie mochten wohl die beiden Vorgänger geraten sein? Doch wenn er Peter III. abgelehnte hätte, wäre er von Shornes Leuten vernichtet worden. Das konnte der alte Spanier nicht zulassen. Seine katholische Erziehung lehrte ihn, dass das Leben eine Schöpfung Gottes war und dass man es annehmen musste, wie es war. Bislang hatte er sich unter dem Cloning nicht viel vorstellen können, und darum nichts dagegen gehabt. Schließlich stammte er aus dem 18. Jahrhundert und konnte in technischen Fragen schlecht mitreden. Allmählich fragte er sich jedoch, ob das richtig war.

»Hörst du nicht? Ich will sie sofort haben!« schrie Peter.

Stephanie schüttelte ungehalten den Kopf.

»Willst du dir das gefallen lassen, Vater?« fragte sie.

Der Marquese beschloss auszuprobieren, wieweit er bei Peter gehen konnte und versuchte es mit Strenge.

»Sei jetzt still, Peter! Oder du kommst in Arrest!« herrschte er den jungen Mann an. »Du vergisst wohl, dass du mit deinem Vater sprichst!«

Eingeschüchtert schwieg Peter III. Trotzig verschränkte er die Arme und schmollte. Der Spanier war zufrieden. Shorne hatte den Kindern Gehorsam eingegeben. Das vereinfachte die Situation.

»Habe Nachsicht mit Peter, Vater«, erklärte Orly. »Er hat den Tod von unserer Mutter immer noch nicht überwunden und ist davon beseelt Soldat zu werden.«

Der Marquese nickte schwach. Die Mutter existierte nur in ihrer Phantasie. Damit musste er erst einmal klar kommen.

»Kommt, ich zeige euch jetzt unser Haus«, sagte Don Philippe milder.

Die fünf stiegen aus und begaben sich in die Villa, wo sie von Diabolo erwartet wurden. Brettany nahm die Hand ihres Vaters und schlenderte mit ihm dem Posbi entgegen. Der Marquese war von dieser Geste gerührt und fühlte sich das erste Mal richtig als Vater. Orly begrüßte den Posbi höflich, während Peter III. und Stephanie ihn nur anstarrten.

»Marquese, endlich sind Sie zurück«, begrüßte er Don Philippe. »Sie haben mir leider nicht mitgeteilt, dass Sie Besuch mitbringen.«

»Was ist denn das für eine Witzfigur?« fragte Stephanie entgeistert.

»Aber, Stephanie! So darfst du nicht von Diabolo reden. Er ist mein neuer Berater und mein Stellvertreter. Er ist absolut zuverlässig und hat mir schon gute Dienste geleistet.«

»Ich finde ihn süß«, meinte Brettany.

»Na hoffentlich kann er auch Koffer tragen«, verlangte Stephanie herrisch. »Wenn meine Garderobe kommt, will ich sie sofort in meinem Zimmer haben!«

»Ich bin politischer Berater und kein Gepäckträger. Dafür haben wir Roboter«, entgegnete Diabolo.

»Ach, und was bist du, Blechkopf?«

»Ich bin ein Posbi. Ich besitze einen empfindungsfähigen Plasmazusatz.«

Stephanie lachte höhnisch.

»Stephanie, sei doch nicht so gemein zu ihm. Er ist doch sehr lieb«, ermahnte ihre Schwester sie.

Steph kommentierte die Aussage mit einem abfälligen Blick.

»Schwesterherz, es wird Zeit, dass du nicht nur Kuscheltiere und blinkende Roboter süß findest, sondern auch mal ein paar Männer«, entgegnete sie zynisch. Dann lenkte sie ein: »Okay, okay! Ich wollte dich nicht beleidigen. Reg dich wieder ab.«

Peter III. musterte Diabolo skeptisch. Plötzlich rief er: »Achtung, stillgestanden!«

»Wie bitte?« fragte Diabolo ratlos.

Der Posbi wusste mit den unerwarteten und auch recht seltsamen Neuankömmlingen nichts anzufangen. Er konnte sich nicht vorstellen, was der Marquese mit diesen verzogenen Jugendlichen vorhatte.

»Du bist gänzlich unmilitärisch, Posbi!« brüllte Peter. »Aber ich werde dich schon noch drillen, bis dir das Wasser im Arsch kocht!«

»Wo bitte? Welches Wasser?« fragte Diabolo völlig verständnislos.

»Schluss jetzt, Kinder«, machte der Marquese der peinlichen Situation ein Ende. »Ich zeige euch eure Zimmer. Ihr werdet nach der langen Reise müde sein und schlafen wollen. Ich habe mit Diabolo noch einiges zu besprechen.«

»Ich will nicht schlafen! Ich will meine Soldaten und mit ihnen exerzieren!« protestierte Peter.

»Du tust, was ich dir sage!« wurde Don Philippe laut. »Keine Widerrede! Auf dein Zimmer! Im Laufschritt marsch!«

»Ja, Papi«, gab sein neuer Sohn nach.

Wütend sah Peter Diabolo an.

»Wir sprechen uns noch!« rief er drohend, dann rannte er im Laufschritt die Treppe hinauf.

»Papi?« fragte Diabolo ratlos.

»Warte im Arbeitszimmer auf mich. Ich komme gleich«, gebot der Marquese dem Posbi.

Dann führte er Stephanie und Brettany hinauf in die obere Etage und zeigte ihnen das Zimmer, das er für sie vorgesehen hatte. Don Philippe hatte alles rustikal im europäischen Stil des 18.Jahrhunderts einrichten lassen, was nicht gerade wenig gekostet hatte.

»Das ist ja schrecklich. Alles uralt, wie in einer Gruft! Und hier soll ich wohnen?« beschwerte sich Stephanie, die mit dem alten Stil nicht anfreunden konnte.

»Du kannst es dir natürlich so einrichten, wie du es haben möchtest, Stephanie«, bot der Marquese großzügig an.

»Das ist ja wohl selbstverständlich. Gleich morgen lasse ich einen Innenarchitekten kommen und den alten Plunder rauswerfen. Ich dachte, du kennst meinen Geschmack, Vater.«

Der Marquese schluckte. Er musste sich, sobald wie möglich, mit den Dossiers über die beiden befassen, die Shorne ihm mitgegeben hatte. Allerdings hatte er das ungute Gefühl, dass die ganze Angelegenheit recht teuer für ihn werden würde. Stephanie und Peter III. schienen ziemlich extravagant zu sein. Trotzdem war der Marquese zufrieden. Sein Leben würde jetzt nicht mehr so leer sein.

»Bis morgen, liebste Tochter. Dein Bruder hat das Zimmer nebenan. Zeige es ihm, wenn du ihn siehst.«

»Ich? Das kann doch wohl ein Diener tun. Außerdem muss mir jemand mein Bett machen«, verlangte Stephanie.

»Ich schicke gleich den Diener hinauf. Gute Nacht«, verabschiedete sich Don Philippe etwas ungehalten.

An die Launen seiner neuen »Kinder« musste er sich erst noch gewöhnen. Dann brachte er Brettany zu ihrem Zimmer. Seine jüngere »Tochter« bedankte sich freundlich und gab dem Marquese einen Kuss auf die Wange.

Orly wollte noch nicht in sein Zimmer. Er sah den Marquese ernst an.

»Vater, etwas stimmt mit dir nicht. Du verhältst dich anders als sonst. Ich weiß, dass wir erst seit kurzem deine Kinder sind. Ich hoffe, du bereust die Adoption nicht.«

Der Marquese schluckte. Orlando war der intelligenteste von allen. Er hatte in der Tat erkannt, dass der Marquese anders war als die Erinnerungsimplantate. Doch der alte Spanier wollte ihm natürlich keinen reinen Wein einschenken. Er legte seine Hand auf die Schulter seines »Erstgeborenen«.

»Orly, es war ein anstrengender Tag für mich. Ich bereue meine Entscheidung nicht. Ich bin glücklich, dass wir jetzt alle unter einem Dach wohnen und eine große Familie sein können«, erklärte er ernst gemeint.

»Dieser Shorne war mir nicht sympathisch«, meinte Orly plötzlich.

»Mir auch nicht, aber er ist ein wichtiger Geschäftsmann, dem ich jetzt mehr zu verdanken habe, als du es erahnen kannst«, flüsterte der Marquese.

Dann gab er seinem Sohn eine Umarmung und wünschte ihm eine gute Nacht.

Der Marquese begab sich in sein Arbeitszimmer, wo bereits Diabolo auf ihn wartete.

