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Die THEBEN war ein 250 Meter durchmessender Kugelraumer, welcher der StarLine angehörte und als Passagierschiff von Terra nach Olymp pendelte. Insgesamt 1500 Passagiere konnte die THEBEN fassen, hinzu kamen knapp 300 Besatzungsmitglieder. In diesen Tagen herrschte jedoch eine Flaute vor. Nur 457 Passagiere befanden sich beim Start der THEBEN von Terra an Bord. Captain Harold Fatzar konnte sich bereits das Stöhnen des Reeders vorstellen. Seit der Dscherrokatastrophe schienen die Terraner nicht mehr soviel Geld für Reisen zu haben, was auch durchaus verständlich war. Die Bewohner Terrania Citys kümmerten sich um den Wiederaufbau der Stadt und viele Euro-, Amerika-, oder Afroterraner hatten den Obdachlosen und Opfern große Spenden zuteil werden lassen. Dafür mußten sie allerdings wieder anderweitig sparen. Diese Flaute hatte sich auf die ohnehin schon verschuldete StarLine niedergeschlagen. Die Folgen waren einige Kündigungen und Ausmusterungen. Die THEBEN stand ebenfalls auf der Schwarzen Liste. Der Chef der StarLine gab Fatzar noch sechs Monate Zeit, bevor er auch die THEBEN aus dem Verkehr ziehen würde. Der Kommandant selbst gehörte nicht zu den reichsten Menschen auf Terra. Einst war er Erster Offizier auf der EMPRESS OF OUTER SPACE II, doch die StarLine lockte ihn mit viel Geld und einem eigenen Schiff. Fatzar nahm an, mußte jedoch bald feststellen, daß vieles nur Schaumschlägerei war. Zu spät, um wieder zur EOS II zu wechseln. Dort wollte man nichts mehr von ihm wissen. Dieser Umstand hatte wiederum große Auswirkungen auf die Motivation des gedrungenen Terraners im mittleren Alter. Zusammen mit seinem ersten Offizier, dem Topsider Gavron Yark und dem Gataser Zypülü, der die Ortung übernahm, saß er in der kleinen Kommandozentrale und zog genüßlich an einer Zigarette. »Dann laßt uns mal losfliegen«, nuschelte er lustlos und schaltete die Bordsprechanlage ein. »Meine lieben Passagiere, mein Name ist Harold Fatzar und ich bin der Kommandant der THEBEN. Wir starten soeben und erreichen in zwei Tagen Olymp. Diese zwei Tage werden für sie zu einem unvergeßlichem, großartigem und erholsamen Ereignis. Ich möchte nochmals auf den tollen Service der StarLine hinweisen, jedes Crewmitglied steht euch für alle möglichen bescheuerten Fragen zur Verfügung, ihr könnt euch für wenig Geld total zukippen und jede Kabine hat sogar ein eigenes Klo, na wenn das nichts ist. Viel Spaß wünscht euch die StarLine!« Wieder steckte sich Fatzar die Zigarette in den Mund und sah zu den beiden anderen in der Zentrale, die ihren Kapitän verblüfft anschauten. »Was denn? Wir werden doch sowieso bald alle entlassen. Wenn wir und die StarLine Glück haben, enden wir wie die LONDON. Dann kriegt die Linie eine fette Versicherungssumme und wir haben es hinter uns...« Uthe Scorbit sah ihren Mann verwundert an, nachdem sie die Ansage des Kapitäns gehört hatte. Remus konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. »Soviel Service hatte ich dann doch nicht erwartet. Eine eigene Toilette, ich bin sprachlos«, meinte er ironisch zu seiner Frau. Remus Scorbit, am 02.06.1271 NGZ auf Terra geboren, war etwa 1,85 Meter groß, hatte braune Augen, dunkle kurze Haare und einen schlanken Körperbau. Die am 15. August 1273 NGZ auf Terra geborene Uthe war um die 1,65 m groß, hatte blaue Augen, dunkelblonde Haare, war zierlich gebaut und wirkte sehr attraktiv. Die beiden wollten nach Olymp fliegen, um Remus Großeltern zu besuchen. Das Ehepaar hatte schon schwere Zeiten hinter sich gehabt. Sie waren Passagiere auf der LONDON II, die bekanntlich von dem arkonidischen Mascanten Prothon von Mindros entführt wurde. Dort erlebten sie allerhand Abenteuer. Kurz nach der Entführung konnten beide zusammen mit dem terranischen Wissenschaftler Timo Zoltan entkommen. Sie gerieten in eine Raumzeitfalte, in der sich eine Station der Casaro, einem schlangenähnlichen Volk, befand. Damit nicht genug. Sie entdeckten die VIVIER BONTAINER und damit auch Joak Cascal und Sandal Tolk. Zusammen mit den Veteranen aus dem 35. Jahrhundert alter terranischer Zeitrechnung mußten sie nicht nur gegen die Casaro, sondern auch auf der LONDON II gegen Mindros kämpfen. Beide überstanden unbeschadet das Abenteuer und wollten erst einmal einen ausgedehnten Urlaub machen. Uthe hatte zuerst große Bedenken noch einmal ein Raumschiff zu betreten. Sie befürchtete, daß wieder etwas passieren könnte, doch Remus versicherte ihr, daß es keinen so großen Zufall geben könne. Nachdenklich sah sie auf die Uhr. »Hoffentlich kommt Yasmin bald...« Damit meinte die junge Terranerin ihre beste Freundin, Yasmin Weydner, die ebenfalls an der Reise teilnehmen wollte. Remus war insgeheim nicht sonderlich davon begeistert, da er lieber mit seiner Frau eine harmonische Kreuzfahrt zu zweit unternehmen wollte und Yasmin Weydner als etwas störend ansah. »Naja, wenn sie den Flug verpaßt, können wir auch nichts dafür. Laß uns erst mal zu den Kabinen gehen. Falls sie doch noch aufkreuzt, findet sie sicher auch alleine den Weg zu uns«, meinte er und ging weiter. Wenn ich Glück habe, dann nicht, fügte er schmunzelnd in Gedanken hinzu. Die Empfangshalle wirkte nicht sonderlich ansprechend. Roter Teppich und blaue Wände zierten den Raum. Wenig Prunk, wenig Luxus. Das Schiff war ein ganz normales Transportschiff, welches den Titel Kreuzfahrtraumer kaum verdiente. Der Vorteil wurde jedoch im Preis sichtbar. Der Flug mit der THEBEN kostete die Scorbits zusammen nur halb soviel, wie für jeden einzelnen bei der LONDON II. Nachdem die Scorbits eingecheckt hatten, begaben sie sich zu ihren Kabinen, die natürlich nicht so luxuriös eingerichtet waren, wie die auf der LONDON II, doch das war dem Ehepaar völlig egal, solange die THEBEN heil Olymp erreichte. Hey, seid etwas vorsichtig mit diesem Prachtstück!« Besorgt blickte Jonathan Andrews auf den roten Gleiter der Firma Ferrazzi, welcher mit einem Antigrav langsam in einen Frachtraum transportiert wurde. »Keine Sorge, wir machen die Karre schon nicht kaputt«, murmelte ein in Andrews Augen wenig vertrauenerweckender Ertruser, der am Antigrav stand und den Gleiter lenkte. Jonathan Andrews war ein 19-jähriger Terraner, der im Auftrag einer Gleiterfirma unterwegs war. Er sollte diesen Prototyp des XE-Thunder 1291 I, kurz XETY, sicher und unbeschadet nach Olymp bringen, dem Heimatplaneten des Kunden. Andrews bedauerte es, daß er selbst nicht den XETY besitzen konnte, denn Gleiter bedeuteten ihm vieles. Sie waren nicht nur wichtiger Bestandteil seines Berufes, sondern auch sein größtes Hobby. Für Jonathan gab es nichts schöneres, als am Wochenende an seinem Gleiter, einem Renaulty Cliox herumzubasteln. Beruhigt nahm der 1,80 Meter große Euroterraner die Beendigung der Verfrachtung des »Prachtstückes« zur Kenntnis. Anschließend ging er zu seiner Kabine, wo einer Überraschung in Form einer 1,55 m großen blaßhäutigen aber sehr attraktiven Terranerin auf ihn wartete. »Yessica, was machst du denn hier?« fragte Andrews total verblüfft. »Ich wollte dich überraschen. Eigentlich war ich auf dem Weg nach Ferrol, da habe ich dich beim Verladen dieses tollen Flitzers gesehen und mir gedacht, ich begleite dich nach Olymp. Der alten Zeiten wegen...« Andrews schüttelte den Kopf. Er wußte nicht, ob er sich freuen oder eher weinen sollte. Eine kurze Romanze verband ihn mit Yessica Brahzz, doch diese hatte er eigentlich, genau wie sie, ad acta gelegt. Der Terraner ging ins Bad und zog sich eine andere Kombination an. Yessica schmiegte sich an ihn. »Ich mag deinen kräftigen Körper«, flüsterte sie ihm ins Ohr. Jonathan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er mochte es, wenn man ihm Komplimente machte. Andrews war ein sehr höflicher Mensch, der aber auch sehr direkt war, was ihm ab und zu übel genommen wurde. Er zeigte gerne, was er hatte und ließ jeden wissen, welch herausragende Taten er bereits vollbracht hatte. Er fühlte sich natürlich von solch einem Kompliment aus dem Mund einer attraktiven Frau bestätigt. »Nur dein Bierbauch muß weg!« Eingeschnappt löste sich Andrews vorsichtig aus der Umklammerung seiner Freundin und streifte sich ein neues Shirt über. »Nun, ich bin müde und würde mich gerne für ein paar Stunden hinlegen. Wir sehen uns beim Abendessen, okay?« Yessica lächelte verlegen und schaukelte mit ihrem Körper leicht hin und her. Sie hatte lange brünettes Haar und einen sehr ansprechenden Körperbau. »Da gibt es ein Problem...« »Und welches?« »Naja, der Flug nach Ferrol wäre wesentlich billiger gewesen. Ich hatte nicht mehr soviel Geld und habe mich deshalb als deine Verlobte ausgegeben und mußte so nur die Hälfte zahlen...« Andrews sah sie verwundert an, während er sich auf sein Bett legte und es sich gemütlich machte. »Seit wann geben die hier Rabatt auf Paare?« »Seitdem diese dieselbe Kabine teilen...« Die beiden Scorbits waren gerade dabei es sich in der Kabine gemütlich zu machen. Während Uthe die Sachen in die Schränke einräumte, fläzte sich Remus auf die Couch und sah Trivid. Es lief eine Serie über eine amerikanische Zeichentrickfamilie mit gelber Haut und Tennisballaugen, die zu Remus Lieblingsserien gehörte. Die Suite war durchaus gemütlich eingerichtet. Sie bestand aus zwei Räumen, einer sanitären Anlage und dem Wohn- und Schlafraum. Links an der Wand stand das große Doppelbett, daneben die Schränke. Im gegenüberliegenden Teil des Raumes befand sich ein großer Keramiktisch, vier Sessel, eine Couch und Technikgeräte. Nachdem sich Remus endlich aufraffte, seiner Frau beim Auspacken zu helfen, ging der Türsummer. »Wer kann das nur sein... ?« murmelte der Terraner, der von Beruf Schriftsteller war, und ging zur Tür um sie zu öffnen. Ein Blue grinste ihn breit an. »Hallo, ich bin der Zimmerservice. Du hast geläutet? Was willst du? Ich kann alles bringen, von einem einfachen Soda bis zur ausgefallensten Vurguzz-Whiskey-Mischung.« Für einen Moment lang, war Remus in Versuchung das zuletzt gemachte Angebot anzunehmen, doch er riß sich zusammen. »Nein, ich habe nicht geläutet. Danke.« Bevor er die Tür zu machen wollte, streckte der Blue seine Hand aus, was ein unmißverständliches Zeichen war. Remus wühlte in seinen Taschen und holte einen Kaugummi heraus. »Ist gut für die Zähne«, meinte er mit einem Lächeln und knallte die Tür zu. Kopfschüttelnd ging er zu seiner Frau, umarmte sie von hinten und begann mit ihr zu Schmusen. Da meldete sich wieder der Türsummer. Remus fluchte und lief zur Tür. Diesmal strahlte ihn eine etwa 1,65 Meter große Terranerin mit einer roten Mähne und einem putzigen Gesicht an. »Yasmin!« stellte Remus wenig begeistert fest. Uthe warf ihm einen schrägen Blick zu. Sofort wurde der Schriftsteller überschwenglicher. »Wie schön dich zu sehen!« Die beiden schauten sich gegenseitig kurz in die Augen, dann fiel Yasmin ihrer besten Freundin um den Hals. »Sorry, daß ich so spät komme, aber ich hatte Probleme, den Raumhafen zu finden und dann noch dieses Schiff. Aber ich hab's dann doch noch geschafft!« Wieder strahlte die junge Terranerin, die genauso wie Uthe in New Roge, einem bäuerlichen Dorf nahe Terrania City, aufgewachsen war. Yasmin war von attraktiver Gestalt, wirkte jedoch noch etwas kindlich und benahm sich auch manchmal so. Dennoch hatte sie eine erfrischende Art und Weise an sich, was selbst Remus Scorbit nicht leugnen konnte. »Ich gehe erst einmal in meine Kabine und packe alles aus. Wir treffen uns in einer Stunde beim Essen!