Dorgon 164: Im Reich der Hölle

Was bisher geschah

Im Herbst 1307 NGZ tobt der intergalaktische Krieg an allen Fronten. Das Quarterium hat zwar eine Niederlage in der Lokalen Gruppe erlitten, ist jedoch noch stark genug, um eine erneute Offensive Richtung Milchstraße zu starten.

Fernab davon müssen Atlan, Osiris und Alaska Saedelaere eine ganz andere Mission erfüllen. Es geht um das Schicksal des Kosmotarchen DORGON, der von Rodrom mit einem tödlichen Virus infiziert wurde. Prosperoh und sein Volk der Zerachonen bilden eine negative Energie in der positiven Entität, welche sich immer mehr ausbreitet.

Atlan, Osiris und Icho Tolot werden ein Teil DORGONs und befinden sich schließlich IM REICH DER HÖLLE …

Hauptpersonen

Atlan, Osiris und Icho Tolot:
Die Gefährten wollen DORGON retten.
Prosperoh:
Ein tödlicher Virus.
Alaska Saedelaere:
Er trägt viele Lasten.
Denise Joorn, Jaques de Funes und Leopold:
Alaskas Begleiter.
Jaques de Funes und Leopold:
Alaskas Begleiter.
Rodrom:
Die Inkarnation des Alyskers ist ein Gefangener.
Roggle:
Das zwiespältige Wesen will seinem neuen Herren helfen.
Sanna Breen:
Ein Konzept DORGONs.

Prolog

Der Engel des Abgrundes

Da sah ich einen Stern, der vom Himmel auf die Erde gefallen war; ihm wurde der Schlüssel zu dem Schacht gegeben, der in den Abgrund führt. Und er öffnete den Schacht des Abgrunds. Da stieg Rauch aus dem Schacht auf, wie aus einem großen Ofen, und Sonne und Luft wurden verfinstert durch den Rauch aus dem Schacht.

Aus dem Rauch kamen Heuschrecken über die Erde und ihnen wurde Kraft gegeben, wie sie Skorpione auf der Erde haben. Es wurde ihnen gesagt, sie sollten dem Gras auf der Erde, den grünen Pflanzen und den Bäumen keinen Schaden zufügen, sondern nur den Menschen, die das Siegel Gottes nicht auf der Stirn haben.

Es wurde ihnen befohlen, die Menschen nicht zu töten, sondern nur zu quälen, fünf Monate lang. Und der Schmerz, den sie zufügen, ist so stark, wie wenn ein Skorpion einen Menschen sticht. In jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen, aber nicht finden; sie werden sterben wollen, aber der Tod wird vor ihnen fliehen.

Und die Heuschrecken sehen aus wie Rosse, die zur Schlacht gerüstet sind; auf ihren Köpfen tragen sie etwas, das gold schimmernden Kränzen gleicht, und ihre Gesichter sind wie Gesichter von Menschen, ihr Haar ist wie Frauenhaar, ihr Gebiss wie ein Löwengebiss, ihre Brust wie ein eiserner Panzer; und das Rauschen ihrer Flügel ist wie das Dröhnen von Wagen, von vielen Pferden, die sich in die Schlacht stürzen.

Sie haben Schwänze und Stacheln wie Skorpione und in ihren Schwänzen ist die Kraft, mit der sie den Menschen schaden Sie haben als König über sich den Engel des Abgrunds; er heißt auf hebräisch Abaddon, auf griechisch Apollyon.

Aus der Offenbarung des Johannes

Atlan

Ich starrte Sanna Breen wie ein Gespenst an.

Das konnte doch nicht ihr Ernst sein? Sie konnte doch nicht wirklich von mir erwarten, dass ich mein leichtfertig gegebenes Versprechen erfüllte?

Doch, genau das erwartet sie von dir, du verdammter Narr. Und sie hat damit völlig recht. Wenn es Rodrom gelingt, sie zu übernehmen – die Folgen wären unabsehbar. Sie hat die einzig richtige Lösung erkannt …

Die Situation wurde langsam surrealistisch. Ich hielt hier Zwiesprache mit meinem Extrasinn über die Ermordung eines Menschen, nein verbesserte ich mich, eines Konzepts, aber blieb Mord denn nicht Mord? Doch bevor ich mich weiter mit der Situation beschäftigen konnte, durchzuckte ein unbeschreiblicher Schmerz meine Lenden. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich die wiedergeborene Terranerin an, sie hatte mir gerade mit voller Kraft in die Kronjuwelen getreten. Ihr Gesicht verzerrte sich zu einer Fratze, zu einem Zerrbild ihrer Menschlichkeit. Auch ihr Körper begann sich zu einer grotesken Karikatur ihrer vorherigen Schönheit verändern. Es hätte nicht des nervtötenden Kommentars meines Extrasinns bedurft, um mir klarzumachen, was gerade geschah:

Rodrom übernahm DORGON, Sannas Persönlichkeit wurde bösartig.

Mir war, als ob sich mein Bewusstsein als außerkörperliche Wahrnehmung manifestieren würde. Ich empfand den Hass, die perverse Lust zu quälen und zu töten, die sich innerhalb der surrealistischen Umwelt aufbaute, geradezu als körperlichen Schock, der jeden Gedanken paralysierte.

Um mich verschwand die Umgebung in einem Kaleidoskop widersprechender Sinneseindrücke. Eisige Winde peitschten mir ins Gesicht, Sturzbäche von Wassermassen durchnässten mich, während ich nur Augenblicke später durch eine gnadenlose Sonne geradezu geröstet wurde. Die geordnete und verlässliche Umwelt löste sich auf, das Chaos schien die Herrschaft anzutreten. Und mein Extrasinn begann zu handeln …

Kapitel 1
Zwischenspiel I

Beilalter, Schwertalter, wo Schilde krachen,
Windzeit, Wolfszeit, eh die Welt zerstürzt.
Yggdrasil zittert, die Esche, doch steht sie,
Es rauscht der alte Baum, da der Riese frei wird.

Aus der Völuspá, Der Seherin Gesicht

The Illusion of Faith

Der Herr wird sehr zufrieden mit uns sein, sehr zufrieden! Jetzt müssen wir nur noch den Generator zur Explosion bringen und dann …

Das dürfen wir nicht, Rog. Wir würden unsere Freunde, vor allem Alaska, töten. Komm, wir verstecken uns einfach und warten ab.

Das doppelköpfige Wesen hatte angehalten und die beiden Köpfe begannen wieder ihr obligatorisches Streitgespräch. Jeder Kopf versuchte die Kontrolle über den gemeinsamen Körper zu erlangen, was teilweise groteske Verrenkungen des Vorjuls zur Folge hatte.

Wach endlich auf, du leichtgläubiger Dummkopf. Wir haben nur einen Freund, nämlich Rodrom – nur er hat uns bisher noch nie belogen. Alaska hat sich Eorthor und Atlan angeschlossen und nichts unternommen, uns zu retten. Das müssen wir selbst tun. Wenn wir diese Station vernichtet haben, kann uns Eorthor nicht folgen und wir können uns ungestört Rodrom anschließen. Er wird uns wirklich helfen und uns vor allem zu unserer Rache verhelfen.

Ja … aber …

Kein aber, Gle, glaub mir, das ist die einzige Möglichkeit für uns. Eorthor und die anderen werden uns immer misstrauen, uns nie wirklich frei sein lassen, während Rodrom uns schon bewiesen hat, dass er auf unserer Seite steht.

Die beiden Köpfe beendeten ihr Streitgespräch und die beiden Körperhälften verschmolzen wieder zu Roggle, dem dualen Wesen, das aus einem Transmitterunfall entstanden war.

Das Bewusstsein der beiden ursprünglichen Brüder verband sich miteinander und Roggle suchte nach einem letzten Kontakt zu seinem Herrn. In diesem Zustand der vollkommenen Vereinigung der Brüder verfügte die gemeinsame Wesenseinheit Roggle über starke telepathische Kräfte.

Rodrom … Herr, … bitte melde dich. Roggle hat das Ziel fast erreicht.

Es dauerte einen Augenblick, bevor eine unwillige Antwort erfolgte.

Was willst du noch von mir, ich habe zu tun, ihr stört. Vollendet das Werk und ich bin mit euch zufrieden!

Das gemeinsame Bewusstsein der beiden Brüder empfing die ungefilterten Emotionen des abtrünnigen Alyskers. Eine Flut von Hass, Wohllust, perverser Begierden und ungezügelter Brutalität schlug wie ein Sturzbach auf das gemeinsame Bewusstsein des Vorjul ein. Die Reaktion der beiden Brüder war höchst unterschiedlich.

Rog, bitte, ich will das nicht spüren. Ich will weg, mich verstecken, das ist …

Gle, du bist ein Schwachkopf, ein unbrauchbarer Waschlappen! Rodrom stärkt aus der mentalen Energie, aus dem Todeskampf dieser alyskischen Schlampe seinen Geist. Und er lässt uns in seiner Güte daran teilhaben, auch wir werden stärker. Spürst du nicht wie die mentalen Energien uns umfließen? Wie uns die Lebensenergie dieser …

Nein, nein, ich will das nicht, das ist krank, unmoralisch, ist unser nicht würdig. Mach endlich ein Ende, Rog.

Der gemeinsame Körper begann wieder unkontrolliert zu zucken, während beide Seelen um die Vorherrschaft kämpften. Mit einem unartikulierten Schrei sank der Vorjul zu Boden und schlug um sich.

Pat & Patachon – oder die Genialität der Hofnarren

Leopold Ok Poldm blickte vorsichtig hinter dem klobigen Container hervor, der mitten im Gang vor der Schleuse zur Energiestation stand. Vor wenigen Augenblicken hatte der Vorjul diese geöffnet und war dahinter verschwunden. Wider Erwarten wurde die Schleuse jedoch nicht wieder geschlossen und wirkte auf den Somer wie ein schwarzer Tunnel, der ins Unbekannte führte.

Neben ihm ertönte ein halblauter Schmerzenslaut. Unwillig drehte er sich nach seinem Begleiter, der neben ihm kauerte und sich den linken Arm massierte, den er anscheinend irgendwo angeschlagen hatte.

An deiner Stelle würde ich laut schreien und dazu winken, damit wir garantiert entdeckt werden. Wie kann man nur so blöde und tollpatschig sein?

Der Terraner neben ihm richtete sich empört auf.

Er würde doch nicht, … doch er würde.

Wütend packte er Leopold am Kragen seiner verzierten Weste und hob den etwa 1,25 Meter großen Somer hoch und begann ihn zu schütteln.

Hör zu, du komischer sprechender Vogel. Ich hab es satt, einfach nur satt. Ich hab es satt dich und dein éingebildetes Gezwitscher ertragen zu müssen, ich hab es satt, deine dummen Sprüche tagtäglich anzuhören. Jetzt machen wir endlich, was ich sage. Und wage es nicht zu widersprechen, sonst setzt es einen Satz Ohrfeigen, hast du mich verstanden?

Der Somer blickte den Terraner unsicher an. Was sollte er auch anders tun, wenn er einen halben Meter über dem Boden schwebte.

Hm …, ja ich …, aber könntest du mich wieder herunterlassen, sonst werden wir womöglich noch gesehen!

Jaques de Funes schüttelte den ehemaligen Tellerwäscher noch mal ordentlich durch, bevor er ihn wieder auf dem Boden absetzte. Leopold sträubte kurz sein Gefieder, bevor er sich völlig hinter den Container duckte. Der terranische Geschäftsmann hatte sich an ihm vorbeigeschoben und blickte nun seinerseits dem verschwundenen Vorjul nach.

Los komm schon, du lahme Ente, sonst entkommt uns dieser zweiköpfige Unhold noch. Ich hoffe, dass du nun endlich erkannt hast, welche Verantwortung ich für das Gelingen der Operation trage.

Mit diesen Worten folgten die beiden ungleichen Gefährten dem Vorjul hinter die Schleuse in den Kraftwerkbereich der Kosmokraten-Station.

Der Weg führte die beiden immer weiter in das Labyrinth tief im unbekannten Untergrund der uralten Station. Hier schlug das Herz der Festung, hier erzeugten endlose Reihen von gleichförmigen Kraftwerksblöcken die Lebensenergie der Station – ein Bereich, über den ihnen sämtliche Informationen fehlten. NESJOR, die alte Operationsbasis der Kyberklonflotte, stammte aus einer Zeit, die längst vergangen und vergessen war und stellte, genau wie ihre einstige Besatzung, ein Relikt der Vergangenheit dar.

Die ganze Situation war für den flüchtigen Vorjul und seinen Auftraggeber weitgehend optimal, denn die Alysker waren, obwohl technologisch hochstehend, noch weit davon entfernt, die Station zu beherrschen. Das Gleiche galt natürlich ebenfalls für Alaska Saedleare und seine Begleiter. Dass es Rodrom gelungen war, sich mit Hilfe von Roggle aus seinem Kryostase-Gefängnis zu befreien, zeigte dies nur zu deutlich.

Die beiden unfreiwilligen Helfer der Unsterblichen drangen immer tiefer in die endlosen Hallen ein, immer bemüht, den flüchtigen Vorjul nicht aus den Augen zu verlieren und selbst jedoch nicht entdeckt zu werden.

Wie lange soll das eigentlich noch weiter gehen, du großer Anführer?

Der Somer watschelte keuchend hinter dem Terraner her, der die Führung des Duos an sich gerissen hatte. Doch Jaques de Funes ergriff den flügelartigen Arm des vogelähnlichen Lebewesens und zog dieses einfach hinter sich her.

Nur keine Müdigkeit vortäuschen, wir dürfen den Zweikopf nicht aus den Augen verlieren.

Wenig später kauerten sie sich hinter einen Maschinenblock, dessen Funktion unbekannt war. Roggle hatte anscheinend sein Ziel erreicht und stand unschlüssig vor einem Schaltpult. Er schien zu überlegen, was er als Nächstes tun wollte. Langsam schlich sich das ungleiche Gespann immer näher.

Nun sind wir endlich am Ziel, trotz deiner komischen Bedenken, Gle! Der Herr wird stolz auf uns sein!

Rog …, bitte nicht. Alaska wird sterben, wir werden sterben.

Hör endlich auf, du sentimentaler Dummkopf. Wann hast du es endlich gelernt, dass weder Alaska noch die anderen unsere Freunde sind? Sie sind schuld daran, dass wir die Letzten unseres Volkes sind. Sie und dieser verfluchte Alysker haben unsere Schwestern und Brüder getötet und sogar VORJUL, unser aller Mutter, ermordet. Es ist unsere Pflicht, dem Andenken unseres Volkes gegenüber, für dieses Verbrechen Rache zu üben. Auch deshalb ist Rodrom unser Freund. Er hat uns nicht nur gerettet und ein langes Leben ermöglicht, sondern gibt uns jetzt sogar die Mittel in die Hand, Eorthor und seine Sippschaft zu vernichten. Eorthor hat unser Volk ermordet, jetzt rotten wir sein Volk aus!

