
Es herrscht ein intergalaktischer Krieg im Jahre 1307 NGZ. Erstmals ist es den vereinten Kräften der LFT, Saggittonen, Entropen und Galaktikern gelungen, dem bisher schier übermächtigen Quarterium empfindliche Niederlagen beizubringen.
Im August 1307 NGZ starb Quarteriumsfürst Torsor, im September erlitt das Quarterium eine Niederlage in Andromeda und im Oktober bis November 1307 NGZ besiegte Perry Rhodan mit tatkräftiger Unterstützung der Kosmokratenflotte unter dem Kommando des Alyskers Eorthor das Quarterium in der Lokalen Gruppe.
Nun befindet sich die LFT auf dem Vormarsch und eine Invasion Cartwheels ist nicht mehr unmöglich.
Fernab von diesen Geschehnissen nähert sich das kosmische Rätsel des Riffs der estartischen Galaxie Siom Som. Seit Monaten bereits sind Roi Danton und seine Begleiter auf dem Riff gestrandet. Die Situation der Riffaner ändert sich, als ihr Herr und Gott wieder erweckt wird. Nistant kehrt zum Riff zurück, doch vieles hat sich dort geändert. Medvecâ, der Fürst der Finsternis, hat die Macht ergriffen und beginnt seine undurchsichtigen Pläne zu verwirklichen. Zusammen mit seinen neuen Gefährtinnen Katharina und Nathalia jagt er den ehemaligen König der Freihändler. Doch dieser gelangt mit der Hilfe Nistants in die Außenbezirke Siom-Soms. Dort erwartet ihn und seine Gefährten der STURM ÜBER SIOM-SOM …
DragonMowac und Corph de Trajn:
Roi stemmte seinen Oberkörper nach oben, indem er sich am Rand des altertümlichen Messetisches festhielt, der auf dem Boden des größten Raumes des Piratenschiffes festgeschraubt war und Zentrale und Mannschaftsquartier zugleich bildete. Um ihn drehte sich alles und unter seiner linken Schulter spürte er das Vibrieren des Zellaktivatorchips, dem er es verdankte, dass sein Leben inzwischen schon nach Jahrtausenden zählte. Unwillig wischte er sich das Blut aus den Augen, das aus einer schmerzhaften Platzwunde auf seiner Stirn sickerte. Sein Blick klärte sich etwas und erfasste das Chaos, das ihn umgab.
Die DUNKELSTERN war schon in den vergangenen Monaten Schritt für Schritt in ein schrottreifes Wrack verwandelt worden, aber die kurze Hyperraumpassage, die das Piratenschiff vom Riff in die Randgebiete Siom-Soms versetzt hatte, schien ihr endgültig den Rest gegeben zu haben. Auf dem ohnehin von Abfall und Unrat übersäten Boden der Messe bildeten die Überreste der Einrichtung ein undefinierbares Konglomerat von Geschirr, Essensresten, Papierfolien, Stahlplast- und Holzteilen, das einen penetranten Gestank nach billigem Fusel verströmte. Roi unterdrückte mit äußerster Willensanstrengung den Impuls, seinen Mageninhalt über das Chaos um ihn zu verteilen. Sein Kopf schmerzte höllisch und am liebsten hätte er sich wieder auf den Boden fallen lassen und die Augen vor dem Elend rings um ihn verschlossen.
Doch das kam natürlich nicht in Frage; er war Michael Reginald Rhodan und stand, zumindest so, wie es aussah, als Einziger zwischen den Schrecken und Gefahren des Riffs und den unwissenden und unvorbereiteten Galaxien der Lokalen Gruppe und der estartischen Mächteballung. Doch dann fiel ihm ein, dass er nicht allein an Bord der DUNKELSTERN gewesen war, wo waren Ambush, Pyla, Crassp, Zerzu und Hakkh? Sein Blick klärte sich; nun, da er wusste, nach was er suchte, bemerkte er auch die reglosen Körper seiner Gefährten, die wie zufällig inmitten des Durcheinanders lagen. Dies genügte, um die letzten Kraftreserven in seinem zerschlagenen Körper zu aktivieren. Neue Energie durchströmte seine Muskeln. Mit unsicheren Schritten torkelte er auf eine der am Boden liegenden Gestalten zu und versuchte diese aufzurichten. Es handelte sich um Sato Ambush, der jedoch trotz seines Zellaktivators noch immer bewusstlos war.
Die Zentrale der DUNKELSTERN war wieder einigermaßen instand gesetzt, was nur bedeutete, dass der gröbste Müll beseitigt und diverse Sitzgelegenheiten notdürftig repariert worden waren.
Die Riffpiraten weilten inzwischen wieder unter den Lebenden und hatten versucht, eine erneute Hyperraumetappe vorzubereiten. Das Ergebnis war niederschmetternd – der Überlichtantrieb, der auf dem Prinzip der gewaltsamen Durchdringung der Barriere zwischen dem Normal- und Hyperraum beruhte, war hinüber, endgültig, zumindest nach der Aussage von Crassp. Innerlich fluchte der Unsterbliche, er musste sich auf die Aussage des fetten und technologisch rückschrittlichen Manjor verlassen, da Sato Ambush, trotz seines Zellaktivators, noch immer bewusstlos war. Der japanische Pararealist war durch den Entmaterialisationsschock des altertümlichen Transitionstriebwerk, das normalerweise nur in einem Entfernungsbereich von Lichtwochen benutzt wurde, ins Koma gefallen; ohne seinen Zellaktivator wäre er vermutlich längst gestorben. Ambush war neben Meyers der Einzige gewesen, der mit der primitiven Technik der DUNKELSTERN umgehen konnte. Doch Meyers war tot, von einer durchgedrehten Nataly Andrews, die sich jetzt Nathalia nannte, ermordet worden und Ambush war nicht ansprechbar. Alles hatte sich gegen ihn verschworen, das war einfach ungerecht und wurde ihm so langsam zu viel.
Wütend stieß Roi einige Flüche zwischen seinen zusammengepressten Zähnen heraus, die so gar nicht zu seinem sonstigen Benehmen des blasierten Edelmannes passten. Sie waren am Ende, in den Weiten des intergalaktischen Raumes um Siom-Som gestrandet.
Plötzlich fühlte er, wie sich ein weicher Körper mit entsprechenden weiblichen Rundungen an seinen Rücken presste. Roi drehte sich um und sah in Pylas Gesicht. Sie wirkte alles andere, als auf der Höhe des Geschehens zu sein. Ihr war deutlich anzusehen, dass sie die jüngsten Ereignisse nicht verkraftet hatte. Damit meinte Danton weniger den Transitionssprung, als den Verlust ihrer Familie, ja aller Menschen, die sie je gekannt hatte.
Pyla schob sich an ihm wortlos vorbei und setzte sich auf einen Sessel. Sie schwieg und starrte vor sich hin. Pyla hatte alles verloren. Deutlich sah er ihr die Hoffnungslosigkeit an.
Doch Roi Danton wollte sich damit nicht abfinden!
Inzwischen war ein weiterer Tag vergangen und die Lage der Schiffbrüchigen wurde immer hoffnungsloser. Die Crew der DUNKELSTERN hatte eine umfassende Bestandsaufnahme durchgeführt – das Ergebnis war miserabel. Roi fluchte auf sich selbst; er hatte zwar in seiner Jugend ein Studium in Hochenergie-Maschinenbau mit Erfolg abgeschlossen, aber seit damals hatte er sich nie mehr damit beschäftigt, da seine wahren Interessen auf anderen Gebieten lagen. Innerlich bat er Geoffry um Vergebung für ungezählte Scherze und Sticheleien, mit dem er die penetranten Schwafeleien seines Schwagers zu unterbrechen gepflegt hatte, wenn dieser mal wieder die Gelegenheit genutzt hatte, mit seinem wissenschaftlichen Genie zu protzen. Was hätte er dafür gegeben, wenn der linkische Ehemann seiner Schwester jetzt an seiner Seite wäre, und was erst, wenn auch Suzan ihn plötzlich schwesterlich geschüttelt hätte, um ihn aus seinem Selbstmitleid zu reißen. Doch das war vorbei, zuerst war Suzan und dann auch Geoffry im Abgrund der Zeit zurückgeblieben und hatten ihn auf dem Weg in die Zukunft allein gelassen.
Suzan – noch immer vermisste er seine Schwester, noch immer war ihm, als sei sein Ich zerbrochen, als Vater ihm 3434 mitgeteilt hatte, dass sie, zusammen mit Mama, während des Panither-Aufstandes auf Plophos im Jahr 2931 ermordet worden war. Mama und Suzan … bis heute hatte er den Verlust der beiden nicht verarbeitet, noch immer war ihm manchmal, als würde plötzlich Suzan vor ihm stehen und ihn mit ihrem typischen Na, was geht, Kleiner!
auf die Palme bringen.
Suzan – selbst in ihrem Tod war sie ein Mysterium geblieben, aber während Vater ihr Verschwinden lakonisch zur Kenntnis nahm und ihm keine Bedeutung beimaß, erfüllte ihn seitdem noch immer die irrationale Hoffnung, dass sie irgendwo zwischen Gestern und Morgen überlebt hatte oder wiedergeboren worden war. Doch Vater, sein eigener Vater, lehnte jeden Gedanken an die Möglichkeit, dass seine Tochter in irgendeiner Form irgendwo noch existieren könnte, kategorisch als reines Hirngespinst
ab. Nicht einmal, dass auch Mama genauso verschwunden war, konnte seinen Standpunkt ins Wanken bringen.
Gut, im Falle von Mama hatte er vermutlich auch recht. Dass ihre sterblichen Überreste aus dem Mausoleum unter dem Granitobelisken auf dem Zentralfriedhof von Terrania City verschwunden waren, konnte in ihrem Falle vermutlich wissenschaftlich korrekt durch den explosiven Zellverfall nach der Sicherstellung ihres Zellaktivators durch Gucky erklärt werden, aber warum auch von Suzan noch nicht einmal Staub übrig geblieben war, entzog sich jeder rationalen Erklärung, denn sie war keine Aktivatorträgerin gewesen!
Seit dieser Zeit hatte er das Gefühl der inneren Zerrissenheit nie mehr verloren. Um sich selbst zu schützen, hatte er die Maske zu seiner zweiten Persönlichkeit ausgebaut … er spielte jetzt nicht nur Roi Danton, er wurde Roi Danton. Ein Psychologe hätte von einer gespaltenen Persönlichkeit gesprochen, aber als Roi Danton vermisste er keine Mutter und trauerte um keine Zwillingsschwester. Und dann kam die Zeit als Torric, wo durch Shabazza seine gesamte Persönlichkeit dominiert und missbraucht wurde. Danach die Jahre auf Mimas.
Was niemand ahnte, von seiner ursprünglichen Persönlichkeit als Michael Reginald Rhodan war unter der Psychotherapie fast nichts mehr übrig geblieben. Ohne die Erinnerung, ohne seine Sehnsucht nach Suzan, wäre auch dieser Rest seiner Persönlichkeit in Roi Danton aufgegangen.
All dieses ging durch seinen Kopf, während er sich in einer Ecke der Messe zusammenkauerte. Wie es schien, war er am Ende seines Weges angekommen, eingepfercht in eine schrottreife Konservenbüchse, die antriebslos im intergalaktischen Leerraum zwischen Siom-Som und Erendyra trieb. Aus dem Bullauge grinste ihm Siom-Som geradezu höhnisch entgegen. Die Balkenspirale der Galaxie der ehemaligen Mächtigkeitsballung ESTARTUs schien zum Greifen nah und war doch so unendlich fern, unerreichbar für das havarierte Schiff.
Wer ist denn diese Suzan, die du unbedingt wiedersehen willst?
Die Frage riss ihn aus seinen Gedanken. Unwillig blickte er auf und schaute in die blauen Augen Pylas. Er musste laut vor sich hingemurmelt haben. Er schüttelte den Kopf. Seine Ängste, seine Sehnsüchte gingen niemanden etwas an, am wenigsten diese Buuralerin mit ihrem debilen Verhalten. Doch diese schien andere Vorstellungen zu haben und zumindest mit seinem Kopfschütteln nicht einverstanden sein.
Komm schon, Roi
, flötete sie unter Einsatz ihres ganzen, zugegebenermaßen beachtlichen, Körpers. Erzähl der lieben Pyla, wer diese Suzan ist, ich will das jetzt wissen!
Mit diesen Worten richtete sie ihre hochgewachsene Gestalt auf, schüttelte die lange, blonde Mähne, und dann stampfte sie tatsächlich, wie ein ungeduldiges Kind, mit einem Fuß mehrmals auf den Boden.
Roi hatte ein langes und erfahrungsreiches Leben hinter sich und die Quintessenz dieser Erfahrungen sagte ihm eindeutig, wann er auf verlorenem Posten stand.
Suzan war meine Schwester, aber sie ist schon lange tot.
Was dann folgte, war ein Umschalten in Sekundenbruchteilen. Zuerst hatte die Eifersucht ihr aus allen Poren geblitzt, doch nun kam, genauso übergangslos, ihr Mitgefühl zum Einsatz. Sie ging zu ihm uns drückte ihm ein Kuss auf die Wange. Dann nahm sie ihn kurz in den Arm.
Oh, mein armes, armes Ummelchen!
Dann schien ihr einzufallen, dass auch sie die Schwester verloren hatte. Weisst du, das verbindet uns beide! Carah ist auch tot. Alle sind tot. Wollen wir gemeinsam um unsere Lieben trauern?
Jetzt wurde es zu viel. Unwillig schob er sie von sich weg und erhob sich. Die kleine Episode hatte die Aufmerksamkeit der Crew erregt, die sich um sie versammelt hatte.
Hakkh, der Riffzwerg, hielt eine Flasche Riffplörre in der Hand und grinste ihn provozierend an. Nachdem er einen tiefen Schluck genommen hatte, rülpste er mehrmals, bevor er ein lang gezogenes Ummelchen …
von sich gab.
Da hatte er endgültig genug …
Stunden später …
Die Entwicklung an Bord der DUNKELSTERN war außer Kontrolle geraten. Crassp, Zerzu und Hakkh hatten sämtliche Alkoholvorräte zusammengesucht und veranstalteten eine Sauforgie. Nachdem er anfänglich gezögert hatte, beteiligte sich auch Roi an dem Besäufnis. Neben ihm lag Pyla, die bereits Unmengen der Riffplörre in sich hineingeschüttet hatte und schließlich in Morpheus Armen gelandet war. Ab diesem Moment fühlte er sich besser, denn die Tochter des Dorfbürgermeisters war unter dem steigenden Alkoholspiegel immer zudringlicher geworden, was wiederum von den übrigen Riffanern mit lautem Gegröle und entsprechenden Zoten begleitet worden war.
Inzwischen war auch Sato Ambush wieder zu sich gekommen, aber er war noch immer so geschwächt, dass er nicht in der Lage war, irgendetwas zur Verbesserung ihrer Situation beizutragen.
In diesem Moment riss ihn lautes Fluchen aus seinen Grübeleien. Zerzu, der Fithuul, war wieder zurück, nachdem er vor etwa einer halben Stunde die Zentrale verlassen hatte, um sich zu erleichtern, wie er allen großspurig verkündet hatte. Als er nun zurückkam, brachte er das Kunststück fertig, zuerst eine große Kiste vor sich abzustellen und anschließend genau über diese Kiste zu stolpern.
Nachschub!
, rief er dann fröhlich. Eine ganze Kiste Khum, von Kapitän Fyntross persönlich gestiftet!
Die Ankündigung des grazilen Fithuul rief die Aufmerksamkeit der anderen Riffaner hervor. Hakkh erhob sich schwerfällig und wankte zu seinem Gefährten hinüber.
Khum, sagtest du Khum? Du hast tatsächlich dem alten Halsabschneider Fyntross eine Kiste Khum geklaut?
Der Fithuul schien um einige Zentimeter zu wachsen, während ein grünlicher Schimmer die transparente Haut überzog.
Ja, ich allein hab ihm die Kiste aus der VIPER geklaut, als wir zusammen mit der VIPER auf Thol2727 festsaßen.
Der Blick des ehemaligen Königs der Freihändler hatte die ganze Aufregung desinteressiert verfolgt. Was sollte auch an einer simplen Kiste besonders interessant sein? Wieder drohte er in seinen Grübeleien – nein, verbesserte er sich, in seinem Selbstmitleid – zu versinken. Pyla erregte seine Aufmerksamkeit, indem sie sich, obwohl sie – gelinde gesagt – völlig besoffen war, in eindeutiger Weise an ihn kuschelte. Er schreckte auf, als ihm eine knorrige Hand, die für den übrigen Körper viel zu groß war, auf die Schulter schlug. Unwillkürlich gab er einen lauten Scherzlaut von sich. Hakkh, der Riffzwerg, grinste ihn wohl über alle vier Backen an.
Jetzt, mein König, wirst du das Getränk der Riffgötter kennenlernen. Bei meinem Volk gibt es ein Sprichwort, das besagt, dass wer einmal Khum gesoffen hat, für immer im Paradies leben wird.