« So schnell, wie Yasmin Weydner gekommen war, war sie auch wieder aus der Suite der Scorbits verschwunden. Remus atmete kurz tief durch und wandte sich zu Uthe. »Eine Stunde, hmm, die Zeit sollte man nicht ungenutzt verstreichen lassen«, sprach er zärtlich, da ging zum dritten Mal der Türsummer. Einem Wutausbruch nahe, lief Remus zur Tür und schlug auf den Öffner. Die beiden Türhälften fuhren in die Wand. »Was ist denn noch, Yasmin?« wollte er wissen, doch nicht die junge Terranerin, sondern ein altes Ehepaar stand vor ihm. Zuerst glaubte Remus an eine Halluzination, an einen Alptraum, an eine Pararealität, dann begriff er, daß diese beiden Menschen echt waren. Ein Schrei des Entsetzens hallte durch die Kabine, den Uthe hochschrecken ließ. Besorgt eilte sie zur Eingangstür. »Was ist denn los?« »Guten Tag, wir sind die Braunhauers. Könntet ihr uns bitte einmal beim Tragen der Koffer helfen? Vatichen kann das nicht mehr so, wegen seines Rückens. Er wurde ja im Krieg damals verschüttet. Seitdem geht das nicht mehr so, wie er will, und ich kann die schweren Koffer auch nicht mehr heben, seitdem ich gesehen habe, wie Frau Jarnus sich dabei einen Hexenschuß zuzog. Nein, also da hebe ich nichts mehr an. Dafür habe ich ja die jungen Leute, nicht? Ihr beide seht doch jung aus, ihr könnt doch... Sagt mal, kennen wir uns nicht irgendwoher?« Remus Scorbit blieb wie angewurzelt stehen, nachdem die Frau in ihrem schweren und schleppenden Tonfall ihre lange Rede beendet hatte. Uthe verzog das Gesicht zu einer Grimasse des Unbehagens. Sie konnte auch nicht verstehen, wie sie dieses Ehepaar ausgerechnet hier wiedertreffen konnte. Karl-Adolf Braunhauer, ein herrischer, alter, melancholischer Rentner von rechter Gesinnung und einem ständigen Drang alles besser wissen zu müssen, der keinen Widerspruch duldete und seine Frau Ottilie, eine nervende alte Frau, die ständig in der Vergangenheit schwelgte und über ihre Leiden klagte, waren auch Passagiere an Bord der LONDON II und hatten die Entführung durch ihre Art nicht gerade leichter gemacht. Gerüchte besagten, daß einer der brutalen Casaro sich selbst umbrachte, nachdem er eine Weile mit den gefangenen Braunhauers verbracht hatte. Das kann ja heiter werden, sagte sich Uthe innerlich und blickte zu ihrem Mann hoch, der sich nur schwer von diesem Schock erholte. »Ach, nun weiß ich es. Du bist doch der, na... na... der... der... Dings... na, der Mann da von der... naja, dem Ding, was durch das All fliegt und nach der Hauptstadt von Italien benannt wurde...« »Das war England, Ossi«, berichtigte Karl-Adolf und faßte sich ans Herz, womit er allen sein unendliches Leid demonstrieren wollte. »Ach, ich verwechsle immer diese Planeten miteinander. Na, die LONDON II war es. Ich bin ja nicht dumm, nicht?« Doch, dachte Remus und sagte: »Aber keineswegs, Frau Braunhauer.« »Na, auf jeden Fall ist das aber ein Zufall, daß wir uns hier wiedertreffen. Wir sind nämlich hier, um die Cousine meines Mannes aus der Irrenanstalt abzuholen«, begann sie zu erzählen. Abholen? Ich dachte, ihr gesellt euch zu ihr. »Das ist doch die liebe Inge. Sie kommt jetzt in ein nettes ruhiges Heim hier in der Nähe. Ja, ja, habe ich euch schon die Geschichte von Weihnachten 1145 erzählt? Nein, sicher nicht. Also, da war es Weihnachten eben, und ich und Oma Ella wollten kochen. Da fiel ihr doch ein, Oma Ella ist übrigens die Mutter von Vatichen.« Die Frau hielt einen Augenblick inne, dann fuhr sie fort. »Was wollte ich jetzt sagen? Ach ja, da fiel Oma Ella, der Mutter von Vatichen, ein, daß wir noch Grünkohl machen sollten. Grünkohl zu Weihnachten! Das war ja was! Da stand ich damals in der Küche und habe Grünkohl gemacht und das zu Weihnachten. Also wirklich! Dann kam es ja noch dicker. Dann kam die Inge in einem sooo feinen Kleid! Und ich stand in der Schürze da, weil ich ja Grünkohl zu Weihnachten machen sollte. Das war mir vielleicht wieder peinlich!« »Nun rede nicht soviel Ossi, ich muß mich lösen. Nun schleppe mal die Koffer, junger Mann, ich habe nicht ewig Zeit!« befahl Karl-Adolf Braunhauer herrisch. »Ja, Sir!« rief Remus, so daß alle in dem Korridor es hören konnten. Wütend nahm er drei der vier Koffer und schleppte sie in die gegenüberliegende Kabine. Uthe wollte den letzten nehmen, doch Karl-Adolf hielt sie zurück. »Nein, mein Schatz, du mußt das doch nicht machen. Das kann doch dein Mann machen«, sprach er freundlich und tätschelte ihr mehrmals auf die Hand, worüber Uthe wenig erregt war, im Gegensatz zu dem alten Rentner, der sie gierig ansah. Ottilie Braunhauer stierte durch die Gegend, als sich Remus laut hüstelnd meldete. »Wo ist die ID-Karte?« »Was für ein Ding?« fragte Ottilie. »Die ID-Karte für die Suite.« »Ach, die hat Vatichen.« Der alte Terraner aus Deutschland suchte in seiner Tasche vergeblich die Karten. Es entbrannte eine Diskussion darüber, wo er nun die ID-Karte hingepackt hatte. Remus schien einem Nervenzusammenbruch nahe. Nach etwa zwanzig Minuten hatte Karl-Adolf Braunhauer die ID-Karte endlich gefunden. Sie steckte in seiner Hosentasche. Im Tempo einer Schnecke schlich der Rentner zur Tür und steckte zitternd die Karte in die Öffnung. Natürlich kommentierte er jede Bewegung mit einem lauten Stöhnen und faßte sich ans Herz oder an den Rücken. Nachdem Remus alle vier Koffer abgeladen und die Braunhauers keine Befehle mehr für ihn hatten, schleppte er sich erschöpft in seine Kabine und ließ sich auf das Bett fallen. »Warum ausgerechnet die? Von mir aus hätte Prothon von Mindros oder der Anführer der Casaro an Bord der THEBEN sein können, aber nicht die!« Uthe setzte sich neben ihren Mann und streichelte ihn zärtlich. »Wir sehen sie doch nur zwei Tage«, versuchte sie ihn zu beruhigen. »Nur zwei Tage...« sprach er langsam nach. »Wer weiß, was sie alles in der Zeit anrichten.« Jonathan Andrews hatte kaum Schlaf gefunden, denn Yessica hatte einfach nicht locker gelassen, ihn zu becircen. Noch konnte sich Andrews erfolgreich den Reizen dieser Frau erwehren, doch allmählich grübelte er darüber nach, ob er das eigentlich wollte. Was er auf alle Fälle wollte, war erst einmal gut und reichlich essen. Deshalb ging er zusammen mit seiner Ex-Freundin in das Bordrestaurant. Jonathan hatte einen Platz am Kapitänstisch und bekam sehr bald die zweifelhafte Ehre Bekanntschaft mit den Kommandanten des Schiffes zu schließen, der natürlich wieder eine Zigarettenkippe im Mundwinkel hängen hatte. Ebenfalls am Tisch waren die Scorbits, die Braunhauers und sechs weitere Personen. Einer von ihnen war Wolfgang Shuldzahr, ein wichtiger Unternehmer im Bankwesen. Shuldzahr war sehr korrekt gekleidet und wirkte in Andrews Augen wie ein arroganter Spießer. Rechts von ihm saß ein fetter junger Terraner mit dem Namen Bjorn Podahl. Neben ihm saß seine noch gewichtigere Mutter Barbara. Links neben Shuldzahr hatte das Ehepaar Urksmann, zwei gewöhnliche Kolonisten einer Wasserwelt, Platz genommen. Glaus Urksmann war Fischer. Er sah nicht nur einfältig aus, er war es auch. Seine Frau gehörte nicht gerade zu den Augenweiden der Weiblichkeit, fühlte sich jedoch unwiderstehlich. Die letzte Person saß direkt neben den Scorbits und hieß Yasmin Weydner. »Ja, Leute, ich heiße euch herzlich willkommen an Bord der edlen und einmaligen THEBEN, einem Schiff, wogegen die TITANIC, EOS und LONDON verblassen würden, wenn sie noch könnten.« Fatzar lachte glucksend. Sein Witz kam jedoch nicht besonders an, besonders nicht bei den Scorbits. Jonathan Andrews ergriff das Wort. »Ich danke dir, Harold, für die freundliche Begrüßung, ich bin sicher, daß...« Jonathan verschlug es kurzzeitig die Sprache, als er sah, wie der Zigarettenstummel in das Bierglas des Kommandanten fiel und er anschließend das Glas in einem Zug leerte. »Wie dem auch sei, ich bin sicher, wir sind hier in guten Händen und verleben zwei unvergeßliche Tage auf die eine oder andere Weise.« Zwei Blues servierten die Speisen. Hungrig stürzte sich Jonathan Andrews auf die Delikatessen. »Sehr lecker!« stellte er zufrieden fest und verzehrte das zarte Fleisch, welches von Käse überbacken war. »Schmeckt nach Lamm. Was genau ist das?« wollte er weiter wissen. »Oh, das ist Okrillhirn überbacken mit Käse in einer delikaten Pilzsauce aus Ferrol«, beantwortete der Blue wahrheitsgemäß. Uthe Scorbit spuckte das Fleisch sofort aus und nahm einen kräftigen Schluck aus ihrem Getränk. Auch Yasmin verzog das Gesicht und schob den Teller langsam von sich weg. »D... d... d... darf, darf ich d... d... d... das haben?« stotterte der schwergewichtige Bjorn Podahl und schaute dabei gierig auf die Teller der beiden Frauen. »Bitte, greif ruhig zu«, meinte Uthe und deutete auf den Teller. Ottilie Braunhauer räusperte sich. »Also mir schmeckt es. Hauptsache, es ist nicht zu fett, denn zu fette Sachen mag Vatichen nämlich nicht.« Karl-Adolf warf seiner Frau einen zustimmenden Blick zu. »Mir mundet das hier so lieblich zubereitete Gericht auch sehr«, sprach er geschwollen, womit er seinen nicht vorhandenen Intellekt vortäuschen wollte. Yasmin, die angewidert Bjorn Podahl zusah, wie er das Hirn des Sauriertieres in sich hinein stopfte und dabei genüßlich schmatzte, bemerkte die Blicke von Glaus Urksmann. »Du, hast du heute abend noch Zeit?« fragte er die Rothaarige, die entsetzt den Kopf schüttelte und instinktiv mit ihrem Stuhl näher an ihre Freundin rückte, die in ihrem Salat herumstocherte und anscheinend etwas suchte. Als sie die fragenden Blicke des Kommandanten bemerkte, legte sie die Gabel zur Seite und lächelte verlegen. »Ach, ich wollte nur nachgucken, ob da auch etwas Okrillhirn drin ist«, erklärte sie der Runde. Fatzar schüttelte den Kopf. »Nein, nur ein paar Muuhrtwürmer von Gatas.« »Alles klar, ich faste heute.« Podahl blickte sofort gierig auf Uthe Scorbits Teller herüber, die sofort verstand und den Salat auch dem Nimmersatt herüberreichte. »Habe ich eigentlich von meinem Hammerzeh erzählt?« fragte Ottilie Braunhauer. Nur Remus Scorbit wußte, was da auf ihn zukommen würde. Ottilie Braunhauer rückte mit dem Stuhl etwas zurück und zog ihren Schuh aus. Sie zeigte ihren verkrumpelten Zeh jedem, der ihn sehen oder auch nicht sehen wollte. Nun waren auch Remus Scorbit und Johnny Andrews der Appetit vergangen. Uthe ergriff die Initiative und nahm Yasmin bei der Hand. »Wir gehen noch etwas shoppen. Vielen Dank, Kapitän, für das Abendessen.« Remus sah seiner Frau erstaunt hinterher und überlegte, welche Ausrede er sich einfallen lassen könnte. »Jonathan, was hältst du davon, wenn wir mal an der Bar einen Drink nehmen?« »Von mir aus auch zwei«, sagte Andrews, als er den Geschichten der Rentnerin zuhörte, deren Stimme immer schleppender wurde, je mehr Vurguzz sie trank. Remus Scorbit und Jonathan Andrews setzten sich an die Bar und bestellten bei der attraktiven Barbedienung einen Whiskey. Jonathan fiel sofort die bildhübsche Terranerin auf, welche goldblonde schulterlange Haare hatte und eine atemberaubende Figur besaß. Die beiden verbrachten etliche Stunden an der Bar, bevor sie zu Andrews Gleiter torkelten und in dem Vehikel, laut Musik hörend, saßen.