»Wer oder was sind die?« fragte der Posbi.

»Das, mein Freund Diabolo, sind meine Kinder«, antwortete Don Philippe.

»Wie bitte? Wie haben Sie das denn angestellt?«

Der Marquese setzte sich ächzend in seinen Sessel. »Ich weiß es selbst erst seit heute Abend. Ich werde dir alles erklären.«

Der alte Mann schilderte Diabolo die Vorgänge in Michael Shornes Büro ausführlich und verschwieg nichts.

»Oh«, machte Diabolo nur, als der Marquese geendet hatte.

»Ist das alles was du dazu zu sagen hast?« fragte Don Philippe unwirsch.

»Das ist schon eine ziemlich merkwürdige Geschichte, aber typisch menschlich. Haben Sie schon daran gedacht, wie Sie das der Öffentlichkeit erklären? Schließlich sind Sie ein bedeutender Politiker. Die Medien werden sich schnell für die vier interessieren.«

Der Marquese nickte. »Natürlich, du hast Recht. Du wirst gleich morgen früh eine Pressemitteilung herausgeben, in der wir erklären, dass sie aus Spanien stammen. Ich pflegte den Kontakt zu ihnen und ihrer Mutter seit knapp zwei Jahren. Dort entwickelten beide Parteien väterliche Gefühle füreinander. Als die Mutter, der ich den Hof gemacht habe, vor kurzem starb, beschloss ich die Kinder zu adoptieren.«

»Das ist ja rührend und wird sie in den Medien und in der Öffentlichkeit zweifellos noch beliebter machen«, meinte Diabolo.

Don Philippe lehnte sich zufrieden zurück. »Ein angenehmer Nebeneffekt.«

»Sind Sie auch sicher, dass sie die vier als Ihre Kinder anerkennen wollen? Es gibt dann kein zurück mehr. Außerdem scheint dieser Peter III. ziemlich seltsam zu sein.«

Der Marquese winkte ab. »Mein Entschluss ist unumstößlich. Sie sind mein Fleisch und Blut, auch wenn sie künstlich erzeugt wurden. Schon lange wünsche ich mir Kinder und Nachfolger für mein Erbe. Diese Lösung scheint mir die beste zu sein. Gewiss haben sie ihre Macken, aber welche Kinder haben das nicht? Ich bin bereit, die Verantwortung für sie zu übernehmen. Sicher können sie mir auch wertvolle Helfer sein.«

Diabolo blieb skeptisch. »Ich weiß nicht. Ich werde jedenfalls beobachten.«

Der Marquese stellte den Karton, den er von Shorne erhalten hatte, auf seinen Schreibtisch.

»Das kannst du gerne tun. Außerdem kannst du mir gleich mal dabei helfen, die Dossiers zu sichten. Wir müssen alles über die beiden wissen, um sie besser verstehen zu können.«

Nach einer kurzen Nacht wurde der Marquese am nächsten Morgen höchst unsanft von einem seltsamen Geräusch geweckt. Fluchend warf er einen Blick auf den Wecker. Es war erst 6 Uhr. Die seltsamen Geräusche nahmen zu. Bei genauerem hinhören meinte der alte Spanier Musik zu hören.

»Welcher Idiot macht denn mitten in der Nacht solch einen Krach!« meckerte er.

Nur mit Nachthemd und Zipfelmütze bekleidet, stieg der Marquese aus dem Bett und streifte sich seine Pantoffeln über. Dann ging wütend auf den Korridor. Dort kam ihm wummernde Marschmusik entgegen, die sich anhörte wie der Petersburger Marsch. Die Musik konnte nur aus dem Zimmer kommen, das Peter zugewiesen worden war. Inzwischen war auch Diabolo aufgetaucht.

»Ist jemand eingebrochen? Soll ich den Sicherheitsdienst alarmieren?« fragte er den Marquese.

»Nein, das kann nur Peter sein«, beruhigte der Spanier ihn. »Ich werde dem ein Ende setzen.«

»Wie Sie wünschen.«

Don Philippe ging in das Zimmer. Dort stand Peter III. inmitten einer Armee von Spielzeugsoldaten, die sich automatisch bewegten. Dazu wurde aus der Audio-Anlage jetzt der Marsch des Yorkschen Korps gespielt und Peter schrie verschiedene Befehle.

»Musik aus!« befahl der Marquese. Daraufhin verstummte die Musik.

»Papi, was hast du getan! Das war doch der Morgenappell!« protestierte Peter lauthals.

»Guten Morgen erst mal. Vielleicht könntest du den Appell in Zukunft eine Stunde später abhalten, damit dein alter Vater ein wenig länger schlafen kann?«

»Aber ich muss sie doch drillen!« widersprach Peter trotzig.

»Das war keine Bitte, das war ein Befehl!« maßregelte der Marquese ihn.

»Jawohl, Vater«, gab der junge Mann nach.

Milder gestimmt deutete Don Philippe auf die Spielzeugsoldaten.

»Wie ich sehe, sind deine Sachen gekommen. Eine tolle Sammlung hast du da.«

»Ja, Papi. Die meisten kennst du ja schon. Ich habe terranische Soldaten aus allen Zeitaltern, auch Panzer und Raumjäger«, erklärte Peter begeistert. »Neu ist die TARA-Kampfroboter-Division. Am schönsten finde ich aber die Soldaten aus dem 18. Jahrhundert. Der siebenjährige Krieg ist mein Lieblingskrieg!«

»Das war ja auch ein schöner Krieg«, pflichtete ihm Don Philippe bei und klopfte seinen neuen Sohn liebevoll auf die Schulter. Zum ersten Mal lächelte Peter.

Dass er einen Hang für das Militär hatte, stand in dem Dossier, das der Marquese studiert hatte. Als Mensch des 18. Jahrhunderts hielt er das nicht für ungewöhnlich. Jungs spielten mit Soldaten und Mädchen mit Puppen. So sollte es sein. Don Philippe wurde mit Zufriedenheit erfüllt. Es war schön eine Familie zu haben.

Eine Stunde später saß der Marquese mit Orly, Stephanie, Brettany und Peter zusammen beim Frühstück. Auch Diabolo saß am Tisch.

»Nun, Kinder, wie gefällt es euch in der Villa Siniestro?« erkundigte er sich.

»Ganz hübsch, aber ein bisschen altmodisch für meinen Geschmack«, meinte Stephanie. »Ich glaube, wir müssen einige Dinge in meinem Zimmer ändern lassen. Auch sollten wir einen Partyraum einrichten.«

»Partyraum?« fragte Don Philippe entgeistert.

»Natürlich. Du bist ein wichtiger Mann, also muss ich als deine Tochter natürlich einige Partys organisieren.«

»Wird das nicht etwas teuer?«

»Na und? Wir haben's ja. Außerdem musst das als hoher Paxus-Rat einen gewissen Standard pflegen.«

»Was meinst du, Diabolo?« fragte Don Philippe den Posbi.

»Sie hat nicht Unrecht, Marquese. Solche Feste können nützlich sein, um Kontakte zu knüpfen«, gab dieser Stephanie Recht.

»Nun gut, ich denke darüber nach, meine Liebe.«

Stephanie strahlte. »Danke, Papi.«

Brettany schlürfte genüsslich ein Glas Milch, während Orly die Zeitung las. Er schüttelte den Kopf, als er über eine Meldung stolperte.

»Die Arkoniden haben schon wieder zwei Verbrecher hinrichten lassen. Der Paxus-Rat sollte den einzelnen Systemen nicht soviel Autarkie geben. Es sollte ein allgemeines Gesetz für ganz Cartwheel geben, um Leben zu schützen.«

Der Marquese war beeindruckt von dem politischen Interesse seines ältesten Sohnes. Vielleicht würde er einmal ein guter Politiker werden.

»Verbrecher sind Verbrecher. Die verdienen den Tod«, entgegnete Peter III. hasserfüllt. Er hatte kein Mitleid mit Verbrechern.

»Aber es sind auch Menschen«, warf Brettany ein.

»Diebe und Mörder. Um die ist es nicht schade, Schwesterchen. Du verstehst sowieso nichts davon, denn du bist ein Mädchen!« ereiferte sich Peter.

»Mäßige deinen Umgangston mit deiner Schwester«, maßregelte Orly seinen jüngeren Bruder, der schwieg.

»Haben Sie sich schon überlegt, was sie beruflich machen wollen?« fragte Diabolo Stephanie, und versuchte so von dem Streit abzulenken. »Mankind bietet viele Möglichkeiten.«

»Ja klar, Blechmann. Ich werde in die Politik gehen. Ich will Pressesprecherin des Terrablocks werden und mich im Licht der Medien sonnen.«

»Oje«, war Diabolos einziger Kommentar.