Irgendetwas in den wortgewaltigen Lobtiraden des Riffzwerges veranlasste ihn, diese ominöse Kiste näher zu betrachten. Ihre Form kam ihm bekannt, fast vertraut vor. Schwankend, um sein Gleichgewicht ringend, kämpfte er sich auf die Füße, um sie näher in Augenschein zu nehmen. Plötzlich stutzte er, seine Augen weiteten sich ungläubig.
Das gibt’s einfach nicht! Das kann nicht wahr sein. Zerzu! Zerzu weißt du überhaupt, was du da geklaut hast?
Der Fithuul ließ die Kiste los und blickte zu Roi herüber. Natürlich Käpt’n, Khum, göttlichen Khum direkt aus den khumlysandrischen Landen!
Roi hatte inzwischen auch die Kiste erreicht und beugte sich nieder, um sich zu vergewissern. Khum? Ich weiß nicht, was dieses Khum sein soll, aber in der Kiste ist es bestimmt nicht! Was unser genialer Langfinger bei dem Halsabschneider Fyntross hat mitge…
Doch er konnte seinen Satz nicht zu Ende bringen. Auch Hakkh drängte danach, seine Meinung lautstark und vor allem handgreiflich zum Besten zu geben. Bevor Roi reagieren konnte, hatte er seine gewaltige Keule ergriffen und wollte mit ihr die Kiste gewaltsam öffnen. Mit einem Schrei des Entsetzens gelang es dem Terraner, dem Riffzwerg in den Arm zu fallen.
Bist du von allen guten Geistern verlassen, das ist kein Khum oder sonst ein Gesöff, sondern unser aller Rettung!
Hakkh und Zerzu begannen nun beide lauthals zu protestieren, doch Crassp, der wolfsähnliche Manjor schob die Beiden zur Seite und verschaffte Roi etwas Luft.
Jetzt lasst mal den Käpt’n zu Ende sprechen. Er wird schon wissen, warum er meint, dass das kein Khum ist.
Aber Crassp, auf der Kiste ist das Siegel der khumlysandrischen Krone. Es kann nur Khum sein.
Dabei deutete Hakkh auf ein Symbol, das auf allen Seiten und dem Deckel angebracht war. Auf einem gelben Kreis waren drei gleichseitige Dreiecke aufgedruckt, die im Mittelpunkt eine Nabe bildeten. Dieses Symbol war überall auf den von Terranern besiedelten Planeten bekannt und stand für höchste Gefahr. Soweit er wusste, stammte der Ursprung aus der Zeit vor dem Solaren Imperium, noch bevor sein Vater auf dem Mond auf die Arkoniden Crest und Thora gestoßen war. Das Trefoil-Logo war zum Symbol für Massenvernichtungswaffen geworden, wobei die Hintergrundfarbe des Symbols den Waffentyp identifizierte.
Diese Kiste wurde von Menschen meines Volkes hergestellt. Das Symbol kennzeichnet eine der furchtbarsten Massenvernichtungswaffen, die jedoch für uns die Rettung darstellt. Kurz gesagt, es handelt sich um eine Gravitationsbombe, die einen Aufriss des Raum-Zeit-Kontinuums erzeugt, der noch in einer Entfernung von Tausenden Lichtjahren registriert werden kann. Wir sprengen also ein Loch in den Raum und hoffen, dass jemand kommt und nachschaut, wer da die Raumzeit durchlöchert, n'est-ce pas?
Alle Riffaner schauten ihn nun ungläubig an. Crassp schien sich als Erster von der Überraschung erholen und fragte ihn:
Käpt’n, was bedeutet ein Loch im Raum und wieso kann dieser kleine Kasten so etwas bewirken?
Danton überlegte, ob er die Riffaner in die 5-D-Physik einweihen sollte, entschied sich jedoch dagegen. Obwohl die DUNKELSTERN über ein Transitionstriebwerk verfügte, schien niemand über tiefer gehende Kenntnisse auf diesem Gebiet zu verfügen. Ohne Sato Ambush wäre der Hypersprung, der sie in den Halo von Siom-Som gebracht hatte, nicht möglich gewesen. Normalerweise konnte das Triebwerk nur kurze Sprünge über einige Lichtwochen durchführen, was im unmittelbaren Umfeld des Riffs wohl auch genügte.
Durch eine Gravitationsbombe wird ein Schwarzes Loch erzeugt, das dann kollabiert und die Raumstruktur aufreißt.
Er griff nach einer Flasche Riffplörre und nahm einen großen Schluck. Noch Fragen, mes écorcheur?
Zerzu schaute ihn aus seinen schwarzen Augen noch einen Moment unschlüssig an, schüttelte dann jedoch seinen haarlosen Kopf. Roi war erleichtert, dass er die Wissbegierde seiner Mannschaft wohl abgewürgt hatte. Jetzt musste die Gravitationsbombe nur noch mit einem Beiboot im Raum ausgesetzt und dann gezündet werden.
Voilà tout, Madame et Messieurs, hoffen wir, dass die Richtigen uns finden.
Die kleine Jagdgruppe trieb mit etwa 20 Prozent Unterlicht im Halo von Siom-Som. Tribun Regus Novus hatte den Auftrag, das Einsickern von Kampfgruppen der FES nach Siom-Som zu verhindern. Obwohl nominell Großadmiral Vesus den Oberbefehl über die in der ehemaligen Mächtigkeitsballung ESTARTUs operierende Flotte führte, hatte er sich mit anderen Teilen der Flotte, die wie er mit der gegenwärtigen Situation unzufrieden waren, dem Militummagister für das Protektorat Estartu und neuem Verteidigungsminister Carilla angeschlossen, was faktisch eine Spaltung der Flotte bedeutete. Seit der großen Schlacht um den Dunklen Himmel herrschte ein gespannter Waffenstillstand, der mehr oder weniger von allen beteiligten Parteien respektiert wurde.
Regus Novus blickte voller Stolz auf die Zentralbesatzung der THESASIAN, einem Adlerschiff der Dorgon-Klasse. Seit er das Kommando übernommen hatte, war das Verhalten der Legionäre wieder vom alten Geist geprägt. Die mangelnde Disziplin, die sich unter dem Oberkommando von Vesus wie ein Geschwür innerhalb der Flotte ausgebreitet hatte, war ausgemerzt, auch wenn er zu drastischen Maßnahmen greifen musste. Mit einigen Schritten betrat er die Zentrale, während die Ordonnanz, die ihn auf Schritt und Tritt begleitete, hinter ihm das mehrfach verstärkte Zentralschott schloss, was den Ellipsoid aus hyperphysikalisch verdichteten Dorgonit zu einer vom übrigen Schiff isolierten Einheit machte.
Nachdem er die Zentrale betreten hatte, sprangen alle Offiziere auf und grüßten ihn mit dem alten Legionärsgruß, indem sie mit der geschlossenen rechten Faust gegen die linke Schulter schlugen.
Zentralebesatzung angetreten, keine besonderen Vorkommnisse, Tribun!
, grüßte ihn Centrus Susios, der 1. Offizier der THESASIAN.
Danke Centrus, lassen Sie sie bequem stehen!
Die Männer der Zentralebesatzung nahmen daraufhin ihren Dienst wieder auf, während Regus Novus auf dem erhöhten Kommandantenstand Platz nahm. Es war wirklich ein erhebendes Bild eiserner Disziplin, das sich seinen Augen bot, und ein Gefühl tiefster Befriedigung durchströmte ihn. Endlich war es vollbracht – an Bord der THESASIAN war kein einziges weibliches Besatzungsmitglied mehr, keine doppelten Toiletten, keine Rücksicht auf die angeblich unterschiedliche weibliche Psyche. Die Politik von Verteidigungsminister Carilla brachte erste Früchte. Nur eines störte seine Befriedigung – innerhalb des Flottenteils, der nach wie vor unter dem Oberbefehl von Vesus stand, hatten die verdammten Emanzen nach wie vor ihren Platz, es wurde Zeit, dass der senile alte Bock endlich abgelöst wurde.
Die nächsten Stunden vergingen ereignislos. Regus Novus nutzte die Zeit, um einen Plan auszuarbeiten, den er Minister Carilla bei seinem nächsten Besuch auf Som präsentieren wollte. Vesus musste weg – wenn er nicht freiwillig ging, musste eben nachgeholfen werden. Novus wusste, dass Carilla genauso dachte, aber aus innenpolitischen Gründen auf Elgalar und den neu gebildeten dorgonischen Senat Rücksicht nehmen musste.
Plötzlich wurde er aus seinen Plänen gerissen. Durch die Zentrale gellte der Raumalarm. Hektisch wurden die Systeme der THESASIAN hochgefahren, in weniger als 40 Milli-Zeiteinheiten war das Schiff gefechtsbereit.
Meldung!
, schnarrte seine Stimme durch die Zentrale.
Im Abstand von etwa 8000 Lichtjahren Hyperraumschock! Position außerhalb der Ekliptik von Siom-Som.
Irgendwelche Erkenntnisse, um was es sich handelt?
Ja, Tribun! Vermutlich um einen hyperkinetischen Schock, dessen Ursache jedoch unbekannt ist.
Regus Novus überlegte einen Moment, ob er das Zentralkommando auf Ijarkor, einem der Monde Soms, informieren sollte, entschied sich jedoch dagegen. Wenn diese Ortung natürliche Ursachen haben sollte, würde er sich lächerlich machen. Und Lächerlichkeit war genau das, was er sich nicht leisten konnte.
Anweisung an die Gruppe, Abfangkurs einleiten und Dreieckformation einnehmen!
Die THESASIAN und ihre drei Begleitschiffe beschleunigten und gingen nach Erreichen von 50 % Lichtgeschwidigkeit in den Hypertaktmodus über. Hierbei oszillierte das Schiff innerhalb der künstlich geschaffenen Hypertakt-Vakuole, indem es im Millisekundenbereich durch sogenannte weiche
Transitionen zwischen Normal- und Hyperraum wechselte. Die Hypertakt-Vakuolen waren mit der terranischen Grigoroffblase vergleichbar, dabei war jedoch der Wirkungsgrad höher und das Schiff während der ÜL-Etappe voll manövrierfähig. Sobald die Sicherungsgruppe die Position der Hyperschockortung erreicht hatte, würden die Adlerschiffe in Dreieckformation aus der Hyperraumblase treten. Dann war es soweit. Nach etwa einer halben Stunde Flug im Hypertaktmodus bei einem Überlicht-Faktor von 100 Millionen war die kleine Flotte an der Position des angemessenen Hyperraumschocks angekommen. Faktisch im gleichen Moment materialisierten die vier Adlerschiffe im Normalraum. Die überlichtschnell arbeitenden Taster zauberten nur Sekundenbruchteile später ein Abbild des umgebenden Raumes innerhalb des Holoprojektionssystems, das innerhalb der Adlerschiffe die altmodischen Plasmaschirme ersetzt hatte.
Schiff unbekannter Bauart in der Nähe der Hyperraumanomalie.
Der Ortungs-Dekurio schien einige Messwerte abzulesen und fuhr dann fort: Schiff scheint über keinerlei 5-D-Technik zu verfügen. Die Energieortung zeigt lediglich Atomzerfallprozesse, keinerlei Anzeichen für gefährliche Waffensysteme. Das ist nur ein primitiver Schrottkahn!
Der Tribun musterte die gegenwärtigen Positionen innerhalb der Holoprojektion, dann kam sein Kommando: Abfangpositionen beibehalten, Prisenkommando zusammenstellen und im Beiboothanger A3 auf meine Ankunft warten.
In diesem Moment wurde ein Knistern und Rauschen hörbar, das anscheinend über die Audiosysteme empfangen wurde.
Dekurio, was ist da los?
Tribun, anscheinend ein Kontaktversuch des fremden Schiffes. Die verwendete Technik ist jedoch völlig primitiv. Der syntro-positronische Verbund versucht gerade, die Signale zu rekonstruieren und in unsere Kommunikationstechnik zu transformieren.
Gut warten wir mal ab, wer dort an Bord ist und was diese Primitivlinge uns zu sagen haben.
Wenig später begannen innerhalb der Holoprojektion mehrere Störungen, die sich immer wieder zu völlig surrealen Gebilden verformten, langsam Oberkörper und Kopf eines fremden Wesens zu bilden. Gleichzeitig wurden Wortfetzen, undefinierbare Töne und schrille Geräusche hörbar. Schließlich war es soweit. Innerhalb der Holo-Projektion manifestierte sich das Gesicht eines Caniden, der mit gefletschten Zähnen bellende Laute von sich gab. Absolut ungewohnt erschienen die drei Armpaare, die die Schulterpartie des Wesens bildeten, das mit einem wilden Konglomerat aus in Fetzen gerissenen Kleidungsstücken bedeckt war, das man mit einiger Fantasie als Reste einer Uniform identifizieren konnte. Die Translatorkomponente des syntro-positronischen Verbundrechners versuchte noch immer, hinter die Bedeutung des für menschliche Ohren unangenehmen Gebells zu kommen, was die hörbaren Wortfetzen bewiesen, die das Gebell
des fremden Wesens unterbrachen.
So wie es aussieht, haben wir eine neue Rasse von Barbaren entdeckt, Tribun.
Regus Novus überlegte einen Moment, dann antwortete er.
Da DORGON offensichtlich das dorgonische Volk zu seinem auserwählten Werkzeug geformt hat, durch welches er ein Reich hervorbringen wollte, das auf Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden gegründet ist, muss er offensichtlich wünschen, dass unser Volk so viel Spielraum und Macht wie möglich erhält. Es ist also die uns gestellte Aufgabe, die verschiedenen Völker der menschlichen Rasse zu einem einzigen, machtvollen Reich zu einen, das dann endlich das Ende aller Kriege und allen Elends bedeutet, wenn die barbarischen Völker und Rassen durch die gütige und helfende Hand Dorgons auf den richtigen Weg geführt werden. Deshalb, und natürlich aus unserer Verantwortung für die barbarischen Völker, werden wir die Besatzung dieses Schiffes aus Raumnot retten und ihren Welten die Zivilisation bringen.
Auf diese Rede folgte ein Augenblick feierlicher Stille, die dann durch begeisterte Beifallskundgebungen durchbrochen wurde. Regus Novus hatte seiner Besatzung aus der Seele gesprochen:
Es war und würde die Bürde des dorgonischen Volkes sein, die Kultur der menschlichen Rasse überall im Universum zu verbreiten.
In diesem Moment schien der Rechnerverbund endlich genügend Basisvokabeln zugeordnet haben, um aus dem heiseren Gebelle erste sinnvolle Sätze zu formen. Es schien, als ob das fremde Wesen einen Notruf mit antiquierten Funkwellen abgesetzt hatte.
Dekurio, stellen Sie sofort eine Verbindung zu dem Barbaren her. Wir haben schon viel zu viel Zeit vertrödelt.
Wenig später stand die Verbindung über einen völlig antiquaren Datenkanal. Regus Novus wusste, dass die Empfangseinheit des fremden Schiffes sein Portrait vor dem durch den Verbund eingespielten prunkvollen Thron Decrusians zeigte; ein Bild, das die primitiven Barbaren wohl tief beeindrucken würde.
Erwarten Sie unse…
Doch Regus Novus konnte seine so salbungsvoll begonnene Ansprache gegenüber dem fremden Wesen nicht beenden, denn er wurde jäh durch den Raumalarm unterbrochen, der die THESASIAN schlagartig in volle Gefechtsbereitschaft versetzte. Die sich aufbauenden Hypertronschirmstaffeln unterbrachen die altertümliche Verbindung, während die automatische Gefechtsfeldführung durch den Rechnerverbund den über sechs Kilometer langen Giganten in einen Abfangkurs führte. Ein kurzer Blick auf die taktische Holodarstellung zeigte, dass auch die drei Adler der Dom-Klasse das vorbereitete Abfangprogramm durchführten.
Im Unterschied zu den Schiffen der LFT oder des Quarteriums waren die Adlerschiffe der dorgonischen Krone im hohen Maße automatisiert, Eingriffe der menschlichen Besatzung erfolgten nur in Ausnahmefällen. Die faktische Kommandogewalt während der Gefechtsbereitschaft und der Gefechtsführung lag auf den Schiffen der Dorgon- und Dom-Klasse bei dem syntro-positronischen Verbund, der in diesem Fall noch durch entsprechende Kontra-Rechner ergänzt wurde. Allerdings konnten die kommandierenden Offiziere bei Bedarf in die vorgeplanten Abläufe eingreifen. In den holografischen Datenspeichern der THESASIAN waren ungezählte Gefechtsvarianten gespeichert, auf die der Rechnerverbund im Nanosekundenbereich zugreifen konnte. Jede Übung, jedes Gefecht, das nicht mit der völligen Vernichtung des Schiffes endete, vergrößerte so die zur Auswahl stehenden Gefechtsvarianten. Der kommandierende Tribun – wie jeder andere Führungsoffizier des Schiffes – würde sich hüten, in diese automatisierten Abläufe einzugreifen.