Harold Fatzar war gerade aufgestanden. Wie jeden Morgen empfand er es als viel zu früh. Wider Willen schleppte sich der Terraner in die Kommandozentrale, wo bereits der Blue und der Topsider an der Arbeit waren. »Kapitän, da ist was«, meinte Zypülü und deutete auf den Ortungsschirm. Fatzar schlurfte, nur mit einem Unterhemd und einer Hose bekleidet, zu dem Blue und betrachtete den Bildschirm. »Was ist das?« wollte er wissen und schlürfte seinen Becher Kaffee aus. »Ich würde sagen ein Asteroid. Aber ein völlig einsamer Asteroid, der auch ungewöhnlich langsam ist«, erklärte der Gataser mit seiner schrillen Stimme. »Na und?« »Naja, da ist einwandfrei Technologie zu orten. Irgend etwas ist auf dem Meteoriten.« Harold kratzte sich am Hinterkopf und gähnte laut, wobei ihm wieder die Kippe in sein Getränk fiel. »Scheiße! Glaubst du, da ist etwas wertvolles, was uns von diesem elenden Kahn bringen könnte?« »Vielleicht....« Der Terraner blickte zu dem Topsider herüber, der sich bis jetzt aus der Diskussion heraus gehalten hatte. »Nachsehen«, sprach Gavron Yark knapp. Fatzar dachte kurz nach, dann stoppte er die Maschinen ruckartig. Er griff zum Interkomgerät und sprach eine Nachricht an die Passagiere: »Sehr verehrte Damen und Herren, wir machen einen unplanmäßigen Zwischenstopp. Es besteht kein Grund zur Panik. Bis zum Mittag sind wir wieder unterwegs, danke!« Remus Scorbit hatte im Halbschlaf die Nachricht gehört. Mühevoll öffnete er die schweren Augenlider und blickte sich in der Kabine um. Er entdeckte seine Frau nirgendwo. Nach einer Weile gelang es ihm, sich aufzurichten und aus dem Bett zu steigen. Der Schädel brummte Remus gewaltig und auch ein flaues Gefühl im Magen machte sich breit. »Ich hätte das Bier zwischendurch nicht trinken sollen...« murmelte der Terraner zu sich selbst und schlich zum Bad. Auf dem Weg dorthin fand er auf der Kommode eine Nachricht von Uthe. Sie war im Vergnügungstrakt des Schiffes und schien dort ein Sonnenbad unter der kleinen Kunstsonne zu machen. Es klingelte an der Tür. Remus traute sich gar nicht aufzumachen, denn wahrscheinlich waren es die Braunhauers. Wieder summte der Ton auf, immer wieder. Der Besucher schien nicht locker zu lassen. »Ich komme ja schon!« rief er laut und öffnete die Tür. Der Besucher entpuppte sich als Jonathan Andrews. »Guten Morgen, hast du auch die Ansage des Kommandanten gehört? Sehr seltsam, oder?« begann Jonathan forsch. Remus war sichtlich verwundert, wie fit der junge Terraner war, obwohl er genauso viel getrunken hatte, wie er selbst. »Hast du gut geschlafen?« fragte Andrews freundlich und trat in die Kabine ein. Remus brummte nur laut und schüttelte mit dem Kopf, was ihm wieder Schmerzen bereitete. Andrews schmunzelte. »Ich hatte noch eine gute Nacht. Ich habe mich von Yessica verführen lassen. Aber um ehrlich zu sein bereue ich es schon wieder etwas. Sie ist wirklich nichts für mich.« »Na dann...« Remus schlurfte in die Küche und suchte nach einem erfrischenden Getränk. Er kramte in dem Kühlschrank herum und fand eine Flasche Orangensaft. Dann dachte er wieder über die Worte Jonathan Andrews nach, daß das Schiff gestoppt hatte. »Wie meinst du das? Vielleicht ist ja irgend etwas mit dem Schiff nicht in Ordnung, oder es wird von einem wahnsinnigen arkonidischen Großadmiral entführt«, sinnte Remus bei seinem Glas Saft, welches er nun sehr genoß. Andrews winkte ab. »Nein, ich denke, daß vielmehr dieser Asteroid für unseren Zwischenstopp verantwortlich ist, der mit sehr geringer Geschwindigkeit an uns vorbeizieht.« »Wie kommst du darauf?« »Seit dem Zwischenstopp hat die THEBEN ihre Geschwindigkeit jener des Asteroiden angepaßt.« Remus nickte langsam mit dem Kopf. »Was machen wir nun?« »Wir gehen zu diesem Fatzar und sprechen mit ihm darüber. Mich interessiert es brennend, was an diesem Gesteinsbrocken dran ist«, erklärte Andrews und war bereits auf dem Weg aus der Kabine. Scorbit zog sich schnell etwas über und hastete seinem Freund hinterher, der forschen Schrittes zur Kommandozentrale lief. Dort waren Fatzar, Yark und Zypülü bereits damit beschäftigt die Ausrüstung für den Besuch auf dem Meteoriten zusammenzustellen. »Einen Moment! Wir wissen, daß ihr zum Asteroiden wollt. Ihr braucht es gar nicht abzustreiten«, begann Andrews selbstsicher. Die drei Crewmitglieder der THEBEN sahen sich verwundert an. »Du hattest doch gesagt, niemand würde Wind von der Sache bekommen!« zeterte der Blue los und bestätigte somit Andrews Theorie. Fatzar wäre seinem Orter am liebsten an den dünnen Hals gegangen. Statt dessen riß er sich aber zusammen und wandte sich den beiden ungebetenen Gästen zu. »Was wollt ihr?« »Wir wollen nur mit und sehen, was so Interessantes auf diesem Gesteinsbrocken ist«, erklärte Andrews. »Also gut, wir nehmen die Space-Jet. Zieht euch SERUNs an. Wir treffen uns dann im Hangar.«
Die kleine Space-Jet steuerte langsam auf den Asteroiden zu. Kaum hatten sie die Oberfläche des kalten und dunklen Brockens erreicht, konnten die fünf bereits Gebäude und technische Anlagen erkennen, die unter einer durchsichtigen Kuppel lagen. Wenn sie Glück hatten, würde sich darunter noch eine atembare Atmosphäre vorfinden lassen. Neben der Anlage befand sich ein großer Raumhafen. Vier seltsam aussehende Säulen standen an jeder Ecke des Landefelds. Fatzar steuerte die Jet darauf zu und brachte sie sicher auf den Boden. Gavron Yark holte fünf Thermogewehre aus einem Schrank und verteilte sie unter den Mitgliedern dieses Erkundungstrupps. »Sicher ist sicher, wir wissen nicht, was uns in der Station erwartet«, erklärte der Topsider, während der das Gewehr entsicherte. Die Ladeluke öffnete sich und Fatzar stieg als erster aus. Er aktivierte den Orter und einen Scheinwerfer am SERUN. Die Mikrogravitatoren des Raumanzuges glichen die geringe Schwerkraft des Asteroiden an. Als zweites stieg Gavron Yark aus, gefolgt von Scorbit und Andrews. Als letztes traute sich der Blue Zypülü heraus. »Boß, wie wäre es, wenn wir uns diese Sache doch noch mal durch den Kopf gehen lassen? Ich finde das hier alles ziemlich unheimlich...« »Halt die Klappe!« brummte Fatzar zurück und ging festen Schrittes in Richtung Kuppel. Gavron Yark hielt sein Gewehr schußbereit. Als sie die Kuppel erreichten, fanden sie etwa 500 Meter weiter einen Eingang, der jedoch verschlossen war. Yark zielte auf den Kontrollkasten, doch Andrews hielt den Topsider vom Schuß ab. Stattdessen holte er ein paar Schraubenzieher und Magnetkarten aus seiner Tasche und öffnete den Schaltkasten. Scorbit assistierte ihm dabei und in kurzer Zeit konnten sie das Tor öffnen. Andrews lächelte den Topsider breit an und sagte: »Wir sollten hier mit etwas mehr Gehirn vorgehen.« »Weiter jetzt«, rief Fatzar und eilte durch den Eingang. Nachdem der Erkundungstrupp die Schleuse betreten hatten, schloß sich automatisch das Außenschott. Das Schott zu einer weiteren Kammer öffnete sich. Hier sollten sie anscheinend desinfiziert werden. Nachdem Sie die Prozedur über sich ergehen lassen hatten, betraten Sie eine dritte Schleusenkammer. Nachdem Sie alle die Kammer betreten hatten, wurde diese mit Sauerstoff geflutet. Allerdings wagte es keiner von ihnen, den Helm abzunehmen. Die Pikosyns ihrer SERUNs teilte dem Trupp mit, daß die künstliche Atmosphäre atembar sei. Jonathan war der erste, der sich traute den Helm zu öffnen. Dann folgten Yark, Scorbit und Fatzar. Nur Zypülü behielt das Visier geschlossen. Die Station wirkte düster und alt. Die Wände waren schwarz, die Korridore wirkten dunkel und unheimlich. Sie waren mit blankem, schwarzem Metall ausgekleidet, hier und da unterbrochen von ein paar Schotts und Gitter. Die fünf erreichten schließlich einen großen Raum, der wohl so etwas wie eine Kommandozentrale darstellen sollte. Jonathan Andrews versuchte, sich mit den Anlagen vertraut zu machen. Er war zwar kein Wissenschaftler, hatte jedoch einen überdurchschnittlichen technischen Sachverstand. Der Raum war kreisförmig angelegt. In der Mitte standen etliche Pulte, anscheinend Kontrollkonsolen. Direkt vor ihnen war ein großer Monitor, rechts daneben verlief ein weiterer Gang zu einem Nebenraum. Aus dem Raum flackerte es bläulich. Yark und Fatzar schlichen langsam durch den Gang und leuchteten hinein. »Das müßt ihr euch ansehen«, rief er zu den anderen, die auch prompt folgten. Andrews, Scorbit und Zypülü verschlug es die Sprache. Als erstes nahmen sie das Energiefeld wahr, welches dunkelblau leuchtete, dann die vielen Skelette am Boden, welche wohl von vogelartigen Wesen stammten. Zuletzt richtete sich der Blick auf das Innere des Energiefeldes. »Ein Haluter!« stellte Scorbit überrascht fest. »Vielmehr die Leiche eines Haluters«, ergänzte Jonathan und ging näher zum Energiefeld. Die drei Augenlider des 3,50 Meter großen schwarzhäutigen Giganten waren geschlossen. Die vier Arme waren vom Körper weggestreckt. Der rote Kampfanzug des Haluters war an einigen Teilen verbrannt und aufgerissen, was auf Spuren eines Kampfes deuten ließ. »Seht euch doch einmal genauer um«, meinte Fatzar und blickte durch den Raum. Tatsächlich waren auch hier Spuren eines Kampfes feststellbar. Am anderen Ende des Zimmers war ein großes Loch. Während Zypülü wieder zurück in die Kommandozentrale ging, kletterten die anderen vier durch das Loch und entdeckten eine große Kammer. In dieser Kammer arbeiteten noch einige Aggregate, die an etwa zwei Meter große Behälter angeschlossen waren. Andrews entschloß sich näher an die Behälter heranzugehen. In den meisten lagen verfaulte Körper herum. »Was zum Teufel ist das hier?« murmelte Jonathan und betrachtete eine Kammer nach der anderen. Jede bot dasselbe Bild. »Alle verwest«, stellte Scorbit bedrückt fest. Ihm wurde beinahe schlecht beim Anblick einiger nur halb verfaulter Kadaver. »Hier, hier sind noch welche intakt!« rief Gavron. Sofort eilten die anderen zu dem Topsider, der vor einer Kammer stand, bei dem das Aggregat noch zu funktionieren schien. »Leicht angewest sieht der aber auch schon aus«, meinte Jonathan Andrews, als er den alten, nackten Menschen vor sich sah. »Was machen wir mit denen?« wollte nun Gavron wissen. »Zwei Möglichkeiten, entweder wir wecken das Wesen, oder wir nehmen den Behälter mit«, meinte Andrews und suchte nach einigen Schaltern, blieb jedoch erfolglos. »Das kommt nicht in Frage! Wir lassen den Typen hier. Was sollen wir denn mit dem?« Fatzar war stinkwütend. Er hatte sich viel mehr erhofft, vielleicht einen Schatz, aber bis jetzt hatte er nur Leichen gefunden und einen uralten Terraner. »Dieser Mensch lebt noch. Wir können ihn unmöglich hier liegen lassen. Irgendwann würde sich der Energievorrat der Aggregate erschöpfen, dann müßte auch er sterben!« Harold zündete sich eine seiner heißgeliebten Zigaretten an und nahm einen kräftigen Zug. Dann nickte er wortlos. Andrews machte sich sofort an die Arbeit. Er lief wieder zur Kommandozentrale und versuchte dort eine Kontrollkonsole für die Kammern zu finden. »Hey, Leute, ich hab was!« schrie Zypülü laut. Sofort rannten Fatzar und Yark zu ihrem Crewmitglied, der in einen weiteren Nebenraum gegangen war. Die Augen des Kapitäns leuchteten auf, als er das viele Gold, Howalgonium und die vielen Diamanten sah. Ein Pfiff der Begeisterung hallte durch den gewaltigen Saal. »Das kriegen wir alles gar nicht auf die Space-Jet. Gavron, Zypülü, landet die THEBEN auf dem Raumhafen neben der Kuppel. Und sagt den Passagieren, daß wir hier wissenschaftliche Untersuchungen machen.« Endlich war Harold Fatzars Traum in Erfüllung gegangen. Bald war er ein gemachter Mann. Mit diesem Schatz konnte er eine eigene Reederei aufmachen oder sogar die SHORNE INDUSTRY aufkaufen. Andrews begann mit Hilfe des Pikosyns die Übersetzung der Sprache und Schriftzeichen. Er hatte eine Art Logbuch des Kommandanten der Station entdeckt. Tatsächlich waren es Vogelwesen. Das holographische Logbuch zeigte den Kommandanten in voller Größe. Sein gelbes Gefieder ließ das Wesen prächtig aussehen. Von dem was er sagte, verstand der Terraner jedoch kein einziges Wort. Die Translatoren mußten nun ihre Aufgabe erledigen. Remus Scorbit informierte Jonathan über den großen Fund, den Fatzar gemacht hatte. Während Andrews die Beleuchtungsanlagen aktiviert hatte, sahen beide durch das Fenster, wie die THEBEN landete. »Was steckt hinter dieser Station?« wollte Remus wissen und sah dabei Andrews fragend an. Dieser zuckte mit den Schultern. »Genau weiß ich das auch nicht. Es könnte jedoch sein, daß diese Vogelwesen viele Lebewesen entführt haben und sie vielleicht zu Forschungszwecken oder als Nahrung verwendet haben, daher die Kammern. An dem Haluter müssen sie sich, im wahrsten Sinne des Wortes, die Zähne ausgebissen haben. Er wird wohl alles versucht haben, um sich und die anderen zu retten, und dabei ereilte ihn wohl sein Schicksal.« »Und warum dieses Energiefeld?« »Tja, das wüßte ich auch gerne!« Scorbit warf einen Blick auf die Leiche des Haluters. Irgend etwas kam ihm seltsam vor, er wußte jedoch nicht genau was. Es war einfach ein ungutes Gefühl.
