
Ende April 1308 NGZ steht das Riff im Mittelpunkt des Geschehens in Siom Som. Durch Nistants Ankündigung eines Kulturaustausches, welcher der Entvölkerung und Neubesiedelung der einhundert wichtigsten Welten in Siom Som entspricht, wurde eine Expedition der Dorgonen und Quarterialen in das Riff gestartet. Die Völker der LFT, Alysker, Saggittonen, Estarten und Entropen kamen als Begleiter mit, doch alle wurden von Nistant als Invasoren angesehen.
Nachdem die IVANHOE nach einen Angriff auf dem Riff notlanden musste, überschlagen sich die Ereignisse. Eine Gruppe unter Roi Danton, Joak Cascal, Nistant und Anya Guuze sind auf der Flucht vor den Dorgonen und den Ylors. Die Söhne des Chaos machen sich auf den Weg, um Maya Ki Toushi zu suchen. Sie sind nicht die Einzigen. Unter der Leitung von Aurec ist eine Expedition aufgebrochen und hat Maya gefunden, die in Wirklichkeit eine uralte Lilim ist. Doch ihr Abenteuer ist nicht zu Ende. Sie geraten auf eine uralte Raumstation. Es ist DER SCHWARZE MOND …
Worauf wartest du?
Maya machte sich nicht einmal die Mühe sich umzudrehen. Constance stand unschlüssig zwischen ihr und Aurec.
Maya …!
Sato trat einen Schritt vor und stellte sich damit zwischen Constance und die ungeduldige Lilim. Ich finde, Aurec hat recht! Wir wissen noch viel zu wenig. Bedenke, dass die Termetoren noch immer hinter uns her sein werden.
Na und?
Gleichgültig zuckte sie mit den Achseln. Sollen sie kommen! Jetzt, da ich mir meiner selbst wieder bewusst bin.
Constance schob sich an Sato vorbei. Ihre empathischen Fähigkeiten verrieten ihr genug über die neue Maya. Sie würde nicht von ihrem Willen lassen. Schweigend ließ sie die anderen hinter sich und ging in die Richtung, die Maya vorgegeben hatte.
Wir werden uns erst den Kontrollraum zu Ende ansehen!
Auch Aurecs Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass er seine Entscheidung nicht ändern würde. Lilith ist seit Jahrmillionen gefangen, da kommt es auf ein paar Stunden mehr wohl kaum an. Aber alles was wir hier finden, kann für uns von großem Nutzen sein!
Die beiden Frauen beachteten den Saggittonen nicht einmal. Gefolgt von der Gruppe Zero stolzierten sie davon, tiefer in den Berg hinein.
Aurec wandte sich abrupt um und ging in die entgegengesetzte Richtung. Sato und die Archäologin folgten ihm schweigend. Denise war sichtbar zufrieden, dass sie zu den nicht ausreichend untersuchten Fundstücken zurückkehren konnte. Sato konnte er nicht ansehen, was er dachte, aber im Augenblick war das Aurec ziemlich egal. Er ärgerte sich! Über Constance, die sich so bereitwillig Mayas Autorität unterwarf. Seine Anordnungen hatte sie immer wieder kritisiert oder gar ignoriert. Nur allzu gut erinnerte er sich noch an ihr Manöver mit dem Transmitter. Und nun? Nur weil diese Maya plötzlich behauptete, eine der Uralten zu sein, stellte die junge Hexe ihr eigenes Denken ein.
Ich will nicht, dass Constance etwas passiert!
Wenig erfolgreich äffte Goshkan Despairs Stimme nach.
Zu Cau Thons Überraschung blieb der Silberne Ritter gelassen. Einen Moment lang starrte er auf die kleine Gruppe hinunter, die weit unter ihm in einem Raum voller Schrott herumstolperte. Die Frau bearbeitete immer wieder einzelne Stellen mit einem kleinen Hammer, während der Nexialist Sato Ambush an einem der alten Computer rumfummelte. Sein Blick streifte den Saggittonen, der über eine Art Steintafel gebeugt stand.
Warum tust du es nicht?
Goshkans Stimme troff vor Gier nach Gewalt.
Erst jetzt wurde Despair sich bewusst, dass er seine Waffe auf den Saggittonen gerichtete hatte. Er brauchte nur den Abzug zu betätigen und der Exkanzler war Geschichte. Langsam ließ er die Hand sinken.
Oh!
Goshkan tänzelte um ihn herum. Darf dem guten Aurec jetzt auch nichts mehr passieren? Nützt er uns lebend auch mehr? Oder …
Despairs Schwert brachte Goshkan augenblicklich zum Verstummen, obwohl die Klinge die Haut an der Kehle des Riesen kaum berührte. Deutlicher als alle Worte sagte diese Geste: für dich würde es keine Schonung geben.
Wir sollten den Hexen folgen!
Cau Thon maß der Szene keine große Bedeutung bei. Er kannte Cauthon viel zu gut, um zu wissen, dass Goshkan nicht in Gefahr war, zumindest im Augenblick!
Despair ließ das Schwert sinken und nickte.
Was ist mit denen?
Goshkan starrte auf das Trio hinunter, das vollkommen in seine Arbeit vertieft war.
Überlassen wir sie den Termetoren.
Was ist los?
Alarmiert blickte Aurec auf Sato Ambush, der sich zum wiederholten Mal unbehaglich umblickte.
Ich weiß nicht …!
Der Japaner zuckte mit den Schultern. Ich fühle mich beobachtet.
Er lachte verlegen. Es ist nur ein Gefühl!
Wie von nahendem Unheil?
Denise Stimme klang gepresst.
Überrascht sahen die beiden Männer sie an. Das Gesicht der Archäologin war aschfahl. Sie starrte auf einem Punkt hinter den Männern.
Wir sind nicht auf einen Kampf aus!
Die Haare an Aurecs Armen richteten sich auf. Er wusste sofort, von welchem Wesen diese Stimme stammte. Ganz langsam wandte er sich um, starrte direkt in das Gesicht eines Jaycuul-Ritters.
Ich bin Flegorn!
Die dunkle Erscheinung musterte ihn ohne jede Emotion. Ich will nicht kämpfen. Nicht mit euch.
Was willst du dann?
Denise! Aurec trat einen Schritt zurück. War ihr nicht klar, wie gefährlich diese Situation war? Flegorn begleiteten fünf weitere Jaycuul-Ritter und dazu ein ganzes Rudel Termetoren. Nicht einmal zusammen mit den Hexen und der Gruppe Zero würde er darauf wetten, dass sie diese Gegner besiegen konnten. Zu seiner Überraschung antwortete Flegorn der Archäologin.
Die Hexen!
Seine Stimme zischte heißer. Wo sind sie?
Hexen …?
Hob Denise an.
Wir haben uns getrennt! Sie wollten zurück zur Oberfläche!
, fiel Aurec ihr ins Wort.
Flegorn musterte den Saggittonen düster. Es war offensichtlich, dass er Aurec nicht glaubte. Wieso beleidigst du mich mit einer plumpen Lüge?
Die Termetoren rückten näher, aber Flegorn hielt sie mit einer Geste zurück.
Aurec trat einen Schritt zurück, um an Denises Seite zu kommen. Sato bezog zu ihrer linken Seite Aufstellung. Zu Aurecs Überraschung rückte Flegorn nicht nach. Der Anführer der Jaycuul-Ritter wollte tatsächlich nicht kämpfen.
Ihr interessiert uns nicht!
, wiederholte er.
Etwas in Flegorns Stimme irritierte Aurec. Es fehlte die gewohnte Arroganz solcher Wesen. Er musterte die anderen Ritter. Irgendetwas war geschehen. Etwas, das die Ritter verunsicherte.
Nistant gab vor einiger Zeit Anweisung, euch zu schonen
, fuhr der Jaycuul-Ritter fort. Wir wollen nur die Entführer!
Entführer? Der Saggittone runzelte die Stirn. Was zur Höhle sollte das hier? Die Ritter hätten sie längst überwältigen können. Stattdessen standen sie hier und sprachen in Rätseln.
Was soll das Gerede?
Denise riss der Geduldsfaden. Sie schob sich vor, bis sie unmittelbar vor Flegorn stand, und funkelte den Ritter furchtlos an. Wer ist entführt worden und was haben Constance und Maya damit zu tun?
Nistant!
Nistant entführt? Aurec schüttelte den Kopf. Das war kaum vorstellbar. Und wie kamen sie darauf, dass Constance etwas damit zu tun haben könnte?
Die Hexen sind dafür verantwortlich!
, beantwortete Flegorn die unausgesprochene Frage.
Constance und Maya?
Denise lachte verächtlich auf. Maya war selbst eine Gefangene! Wie sollte sie da Nistant entführt haben?
Flegorn würdigte sie keiner Antwort. Er wandte sich wieder Aurec zu. Wir wollen nur die Hexen. Ihr könnt gehen.
Gebieterisch deutete seine Hand in Richtung auf den Ausgang. Begegnen wir uns noch einmal, dann muss ich euch dennoch töten!
Abrupt wandte er ihnen den Rücken zu. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, zogen die Jaycuul-Ritter und die Termetoren sich zurück.
Zur Hölle damit!
Wütend trat Despair den toten Körper beiseite.
Was ist denn los?
Goshkan lachte. Ihm gefielen diese dauernden Überfälle.
Natürlich! Sie gaben ihm die Gelegenheit seinen Aggressionen freien Lauf zu lassen. Despair biss die Zähne aufeinander und strebte weiter den Schacht entlang, dem sie auf den Spuren der beiden Hexen und ihrer Begleiter folgten. Er machte sich Sorgen um Constance. Er konnte sich nicht vorstellen, dass die Hexen weniger oft belästigt wurden als er und seine Gefährten. Ärgerlich schüttelte er den Kopf. Dass er sich um eine Lilim sorgte, ärgerte ihn. Und dann Goshkans dauernde Frotzeleien! Mehr als einmal hatte er den verwirrenden Wunsch verspürt, dieses seelenlose Wesen zu erwürgen. Er spürte Cau Thon neben sich und beschleunigte seinen Schritt. Ihm war nicht nach Reden zumute, aber Cau Thon ließ sich nicht abschütteln. Seine schwarze Kutte flatterte, als er erneut an Despairs Seite kam.
Kontrollierst du ihn, Cauthon?
Er fragte leise, damit Goshkan seine Worte nicht verstand.
Despair warf ihm von der Seite einen Blick zu. Danks seines Helms konnten die anderen beiden sein Gesicht nicht sehen. Trotzdem schien Cau Thon keine seiner Gefühlsregungen zu entgehen. Das fachte seinen Zorn weiter an. Du …!
Cau Thon blieb unvermittelt stehen. Seine Hand schoss unter der Kutte vor und hielt Despair fest.
Unwillig schüttelte der Silberne Ritter die Hand seines Mentors ab, blieb aber ebenfalls stehen.
Der erste Sohn des Chaos starrte angestrengt lauschend nach vorn.
Was …?
Goshkan trampelte an seine Seite.
Brutal zwang Despair den Katronen mit seinen mentalen Fähigkeiten zum Schweigen. Jetzt hörte er es auch. Dort, eine große Strecke vor ihnen, wurde gekämpft! Constance! Er biss sich auf die Lippen. Es konnte nur ihre Gruppe sein. Aurec war mit seinen Leuten weit hinter ihnen. Das Schwert fand von selbst den Weg in seine Hand. Grob stieß er die athletische Gestalt Cau Thons aus dem Weg und rannte los. Goshkan folgte ihm mit einem Jauchzen.
Einen Moment starrte der erste Sohn des Chaos aus seinen rotgelben Augen hinter seinem Schützling und dem geifernden Riesen her. Bedächtig fuhr seine Hand in eine der tiefen Taschen seiner Kutte und zog einen kleinen konisch geformten Apparat heraus. Ohne hinzusehen, huschten seine Finger über die unbeschrifteten Tasten. Was immer sie dort vorn erwartete, Verstärkung würde jedenfalls niemand mehr rufen, weder Hexen noch Termetoren.
Schwer atmend stand die Oxtornerin über ihren besiegten Gegnern. Dieses Mal waren es wieder Roboter gewesen. Mit einem schnellen Blick überzeugte sie sich davon, dass die anderen unverletzt waren. Shan Mogul keuchte genauso schwer wie sie selbst. Mit einem Lächeln signalisierte er ihr jedoch, dass er in Ordnung war. Die beiden Hexen hatten sich zurückverwandelt, Mayas Ungeduld wuchs von Moment zu Moment. Die Kämpfe schienen sie kaum zu berühren. Ihr ganzes Sinnen war nur noch darauf gerichtet, Lilith zu befreien. Constance wirkte irgendwie unglücklich. Ihr hatte es gar nicht gefallen Aurec, Denise und Sato zurückzulassen. Der Arkonide Trajn stand leicht an die Wand gelehnt und lächelte mit der typischen Arroganz seines Volkes.
Feline Mowac streckte ihre massiven Muskeln. Langsam spürte sie die ersten Anzeichen von Ermüdung. Je weiter sie in diesen verdammten Berg vordrangen, desto häufiger trafen sie auf Roboter und Termetoren. Ein, zweimal waren sie auch nur knapp einer Falle entgangen und noch immer hatten sie keine Ahnung, wohin sie eigentlich gehen mussten. Bisher war es Constance nicht gelungen, Kontakt zu Lilith herzustellen.
Ich kann Aurec nicht erreichen!
Constance ließ die Hand sinken.
Na und?
Feline zuckte mit den Achseln. Sie werden in ihre Studien vertieft sein.
Ihre Stimme brachte deutlich zum Ausdruck, was sie von den Untersuchungen der drei hielt.
Nein!
Constances Stimme zitterte leicht vor unterdrückter Wut und Sorge. Es gibt keine Verbindung!
Feline zog ihr eigenes Funkgerät hervor. Die Hexe hatte recht. Störgeräusche brummten aus dem Gerät.
Eine neue Taktik der Termetoren? Oder der Roboter?
Shan folgte dem Beispiel seiner Adoptivtochter und lockerte seine Muskeln.
Warum sollten sie das tun?
Der Arkonide zog seine blasse Stirn kraus.
Wen interessiert das!
Mayas Augen funkelten. Constance, du …!
Constance stand leicht vorn übergebeugt. Ihre Augen waren geschlossen und ihr Atmen flatterte.
Mayas Herz machte einen Sprung. War es ihr endlich gelungen, Kontakt zu Lilith aufzunehmen? Constances Lippen bewegten sich. Sie flüsterte einen Namen.
Despair?
Der Arkonide stieß sich alarmiert von der Wand ab.
Was?
Wild starrte Feline in die Richtung, in die Constances Gesicht gerichtet war.
Sie hat eindeutig Despair gesagt!
Corphs Stimme ließ keinen Zweifel aufkommen.
Der fehlt uns gerade noch!
Feline tauschte einen Blick mit ihrem Ziehvater. Das könnte den gestörten Funk erklären.
Constance kehrte aus ihrer Trance zurück. Cauthon ist hier!
Sie seufzte stumm. Und er ist nicht allein!
Gut! Dann haben die Termetoren noch jemandem zu verfolgen. Vielleicht gibt uns das etwas Luft.
Maya wandte sich an Constance. Los jetzt! Konzentriere dich auf Lilith!
Unnachgiebig schob sie Constance vorwärts, weiter in den Berg hinein.
Shan und Corph wollten ihr folgen, zögerten aber, als sie sahen, dass Feline sich nicht vom Fleck rührte.
Was ist los?
Einen Moment fürchtete Mogul, dass seine Ziehtochter doch verletzt war.
Mir gefällt es nicht, dass die Söhne des Chaos hier frei herumstreifen!
Dann geh und hindere sie daran!
Mayas Augen ließen keinen Zweifel daran, dass es ihr Ernst war.
Maya hatte sich sehr verändert. Die Oxtornerin musterte sie einen Augenblick. Schließlich zuckte sie mit den breiten Schultern und wandte sich in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren. Der Arkonide zögerte kurz. Er warf Maya einen unschlüssigen Blick zu. Die Lilim beachtete ihn nicht. Mit einem Achselzucken folgte er Feline und Shan, um den Söhnen des Chaos entgegenzutreten.
Wunderschön!
Constance drehte sich wie eine Tänzerin um die eigene Achse. Der Raum war vollkommen aus Kristall. Alles, die Wände, die Konsolen und selbst die Maschinen waren aus einem klaren, leicht bläulich schimmernden Kristall.
Maya runzelte die Stirn, schwieg aber. Ganz Pragmatikerin machte sie sich ohne Umstände daran, die schillernden Maschinen zu untersuchen.
Constances Mut sank. Maya war kaum wiederzuerkennen. Aus der etwas wilden jungen Frau war eine Fanatikerin geworden, deren einziges Trachten sich darauf richtete, Lilith zu finden. Sie wandte sich ebenfalls einer Konsole zu, die wohl zu etwas Ähnlichem wie einem Computer gehörte.
Was machst du da?
, herrschte Maya sie an.
Ich wollte …!
Gar nichts willst du!
Maya wischte Constances Antwort unwirsch beiseite. Konzentriere dich auf Lilith! Das hier schaffe ich schon alleine.
Constance biss sich auf die Lippen. Gewaltsam musste sie den Impuls unterdrücken, ihre Gestalt zu wandeln. Maya ging ihr langsam auf die Nerven. Sie fragte sich, ob Lilith genauso war. Herrschsüchtig und ungeduldig. Schweigend lehnte sie sich an einen Block und hing ihren eigenen Gedanken nach. Sollte Lilith sich doch selbst anstrengen, den Kontakt zu ihr aufzunehmen. Ihre Gedanken wanderten zu Aurec, Denise und Sato. Wie war es ihnen ergangen, seit sie sich getrennt hatten? Unbehaglich dachte sie an die Überfälle der Termetoren und Roboter. Hatten die drei überhaupt eine Chance, sich allein zu verteidigen? Ohne die Gruppe Zero und ihre und Mayas Hilfe? In ihrem Rücken begann es zu summen.
Sie funktionieren!
Zum ersten Mal klang wieder so etwas wie Begeisterung in Mayas Stimme.
Um Constance herum erwachten immer mehr der Computer und Maschinen zum Leben.
Wir sind so nah dran, Constance!
Maya fummelte an ein paar weiteren Knöpfen. Aus meinen Visionen weiß ich, was das hier ist. Durch diesen Raum gelangen wir zur Dunklen Mutter. Komm und hilf mir!
Schweigend verließ die Hexe ihren Platz, um die ältere Lilim zu unterstützen. Gemeinsam beugten sie sich über Symbole und flackernde Monitore.
Wir sind in einem Portalraum.
Mayas Augen funkelten vor Begeisterung. Wir müssen nur das Portal aktivieren.
Und dann? Constance sprach die Frage nicht laut aus. Maya würde alle anderen zurücklassen, wenn sie sich sicher war, dass dies der Weg zu Lilith war. Das konnte sie nicht zulassen. Wenn Aurec und die anderen noch lebten, hatten sie es verdient, dabei zu sein. Sie musterte Maya von der Seite. Sofern es ihnen gelang, das Portal zu aktivieren, musste es unausweichlich zu einer Konfrontation kommen.
Verdammt!
Aurec zerbiss den Fluch zwischen seinen Lippen. Sie hatten die Hauptwege verlassen und zwängten sich durch alte Lüftungsschächte, um die Termetoren und die Fallen zu umgehen. Trotzdem konnten sie sich nicht beliebig bewegen. Sobald ein Gegner zu nah war, mussten sie warten, um sich nicht durch Geräusche zu verraten.
Das ist Flegorn!
Denise Stimme war vor Überraschung fast ein wenig zu laut. Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund.
Aurec kniff die Augen zusammen. In den Schächten gab es nur wenig Licht und sie wagten auch nicht, ihre mitgebrachten Lampen zur Hilfe zu nehmen. Trotzdem erkannte er, dass die Archäologin recht hatte.
Dann haben sie Constance wenigstens noch nicht erwischt!
Ambush blickte sich in ihrer engen Zuflucht um. Wir sollten ein Stück zurückgehen und den anderen Weg versuchen.
Aurec nickte schweigend. Er drückte sich an den beiden anderen vorbei und kroch, so schnell es die gebückte Haltung erlaubte, die ihnen die niedrige Decke aufzwang, zur letzten Weggabelung zurück.
Da sind sie!
Corph legte die Hand auf sein Dagorschwert. Die Söhne des Chaos standen ruhig mitten im Raum und schienen sie erwarteten. In der Mitte Cau Thon, in seiner schwarzen Kutte, links neben ihm der ungeschlachte Katrone Goshkan und zu seiner Rechten Cauthon Despair in der silbernen Rüstung mit dem undurchsichtigen Helm.
Corph packte sein Schwert fester, neben ihm griffen Feline und Shan ebenfalls zu ihren Waffen. Schulter an Schulter drangen sie in den Raum vor und näherten sich den kampfbereiten Söhnen des Chaos.
Überlasst mir Goshkan!
Entschlossen fasste der alte Oxtorner den Katronen ins Auge. Der Riese konnte sich kaum bezähmen. Er wirkte wie ein Kettenhund, der sich gegen seine Leine auflehnte und nur darauf wartete, das lästige Hindernis zu zerreißen. Wahrscheinlich war das auch so. Ganz kurz streifte Shans Blick den silbernen Ritter. Aber Despairs Gefühle blieben unter dem undurchsichtigen Helm verborgen.
Ich übernehme Cau Thon!
Der Arkonide packte sein Schwert fester und wechselte den Platz in der Mitte ihrer Gruppe mit Shan. Feline zuckte gleichgültig mit den Achseln. Sie kümmerte es nicht, gegen wen sie antreten würde. Shan seufzte lautlos. Es gefiel ihm nicht, seine Ziehtochter gegen diesen unheimlichen Gegner streiten zu lassen, aber anderseits … Die drei Söhne des Chaos standen einander in Gefährlichkeit in Nichts nach und mit Goshkan hatte er ihr schon den unangenehmsten Gegner erspart. Sein Blick suchte den Riesen mit den gewundenen Stoßzähnen und den drei irr leuchtenden schwarzroten Augen. Er war eine wirkliche Bestie, ohne Hirn, die nur aus Vergnügen tötete und es liebte, ihre Gegner zu quälen.
Goshkan brüllte unartikuliert. Offensichtlich fühlte er sich von Shan Moguls Blick provoziert. Ungestüm stürzte er vor, den Kopf mit den ausladenden Zähnen zum Angriff gesenkt.
Die Gruppe Zero wich, wie in einem lange eingeübten Tanz, auseinander. Goshkan stolperte zwischen Corph und Shan hindurch und wirbelte erstaunlich behände herum. Er riss seine Arme hoch und wollte sich auf Feline stürzen. Mogul wartete nicht länger, ließ seinen überschweren Impulsstrahler fallen und drängte sich zwischen seine Ziehtochter und den geifernden Katronen. Es wäre ihm einfach zu leicht erschienen, das dreiäugige Ungeheuer in eine atomare Glutwolke zu verwandeln, vielmehr beabsichtigte er, ihm im Nahkampf jeden Knochen einzeln zu brechen. Außer Halutern und Haluterähnlichen brauchte ein Oxtorner kein lebendes Wesen des bekannten Universums körperlich zu fürchten und der Katrone würde endlich einem Wesen gegenüberstehen, das ihm körperlich gewachsen war.
Mit einem letzten Rundblick suchte er seine Gefährten. Corph war bereits in einen tödlichen Tanz mit Cau Thon verwickelt, während seine Ziehtochter und der Silberne Ritter sich wie zwei wütende Okrills umkreisten. Auch Feline hatte ihren Strahler fallengelassen und ein langes Stück Eisenschrott ergriffen, mit dem sie dem Schwert Despairs gegenüberstand. Und in diesem Augenblick durchzuckte ihn die Ahnung kommenden Unheils, warum nur hatten sie sich auf diese archaische Auseinandersetzung eingelassen und auf den Einsatz ihrer modernen Waffen verzichtet? Überheblichkeit war oft der erste Schritt zum Untergang, doch das unartikulierte Gebrüll Goshkans riss ihn aus seinen Betrachtungen …
Despair wirbelte unter dem Schlag durch und brachte sich in den Rücken der Oxtornerin, dabei konnte er einen kurzen Blick auf die Tätowierung auf ihrer Kopfhaut werfen. Die Linien des roten Drachens pulsierten und verliehen dem Bild eine eigenartige Lebendigkeit.
Feline fuhr mit der Eleganz eines gereizten Nashorns herum. Seine Taktik ärgerte sie sichtbar. Anstatt sich ihren wuchtigen Hieben zu stellen, wich er aus. Tanzte zur Seite und duckte sich unter ihren Schlägen durch. Cauthon grinste unter seinem Helm. In einem direkten Nahkampf hatte er gegen diesen Koloss von Frau keine Chance. Sie würde ihn mit ihrem umweltangepassten Körper einfach zerquetschen. Aber solange er auf Distanz blieb, waren ihre Muskelberge ihr Nachteil. Mochte sie noch so reaktionsschnell sein, sein Körper war geschmeidiger.
Der Arkonide war geschickt. Cau Thon wich langsam zurück. Innerlich triumphierte er. Die Führung der Gruppe Zero war auf seine Finte hereingefallen. Dadurch, dass er und seine Brüder offensichtlich auf ihre Energiewaffen verzichteten, hatten sie, im Vertrauen auf ihre körperliche Überlegenheit, den direkten Kampf angenommen. Was sie allerdings nicht wussten war, dass sowohl Despairs Schwert, als auch sein Kampfstab aus einer Caritlegierung bestanden und somit ihrer primitiven Ausrüstung weit überlegen waren.
Er musste vorsichtig sein; das Dagorschwert war einige Male schon gefährlich nahe an seinem Körper entlang gesäbelt. Außerdem musste er sich vor dem Desintegrationshüllfeld der Waffe in Acht nehmen. Er täuschte einen Angriff vor, ließ sich im letzten Moment zurückfallen und rollte über die linke Schulter ab. Er hörte das bösartige Surren der Waffe. Das Hüllfeld lud sich erneut auf. Er musste vorsichtig sein.
Corph war ein erfahrener und vorsichtiger Kämpfer. Er näherte sich ihm mit der Wachsamkeit einer Raubkatze. Dabei hob er das Schwert schräg vor den Körper. Cau Thon tänzelte weiter zurück. Er hatte die Tür, die in den Gang hinaus führte, fast erreicht.
Noch immer nichts!
Aurec starrte das Funkgerät wie einen besonders niederträchtigen Feind an. Es gelang ihm nicht, eine Verbindung zu den Hexen zu bekommen. Verärgert schob er das Gerät wieder in seinen Gürtel. Hatten die Hexen am Ende den Zugang zu Lilith gefunden?
Das gefällt mir nicht!