Interessiert verfolgte Regus Novus die Informationen, die über die zentrale Holomatrix eingeblendet wurden. Seine mit protzigen Ringen geschmückten Finger schwebten über dem Kontrollsensor, der die Automatik unterbrechen und auf akustische Befehlsübermittlung umschalten würde. Aber noch bestand hierzu keinerlei Veranlassung.
Die passiv arbeitenden Hyperorter hatten zwei Gravitationsanomalien angemessen, die sich mit hoher Geschwindigkeit auf den Standort des havarierten Fremdraumers zubewegten. Der dorgonischen Flotte standen genügend Messmuster der LFT oder des Quarteriums zur Verfügung, um zumindest eine Anomalie als den Vortex eines Metagrav-Antriebes zu identifizieren. Das Echo der zweiten Anomalie allerdings war absolut unbekannt und konnte keinem Schiffstyp zugeordnet werden. In diesem Moment war es soweit. Zwei Körper fielen aus dem Hyperraum und rematerialisierten mit hoher Restgeschwindigkeit im Normalraum. Die gemessenen Energieemissionen bewiesen, dass beide Körper mit Höchstwerten verzögerten. Es konnte also kein Zweifel daran bestehen, dass ihr Ziel ebenfalls der havarierte Raumer war. In diesem Moment hatte der Rechnerverbund seine Auswertung abgeschlossen. Die ungeformte Stimme der Audio-Einheit war in der ganzen Zentrale zu hören:
Fremdschiffe teilweise identifiziert. Bei der größeren Einheit handelt es sich mit 95 % Wahrscheinlichkeit um einen Supremo-A-Schiffstyp unseres Bündnispartners.
Bevor der Verbund seine Inferenzen weiter führen konnte, unterbrach ihn der Kommandant. Wieso nur 95 % Wahrscheinlichkeit?
Die Messwerte zeigen einige signifikante Unterschiede zu den bisher gespeicherten Echos, außerdem handelt es sich bei dem zweiten Schiffstyp mit einer Wahrscheinlichkeit von 82,5 % um eine Einheit unserer Feinde, der sogenannten Entropen. In diesem Falle besteht auch eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass das Supremo-Schiff uns ebenfalls feindlich gesinnt ist, da es offensichtlich mit der entropischen Einheit zusammenarbeitet.
Die von Roi Danton gezündete Gravitationsbombe hatte noch eine andere Gruppe auf das havarierte Schiff aufmerksam gemacht: die IVANHOE II, die zusammen mit einer entropischen Einheit ein Manöver im Niemandsland zwischen Siom-Som und Erendyra durchführte. Der gemeinsame Kampf von USO, FES und Entropen gegen die quarterialen und dorgonischen Usurpatoren hatte, zumindest im Dunkeln Himmel, teilweise zu einer Änderung des Verhältnisses zwischen den Alliierten und den entropischen Verbündeten geführt. Konsequenz dieser Entwicklung war das gemeinsame Manöver der IVANHOE mit dem entropischen Basisschiff KIRINA, wobei – auch das ein Novum – Jeamour der Oberbefehl über den kleinen Verband übertragen worden war. Das entropische Schiff, das unter dem Befehl der Primärentropin Denkerin00013 stand, gehörte einem bisher noch nicht eingesetzten Typ an, der von den Entropen als Basisschiff bezeichnet wurde. Basisschiffe waren auf der Zelle eines Trägerschlachtschiffes aufgebaut, führten jedoch keine größeren Beiboote mit sich. Dafür war die offensive und vor allem die defensive Rüstung entsprechend stärker ausgelegt.
Die Auswertung der Frequenzmuster der Strukturerschütterung ergab, dass es sich dabei wahrscheinlich um eine gezündete Gravitationsbombe aus terranischer Fertigung handelte. Jeamour nutzte daraufhin die Gelegenheit, die die angemessene Explosion bot, um ein Abfangmanöver gegenüber einem mutmaßlichen Aggressor zu unter wirklichkeitsnahen Bedingungen zu üben und gleichzeitig die Ursache dieser Explosion aufzuklären. Es war das Pech des dorgonischen Kommandanten, dass dadurch die beiden Schiffe unter voller Gefechtsbereitschaft die kurze Metagrav-Etappe beendeten und so einen entscheidenden Zeitgewinn gegenüber den dorgonischen Einheiten hatten.
Nachdem die beiden Schiffe ihre Überlichtetappe beendet hatten, schleuste die IVANHOE ihre 40 Fregatten aus, die eigentlich als schwere Kreuzer mit 250 Metern Durchmesser einzustufen waren.
Wenig später erfassten die überlichtschnell arbeitenden Gefechtsfeldtaster das antriebslos im All treibende fremde Schiff und die drei dorgonischen Einheiten. Die Fregatten der IVANHOE bildeten einen leicht konkav gewölbten Schild mit den beiden schweren Einheiten im Zentrum.
Auf der IVANHOE ging in diesem Moment ein Hyperkomspruch des dorgonischen Kommandanten ein, der von Tania Walerty auf den Befehlsstand Jeamours geschaltet wurde. An Bord des ehemaligen quarterialen Omni-Trägerschiffes hatte es eine kleine Palastrevolution gegeben, als Jeamour versucht hatte, wie inzwischen innerhalb der 8. Flotte üblich, militärische Ränge einzuführen. Nachdem die IVANHOE nach ihrer Flucht aus Cartwheel zu den USO-Einheiten in Siom-Som gestoßen war, hatte sich die Besatzung, entgegen Jeamours Willen, einstimmig dafür ausgesprochen, das durch das Quarterium eingeführte militärische Reglement wieder abzuschaffen. Seit diesem Zeitpunkt wurden Führungspositionen an Bord der IVANHOE nur nach Qualifikationen vergeben, wobei die Angehörigen der betreffenden Abteilung auch noch ein Wort mitzureden hatten.
Nachdem Jeamour sich die Hyperkomnachricht angehört hatte, wandte er sich an die Leiterin des Ortungs- und Kommunikationsbereiches.
Miss Wa… äh, Tania, könnten Sie mir einen Verbindungskanal zu dem dorgonischen Kommandanten schalten?
Die dunkelhaarige Terranerin grinste Jeamour amüsiert an und entgegnete: Aber natürlich, mein Kommandant, der Kanal wird sofort geschaltet!
Jeamour verzog das Gesicht, als ob ihn Zahnschmerzen peinigen würden. Er hatte sich noch immer nicht mit der Abschaffung des militärischen Befehlsweges abgefunden, an dem die attraktive Ortungschefin maßgebend beteiligt gewesen war. Dazu hatte sie ihn noch geradezu genötigt, sie mit ihrem Vornamen anzusprechen, da dadurch das zivilisatorische Verhältnis zwischen ihnen besser ausgedrückt wurde. Fast sehnte er sich die Zeiten des strengen Militärreglements des Quarteriums zurück, aber nur fast.
Das dröhnende Gelächter des Oxtorners Irwan Dove ließ ihn das Gesicht nun tatsächlich vor Schmerzen verziehen. Der Sicherheitschef der IVANHOE hatte sich in den letzten Wochen wohl am meisten von allen gewandelt, aus dem stillen, in sich gekehrten und oft einsam wirkenden Umweltangepassten war ein offenes, fröhliches und kommunikatives Mitglied der Besatzung geworden, der das private Schneckenhaus, in das er sich zurückziehen pflegte, verlassen hatte.
Der Gedanke an die positive Veränderung des Oxtorners führte dazu, dass Jeamour seine schlechte Laune vergaß und zufrieden vor sich hin grinste. Das Arrangement mit dieser entropischen Hexenmeisterin schien sich zu einem vollen Erfolg zu entwickeln. In diesem Moment wurde das braunhäutige Gesicht eines Dorgonen in seinem Trivideokubus sichtbar. Ohne die geringste Spur an Höflichkeit zu zeigen, forderte er die Terraner auf, sich sofort zurückzuziehen, da sie sich innerhalb dorgonischen Hoheitsgebietes befänden, das nicht der Kontrolle des Quarteriums unterläge. Daraufhin antwortete der Admiral, dass hier doch wohl ein Notfall vorläge und es seine Pflicht als Raumfahrer wäre, dem havarierten Schiff zu helfen.
In dieser Situation schob Tania Walerty dem Belgier eine Schreibfolie zu auf der nur ein einziges Wort stand:
Göttersturz!
Jeamour schaltete blitzschnell. Das Codesignal stammte noch aus der Frühzeit des Solaren Imperiums und hatte seine Bedeutung durch all die Jahrhunderte, ja Jahrtausende, die seitdem vergangen waren, behalten:
Lebensgefahr für einen Zellaktivatorträger!
Jeamours Gedanken rasten. Wer war wohl an Bord des unbekannten Schiffes? Und plötzlich wusste er es. Es konnte sich nur um Roi Danton handeln. Perry Rhodans Sohn war seit der Schlacht am Sternenportal, bei der er durch die Entropen entführt worden war, auf dem Riff verschollen. Es lag nahe, dass er versuchen würde, notfalls an Bord eines auf dem Riff gebauten Schiffes zurückzukehren.
Göttersturz, Karthagos Fall, December Night, Rotfall und wie die alten Codes alle lauteten …
Innerlich beglückwünschte er sich, dass Tania Walerty an der Terrania Space Academy eine fundierte Ausbildung als Offiziersanwärterin abgeschlossen hatte und aus dieser Zeit über die alten Notrufcodes, die allerdings noch immer in Kraft waren, informiert war. So konnte sie den Hilferuf des Unsterblichen auf Anhieb richtig einordnen.
Jeamour konzentrierte seine Aufmerksamkeit wieder auf den Dorgonen, der wohl auch inzwischen die Meldung erhalten hatte, dass das havarierte Schiff einen Notruf abgesetzt hatte. Sein vor Wut verzerrtes Gesicht legte zumindest diese Vermutung nahe.
Hör zu, ich, Tribun Regus Novus, verlange hiermit, dass du und dein Begleitschiff euch innerhalb einer Centi-Zeiteinheit aus diesem Sektor entfernt, sonst werden wir unverzüglich das Feuer eröffnen!
Ein Ultimatum mit diesem oder ähnlichen Wortlaut hatte Jeamour befürchtet. Aber der entschlüsselte Notruf ließ ihm keine Wahl.
Miss Hrydja, setzen Sie die IVANHOE mit einer Kurztransition genau zwischen die Dorgonen und das fremde Schiff!
Die Hexe zeigte mit einem Kopfnicken an, dass sie verstanden hatte.
Einen Moment zweifelte Jeamour daran, ob die gemeinsame Gefechtsfeldführung mit dem entropischen Basisschiff wie gewünscht funktionieren würde, aber er sah keine andere Möglichkeit. Ohne Unterstützung durch die entropische Einheit hätten sie überhaupt keine Chancen. Es war, als ob eine höhere Macht eingegriffen und dafür gesorgt hätte, dass sie zuvor genau diese Situation im Manöver durchgespielt hatten. Die Besonderheit bestand durch den Austausch der Navigatoren. Mathew Wallace verweilte auf dem Raumer der Entropen, während die Hexe Hrydja auf der IVANHOE war.
Mit einer Schaltung stellte Jeamour eine verschlüsselte Verbindung zur IVA01 her.
Mister Elahrt, auf dem havarierten Schiff befindet sich ein Aktivatorträger. Ihre Aufgabe wird sein, diesen unter allen Umständen zu retten und an Bord der IVANHOE zu bringen.
Der etwas untersetzt wirkende auf Olymp geborene ehemalige Offizier des Quarteriums, der sich 1305 NGZ Jeamour angeschlossen hatte, war inzwischen der Kommandant der 40 Fregatten und einer der besten Piloten an Bord der IVANHOE.
In diesem Moment verzerrte sich kurz die Wahrnehmung; die Hexe, in der Funktion der Pilotin, hatte die geplante Kurztransition durchgeführt.
Roi blickte gedankenverloren in den dunklen Leerraum, der den überwiegenden Teil seines Blickfeldes ausmachte. Nur die Balkenspirale Siom-Soms und der ferne Schimmer Erendyras zeigten, dass sich das Wrack der DUNKELSTERN im Nichts zwischen den Galaxien befand. Doch der ehemalige König der Freihändler wusste, dass der Schein trog. Dieses Nichts war mit unbekannten Kräften durchzogen, die man mangels passender Begriffe als Dunkle Materie oder Dunkle Energie bezeichnete. Doch diese ganzen Begriffe besagten eigentlich nichts anderes, als dass man auch im 14. Jahrhundert der Neuen Galaktischen Zeitrechnung nichts über den wahren Charakter dieser unbekannten Kräfte wusste, eigentlich ein Armutszeugnis.
Aber im Moment hatte er andere Probleme. Nur, wenn die Zündung der Gravitationsbombe die Aufmerksamkeit eines raumfahrenden Volkes erregt hatte, konnte er hoffen, dass sie gerettet wurden. Allerdings – und darüber war er sich klar – konnte es sein, dass die falschen Retter auf sie aufmerksam wurden. Nachdem er fast ein halbes Jahr im Riff festsaß, konnte alles Mögliche passiert sein. In diesem Moment rief ihn Crassp zu sich. Die passive Hyperortung zeigte, dass fremde Schiffe angekommen waren. Dies schien auch Sato auf den Plan zu rufen, denn der Japaner richtete sich langsam auf und kam, leicht torkelnd, zu ihnen herüber. Der Manjor konnte schließlich, mit Unterstützung des japanischen Nexialisten, eine Projektion der angekommenen Schiffe auf die Grafikeinheit des Bordrechners zaubern – es waren die falschen Retter, nämlich dorgonische Adlerschiffe.
Roi überzeugte den Manjor schließlich, dass er mit dem dorgonischen Befehlshaber Kontakt aufzunehmen und versuchen sollte, diesen hinzuhalten. Nach kurzer Beratung einigte man sich darauf, dass der Manjor den Notruf in seiner Muttersprache absetzen solle.
Rois Rechnung ging auf. Wenig später zeigten die Hyperorter, dass eine weitere Partei auf dem Plan erschienen war, nach der Auswertung der Ortungsergebenisse ein Supremo-A-Superschlachtschiff und eine entropische Einheit. Zuerst war er über die Zusammensetzung des kleinen Verbandes etwas irritiert, doch dann erinnerte er sich, dass zu den vom Dunklen Himmel aus operierenden Einheiten auch die IVANHOE II gehörte, und die war bekanntlich ein Supremo-A-Typ. Roi verfluchte das primitive Niveau der DUNKELSTERN, die nur über rudimentäre Technik im Hyperspektrum verfügte. Ein Hyperfunkgerät mit Richtstrahlsender, das wäre es, was er im Moment bräuchte. Aber das ehemalige Piratenschiff verfügte nur über einen Sender, der mit normalen, lichtschnellen Funkwellen arbeitete. Allerdings konnte er sich nicht einfach identifizieren und um Abholung bitten, er war sich sicher, dass die Dorgonen in diesem Fall die DUNKELSTERN wohl notfalls vernichtet hätten. Es blieb noch die Möglichkeit einen der alten Codes, die noch aus den Zeiten des Solaren Imperiums stammten, zu benutzen und zu hoffen, dass an Bord der IVANHOE jemand in der Lage war, diesen zu entschlüsseln. Kurz entschlossen setzte er sich hinter den Sender und begann im uralten Morsecode den Hilferuf abzusetzen:
Göttersturz!
Jetzt konnte er nur noch hoffen und abwarten.
Innerhalb des Raumsektors um die DUNKELSTERN war eine Raumschlacht entbrannt, nachdem sich die IVANHOE und das entropische Raumschiff zwischen das Piratenschiff und die dorgonische Flotte positioniert hatten. Diese Raumschlacht verlief atypisch, da die beiden großen Einheiten sich mit der Sicherung der DUNKELSTERN begnügten, während die schweren Kreuzer Angriff um Angriff auf die dorgonischen Adlerschiffe durchführten und diese immer wieder aus der unmittelbaren Gefahrenzone um das havarierte Schiff abdrängten. Die überlegene Manövrierbarkeit und die wesentlich besseren Beschleunigungswerte der Fregatten ermöglichte es diesen, sich immer wieder rechtzeitig abzusetzen.
Roi und die Riffpiraten verfolgten gespannt den Verlauf der Raumschlacht, fast vergaßen sie, dass hier über ihr Schicksal entschieden wurde. Was alle wunderte, war, dass das Adlerschiff des Dom-Typs nicht aktiv in die Schlacht eingriff, dieses blieb bisher weitgehend passiv und im Hintergrund.
Xavier Jeamour verfolgte mit wachsender Unruhe den Verlauf des Gefechts. Obwohl dieses eigentlich sehr gut verlief, ließ ihn das zunehmende Gefühl nahenden Unheils immer wieder die Uniform auf tadellosen Sitz prüfen; eine Angewohnheit, um seine wachsende Spannung und Unsicherheit zu überspielen. Irgendetwas war im Gange, das sagte ihm seine jahrzehntelange Erfahrung. Schließlich wandte er sich an den Oxtorner, der in Abwesenheit von Mathew Wallace die Funktion des 1. Offiziers wahrnahm.
Mr. Dove, geben Sie Einsatzbefehl an die Minor-Globes und die NIMRODs. Angriffe nach eigenem Ermessen.