»Warum nicht? Ich jung, schön und sexy. Genau das was die Politik braucht. Dort sind doch nur alte Knacker oder Frauen die aussehen als hätte man sie aus der Geisterbahn entlassen. Und was manche Politikerinnen für Frisuren haben! Das Volk wird froh sein, wenn es endlich mal was Gutes zu sehen kriegt«, rechtfertigte sich Stephanie und strich sich eitel über ihr langes Haar.

»Aber solltest du dazu nicht auch politische Kenntnisse besitzen?« wollte ihre Schwester wissen.

Steph bestrafte sie dafür mit einem bösen Blick. Brettany erwiderte nichts mehr und konzentrierte sich auf ihr Frühstück. Sie hatte Angst vor ihrer älteren Schwester, die sehr oft auf ihr herumhackte und sie demütigte. Trotzdem war sie ihre beste und auch einzige Freundin.

»Ich finde du hast Recht, Stephanie. Ich freue mich darauf, mit dir zusammenzuarbeiten«, stimmte Don Philippe zu.

»Aber Marquese, sie hat doch keinerlei Erfahrung in solchen Dingen«, gab Diabolo zu Bedenken.

»Pah! Das kann so schwer nicht sein, denn ich habe den besten Lehrmeister, meinen Vater«, blieb Stephanie unnachgiebig.

Der Marquese war sichtlich geschmeichelt und gerührt zugleich. »Natürlich, mein Liebes. Ich bringe dir alles bei, was du wissen musst.«

Diabolo war damit überhaupt nicht einverstanden, aber er schwieg lieber. Er hatte bemerkt, dass der Marquese ganz vernarrt in seine Zöglinge war.

Orly stellte fest, dass er lieber zur Armee gehen würde. Der Marquese legte ihm ein Studium und danach eine Ausbildung bei Redhorse Point nahe. Brettany wusste noch nicht, was sie werden wollte. Stephanie riet ihr gar nichts zu erlernen, da sie sowieso für keinen Beruf tauglich war.

Diabolo musste sich eingestehen, dass nicht nur Peter III. einen genetischen Defekt besaß, sondern auch seine Schwester. Diese war zwar Äußerlich gelungen, doch ihr Charakter schien boshaft zu sein.

Don Philippe wandte sich nun an Peter. »Und was hast du für Pläne, Peter? Möchtest du auch werden wie dein Vater?«

»Nein, ich werde General und zum größten Feldherren aller Zeiten. Mein Vorbild ist Napoleon«, erklärte Peter allen Ernstes.

»Napoleon! Ausgerechnet der!« regte sich der Marquese in Erinnerung an alte Zeiten auf. »Dieser Mann hat unser Heimatland überfallen. Aber die Spanier haben es ihm gezeigt!«

»Das ist mir egal! Ich will Oberbefehlshaber über die terranischen Truppen werden und dann die Soldaten drillen!« forderte Peter. »Ich werde die prächtigsten Paraden abhalten lassen, die das terranische Volk je gesehen hat!«

»Das ist ein großes Ziel, Peter. Ich rate dir, zunächst die Militärakademie zu besuchen und dein Wissen über das Militär dort schulen zu lassen. Danach findet sich bestimmt ein guter Posten bei unseren Streitkräften für dich.«

Peters Gesicht lief rot an. »Nein, ich will sofort General werden! Du brauchst nur zu befehlen! Du bist der Herrscher von Mankind.«

Orly schüttelte den Kopf. Er wollte etwas zu Peter sagen, doch sein Vater kam ihm zuvor: »Peter, ich bin kein König oder Kaiser. Wir leben in einer Demokratie. Auch ich bin an die Gesetze, die dem Wohle des Volkes dienen, gebunden.«

»Du lügst! Du willst Stephanie und Orly ja auch helfen! Du liebst sie mehr als mich! Ich hasse dieses Mankind und sein Scheißvolk!«

Während Peter sich zusehends erregte, versuchte er mit einem Messer sein Frühstücksei aufzuschlagen. Dabei schnitt er sich versehentlich in den linken Daumen, der daraufhin etwas zu bluten begann. Fassungslos starrte Peter auf die Wunde.

»Blut! Ich blute! Hilfe, helft mir doch! Ich verblute!« begann er zu schreien.

»Aber, Peter, das ist doch nur eine kleine Wunde«, versuchte ihn der Marquese zu beruhigen.

»Mir wird schlecht! Ich hasse Blut! Hilfe!« schrie Peter weiter.

»Peter kann kein Blut sehen«, erklärte Orly seinem Adoptivvater.

»Er zieht jedes Mal so eine Show ab, wenn er blutet«, fügte Stephanie hinzu.

Brettany ging zu ihrem Bruder und wollte ein Taschentuch auf die Wunde drücken, doch da übergab sich Peter und entleerte seinen Mageninhalt auf den Tisch. Erschrocken und angeekelt wich die jüngste Tochter des Marquese zurück und blickte angewidert auf die Schweinerei.

»Diabolo, hol den Medoroboter!« befahl der Marquese sichtlich konsterniert.

Höchst irritiert verließ der Posbi den Raum. Diabolo kam allmählich der Verdacht, dass irgendetwas mit den Genen des Marquese nicht stimmen konnte, so wie sich die Hälfte seiner Kinder benahm.

Die Medien interessierten sich sehr für den Familienzuwachs im Hause de la Siniestro. Die rührende Geschichte von der Adoption brachte dem Marquese große Sympathien bei der Bevölkerung und in der Presse ein.

Orly und Stephanie gaben den Journalisten nur zu gern Rede und Antwort, während Peter III. aus »gesundheitlichen Gründen« von den Medien ferngehalten wurde und Brettany zu schüchtern für die Medien war.

Der Marquese war zufrieden mit der Entwicklung, wenngleich ihm Peter Sorgen bereitete. Doch nun gab es kein zurück mehr.

2. Die Mykkes

Neve Prometh hatte sich von Marvyn Mykke, dem Sohn ihres Arbeitgebers Diethar Mykke, zu einer Party einladen lassen. Sie hatte die Einladung angenommen, um sich von ihrem Kummer abzulenken. Noch immer hatte Neve den Tod von Aurec, in den sie verliebt gewesen war, nicht überwinden können. Außerdem fühlte sie sich einsam, da sie kaum jemand auf Mankind kannte, außer Marvyn Mykke, den sie bei ihrem Bewerbungsgespräch bei Bohmar Inc. kennen gelernt hatte.

Marvyn interessierte sich für sie, was Neve durchaus angenehm fand. Der achtundzwanzigjährige Terraner war allerdings das genaue Gegenteil des weltmännischen Aurec. Er rauchte viel und wirkte dürr und ausgemergelt, fast wie ein Hauri. Auch war er nicht gerade ein Meister der Konversation. Dennoch fand Neve ihn nicht unsympathisch. Sie brauchte jetzt jemanden, der Ruhe ausstrahlte.

Darum war sie auch mit ihm auf die Party eines Studienkollegen von Marvyn gegangen. Der junge Mann studierte zurzeit Jura. Er wollte Anwalt für interplanetares Recht werden. Früher hatte Marvyn bei der Terranischen Versicherungsanstalt für Angestellte gearbeitet. Seine Eltern, Judta und Diethar Mykke, hatten ihm diesen sicheren Job aufgedrängt. Doch Marvyn fühlte sich dort sehr unwohl und kündigte, nach nur einem Jahr, seine Lehre. Seine Eltern waren entsetzt, doch Marvyn begann trotzdem Publizistik zu studieren. Doch auch hier gab er nach einem Jahr auf, und wechselte zur Parapsychologie, dann Psychologie, Literatur, Anthropologie, Politik und weitere Semester. Doch als ihm das Geld ausging, blieb ihm nichts weiter übrig als seine dominanten Eltern um Hilfe zu bitten. Marvyn bekam dann auch finanzielle Unterstützung, musste jedoch tun, was seine Eltern von verlangten. Immerhin konnte er sich durchsetzen weiterstudieren zu dürfen.