Sato starrte blicklos vor sich hin.
Vielleicht stören diese Jaycuul-Ritter den Funk!
Nein!
Der Japaner schüttelte den Kopf. Das glaube ich nicht. Sie und die Termetoren haben keinen Grund dazu.
Außer den, dass wir im Ungewissen bleiben, wie es unseren Freunden ergeht.
Die Archäologin strich sich eine Strähne ihres dunklen Haares aus der Stirn. Seit dem Treffen mit Flegorn hatte sie keinen Gedanken mehr daran verschwendet, die Tunnel weiter zu untersuchen. Ihr Trachten richtete sich nur noch darauf, die Gruppe so schnell wie möglich wieder zu vereinen.
Gehen wir weiter!
Aurec setze sich wieder in Bewegung. Sein Gefühl sagte ihm, dass sie es mit einem neuen gefährlichen Gegner zu tun hatten und dass die Hexen in höchster Not waren. Geduckt rannte er los. Sie bewegten sich noch immer durch die engen Luftschächte. Bisher waren sie hier drinnen auf keine Fallen gestoßen und auch keine Angreifer behinderten ihr Fortkommen.
Cau Thon erkannte seine Chance. Wie er es geplant hatte, vermied der Arkonide den Kontakt mit dem Energiegitter und zwängte sich lieber durch den schmalen Durchgang. Der Erste Sohn des Chaos lachte und trat zu. Der Zylinder neigte sich zur Seite und stieß mit seinem oberen Ende gegen eine der Kisten. Sie rutschte zur Seite. Ihre Kante kippte leicht über den Rand und kam dadurch in Corphs Blickfeld. Wie Cau Thon es vorausgesehen hatte, zuckte der Arkonide zurück. Zu spät hörte er das Poltern hinter sich. Behände warf er sich herum. Die losgerissene Klappe traf ihn an der Schulter und brachte ihn zu Fall. Schwer schlug er auf den Boden auf. Cau Thon versetzte dem schwankenden Zylinder einen zweiten Tritt. Der Arkonide rollte sich eben auf den Rücken und riss die Augen auf. In dem engen Durchgang hatte er keine Chance auszuweichen. Instinktiv riss er die Hände hoch. Cau Thon sprang. Der Zylinder war hohl und kaum schwer genug dem Arkoniden echten Schaden zuzufügen. Aber er hatte seinen Zweck erfüllt. Die Spitze des Caritstabes der Chaosritter durchstieß den Körperschutzschirm und drang in den Hals des Gestürzten ein und tötete den Arkoniden.
Cau Thon blickte über die Schulter zurück. Er konnte Goshkans Wutgebrüll hören. Offensichtlich war der Katrone Shan Mogul nicht wirklich gewachsen. Ohne allzu große Hast machte er sich auf den Weg. Goshkan stand mit dem Rücken an der Wand und versuchte immer hektischer, den brutalen Klammergriff des Oxtorners zu brechen. Laute Schmerzensschreie kündeten davon, dass Mogul wohl dabei war, ihm nach und nach die Knochen zu brechen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er endgültig niedergerungen sein würde.
Despair würde diese Szene ohne Zweifel gefallen. Cau Thon grinste, dann gab er sich einen Ruck. Langsam hob er seinen Kampfstab und richtete die Spitze auf den Rücken des alten Oxtorners. Mit einem wilden Schrei schleuderte er die Waffe. Auch hier durchdrang der Caritstab den Körperschirm, als ob er nicht vorhanden sei. Der Stab traf den unvorbereiteten Umweltangepassten direkt unterhalb des siebten Halswirbels. Die breite Klinge aus reinem Carit, die die Spitze seines Kampfstabes bildete, durchtrennte das Rückenmark und unterband so jedes Signal, das das Gehirn des Oxtorners an die Muskeln seines Körpers sandte. Die Waffe, die er von seinem Meister erhalten hatte, war wohl die einzige Möglichkeit, die oxtornischen Extremweltangepassten ohne den Einsatz schwerer Energiewaffen zu töten. Shan Mogul sackte augenblicklich wie eine Marionette zusammen, der man die Fäden durchtrennt hatte, und ließ den brutalen Griff um den Oberkörper des Katronen erschlaffen.
Cau Thon beugte sich über den Oxtorner. Moguls Augen waren vor Überraschung weit aufgerissen. Wut und Panik folgten, als er registrierte, dass er nicht mehr atmen konnte und qualvoll ersticken würde.
Erneut streifte Despairs Klinge die Oxtornerin, zerfetzte ihren Anzug und fügte der massiven Haut einen leichten Schnitt zu. Feline fluchte. Sie wusste jetzt, dass die Klinge seines Schwertes, die aus Carit bestand, sie verletzen konnte. Seine Taktik ging auf. Sie wirbelte herum und versuchte ihn an die Wand zu drücken. Cauthon musste sich fallenlassen, um ihrem Angriff zu entgehen. Sofort stampfte einer ihrer Füße in seine Richtung. Er rollte sich darunter weg. Sie trat weiter nach ihm. Die Wut hatte endgültig die Oberhand über Feline gewonnen. Schnell rollte er ein paarmal Hin und Her, immer knapp ihren zutretenden Füßen entkommend. Ein solcher Tritt würde ihm die Rippen zermalmen. Schließlich hatte sie ihn in eine Ecke getrieben, so dass er weitgehend seiner Bewegungsfreiheit beraubt war. Ein rascher Tritt prellte ihm das Schwert aus der Hand. Das Gesicht mit der Drachentätowierung war nun genau über ihm. Mit finsterer Miene setzte sie ihren Fuß in der Halsgegend auf seine Rüstung. Noch schützte ihn der Körperschirm, doch zunehmende Überschlagsblitze zeugten davon, dass der Schirm kurz vor der Überladung stand. Das würde dann sein Ende sein. Allein das Gewicht der Umweltangepassten würde ausreichen, ihn zu zerquetschen. Despair hoffte, dass es schnell gehen würde. Vor seinem geistigen Auge sah er die unzähligen Opfer, die er im Dienste seines Herren MODRORermordet hatte. Jetzt war er endlich am Ende seines Weges angekommen und würde vielleicht den ersehnten Frieden finden. Doch nichts geschah. Das Antlitz des Todes hatte sich abgewendet.
Dann durchbrach ein Schrei ungeheuerlicher Qual die Stille, die sich über dem Schlachtfeld ausgebreitet hatte. Mühsam hob er den Kopf und erblickte seinen Bruder, wie er den Kampfstab aus dem Rücken von Goshkans Gegner riss. Die Gigantin über ihm schien wie paralysiert und ihn vergessen zu haben. Langsam begriff er, dass das Schicksal ihm noch eine zweite Chance einräumte. Seine Hand tastete nach dem entfallenen Schwert und bekam den Griff zu fassen. Die Schmerzen seiner geprellten Hand ignorierend umfasste er die Waffe mit beiden Händen. Dann stieß er mit der ihm noch verbliebenden Kraft nach oben. Er wusste, dass er nur diese eine Chance hatte. Die Caritklinge durchdrang den Körperschirm und drang bis zur Hälfte in den mächtigen Leib der Oxtornerin ein. Erstaunen, Überraschung und Schmerz wechselten sich in schneller Folge auf ihrem Antlitz ab. Despair zog sein Schwert zurück und wälzte sich zur Seite. Feline fiel schwer auf alle viere. Verzweifelt rappelte sie sich wieder auf, taumelte einige Schritte, ohne zu sehen wohin, dann stürzte sie erneut.
Mit einer letzten Kraftanstrengung kam er wieder auf die Beine. Er hatte gesiegt und gegen die oxtornische Gigantin bestanden. Aus einem Gefühl übermächtiger Gefahr ließ er seinen Blick erneut über das Schlachtfeld streifen. Nichts! Cau Thon hatte Goshkan an einem Arm ergriffen und zog den Katronen in seine Richtung. Doch das Gefühl einer unsichtbaren Gefahr schien sich noch zu verstärken. Unwillig schüttelte er die Beklemmung ab, die ihn erfasst hatte. Er würde nicht noch anfangen, an Gespenster zu glauben. Sein Blick suchte die Leiche der getöteten Oxtornerin und erstarrte. Dort, wo der mächtige Körper seiner Gegnerin niedergestürzt war, befand sich nur eine riesige Blutlache, die von seinem Sieg kündete. Doch die Oxtornerin mit der geheimnisvollen Drachentätowierung war verschwunden. Einen Moment lang drohte ihn Panik zu überschwemmen. Mit äußerster Willensanstrengung verdrängte er dieses Gefühl.
Es war nicht seine Aufgabe, das Geheimnis des Roten Drachen zu lüften, sondern er musste endlich Constance finden.
Gebannt starrte Maya auf den Ring, der im Boden eingraviert war. Nichts geschah! Mit einem Fluch wandte sie sich wieder der Konsole zu. Sie hatte keine Ahnung, wie lange Constance und sie selbst schon an diesen uralten Maschinen herumfummelten, um das Portal zu öffnen, bisher jedoch ohne den geringsten Erfolg.
Wo mögen die Anderen jetzt sein?
Constances Frage war nicht wirklich an sie gerichtet. Die jüngere Lilim konnte einfach nicht damit aufhören, sich um ihre Gefährten zu sorgen. Nicht einmal für ein derart erhabenes Ziel. Maya schluckte ihren Ärger herunter. Sie kommen schon klar. Du wirst sehen, Zero macht mit diesen Chaossöhnen ein für alle Mal ein Ende!
Constance biss sich auf die Lippen. Cauthon Despair erschien vor ihrem inneren Auge. Der unnahbare Silberne Ritter. Der finstere Helm, hinter dem er sein Gesicht verbarg, wurde von einem anderen Antlitz überlagert. Deutlich hörte sie Aynahs Stimme, die sie ermahnte, auf Despair zu achten. Aber das konnte sie Maya Ki Toushi wohl kaum mitteilen. Mit einem Seufzen probierte sie eine weitere Einstellung aus.
Maya wandte sich wieder dem Ring zu und erstarrte. Fassungslos glotzte sie in Aurecs Augen. Sein Kopf ragte aus der Wand heraus, wie der aufgehängte Kopf eines Elches.
Maya!
Der Saggittone war erfreut und erleichtert. Seid ihr beide wohlauf?
Er sprang auf den Boden, mitten in den gravierten Kreis hinein, ohne diesen überhaupt wahrzunehmen. Sato und Denise folgten ihm. Constance drängte sich an ihr vorbei. Glücklich begrüßte sie die drei Rückkehrer. Maya stand abseits und starrte auf das freudige Knäuel. Nicht zum ersten Mal fühlte sie sich ausgeschlossen. Wenigstens wusste sie jetzt, was sie von den anderen trennte.
Die Söhne des Chaos?
Aurecs Stimme schwankte zwischen Resignation und Ärger. Seid ihr sicher?
Constance zuckte die Achseln. Feline, Shan und Corph überprüfen das gerade.
Wie lange sind sie schon weg?
Satos Stirn zeigte ebenso viele Falten wie eine zusammengeknüllte Wolldecke.
Ich weiß es nicht genau!
Constances Stimme verriet deutlich ihre Sorge.
Wenigstens wissen wir jetzt, wer unseren Funk gestört hat!
warf die praktisch veranlagte Denise ein. Sollen wir sie suchen?
Nein!
Aurec schüttelte den Kopf. Hat keinen Sinn durch die Gänge zu streifen und …
Wie wahr! Wie wahr!
Niemand hatte die drei Söhne des Chaos bemerkt, die am Eingang der Kristallhöhle standen.
Goshkan, der gesprochen hatte, fuhr genüsslich fort: Eure Freunde braucht ihr nicht länger zu suchen.
Er schnalzte mit der Zunge. Trotzdem werdet ihr bald wieder miteinander vereint sein.
Bestürzt musterten sie die blutbesudelten Rüstungen der Chaosritter. Natürlich konnte das Blut auch von Termetoren stammen, aber etwas verriet ihnen, dass das eine vergebliche Hoffnung war.
Maya taumelte zurück. Zero! Die ganze Gruppe tot!
Goshkan zog seine Waffe. Die rotschwarzen Augen des Riesen blitzten wild. Sie schrien nach Blut und Mord.
Maya gab ihren Instinkten nach. Ihre Haut verfärbte sich braun, während ihr wahres ich sich nach außen stülpte. Schweigen folgte ihrer Verwandlung. Für einen Augenblick waren die Söhne des Chaos verwirrt. Sogar der Riese Goshkan blieb stehen. Auch wenn sich Maya äußerlich kaum von einer modernen Lilim unterschied, wirkte sie ungleich mächtiger.
Hexen!
Die hasserfüllte Stimme brach den Bann. Unvermittelt stürmten Flegorn und seine Jaycuul-Ritter in den Raum.
Aurec blieb kaum noch die Zeit für einen Fluch, ehe die drei Parteien übereinander herfielen.
Warte!
Constance hatte auf eine Verwandlung verzichtet. Ihre Hand legte sich wie eine Schraubzwinge um Denises Handgelenk. Hilf mir das Portal zu aktivieren!
Die Archäologin verstand sofort. Gegen die Übermacht der Jaycuul-Ritter hatten sie keine Chance. Fieberhaft studierte sie die Zeichen.
Aurec hieb und schoss wild um sich. Das Quarterium! Wie hatte er nur so dumm sein können. Sie hielten MODROR noch immer die Treue.
Goshkan genoss die Situation. Endlich einmal Feinde soviel sein Herz begehrte. Sein Blick fiel auf Constance, die sich zusammen mit der Terranerin an einem Computer zu schaffen machte. Sie hatte sich nicht verwandelt und sie schenkte dem Kampf keine Aufmerksamkeit. Genüsslich fuhr er sich mit der Zunge über die hornigen Lippen. Achtlos trat er die Jaycuul-Ritter und ihre Handlanger zu Seite und näherte sich der Hexe. In Gedanken hörte er schon Despairs Schmerz. Er riss seine Waffe hoch. Die Bewegung alarmierte Constance. Sie warf sich herum. Verlor den Halt und landete schwer auf dem Boden. Goshkans langes Messer sauste herunter. Denise schrie. Kurz vor Constances entsetztem Gesicht prallte die Waffe auf eine goldene Klinge.
Goshkans Gesicht verzog sich zu einem amüsierten Grinsen. Hämisch wandte er sich an Despair. Sein Gesicht erstarrte zu einer entsetzten Maske. Mit knapper Not entkam er dem Schlag.
Cauthon schmeckte die Wut auf der Zunge und diesmal wollte er sie auskosten. Inmitten aller Gegner hatte Goshkan ihn herausgefordert. Mit beiden Händen packte er die goldene Klinge und hieb wild auf den Katronen ein. Schlag um Schlag trieb er den entsetzten Riesen zurück. Fast beiläufig fielen seiner Raserei einige Termetoren und ein Jaycuul-Ritter zum Opfer.
Cauthon hatte die Seiten gewechselt. Constance lächelte. Aynah hatte sich in dem Chaos-Ritter nicht getäuscht. Entschlossen wandte sie sich wieder ihrer Aufgabe zu. Wie von einer fremden Macht geführt, hämmerten ihre Finger eine neue Symbolfolge ein und diesmal flammte das Portal auf.
Rückzug!
Aurec reagierte ohne Verzögerung. Durch das Portal! Sofort!
Constance stieß die Archäologin in das blaue Wabern, folgte ihr aber nicht. Stattdessen verwandelte sie sich jetzt in einen Succubus. Maya sprang, ohne zu zögern als nächste durch das Portal. Sato folgte ihr.
Constance!
Aurec stand neben dem leuchtenden Ring und starrte verständnislos auf die junge Hexe. Sie hatte sich über den Tumult erhoben und hielt auf Despair zu. Mit ungläubig geweiteten Augen beobachtete er, wie sie den silbernen Ritter an den Schultern fasste, in die Höhe riss und zum Portal zurückflog.
Aurec kramte einen Termaldetonator hervor, und als Constance mit Despair durch das Portal geflohen war, rollte er ihn zur Steuerzentrale des Portals. Niemand sollte ihnen folgen. Für sie galt es dann, einen anderen Weg zurückzufinden, wo immer sie sich dann befinden würden. Aurec sprang als Letzter durch das Portal.
Keuchend genossen sie einen Moment die Stille um sich herum. Keiner der Jaycuul-Ritter hatte das Portal mehr passieren können und von den Söhnen des Chaos war nur Despair, der ihre Partei ergriffen hatte, bei ihnen.
Alle unverletzt?
Aurec versuchte sich aufzurappeln und stöhnte ungläubig. Da war kein Boden unter ihm. Reflexartig riss er die Arme hoch und trudelte einmal um seine eigene Achse. Keine Schwerkraft! Sie hingen mitten zwischen den Sternen. Sein Herz machte einen Satz. Aber nein! Er konnte atmen.
Hinter ihm stieß Denise einen spitzen Schrei aus. Was …?
Das Entsetzen schnitt jedes weitere Wort ab.
Maya segelte fluchend an ihm vorbei. Was ist das wieder für eine verdammte Teufelei?
Sie starrte auf die umgebenden Sterne. Im ersten Augenblick hatte auch sie angenommen, dass der Transmitter sie einfach in den Weltraum katapultiert hatte. Aber dann meldete sich ihre Vernunft. Dazu war es hier nicht kalt genug und sie konnte atmen.
Phantastisch!
Constance, jetzt wieder in ihrer menschlichen Inkarnation, bewegte sich wie eine geschickte Tänzerin und genoss die Schwerelosigkeit. Sie schlug einen Purzelbaum in der Luft, auf der Stelle gehalten von Despair, der noch immer ihre Hand hielt.
Despair! Aurecs Blick verdüsterte sich. Wieso hatte die Hexe diesen verdammten Psychopathen mitgenommen?
Constance!
Mayas Stimme war streng.
Sofort schwebte die jüngere Lilim aufrecht neben Despair und ließ die Hand des silbernen Ritters fahren.
Wo sind wir?
Maya unterdrückte ihren Ärger nicht.
Ich kenne keine dieser Sternenkonstellationen!
Sato sprach leise, wie zu sich selbst.
Eine Falle?
Aurec dachte an den Detonator, mit dem er ihre Rückkehr unmöglich gemacht hatte.
Warum sind wir dann noch am Leben?
Der Japaner starrte sinnierend auf die Sterne, die sie umgaben. Sie schienen in einer Art Luftblase, die sogar spärlich beleuchtet war, gefangen.
Vielleicht will man uns lebend!
überlegte Despair und blickte sich sichtlich angespannt um. Oder es ist Sadismus. Möglich, dass man uns hier langsam sterben lassen will.
Freunde von dir?
Mayas Stimme war gehässig.
Despair ignorierte sie. Wenn man sich wenigstens vernünftig bewegen könnte.
Constanze ruderte vorsichtig mit den Armen und verwandelte sich schließlich in die Sukubusform zurück. Vorsichtig begann sie im Kreis um die kleine Gruppe herumzufliegen.
Sei vorsichtig!
Despair folgte ihr aufmerksam mit seinen Blicken.
Beeil dich!
Mayas Stimme troff vor Ungeduld.
Constanze ignorierte die ältere Hexe. Konzentriert setzte sie ihre Erkundung der Blase fort. Plötzlich zuckte sie zurück. Die Gruppe hielt den Atem an. Niemand sprach! Constanze rollte in der Luft herum und tastete mit den Händen nach dem Widerstand, den sie mit dem Fuß berührt hatte. Hier ist etwas … eine Art Schalttafel.
Sie tastete weiter. Und da ist ein Knopf.
Nicht …!
Aurecs Kopf ruckte hoch.
Klick! Das Geräusch hallte überlaut durch die Blase. Gleich darauf hatten sie das Gefühl, dass sich ihr Gewicht verdoppelte. Schwer schlugen sie auf etwas auf, was sie in Ermangelung eines anderen Ausdrucks als Boden bezeichneten.
Entschuldigung!
Constance schlug verlegen mit den Flügeln und sank langsam tiefer, bis ihre Füße den Boden ebenfalls berührten.
Verdammt! Constance!
Maya rappelte sich auf und warf der jüngeren Hexe einen bösen Blick zu.
Was soll’s!
Denise lachte. Nur ein paar blaue Flecken.
Gemeinsam machten sie sich daran, ihre Umgebung zu erkunden. Der Raum war kreisrund, riesig und fast leer. Abgesehen von einer Art Konsole, mit dem Schalter, den Constance gefunden hatte. Und es gab einen Ausgang. Aufmunternd deutete Denise auf den Ausgang. Sehen wir, wohin uns das führt.
Unvermittelt wandte Aurec sich Despair zu. Streckte verlangend eine Hand aus. Dein Schwert!
Cauthon, der sich bereits dem unsichtbaren Ausgang zugewandt hatte, stoppte, das Schwert drohend erhoben.
Constance stellte sich vor ihn. Was soll das?
Er hat meine Freunde getötet!
Maya baute sich demonstrativ neben Aurec auf. Ihre Augen funkelten Despair böse an.
Er hat mein Leben gerettet.
Diesmal gab Constance der älteren Hexe nicht nach. Unser aller Leben! Ohne ihn hätte ich das Portal nicht öffnen können.
Schweigen folgte ihren Worten. Sie wussten alle, dass Constance recht hatte. Ohne den Sohn des Chaos hätte Goshkan Constance getötet und sie wären von den Jaycuul-Rittern besiegt worden.
Warum hast du das getan?
Das ist meine Sache!
Danach schwieg Despair trotzig.
Habt ihr meine Freunde wirklich getötet?
Maya konnte das nicht auf sich beruhen lassen.
Jetzt auf einmal erinnerte sie sich an ihre Freundschaft, dachte Constance bitter.
Cauthon nickte. Ich selbst habe Feline Mogul getötet!
Seine Stimme war ohne Emotion. Es war ein fairer Kampf. Sie ist als Kriegerin gestorben. Ehrenvoll!
Schmerz flackerte in Mayas Augen, aber nur kurz.
Einen zusätzlichen Kämpfer könnten wir hier gut brauchen!
Satos ruhige Stimme gab den Ausschlag. Der Silberne Ritter des Chaos schloss sich der Suche nach Lilith an.
Keiner vermochte zu sagen, wie lange sie sich schon durch endlose unsichtbaren Gänge bewegten, die nur selten von einer Art Raum unterbrochen wurden. Räume, mit unsichtbaren Möbeln, Konsolen und Equipment. Am Anfang überwogen Neugier und Staunen über das seltsame Bauwerk. Egal wohin sie gingen, immer war – mehr oder weniger ungestört – der Blick auf die umgebenden Sterne frei. Nie sah man auch nur einen Schemen eines der Räume oder Gänge, die sie zuvor erkundet hatten. Deswegen konnte auch keiner mit Sicherheit sagen, ob sie wirklich neue Wege fanden oder einfach immer im Kreis herum gingen.
Eine Raumstation!
Sato sprach schließlich aus, was jeder bei sich hoffte. Ich denke, wir haben unser Ziel erreicht.
Von da an versuchte Maya Kontakt mit Lilith aufzunehmen. Stunde um Stunde, während sie sich vorwärts tasteten.
Es ist sinnlos!
Frustriert schlug Maya mit der flachen Hand gegen eine der unsichtbaren Wände. Da ist nichts! Ich spüre gar nichts!
Du hast keine Disziplin! Das ist dein Problem.
Cauthons Stimme klang dumpf unter dem Helm, der in der gleichen silbernen Farbe glänzte, wie der Rest seiner Rüstung. Seine Augen waren durch das verdunkelte Visier nicht einmal ansatzweise zu erkennen.
Mit Disziplin hat das nichts zu tun!
, brauste Maya auf.
Sato Ambush legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm. Schon gut! Wir sollten nicht streiten.
Despair schaffte es, die anderen sein abschätziges Lächeln fühlen zu lassen.
Ich hab was.
Constances Stimme war leise, fast wie in Trance, aber sie reichte aus, die Streitenden verstummen zulassen. Alle Augen richteten sich auf die junge Hexe, die sich mit geschlossenen Augen leicht nach vorn gebeugt an eine Wand stützte. Sehr flüchtig! Ein Bewusstsein … es versteckt sich.
Sie seufzte. Einsamkeit!
Ihre Stimme wurde noch leiser. Ich spüre Einsamkeit und Hoffnung.
Sie öffnete die Augen. Vielleicht gelingt es mir, ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
Lilith?
Misstrauen schwang in Aurecs Stimme mit. Wir müssen sicher sein, dass sie es ist.
Ich stimme zu.
Der Silberne Ritter stellte sich neben Aurec. Wir wissen noch immer nicht, wo zum Beispiel Medvecâ ist. Ich will nicht in eine Falle laufen.
Es ist Lilith!
Constances Stimme ließ keinen Zweifel zu. Sie schloss erneut die Augen und konzentrierte sich. Wir sind zu … hoch! Sie ist unter uns. Ja! Jetzt sehe ich es. Wir müssen zwei Etagen nach unten.
Sie wandte sich mit geschlossenen Augen um und trat in den Gang, wie eine Raubkatze, die in der Luft wittert. Da lang!
Ihre Lider öffneten sich. Entschlossen setzte sie sich in Bewegung.
Cauthon drängte sich neben sie, das lange goldene Schwert in der Hand. Aurec hatte es längst aufgegeben, über die Waffe zu spotten, nachdem er gesehen hatte, welche Wirkung diese auf die Ylors hatte.
Aurec spähte um die Ecke.
Und?
Der silberne Ritter drängte sich von hinten gegen ihn, versuchte ebenfalls einen Blick zu erhaschen. Was siehst du?
Ärgerlich schob Aurec ihn zurück. Statt einer Antwort umrundete er die Ecke und verschwand auf dem neuen Flur. Despair folgte ihm. Die ständige Nähe des anderen machte Aurec wahnsinnig. Der Silberne Ritter schien sich tatsächlich auf ihre Seite geschlagen zu haben und andauernd machte er Aurec die Führung streitig.
Wir entfernen uns!
Constances Stimme. Die Hexe war noch immer in Trance. Sato führte sie vorsichtig am Arm hinter den anderen her.
Wir haben keine Wahl.
Er blickte sich um. Der nächste Transmitter war ein ganzes Stück weiter vorn. In dieser Richtung gibt es einen Transmitter. Wir können die Richtung wieder aufnehmen, wenn wir unten sind.
Ich verliere sie!
Constance Stimme verzerrte sich vor Anstrengung. Wir entfernen uns zu weit.
Schlecht!
Despair wandte sich um und blickte in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren.
Wir gehen weiter!
Entschlossen wandte Aurec sich um.
Toll!
Cauthon stütze sich auf sein Schwert. Er legte die Waffe kaum noch aus der Hand. Und wenn Constance den Kontakt verliert? Dann irren wir da unten blind rum.
Sie wird ihn schon wieder finden.