Wenig später erfolgte die Vollzugsmeldung. Neben den 40 Fregatten waren nun auch 60 der kugelförmigen Minor-Globes in den Einsatz gegangen. Dann kam das nächste Kommando Jeamours.
THEANO, Mehrzweckmodul abtrennen und Schirmstaffeln optimieren!
Die modulierte Frauenstimme der Biohyperinpotronik bestätigte Jeamours Anweisung. Anhand des Lagehologramms der IVANHOE konnte die Zentralbesatzung verfolgen, wie der 500 Meter lange Schwanz
des Supremo-A-Schlachtschiffes abgetrennt wurde und nach einem kurzen Stoß-Impuls der Traktorstrahl-Einheit in den Tiefen des umgebenden Raumes verschwand. Das Mehrzweckmodul war energetisch tot und durch Fremdortung normalerweise nicht aufzuspüren. Nur der Biohyperinpotronik der IVANHOE würde es möglich sein, aus der Masse und dem Kursvektor des Stoßimpulses den Kurs zu extrapolieren und das Modul später wieder aufzufinden. Nach dem Abtrennen des Moduls konnten die Schirmstaffeln als Sphäre optimiert werden, was bei den alten Supremo-Typen, bei denen der Schwanz
nicht abgetrennt werden konnte, zu einer Ei-Form führte. Diese Form erwies sich unter Dauerbelastung für Strukturrisse anfälliger als die reine Kugelform.
Wenig später meldete sich die angenehme Frauenstimme wieder. Ich empfehle, den Wabenschirm aufzubauen.
Jeamour überlegte einen Augenblick. Der dreifach gestaffelte Wabenschirm war auch eine der Neuerwerbungen, die sie den Quintechs der USO auf Luna zu verdanken hatten. Einen Moment verzog sich sein Gesicht unwillkürlich zu einem zynischen Grinsen. Alterwerbung wäre der bessere Ausdruck gewesen. Die Terraner waren zur Gründungszeit des Solaren Imperiums auf Arkon I auf diese Schirmtechnologie gestoßen, durch die der Robottregent geschützt worden war. Da gewaltige Energiemengen zum Betrieb des Schirms benötigt wurden, geriet diese Schirmtechnologie in Vergessenheit, vor allem da zuerst der HÜ-Schirm und danach die Paratrontechnologie eine ausreichende Schutzwirkung versprachen. Die Quintechs der USO hatten nun diese Technologie wieder aufgegriffen und in der IVANHOE eingebaut, da sie genügend Energiereserven besaß, um – zumindest kurzfristig – alle drei Schirmtechnologien parallel zu nutzen. Tests hatten ergeben, dass der Wabenschirm in der Lage war, die beiden anderen Schirmstaffeln zu stabilisieren. Nur der astronomische Energieverbrauch, der selbst die Reserven eines ENTDECKERs überforderte, blieb das Hauptproblem.
Mit einem Kopfnicken erteilte er der Kartanin Roa-Sri-B’eyr sein Einverständnis. Wenn er mit seinem Verdacht recht behielt, konnte der Wabenschirm den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage bewirken.
Stark ansteigende Hyperstrahlung im UHF-Bereich des Spektrums. Innerhalb des Raumgefüges scheinen Gravitationsschockwellen zu entstehen, die immer stärker werden.
Jetzt hatte er die Bestätigung. Das Adlerschiff vom Typ Dorgon war dabei, seine schrecklichste Waffe einzusetzen, den Hypertron-Impulser. Mit Grauen erinnerte er sich an die Expedition nach M 100, wo 1291 NGZ fast sämtliche Schiffe der Expedition mit dieser Waffe vernichtet worden waren. Er hatte in dieser Situation nur eine Option, und die hieß bedingungsloser Angriff, denn der Hypertron-Impulser hatte nur einen Nachteil, er verbrauchte Unmengen an Energie. Energie, die teilweise von den Schutzschirmen abgezogen werden musste.
Miss Hrydja, Frontalangriff auf das dorgonische Flaggschiff; bringen Sie uns so nahe wie möglich an den Gegner!
Und dann, an die Kartanin gewandt, die seit der Entscheidungsschlacht um den Dunklen Himmel als Feuerleitoffizierin fungierte: Miss B’eyr, Feuer mit allem, was wir haben!
Die beiden Angesprochenen nickten nahezu synchron, danach kam wieder die vertraute, kurze Verzerrung der Wahrnehmung, die für kurze Transitionen charakteristisch war. Die Hexe hatte, seit sie als Pilotin fungierte, wohl eine besondere Vorliebe für diese Art der Überlichtgeschwindigkeit entwickelt. Sobald die IVANHOE das übergeordnete Kontinuum verlassen hatte, verwandelte sie sich in ein Feuer speiendes Ungeheuer. Jeamour war zwar noch immer der Meinung, dass die neuen Crewmitglieder noch lange nicht so weit waren, dass sie die während der Schlacht am Sternentor gefallenen alten Ivanhoerianer
vollwertig ersetzen konnten, aber auch er musste zugeben, dass die Kartanin hinter der Feuerorgel ihre Sache gut machte. Feuerorgel … der altertümliche Ausdruck brachte ihn wieder zum Schmunzeln. Die Feuerorgel
eines modernen Raumschiffes war in Wirklichkeit eine Touchscreen-Konsole, die als Benutzerschnittstelle zum syntro-positronischen Rechnerkomplex diente. Die Aufgabe des Feuerleitoffiziers bestand nun darin, die durch den Rechnerkomplex angebotenen Waffengattungen auszuwählen und sinnvoll zu kombinieren.
Die Kurztransition hatte die IVANHOE in die unmittelbare Nähe des dorgonischen Riesen mit einer Länge von über sechs Kilometern gebracht, was es ermöglichte, dass sowohl lichtschnelle wie überlichtschnelle Waffensysteme kombiniert eingesetzt werden konnten. Die erforderliche Synchronisation zwischen Unter- und Überlichtsystemen konnte nur durch den Rechnerkomplex geleistet werden, was bedeutete, dass der Feuerleitoffizier nur die zum Einsatz kommenden Waffensysteme auswählte. Die zeitliche Abstimmung zwischen den verschiedenen Waffensystemen erfolgte durch den Rechnerkomplex.
Die IVANHOE setzte nun alles ein, was ihr zur Verfügung stand. Die einzige Chance für sie bestand darin, dass der dorgonische Adler den Hypertron-Impulserangriff abbrechen musste, um die eigenen Schutzschirme zu stabilisieren. Die verdoppelte Schussfolge der auf Luna modernisierten Transformgeschütze ermöglichte es, die Schutzschirme des gegnerischen Schiffes unter Dauerbelastung zu halten, da durch die nach dem Desaster der M 100-Expedition modifizierten Zielerfassungssysteme der Transformkanonen die stärksten Waffen der terranischen Schiffe nun auch gegen die dorgonischen Hypertronschirme wirksam waren.
Doch dann meldete sich Tania Walerty mit der nächsten Hiobsbotschaft Zwei Adler der Dom-Klasse gehen in den Hypertakt und nehmen Kurs auf uns.
Jeamour reagierte augenblicklich, indem er die Fregatten und Minor-Globes anwies, die Dom-Adler weiter zu attackieren und, wenn möglich, zu vernichten. Den Vernichtungsbefehl gab er trotz starker moralischer Bedenken, aber die Entwicklung der Schlacht ließ ihm keine andere Wahl. Die Fregatten und Minor-Globes konnten keine längere Schlacht durchstehen, dazu reichten die Energiereserven und vor allem die Munitionsvorräte nicht aus. Es wäre geradezu selbstmörderisch gewesen, wenn die Trägerschiffe der IVANHOE weiter ihre Angriffe genau in dem Moment abgebrochen hätten, wo sie die Dom-Schiffe ernsthaft gefährdeten. Anschließend ließ er eine Verbindung zur KIRINA herstellen. Er musste sich vergewissern, dass das entropische Schiff den Schutz des fremden Raumschiffes mit dem Aktivatorträger übernahm. Alles in ihm sträubte sich zwar dagegen, aber die Vernunft sagt ihm eindeutig, dass nur die IVANHOE das offensive Potenzial besaß, um gegen die Dorgonen bestehen zu können.
Mathew Wallace meldete sich mit verbissenem Gesicht.
Mister Wallace, alles in Ordnung?
, fragte Jeamour.
Naja, der entropische Kasten läßt sich nicht so leicht steuern, wie die gute IVANHOE, aber …
Wallace stockte, schien gerade mit einem Manöver beschäftigt zu sein. Zeigtlich tauchte ie KIRINA ab und wich einigen Salven aus.
Will ja nicht unhöflich sein, Sir, aber was gibt es denn?
Göttersturz auf dem fremden Raumschiff. Es muss unbedingt gesichert werden. Unbedingt!
Göttersturz? Nanu! Ich denke mal, unsere Freundin auf dem Tablett hat nichts dagegen?
Denkerin00013 bestätigte und versicherte Jeamour, dass die Entropen allein den Schutz des fremden Schiffes übernehmen würden.
Jeamour war, sofern man das überhaupt sagen konnte, beruhigt. Er wünschte Wallace viel Glück, doch sein Erster Offizier hörte ihm nicht zu, sondern konzentrierte sich auf den Flug der KIRINA.
Die IVA01 hatte sich inzwischen im Schutz des Virtuellbildners dem fremden Raumschiff genähert und war nur wenige Kilometer entfernt in eine Parkposition gegangen. Ein direktes Andocken war leider nicht möglich, solange sich die HAYHONDOR, wie der Eigenname von Tym Elahrts Flaggschiff lautete, im Schutz des VI-Feldes befand, da sonst der Virtual-Imager-Effekt auf das fremde Schiff ausgedehnt würde. Der Olympier verwünschte seinen Auftrag, der ihn zur Untätigkeit verurteilte. Doch im Moment konnte er nichts anderes tun, als abzuwarten, während seine Fregatten Angriff auf Angriff auf die Adlerschiffe flogen. Tym Elahrt verfolgte den Verlauf der Schlacht auf dem Gefechtsfeldholo, indem die Ergebnisse der Passivortung durch die Bordsyntronik zusammengefasst wurden. Die Projektion der Syntronik zeigte den Adler der Dorgon-Klasse, der von der IVANHOE attackiert wurde, während die Korvetten und Minor-Globes versuchten, die beiden Schiffe der Dom-Klasse von der IVANHOE abzudrängen. Wie es schien, waren die ausgeschleusten Trägerschiffe in der Lage, den beiden Adlerschiffen Paroli zu bieten. Durch ihre hervorragende Manövrierbarkeit konnten sie immer wieder die Feuerleitprogramme des syntro-positronischen Rechnerverbundes ausmanövrieren und die Transonatorsalven im Nichts des intergalaktischen Niemandslandes verpuffen lassen. Auf der anderen Seite verfügten die Fregatten und Minor-Globes zusammen über ein Feuerkraft, die mehreren Schlachtschiffen der Nova-Klasse gleichkam.
In diesem Moment griff das dritte Adlerschiff der Dom-Klasse das entropische Basisschiff an. In den tiefblauen Schirmstaffeln der KIRINA brachen sich die Transonatorsalven und erzeugten violett strahlende Aufrisstrichter. Das entropische Schiff beschränkte sich anscheinend alleine auf die Verteidigung und blieb scheinbar bewegungslos im Raum stehen. Zuvor hatte wohl Mathew Wallace mit mehreren unberechenbaren Manövern die gegnerischen Feuerleitprogramme immer wieder überlistet. Doch jetzt hatte das Basisschiff nur die Funktion, die Feuerkraft des dorgonischen Adlers zu binden und das bedeutete, dass ein Ausweichen nicht mehr in Frage kam.
Mit einer raschen Handbewegung vergrößerte Elahrt die Darstellung um die HAYHONDOR. Die Schutzschirme der KIRINA schienen ein Eigenleben zu entwickeln und zeigten ein schaurig-schönes Schauspiel. Auf dem tiefen Blau entstanden immer mehr Risse, die in sämtlichen violetten Farbschattierungen leuchteten. Gleichzeitig zeugten die immer zahlreicheren Aufrisstrichter davon, dass der Schirm kurz vor dem Zusammenbruch stand. Es schien nur noch eine Frage der Zeit, bis das Ende für den entropischen Raumer gekommen war. Elahrt bemerkte nicht, dass er die Hände zu Fäusten geballt hatte. Alles in ihm drängte danach, den Angriff zu befehlen. Doch er musste tatenlos ausharren.
Aber dann brach die Hölle über das Adlerschiff herein. Von einer Sekunde zur nächsten wurde aus dem Jäger der Gejagte. Aus dem Nichts materialisierten die fünfhundert NIMROD-Jäger der IVANHOE und eröffneten sofort das Feuer. Auf das dorgonische Schlachtschiff ging ein wahres Trommelfeuer aus den 3000 GT-Transformkanonen und den im Intervallmodus feuernden KNK-Geschützen der Jäger nieder. Durch die Fussionsladungen der schweren Transformbomben und die gleichzeitigen hypermechanischen Schläge der Intervallstrahlung wurde der Hypertronschirm des dorgonischen Schiffes überlastet und kollabierte schließlich, wobei das gegnerische Schiff schlagartig in den Hyperraum gerissen wurde.
Das Adlerschiff war vernichtet. An Bord der HAYHONDOR brauste kurzfristiger Jubel auf, der aber rasch verflog, als der Besatzung klar wurde, dass Tausende dorgonischer Raumfahrer den Tod gefunden hatten.
Die Crew der DUNKELSTERN kauerte um den Bildschirm, auf dem der Bordrechner die Ergebnisse der passiven Hyperortung des Piratenschiffes wiedergab. Das Ortungsbild gab das unmittelbare Umfeld der DUNKELSTERN wieder und zeigte den Sperrriegel, in dem die Trägerschiffe positioniert waren. Roi verfolgte gespannt die Manöver des Supremo-Schlachtschiffes, dessen Pilot ein Könner sein musste, der es immer wieder verstand, die Angriffe der dorgonischen Adlerschiffe auszumanövrieren. Immer, wenn eines der Adlerschiffe drohte, den Riegel der Kreuzer zu durchbrechen, wurde dieser Versuch durch Sperrfeuer der überschweren Transformgeschütze der IVANHOE gestoppt. Alles in allem schien es, als ob die beiden Flottenverbände sich im Moment gegenseitig neutralisierten. Doch der ehemalige König der Freihändler hatte in seinem langen Leben an genügend Raumschlachten teilgenommen, um zu erkennen, dass die Zeit für die dorgonischen Adlerschiffe arbeitete. Für das Gleichgewicht zwischen den beiden Verbänden sorgten allein die Fregatten und Minor-Globes, wobei abzusehen war, dass zumindest die Minor-Globes relativ schnell wegen Energie- und Munitionsmangel nutzlos werden würden. Spätestens dann würden die überlegenen Ressourcen der Adlerschiffe die Schlacht entscheiden. Wer immer auf der Seite der LFT den Oberbefehl führte, und Roi hoffte, dass es Jeamour war, musste bald eine Entscheidung treffen, denn die bisher rein defensive Strategie musste scheitern.
Die IVANHOE vibrierte wie ein störrischer Esel, der seinen eigenen Kopf durchsetzen wollte. Jeamour klammerte sich an den Armlehnen seines Kontursessels fest, obwohl das Körperschmiegfeld seines Kommandostandes verhinderte, dass er von den teilweise durchschlagenden Gravos, die durch die Ausweichmanöver der entropischen Pilotin verursacht wurden, aus dem Kontursessel geschleudert wurde. Die Hexe schien mit der Biohyperinpotronik verschmolzen zu sein und schaffte es immer wieder, die enorme Masse der IVANHOE aus der Fokussierung der dorgonischen Feuerleitsysteme zu steuern. Die im Salventakt erfolgten Transformschläge hatte es sehr schnell geschafft, dass der dorgonische Riese die Initiierung der Hypertron-Felder abbrechen musste, um die eigenen Schutzschirme zu stabilisieren. Damit war die Gefahr für die IVANHOE aber noch lange nicht gebannt, im Gegenteil, denn das Riesenschiff des Dorgon-Typs griff nun mit den normalen
Transonator-Waffensystemen an und brachte damit das ehemalige quarteriale Supremo-Schlachtschiff an den Rand der Vernichtung. Eigentlich, gestand sich Jeamour ein, müsste die IVANHOE längst vernichtet sein, nur die phänomenalen Fähigkeiten der Hexe, die eigentlich nur zu einem Freundschaftsbesuch an Bord gekommen war, hatte bisher die Zerstörung verhindert.