Doch Gle schien seinen Zwillingsbruder nicht überzeugt zu haben. Der gemeinsame Körper der beiden Vorjul verfiel wieder in unkontrollierte Zuckungen, was den Kampf der beiden Brüder um die Kontrolle über den Körper widerspiegelte.

Jetzt oder nie, flüsterte Jaques de Funes und sprang auf, um auf den doppelköpfigen Vorjul zuzustürmen. Dieser war im Moment völlig durch die Auseinandersetzung zwischen den beiden Brüdern abgelenkt, sodass er den terranischen Geschäftsmann nicht bemerkte. Leopold dagegen blieb hinter den Maschinenblock geduckt und murmelte nur Wahnsinn, reiner Wahnsinn! vor sich hin.

De Funes begann nun laut zu brüllen und fuchtelte mit den Armen. Durch das Gebrüll aufgeschreckt, wandten sich beide Köpfe des Vorjul dem heranstürmenden Terraner zu.

Wir sind entdeckt, Rog! Alles ist zu spät …, wir müssen fliehen.

Mit diesen Worten rannte der Vorjul davon und wurde durch das ungleiche Duo weiter verfolgt.

Jaques de Funes und Leopold Ok Poldm verfolgten den letzten Vorjul weiter und trieben den Helfer Rodroms immer mehr aus der unmittelbaren Umgebung des gefährdeten Kraftwerkbereiches. Jaques hatte eine Methode entwickelt, ihren Gegner vor sich herzutreiben, ohne sich selbst unmittelbar gefährden zu müssen. Da sie, genau wie der Vorjul, über keine Waffen verfügten, sammelte der terranische Geschäftsmann handlichen Abfall auf, der sich in der alten Kyberklon-Station reichlich im Laufe der Jahrmillionen in den Gängen angesammelt hatte. Einzelne Abfallstücke wurden nach dem laut mit sich selbst Streitenden geworfen und trieben diesen immer weiter in die Außenbezirke der alten Station.

Die Liebe in den Zeiten der Cholera, oder: der falsche Zeitpunkt

Denise Joorn wälzte sich auf die Seite und beobachtete den Unsterblichen, der sich gerade von der Strukturliege erhoben hatte. Die vergangenen Stunden hatten sie alle negativen Erfahrungen mit ihrem früheren Mentor Johannes van Kehm vergessen lassen, Alaska hatte alles beiseite gewischt. Nicht, dass er als Liebhaber so überzeugend gewesen war – im Gegenteil – sie war davon überzeugt, dass sie mit ihren knapp 40 Jahren bereits mehr sexuelle Erfahrungen gemacht hatte, als der Unsterbliche in seinem nach Jahrhunderten zählenden Leben.

Doch Alaska hatte sich fallen lassen, hatte ihr völlig vertraut, gemeinsam hatten sie ihre Körper erforscht und hatten sich ineinander verloren und die Liebe neu entdeckt. Sie richtete sich etwas auf und betrachtete den Körper ihres Geliebten, der instinktiv wieder ihre Nähe suchte.

Doch dann erfasste sie mit ihren Instinkten, dass irgendetwas mit ihm nicht mehr stimmte, er war dabei, sich wieder in sich selbst zurückzuziehen, sich gegenüber der Umwelt abzukapseln. Der Moment des Zaubers, als die gesamte Wirklichkeit nur aus den gegenseitigen Gefühlen füreinander bestand, der Punkt des grenzenlosen Glücks war vorbei. Das Heute, die schnöde Wirklichkeit hatte sie wieder.

Alaska, was ist los? Was hast du?

Der hagere Terraner drehte sich um und die auf Olymp geborene Archäologin bemerkte, wie sich der mit ihm verbundene Parasit, die Haut Kummerogs, entfaltete uns sich über den nackten Körper des Unsterblichen ausbreitete. Mit einer Mischung aus Ekel und morbider Faszination beobachtete sie, wie der Parasit lange Ausläufer bildete, die sich in die Körperöffnungen Alaskas schoben. Dieser hatte ihr erklärt, dass die abgeworfene Haut des Cantrells nur kurze Zeit von ihm getrennt sein durfte und auf eine dauerhafte Verbindung mit seinem Blutkreislauf angewiesen war. Während ihres vergangenen Liebesspiels war sie mehrmals mit dem gallertartigen Wesen, sofern man die abgeworfene Haut Kummerogs als Wesen bezeichnen konnte, in Verbindung gekommen. Zuerst hatte sie die Berührungen als schleimig und ekelhaft empfunden, hatte aber nach und nach dieses Gefühl abgelegt und sogar die zusätzlichen Stimulationen genossen.

Denise, Liebling, es war falsch, ganz falsch, was wir getan haben. Ich kann nicht mit einem anderen Menschen zusammenleben. Ich bin eine Monstrosität, ein Freak, ein Monster, niemals hätte ich schwach werden dürfen, niemals …

Die Archäologin sprang nun auf und unterbrach die Selbstanklage Alaskas.

Tickst du eigentlich noch richtig? Was soll daran falsch sein, wenn wir zusammen sind? Du wolltest es und ich wollte es! Dir hat es Spaß gemacht und mir hat es Spaß gemacht – und das ist alles, auf was es ankommt. Komm bitte von deinem Selbstkasteiungstrip herunter, du bist ein Mensch und hast genau wie jeder Mensch das Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit.

In diesem Moment meldete sich wieder der Kommunikator, den Alaska auf eine Ecke des Tisches geworfen hatte. Schrill stand das Signal im Raum. Denise wusste in diesem Moment, dass sie verloren hatte.

Nein, verbesserte sie sich selbst, nur für den Moment hatte sie verloren!

Alaska hatte inzwischen den Kommunikator aktiviert und nahm den Anruf entgegen. Dabei wurde sein Gesicht immer blässer, während die Haut, die seinen Körper inzwischen vom Hals abwärts nahezu komplett umhüllte, immer mehr den Charakter einer transparenten Gallerthülle verlor und die natürliche Hautfarbe des Terraners annahm.

Alaska, wir haben uns den ganzen Tag freigenommen, du bist nicht für jeden Mist, der gerade passiert, verantwortlich. Komm wieder ins Bett und entspann dich.

Mit diesen Worten ergriff sie den Arm des Hautträgers und versuchte ihn wieder ins Bett zu ziehen.

Nein Denise, unsere Freizeit ist vorbei, um uns herrscht das Chaos. Ein Alysker, ich glaube sein Name ist Orthir, gibt an, dass es Rodrom mit Hilfe von Roggle gelungen ist, zu fliehen. Dabei hat er alle Wachen getötet und Nora als Gefangene auf sein Raumschiff mitgenommen.

Und? Glaubst du, dass du mehr Chancen hast, als die Alysker? Du, ich … wir sind nicht verantwortlich, es ist nicht unsere Schuld!

Doch der Unsterbliche antwortete nicht, sondern rief die gespeicherten Nachrichten ab.

Roggle!, schrie er plötzlich und schlug mit den Fäusten auf den Tisch. Wie konntest du mich nur so hintergehen?

Ich muss meinen Fehler wieder gutmachen, murmelte er und begann sich anzuziehen.

Was ist geschehen, Alaska? Was ist mit Roggle?

Roggle? Der Vorjul hat mich hereingelegt, hat mich getäuscht, uns getäuscht, uns verraten! Er hat Rodrom befreit und will jetzt NESJOR zerstören. Leo und Jaques haben schon vor Stunden versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen. Es waren die Anrufe, die ich nicht entgegennahm. Es ist alles meine Schuld, ich …

Jetzt reicht es, Alaska. Schuld? Niemand hat hier Schuld! Am wenigsten du! Roggle hat uns alle getäuscht, nicht nur dich! Und fang gleich gar nicht an, dich mit Selbstvorwürfen zu …

Aber genau das ist es. Ich habe Roggle immer in Schutz genommen, ich habe verhindert, dass die Anderen ihn schärfer kontrollierten, es ist alles meine Schuld, wäre ich nicht so vertrauensselig gewesen …

Denise schüttelte nur den Kopf. Alaska war wie ein kleines Kind, er fiel von einem Extrem ins andere. Sie nahm seinen Kopf in beide Hände und versuchte es noch einmal.

Alaska denk mal darüber nach. Niemand, auch nicht du, konnte wissen, dass der Vorjul ein falsches Spiel mit uns treiben würde. Für uns alle war er ein bedauernswertes Geschöpf und auch Tolot und Atlan haben in Wirklichkeit keinen Verdacht geschöpft, ihnen ging Roggle nur manchmal auf die Nerven, wenn sie wirklich misstrauisch geworden wären, glaubst du, dass beispielsweise Atlan den Vorjul noch frei herumlaufen gelassen hätte?

Das ist ganz egal, ich hätte es bemerken müssen, ich war die ganze Zeit mit ihm zusammen, mir hat er seine Geschichte erzählt, ich habe ihn immer in Schutz genommen …

Denise hatte endgültig genug.

Wenn du meinst, dass du an allem Übel des Universums schuldig bist, dann bitte, ich halte dich nicht auf. Aber würdest du es nicht für sinnvoller halten, wenn wir jetzt Leo und Jaques folgen und versuchen würden, den Vorjul unschädlich zu machen?

Der Unsterbliche erstarrte und blickte die Archäologin an, als ob er sie zum ersten Male sehen würde.

Leo und Jaques folgen? Roggle unschädlich machen? Ja, genau das müssen wir tun!

Mit diesen Worten begann er sich hastig anzukleiden, ohne ein weiteres Wort mit der Olympierin zu wechseln. Kopfschüttelnd folgte diese seinem Beispiel.

Das Ende der Zweifel ist der Beginn der Entschlossenheit

Der Somer und der terranische Geschäftsmann kauerten hinter einem Vorsprung und beobachteten den Vorjul. Der Weg von Rodroms Fluchthelfer hatte sie immer weiter in die Außenbereiche der alten Kyberklon-Station geführt. Sie wussten inzwischen nicht mehr, wo genau sie sich befanden, zu verwirrend war der Weg gewesen, den Roggle auf seiner Flucht eingeschlagen hatte. Manchmal hatten sie den Eindruck, dass der Vorjul selbst nicht wusste, wohin er wollte.

In diesem Moment aktivierte sich das Interkom, das Jaques noch immer bei sich trug, und signalisierte einen eingehenden Anruf. Gespannt gab der Terraner den Anruf frei – auf dem kleinen Bildschirm des Kommunikators erschien das Gesicht Alaskas.

Jaques, endlich! Wo seid ihr? Was macht Roggle? Konntet ihr die Vernichtung der Reaktoren verhindern?

Die beiden Gefährten wechselten einen überraschten Blick. Was war mit Alaska los? Der Hautträger wirkte total überdreht und fahrig, ein Eindruck, der so gar nicht zu dem sonst so zurückhaltenden und bedächtigen Unsterblichen passte. Jetzt wirkte er geradezu gehetzt und getrieben.

Hallo Alaska! Endlich meldest du dich. Ja, wir konnten verhindern, dass der mörderische Zweikopf die Reaktoren in die Luft jagte und uns alle vernichtete. Ja, du hast richtig gehört, Leo und ich konnten den Amoklauf des teuflischen Monsters stoppen und nicht du, oder die überheblichen Alysker, die uns übrigens die ganze Zeit für verrückt gehalten haben. Wir haben, nur mit unseren Händen, uns alle gerettet, was sagst du nun, du großer Unsterblicher?

In diesem Moment verzerrte sich kurz das Bild und Denise wurde sichtbar.

Jetzt reicht es, Jaques. Könntest du mal die Güte haben, uns kurz zu erklären, was genau geschehen ist? Und bitte, wenn es geht, ohne irgendwelche Ausschmückungen!

Der kleine Terraner verlor einen Moment die Sprache und starrte die Archäologin überrascht an. Man konnte fast sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete.

Alaska … – Denise … – Alaska?

In diesem Falle war es dann der Somer, der schneller schaltete. Mit einem für ein ornithoides Lebewesen geradezu dreckigen Grinsen nahm er dem wie gelähmt dastehenden Jaques das Interkom aus der Hand.

Sieh an, Alaska und die kleine Denise, hat er es endlich geschafft? Na wie war er? Hat er es dir ordentlich be …

Weiter kam er nicht, denn der kleine Geschäftsmann aus der ehemaligen zentraleuropäischen Region Frankreich hatte ihm wieder das Interkom entrissen.

Entschuldige Denise, das kommt von der schlechten Lektüre dieses aufgeblasenen Vogels. Wenn man sich nur anhand von Playkonide, Schlüsselloch oder ähnlichen Machwerken weiterbildet, dann verengt sich die Wahrnehmung zwangsweise auf eine rein horizontale Sichtweise.

Denise blickte den Terraner einen Moment konsterniert an. Dann begann sie zu lachen. Immer wieder von Lachanfällen unterbrochen, meinte sie zu Jaques:

Du meinst, dass der Somer …, dass der Somer tatsächlich … tatsächlich irgendwelche Sexzeitschriften liest und …

Weiter kam sie jedoch nicht, denn ein weiterer Lachanfall ermöglichte es Alaska, den Kommunikator wieder an sich zu nehmen. Der terranische Geschäftsmann hatte nun endlich die Gelegenheit, seine Sicht der Geschehnisse zu schildern.

Denise und Alaska waren inzwischen bei Leopold und Jaques angekommen. Roggle hatte bereits einen Hanger geöffnet und schien zu versuchen, mit einem Schiff der Kyberklone zu fliehen.

Alle schauten erwartungsvoll auf Alaska, als erwarteten sie von ihm Klarheit über ihr weiteres Vorgehen.

Nun gut, versuchen wir dem Vorjul zu folgen. Vielleicht können wir weiteres Unheil verhindern, indem wir ihn wieder dingfest machen.

Alaska aktivierte sein Interkom und rief die Zentrale. Der ihnen bereits bekannte Alysker Orthir meldete sich. Alaska bat den hageren Greis, der eine düstere Ausstrahlung um sich verbreitete, um die Freigabe eines Beibootes, um den fliehenden Vorjul zu verfolgen. Der Alysker betrachtete den Terraner einen Moment, bevor er zustimmend nickte.