Aurec funkelte den silbernen Helm an. Falls sie ihn überhaupt verliert.
Despair warf einen demonstrativen Blick auf die Lilim. Sie ist erschöpft! Sieh sie dir an.
Seine Finger deuteten mit einer, für ihn ungewohnten Scheu, auf die Frau. Hast du überhaupt eine Ahnung, was du ihr zumutest?
Sie tut, was sie muss!
Die beiden Männer bauten sich dicht voreinander auf. Aurecs Augen suchten den Helm zu durchdringen.
Das ist ein überaus ungünstiger Augenblick um Testosteron zu verspritzen.
Denise schob sich zwischen sie. In ihren blauen Augen zeigte sich eine Mischung aus Belustigung und Ungeduld. Wenn ihr euch schlagen wollt, sucht euch ein paar Ylors.
Sie grinste. Ihr könnt ihnen ja den rechten Daumen abschneiden und zählen, wer mehr erlegt.
Hinter ihr glucksten Maya und Sato amüsiert.
Die beiden Kontrahenten lösten sich voneinander. Jeder mit dem Versprechen in seinem Gebaren, dass dieses Thema noch nicht beendet war. Denise setzte den von Aurec vorgeschlagenen Weg fort.
Prima!
Despairs Stimme tropfte vor Zynismus. Und was machen wir jetzt, großer Anführer?
Aurec ignorierte ihn. Er kniete besorgt neben Constance. Die Lilim lag am Boden. Sie hatte das Bewusstsein verloren, kaum dass sie den Transmitter verlassen hatten.
Wir warten, bis sie aufwacht, und sehen, ob sie den Kontakt wiederherstellen kann.
Satos leise Stimme ließ selbst den silbernen Ritter von weiteren Sticheleien absehen.
Was ist mit dir, Maya?
Denise war mindestens ebenso ungeduldig wie der Chaosritter.
Statt einer Antwort schlug die junge Frau unbeherrscht gegen die Wand des Flurs. Sie war noch immer ärgerlich, dass es ihr nicht gelungen war, den Kontakt zu Lilith herzustellen. Trotz der Visionen, die sie immer häufiger plagten. Das Geräusch, das ihre Fingerknöchel auf der unsichtbaren Oberfläche erzeugten, war nicht laut, aber es setzte sich fort. Wellenförmig entfernte es sich von ihrem Standort. Brachte die Wand dazu, ganz leicht zu vibrieren.
Denise seufzte theatralisch. Ich wäre euch wirklich dankbar, wenn ihr eure Emotionen unter Kontrolle bringt.
Despair schüttelte den Kopf. Er bückte sich und schob seine Hände unter Constances Körper. Widerwillig half ihm Aurec dabei, die Lilim hochzuheben. Über den schlaffen Körper hinweg sahen sie sich an.
Wohin nun, Kanzler?
Despairs Stimme war kalt wie Eis. Oder heißt es jetzt Exkanzler?
Aurec biss die Zähne zusammen. Sato und Denise hatten recht. Es half weder ihnen noch Lilith, wenn Cauthon Despair und er sich hier ernsthaft in die Haare gerieten. Er wandte sich an Maya.
Vielleicht gibt es in deinen Visionen einen Hinweis.
Meine Visionen sind Schrott!
Fast hätte sie erneut gegen die Wand geschlagen. Das alles hier ist totaler Blödsinn.
Wir gehen hier lang!
Entschlossen setzte Denise sich in Bewegung.
Und was befähigt dich dazu, unser Scout zu sein?
Despairs Spott hinderte ihn nicht daran, der Archäologin zu folgen. Gemeinsam trugen die beiden Männer die bewusstlose Constance hinter der resoluten Wissenschaftlerin her.
Ich hab aus den Pyramiden herausgefunden …
Ohne Zögern wählte sie ihren Weg zwischen mehreren Gängen. Ich lasse mich nicht von nutzlosen Emotionen ablenken …
Sie blieb vor einer Tür stehen und musterte sie. Und ich gebrauche meinen Verstand.
Wir werden verfolgt.
Despair überließ Aurec die Last und wandte sich um.
Ich höre nichts!
Denise legte die Hand auf den Öffnungsmechanismus der Tür. Sie war verschlossen!
Er hat recht!
Maya trat neben den düsteren Ritter. Ich spüre … Gier!
Ylors!
Despair hob sein Schwert vor sich.
Aurec ließ Constance sanft zu Boden gleiten und stellte sich auf Mayas andere Seite.
Maya erinnerte sich an Constances Verwandlung und ihre eigenen Erinnerungen, die nach so langer Zeit wieder an die Oberfläche geschwappt waren. Warum hatte sie nicht schon im Portalraum daran gedacht. Die Verwandlung kostete sie keine Anstrengung; es fühlte sich eher an, als kehre sie in ihren wahren Körper zurück.
Ihr Kopf schmerzte. Vorsichtig tastete sie mit einer Hand an die Stirn. Der Kontakt mit Lilith war nicht angenehm gewesen. Sie war voller Hass und Vergeltungssucht. Constance seufzte. Langsam drangen die Geräusche der Umgebung wieder in ihr Bewusstsein. Kampflärm. Schlagartig war Constance hellwach.
Cauthon war von den anderen abgeschnitten. Drei dieser abstoßend hässlichen Kreaturen hatten ihn fast eingekreist.
Denise und Sato standen Rücken an Rücken. Sie kämpften jeder gegen einen Ylors. Ein dritter lag bewegungslos vor ihren Füßen.
Aurec war ihr am nächsten. Zwei der grässlichen Wesen hatten sich auf den Saggittonen gestürzt. Sie bedrängten ihn hart.
Constance richtete sich auf und konzentrierte sich. Sie spürte die Energie durch ihre Adern pulsieren. Das vertraute Kribbeln auf dem Rücken, wenn sich das Flügelpaar entfaltete. Denise schrie erschrocken auf. Constance schob die Geräusche von sich fort, vollendete die Verwandlung.
Sofort schärften sich ihre Sinne. Sie hörte das Keuchen der Kämpfenden und spürte ihre Emotionen deutlich und ohne jede Anstrengung. Um Cauthon brauchte sie sich keine Sorgen zu machen. Er war in seinem Element. Maya und Sato kamen gut klar. Der Japaner war fast genauso schnell wie diese unheimlichen Wesen. Die beiden schützen Denise.
Um Aurec stand es schlimmer. Er war gestürzt. Seine beiden Gegner waren über ihm. Sie hatten den Saggittonen entwaffnet und machten Anstalten, ihm ihre Zähne in den ungeschützten Hals zu schlagen.
Constance hielt sich nicht mit mentalem Geplänkel auf, sondern flog ungebremst gegen die beiden Ylors. Einer stürzte zu Boden, der andere taumelte zur Seite und warf sich ihr entgegen. Ihre Verwandlung irritierte das Monster in keiner Weise. Die Kreatur war unglaublich schnell. Es gelang ihr, Constances Hand zu packen. Die Lilim hob sich in die Luft und trat ihrem Gegner gegen das Kinn. Aurec hatte sich aufgerappelt und sprang an ihr vorbei. Blockte den zweiten Ylors ab; dass es sich bei dem zernarbten Geschöpf um eine Frau handelte, erkannte man erst beim Zweiten hinsehen.
Der Hände ihres Gegners klammerten sich wie Schraubstöcke um Constances Fessel. Ärgerlich schlug sie mit den Flügeln. Sie zog ihren Thermostrahler und schoss dem Wesen mitten ins Gesicht. Der Ylors schrie. Taumelte zurück. Sie zog das Messer und stieß es ihm in den Hals. Wie Krallen schossen seine Hände vor. Klammerten sich um ihre Hand. Versuchten die Klinge aus dem Fleisch zu ziehen. Constance stemmte sich dagegen. Mit der freien Hand griff sie in das volle Haar und bog seinen Kopf nach hinten. Dunkles Blut spritze aus der Wunde. Unbarmherzig zog Constance die Klinge durch den Hals, bis der Kopf haltlos nach hinten fiel.
Sie wirbelte herum. Hinter ihr stand Aurec, schwer atmend über seiner gefallenen Gegnerin. Constance stieß sich ab. In dem engen Gang konnte sie ihre Flügel nicht vollkommen entfalten, aber es reichte immer noch aus, um sie zu beschleunigen. Sie rammte eines der Wesen, die Denise und Sato bedrohten. Sofort nutzen die beiden ihre Chance. Der Japaner wirbelte mit seinen beiden Klingen wie ein Tornado voran und drängte einen der Ylors an die Wand. Constance überließ es Aurec, Maya zu helfen. Sie stürmte in den Rücken von Despairs Gegner. Der silberne Ritter sah sie kommen, gab seinen Gegnern aber mit keiner Geste eine Warnung. Wie eine Furie war sie über den Ylors. Riss einen weiteren von den Beinen und schleuderte eine weibliche Ylors in Cauthons Schwert. Der Ritter lachte. Sie spürte eine Welle von Zuneigung. Schulter an Schulter stellten sie sich ihren Gegnern. Drängten sie zurück. Spielten mit ihnen. Umkreisten die beiden Wesen, wie Katzen ihre Beute. Ein weiterer fiel, geköpft von Cauthons Schwert. Der dritte wandte sich zur Flucht. Constance warf sich über ihn. Dann war es vorbei.
Sie sah Despair an. Die Augen des Silbernen Ritters funkelten wild unter dem Visier und erneut spürte sie eine Woge der Zuneigung. Ein Teil von ihr verlangte danach, den Mann an sich zu ziehen. Ihm den Helm von Kopf zu reißen und die Haut unter dem Metall zu berühren. Sie kämpfte den Drang nieder, lächelte ihm zu und blickte sich nach den anderen um.
Die Ylors waren besiegt. Alle, bis auf einen, lagen still am Boden.
Der Ylors wehrte sich, aber gegen Despairs mentalen Druck hatte er keine Chance. Seine dunklen Hände bewegten sich und legten sich auf den Öffnungsmechanismus der Tür. Ein letztes kurzes Aufbäumen, dann sprang die Tür auf. Eine leere Kammer lag dahinter. Cauthon runzelte die Stirn. Ein idealer Ort, um die zerstörten Körper zu verstecken. Die anderen dachten dasselbe. Die resolute Archäologin hatte bereits eine der Leichen gepackt und zog sie zur Kammer.
Was wird aus dem?
Sato deutete auf ihren Gefangenen, den Cauthon noch immer unter seinem Bann hielt.
Anstatt einer Antwort zog der silberne Ritter sein Schwert und schlug es dem willenlosen Gefangenen durch den Hals. Kopf und Körper fielen getrennt zu Boden.
Hier muss es sein!
Constance lehnte sich erschöpft gegen die Wand. Jedenfalls wurden die Wände und Dinge hier wieder stofflicher; nicht mehr länger diese entnervende Durchsichtigkeit, die einem die Orientierung erschwerte. Die Lilim blinzelte und wischte sich über die Augen. Langsam ließ der Druck nach, den der Kontakt mit Lilith hinter ihrer Stirn hervorgerufen hatte. Die verehrte Lilith! Sie war so überhaupt nicht, wie Constance es erwartet hatte. Keine Spur von der Güte Aynahs. Ihre Präsenz in Constances Geist hatte sich hart angefühlt. Constance schüttelte den Gedanken ab. Wahrscheinlich war sie bloß müde.
Neben ihr fluchte Despair leise. Ylors!
Nicht schon wieder!
Maya seufzte. Ich habe diese hässlichen Fratzen gründlich satt.
Sie bewachen Liliths Gefängnis!
Fuhr der silberne Ritter unbeirrt fort. Es sind zu viele, um sie schnell auszuschalten. Wir müssen uns etwas überlegen.
Denise seufzte lautlos. Sie griff nach ihrer Wasserflasche und nahm einen Zug. Ihr Gesicht verzog sich. Warm und abgestanden! Wenn sie das bloß erst alles hinter sich hatten. Sie sehnte sich nach einer geordneten Expedition zurück. Dieses planlose Drauflosgehen gefiel ihr nicht sonderlich. Sie nahm einen weiteren Schluck und beobachtete ihre Gefährten, die in einer leisen Diskussion vertieft waren, wie man die Ylors am besten ausschalten sollte. Sie nahm einen weiteren Schluck. Woher kam dieser Durst auf einmal? Und jetzt fing auch noch ihr Kopf an zu schmerzen. Sie hängte ihre Flasche wieder an den Gürtel und massierte sich die Schläfen.
Denise!
Sie öffnete die Augen. Hatte die Stimme nicht erkannt. Keiner der anderen sah sie an. Sie waren nach wie vor ihn ihrem Disput vertieft.
Denise!
Sie fühlte eine Gänsehaut auf ihren Armen. Diesmal waren ihre Augen geöffnet und keiner ihrer Gefährten hatte sie angesprochen.
Hab keine Angst!
Die Stimme war in ihrem Kopf. Die Ylors! Sie keuchte.
Nein! Fürchte dich nicht. Ich bin ich es! Die, um derentwillen ihr hier seid.
Lilith!
Unbewusst sprach sie den Namen laut aus.
Die leise und hektisch gemurmelte Diskussion verstummte. Alle sahen sie an.
Denise?
Constances Augen blickten besorgt. Ist alles in Ordnung?
Sie nickte. Konnte nicht reden. Wieder war die Stimme da. Versuchte sie zu beruhigen. Denise nahm ihre ganze Kraft zusammen. Raus aus meinem Kopf!
Ihr wurde übel. Diese Stimme, die direkt in ihrem Kopf erklang, ohne den Umweg über ihre Ohren, das war entsetzlich. Sie fragte sich wie Constance das aushielt.
Ihre Gefährten kamen zu ihr. Umringten sie. Argwöhnisch.
Lehne mich nicht ab! Denise. Bitte!
Die Stimme klang traurig. Denise Herz schnürte sich zusammen. Soviel Einsamkeit und Schmerz lag in der Stimme. Sie nahm sich zusammen.
Ich kann dir viel zeigen Denise!
Die Stimme war so weich. Fast wie eine Liebkosung. Ich habe die ganze Geschichte der Menschheit miterlebt.
Denise riss die Augen auf. Die …?
Wieder kamen die Worte laut über ihre Lippen. Ihre Freunde redeten auf sie ein, aber sie verstand kein Wort von dem, was sie sagten. Hörte nur die Stimme in ihrem Kopf. Sie schmeichelte, versprach, lockte! Die Geschichte der Welt. Die Lücken gefüllt. Sie fühlte ihre Knie weich werden.
Aurec griff zu und fing den zusammensinkenden Körper der Archäologin auf. Sie war zusammengesackt wie eine Marionette, der man die Fäden gekappt hatte. Besorgt blickte er Constance an.
Die Lilim kniete schon neben der bewusstlosen Wissenschaftlerin und fühlte ihren Puls.
Einen Augenblick war es dunkel und die Angst griff wieder nach Denise. Sie hörte Stimmen. Keine, die sie kannte. Es wurde geschrien. Dann sah sie zwei kämpfende Silhouetten. Ein Succubus und einen menschlichen Körper. Constance! Sie schrak zusammen. Kämpfte die Lilim gegen den Chaosritter? In ihrem Kopf knackte etwas. Die Übelkeit war unglaublich. Dann sah sie klar. Der Succubus war nicht Constance! Er war vollkommen anders. Plumper, hässlich und furchteinflößend, erinnerte er eher an Maya. Die Gestalt verschwamm. War nicht länger Succubus, sondern eine Frau! Eine wunderschöne Frau mit langen roten, unglaublich glänzenden Haaren. Sie sahen aus wie lebendiges Feuer, das sich um das blasse Gesicht ringelte. Die Frau schwitzte. Sie hielt ein schlankes Schwert in beiden Händen und kämpfte mit einem Mann. Auch er schwang ein Schwert. Das Gesicht verzerrt vor Anstrengung und Hass. Die beiden kämpften verbissen. Fügten sich Wunde um Wunde zu. Denise sah, wie sie bluteten und stetig schwächer wurden, bis sie schließlich beide in ihrem Blut da lagen. Tod!
Lilith war gestorben! Sie und ihr Gegner Nistant hatten sich gegenseitig getötet. Dann war da ein Schatten. Denise sah jetzt mit Liliths Augen. War nicht länger eine unbeteiligte Beobachterin. Sie spürte den kalten toten Körper und den pulsierenden Geist, dem er nichts mehr nützte. Ein Schatten erschien. Etwas riss an dem Geist. Zerfetzte den Körper um den Geist herauszureißen. Sie konnte die Gestalt nicht erkennen. Spürte nur eine vage bekannte Bosheit. Dann war auch das vorbei.
Wieder war es dunkel. Dunkel und furchtbar kalt. Nichts Lebendiges umgab sie. Nur kaltes, seelenloses Metall. Denise spürte Panik. Ihre Eigene und die von Lilith.
Erneut hörte sie Liliths Stimme. Mein Gefängnis!
Sie wusste, dass die Frau den unsäglich kalten Block meinte, den sie anstelle ihres warmen Körpers spürte.
PEW! Nistant und Amun haben es gehortet. Ich weiß nicht warum. SI KITU sprach von Speichern!
Die Gedanken der Ur-Lilim verwirrten sich. Hier war eine Station! Lilim. Sie wollten Amun daran hindern, das Metall abzubauen und zum Riff zu bringen.
Wieder zerstreuten sich die Gedanken. Umwirbelten Denise wie ein Wasserstrudel.
NACHJUL! Kosmokraten! Sie haben es getan. Mich hierher gebracht.
Der Hass in der Stimme der Ur-Lilim zerriss Denise fast den Verstand. Unter dem Hass spürte sie eine weitere Emotion. Ebenso stark und überwältigend. Einsamkeit. Eine Zahl blitzte in Denises Gedanken auf. Zweihundertfünfzigmillionen Jahre! Seit dieser Zeit war Lilith in dem Block gefangen. Wieder wurde es Nacht um Denise.
Die Übelkeit war furchtbar. Denise kämpfte sich in eine Form bewussten Erlebens zurück, ohne jedoch die Kontrolle über ihren Körper zurückzuerlangen. Auch ihre Augen konnte sie nicht öffnen, trotzdem sah sie … etwas! Dinge, die Lilith sie sehen ließ. Die Vergangenheit dieser unglücklichen Gefangenen brach wie das Wasser eines mächtigen Staudamms nach einem Dammbruch über sie herein.
Immer wieder war da diese schreckliche Einsamkeit. Sie raubte Denise fast den Verstand. Und dann diese entsetzlichen Wesen. Maschinen! Roboter, mit annähernd humanoidem Aussehen, aber gänzlich ohne jedes Gefühl. Nur kalte Intelligenz und Pflichtbewusstsein. Kein Mitgefühl mit der Gefangenen. Kein Verstehen, was für eine Folter Isolation für ein denkendes Lebewesen darstellte.
Die Roboter gingen ihrer Arbeit nach, und wenn diese getan war, stellten sie sich ab. Warteten darauf, erneut tätig werden zu müssen. Denise schmeckte Salz. Ihr Körper weinte.
Noch einmal schlug eine Woge wirbelnder Gedanken über ihr zusammen, aber diesmal blieb sie bei Bewusstsein. Sie stellte sich darauf ein. War begierig zu sehen, was die Ur-Lilim ihr noch zeigen würde.
Eine Welt tauchte vor ihren inneren Augen auf. Heiß und brodelnd. Asteroiden stürzten pausenlos auf sie herab. Nichts war hier am Leben. Denise konnte fühlen, wie Liliths suchender Geist über die Oberfläche kroch, sich dem Orbit um den Planeten zuwandte. Suchte! Verzweifelt nach intelligentem Leben forschte.
Für einen kurzen Moment sah sie etwas vor den Sternen vorüberziehen. Fühlte Liliths Hoffnung. Dann begriff sie, dass es der SCHWARZE MOND war, auf dem sich ihr Gefängnis befand. Trauer mischte sich mit Wut. Wut auf AMUN, die Kosmokraten und auf Männer im Allgemeinen. Die Männer, die sie auf diesen Weg gezwungen hatten. Ihr ein Leben nach ihren Vorstellungen verweigert hatten. Ganz kurz blitzte in Liliths Gedanken das Bild einer lachenden jungen Frau auf. Sie war schön! Tanzte im lauen Sommerwind über eine Wiese. Dann war da plötzlich der Schmerz! Etwas durchbohrte ihren Körper von unten. Sie schrie! Sah über sich ein grausames lachendes Gesicht. Denise schluchzte leise! Der Schmerz wiederholte sich immer wieder und wieder. Bilder wirbelten vorbei. Zu schnell um einzelne Szenen zu erkennen. In einem Moment fühlte sie sich in einer warmen Substanz geborgen und beschützt, dann wurde sie hinausgeschleudert. Wieder ein Kampf! Blut! Triumph!
Die Bilder verblassten. Für einen Augenblick sah Denise die besorgten Gesichter ihrer Freunde über sich. Sie sprachen! Redeten wirr durcheinander. Der Saggittone und der Silberne Ritter stritten miteinander.
Eine unsichtbare Faust zog Denise zurück. Machte sie wieder zu einem Teil des körperlosen Bewusstseins.
Die Sonne schien. Eine fast blutrote Sonne. Trotzdem war es kalt. Sie blickte von oben auf eine schmale Straße, die sich den Berg hinaufschlängelte. Von unten hörte sie Gesang; helle Stimmen, so voller Leben. Das Lied klang fröhlich. Eine Gruppe Frauen kam um die Ecke. Nein – keine Gruppe! Es waren mindestens hundert. Sie waren festlich gewandet. Dreiviertellange Hosen und darüber eine Tunika, die in der Taille mit einem Gürtel zusammengehalten wurde. Sie waren grell geschminkt. Alle trugen schimmernde Waffen. Die Frauen passierten die Stelle, an der sie stand, ohne sie wahrzunehmen. Singend zogen sie weiter. Dann kamen Männer in Sicht. Sie führte zottelige Tiere am Zaum, die schwere Wagen hinter sich herzogen. Sie waren nicht so festlich gekleidet und sie sangen auch nicht. Sie schwitzten und kämpften sich gemeinsam mit ihren Tieren den Pfad hinauf. Folgten den leichtfüßigen Frauen.
Denise folgte ihnen. Dem Pfad hinauf bis zum Gipfel. Eine Ebene tat sich vor ihr auf. Die Frauen saßen im Gras und lachten. Winkten den Männern zu und beobachteten, wie sie diese ihre Wagen abluden und ein Lager aufbauten. Nicht lange und es roch nach gebratenem Fleisch. Frauen und Männer aßen und tranken. Man lachte zusammen. Das Bild zerfaserte. Die Szenen zogen wie in einem schnellen Bilddurchlauf an Denise vorbei. Der nächste Tag! Eine Schlacht! Ein furchtbares Gemetzel! Die Frauen kämpften gegen andere Frauen. Sie schwangen ihre Waffen. Schreie und der Geruch von Blut erfüllten das Feld. Aber da war noch ein anderes Geräusch. Denise lauschte. Sie konnte es kaum hören. Ein Wimmern; fast wie ein entferntes Wehklagen. Lilith sperrte sich gegen das Geräusch. Versuchte Denise Aufmerksamkeit auf den Kampf zurückzulenken. Sie wehrte sich. Es gelang ihr den Griff der Ur-Lilim abzuschütteln und sich umzuwenden. Das Geräusch kam aus dem Lager. Dorther, wo die Männer zurückgeblieben waren. Entschlossen stemmte sie sich gegen den Griff der Entität und ging den Weg zurück. Verwundete Frauen lagen dort. Männer eilten umher und verbanden und versorgten sie. An einem Ende des Lagers standen mehrere Gerüste, auf denen reglose Körper lagen. An einem davon kniete ein junger Mann. Sein Gesicht war von Tränen verquollen. Denise spürte seinen Schmerz.
Und dann noch etwas anderes. Eine körperlose, schier grenzenlose Wut, die sich gegen sie richtete; als ob sie einen Verrat begangen hätte. Sie krümmte sich und fühlte erneut Schmerzen. Äußerst reale Schmerzen!
Constance zerdrückte einen Fluch zwischen ihren Lippen. Denise lag vor ihr auf dem Boden und warf sich vor Schmerzen herum. Kaum gelang es Despair und Aurec die sich windende Frau festzuhalten. Wenigsten arbeiteten die beiden Männer jetzt zusammen. Sie konzentrierte sich. Versuchte erneut Kontakt mit Denises Geist aufzunehmen; etwas blockte sie ab. Etwas Unheimliches und Mächtiges. Sie erkannte Lilith.
Denise lag auf einem kalten Boden und fror. Die Schmerzen hatten nachgelassen, aber es war noch immer Dunkel und sie konnte nichts erkennen. Plötzlich waren die Bilder wieder da. In schneller Folge zogen sie vorbei. Sterne, Planeten, wogende Lavawüsten und immer wieder eine unbarmherzige Dunkelheit. Ihr Magen rebellierte. Sie begann dieses Gefühl zu hassen.
Die Bilder wurden ruhiger. Zeigten ihr einen Planeten, auf dessen Oberfläche eine hochtechnisierte Zivilisation blühte. Fluggleiter zogen ihre Bahn zwischen seltsam geformten Türmen. Das Bild zoomte näher heran. Zierliche Wesen bewegten sich am Boden zwischen den Türmen. Sie gingen auf zwei Beinen. Sehr langen Beinen, die in tellerförmigen Füßen endeten. Ihre Arme waren dünn und so lang, dass sie beim Gehen den Boden berührten. Am seltsamsten aber waren die Köpfe. Sie wogten auf Giraffenhälsen hin und her und sahen aus wie riesige Pizzateller. Sehr dicke Teller allerdings. Anstelle von Augen hatten sie einen Kranz aus Sinneszellen rund um den Rand. Denise folgte Liliths unstetem Geist, der sich durch die Straßen schlängelte und immer wieder nach einem der Wesen griff. Es dauerte lange, bis sie zufrieden war. Sie hefteten sich einem der Wesen an die Fersen. Folgten ihm zu seinem Arbeitsplatz in einem der Türme. Wieder wurden die Bilder schneller. Das Wesen bekam Visionen. Lilith sprach in seinen Träumen zu ihm. Erzählte von den Sternen und den stählernen Monstern, die sie gefangen hielten.
Denise sah durch die Augen der seltsamen Kreatur. Jemand beugte sich über sie. Redete in einer fremden Sprache. Sie verstand kein Wort, aber sie fühlte die Unruhe ihres unfreiwilligen Wirtes. Sie erlebte die Bilder aus seiner Sicht! Erschrocken fuhr Denise zurück. Verlor den Kontakt. Wirbelte einen Moment in der Dunkelheit herum. Sie fühlte eine Berührung. Lilith! Langsam wurde ihr die Ur-Lilim vertraut. Wieder tauchte sie in das Erleben des fremden Geschöpfs ein. Man hatte es eingesperrt. An eine Trage gefesselt. Dort lag es und schrie. Warnte die kalten Wände seiner Zelle vor Monstern aus dem All.