Wieder fiel sein Blick auf die im Pilotenstand kauernde Entropin. Sie schien Teil des virtuellen Raumes der direkten Mensch-Maschinen-Schnittstelle geworden sein, die in Schiffen ohne SERT-Haube und Emotionauten zur Kommunikation mit dem Steuersystem des Bordrechners diente. Die neuronale Vernetzung war scheinbar vollkommen, was die Manöver der IVANHOE bewiesen. Und doch war alles anders als normal. Die Wahrnehmung auf die Hexe verzerrte sich immer wieder für Sekundenbruchteile, ohne dass Jeamour sagen konnte, was genau er dabei sah. Er hatte den Eindruck gewonnen, dass die Hexe ahnte, wo die nächsten Salven einschlagen würden und es immer wieder schaffte, die IVANHOE aus dem Salvenbrennpunkt zu steuern. Die Manöver, die sie dabei anwandte, waren abenteuerlich und schienen den Sekundärkompensator des Semi-Manifestationsfeldes immer wieder zu überfordern. Anders waren die durchschlagenden Gravos nicht zu erklären, die bei den Ausweichmanövern der Hexe wirksam wurden. Jeamour bedankte sich heimlich bei den Konstrukteuren des Schiffes, die auf die alte Technik aus der Zeit vor der Hyperraumzapfung zurückgegriffen und eine Überforderung der Energieversorgung des Inertersystems eingeplant hatten. Auf vielen modernen Schiffen der LFT wurde darauf verzichtet, weil man sich nicht mehr vorstellen konnte, dass es im Zeitalter der Hypertrops überhaupt noch zu energetischen Engpässen oder gar zu Abstimmungsproblemen zwischen dem Tracking-System der Lagekontrolle und den Inerterfeldern kommen konnte.
Der Belgier glaubte plötzlich, dass er sich übergeben musste, wieder hatte ein Ausweichmanöver die Andruckabsorber überfordert. Einen Moment hatte er das Empfinden gehabt, kopfüber in einem Karussell zu hängen, was auch durch die Lagekontroll-Holoprojektion der IVANHOE bestätigt wurde. Ylva Eir Hrydja ließ die Kugel des Ultraschlachtschiffes gleichzeitig um mehrere Achsen rotieren und in einem unregelmäßigen Schlangenkurs wiederum den im Salventakt feuernden Transonatorgeschützen des gegnerischen Adlerschiffes ausweichen. Und sie hatte Erfolg! Die unorthodoxen Manöver überforderten die Gefechtsfeldführung des dorgonischen Schiffes, während die Kartanin in Zusammenarbeit mit der Biohyperinpotronik die Transformsalven fast immer ins Ziel brachte. In diesen Minuten vollzog sich der Wandel, das fühlte Jeamour mit jeder Faser seines Körpers. Aus den einzelnen Individuen an Bord der IVANHOE wurde eine neue Mannschaft geschmiedet, ein lebendiger Organismus entstand, der mehr als die Summe seiner Teile war.
Plötzlich überflutete grelles Licht die Schirme. Selbst die Hyperinpotronik brauchte Sekundenbruchteile, bis sie über entsprechende Filter das entstandene Strahlungsgewitter auf ein für menschliche Augen erträgliches Maß reduziert hatte. Eines der angreifenden Adlerschiffe des Dom-Typs war unter grellen Leuchterscheinungen explodiert. Dann war der Sieg perfekt: Die beiden Adlerschiffe nahmen rasch Fahrt auf und verschwanden kurz darauf im Hyperraum. Doch zuvor hatte sich der dorgonische Kommandant nochmals kurz gemeldet und gedroht, dass dieser Zwischenfall ernste Folgen haben würde. Aber Jeamour hatte diese Drohung kalt gelassen. Wichtiger, viel wichtiger war, dass nun der Aktivatorträger gerettet werden konnte.
Tym Elahrt durchströmte einen Moment ein wahres Gefühlschaos, gleichzeitig empfand er Erleichterung, Hoffnung und Triumph. Sie waren Sieger geblieben. Die Fregatten und Minor-Globes, seine Schiffe, hatten gegen drei vielfach mächtigere Schlachtschiffe gesiegt. Doch der Gedanke an seinen eigentlichen Auftrag brachte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück: Der Aktivatorträger, sie mussten den Aktivatorträger retten.
Da die Adlerschiffe geflohen waren, konnte die HAYHONDOR ohne Risiko an dem fremden Schiff anlegen. Wenig später wurde der Schiffskörper kurz erschüttert und zeigte an, dass die Verbindung zwischen der Fregatte und dem fremden Schiff erfolgt war. Zusammen mit vier weiteren Besatzungsmitgliedern betrat Elahrt das Wrack des fremden Schiffes und war gespannt, wen er dort vorfinden würde.
Einige Minuten später war die gesamte Mannschaft der DUNKELSTERN auf die IVA01 gewechselt. Die Fregatte war auf Luna völlig modernisiert und mit einem Excalibur-Transmitter ausgerüstet worden. Dieser Transmittertyp ermöglichte trotz aktiver Paratron-Schirme einen störungssicheren Transport über eine Distanz von zwei bis drei Lichtjahren. Im Falle der IVA01 stand die Gegenstation natürlich an Bord der IVANHOE.
Der Torbogen des Excalibur-Transmitters erlosch hinter Roi und er verließ als Letzter die Transmitterplattform.
Einen Arzt, schnell einen Arzt!
Die dröhnende Stimme des Oxtorners riss Jeamour aus seinen Grübeleien. Mit einem Blick erfasste er, dass sich Irwan Dove besorgt über die Hexe beugte, die im Pilotenstand zusammengebrochen war. Wenig später stürzten Jennifer Taylor und ihre Stellvertreterin, die Ara Trier Pray-Turzu, aus der angrenzenden Bordklinik. Hinter den beiden schwebte ein MODULA-Roboter des Medeo-Typs. Der Roboter hatte aus Formenergie eine Trage gebildet, auf die sie die Entropin betteten. Als der Oxtorner die Hexe auf die Arme nahm, um sie auf der Trage abzulegen, sah der Admiral, dass er sich nicht getäuscht hatte. Die Hexe hatte sich verwandelt und ihre menschliche Gestalt verloren. Auf der Trage lag eine unzweifelhaft weibliche Humanoide, die jedoch nichts mehr mit der athletischen, schwarzhaarigen Frau gemeinsam hatte, als die die Hexe vorher erschienen war. Die übrigen Besatzungsmitglieder der Zentrale waren inzwischen aufmerksam geworden, und verfolgten mit wachsender Unruhe das Geschehen. Der Oxtorner schien inzwischen bemerkt zu haben, dass die Hexe allgemeine Verunsicherung auslöste, denn in einer hilflosen Beschwichtigungsgeste hob er die Hände. Doch es war die Leiterin der Bordklinik, die die sich immer mehr nach vorne drängenden Besatzungsmitglieder resolut zurückdrängte und den MODULA-Roboter zusammen mit ihrer Stellvertreterin in die Bordklinik dirigierte. Nach einem kurzen Moment des Zögerns schloss sich der Admiral der kleinen Prozession an. Der Oxtorner blieb natürlich an der Seite der Hexe, was dem Belgier seine Vermutung bestätigte, dass zwischen Dove und der Hexe eine Beziehung bestand oder sich anbahnte.
Die kleine Prozession hatte inzwischen die Bordklinik erreicht. Jennifer Taylor drängte außer Jeamour und Dove alle anderen Besatzungsmitglieder nach draußen und verschloss das Schott der Klinik. Der MODULA hatte inzwischen weitere Behandlungsgeräte aus Formenergie gebildet und begann die bewusstlose Hexe zu untersuchen. Das gab Jeamour die Gelegenheit, den entropischen Gast nun näher in Augenschein zu nehmen.
Noch immer war ihre auf seltsame Weise veränderte Gestalt, die vom Kopf an abwärts durchaus noch als die eines Menschen angesehen werden konnte, humanoid. Epsaler oder gar Ertruser wichen dabei wesentlich stärker vom terranischen Standard als die jetzige Erscheinungsform der Hexe ab. Die gravierendste Abweichung zu ihrem bisherigen Aussehen betraf jedoch den Kopf, der völlig verändert war. Das Gesicht wurde von zwei kurzen, leicht nach oben geschwungenen Hörnern, die seitlich aus der Schläfenregion ragten, und einem dritten Auge mitten in der Stirn beherrscht. Die schlitzförmigen Pupillen und der leuchtende Hintergrund der Augen erinnerten sehr stark an eine Katze. Dieser Eindruck wurde noch durch eine wilde Mähne verstärkt, die schulterlang den Kopf umfloss. Der ganze Körper erweckte den Eindruck ungebändigter Kraft und Wildheit, den auch die äußerst freizügige Kleidung unterstützte. Nichts mehr erinnerte an die manchmal etwas linkisch wirkende junge Frau, als die er die Hexe bisher kennengelernt hatte. Auch Jennifer Taylor und ihre Stellvertreterin schienen ihre Rückschlüsse aus der Veränderung zu ziehen, anders konnte er sich die bezeichnenden Blicke, die sich die beiden Ärztinnen zuwarfen, nicht erklären. Nur Irwan Dove schien von der Veränderung unbeeindruckt, es schien, als ob er die wahre Gestalt der Entropin bereits gekannt hätte. Jeamour nahm sich vor, später ein ernstes Wort mit dem Sicherheitschef zu sprechen. Doch die weitere Entwicklung verlangte wieder seine Aufmerksamkeit.
Der MODULA hatte inzwischen wohl seine Diagnose abgeschlossen, was diverse Untersuchungswerte, die auf einem kleinen Display erschienen, bewiesen. Die Ara vertiefte sich in die Ergebnisse, während die Chefärztin weitere Untersuchungen vornahm. Schließlich schüttelte sie frustriert den Kopf und erklärte, dass das Risiko von medizinischen Eingriffen nicht zu vertreten wäre. Man kam überein, von der KIRINA Hilfe zu rufen. Wenig später traf diese auch ein; Denkerin00013 und eine Sekundär-Entropin kamen an Bord und untersuchten die Bewusstlose. Nachdem die Sekundär-Entropin, die wohl so etwas wie eine Ärztin war, Ylva einige Medikamente durch Hochdruckinjektionen verabreicht hatte, bat die Denkerin um Unterstützung durch einen MODULA, um die Hexe auf die KIRINA zu überführen. Schon wollte Jeamour seine Zustimmung erteilen, als ein Unmutslaut ihn stoppte. Die Hexe war erwacht und hatte sich auf der Formenergieliege halb aufgerichtet. Sie wechselte einige Worte in einer unbekannten Sprache mit der Denkerin, die wohl, wenn man vom Tonfall auf den Inhalt schloss, nicht gerade freundlich waren. Dann fiel ihr Blick auf Jeamour und mit einem entschuldigenden Lächeln wechselte sie ins Interkosmo.
Ich werde noch nicht zurück an Bord der KIRINA kommen. Es geht mir bereits wesentlich besser. Ich habe mich nur etwas überanstrengt.
Doch die Primär-Entropin schien anderer Meinung zu sein. Wild mit ihren beiden Armpaaren gestikulierend stieg sie auf ihrer tellerförmigen Plattform auf Augenhöhe zu der Hexe.
Herrin, ihr wisst genau, dass ich dem Hohen Rat gegenüber für eure Sicherheit verantwortlich bin. Auch wenn Meisterin Shangaard gegen meinen Rat diesem Abenteuer zugestimmt hat, ist dadurch meine Verantwortung für euer Leben und Wohlbefinden nicht aufgehoben. Ich …
Doch die Primär-Entropin konnte nicht weitersprechen. Die Hexe hatte sich nun ganz aufgerichtet und trat voller Empörung einige Schritte auf die Denkerin zu.
Der Hexenrat? Du wagst es, mir mit dieser Versammlung von verbohrten, dickköpfigen und selbstsüchtigen Verräterinnen zu kommen? Hast du vergessen, dass sie den Rat der Denkerinnen für unfähig und überholt erklärt haben? Und übrigens, habe ich dir nicht unzählige Male gesagt, dass du mich nicht Herrin nennen sollst? Ich bin keine Herrin, und schon gar nicht deine Herrin! Wie könnte ich deine Herrin sein, wo ich doch in der Geborgenheit deiner Liebe und Fürsorge mein Leben begonnen habe? MUTTER hat uns gelehrt, dass alle entropischen Völker gleich sind. Kein Volk Entropias soll sich über ein anderes erheben. Was Adelheid und ihre verblendete Clique vertreten, ist der Verrat an sämtlichen Lehren, die uns SI KITU einst gegeben hat.
Kind, bitte mäßige dich! Adelheid und ihre Anhängerinnen beherrschen den Hexenrat. Was sie beschließen, ist die offizielle Politik Entropias. Meisterin Shangaard ist isoliert und kann dich nicht immer schützen. Im Gegenteil, dein Verhalten bringt auch sie in Gefahr.
Ich soll uns in Gefahr bringen, indem ich die Wahrheit sage? Wie weit ist es mit uns gekommen, dass die Lehren SI KITUs als Gefahr angesehen werden. Adelheid wird uns ins Verd…
Halt endlich ein, Kind! Du verrennst dich! Adelheid mag zwar vor allem ihre Macht im Auge haben, aber sie ist immer noch die Hohe Hexe und somit die rechtmäßige Stellvertreterin SI KITUs.
Stellvertreterin SI KITUs? Sag mir, wo geschrieben steht, dass MUTTER eine Stellvertreterin braucht, die dazu noch ihre Lehren für uns interpretiert. Wir sind alle MUTTERs Kinder, niemand darf sich über den Anderen erheben, jeder ist für die Gemeinschaft gleich, egal welchem Volk er angehört. So ist es geschrieben!
Die letzten Worte schrie die Hexe geradezu heraus, doch die Primär-Entropin schwebte auf sie zu und nahm sie in die Arme.
Ruhig, Kind! Bitte beruhige dich. Es mag zwar sein, dass du recht hast, aber Adelheid hat die Macht. Wenn sie dich erst einmal als Gefahr für ihre Stellung ansieht, kann dich nicht einmal Meisterin Shangaard schützen.
Die letzten Worte und die Umarmung schienen die Hexe endlich etwas zu beruhigen.
Du hast wohl recht, aber verlange nicht von mir, dass ich zurückgehe. Ich möchte an Bord der IVANHOE bleiben, es gibt hier noch so viel Neues zu erleben und außerdem mag ich die Terraner, sie sind so offen und spontan und ich muss nicht immer darauf achten, ob ich nicht wieder gegen irgendwelche bescheuerten Vorschriften verstoße. Außerdem denke ich, dass Meisterin Shangaard nichts dagegen hat, denn sonst wäre sie wohl nicht einverstanden gewesen, dass ich an Bord der IVANHOE gehe.
Nun gut, Kind. Ich glaube inzwischen auch, dass es besser sein wird, dich aus dem Umfeld Adelheids fernzuhalten. Admiral Jeamour
, wandte sie sich an den Kommandanten der IVANHOE , der die Auseinandersetzung mit wachsendem Interesse verfolgt hatte, könnte Ylva weiterhin als Gast an Bord der IVANHOE bleiben? Es wäre für mich eine sehr große Beruhigung, wenn ich sie hier in Sicherheit wüsste!
Madam, sehr gerne
, antwortete Jeamour. Aber vor meiner endgültigen Entscheidung muss ich darauf bestehen, noch einige Informationen von Ihnen zu erhalten.
Die Denkerin musterte den Belgier einen Moment prüfend, doch dann machte sie eine Geste, die Jeamour als Zustimmung interpretierte.
Der Kommandant der IVANHOE blickte der etwas skurril wirkenden Entropin nach, die auf ihrer Plattform schwebend gerade seinen Besprechungsraum verlassen hatte. Die Lage wurde immer verworrener. Das, was ihm die Denkerin berichtet hatte, bewirkte alles andere als seine Bedenken zu zerstreuen. Jeamour ließ sich seufzend in den Struktursessel fallen und schenkte sich nochmal ein Glas der goldfarbenen Flüssigkeit ein. Nachdem er einen kleinen Schluck genommen und sich das fruchtige Aroma des Cognacs auf der Zunge verbreitet hatte, ließ er die Ausführungen der Denkerin nochmals vor seinem geistigen Auge Revue passieren.
Es war angeblich noch viel komplizierter, als sie es bisher angenommen hatten. Auch die Entropen stellen keinen einheitlichen Block dar, sondern waren in zwei Lager gespalten, die miteinander zerstritten waren und um die Macht kämpften. Nach der Aussage der Denkerin – und er hatte keinen Anlass, an ihren Worten zu zweifeln – tobte innerhalb des Hexenrates, der so etwas wie die Regierung Entropias darstellte, eine gnadenlose Auseinandersetzung um Macht und Einfluss, wobei anscheinend selbst vor Mord nicht zurückgeschreckt wurde. So gesehen, dachte Jeamour zynisch, unterschied sich die weiblich dominierte Gesellschaft Entropias in keinster Weise von den eher männlich dominierten Reichen der Menschheit. Adelheid, die gegenwärtige Hohe Hexe, kam nach der Aussage der Primär-Entropin an die Macht, nachdem ihre Vorgängerin Hecate durch einen zweifelhaften Unfall ums Leben gekommen war. Adelheid vertrat die Politik, dass Entropia die Isolation aufgeben und sich aktiv in die machtpolitischen Auseinandersetzungen einmischen und ein eigenes Imperium aufbauen solle. Nach dem Tode Hecates waren die Traditionalistinnen um Verdande innerhalb des Hexenrates isoliert und nur die Tatsache, dass zu ihnen die mächtigsten Hexen gehörten, verhinderte bisher, dass sie komplett aus dem Hexenrat verdrängt wurden. Adelheid und ihre engste Verbündete Katryna isolierten die Anhängerinnen des alten Weges, wobei ihnen zugute kam, dass Verdande, die ebenfalls als Hexenmeisterin zur Führungsebene der Entropen gehörte, zur Zeit der Ankunft des Riffs an einem anderen Ort eingesetzt war. Nachdem die Auseinandersetzungen mit dem Quarterium begonnen hatten, wurde Adelheid gezwungen, Verdande zurückzurufen.