Ich habe eure Position registriert, wartet dort, ich schicke euch einen Spezialisten meines Volkes.

Alaska schaute den Alysker alarmiert an. Das wird nicht nötig sein, uns genügt ein Schiff, um dem Vorjul zu verfolgen.

Doch der Alysker widersprach. Kamtair ist bereits auf dem Wege. Er kann das Schiff fliegen und er wird das Urteil am Mörder unseres Volkes vollstrecken.

Urteil …, Mörder? Was für ein Urteil?

Kamtair ist einer der Vollstrecker, seine Aufgabe wird es sein, den verfluchten Vorjul zu töten, wie es das Urteil meines Volkes verlangt.

In diesem Moment landete ein Gleiter, dem ein hochgewachsener, muskulöser Alysker entstieg, der eine schwarze Einsatzkombination trug.

Alaska wollte noch Einwände geltend machen, wurde jedoch von Denise daran gehindert, die ihn einfach hinter sich herzog.

Kapitel 2
Fimbulvetr – Der Kampf beginnt …

Hrym fährt von Osten und hebt den Schild,
Jörmungand wälzt sich im Jötunmute.
Der Wurm schlägt die Flut, der Adler facht,
Leichen zerreißt er; los wird Naglfar.

Aus der Völuspá, Der Seherin Gesicht

Ein Blick genügte, um mir zu zeigen, dass im Augenblick von den Kosmokratenknechten keinerlei Gefahr mehr drohte. Jeder von ihnen war in seiner eigenen Hölle gefangen, unfähig mir, dem Fürsten Prosperoh, auch nur den geringsten Widerstand zu leisten. Für einen kurzen Moment war ich versucht, sie mir für alle Zeiten vom Halse zu schaffen, doch die Weisung meines Herrn MODROR war eindeutig:

Du sollst sie nicht töten, Prosperoh, sondern sie brechen, ihren Willen, ihre Loyalität und ihren Glauben an eine positive Zukunft des Universums. Sie sollen zu Wachs werden, geformt nach meinem Willen.

Die kurze Auseinandersetzung in der Arena meines Schlosses war nur der Auftakt gewesen, ich hatte ein wenig mit ihrer Psyche gespielt, jetzt würde die wirkliche Hölle beginnen …

Der Gott des Todes: Osiris

Osiris machte einen Schritt auf Atlan zu und wollte dem Arkoniden aufhelfen. Sanna Breen, das Konzept DORGON, hatte sich in eine Furie verwandelt und zeigte deutlich, dass der Kosmotarch mehr und mehr dem negativen Einfluss der Diener MODRORs unterlag. Doch wenig später verblasste die Präsenz DORGONs und wieder befand er sich überganslos in der parkähnlichen Landschaft. Vor ihm lag die Amun-Ré-Pyramide und sein Bruder stand ihm gegenüber …

Ich vergebe dir, Bruder.

Seth stieß ein weiteres Jaulen aus und Osiris konnte nicht anders, als ihn in die Arme zu nehmen und feste zu drücken. Nie in seinem Leben hatte er sich so erfüllt gefühlt. Doch plötzlich begann die Szenerie zu wachsen, anders konnte der ursterbliche Kemete es nicht ausdrücken. Sein Geist erweiterte sich und er spürte die Gegenwart einer undefinierbaren Macht, die seinen Geist infiltrierte.

Seth, sein Bruder hatte sich von ihm gelöst und blickte ihn triumphierend an.

Osiris, geliebter Bruder, bist du wirklich bereit mir zuzuhören?

Völlig verunsichert schaute Osiris das Mischlingswesen aus einem Kemeten und einem tierhaften Shak'Arit an. Was beabsichtigte dieser mit seiner Bemerkung? Der Kopf seines Bruders, der entfernt an eine Mischung aus einem Schakal und einem Esel erinnerte, verzog sich zu einem dreckigen Grinsen.

Interessiert es dich wirklich, was hinter deinem Rücken geschieht? Bist du tatsächlich bereit, deine Vorurteile abzulegen und der Wahrheit ins Gesicht zu sehen?

Seth, entweder rückst du jetzt endlich heraus, von was du eigentlich sprichst, oder du verschonst mich in Zukunft mir solchen Andeutungen!

Wieder zeigte sich das Grinsen, bevor Seth sich umdrehte und innerhalb des geöffneten Portals verschwand.

Komm Osiris, schau der Wahrheit ins Gesicht!

Widerstrebend folgte der Gott des Todes seinem Bruder in das Innere der Pyramide. Seth benutzte Rollkorridore und Antigravschächte, die Osiris absolut unbekannt waren. Mehrmals begegneten sie Shak'Arit-Androiden, die jedoch keinerlei Notiz von ihnen nahmen, es schien, als ob sie für die künstlichen Geschöpfe unsichtbar waren. Seth führte ihn immer tiefer in das Zentrum Kemets und schließlich wusste Osiris, wo sie sich befanden, vor ihnen lagen seine privaten Gemächer, die er mit Isis teilte, sofern er seinen Körper benutzte.

Der tierköpfige Kemete wartete inzwischen, bis er an ihn herangetreten war, und umarmte ihn nun kurz. Dann fragte er nochmals:

Willst du dir das wirklich antun, Bruder?

Osiris fühlte sich inzwischen gereizt. Wortlos stieß er seinen Bruder zur Seite und öffnete das kleine Energieschott, das einen Nebenzugang zu seinen Räumen bot.

Auf eine unerklärbare Weise war die Wand, die sich zwischen Osiris und Isis befand, transparent. Osiris konnte jede Einzelheit erkennen und das, was er sah, brachte sein Blut zum Kochen.

Seine Gefährtin, die Göttin der Liebe und der Wiedergeburt, schien ihre Funktionen wortwörtlich zu nehmen. Auf einer Ottomane, in voller Blüte ihrer Schönheit, lag sie in den Armen von … Apophis … und erniedrigte sich und den Kampf für das Licht. Osiris hob die Hand und wollte gerade in den Raum stürzen, irgendwie wusste er, dass die transparente Wand kein Hindernis für ihn sein würde, als Seth ihn zurückhielt. Er deutete ohne ein weiteres Wort auf den Schatten, der aus dem Hintergrund trat – AMUN, der verräterische Kosmokrat, dem die Kemeten wie einem Gott gefolgt waren.

Seine Hand umfasste plötzlich einen höchst materiellen Gegenstand, der einen Schauer blinder Wut durch seinen Körper schickte. Mit einem Blick registrierte er, dass Seth einige Schritte zurückgetreten war und ihn lauernd beobachtete. Ein zweiter Blick galt der schweren Kriegsaxt aus einem goldglänzenden Metall, die er plötzlich in der Hand hielt. Es war, als ob die schwere Axt ihn durch die Wand ziehen wollte, einem Blutbad entgegen.

Wieder glitt sein Blick zu Seth. Die ganze Szene schien ins Surreale abzugleiten. Hier passte nichts zusammen!

Seth … Isis … AMUN … Apophis?

Plötzlich wurde alles klar, die Illusion zerriss. Für einen Moment registrierte er die Umgebung, in der sich noch immer Landarbeiter gegenseitig massakrierten, doch dann umfing ihn gnädige Ohnmacht.

Die Auferstehung der Bestien: Icho Tolot

Mein Kleines, warte, ich helfe dir!

Mit diesen Worten wollte der halutische Gigant den sich krümmenden Arkoniden mit seinen Handlungsarmen aufnehmen, um ihn vor weiteren Attacken des durchgedrehten Konzeptes zu schützen. Tolot beugte sich nach unten, doch da war kein Atlan mehr. Genaugenommen war da gar niemand mehr. Der Haluter befand sich im Nichts, genauer gesagt, er fiel ins Nichts.

Plötzlich erschien vor ihm ein humanoides Wesen – die bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Karikatur von Sanna Breen.

Willst du deine wahre Natur kennenlernen und dein Kind retten?

Der Haluter starrte das Konzept ungläubig an.

Kind … Kind? Wieso Kind? Ich habe kein Kind!

Die unwirkliche Erscheinung Sanna Breens schwieg einen Moment, doch dann änderte sich die Umgebung. Vor ihm bildete sich ein Planet aus dem Schwarz des Nichts, der immer mehr sein Gesichtsfeld ausfüllte. Innerhalb seines Plangehirns verbanden sich vergessene Synapsen, wurden längst vergrabene Informationen an die Oberfläche geholt. Die Oberfläche des Planeten schien nun förmlich auf ihn zuzuspringen und füllte das gesamte Umfeld aus. Jetzt fügten sich die Informationen zusammen und er erkannte, um welche Welt es sich handelte – Volterhagen, den zweiten Planeten des Temonth-Systems in der Heimatgalaxie der Laren. Und nun wurde ihm auch klar, dass er sich in der Vergangenheit des Jahres 3581 alter Zeitrechnung befand. Vor sich sah er einen Haluter, der ein halutisches Baby auf seinen Handlungsarmen trug und mit seinem Körper schützte. Wieder machte er einen virtuellen Sprung und befand sich plötzlich direkt vor dem Haluter. An der fleckigen, grünen Hautfarbe war erkennbar, dass es sich um den Elter des Babys handeln musste. Je länger er den Haluter beobachtete, um so mehr hatte er den Eindruck, dass er diesen kennen musste. Schließlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen:

Der Elter war er selbst, demzufolge handelte es sich auch um sein Kind.

Die ganze Szenerie war ihm plötzlich gegenwärtig, er hatte sie bereits mehrmals erlebt. Um ihn herum röhrten die ionisierten Entladungstrichter hochenergetischer Thermowaffen. Das fahlgrüne Leuchten von Desintegratorstrahlern umgab ihn. Er war plötzlich eins mit seinem Zeitzwilling. Er spürte in sich die Liebe, den unbändigen Willen, sein Kind notfalls mit seinem Leben zu beschützen. Doch gleichzeitig wusste er, dass alles vergebens war. Das Universum hatte sich gegen ihn verschworen. Er war zwar unsterblich, doch sein Kind, seine Zukunft war bereits zum Tode verurteilt, nie wieder würde er neues Leben aus sich gebären können. Sein Planhirn trennte plötzlich die Verbindung zum Ordinärhirn, nur um wenig später seine Schlussfolgerungen wieder wie Dolche in sein Ordinärhirn zu stoßen:

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass durch ein Schwarzes Loch die Geburt deines Kindes ausgelöst wird?

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass du exakt in der Geburtsstunde, in der das Kind absolut hilflos ist, mit überlegenen Waffen angegriffen wirst?

Wie wahrscheinlich ist es, dass bei der Flucht durch einen Transmitter, ausgerechnet das Kind tödlich getroffen wird, obwohl du es mit deinem Körper schützt, während schwächliche Lebewesen, wie beispielsweise Seadelaere, dem Feuersturm unversehrt entkommen?

Das Planhirn machte eine kurze Pause, die Tolots Ordinärhirn zur Antwort nutzte:

NULL, nahezu NULL!

Das letzte Wort hatte er geradezu hinausgebrüllt. In dieses Wort legte all seinen Schmerz, seine Trauer und die Wut, die langsam unter seiner friedlichen Oberfläche zu keimen begann. Er fühlte, wie er sich wieder von seinem Zeitzwilling geistig trennte. Plötzlich fühlte er, dass ein anderer Geist ihn berührte.

Ja, Tolotos, du bist Elter gewesen, doch dein Kind durfte nur wenige Zeiteinheiten leben. Selbst die Erinnerung, die Möglichkeit zu trauern, wurde dir genommen. Tolotos, sage mir, hat sich dein Leben gelohnt? Dein Kind ist tot, niemals mehr wirst du die Gelegenheit haben, deinem Erbe die Schönheiten und die Geheimnisse des Universums zu zeigen, nie wirst du stolz darauf sein können, wenn dein Kind zum ersten Mal die Verbindung zwischen Planhirn und Ordinärhirn herstellen kann. Nie wirst du die Freude spüren, deinem Kind bei der ersten Strukturumwandlung beizustehen. Niemals, Tolotos! Welchen Sinn hat dann dein Leben eigentlich?

Der schwarze Gigant fiel in sich zusammen. Die Umwelt von Volterhagen, sein jüngerer Zwilling in der Zeit, das tote Baby, Gucky, Alaska – alle verschwanden wieder in der Unendlichkeit, im Nichts.

Er war wieder allein, allein mit sich und seiner Trauer, mit der Erinnerung an ein Kind, dem er nicht einmal einen Namen geben konnte – und mit der sich immer weiter ausbreitenden Wut. Um ihn war wieder das Nichts. Schwärze umgab ihn und mit jedem Atemzug im Nichts atmete er Wut, unbändige, alles verschlingende Wut.

Dann war da wieder die Stimme.

Ich kann dir helfen, Tolotos. Du kannst die Vergangenheit ändern, du musst nur wollen! Komm mit, folge mir in die Tiefen deiner Seele.

Wieder hatte Tolot das Gefühl in einen endlosen Schacht zu fallen, während sich diesmal um ihn plötzlich die Sterne und Galaxien mit rasender Geschwindigkeit drehten.

Tiefer, tiefer, zurück in die Vergangenheit!

Seine Wahrnehmung konzentrierte sich auf eine Kugel, die inmitten unzähliger anderer Kugeln in der Unendlichkeit schwebte. Für seinen Geist schienen keine Grenzen zu existieren, er wusste plötzlich, wo er sich befand.

Vor ihm stand die 7. Flotte der Zeitgerechten regungslos im Raum, die später den Kern der endgültigen Besiedlung Haluts bilden sollten. Wieder durchdrang sein Geist physikalische Barrieren und wurde magisch von einem Koloss angezogen, der mitten in der Zentrale des 1700 Meter durchmessenden Superschlachtschiffes stand. Auch ohne eine Bemerkung dieser geheimnisvollen Stimme wusste er, woher auch immer, wer ihm gegenüberstand – einer der Alten, der ganz am Anfang seiner Elter-Vorfahren stand.

Tolotos, willst du dein Kind wiedersehen? Opfere die Nachfahren der Zeitverbrecher der Zukunft deines Kindes. Übermittle Somtor Volur die Koordinaten von Scrimor, du brauchst nur daran denken, und dein Kind wird leben. Tue es Tolotos, was hast du zu verlieren?

In seinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Ordinär- und Planhirn kämpften um die Vorherrschaft, doch die kalte Logik des Planhirns brachte schließlich die Entscheidung.

Ich werde um mein Kind trauern, doch niemals, niemals werden die Bestien auferstehen!

In dem gleichen Moment, als Tolot diesen Entschluss fasste, fiel die Illusion in sich zusammen und die physische Gestalt des schwarzhäutigen Giganten stürzte auf den Boden einer Welt, die nur in den Gedanken einer Entität Wirklichkeit geworden war.