Zwei Wissenschaftler, die zufällig an Bord waren, und der Schiffsarzt wurden zur Station gebracht, während Gavron und Zypülü heimlich den gefundenen Schatz zur THEBEN transportierten. Je weniger davon wußten, desto besser. Remus Scorbit und Jonathan Andrews wurde ein zehnprozentiger Anteil versprochen, damit sie schwiegen. Sofort nahmen die beiden an. Remus hatte ausgesorgt und konnte sich und Uthe jeden Wunsch erfüllen, Jonathan konnte sich endlich seinen Traumgleiter kaufen. Dennoch waren die beiden vorerst mit der Übersetzung der fremden Sprache beschäftigt. Inzwischen hatten die Wissenschaftler insgesamt 27 intakte Kammern gefunden, wovon in vier Kammern Menschen waren. Alle waren bereits etwas älter, insbesondere der erste Fund. Der Schiffsarzt, Doktor Wallik, untersuchte die Stasiskammern und machte einige Tests. Ungeduldig erkundigte sich Jonathan nach dem Stand der Untersuchungen. »Nun, ich bin mir inzwischen sicher, daß wir die Kammern öffnen können. Mit der heutigen Technik ist es kein Problem die Personen zu retten«, erklärte der Wissenschaftler. »Weißt du, wie alt diese Station ist?« »Nach den ersten Tests können wir sagen, daß diese Station etwa 3000 bis 4000 Jahre alt ist. Die Energievorräte der Generatoren reichen etwa 3500 Jahre aus. Da das Energieniveau bei den Tanks der vier Terraner bereits unter die Hälfte gesunken ist, würde ich sagen, daß diese Menschen seit knapp 3000 Jahren in Stasis liegen«, fügte er hinzu und deutete auf die vier inzwischen nebeneinander gestellten Kammern. Andrews pfiff laut durch die Zähne. »Ganz schön alt, die Jungs. Trotzdem, wir müssen sie befreien. Doc, fang an!« »Sicherlich, doch dazu muß ich in die Zentrale. Dort müßte sich ein Mechanismus zur Deaktivierung der Kammern finden.« Sofort stürmten die drei Doktoren an die Anlagen und versuchten den richtigen Schalter zu finden. Wie kleine Kinder kamen sie den beiden Terranern vor, als sie mit strahlenden Augen an den Geräten herumspielten und mit heller Begeisterung ihre Resultate sahen und diskutierten. Harold Fatzar näherte sich dem Untersuchungsteam und blickte neugierig Scorbit und Andrews an. »Nun, gibt es was Neues?« »Nein, die Wissenschaftler versuchen noch die vier Terraner aus ihrer Stasis zu befreien. Wir wollen erst einmal sehen, ob es klappt. Wenn ja, befreien wir auch den Rest.« »Gut, gut. Den Schatz haben wir bereits zu einem Viertel eingeladen.« Remus schüttelte den Kopf. »Ich frage mich nur, warum eine Forschungsstation so einen Schatz mit sich führte...« »Keine Ahnung, Mann! Aber das interessiert auch nicht, Hauptsache ich werde reich... und ihr natürlich auch.« Jonathan Andrews fühlte sich unbehaglich an Fatzars Seite. Der Kapitän war ihm zu schmierig. »Sollten wir nicht lieber Terra informieren?« schlug er vor. »Nein! Die nehmen uns nur das Gold weg. Später vielleicht, aber erst nachdem alles auf ein Nummernkonto auf Lepso eingezahlt wurde!« Von Mal zu Mal wurde Fatzar Andrews unsympathischer. Am liebsten hätte er ihn gleich niedergeschlagen und die Sache abgeblasen. Plötzlich schrie einer der Wissenschaftler laut auf. »Ich habe den Schalter«, jubelte er und drückte wie wild auf den Tasten herum, doch nichts tat sich. Auf einmal wurden die vier Säulen an dem Landefeld aktiviert. Kräne fuhren aus, die ein Energiefeld um die THEBEN schlossen. »Was soll das? Mach das aus!« rief Fatzar aufgeregt und rannte zur Konsole. »Nichts anfassen!« Da war es bereits zu spät. Wahllos drückte Fatzar alle Knöpfe und das Energiefeld wurde heller und heller, bis es erloschen war. Als der Spuk zuende war, mußten sie mit Entsetzen feststellen, daß die THEBEN verschwunden war. Einfach weg! »Was? Wo?« stammelte Harold Fatzar fassungslos. Auch Scorbit und Andrews konnten nicht glauben, was da passiert war. »Wo ist sie hin?« wollte Andrews wissen und rüttelte Wallik an der Schulter. »Ich weiß es nicht. Womöglich war das ein Transmitter, der sie abgestrahlt hat. Ich versuche die Koordinaten zu bestimmen.« »Beeilung!« Plötzlich öffneten sich auch die Stasiskammern und das Energiefeld um die Leiche des Haluters brach zusammen. Die drei Terraner eilten zu den Kammern und sahen nach den vier Menschen, die sich langsam regten. Die Medoroboter kümmerten sich unverzüglich um die vier Terraner, gaben ihnen stabilisierende Medikamente und Kleidung. »Doc, was ist mit der THEBEN?« rief Jonathan Andrews durch den Raum. »Ich kann nichts machen. Das ist ein einseitiger Transmitter. Ich kann senden, aber nicht empfangen. Das heißt, wir müßten selbst durch den Transmitter gehen...« »Na wunderbar!« »Das müssen wir riskieren. Meine Frau ist auf der THEBEN. Vielleicht schwebt sie in Gefahr«, meinte Scorbit ernst. Andrews stimmte vorbehaltlos seinem Freund zu und begann seine Ausrüstung zusammenzupacken, doch Harold Fatzar hatte einige Einwände. Er wollte zuerst noch etwas Gold auf die Space-Jet laden, dann nach Terra fliegen und die Regierung über den Zwischenfall informieren. Der dicke Terraner war auf jeden Fall nicht dazu bereit, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Doch auch Doktor Wallik riet zur Vorsicht. Zuerst wollte er mehr über die Station herausfinden. Es konnte auch sein, daß der Transmitter in eine Sonne oder in den leeren Raum führte, weitab von der Milchstraße oder einen anderen zivilisierten Punkt des Universums. Einer der Medoroboter unterbrach ihre Beratung. »Sir, die vier Terraner sind bei Bewußtsein und möchten mit euch sprechen.« »Haben sie schon etwas gesagt?« wollte Andrews wissen. »Das ist das Problem, wir können die Sprache nicht identifizieren.« Verwundert sahen sich Andrews und Scorbit an und begaben sich in den Raum mit den Kammern. Dort waren provisorisch vier Betten aufgestellt. Einer der Leute, der alte Mann, den man als erstes entdeckt hatte, war bereits auf den Beinen. Man hatte ihn ein Umhang gegeben, um sich zu bekleiden. Sein Gesicht war runzelig und eingefallen. Lange weiße Haare hingen wie abgestorben vom Haupt. Jonathan dachte sich, daß so ein Zellaktivatorträger nach Verlust seines Lebensspenders kurz vor seinem Ableben aussehen mußte. »¿Dónde estoy?« fragte der Terraner in einer für die Menschen aus der Neuen Galaktischen Zeitrechnung nicht bekannten Sprache. »Wie belieben?« »¿Dónde estoy? ¿Quién sois?« »Äh... ?« Andrews sah fragend zu den anderen, doch auch sie kommentierten die Worte nur mit einem ratlosen Schulterzucken. Remus wandte sich dem alten Mann zu. »Sprichst du kein Interkosmo?« »¿Qué es Interkosmo?« krächzte der Terraner aus vergangenen Tagen. Scorbit seufzte laut und war ebenso ratlos, wie die anderen. Der alte Mann wanderte durch den Raum und betrachtete die Anlagen. Er war sichtlich beeindruckt. »¡Qué castillo impresionante! ¿Sois ingleses, franceses o alemanes?« Jonathan schüttelte nur den Kopf. »Ich verstehe kein Wort von dem Kauderwelsch!« brummte Fatzar wütend und lief auf den alten Mann zu und packte ihn am Kragen. »Sprich endlich Interkosmo, du alter Sack!« Andrews und Scorbit rissen den Kommandanten der THEBEN von dem alten Mann los, der sich an den Hals faßte, dann jedoch erbost und furchtlos vor Fatzar stellte und ihn böse anblickte. »No arriesga de tocarme! No sabéis qiuén soy yo? Soy el marquesa Don Philippe Alfonso Jaime de la provincia española Siniestro.« »Holt endlich den Translator her!« rief Fatzar zu Doktor Wallik, der schnellen Schrittes in den anderen Raum rannte und den Universalübersetzer mit sich brachte. Einer der Medoroboter wiederholte die Worte und gab damit dem Translator die ausreichenden Informationen. Sofort konnte das Gerät die Sprache erkennen, es war die alte terranische Sprache Spanisch. »Wage es nicht, mich anzufassen! Wißt Ihr nicht, wer ich bin? Ich bin der Marquese Don Philippe Alfonso Jaime de la Siniestro, einer spanischen Provinz«, gab der Übersetzer fehlerlos weiter. Andrews und Scorbit stellten sich vor, mußten jedoch dabei vorsichtig sein. Für den Spanier war es sicher ein Schock, wo und vor allem wann er sich befand. Sie konnten herausfinden, daß der Marquese von Siniestro ein einflußreicher Fürst Spaniens war und im Jahre 1841, im Alter von 80 Jahren, von seltsamen Wesen entführt wurde. An mehr konnte er sich nicht erinnern. Er erklärte, daß eine aufsässige Dienerin ihn angestochen hatte, als er freundlich zu ihr war. Dann wurde alles schwarz. Als er aufwachte, erblickte er riesige Vögel und glaubte im Himmel zu sein. Dann schlief er wieder ein und wachte hier auf. Behutsam erklärten Andrews und Scorbit dem alten Spanier aus dem 18. Jahrhundert, daß er sich im Jahre 1291 Neuer Galaktischer Zeitrechnung befand und sich viel verändert hatte. Der europäische Edelmann kannte keine Raumfahrt, keine anderen Völker, nicht einmal Elektrizität und Fahrzeuge. Trotzdem nahm er alles recht ruhig auf und faßte sich schnell, sehr zur Verwunderung der Terraner aus dem 13. Jahrhundert NGZ. »Was machen wir jetzt mit dem?« wollte Fatzar wissen und warf einen abfälligen Blick auf den alten Mann, der sich inzwischen mit einem alten Mantel und einer Kapuze bekleidet hatte. Er wirkte fast wie ein Mönch, wäre der Umhang nicht schwarz gewesen. »Wir nehmen ihn mit, was sonst. Kümmern wir uns auch um die anderen drei«, meinte Andrews und lief zu den drei Männern, die inzwischen auch zur Besinnung gekommen war. Diese sprachen Deutsch, was auch für den Translator kein Problem darstellte. Die drei seltsamen Gestalten stellten sich vor. Der erste war ein Mann im mittleren Alter, trug einen Bart, hatte einen Bierbauch und roch nicht sonderlich gut. Er stellte sich als der Berliner Reinhard Katschmareck vor, der im Jahre 1932 geboren wurde. Der nächste war wesentlich kleiner, fast schon ein Zwerg. Auch dieser Mann kam aus Deutschland und war der Cousin von Reinhard, Werner Niesewitz. Der dritte im Bunde ähnelte beinahe dem Marquese. Die Tränensäcke hingen ihm fast schon an der Nasenspitze, die Augen waren rot unterlaufen. Der Deutsche Eberhard Wieber wurde 1921 geboren und hatte sein ganzes Leben dem Militär gedient. Die beiden erzählten eine ähnliche Geschichte, wie sie sie schon von Marquese von Siniestro gehört hatten. Alle drei saßen zusammen bei einem Glas Bier als sie sich plötzlich in einem leeren Raum wiederfanden und kurz danach betäubt wurden. »Könnt'n wa vielleicht hier'n Bier kriegen tun?« wollte Reinhard Katschmareck in einem grausamen Dialekt wissen. »Was machen wir also jetzt mit den vier seltsamen Gestalten?« fragte nun auch Remus Scorbit langsam ungeduldig nach. Andrews war langsam in die Rolle des Anführers gewachsen, was er als sehr ungewöhnlich empfand, ihn jedoch aber auch irgendwie stolz machte. »Ich denke, wir verabreichen den vier Leuten eine Hypnoschulung auf der Space-Jet, dann entscheiden wir, ob wir durch den Transmitter gehen. Auf alle Fälle, senden wir einen Funkspruch ab. Fatzar, Gavron und Zypülü kommen mit dem Marquese, Katschmareck, Wieber und Niesewitz mit zur Space-Jet. Doktor Wallik und seine beiden Assistenten forschen hier weiter herum.« Andrews hatte klare Worte gesprochen, die von allen auch widerspruchslos entgegengenommen wurden. Remus Scorbit machte sich große Sorgen um seine Frau Uthe. Er hoffte, daß ihr nichts passiert war. Während der Schriftsteller an dem Haluter vorbeiging, fiel ihm zum ersten Mal den weißen, wurmähnliche Wulst um den Nacken des Giganten auf. Er vermutete, daß dies eine Art Sicherheitskontrolle der Vogelwesen war, um ihn unter Kontrolle zu halten, doch der Haluter konnte dennoch den Versuch starten, sich zu verteidigen und die anderen zu befreien, leider ohne Erfolg. Der Marquese lernte am schnellsten von allen. Dahinter kam Niesewitz. Für Katschmareck und besonders für den alten Eberhardt Wieder, die alle aus dem Jahr 1984 entführt wurden, war alles schwer zu verstehen. Zwar kannten sie bereits einen Rhodan, doch ihr Horizont war wohl doch sehr beschränkt. »Wenn ich das mal zusammenfassen darf, waren wir seit knapp 3000 Jahren in Tiefschlaf, aber dieser Rhodan tut immer noch leben?« Andrews bestätigte die Theorie von Reinhard Katschmareck. Der Deutsche blickte erst nachdenklich auf den Boden, dann grinste er breit. »Mensch, dann ist ja meine alte Dorle schon lange unter der Erde! Das muß man feiern!« Andrews schüttelte genervt den Kopf. Die Drei verlangten nun etwas zum Essen und zu Trinken, am besten Bier. Fatzar konnte ihren Wünschen problemlos nachkommen. Der Marquese war mehr in sich gekehrt. Er beobachtete die anderen genau und schien sehr schnell zu lernen. Er stellte sich neben Jonathan Andrews und sah aus dem Fenster der Space-Jet. »Vor wenigen Momenten war ich noch in Spanien, nun blicke ich aus dem Fenster und sehe eine fremde Welt vor mir. Für fast jeden anderen in meinem Jahrhundert wäre dies hier ein Kulturschock gewesen.« »Warum für dich nicht?« »Ich bin stärker als die anderen. Ich sehe diese Entführung als einen Segen. Ich hatte alles in Spanien erreicht und war ein großer Fürst. Hier habe ich viel mehr Möglichkeiten...« Ein seltsamer Unterton lag in der Stimme des Spaniers, den Andrews nicht richtig zu deuten vermochte. Don Philippe faltete seine Hände vor dem Bauch und schien den Anblick des Asteroiden zu genießen. Wahrscheinlich war er der einzige. »Ihr habt Schwierigkeiten, Señor Andrews?« Jonathan nickte nur. »Ich habe inzwischen mitbekommen, worum es hier geht. Anscheinend seid Ihr und Eure Freunde nur zufällig hier vorbeigekommen und habt mich und diese anderen naiven Kreaturen entdeckt. Euer Schiff ist verschwunden, durch diesen... Transmitter, das ist doch das richtige Wort?« »Ja.« »Nun, sofern keine unentbehrlichen Personen an Bord dieses Schiffes waren, so bitte ich doch, mich nun zur Erde zu bringen, Señor Andrews.« Der Terraner biß die Zähne zusammen und schüttelte den Kopf. Der Marquese rümpfte die Nase, was ihn noch häßlicher aussehen ließ. »Es tut mir leid, Marquese, aber ich kann dich nicht zur Erde bringen. Wir müssen zuerst die THEBEN finden. Wir sind es den Lebewesen an Bord schuldig. Wir müssen sie retten.« Don Philippe verzog sein Gesicht zu einem Grinsen, wobei Andrews nicht genau erkennen konnte, ob es ein herzhaftes Lächeln war oder ein verachtendes und abfälliges Lachen. »Euer Altruismus in Ehren, aber meint Ihr nicht, daß dieser Edelmut für diese nichtssagenden Menschen fehl am Platze ist?« »Nein!« entgegnete Jonathan erbost. »Die Menschheit hat sich etwas weiterentwickelt seit deiner Zeit. Wir helfen einander und respektieren jedes Leben. Nicht jeder mag diese Einstellung besitzen, doch ich für meinen Teil werde nicht eher ruhen, bis wir die Passagiere der THEBEN gefunden haben, verstanden?« Der Marquese hob beschwichtigend die Hände. »Ich wollte Sie nicht verärgern, Señor. Ich bin Euch zu großem Dank verpflichtet, denn ohne Euch wäre ich immer noch in dieser Kammer. Daher werde ich Euch bei der Suche nach Euren Leuten, so gut es geht, unterstützen.« »Danke, ich kann jede Hilfe gebrauchen.« Jonathan Andrews war sich nicht sicher, was er von dem Marquese von Siniestro halten sollte. Auf jeden Fall kam der Mensch sehr gut mit den neuen Gegebenheiten klar. Er war hochintelligent, man sollte sich nicht von seinem abschreckenden Äußeren täuschen lassen. Dennoch fieberte Andrews zuerst den neuen Ergebnissen von Doktor Wallik nach. Er hoffte, daß sich der Wissenschaftler bald melden würde.