Es war wunderbar, unfassbar und schrecklich zugleich. Was für Lilith ein 210 Jahrmillionen andauerndes Martyrium gewesen war, wurde für Denise zu einem unglaublichen Abenteuer. Immer besser verstand sie sich darauf, Liliths Erleben aus deren eigener Sicht zu folgen. Wie ein blinder Passagier im Kopf der auserwählten Person. Allerdings nur, wenn die Personen ihr und ihrem Denken ähnlich genug waren. Sonst konnte es absolut beängstigend sein. Ein oder zweimal brachte es sie fast an den Rand des Wahnsinns, aber jetzt nicht mehr. Sie hatte gelernt. Wusste, wann sie auf keinen Fall einen emotionalen Kontakt aufbauen durfte.
Die Zeiten, in denen Lilith einsam und am Rand der Verzweiflung im Dunkeln vegetierte, wurde sie zu einem distanzierten Beobachter. Wenn der Geist der Ur-Lilim auf der Suche nach Leben über einen Planeten strich, begleitete sie ihn. Freute sich über alles, was sie sahen. Hundertfach erlebte sie, wie das Leben seine ersten Schritte auf einem Planeten tat. Wie es sich entwickelte und ebenso oft, wie es ausgelöscht wurde. Entweder durch kosmische Katastrophen aber auch ebenso oft durch eigenes Tun. Eine Kontaktaufnahme gelang Lilith nur selten, da der Mond niemals lange an einem Ort blieb. Auf keinen Fall einmal lange genug, um der verzweifelten Entität eine Rettung in Aussicht zu stellen.
Manchmal jagte der Mond auch einfach nur durchs All. Jahrhunderte oder gar Jahrtausende lang. Die Roboter hatten es nicht eilig.
Erneut geschah etwas, dass Lilith aufwühlte. Die Roboter verschwanden und neue Bewacher erschienen. Böse Kreaturen, Monster! Denise erkannte die Aura. Ylors! Darunter einer, der mächtiger und grausamer war, als alle die sie bisher gesehen hatte. Eine dünne Gestalt. Bleich für einen Ylors und ohne die entstellenden Narben. Seine Haare schimmerten dunkel. Denise erschrak. Das musste Medvecâ sein! Er trat mit Lilith in Kontakt. Verhöhnte sie und erhöhte ihre Qualen zu seinem Vergnügen. Für einen Moment übertrug sich Liliths Hass auf Denise, dann lenkten sie neue Bilder ab.
Die Station stoppte in einem neuen System. Sie sah den großen Kontinent durch Liliths Augen. Er veränderte sich. Im Norden gab es eine Landbrücke zwischen zwei großen Landmassen. Zwei andere große Kontinente wurden durch ein, von Norden nach Süden laufendes, epikontinentales Flachmeer getrennt. Die Bilder kamen in immer schnellerer Folge. Der Planet veränderte sich. Kontinente drifteten auseinander und ein Binnenmeer entstand. Sie drängte Lilith, sie mehr sehen zu lassen. Eine Ebene kam in Sicht. Eine Grassteppe und mittendrin ein Wassertümpel. Tiere tummelten sich da. Zwei Herden verschiedener Arten. Die einen sahen aus, wie kurzgeschorene Lamas mit einem extrem runden Rücken, die anderen wie kleine Elefanten mit einem zahntragenden Rüssel. Die Erkenntnis traf Denise wie ein Blitz. Das dort war die frühe Erde. Sie sah lebendige Amebeledons, eine Art Urelefant und Procamelus. Aufregung erfasste sie.
Die Erde im Tertiär, vor 65 bis 2 Millionen Jahren! Was für eine einmalige Chance.
Liliths Geist griff nach ihr. Versuchte ihre Aufmerksamkeit auf etwas anders zu lenken. Eine andere Entität! Ärgerlich schüttelte sie den Kopf. Begriff die Ur-Lilim denn nicht, was das hier für sie bedeutete?
Das Drängen wurde stärker. Unvermittelt setzte sich der Mond wieder in Bewegung. Mit hoher Geschwindigkeit schoss er davon. Weg von der anderen Entität, die gerade auf Lilith aufmerksam geworden war.
Etwas anderes geschah jetzt! Lilith spürte Schmerzen. Die Roboter fügten ihr Schmerzen zu. Sie hatten Liliths Versuch, die andere Entität zu berühren, bemerkt und sie bestraften die Lilim.
Eine lange Dunkelheit folgte. Keine Planeten mehr, die ein verdurstender Geist erkunden konnte. Keine Ablenkung. Nur noch reduziert auf das kalte Gefängnis aus Metall und die Ewigkeit und Kälte des Alls. Denise erschauderte.
Denise hasste Medvecâ! Nicht mehr nur wegen dem, was er Aurecs Verlobter angetan hatte. Durch Liliths geplagte Gedanken erlebte sie seine kalte Grausamkeit persönlich. Die Bilder, die er der Lilim sandte, von unzähligen Frauen ihres alten Volkes, die er auf abscheulichste Art getötet hatte. Denise hasste. Bisher hatte sie nicht einmal annähernd gewusst, was für ein mächtiges Gefühl der Hass war. Er zerfraß sie. Versteckte sich in jedem Winkel ihres Körpers. Ließ sie zittern und ihren Kopf vor Hitze glühen, bis sie glaubte, ersticken zu müssen.
Himmel!
Maya wich zurück und blickte mit einer Mischung aus Abscheu und Erschrecken auf den zuckenden Körper der Archäologin hinunter. Die dunkelhaarige Frau hatte Schaum vorm Mund und stieß Laute aus, die selbst dem Silbernen Ritter eine Gänsehaut verursachten.
Kannst du denn gar nichts tun?
Aurecs Stimme klang verzagt. Er litt mit der dunkelhaarigen Frau, die sich plötzlich in Krämpfen wand, nachdem sie kurz zuvor noch glücklich in sich hinein gelächelt hatte.
Ich komme nicht an sie heran.
Constance schluckte. Es ist Lilith! Sie blockt mich ab!
Warum foltert sie Denise?
Cauthon hatte es längst Aurec überlassen, die sich windende Frau zu bändigen. Er hockte dicht neben Constance. Hatte seine Sinne geöffnet, bereit zuzuschlagen, wenn die Ur-Lilim es wagen sollte, nach der Hexe zu greifen.
Wir wissen nicht, ob sie Denise foltert.
Sato hockte mit geschlossenen Augen auf seinen Knien.
Sieht aber gerade verdächtig danach aus!
Maya kaute auf ihrer Unterlippe. Die Archäologin tat ihr leid. Sie mochte die lebenslustige Frau, war aber gleichzeitig auch froh, dass ihr selbst der Kontakt zu Lilith erspart geblieben war.
Der Druck in ihrem Kopf ließ nach. Diesmal begrüßte Denise die Dunkelheit. Keine weiteren Bilder von diesem fürchterlichen Monster! Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung. Ließ den Luftstrom in den Körper hineinströmen, wie Wasser, das zum Bauchnabel floss und die Bauchdecke hob und dann durch sanften Druck wieder hinaus. Ihr aufgewühlter Körper beruhigte sich langsam. Wo war Lilith? Sie spürte den Geist der Ur-Lilim nicht mehr. Ohne darüber nachzudenken, suchte sie nach der Entität. Fand sie schließlich in einem Winkel ihrer selbst verborgen. Sanft, wie zu einem verängstigten Kind, sprach sie zu der verehrten Göttin der Hexen. Ihre Bemühungen wurden belohnt. Lilith kam zur ihr zurück. Noch immer konnte sie den Schmerz in der Anderen fühlen. Zum ersten Mal sah sie in Lilith eine Frau und keine bloße Entität. Sie fühlte sich ihr verbunden.
Die Frau war schön. Ihre Haut war von einem dunklen Braun. Lange schwarze Haare, in mehreren Zöpfen hochgesteckt und von silbernen Nadeln gehalten, umrahmten ein schmales Gesicht mit ernsten braunen Augen. Ein leichter Sommerwind spielte mit ihrer schwarzen Robe und brachte die Ringe und Ketten zum Klingen, die ihre nackten Arme schmückten.
Hochaufgerichtet stand sie auf einem Hügel und blickte auf das Tal hinab. Die Sonne war eben im Begriff unterzugehen und tauchte die kleine Stadt in ein sanftes goldenes Licht.
Was du da sagst, ist im höchsten Maße beunruhigend.
Der Mann neben ihr nickte. Sein ungebändigtes braunes Haar fiel ihm in wilden Locken in das kupferfarbene Gesicht. Deshalb suche ich deinen Rat.
Seine Schultern hoben sich in einer hilflosen Geste. Ich weiß mir nicht mehr zu helfen. Dieser …
Er zögerte einen Moment das Wort auszusprechen, als ob es ihm Ekel verursachte. … Kult, den die Verbannten betreiben, ist aggressiv. Schon zweimal haben sie die verbotene Grenze überquert und versucht von einer Farm Schiffe zu stehlen.
Wurde jemand verletzt?
Er nickte. Bei ihrem ersten Überfall sind sie noch geflohen, als die Alarmanlage ihr Eindringen meldete. Beim zweiten Überfall wurden sie von einem Mann entdeckt. Sie haben ihn niedergeschlagen. Er hat eine Gehirnerschütterung erlitten, wird aber wieder gesunden.
Und es waren ausschließlich Frauen sagst du?
Ja! Darin waren sich alle Zeugen einig und auch der Mann, den sie verletzt haben, sagte er habe keine Männer bei ihnen gesehen.
Ich will mit ihm sprechen.
Dann wirst du mich begleiten?
Seine Stimme drückte Freude aus. Bis vor wenigen Minuten war er noch unsicher gewesen, ob es richtig war, Vala mit diesem Problem zu belästigen. Schließlich war er der Vogt des betroffenen Landstriches und es war seine Aufgabe die Menschen dort zu schützen.
Wir brechen sofort auf!
Ohne sich nach ihm umzusehen, schritt sie den Hügel hinab.
Für einen Augenblick war Denise verwirrt. Was war jetzt wieder geschehen? Sie erlebte die Szene nicht aus einem der Köpfe, sondern sah sie wie durch einen Spiegel. Eine unbeteiligte Beobachterin, aber auch nicht in der Art, in der sie die kämpfenden Frauen observiert hatte. Nichts von ihr, oder besser von Lilith, stand in direkter Verbindung mit der Szene. Verwirrt richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Bilder. Sie waren unklar. Zeigten mehrere schnell wechselnde Szenen. Wie ein zu schnell ablaufender Film, bei dem zusätzlich die Reihenfolge der Bilder durcheinandergeraten war.
Die schwarze Frau, in einem schnellen blitzenden Fluggleiter. Das Gefährt hob in der kleinen Stadt ab und flog pfeilschnell über die Hügel. Das zunehmend schwindende Licht schien für den Piloten kein Hindernis zu sein. Dann eine andere Stadt, oder eher ein Dorf. Flache Häuser aus Stein oder Kunststoff, sehr individuell und ansprechend gestaltet und mit viel Grün umgeben. Der Gleiter landete. Eine Menschenmenge hatte sich versammelt. Man begrüßte die Frau mit großem Respekt.
Der Mann lag mit geschlossenen Augen im Krankenbett. Ein dünner Kunststoffverband, an dem einige Elektroden befestigt waren, bedeckte seinen geschorenen Kopf. Seine Augenlider begannen zu flackern.
Vala trat näher an die Krankenstatt heran. Der Verletzte öffnete seine Augen. Sie weiteten sich. Er stemmte sich auf die Ellbogen hoch, was einen summenden Alarmton zur Folge hatte.
Nicht!
Vala lächelte freundlich. Bleib liegen. Bitte!
Ihre telepathischen Sinne griffen nach ihm und sandten ihm einen beruhigenden Impuls.
Er sank in sein Kissen zurück.
Kannst du mir erzählen, was dir geschehen ist?
Mit leiser Stimme berichtete er von dem Überfall. Sieben Frauen waren es gewesen, bewaffnet mit Knüppeln und einer Axt. Sie trugen das elektronische Überwachungsgerät am Handgelenk, das die Verbannten daran hindern sollte, ihr Gefängnis zu verlassen.
Vala hörte ihm aufmerksam zu.
Die Szene wechselte so schnell, dass es Denise erneut Übelkeit verursachte. Sie blickte nicht mehr auf das Krankenzimmer. Der Raum hier war dunkler und recht primitiv eingerichtet. Eine Gruppe Frauen saß um einen Tisch herum. Aufmerksam beobachteten sie ein junges Mädchen, das sich in Trance befand. Der schmächtige Körper zuckte und wand sich. Schweiß lief über das graue Gesicht. Unvermittelt fuhr sie hoch. Sie leidet!
Die Stimme war ein unangenehmes Kreischen. Die große Mutter leidet so schrecklich. Er quält sie.
Dann fiel sie zurück auf das Sofa.
Denise spürte Lilith neben sich. Gemeinsam blickten sie durch die Augen einer kräftigen Frau mit wallendem orangenem Haar. Denise wusste, dass Lilith auch in dem Kopf des Mädchens gewesen war. Ihm eine Vision gezeigt hatte. Aber Lilith schien nicht gewillt, sie daran teilhaben zu lassen. Die Frau, in deren Kopf sie zu Gast war, sprach. Wir müssen ihr helfen! Unsere nächste Aktion darf nicht fehlschlagen. Wir brauchen ein Schiff.
Aber was können wir tun?
Eine zierliche blonde Frau stellte die Frage. Wir haben keine Waffen und kein Gerät, mit dem wir den Alarm abstellen können.
Wir haben keine Schusswaffen.
Korrigierte eine der anderen, deren langer Pony ihre Augen verdeckte. Waffen haben wir durchaus! Wir müssen sie nur effektiver einsetzen!
Die Blonde biss sich auf die Lippen. Mir gefällt nicht, was wir getan haben.
Ihr Name war Medit. Überrascht stelle Denise fest, dass sie die Namen aller hier anwesenden Frauen kannte.
Es war notwendig!
Karala, die Frau, in deren Kopf sie zu Gast war, musterte Medit verächtlich.
Und wenn er nun tot ist?
Karala zuckte die Achseln. Umso besser! Ein Zeuge weniger!
Medit schwieg eingeschüchtert. Die anderen Frauen diskutierten lebhaft ihre Optionen. Ob sie noch mehr Frauen dazuholen sollten? Oder gar Männer zulassen? Den Vorschlag wies Karala entschieden zurück. Das wäre Lilith nicht recht. Sie traute Männern nicht. Sie waren zu schwach. Denise fiel eine weitere Frau auf, die sich nicht am Gespräch beteiligte. Eine zierliche schwarzhaarige Person mit einer olivfarbenen Haut und langen dunklen Haaren. Sie versuchte Liliths Aufmerksamkeit auf die Stille zu lenken. Ohne Erfolg. Das junge Mädchen schreckte hoch und brachte die Runde damit zum Schweigen.
Die oberste Hüterin der Erkenntnis ist hier!
Hysterisch schlug sie sich die Hände vor das Gesicht.
Vala blickte ernst in die Runde. Die Vertreter der umliegenden Gemeinden und der drei großen Städte in diesem Distrikt schwiegen betroffen.
Omigo, der Mann, der sie informiert hatte, rutschte neben ihr nervös auf seinem Platz herum. Talar, die Sprecherin einer der Städte, stütze ihren Kopf auf die Hände. Das hat es seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben.
Müssen wir mit einem allgemeinen Aufstand rechnen?
Echo, der Älteste in der Runde, suchte Valas Blick.
Ich glaube nicht!
Sie schüttelte den Kopf. Nach Auswertung der Zeugenaussagen gehe ich davon aus, dass es sich beide Male um dieselben Frauen gehandelt hat.
Aber was wollen sie?
Talar schüttelte verständnislos ihren Kopf. Die Schiffe nützen ihnen doch nichts! Sie können nirgendwo hin.
Vala, die oberste Hüterin, nickte abwesend. Sie beschäftigte etwas ganz anders. Sie trugen bei ihren Überfällen die Armbänder! Wir müssen klären, wieso sie damit die Grenze zum befriedeten Bezirk überschreiten konnten.
Bestürzte Stille folgte ihren Worten.
Wir müssen diese Frauen finden! Ich habe eine Eingreiftruppe unserer Streitkräfte angefordert. Spezialisten! Sie werden das Gebiet von oben scannen und versuchen, diese Frauen ausfindig zu machen.
Medit riss die Augen weit auf. Man wird uns töten!
Blödsinn!
Karala stieß die jüngere Frau vor sich aus der Tür heraus. Geh jetzt zu ihnen und richte ihnen meine Botschaft aus.
Die blonde Frau wandte sich um und suchte in den Augen der anderen Frauen nach Unterstützung. Vergeblich. Resigniert sanken ihre Schultern herab und sie machte sich auf den Weg zum nächsten Posten. Am Anfang hatte alles so großartig ausgesehen. Ein Abenteuer! Endlich etwas Abwechselung im eintönigen Alltag einer Verbannten. Ein Mädchen mit Visionen, die von einer geheimnisvollen Macht kündeten. Eine weibliche Gottheit! Ein echtes Sakrileg. Götter waren auf dieser Welt nicht geduldet. Eines der wenigen Vergehen, gegen das die Hüter der Erkenntnis kein Pardon kannten. Götzendiener wurden hingerichtet. Aber wer sollte hier schon davon erfahren? Wenigstens hatte Medit das gedacht. Aber dann verlangten die Träume des Mädchens, dass sie das Gebiet der Verbannten verließen und Überfälle begingen. Ein Mensch war verletzt worden und nun auch noch das. Sie blieb einen Augenblick auf der Kuppe des Hügels stehen und sah den Weg hinunter. Dort unten war eine der Grenzstationen, an denen die Gefangenen mit der Außenwelt in Kontakt treten konnten. Langsam und mit sichtbar erhoben Armen schritt die den Weg hinab. Die Wächter kamen ihr entgegen. Sie hatten ihre Waffen im Anschlag. Dann sah sie, dass es Soldaten waren.
Geiseln?
Vala runzelte die Stirn. Das war noch nie vorgekommen. Natürlich versuchten immer mal wieder Verbannte aus dem Gebiet zu entkommen, aber dass sie Geiseln nahmen … und dann auch noch aus den Reihen ihrer Leidensgenossen. Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. Sie fühlte sich nicht besonders wohl. Seit einigen Tagen hatte sie immer wieder das Gefühl, als ob jemand versuchte, telepathisch in ihre Gedanken einzudringen. Natürlich war das absolut ausgeschlossen. Ein undenkbares Vergehen.
Andererseits …
Sie sank auf ihrem Thron zurück. Spürte die vertraute schwarze Rückenlehne beruhigend in ihrem Rücken. Etwas war da! Sie sandte ihre Gedanken aus. Da war es wieder! Nicht wegzuleugnen. Eine Entität! Eine mächtige Entität. Sie öffnete ihren Geist ein wenig. Sah die Bilder. Das schwarze Gesicht wurde zu einer Maske aus Stein. Vor ihr verstummte die Versammlung. Sie spürte die Menschen zurückweichen. Schlug ihre Augen auf. Wir werden ihnen ein Schiff geben!
Aber …
Talar blickte sie verständnislos an. Erpressern nachgeben?
Ungläubig blickten die anderen sie an.
Sie lächelte. Es war kein freundliches Lachen. Wir könnten sie kaum schlimmer bestrafen.
Jetzt, da sie wusste, worauf sie achten musste, war es nicht schwer, die fremde Entität zu sehen. Ein Wahnsinniger. Einer der Mächtigen, die sich als Gott anbeten ließen; die Welten in Unwissenheit ließen und dadurch zu Chaos und Verderben verdammten.
Karala triumphierte. Hoch erhobenen Hauptes schritt sie an den unbewaffneten Soldaten vorbei. Sie und ihre Schwestern hatten gewonnen. Nun würden sie aufbrechen und Lilith befreien. Bald schon würden sie ihrer Göttin gegenüberstehen und mit ihrer Hilfe auf den Planeten zurückkehren und sich holen, was ihnen zustand.
Sie warf dem Mann, der ihr das Codegerät des Raumgleiters aushändigte, einen verächtlichen Blick zu. Er war nicht beeindruckt. Sah einfach durch sie hindurch. Ärgerlich biss sie sich auf die Lippen. Sein Gesicht würde sie sich merken. Gefolgt von ihrer kleinen Schar schritt sie die Rampe hinauf. Eve war die Letzte. Die zierliche Frau führte ihr Medium an der Hand. Voller Zuneigung lächelte Karala dem Mädchen zu; dann wandte sie sich dem Cockpit zu. Jetzt dauerte es nicht mehr lange. Das Shuttle hob ab.
Der Leitstrahl dockte das silberne Schiff an der unsichtbaren Station an. Die Tür des Shuttles öffnete sich und Karala trat heraus. Aufrecht wie eine Königin schritt sie die Rampe hinunter, gefolgt von ihren nervösen Getreuen.
Sie blickte sich um. Erst hatte sie gedacht, dass hier nichts war, aber dann begannen ihre Augen die Konturen wahrzunehmen.
Willkommen!
Wie ein Geist trat der Mann hinter der Ecke hervor. Seine langen Haare dunkler als die Nacht.
Spöttisch verbeugte sich Medvecâ vor seinen neuesten Opfern.
Verzweiflung! Denise Körper zuckte vor Qual. Wie eine Woge überflutete Liliths Erinnerung sie. Die körperlose Ur-Lilim tobte in ihrem Gefängnis, verfolgt und gemartert von den höhnischen Worten des grausamen Fürsten der Ylors. Hilflos musste sie mit ansehen, wie Äonen um Äonen jeder Verbündete, den sie fand, von Medvecâ in die Falle gelockt und vernichtet wurde.
Denise schluchzte. Das war zu viel. Sie konnte Liliths unbändigen Hass nicht ertragen. Ihr Kopf drohte zu zerspringen. Ihr Herz empfand jeden Schlag als Qual. Sie wollte, dass es aufhörte, sich in den Tod flüchten. Nichts mehr sehen und vor allem nichts mehr fühlen müssen.
Plötzlich wurde es still. Für einen Moment dachte Denise, dass ihr Körper vor der entsetzlichen Marter kapituliert hatte, aber dann wurde ihr bewusst, dass es Liliths Geist war, der sich beruhigt hatte.
Sie stöhnte, trotz ihrer Schmerzen zwang sie sich dazu, die Bilder in ihrem Kopf bewusst zu betrachten. Sie zeigten ihr wieder die Erde! Ihr Herz schlug schneller; diesmal vor Freude. Gierig zog sie jedes einzelne Bild in sich auf. Die ersten Menschen! Groß und kräftig mit starken Augenwülsten. Liliths Geist griff nach der Anführerin einer großen Rotte. Sie sandte ihr Bilder in den Kopf. Das Wesen fuhr sich mit der Hand immer wieder über die Augen. Versuchte die Bilder der seltsamen Frau aus ihrem Kopf zu wischen. Die Bilder ängstigten sie. Sie verstand die Laute nicht, die das rothaarige Wesen in ihren Kopf sandte und sie fand es abstoßend. Denise spürte, wie ihr Bewusstsein sich teilte. Ein Teil von ihr nahm Liliths Drängen war. Ihre Enttäuschung, als die primitive Frau statt klarer Worte unverständliche Laute ausstieß. Der andere Teil, Denise eigenes Bewusstsein, spürte die Angst und die Panik des Frühmenschen. Lilith bedrängte das Wesen so sehr, dass es sich schließlich in einen Abgrund stürzte. Nicht zum ersten Mal schrak Denise vor dem unsensiblen Wesen der Ur-Lilim zurück. Und dann neue Menschenformen, aggressiver, gerissener und sie vermehrten sich schneller. Werkzeuge, der Gebrauch des Feuers und dann … die ersten, von Menschen gemalten Bilder. Ehrfürchtig beobachtete Denise, wie die Menschen aus Erde und Pflanzen Farben gewannen und mit ihren Fingern die Wände ihrer Höhlen bemalten. Der Blick der Entität fokussierte auf einen zentralen Kontinent, den man heute auf den Landkarten vergeblich suchte. Amerika, Afrika und Eurasien waren zumindest in den groben Proportionen erkennbar, aber dort, wo sich heute die Fluten des Pazifischen Ozeans noch immer an den Sandstränden paradiesischer Inseln brachen, erstreckte sich eine völlig unbekannte Landmasse, die nur unwesentlich kleiner als Eurasien war. Voller Faszination registrierte sie die völlig andere Oberflächengestalt der Erde. Ihr wurde klar, dass es sich dabei um Lemuria handeln musste, die Heimat der untergegangenen Ersten Menschheit.
Doch dann gerieten die Bilder erneut durcheinander. Irgendetwas hatte Lilith erschreckt. Eine andere, mächtige Präsenz war im Solsystem erschienen. Fremde, eiförmige Raumschiffe landeten auf der vorgeschichtlichen Erde und hochgewachsene Humanoide begannen auf dem zentralen Kontinent Lemuria eine kreisförmige Stadt zu erreichten. Ganz kurz und unscharf sah Denise das Bild eines Mannes. Er war athletisch gebaut, mit hellbrauner Haut und einer pechschwarzen Haarmähne, die durch einen Reif zusammengehalten wurde. Lilith überlegte kurz, ob sie mit ihm Kontakt aufnehmen sollte, schrak dann jedoch zurück. Die Fremden hatten begonnen, Experimente mit verschiedenen Lebewesen durchzuführen, die Lilith nur als abstoßend empfand.
Neue Bilder zogen durch den Kopf der Entität. Groteske Wesen, als Ergebnis der Genexperimente, bedrohten die Entwicklung der frühen Menschheit. Ein mörderischer Krieg um die Zukunft der menschlichen Rasse begann.
Lilith erhöhte das Tempo der Bilder, sehr zu Denises Ärger. Sie versuchte die Ur-Lilim dazu zu bewegen, ihr mehr zu zeigen. Langsamer! Sie wollte die Wiege der lemurischen Zivilisation näher studieren, aber die Lilim ignorierte ihr Drängen. Immer willkürlicher wurden die Bilder, die sie Denise zeigte und die Archäologin begriff, dass der SCHWARZE MOND nicht die einzigen außerirdischen Wesen beherbergte. Die Frühgeschichte der Menschheit war durch fortwährende außerirdische Einflussnahme geprägt.
Da war dieser Mann mit den schwarzen Haaren … Ovaron,der Ganjo des Ganjasischen Reiches! Natürlich! Als Archäologin hatte sie Zugang zu den geheim gehaltenen Informationen über die zweite Zeitexpedition Perry Rhodans mit dem Nullzeitdeformator nach Lemuria, um den Sonnensatelliten unschädlich zu machen.