Gnädige Schwärze umfing einen Geist, der zutiefst verletzt war … und der Geist träumte, träumte von dem ersten Ausflug ins All, träumte vom gemeinsamen Bad in den Ammoniakozeanen eines Mondes, träumte davon, Hand in Hand, nur vom Sonnenwind getrieben, sich in die Tiefen des Alls treiben zu lassen … und die Seele des verletzten Riesen heilte …

Die Herrin der Sterne: Atlan

Der Dagor-Fußstoß, der Sanna Breen galt, hätte ihre Halswirbelsäule zertrümmert … – wenn er getroffen hätte! Doch, und diesem Umstand war ich so unsagbar dankbar, es gab keine Sanna Breen mehr.

Um mich verschwand die Umgebung – was ich bereits kannte – und mein Geist schien plötzlich körperlos geworden zu sein. War ich gestorben?

Nein, das konnte nicht sein, ich konnte denken, nahm meine Umwelt wahr, und auch mein Extrasinn war vorhanden, wie mich seine sarkastische Bemerkung lehrte:

Dieser Kosmotarch und sein Konzept scheinen durchzudrehen, du Narr!

Vor mir öffnete sich ein Fenster im Nichts, einem Kugelsektor gleich, das mich zu einem Planeten hinzog und plötzlich war ich innerhalb eines kleinen Jägers, während ich mich gleichzeitig von außerhalb über meine körperlose Form beobachtete, unbeteiligt, als ob ich ein Dritter wäre …

Bildschirme und Oszillografen zeigten eine Vielzahl von Raumschiffen in unmittelbarer Nähe des Moskito-Jägers. Die Intensität der Ausstrahlungen wurden jedoch fast vollständig von den Impulsen der IMPERATOR überlagert. Ich korrigierte den Kurs des kleinen Schiffes.

So, jetzt brauchen wir nur noch darauf zu warten, dass das USO-Schlachtschiff losfliegt.

Ich spürte Mironas Blick in meinem Nacken und ließ einen Ausschnitt des Bildschirms aufleuchten. Die Wiedergabe zeigte den freien Raum zwischen zwei Maahk-Verbänden.

Hier werden wir durchstoßen. Alurin wird sein Schiff an dieser Stelle, durch den Sperrgürtel steuern. Die Maahks werden an eine Landung glauben, aber Alurin wird ihren Protesten zuvorkommen und dorthin wieder zurückkehren, wo die Maahks ihn sofort erreichen können. Das wird unsere Freunde beruhigen.

Sie denken wohl an alles?

Ich gebe mir Mühe. Außerdem war die Landung auf Tamanium Ihr Vorschlag, Mirona!

Sie antwortete nicht, weil sie sah, wie ich mich nach vorn beugte und die Steuerung umklammerte. Der große helle Fleck auf dem Bildschirm, der die IMPERATOR darstellte, wanderte mit großer Geschwindigkeit nach links.

Ich beschleunige jetzt, es wird am besten sein, wenn wir uns um die anderen Schiffe nicht mehr kümmern. Jetzt interessiert uns nur noch Tamanium!

Ich nahm einige Schaltungen vor. Ein Teil des Bildschirms wurde jetzt durch den Zentralplaneten der MdI ausgefüllt.

Sobald wir gelandet sind, schalten wir unsere Schutzschirme ein, vergessen Sie nicht, dass viele der erwachten Ungeheuer aus dem Museum der Meister der Insel noch am Leben sind!

Die Tefroderin hatte mir die Stelle beschrieben, an der ich landen musste. Sie lag nur wenige Kilometer von dem unterirdischen Museum entfernt. Hier befand sich auch ein großer Teil der wichtigen Anlagen. Es erschien mir logisch, dass die gesuchte Geheimpositronik in diesem Gebiet errichtet worden war.

Was war das? War ich er, oder war er ich? Ich wusste zwar, wo ich war und was gerade ablief, aber gleichzeitig beobachtete ich mein anderes Ich wie ein völlig Fremder. Wurde ich schizophren?

Wieder dehnte sich mein Bewusstsein aus und wieder war ich er und gleichzeitig ich. Was sollte das alles, ich hatte das doch schon unzählige Male erlebt, verdammt dazu, immer und immer wieder durch die gleiche Hölle zu gehen …

Wir können aussteigen, bemerkte ich.

Ich erhielt keine Antwort und schaute zurück. Die Tefroderin kauerte auf ihrem Sitz und blickte zum Waldrand hinüber.

Warum so nachdenklich? erkundigte ich mich. Niemand hat unsere Landung bemerkt. Wir können uns ungestört auf die Suche machen.

Sie streifte mich mit ihren Armen, als sie den Moskito-Jäger verließ. Ihre unmittelbare Nähe verwirrte mich. Ich musste mich gewaltsam dazu zwingen, sie nicht an mich zu reißen. Ich beobachtete, wie sie mit graziösen Bewegungen ins Freie kletterte, und folgte ihr. Ihr schwarzes Haar schimmerte metallisch im Licht der tief stehenden Sonne. Sie beschattete ihr Gesicht mit einer Hand, um besser sehen zu können.

Diese Stille macht mich nervös, sagte sie. Außerdem ist es ein komisches Gefühl, allein mit Ihnen auf diesem Planeten zu sein, Admiral.

Auf Tamanium war es tatsächlich ungewöhnlich still. Ich konnte das Flirren der Blätter im leichten Wind hören. Irgendwo knackte es im Unterholz. Ein Schwarm goldgelber Insekten schwirrte vorüber. Der Boden war von einem moosartigen Pflanzenteppich bedeckt. Ich hörte, wie die Tefroderin tief die warme Luft einatmete.

Das ist eine Welt, nach der man sich sehnen könnte, wenn man jahrelang auf einem industrialisierten Planeten gelebt hat, zwischen Fabriken, Häuserschluchten und dem Verkehrsgewühl der Großstädte, sagte sie. Ich hätte nicht geglaubt, dass die Meister der Insel soviel Schönheitsempfinden besitzen, um eine solche Welt auszuwählen.

Man lernt seine Gegner nie richtig kennen, antwortete ich.

Sie machte ein paar übermütige Sprünge und winkte mir zu. Ihr Haar flog, als sie den Kopf zurückwarf. Ich spürte, wie meine Leidenschaft für diese Frau die Gedanken umnebelte. Ich rannte ihr nach. Sie schlug einen Haken und entkam meinen Händen. Ich errötete, als ich daran dachte, wie kindisch ich mich benahm.

Mirona Thetin war ein paar Schritte von mir entfernt stehen geblieben und atmete schwer.

Nun los, Admiral, lachte sie herausfordernd. Bringen Sie Ihre langen Beine in Schwung.

Wieder wurde mir bewusst, dass ich mich selbst beobachtete. Mein Bewusstsein trennte sich wieder und verfolgte den weiteren Ablauf. Es war alles wie immer. Zuerst die Hoffnung, das Hochgefühl …

Und wieder war ich er, oder war er ich?

Ich ging langsam auf sie zu. Sie blieb stehen und beobachtete mich mit zur Seite gelegtem Kopf. Als ich sie umarmte, wehrte sie sich nicht, aber sie schaute mich mit einem Blick an, der mich veranlasste, sie wieder freizugeben.

Ich habe ein komisches Gefühl, sagte sie. Es ist, als würde uns jemand beobachten.

Unsinn, entgegnete ich harsch. Niemand ist hier.

Wieder wurde mein Bewusstsein von meinem früheren Ich getrennt. Noch nie war mir die Doppeldeutigkeit der Aussage meiner toten Geliebten aufgefallen, aber jetzt brannte sie sich quälend in meinen Geist.

Hatte ich mich schon immer selbst in meiner schwärzesten Stunde beobachtet?

Ich wusste es nicht. Und wieder ging das vorbestimmte Schauspiel weiter, mit mir in der Hauptrolle …

Woran denken Sie, Admiral? unterbrach ihre Stimme meine Gedanken.

An Sie, erwiderte ich.

Sie faltete den Plan zusammen und schob ihn in die Gürteltasche zurück.

Ich habe mich soeben entschlossen, die Suche nach der Geheimpositronik aufzuschieben, sagte sie.

Ich starrte sie an. Die großen Scheinwerfer über der Plattform verliehen ihrem braunen Gesicht einen eigenartigen Reiz. Ich sah, dass ihre Lippen bebten, und machte einen Schritt auf sie zu.

Warten Sie, Admiral! stieß sie hervor. Hier gibt es bestimmt einen behaglichen Wohnraum. In dieser technisch perfekten Umgebung könnte ich Sie nicht küssen.

Ich folgte ihr von der Plattform in einen beleuchteten Gang. Überall standen Transportwagen und Roboter. Ausgedehnte Rohrleitungssysteme führten unter der Decke entlang. Das Summen unsichtbarer Maschinen vermischte sich mit dem Rauschen des Blutes in meinen Ohren.

Ich bin ihr völlig verfallen! Aber ich empfand keine Bestürzung bei diesem Gedanken,

eher eine gewisse Befriedigung. Es war ein Gefühl, das mich gleichzeitig beschwingte und demütigte. Ich nahm die Umgebung kaum wahr, denn meine Augen blieben ausschließlich auf die Tefroderin gerichtet. Sie blieb stehen und stieß eine Tür auf.

Ein Maschinenraum! sagte sie enttäuscht. Wir suchen weiter.

Wir bogen in einen kleineren Seitengang ein. Beim nächsten Versuch hatten wir mehr Glück und betraten einen quadratischen Raum, dessen eine Wand aus einer simulierten Aussicht auf ein lang gestrecktes Tal bestand. An einer anderen Wand stand ein gläserner Schrank mit eigenartig geformten Holzfiguren.

Epoche des Kalgar-Evon, murmelte sie, als sie eine der Figuren vorsichtig berührte. Wer immer das gesammelt hat, war ein Mensch mit Verständnis für die Kunst.

Ich stand inmitten des Raumes und sah zu, wie sie die Figuren bewunderte.

Wir können sogar Musik machen, sagte sie erfreut und deutete auf zwei spulenförmige Behälter an den Wänden.

Ich glaube jedoch kaum, dass diese Art Musik Ihrem Geschmack entspricht, Admiral.

Wie so oft, stand ihr Tun im Gegensatz zu ihren Worten, denn noch während ihrer Bemerkung schaltete sie die Geräte ein. Eine schwermütige Melodie, gespielt von unbekannten Instrumenten, klang durch den Raum und zog mich in ihren Bann.

Ich bin nicht wegen dieser Geheimpositronik gekommen, sagte sie plötzlich und kam auf mich zu.

Ich auch nicht, entgegnete ich.

Die Musik trat in den Hintergrund, der Raum versank im Nichts.

Ich blickte auf mein früheres Ich, das der Tefroderin – nein Faktor I, verbesserte ich mich selbst – voll in die Falle ging … oder gehen wollte?

Was geschah hier mit mir? Irgendetwas war anders, völlig anders als in meinen Erinnerungen. Ich hatte diese Szene unzählige Male erlebt, immer und immer wieder in meinen Gedanken, meiner Erinnerung, unfähig auch nur die geringste Einzelheit zu vergessen.

Doch jetzt war es anders, völlig anders als in meinen Erinnerungen. Eher nebenbei registrierte ich, dass ich wieder eine Einheit mit meinem früheren Ich bildete, er war ich oder war ich er?

Egal, das konnte keine Erinnerung, kein Traum sein. Meine Hand spürte durch das Material ihrer Kombination das feste Fleisch ihres Busens, spürte, wie die Brustwarzen sich versteiften, während gleichzeitig ihre Zunge ungestümen Einlass in meinen Mund forderte. Unwillkürlich verkrampften sich meine Hände, was ihr eine unwillige Reaktion entlockte.

Du tust mir weh, Admiral!, hauchte sie mir ins Ohr, bevor sich ihre Hände mit den Magnetverschlüssen meiner Kombi beschäftigten.

Dann existierte nur noch sie für mich,

Mirona Thetin, die Tefroderin.

Die Erinnerung wurde zur Wirklichkeit und die Wirklichkeit hatte sich verändert.

Das Glücksgefühl, das ich beim Erwachen empfand, wich der Bestürzung, als ich feststellte, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Mein Körper war wie paralysiert.

Wieder wach, Admiral?

Ihre Stimme klang so vertraut, als würde ich sie schon seit Jahrtausenden kennen. Ich konnte allerdings noch nicht einmal reden. Da beugte sich ein Gesicht über ihn.

Mirona!

Obgleich ich rufen wollte, blieb es beim Aufschrei meiner Gedanken.

Ich liebe dich, Admiral!

Ich konnte spüren, wie sie im Raum auf- und abging. Als sie wieder vor mir stand, hatte sie ihren Schutzanzug halb geschlossen.

Ich bin dir unendlich dankbar, Admiral!

Täuschte ich mich, oder schwang Trauer in ihrer Stimme mit?

Ohne deine Hilfe wäre alles verloren gewesen.

Ich begriff ihre Worte nicht. Meine Blicke waren eine stumme Frage.

Du musst mich wirklich lieben, dass du noch immer nicht verstehst!

Ihr Gesicht kam dem meinen sehr nahe, und ich roch ihr herbes Parfum.

Wieder wurden unsere Geister auseinandergerissen. Es war unbedeutend, aber ich wusste auch so Bescheid, welche Enthüllung sie mir gerade machen wollte. Doch warum, warum nur dieses ganze Theater?

Warum quälte man mich mit der Erinnerung an mein Schicksal, an meine verlorene Liebe?

Und wenn diese nicht verloren ist, was dann du Narr?

Plötzlich ergab das Ganze einen Sinn für mich, mein Extrasinn hatte die einzig mögliche Erklärung gefunden.

Plötzlich war mein Geist wieder mit meinem früheren Ich verbunden. Ich durchlebte den weiteren Ablauf, wie im Zeitraffer, es schien, als ob alles auf die Katastase der Tragöde zulaufen würde: dem Speerwurf!

Während du schliefst, habe ich mich ein bisschen umgesehen, der Zeittransmitter ist zwar beschädigt, aber ich kann ihn reparieren.

Ich gehe zurück in die Vergangenheit. Genauer gesagt, in das Jahr 1971. Ich werde auf dem Mond des dritten Planeten des Solsystems landen und dort einen arkonidischen Forschungskreuzer vernichten.

Was bietest du mir? Einen Planeten für zwei Galaxien! Ein armseliges Einsiedlerleben gegen die Macht über zwei Imperien!