Wallik schlürfte eine Tasse Kaffee und arbeitete mit seinem tragbaren Syntron an den Konsolen der Fremden. Inzwischen hatte der Plophoser einiges herausgefunden. Das Volk nannte sich Vesariden und stammte aus einer fernen Galaxis. Sie waren angeblich Forscher und sammelten jede Menge Exemplare aus allen Teilen des Universums, um sie auszustellen und zu studieren. Dieser Gedanke war Wallik zuwider, doch es erinnerte ihn an die Terraner, denn nichts anderes hatten sie seinerzeit sie mit den Tieren ihres Planeten gemacht. Das Logbuch konnte bis jetzt teilweise entziffert werden. Wieder und wieder ließ er es ablaufen, um die fremden Wörter zu übersetzen. Das Hologramm des Vogels erschien. Er war der Kommandant des fliegenden Meteoriten, der in Wirklichkeit ein Raumschiff war. Sein Name war Pazoni. Hier Kommandant Pazoni. Eintrag xarudkut isak cha kazul. Die Bestie ist nicht zu bändigen. Wir haben alles versucht, doch der azoki mok la kretza isu al badi ch'aa'roja. Die Verluste sind hoch, ich weiß nicht, ob wir unsere Mission erfolgreich beenden können. Meiner Meinung nach war es ein Fehler diese Galaxis poratzi ertz takar da. Oh, nein. Es geht wieder ura ura saar. Mir bleibt nur eine Möglichkeit. Wenn es mir gelingt, dann... Damit war die vorletzte Nachricht zuende. Langsam ergab sie für Wallik einen Sinn. Mit der Bestie mußte der Haluter gemeint sein, den sie ebenso wie die Altterraner entführt hatten. Der Wissenschaftler konnte über das Alter des Haluters nur mutmaßen, doch er war sicherlich nicht so lange auf dieser Station, wie der Marquese. Nun wurde die zweite Nachricht abgespielt. Das Monster hat fast alle getötet. Unser porak zurek Angebot hat er ozz chuk chuk chak. Es gibt nur eine Möglichkeit. Ich bin schwer verletzt, doch ich kann es besiegen. Nach einer kurzen Pause von etwa zehn Minuten, in dieser im Hintergrund nur Schreie und Schüsse zu hören waren, trat das blutverschmierte Vogelwesen wieder vor die Kamera. Ich habe das Wesen, welches sich selbst zertak du duru dak nennt, besiegt. Ich weiß nicht, ob es tot ist, aber ich bete darum. Ich, der einzigste, der das Wüten dieser schwarzen Bestie überlebt hat, werde sterben. Unsere Mission ist fehlgeschlagen, wer immer diese Botschaft lesen wird, urteile nicht falsch über uns und hüte dich vor dem Monster. Sollte es noch leben, kann nur der Grüne uns retten und die Seelen erlösen. Das waren die letzten Worte. »Sehr theatralisch. Hanz, bring mir doch noch etwas Kaffee.« Sein Kollege ging an dem Korridor mit dem toten Haluter vorbei zur Kammer, in der man ein kleines Lager aufgestellt hatte und besorgte seinem Freund mehr von dem schwarzen Getränk. Wallik war damit beschäftigt den ersten Satz der letzten Nachricht zu übersetzen. Er brannte darauf zu erfahren, wie sich der Haluter selbst nannte. Der Translator arbeitete auf Hochtouren. »Wo bleibt der Kaffee?« rief der Wissenschaftler ungeduldig und sah zu seinem anderen Kollegen herüber, der eine der Skelette genauer sezierte. Wallik bekam von ihm keine Antwort, dafür jedoch vom Translator. Er konnte die nicht verstandenen Wörter nun einwanderfrei übersetzen. Der Text war folgender: Ich habe das Wesen, welches sich selbst Zeitpolizist nennt, besiegt. Wallik stockte der Atem. Er überprüfte den Translator, doch die Übersetzung war korrekt. Überrascht winkte er Allan D. Donalds zu sich, der nur widerwillig vom Skelett des Volgelwesens abließ. Donalds verinnerlichte den ersten Satz des Vesariden. Auch er war ziemlich überrascht gewesen. Das Wesen nannte sich Zeitpolizist! »Du dickes Ei. Das heißt, daß die Vesariden auch einen Dolan samt Zweitkonditionierten entführt haben. Doch sie konnten die Bestie nicht unter Kontrolle halten. Grauenvoll... !« Wallik nickte stumm. Er überprüfte noch einige Kameraaufnahmen, doch das Filmmaterial war schon knapp 3000 Jahre alt. Er hatte ausgerechnet, daß die Station seit dem Jahre 2015 als Geisterschiff durch den Raum irrt. Da man nirgendwo einen Dolan gefunden hatte und auch so ziemlich alle Funkanlagen zerstört waren, hatte die Bestie sowieso keine Chance mehr, von dem Asteroiden herunterzukommen. Wallik studierte nun die Aufnahmen. Sie zeigten ganz deutlich den Kommandanten, der blutig zusammenbrach und vor der Konsole starb. Doch kurz danach eilte hastig ein weiterer Vesaride auf die Konsole zu und tippte auf einige Tasten. Es schien, daß er von irgend jemand bedroht wurde. Man konnte allerdings nicht genau sehen, von wem. Plötzlich begann das blaue Leuchten, welches das Energiefeld um den Zweitkonditionierten darstellte. Der Vesaride schien einen Countdown für das Feld einzustellen, änderte diesen jedoch auf einmal auf unbestimmte Zeit. Dann nahm er eine Waffe und erschoß sich. »Was soll das jetzt bedeuten?« fragte Donalds ahnungslos. Wallik dachte angestrengt nach. »Nun«, murmelte er und ließ sich ein paar Daten über das Energiefeld geben. Er zog die Augenbrauen hoch, als er herausfand, um was es sich dabei handelte. »Das war ein Stasisfeld, mein Freund. Anscheinend sollte es nur auf bestimmte Zeit eingestellt werden, doch der Vogel hatte den Countdown abgestellt, so daß es solange aktiviert blieb, bis die Energie zusammenbrach«, erklärte der Plophoser seinem Kollegen. »Schön und gut, aber wer hatte den Vesariden dazu gezwungen, ein Stasisfeld um den toten Zeitpolizisten zu spannen. Das nutzt doch nur etwas, wenn man eine lange Zeit überleben will!« Donalds hatte die Antwort bereits selbst gegeben. Erschrocken blickten sich beide Wissenschaftler an. Schnell reaktivierte Wallik wieder das Feld. Er wollte auf Nummer sicher gehen. »Hoffentlich lebt das Ding nicht mehr«, murmelte er aufgeregt. »Hanz, wo ist der Kaffee?« Plötzlich hörten sie ein lautes Schreien. Zuerst war das Zerbrechen eines Porzellanstückes zu hören, dann das Zerbrechen von Knochen. Das Schreien verstummte. Die beiden Wissenschaftler blickten sich an, da trat auch der gewaltige Gigant auf sie zu. Die drei feuerroten Augen strahlten nicht nur Lebensenergie, sondern auch Haß aus. »Weg hier!« schrie Donalds und lief auf den Ausgang zu, doch da hatte ihn der Zeitpolizist bereits einholt und gegen die Wand geschleudert. Mühsam rappelte sich Donalds auf und schrie vor Angst wie am Spieß. Der Gigant bäumte sich vor dem Wissenschaftler auf und schnaubte laut. Schweiß lief Donalds von der Stirn. Tränen flossen dem Terraner vom Gesicht. Der Zeitpolizist schrie laut auf und schlug mit zwei Fingern gegen den Kopf des Wissenschaftlers. Sein Haupt wurde regelrecht abgeschossen und prallte gegen die Wand, wo er förmlich zerplatzte. Wallik wollte nun auch wegrennen, doch der Riese stellte sich ihn in den Weg und brach dem Plophoser die Beine. Wallik konnte vor Schmerzen kaum bei Besinnung bleiben. Der Zweitkonditionierte packte ihn und warf ihn auf die Konsole. »Rede, bei welchen Koordinaten sind wir?« Der Translator konnte die Zentrumssprache mühelos übersetzen. Zitternd gab Wallik den Standort der Station durch. Die Bestie schnaubte um so wütender, als er das Ergebnis erfuhr. »Dieser elende Vesaride hat mich betrogen. Er sollte doch das Stasisfeld so einstellen, daß es sich kurz bevor diese Station die Hyperraumblase erreicht deaktiviert. Ich muß Kontakt zu den anderen aufnehmen!« Wallik hob den Arm. »Die anderen sind schon lange tot... seit zweitausend Jahren... es gibt keinen Grund, daß wir uns nicht friedlich verständigen....« Die Bestie fauchte Wallik an und verengte die Augen. Der Plophoser wußte, es war zuende. Mit dem unteren Greifarm hob der Zeitpolizist den Wissenschaftler hoch und drückte ihn gegen die Konsole, die sofort nachgab, genauso wie Walliks Rückgrat.