Als seine Eltern ihn aufforderten sie auf die Insel zu begleiten, folgte er ihnen. Marvyn studierte nun an der Universität von New Terrania, musste aber seinen Eltern, die die Firma seiner Großtante kommissarisch leiteten, aushelfen. So oft er nur konnte, flüchtete Marvyn aus der grauen Alltagswelt und stürzte sich in Partys. Er war froh in Neve, zu der er sich sehr hingezogen fühlte, eine Begleiterin zu haben. So hatten beide ihren Kummer und fühlten sich dadurch verbunden. Je länger die Party dauerte, desto mehr floss der Alkohol. Auch Neve, die sonst nicht viel trank, ließ sich zu heftigen Alkoholkonsum verführen. Einige Partygäste begannen zu jaulender, elektronischer Musik zu tanzen. Dabei bewegten sie sich in tief gebückter Haltung und gestikulierten wild mit den Armen.

»Wollen wir?« fragte Marvyn schleppend. Sein Atem roch nach Bier.

»Was?« fragte Neve schwer. Sie fühlte, dass sie zu viel getrunken hatte.

»Tanzen.«

»Ich glaube, ich hab zu viel getrunken. Ich schaff das heut nicht mehr«, lehnte Neve ab.

Marvy kramte in seiner Hosentasche herum und holte eine Pillenschachtel heraus.

»Ich hab hier was. Das bringt dich wieder auf Touren. Das hat mir mein Freund Jhork gegeben.«

»Was ist das?« fragte Neve.

»Muntermacher«, antwortete Marvyn und schluckte zwei von den Pillen herunter.

Neve beobachtete, wie die anderen Partygäste ebenfalls diese Pillen zu sich nahmen. Wenn so viele sie nahmen, konnten sie sicher nicht schaden. Außerdem konnte sie jetzt etwas gebrauchen, was sie wieder munter machte. Also nahm sie zwei von den kleinen, roten Pillen und spülte sie mit einem Glas Wein hinunter. Schon kurz darauf spürte Neve die Wirkung der »Muntermacher«. Sie fühlte sich wieder munter und tatkräftiger. Alles schien auf einmal so leicht zu sein.

»Geil, was?« meinte Marvyn.

»Ja, geil«, fand nun auch Neve.

»Wollen wir miteinander gehen?« fragte Mykke.

Neve war nun zu allem bereit. Warum sollte sie nicht auch einmal glücklich sein?

»Ja, lass es uns miteinander versuchen.«

Marvyn lächelte. »Okay, schön.«

Neve stand auf und nahm Marvyn bei der Hand.

»Komm, lass uns tanzen«, forderte sie ihn temperamentvoll auf.

»Joh«, sagte Marvyn nur.

Dann begaben sich die beiden auf die Tanzfläche und bewegten sich schwungvoll zu der hämmernden, dröhnenden und atonalen Musik.

Als Neve am nächsten Morgen wieder zu sich kam, erschrak sie. Sie wusste nicht wo sie sich befand. Kopf und Glieder schmerzten. Sie stellte fest, dass sie gar nichts an hatte. Und neben ihr lag Marvyn – ebenfalls nackt. Neve schüttelte den Kopf. Das letzte, an das sie sich erinnern konnte, war, dass sie diese Pillen geschluckt hatte und danach mit Marvyn getanzt hatte. Danach war nichts mehr.

Verschämt zog sich Neve schnell an. Marvyn merkte nichts davon, er schlief tief und fest. Auf dem Nachttisch lag eine Schachtel mit den Pillen, die ihr Mykke gegeben hatte. Neve sah sich die Packung näher an. Erschrocken stelle sie fest, dass es sich um »Fantasy«, eine bekannte Designerdroge handelte, die seit neuesten vor allem unter Partygästen in Umlauf war.

Marvyn schlief noch immer und schnarchte vor sich hin. Neve rüttelte ihn wach.

»Marvyn, wach auf!«, rief sie.

Nach einer Weile schlug Mykke die Augen auf.

»Hi«, sagte er, richtete sich auf und gab Neve einen Kuss.

»Guten Morgen, Marvyn. Würdest du mir bitte erklären, was das hier zu bedeuten hat?«

Dabei deutete die junge Frau auf das Röhrchen mit den Pillen.

»Was?« fragte Marvyn begriffsstutzig.

»Frag doch nicht so dumm. Das sind Fantasy-Pillen! Du hast sie gestern Abend eingenommen und mir auch welche gegeben!« sagte Neve vorwurfsvoll.

Marvyns Miene erhellte sich.

»Ach ja, Fantasy. Sind echt geil die Dinger!«

»Ich kann mich nur noch erinnern, dass wir getanzt haben. Was danach war, weiß ich nicht mehr. Haben wir miteinander geschlafen?« wollte Neve wissen.

»Joh«, bestätigte Marvyn.

Neve seufzte und setzte sich neben Marvyn auf das Bett.

»Und ich kann mich nicht einmal daran erinnern.«

»Aber ich umso mehr«, freute sich Mykke. »Du bist abgegangen wie eine Rakete. Echt geil, eh!«

»Heißt das, ich habe die Initiative ergriffen?«

»Joh.«

»Ich mache dir deswegen keinen Vorwurf. Wohl aber wegen der Pillen! Drogen sind das letzte! Sie nehmen uns unser Bewusstsein, sie zerstören uns! Versteht du das?«

»Nee.«

Neve wurde ungehalten.

»Ich werde nur mit dir zusammenbleiben, wenn du keine Drogen mehr nimmst. Ist das klar, Marvyn.«

Mykke nickte.

»Joh. Ich will, dass wir zusammenleben. Bitte verlass mich nicht. Ich hab dich lieb. Darum werde ich keine Fantasy-Pillen mehr nehmen«, versprach er treuherzig.

Irgendwie fand Neve seine Art rührend. Das war die längste Rede, die er gehalten hatte, seit sie ihn kannte. Sie wusste nicht, ob es richtig war mit ihm zusammen zu bleiben, aber sonst hatte sie niemanden. Einen Versuch war es auf jeden Fall wert. Marvyn zog sie aus und Neve ließ es mit sich geschehen. Diesmal wollte sie es bewusst erleben.

Später lagen sie nebeneinander im Bett. Marvyn rauchte eine Zigarette. Genussvoll sog er den blauen Dunst in sich hinein.

»War echt geil mit dir, Neve. Ich find dich toll«, sagte er entspannt.

»Ja, es war sehr schön«, fand auch Neve.

»Morgen bin ich bei meinen Eltern zum Essen eingeladen. Am besten du kommst auch, damit sie dich besser kennen lernen können«, schlug Mykke vor.

»Ich habe irgendwie den Eindruck, dass dein Vater mich nicht besonders mag«, fand Neve.

»Was?«

»Ich glaube, dein Vater kann mich nicht leiden.«

Diethar Mykke, der auch ihr Arbeitgeber war, wirkte meist mürrisch und unfreundlich. Außerdem wusste und konnte er alles besser und war selten mit Neves Arbeit zufrieden.

Marvyn schüttelte den Kopf. »Ach i wo, der ist nur so, wenn er schlecht geschlafen hat. Außerdem muss ich mich mal wieder bei meinen Eltern sehen lassen, denn schließlich bezahlen sie mir mein Studium.«

»Du hast Recht. Marvyn. Wir werden uns schon verstehen«, gab sich Neve zuversichtlich.

»So, jetzt muss ich aber aufstehen. Ich muss noch einiges durcharbeiten, auch wenn mir mein Kopf noch so wehtut. Aber dein Vater soll keinen Grund zur Unzufriedenheit haben.«

Neve stand auf und begab sich in die Nasszelle. Kaum war sie verschwunden, öffnete Marvyn die unterste Schublade seines Nachttisches und holte ein Röhrchen mit Pillen hervor. Er nahm eine und streckte sich lächelnd auf dem Bett aus.

Am nächsten Abend gingen also Neve und Marvyn zu den Mykkes, die sie zum Abendessen eingeladen hatten. Judta, Marvyn Mutter, öffnete ihnen die Tür und empfing sie. Frau Mykke war, wie ihr Sohn, von dünner Gestalt, ihre Frisur war ebenso schlicht und altmodisch wie ihr Kleid. Sie trug eine Brille, durch die sie Neve streng musterte. Die junge Frau fand Marvyns Mutter auf den ersten Blick nicht sonderlich sympatihsch, doch man sollte niemanden nach seinem Äußeren beurteilen.

»Guten Abend, Frau Mykke«, sagte sie deshalb artig.

»Guten Abend«, erwiderte Judta reserviert.