Prinzipien? Was hast du von deinen Prinzipien? Kannst du mit ihnen leben? Ernähren sie dich? Geben sie dir Macht? Küssen und umarmen sie dich?

Ich gehe jetzt zum Zeittransmitter und beginne mit der Reparatur. Willst du mich in die Vergangenheit begleiten?

Ich hörte ihre Schilderung, wie sie die Macht in Andromeda an sich gerissen, wie sie die sechs Rebellen getötet hatte und er verglich diese gleichzeitig mit dem, was ich viel, viel später von ihrer Halbschwester Ermigoa und ihrem Vater Selaron Merota erfahren hatte.

Vor zwanzigtausend Jahren rissen dreizehn reinrassige Lemurer die Macht an sich. Von Anfang an gelang es mir, meine wahre Identität zu verbergen. Schließlich erfuhren sechs MdI, wer ihr Anführer war. Ich habe sie alle sechs ermordet. Seit dieser Zeit beherrschten meine sechs verbliebenen Untergebenen und ich ganz Andromeda. Ein unbekannter Wissenschaftler der Alt-Lemurer hatte Zellaktivatoren angefertigt, die sich beim Anlegen auf die Körperfrequenz des Trägers einstellten.

Nichts, absolut nichts passte zusammen.

Mirona sprach von insgesamt 13 Renegaten, die ursprünglich die Macht in Andromeda an sich gerissen haben sollten. Von ihrer Mutter, die ursprünglich diese Rebellion angeführt haben sollte, war keine Rede, noch viel weniger von ihrem Vater oder einer Schwester.

Nochmals rief ich mir die wichtigsten Aussagen der Selaron-Fragmente aus meinem fotografischen Gedächtnis, die aus einem Speicherkristall, der im Besitz von Ermigoa gefunden wurde, entschlüsselt werden konnten.

Die Lemurerin Agaia Thetin entdeckte gemeinsam mit dem Wissenschaftler Selaron Merota mehr als 20 000 Jahre nach dem Rückzug der Lemurer aus der Milchstraße auf einem Planeten der Sonne Luum in der südlichen Randzone von Andromeda in einem von Eingeborenen als Tempel benutzten Bauwerk den sogenannten Atem der Schöpfung; ein heilendes Strahlungsfeld, das bei Verletzungen eine Zellregeneration bewirkte und ganz allgemein eine lebensverlängernde Wirkung hatte.

Selaron zeugte mit Agaia die Tochter Mirona und mit der Eingeborenen Ermia die Tochter Ermigoa. Er wurde zum Schmied der Unsterblichkeit: In jahrzehntelanger Arbeit gelang es ihm, dieses Feld sozusagen in Zellaktivatoren zu bündeln. Agaia wurde als Faktor I zum Kopf einer Rebellion gegen das Tamanium in Andromeda.

Später tötete Mirona ihre Mutter, indem sie deren Zellaktivator zu einem Experiment missbrauchte, und übernahm deren Rolle als Faktor I der Meister der Insel. Während Ermigoa und Selaron fliehen und sich verbergen konnten, riss sie die Macht in Andromeda an sich …

Demzufolge hätte es nach den Selaron-Fragmenten insgesamt 16 Zellaktivatoren gegeben, wogegen Mirona mir gegenüber nur von 13 gesprochen hatte.

Und Mirona hatte keinerlei Grund gehabt, zu lügen. Sie befand sich in der Situation der absoluten Überlegenheit, hatte dich paralysiert und war auf dem Weg zu ihrem endgültigen Triumph.

Aber das alles geriet in Vergessenheit: Larenherrschaft, Provcon-Faust, Aufbruch mit der SOL. Während in der Milchstraße nach der Rückkehr von Terra und Luna das Unternehmen Pilgervater für eine Neubesiedlung der Erde sorgte, verschlug es mich jenseits der Materiequellen zu den Kosmokraten, später erneut auf die SOL und schließlich in die Rolle des Orakels von Krandhor. Nie hatte ich Zeit und Muße besessen, die überlieferte Geschichte der Meister der Insel zu reflektieren. Jeder Gedanke daran barg auch die Erinnerung an meine verlorene Liebe.

Und es gibt noch eine dritte Version, meldete sich mein Extrasinn. Das macht die ganze Geschichte noch verrückter.

Ja diese Version, die uns ES, die damals angeblich geistig verwirrte Superintelligenz, im Jahre 1173 NGZ anlässlich der sogenannten Zeitschau auf dem Planeten History aufgetischt hatte.

ES berief nach dieser Version, die nach Andromeda ausgewanderten Lemurer zu seinen Helfern und zum beherrschenden Volk der Lokalen Gruppe. Er setzte ihnen eine Frist von zwanzigtausend Jahren, bis in der Milchstraße aus den Nachkommen der Lemurer ein neues Hilfsvolk herangereift sei. Ernst Ellert soll als Bote von ES dem lemurischen Wissenschaftler Nermo Dhelim vierzehn zylindrische Zellaktivatoren übergeben haben, die sich innerhalb einiger Tage irreversibel auf ihre Träger einstellten.

Nermo Dhelim trug eines der Geräte selbst und übergab ein weiteres seiner Tochter Ermigoa. Seine Geliebte, die Tamrätin Mirona Thetin, erfuhr von den Zellaktivatoren und raubte die zwölf freien Geräte. Danach tötete Mirona Thetin Dhelim, indem sie ihm seinen Aktivator abnahm. Dieser explodierte daraufhin. Während sich Ermigoa verbergen konnte, fand Mirona Thetin in den folgenden Jahren elf Verbündete, denen sie die verbliebenen Aktivatoren übergab: die Meister der Insel.

Welche Version entsprach nun der Wahrheit? Gab es diese überhaupt? Bevor ich mich weiter mit diesem Widersinn beschäftigen konnte, verblasste meine Wahrnehmung, ich wurde wieder eins mit der jüngeren Version meines Selbst. Was sollte das?

… Krantar, der Barbar …

… das Angebot sie zu verstecken …

… der Kampf vor dem Transmitter …

… das Rohr, das ihn mit anderen Trümmern unter sich begrub …

… Mirona, die auf den Transmitter zuging …

… sein vergeblicher Versuch, sie mit dem Kombistrahler zu stoppen …

… dann Krantar, der ihn von den Trümmern befreite …

… der Mord an Krantar …

… der Wille zur Macht …

… die Macht der Liebe …

… der Schutzschirm …

… der Speer …

… Die Liebe …

Ich nahm ihr Bild in sich auf. Gegen den dunklen Hintergrund der Transmitteröffnung wirkte sie wie eine ausgestanzte Silhouette. Ich fühlte einen Druck auf meinem Körper, als legten sich unsichtbare Hände auf mich. Rote Schleier tanzten vor meinen Augen. Ich merkte, dass ich mich bewegte, als habe ein Unsichtbarer die Kontrolle über meine Muskeln übernommen.

Ich holte weit mit dem rechten Arm aus. Ich fühlte, wie er sich anspannte, wie alle Kraft, die noch in ihm war, in den rechten Arm strömte. Diese Konzentration war fast unheimlich; denn ich hatte sie niemals zuvor an mir beobachtet.

Irgendwann einmal in der Vergangenheit hatte ich als Gladiator in einer römischen Arena gestanden. Das Bild in meiner Erinnerung belebte sich, und ich erinnerte mich an den riesenhaften Nubier, der mir als Gegner entgegengetreten war. Ich vermeinte sogar den Staub zu riechen, einen Staub, der von Blut und Schweiß getränkt war und in den Augen brannte. Da war der Lärm der Zuschauer, das Auf- und Abschwellen ihres Gebrülls und die Rufe der Wächter an den Ausgängen. Ich vermeinte, die riesigen Füße meines Gegners über den Boden schleifen zu hören, während das Netz in seiner Hand raschelte.

Und dann, mit einem plötzlichen Wechsel, verblasste das Bild aus der fernen Vergangenheit.

Mirona…. der Speer….Mirona….

Die Zeit schien stillzustehen. Meine Hand fühlte das Holz des Speeres. Mir war, als ob sich mein Tastsinn bis in die molekulare Ebene erstreckte. Hier eine Scharte … da ein Rest Rinde … noch eine Unebenheit … ein Spleiß, der sich in meinen Handballen bohrte …

Die Zeit, das ganze Universum schien stillzustehen, abzuwarten!

Der Speer….Mirona….Der Speer

Mein Geist versank in einem Kaleidoskop von aufeinanderfolgenden Bildern, während nach wie vor meine gesamte Kraft in die Einheit aus rechten Arm und dem durch meine Hand umklammerten Speerschaft strömte.

Blackout!

Die nackte Frau erhob sich von der Liege und blickte auf den bewusstlosen Mann, dessen Züge sich entspannt, dessen Lippen sich zu einem glücklichen Lächeln verzogen hatten.

Leb wohl, Admiral, flüsterte sie, bevor sie sich nochmals über den regungslos Daliegenden beugte, ihn küsste und sein Gesicht streichelte. Dann ergriff sie die bereitliegende Kombination und begann sich anzukleiden. Ihr Blick blieb sehnsüchtig an der kleinen Hygienekabine hängen, aber es war zu spät, sie hatte bereits viel zu viel Zeit mit dem Arkoniden verbracht. Doch der noch immer ohne regungslos Daliegende zog sie wie magisch an. Sie wusste, die kurze Zeit des gemeinsamen Glücks war vorüber, unwiderruflich, doch sie wollte es noch nicht wahrhaben. Wieder streichelte sie ihn und wickelte eine Haarsträhne, die ihm ins Gesicht fiel, um ihre Hand.

Es ist Zeit, Admiral! Wach auf, der Schock deines Lebens steht dir bevor.

Dann bemerkte sie, wie die Augen des Gelähmten zuckten, er war aufgewacht. Jetzt galt es, das Spiel weiterzuspielen.

Wieder wach, Admiral?, fragte die Tefroderin.

Blackout!

Willst du mich in die Vergangenheit begleiten?, fragte Mirona.

Nein, antwortete der Arkonide.

Sie beugte sich über ihn und küsste ihn.

Leb wohl, Admiral! sagte sie sanft.

Er konnte nicht sehen, wie sie hinausging, weil er den Kopf nicht wenden konnte. Aber er hörte ihre Schritte. Es waren die festen Schritte einer zu allem entschlossenen Frau.

Es war an der Zeit, ihren letzten Trumpf auszuspielen. Nochmals überdachte sie ihren Entschluss, aber sie hatte keine Wahl, wenn sie nicht alles aufgeben wollte, für das ihr bisheriges Leben stand. Gut, sie konnte kapitulieren, aber was für ein Leben würde sie erwarten?

Nein, zur Kapitulation war sie nicht geschaffen, auch nicht dazu, sich in die völlige Abhängigkeit von einem Mann zu begeben, auch wenn dieser Atlan hieß. Wenig später aktivierte sie einen ihrer besonderen Doppelgänger, die genau für diesen Zweck an ausgewählten Orten über ganz Andromeda verteilt waren.

Blackout!

Vor dem kleinen Schiff tefrodischer Bauart lag ein blauer Planet, der von einem großen, atmosphärenlosen Mond umkreist wurde. Das kleine Schiff ging im Schutz seines Deflektorfeldes in einen engen Orbit um den Trabanten.

Blackout!

Aus den Tiefen des interplanetaren Raumes nahm ein 500 Meter durchmessender Kugelgigant, der auf der Höhe des fünften Planeten aus dem Nichts gefallen war, Kurs auf den dritten Planeten. An Bord befanden sich groß gewachsene Humanoide mit weißen Haaren und roten Augen, die sich jedoch, bis auf zwei Ausnahmen, ausschließlich für die Simultanprojektoren der Fiktiv-Spiele interessierten.

Blackout!

Der Kugelgigant schwenkte in eine Landeparabel ein, die am Boden eines Meteoritenkraters am Südpol des Mondes enden sollte. Doch während das Landemanöver eingeleitet wurde, schlug aus dem Nichts ein Impulsstrahl in den Ringwulst und machten das Schiff manöverunfähig. Der Gigant stürzte unkontrolliert ab und rasierte dabei das Ringgebirge des Kraters ab. Umfangreiche Schäden waren die Folge.

Blackout!

Die schwarzhaarige Frau mit der samtfarbenen Haut starrte wie paralysiert auf die Bildübertragung, die den abgestürzten Kugelraumer zeigte. Von ihrer engen, figurbetonten Kombination mit dem goldenen Symbol der verbundenen Galaxien perlte die Flüssigkeit ab, die aus dem zersplitterten Glas rann, das sie in der linken Hand hielt. Der weiße Wein mischte sich mit dem Blut, das aus zahlreichen Schnittwunden tropfte und rote Streifen auf dem silberfarbigen Material der Kombination hinterließ. Minuten um Minuten vergingen, während die ehemalige Herrin der Sterne auf das havarierte Schiff starrte. Die rechte Hand ruhte auf den Kontrollen des Gegenpolwaffensystems, welches das endgültige Verderben für den Kugelraumer bringen würde.

Nur ein Knopfdruck, nur eine minimale Bewegung der rechten Hand, und die Zukunft, die bekannte Geschichte des Universums wäre Vergangenheit, ungeschehen für alle Zeiten.

Doch nichts geschah. Die Hand bewegte sich nicht. Das Universum blieb in seiner gewohnten Form erhalten. Tage später, nachdem sie den Start und die anschließende Landung eines kernchemisch angetriebenen, dreistufigen Raumschiffes beobachtet hatte, beschleunigte das Schiff und verschwand zwischen den Sternen.

Der Kreis hatte sich geschlossen. Oder war es bereits der Beginn eines anderen Kreises?

Ich warf.

Der Speer erzeugte einen hohen, summenden Ton, als er davonflog. Sein Schaft zitterte. Ich taumelte nach vorn, mitgerissen von der Wucht meiner Armbewegung. Der Speer bohrte sich in die Brust der Lemurerin. Ich sah, wie die Hände meiner Gegnerin hoch zuckten und den Speerschaft umklammerten. Dann brach sie zusammen.

Ich sank vor ihr nieder und sah, dass sie noch lebte. Blut drang aus ihrem Mund. Ihr Gesicht war blass, es bildete einen eigenartigen Kontrast zu den dunklen Haaren.

Sie versuchte mir zuzulächeln, aber der Schmerz machte eine Grimasse daraus.

Ich hätte dich töten können, Admiral!

Ich konnte ihr schwaches Murmeln nur schwer verstehen.

