Alexander NofftzPERRY RHODAN ONLINE CLUB (PROC) HomepageHeft 18
Fanzyklus des Perry Rhodan Online Club

Alternative Estartu

Ein Somer kehrt in seine Heimat zurück - und bittet um Hilfe vor einem gemeinsamen Feind

Was bisher geschah

Anfang 1291 NGZ bedroht – neben Shabazza und dessen Meister – auch die geheimnisvolle Macht Dorgon die Milchstraße, von der man nur weiß, dass sie aus der Galaxis M 100 stammt und den Galaktikern an Technik weit überlegen ist. Unter der Führung von Homer G. Adams und Aurec brechen 10 Schiffe in die fremde Welt auf, um herauszufinden, was sich hinter Dorgon befindet und eine eventuelle Gefahr zu beseitigen. In M 100 bekommen die Galaktiker die grausame Hand der militaristischen Dorgonen zu spüren. Trotzdem gelingt es ihnen, einige wertvolle Informationen zu erbeuten. Das Schlagwort Dom fällt dabei. Wobei es sich um Dom handelt, ist noch unklar, vermutlich aber das Zentrum der dorgonischen Macht.

Unterdessen bahnen sich in der fernen Galaxis Shagor wichtige Ereignisse an, denn in der Galaxis Shagor befinden sich noch Ritter der Tiefe, die von dem Kosmokraten Sipustov beauftragt werden, nach Dorgon zu fliegen, um großes Unheil zu verhindern. Doch aufgrund des Verrates eines Schülers der Ritter und das Auftauchen des diabolischen Cau Thons, werden die Ritter der Tiefe vernichtet. Es gelingt nur einer kleinen Gruppe zu entkommen und die Mission anzutreten. Gal'Arn, einer der letzten Ritter der Tiefe Shagors, entdeckt auf einer Wüstenwelt einige Galaktiker und sie schließen sich der Expedition nach Dorgon an.

Währenddessen sind Sam und Will Dean auf einer wichtigen Mission. Im Kampf gegen Dorgon gibt es eine weitere ALTERNATIVE: ESTARTU...

Hauptpersonen

Sam – Der Somer kehrt zurück

Will Dean – Begleiter von Sruel Allok Mok

Salaam Siin – Ein alter Bekannter

Eravar – Ein mächtiger Elfahder

Triaz – Der korrupte Somer treibt doppeltes Spiel

1. Ankunft in Som

Som«, sagte Sam. Aber es war nicht einfach nur ein Wort. Viel mehr schien es so, als wollte er seine Sehnsüchte, nach Hause zu kommen, in diesen Namen legen zu wollen. Da war zunächst das summende S, danach das leicht gurgelnde, langgezogene O und am Ende das M, das den Schnabel in Vibration versetzte.

Will Dean blickte zu ihm herab. Mit leuchtenden Augen schien der Somer das Abbild des Holos in sich aufsaugen zu wollen, das seinen Heimatplaneten zeigte. Er überschlug im Kopf, daß es sicherlich schon 6 Jahre her waren, seit der Somer das letzte Mal in Siom Som gewesen war.

»Viel zu lange war ich nicht mehr hier«, wandte sich Sam nun Will zu. »Dabei wäre in den letzten Jahren sicherlich eine Gelegenheit gewesen, über die Heraldischen Tore meine Heimat aufzusuchen...«

Dean schwieg. Er hielt es für das beste, sich nicht in Sams Erinnerungen einzumischen. Die SIOM SOM senkte sich langsam durch die Wolkendecke des Planeten. Eine langgezogene Ebene und eine Steilküste wanderten in den Holokubus.

»Das Srurul!« hauchte Sam ergriffen. »Dort bin ich früher oft gewesen, um meine Gedanken zu ordnen und Rat zu suchen. Du weißt gar nicht, was für ein Gefühl es ist, dort auf der Klippe zu stehen, die Arme auszubreiten und zu spüren, wie der kalte Meereswind durch deine Federn streicht...«

Hinter dem verhältnismäßig kleinen Ozean kam Dschungel ins Blickfeld. Will fiel auf, das die Landschaft Soms sehr schroff und doch weich war. Ihm drängte sich der Vergleich mit einem Vulkan auf.

»Die Heldenfriedhöfe!« rief der Somer begeistert. »Hier liegen die Großen unseres Volkes.

Er berichtete wieder einige Geschichten aus der Vergangenheit der Somer, doch Dean hörte kaum hin. Mit seinen Gedanken war er immer noch in Dorgon. Mit Abscheu erinnerte er sich an die Greueltaten, die der dortige Protektor Ojemus auf dem Planeten Harrisch verübt hatte.

»Glaubst du«, wendete er sich schließlich an den Somer, »dass die Bewohner Estartus uns gegen Dorgon unterstützen werden? Ich meine, bisher hat man hier nichts von ihnen gehört und...«

Sam stockte in seinem Bericht. »Natürlich wird man uns helfen!« Wie zur Stärkung seiner Argumentation stellten sich seine Kopffedern auf. »Dorgon geht nicht nur Camelot oder die Milchstraße etwas an, sondern bedroht mehrere Galaxien! Wie mußten miterleben, wie sie erbarmungslos mehrere Planeten entvölkerten. Wir haben ihre gigantischen Flotten gesehen. Ihre mächtigen Waffen. Ihre Technik. Ihre...«

Hilflos wedelte er mit den Armen. Will konnte nur mühsam ein Lächeln unterdrücken, denn die kleine gefiederte Kreatur erinnerte ihn in dieser Bewegung an einen Vogel, der gerade abheben und davonfliegen wollte.

Er seufzte tief. »Hoffentlich hast du recht.«

Der Somer wollte etwas sagen, stockte allerdings und sah auf. Die SIOM SOM war gerade gelandet. Auf dem Landeplatz hatte sich bereits ein Empfangskomitee gesammelt.

»Salaam Siin«, fiepte Sam. »Der berühmte Ophaler. Hier!«

Er fuhr herum und huschte so schnell in Richtung Schleuse, daß Dean Mühe hatte, ihm zu folgen.

Eigentlich hatte Will Dean schon in der Schule und erst recht später in der TLD-Agentenausbildung von den Ophalern mit ihren psionischen Gesängen gehört. Jedoch mußte er zugeben, daß er sich eigentlich nichts darunter vollstellen konnte.

Dies änderte sich heute.

Gebannt lauschte er die wiegenden Gesänge, mit denen Salaam Siin und einigen Ophalern Sam und ihn auf Som empfing. Er konnte förmlich spüren, wie die sanften Klänge, die man weniger hörte als vielmehr spürte, in ihn eindrangen, ihn gefangen nahmen, ihn in eine andere Welt führten. Er ging nicht, er gleitete umher, unfähig, die Augen, die er unwillkürlich geschlossen hatte, zu öffnen oder auch nur eine willentliche Bewegung zu unternehmen. Und doch bewegte er sich, schwebte im Takt des Gesanges, der kein Gesang war, sondern viel mehr. Eine Sinfonie der Sterne. Der Klang des Lebens. Die Musik der...

Urplötzlich war Stille. Will riß die Augen auf und blickte irritiert um sich. Was war los? Wo waren die Sphärenklänge? Was machte er hier? Erst langsam erinnerte er sich daran, daß er hier auf dem Raumhafen von Som stand. Den Somer Sruel Allok Mok an seiner Seite, und den Meistersänger Salaam Siin vor sich.

Sam trat einen Schritt vor. Das dumpfe, brutale Tappen, das seine Schritte auf dem Metallplastik des Raumhafens erzeugten, kam Dean wie eine akustische Beleidigung vor.

»Vielen Dank für diesen freundlichen Empfang, Salaam Siin«, begann Sam. Seine Stimme war ungewohnt leise, fast flüsternd. »Ich freue mich, wieder in meiner Heimat zu sein. Doch wie ich bereits über Funk mitgeteilt habe, ist dieser Besuch nicht froher Natur. Eine fürchterliche Bedrohung schwebt über den Mächtigkeitsballungen von ESTARTU und ES

»Ich weiß«, klang es sanft aus dem Rüssel des Ophalers. »Doch lassen Sie uns nicht direkt mit solch unangenehmen Nachrichten beginnen. Schauen Sie sich lieber erst einmal Ihre Gästesuite an, machen Sie sich frisch und dann kommen Sie zu dem Festbankett, das wir Ihnen zu Ehren halten werden.« Der Rüssel schwang in Wills Richtung. »Diese Einladung gilt auch dir, Terraner...«

»Will«, entgegnete der Afroterraner schnell. »Nenne mich Will Dean.«

»Nun gut, Will. Seid herzlich auf Som willkommen.«

Zwei der Tentakel, die in sechs Paaren den tonnenförmigen Leib des Ophalers umgaben, hoben sich und winken zwei Gestalten heran. Will stutzte. Zuerst hatte er die in allen Spektralfarben schimmernden, entfernt eiförmigen Gestalten für spezielle Effekte oder Trugbilder des psionischen Gesanges gehalten, aber jetzt?

»Sam... ?«

Der Somer verstand sofort. »Das sind Ghaarts. Eine Art Überbleibsel der Ewigen Krieger. Nachdem die Sothos besiegt waren, fanden sich viele Pterus nicht mit der neuen Situation ab. Viele trauerten dem permanenten Konflikt nach. Wer weiß, was in ihren geschuppten Schädeln vorging, als ihr gesamtes Weltbild zerbrach? Auf jeden Fall nahmen viele die Schuld auf sich, die ihre entarteten Brüder über viele Intelligenzen gebracht hatten. Sie nannten sich Ghaarts. Das ist Sothalk und bedeutet soviel wie Schattenkämpfer. Sie begannen, spezielle Prallfeldgeneratoren zu tragen, die – natürlich symbolisch – verhindern sollten, daß sie Hand an ein Lebewesen legen konnten. Ferner verdichten die Prallfelder die Luftmoleküle derart, daß eine Lichtbrechung auftritt und niemand die Verfluchten erkennen kann. Angeblich sollen sie aber drinnen völlig normal sehen können. Leider sind nicht alle Pterus so...«

Will beobachtete die Ghaarts beim Näherkommen. Ja, sie schienen tatsächlich gut sehen zu können, so, wie sie den Umstehenden auswichen. Nur etwas war noch unklar.

»Aber wenn sie so bußeifrig sind, was machen sie dann hier?«

Sam lächelte. »Natürlich blieb es nicht dabei. Schnell sehnten sich die Ghaarts trotz Gelübde – wenn man es mal so nennen will – nach Kampf. So ließen sie sich als Söldner oder Leibwächter anheuern. Als sehr pflichtbewußte und zuverlässige Leibwächter sogar. Auch hier beim Rat von Estartu sind einige tätig.«

»Aha«, machte Will. Trotz, oder gerade wegen der Erläuterungen Sams waren ihm die Gestalten ganz und gar nicht geheuer. Er hatte Abbildungen der Pterus gesehen. Für ihn waren die Echsenwesen sehr nahe Verwandte des terranischen Urzeittiers Tyrannosaurus Rex, und der war ihm auch nicht sonderlich sympathisch.

Er versuchte, möglichst viel Abstand zu dem Schimmern zu halten. Wer wußte denn schon, was die Ghaarts wirklich darunter verbargen? IV-Schirme? Waffen?