Der Belgier schüttelte den Kopf. Warum nur konnten die Fronten nicht klar und deutlich sein: hier die Guten und da die Bösen. Sie mussten nicht nur verhindern, dass MODROR und seine Vasallen in der Führung des Quarteriums das Universum mit Furcht und Schrecken überzogen, nein, nun mussten sie auch dafür sorgen, dass in Entropia, das sie eigentlich gegen MODROR unterstützen sollte, die richtige Seite die Macht übernehmen würde.
Die Entscheidung war gefallen; er hatte der Bitte der Denkerin entsprochen und Ylva Eir Hrydja als Besatzungsmitglied mit Gaststatus aufgenommen. Nicht nur, dass ihm Verdande und ihre Schülerin weitaus sympathischer als beispielsweise diese überhebliche Hexe Niada waren, er musste auch zugeben, dass ohne die Fähigkeiten der Hexe die IVANHOE wohl vernichtet worden wäre. Der Gedanke an die vergangene Schlacht erinnerte ihn an seine traurige Pflicht. Nach einem weiteren Schluck des goldfarbigen Cognacs entschloss er sich, den Gefallenen die letzte Ehre zu erweisen. Beim Verlassen der Brücke, wie er seinen Kommandotrakt im Gedenken an alte Zeiten nannte, fiel ihm noch ein, dass er völlig vergessen hatte, die Denkerin genauer nach den Fähigkeiten der Hexe zu fragen. Nun, und dabei begann er spitzbübisch zu grinsen, da hatte er wohl einen guten Vorwand, dem lieben Irwan ein wenig auf den Zahn zu fühlen.
Admiral Xavier Jeamour blickte über die angetretene Besatzung, die sich in einem freigeräumten Reparaturdock für die Fregatten versammelt hatten. Menschen, Blues, Gurrads, Kartanin sowie einige Aras und Akonen bildeten ein buntes Völkergemisch, das in den vergangenen Stunden endgültig zu einer Einheit zusammengewachsen war. Um genau dieser Einheit Ausdruck zu geben, hatte er sich entschlossen, über die in der vergangenen Raumschlacht Gefallenen nicht einfach kommentarlos hinwegzugehen und die normale Bordroutine wieder aufzunehmen, wie es innerhalb der LFT in den vergangenen Jahrhunderten üblich geworden war, sondern die Verbindung der Besatzung untereinander dadurch zum Ausdruck zu bringen, dass sie in einer Feierstunde den Gefallenen ein letztes Gedenken erweisen würden.
Die angetretene Besatzung bildete ein wirres Knäuel, das sich, wenn überhaupt, nach Abteilungen organisiert hatte. Die in den ersten Monaten im Dunklen Himmel noch erkennbare Trennung zwischen den verschiedenen Völkern war aufgehoben, die eigene Volkszugehörigkeit spielte erkennbar keine Rolle mehr. Nach einem instinktiven Übereinkommen, das ihn mit unbändigem Stolz erfüllte, waren immer wieder Lücken gelassen worden, die er ohne große Überlegungen als den Platz der gefallenen Trägerschiffbesatzungen identifizierte. Sieben Fregatten, zwölf Minor-Globes und achtunddreißig NIMRODs waren im Raum geblieben. Von ihren Besatzungen existierten nicht einmal mehr Leichenteile, die sie begraben konnten. Das war der moderne Raumkrieg. Es gab nur ein Entweder-Oder; der Verlierer wurde aus dem Kosmos gelöscht, als ob er nie existiert hätte. Über sechshundert Intelligenzwesen waren aus der Wirklichkeit gerissen, über sechshundert Mal Hoffnung, Liebe und Zuversicht waren schlagartig ein für alle Mal beendet worden, und die Bordgemeinschaft hatte auf einen Schlag ein Zehntel ihrer Mitglieder verloren, ein Aderlass, den sie sich nicht allzu oft leisten konnten.
In diesem Moment verdunkelte sich die Beleuchtung. Es war, als würde die Dämmerung über einen Planeten hereinbrechen. THEANO, wie sich die Biohyperinpotronik seit ihrem Erwachen auf dem Erdmond nannte, hatte darauf bestanden, die visuelle Gestaltung der Gedenkfeier für ihre Kinder, wie sie sich ausdrückte, zu übernehmen. Schließlich schien der letzte Lichtquant von der Dunkelheit verschlungen worden zu sein, als im Zenit des Docks eine strahlende Kugel entstand, aus der ein fokussierter Laserstrahl eine eng begrenzte Zone aus der Dunkelheit riss. Wider seinen Willen wurde auch Jeamour von der Initiierung in den Bann gezogen. Sein Blick blieb wie gebannt auf der durch den Laserstrahl ins Licht gerissenen, dunkelblau fluoreszierenden Metallplatte haften, auf der siebenundzwanzig Särge standen. Das waren die Opfer an Bord der IVANHOE, die von durchschlagenden Gravos zerquetscht, von Überschlagblitzen geröstet oder durch losgerissene Ausrüstungsgegenstände erschlagen worden waren.
Siebenundzwanzig Leben, siebenundzwanzig weitere Kinder der IVANHOE.
Jeder Laut schien in der endlosen Halle erloschen. Nur der unterdrückte Atem von fast sechstausend Wesen, die zuvor Menschen, Blues, Kartanin, Gurrads gewesen waren oder einem anderen Volk angehört hatten, war gedämpft zu hören. Die IVANHOE nahm Abschied.
Der Admiral trat nach vorne und löste sich fast gewaltsam aus dem Bann. Die Biohyperinpotronik reagierte sofort und hüllte seine einsame Gestalt in einen Lichtdom. Jeamour hatte sich entschlossen, seine alte Uniform als kommandierender Admiral des Terrablocks und Sektionskommandant des Paxus-Rates anzulegen und so den Anspruch auf ein Weiterbestehen des Paxus-Rates als legitime Regierung Cartwheels zu dokumentieren.
Mehr im Unterbewusstsein registrierte er, dass die Mitglieder der Schiffsführung hinter ihn getreten waren und einen lockeren Halbkreis bildeten. Das waren die alten Kameraden, die er noch aus der Zeit des Kampfes gegen die MODRED kannte, aber auch die neuen Mitglieder, die in die Schiffsführung nachgerückt waren. Sie alle hatten sich bewährt und waren in den letzten Tagen und nach der Schlacht um den Dunklen Himmel zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen. Allein Mathew Wallace fehlte. Der 1. Offizier war in der Kommandozentrale zurückgeblieben und hatte das Kommando über den Raumer übernommen, nachdem er das entropische Basisschiff verlassen hatte.
Wir sind aus dem traurigen Anlass hier zusammengekommen, um unserer gefallenen Kameradinnen und Kameraden zu gedenken.
Jeamour machte eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen.
Vor über vier Jahren, am 5. Februar 1303, wurde auf Paxus Recht und Gerechtigkeit zu Grabe getragen. In Cartwheel hat an diesem Tag eine gewissenlose Clique von Verbrechern und Reneganten die Macht ergriffen und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich, wie so viele Andere, von der Aussicht auf Macht und Ruhm geblendet war. Dass dieses neue Reich von Anfang an auf der Ausbeutung, Unterdrückung und Auslöschung der nichtmenschlichen Völker beruhte, wollte ich nicht sehen. Zu verlockend waren die Zukunftsträume eines starken und unbesiegbaren menschlichen Imperiums. Es ist meine Schuld, dass ich über die Anzeichen der beginnenden Schreckensherrschaft solange hinwegsah, bis das System mit brutaler Macht nach mir und der mir unterstellten Crew griff. An dieser Schuld werde ich für den Rest meines Lebens zu tragen haben.
Wieder machte Jeamour eine Pause, die er dazu nutzte, sich mit einem weißen Tuch den Schweiß von seiner Stirnglatze zu wischen. Dann fuhr er fort:
In unserer gemeinsamen Heimat regiert der Terror. Von dort hat dieser nach den Galaxien der ehemaligen Mächtigkeitsballung ESTARTUs gegriffen. Das Kaiserreich Dorgon und das Quarterium haben sich zusammengefunden, um sich wie hungrige Hyänen von Leib und Leben der nichtmenschlichen Völker zu nähren. Terror, Tod und Qualen sind über die Galaxien gekommen und noch immer haben die Horden der Finsternis noch nicht genügend Leben zerstört. Wir alle – egal welchem Volk wir angehören – haben uns gefunden, um diesem Terror – notfalls unter Einsatz unseres Lebens – entgegenzutreten. Viel schneller, als wir alle hofften, zeigten uns die vergangenen Stunden, dass der Kampf um die Freiheit seine Opfer kosten wird. Wir alle sind hier zusammengekommen, um dem Opfer unserer Kameradinnen und Kameraden zu gedenken und nun Abschied von ihnen zu nehmen. Sie haben alles hinter sich zurückgelassen, als sie sich entschlossen, den Kampf gegen den Terror aufzunehmen. Die vergangenen Wochen und Monate haben uns allen gezeigt, dass wir nur gemeinsam dem Moloch, der von Paxus und Dom aus nach der Freiheit und dem Lebensrecht der Völker greift, entgegentreten können. Der Organismus der IVANHOE kennt keine Menschen, Gurrads, Blues oder Kartanin mehr, sondern nur noch Ivanhoerianer. Hier an Bord der IVANHOE entsteht das Gegenmodell, an dem die Tyrannei der Despoten in Cartwheel und Dorgon scheitern wird, nämlich eine geeinte Phalanx der Völker. Auf meiner Heimat Terra gibt es eine uralte Überlieferung aus der Zeit, wo wir noch an unseren Planeten gebunden waren. Ein zusammengebundenen Pfeilbündel symbolisierte, dass Einigkeit und gegenseitiges Vertrauen ein Reich unbesiegbar machen, und darum lasst uns nach dem Grundsatz dieses Reiches handeln:
e pluribus unum
, was soviel wie aus mehreren eins
bedeutet.
Jeamour machte erneut eine kurze Pause, um seine Worte wirken zu lassen. Dann fuhr er fort:
Und nun lasst uns Abschied nehmen von unseren Schwestern und Brüdern. Ihr Volk wurde ausgelöscht und ihre Heimat wurde ihnen genommen, deshalb ist die Unendlichkeit des Weltalls von nun an ihre Heimat, wo sie ewige Ruhe und Geborgenheit finden werden.
Der Admiral trat zurück in den Kreis der Schiffsführung, während der Metallquader mit den für die Ewigkeit eingravierten Namen der Gefallenen und den Särgen auf die Strukturschleuse zuschwebte, die den Durchgang zu einer freigewordenen Dockingbucht einer Fregatte bildete. Die gefallenen Kinder der IVANHOE wurden der Unendlichkeit des Alls übergeben.
Nachdem die vorhandenen sterblichen Überreste der Gefallenen der IVANHOE ihre letzte Ruhe in den unendlichen Weiten des Universums gefunden hatten, kehrte an Bord des Supremo-Schlachtschiffes wieder Normalität ein. Nachdem Roi Danton noch den Wunsch geäußert hatte, das Wrack der DUNKELSTERN in den Dunklen Himmel mitzunehmen, wurde dieses durch Fesselfelder am Mehrzweckmodul verankert. Danach wurde er, gegen seinen lautstarken Protest, mit der gesamten Crew der DUNKELSTERN in ein Heilkoma versetzt, um die Strahlenschäden zu regenerieren, die durch die kosmische Strahlung an Bord der ungeschützten DUNKELSTERN entstanden waren. Jennifer Taylor hatte schließlich zum äußersten Mittel gegriffen und den Unsterblichen einfach durch einen MODULA narkotisieren lassen.
Nachdem der ehemalige König der Freihändler aus dem Koma erwacht war, kam es zum Informationsaustausch mit Jeamour, der ihn über die Entwicklung der Lage in den estartischen Galaxien unterrichtete.
Nach der Schlacht am Sternentor im April 1307 NGZ war die IVANHOE II zuerst in der Thora-Werft auf Luna generalüberholt und repariert worden. Dabei waren die Wissenschaftler und Raum-Ingenieure der LFT besonders an den neuen Technologien interessiert gewesen, die das Quarterium für die Schiffe der Supromo-Klasse entwickelt hatte. Auf persönliche Intervention Perry Rhodans wurde, wo sinnvoll, die quarteriale durch terranische Technik ergänzt, sodass die IVANHOE mit dem Besten aus zwei Welten ausgerüstet worden war. Dabei zeigte sich, dass die quarterialen Schiffe vor allem im defensiven Bereich ihre Schwächen hatten – die Schirmstaffeln eines Entdeckers, wie beispielsweise der LEIF ERICSON, waren stärker als die Staffeln der IVANHOE. Vor allem schienen die quarterialen Ingenieure den fälschlicherweise als überholt geltenden HÜ-Schirmfeldern keine allzu große Bedeutung zuzumessen, denn nur ein HÜ-Schirmfeld ergänzte die Paratronstaffel, was die Stabilität der gesamten Schutzschirmstaffel wesentlich schwächte. So wurde die IVANHOE und ihre 40 Trägerkreuzer vor allem im defensiven Bereich den terranischen Standards angepasst. Im offensiven Bereich – auch das brachte die Analyse klar zutage – waren die quarterialen Einheiten der LFT klar überlegen. Diese Arbeiten dauerten bis zum Beginn des Sommer 1307 NGZ. Die Besatzung der IVANHOE erhielt in dieser Zeit Gelegenheit, die Erde zu besuchen und ihre Kenntnisse durch Hypnoschulungen aufzufrischen.
Anfang Juni des Jahres kehrte das generalüberholte Schiff in den Dunklen Himmel zurück, nur um sich sogleich mitten im Einsatz zu befinden. Leticron setzte alles auf eine Karte und versuchte, den Dunklen Himmel zu erobern. Allerdings, und das sollte sich entscheident auswirken, wurde er nur von einem Teil der dorgonischen Flotte unterstützt, da Vesus sich weiterhin an den von Kaiserin Arimad verkündeten Waffenstillstand hielt.
Die Einheiten der Neuen USO und der Freien Estartischen Separatisten standen trotzdem am Rande der Niederlage, als eine entropische Expeditionsflotte eingriff und Leticron zum Rückzug zwang. Für die IVANHOE hatte die Schlacht um den Dunklen Himmel bedeutet, dass sie sich sofort nach der Ankunft wieder mitten im Kampfgeschehen befunden hatte. Zusammen mit der FLASH OF GLORY bildete sie das Rückgrat der Verteidigungsflotte. Fast wäre es Jeamour gelungen, Leticron an Bord seines Flaggschiffes PARICZA zu stellen, aber dem Corun gelang es in letzter Sekunde, sich abzusetzen und so der Vernichtung zu entgehen. Nachdem die entropischen Flotteneinheiten zur Offensive übergegangen waren, musste sich der Quarteriumsfürst zurückziehen, da für ihn die Gefahr bestand, dass er von seinen Versorgungsbasen in Siom-Som und Trovenoor abgeschnitten wurde.
Seit diesem Zeitpunkt herrscht in der ehemaligen Mächtigkeitsballung ESTARTUs der Status quo. Leticron konnte den Dunklen Himmel nicht einnehmen, die Alliierten ihn aber auch nicht aus Siom-Som und Trovenoor vertreiben. Das Quarterium beschränkte sich in der Folgezeit auf die Sicherung seiner Hauptbasen und konzentrierte seine Streitkräfte in Siom-Som und Trovenoor. Hierzu kam, dass Leticron bereits im November nach Cartwheel zurückbeordert worden war, um in Abwesenheit Despairs den Oberbefehl in der Heimatgalaxie des Quarteriums zu übernehmen. Das führte wieder zu schwerwiegenden Auseinandersetzungen zwischen Niada und den Alliierten, da die Hexe eine rücksichtslose Offensive gegen Siom-Som forderte, um die Kontrolle über das Sternentor zu übernehmen. Sam und Jan Scorbit weigerten sich, Katrynas Stellvertreterin zu unterstützen. Es schien, als ob die Gemeinsamkeiten zwischen den Verbündeten bereits erschöpft waren, bevor die Zusammenarbeit richtig begonnen hatte.
Der Kommandant der IVANHOE machte eine kurze Pause, um sich einen Schluck Wasser einzuschenken. Mit langsamen Schlucken feuchtete er seine Kehle an, die von seinen langen Ausführungen wie ausgetrocknet war. Roi Danton hatte ihm gespannt zugehört; während seiner Odyssee durch das Riff war er von jeder Information abgeschnitten gewesen.
Könnte ich auch einen Schluck Wasser haben?
, fragte er und betrachtete den Belgier.