Sie drückte den roten Knopf, und der Abwehrschirm legte sich um den Transmitter. Der Platz, von dem ich den Speer geworfen hatte, lag unmittelbar unter der Energieglocke. Ich wusste, dass mich ein unmittelbarer Aufprall der Energie sofort getötet hätte. Mirona hatte die Gelegenheit, mich zu vernichten, ungenutzt verstreichen lassen.

Ich habe oft gelesen, dass der Tod Frieden bringt, Arkonide. Für mich bedeutet er nur das Ende von allem, was mir wichtig erschien.

Oder der Anfang von etwas völlig Neuem, ergänzte mein Extrasinn lautlos.

Wieder wurde mein Geist getrennt, doch diesmal stürzte ich zurück ins Nichts und fand mich in meinem Körper wieder. In meiner Nähe lagen Tolotos und Osiris, die beide anscheinend bewusstlos waren.

Ich richtete mich langsam auf und schaute mich um, nur um in ein grinsendes, rotes Albtraumgesicht zu blicken.

Pest und Cholera: Prosperoh!

Auf den ersten Blick wirkte der Fürst der Zechonen wie eine Witzfigur, doch ein Blick in die stechenden Augen, die den roten, kahl geschorenen Schädel beherrschten, belehrte mich eines Besseren. Prosperoh war alles andere als die perverse Witzfigur, als die er sich gerne präsentierte.

Na, Arkonide, schöne Träume gehabt? Wie wäre es mit einer weiteren Version deiner heimlichen Leidenschaften?

Bevor der Arkonide antworten konnte, begann wieder der Sturz in die Unendlichkeit. Dieses Mal ging es jedoch schneller und beschränkte sich auf die bekannten kaleidoskopartigen Bilder.

Auch in dieser Version ging Mirona durch den Zeittransmitter. Wenig später fand ich mich auf der Erde wieder, in meiner Tiefseekuppel. Rico zeigte mir die Bilder einer durch einen Atomkrieg zerstörten Erde, wo die wenigen Überlebenden in einer durch den atomaren Winter geprägten Umwelt dahinvegetierten. Wenig später erschien Mirona und holte mich auf ein tefrodisches Schiff, das in den Erdorbit gegangen war. Tefrodische Einsatzkommandos landeten auf der Erde und beseitigten die schlimmsten Schäden. Terra wurde offiziell dem Tamanium eingegliedert und wieder in Lemur umbenannt. Mirona selbst übernahm die Koordination der Hilfsmaßnahmen und die Leitung des Wiederaufbaues.

Und ich? Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits als Gonozal VIII der Imperator des Großen Imperiums und der engste Verbündete Mirona Thetins. Zusammen waren wir dabei, unsere Macht über zwei Galaxien zu festigen. Irgendwann wurde ich von Mirona auf die Erde eingeladen, wo die öffentliche Hinrichtung eines Rebellen namens Reginald Bull bevorstehen sollte. Ich verstand zwar nicht, was ich dabei sollte, aber das ist noch eine ganz andere Geschichte …

Schließlich wurde ich wieder ins Nichts gerissen und sah erneut in die grinsende Albtraumfratze Prosperohs.

Sollte das so weitergehen? Plötzlich meldete sich mein Extrasinn. Denk an die Pseudorealität der Abruse, du Narr. Wenn Prosperoh mit dir ein ähnliches Spiel vorhat, wird er deine Persönlichkeit brechen. Du musst etwas dagegen tun.

Und schon meldete sich dieser perverse Fürst wieder zu Wort.

Wie hat dir diese Version gefallen? Wir können das aber noch viel …

Nein, Fürst Prosperoh, bitte hören Sie zu. Es gibt da etwas, das Sie unbedingt wissen müssen.

Der Zechone blickte auf. Was willst du, Arkonide?

Fürst, Sie haben sich als persönlicher Bote des Teufels MODROR bezeichnet, aber nun scheint es, dass Ihr Teufel Ihnen nicht mehr traut.

Prosperoh blickte mich nun fragend an.

Sie sind doch mit DORGON verbunden und spüren alles, was innerhalb des Kosmotarchen vorgeht?

Ja, natürlich, ich bin allmächtig und unbesiegbar.

Ja, das habe ich inzwischen auch erkannt, und deshalb mein Fürst, sollten Sie wissen, dass inzwischen Rodrom eingetroffen ist, der ebenfalls DORGON übernehmen möchte.

Rodrom? Das kann nicht sein, der Rote Tod hat andere Aufgaben!

Fürst, prüfen Sie es selbst, ob ich die Wahrheit spreche.

Es vergingen einige Minuten, in denen Prosperoh unbeweglich vor sich hin starrte. Dann hob er seinen fratzenhaften Kopf.

Du hast die Wahrheit gesagt, Arkonide. Der Rote Tod will meinen Platz einnehmen. Das werde ich nicht zulassen!

Kapitel 3
Zwischenspiel II

Surtur fährt von Süden mit flammendem Schwert,
Von seiner Klinge scheint die Sonne der Götter.
Steinberge stürzen, Riesinnen straucheln,
Zu Hel fahren Helden, der Himmel klafft.

Aus der Völuspá, Der Seherin Gesicht

Das kleine Schiff mit dem Vorjul an Bord fiel in der Nähe einer unscheinbarer Sonne vom Typ G aus dem Hyperraum. Das System befand sich in unmittelbarer Nähe des Zentrums-Black-Holes der Galaxie Manjardon und bot astrophysisch eine grandiose Aussicht. Doch der zweiköpfige Flüchtling interessierte sich dafür in keinster Weise. Das kleine Schiff ging in eine Parkbahn um den vierten Planeten, der von einer üppigen Vegetation bedeckt war.

Wir müssen Rodrom finden, Gle, und ihm vom Scheitern unserer Mission unterrichten.

Nein, nein – er wird böse sein und uns bestrafen. Wir sind doch endlich frei, warum fliehen wir nicht einfach und verstecken uns irgendwo?

Du bist und bleibst ein Waschlappen. Der Herr ist gütig, warum sollen wir uns verstecken? Wir werden ihm helfen … und dann, dann wird er uns belohnen!

Der zweiköpfige Vorjul entspannte sich und Rog schloss die Augen. Gle tat es ihm wenig später gleich. Die beiden Bewusstseinsteile verschmolzen in Trance und bildeten das gemeinsame Wesen Roggle. In diesem Zustand war der Vorjul körperlich zwar handlungsunfähig, entwickelte jedoch starke telepathische Fähigkeiten. Der gemeinsame Geist griff nach dem nahen Planeten und Roggle suchte nach dem vertrauten mentalen Muster des Roten Todes.

Rodrom, Herr – Roggle ist gekommen. Wie kann Roggle dem Herren helfen?

Es dauerte einen Moment, doch dann erhielt der vereinigte Geist der zwei Vorjuls Antwort.

Lande auf dem Planeten und warte auf weitere Anweisungen. Ich melde mich wieder bei dir!

Der Vorjul erwachte aus der Trance und landete das kleine Schiff am Rande eines kleinen Sees.

Die Ankunft: Rodrom

Ich schaute mit einem Gefühl der grenzenlosen Befriedigung auf die Reste der Alyskerin, die ich persönlich aus dem kleinen Fluchtschiff, mit dem ich von NESJOR geflohen war, geschafft hatte. Ich hatte dabei auf jede technische Hilfe verzichtet und den geschändeten Körper selbst Stück für Stück nach draußen geschafft.

Nachdem ich den Passage-Planeten betreten hatte, war mein Geist rein zufällig in Kontakt mit DORGON getreten. Schon dies hatte genügt, um den lebensuntüchtigen Zwillingsbruder meines Lehrmeisters MODROR bis ins Mark zu erschüttern. Nachdem ich ein wenig mit seinen Ängsten gespielt und seinen Lebenshort in ein Chaos aus Gewalt und Hass verwandelt hatte, zog ich mich wieder zurück.

Die augenscheinliche Schwäche des Kosmotarchen bestärkte meinen Entschluss, den Plan MODRORs zu modifizieren. Mein Ziel war nicht mehr DORGON durch die eingeschleusten Zechonen unter ihrem Prinzen Prosperoh in den Wahnsinn zu treiben, nein, ich beabsichtigte, DORGON selbst zu übernehmen. Ich war inzwischen durch die Hilfe meines Meisters stark genug, um die positive Persönlichkeit von MODRORs Bruder, die sich um den ehemaligen Kosmokraten SOLMATH kristallisiert hatte, zu destabilisieren und aus den Resten DORGONs eine neue Entität zu formen:

MODROR würde einen würdigen Bruder im Geiste bekommen, gemeinsam würden wir die Herrschaft der Kosmokraten und Chaotarchen beenden und eine neue Ordnung schaffen. Unsere Ordnung!

Laut begann ich zu lachen. Ja, es war Zeit auf eine höhere Ebene zu wechseln. Aber vorher würde ich noch reichlich Spaß haben!

Mein Blick fiel nochmals auf den weiblichen Torso. Ich würde ihn durch das Passage-Tor mitnehmen müssen, er würde die Wirkung auf DORGON verstärken.

Nachdem ich alles fein säuberlich in einem Tuch zusammengepackt hatte, verschnürte ich dieses mit einem Strick, den ich vorsorglich immer bei mir hatte, zu einem handlichen Paket. Der weitere Weg würde für die Alyskerin etwas unbequem werden, ich gedachte, sie einfach hinter mir herzuziehen.

Bevor ich mich auf die Wanderschaft machte, erreichte mich noch der Ruf dieses doppelköpfigen Vorjuls, der zu einem hilfreichen Diener geworden war. Dieser Dummkopf hatte es natürlich nicht geschafft, die Reste meines elendigen Volkes dahin zu schicken, wo sie hingehörten. Nun gut, man kann nicht alles auf einmal haben, ich würde mich später um meine Brüder und vor allem um meine Schwestern noch gebührend kümmern müssen, so gesehen, war es keine größere Störung meiner Pläne. Aber der doppelköpfige Roggle würde etwas leiden müssen, es ging einfach nicht an, dass meine Befehle nicht ausgeführt wurden. Aber das hatte Zeit, im Augenblick war es sinnvoller, den Vorjul zum Passage-Tor zu bestellen.

Meine mentalen Fühler zeigten mir zuverlässig den Weg zu dem Passage-Toren DORGONs. Ich erkannte auch, dass ich nicht der erste Besucher war, mehrere Kosmokratendiener waren anscheinend bereits vor mir angekommen, um DORGON zu retten. Nun, auch die konnten warten, sobald ich DORGON übernommen haben würde, versprachen sie mir weiterhin viel Spaß.

Einige Augenblicke später materialisierte ich am Rand eines weiträumigen Gebäudekomplexes, der die Spuren gnadenloser Kämpfe trug. Meine Sinne nahmen den köstlichen Geruch von Tod und Moder auf, der den gesamten Komplex durchzog. Prosperoh und seine Zechonen schienen bereits wirksam zu werden, aber der beginnende Wahnsinn des Kosmotarchen war nicht mehr mein Ziel. Mit weit geöffneten Sinnen schritt ich durch die Anlage und genoss die Atmosphäre von Grausamkeit, Trauer und Tod.

Hier war ich genau richtig, mein Weg in den Kosmotarchen würde hier beginnen und nicht in einem der friedlichen Tempel.

Wieder griff mein Geist nach draußen und fand den Vorjul. Es war an der Zeit, dass sich dieser nützlich machte und sich die Gnade des Weiterlebens verdiente.

Die Ankunft: Roggle

Rog und Gle hatten sich auf einen Landeplatz am Rande des zentralen Ozeans geeinigt. Beide hofften, dass Rodrom sie vergessen würde. Aber dem war nicht so. Bereits kurz nach der Landung meldete sich die mentale Stimme des Roten Todes wieder.

Fliegt diese Koordinaten an, ich warte dort auf euch. Und lasst mich nicht warten!

Dieser kurze mentale Kontakt löse Panik aus. Beide Hälften des Vorjul versuchten die Kontrolle über den gemeinsamen Körper zu erlangen und blockierten sich gegenseitig.

Gle, beruhige dich. Der Herr wartet auf uns!

Nein, wir müssen fliehen. Er wird uns strafen, uns töten. Roggle hat versagt.

Nein Gle, wenn der Herr uns bestrafen wollte, hätte er es schon längst getan. Aber er wird uns sicher bestrafen, wenn wir ihn noch länger warten lassen.

Gle beruhigte sich etwas und überließ seinem Bruder die Kontrolle über den gemeinsamen Körper. Dieser startete das kleine Raumschiff und flog zu den angegebenen Koordinaten.

Rog und Gle verließen das Raumschiff und eilten zu dem wartenden Tod. Dabei machte der gemeinsame Körper groteske Sprünge, denn die Bewusstseinshälften vergaßen die Koordination der Bewegungen der beiden Körperteile.

Da seid ihr ja endlich. Ich möchte, dass ihr alle Leichen zusammentragt und in Form eines siebeneckigen Sterns aufschichtet. Und beeilt euch, sonst mache ich euch Beine!

Jawohl Herr, Roggle eilt, Roggle wird alles richtig machen!

Der Vorjul hetzte durch die Trümmerlandschaft und brachte Berge von Leichen aller möglichen Lebewesen auf den Platz vor der Tempelpyramide. Nachdem er die gesamte Umgebung gesäubert hatte, begann er die Leichen entsprechende Rodroms Anweisungen aufzuschichten. Nach und nach entstand so ein massiver siebeneckiger Stern, der aus den sterblichen Überresten unzähliger Lebewesen gebildet wurde. Roggle kauerte sich am Rande dieses Gebildes nieder und zog keuchend etwas frischere Luft in seine Lungen. Der Gestank der Toten war unbeschreiblich, doch Rodrom schien ihn geradezu zu genießen.

Roggle dagegen war am Ende. Er hatte bereits mehrmals seinen Magen von innen nach außen gekehrt und wünschte sich nur noch zu sterben. Der Rote Tod schien inzwischen zufrieden zu sein und winkte den Vorjul zu sich.

Du kannst dich jetzt entfernen, Roggle, ich brauche dich hier nicht mehr. Aber bleibe noch in der Nähe, es kann sein, dass ich dich später noch einmal benötige.

Die Transformation: Rodrom

Endlich war diese Karikatur eines Lebewesens fertig geworden. Die Leichen der ehemaligen Diener DORGONs waren in einem siebenzackigen Stern aufgeschichtet, einem uralten magischen Symbol meiner Heimat Alysk, das Macht über höhere Ebenen des Seins symbolisierte. Normalerweise glaubte ich zwar nicht an solchen Schnickschnack, aber schaden konnte es auch nicht. Natürlich wäre es kein Problem für mich gewesen, die Leichen durch mentale Bewegungskontrolle aufzuhäufen, aber so war es viel lustiger. Mir hatte es vor allem Spaß gemacht zuzusehen, wie der Vorjul sich die Seele aus dem Leib gekotzt hatte.