Was macht der bloß solange?« fragte sich Andrews ungehalten. »Wen meinst du?« wollte Remus wissen. »Diesen Wissenschaftler namens Wallik! Er soll keine Doktorarbeit schreiben, sondern nur die Koordinaten der THEBEN herausfinden!« Den beiden war die Aufregung sichtlich anzumerken. Im Gegensatz zu den drei Deutschen aus dem 20. Jahrhundert, die laut sangen, aßen und tranken. Jonathan nahm den Interkom und wählte Walliks Pikosyn an, erhielt jedoch keine Antwort. Er versuchte es noch zweimal, dann spürte er, daß irgend etwas nicht in Ordnung sein konnte. Andrews machte ein besorgtes Gesicht. »Stimmt etwas nicht?« erkundigte sich Don Philippe. »Ich weiß es nicht. Du bleibst hier, während Remus und ich mal nachsehen.« Kaum hatte er die Worte zuende gesprochen, war der Terraner bereits aus der Tür und rannte zur Kommandozentrale der fremden Station. Remus lief ihm ebenso schnell hinterher und hielt sein Thermogewehr bereit. Was die beiden dort vorfanden, entsetzte sie. Die Wissenschaftler waren übel zugerichtet. Jonathan rief sofort Fatzar, Yark und den Blue Zypülü herbei. Niemand konnte sich erklären, was passiert war. Auch die Medorobots und die restlichen bis dahin noch intakten Kammern waren vernichtet. Dafür war das Kraftfeld wieder aktiviert, doch der Haluter fehlte. Andrews entdeckte den Memowürfel in Walliks rechter Hand. Behutsam nahm er ihn und legte das Gerät auf den Tisch. Das Hologramm des Vogelwesens erschien und sprach alle drei übersetzten Nachrichten, die für Klarheit sorgten. Die fünf wußten nun, daß sie es mit einem wildgewordenen Zweitkonditionierten zu tun hatten. Warum dieser lebte, konnten sie sich nicht erklären, doch im Moment war das auch nebensächlich. Das Wichtigste war wohl im Augenblick das Überleben. »Wir müssen hier weg. Am besten sofort durch den Transmitter«, schlug Scorbit vor. Andrews stimmte im mit einem Kopfnicken zu und machte sich bereits auf den Weg, doch Gavron Yark hielt ihn zurück. »Was soll das?« maulte Andrews. »Hier trennen sich unsere Wege. Wir brauchen den Platz in der Space-Jet für unser Gold. Zur Hölle mit der THEBEN, zur Hölle mit diesen vier steinalten Relikten in der Space-Jet, zur Hölle mit der Bestie und vor allem zur Hölle mit euch!« Verachtung lag in den Worten von Harold Fatzar. Das Gold war ihm wichtiger als alles andere, doch seine beiden Kameraden waren nicht anders. Die Gier hatte ihre Seelen übernommen. Er gab Gavron den Befehl die beiden zu töten, während er und Zypülü den Marquese und die drei aus dem 20. Jahrhundert eliminieren würden. Der Topsider legte das Thermogewehr auf seine Armbeuge und zielte auf Remus Kopf. Andrews wollte dazwischen springen, da stürmte die Bestie in den Raum und bäumte sich vor den Dreien auf. Der Topsider wich zurück und hielt nun die Waffe auf den Zeitpolizisten, der sich, laut brüllend, vor dem Echsenwesen aufbaute. »Hau ab! Verschwinde!« schrie Yark verzweifelt und eröffnete das Feuer, was dem Zweitkonditionierten wenig ausmachte, da er sein Äußeres verhärtete. Andrews und Scorbit nahmen ihre Waffen und rannten zur Kammer mit den Behältern. Der Topsider hatte nicht den Hauch einer Chance. Die Energiesalven prallten ab, die Bestie stützte sich auf die Laufarme und rannte Yark einfach nieder. Das Ende des Ersten Offiziers der THEBEN war besiegelt. »Scheiße, jetzt sind wir dran«, meinte Andrews. Seine Stimme überschlug sich, als er sah, wie der Zeitpolizist um die Ecke schoß. »Bloß raus hier!« rief er zu Scorbit und eilte los. Beide rannten in einen Nebenraum und verbarrikadierten die Tür. Schweißgebadet lehnten sie sich an die Wand und atmeten erleichtert auf. Die Bestie durchbrach die andere Wand und versuchte die beiden mit den Armen zu erwischen. Remus und Jonathan rannten unter den Säulenbeinen hindurch, geradewegs zur Kommandozentrale. Als sie bemerkten, daß das Monster sie verfolgte, liefen sie zur Halle, in der sich ihr Schatz befand, und wo Fatzar und Zypülü dabei waren, die nächste Ladung einzuschiffen. »Lauft! Lauft!« riefen die beiden und sausten an dem Terraner und dem Blue vorbei, die ihnen nur verständnislos hinterher blickten. Fatzar versuchte Yark zu erreichen, doch er konnte nicht mehr mit ihm sprechen. Der Boden begann zu vibrieren, immer schneller und heftiger. Der Gataser schrie laut auf und begann auf die Bestie zu schießen, doch der Zeitpolizist packte den Blue am Arm, hob ihn hoch und schleuderte ihn gegen die Wand. Fatzar eilte zu dem Gataser. Schnell stellte er fest, daß Zypülü nicht mehr atmete. So schnell seine Beine ihn tragen konnten, versuchte er dem Ungetüm zu entkommen. Doch die Bestie hatte ihn mit einem gewaltigen Satz bereits eingeholt, hob auch ihn hoch. Mit einer Hand umfaßte er Fatzars Arme, mit der anderen seine Beine. Der Zeitpolizist bog den Terraner solange, bis er in der Mitte durchbrach. Wütend stapfte er durch die Korridore. Remus und Jonathan konnten sich erfolgreich verstecken. Beide waren mehr als aufgeregt. Weder Scorbit noch Andrews waren Feiglinge, doch angesichts dieses Monsters rutschte ihnen das Herz buchstäblich in die Hose. »Was... was machen wir jetzt?« fragte Remus zögerlich. »Ab durch den Transmitter.« »Gute Idee, aber da gibt es ein Problem. Einer von uns müßte den Schalter in der Zentrale benutzen und dazu müßte einer von uns an der Bestie vorbei...« Andrews schluckte hörbar. Langsam fing er an dieses Abenteuer zu bereuen. Er dachte kurz nach und nahm allen Mut zusammen. »Gut, einer lenkt den Zeitpolizisten ab, der andere rennt in die Zentrale. Was machst du?« Remus lachte auf und blickte verzweifelt an die Wand. Er dachte an Uthe. Um sie wiederzusehen, mußte er durch den Transmitter. Es führte kein Weg daran vorbei. Dazu mußten sie aber die Bestie überlisten. »Hör zu, Remus. Ich lenke das Vieh ab. Du hast eine bezaubernde Frau, die auf dich wartet. Auf mich wartet noch niemand«, schlug Andrews vor. »Bist du sicher?« »Ja! Also los, laß uns die Sache zuende bringen!« Jonathan bewaffnete sich und wollte loslaufen, da hielt ihn Remus zurück. »Warte. Ich habe eine Idee. Zuerst müssen wir zur Space-Jet. Vielleicht haben wir dort Säure. Ich kann mich erinnern, daß die Bestien mit Stogsäure kleinzukriegen waren. Vielleicht haben wir so etwas ähnliches an Bord.« »Gute Idee!« So schnell sie konnten, rannten die beiden Terraner zum Hangar und liefen zur Space-Jet. Der Marquese erwartete sie bereits. »Da bin ich aber froh, daß Fatzar dich nicht umgelegt hat«, meinte Andrews ehrlich und gab dem alten Spanier einen Klaps auf die Schulter. »Wo sind die anderen?« »Sie liegen betrunken in der Ecke und singen befremdliche Lieder von einer polnischen Flotte, die vor Danzig versinkt. Ich verstehe den Sinn nicht.« Andrews verstand langsam, daß diese drei ziemliche Nationalisten waren. Ein Problem mehr. Er hoffte, daß diese drei Relikte zu keiner unverhofften Gefahr wurden. Remus Scorbit hatte inzwischen zwei Säurewerfer gefunden. Sie schnallte sich die Werfer in aller Eile auf den Rücken. »Für eine Space-Jet eines Kreuzfahrtraumers ziemlich gut bewaffnet!« stellte Remus erstaunt fest. Doch letztendlich kam ihm das sogar gelegen. »Marquese, du wartest hier, bis wir wiederkommen. Sobald der Transmitter aktiviert ist, haben wir knapp zwei Minuten Zeit, um wieder zum Schiff zu gelangen. Wir müssen uns beeilen«, erklärte Johnny Andrews. Remus nickte und entsicherte den Säuerwerfer. »Wer steuert denn dieses Raumschiff in den Transmitter, Señores?« Remus und Jonathan sahen sich ratlos an. Don Philippe grinste breit. »Ich werde das übernehmen. Dank der Hypnoschulung bin ich wohl in der Lage das Schiff zu bedienen. Sobald Sie beide das Schiff verlassen haben, bringe ich es bereits in Position. Viel Glück!« Also, wenn ich das schaffe, frage ich Yessica, ob sie mich heiraten will«, meinte Jonathan, dann dachte er einen kurzen Moment nach. »Nein, besser ich schlafe mit ihr und den Rest überlege ich mir dann noch.« Scorbit grinste und wünschte seinem Freund viel Glück. Langsam schlich sich Remus durch die dunklen Korridore und erwartete in jeder Sekunde den Zeitpolizisten. Jonathan Andrews bewegte sich wesentlich auffälliger. Er hatte einen SERUN angezogen, um zumindest eine kleine Chance gegen das Monster zu haben. Das Aufstampfen des Kolosses ließ sein Herz höher schlagen. Jonathan aktivierte den Säurewerfer. Den Schatten der Bestie konnte er bereits sehen. Mit bebenden Schritten lief der Gigant auf ihn zu. Etwa zehn Meter vor Andrews blieb er stehen. Er lauschte dem unregelmäßigen Atem des Terraners. In den ersten Sekunden war Jonathan wie paralysiert, dann riß er sich zusammen. Der Zeitpolizist rührte sich kaum. Die Augen strahlten Haß, Arroganz und Überlegenheit aus. Der SERUN regulierte die Innentemperatur und versuchte mit der Senkung der Temperatur den Insassen wieder zu beruhigen. Jonathan nahm allen Mut zusammen. »Warum mordest du?« fragte er halblaut. »Weil ihr mir im Weg seid. Ich brauche euer Schiff. Dafür benötige ich maximal nur einen von euch. Der Rest wird vernichtet.« »Die Uleb existieren nicht mehr, begreife das doch! Wir haben sie besiegt!« Der Zeitpolizist wurde unruhiger. »Ja, wir haben euch kräftig in den Hintern getreten. Du bist der letzte deiner Art. Besser, du legst dich gleich sterben, oder soll ich dir erst den Rest geben, du Riesenaffe!« Jetzt bekommt er gleich einen Wutanfall, dachte Andrews, wußte aber nicht, daß der Zweitkonditionierte mit den Schimpfwörtern wenig anfangen konnte. »Sollte ich wirklich der letzte sein, werde ich dich auf jeden Fall mit ins Grab nehmen!« brüllte die Bestie und stürmte los. Entsetzt zündete Andrews die Düsen des SERUNs. Der Raumanzug samt dem Terraner schoß an dem 3,50 Meter großen Monster vorbei und bog links in einen Korridor ab. Sofort nahm die Bestie die Verfolgung auf. Inzwischen hatte Remus die Zentrale erreicht und den Transmitter aktiviert. Er konnte sogar einen Countdown eingegeben. Er wählte vier Minuten. Plötzlich rief sich das Logbuch wieder in seine Erinnerungen. Der Veraside sprach von einem Grünen, der die Bestie vernichten würde. Sein Blick fiel auf einen grünen Schalter. Ohne groß nachzudenken drückte er ihn. Ein Alarm gellte auf und eine positronische Stimme sagte etwas. Scorbit nahm den Translator. Die Übersetzung gefiel ihm wenig. Er hatte den Selbstzerstörungsmechanismus aktiviert. Noch etwa 5 Minuten blieben ihm. In diesem Moment zischte Andrews in die Zentrale. »Jonathan, ich habe schlechte Neuigkeiten...« begann Remus. »Ich auch!« rief Jonathan. Kaum waren die Worte verklungen, stürmte die Bestie in den großen Saal. Beide feuerten mit den Säurewerfen auf sie. Schreiend taumelte der Zeitpolizist zurück und fiel auf den Rücken. Diese Schwäche nutzten die beiden sofort aus und flogen los, um sich zu retten. Der Zweitkonditionierte sprang auf und lief hinterher. Etwa drei Minuten ging die Verfolgungsjagd, dann hatten Andrews und Scorbit die Space-Jet erreicht, die der Marquese bereits in die richtige Position gebracht hatte. Die Luke schloß sich, kurz nachdem beide drin waren. Die Bestie durchbrach das Schott der Station und schlug gegen die Space-Jet, die sofort abhob und sich in Sicherheit brachte. Remus und Jonathan umarmten sich vor Freude. Sofort rannten sie in die kleine Kommandobrücke. »Gut gemacht, Opa! Jetzt so bleiben, bis wir durch den Transmitter sind!« meinte Scorbit hastig und atmete erst einmal erleichtert durch. Wütend lief der Zeitpolizist wieder zurück in die Station. Die Kräne fuhren wieder aus, der Transmitter nahm seine Tätigkeit auf und strahlte die Space-Jet ab. Zurück blieb die Bestie, die den fremden Worten lauschte und zu spät ihr Ende erkannte. Die Station explodierte und riß den letzten Zweitkonditionierten in den Tod. Wenig später zerbarste der gesamte Asteroid.