Doch dann rissen die Erinnerungen plötzlich ab. Leere, Schwärze, nichts als Isolation und Einsamkeit. Ein letztes Bild erschien vor ihrem inneren Auge, das den Sturz des SCHWARZEN MONDES in die Unendlichkeit des Alls zeigte. Wie hatte sie gehofft, dass sie den Aufstieg der Ersten Menschheit in den Erinnerungen Liliths verfolgen durfte. Einen Moment drohte unbeschreibliche Wut ihr Denken zu überrollen. Das war so ungerecht! Da bot sich ihr die Chance ihres Lebens, Informationen aus erster Hand … und dann … nichts …! Mit äußerster Konzentration schüttelte sie die Wut und Frustration ab, Lilith konnte nichts dafür, auch sie, gerade sie, war … Opfer!
Die allumfassende Dunkelheit hüllte sie mit einem trügerischen Schleier der Geborgenheit ein. Sie hatte das Gefühl, dass in Minuten Jahrhunderte, ja Jahrtausende verblassten.
Plötzlich überflutete wieder namenlose Pein das Bewusstsein der Ur-Mutter der Lilim. Medvecâ! Der Ylor raste vor Wut. Irgendetwas war gewaltig schiefgelaufen, hatte die Pläne des untoten Alyskers und seiner Herren durchkreuzt. Was dann folgte, war für Denise das absolute Grauen. Nie hatte sie daran geglaubt, dass man ein Wesen geistig vergewaltigen konnte. Der Fürst der Ylors war außer sich. Bilder abscheulichster Perversionen marterten Liliths Geist. Obwohl Denise alles nur aus zweiter Hand verfolgte, drohte ihr Geist zu zerbrechen. Plötzlich brachen die Bilder ab. Eine wortlose Bitte um Verzeihung entstand in ihrem Bewusstsein. Lilith! Wie konnte ihr Geist nur dieser Unmenschlichkeit widerstehen? Traurigkeit und Schuldgefühle durchfluteten sie. Und die Bilder gingen in rasender Folge weiter …
Der SCHWARZE MOND war wieder ins Solsystem zurückgekehrt. Die Bilder zeigten das lemurische Sternenreich in seinen schwersten Stunden. Die gewaltigen, 1700 Meter durchmessenden Superschlachtschiffe der Zeitgerechten, wie sich die Bestien selbst nannten, zerschlugen die Verteidigungsplattformen der lemurische Systemverteidigung und bedrohten die Zentralwelten des Tamaniums. Wieder wechselte das Bild. Zeut, der 5. Planet lag vor ihr. Fasziniert betrachtete Denise den zur Realzeit längst zerstörten Planeten, dessen Trümmer den Astroidenring zwischen Mars und Jupiter bildeten. Sie überlegte einen Moment. War da nicht etwas? Zeut … Zeut … ZEUT?
Der Geist Liliths schrie unter unsagbaren Schmerzen, als die Vernichtung des 5. Planeten und der gleichzeitige Tod der Megaintelligenz einen gewaltigen PSI-Schock auslöste.
Die Bilder, die das Bewusstsein der Ur-Lilim übermittelte, wechselten immer schneller. Nachdem Zeut unter der Gewalt der überschweren Intervallbomben der Zeitgerechten zuerst zerbrochen und sich die PEW-Bestandteile der Oberfläche unter dem ungeheueren Energiegewitter in den Hyperraum verflüchtet hatten, kam es innerhalb des Solsystems zu schwerwiegenden Störungen des Gravitationsgleichgewichts, das sich in Verschiebungen der Umlaufbahnen der Planeten äußerte. Auf der Erde sorgten die Verschiebungen für eine erhebliche Abkühlung des Planeten und eine drastische Verschärfung der eintretenden Eiszeit.
Gegen Ende des Krieges, bedingt durch tektonische Veränderungen, die durch den Wandel der Gravitationsverhältnisse im Solsystem aufgrund der Zerstörung Zeuts hervorgerufen wurden, versank Lemuria schließlich im Meer. Die dann folgende Eiszeit, die von den modernen Archäologen und Geophysikern als Würmkaltzeit bezeichnet wurde, tilgte die letzten Spuren der Ersten Menschheit von der Oberfläche der Erde.
Denise hatte mehrfach versucht, den rasenden Strom der Bilder zu unterbrechen, doch der Geist der geknechteten Entität war anscheinend wieder in Agonie versunken. Jahrhunderte, ja Jahrtausende versanken im rasenden Fluss der immer gleichförmigen Bilder. Doch dann, Denise hatte längst jedes Gefühl für Zeit verloren, begannen sich erste, noch zaghafte Blüten einer neuen Kultur zu bilden. Wieder versuchte Denise mehr Einzelheiten zu erfahren, doch Lilith reagierte nicht.
Auf einer Insel, mitten im Atlantischen Ozean, hatten sich die Menschen wieder über die animalen Instinkte erhoben. Der menschliche Geist schuf erneut Schönheit und Kultur, es dauerte nur einen Moment, bis Denise erkannte, dass sie den Aufstieg von Atlantis verfolgte. Wieder versuchte sie Lilith dazu bewegen, mehr Einzelheiten zu zeigen. Doch anscheinend war der Geist der Entität noch immer uninteressiert. Wieder mussten Jahrhunderte vergangen sein. Plötzlich landeten fremde, kugelförmige Raumschiffe auf der Insel. Hochgewachsene, weißhaarige Humanoide mit rötlichen Augen, begannen einen Stützpunkt zu errichten. Die Bilder verlagerten sich schließlich in den Raum, wo eine unsichtbare Gefahr alles Leben bedrohte. Doch dann die Präsenz eines jungen, schon mächtigen Geistes, der anscheinend die Führung der Fremden übernahm. Es dauerte einen Moment bis Denise erkannte, um wen es sich dabei handelte. Atlan, der unsterbliche Arkonide, stand am Beginn seines Exils auf der Erde. Wieder folgten Bilder von Kampf, Vernichtung und Tod, auch Atlan konnte nicht verhindern, dass die unsichtbaren Gegner, die Druuf, seine Flotte vernichteten und die Insel im Atlantik bombardierten. Nach der Blütezeit Lemurias verschlang das Meer auch den zweiten Versuch der Menschheit, eine Kultur auf der Erde zu gründen. Atlantis ging unter und blieb nur in den Erinnerungen der Völker als eine Legende erhalten.
Denise versuchte verzweifelt, Kontakt mit der Bewusstsein Liliths aufzunehmen. Fragen, sie hatte so viele Fragen, so viele Unklarheiten, die der Klärung bedurften. Doch der Geist der Entität schwieg. Jedes Kind wusste beispielsweise, dass Perry Rhodans engster Freund und Verbündeter den Menschen am Anfang der neueren Geschichte beigestanden hatte. Aber warum wandte sich Lilith nicht an ihn? Denise Geist versuchte die Frage zu formulieren, aber Lilith ignorierte sie erneut. Sandte ihr stattdessen Bilder von den Lemurern und den Kemeten. Die Anwesenheit der Letzteren quittierte die Lilim mit purem Hass.
Was war das jetzt?
Aurec beugte sich über die bewusstlose Archäologin.
Hat sie gerade Atlan gesagt?
Cauthons Interesse war neu geweckt.
Hörte sich so an.
Sato, der bislang still in einer Ecke gehockt hatte, musterte die junge Frau, die schlaff in Constances Armen hing. Die junge Hexe hatte ihre ganze Kunst aufgewandt, ohne die Wissenschaftlerin wecken zu können. Jetzt beschränkte sie sich darauf, Denise festzuhalten und zu verhindern, dass die Terranerin sich verletzte, wenn sie wieder einen der krampfartigen Anfälle bekam.
Wenn ich bloß wüsste …
Erneut sandte der silberne Ritter seine Gedanken aus und versuchte telepathisch in die Gedanken der dunkelhaarigen Frau einzudringen. Wie beim ersten Mal traf er auf eine kalte undurchdringliche Barriere aus Abweisung und Hass. Er zog sich zurück.
Jahrhundert um Jahrhundert verging und Lilith zog sich immer mehr zurück. Sie beobachtete nur noch und ganz langsam verlor Medvecâ sein Interesse an ihr. Lilith wurde immer apathischer. Ihre Beobachtung richtete sich auf einen zunehmend engeren Kreis. Das Land zwischen Euphrat und Tigris, mit seinen zwei Zentren; eines, ein regenarmes Schwemmland, um den Zusammenfluss der beiden Flüsse und das Andere eine Hügellandschaft am Mittellauf des Tigris.
Ein neues Volk drang in den Fokus der Ur-Lilim ein. Wieder war Atlan hier. Er unterrichtete die Leute eine Zeitlang und verschwand dann. Denise bewunderte die Sensibilität, mit der er die Menschen beeinflusste, ohne ihnen seinen Willen aufzuzwingen oder sich als überlegenes Wesen erkennen zu geben.
Lilith wartete. Beobachtete, wie die Menschen sich entwickelten. Fasziniert hörte Denise die Namen Gilgamesch und Enkidu. Das erste große Epos der Menschheit. Ihr Herz klopfte. Lilith dagegen blieb von diesem Ereignis gänzlich unbeeindruckt. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf eine junge Frau - eine Priesterin. Nein! Sie war eine Novizin.
Denise betrachtete das schöne Mädchen mit der olivfarbenen Haut, die vor Öl glänzte. Ursprünglich hatten die Sumerer ein Götterpaar verehrt, einen Gott der Siedlungen und eine Göttin der Fruchtbarkeit; mittlerweile aber waren es mehr geworden, aber immer noch traten sie paarweise auf. Denise lauschte dem Mythos von der Entstehung der Menschen. Die Götter litten unter der schweren Arbeit, die sie tagtäglich verrichten mussten, bis Enki der rettende Einfall kam. Er bat seine Mutter Nammu aus dem Lehm der Erde Lebewesen zu formen, die fortan für die Götter arbeiten sollten.
Denise spürte Lilith, deren Geist die arglose Novizin mit Namen Nilva heimsuchte. Sie schickte dem Mädchen Visionen, in denen sie sich selbst Ninmah nannte. Keine glückliche Wahl, ging es Denise durch den Kopf, war Ninmah doch dafür verantwortlich, dass die körperlichen Gebrechen über die Menschen gekommen sind.
Aber das junge Mädchen war beeindruckt, dass eine Göttin sie – die Novizin – auserkoren hatte, ihre Visionen zu verkünden.
Nilva kniete vor der ehrwürdigen Priesterin auf dem Boden und beobachtete die Risse im Mosaik, während die tadelnden Worte auf sie niederprasselten. Die Alte redete wie ein Wasserfall! Belehrte sie über die althergebrachten Werte und den Wert ihrer Tradition. Ha! Was wusste die schon. Aber sie würde schon noch sehen; sehr bald schon wie auch alle anderen. Das hatte Ninmah ihr versprochen. Ihre Augen begannen zu leuchten, als sie sich selbst im Geist als Hohepriesterin der neuen Göttin sah.
Nilva!
Die Stimme der Alten war streng. Erschrocken hob die Novizin den Blick.
Du hörst mir überhaupt nicht zu!
Mechanisch wollte sie die übliche Entschuldigung murmeln, aber die Alte wehrte ab.
Du wirst uns verlassen!
Sie winkte der Wache, die abwartend hinter ihrem Stuhl stand. Die beiden Männer traten vor und zogen die unglückliche Novizin an den Ellbogen hoch. Ungeachtet ihres Flehens wurde Nilva aus dem Raum gezogen.
Denise spürte das Erschrecken der Novizin körperlich. Man riss sie aus ihrem Leben. Ihrer gewohnten Umgebung und weg von allen Freundinnen. Sie wurde mit einer Karawane in die Wüste geschickt. Eine wochenlange Reise auf dem schwankenden Rücken eines Kamels. Der Geruch des Tieres erzeugte bei Denise Übelkeit.
Was ist jetzt wieder?
Aurec wurde langsam ungeduldig. Weder Constance noch dem Chaosritter gelang es, zu der bewusstlosen Denise durchzudringen. Die Hexe beschränkte sich mittlerweile darauf, die Archäologin im Arm zu halten und mit leiser sanfter Stimme auf sie einzureden.
Ihr ist übel.
Cauthon wich ein Stück zurück, während Constance die junge Frau etwas zur Seite drehte.
Das fehlte noch! Aurec verzog das Gesicht. Dass sie sich hier übergab. Schlimm genug, dass sie hier festsaßen. Mitten in einer unbekannten Raumstation! Aber Constance weigerte sich, eine neuerliche Verbindung zu Lilith zu suchen. Sie konzentrierte sich vollkommen auf Denise, die mal schlaff in ihren Armen lag, um sich dann wieder aufzubäumen und um sich zu schlagen. Einige Male hatte sie die Versammelten mit weit aufgerissenen, blicklos ins Leere starrenden Augen angesehen und in fremden unverständlichen Sprachen vor sich hin gestammelt. Mehr als einmal war der Name Medvecâs gefallen. Unbewusst ballte Aurec seine Fäuste. Der verdammte Fürst der Ylors! Wenn er diesem Monster doch nur endlich gegenüberstehen würde. Seine Augen senkten sich wieder auf die Archäologin, deren Verhalten sich wieder geändert hatte. Auf dem schönen Gesicht zeigte sich ein zynisches Lächeln.
Nilva lief auf bloßen Füßen durch den warmen Wüstensand. So früh am Morgen hatte der Sand noch eine angenehme Temperatur. Mit gleichmäßigen Schritten ging sie eine weitere Sanddüne hinauf. Dahinter lag ihr Ziel. Die verborgene Stadt, von der ihre Herrin ihr erzählt hatte. Voller Zuneigung dachte sie an Ninmah. Eine Weile hatte sie befürchtet, die geliebte Göttin hätte sie verlassen. Während der ganzen demütigenden Reise zu einem der unbedeutenden Tempel am Rand der Wüste hatte sie keine Visionen mehr gehabt. Aber dann, als sie fast schon ohne Hoffnung war, kehrte Ninmah zurück. Das alles gehörte zu ihrem Plan. Sie hatte dafür gesorgt, dass Nilva genau an dem Ort war, an dem sie sein musste. Ganz langsam und vorsichtig hatte sie eine Schar Frauen um sich gescharrt, die wie sie selbst bereit waren, der neuen Göttin zu dienen. Ihr Schicksal ganz an die geheimnisvolle Entität zu binden und nun standen sie unmittelbar davor, für ihre Treue belohnt zu werden. In aller Heimlichkeit hatten sie den Tempel verlassen und zogen an den Ort, den Ninmah ihr in ihren Träumen gezeigt hatte. Die verborgene Stadt der Wunder. Dort sollten sie Dinge finden, die sie in die Lage versetzen sich zu ihrer Göttin aufzuschwingen.
Sie blieb einen Moment stehen und orientierte sich an den Sternen und einigen wichtigen Landmarken. Hinter der nächsten Düne musste es sein. Entschlossen schritt sie voran, ignorierte den Sand, der ihr entgegenrutschte. Hinter ihr keuchten die anderen Frauen. Eine beachtliche Schar! Vierunddreißig Novizinnen hatte sie von der neuen Göttin überzeugen können. Einen Moment sah sie sich um. Fühlte Stolz in sich, als die Frauen sofort stehenblieben und sie fragend ansahen. Das waren ihre Mädchen! Sie würden für sie durchs Feuer gehen.
Sie setzte ihren Weg fort. Über den Dünenkamm und dann den steilen Hang hinunter. Jetzt war das Rutschen des Sandes fast willkommen, beschleunigte es doch ihr Vorwärtskommen.
Am Fuß der Düne hielt sie erneut an. Blickte zur Sonne hoch, sie hatte fast den richtigen Stand. Wie Ninmah es ihr in ihren Träumen gezeigt hatte, lief sie zu einem einzelnen hochaufragenden Stein. Mit beiden Händen strich sie über die raue Oberfläche, bis sie die kleine Vertiefung ertastet hatte. Dann zog sie eine Nadel, die sie selbst nach den Vorgaben der Göttin gefertigt hatte, aus ihrem Rock und steckte sie hinein. Mit einem leisen Klicken rastete etwas im Inneren ein und die Nadel ließ sich nicht wieder hinausziehen. Sie trat zurück und wartete, bis die Sonne den richtigen Schatten warf. Dann nahm sie einen Stein und drückte die Nadel tiefer in den Obelisken. Wieder knackte es leise, dann fing der Stein leicht zu vibrieren an. Hinter sich hörte sie die Frauen ängstlich tuscheln. Ihr eigenes Herz klopfte bis zum Zerspringen. Zum ersten Mal spürte sie leise Zweifel. Was, wenn ihre Träume die Einflüsterungen eines Dämonen waren? Ärgerlich schüttelte sie den Gedanken ab. Zwang sich still stehen zu bleiben und Ruhe auszustrahlen. Der Stein versank im Sand. Um ihn herum bildete sich ein Krater, in den der Sand, wie in einen Trichter hinein floss. Sie spürte, wie der Boden unter ihren Füßen nachgab. Wollte zurückspringen, aber es war zu spät. Der Sog hatte sie erfasst! Sand erstickte ihren Schrei. Sie presste die Lippen und die Augen zusammen. Fühlte wie sie, wie auf einer Kornrutsche, immer schneller in die Tiefe schoss. Plötzlich wich der Sand zurück und sie flog durch die Luft. Endlich löste sich der befreiende Schrei von ihren Lippen. Gellte, wie der Ruf eines mythischen Ungeheueres, durch ein Gewölbe. Sie öffnete ihre Augen. Der Boden raste auf sie zu. Keuchend vor Angst streckte sie beide Arme aus. Erwartete den Aufprall. Ihre Hände berührten, was sie für Marmor gehalten hatten. Sanken darin ein, ihr Körper folgte. Etwas schloss sich, sanft wie Seide, um ihren Körper und bremste sie sachte ab. Dann wurde der Stoff wieder fest und eben. Nilva rollte sich auf den Rücken und sah einen Schatten auf sich zufliegen. Geistesgegenwärtig rollte sie zur Seite. Sie wurde abgebremst und wieder zurückgezogen. Der Untergrund war wieder weich geworden. Schmerzhaft prallte ihr Körper gegen den einer anderen Novizin. Eine weitere stürzte auf sie. Sie fiel. Rollte sich instinktiv zusammen und schützte ihren Kopf mit den Armen.
Was ist das hier?
Die Augen der Frau waren vor Angst geweitet.
Missbilligend starrte Nilva die andere an. Sie war jung. Eigentlich noch ein Mädchen, so wie die meisten ihrer Anhängerinnen. Nimm dich zusammen!
Ihre Stimme hörte sich nicht so fest an, wie sie es gern gehabt hätte. Es ist alles, wie es sein muss. Die Göttin wird uns weiter führen.
Um ihre Worte zu unterstreichen, schritt sie tapfer voran. Zum Glück gab es hier in dem unterirdischen Gewölbe Licht. Es kam aus den Wänden. Sie folgte dem breiten Hauptweg weiter und ignorierte die Abzweigungen. Hinter ihr schrie eine der Frauen auf. Zornig wandte sie sich um und erstarrte. Ein Mann stand dort.
Ihre Blicke trafen sich. Seine Augen waren genauso schwarz wie sein Haar. Mit wiegenden Schritten kam er direkt auf sie zu und verbeugte sich tief.
Edle Herrin!
Er stand jetzt so dicht vor ihr, dass sie seinen Atem spüren konnte. Er war irgendwie schön, auch wenn er blass wie der Tod war. Und er hatte sie mit Herrin angesprochen. Sie straffte ihre Schultern und nickte ihm zu.
Ich bin ein Diener der hohen Göttin, die deine Schritte hierher gelenkt hat.
Sein Lächeln entblößte strahlend weiße Zähne. Wenn du mir folgend magst, edle Maid!
Wieder verneigte er sich und deutete mit der Hand in einen der Nebenkorridore.
Zwar verstand sie das Wort nicht, wandte sich aber trotzdem in die neue Richtung. Ihre Frauen drängten sich hinter sie. Verängstigt wie eine Schar Gänse. Nilva warf den Kopf hoch und ging neben dem Fremden her.
Nilva?
Wieder das Mädchen, welches sie vorhin schon verärgert hatte. Sie ließ sich ein paar Schritte hinter den Fremden zurückfallen. Was?
Zufrieden registrierte sie, dass ihre Stimme nun wirklich wie die einer Priesterin klang, deren Geduld auf die Probe gestellt wurde.
Du hast nie gesagt, dass hier noch andere Diener warten würden.
Närrin!
Genau dieser Gedanke war ihr auch durch den Kopf gegangen. Ninmah hatte nie von anderen geredet. Aber andererseits … Sie war eine Göttin! Wahrscheinlich hielt sie Diener und Sklaven für so selbstverständlich, dass man nicht extra auf sie hinweisen musste. Haben wir im Tempel keine Sklaven?
Sie erhöhte ihr Tempo wieder. Schloss zu dem Fremden auf, dessen wiegende Schritte und wackelnder Po sie irgendwie erregten. Auf keinen Fall wollte sie sich jetzt mit ängstlichen Fragen beschäftigen.
Der Fremde hielt vor einer Tür und schenkte ihr ein geheimnisvolles Lächeln. Seid ihr bereit für die Wunder der Lemurer?
Noch ein unverständliches Wort. Sie biss sich auf die Lippen und nickte. Auf keinen Fall durfte sie sich vor ihren Frauen eine Blöße geben und eingestehen, dass sie den Mann nicht verstand.
Er öffnete die Tür. Das Licht blendete sie. Nilva taumelte zurück. Sie wäre gestürzt, wären da nicht die kräftigen Hände des Dieners gewesen, die sie auffingen; stark und doch sanft! Sie spürte ihren Mund trocken werden. Riss sich erneut zusammen und betrat den Raum. Um sie herum blinkte, glitzerte und summte es. Zahlen und Symbole bewegten sich leuchtend in dunklen Bilderrahmen. Ehrfürchtig schritt sie weiter. Ihre Frauen folgten ihr dicht auf, wie eine Herde Ziegen dem Leittier. Hinter ihnen schloss sich die Tür. Nilva achtete nicht darauf. Ihre Hand berührte eines der dunklen Bilder. Es knisterte leise, sonst geschah nichts. Einzelne Frauen lösten sich aus der Schar und begannen den Raum auf eigene Faust zu erkunden. Legten die Hände auf diese mysteriösen Bilder und die blinkenden Knöpfe. Sie bewegte sich wie in einem Traum. Nilvas Hand schloss sich um einen Hebel. Drückte ihn herunter. Eine laute Stimme dröhnte wie ein Donnerschlag durch den Raum. Die Frauen schrien. Die meisten sammelten sich wieder in der Mitte des Raumes. Eine Erscheinung flimmerte auf einem Podest auf, materialisierte sich. Ein weiterer Mann, mit stechenden Augen. Er sprach! Nilva verstand kein Wort. Panik griff nach ihr. Wo war der Fremde? Verzweifelt blickte sie sich um. Konnte weder ihn noch die Tür, durch die sie hereingekommen waren sehen. Wieder sprach die Erscheinung. Diesmal hob sie die Hand und deutete auf etwas. Nilvas Augen folgten der Geste. Ihr Herz klopfte so wild, wie nie zuvor in ihrem Leben. Tränen rannen ihr aus den Augen. Sie musste blinzeln, um überhaupt etwas sehen zu können. Um sich herum nahm sie jetzt die Schreie der anderen Frauen wahr. Die meisten rannten wild durcheinander. Suchten einen Ausgang. Sie wollten nur weg von der unheimlichen durchscheinenden Gestalt. Sie sollte etwas tun! Musste die Frauen beruhigen. Nilvas Mund öffnete sich. Vor ihren Augen verschwand ein Teil der Wand. Dahinter war eine weitere Höhle. Vollkommen Dunkel! Für einen Moment verstummten die Schreie! Dann leuchteten plötzlich mehrere riesige runde Augen in der Dunkelheit auf. Erhellten die Finsternis so weit, dass Nilva die bewegungslosen Körper mehrerer riesiger Monster ausmachen konnte. Einige davon stießen Dampf aus irgendwelchen Körperöffnungen aus. Diesmal fiel sie in die Schreie mit ein.
Medvecâ lachte. Siehst du Lilith, meine Liebe!
Seine Hand ruhte auf dem Kopf der stillen dunkelhaarigen Frau, die als Einzige von ihren Gefährtinnen noch lebte. Ich habe mein Versprechen gehalten und deine Lieblinge nicht angerührt.
Er lachte. Das brauchte ich auch gar nicht! Sieh dir diese primitiven Affen an. Wie sie sich zu Tode schreien!
Wieder lachte er. Seine Finger formten sich zu einer Klaue und griffen in das dichte schwarze Haar seiner neuen Sklavin. Er zog sie dicht an sich heran. Die stille unterwürfige Angst in ihren Augen reizte ihn. Sie gehorchte jeder seiner Launen und war so devot, dass sie noch nicht einmal wagte, um ihr erbärmliches Leben zu flehen. Liliths hilfloser Hass brandete durch seine Gedanken. Nicht zum ersten Mal bedauerte er, dass seine Gefangene körperlos war.
Denise bäumte sich in Constances Armen auf. Kaum konnte die junge Hexe die tobende Frau festhalten. Hass verzerrte das Gesicht der Archäologin. Etwas berührte Constances Schulter. Cauthon! Er war neben ihr und packte Denises Hände. Zusammen hielten sie die schwitzende junge Frau fest. Ganz langsam beruhigte sie sich wieder. Ihre Lippen bewegten sich.
Was sagt sie?
Aurecs Kopf erschien vor den Augen der Lilim.
Ich habe es nicht verstanden!
Cauthons Hände legten sich in einer unwillkürlichen Geste auf seinen Helm. Constances Herz hüpfte. Würde er ihn abnehmen? Aber nein! Seine Hand ballte sich zur Faust und sank wieder herab.
Dumm!
Sato, der still in einer Ecke saß, öffnete nicht einmal die Augen.
Natürlich ist das Ganze dumm!
Mayas Stimme war eine Spur zu schrill. Die ganze Situation belastete sie mehr als sie zugeben konnte. Hilflos dazusitzen und nichts tun zu können, war nichts für sie.
Nein!
Satos Stimme blieb leise. Er wirkte konzentriert. Das war es, was Denise gesagt hat. Dumm! Sie hat es mehrmals wiederholt.