Nun denn, jetzt fehlte noch die Krönung des Ganzen. Ich blieb noch einen Moment sinnend vor dem Monument des Todes stehen, doch es half alles nichts. Langsam begann ich die rote Kampfkombination abzulegen, der ich den sinnigen Namen Roter Tod verdankte. Bei dem, was ich nun vorhatte, würde sie nur stören. Ich überlegte dann noch einen Augenblick, dann riss ich mir auch noch die Unterkleidung vom Leib. Wenn schon, denn schon, sagte ich innerlich grinsend zu mir. Nackt sammelte ich die Überreste der Alyskerin ein und begann den Leichenberg zu erklimmen. Das war einfacher gesagt als getan, doch schließlich stand ich auf dem Gipfelpunkt. Langsam setzte ich mich nieder und begann die Leichenteile meiner Artgenossin um mich zu positionieren. Als Krönung meines Arrangements nahm ich noch den abgetrennten Kopf und blickte in das vor Angst und Qual weit aufgerissene Auge, bevor ich mir den Schädel auf die Brust setzte. Es war soweit …

Zittere, DORGON, erbebe, der Rote Tod ist angekommen – Angst, Hass und Qualen werden dich verschlingen!

Mein Geist öffnete sich und griff auf die Energien des übergeordneten Seins zurück. Durch die Gnade meines Lehrmeisters MODROR durchbrach mein Bewusstsein seit der Wiedergeburt auf Etustar die Grenzen zwischen den Niederungen des normalen Universums und dem Raum hinter den Materiequellen. Mein Meister hatte mir einen kleinen Teil seiner Macht geschenkt und mich über das Leben der Niederungen erhoben. Zusammen würden wir nach der Übernahme DORGONs das Universum neu erschaffen, MODROR als der Meister und ich, ich als seine Geißel, um die Niederungen und die Hohen Mächte zu züchtigen. Nach der Ausschaltung DORGONs würde nur noch KAHABA zwischen uns und der absoluten Herrschaft über das Multiversum stehen, doch auch die Macht der Hure war nicht unbegrenzt.

Meine geistigen Fühler verbanden sich mit dem Kosmotarchen.

Endlich war es soweit. DORGON würde vergehen, würde sich selbst auflösen und mir die leere Hülle seines geistigen Organismus zurücklassen, den ich mit meinem Bewusstsein, mit der dunklen Macht MODRORs füllen würde, DORGON würde vergehen, seine Macht als Kosmotarch aber durch mich weiter bestehen!

Allumfassend, diesseits und jenseits der Materiequellen …!

Der erste Kreis der Hölle

Ich …, wer war ich? Wo …? Wann …?

Mein Geist erfasste die multiplen Möglichkeiten der gegenwärtigen Entwicklung und sah, wie sich die gegenwärtige Wirklichkeit auf der Quantenebene in unendlich viele parallele Universen aufspalteten und in der Unendlichkeit verloren gingen. Jetzt erst begriff ich, über welche Macht mein Herr und Meister verfügte, und welche Macht ich in Kürze erlangen würde. Gleichzeitig fühlte ich, wie mir immer neue Mentalenergie über die bestehende Verbindung zu DORGON zufloss. Ich konzentrierte mich auf meinen Plan und begann die parallelen Wirklichkeiten auszublenden. Vor meinem imaginären inneren Auge entstand eine Energieblase, deren strahlendes Gold durch schmutzige rote und violette Flecken verunreinigt wurde. Ich wusste, dass diese Blase mein Ziel verkörperte, DORGON!

Gleichzeitig bemerkte ich, dass eine andere Blase dabei war, sich anzunähern. Ich schickte einen Fühler aus, ein Kosmokrat, der kurz davor stand, in Panik auszubrechen. Ich begann zu lachen und dann schlug ich zu. Mein mentaler Fausthieb trieb den Vertreter der Ordnungsmächte durch die Branen einiger Universen und löschte ganze Galaxien aus.

Dann erweiterte sich meine Wahrnehmung, mein mentaler Blick durchdrang die Materie bis auf die Quantenebene – und ich verstand endlich:

Hier lag das wahre Ziel meines Meisters, hier lag die Herrschaft über das Multiversum. Der Zufall, das unbeeinflusste Kommen und Gehen der virtuellen Teilchen im Quantenschaum trotzte jeder Ordnung, jedem Herrschaftsanspruch.

Hier war das verhasste Herrschaftsgebiet KAHABAS, hier war die Macht der Hure begründet.

Wenig später bemerkte ich eine zweite Entität, die sich näherte. Von ihr ging ein mentales Gefühl der Belustigung aus.

Na, so ungestüm junger Freund? Aber das ist das Vorrecht der Jugend!

Einen Moment überlegte ich, ob ich ihn ebenfalls zum Teufel schicken sollte, doch dann erkannte ich seine mentale Signatur – AMUN! Der Initiator der Geburt meines Meisters.

Wieder erfüllte die mentale Belustigung den Raum zwischen den Dimensionen.

Du bist auf dem richtigen Weg! Nur MODROR und jetzt du können den Fortschritt, die Weiterentwicklung der Hohen Mächte einleiten. Übernehme DORGON, er stellt die Voraussetzung dar, dass MODROR seine Bestimmung erfüllen kann.

Danach wechselte die mentale Belustigung in reinen Hass, ein Gefühl, das mir nur zu vertraut war.

Wir müssen endlich die Grenzen der Entropie überwinden und die Herrschaft dieser Ungeheuerlichkeit über den Zufall beenden. KAHABA, die Hure muss vernichtet, die Ultimativen Fragen müssen beantwortet und das GESETZ in unserem Sinne abgewandelt werden.

Wieder eine mentale Pause, während die Bewusstseinsimpulse des Kosmokraten sich entfernten. AMUN zog sich wieder zurück doch schien er seine mentale Abschirmung vernachlässigt haben, denn ich konnte weiter seine Gedanken verfolgen, und die waren mir äußerst sympathisch.

KAHABA wird bezahlen, bezahlen für jede Niederlage, jede Demütigung, die sie uns Mächtigen jemals zugefügt hatte.

Der Kosmokrat verlor sich einige Augenblicke, die zwischen der Entstehung und Vernichtung eines Quant lagen, in der Vorstellung, wie er KAHABA oder SI KITU, wie sie sich selbst nannte, in einem Dimensionsgefängnis ein für alle Mal unschädlich machen würde, allein, nur seiner Rache ausgeliefert.

Wieder amüsierte mich der Kosmokrat und ich fragte mich, für welchen Fortschritt der Evolution er wohl stehen sollte. Nun, ich war mit seinen Plänen einverstanden, nur im Falle der Hure wollte ich dann doch noch ein Wort mitreden. Aber das konnte warten, noch war es nicht soweit. Und was die Beantwortung der Dritten Ultimativen Frage anging, nun ja, da würde sich AMUN noch gewaltig wundern.

Und dann ging meine mentale Energieblase auf Kollisionskurs …

Ich war innerhalb des Kosmotarchen, DORGON hatte sich gegen meine Schwarze Seele nicht verteidigt, im Gegenteil, ich hatte den Eindruck, dass er sich panisch von mir zurückgezogen hatte, obwohl ich meinen Angriff noch gar nicht begonnen hatte. Fast schämte ich mich für die Schwäche des Bruders meines Meisters. Durch die Tempelpyramide bestand weiter eine Verbindung mit meinem Handlungskörper. Alles war bereit, der Spaß konnte beginnen …

Ich begann mich zu erinnern und schickte meine Gefühle, meine Wohllust, meinen Blutrausch in Richtung der goldenen Blase, die das Zentrum der Macht der Entität darstellte.

… Frau war mit gespreizten Armen und Beinen an zwei Stalagmiten gefesselt. Sie wirkte kraftlos und nur die Stricke verhinderten, dass sie am Boden landete. Ihre blonden Haare hingen wie ihr Kopf nach unten und bedeckten Teile ihrer Brüste. Blutige Striemen …

… das gequälte Stöhnen der Frau. Ich ließ meinen Gedanken freien Lauf und stellte mir vor, wie der Mann die Nadeln ins Fleisch seines Opfers trieb. Die Imagination von tropfendem Blut …

… den makellosen Körper von Vita Etan. Bis auf die gebrochene Nase und dem Blut, das dadurch auf ihrem Oberkörper klebte, war nichts an ihr auszusetzen. Sie war immer noch bewusstlos und daher hing ihr Kopf nach unten. Ihre Arme hatte ich an das Andreas-Kreuz gebunden. Neben ihr befand sich ein Tisch …

… erinnerte ich mich an die Bilder von gestern. Lavaströme hatten sich durch die Straßen von Milio gewälzt. Die Cluverianer waren panikartig geflüchtet - von einem Lavanest …

… aktivierte ich den Gedankenübertrager und griff in die Gehirne der Sterbenden. Millionenfache Panik und Angst schlugen einem Tsunami gleich über mir zusammen und ließen mich vor Freude zittern. Neben den aufgewühlten Emotionen …

Und so ging es weiter. Erinnerung um Erinnerung schleuderte er DORGON entgegen und vergaß dabei nicht, seine Gefühle, seine perversen Gelüste, bis ins letzte Detail gegenüber dem Kosmotarchen auszumalen. Und so vergingen die Stunden …

Es war soweit, die Festung war, bildlich gesprochen, sturmreif geschossen. Meine Gefühle, meine Erinnerungen, die ich über die mentale Verbindung zwischen uns auf den Kosmotarchen übertragen hatte, hatten DORGONs Lebenswillen zerstört.

Jetzt galt es ihm, den Todesstoß zu versetzen. Hierzu hatte ich mir etwas Besonderes ausgedacht, durch das Ritual würde er nicht nur Zeuge meiner Erinnerungen werden, sondern der Todeskampf meines letzten Opfers würde sich direkt in ihm selbst abspielen und ihn in den geistigen Selbstmord treiben. Ich begann die Überreste der getöteten Alyskerin wieder zusammenzufügen und ihre Seele aus dem Dimensionskerker zurückzuholen. Es war an der Zeit, ein zweites Mal zu sterben …

Die ultimative Lösung: Eorthor

Roggle kauerte am Rande des Dschungels und blickte ängstlich auf das übergroße Monument des Todes, das mitten vor der Tempelpyramide aufgeschichtet worden war, aufgeschichtet durch den Vorjul persönlich. Roggle hatte sich provisorisch gereinigt, um wenigstens den schlimmsten Geruch nach Tod und Leichen wegzubekommen, aber viel geholfen hatte es nicht. Der Herr hatte die Spitze des Leichenberges erklommen und begann ein seltsames Ritual, das ihn immer mehr mit einer namenlosen Angst erfüllte. Er versuchte seine Instinkte zu ignorieren, die ihn dazu zwingen wollten, sich irgendwo im dunklen Dschungel zu verstecken. Der Herr hatte ihm den Befehl gegeben, auf ihn zu warten, und genau das würde er tun.

Stunden später döste der Vorjul im Schatten eines Dschungelriesen vor sich hin. Jedoch schreckte er immer wieder aus seinem Halbschlaf, da sich über dem Leichenmonument immer wieder unerklärliche Phänomene ereigneten, die den Vorjul zutiefst ängstigten.

Doch dann wurde er auf ein anderes Geräusch aufmerksam. Lauschend hob er beide Köpfe, um die Ursache des zumindest im Dschungel fremdartigen Geräusches herauszufinden. Wenig später hatte er die Ursache lokalisiert, ein kleines Schiff setzte zur Landung an und das genügte, um ihn endgültig in Panik zu versetzen.

Er kannte das Schiff und er wusste auch, wer der Kommandant war – Eorthor persönlich, sein schlimmster Feind, hatte ihn gefunden.

Er zweifelte keinen Augenblick, dass der unsterbliche Alysker ihm auf der Spur war und ihn töten wollte.

Rog, Rog … ruf den … Herren, der Herr muss uns schützen! Der Mörder unseres Volke …

Der Vorjul war aufgesprungen und bewegte sich in grotesken Sprüngen auf das Leichenmonument zu. Die Münder der beiden Köpfe schrien wirr durcheinander, er begann panikerfüllt zu zittern.

Hilf .. Roggle, … Herr! … schütze uns vor dem Mörder!

Nachdem die SMIS aus den übergeordneten Dimensionen in den Normalraum zurückgefallen war, schwenkte das Schiff selbstständig in einen niedrigen Orbit um die Welt Aykon, die angeblich als Kontaktwelt zu DORGON dienen sollte. Die auf allen Bändern des Hyperspektrums arbeitenden Ortungsinstrumente analysierten den Planeten und blendeten die Ergebnisse in einem frei vor Eorthor schwebenden Holofeld ein. Durch Mentalkontrolle mit der Septatronik der SMIS verbunden, blätterte er gedanklich durch die Aufzeichnungen und ließ sich die wichtigsten Passagen direkt in sein Kurzzeitgedächtnis übertragen.

Ja, nun war es soweit, das Finale stand bevor. Einen Moment wägte er die zur Auswahl stehenden Alternativen ab, dann entschied er sich für die ultimative Endlösung: totale Vernichtung!

Er würde den Plan der Kosmokraten ein für alle Mal beenden und die Vereinigung zwischen MODROR und DORGON unmöglich machen. Nach seiner Analyse stellte Aykon nicht nur die Kontaktwelt des Kosmotarchen dar, sondern war quasi sein vierdimensionaler Anker, der ihn zwischen den Dimensionen stabilisierte. Dadurch, dass Macht der Kosmotarchen sich sowohl auf die Niederungen, als auch auf die Gefilde jenseits der Materiequellen erstreckte, mussten sie ihre für ihr Wirken in den Niederungen einen Ankerpunkt haben, über den sie ihre Macht entfalten konnten. Und genau diesen Ankerpunkt würde er DORGON nehmen. Dadurch würde er in die Gefilde jenseits der Materiequellen gestoßen und würde in den Niederungen, wie alle Kosmokraten und Chaotarchen, dem Transformsyndrom unterliegen. Durch die Trennung DORGONs von seinem Anker würde die Verschmelzung der beiden Kosmotarchen unmöglich werden, die Gefahr, die sich aus der Vereinigung von MODROR und DORGON für das Universum ergeben würde, wäre weitgehend entschärft.

Sein Plan barg zwar gewaltige Risiken, er bewegte sich hier in wissenschaftlichen Dimensionen, bei denen ihm die Erfahrungen fehlten, aber Kollateralschäden mussten eingerechnet werden, sofern das Endziel es wert war.