Will ballte die Fäuste. Was war denn mit ihm los? Ihm, den TLD-Agenten! Er, der in der BASIS und an andern Orten erfolgreich gegen die Schergen der MORDRED gekämpft hatte!

Völlig überraschend blieben die Ghaarts stehen. Will stockte das Herz, denn beinahe wäre er gegen sie geprallt. Einer der Ghaarts wendete sich ihm zu und zeigte auf eine Tür.

»Ihre Behausung«, brummte eine tiefe, dumpfe Stimme aus dem Prallfeld hervor. »Das Bankett beginnt in 4 Stunden.«

Ohne weitere Worte schritten die Ghaarts weiter, als wäre nichts geschehen.

Will schüttelte den Kopf und öffnete die Tür. Es gab schon merkwürdige Kreaturen.

Das Apartment erwies sich als groß und ausgesprochen luxuriös. Um die Besprechungen nicht unnötig zu erschweren, hatten Will und Sam um eine gemeinsame Unterkunft gebeten. Um einen großen Gemeinschaftraum gruppierten sich Schlaf- und Sanitärraume, die sowohl für Somer als auch für Terraner eingerichtet waren.

»Perfekt«, freute sich Will, nachdem er alles begutachtet hatte.

»Freut mich«, sang Salaam Siin von der Tür her. »Wir sehen uns dann heute abend.«

Nachdem die Tür geschlossen war, ließ sich Will mit sichtlichem Behagen in einen Sessel sinken.

»Ich erkenne«, teilte er Sam mit, »daß Somer und Menschen sehr ähnliche Ansichten von Bequemlichkeit haben.«

Sam lachte. »Nein. Dieser Sessel steht nur deinetwegen da!«

2. Das Festessen

Will hatte gehofft, daß Salaam Siin an diesem Abend beim Essen noch einmal einen Eindruck seines Könnens geben würde, doch leider entpuppte sich das Bankett als ausgesprochen langweilig. Schließlich schaffte er es, den allgegenwärtigen Höflichkeitsfloskeln zu entgehen, indem er vorgab, »sich etwas die Füße vertreten zu müssen«.

Er erntete zwar einen bösen Blick Sams, doch dann war er erlöst. Kaum außerhalb des Raumes, beschloß er, sich etwas im Regierungszentrum umzusehen.

Völlig überwältigt schritt er durch die Gänge. Warum hatte man in der Milchstraße nur solche Probleme damit, gemeinsam zu arbeiten? Warum mußten Arkoniden, Blues, Akonen, aber auch die Terraner nur gegeneinander arbeiten? Hier klappte es doch ganz offensichtlich, sogar in einer ganzen Galaxiengruppe!

Schließlich erreichte er bei seinem Rundgang das Apartment. Zunächst zögerte er, doch nach einem Blick auf die Uhr beschloß er doch, die Tür zu öffnen.

Sam war tatsächlich schon anwesend. Der Somer sortierte gerade einige Unterlagen in passende Fächer ein und zuckte zusammen, als Will den Raum betrat.

»So schreckhaft, Sam?« amüsierte er sich. »Ist das Essen schon beendet? Oder wurde es dir auch zu langweilig?«

Der Somer antwortete nicht, sondern deutete nur auf den Sessel und trat an den Getränkespender.

»Ah, wir verstehen uns wirklich«, freute sich Will und ließ sich in das Polster sinken. »Aber bitte on the rocks...«

Mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit schwang Sam herum und richtete etwas silbriges auf Dean. Dieser verstummte und versuchte zu erkennen, was es war. Doch er sah nur einen Blitz, gefolgt von Dunkelheit...

Wir hatten schon gedacht, Sie wollten von Ihrer eigenen Feier fliehen«, flötete Salaam Siin fröhlich, als Sam den Raum betrat. »So wie es dieser Dean bereits getan hat...«

»Es tut mir ausgesprochen leid«, beteuerte Sam und setzte sich. »doch dieser Terraner ist manchmal etwas schwierig. Wir arbeiten aber ausgesprochen gut zusammen.Ich denke aber, langsam sollten wir wirklich auf das Problem zu sprechen kommen.«

Der Ophaler unterbrach ihn. »Bitte, heute nicht mehr! Ich habe für morgen eine Vollversammlung sämtlicher Senatoren Estartus einberufen. Dort können Sie im Plenum vorsprechen. Ich denke, daß wird der Bedrohung besser gerecht als diese kleine Runde.« Er legte einen Tantakel um die Schultern des Somers. »Sie sind viele Jahre nicht mehr hier gewesen. Viele haben es bedauert, daß Sie es vorgezogen haben, in die Dienste von Perry Rhodan zu treten.«

»Aber er ist eine große Persönlichkeit!«

»Das müssen Sie mir nicht erzählen. Ich kenne ihn. Wir haben zusammen gegen den Kriegerkult gekämpft und wir sind zusammen auf dem Netz gereist. Nur durch ihn konnte ich tausendzweihundert Sänger zusammen bringen und die Heraldischen Tore durch unseren Gesang zerstören.« Er zögerte. »Und mit ihm habe ich Jahrhunderte im Stasisfeld überdauert und danach mitgeholfen, alles neu aufzubauen...«

»Dorgon ist gefährlicher als die Ewigen Krieger«, versuchte Sam es dennoch.

Blitzschnell zog Siin seine Extremität zurück. »Nichts, nichts ist fürchterlicher als dieser brutale Irrglaube vom Permanenten Konflikt. Ich habe Ophaler in meinen Tantakeln gehalten. Ophaler, die im Auftrag der Sothos fürchterlich zugerichtet waren. Ihre Hälse waren...« Er schüttelte sich. »Nein, so etwas will ich nicht erzählen. Nicht hier und nicht jetzt!«

»Ich war auf Sverigor«, sprach Sam leise in das Schweigen. »Durch den Einfluß Dorgons und ihrer Sternenbomben wurde die Oberfläche dieser Planet verwüstet. Milliarden von Intelligenzen starben innerhalb weniger Minuten. Kaum jemand konnte fliehen. Sie konnten nur in die Flammenhölle starren und nur darauf warten, daß sie herankommt und sie mit sich zerrt...«

Beide schwiegen. Auch am Tisch herrschte Ruhe. Niemand wagte es, in irgend einer Weise diese gräßlichen Ereignisse zu kommentieren.

Nach langen, schweigsamen Minuten ergriff schließlich doch der Meistersänger das Wort.

»Nun haben wir es doch geschafft, die freudige Idylle, mit der ich Sie willkommen heißen wollte, zu zerstören. Ich denke, es hat keinen Sinn, heute noch länger hier zu diskutieren. Wir sehen uns dann morgen.«

3. Gefangen

Als Will Dean zu sich kam, gab es keinen Muskel in seinem Körper, der nicht in unüberhörbarer Stärke seine Existenz kund tun wollte. Ihm gelang es, ein schmerzhaftes Aufschreien zumindest in ein Stöhnen abzuschwächen.

Schockstrahler, analysierte er die Lage. Ich muß wohl einige Zeit bewußtlos gewesen sein.

Er probierte, ob er die Augen öffnen konnte, doch das Gefühl, mitten in eine Transformbomben-Explosion zu schauen, ließ ihn die Augen nach einer Millisekunde wieder schließen. Jetzt entfuhr ihn doch ein Schrei.

Sam war es! fiel es ihm plötzlich siedendheiß wieder ein. Er hat mich niedergeschossen! Warum?

War jemand hier? Er horchte angestrengt, konnte aber außer dem lauten Pochen seines Pulses kein anderes Geräusch vernehmen. Er besinnte sich auf das TLD-Training und spannte vorsichtig einzelne Muskeln an. Zuerst tat es bestialisch weh, doch ziemlich schnell stellte sich eine Besserung ein.

Schließlich wagte er es, die Augen zu öffnen. Und nach einigen Blinzeln und Augenreiben schaute er sich um.

Er lag auf einer Pritsche in einem völlig kahlen Raum. Der Raum wies drei Wände auf, gegenüber der Pritsche fehlte die Wand, stattdessen führte dort ein Gang entlang, der ebenso kahl war. Er konzentrierte sich auf den Rand der Fläche und tatsächlich, ein Flimmern deutete an, daß statt der Wand ein Prallfeld den Raum verschloß.

Eine Zelle? Überlegte er. Was habe ich getan? Welcher Chaotarch ist bloß in den Somer gefahren?

Er überlegte gerade, ob er sich aufraffen und die Zelle genauer untersuchen sollte, als ein metallisches Scheppern auf dem Gang ihn zusammen zucken ließ. Das Scheppern wurde lauter und kam näher, als wenn sich jemand auf dem Gang herankam.

Sofort stellte er sich wieder bewußtlos. Schließlich hatte das scheppernde Etwas die Zelle erreicht. Es wurde still.

Will zwang sich, gleichmäßig zu atmen. Trotzdem floß ihm der Schweiß von der Stirn. Wer oder war stand dort?

Unerwartet vernahm er eine Stimme. Sie klang hell und entfernt an einen melodiösen Singsang, jedoch ganz und gar nicht nach einem Ophaler und paßte erst recht nicht zu dem Scheppern, daß er zuvor vernommen hatte.

»Ich weiß, daß Sie wach sind«, verstand er. »Sie brauchen sich nicht weiter schlafend zu stellen.«

Will gab auf und setzte sich aufrecht auf die Pritsche. Erst danach öffnete er die Augen und starrte völlig überrascht den Redner an. Vor der Zelle stand ein fast zwei Meter hoher metallischer Igel – er wollte es kaum glauben, doch die Gestalt sah tatsächlich wie ein terranischer Igel aus. Viele Stacheln ragten aus dem Rücken der Rüstung. Sie wies viele bewegliche Teile auf, die lose aneinander gebunden waren, was wahrscheinlich das Scheppern produziert hatte.

»Sie haben wohl noch nie einen Elfahder gesehen«, amüsierte sich die Stimme. Sie kam tatsächlich aus diesem Blechberg. »Nun, das ist in diesem Fall auch völlig irrelevant.«

»Wa... rum... ?« versuchte Will zu sprechen.

»Warum Sie hier sind? Nun, ich muß ihnen leider mitteilen, daß Sruel Allok Mok, den Sie Sam nennen, Sie leider als Agenten Dorgons entlarvt hat...«

»Aber...«

»Nichts, aber! Sie haben versucht, mit Mok eine Freundschaft einzugehen und so Estartu zu infiltrieren und Dorgon den Weg in diese Galaxis zu ebnen. Wer weiß schon, was Sie dazu verleitet hat!«

»Ich habe doch gar nicht...« Immer noch brauchte er für jedes Wort eine Ewigkeit. Hilflos mußte er mit ansehen, wie der Elfahder sich umdrehte und ohne auf seine Worte zu hören davon schepperte.

4. Die Ratssitzung

Als Sam erwachte, stellte er fest, daß ihm nur wenige Minuten bis zur Plenarsitzung blieben. Bei den gemischten Gefühlen der letzten Nacht hatte er völlig vergessen, dem Servo seine Weckzeit mitzuteilen.

In Windeseile schnappte er sich einige Datenspeicher, blickte verächtlich auf die Tür zu Wills Schlafraum und machte sich dann auf den Weg.

Salaam Siin erwartete ihn bereits.

»Na endlich«, empfing er ihn ernst. »Guten Morgen. Noch ein paar Minuten später, und Ihre Chancen hätten sich schon stark vermindert.«

»Ich...«

»Ist ja nicht so schlimm. Ich unterstütze Sie natürlich mit allen Mitteln.«

Sam blickte den Meistersänger überrascht an. Nach der Unterredung in der letzten Nacht hätte er dies nicht erwartet.