Wie konnte Lilith bloß so selbstsüchtig sein? Denise schmeckte Blut auf ihrer Zunge. Was hatte sie denn erwartet, was geschehen würde, wenn sie Menschen aus dem vierten Jahrtausend vor der Zeitwende mit einer derart überlegenen Technik konfrontierte? Hatte sie sich tatsächlich eingebildet, dass sie die Frauen anleiten konnte eines der Raumschiffe aus der Höhle, die sie zu Tode erschreckt hatte, zu benutzen? Und dann dieser verdammte Ylor! Medvecâ! Sie würde ihm die Augen auskratzen, wenn sie sich nur endlich gegenüberstanden.
Neue Bilder fluteten durch ihren Kopf. Eine Gegend, in der Sümpfe und dichte Wälder vorherrschten. Auch hier gab es Menschen. Sie bauten primitive Hütten aus Holz und Lehm und sie betrieben Landwirtschaft. Lilith beobachtete ein Dorf. Nur wenige Familien lebten hier. Sie bauten auf einem Feld Getreide an und sie hielten Schweine; kleine dunkle Tiere mit einem borstigen Fell. Vor einer der Hütten saß eine Frau und formte etwas mit ihren Händen. Denise konzentrierte sich darauf. Die Frau saß in einem ärmellosen sackähnlichen Kleid da. Ihren Schmuck hatte sie abgelegt und ihre Hände drückten an einem Klumpen herum. Sie arbeitete an einem Gefäß! Ganz langsam nahm der Topf Gestalt an. Sah aus wie …
Glockenbecherkultur!, schoss es Denise durch den Kopf. Sie waren noch immer weit vor der Zeitenwende. Das hier musste Europa sein, im dritten Jahrtausend und … Es gab einen Ruck. Die Bilder verschwammen. Sausten wieder in einem wilden Wirbel an ihr vorbei. Denise war ärgerlich. Sie wollte mehr sehen, aber Lilith wies sie ab. Überhaupt war das hier eine sehr einseitige Konversation. Die Entität zeigte ihr Dinge, nach ihrem Gutdünken und nahm keine Rücksicht auf ihre Interessen als Wissenschaftlerin.
Weiter ging es! Denise sah Menschen jeder Hautfarbe in frühen Stadien ihrer Entwicklung. Sie beobachtete die Bauern der Longshan-Kultur in Ostchina bei der Erfindung der Töpferscheibe und erblickte keine dreihundert Jahre später die ersten Seidenraupenzuchten. Wurde Zeuge wie die befestigen Städte am Nil um dreitausendeinhundert zu einem Reich vereint wurden und lernte mit Narmer den ersten vergöttlichten Herrscher kennen.
Denise fühlte sich an ihre Zeit erinnert, ohne die sie jetzt niemals in dieser misslichen und faszinierenden Lage wäre. Die Kemeten! Sie hatten maßgeblich die Kultur der alten Ägypter geformt und dabei das Kunststück geschafft, unentdeckt zu bleiben.
Sie sah die Pyramiden entstehen, wurde Zeuge der ersten Tempelkomplexe an der Andenküste und verfolgte die Geschichte der Induskultur um zweitausendfünfhundert. Konnte sehen, wie Mohenjo Dao auf eine Einwohnerzahl von gut vierzigtausend Menschen wuchs und beobachtete den Handel zwischen Mesopotamien und den Induskulturen ab dem dritten Jahrtausend. Bei ihrer Suche nach intelligenten Wesen, die ihr von Nutzen sein konnten, durchstreifte Lilith wieder und wieder die gesamte Welt.
Beharrlich versuchte sie die Menschen zu beeinflussen, in dem sie ihnen in ihren Träumen und Gedanken erschien. Stets gab sie sich als Göttin aus und – zu Denise nicht geringem Erstaunen – blitzte die Ur-Lilim ständig ab. Die Menschen waren weit weniger religiös als Denise und ihre Kollegen annahmen. Und selbst, wenn sie an Götter glaubten, wollten sie in der Regel nicht, dass diese sich in die Angelegenheiten der Menschen einmischten. Nicht selten endeten die Visionen, die Lilith einer Frau schickte, für diese tödlich. Entweder brachte die Betroffene sich selbst aus Verzweiflung um oder sie wurde als Besessene hingerichtet. Denise fühlte sich schwindelig. Das brachte alles durcheinander, was sie und ihre Kollegen seit Jahrhunderten glaubten, was überall als akzeptierte Lehrmeinung verbreitet wurde. Wie sollte sie mit diesem Irrglauben aufräumen? Eine Vision konnte kaum als Beweis dienen.
Denise spürte Liliths Ärger. Die Entität war zornig über diese primitiven Wesen, die es wagten, sie zurückzuweisen. Die Lilim wandte sich dem Nahen Osten zu. Endlich fand sie eine Sekte, die einen dominanten Gott anbetete. Diesmal ging sie für ihre Verhältnisse vorsichtig vor. Sie offenbarte sich nicht als Person. Benutze stattdessen die Elemente, an die diese Menschen ohnehin schon glaubten.
Denise versuchte, die Zeit einzuordnen. Die Menschen waren noch immer primitiv. Gerade einmal, dass sie metallene Werkzeuge herstellen konnten und ein System in ihre Landwirtschaft brachten. Sie schätzte, dass sie sich jetzt etwa um tausendzweihundert vor Christus befand.
Erneut wurde Lilith zornig. Jemand anders begann die Früchte ihrer Arbeit zu ernten. Medvecâ! Anders als Lilith konnte er auf die Erde körperlich agieren und die Menschen direkt beeinflussen. Er trat als Prophet auf. Mit der überlegenen Technik, über die er verfügte, war es für ihn kein Problem, ein paar Wunder zu wirken. Die Menschen begannen zu glauben, dass der Gott, der zu ihnen sprach, seinen Kult von Männern durchgeführt haben wollte.
Liliths Zorn traf ihre auserwählte Priesterin, die es duldete, an den Rand gedrängt zu werden, mit aller Macht. Die Frau starb während einer Kulthandlung. Sie stürzte zu Boden und wand sich in hilflosen Zuckungen. Die Anwesenden waren bestürzt. Eilten hinzu und versuchten zu helfen. Vergeblich! Blut rann ihr aus dem Mund und sie starb unter entsetzlichen Qualen. Liliths Unbeherrschtheit machte alles noch schlimmer. Jetzt glaubten die Menschen, dass die Priesterin von einem bösen Dämon heimgesucht worden war. Dass Frauen anfällig für die Heimsuchung von den bösen Mächten waren. Man schloss sie von den Kulthandlungen aus. Wenn man sie zu den Riten überhaupt noch zuließ, dann in einem von den Männern streng getrennten Bereich. Liliths Wut war grenzenlos, aber über diese Sekte hatte sie jede Macht verloren.
Was ist jetzt wieder?
Maya wurde zunehmend ungehaltener. Alles in ihr verlangte nach Taten. Sie wollte diesen verdammten Mond auf den Kopf stellen und Lilith finden. Die Entität befreien und so schnell wie möglich von hier verschwinden.
Sie weint!
Constances Stimme verriet eine Spur Verzweiflung. Sie muss Fürchterliches erleben.
Sanft strich sie der wimmernden Archäologin eine Strähne des dichten violetten Haares aus der Stirn. Sie wiegte die Frau wie ein Kind und sprach beruhigend auf sie ein.
Was soll das? Sie hört dich sowieso nicht.
Mayas Gesicht zeigte ihren Verdruss deutlich.
Zu Constances Überraschung antwortete Cauthon der Widerspenstigen. Etwas Geduld! Vielleicht lässt Lilith sie Dinge sehen, die uns helfen sie zu befreien.
Er zögerte kurz. Wenn ich mir auch nicht mehr sicher bin, ob wir das wirklich tun sollten.
Warum dauert das so lange?
Trotzig warf sie den Kopf zurück. Sie braucht ihr nur den Weg zu zeigen, und wie viele Ylors da sind, den Rest machen wir!
Ihre Faust boxte gegen einen unsichtbaren Feind durch die Luft. Ich meine … sie muss ihr doch nicht in jedem Detail zeigen, wie dieser verdammte Mond funktioniert.
Ruhig, Maya!
Satos Stimme klang wie durch ein dickes Tuch. Wir können nichts tun als warten, oder willst du Denise hier zurücklassen? Als Opfer für die Ylors?
Das hab ich nie gesagt!
brauste sie auf. Ich …
Wir sind alle ungeduldig.
Aurec trat neben sie, vermied es aber Maya zu berühren. Glaubst du nicht, dass auch ich diese ganze Raumstation mit Vergnügen zerstören würde?
Entsetzt beobachtete Denise die Auswirkungen, die jene letzte Einmischung von Lilith und Medvecâ gehabt hatten. Zwar blieb die neue Religion, die sich auf einen Gott stützte und das Streben ihrer Anhänger auf ein Leben nach dem Tod richtete, lokal begrenzt, aber es hatte verheerende Folgen für die Frauen. Sie wurden zu Menschen zweiter Klasse. Auch wenn sie sich kein Bild machen sollten, wurde ihr Gott männlich und der Dämon personifizierte sich in einer wunderschönen rothaarigen Frau.
Lilith ließ ihr keine Zeit, die betroffene Region weiter zu beobachten. Sie stürmte durch die Zeit vorwärts, bewegte sich wieder nach Ägypten.
Sie hatte kurz das Bewusstsein verloren. Ihr Kopf schmerzte und ihre Zunge fühlte sich rau an. Denise erhob sich. Es blieb bei dem Versuch. Ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Angst griff nach ihr. Sie riss die Augen auf. Nichts! Da war nichts; eine absolute, nie gekannte Dunkelheit hüllte sie ein. Sie versuchte zu schreien, aber auch ihr Mund verweigerte ihr den Dienst. Furcht überflutete sie. Was war geschehen? Wo waren die anderen? Hatten am Ende die Ylors sie alle erwischt, während sie mit Lilith träumte? Zurückgelassen hatten die anderen sie mit Sicherheit nicht. Despair und Maya vielleicht, aber nicht Aurec und Sato. Constance würde so etwas niemals tun und auch nicht zulassen. Sie musste sich beruhigen. Nachdenken!
Wenn die Ylors sie besiegt hatten, dann … Denise schauderte. War dies der schreckliche Schlaf, mit dem man sich in eine von ihnen verwandelte? Hatte man sie gebissen? Wieder wallte die Panik auf. Nahm ihr die Luft. So wollte sie nicht leben. Sich nicht in ein Monster verwandeln, das anderen das Blut raubte, um selbst existieren zu können. Ihre Angst schlug in Verzweiflung um. Sie musste aus dieser Erstarrung heraus! Noch war sie klar genug bei Verstand. Noch konnte sie ihrem Leben selbst ein Ende bereiten, ehe der Virus ihre Abwehr endgültig schwächte und alles, was einst Denise war, auslöschte.
Sie zwang ihren Geist zur Ruhe. Langsam wich das Grauen zurück, das sie empfunden hatte. Noch immer fühlte sie ihren Körper nicht, aber das war die ganze Zeit über so gewesen, seit sie sich Liliths Führung anvertraut hatte. Nein, das stimmte nicht ganz. Ihr Herzschlag war ihr immer bewusst gewesen, selbst als sie in den Körper des Mediums geschlüpft war. Bis jetzt wenigstens! Denise konzentrierte sich. Ihr Herz war … nicht zu spüren. Aber dafür war etwas anderes da! Nein, jemand! Machtvoll drang etwas in ihren Geist ein, umklammerte ihn und zwang sie zur Ruhe. Zuzuhören. Es war Lilith! Erleichtert ergab Denise sich der vertrauten Entität.
Ein grelles Licht drang ihr durch die Augen. Denise blinzelte verwirrt. Bilder drangen in ihr Bewusstsein. Jemand stand dort mit einer Kerze. Eine alte schwarze Frau. Ihr dünnes Haar hing strähnig über die mageren Wangen. Die dunklen Augen blickten Denise besorgt an. Nein! Nicht Denise. Nicht sie. Der Blick galt der Frau, in deren Bewusstsein Lilith sie mitgenommen hatte.
Die Neugier verscheuchte Denises Furcht vollkommen. Überrascht stellte sie fest, dass sie die Stimme der Alten verstand.
Ihr habt geschrien, Herrin?
Es ist nichts!
Eine Hand fuhr kurz vor den Augen entlang und verdeckte Denise die Sicht. Nur ein böser Traum. Geh wieder schlafen!
Die Alte nickte. Sie stellte die Kerze auf den Schemel neben dem Bett ab und zog sich mit einer Verbeugung zurück.
Die Frau, in deren Kopf Denise steckte, wischte sich die Stirn ab. Sie saß auf einer harten strohgefüllten Matratze. Die Konturen ihres schlanken Körpers zeichneten sich unter der wollenen Decke ab. Interessiert musterte Denise das Muster. Ägyptisch! Kein Zweifel. Die Frau griff jetzt nach einem Krug, der ebenfalls auf dem Schemel stand. Sie schenkte etwas Wasser in eine flache Tonschale und hob diese an ihre Lippen. Denise registrierte die dunkelbraune Farbe der Haut. Noch eine schwarze Frau.
Aufgeregt versuchte Denise aus den Augen der anderen möglichst viele Details aufzunehmen. Sie war eine hochgeborene Frau, die sich eine Dienerin leisten konnte und die Zeichen waren ägyptisch. Sollte sie tatsächlich …?
Die Frau stellte die Schale ab. Mit einer Hand schirmte sie die Kerze ab und pustete sie aus.
Sie …!
Constance lehnte erschöpft mit dem Rücken gegen die durchsichtige Wand. Ihre emphatischen Fähigkeiten ließen sie an allen Emotionen der Archäologin teilhaben. Gedämpft zwar, aber immer noch ausreichend, um an ihren Kräften zu zehren. Anfangs hatte sie versucht, es den anderen klar zu machen, aber die waren zu sehr damit beschäftigt, sich über die Zeitverschwendung zu ärgern. Der Einzige, der ihr wirklich zuhörte, war der Nexialist Sato Ambush. Der Japaner saß ihr mit gekreuzten Beinen und durchgedrücktem Rücken gegenüber und rührte sich nicht. Seine dunklen braunen Augen wechselten zwischen ihr und Denise hin und her. Er allein hatte eine Ahnung davon, was Denise durchmachte. Dankbar lächelte sie ihm zu. Mit seiner Ruhe und dem unermüdlichen Ausharren gab er ihr Kraft.
Sie ist … zufrieden. Ja sie freut sich!
Sato lächelte sanft.
Von den anderen reagierte nur Cauthon. Toll!
Er hob kurz seinen Kopf und etwas an seiner Haltung sagte Constance, dass es besser war, nicht in seine Augen sehen zu können.
Sie wandte den Blick ab. Aurec saß mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden und starrte düster auf seine Hände. Maya stand vor der Wand und starrte hinaus. Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt und konnte sich nur mühsam zurückhalten, nicht gegen die unsichtbaren Wände zu schlagen.
Ihr Blick kehrte zu Sato zurück.
So! Diese Denise hatte also Spaß, während sie hier herumsaßen und darauf warteten, dass ihre Gegner sie fanden.
Cauthons Augen brannten vor Wut. Er verstand Constance nicht. Denises Wissen mochte wertvoll sein, aber im Moment war sie nicht nur nutzlos, sondern auch ein Hindernis. Sie gefährdete die Mission. Mochte ja sein, dass sie nichts dafür konnte. Andererseits hieß das nur, dass sie schwach war. Ja! Genau! Schwach und nutzlos. Man sollte sie von ihrem Leid erlösen und mit der Mission weitermachen.
Constance senkte den Kopf vor seinem Blick, den sie nur fühlen und nicht sehen konnte. Sie hielt wieder diese stumme Zwiesprache mit dem Japaner, der ihn mit seiner stoischen Ruhe in den Wahnsinn trieb. Für einen Moment verzog sich der Mund des Silbernen Ritters zu einem zynischen Lächeln. Damit hatte er eine Gemeinsamkeit mit Aurec. Die Einzige allerdings. Dieser weinerliche Saggittone widerte ihn an. Eben spielte er noch den starken Mann und im nächsten Moment buhlte er mit seinen Depressionen um Constances Aufmerksamkeit.
Und dann dieses Kind! Sein Blick traf Mayas Rücken. Kaum mehr als eine trotzige Göre, der eine richtige Tracht Prügel sicher nicht schaden würde. Seine Augen kehrten zu Constance zurück. Sie war zusammengesunken. Hielt die Archäologin aber noch immer sanft in ihren Armen. Cauthon spürte einen Anflug von Eifersucht.
Fasziniert starrte Denise aus den Augen der Frau auf die Szene. Sie hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, als blinder Passagier im Kopf der schwarzen Priesterin zu reisen. Immerhin hatte sie damit die Möglichkeit zu beobachten, ohne das Geschehen zu beeinflussen. Obwohl, sie vergaß immer wieder, dass es nur Liliths Erinnerungen waren, die sie sah, und nicht die Realität. Und Lilith hatte diese Frau und ihre Geschichte beeinflusst.
Barfuß schritt die Priesterin durch die Säulengänge ihres Tempels. Sie trug ein ärmelloses Zeremoniengewand. Die schlanken Oberarme zierten dicke goldene Reifen, in die alle möglichen Symbole eingeritzt waren. Um die Handgelenke klimperten dünne Armreifen, aus nahezu allen bekannten Metallen. Geschenke der Gläubigen an ihre Priesterin. Zahlreiche Ketten lagen um ihren Hals und selbst ihr Haar war mit Edelsteinen und Spangen geschmückt. Fast eine Dreiviertelstunde hatte das Ankleiden und Schminken gedauert.
Und nun führte man sie durch den nächtlichen Tempel. Vier bewaffnete Männer geleiteten sie schweigend durch das Labyrinth der Gänge. Was hatte man mit ihr vor? Wollte man sie bei einem Ritual opfern? Es war Denise nicht gelungen, die Gedanken der Frau, deren Name Elea war, zu lesen. Aber immerhin nahm sie einen Teil ihrer Gefühle wahr. Angst hatte die Priesterin jedenfalls keine.
Schweigend bog die kleine Prozession um eine Ecke in einen breiten Säulengang. Ölschalen, die in regelmäßigen Abständen auf halbhohen Säulen standen, sorgten hier für ein diffuses Licht. Kaum genug, um die Räume zwischen den Säulen zu erhellen. Dass dort, verborgen in Nischen, Wächter standen, nahm Denise erst wahr, als sie den ersten passierten. Auch diese Männer nahmen keine Notiz von der ruhig dahinschreitenden Priesterin. Denise wünschte sich, sich umdrehen zu können, aber sie hatte keinen Einfluss auf die Frau. Nicht einmal Lilith konnte den Körper steuern. Es war der Lilim nicht einmal möglich, permanent in den Gedanken der Frau präsent zu sein. Immer wieder musste sie sich zurückziehen und sich ausruhen. Das war früher anders gewesen. Denise war sich nicht sicher, ob Lilith schwächer wurde oder ob diese Priesterin einen so hohen mentalen Widerstand hatte. Vielleicht traf beides zu.
Sie erreichten ihr Ziel. Eine hohe Doppelflügeltür, die aufwendig verziert und mit Gold und glänzendem Kupfer beschlagen war.
Die Wachen wichen links und rechts zur Seite und bildeten ein kurzes Spalier. Einer von ihnen klopfte einmal kurz gegen das eine Türblatt.
Die Tür öffnete sich für die Frau und Denise stockte der Atem. Der Saal dahinter war unglaublich groß und mit Öllampen und Fackeln fast taghell erleuchtet. Wenigstens kam ihr das so vor. In der Mitte stand ein goldener Thron und auf ihm thronte eine weitere Priesterin. Ihre Haut war nicht ganz so dunkel wie die von Elea. Sie war eher von einem Schokoladenbraun und schimmerte in einem samtigen Goldton. Die blauschwarzen Haare waren zu einer kunstvollen Frisur in mehreren Zöpfen hochgesteckt. Sie sahen aus wie Schlangen, die sich über dem Haupt der Frau erhoben. Auch ihr Haar war mit Diamanten geschmückt und einige der Steine waren so an den Enden der Zöpfe angebracht, dass sie wie Augen aussahen und den Eindruck verstärkten.
Denise stockte der Atem. Diese Frau war das schönste Wesen, das sie je gesehen hatte. Alles an ihr schien perfekt. Der Körper war der einer jungen Frau von höchsten zwanzig Jahren, aber die Augen … Diese schwarzen Augen schienen mehr Jahrhunderte gesehen zu haben als der umgebende Tempel. Denise erschauderte vor Ehrfurcht. Diese Frau war ohne jeden Zweifel eine der nubischen Herrscherinnen, die Ägypten so lange in Frieden regiert hatten.
Elea ging langsam und ohne ein Zeichen von Schüchternheit auf den Thron zu. Dicht vor ihm kniete sie nieder. Sie beugte sich vor und ihre Stirn berührte kurz den Fußboden.
Elea!
Die Stimme war dunkler, als Denise erwartet hatte und unglaublich kraftvoll. Sie war ohne Schwierigkeiten in jedem Winkel des riesigen Raumes zu hören.
Elea erhob sich in eine kniende Position. Sie hob den Kopf und ihre Augen begegneten dem Blick der Hohepriesterin. Furchtlos stellte sie sich den durchdringenden Augen. Denise meinte sogar etwas wie Hoffnung in Elea zu fühlen; auf jeden Fall aber Vertrauen.
Und Ärger! Das war Lilith. Die Ur-Lilim betrachtete die Hohepriesterin mit Abneigung. Jade! Das war der Name der Frau. Für einen Moment verblassten Liliths Erinnerungen. Heftige Emotionen erschütterten die Entität. Denise war überrascht. Was war geschehen? Sollte Lilith sich nicht über eine starke Frau in einer Machtposition freuen?
Das Bild wurde wieder klar. Zu Denise Erstaunen lag jetzt ein Mann auf den Fußboden vor dem Thron. Ein Ylors, registrierte sie erstaunt. Er war gefoltert worden, aber er lebte noch. Er war gefesselt und unfähig sich zu bewegen. In seinen Augen zeigte sich nackte Angst. Sie hatte nicht gewusst, dass die Ylors zu solchen Emotionen fähig waren.
Die Hohepriesterin sprach wieder. Sie forderte Elea auf, näher zu treten. Die Priesterin gehorchte widerspruchslos. Ihre nackten Füße erzeugten auf den steinernen Stufen leise platschende Geräusche. Oben kniete sie wieder nieder.
Jade reichte ihr einen Dolch. Die Spitze schimmerte durchsichtig. Irgendwo im Hintergrund stimmten helle Frauenstimmen einen Gesang an. Elea richtete sich auf. Hielt den Dolch, mit ausgestreckten Armen, waagerecht vor sich. Die scharfe Klinge ruhte auf ihren Handflächen. Denise betrachtete ihn fasziniert. Die Klinge war aus Diamant und in Silber eingefasst.
Der Gesang schwoll an; wurde hypnotisch. Elea begann sich in seinem Takt zu wiegen. Angst ergriff Denise. Würde sie sich töten? Einen rituellen Selbstmord begehen mit ihr als blindem Passagier an Bord? Sie hatte kein Verlangen danach, den Tod so hautnah mitzuerleben. Fragte sich, warum Lilith sich nicht zurückzog. Versuchte sie ihre Auserwählte zu retten? War das der Grund für Liliths Ärger über Jade?
Elea wandte der Hohepriesterin den Rücken zu. Langsam, jeden Schritt verzögernd, schritt sie die kleine Treppe, die zum Thron hinaufführte, hinab. Der Gesang um sie herum war laut. Füllte jeden Winkel des Saales aus. Elea erreichte den Boden. Der Ylors zu ihren Füßen wand sich vor Angst. Er stieß unartikulierte Laute aus. Man hatte ihm die Zunge herausgerissen, begriff Denise.
Die Silben des Gesanges um sie herum verschwammen zu einem Ton. Elea wiegte sich jetzt wie in Trance. Sie kniete nieder und senkte die Klinge über den Kopf des Ylors. Sie setzte die Spitze direkt über der Nasenwurzel an. Der Gesang verstummte abrupt. Ganz langsam und ohne jedes Mitleid mit dem Gefangenen, drückte Elea die Klinge hinunter. Die wortlosen Schreie waren entsetzlich. Denise hatte nie gedacht, dass sie einmal Mitleid mit einem Ylors empfinden würde.
Dunkel lief das Blut dem unglücklichen Wesen über das Gesicht. Es knackte, als der Dolch den Knorpel durchbrach. Denise wurde übel. Sie wollte die Augen schließen. Wünschte sich in ihren eigenen Körper zurück. Zum ersten Mal hatte sie genug von der Geschichte.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis die Schreie aufhörten. Dann kamen wieder Männer. Sie waren vollkommen verhüllt. Unter dem wieder anhebenden Gesang der Frauen trugen sie den Leichnam hinaus.
Elea wusch sich die Hände in einem der Becken, die neben dem Thron standen. Dann schritt sie die Stufen wieder hinauf. Kniete erneut vor Jade.
Jade streckte eine Hand aus und legte sie Elea in den Nacken, die andere berührte sanft die Stirn der Frau.
Jade sprach. Nicht zu Elea und auch nicht zu den Umstehenden.
Sie sprach zu Lilith! Sandte der Entität Bilder zurück. Wie Elea zu ihr gekommen war. Ihr von der Stimme in ihrem Kopf berichtet hatte. Wie sie die Verbindung zwischen den blutdürstenden Monstern, die das Dorf um den Tempel terrorisierten, gezogen hatte. Die Ylors hatte man bereits vertrieben. Dieser Letzte hier war eine Botschaft an Medvecâ und an Lilith.
Verschwinde!
Jades Stimme in Denises Kopf war furchtbar. Laut! Körperlos und drohender als alles, was sie je gehört hatte. Nimm deine Monster und verlass diesen Ort oder ich vernichte dich!
Das war keine leere Drohung, begriff Denise. Diese Frau hatte die Macht, Lilith zu vernichten und auch Medvecâ und seine Monster. Sie hatte keine Furcht.
Der Schmerz traf sie vollkommen unerwartet. Etwas riss ihren Kopf, ihren ganzen Körper auseinander. Stieß wie zuvor die Diamantklinge in den Kopf des Vampirs, in ihre Stirn. Verbrannte ihr Gehirn. Denise versank in Dunkelheit.
Was hat sie?
Aurecs Stimme tropfte vor Entsetzen. Die Archäologin hatte sich unvermittelt aufgebäumt. Die Augen weit aufgerissen, hatte sie einen fürchterlichen, markdurchdringenden Schrei ausstoßen. Selbst Cauthon hatte seine Hände auf die Stelle seines Helmes gelegt, wo seine Ohren saßen.
Dann war sie verstummt und zusammengebrochen.
Sie atmet nicht!
Constance Stimme klang erschöpft, aber sie kämpfte entschlossen um Denises Leben.