Die Space-Jet rematerialisierte auf einem Planeten mit eher karger Vegetation. Zuerst hatte Andrews einige Probleme mit der Navigation. Die Space-Jet schmierte ab, doch rechtzeitig konnte er sie wieder hochziehen. Der Antrieb versagte trotzdem. Halbwegs elegant landete das Schiff auf einem Sandhügel, der den Absturz immerhin dämpfte. Der Aufprall hatte die drei Säufer auch wieder aufgeweckt. »Reini, die Russen kommen. Alle Mann in die Gräben, 8,8 Flak bemannen!« murmelte der kleine Werner Niesewitz. »Ja, ja... so ist das!« kommentierte Eberhard Wieber die Situation, während Reinhard Katschmareck seinen Magen entleerte. Andrews, Scorbit und Don Philippe de la Siniestro waren nichts geschehen. Sie sahen zuerst nach den drei Deutschen, denen körperlich auch nichts passiert war. Daß sie jedoch schon vorher einen geistigen Schaden davongetragen hatte, stand für Andrews außer Frage. Remus und Jonathan prüften, ob der Planet eine atembare Atmosphäre hatte, was glücklicherweise zutraf. Sie bewaffneten sich und wollten die Gegend erkunden. »Ich bleibe bei den anderen«, meinte der Marquese und setzte sich in den Kommandosessel, denn kommandieren konnte er, nach eigenen Angaben, am besten. Der Planet wirkte ziemlich ungastlich. Er wurde von einer blauen Sonne beschienen, welche dem Planeten einen unheimlichen Eindruck verlieh. Weil der Boden sandig war, kamen sie nur mühsam voran. Nachdem sie etwa einen Kilometer zurückgelegt hatten, schlug Remus vor, wieder zurückzulaufen und die SERUNs anzulegen, da erblickte Andrews das ausgebrannte Wrack der THEBEN. Die beiden Terraner rannten so schnell sie konnten zum Wrack der THEBEN, welches schräg in einer Sanddüne steckte und immer noch dunklen Rauch ausstieß. So schnell sie konnten, liefen sie zum Wrack. Verzweifelt suchten sie nach Schleusen oder Rissen in der Hülle, durch die in das Innere gelangen konnten. Als Sie schließlich durch ein Loch in der Hülle in das Schiff eindringen konnten, fanden sie noch Trümmer, Asche und ein paar verkohlte Leichen. Dort wo sich einst das Quartier der Scorbits befand, war nun ein großer Trümmerhaufen an Metall. Der Individualabtaster zeigte ebenfalls keinerlei Lebensformen an. Insgesamt 71 Leichen wurden entdeckt, viele grausam verstümmelt und kaum identifizierbar. »Was machen wir jetzt?« fragte Remus besorgt und ließ sich erschöpft in den Sand fallen. Der heiße Wind strich den beiden Terraner durch die kurzen Haare. »Wir kehren zur Space-Jet zurück und versuchen auf dem Planeten menschliche oder extraterrestrische Lebensformen zu orten«, erklärte er und half seinem Freund hoch. Kaum daß sie die ersten Schritte getan hatten, ließ ein gellender Schrei sie wie angewurzelt stehenbleiben. »Woher kam der?« »Keine Ahnung«, meinte Scorbit und hielt den ID-Abtaster in alle Richtungen. In Richtung Norden schlug er aus und zeigte eine Ansammlung von Lebewesen. Ohne zu zögern rannten die beiden los, in der Hoffnung dort ihre Angehörigen und Freunde unverletzt wiederzufinden. Der Marquese wanderte durch das terranische Schiff und schien alles genau zu betrachten. Dabei wurde er stets kritisch von Werner Niesewitz gemustert. Die anderen beiden saßen eher apathisch in der Ecke. »So ist das...« murmelte Wieber mit schleppender Stimme, während Reinhard Katschmareck etwas Körpergas verlor und darüber noch grinste. Der Marquese war ein Adliger, ein Ehrenmann, der Benehmen besaß und in seinen Augen etwas besonderes darstellte. Die anderen drei hingegen waren nichts weiter als gewöhnliche Bauern. Dennoch mußte sich Don Philippe allmählich überlegen, was aus ihm nach diesem Abenteuer werden sollte. In diesem Alter war er stark gefährdet. Dank der Hypnoschulung wußte er von lebensverlängernden Mitteln, die jedoch teuer waren. Gold befand sich genug in dieser Space-Jet. Ihm war klar, daß einige versuchen würden, ihm das Vermögen streitig zu machen, doch wenn er es schaffte, geschickt Mitleid zu erregen, würde man ihn sicher gewähren lassen. Zuerst, überlegte er sich, wollte er Siniestro zurückfordern, um sich dann ein neues Fürstentum aufzubauen, was jedoch sehr schwer war, da die gesamte Erde geeint war. Der Don überlegte, ob er vielleicht einen neuen Planeten kolonisieren sollte. Doch zuerst brauchte er Diener, die ihm bei seinem Vorhaben unterstützten. Da die Auswahl nicht sonderlich groß war, wandte er sich an Werner Niesewitz. »Hören Sie zu, Señor. Ich bin ein Marquese, ein einflußreicher Mann mit einem großen Vermögen.« Sofort wurde der kleine Terraner hellhörig. »Ich brauche aber auch in diesem Jahrhundert Gefolgsleute, die mir dienen. Sie werden natürlich gut bezahlt«, erklärte der Don weiter. Nun lauschten auch Reinhard Katschmareck und Eberhard Wieber dem Gespräch. »Und Ihre Wahl fällt auf uns?« forschte Niesewitz nach. »Si, Señor! Ihr werdet natürlich für Eure Dienste fürstlich belohnt. Hier ist eine Vorauszahlung.« Der Marquese drückte Niesewitz drei Goldklumpen in die Hand, die er aus der Kammer genommen hatte. Zur Sicherheit hatte Don Philippe den Raum abgeriegelt. Die drei wußten nichts von dem Fund, den Fatzar und seine Leute gemacht hatten. Mit leuchtenden Augen starrten die drei auf das glänzende Metall. Niesewitz strahlte über beide Wangen. »Wir nehmen Ihr Angebot gerne an, mein Herr!« Plötzlich wurde die Space-Jet erschüttert. Der Marquese eilte, so schnell es seine alten Knochen zuließen, in die Kommandozentrale und sah aus den Fenstern. Erschrocken wich er zurück, als er die Riesenspinne sah, die versuchte die Außenhaut zu durchdringen. Das Untier war etwa so groß wie die Space-Jet selbst. Der Raumer wurde durchgeschüttelt. »Oh Gott, nun sterben wir! Alles ist aus!« schrie Reini und machte sich vor Angst in die Hosen. Der Don rümpfte seine Nase voller Abscheu und befahl dem Syntron Gegenmaßnahmen einzuleiten. Sofort fuhr der Schutzschirm hoch und verscheuchte die Spinne. Erschöpft setzte sich der Spanier in den Kommandosessel. »Wir sind verloren! Dieses Shuttle kann nicht mehr starten und dieser Planet ist die Hölle«, schluchzte Katschmareck. »So ist das...« meinte Wieber wie üblich. »Syntron, sende einen Notruf in die Weiten des Alls. Auf allen Frequenzen und in allen bekannten Sprachen. Da draußen muß doch jemand sein!« Mir tut ja so mein Rücken weh. Das ist ja nicht mehr zum aushalten«, stöhnte Ottilie Braunhauer und wippte unruhig auf dem unbequemen Stein hin und her. Ihr Mann schlurfte durch die dunkle Höhle und klagte sein Leid. Uthe Scorbit und Yasmin Weydner konnten dieses Gejammer langsam nicht mehr ertragen. Seitdem die THEBEN vom Asteroiden verschwand und auf dem Planeten notlandete, nervte das alte Ehepaar und trug nichts konstruktives zu einer Lösung des Dilemmas bei. Nein, sie verschlimmerten die Situation eher noch. Uthe ließ die letzten Stunden noch einmal Revue passieren. Die THEBEN stand auf dem Landefeld des Asteroiden, als plötzlich vier Strahlen das Schiff erfaßten, die sich als Transmitter entpuppten. Plötzlich fanden sie sich auf diesem Planeten wieder. Die THEBEN flog noch einige Kilometer, dann schmierte sie ab und krachte donnernd auf den Erboden. Viele Passagiere starben bereits beim Aufprall. Dann fing das Schiff Feuer und alles ging entsetzlich schnell. Uthe packte die bewußtlose Yasmin Weydner und zerrte ihre Freundin aus dem brennenden Wrack. Hunderte von Galaktikern versuchten sich so zu retten. Selbst die Braunhauers fanden den Weg aus dem Schiff. Doch das Schlimmste kam erst noch. Aus dem Boden schossen gewaltige Spinnen hervor, die mindestens zehn Meter hoch waren. Sie stampften auf die Galaktiker zu und fingen einen nach dem anderen ein. Nur wenige konnten sich in diese Höhle retten. Es waren vielleicht zwölf. Uthe musterte die Anwesenden. Die meisten kannte sie sogar. Neben Yasmin und ihr selbst waren Karl-Adolf und Ottilie Braunhauer, Glaus und Marion Urksmann, Bjorn und Barbara Podal, eine der Bardamen mit dem Namen Jezzica Tazum, dann die Freundin von Jonathan Andrews Yessica und der Banker Wolfgang Shuldzahr. Insgesamt elf Überlebende umzingelt von gigantischen Arachnoiden. Die Lage stand gelinde ausgedrückt katastrophal für die elf Galaktiker. Sie hatten keine Nahrung und keine Waffen. Sie waren alleine auf einer fremden Welt. »Ich habe ja solche Rückenschmerzen! Das könnt ihr euch gar nicht vorstellen, Kinder! Also mein Rücken bringt mich noch einmal um. Vatichen, nun setzte dich mal hin, du machst mich ja ganz nervös...« »Halt doch endlich deine Klappe, du dumme Kuh! Ich muß nachdenken!« brüllte der alte Rentner durch die Höhle. Uthe konnte das Gejammer der beiden nicht mehr lange ertragen. Ihre einzige Hoffnung war Remus. Sie betete, daß er eine Möglichkeit fand, sie zu retten. Yasmin blickte zu ihrer Freundin und seufzte leise. Sie war, wie die anderen auch, sehr angespannt, versuchte sich jedoch zusammenzureißen. Die Temperatur war schier unerträglich und große Angst machte sich unter den Galaktikern breit. Doch obwohl die Hitze immer drückender wurde, öffnete Shuldzahr nicht einmal den obersten Kragen seines Oberhemdes. Der Banker saß in Anzug und Krawatte in der Höhle, der Schweiß lief ihm von der Stirn. »Ich habe Termine, die ich einhalten muß! Wir müssen endlich weiterfliegen«, forderte der Geschäftsmann und fuchtelte mit den Armen umher. Uthe stand auf und wollte den Mann beruhigen. »Hör zu, wir können hier nicht weg. Wir sind umzingelt von Riesenspinnen. Unsere einzige Chance ist, auf Hilfe zu warten«, erklärte sie und legte ihre Hände auf Shuldzahrs Schultern, doch der Terraner stieß sie weg und schlug der jungen Scorbit ins Gesicht. »Faß mich nicht an! Ich bin Leiter einer wichtigen Abteilung in meinem Institut, da kann mich nicht jeder Bittsteller einfach so anfassen«, brüllte er laut. Yasmin kümmerte sich sofort um ihre Freundin, die den Tränen nahe war. Die rothaarige Terranerin nahm ihre Freundin tröstend in den Arm. Außer Jezzica Tazum mischte sich niemand ein. Das Crewmitglied der THEBEN schrie den Unternehmer an, daß er sich zusammenreißen solle. Jezzica war eine sehr direkte Frau, die auch »ihren Mann« stehen konnte. Am liebsten hätte sie sich gleich mit dem Bankier geprügelt. Viel Frust und Angst hatte sich in ihr aufgestaut. Die Angst vor den Arachnoiden und die Furcht diesen Planeten nicht lebend zu verlassen. Diese Furcht machte sie alle beinahe wahnsinnig. »Können die nicht mal ruhiger sein«, brummte Karl-Adolf Braunhauer und faßte sich ans Herz. »Herr Schmuntzelmann, könntest du vielleicht etwas leiser sein? Vatichen ist sehr nervös...« Der Banker blickte sie wütend an und sah auf die Uhr. »Ihr könnt hier verrecken. Ich muß zu meinem Termin«, sagte er und kletterte aus der Höhle. Jezzica wollte ihn noch zurückhalten, doch sie hatte keine Chance. Der Terraner schien einen Hitzekoller bekommen zu haben. Mit seiner Aktentasche in der rechten Hand lief er durch die Sand- und Steinwüste. Doch er kam nicht weit. Plötzlich bebte der Boden und zwei riesige Beine gruben sich aus der Erde aus. Schnell hob sich die Spinne hoch und stand in ihrer vollen Größe vor dem Unternehmer, der schreiend wegrannte. Die Spinne spritzte etwas von ihrem klebrigen Netz auf den Mann, der sich sofort darin verfing. Anschließend zog der Arachnoid den schreienden Banker in die Tiefe. Eine gespenstische Stille herrschte in diesem Augenblick in der Höhle. Niemand glaubte mehr an eine Rettung. Was Remus Scorbit und Jonathan Andrews entdeckten, war schwer mit Worten zu beschreiben. Sie sahen knapp 300 Galaktiker in Spinnennetzen eingeflochten über einer Schlucht hängen. Einige lebten noch, schluchzten und riefen um Hilfe. Beide mußten sich zusammenreißen, um nicht zusammenzubrechen. Es war der reine Horror. Sie konnten den Leuten nicht helfen, denn vier gigantische Spinnen krabbelten am Netz herum und verschlangen ab und zu einen aus ihrer Beute. Remus fütterte den ID-Scanner mit den Daten seiner Frau, fand jedoch zu seiner Erleichterung keine Übereinstimmungen. »Sie muß woanders sein. Wir müssen weitersuchen.« Andrews war ratlos. Er konnte nicht mit ansehen, wie diese Wesen bei lebendigem Leibe aufgefressen würden. Jonathan suchte in seiner Beuteltasche und entdeckte einen Thermaldetonator. Fragend sah er zu seinem Freund herüber. Der Detonator sollte die Erlösung für die Lebewesen in den Netzen sein. Remus nickte. Sie hatten scheinbar keine andere Wahl. Schweren Herzens machte Andrews den Sprengsatz scharf und setzte zum Wurf an, doch er führte die Bewegung nicht zuende. »Ich kann es nicht. Wir kehren zurück und holen die SERUNs. Danach versuchen wir sie zu befreien.« »Wir sind zu zweit, Johnny! Wie sollen wir gegen vier dieser Monster bestehen?