»Ich habe viel nachgedacht«, gestand der Ophaler. »Viel Leid liegt in meinen Erinnerungen. Doch es gilt, in die Zukunft zu schauen. Und diese sieht nicht gut aus, wenn die Dorgonen tatsächlich ihre Tentakel nach unseren Welten ausstrecken sollten...«

Sie betraten den Plenarsaal. Rings um einen Bogen aus Sitzgelegenheiten für alle Völker von Siom Som und der umgebenden Galaxien Estartus zeigten Hologramme die Wunder Estartus. In das Zentrum der Halle war ebenfalls ein Holoprojektor eingebaut worden, der allerdings zur Zeit inaktiv war.

Sruel Allok Mok begab sich direkt in das Zentrum der Halle. Er, der sich in den vergangenen Jahren schon sehr an den Kosenamen Sam, der aus seinen Initialen gebildet wurde, gewöhnt hatte, mußte sich auch jetzt eingestehen, daß gerade eine weitere Einrichtung der Galaktiker vermißte: Ein Rednerpult. So kam er sich im weiten Innenraum, umgeben von all den ihn verwartungsvoll anstarrenden Gestalten, recht klein und schutzlos vor.

Dann gab er sich einen Ruck und übergab den herbeigeschwebten Servo seine Präsentationsdaten. Sofort wurde das Licht gedimmt und ein großes Hologramm baute sich auf, das ihn zunächst in vielfacher Vergrößerung direkt über sich schwebend zeigte.

»Bewohner von Siom Som, Trovenoor, Absantha-Gom, Absantha-Shad, Syllagar, Shufu, Muun, Palcaquar, Urumbar, Dhatabaar, Erendyra und Mujadjh«, begann er. »Eine schwere Zeit steht uns bevor. Wir haben viel Leid durch den Kriegerkult, die Kosmokraten und Chaotarchen und durch die Intrigen Naupaums erleben müssen. Doch laßt uns nicht länger an der Vergangenheit festhalten. Die Zeit des Aufbaus ist vorüber – jetzt folgt die Zeit der Bewährung! Eine fürchterliche Gefahr droht, uns anzugreifen. Ich spreche von Dorgon.«

Mit einer Handbewegung ließ er das erste Holobild entstehen. Über seinen Kopf entstand für alle gut sichtbar das Abbild einer völlig zerstörten Welt. Raunen ging durch die Senatoren.

»Dies ist die Welt Sverigor, die durch dorgonische Waffen innerhalb weniger Minuten völlig vernichtet wurde«, fuhr er fort. »Millionen von intelligenten Lebewesen fanden den Tod. Aber Dorgon hat sich bisher auf der intergalaktischen Bühne völlig im Hintergrund gehalten. In der Milchstraße trat es nur über die Organisation MORDRED in Erscheinung. Diese Terrorgruppe bedrohte zunächst Camelot, den derzeitigen Heimatplaneten der Ihnen nicht unbekannten Zellaktivatorträger, dehnte ihre Greueltaten aber sehr schnell auf die gesamte Milchstraße aus, wie Sie an diesem Beispiel sehen können.«

Ein neues Bild zeigte eine völlig in silbernes Metall gekleidete Gestalt.

»Dies ist Cauthon Despair. Er wurde bereits als Kind von Dorgon beeinflußt und nach einem Unfalltod mittels überlegender Technik wieder belebt. Jedoch ist er nun auf diese Rüstung angewiesen, ähnlich wie bei uns die Elfahder. Perry Rhodan gelang es, Despair wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Er sah ein, daß er nur durch die Macht geblendet wurde, die Dorgon ihn angeboten hatte.«

Tatsächlich wußte Sam jedoch nicht wirklich, ob Dorgon ihn als Kind beeinflußt hatte, doch hier wußte es er recht niemand und Sam konnte die Möglichkeit immerhin nicht ausschließen.

In einem neuen Bild war Wirsal Cell zu sehen.

»Dies ist der Mann, der Camelot unterwanderte und Despairs ›Ausbildung‹ fortsetzte. Er kooperierte mit den Dorgonen und gründete die MORDRED. Ihm gelang es, sich bis zuletzt völlig unerkannt in Perry Rhodans unmittelbarem Umfeld aufzuhalten – dies nur als Warnung an die Anwesenden!«

Er ließ seinen Blick über die Abgeordneten schweifen. Einige hatten sichtlich geschockt seinen Vortrag verfolgt, andere schienen eher geistig abwesend zu sein. Plötzlich meldete sich ein Somer zu Wort:

»Tiraz vom Planeten Srallok«, stellte er sich vor. »Aus Ihrem Vortrag, werter Sruel Allok Mok, geht hervor, daß Dorgon eindeutig die Milchstraße bedroht. Was hat Estartu damit zu tun?«

Ein zustimmendes Geraune ging durch die Reihen. Sam preßte den Schnabel fest zusammen. Mit so einer Frage hatte er eigentlich nicht gerechnet, vor allem nicht von einem Somer!

Salaam Siin kam ihm mit einer Antwort zuvor: »So ähnlich haben die Galaktiker zunächst auch reagiert, als die MORDRED lediglich Camelot bedrohte. Sehr schnell mußten sie jedoch ihren Irrtum eingestehen, als die MORDRED plötzlich Sverigor vernichtete und mit den Arkoniden gegen das Sternenreich der Terraner paktierte.«

»Selbst wenn Dorgon Estartu nicht unmittelbar bedrohen sollte«, ergänzte Sam, »ist es unsere Pflicht, unseren Freunden beizustehen. Sie selbst wissen, wie sie uns gegen die Sothos beigestanden haben!«

»Diese bedrohten aber auch die Milchstraße!« rief Tiraz. »Wenn Dorgon wirklich so gefährlich ist, halte ich es für völlig falsch, sie wegen eines noch nicht einmal vorhandenen Beistandsabkommens gegenüber den Terranern erst auf uns aufmerksam zu machen.«

Wieder füllte ein billigendes Stimmengewirr den Saal. Sam spürte, daß die Ablehnung gegenüber seinem Antrag immer größer wurde. Er entdeckte sogar schon deutliche Gesten der Bejahung. Mit einem schnellen Seitenblick zu Salaam Siin, entdeckte er bei ihm auch nur Ratlosigkeit.

Ausgerechnet ein Somer! fluchte er in Gedanken. Wenn es wenigstens einer dieser verfluchten Pterus gewesen wäre. Warum nur?

Ihm war klar, daß er nur noch eine Chance hatte, die Delegierten auf seine Seite zu bekommen. Wenn es ihm jetzt nicht gelang, würde er mit leeren Händen zu Homer G. Adams zurückkehren.

Er holte tief Luft, um zu einer Entgegnung anzusetzen, da wurden die Türen aufgerissen.

»Halt! Sruel Allok Mok ist ein Verräter im Dienste Dorgons. Wir haben Beweise!«

5. Ausbruchspläne

So lange Will Dean auch sein Gehirn zermarterte, konnte sich doch nicht erklären, wie gerade Sam ihn verdächtigen konnte. Und dann diese unheimliche Gestalt. War es Zufall, daß sie Cauthon Despair so ähnlich war? Waren sie zu spät gekommen und Estartu war bereits fest in der Hand Dorgons?

Oder war Sam ein Verräter? War es ihm gelungen, im Auftrage der Dorgonen Rhodan geschickt zu täuschen und Camelot zu unterwandern, wie schon Wirsal Cell vor ihm?

Mit einem lauten Schrei sprang er von der Pritsche auf. Das war alles zu viel auf einmal! Wie sollte er das nur alles herausbekommen? Vor allem in dieser Lage?

Zunächst einmal mußte er versuchen, hier heraus zu kommen. Er blickte sich nervös um. Die Zelle war spartanisch eingerichtet. Außer der Schlafstelle gab es hier tatsächlich nichts – noch nicht einmal ein Lüftungsschacht.

Will stutzte. Irgendwie mußten sie doch Luft in die Zelle bekommen, sonst wäre er schon längst erstickt. Er tastete die Wände ab, auch die Decke, die für ihn als wesentlich größeres Wesen als die Somer sehr leicht zu erreichen war. Aber solange er auch suchte, es gab nichts, wo auch nur einzelne Luftmoleküle sich herausquetschen könnten.

Blieb nur das Prallfeld. Er fuhr vorsichtig mit der Handfläche entlang. Deutlich konnte er eine wellenartige Struktur ertasten. Das war es! Sie verwendeten ein sehr niederfrequentes Prallfeld in Form einer stehenden Welle. Somit war es zwischen den Amplituden sehr schwach und damit luftdurchlässig. Hier konnte er nachhaken.

Er versuchte, seine Hand durch eine Kuhle hindurchzuzwängen, was ihm tatsächlich auch gelang. Jedoch war die Öffnung nicht breit genug, um seine Hand weiter als bis zum Daumenballen hindurch zu lassen.

Er besinnte sich auf die Physiklektionen seiner TLD-Ausbildung. Demnach ergab das Produkt aus Wellenlänge und Frequenz immer die Lichtgeschwindigkeit. Er schätzte die Wellenlänge durch Abmessen mit der Hand auf etwa 10 cm, also hatte er es hier mit – er überschlug die Zahlen im Kopf – mit etwa 3 Gigahertz zu tun. Alles war er nun jetzt noch tun mußte, war einen Prallfeldgenerator mit 3 Gigahertz oder einem Vielfachen davon aufzutreiben, dann würden sich die beiden Wellen neutralisieren und der Weg wäre frei!

Was für eine einfache Angelegenheit innerhalb einer Zelle! dachte er ironisch. Bestimmt liegt ein Generator unter der Pritsche...

Plötzlich stutzte er, dann begann er, eine Wand seiner Zelle immer und immer wieder mit der Schulter zu rammen.

6. Beschuldigen

Sam war fassungslos. In den Unterlagen, die er zu seinem Vortrag verwendet hatte, war auf raffinierte Weise ein Virus verborgen gewesen, der sich bei der Präsentation in den Syntronverbund Soms eingeschleust hatte und beinahe das gesamte Netzwerk lahm gelegt hätte.

Einem Elfahder namens Eravar, dem Großteile des Syntronnetzes auf Som gehörten, war die Ausbreitung des Virus aufgefallen und so konnten noch rechtzeitig Gegenmaßnahmen getroffen werden. Seine Techniker konnte er sehr schnell den Ursprung feststellen: das Plenum!

Dem Somer war es unbegreiflich, wie dieser Virus in seine Unterlagen hätte kommen können. Er hatte sie auf dem Flug vorbereitet und erst hier auf Som fertig gestellt. Niemand hatte Zugriff auf seine Dateien gehabt – außer Will.

Sam erschrak. Steckte der Terraner dahinter? Er erinnerte sich, daß er ihn heute morgen nicht in der Suite gesehen hatte. Hatte er den Virus eingeschleust und sich danach aus dem Staub gemacht? Aber warum?

War Will Dean ein Agent Dorgons? Sollte er ihn in Mißkredit bringen und den Feldzug auf Siom Som vorbereiten?

Wieso hatte er aber dann an seiner Seite gegen die MORDRED gekämpft? Will, der mit ihm durch die Abfallschächte des dorgonischen Raumers geklettert war, sollte ein Verräter sein?