Wesentlich freundlicher begrüßte sie ihren Sohn. »Hallöchen, Marvyn. Kommt herein, das Essen ist bald fertig.«

»Ja, Mama, ist gut.«

Neve übergab Frau Mykke einen Blumenstrauß, den sie ihr als Geschenk zugedacht hatte. »Für Sie, Frau Mykke, ich hoffe er gefällt ihnen.«

Judta betrachtete die Blumen mit versteinerter Miene. »Was das kostet! Für so etwas sollten sie kein Geld ausgeben. Ich habe meinen Sohn zu strengster Sparsamkeit erzogen. Ich wünsche nicht, dass er soviel Geld ausgibt.«

Neve wollte entgegnen, dass sie und nicht ihr Sohn die Blumen bezahlt hatte, hielt es aber für besser zu schweigen.

»Wollt ihr nicht endlich reinkommen? Ich muss mich ums Essen kümmern«, sagte Judta unfreundlich.

»Tretet euch aber die Schuhe ab!«, verlangte sie außerdem.

»Ja, Mama«, sagte Marvyn nur und trat sich artig die Schuhe ab.

Auch Neve benutzte die Fußmatte ausgiebig.

Das kann ja ein toller Abend werden, dachte sie konsterniert.

Frau Mykke begab sich in die Küche, während Marvyn Neve ins Wohnzimmer führte.

»Das ist die Wohnung meiner Eltern«, sagte er geistreich.

Im Wohnraum thronte, gleich einem mittelalterlichen König, Diethar Mykke in einem großen Sessel. Es war ein Sessel aus Holz und Leder. Formenergiesessel waren den Mykkes zu teuer in der Anschaffung und laufenden Energie.

Mykkes rotes, fleischiges Gesicht wurde von einem Schnurrbart verziert. Unter seinen Augen befand sich eine ganze Ansammlung von Tränensäcken und Falten. Mykkes Oberhemd schien jeden Moment von seinem gewaltigen Bierbauch gesprengt zu werden. Er war das krasse Gegenteil seines fast magersüchtig wirkenden Sohnes. Missmutig betrachtete Diethar die Besucher.

»Hallo Marvyn«, begrüßte er seinen Sohn, der artig zurückgrüßte.

»Guten Abend, Herr Mykke«, grüßte auch Neve ihren Chef, dessen Miene sich noch mehr verfinsterte.

»Tag, Frau Promeht. Haben Sie die Papiere fertig gemacht, wie ich es angeordnet hatte?« fragte er in arrogantem Tonfall.

Auf diese Frage war Neve vorbereitet. »Ja, Herr Mykke. Ich habe alles vollständig erledigt«, antwortete sie wahrheitsgetreu.

»Gut, dann geben Sie sie mir mal«, verlangte Mykke.

Jetzt war Neve doch überrascht. »Ich habe sie nicht dabei. Ich dachte, dass hätte Zeit bis morgen früh, wenn wir uns im Büro treffen.«

Mykke verzog unwillig sein feistes Gesicht. »Sie haben nicht zu denken, denn Sie sind nur Sekretärin. Das Denken und das Entscheiden übernehme ich, denn ich bin der Chef.«

Neve wollte aufbegehren, doch um Marvyn den Abend nicht zu verderben, gab sie nach. »Ja, Herr Mykke.«

»Na immerhin sind sie einsichtig. Darum will ich Ihren Fehler für heute noch mal entschuldigen.«

Bevor Neve, die zusehends gereizter wurde, etwas erwidern konnte, kam Judta Mykke mit dem Essen herein.

»Zu Tisch bitte! Es gibt Nudelauflauf«, sagte Marvyns Mutter in herrischem Tonfall.

Marvyn hatte sich gerade den Trivid angeschaltet, was seiner Mutter ebenfalls missfiel.

»Lass die Glotze aus! Beim Essen wird nicht geguckt!« forderte sie ihren Sohn auf.

»Aber Mama...« wollte Marvyn protestieren.

»Keine Widerrede! Du machst sofort wieder dieses Ding aus.«

»Aber ich wollte doch nur kurz die Sportergebnisse erfahren«, wagte Marvyn zu widersprechen.

»Sport ist nur was für Idioten. Ich gucke nie Sport und treibe auch keinen«, erklärte Diethar Mykke.

Das glaube ich gerne, Dicksack, dachte Neve.

Nachdem Marvyn endlich gehorchte und das Gerät deaktiviert hatte, begab man sich zu Tisch.

Diethar Mykke ließ sich ächzend in den Stuhl fallen, der unter seinem Gewicht gefährlich knirschte.

»Geht es Ihnen gut?« erkundigte sich Neve höflich.

»Nein, natürlich nicht. Meine Hüfte tut weh, ich muss bald operiert werden und eine neue Hüfte eingesetzt bekommen.«

»Das tut mir leid.«

»Das sollte es auch. Unsere arme Familie ist schon leidgeprüft. Erst starb mein geliebter Schwiegervater Karl-Adolf Braunhauer, dann seine Cousine Inge Bohmar, meine Schwiegermutter Ottilie liegt im Koma und nun erwischt es auch mich. Das Leben kann so ungerecht sein«, jammerte Diethar und füllte sich den Teller voll mit Essen, das er umgehend verschlang.

Neves Mitleid hielt sich in Grenzen. Sie wusste, dass Mykke nicht gerade vor Trauer um seine Schwiegereltern verging und dass er nur zu gerne die Leitung von Inge Bohmars Unternehmen übernommen hatte.

»Ich bin gerne bereit, Sie so gut wie möglich zu unterstützen«, bot sie dennoch an.

Mykke lachte nur. »Das glaube ich gerne. Aber niemand kann die Firma so gut leiten wie ich. Ich kann das nämlich am besten. Ich bin einfach klüger und erfahrener als ihr.«

Dann rutsch mir doch den Buckel runter! dachte Neve wütend.

Diese Mykkes waren so etwas von arrogant und unsympathisch. Sie hatten Marvyn völlig unter Kontrolle, der nur wenig Widerstand leistete.

»Sicher könnte doch Marvyn die Leitung vertretungsweise übernehmen«, schlug sie vor.

»Ja, ich hab zwei Semester Betriebswirtschaft studiert«, stimmte Marvyn zu.

Mykke winkte ab. »Lieber nicht. Wenn ich wirklich nicht mehr kann, übernimmt Judta die Leitung.«

»Aber Mama hat doch keine Ahnung von so was. Sie hat doch bei der TfA nur Post sortiert«, gab Marvyn zu Bedenken.

»Sei nicht so vorlaut«, rügte ihn Judta und war ihm dabei einem giftigen Blick zu.

»Du bist noch viel zu jung. Junge Menschen sind noch keine richtigen Menschen. Erst wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, so wie ich und dein Vater, darf man mitreden.«

Marvyn senkte verlegen den Kopf. »Ja, Mama.«

Neve konnte nicht fassen, wie es in dieser Familie zuging. Sie bezweifelte immer mehr, dass Marvyn der richtige Partner für sie war. Andererseits tat er ihr leid. Er hatte sicher keine leichte Kindheit mit diesen dominierenden Eltern gehabt. Allmählich verstand sie, warum er sich in Drogen flüchtete. Sie durfte ihn jetzt nicht im Stich lassen, sondern musste ihm helfen von seinen Eltern loszukommen und ein eigenes, unabhängiges Leben zu führen.

»Finden Sie das nicht ein bisschen übertrieben, Frau Mykke?« fragte Neve vorsichtig.

Judta warf ihr einen bitterbösen Blick zu. Neve wurde nun endgültig klar, dass sie Marvyns Eltern nicht an der Seite ihres Sohnes haben wollten.

»Auch Sie sind noch ein junges Mädchen. Sie können das nicht richtig beurteilen Wichtig ist vor allem zu sparen. Lassen Sie sich das von einer alten, erfahrenen Frau gesagt sein.«

Bevor Neve etwas entgegnen konnte, wechselte Frau Mykke das Thema.

»Hach, mir geht es heute wieder sehr schlecht. Ich habe Kopf und Rückenschmerzen. Das muss wohl das Wetter sein.«

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, dachte Neve, die sich dabei an die Braunhauers erinnerte. Diese waren aber wenigstens ab und zu Mitleid erregend, während die Mykkes einfach nur unglaublich arrogant, kalt und selbstherrlich waren.

Den Rest des Abends drehte sich alles nur noch um das Thema Krankheiten. Judta und Diethar erzählten ausführlich von ihren Leiden und denen Ottilie Braunhauers. Und als sie damit fertig waren, berichteten sie über die Leiden und Krankheiten ihrer Freunde und Bekannten. Überhaupt drehten sich alle Gespräche nur um die Mykkes. Niemand fragte nach Neves Interessen. Diese war erleichtert, als sie und Marvyn drei Stunden später gehen durften und die frostige Atmosphäre verließen.

»Seien Sie morgen pünktlich im Büro und bringen Sie die Papiere mit«, gab ihr Diethar Mykke mit auf den Weg.