Dieser sah aus, als ob er eine Parade abnehmen wollte. Das runde Gesicht war rasiert und rosarot geschrubbt, er trug ein frisches, steifes Hemd unter der Uniformjacke und eine Uniformhose mit einer Bügelfalte, mit der man Brot schneiden konnte. Sogar seine schwarzen Schuhe waren auf Hochglanz poliert. Der Kommandant der IVANHOE erinnerte mit jeder Faser seiner Person an ein Fossil aus seiner Jugendzeit im Solaren Imperium – dickköpfig, stur und martialisch. Aber vielleicht waren genau diese Fossilien in der jetzigen Lage erforderlich, und genau genommen waren Vater, er selbst und alle anderen Aktivatorträger ebenfalls Fossilien, Fossilien aus der Vergangenheit, die es in die Zukunft verschlagen hatte.
Inzwischen war irgendwoher ein zweites Glas erschienen, das Jeamour ihm wortlos reichte.
Nachdem ein Kurierschiff die Alliierten von den aktuellen Entwicklungen am Sternentor unterrichtet hatte, drohte das Bündnis mit den Entropen endgültig auseinander zu brechen, da sich auch Sam zunehmend oppositionellen Kräften innerhalb der FES gegenüber sah, die unter der Führung des geheimnisvollen Propheten der Pterus gegen seine auf Ausgleich und Verständigung gerichtete Politik standen und Niada offen in ihrer aggressiven Politik unterstützten. Diese sah nun ihre Chance gekommen, mit einem grandiosen Sieg ihren Anspruch auf die Nachfolge der getöteten Katryna anzumelden. Doch es sollte ganz anders kommen …
Der Anruf Sams erreichte mich am frühen Morgen und riss mich aus dem Schlaf. Der Somer wirkte trotz seiner fremden Physiognomie total hektisch und aufgedreht – ein Verhalten, das für den sonst so beherrscht wirkenden Sprecher der FES absolut ungewöhnlich war. Irgendetwas musste ihn total aus der Fassung gebracht haben.
Dann bat er mich so schnell wie möglich in die alte Upanishad-Schule zu kommen, um die aktuelle Entwicklung zu analysieren und – wenn nötig – Gegenmaßnahmen einzuleiten. Völlig konsterniert fragte ich ihn, um was es eigentlich gehen würde. Doch Sam ging überhaupt nicht auf meine Frage ein, sondern bat mich erneut, sofort in die Schule zu kommen. Widerstrebend machte ich mich auf den Weg. Eigentlich pflegte ich spät abends zu schlafen und mir nicht von irgendwelchen dubiosen Ängsten eines Ornithoiden den Schlaf rauben zu lassen. Wenig später verließ ich die IVANHOE mit einem Gleiter.
Als ich auf dem Landefeld der halb verfallenen Schule landen wollte, forderte mich eine barsche Stimme auf, mich zu identifizieren. Kopfschüttelnd kam ich dem Wunsch nach und konnte schließlich landen. Nachdem ich den Gleiter verlassen hatte, bemerkte ich, dass die ganze Schule militärisch abgesichert war. Was war hier los, stand ein Angriff Leticrons oder Carillas bevor? Mein Blick fiel auf diverse Gleiter und Fähren, die ebenfalls auf dem weiten Feld vor der ehemaligen Upanishad-Schule gelandet waren. Wenig später wurde ich von zwei stämmigen Raumsoldaten in die Mitte genommen, die mich unter Wahrung der militärischen Geflogenheiten aufforderten, ihnen in den ehemaligen Dashid-Saal zu folgen. Ich nahm darauf die beiden Raumsoldaten etwas näher in Augenschein und stellte zu meinem Erstaunen fest, dass sie wohl der Gruppe Zero angehörten. Auch die restlichen, über das gesamte Gelände verteilten Posten schienen ausschließlich der ehemaligen CIP-Einsatzeinheit anzugehören.
Nun gut, es war mir zwar klar, dass die Frauen und Männer der FLASH OF GLORY wohl die im Moment kampfstärkste Einheit darstellten, die uns zur Verfügung stand, aber das Verhältnis von Sam und seinem Beraterstab war gegenüber der desertierten Eliteeinheit des Quarteriums noch immer von Ablehnung und Misstrauen geprägt; innerhalb des Bündnisses von FES und Neuer USO-Cartwheel war die Gruppe Zero ein Fremdkörper geblieben. Wenn Sam nun seine Einstellung geändert, ja, seine und der FES Sicherheit plötzlich den ungeliebten schwarzen Söldnern anvertraut hatte, dann musste eine Bedrohung aufgetreten sein, die er nicht einschätzen und lokalisieren konnte. Mit einem leise gemurmelten Passen Sie auf sich auf, Sir!
wurde ich vor dem Dashid-Saal verabschiedet, was mich veranlasste, dem ganz in Schwarz gekleideten Gruppenmitglied mit einem kurzen Kopfnicken zu danken.
Hinter mir schloss sich das Schott und mein suchender Blick erfasste die Versammlung. Sofort fiel mir Sam ins Auge, der erregt gestikulierend einem vierschrötigen Menschen, der von drei Pterus umrahmt wurde, gegenüberstand. Nachdem ich einige Schritte näher getreten war, erkannte ich Sams Gegenüber: Floryn Alff! Was suchte dieser brutale Schlägertyp hier? Ich kannte Alff nur zu gut, der Rudyner war ein gewissenloser Intrigant, der überall seine schmutzigen Hände im Spiel hatte. Soweit ich wusste, hatte er sich nach Gründung des Quarteriums der CIP angeschlossen und in Niesewitz seinen persönlichen Förderer gefunden. Zuletzt war er Kommandant des Entsorgungslagers Berschyr in Siom-Som gewesen und vor der Hinrichtung da Reychs unter geheimnisvollen Umständen verschwunden.
Mein Erscheinen war inzwischen bemerkt worden. Sam unterbrach seinen Disput mit Alff. Dieser drehte sich in meine Richtung und kam, nachdem er mich erkannt hatte, mit einem falschen Grinsen auf mich zu. Angewidert starrte ich in sein aufgedunsenes Gesicht, das von seinen geradezu legendären Alkoholorgien zeugte. Mit weit ausgestreckten Armen machte er Anstalten, mich zu umarmen. Ich machte unbewusst einige Schritte zurück und griff nach meiner Waffe. Dies schien ihn zur Besinnung zu bringen, denn mit einem etwas verunglückten Lächeln brach er seine Verbrüderungsgeste ab. Voller Abscheu fragte ich Sam, wieso sich Niesewitzs Saufkumpan noch frei auf Boldar bewegen konnte und nicht schon längst hinter Schloss und Riegel gesetzt worden war.
Bevor Sam zu einer seiner umständlichen Erklärungen ansetzen konnte, war es Alff, der mir süffisant erklärte, dass er hier als der persönliche Vertreter des Propheten der Pterus anwesend sei und somit diplomatische Immunität …
In diesem Moment wurde ich aus meinen Erinnerungen gerissen, denn der ehemalige König der Freihändler hatte mich ungeduldig gefragt, wie denn diese entropische Hexe Ylva in das ganze Bild passte. Wieder begann ich geradezu zwanghaft weiter zu erzählen.
Ich schloss einen Moment die Augen, um meine Selbstkontrolle zu erlangen. Am liebsten hätte ich Alff mitten in sein brutales Gesicht geschlagen, um dieses selbstbewusste Grinsen aus seiner Visage zu wischen. Aber das ging unter zivilisierten Menschen natürlich nicht. Nach einigen Sekunden hatte ich mich gefangen und konnte dem Rudyner in die Augen schauen, ohne dass es mir vor Wut und Ekel den Magen umdrehte.
Nachdem Sam mich über die aktuelle Entwicklung unterrichtet hatte, konnte ich seine Aufregung verstehen. Niada hatte anscheinend mit den Pterus ein Angriffsbündnis geschlossen, um Carilla und Leticron in Siom-Som zu vernichten. Damit war die FES faktisch gespalten und Niada konnte Sam dazu erpressen, ihre Angriffspläne zu unterstützen.
Was dann folgte, war die erwartete Auseinandersetzung, Niada und Alff waren keinem vernünftigen Argument zugänglich. Mitten in diese gespannte Lage fiel die Ankunft eines entropischen Schiffes, das einem bisher unbekannten Typ angehörte und in einen Orbit um Boldar ging. Niada wurde nun zunehmend nervös und begann hektisch auf Alff einzureden. Uns war nach kurzer Zeit klar, dass sie von der Ankunft des Schiffes genau wie wir überrascht wurde.
Wenig später erreichte Sam ein Hyperkomspruch des fremden Schiffes, in dem eine Hexenmeisterin Shangaard um Landeerlaubnis bat. Sam gab nach einer kurzen Beratung mit Shan Mogul, dem provisorischen Befehlshaber der Gruppe Zero, sein Einverständnis. Nach kurzer Zeit geleiteten einige Mitglieder der ehemaligen Eliteeinheit des CIP drei Entropen in den Dashid-Saal, wobei sie die gesamte Klaviatur des militärischen Zeremoniells virtuos handhabten – also laute Kommandorufe, Ehrenbezeugungen und martialisches Fußgetrampel. Eine Entropin – es schien sich nach ihrem Aussehen um eine schon etwas ältere Hexe zu handeln – verfolgte das Schauspiel mit einem belustigten Lächeln und schien sich ansonsten prächtig zu amüsieren. Doch dieser Gesichtsausdruck verschwand, als ihr Blick auf Alff und Niada fiel, und machte einer geradezu eisigen Miene Platz.
Gegen meinen Willen wurde ich vom Wesen der Hexe in den Bann gezogen und erfasste die Aura von Autorität und Macht, die sie plötzlich umgab. Auch Niada schien diese Autorität zu kennen, denn mehr und mehr wirkte sie wie ein ungezogenes Kind, das die Zurechtweisung durch ihre Erzieherin fürchtete. Doch bevor sich die Gegensätze in einer Konfrontation entladen konnten, war es Sam, der die Lage entspannte. Irgendwie bedauerte ich diese Entwicklung, denn eine Auseinandersetzung der beiden Hexen hätte uns sicher einige Aufschlüsse über die Fähigkeiten des Volkes der Macht
gegeben.
Nachdem der Somer die drei Neuankömmlinge offiziell im Namen der FES auf Boldar begrüßt hatte, drückte er seine Hoffnung auf eine zukünftig bessere Zusammenarbeit aus. Dadurch bekam Niada leider die Gelegenheit, sich von ihrer Überraschung zu erholen. Sie zog sich in den Hintergrund zurück und begann wieder auf Alff einzureden. Nachdem die direkte Auseinandersetzung der beiden Hexen unterblieben war, verlor ich das Interesse, sie weiter zu beobachten, was sich wenig später als schwerer Fehler herausstellen sollte.
Sam hatte inzwischen seine Rede beendet, die von der Hexenmeisterin erwidert wurde. Nachdem sie die üblichen diplomatischen Floskeln von sich gegeben hatte, kam der Hammer, indem sie die Bildung eines gemeinsamen Oberkommandos anbot. Von diesem Angebot waren alle fasziniert, was dazu führte, dass die folgenden Ereignisse nur unvollständig rekonstruiert werden konnten.
Die vierschrötige Gestalt Floryn Alffs schob sich langsam aus dem Hintergrund in die Nähe der kleinen Gruppe, die sich um die drei Vertreterinnen Entropias versammelt hatten. Alle waren so von der Ansprache der Hexe Verdande Ylâvy Shangaard fasziniert, dass niemand auf den Rudyner achtete. Gleichzeitig trat Niada auf Sam Tyler zu und verwickelte den Sicherheitschef der Cartwheel-USO in ein Gespräch …
Und niemand schöpfte Verdacht …
Sam machte einige Schritte auf die Hexe zu und streckte ihr seine Flügelhand entgegen.
Mit diesem Händedruck wollen wir unser gemeinsames Bündnis besiegeln und hoffen, dass in Zukunft die Achtung der Wesensrechte und der gemeinsame Kampf gegen jede Unterdrückung der Freiheit das Band sein wird, das die Völker Entropias mit den Völkern ESTARTUs und der Milchstraße verbindet.
Ich hörte nur noch mit halbem Ohr zu. Dieses salbungsvolle Gerede war selbst mir zu viel. Zudem forderte der versäumte Schlaf seinen Tribut, ich musste mit aller Macht gegen meine, sich ausbreitende Müdigkeit ankämpfen …
Und immer noch schöpfte niemand Verdacht …
Ein fast unartikuliertes Brüllen riss mich aus dem Halbschlaf. Ich verstand nur Wortfetzen wie Stirb … verfluchtes Hexenpack …
und Ewiger Sieg …
, während dieser verdammte Rudyner Alff auf die Entropinnen zulief. In der Hand hielt er eine komische Waffe, eine Art Dagor-Schwert. Meine Hand zog den Impulsstrahler, doch es war zu spät. Ich konnte nicht schießen, da kein freies Schussfeld auf Alff bestand. So erstarrte ich mitten in der Bewegung. Das nachfolgende Geschehen brannte sich kaleidoskopartig in mein Gehirn …
Die Primärentropin und die jüngere Hexe bewegten sich nach vorne, vermutlich in der Absicht, die Hexenmeisterin mit ihren Körpern zu schützen. Beide hatten die Hände wie abwehrend erhoben. Da sie über keine Waffen verfügten, war das ihre einzige Abwehrmöglichkeit.
Alff war noch fünf Schritte entfernt …
Um die jüngere Hexe begann sich die Wahrnehmung zu verzerren, es schien, als sie in einem Glaszylinder mit Wasser versinken würde.
Alff war noch vier Schritte entfernt …
Der Rudyner hatte ein siegessicheres Grinsen aufgesetzt und den Griff der laserschwertähnlichen Waffe mit beiden Händen umfasst. Ich fragte mich, wie er es wohl geschafft hatte, die Waffe an der Gruppe Zero vorbei zu schmuggeln. Die schwarz uniformierte ehemalige Eliteeinheit der CIP hatte mich bei der Ankunft überzeugt, dass sie ihre Aufgabe ernst nahm. Alff schwang nun die Waffe in einem weiten Bogen über die linke Schulter nach hinten. Wenn sie wieder nach vorne gezogen würde, würden die drei Entropinnen von der Energieklinge durchschnitten werden.
Alff war noch drei Schritte entfernt …
In diesem Augenblick ertönte ein Schrei, der mich an das Brüllen eines bis aufs Blut gereizten Okrills erinnerte. Dass ich mit dem Vergleich nicht schief lag, erkannte ich an dem Schemen, das in Sätzen von zehn bis zwölf Metern auf Niesewitzs ehemaligen Günstling zuraste.
Und Alff beging seinen ersten und einzigen Fehler.
Durch das Gebrüll abgelenkt drehte er den Kopf, um nach dem Verursacher zu sehen. Die Laserklinge verharrte mitten in der Bewegung. Doch da hatte ihn sein Verhängnis schon erreicht. Etwa 600 kg Muskeln und Knochen mit der Festigkeit von Stahlplastik und einer Endgeschwindigkeit von etwa 50 km/h wälzten den verräterischen Rudyner förmlich nieder und brachen ihm faktisch jeden Knochen im Leib. Die Oxtornerin Feline Mowac hatte die die einzige Chance erkannt, um den feigen Mord zu verhindern. Durch ihre an die oxtornische Schwerkraft von über vier Gravos angepasste Konstitution war es ihr möglich gewesen, mit einer Schnelligkeit zu reagieren, über die sonst nur ein Haluter verfügte.
Die Extremweltgeborene erhob sich und presste ihre linke Hand auf die rechte Schulter. Zwischen ihren Fingern sickerte hellrotes Blut hindurch, das einen eigenartigen Kontrast zu der nachtschwarzen Uniform bildete. Doch die Verwundung änderte nichts an ihrer Professionalität. Obwohl sie, nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, unter starken Schmerzen litt, stieß sie mit dem Fuß die Laserwaffe aus der Reichweite des leblos am Boden liegenden Rudyners, in dem kein Leben mehr sein konnte. Sam und die drei Entropinnen hatten inzwischen wohl ihre Schrecksekunde überwunden und waren auf die kleine Gruppe zugetreten. Mehr beiläufig registrierte ich, dass die Verzerrung um die Gestalt der jungen Hexe sich aufzulösen begann. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass hinter der wasserähnlichen Luftspiegelung sich ein anderer Körper befand. Doch dieser Eindruck verschwand, so schnell, wie er gekommen war.
Sam hatte sich inzwischen nach der Laserwaffe gebückt und deaktivierte die Laserklinge. Nachdem er den Griff näher in Augenschein genommen hatte, bemerkte er völlig entgeistert:
Das ist ein Lichtschwert! Wie kommt eine Waffe der ehemaligen Gänger des Netzes in den Besitz von Alff?
Doch niemand konnte ihm darauf eine Antwort geben.
Die drei Entropinnen hatten sich nun um die Oxtornerin gestellt. Interessiert trat ich näher und konnte beobachten, wie die Primärentropin aus ihrer Kombination ein längliches Päckchen zog, das sie auf die Wunde der Oxtornerin drückte. Das gab mir die Gelegenheit, die Denkerin näher zu betrachten.