Es würde leicht sein, ihn auf die Probe zu stellen, aber dafür mußte er erst einmal hier heraus kommen.

Salaam Siin war genauso überrascht worden wie er selbst. Jedoch hatte er sich sofort für den Somer eingesetzt. Ihm war es zwar nicht gelungen, diplomatische Immunität geltend zu machen, aber zumindest einen Gerichtsprozeß hatte er durchsetzen können.

Dieser sollte in einer Stunde beginnen.

Genug Zeit zum Grübeln.

Sam war der Verzweiflung nahe.

7. Flucht

Will triumphierte. Kurz nach seinem »Amoklauf« waren sie aufgetaucht und wollten ihn auf die Pritsche fesseln. Er täuschte Ersticken vor und tatsächlich konnte er die nicht sehr in menschlicher Anatomie bewanderten Ghaarts täuschen. Schließlich hatten sie ihm einen Prallfeldgenerator angelegt, der es ihm unmöglich machte, sich irgend einer Wand näher als auf eine Handspanne zu nähern.

Dabei waren sie raffinierter vorgegangen als er gedacht hatte. Das Prallfeld verhinderte nämlich nicht nur, daß er sich den Wänden – oder auch nur seiner Pritsche – nähern konnte, es wirkte gleichzeitig auch nach innen und machte so jede Manipulation am Gerät selbst unmöglich.

Unmöglich, wenn man kein TLD-Agent war. Will konnte es sich nicht verkneifen zu grinsen. Die Ghaarts, oder besser ihr ominöser Hintermann, schienen tatsächlich nicht zu wissen, daß Sams terranischer Begleiter ein ausgebildeter Geheimdienstmitarbeiter war.

Besonders erfreute es ihm, daß damit auch weitestgehend Sam als Verräter ausfiel, denn der Somer wußte es natürlich.

Will betastete das innere Feld. Die Ghaarts hatten den Generator auf seinem Rücken festgeschnallt. Gerade so tief, daß das innere Prallfeld bis knapp über seinen Bauch reichte, nicht jedoch sein Herz traf. Er schluckte. Was, wenn sie es etwas höher angebracht hätten?

Das äußere Feld reichte von knapp über seinem Kopf bis zu den Unterschenkeln, was das Stehen oder Gehen sehr unbequem machte. Er hatte das Gefühl, jemand hätte ihn unglaublich feste Bandagen angelegt, die kaum Blut zu den Füßen ließen. Außerdem drücke das Feld die Füße nach außen und die Knie nach innen, was dem Komfort auch nicht gerade dienlich war.

Er rief sich die Bilder des Aggregats in Erinnerung. Als sie ihm es angelegt hatten, hatte er sich das Aussehen sehr genau eingeprägt. So, wie es jetzt an seinem Rücken saß, mußten die Bedienungselemente unten liegen. Also mußte er seine Hände irgendwie durch das Feld zum Aggregat bugsieren.

Dean faßte mit beiden Händen um das Feld herum, bis seine Hände auf seinem Gesäß lagen. Nun versuchte er, sie langsam nach oben zu bewegen. Unmöglich, sie folgten dem Prallfeld, und nicht dem Rücken!

Nächster Versuch. Er langte mit seinem rechten Arm zwischen den Beinen hindurch und schaffte es tatsächlich, auf diese Weise einige Zentimeter weiter zu kommen. Leider war er aber nicht gelenkig genug, als daß dieser Versuch von Erfolg gekrönt wäre.

Fluchend zog er seine Hand zurück und schüttelte sie so lange, bis die Schmerzen in den Muskeln aufhörten.

Wütend blickte er sich in seiner Zelle um, bis ihm die Kante der Pritsche auffiel.

Das könnte funktionieren, dachte er. Ich muß nur schnell genug sein, damit ich beide Prallfelder durchdringen kann...

Er legte die Hände in Höhe des Generators auf das Prallfeld hinter seinem Rücken. Dann entfernte er sich soweit von der Pritsche, wie das Prallfeld es zuließ. Danach wendete er der Pritsche den Rücken zu, holte noch einmal tief Luft und rannte, so schnell er rückwärts rennen konnte, auf die Kante zu. Kurz vorher ließ er sich fallen und rutschte die letzten paar Zentimeter auf dem äußeren Prallfeld weiter. Dann gab es einen großer Ruck, doch er rutschte weiter. Er hatte es geschafft, das äußere Prallfeld zu durchdringen. Jeden Moment mußte nun...

Will schrie gepeinigt auf. Er hatte in der Tat so gut gezielt, daß mit seinen Händen genau gegen die Bettkante geprallt war. Und diese preßte sich nun mit unmenschlicher Gewalt gegen seine Finger. Aber nur den Bruchteil einer Sekunde später klatschten sie mit neuem Schmerz, diesmal von der anderen Seite, auf den Generator. Dann ein Ruck, mit dem die Prallfelder ihn von der Pritsche abschießen.

Einige Sekunden lag, beziehungsweise schwebte er etwa anderthalb Meter über dem Boden in der Mitte seiner Zelle, die malträtierten Hände beinahe bewegungsunfähig auf den Prallfeldgenerator gepreßt. Seine Ellenbogen befanden sich exakt an der Außengrenze des Prallfeldes, und wurden mit verbarmungsloser Kraft nach außen gedrückt. Will versuchte, sie dagegen zu drücken, und als er einen kleinen Widerstand überwunden hatte, platschten sie auf seinen Torso.

So schwebte er nun da, die Arme eng gegen seinen Körper gedrückt, und versuchte, mit den Fingern die Kontrollelemente des Generators zu finden. Will fing an zu schwitzen, die ganze Aktion und auch nun die Arbeit gegen den ständigen Widerstand des Prallfeldes strengten ihn gewaltig an. Schließlich wurde er nach einigen langen Minuten fündig.

Er ertastete je zwei Rädchen und zwei Schalter. Zunächst versuchte er, den Schalter zu betätigen, doch nichts passierte, dann den anderen, auch ohne Erfolg.

Sie müssen irgendwie die Möglichkeit, das Ding abzuschalten, deaktiviert haben, überlegte er. Hoffentlich funktioniert wenigstens der Intensitätsregler...

Jetzt versuchte er sich an den Reglern. Er drehte das erste Rad minimal und flog prompt einen halben Meter nach unten. Mit Wohlgefallen versuchte er sich an dem zweiten, doch dieses war genau am Anschlag. Also in die andere Richtung. Ein winziges Stückchen. Urplötzlich waren seine Hände frei, doch dafür lag eine eiserne Schlinge um seinen Hals und drückte ihn erbarmungslos zu. In Panik drehte er es ein Stückchen weiter und prallte urplötzlich auf den Boden.

Stöhnend stand er auf und wunderte sich. Das Prallfeld war völlig verschwunden. Er tastete seinen Bauch und die Oberfläche des Aggregates ab, ob dort irgend etwas ungewöhnlich fest war, danach streckte er die Arme so weit nach außen, wie es ihm möglich war. Nichts.

Ich muß zufällig genau jene Intensitäten erwischt haben, analysierte er, daß sich die entsprechenden Frequenzen gerade gegenseitig aufheben.

Er trat wieder an den Ausgang der Zelle heran. Jetzt mußte es ihm nur noch mit diesem Prallfeld gelingen, was er gerade mit den beiden anderen geschafft hatte.

Unbehaglich tastete er wieder nach den Reglern. Damit das funktionierte, würde er hohe Frequenzen und damit sehr hohe Intensitäten einstellen müssen. Das heißt, es würde sehr ungemütlich werden. Er legte den Zeigefinder auf das linke und den Mittelfinger auf das rechte Rad, dann drehte er das eine nach unten und das andere nach oben, so schnell es ihm gelang. Nur kurz durchzog das ekelhafte zerquetschende Gefühl seinen Körper. Als das linke Rad den Anschlag erreichte, wurden seine Finger wieder gegen das Gerät gepreßt. Kurz danach erreichte auch der Mittelfinger sein Ziel. Dean fühlte sich emporgehoben und schwebte einige Zentimeter über dem Boden.

Nun gut, dachte er. Jetzt heißt es, Daumen drücken!

Langsam regelte er das äußere Feld zurück. Als seine Füße wieder den Boden berührten, drückte er sich so stark, wie es ging gegen die Barriere zum Flur. Millimeter um Millimeter drehte er das Rädchen.

Und plötzlich war er durch! Er fiel nach vorne und schlitterte auf dem Prallfeld auf die gegenüberliegende Wand des Korridors zu. Dort prallte er durch das Prallfeld ab und titschte einige Male von Wand zu Wand, bis er in schneller Reaktion das innere Prallfeld so vergrößerte, daß es sich wieder mit dem anderen neutralisierte.

Wieder fiel er auf den Boden und fluchte. Nur eine Zehntelsekunde später hielt er überrascht dem Atem an. Was, wenn sie das gehört hatten? Was, wenn sie ihn die ganze Zeit beobachtet und seine Flucht bemerkt hatten?

Er mußte hier weg. Er drehte eines der Rädchen minimal weiter und schwebte dann lautlos durch den Korridor, bis er einen Antigravschacht entdeckte.

Nach dem Neutralisieren des Feldes spähte er vorsichtig in den Schacht. Bisher war ihm niemand begegnet, selbst die anderen Zellen schienen leer gewesen zu sein, doch in diesem Schacht konnte sich das schnell ändern.

Will Dean hatte Glück. Niemand war zu sehen. Er schwang sich hinein und ließ sich zwei Stockwerke nach unten treiben, dann verließ er den Schacht sofort wieder. Jetzt erkannte er, wo er sich befand. Diesen Gang hatte er während seines Rundganges erkundet. Er wunderte sich zwar, daß die Somer in ihrem Regierungszentrum ein Gefängnis hatten, doch das war nur eine der Merkwürdigkeiten, denen er bisher hier in Estartu begegnet war.

Er beschloß das Apartment aufzusuchen. Handelten die Somer und Ghaarts auch nur im Entferntesten so ähnlich wie die Galaktiker, wäre seine und Sams Behausung sicherlich der letzte Ort, an dem sie ihn vermuten würden – natürlich vorausgesetzt, sie hatten seine Flucht überhaupt bemerkt.

Schnell, aber nicht hastig näherte er sich dem Apartment. Als einige Somer und Ophaler auftauchten, unterdrückte er mit Mühe den Fluchtreflex. Und tatsächlich, sie nahmen keinerlei Notiz von ihm. Will schien es sogar fast so, als würden sie ihn bewußt ignorieren.

Während er noch darüber nachdachte, hatte er bereits den Wohntrakt erreicht. Schnell schlüpfte er durch die Tür zum Apartment. Unbewußt atmete er auf, als er die Wohnung verlassen vorfand.

Jetzt hieß es Beweise suchen. Will setzte sich an den Arbeitstisch und untersuchte einige Fächer und Schubladen, dann wandte er sich dem Syntron zu. In den Datenspeichern fand er bei einer ersten groben Sichtung jedoch nur die vorbereitete Präsentation von Sams Rede, die er eigentlich heute hatte halten wollen und allgemeine Unterlagen zur MORDRED, Dorgon und – Thoregon.

Will stutzte, er hatte gar nicht gewußt, daß sich Sam für diese Organisation interessiert hatte.

In dem Moment öffnete sich die Tür.