Langsam kehrte Denise Bewusstsein zurück. Schwarze Schlieren tanzten ihr vor den Augen herum, aber zum ersten Mal, seit Lilith sie in ihre Gedankenwelt entführt hatte, fühlte sie ihren eigenen Körper wieder. Ihre Augenlider öffneten sich flackernd. Ganz undeutlich, wie durch einen Nebel nahm sie Constances Gesicht wahr. Die Lilim sah müde und erschöpft aus, aber sie lächelte. Sagte etwas! Denise bewegte ihre Lippen. Kein Ton kam heraus. Ihre Zunge klebte wie ein Pelztier an ihrem Gaumen.
Alles ist gut.
Constances Stimme war tröstlich.
Denise wollte das Lächeln erwidern. Ihre Gefährten wissen lassen, dass alles in Ordnung war; doch erneut spürte sie Liliths Griff. Wurde in die Dunkelheit zurückgezogen.
In einer unbarmherzig dahinrasenden Folge zogen wieder Bilder vor Denise innerem Auge dahin. Kaum einmal gelang es ihr, irgendetwas zu identifizieren. Das antike Griechenland schoss vorbei. Es interessierte Lilith nicht. War ihr mit seinen Philosophen zu rational. Aristoteles und sein Schüler Alexander! Denise konnte sie klar erkennen. Wollte Stopp!
rufen. Die Ur-Lilim zum Anhalten bewegen. In rascher Folge sah sie das kosmopolitische Reich von der Adria bis zum Indus entstehen. Der rege Austausch zwischen den Kulturen. Unvermittelt kam die Bilderfolge zum Stehen. Hörte Lilith auf ihre Wünsche?
Sie musste sehr weit im Osten sein. Begierig zog Denise jedes Detail in sich auf. Offensichtlich streckte die Entität wieder ihre Fühler nach einer vielversprechenden Kandidatin aus. Ein Tempel schälte sich auf dem Nebel heraus. Die Archäologin erkannte den Kybele-Tempel. Sie waren in AI Khanum; noch immer in der Epoche Alexanders III.
Ohne Vorwarnung setzte die Flut der Bilder wieder ein. Kam erneut zum Stehen. Diesmal konnte sie mehr erkennen. Sie waren wieder in Ägypten. Eine Herrscherin mit weltlicher Macht, auf die Lilith ihre Hoffnung gesetzt hatte, bis sie sich mit einem Mann einließ. Denise Herz schlug schneller. Sie erkannte die Zeichen der Ptolemäer und …
Weiter ging es in rasender Fahrt durch die Geschichte. Zum ersten Mal wurde sie sich bewusst, was für ein unglaubliches Geschenk die Ur-Lilim ihr machte, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wie sie das alles für ihre Karriere verwenden sollte.
Denise konzentrierte sich wieder auf die Bilder. Sie mussten sich um die Jahrtausendwende befinden. Fast die Hälfte der Menschen konzentrierte sich auf drei Reiche: Rom, Han in China und das partherische Reich.
Wie ein Adler über einem Feld, in dem er seine Beute wusste, so waren Liliths Sinne durch die Jahrtausende immer wieder über die Erdkugel gekreist. Sie hatte die Grundlegung der Welt, so wie Denise sie kannte, miterlebt und nun … Denise Aufregung wuchs. Von jetzt ab durfte sie nichts mehr verpassen. Wie eine Studentin im ersten Semester, so begierig wartete sie auf das Wissen, das sich vor ihr ausbreiten sollte. Und anders als die Studentin wurde die Wissenschaftlerin nicht enttäuscht.
Lilith kehrte in den Nahen Osten zurück. Hier hatte sich etwas entscheidend verändert. Neue religiöse Gruppen gewannen an Macht und verhalfen den Elementen älterer Religion zu nie gekanntem Ansehen. Denises Faszination wich reinem Entsetzen!
Sie war fast wach!
Constance war glücklich. Denise hatte sie angesehen und ihre Augen hatten ihr gezeigt, dass sie zurückkommen würde. Sobald Lilith sie ließ.
Prima!
Cauthon konnte seinen Ärger nicht länger bezähmen. Wir verlieren kostbare Zeit!
Constances Blick traf ihn. Ihre wunderschönen Augen funkelten vor Zorn. Der Silberne Ritter hob beschwichtigend seine Hand. Ich sag ja nicht, dass wir sie zurücklassen sollen. Wir nehmen sie einfach mit! Aurec und ich können sie leicht tragen.
Gute Idee.
Aurec stemmte sich vom Boden hoch.
Der Saggittone stellte sich auf seine Seite! Unter seinem Helm lächelte Cauthon.
Ja! Gute Idee!
Maya äffte seinen Ton nach. Ihr beide schleppt sie mit euch, während wir uns durch eine Übermacht Ylors hauen.
Kleine Gruppen, die im Verborgenen agierten. Ihre Mitglieder zu Stillschweigen verpflichteten, sie gegen ihre Familien einnahmen und dazu brachten, einen Teil ihrer, nur allzu oft, geringen Habe, der Sekte zu spenden. Sie trafen sich an geheimen Orten: Katakomben, den Hinterzimmern zwielichtiger Kneipen und in den Häusern ihrer besser situierten Mitglieder. Sie hielten ihre Rituale vor Ungläubigen geheim. Predigten Nächstenliebe und quälten die Seelen mit Intoleranz. Sie sagten: Vor ihrem Gott seien alle Menschen gleich, aber das Leben von Frauen und Andersgläubigen hatte keinen Wert.
Ein pulsierender durchdringender Schmerz hämmerte hinter Denise Stirn, als sie begriff, was sie da sah. All das ging auf den Kampf zwischen Lilith und Medvecâ zurück. Lilith – die geschundene Entität, die schon als junges Mädchen fast durch brutale Gewalt zerbrochen worden war – und Medvecâ; einst ein schüchterner Junge, dem keiner Anerkennung zollte und der es jetzt allen heimzahlte.
Und es kam noch schlimmer. Über die Jahrhunderte hinweg gab es immer neue Abspaltungen – neue Priester, die ihre eigenen Interpretationen der Texte schufen. Menschen sammelten sich hinter dem Banner der jeweiligen Auslegung und führten erbitterte Kriege gegeneinander und gegen alle, die anders dachten, anders aussahen oder leben wollten.
Ein Merkmal blieb allen Sekten gemein: der Anspruch auf Einzigartigkeit. Damit rechtfertigten sie sogar Völkermord! Und immer beharrten die Prediger darauf, dass nur sie allein in der Lage wären, die Wahrheit zu erkennen und den Willen ihres Gottes auszulegen. Selbst, wenn in den heiligen Büchern etwas anderes geschrieben stand.
Auch blieb ihnen gemein, dass sie Frauen verachteten. Sie aus dem öffentlichen Leben verdrängten und immer mehr entrechteten. Diese Prediger verlangten von ihren Anhängern blinden Gehorsam und planlose Vermehrung.
Je mehr sie sah, desto heftiger geriet Denise in Zorn. Sie spürte, dass Lilith ihre Wut teilte und fühlte sich ihr verbunden. Auch wenn die Ur-Lilim ausblendete, dass sie selbst daran nicht unschuldig war. Letztendlich waren es Medvecâs Intrigen, denn er und seinesgleichen konnten sich körperlich auf der Erde bewegen. Dabei ging dieser Fürst des Bösen so geschickt vor, dass weder Atlan noch die Kemeten oder sonstige unbekannte Entitäten Verdacht schöpften. Der Ylors verstand sich meisterhaft darauf, schwache Menschen seinem Willen zu unterwerfen und sie in die richtigen Positionen zu manövrieren. Mehr musste er nicht tun. Die Menschen verfügten über genug eigene Kreativität und Bosheit, um den Rest allein zu erledigen. Oft sogar besser, als es sich Medvecâ hätte ausdenken können.
Lilith geriet in Rage. Sie erhöhte das Tempo der Bildfolgen und riss Denise in einem Sturm aus Emotionen auf eine höllische Achterbahnfahrt durch die Jahrhunderte mit.
Das, was die beiden Kontrahenten gut tausend Jahre vor der Zeitwende das erste Mal losgetreten hatten, verselbständigte sich immer mehr und musste nicht mehr durch Manipulationen des Ylors gesteuert werden. Wieder und wieder produzierte es neue Ableger. Manche brauchten für ihre Theorie des Mehrwerts nicht einmal mehr einen Gott. Sie griffen auf eine vorbestimmte Entwicklung der Geschichte, Volkszugehörigkeit und zuletzt auf Reichtum zurück. Einigen gelang es sogar, für ihre Mythen die Wissenschaft zu pervertieren.
Denise wollte die Hände vors Gesicht schlagen. Wollte nichts mehr von all dem sehen. Es sollte aufhören. Nur Aufhören! Ihr Geist schrie ihre Pein heraus. Berührte Lilith und die Entität, die sich ganz ihrem eigenen Zorn ergeben hatte, wurde aufmerksam. Erschrak über Denises Qual und riss sie aus dem Alptraum zurück. Brachte sie in eine friedliche Umgebung. Dunkelheit und Ruhe umgaben die Archäologin. Einen Augenblick hatte sie das Gefühl, dass Lilith sie in den Arm nahm, sie tröstend wie ein kleines Kind wiegte.
Alle waren aufgesprungen und standen mit weißen Gesichtern um den schlaffen Körper der jungen Frau herum. Der Schrei, den Denise ausgestoßen hatte, war nicht mehr menschlich gewesen. Tongewordene Qual, hatte er sich zu einer Höhe erhoben, die ihnen schier das Trommelfell zerreißen wollte.
Was …?
Mayas Stimme verstummte mit einem Zittern.
Selbst der ruhige Sato beugte sich mit geweiteten Augen über die Archäologin. Lebt sie noch?
Seine Stimme drückte das Entsetzen aus, das über ihnen allen hing.
Sie lebt!
Constances Hände zitterten kaum merklich, als sie die verschwitzten Haare aus Denise Gesicht strich.
Aurec und Sato knieten sich neben den bewegungslosen Körper. Auch sie legten der Bewusstlosen ihre Hände auf einen Arm. Alle drei murmelten jetzt in einem monotonen Singsang beruhigende Worte.
Cauthon runzelte unter seinem Helm die Stirn. Nicht zum ersten Mal kamen ihm Zweifel, ob es klug war, diese Lilith zu befreien. Er wandte den Kopf ab und schaute durch die durchscheinenden Wände auf das dunkle All hinaus. Vielleicht war es besser, diesen verdammten Ort mitsamt Lilith und den Ylors zu sprengen.
Denises mentales Schluchzen verstummte. Ganz langsam gewann sie die Fassung zurück. Sie spürte Lilith jetzt ganz deutlich an ihrer Seite. Die Entität hatte tatsächlich ein schlechtes Gewissen, wegen dem, was sie ihr gerade angetan hatte.
Sie seufzte. Eigentlich musste sie der Ur-Lilim für das Wissen dankbar sein. Ein anderer Gedanke breitete sich in ihr aus. Sie versuchte ihn in einer Frage zu formulieren, die sie Lilith stellen konnte.
Warum hatten Lilith und Medvecâ plötzlich darauf verzichtet, sich in die Geschicke der Welt einzumischen? Oder war es nur ein Zufall, dass Lilith ihr keine weiteren Bilder gezeigt hatte?
Lilith schickte ihr neue Bilder. Sanfter und vorsichtiger diesmal. Sie hatte sich noch eine Weile bemüht, den Schaden, den sie angerichtet hatte, zu reparieren oder wenigstens abzumildern. Vergeblich! Was immer sie unternahm, Medvecâ kam hinzu und quälte die Menschen. Er setzte den Mythos von den rothaarigen Dämonen, die die Kinder fressen würden, in die Welt und schürte ihn; setzte ihm als positiven Pol seine unterwürfige Sklavin Eva entgegen.
Lilith strahlte jetzt eine unendliche Traurigkeit und Resignation aus. Sie hatte sich schließlich vollkommen in sich selbst zurückgezogen. Sich in einen Kokon aus Stille gehüllte, den nicht einmal die perverse Phantasie des grausamen Ylors zu durchdringen vermochte.
Der untote Fürst langweilte sich schließlich und er kehrte auf die Erde zurück.
Wieder nahm die Entität sie mit in ihre bildhaften Erinnerungen. Die Stadt Clermont im elften Jahrhundert. Sie sah festlich geschmückte Menschen, die sich vor der Kirche versammelt hatten. Männer, Frauen und Kinder standen mit offenen Mündern und lauschten einer Rede, die sie kaum verstanden, denn sie wurde auf Latein vorgetragen. Anders dagegen die bewaffneten Männer, die in der ersten Reihe standen oder auf kostbaren Sesseln saßen. Ihre Gesichter waren vor Eifer gerötet und sie grölten mit rauen Stimmen ihre Zustimmung.
Denise nahm eine Gestalt in einem weiten Gewand auf den Stufen der Kirche wahr. Sie erkannte die Tiara und den Stab – das war ein Papst! Urban der Dritte schmetterte den Versammelten seine flammende Rede gegen die Ungläubigen entgegen und welch entsetzliche Gräuel sie an den Kindern Gottes verüben würden, die doch nur das Grab ihres Herrn sehen wollten.
Hinter der geifernden Gestalt des obersten Kirchenfürsten stand, das Gesicht halb durch eine Kutte verborgen, der dunkle Fürst der Ylors.
Die Kreuzzüge! Denise Interesse war neu geweckt, trotz der Gräuel, die sie erneut mit ansehen musste. Wenigstens wusste sie jetzt, dass diese entsetzlichen Taten nicht in der Natur der Menschen lagen, sondern eine Ausgeburt ihres Aberglaubens waren.
Lilith wechselte immer wieder die Perspektive; zeigte ihr die Schlachten mal aus der Sicht der Muslime und dann wieder aus christlichen Sicht.
Beide vergaben sich nichts, was Grausamkeit und Rachsucht anging. Niemand war Opfer, jeder war zugleich auch immer Täter. Rache zog Rache nach sich und Fehde folgte auf Fehde. Es wurde auch nicht besser dadurch, dass auf beiden Seiten die großen Führer die Namen ihrer Götter nur nutzten, um ihre Gier nach Macht und Reichtum zu befriedigen.
Der Pöbel folterte und mordete auf beiden Seiten im Namen der Liebe und der Barmherzigkeit. Und mittendrin immer wieder Medvecâ und seine Ylors.
Die Bilder zeigten wieder Europa. Medvecâ folgte einem muslimischen Heerführer nach Norden, verließ das Lager aber bald und zog, gefolgt von einer kleinen Schar seiner eigenen Brut, weiter in den Balkan. Hier bezogen sie ein altes verlassenes Dorf und wüteten hemmungslos unter der Bevölkerung.
Männer, Frauen und Kinder! Sie verschonten niemanden. Gefiel ihnen ein junger Mann oder eine Frau, dann infizierten sie ihr Opfer mit dem unseligen Virus und nahmen sie in ihre Reihen auf. Oft kehrten diese dann in ihr ehemaliges Heim zurück und ermordeten ihre eigenen Familien.
Die Menschen rotteten sich zu kleinen Wachtrupps zusammen und versuchten alles Mögliche, um die Plage loszuwerden. Aber gegen die Ylors hatten sie keine Chance. Schließlich wandten sie sich in ihrer Not an die Kirche. Priester in kostbaren Gewändern ließen sich gut bezahlen, um Exorzismen abzuhalten und wenn diese nicht halfen, dann schoben sie die Schuld den Opfern zu. Ihr Glaube wäre nicht stark genug gewesen, so dass ihr Schicksal die Strafe Gottes sei. Bald war die ganze Gegend in Aufruhr. Nichts ging mehr seinen gewohnten Gang und schließlich kamen die ersten Gelehrten und Berichterstatter aus anderen Ländern, um das Grauen mit eigenen Augen zu sehen.
Die Bilder kamen zur Ruhe und zeigten Medvecâ, der blutbesuhlt auf dem Marktplatz eines ausgestorbenen Dorfes stand. Eine schwarze Kutsche, gezogen von acht Rappen, bog auf den Platz ein. Hielt direkt vor dem Ylors. Der Kutscher grüßte ihn unterwürfig und bat ihn, in der Kutsche Platz zu nehmen.
Medvecâ musterte den abstoßenden Mann auf dem Kutschbock. Ein buckliger Gnom, nicht einmal Wert ihn zu töten, aber die Kutsche gefiel ihm und die Pferde waren ganz nach seinem Geschmack.
Bitte, Herr!
Der Bucklige hüpfte erstaunlich behände vom Bock und verbeugte sich tief. Eine seiner knochigen Hände streckte sich aus und öffnete den Verschlag der Kutsche.
Der Ylors blickte hinein. Sie war leer! Schwarzer Samt, gesäumt mit schwarzer Spitze und hier und da funkelte ein Edelstein.
Wer ist dein Herr?
Die Kutsche und die Einladung hatten seine Neugier geweckt. Wer sich solchen Luxus leisten konnte, war einen Besuch wert.
Der Graf des Landes hier!
Die knubbelige Hand fuchtelte vage in eine Richtung. Das Schloss meines Gebieters ist nicht weit von hier.
Der Graf? Medvecâ schüttelte den Kopf. Von einem hiesigen Grafen hatte er noch nichts gehört. Die Menschen hatten auf seine Frage hin, wer ihr Herr war, nur den Kopf geschüttelt und das Zeichen des Kreuzes geschlagen.
Bitte, Herr!
Die Stimme des Gnoms wurde drängend. Mein Gebieter hat einen Empfang für euch vorbereitet.
Medvecâ sah sich um. Außer ihm und diesem Faktotum war niemand da. Seine Leute verfolgten wahrscheinlich die Flüchtlinge durch die Wälder. Sie waren erst am Morgen in diese Gegend gekommen und hier, in diesem Ort, hatten die Leute sie noch vertrauensvoll willkommen geheißen.
Er zuckte die Schultern. Ein Schloss würde genau die richtige Residenz für ihn sein. Er setzte einen Fuß auf den heruntergelassenen Tritt der Kutsche und zog sich in das Innere.
Der Gnom schloss die Tür und schwang sich wieder auf den Kutschbock.
Medvecâ schob den schweren Stoff des Vorhanges beiseite und streckte den Kopf hinaus. Wohin fahren wir genau?
Die Kutsche setzte sich mit einem Ruck in Bewegung. Borgo-Pass!
Der Fahrer knallte mit der Peitsche und die Pferde verfielen in Galopp.
Medvecâ ließ sich in die bequemen Polster fallen. Seltsam! Von einem solchen Ort hatte er noch nie gehört. Die Kutsche wurde schneller. Erneut hörte er die Peitsche knallen.
Er würde den Kutscher umbringen! Wenn dieses Gefährt nur erst zum Stillstand kommen würde. Mit beiden Händen krallte der Fürst der Ylors sich an den Armlehnen fest. Der Gnom fuhr wie ein Irrsinniger! Ganz so, als habe er kein Leben, das er verlieren konnte.
Die Kutsche rumpelte und holperte über Stock und Stein und legte sich in den Kurven gefährlich auf die Seite und immer noch trieb dieser Wahnsinnige die Pferde an.
Er hatte mit dem Gedanken gespielt aus dem Wagen zu springen, aber ein Blick aus dem Fenster hatte ihn davon Abstand nehmen lassen. Sie rasten einen Berg hinauf und den Weg, dem sie folgten, begrenzten auf der einen Seite eine Bergwand und auf der anderen ein steiler Abhang. Medvecâ biss die Zähne zusammen. Bei einem solchen Sturz konnte auch er sich verletzen oder gar getötet werden. Hoffentlich war dieser Graf das wenigstens wert. Er würde erst den Herrn töten und dann diesen Diener und zuletzt … er hoffte, dass es auch eine Gräfin gab.
Der Ton der Räder auf dem Untergrund änderte sich. Medvecâ sah hinaus und bereute es sofort. Die Brücke, über die sie hinwegfegten, war kaum breiter als die Kutsche.
Er drückte sich wieder gegen die Rückenlehne. Dafür würde der Gnom büßen. Er würde ihn nicht töten. Nein! Er sollte mit Unsterblichkeit und endloser Sklaverei bestraft werden.
Der Ton der ratternden Räder änderte sich erneut. Die Hufe der Pferde klapperten auf Stein. Der Kutscher rief etwas und schlitternd kam das Gefährt zum Stehen.
Medvecâ hatte sich kaum aufgesetzt, als der Verschlag aufgerissen wurde und der Gnom seinen Kopf hineinsteckte. Bitte, Herr! Wir sind am Ziel.
Er zügelte seine Wut. Lehnte die helfende Hand ab und kletterte aus dem Wagen. Das Schloss war riesig. Hoch ragten seine Türme in den Nachthimmel auf. Die meisten Feinster waren dunkel.
Kommt, Herr.
Der Bucklige glitt vor ihm über den unebenen Boden. Vor einer imposanten Tür blieb er stehen. Mit beiden Händen fasste er den Messingring und ließ ihn gegen das Holz fallen. Man wird sich um Euch kümmern.
Verwirrt drehte der Ylors sich um. Dieser Krüppel war wirklich schnell. Er stand schon wieder bei seiner Kutsche.
Herr!
Medvecâ schrak zusammen. Seinen feinen Sinnen war das Öffnen der Tür entgangen. Er wandte sich um. Vor ihm stand ein weiterer Gnom. Er sah aus, wie eine Kopie des Ersten.
Wenn ihr mir folgen wollt.
Er glitt zur Seite und gab den Weg frei.
Die Halle war hell erleuchtet und was er sah, erfreute Medvecâs Herz. Edle Stoffe und Möbel, Kunstwerke und ein Marmorfußboden. Ja! Hier würde seine neue Residenz beziehen. Er trat an dem wartenden Diener vorbei. Die Tür schloss sich hinter ihm genauso geräuschlos, wie sie sich geöffnet hatte.
Willkommen!
Die Stimme kam von der anderen Seite der Halle. Eine dunkle und angenehme Stimme. Medvecâ trat einen Schritt vor und hob den Kopf. Der Sprecher stand am oberen Ende einer breiten, mit einem kostbaren Teppich bedeckten Treppe. Eine hagere Gestalt ganz in Schwarz gekleidet, wie der Ylors selbst. Langsam kam der Mann die Treppe hinunter. Er war blass, hatte aber etwas Aristokratisches. Ich danke für die Einladung, Herr Graf!
Medvecâ schmunzelte. Er würde das Spiel eine Weile mitspielen. Mal sehen, wie viel Personen noch daran teilnahmen.
Der Graf blieb auf dem mittleren Absatz der Treppe stehen. Wenn Ihr mir folgen wollt …
Seine Hand deute auf eine geöffnete Tür in der mittleren Etage.
Medvecâs geschärfte Sinne registrierte den köstlichen Geruch, der von dort zu ihm herunterzog. Köstlicher Braten! Schade, dass der Koch sich die Mühe umsonst gemacht hatte. Er folgte dem Grafen. Der Raum war kleiner, als die Empfangshalle, aber immer noch groß genug, um hundert Personen Platz zu bieten. In der Mitte stand eine riesige Tafel, an deren einem Ende man zwei Gedecke aufgelegt hatte.
Sie setzten sich. Der Graf nahm eine Flasche Rotwein und schenkte zwei Gläser voll. Über den breiten Tisch hinweg bot er Medvecâ eines an.
Der Ylors schüttelte den Kopf. Ich trinke schon seit unendlich langer Zeit keinen Alkohol mehr.
Die dünnen Lippen des Grafen verzogen sich zu einem nachsichtigen Lächeln. Es ist kein Alkohol.
Wie sanft die Stimme war und wie schön dieses blasse Gesicht. Medvecâ wischte sich irritiert über die Augen. Was war los mit ihm? Der Geruch von Blut strömte in seine Nase. Verwirrt sah er den Grafen an. Dessen Arm war noch immer ausgesteckt und hielt das bauchige Glas mit der roten Flüssigkeit. Er nahm es. Roch daran! Es war tatsächlich Blut. Verdutzt blickte er seinen Gastgeber an.
Das ist es doch, was Du und die Deinen als Nahrung bevorzugen!
Der Blick der dunklen Augen war verschleiert. Nicht eine Regung konnte der Ylors von dem Grafen einfangen. Fasziniert beobachtete er, wie sein Gastgeber das eigene Glas an die Lippen setzte und einen herzhaften Zug machte.
Keinen Durst mehr, Fürst Medvecâ?
Der Mann lachte. Etwas an ihm veränderte sich. Die kalten Augen richteten sich auf den Ylors und zum ersten Mal seit seiner Transformation vor so vielen Jahrmillionen spürte Medvecâ Angst. Dieses Wesen dort war ungleich mächtiger als er selbst und alt; unglaublich alt. Vorsichtig setzte er das Glas ab. Er vermochte sich nicht aus dem Bann der Augen zu lösen. Wer …?
Wer ich bin?
Die Stimme war jetzt hypnotisch. Zwingend! Richtig! Ich habe mich nicht vorgestellt. Wie unhöflich von mir.
Das leise Lachen jagte dem Ylors einen kalten Schauer über den Rücken. Er fühlte sich wie versteinert. Konnte keinen Finger mehr rühren.
Ich bin der Graf des Landes hier.
Der Arm zog einen weiten Bogen. Und der Herr über diese armen Leute, die du und deine Bande zu gnadenlos hinmetzelt.
Die Kälte dieser Augen drang mitten in Medvecâs Herz.
Meinen Namen brauchst du nicht zu wissen!
Das Lächeln war faszinierend und drohend zugleich. Du wirst nicht mehr lang genug hier sein, um etwas damit anfangen zu können.
Medvecâs Herz machte einen Satz. Wollte der andere ihn töten?
Mitnichten!
Der Graf hob abwehrend seine Hände. Nicht doch, Fürst Medvecâ! Ich breche doch nicht das Gastrecht.
Er schüttelte den Kopf. Was denkt ihr nur von mir?
Seine Augen senkten sich auf das noch immer unberührte Glas seines Gastes. Ihr könnt ruhig davon trinken. Es wird euch nicht schaden.
Wie von selbst, griff Medvecâs Hand nach dem Glas und setzte es an die Lippen. Noch vor dem ersten Schluck wusste er, was er trank. Ylorblut!
Ihr Name war Christa!
Die Züge des Grafen waren jetzt wie versteinert.
Der Ylors fühlte Übelkeit in sich aufsteigen.
Von deiner Bande Meuchler ist niemand mehr am Leben.
All seine Macht nützte dem Ylorfürsten nichts. Er konnte sich weder Bewegen noch sprechen.
Meinem Wort kann man vertrauen. Selbst, wenn ich es einer Kreatur wie dir gebe! Ich weiß, dass du nicht von dieser Welt bist und ich weiß, dass du noch mehr deiner mordenden Art in der Nähe sind.