Später als sie wieder in ihrem Appartement waren, beschloss Neve mit Marvyn ein ernstes Wort zu reden.

»Marvyn, so kann das nicht weitergehen. Deine Eltern beherrschen dich völlig.«

»Was?« fragte Mykke nur und machte dabei ein entgeistertes Gesicht.

»Du musst dich ihnen gegenüber mehr durchsetzten. Sie haben mich wie ziemlich unfreundlich behandelt und du hast nichts dagegen gesagt. Das hat mir weggetan«, erklärte Neve lauter als sie beabsichtigt hatte.

Marvyn zuckte zusammen und holte sich eine Zigarette, die er sogleich rauchte.

»Rauschmittel sind keine Lösung. Du musst dich deinen Problemen stellen«, forderte Neve ihn auf.

»Ja«, sagte Marvyn nur.

»Ich bin bereit dir dabei zu helfen, aber auch du musst zu mir stehen, sonst hatte unsere Beziehung keine Chance.«

»Joh, ist gut. Nicht böse sein.«

Neve konnte Marvyn wirklich nicht lange böse sein. Er wirkte so sensibel und Mitleid erregend. Sie umarmte ihn.

»Wenn wir zusammenhalten, dann schaffen wir es schon«, meinte sie. Doch irgendwie hatte Neve kein gutes Gefühl für die Zukunft.

3. Tauschhandel

Am nächsten Morgen war Neve pünktlich im Büro von Bohmar Inc. Als ersten übergab sie Mykke die gewünschten Papiere, die sie alle vollständig bearbeitet hatte. Diethar musterte sie jedoch nur missmutig und unfreundlich aus seinen Schweinsaugen.

»Was kostet es mich, sie loszuwerden?« fragte er Neve.

»Wie bitte?«

Die junge Frau glaubte sich verhört zu haben.

»Mir ist klar, dass Sie meinen naiven Sohn nur ausnutzen«, meinte Mykke unfreundlich. »Ihr Vorschlag, Marvyn solle die Leitung von Bohmar Inc. übernehmen, hat mir die Augen über Sie geöffnet. Sie wollen sich an Marvyn heranmachen um somit selbst die Kontrolle über Bohmar Inc. zu bekommen. Doch das wird Ihnen nicht gelingen, ich bin zu schlau für Sie, Prometh.«

Neve war, als habe man ihr ins Gesicht geschlagen. »Das können Sie doch nicht im Ernst glauben! Ich liebe Marvyn und will ihm helfen! Sie und Ihre Frau aber verhalten sich total egoistisch und unterdrücken Ihren Sohn! Wussten Sie, dass Marvyn Drogen nimmt?«

Mykke wirkte erschrocken.

»Er hat vor einem Jahr mal welche genommen, als wir noch in Terrania wohnten. Aber das haben wir ihm ausgetrieben«, räumte Diethar ein.

»Da irren Sie sich. Marvyn leidet unter Ihrer Dominanz, und der Tatsache, dass Sie ihm nichts zutrauen.«

Mykke sah Neve an, als hätte er eine Geistesgestörte vor sich.

»Ich kenne meinen Sohn ja wohl ein bisschen länger als Sie, Sie Flittchen! Wenn er wieder Drogen nimmt, dann sind garantiert Sie daran schuld!« rief er sichtlich ungehalten.

Dann setzte er sich, schwer schnaufend, an seinen Schreibtisch und öffnete eine Schublade aus der er etwas hervorholte. Es handelte sich um ein Scheckbuch.

»Was soll das?« fragte Neve.

»Fragen Sie nicht so dumm. Ich stelle Ihnen einen Scheck über 10 000 Galax aus. Bilden Sie sich nicht ein, dass Sie mehr herausschlagen können. Ich habe Menschenkenntnis! Ich weiß, wie geldgeil solche Weiber wie Sie sind!«

Neve konnte über diesen Mann nur den Kopf schütteln.

»Weiß Ihre Frau, dass Sie soviel Geld ausgeben wollen?« fragte sie Mykke ironisch.

»Meine Frau hat diesen Vorschlag gemacht. Sie wollte aber nur 5 000 Galax ausgeben. Sie sehen also, dass ich durchaus großzügig bin. Also, nehmen Sie das Geld und lassen Sie meinen Sohn aus Ihren Krallen.«

Neve konnte es nicht glauben. Diese Leute waren noch schlimmer als sie dachte. Erst die Braunhauers und jetzt die Mykkes. Was war das bloß für eine Familie? Kein Wunder, dass Marvyn so geworden war. Trotz erwachte in Neve. Sie wollte diesem eingebildeten Mykke zeigen, dass sie sich von ihm nicht einschüchtern ließ.

»Ich denke gar nicht daran. Ich bin doch nicht Ihre Marionette, die für Sie herumtanzt!«

Mykke glotzte sie missmutig an. »Also gut, ich erhöhe auf 20 000 Galax. Das ist aber mein letztes Angebot.«

Neve wurde wütend. »Sie kapieren es einfach nicht! Es geht mir weder ums Geld, noch um die Firma! Ich möchte nur mit Marvyn eine normale Beziehung führen, sonst nichts! Geht das nicht in Ihren sturen Schädel rein?«

Mykkes Gesicht lief rot an. Neve befürchtete schon, der Mann würde einen Schlaganfall bekommen. Doch dann richtete sich ihr korpulenter Chef schniefend auf und ging drohend auf sie zu. Neve bekam es schon mit der Angst zu tun, als es plötzlich an der Tür klopfte.

Mykke blieb verdutzt stehen und Neve öffnete eilig die Tür. Vor ihr standen zwei junge Männer und eine ältere Frau, die einen seltsamen Eindruck auf sie machten.

Der eine Mann erinnerte sie ein wenig an Marvyn, er war sehr schlank und hoch gewachsen, hatte jedoch längere Haare, die aber dieselbe dunkelblonde Farbe wie Marvyns besaßen. Er trug einen weißen Anzug.

Der andere Mann machte auf Neve einen bedrohlichen Eindruck. Er war von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet, hatte kurze, rote Haare und sah Neve finster an.

Am absonderlichsten fand Neve jedoch die alte Frau, die zwischen den beiden Männern stand. Sie war extrem hässlich und sah aus wie eine skurrile Gestalt aus einem uralten Horrorfilm. Das Gesicht bestand aus hunderten von Falten und Runzeln. Sie trug einen weiten Pullover und schlabberige Hosen, ihre deformierten, nackten Füße steckten in braunen Sandalen. In ihrer linken Hand hielt sie eine weiße Handtasche und in ihrer rechten eine qualmende, besonders unangenehm riechende Zigarette. Ihre Körperhaltung erinnerte Neve irgendwie an Ottilie Braunhauer.

»Tag, im Vorzimmer war keiner, darum haben wir an diese Tür geklopft. Wir wollen zu Diethar Mykke«, sagte die klein gewachsene Frau mit extrem rauer Stimme.

»Herr Mykke ist hier«, antwortete Neve und ließ die drei herein.

Während der Schwarzgekleidete sie unfreundlich musterte, lächelte der Weißgekleidete ihr freundlich zu. Neve lächelte höflich zurück, obwohl ihr die drei nicht geheuer waren. Die Frau schlurfte auf Diethar Mykke zu, dessen Miene Überraschung und Entsetzen zugleich verriet.

»Tante Dorys! Was willst du denn hier?« fragte Diethar verblüfft.

»Hallo, Diethar«, begrüßte die Frau Mykke.

»Hi«, sagte auch der Weißgekleidete, während der Schwarzgekleidete schwieg und Diethar unfreundlich musterte.

»Was wollt ihr?« wollte Mykke wissen.

Die Frau, die von Mykke mit Tante Dorys angesprochen worden war, seufzte laut. »Ich muss mich erst mal hinsetzen. Hast du mal 'nen Stuhl für deine alte Tante?«

Konsterniert deutete Diethar auf einen Sessel, der gegenüber von seinem Schreibtisch stand.

Dorys ließ sich ächzend in diesen Sessel fallen. »Ah, das ist gut.«

»Tante Dorys, was willst du hier?« fragte Mykke in ungeduldigem Tonfall.

Doch die Frau winkte ab. »Ich brauch' jetzt erst mal 'nen Amaretto.«

»Ich habe keinen Amaretto. Das ist ein Büro und keine Kneipe«, stellte Diethar klar.

»Dann brauch ich erstmal 'nen Kaffee. Mach mir 'nen Kaffee!« verlangte Dorys herrisch.