8. Die Gerichtsverhandlung

Sam blickte unwillig auf, als er bemerkte, wie sich eine Gestalt der Prallfeldwand näherte.

»Salaam Siin«, rief er erfreut, als er den Meistersänger erkannte.

»Ich habe erreichen können, daß Sie vorerst frei gelassen werden, Sruel«, eröffnete Siin ihm. »Trotz der Vorwürfe – an denen ich sehr zweifele – ist die Gefangennahme eines Diplomaten nicht zulässig! Trotzdem steht jetzt die Verhandlung an.«

Der Somer nickte unbewußt, dann fiel ihm ein, daß dies eine terranische Geste war.

Salaam Siin lachte. »Ja, sie färben ganz schön ab, diese Terraner...«

»Salaam Siin, meinst du«, er benutzte absichtlich die vertraute Anrede, »ich könnte noch einmal kurz...«

»...in dein Apartment oder gar in die SIOM SOM zurück kehren?« ergänzte der Ophaler. »Mit Sicherheit nicht, wenn... du dich nicht noch mehr verdächtig machen willst.«

Sam seufzte mutlos. »Dann laß' uns den Gerichtssaal aufsuchen...«

Hiermit eröffne ich das Verfahren ›Vereinigte Galaxien von Estartu gegen Sruel Allok Mok‹«, sprach Triaz und blickte selbstzufrieden über die Reihen der Besucher.

Im Rechtssystem Siom Soms war es üblich, daß zunächst der Angeklagte ein Plädoyer hielt, gegen das die Kläger dann sprechen mußten. Spezielle Verteidiger oder Staatsanwälte waren ebenso unüblich wie Berufsrichter. In der Regel übernahm ein Regierungs- oder Ratsmitglied die Rolle des Richters. In diesem außerordentlichen Fall wurde Triaz bestimmt, ebenso wie Salaam Siin ein Mitglied des 13-köpfigen Rates von Estartu, der ähnlich des Terranischen Rates die Regierung bildete. Der Meistersänger war zwar Vorsitzender des Rates, doch der Senat hatte ihn für befangen befunden und somit Triaz bestimmt, um das Verfahren zu leiten.

Sam stand auf und trat an das Podium heran.

»Bürger von Estartu«, begann er die wohl schwersten Worte seines Lebens. »Die Dorgonen haben viel Leid über die Milchstraße gebracht. Sie sind hinterhältig und treten nur selten selbst in Erscheinung. Eine uns überlegene Technik und eine ungeheuerliche Skrupellosigkeit zeichnen sie aus. Sie bedienen sich sämtlicher Mittel, die Macht in anderen Galaxien an sich zu reißen. In ihrer eigenen Galaxis unterjochen die Dorgonen die anderen Völker auf grausamste Weise. Entweder man unterstellt sich völlig der Kontrolle ihrer Protektoren – oder man wird erbarmungslos massakriert!«

Er machte eine kurze Pause und blickte sich um. Triaz blickte ihn wütend an, doch es gehörte zum Recht des Angeklagten, bei seiner Eröffnungsrede nicht unterbrochen zu werden.

»Wie ich bereits gestern gesagt habe«, fuhr Sam ungerührt fort, »war Wirsal Cell in der Milchstraße der Galaktiker, der mit den Dorgonen zusammenarbeitete. Ihm gelang es, bis zum damals noch streng geheimen Planeten Camelot zu gelangen und persönlicher Berater Perry Rhodan zu werden. Niemand durchschaute ihn! Ich kam hierher, um eine Hilfsflotte für die in der Galaxis Dorgon befindlichen Galaktiker zu erbitten, damit die Bedrohung Dorgon ein für alle mal ausgeschaltet werden kann, noch bevor sie auch zu einer Gefahr für die Estartu-Galaxien werden kann. Aber wie sich gezeigt hat, hat Dorgon seine Schwingen bereits bis hier hin ausgebreitet. Ich behaupte, daß in den höchsten Reihen – vielleicht sogar im Rat selbst – ein Verräter Dorgons sitzt und das Zusammenstellen der Hilfsflotte verhindern will!«

Ein Tumult brach aus. Alle versammelten Ratsmitglieder, Senatoren und Besucher riefen und schrieen durcheinander. Triaz brauchte fast eine halbe Stunde, bis wieder Ruhe in den Saal eingekehrt war.

»Eine schwere Anklage«, sagte er nun. »Aber Sie sollten nicht vergessen, Sruel Allok Mok, daß Sie selbst es sind, der angeklagt ist.« Er wurde zunehmend lauter. »Vor einigen Jahren verschwanden Sie plötzlich aus Siom Som, damals noch Ratsmitglied. Später erfuhren wir, daß Sie sich Perry Rhodan angeschlossen hatten, ohne an die Lücke zu denken, die Sie in Ihrer Heimat hinterlassen hatten. Jetzt tauchen Sie plötzlich wieder hier auf, als sei nichts geschehen, und forderen militärische Macht für irgend eine nebulöse Bedrohung. Und dann infiltrieren Sie nebenbei das örtliche Intranet mit einem heimtückischen Virus... Sie sind der Verräter!«

Die letzten Worte hatte er Sam direkt ins Gesicht geschrieen. Die beiden Somer starrten sich an. Ein stummes Duell entstand, bei dem niemand zuerst wegblicken wollte. Lange Sekunden, fast eine Minute, durchbohrten sie sich gegenseitig mit ihren Blicken, bis schließlich Triaz das Duell verlor.

»Ich rufe den Elfahder Eravar als Zeugen auf«, ordnete er danach an, als wäre nichts geschehen.

Mit einem lauten Quietschen und Scheppern betrat eine massige Gestalt den Gerichtssaal. Sie sah einem Ritter nicht unähnlich, hätte aber auch deutliche Ähnlichkeiten mit einer aufrecht gehenden Schildkröte gehabt – wären da nicht diese Stacheln am Rücken gewesen.

Früher, zur Zeit des Permanenten Konfliktes, waren die in ihren Exoskeletten als amorphe Masse befindlichen Elfahder Knappen und Gehilfen der Ewigen Krieger gewesen, was sie Sam nicht unbedingt sympathischer machte.

Der Elfahder trat an das Rednerpult.

»Eravar von Srella Syntron«, stellte er sich vor. »Gestern fanden meine syntronischen Sicherheitsprogramme einen sehr heimtückischen Virus, der sich über das Intranet von Som zu verbreiten begann. Mir und meinen Mitarbeitern gelang es, den Virus zu stoppen und als Quelle den Plenarsaal des Senats ausfindig zu machen. Später prüfte ich die Präsentationsdatenkristalle von Sruel Allok Mok, auch hier war der Virus enthalten. Dieser Umstand macht es sehr wahrscheinlich, daß der Datenkristall die Quelle des Viruses darstellt.«

»Sehr wahrscheinlich?« vergewisserte sich Salaam Siin. Jedem war es gestattet, bei einer Verhandlung Fragen zu stellen.

Das rüstungsartige Exoskelett des Elfahders quietsche etwas. »Auf dem Kristall war der Virus einmal enthalten«, antwortete die für diesen Körper so überraschend hohe und weiche Stimme. »In dem Syntron des Plenums jedoch über tausend mal. Abgesehen davon befand sich der Kristall schon gar nicht mehr im Zugriff, als sich der Virus auszubreiten begann.«

»Aber ganz sicher gehen kann man nicht?«

»Irrelevant«, schmetterte Triaz diese Frage ab. »Wir müssen davon ausgehen, daß der Virus in der Tat Teil dieser Daten war!«

Geraune im Raum. Triaz blickte sich wütend um.

»Ich rufe den nächsten Zeugen«, bestimmte er anschließend überraschend freundlich. »Grar Gullam Frer, Leiter des internen Gefängnissektors.«

Sam blickte überrascht auf.

»Dem Gesetz nach darf ich nun einen Zeugen bestimmen«, beschwerte er sich. »Will Dean!«

Triaz winkte müde mit einer Schwinge. »Wartet ab!«

Der aufgerufene Somer betrat den Raum und eilte gradlinig auf das Podium zu.

»Gestern mußte wegen dringendem Tatverdacht der Terraner Will Dean festgenommen werden...«

Sam erstarrte. »Aus welchem Tatverdacht?«

»...heute floh der Terraner aus seiner Zelle«, sprach der Somer ungerührt weiter. »Ihm gelang es, das Prallfeld zu durchdringen, scheinbar, ohne sichtbar Hilfsmittel zu verwenden.«

»Vermutlich benutzte er eine überlegene Technik, die bei der Festnahme nicht entdeckt werden konnte«, spekulierte Triaz.

»Wohlmöglich«, antwortete der Gefängnisleiter und verließ den Saal, nachdem Triaz ihm entlassen hatte.

Triaz wandte sich an Sam: »Wollen Sie irgendeinen Zeugen rufen?«

Sam überlegte. Will war verschwunden, ansonsten kannte er hier kaum noch jemanden, zumindest niemanden, der ihm hier helfen könnte – außer...

»Ich rufe Salaam Siin«, sagte der Somer mutlos.

Ein Geraune ging durch den Raum, als der Meistersänger und Vorsitzender des Rates das Podium aufsuchte.

»Sruel Allok Mok, bis vor einigen Jahren noch Mitglied des Rates und als Friedensstifter bekannt, hat uns vor einer fürchterlichen Gefahr gewarnt. Vor einigen Jahren beschloß er, sich nach einem diplomatischen Besuch in der Milchstraße Perry Rhodan anzuschließen. Dies hat nichts mit Vaterlandsverrat zu tun! Niemand weiß besser als ich, welches Potential in dem unsterblichen Terraner steckt. Viele Somer, Ophaler, Elfahder und Pterus, die den Krieg nicht mehr miterlebt haben, denken nicht daran, daß er es war, der uns von der Knechtschaft der Sothos und ihrer Ewigen Krieger befreit hat. Warum sollte sich Sruel nicht diesem Mann anschließen, wenn er auf die Art mehr Gutes tun kann, als hier? Und nun droht diese schreckliche Gefahr in Form von Dorgon, die Milchstraße zu unterjochen, ja vielleicht sogar nach Estartu überzugreifen. Alles, was er will, ist einige Raumer den Galaktikern zu Hilfe zu senden. Schaut euch diesen Somer an! Sieht so ein Verbrecher aus? Denkt daran, was er für uns getan hat! Was, wenn Dorgon tatsächlich seine Schwingen nach Siom Som ausstreckt? Wollen wir wieder solche Bedingungen wie unter den Sothos, vielleicht gar noch schlimmere?«

Totenstille herrschte im Saal als der Ophaler vom Rednerpult zurück zu seinem Platz ging. Nach einigen langen Minuten stand der erste, dann alle anderen Geschworenen auf und verließen ohne ein Wort und mit nachdenklichen Mienen den Raum.

Triaz blickte ihnen hinterher. Als sich die Tür hinter dem Letzten geschlossen hatte, bestimmte er, das sie eine Pause bis zum Beratungsende machen würden und eilte ebenfalls davon.

Sam überlegte, nun doch sein Apartment aufzusuchen. Irgendwie fühlte er, daß sich Dean dorthin gewandt hatte. Unbewußt blickte er zu Salaam Siin herüber. Dieser malte in stummer Geste mit seinem Rüssel einen Kreis in die Luft, die ophalische Geste des Verneinens.

Trotzdem verließ er den Saal.