Der Graf entblößte seine Zähne erneut zu einem Lachen und zeigte ein schimmerndes Paar Reißzähne. Ich will euch hier nicht haben! Du nimmst deine Meute und verschwindest. Nicht nur von hier! Ich will euch überhaupt nicht auf der Erde haben.
Der Graf drang in seinen Geist ein und zeigte ihm Bilder seiner Ylors, davon wie sie starben. Der dunkle Fürst schauderte. Der Bann löste sich und er konnte sich wieder bewegen. Vom Grafen war keine Spur mehr zu sehen.
Medvecâ rannte.
Verstößt das nicht gegen unsere Regel der Nichteinmischung?
Die Frau war genauso blass wie der Graf und von überirdischer Schönheit.
Sie stammen nicht von der Erde. Für sie gilt das nicht.
Der Graf legte Lady Lucinda einen Arm um die Schultern. Gemeinsam beobachteten sie, wie der Fürst der Ylors den Pass hinunter rannte.
Atlan und ES sind auch nicht von hier. Trotzdem lassen wir sie gewähren.
Sie schaden den Menschen nicht! Und uns auch nicht! Nein diese Upir oder Ylors, wie sie sich selbst nennen, gefährden das Gleichgewicht, das wir so mühsam aufgebaut haben.
Sie nickte. Eine Locke ihres dichten braunen Haares fiel ihr über die Augen. Die Hinrichtung wird man nicht vergessen. Hast du keine Angst, dass es Neugierige anzieht?
Schweigend schüttelte der Graf den Kopf.
Die Menschen standen dicht gedrängt beieinander und blickten mit einer Mischung aus Furcht und Achtung zu dem Schloss hinauf, das wie immer im Nebel verborgen lag. Der Graf war aufgewacht und hatte die Ungläubigen verjagt, die soviel Leid über das Land gebracht hatten. Ihre Körper verrotteten langsam auf den Pfählen.
Unglaublich! Denise war sprachlos! Das war absolut phantastisch. Sie musste … ja sie musste Lilith bitten, ihr eine Möglichkeit zu zeigen, wie sie das beweisen konnte. Aber vielleicht war das ja auch nicht notwendig! Vielleicht lebte er noch immer auf der Erde. Unerkannt, irgendwo unter den Milliarden Menschen.
Wir müssen uns nun trennen!
Wie …?
Für einen Moment war sie verwirrt. Aber …
Lilith verließ sie! Zog sich wieder zurück. Dabei hatte Denise noch so viele Fragen. Es wurde dunkel.
Wir müssen endlich etwas unternehmen!
Maya reckte trotzig das Kinn vor.
Sie hat recht!
Despair legte Constance eine Hand auf die Schulter. Wir verstecken Denise, befreien Lilith und nehmen sie auf dem Rückweg wieder mit.
Nein!
Constances Stimme ließ keinen Zweifel an ihrer Entschlossenheit. Ich will Lilith auch befreien, aber ich lasse Denise mit all diesen Ylors hier nicht zurück.
Cauthon hat recht!
Aurecs Stimme wurde eindringlich. Wir wissen nicht, was mit ihr passiert, Constance! Vielleicht ist die beste Möglichkeit, ihr zu helfen, Lilith zu befreien.
Constance seufzte. Sie erhob sich vom Boden und wandte sich den anderen zu. Ich denke noch immer, dass es Lilith ist, die ihren Geist festhält. Sie wird das nicht ohne Grund tun. Sie muss wissen, dass wir ihretwegen hier sind. Was, wenn sie Denise einen Plan zu ihrer Rettung mitteilt?
Dann muss das ein verdammt komplizierter Plan sein, solange wie das dauert.
Maya war nicht bereit von ihrem Entschluss abzuweichen. Sie würde diesen Raum verlassen. Mit oder ohne Constance.
Wir haben ja noch nicht einmal einen einfachen Plan!
Sato nahm für Constance Partei. Wir sollten zumindest noch so lange warten, bis wir uns einig sind, wie wir vorgehen.
Ich habe mir schon einige Gedanken dazu gemacht.
Der Silberne Ritter warf Aurec einen Blick zu. Der Saggittone nickte zu seiner Überraschung in stiller Zustimmung. Er erklärte den Gefährten, was er sich vorstellte.
Das könnte klappen!
Aurec zollte Despair widerwillig Respekt.
Worauf warten wir dann noch?
Ohne dass sie es bemerkt hatten, war Denise aufgestanden. Sie stützte sich noch an der Wand ab, aber ihre Stimme war kraftvoll.
Ihre Gefährten umringten sie. Redeten alle auf einmal auf sie ein. Sie hob die Hand. Wartet! Gebt mir bitte einen Schluck Wasser, dann erzähle ich euch, was geschehen ist.
Ihre Augen leuchteten.
Sato reichte ihr seine Flasche. Sie nahm einen tiefen Zug und begann zu erzählen. Obwohl sie ihren Freunden nur eine sehr kurz und stark zusammengefasste Version lieferte, verfehlte es seine Wirkung nicht.
Wir müssen uns beeilen!
Mayas Stimme vibrierte vor Zorn. Wir müssen sie befreien! Sofort!
Ja!
Constance nickte. In ihren Augen brannte ein wildes Feuer. Sie darf diesen Monstern keine Sekunde länger ausgeliefert sein.
Cauthon zog sein Schwert. Gehen wir.
Sie folgten ihm.
Die letzten Meter bis zu dem Raum, in dem die Wachen saßen. Schweigend wollte Constance sich an ihm vorbei drängen. Er fasste sie sanft an der Schulter. Sei vorsichtig!
Sie lächelte. Schon in der Verwandlung begriffen, drückte sie seine Hand. Cauthon blickte ihr hinterher. Ohne ein Zeichen von Furcht marschierte sie um die Ecke.
Was …?
, der Ylors sprang auf. Das war doch nicht möglich! Eine Sukkubus und etwas in seinem Kopf schrie, dass es Lilith war! Die Gefangene! Das konnte nicht sein. Die Lilim flog hoch. Alle Augen richteten sich auf sie.
Cauthon schwitzte. Es kostete ihn Kraft, in so viele Gehirne gleichzeitig einzudringen. Die anderen zogen ihre Waffen. Aurec war als Erster um die Ecke. Despair hörte das Splittern der Kommunikationskonsole. Manchmal war der Saggittone ganz brauchbar. Er riss sein Schwert hoch und stürzte in den Raum. Aurec wütete wie ein Berserker unter den Ylors. Sato und Maya wirbelten zwischen ihnen herum wie Tänzer und erledigten ihren Teil.
Constance kam an seine Seite. Schulter an Schulter pflügten sie sich durch ihre Gegner.
Maya keuchte. Sie war gut in Form, trotzdem gingen ihr langsam die Kräfte aus. Sie wich einem weiteren Angriff aus. Feuerte ihre Waffe auf den Ylors ab und trennte mit dem scharfen Plasmastrahl seinen Kopf von den Schultern. Sie brauchte bald eine Pause. Schon fühlte sie ihre Reflexe nachlassen. Ein Stoß traf sie in den Rücken. Sie verlor das Gleichgewicht und prallte mit der Stirn voran gegen die Wand.
Maya! Sato wirbelte herum. Die junge Frau war zu Boden gestürzt und rührte sich nicht mehr. Mit aller Gewalt schlug er dem Ylors seinen Kampfstab über den Rücken. Die Bestie schrie und wirbelte herum. Cauthons Schwert sauste heran. Spaltete den hässlichen Schädel. Er nickte dem Silbernen Ritter zu. War froh, dass er auf seiner Seite war. Aurec und Despair waren überall. Sie hackten, schlugen und zerstören ihre Gegner unermüdlich wie Maschinen. Er duckte sich unter dem nächsten Angriff weg.
Der Kopf tat weh. Maya betastete die Stelle. Sie fühlte sich unnatürlich weich an. Ihr wurde Übel. Mit aller Macht kämpfte sie dagegen an. Zwang sich bei Bewusstsein zu bleiben. Kämpfen konnte sie nicht mehr. Sie sah sich um. Der Kampf wogte auf der anderen Seite des Raumes. Der Weg zum PEW-Block war frei. Entschlossen kroch sie auf dem Bauch vorwärts. Hand um Hand zog sie sich voran. Blutige Schlieren tanzten ihr vor Augen. Sie erreichte den Durchgang. Dort war der Block. Tiefschwarz und abstoßend! Sie zog sich weiter.
Sie hatten es geschafft. Aurec atmete auf. Die Ylors waren tot. Der Weg zu Lilith endlich frei.
Wo ist Maya?
Sato drehte sich um die Achse. Ich sah, wie sie verletzt wurde.
Cauthon deutete auf den Raum, in dem sie Liliths Gefängnis wussten. Sie ist da hinübergekrochen.
Keuchend folgten sie dem silbernen Ritter in den Raum. Maya lag vor dem Block auf dem Gesicht. Sie rührte sich nicht mehr.
Constance taumelte zu ihr. Legte ihr vorsichtig eine Hand in den Nacken. Sie lebt.
Es krachte vor ihr. Ein Riss entstand in dem PEW-Block. Wanderte schnell hinunter und verbreiterte sich. Sie schaffte es gerade noch, Maya wegzuziehen, dann fiel der Block in zwei Teilen auseinander. Wenig später begannen die zerbrochenen Teile in unwirklichem grünen Feuer zu glühen und verschwanden schließlich spurlos. Hinter ihr schrie Denise.
Die Archäologin brach zusammen. Aurec war als Erster bei ihr. Beugte sich besorgt über sie. Ihre Augenlider flackerten. Öffneten sich.
Geht es dir gut, Denise?
Denise?
Die Stimme war unglaublich kalt. Ich bin Lilith!
Ende
Aurec und seine Begleitung haben den SCHWARZEN MOND erreicht und konnten schließlich Lilith finden. Im nächsten Roman wechseln wir zurück ins Riff. Dort befinden sich eine große Gruppe um Roi Danton, Joak Cascal, Nistant und Anya Guuze auf der Flucht. Dabei stoßen sie auf eine schaurige Entdeckung. Es ist
Das Schicksal der Ironduke
Heft 180 ist das DORGON-Debut von Autorin Sissy Salomon.
Und weiter gehen die Einblicke und Einsichten in den Dorgon-Kosmos. Denise Joorn, die resolute Archäologin, die schon mit der Lösung des Rätsels der Kemeten tiefe Erkenntnisse in die bisher unbekannte Frühgeschichte der Menschheit gewonnen hatte, erfährt durch die Verbindung mit dem in einem PEW-Block gefangenen Bewusstsein der Urmutter der Lilim geradezu revolutionäre Einsichten in die Hintergründe der Frühgeschichte der Menschheit.
Und wieder beweist sich, dass hinter jeder Legende, jedem Märchen, ein realer historischer Kern steckt. Genau wie Atlantis und Lemuria erst durch die Erinnerungen Atlans und die diversen Zeitexpeditionen der Terraner aus dem Dunkel der Mythen in der offiziellen Geschichtsschreibung angekommen sind, so schuf Medvecâ, der untote Alysker und Fürst der Ylors, der einst auf der Erde jagte, wohl die Legende von den Vampiren. Doch auch hier zeigt sich, dass das Schauspiel, das auf der Bühne des grandiosen Universums abläuft, keine einfachen Antworten kennt. Neben den bekannten Entitäten, die sich auf der frühen Erde ein Stelldichein gegeben haben, scheinen noch weitere völlig unbekannte Mächte (um es einmal vorsichtig zu formulieren), ein großes Interesse an der Entwicklung der Menschheit gehabt haben. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang ergibt, ist nun folgende:
Sind diese Mächte im Dunkel der Geschichte verschwunden, oder sind sie nach wie vor aktiv und agieren unerkannt von den verschiedenen Machtgruppen in der Gegenwart?
In eigener Sache
Mit dem vorliegenden Roman und dem Band 182 Lilith
binden wir auf einen weiteren zentralen Mythos der Menschheit in den Dorgon-Kosmos ein, Lilith, die mysteriöse erste Frau Adams wird zu einer weiteren Hauptperson, die im Mittelpunkt der nächsten Romane stehen wird. Soviel kann ich hier schon verraten, ohne zu viel von der kommenden Handlung zu spoilern.
Innerhalb des Glossars werden wir in diesem Band auf den realen Hintergrund des Lilith-Mythos eingehen, während die Rolle der Schwarzen Mutter der Lilim innerhalb des Dorgon-Kosmos im nächsten Band ausgeführt wird.
Jürgen Freier
Geboren: 1222 NGZ
Geburtsort: Oxtorne
Größe: 2,12 m
Gewicht: 720 kg
Augenfarbe: braun
Haarfarbe: keine
Bemerkungen: ruhig, besonnen, handelt immer unter genauer Abwägung der Umstände.
Shan Mogul ist von den Narben unzähliger Kämpfe gezeichnet. Der Veteran der LFT verließ jedoch den Liga-Dienst und wird nach dem Tode seiner Lebensgefährtin Rovina Mowac als freier Söldner tätig. Nach den Wirren um Shabazza und MATERIA gründet er zusammen mit Monkey aus den Resten Camelots die Neue USO. Dabei kommt es jedoch schnell zu immer schwerwiegenderen Differenzen mit diesem, da er nicht mit Monkeys Kurs der weitgehenden Interessengleichheit mit der LFTeinverstanden war. Shan Mogul wollte das Know-how Camelots dazu nutzen, die nUSO als absolut unabhängigen Machtfaktor innerhalb der Milchstraße aufbauen und etablieren. Deshalb scheidet er bereits 1294 NGZ im Streit mit Monkey wieder aus der nUSO aus und folgt 1297, zusammen mit seiner Adoptivtochter Feline, dem Ruf DORGONs, wird Ausbilder am Redhorse-Point und Lehrer von Meyers und Ki Toushi.
Nachdem Roland Meyers zum Befehlshaber der Gruppe Zero ernannt wurde, kehrt Mogul auf seinen Wunsch in den aktiven Dienst der C.I.P im Range eines Kommandeurs zurück. Er wird Chef des Stabes und prägt in der Folgezeit den besonderen Corpsgeist der Elitetruppe.
Shan Mogul wird im Frühjahr 1308 NGZ von Cau Thon auf dem Riff getötet, als er zusammen mit Feline Mowac und Corph de Trajn den Söhnen des Chaos gegenübertritt.
DragonMowac
Geboren: 1276 NGZ (??)
Geburtsort: oxtornische Kolonie Taulus (??), 9. Planet der Sonne Catherine Whell
Größe: 2,04 m
Gewicht: 604 kg
Augenfarbe: grün
Haarfarbe: keine, jedoch in die Kopfhaut tätowierter roter Drache
Bemerkungen: Gilt charaktermäßig als eiskalt, kompromisslos und unnahbar. Über irgendwelche Beziehungen liegen keine Informationen vor.
Über Felines Herkunft liegen keine Informationen vor. Als Findelkind wurde sie von Rovina Mowac, der Kanzlerin von Taulus und Shan Mogul, ihrem Lebensgefährten, adoptiert. Sie erhält bereits in jungen Jahren eine breit angelegte Ausbildung. Im Alter von 10 Jahren verschwand sie und kehrte nach 2 Monaten, biologisch um 6 Jahre gealtert, wieder zurück. Verfügte über ein umfassendes Wissen und überragende körperliche Fähigkeiten. Besonders fällt ein in ihre Kopfhaut tätowierter roter Drache auf. Über die Zeit ihres Verschwindens weis sie nichts. Es scheint, als ob dieser Zeitraum komplett aus ihrem Gedächtnis gelöscht wurde. Nachdem ihre Mutter Rovina Mowac bei einem Attentat tödlich verletzt wurde, indem sie Feline mit ihrem Körper vor einer explodierenden Fussionsladung schützte, folgt sie Shan Mogul, der als freier Söldner tätig wird. Als Mogul 1297 NGZ dem Ruf DORGONs nach Cartwheel folgte, schloss sie sich ihm an. Zuerst, wie Mogul, Mitglied der Flotte, dann Übernahme in die Gruppe Zero im Kommandeursrang und Staffelführerin.
Feline Mowac wird im Frühjahr 1308 NGZ von Cauthon Despair auf dem Riff getötet, als sie zusammen mit Shan Mogul und Corph de Trajn den Söhnen des Chaos gegenübertritt. Dabei verschwindet ihr Körper spurlos, nachdem sie durch das Caritschwert Despairs eine tödliche Wunde erhalten hatte. Über ihren weiteren Verbleib liegen zurzeit keine Informationen vor.
Geboren: unbekannt
Geburtsort: unbekannt
Größe: 1,89 m
Gewicht: 82 kg
Augenfarbe: rot
Haarfarbe: weiß
Bemerkungen: absolut undurchsichtiger Charakter, Dagor-Meister, gibt jedoch keinerlei Informationen zu seiner Person preis, vollzieht in unregelmäßigen Abständen religiöse Rituale. Hat umfassende Kenntnisse in sämtlichen Waffensystemen.
Über den Arkoniden liegen fast keine Informationen vor. Taucht nach der Gründung des Quarteriums plötzlich auf Paxus auf. Auf welche Weise er in die C.I.P aufgenommen wurde, bleibt rätselhaft. Hat innerhalb der Gruppe Zero Kommandeursrang und die Funktion des Waffensystemanalytikers. Gilt allgemein als religiöser Spinner.
Corph de Trajn ist ein Dagor-Hochmeister und kämpft vor allem in der Art der Dagoristas mit dem Katsugo, dem Dagorschwert.
Corph de Trajn wird im Frühjahr 1308 NGZ von Cau Thon auf dem Riff getötet, als er zusammen mit Feline Mowac und Shan Mogul den Söhnen des Chaos gegenübertritt.
In der Astrologie wird der Schwarze Mond mit der weiblichen Urenergie gleichgesetzt und ist somit mit Lilith, der geheimnisvollen dunklen Mondgöttin eng verbunden.
Astronomisch gesehen steht der Schwarze Mond dabei nicht für einen Himmelskörper, wie die übrigen wichtigen astrologischen Aspekte, sondern für den zweiten Brennpunkt der elliptischen Umlaufbahn des Mondes um die Erde.
Eine andere Definition gibt den Schwarzen Mond als das Apogäum, also als den erdfernsten Punkt der Mondbahn an. Beide Punkte, der zweite Brennpunkt und der erdfernste Punkt, liegen auf der langen Achse der Mondbahnellipse, der Apsidenlinie, d. h. von der Erde aus gesehen in der gleichen Richtung und haben daher die gleiche Position im Tierkreis. Der zweite Brennpunkt ist nur etwa 36 000 km von der Erde entfernt, der erdfernste Punkt hingegen etwa 400 000 km. Abgesehen davon sind beide Definitionen gleichwertig. Da sich die Mondbahn im Raum ständig verlagert, bewegt sich der Schwarze Mond im Tierkreis jährlich um etwa 40° vorwärts. Ein voller Umlauf dauert 8 Jahre und 10 Monate.
Der Schwarze Mond ist astrologisch das Symbol für verborgene Aspekte des menschlichen Daseins, der Schatten, den wir ins Bewusstsein heben müssen, um zur Ganzheit zu gelangen.
1889 behauptete der Wissenschaftler Dr. Georg Waltemath, er hätte einen zweiten Mond der Erde entdeckt. Dieses konnte von keinem Wissenschaftler bestätigt werden und reiht sich ein in die Reihe von hypothetischen Planeten, wie beispielsweise die berüchtigte Gegenerde. 1918 griff Walter Gornold (auch Sepharal genannt) die Existenz des zweiten Mond auf und nannte ihn Lilith. Er behauptete, er sei nur im Durchgang bei Vollmond oder vor der Sonne erkennbar. So mag wohl die Legende des Schwarzen Mondes
zustande gekommen sein, der zu dunkel für die Sichtbarkeit ist. Astronomische Gesetzmäßigkeiten hingegen lassen die Existenz eines zweiten Mondes nicht zu.
Der Vollständigkeit halber gibt es im Asteroidengürtel einen Asteroiden, der 1927 entdeckt und mit dem Namen Lilith registriert wurde.
In der aktuellen Forschung setzt sich zunehmend die Ansicht durch, dass die frühesten bäuerlichen Siedlungskulturen, so beispielsweise Göbekli Tepe in Anatolien, die Siedlungen des Fruchtbaren Halbmonds wie Çatalhöyük, Hacilar, Nevali Cori, Jericho und Beidha, möglicherweise auch die frühesten Siedlungen in Mesopotamien und am Indus matriarchal geprägt waren. Selbst die frühen Megalith- und Bandkeramikkulturen West- und Mitteleuropas und die minoischen Kultur auf Kreta sollen nach den neuesten Erkenntnissen matriarchal ausgerichtet gewesen sein.
Allen diesen Kulturen gemeinsam war die Vorstellung einer weiblichen Schöpfungsgottheit, die als weibliche Dreieinigkeit durch den Mond mit seinen drei Phasen repräsentiert wurde.
Bekanntermaßen wurden die matriarchalischen Frühkulturen durch das Patriarchat abgelöst, als Eigentum und Erbrecht eine immer größere gesellschaftliche Rolle spielten. Die große Göttin in ihren Erscheinungsformen wurde durch patriarchalische Gottheiten abgelöst, die schließlich in den großen drei monotheistischen Weltreligionen von Judentum, Christentum und Islam gipfelten. Doch die alten matriarchalischen Göttinnen wurden in der Bevölkerung weiter verehrt und von der herrschenden Priesterkaste mit allen Mitteln bekämpft.
Die Figur der Lilith ist eine Erscheinungsform, ein Teilaspekt der Großen Göttin, wie sie in den frühen Kulturen Mesopotamiens verehrt wurde. Im babylonischen Reich verkörperte sie noch als Lilitu, Ischtar und Lamaschtu die dreieinige Mondgottheit, während sie in der jüdischen Mythologie schon ins Dunkel verdrängt wird, als eine böse Nachtdämonin, die den Männern nachstellt, Kinder tötet und sich mit Satan paart.
Nach dem jüdischen Sohar (einer kabbalistischen Sammlung von heiligen Texten) wird der bekannte christliche Schöpfungsmythos von Adam und Eva etwas anders erzählt:
Als Gott den ersten Menschen erschaffen hatte, sagte er: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ und schuf ihm eine Frau - gleich ihm - aus Erde und nannte sie Lilith (aus Erde erschaffen, mit der Luft durch Flügel verbunden). Ihr Haar war lang und rot wie eine Rose, ihre Wangen waren weiß und rot, an den Ohren hängen sechs Schmuckstücke. Ihr Mund ist wie eine schmale Tür gesetzt, angenehm in seiner Zier, ihre Zunge scharf wie ein Schwert, ihre Worte glatt wie Öl, ihre Lippen sind rot wie eine Rose und süß von aller Süße dieser Welt.
Bald begannen sie zu streiten, weil Adam nicht unter ihr liegen wollte. Sie sagte zu ihm: Wir sind beide gleich, wir sind beide aus Erde geschaffen.
Adam aber wollte ihr übergeordnet sein, wollte ihren Gehorsam und so kam es, dass Lilith sich in die Lüfte schwang und entschwand. Der Allmächtige schickte daraufhin drei Engel aus, die sie zurückbringen sollten. Falls Lilith nicht gehorchen sollte, sollten ihre Kinder sterben. Lilith lehnte ab und von da an war sie an allem schuld.
– (Sohar 1 148a)
Lilith gab nicht klein bei, sondern widersetzte sich weiter Gott und Adam und verschwand schließlich aus dem Paradies in die Wüste. Adam beklagte sich bei Gott über seine Einsamkeit, welcher zuerst seine Drohung gegenüber Lilith wahr machte und als der Massenmord auch nichts nutzte, dem armen
Adam dann Eva aus seiner Rippe
erschuf. Lilith aber blieb unsterblich, da sie nie die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis aß.
Lilith wurde schließlich zur Kinderfresserin (Wieso eigentlich? Es war doch Gott, der ihre Kinder ermordete!), zur Verführerin, zum Verderben der Männer. Die weitere Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies ist schnell erzählt.
Als Vergeltung für das Massaker an ihren Kindern soll sie sich dann nach dem Sohar in eine Schlange verwandelt und Eva dazu verführt haben, zusammen mit Adam die berühmten Äpfel vom Baum der Erkenntnis zu essen. Für den armen Adam, der bisher mit der unterwürfigen Eva ein bequemes Leben geführt hatte, war damit das Paradies
am Ende, da die genossenen Früchte der Erkenntnis
auch Eva in ein eigenständiges Wesen verwandelten.
Lilith ist heute der Inbegriff der Angst vor der starken, wilden, sinnlichen und selbstbestimmten Weiblichkeit. Die Große Göttin oder auch Mutter Göttin, wie sie in vielen Kulturen genannt wurde, beinhaltet viele Aspekte. Die kriegerische, aggressive und auch dämonische Göttin, aber auch die mütterliche Göttin, die erotische Göttin, Mutter Erde oder auch die Himmelskönigin.
Auch Lilith ist nur
ein Aspekt der einen Großen Göttin, die viele Namen trägt in allen Kulturen und bekannten Mythologien der Welt. Allerdings wurde keine weibliche Göttin so sehr auf den dämonischen Schattenanteil der großen Göttin reduziert. Lilith war bereit große Opfer für ihre Freiheit und Unabhängigkeit zu bringen, da sie wohl einfach ihrer inneren Stimme und der göttlichen Bestimmung folgte.
Nun findet man noch einige wichtige Texte in der Kabbala, in der die große alte Lilith die Gefährtin von Samael ist, dem König aller Dämonen, dem Lilith ihren treuen Hund ans Tor zur Hölle schickte. Mit ihm soll Lilith dann viele Dämonen gezeugt haben.
Interessant ist, dass das Wort Dämon ursprünglich vom griechischen daimon abstammt und wörtlich übersetzt Schutzgeist
oder Schutzengel
.heißt. Einige meinen, dass erst im Lauf des Mittelalters das Wort Dämon bzw. das damit verbundene Wesen negativ bewertet wurde. Somit können wir heute nicht wirklich wissen, ob mit dem Wort Dämon gerade in der Zeit der babylonischen oder sumerischen Schriften, ein negatives böses Wesen gemeint war, wie wir es heute meist verstehen.
Die DORGON-Serie – Das Riff – ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUB e.V.. Band 179 zuletzt geändert am 2010-02-08. Autor: FM Christians. Titelbild-Zeichner: Dirk Christians. Korrekturleser: Jürgen Freier und Alexander Nofftz. Generiert mit Xtory 3.1 von Alexander Nofftz. Homepage: http://www.dorgon.net/. E-Mail: dorgon@proc.org. Adresse: PROC e.V.; z. Hd. Nils Hirseland; Redder 15; D-23730 Sierksdorf; Deutschland. Copyright © 1999–2007. Alle Rechte vorbehalten!