Das Volk des Geistes
gehörte wohl zu den skurrilsten Vertretern Entropias. Bisher hatten wir nur mit männlichen Vertretern dieser Volksgruppe Kontakt gehabt, aber die weiblichen Exemplare waren anscheinend noch merkwürdiger.
Auf einem flaschenkürbisförmigen Torso, der in der Mitte eingeschnürt war, thronte, durch einen langen, beweglichen Hals verbunden, ein im Verhältnis zum übrigen Körper übergroßer Kopf, der durch vier paarweise angeordnete Augen und eine gewaltige Knollennase beherrscht wurde. Aus dem Torso wachsen unterhalb des Halsansatzes wiederum zwei tentakelartige Armpaare, die nach allen Seiten beweglich waren und in schmalen, sechsfingerigen Händen mit zwei gegenüberliegenden Daumen endeten. Diesen absonderlichen Eindruck vervollständigten die beiden seitlich angeordneten Schlappohren, die mich unwillkürlich an einen Cockerspaniel erinnern und mit langen Haaren bedeckt waren, die in allen Regenbogenfarben schimmerten. Irgendwelche Gliedmaßen, die zur Fortbewegung dienen könnten, fehlen dagegen völlig. Die Denkerin schien auf einem Schild wenige Zentimeter über dem Boden zu schweben. Ob dieser künstlich oder Teil ihres Körpers war, ließ sich nicht feststellen.
Das Notfallset der Entropin schien inzwischen zu wirken, denn der verzerrte Gesichtsausdruck der Oxtornerin entspannte sich zunehmend. Ich war völlig überrascht. Die Biochemie Entropias schien wesentlich weiter entwickelt zu sein, als es dem Standard der LFT entsprach. Ich hatte kurz die Wunde gesehen. Die Laserklinge hatte einen tiefen Schnitt in der Schulter verursacht, vermutlich wäre die Wunde bei einem Normalterraner sogar tödlich gewesen.
Die Oxtornerin wandte sich der Denkerin zu und drückte ihren Dank für die Hilfe aus. Nachdem die ältere Hexe ihre Retterin näher betrachtet hatte, kam es zu geheimnisvollen Andeutungen und einer unverständlichen Prophezeiung:
Der Rote Drache! Das Symbol der Kinder des Lichts!
Die Oxtornerin fuhr herum und starrte die ältere Hexe entgeistert an.
Sie kennen die Bedeutung meiner Tätowierung? Bitte, was ist mit mir geschehen? Woher komme ich und wer waren meine Eltern?
Doch die Hexe antwortete nicht. Ihr Blick wurde abwesend und schien in die Unendlichkeit zu greifen. Mit völlig veränderter Stimme begann sie zu sprechen.
Wie das Licht des Lebens von der Finsternis verschlungen wird, wird auch dein Licht schon bald erlöschen. Doch wie auf jede Nacht ein neuer Morgen folgt, so werden MUTTERs Kinder im Licht wiedergeboren werden, stärker und mächtiger als zuvor. Die Kreaturen der Finsternis werden dem Angesicht des Lichts entfliehen, doch wo können sie sich vor dem Feuer des Roten Drachen verstecken?
Roi hatte Jeamours Erzählungen verfolgt, ohne den Admiral zu unterbrechen. Nachdem dieser seinen Bericht beendet hatte, fragte er, ob diese Hexenmeisterin noch auf Boldar oder Etustar anwesend wäre. Jeamour verneinte diese Frage und teilte dem ehemaligen König der Freihändler noch mit, dass diese abgereist war und das Oberkommando wieder Niada übertragen habe, nachdem sie diese nach allen Regeln der Kunst zur Schnecke gemacht hatte. Außerdem wurde vereinbart, dass um das gemeinsame Bündnis zu festigen, gemeinsame Manöver durchgeführt werden sollten. Konsequenz dieser Vereinbarung war die Anwesenheit von Ylva Eir Hrydja auf der IVANHOE und die Abordnung von Mathew Wallace auf das entropische Basisschiff gewesen. Nach der gemeinsamen Schlacht war das Basisschiff mit Denkerin00013 wieder nach Entropia zurückgekehrt, um die Hexenmeisterin über die dauerhafte Aufnahme Ylavas an Bord der IVANHOE zu informieren.
Nachdem Xavier Jeamour seinen Überblick über die vergangene Entwicklung in Siom-Som und dem Dunklen Himmel beendet hatte, war der Informationshunger von Perry Rhodans Sohn vorläufig gestillt und der Körper des Unsterblichen forderte trotz Zellaktivatorchip seinen Tribut. Nun konnte er sich etwas näher mit dem Problem seines 2. Offiziers und Sicherheitschefs beschäftigen. Über diesen Gedanken musste er dann doch schmunzeln, eigentlich war es vor allem seine Neugier, die er befriedigen wollte.
Eine kurze Nachfrage bei THEANO ergab, dass der Oxtorner sich in seiner Kabine befand, und zwar allein. Kurz entschlossen nahm er eine Flasche Kash mit und machte sich auf den Weg. Dieser führte ihn über lange Rollkorridore und Antigravlifte innerhalb des gesondert gesicherten Kommandobereiches zu den im äußeren Bereich der zentralen 300-Meter-Kugelsektion gelegenen Privatunterkünften der Zentralbesatzung. Auf der IVANHOE lagen die Wohnkabinen der Stammbesatzung ausschließlich innerhalb der Zentralsektion, die im Notfall mit einer Schutzschirmstaffel umgeben werden konnte und über ein eigenes Transitionstriebwerk verfügte. Alternativ hätte er auch über das bordinterne Transmittersystem den Wohnbereich der Besatzung erreichen können, aber in gewisser Weise brauchte er noch etwas Zeit, um nachzudenken.
Nachdem er Doves Kabine erreicht hatte, meldete er sich über den Kommunikator an. Nach einer kurzen Wartezeit öffnete der Oxtorner und bat den Kommandanten in seine Kabine.
Entschuldigen Sie, Irwan, aber ich müsste einmal mit Ihnen in aller Ruhe einige Fragen klären, die sich mir in den letzten Tagen gestellt haben.
Der über zwei Meter große Umweltangepasste vom 8. Planeten der Sonne Illema zog die buschigen Augenbrauen hoch, die seine einzige Behaarung bildeten. Ansonsten war keine Gemütsregung in seinen kantigen Gesichtszügen erkennbar.
Admiral, ich habe schon viel früher mit ihrem Besuch gerechnet!
Diese Bemerkung brachte Jeamour einen Moment aus dem Konzept. Er vergaß immer wieder, dass der Oxtorner über eine hervorragende Ausbildung in Sozialpsychologie und psychologischer Diagnostik verfügte. In ihm nur eine lebende Kampfmaschine zu sehen, hieße ihn sträflich zu unterschätzen.
Es ist mir unangenehm, dass ich vielleicht ihre Intimsphäre verletzen muss, aber außer Ihnen hat noch niemand so engen Kontakt mit einer der Hexen gehabt. Handelt es sich bei diesen eigentlich um menschliche Wesen?
Menschlich?
Das Gesicht des Oxtorners verzog sich nun zu einem bissigen Grinsen. Macht das einen Unterschied für Sie, Admiral?
Nun ja, eigentlich nicht, aber es ist leider so, dass wir überhaupt nichts Genaues über die Entropen wissen. Es gibt so einige Gerüchte, nichts Genaues, aber …
Jetzt machen Sie mal halblang, Admiral! Sie wollen also wissen, ob Ylva menschlich ist? Nun, da kann ich sie beruhigen. Wenn menschlich bedeutet, dass sie lachen oder weinen kann, dass sie sich über ein Geschenk oder eine Aufmerksamkeit freut, dass sie mal traurig ist, wenn Sie das alles unter menschlich verstehen, dann ist Ylva so menschlich wie Sie oder ich. Sind sie nun zufrieden?
Jeamour betrachtete seinen Sicherheitschef einen Moment genauer. Seine durch die gemeinsamen Jahre geschärfte Wahrnehmung der Physiognomie des Oxtorners ließ ihn erkennen, dass Dove von seiner Frage tief getroffen war. Irgendetwas ließ ihn plötzlich von einer weiteren Befragung zurückschrecken, plötzlich hatten die fehlenden Informationen über die Entropen nicht mehr die dringende Bedeutung. Mit einer kurzen, etwas verlegenen Bemerkung verabschiedete er sich.
Zurück blieb ein oxtornischer Sicherheitschef, der sich an seine erste Begegnung mit der Hexe erinnerte.
Die vergangene Sitzung mit dem neu geschaffenen Verwaltungsrat war anstrengend gewesen, fast wünschte sich der Oxtorner die alte, klar gegliederte Befehlshierarchie des Quarteriums zurück, die jedem Besatzungsmitglied einen klar umrissenen Aufgabenbereich zuwies und vor allem seine Kompetenzen eindeutig regelte.
Mit geteilten Gefühlen dachte er an die zurückliegende Auseinandersetzung zwischen dem Kommandanten und der neu gewählten Vorsitzenden des Verwaltungsrates Tania Walerty zurück, die durch ihre Hinterfragung der Entscheidungen Jeamours den alten Admiral an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht hatte.
Ein schmerzhafter Schlag gegen den Kopf riss ihn aus seinen Grübeleien. Überrascht blickte er auf. Er hatte bereits den Konditionsbereich erreicht und war wohl im Gedanken gegen das Türschott gelaufen. Hoffentlich hatte niemand sein Missgeschick beobachtet, sonst dürfte er in den nächsten Tagen Gegenstand zahlreicher Albereien sein.
Automatisch kontrollierte er den Belegungsplan, der auf einer Bildfolie neben dem Eingang aufgeführt war.
Es war alles, wie es sein sollte, Konditionsbereich A9 war für die nächsten beiden Stunden nur für Umweltangepasste der Stufe E4 freigegeben – und zur Stufe E4 zählten eben nur Oxtorner. Also würde er wieder den ganzen Bereich für sich allein haben. Einen Moment erfüllte ihn eine namenlose Sehnsucht. Er war allein, inmitten von Tausenden Menschen war er allein. Seit seine Frau sich von ihm getrennt hatte und mit ihrem gemeinsamen Sohn auf dem Rückflug nach Oxtorne ums Leben gekommen war, war er zwangsweise allein geblieben. Sein Volk war durch Monos fast ausgelöscht worden. Die wenigen Überlebenden vegetierten auf Oxtorne unter anarchischen Verhältnissen und töteten sich gegenseitig in sinnlosen Gladiatorenkämpfen. Einzig Taulus bot die Chance zum Wiederaufbau der oxtornischen Kultur. Doch bisher war er davon zurückgeschreckt, nach Taulus zurückzukehren. Es wäre ihm wie eine Flucht vor der Verantwortung vorgekommen.
Das Zischen des Türschotts erinnerte ihn an die Wirklichkeit. Was war heute nur mit ihm los? Wo war er mit seinen Gedanken? Automatisch, ohne nachzudenken, entledigte er sich seiner Bordkombination. Aus dem mitgebrachten Sportsack entnahm er die halblange Hose aus Mamu-Leder, die sein einziges Kleidungsstück sein würde. Mit zwei Schritten erreichte er die Schleuse, die eine weitere Sicherheitsmaßnahme für Normalweltler darstellte.
Nach einer kurzen Identitätsprüfung lag die langweilige und sterile Umwelt der IVANHOE hinter ihm und Oxtorne erwartete seinen Sohn.
Über dem Gebirge stand eine Gewitterfront wie eine schwefelgelbe Wand. Das flammende Muster greller Blitze darauf wirkte wie ein abstraktes Gitter aus lebender Energie. Die ersten Windstöße eilten dem Unwetter voraus. Wolken heißen Sandes jagten durch die Schlucht vor ihm und kreischten über die zerschundenen Flächen der Felswände.
Irwan Dove verfiel in ein befreiendes Lachen, das für einen unbeteiligten Zuschauer wie das Brüllen eines Raubtieres geklungen hätte. Noch betrug die Windgeschwindigkeit höchstens hundert Stundenkilometer. Er bot den Sandböen das ungeschützte Gesicht und ließ die fast glühenden, feinen Körner gegen seine lederartige Haut prasseln. Es war eine Wohltat nach der Öde des Normalklimas an Bord der IVANHOE. Wie hatte er sich in den letzten Tagen danach gesehnt, den heißen Atem Oxtornes auf der Haut zu spüren. Aber das Beste kam erst noch, der Temperatursturz nach dem Durchzug der Gewitterfront. Wieder lachte er gegen den Sturm an und vergaß dabei, dass er sich nur in einer Simulation der Hyperinpotronik befand. Die Schwerkraft von über vier Gravos zerrte an seinen Gliedern und brachte seinen Metabolismus auf Höchsttouren.
Er sprang über eine Sandwehe, die sich aus dem Nichts gebildet hatte, und setzte seinen Weg in Richtung Gebirgszug fort. Vor ihm war eine strudelnde Masse glühender Substanzen zu erkennen. Schrilles Heulen und Jaulen vermischte sich mit dröhnenden Schlägen zu einer schaurigen Sinfonie.
Das dumpfe Dröhnen riss ihn aus seinen Träumen und erinnerte ihn daran, dass THEANO nicht nur die Umwelt Oxtornes simulierte. Vor ihm begann sich ein schildkrötenartiges Ungetüm aus dem Schleier des Sandsturmes zu schälen. Das Mamu bewegte den keilförmigen Kopf ruckartig von links nach rechts und wieder von rechts nach links. Langsam stemmte es sich hoch. Das gewaltige Maul öffnete sich und ließ zwei Doppelreihen stahlharter Beißkanten sehen. Heiseres Röhren erscholl, während sich die gewaltige Masse aus Muskeln und Fleisch auf ihn zu in Bewegung setzte. Der Kopf fuhr nach vorn und schnappte nach Irwans Arm. Der Sicherheitschef der IVANHOE kannte die Scherze des simulierten Projektionskörpers jedoch zu gut, um sich überraschen zu lassen. Er wich geschickt aus und sein Faustschlag traf den empfindlichen Halskamm der Projektion. Der Mamu sprang wie sein oxtornisches Vorbild mit allen acht Beinen zugleich in die Luft und suchte brüllend das Weite.
Wieder lachte er, während es um ihn immer kälter wurde. Doch diesmal war irgendetwas anders. Er brauchte einen Moment, bis er den Unterschied erkannte:
Sein Lachen wurde erwidert!
Er fing an zu frieren, was nicht an dem beginnenden Eisgestöber lag. Er war nicht mehr allein! In dem Eisblizzard wurde eine Gestalt sichtbar, die ihm applaudierte.
Als die Gestalt langsam näher kam, enthüllte das Zwielicht des Eissturmes nach und nach die Einzelheiten:
Die humanoide Gestalt war wohl fast so groß wie er und – soweit er es erkennen konnte – weitgehend nackt. Nach den äußeren Geschlechtsmerkmalen zu urteilen handelte es sich um eine Frau, die einen lederartigen Harnisch trug. Der Kopf wurde von zwei kurzen Hörner dominiert, zwischen denen sich auf Stirnhöhe ein drittes Auge befand. Beim Näherkommen fiel ihm noch auf, dass Arme, Schenkel, Hals und Bauch mit vielfältigen Reifen, die ihn an Schmuck erinnerten, verziert waren.
THEANO, nach welchem Vorbild hast du diese Projektion geschaffen?
Wieder erklang das Lachen.
So, so, du hältst mich also für eine Projektion?
Natürlich, niemand außer einem Oxtorner könnte in dieser Umwelt überleben, deshalb ist der gesamte Konditionsbereich auch für Normalterraner gesperrt, wenn ich ihn benutze. Und außer mir gibt es keine Oxtorner an Bord der IVANHOE!
Nun, dann wollen wir ein wenig trainieren
, antwortete sie.
Mit diesen Worten stieß sie ihn vor die Brust, was ihn, da er nicht mit einer Attacke gerechnet hatte, ins Straucheln brachte.
Los greif mich an! Ich brauche etwas Bewegung!
Der Oxtorner versuchte sie zu greifen und mit dem Gewicht seiner fast 700 kg am Boden festzunageln, eine Taktik, die jeden Normalterraner zumindest kampfunfähig gemacht hätte. Doch heute führte diese Taktik nicht zu dem gewohnten Erfolg. Gedankenschnell drehte sich die Unbekannte aus den angewinkelten Armen und brachte sich mit einer akrobatischen Rolle aus seiner Reichweite.
Wieder lachte sie.
So bekommst du mich nie. Du bist zu langsam, viel zu langsam!
Jetzt reichte es ihm. Er würde diese Projektion zermalmen und THEANO ordentlich die Leviten lesen. Wie ein wütender Bulle stürmte er auf das Geschöpf aus Formenergie zu. Doch er stürmte wieder ins Leere. Und plötzlich verlor er den Halt und folgte dem Sog der Schwerkraft, die seine 700 Kilogramm Bekanntschaft mit dem Boden schließen ließ. Das war dann überhaupt nicht mehr lustig, denn dieser war genauso hart wie er es auf