9. Der Verräter

In einem Reflex warf sich Will unter den Arbeitstisch. Die Bewegung, mit der er den Syntron deaktivierte und sich unter den Tisch zog, war eins. Tausendmal hatte er dies während der TLD-Grundausbildung geübt.

Er kauerte sich so weit es möglich war unter dem Tisch zusammen. Glücklicherweise stand er unmittelbar hinter dem Sessel, so daß er von der Tür auch nicht gesehen werden konnte. Jetzt bereute er es, den Prallfeldgenerator aus Bequemlichkeit nicht schon längst abgelegt zu haben. Doch die Ghaarts hatten ihn so stramm festgeschnürt, daß er ihn unmöglich problemlos abbekommen hätte. Und jetzt konnte er sich nicht stärker mit dem Rücken an den Sessel pressen, weil der Kasten störte. Außerdem mußte er darauf achten, nicht versehentlich mit den Fersen an die Regler des Generators zu stoßen. Wozu ein plötzlich wieder aktiviertes Prallfeld in dieser Situation in de Lage war, wollte er sich lieber nicht vorstellen.

Durch eine Spalte starrte er vorsichtig zur Tür. Ein Somer stand dort und sah sich etwas orientierungslos um.

Sam? Fragte sich Will in Gedanken. Natürlich, wer sollte es sonst sein!

Er überlegte, sein Versteck einfach zu verlassen und dem Somer zu berichten, was vorgefallen war. Doch dann fiel ihm ein, was diese Rittergestalt ihm berichtet hatte. Was, wenn Sam doch ein Agent der Dorgonen war? Wenn sie ihn »umgedreht« hatten?

Er beschloß, den Somer erst noch etwas länger zu beobachten. Falls Sam ihn fand, konnten sie immer noch reden.

Sam fixierte den Arbeitstisch. Will zuckte zurück. Hatte er ihn entdeckt?

Einen Augenblick später tauchten zwei dünne Beine mit zwei Zehen und einer Fersenkralle auf. Will bemerkte fast schon amüsiert, daß dies das erste Mal war, daß er Sam in dieser Perspektive zu Gesicht bekam. Ihm fiel auf, daß Sam eine Narbe am linken Bein hatte. Sie verlief von dem Hacken aus an der Innenseite entlang bis zwischen die beiden Zehen. Sam hatte Will einmal erzählt, daß ein später Anhänger der Ewiger Krieger ihn einmal überfallen hatte. Möglich, daß die Narbe daher stammte.

Vorsichtig beugte Will sich etwas nach vorne. Jetzt erwies es sich als ausgesprochen praktisch, daß die Somer Schnäbel hatten. So konnte Sam ihn nicht sehen, denn sein Schnabel war ihm genau im Weg.

Sam aktivierte den Syntron. Will hörte einen Speicherkristall in das Lesefach klimpern, dann, wie Sam die Anweisung gab, eine Datei mit dem Namen »Thoregon« in das lokale System zu kopieren.

Danach stand der Somer auf und verließ den Raum.

Will befreite sich vorsichtig aus seinem Versteck. Er aktivierte wiederum den Syntron. Als sich das Holo über dem Tisch aufbaute, brannte sich der Name »Thoregon (Ergänzungen)«, der dort in der Dateiübersicht stand, förmlich in sein Bewusstsein.

Will rief die Datei auf. Sie entfaltete sich zu einer Lesefläche, die sich vor die Dateiliste schob. Will überflog den Text und erstarrte. In einer Art Tagebuch, das einige Monate zurück reichte, hatte Sam stichwortartig beschrieben, wie er zunächst zu Perry Rhodan, dann als dessen Mitarbeiter nach Camelot gelangt war. Er schrieb, daß dies ein großer Erfolg für Dorgon war, hatten sie doch jetzt neben Wirsal Cell noch einen Spion im Umfeld der Unsterblichen. Ihm war es erfolgreich gelungen, den friedliebenden, über die Taten Dorgons sehr schockierten Diplomaten zu spielen, bis es ihm schließlich gelang, in Homer G. Adams Auftrag nach Estartu zu reisen, um endlich die Eroberung von Siom Som einzuleiten.

Völlig gelähmt ließ sich Dean in den Sitz sinken. Im Moment störte es ihn überhaupt nicht, daß dieser Sitz eigentlich für Somer eingerichtet und für ihn viel zu klein war.

Sam ist ein Verräter! brannte der Gedanke in seinem Gehirn. Er hat uns alle getäuscht, bis er völlig sicher war, und nun...

Er mußte den Rat warnen. Salaam Siin mußte unbedingt diese Datei bekommen, bevor noch etwas Fürchterliches geschah. Er begann, die Fächer des Tisches nach einem Speicherkristall zu durchsuchen, als sich die Tür ein zweites Mal öffnete.

Nur den Hundertstel einer Sekunde später kauerte er wieder unter dem Tisch. Abschalten des Holos und verstecken war eine fließende Bewegung. Hunderte Male wurde dies beim TLD gedrillt.

Vorsichtig spähte er durch den Spalt zwischen Arbeitstisch und Sessel. Sam war zurück gekehrt – und er hatte zwei Ghaarts mitgebracht.

Will hielt unwillkürlich den Atem an, als die drei unwillkommenen Gäste begannen, systematisch den Raum abzusuchen. Warum durchsuchte Sam seinen eigenen Raum? Warum nahm er die Hilfe der Ghaarts, obwohl er die Pterus so haßte, in Anspruch?

Zielstrebig näherte sich der Somer Wills Versteck. Dieser zog die Füße näher an seinen Körper. Er bemerkte, wie das Blut durch die zusammengepreßten Knie abgedruckt wurde und seine Füße langsam taub wurden. Lange würde er diese Lage nicht aushalten. Mißtrauisch betrachtete er die Vogelbeine, die sich unmittelbar vor seinen Knien befanden. Er entdeckte wieder die Narbe, also war es auf jeden Fall Sam.

»Ich habe was gefunden«, verkündete der Somer nun. »Weiteres Suchen ist unnötig!«

Einige Augenblicke später tauchten zwei der bunt schillernden Prallfelder neben den Beinen des Somers auf. Dann hörte Will Dean einen Speicherkristall klimpern.

»Gut jetzt haben wir alles«, kommentierte Sam das Geräusch. »Kehren wir zur Verhandlung zurück...«

Die Gestalten verschwanden aus dem Blickfeld des TLD-Agenten, dann hörte er das Öffnen und Schließen der Tür.

Will kroch ein zweites Mal unter dem Tisch hervor. Seine Füße prickelten fürchterlich. Was nun? Die Ghaarts in Sams Begleitschaft konnten nichts Gutes bedeuten. Nach was hatten sie gesucht? Hatte Sam selbst gesucht, oder war er gezwungen worden.

Er aktivierte den Syntron. Vielleicht konnte Salaam Siin ihm helfen.

»Wo befindet sich Salaam Siin?« fragte er den Syntron nun akustisch.

»Der Vorsitzende des estartischen Rates befindet sich im Gerichtssaal.«

»Gerichtssaal?« murmelte Will verwirrt. »Welche Verhandlung?«

»Das Verfahren ›Vereinigte Galaxien von Estartu gegen Sruel Allok Mok‹ findet gerade statt.«

»Wie lautet die Anklage?«

»Hochverrat. Sruel Allok Mok wird bezichtigt, ein Agent Dorgons zu sein.«

Also doch! Oder nicht? Handelte sich alles um einen Komplott?

Die Narbe! fiel es Will siedendheiß ein.

»Bitte ein Bild von Mok. Vergrößere die Beine.«

Will studierte die Holoabbildung sehr genau, doch er konnte keine Narbe erkennen.

»Von wann stammt das Bild?«

»Das Hologramm wurde vorgestern bei der Rückkehr des Botschafters erstellt.«

Will ließ sich in den Sessel zurück fallen. Also war der Somer gar nicht Sam gewesen. Warum mußten die Somer auch alle gleich aussehen. Aber, was noch viel bedeutsamer war, wer wollte Sam so eine gerissene Falle stellen? Irgendwie mußte er Sam dort herausholen, denn der wahre Verbrecher wurde sicherlich das Verfahren bis zum bitteren Ende durchziehen.

Er verließ das Quartier und ließ sich vom Servo den Weg zum Gericht weisen.

Einfach hinein stürmen und ihn befreien ist sicherlich der falsche Weg, überlegte er unterwegs. Wie bekomme ich ihn da raus?

Sein Blick fiel auf eine Nische im Gang. Eine exotische Pflanze, die eine entfernte Ähnlichkeit zu den terranischen Aloe-Gewächsen aufwies, stand dort in einem prächtigen Topf.

Was für ein verführerisches Versteck! freute sich Will. Wie geschaffen für mich! Wohin sie auch immer nach der Urteilsverkündung gehen, hier müssen sie entlang...

Nach einem schnellen Rundblick verschwand er hinter der Pflanze und wartete.

10. Die Hinrichtung

Angespannt betrat Sruel Allok Mok, der von den Terranern Sam genannt wurde, den Gerichtssaal. Die beiden Ghaarts, die ihn »gefunden« hatten, rückten solange nicht von seiner Seite, bis er sich auf den Platz des Angeklagten gesetzt hatte.

Wenig später tauchten auch Triaz und die Geschworenen auf.

»Die Geschworenen haben entschieden«, verkündete er fast feierlich, als er das Pult erreicht hatte.

Der Sprecher der Geschworenen stand auf.

»Die Anklage wiegt schwer«, begann er. »Sruel Allok Mok ist ein bekannter Diplomat der Vereinigten Galaxien von Estartu. Früher Mitglied des Rates, hat er die Mächtigkeitsballung verlassen, um sich den berühmten Terraner anzuschließen. Wegen dieser Tat kann ihm kein Vorwurf gemacht werden. Wir haben Salaam Siin befragt, der zwar in dieser Sache befangen, aber dennoch Bekannter von Rhodan und Vorsitzender des Rates ist. Auch die Geschichtsbücher weisen Rhodan als ungeheuer charismatische Persönlichkeit aus, der Siom Som und die anderen Galaxien viel zu verdanken haben. Daneben steht diese fast lächerlich zu nennende Anklage. Warum sollte gerade Sruel so sein Vaterland verraten? Damit kommen wir zu folgendem Urteil...«

Der Somer wurde mitten im Satz unterbrochen, als die Tür auffuhr. Sam fuhr herum und erkannte in der Tür die Rüstung eines Elfahders, Eravar, um genau zu sein.

»Wir haben neue Beweise«, brüllte die für die mächtige Gestallt so hohe und sanfte Stimme durch den Saal.

Mit wichtigtuerischer Geste hielt der Elfahder einen Speicherkristall empor und trat an den Syntron des Saals. Ein Holo erschien, das auf einer Fläche groß den Titel »Thoregon« zeigte.

»Diese Dateien konnten vor knapp 15 Minuten von dem Syntron des Angeklagten gesichert werden. Bei seiner Festnahme waren sie noch nicht vorhanden, deshalb müssen wir davon ausgehen, daß er während der Pause tätig war...«

»Ich war nur...« protestierte Sam, doch Triaz brachte ihn mit einer energischen Geste zum Schweigen.