Mykke, dem die ständige Musterung der beiden Männer sichtlich unangenehm war, rief Neve herbei und stellte ihr die unerwarteten Besucher vor. »Prometh, dies ist meine Tante Dorys Gheddy mit ihren Söhnen Ian und Charlie. Besorgen Sie für uns alle Kaffee!«

»Für mich nichts«, sagte der Schwarzgekleidete namens Ian mit kehliger Stimme.

»Für mich bitte mit Zucker«, bat der andere, der Charlie hieß, höflich.

»Sehr wohl, die Herrschaften«, erwiderte Neve und ging ins Vorzimmer, wo sie den beim Servo den gewünschten Kaffee bestellte.

Die Besucher waren also Verwandte von Diethar Mykke. Die Frau namens Dorys musste die Schwester von Ottilie Braunhauer sein, daher kam Neve die Art der Frau so bekannt vor. Dem Gesichtsausdruck von Mykke war zu entnehmen, dass er über den Besuch nicht sehr erfreut war. Das freute wiederum Neve. Sie beeilte sich mit dem Kaffee wieder ins Büro zu kommen, da sie neugierig geworden war, was Mykkes Verwandte von ihm wollten. Während sie diesen Ian eher unheimlich fand, war ihr Charlie durchaus sympathisch.

Als Neve mit dem Kaffee ins Büro ging, saßen alle vier am Schreibtisch und schienen nur auf Neve zu warten. Charlie erhob sich galant, während sein Bruder Ian sitzen blieb.

»Vielen Dank, Miss... ?«

»Prometh, Neve Prometh«, antwortete Neve lächelnd.

»Ich will meinen Kaffee!« forderte Dorys Gheddy energisch und schlug dabei mit der rechten Hand auf die Sessellehne. »Und ich brauch 'ne Zigarette.«

»Aber du hast doch erst gerade eben eine geraucht, Mama«, gab Charlie zu bedenken.

»Ich brauch noch eine! Gib mir eine!« verlangte Dorys.

»Gib ihr eine!« befahl Ian seinem jüngeren Bruder.

Charlie zuckte mit den Schultern. »Na schön. Wie du willst, Mama.«

Charlie wollte seiner Mutter einer Zigarette aus einer Packung reichen, doch die alte Frau nahm sich gleich die ganze Schachtel. Sofort zündete sie sich eine Zigarette an, die sie genüsslich schmauchte. Zwischendurch schlürfte sie laut ihren Kaffee.

Diethar Mykke verdrehte die Augen und wurde ungeduldig.

»Könnten wir endlich mal zur Sache kommen? Wieso seid ihr den weiten Weg von Terrania hierher nach Mankind gekommen?« wollte er wissen.

»Das wird dir Mutter gleich sagen«, verkündete Ian mit drohendem Unterton.

Mykke wurde auf Neve aufmerksam.

»Danke, Prometh, Sie können gehen«, forderte er sie unhöflich auf.

»Ich möchte, dass sie bleibt. Für das, was wir mit dir zu besprechen haben, hätten wir gerne Zeugen«, warf Charlie Gheddy ein.

Dorys sah Neve an und entblößte ihre gelben Zähne, die mit vielen braunen Löchern versehen waren.

»Ja, Charlie hat Recht. Das Mädchen soll bleiben«, verlangte auch sie.

Mykke gab widerwillig nach. »Also bitte, bleiben Sie und notieren Sie alles.«

Neve lächelte Charlie zu, der ihr immer sympathischer wurde, und nahm mit einem Aufzeichnungsgerät Platz.

Mykke lehnte sich weit in seinen Sessel zurück. »Also, was ist nun? Raus mit der Sprache.«

Dorys Gheddy leerte schlürfend ihre Kaffeetasse, nahm noch einen Zug von ihrer Zigarette und ergriff das Wort.

»Ich bin Ottilies Schwester«, sagte sie bedeutungsvoll.

»Das ist mir bekannt«, entgegnete Mykke unbeeindruckt.

»Das heißt, ich bin ihre nächste Verwandte und somit bin ich ihr Vormund, solange sie krank ist. Darum werde ich Bohmar Inc. ab jetzt leiten.«

Mykke, der gerade einen Schluck Kaffee zu sich genommen hatte, spie ihn sofort wieder aus. »Das ist ja wohl ein Witz!«

»Durchaus nicht. Wir übernehmen ab jetzt die Leitung der Firma«, stellte Ian Gheddy klar.

»Wir danken dir und Judta für eure spontane Hilfe und euren humanitären Einsatz«, fügte Charlie hinzu. »Wir wollen euch nun diese schwere Last von euren Schultern nehmen. Wir werden uns auch um die Pflege von Tante Ottilie kümmern, sollte dies nötig sein.«

Mykke wurde ruhiger. Er sah die Gheddys kalt an.

»Nö«, sagte er nur.

»Was?« fragte Dorys.

»Ich sagte: Nein«, verkündete Mykke bestimmt. »Ich werde die Firma, die Tante Inge jahrelang in mühsamer Arbeit aufgebaut hat und die meiner Schwiegermutter Ottilie als Bevollmächtigte zusteht, nicht einfach an eine Bande von Asozialen übergeben. Ich wiederum bin der Bevollmächtigte von Ottilie und werde darüber wachen, dass ihr niemand ihr Erbe streitig macht!«

»Was fällt dir ein uns zu beleidigen, du mieser Fettsack!« protestierte Dorys wütend. »Ich und meine Schwester sowie ihr Mann Karl-Adolf standen uns sehr nahe!«

Diethar lachte höhnisch. »Ja, so nahe, dass mein Schwiegervater dir, bei eurem letzten Zusammentreffen ein Glas Bier über den Kopf gegossen hat.«

Dorys erhob sich ächzend aus ihrem Sessel und fuchtelte wild mit den Armen umher. »Das war doch bloß ein Missverständnis. Mir ging Karl-Adolfs Tod sehr nahe. Darum sind wir hergekommen. Wir wollen meine Schwester vor euch kaltherzigen, geldgeilen Mykkes beschützen. Also, übergib die Firma an uns, Neffe!«

Diethar schüttelte stur den Kopf. »Nö. Ich schalte einen Anwalt ein. Dann werden wir ja sehen, wer im Recht ist. Prozessiert ruhig. Wenn es nötig sein sollte, gehe ich bis vor das höchste Gericht.«

Jetzt erhoben sich auch Dorys Söhne. Ian ging drohend auf Diethar zu.

»Das wird dir noch leid tun«, sagte er zischend.

Doch Diethar blieb unbeeindruckt. »Raus mit euch oder ich lasse euch vom Sicherheitsdienst entfernen.«

»Kommt wir gehen, Kinder. Ich brauch jetzt 'nen Bier und 'nen Amaretto«, sagte Dorys und schlurfte zum Ausgang. »Ian, sein ein lieber Bub und hark dich bei mir unter«, verlangte sie von ihrem älteren Sohn, der widerwillig dieser Aufforderung nachkam.

Charlie verabschiedete sich noch von Neve. »Vielen Dank für Ihren Kaffee, Miss Prometh. Er war köstlich«, sagte er lächelnd.

Neve lächelte zurück. Sie fand Charlie, im Gegensatz zu seiner Mutter und seinem Bruder, durchaus sympathisch. »Danke, Mr.Gheddy«

»Ich fand ihn zum kotzen! Komm, Charlie, ich will jetzt mein Bier!« blökte Dorys dazwischen.

Charlie verdrehte die Augen und begleitete seine Mutter und seinen Bruder hinaus.

Neve sah ihm nach. Sie war überzeugt, die Gheddys wieder zu sehen, denn sie war der Meinung, dass diese nicht nachgeben würden. Wahrscheinlich würde es zu einem Machtkampf um Bohmar Inc. kommen. Was war das nur für eine unglaubliche Familie! Erst die Braunhauers, dann die Mykkes und nun dies.

Diethar Mykke riss Neve unsanft aus ihren Überlegungen.

»Prometh, machen Sie mir eine Verbindung mit meinem Anwalt!« befahl er. »Wenn die glauben, ein Diethar Mykke räumt kampflos das Feld, haben die sich geschnitten!«

4. Eine glückliche Familie

Zufrieden saß der Marquese am Schreibtisch seines Arbeitszimmers und studierte die Medienberichte, die ihm Diabolo zusammengestellt hatte. Sämtliche Verlage und Sender reagierten nach wie vor positiv auf die vermeintliche Adoption der Klone. Die Geschichte, die man den Medien präsentiert hatte, schien glaubwürdig zu sein. Außerdem war der Marquese so beliebt, das man ihm das Glück gönnte und gar nicht erst unangenehme Fragen stellte.