« »Den Zeitpolizisten konnten wir auch überlisten«, warf Andrews ein. Scorbit dachte kurz nach, dann erklärte er sich einverstanden. Die beiden schlichen wieder aus der Höhle und liefen zurück zur Space-Jet. Nach etwa 30 Minuten war das Schiff bereits sichtbar. Die Hitze machte den beiden Terranern stark zu schaffen. Müde schlurften sie durch den Sand, als der Boden anfing zu beben. Hinter den beiden bohrte sich eine Spinne aus einer Wüste und lief rasend schnell auf die beiden zu. »Weg hier!« rief Andrews und rannte so schnell er konnte, doch er wußte, daß sie diesem Monster nicht entkommen konnten. Plötzlich tauchte ein V-förmiges Schiff hinter der Space-Jet auf und feuerte auf den Arachnoiden, der unter dem Beschuß zusammenbrach. Die beiden Terraner rannten dennoch so schnell es ging zur Space-Jet und blieben erst stehen, als sie den Raumer erreicht hatten. Der Marquese hieß die beiden Willkommen. Völlig außer Atem lehnten sich Andrews und Scorbit gegen die Wand und versuchten durchzuatmen. »Was war das für ein Schiff?« wollte Andrews wissen. »Es war mein Raumschiff«, beantwortete eine fremde Gestalt die Frage. Der stattliche Humanoide mit langen braunen Haaren und einem Kinnbart, bekleidet mit einem ockerfarbenden Poncho, schwarzer Hose und schwarzen Stiefeln, an dem braunen Gürtel ein goldenes Schwert hängend, stellte sich als Ritter der Tiefe Gal'Arn vor. Andrews winkte ab und nahm den Mann nicht für voll. »Es gibt nur noch zwei Ritter der Tiefe. Einer von ihnen ist Perry Rhodan. Dann gibt es noch Atlan, aber der hat seinen Ritterstatus nie selbst anerkannt. Die anderen Ritter existieren schon lange nicht mehr«, erklärte er und verschränkte die Arme vor dem Bauch. Gal'Arn lächelte. Er strahlte viel Ruhe und Sympathie aus. »Ich komme aus der Galaxis Shagor und bin Ritter der Tiefe. Wir sind ein Orden, der abseits der kosmokratischen Herrschaft gegründet wurde, dennoch sind meine Freunde und ich im Auftrag des Kosmokraten Sipustov unterwegs, um nach Dorgon zu fliegen und dem Volk der Terraner zu helfen. Wie mir dieser freundliche Mann erklärte, gehört ihr der Rasse der Terraner an. Vielleicht könnt ihr uns weiterhelfen, denn wir haben uns leider verirrt.« Andrews konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Er erzählte seine Geschichte und wie sie hierher verschlagen wurden. Gal'Arn verstand und bot sofort seine Hilfe bei der Suche nach den restlichen Passagieren an. Der Ritter der Tiefe sprach Interkosmo. Die TERSAL war vor etwa einer Stunde auf einen Funkspruch gestoßen und ihm gefolgt. Sie entdeckten die Space-Jet und nahmen Kontakt mit dem Marquese auf. Mit Hilfe ihrer Translatoren sie schnell die Sprache erlernen. Gal'Arn stellte seine Begleiter vor, welche die TERSAL verlassen hatten und auf die Space-Jet zugingen. Andrews Augenmerk fiel dabei auf das pferdeähnliche Wesen, welches gerade stolperte und unsanft auf den Boden krachte. Gal'Arn stellte ihn als Thobenar vor. Die anderen waren der Ritter der Tiefe Irasuul, ein Humanoide mit einem kegelförmigen Kopf, der größtenteils haarlos war. Nur hinten am Schädel hing ein langer Zopf herunter. Nirisar war eine Elarin, also vom selben Volk, wie auch Gal'Arn. Der letzte im Bund war der Ghanakke Jaktar, der Vetter von Thobenar und Orbiter, also ständiger Begleiter, von Gal'Arn. Schnell faßten alle zueinander Vertrauen. Sie hatten auch keine andere Wahl in dieser Situation. Die TERSAL brach mit Gal'Arn, Jaktar, Remus Scorbit und Jonathan Andrews auf, um die Verschollenen zu suchen. Ein schwieriges Unterfangen, denn es wurde dunkel und bekanntlich sind Spinnen zur Nachtzeit am aktivsten. Es war in Uthe Scorbits Augen nur noch eine Frage der Zeit bis noch mehr Leute durchdrehen würden. Der Boden vibrierte, denn etliche Spinnen krabbelten über die Wüstenlandschaft. Glaus Urksmann kroch leise zu Yasmin Weydner, die versuchte etwas Schlaf zu bekommen. Behutsam stupste der Fischer sie an. »Hey du!« »Was ist?« fragte Yasmin verschlafen. »Naja, bevor es mit uns zuende geht, sollten wir vielleicht noch einmal, na du weißt schon...« »Glaus! Was machst du da? Komm gefälligst her«, zeterte seine Frau eifersüchtig, sehr zu Yasmins Glück. Sie wechselte mit Uthe einen kurzen Blickkontakt und seufzte erneut. Die Situation war wirklich durchwachsen. Außerhalb der Höhle warteten riesige Spinnen, die ihrer Natur entsprechend, auf Nahrungssuche waren. Innerhalb der Höhle war ein lüsterner häßlicher Fischer, der Yasmin belästigte. Sie wußte nicht, was unangenehmer war. Ängstlich schlich der Mann wieder zu seiner ebenso häßlichen Frau zurück, die sich unter einer Spalte in der Wand angelehnt hatte. Urksmann holte einen Flachmann aus seiner Tasche und stellte ihn in den Spalt. Durch eine ungeschickte Bewegung stieß er ihn ungewollt tiefer in den Spalt. Vor sich hinfluchend versuchte er seinen Alkohol wiederzubekommen. Glaus konnte die Flasche schon spüren, als er plötzlich einen starken Schmerz im Arm. Schreiend riß er ihn aus der Öffnung und blickte entsetzt auf den blutenden Stummel. Plötzlich krabbelte eine »nur« zwei Meter große Spinne aus dem Spalt und stürzte sich auf Urksmann. Zwei weitere Arachnoiden krochen aus der Öffnung und fielen seine Ehefrau an. Nachdem es den drei Spinnenjungen gelungen war, das Ehepaar zu töten, machten sie sich auf die Suche nach neuer Beute. Laut schreiend versuchte Barbara Podahl aus der Höhle zu kriechen, doch da hatte sie bereits eine Spinne am Bein gepackt und saugte die dicke Terranerin förmlich aus. Ihr Sohn schaffte es aus der Höhle, fiel dort jedoch einer dort lauernden großen Spinne zum Opfer. Uthe zündete eine Fackel an und versuchte so die Tiere zu verscheuchen. Yasmin, Yessica, Jezzica Tazum und die Braunhauers versteckten sich hinter der Scorbit, was ein sonderbares Bild abgab. Etwa eine halbe Stunde verweilten die restlichen Überlebenden in dieser Haltung, dann erlosch das Feuer der Fackel. Entsetzt versuchten Yasmin Weydner und Uthe Scorbit ein neues Feuer zu entfachen, da krabbelten die Spinnen bereits langsam auf sie zu, mit weit geöffneten Maul. Alle wichen langsam zurück, Yasmin stolperte und fiel auf den Boden, als sie sich aufrappelte, starrte sie in die schwarzen Facettenaugen des Arachnoiden, der gerade seine Fangzähne weit öffnete. Buchstäblich im letzten Augenblick sprangen zwei Humanoiden dazwischen und bekämpften die Spinnen mit ihren goldenen Schwertern. Gal'Arn schlug der ersten Spinne die beiden Fangzähne ab, danach die Vorderbeine und somit wurde das Tier paralysiert. Irasuul sprang mit einem Salto auf die Spinne und bohrte sein Schwert mehrmals in den Körper des Wesens, bis es zusammenbrach. »Raus hier!« befahl der Ritter der Tiefe und half Yasmin Weydner auf. Ein grelles Licht erhellte die Region vor der Höhle. Die TERSAL landete und beschoß die großen Spinnen, die fluchtartig das Gelände verließen. Remus stürmte heraus und lief seiner Frau entgegen. Beide fielen sich in die Arme. Remus beruhigte seine Frau, die sichtlich mitgenommen war. Yessica verließ als letzte die Höhle. Sie wurde beim Verlassen von der dritten Spinne attackiert. Irasuul versuchte, das Ungetüm zu erledigen, wurde jedoch von einem der gewaltigen Beine gestreift und fiel zu Boden. Yessica ergriff den Thermostrahler, den Irasuul aus der Hand verloren hatte und zielte auf den Arachnoiden. Der Schuß streifte das Tier nur. Der Rückstoß der Waffe schleuderte sie gegen die Wand. Der Arachnoide hatte sich schnell erholt und krabbelte auf die Terranerin zu, die entsetzt in die dunklen Augen der Spinne starrte. Das Zischen des Tieres ließ ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Langsam hob die Spinne eines ihrer Vorderbeine und streichelte fast über Yessicas rechte Gesichtshälfte. Die Terranerin zitterte vor Angst, dann senkte die Spinne wieder das Bein. Für einen Moment atmete Yessica auf, dann setzte die Spinne wieder an und im nächsten Moment fiel der Kopf der Terranerin mit einem dumpfen Laut auf den Boden. Der Körper erschlaffte und sank in sich zusammen. Jonathan Andrews und Irasuul streckten die Spinne nieder. Für Yessica kam jede Hilfe zu spät. Sie war bereits tot, als Andrews sie erreicht hatte. Trauer machte sich in ihm breit. Zwar liebte Andrews Yessica nicht mehr, doch ihr Tod bestürzte ihn. Er umarmte die Tote und gab ihr einen Abschiedskuß auf die Stirn. Als immer mehr Spinnen auftauchten, startete die TERSAL mit den restlichen Überlebenden und flog zur Space-Jet zurück. »Was für ein Horror«, murmelte Thobenar verängstigt. »Ein Horror, den uns die Natur bietet«, erklärte Gal'Arn. »Diese Spinnen, die anscheinend die primitiven Beherrscher dieses Planeten sind, folgen nur dem natürlichen Regelkreislauf der Natur; sie suchen nach Nahrung.« »Bedauerlicherweise standen die Terraner heute auf dem Speiseplan«, fügte Irasuul mit einem leichten Bedauern hinzu. Kurz danach startete der TERSAL erneut, um die anderen Gefangenen zu befreien, doch Gal'Arn kam mit leeren Händen zurück. Die Opfer waren entweder bereits aufgefressen, verhungert oder erstickt. Er fand keine Überlebenden mehr und sprengte danach die Höhle. »Wir werden euch nach Dorgon mitnehmen«, erklärte der Ritter der Tiefe den Galaktikern. »Dort werdet ihr auf andere Terraner treffen.« Der Marquese und seine drei neuen Diener wechselten ebenfalls zur TERSAL über, auf der sich langsam Platzprobleme bemerkbar machten. »Meister, wir sind doch kein Kreuzfahrtunternehmen. Diese Leute sind doch eher hinderlich als nützlich«, wandte Irasuul abfällig ein. Gal'Arn ermahnte seinen ehemaligen Schüler. »Du sollst nicht so über Lebewesen urteilen. Sie brauchen unsere Hilfe und wir verweigern ihnen diese nicht. Ja, es wird etwas eng werden, doch die Terraner können sich für uns als hilfreich erweisen, denn Sipustov sprach davon, daß wir auf Terraner treffen, was bereits geschehen ist. Ich sehe dies als sehr glückliche Fügung.« Der Pontanare mußte die Wahrheit, die in Gal'Arns Worten lag, akzeptieren und tat dies auch wortlos. Während die Frauen damit beschäftigt waren, die Quartiere einzurichten, die Braunhauers wie üblich stöhnten und die drei aus dem 20. Jahrhundert nichts taten, setzten sich Gal'Arn, Irasuul, Remus Scorbit und Jonathan Andrews zusammen. »Dieser Transmitter wovon ihr berichtet habt, scheint nicht auf diesem Planeten zu existieren«, erklärte der Elare. »Was?« »Nun, ich erkläre mir das so. Anscheinend hat dieses Volk einen Fiktivtransmitter verwendet. Wir sind wirklich abgeschnitten. Nachdem wir aus dem Schwarzen Loch unserer Galaxis Shagor herausgekommen waren, befanden wir uns einem Leerraum, knapp 180 Lichtjahre von dieser Welt entfernt«, sagte Gal'Arn und verdeutlichte dies auf einer Karte, die der Bordrechner provisorisch erstellt hatte. »Wie gehen wir jetzt weiter vor?« wollte Andrews wissen. »Wir versuchen erst einmal herauszufinden, wo wir sind. Etwa 7000 Lichtjahre von hier beginnen die Randgebiete einer Spiralgalaxis. Dort sollten wir hinfliegen«, schlug der Ritter der Tiefe vor. Niemand hatte Einwände. Die TERSAL verließ diesen ungastlichen Planeten und wechselte schnell zu Überlichtgeschwindigkeit. Gal'Arn zog sich in seine Kabine zurück und dachte über die neu gewonnenen Freunde nach. Die Terraner schienen ein seltsames Volk zu sein, sehr unterschiedlich und mit sehr vielen Eigenarten. Der Elare mußte lachen, als er an das seltsame alte Ehepaar dachte. Dann wurde er wieder ernst, als die Erinnerungen von dem Verrat Goshkans in sein Gedächtnis gerufen wurden, die Zerstörung des Doms, der Mord an Arib'Dar und die Vernichtung des Ordens. Die Verluste, auch bei den Terranern, die er hier getroffen hatte, waren sehr groß. Ob er es wollte oder nicht, er war nun mitten in einem kosmischen Krieg geraten, doch er war nicht allein. Seine Weggefährten aus Shagor wie auch die Terraner aus der fremden Milchstraße mußten sich genauso dieser Verantwortung stellen. Er hoffte, daß jeder dazu in der Lage sein würde. ENDE Im nächsten Band blenden wir zu ganz anderen Eregnissen um. Aufgeschreckt durch die Entdeckungen in Dorgon brach der Somer Sam nach Estartu auf, um dort Hilfe zu suchen. Alternative Estartu so ist auch der Titel des Heftes 18, das von Alexander Nofftz geschrieben wurde.
Der DORGON-Zyklus - Der Inselzyklus - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Heft 17 von Nils Hirseland. Titelbild: Andreas Roch. Technischer Berater: Sebastian Schäfer. Versand: PROC. Lektorat, Nachbearbeitung: Klaus Wiehoff. DORGON-Kommentar: Martin Schuster. Umsetzung in Endformate: Alexander Nofftz. Satz: Xtory (SAXON, LaTeX). Internet: http://www.dorgon.de. eMail: dorgon@proc.org. Adresse: PROC c/o Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf. Copyright © 2001. Alle Rechte vorbehalten! | ![]() | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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