»Der Inhalt dieser Datei ist äußerst brisant«, fuhr der Elfaher ungerührt fort. »Aus ihr geht hervor, daß Mok in der Tat im Auftrag Dorgons sich zunächst in den Beraterstab Rhodans geschlichen hat und nun gekommen ist, um Estartu zu unterwerfen!«

Holos untermauerten seine Aussage. Eravar zoomte das Emblem heran, das eindeutig den Ursprung dieser Datei kennzeichnete: Sams Syntron.

Die Geschworenen begannen aufgerecht zu tuscheln. Sam starrte fassungslos durch den Raum. Triaz funkelte ihn böse an. Eravar schaute demonstrativ in eine andere Richtung. Salaam Siin ließ entsetzt seinen Rüssel baumeln. Warum nur? sagte sein Blick. Warum?

Der Sprecher erhob sich. »Wir sind zu einem einstimmigen Urteil gekommen... Schuldig!«

Sam ließ die Arme hängen. Jetzt konnte er auch nichts mehr ändern. Jetzt war alles gesagt. Es blieb nur noch am Richter, die Art der Strafte zu bestimmen, doch diese war dem Somer egal. Was konnte jetzt noch schlimmer werden. Nur undeutlich drangen die Worte an Sams Ohren:

»...Hochverrates beschuldigt... verurteilt zum Tode durch den Konverter...«

Wie in Trance erhob sich Sam. Alles war verloren. Er würde keine Flotte bekommen. Ohne es zu merken, verdrängte er das Problem. Natürlich war nicht die fehlende Hilfe für Adams das Problem, sondern das drohende Ende seines Lebens, doch daran konnte er einfach nicht ändern.

Als zwei Ghaarts an ihn heran traten und ihn beim Verlassen des Saals flankierten, beherrschte nur ein Gedanke sein Gehirn. Wer hatte ihm das angetan? Wer war der wirkliche Verräter?

Kurz drang der Kopf von Salaam Siin durch den Schleier, der sich vor seine Augen geschoben hatte. Der Ophaler hatte einen leisen Grabgesang angestimmt. Als Sam direkt an ihm vorbei ging, raunte er ihm zu: »Warum Sruel, warum hast du das getan?«

Sam sparte sich die Antwort. Er hätte ihm auch keine geben können. Wenn sogar Salaam ihn für schuldig hielt, welche Hoffnung gab es da noch?

Die Türen öffneten sich vor Sam, ein langer Gang tat sich auf. Sam meinte, schon das tödliche Flackern des Konverterfeldes am Ende erkennen zu können, als er lethargisch einen Fuß vor den anderen setzte. Immer einen Fuß vor den anderen. Mehr gab es ihn Sams derzeitigem Denken nicht. Nur die Füße und der Gang. Und das Flackern.

Fast wäre er gegen einen Ghaart geprallt, der mitten im Gang stand. Er hatte ihn übersehen, weil er völlig in seiner Gedankenwelt versunken war. Füße, Gang, Konverter... was machte der Ghaart da?

Sam zwang sich, die Lethargie abzuschütteln und schaute sich um. Der Ghaart stand mit zwei anderen Ghaarts vor einer einheimischen Fug-Pflanze, die in einer Gangnische stand. Offenbar hatten sie etwas entdeckt. Nun, ihm sollte es egal sein. Was konnte schon jetzt noch etwas an seinem Schicksal ändern?

Einen Fuß vor den anderen. Schnell waren der Fug und die Ghaarts verschwunden, nur seine Aufpasser waren immer noch da. Der Konverter kam unbarmherzig näher. Einen Fuß vor den anderen. Sam meinte, schon die Hitze spüren zu können, als der Antigravschacht vor ihm auftauchte.

Einer der Ghaarts schritt an ihm vorbei und ließ sich nach unten treiben, danach stieß ihn der zweite Ghaart in das Antigravfeld. Jetzt fiel Sam erst auf, daß er gar nicht wußte, wo der Konverterschacht in diesem Gebäude überhaupt war. Er war einfach geradeaus gelaufen, ohne zu wissen, ob diese Richtung überhaupt die Richtige gewesen war. Nun, jetzt befand sich einer seiner Eskorten direkt vor ihm, jetzt konnte er sich nicht mehr verlaufen. Der Konverter kam immer näher.

Sam verließ den Schacht, immer dem Ghaart folgend. Das alte Spiel begann erneut: Einen Fuß vor den anderen. Die letzten Schritte seines Lebens. Erinnerungen überkamen Sam. Erinnerungen an bessere Zeiten.

Er sah eine Somer-Frau. Seine Frau. Ein Gelege. Sein Gelege. Sieben Eier. Kurz vor dem Schlüpfen. Dann sah er einen Pteru. Er hatte seine Frau im eisernen Griff. Sam konnte sehen, wie ihre Augen fast aus dem Kopf quollen. Sie wehrte sich verzweifelt, doch die kräftige Pranke des Echsenartigen drückte ihr unbarmherzlich die Luft ab.

Schließlich erschlaffte sie. Sam versuchte, den Pteru anzugreifen. Ihn anzuspringen, schlagen, erschlagen, töten, sich rächen. Doch keine Bewegung war möglich. Der Paralysator wirkte. Taub. Gelähmt. Hilflos.

Der Pteru näherte sich dem Gelege. Nein! versuchte er zu schreien, aber die Lähmung umfaßte auch seine Stimmbänder. Mit kalten Lächeln ergriff der Pteru ein Ei und hielt es Sam vor die starren Augen. Sam sah, wie sich die Krallen in die Schale preßten. Nur noch ein wenig fester und sie mußte... Sie zersprang. Ein bißchen Flüssigkeit, ein Dotter, ein ungeborener Somer – sein Kind! – landeten auf der Hand des Pterus. Dieser lachte nur und ballte die Faust. Dann ließ er den Klumpen zu Boden fallen und trat mit dem Fuß darauf. Sam konnte es nicht sehen, bis zum Boden reichte sein Blick nicht. Aber das Geräusch. Nie würde er dieses Geräusch vergessen. Ein matschiges Geräusch. Das Geräusch, mit dem sein Kind sein noch nicht einmal begonnenes Leben aushauchte. Töte mich, wollte er den Pteru ins Gesicht brüllen. Laß' mich dies nicht mit ansehen.

Dieser lachte wieder. Als hätte er die Gedanken erraten, schnappte er sich ein weiteres Ei. Noch fünf. Er drückte es Sam auf die Stirn. Trotz der Lähmung konnte er die Rundung der Schale fühlen. Ja er konnte sie fühlen. Und wie er sie fühlen konnte.

»Du Möchtegern-Diplomat«, hauchte der Pteru seinen Atem Sam ins Gesicht. Wie dieser roch. Sam wollte würgen, doch es ging nicht. »Merke dir: Die Ewigen Krieger gibt es immer noch. Trotz der Friedensverhandlungen dieses Salaam Siin. Wir werden ewig existieren. Und dafür, daß du die Festnahme von Ruag provozierst hast...«

Mit brutaler Gewalt drückte er stärker zu. Sam mußte ohnmächtig mit ansehen, wie die zweite Schale zerbrach und der fast völlig entwickelte Embryo zwischen seinen Augen herab floß und auf seinen Schnabel liegen blieb. Sam entdeckte Federn auf der zarten Haut. Federn! Vielleicht noch ein paar Tage, dann wäre sein, ihr, Nachwuchs geschlüpft. Das Küken bewegte sich. Ja, es hatte sich bewegt. Es lebte!

Der Pteru hatte es auch gemerkt. Mit wutentbranntem Schrei faßte er das unschuldige Wesen mit beiden Händen, riß ihm den Kopf ab und warf die Überreste davon.

»Merke dir«, brüllte er den Paralysierten an. »Mische dich nicht in die Angelegenheiten der Pterus ein!«

Er ging, stampfte, trampelte durch das Gelege. Sam hörte eine Schale brechen. Dann noch eine. Und noch eine. Fünf Schalen zerbrachen.

Der Pteru brüllte erregt, dann verließ er den Raum, eine ermordete Somerin, sieben tote Küken, ohne eine Chance auf Leben, und einen paralysierten Friedensstifter zurück lassend. Ein zerstörtes Glück. Eine vernichtete Existenz.

Drei Jahre später hatte Sam Siom Som verlassen, um eine Reise auf der LONDON zu machen. Danach schloß er sich Perry Rhodan an. In den Galaxien von Estartu konnte er nicht mehr bleiben. Niemals mehr, wie er dachte.

Einen Fuß vor den anderen. Der Konverter kam immer näher. Was hatte sein Leben noch für einen Sinn? Alles hatte er verloren. Einen Fuß vor den anderen. Schritt um Schritt. Ein Hangar kam ihn sein Blickfeld. Hangar? Eine Space-Jet tauchte auf. Space-Jet?

Einer der Ghaarts begann zu grummeln, doch der andere stieß Sam die Rampe hinauf.

Fand die Exekution jetzt im Weltall stand? Ihm sollte es recht sein. Er hatte mit seinem Leben abgeschlossen. Der vordere Ghaart eilte in die Jet. Kaum war er verschwunden, trieb ihn der zweite, der schon zuvor seinen Unmut geäußert hatte, wieder aus der Jet hinaus.

Besonders einig schienen sich seine Aufpasser ja nicht zu sein. Wäre dies eine andere Situation gewesen, hätte er es vielleicht sogar amüsant gefunden, aber so? Einen Fuß vor den anderen. Er hörte ein Zischen. Einen Fuß vor den anderen. Einen Aufschrei. Einen Fuß vor den anderen. Eine Hitze. Der Konverter? Einen Fuß vor den anderen. Eine Gestalt fiel neben ihn. Ein Pteru! Sam blieb stehen. Ein Strahlenschuß hatte das Prallfeld-Aggregat auf seinen Rücken zur Explosion gebracht. Daher war sein Aufpasser »sichtbar« geworden. Und tot. Sam wandte sich um. Der andere Ghaart stand auf der Rampe. Offensichtlich hatte er den Schuß abgegeben. Ein Verbündeter? Unmöglich, er war ein Pteru. Trotzdem betrat er die Rampe und schritt am Ghaart vorbei ins Innere der Space-Jet.

»Warum haben Sie das getan?« fragte er die Gestalt hinter dem regenbogenfarbenen Schillern.

Diese antwortete nicht, sondern schloß das Schleusenschott, dann rannte sie zur Zentrale der Jet und startete das Schiff. Sam folgte ihn ungläubig und ließ sich in einen anderen Sitz sinken. Er sah durch die Kuppel, wie die Jet die Wolkendecke Soms durchstieß und sich der SIOM SOM näherte, die in einen Orbit um den Planeten gegangen war.

»Was...« begann Sam erneut.

Das lichtbrechende Feld des Ghaarts ruckte plötzlich sehr schnell nach oben und flog dann in hohen Bogen durch die Zentrale an die gegenüber liegende Wand. Sam blickte nun die Gestalt an, die sich bisher unter dem Schleierfeld verborgen gehalten hatte. Es war...

»Will!« schrie Sam.

»Ja Sam, glücklicherweise konnte ich dich retten«, sprudelte der Afroterraner hervor. »Sie hatten mich gefangen genommen. Doch dann legten sie mir den Prallfeldgenerator an und ich konnte fliehen. Ich entdeckte diese fürchterlichen Beweise in deinen Syntron und beschloß dich zu befreien, doch dann..«

»Halt, halt!« winkte Sam ab. »Eins nach dem anderen. Sie haben dich also genauso gefangen genommen wie mich?«

Will nickte und atmete einmal tief durch, um zur Ruhe zu kommen. Darauf berichtete er ihm sehr genau, was passiert war.