Die attraktive Stephanie und der charismatische Orlando waren schnell zu Medienlieblingen geworden und besonders Stephanie verstand es auch sich gut zu verkaufen.

Brettany wurde langsam an die Medien herangeführt. Sie war das Nesthäkchen der Familie und entweder mochten sie alle oder man schenkte ihr weniger Beachtung.

Sorgen bereitete Don Philippe allerdings Peter III. Er musste erst für den Umgang mit den Medien geschult werden. Diabolo hatte dies übernommen. Besonders wichtig war es, Peters Temperament und seinen Jähzorn zu zügeln, bevor man ihn auf die Allgemeinheit los ließ. Kaum hatte der Marquese an seinen Adoptivsohn gedacht, trat er auch schon, in Begleitung von Diabolo und seinem Bruder Orly, herein.

»Ah, mein lieber Peter. Was macht dein Unterricht?« erkundigte sich der alte Spanier interessiert.

»Nun ja, wir machen Fortschritte«, erklärte Diabolo bedächtig.

Orly konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Er ist schon viel ruhiger als heute morgen«, erklärte er mit einem Schmunzeln.

Peter winkte ab. »Das ist doch alles Zeitverschwendung! Ich will endlich General werden und die Truppen kommandieren. Und ich möchte, dass du mir eine Leibgarde stellst, die nur meinem Kommando untersteht!« forderte der blasse junge Mann von seinem »Vater«.

Das musste der Marquese erst einmal verdauen. »Eine Leibgarde? Wie stellst du dir das vor? Ich sagte dir doch schon, dass ich kein absolutistischer Herrscher bin, sondern dem Parlament und dem Paxus-Rat Rechenschaft ablegen muss. Besonders wenn es um finanzielle Dinge geht, sind die Menschen heutzutage sehr empfindlich. Dir eine Garde aus Steuergeldern zu bewilligen, ohne dass du ein öffentliches Amt bekleidest, ist völlig undenkbar.«

»Dann heuere eine Söldnertruppe an, die nur uns untersteht und die wir bezahlen«, schlug Peter vor.

»Söldner? Wie sieht das denn aus? Ich bin doch kein Gangsterboss! Ausgeschlossen, Peter. Das würde uns schlechte Publicity bringen«

»Ach Quatsch! Jeder, der was sich auf sich hält, hat heute Leibwächter. Gerade du als Paxus-Rat brauchst Schutz.«

»Das ist gar nicht mal so abwegig, Marquese«, pflichtete Diabolo Peter bei. »Auch wollte Ihnen schon vorschlagen, einen Security Guard, wie sich das heutzutage nennt, einzurichten.«

Don Philippe runzelte seine faltige Stirn. »Ein Sicherheitsdienst? Nun das hört sich schon besser an. Ich werde darüber nachdenken.«

»Warum kannst du nicht gleich entscheiden?« drängelte Peter ungeduldig.

Bevor der Marquese antworten konnte, summte sein Visiphon.

»Moment, ein Anruf für mich«, sagte er und schaltete das Gerät ein. Das Gesicht eines Flottenoffziers erschien.

»Marquese, die LEIF ERICSON befindet sich im Anflug auf Mankind«, berichtete er. »Perry Rhodan ist an Bord und möchte mit Ihnen sprechen.«

Die Miene des Marquese hellte sich auf. »Perry Rhodan? Verbinden Sie mich sofort mit ihm.«

Kurz darauf erschien das Gesicht des Unsterblichen auf dem Bildschirm. Während der Marquese sehr erfreut war, starrte Peter missmutig auf den Monitor.

»Perry Rhodan, welche Ehre Sie zu sehen! Welche Ehre«, begrüßte ihn der alte Spanier.

»Die Ehre ist ganz meinerseits, Marquese«, erwiderte Rhodan freundlich.

»Was kann ich für Sie tun?« fragte Don Philippe gespannt.

»Ich möchte Sie bitten, eine Sondersitzung des Paxus-Rates einzuberufen. Ich will mit den Regenten über die Zukunft von Cartwheel sprechen.«

ENDE

Die Familie der de la Siniestros und der Braunhauers haben gewaltigen Zuwachs in Cartwheel bekommen. Mehr über diese Familien wird man auch im kommenden Band erfahren. Doch hauptsächlich geht es um die Ankunft Perry Rhodans auf der Insel und der Debatte über die Unabhängigkeit der Galaxis.

Verhandlungssache

lautet der Titel von Heft 56. In diesem Roman wird »Neuling« Christian Hermann sein Debüt für die DORGON-Serie bestreiten.

DORGON Kommentar
Zusammenfassung

Der Marquese von Siniestro sitzt in seinem Amtsitz und schaut zufrieden aus seinem Fenster. Er ist zwar glücklich, über das was er geschafft hat, und dennoch: Richtig zufrieden ist er nicht. Ihm fehlt eine Familie. Auf Grund seines hohen Alters weiß er genau, das er wohl keine Frau mehr bekommt. Was er nicht weiß, ist, dass der Milliardär Michael Shorne durch einen Arzt bei einer der letzten Untersuchungen dem Marquese Gewebe- und Blutsproben entnahm und daraus 4 Kinder klonen ließ. Diese vier Kinder vermacht Michael Shorne dem Marquese zum Geschenk. Auf Grund der Tatsache, dass die vier Klone vernichtet oder anderen Zwecken zugeführt werden sollen, wenn der Marquese sie nicht »adoptiert«, nimmt er das »Geschenk« von Shorne an. Im Verlaufe der nächsten Tage bemerkt der Marquese allerdings, dass zwei der vier Kinder wohl einen Gen-Defekt haben.

Der zweite Teil des Romans erzählt von Neve Prometh, die den Tod von Aurec immer noch nicht überwunden hat. Um sich abzulenken, nimmt sie die Einladung zu einer Party von Marvyn Mykke, dem Sohn ihres Chefs, an. Je länger der Abend dauert, um so betrunkener werden die beiden, was schließlich darin gipfelt, dass Marvyn Neve einen Muntermacher verabreicht. Am nächsten Morgen wacht sie ohne Erinnerung an die letzten Stunden wieder auf und Marvyn, der im selben Bett liegt, kann sich nur noch an Bruchstücke erinnern. Neve spricht ihn darauf hin auf seinen Drogenkonsum an und stellt ihm ein Ultimatum. Entweder die Drogen oder eine Beziehung. Am nächsten Abend gehen beide zu einem gemeinsamen Abendessen zu Marvyns Eltern. Dort erkennt Neve, das Marvyn völlig von seinen Eltern unterdrückt wird. Sie entschließt sich, ihm zu helfen, auch wenn sie kein gutes Gefühl für die Zukunft hat Am nächsten Tag erscheint Neve im Büro von Diethar Mykke und übergibt ihm einige Papiere, die sie bearbeiten sollte. Diethar denkt, das Neve seinen Sohn nur dazu benutzen will, Bohmar Inc. zu übernehmen und will ihr deshalb eine Summe von 20 000 Galax zahlen, um sie loszuwerden. Während dieses Streits klopft es an die Tür und dort stehen Dorys, Ian und Charly Geddy, allesamt Verwandte von Ottilie Braunhauer. Sie fordern von Diethmar Mykke, die Firma zurück, die er nachdem Ottilie Braunhauer ins Koma gefallen ist, übernommen hat. Nach einem kurzen Streit wirft er die drei aus seinem Büro und schaltet seinen Anwalt ein. Der Roman endet damit, dass der Marquese von Siniestro einen Anruf von der LEIF ERICSON bekommt. Perry Rhodan bittet um die Einberufung des Rates.

Anmerkung des Verfassers: Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich in diesem Kommentar nur reine Fakten aufzähle. Ich bin mit Band 49 aus der Serie ausgestiegen und weiß deshalb nicht was seit dem passiert ist. Aber ich verspreche, das zu ändern.

Björn Habben

Der DORGON-Zyklus - Söhne des Chaos - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Heft 55 von Jens Hirseland. Titelbild: Klaus G. Schimanski. Technischer Berater: Sebastian Schäfer. Versand: PROC. Lektorat, Nachbearbeitung: Rene Schweinberger. DORGON-Kommentar: Björn Habben. Umsetzung in Endformate: Alexander Nofftz. Satz: Xtory (SAXON, LaTeX). Internet: http://www.dorgon.de. eMail: dorgon@proc.org. Adresse: PROC c/o Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf. Copyright © 2001. Alle Rechte vorbehalten!