»Ich verbarg mich hinter der Pflanze«, schloß er. »Kurze Zeit später tauchte ein Ghaart auf. Offensichtlich hatte er einen Wärmesensor dabei, denn er trat genau auf mit zu. Mir blieb fast das Herz stehen, als er mich fragte, was ich hier machen würde. Dann befahl er mir, mitzukommen. Er führte mich genau in den Gerichtssaal, wo wir dich abholten. Erst jetzt wurde mir bewußt, daß die Ghaarts mir im Gefängnis eines ihrer Prallfelder angelegt hatten. Ich war die ganze Zeit mit einem ihrer buntschillernden Prallfelder umhergelaufen, ohne es zu bemerken!«

Sam schmunzelte. »Die erste gute Nachricht seit langem. Doch die Sache ist noch nicht zu Ende. Den wahren Täter müssen wir noch finden.«

Die Space-Jet hatte den Hangar der SIOM SOM erreicht. Beide stiegen aus.

»Eigentlich könnten wir jetzt aus Siom Som verschwinden«, überlegte Will laut.

»Nein!« widersprach Sam. »Ich hatte schon vor Gericht die Vermutung geäußert, daß Dorgon vielleicht schon hier ist und ich habe mehr und mehr den Eindruck, daß die Vermutung richtig ist!«

»Da fällt mir ein: Hast du nach Beginn der Verhandlung das Apartment betreten?«

»Nein, Salaam Siin hatte mich speziell davor gewarnt.«

»Aha, welcher Somer war es dann... Warte!« Will bückte sich und untersuchte unter Protest des Somers dessen Beine. »Keine Narbe. Du warst es tatsächlich nicht...«

»Natürlich nicht! Das hatte ich doch schon... Narbe? Wer hatte eine Narbe am Bein?«

»Der Somer, der an dem Syntron gearbeitet hatte. Er sah dir ausgesprochen ähnlich.«

»Das muß Triaz gewesen sein. Vor einigen Jahren wurde er von einer extremistischen Pteru-Sekte überfallen, genau wie...«

Er stockte und sein Schnabel fing an zu zittern, doch das fiel Will Dean nicht auf.

»Triaz also, hmm...« Er hob den Prallfeldgenerator wieder auf. »Ich kehre nach Som zurück.«

»Was? Das ist ausgesprochen gefährlich, Will!«

»Für dich«, wiedersprach der Terraner. »Aber ich bin ja als Ghaart verkleidet. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß Dorgon schon hier sein soll. Du siehst Gespenster, Sam. Die Dorgonen sind humanoid, sehen euch vogelartigen Somern also nicht im geringsten ähnlich. Nein, ein Dorgon-Agent kann sich nicht als Somer verkleiden, eher als...«

»Elfahder«, fuhr Sam dazwischen. »Eravar!«

»Ich gehe der Sache nach. Bleib du besser hier!«

11. Dorgonen?

Will Dean flog mit der Jet aus dem Hangar der SIOM SOM. Sicherlich fragten sie sich unten schon, was passiert war, besser er unternahm etwas.

Er funkte, daß der andere Bewacher untreu gewesen und sich auf die Seite des Somers geschlagen hatte. Er zwang ihn, Sam zu dessen Schiff zu fliegen. Hier war es ihm jedoch gelungen, die Space-Jet zu kapern und nach Som zurück zu kehren.

Er landete und verließ die Jet. Tatsächlich ließen sie ihn in Ruhe, die Ghaarts schienen auf diesem Planeten in der Tat eine besondere Stellung zu haben. Er erkundigte sich nach der Firma des Elfahders Eravar. Lediglich eine halbe Stunde später betrat er schon dessen Büro.

»Sei gegrüßt, Ghaart«, empfing Eravar ihn. »Was führt Sie zu mir?«

Will setzte alles auf eine Karte. »Wir haben die Vermutung, daß der Prozeß gegen Sruel Allok Mok nur inszeniert war und Sie der wahre Verbrecher sind.« Er trat näher an die Gestalt heran. »Wollen Sie freiwillig reden, oder soll ich erst Ihr Exoskelett zerstören?«

Handelte sich es bei Eravar um einen Dorgonen, würde ihn diese Drohung nicht sonderlich beeindrucken. War er allerdings ein echter Elfahder, handelte es sich bei ihm um ein Gallertwesen, das auf die Rüstung sehr angewiesen war. Glücklicherweise hatte Sam ihm erklärt, warum alle Elfahder diese Rüstungen, die in Wirklichkeit Exoskelette waren, trugen. Außerdem würde ein Einheimischer großen Respekt vor den Ghaarts haben. Eine ziemlich sichere Sache also.

Tatsächlich wurde Eravar nervös. Seine Rüstung fing lautstark zu quietschen an.

»Nein, nein!« rief er. »Ich bin unschuldig. Triaz hat mich provoziert, den Virus zu entwickeln!«

Triaz? Also doch! Doch warum erzählte ihm der Elfahder dies so bereitwillig? Irgend etwas war hier faul.

Ohne sich noch weiter um den eingeschüchterten Eravar zu kümmern, verließ Will das Büro. Auf dem Weg zum Regierungszentrum funkte er die Gesprächsaufzeichnung an Sam. Sie würde ihm die Freisprache sicherlich vereinfachen.

Er wandte sich an ein Syntron-Terminal. »Ich suche das Ratsmitglied Triaz.«

»Triaz hat vor einigen Minuten das Gebäude verlassen«, antwortete der Syntron. »Er befindet sich auf dem Weg zum Raumhafen.«

Raumhafen? Das war es also, der gerissene Elfahder hatte ihn gewarnt. Man schien sich hier sehr sicher zu sein.

Hastig rannte er auf den nächstbesten Taxi-Gleiter zu. Der Flug zum Raumhafen schien endlos lang zu dauern. Endlich kam er in Sicht. Genau rechtzeitig, um ein somerisches Schiff starten zu sehen.

Will fluchte laut und stürmte in seine Space-Jet, kaum daß der Gleiter gelandet war. So schnell wie möglich startete er das Schiff und untersuchte eilig das Ortungs-Holo. Er atmete auf, als er das Schiff von Triaz entdeckte.

»Ich folge Triaz«, teilte er Sam über Hyperfunk mit. »Er steckt hinter allem. Vielleicht sehen wir uns jetzt eine Weile nicht mehr. Viel Glück bei deiner Verhandlung.«

»Seine Flucht wird nicht unentdeckt bleiben«, gab Sam freudig zurück. »Sicherlich werde ich bald frei gesprochen!«

Da trat Triaz auch schon in den Hyperraum ein. Will machte sich an die Verfolgung, hielt sich jedoch vorsichtig zurück. Trotz mehrmaliger Kurswechsel und willkürlicher Hyperraumflüge gelang es Triaz nicht, Will Dean abzuschütteln. Gleichzeitig blieb Will immer soweit zurück, daß ihn Triaz mit seinen schwächeren Geräten nicht orten konnte. Es würde nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich der Somer völlig sicher war, allein zu sein.

Dann war es soweit. Das Schiff von Triaz flog ruhig in ein System hinein. Anstatt direkt wieder im Hyperraum zu verschwinden, wie er es unzählige Male zuvor getan hatte, schien Triaz nun alle Zeit der Welt zu haben.

Will beugte sich angespannt vor. Was wollte der Somer in diesem System? Sicher, es hatte Planeten, doch außer endlosen Wüsten gab es hier nichts Besonderes.

Mit einem Fiepen lenkte das Ortungsgerät seine Aufmerksamkeit auf sich. Ein Hyperraumaustritt wurde angemessen. Noch ein Schiff? Ein geheimer Treffpunkt?

Eilig zoomte Will es heran, nur um dann stöhnend zurück zu sinken. Sein Herz blieb fast stehen, als er die charakteristische Bauform erkannte. Bis zuletzt hatte er nicht daran geglaubt, doch diese absolut einzigartige Bauform ließ keinen Zweifel zu. Es gab nur ein Volk, welches seine Raumschiffe auf diese Art baute.

Triaz traf sich mit einem Adlerschiff der Dorgonen.

ENDE

Die Dorgon sind also schon in Estartu. Eine Schreckliche Erkenntnis. Offensichtlich ist Triaz ein Verräter, der unerkannt den Weg für die finstere Macht ebnen soll. Doch Will Dean ist ihm schon auf den Fersen.

Wie es in Estartu weiter geht, schreibt Ralf König im nächsten Dorgon-Heft. Es erscheint unter dem Titel

Schatten über Siom-Som

DORGON Kommentar
Syntrons lügen nicht!

Na, das ist ja für unsere beiden Helden noch reichlich knapp ausgegangen!

Es ist allerdings trotzdem erschreckend, zu erfahren, dass auch ESTARTUs Mächtigkeitsballung bereits von den Dorgonen unterwandert wird – doch auch dieses Problem wird sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lösen lassen.

Eine geschickt eingefädelte Falle für Will Dean und Sam – ein Virus im Kommunikationsnetz, eine fingierte Datei, die gegen Sam sprechen sollte... denn Syntrons lügen bekanntlich nicht. Oder... ?

Nun, bereits heute wird alle Art von Bildern, Filmen, Tondokumenten et cetera, die sich auch nur ein einziges Mal in ihrem Leben in einem Computer befunden haben, vor Gericht nicht als Beweisstücke akzeptiert – die Gefahr einer Manipulation mit raffinierten Methoden, unterstützt durch die moderne Bild- und Tonbearbeitungstechnologie ist für Juristen viel zu groß.

Es stellt sich also die Frage, ob dies auch für Syntrons gelten kann, oder besser, gelten sollte.

Die Tatsache, dass Syntrons praktisch als intelligent zu bezeichnen sind, sollte eigentlich gegen diese Einschränkung sprechen – denn ein Syntron wird ja wohl noch wissen, von wem er wann welche Datei bekommen und in welcher Weise er sie bearbeitet hat. Sollte man meinen.

Hier allerdings möchte ich einfach zwei Stichworte in die Runde werfen – Millennium-Bug (von dem wir jetzt ja glücklicherweise doch verschont geblieben sind) und KorraVir. Schon allein diese beiden »kleineren« Probleme beweisen, wie einfach es doch noch ist, nicht die Daten, sondern den Datenträger oder die Datenverarbeitung zu manipulieren.

Ein geschickter Syntronspezialist könnte also nicht nur jeden beliebigen Beweis für oder gegen alles mögliche aus dem Nichts erscheinen zu lassen, sondern ihn auch noch so zu verbürgen, dass niemand etwas dagegen sagen kann, denn »der Syntron lügt ja nicht«...

In diesem Sinne noch ein frohes neues Jahr, und vor allem...

...unbeschwerte Computer!

Martin Schuster

Der DORGON-Zyklus - M~100-Zyklus - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Heft 18 von Alexander Nofftz. Titelbild: Gerd Schenk. Technischer Berater: Sebastian Schäfer. Versand: PROC. Lektorat, Nachbearbeitung: Klaus Wiehoff. DORGON-Kommentar: Martin Schuster. Umsetzung in Endformate: Alexander Nofftz. Satz: Xtory (SAXON, LaTeX). Internet: http://www.dorgon.de. eMail: dorgon@proc.org. Adresse: PROC c/o Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf. Copyright © 2001. Alle Rechte vorbehalten!