Und was konnte verdienstvoller sein, als einen Fehler, der vor Jahrmillionen gemacht wurde, endgültig auszubügeln?

Dass dabei auch einige ehemalige Kosmokratendiener das Ende ihres Weges erreichen würden, war zwar bedauerlich, aber in Rahmen des Gesamtzieles absolut vernachlässigbar.

Durch einen weiteren Gedankenbefehl veranlasste er die Septatronik der SMIS, auf dem Planeten zu landen. Er öffnete das umfangreiche Arsenal, das ihm an Bord seines Schiffes zur Verfügung stand, um die geeignete Waffe auszuwählen.

Die SMIS war neben dem ehemaligen Kurierboot der Kyberklons gelandet, mit dem wahrscheinlich der Verräter und Mörder Roggle bereits angekommen war. Für einen Moment war er versucht, dem Gefühl der Rache nachzugeben, und den verräterischen Vorjul persönlich zu richten, aber die Vernunft siegte über das primitive Bedürfnis nach Rache. Er hatte Wichtigeres zu tun, als diese Missgeburt persönlich auszulöschen.

Er verließ sein Raumschiff, nachdem er die Septatronik angewiesen hatte, das unmittelbare Umfeld des Systems zu überwachen und ihn über neu eintreffende Raumschiffe unverzüglich zu informieren. Über die Mentalkontrolle war er nach wie vor mit der KI seines Schiffes verbunden und konnte im PSI-Bereich des Hyperspektrums ungehindert mit ihr kommunizieren.

Aus einer geöffneten Luke der SMIS schwebte auf einer Antigrav-Plattform die von ihm ausgewählte Waffe nach unten. Nach längerem Überlegen hatte er eine Gravitationsschockwellen-Bombe gewählt, deren Wirkung zuerst die Oberfläche einebnen und dann den ganzen Planeten auseinanderreißen würde. Die Wirkung der Bombe war auf die niederen Bereiche des Hyper-Spektrums begrenzt, er wollte sicher gehen, dass nur der Anker DORGONs zerstört und nicht etwa der Kosmotarch selbst in Mitleidenschaft gezogen würde. In diesem Moment meldete die Septatronik, dass ein Raumschiff Kurs auf Aykon genommen hatte.

Eorthor überlegte einen Moment, ob er das Schiff anweisen sollte, wieder zurückzufliegen, er entschied sich jedoch dann dafür, aus dem Verborgenen zu agieren. Die primitive Ortungstechnik der Terraner oder auch der von den Hilfsvölkern der Kosmokraten verwendeten Schiffstypen ermöglichte es ihm, sich vollständig zu tarnen. Nachdem er die Bombe aktiviert hatte, ging er wieder an Bord der SMIS. Die Bombe war mit einem Mentaltaster gekoppelt, der das Ansteigen der ÜBSEF-Konstante Rodroms registrierte und die Bombe genau in dem Moment auslösen würde, indem Rodrom sein Bewusstsein auf DORGON übertragen würde. Er hatte alles genau durchgerechnet, im Gegensatz zu den Dilettanten auf Alysk, die das Große Projekt in den Sand gesetzt hatten, verrechnete er sich nie.

Die Bombe würde genau in dem Augenblick explodieren, indem Rodrom glaubte, am Ziel seiner Wünsche angekommen zu sein. Eine siebendimensionale Komponente, die er selbst entwickelt hatte, würde wie das Skalpell eines Chirurgen die Verbindung zwischen den Bewusstseinsteilen, die bereits auf DORGON übertragen waren und dem Körper von MODRORs Schatten durchtrennen und den Möchtegernkosmotarchen wieder zurück in seinen Körper zwingen. Durch die gewaltsame Trennung von DORGON würde sein alter Widersacher soviel mentale Substanz verlieren, dass der damit verbundene Schock den Schlächter MODRORs vorübergehend handlungsunfähig machen würde. Danach würde er ihn mit dem Fiktivtransmitter an Bord der SMIS holen und mit Hilfe des Verstofflichers einem Devolutionsprozess unterziehen, der ihn all seiner geistigen Macht endgültig berauben würde.

Zwischen Leben und Tod

Gle, du Angsthase, der Mörder ist weg, geflohen vor unserem Herrn!

Rog, aber er hat etwas zurückgelassen, das kann nichts Gutes bedeuten. Wir müssen nachschauen, was es ist!

Ach was, du bist und bleibst ein Duckmäuser, Gle, der hat es mit der Angst zu tun bekommen und ist abgehauen.

Nein, nein Rog, wir müssen nachschauen, was das ist! Komm schon, gehen wir!

Gle, der die linke Körperhälfte des gemeinsamen Körpers beherrschte, murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, gab dann jedoch die Blockierung auf.

Roggle rannte nun förmlich auf die unbekannte Hinterlassenschaft des Alyskers zu und erstarrte.

Das muss eine Bombe sein! Der ist weggeflogen, weil er uns alle töten will. Wir müssen den Herren wecken, der Herr muss Roggle retten.

Die in einem gemeinsamen Körper verschmolzenen Brüder nickten sich aufmunternd zu und konzentrierten sich darauf, auch geistig zu verschmelzen, um durch die nur in diesem Zustand vorhandenen telepathischen Fähigkeiten ihren Herrn zu kontaktieren.

Das gemeinsam gebildete Zweierbewusstsein spürte die mentale Gegenwart des Herren. Bilder des Grauens strömten an ihm vorbei und das Zweierbewusstsein wurde Zeuge wie Rodrom die Präsenz DORGONs Schritt für Schritt zermalmte.

Siehst du Gle, der Herr ist unbesiegbar! Es ist gut, dass wir ihm dienen, denn er ist mächtig und stark und wird seine Feinde zermalmen. Niemand kann ihm widerstehen. Und wir werden in seinem Schatten auch Macht erlangen und dann können wir endlich mit den Mördern unseres Volkes abrechnen. Fühlst du nicht die Macht, die der Herr erlangt?

Aber es … es … iist so …grausam, Rog. Die …diee die armen Wesen … und der Herr, dder Herr, so be … bestialisch …

Du bist und bleibst ein Weichei, Gle! Dass der Herr seine Feinde zerschmettert und dabei sich von niemand etwas vorschreiben lässt, zeigt doch, wie mächtig der Herr ist. Und unter seiner mächtigen Hand werden auch wir geschützt sein! Und außerdem haben die es sicher verdient, wenn der Herr sie bestraft.

A … aber Alaska, Alaska ha … hat gesagt, da … da … dass es Unrecht i … isst, wwenn mman hilflose Wesen ququäält und tötet, ddas verstöößt … gegen ddie We … Wesensrechte …

Rechte? Wo waren die Wesensrechte unseres Volkes, als der Mörder uns auslöschte und selbst unsere Zukunft vernichtete? Merke dir eines Gle, diese angeblich Guten drehen es immer so hin, dass sie jedes Verbrechen rechtfertigen können. Sie und nur sie sind in Wirklichkeit die Verbrecher an der kosmischen Ordnung.

Gle ließ geschlagen seinen Kopf hängen. Er war der Argumentation seines Bruders Rog nicht gewachsen und Rog hatte ja auch Recht, Alaska hatte nichts unternommen, um sein Volk zu retten, im Gegenteil, er hatte den Schlächter seines Volkes unterstützt. Die Geister der beiden Vorjuls verschmolzen wieder zu einem Bewusstsein, das telepathisch nach seinem Herrn schrie:

Rodrom … Herr, … bitte, der Herr muss Roggle helfen, muss Roggle schützen, bitte Herr!

Immer wieder wiederholte Roggle seinen Ruf, bis schließlich der mächtige Geist des ehemaligen Alyskers ihnen telepathisch antwortete.

Was gibt es ihr unwürdigen Diener? Warum stört ihr mich?

Herr, das böse Genie ist zurückgekehrt und hat eine Maschine des Todes hinterlassen. Roggle kann allein nichts dagegen unternehmen. Bitte Herr, ihr müsst Roggle helfen, die Maschine zu zerstören!

Es dauerte einen Moment, doch dann spürten die beiden Brüder, wie der mächtige Geist des Herrn ihr Bewusstsein übernahm und die Sinneseindrücke des Vorjuls übernahm.

Bei MODRORs schwarzer Hölle, unser unerreichtes Genie hat inzwischen anscheinend nur eine Lösung für jedes Problem – Vernichtung und nochmals Vernichtung.

Der Geist des Roten Todes begann brüllend zu lachen.

Eorthor, du hirnloser Narr. Glaubst du wirklich, dass du einen Kosmotarchen durch eine simple Bombe vernichten kannst?

Einige Augenblicke später ging das Gelächter in einen Schrei grenzenloser Enttäuschung und wilder Wut über. Dabei gab er den Geist der beiden Vorjuls wieder frei.

Eorthor, das wirst du mir büßen! Ich werde dir zeigen, dass du nichts weiter als ein unfähiger Blender bist.

In diesem Moment meldete sich Roggle wieder.

Herr, was ist geschehen? Kann Roggle etwas für den Herrn tun?

Einige Augenblicke herrschte mentale Ruhe, die dann wieder plötzlich durch ein bösartiges Gelächter unterbrochen wurde.

Eorthor, du machst Fehler! In deiner Überheblichkeit vergisst du die Masse der hirnlosen Kreaturen, die sich gerade aus dem Urschlamm erhoben haben. Und genau diese werde ich zu meinen Handlangern machen! Und mit einem Musterexemplar dieser Gattung durchbreche ich deinen mentalen Schutz!

Wieder erfüllte das bösartige Gelächter den Geist des Vorjul.

Roggle, mein Diener, empfange die Weisheit deines Herrn. Zerstöre das Teufelswerk des Schlächters und du kannst meiner und meines Meisters MODRORs Gnade sicher sein. Aber denke immer daran, ein Geschenk kann auch wieder genommen werden, wenn du versagst. Und jetzt danke deinem Herren, denn dieser ist gnädig!

Roggle begann zu schreien. Der geistige Verbund der beiden Brüder wurde gewaltsam auseinandergerissen, um dann wieder neu zusammengefügt zu werden. Aus dem Geist Rodroms floss ein steten Strom von Wissen in den verbundenen Geist des Vorjuls. Doch plötzlich unterbrach Rodrom die Übertragung und zog sich geradezu panikerfüllt aus dem Geist Roggles zurück.

Roggle schrie telepathisch nach seinem Herren. Doch der Herr schwieg, er hatte plötzlich ein Problem, mit dem er überhaupt nicht gerechnet hatte …

Kapitel 4
Ragnarök – die Schlacht der Götter

Schwarz wird die Sonne, die Erde sinkt ins Meer,
Vom Himmel schwinden die heitern Sterne.
Glutwirbel umwühlen den allnährenden Weltbaum,
Die heiße Lohe beleckt den Himmel.

Aus der Völuspá, Der Seherin Gesicht

Pest oder Cholera: Prosperoh

Der Gedanke des Arkoniden war gut, nein er war geradezu genial – endlich würde ich das Joch des Roten Todes abschütteln, ja letztendlich würde ich seinen Platz einnehmen können, ich war mir sicher, dass unser Herr MODROR damit einverstanden wäre, denn dadurch, dass ich Rodrom eliminieren würde, könnte ich unserem Herrn zeigen, wie erbärmlich doch der Rote Tod im Vergleich zu mir, dem Fürsten Prosperoh, eigentlich gewesen war. Ja, ich würde Rodrom, den Roten Tod vernichten und seine Stelle einnehmen, um an der Seite unseres Herrn MODROR über das Multiversum zu herrschen.

Mein Geist formte aus der mich umgebenden Substanz DORGONs eine Arena, in die ich den Roten Tod versetzen wollte. Durch die bei unserer Auseinandersetzung freiwerdenden negativen Emotionen würde meine Macht noch größer werden, denn mein Geist konnte die Macht des Kosmotarchen nutzen.

Einen Moment schwelgte ich in der Vorstellung, wie ich den erbärmlichen Handlungskörper Rodroms, der sein Bewusstsein innerhalb des Kosmotarchen verkörperte, in meiner Arena langsam verbluten lassen würde, um dann seinen Geist dem Meinen hinzuzufügen.

Ich öffnete mein Bewusstsein und materialisierte die geistige Essenz des Roten Todes in der von mir erschaffenen Arena. Mein bereits vor längerer Zeit erfolgtes Eindringen in die geistige Basis DORGONs ermöglichte es mir, die Macht des Kosmotarchen in meinem Sinne zu manipulieren. Doch dann erschrak ich. Rodrom war viel stärker, als ich erwartet hatte und ging, nach einem kurzen Augenblick der Desorientierung, zum Gegenangriff über. Was mich besonders erstaunte, war die Wut und der Hass, der mir von seiner Seite entgegenschlug.

Erst jetzt begriff ich, auf welches Wagnis ich mich eingelassen hatte. Wie konnte ich nur daran denken, dass ich dem Roten Tod, dem Untergang meines Volkes, widerstehen, oder ihn sogar überwinden könnte?

Cholera oder Pest: Rodrom

Das konnte einfach nicht wahr sein, so kurz vor dem Ziel … Was ging nur in meinem alten Vasallen vor – die einzige Erklärung, die ich fand, war Größenwahn, reiner, purer Größenwahn und natürlich Machtgier!

Wieder überwältigten mich meine Gefühle. Wie konnte es ein Emporkömmling, ein Nichts im kosmischen Maßstab, wagen, mich herauszufordern? Innerlich kochte ich, als ich den Kontakt mit Roggle abbrechen musste, um mich der Herausforderung zu stellen. Was bildete sich dieser Kretin eigentlich ein? Glaubte er, dass ich ein hilfloses Opfer für ihn werden würde? Wieder überrollte mich der Hass. Mein Geist griff nach dem Zechonen, um ihn für seine Anmaßung zu strafen.

Es war leicht, fast ein Kinderspiel, wenn der Fürst der Zechonen mich nicht bei der Präparierung des hirnlosen Vorjul gestört hätte, dann hätte mich sein Angriff amüsiert. So aber stellte er nur eine äußerst lästige Unterbrechung meines Aufstiegs zum Kosmotarchen dar. Dabei hoffte ich, dass ich dem Vorjul genügend Wissen transferiert hatte, um Eorthors Bombe unschädlich zu machen. Durch den erzwungenen Abbruch der Übertragung konnte ich den Transfer nicht beenden, was zu einer Zerrüttung des Geistes der beiden Brüder führen musste. Und wieder überrollte mich der Hass auf Prosperoh.

Gerade noch hatte ich über Eorthor triumphiert, stand vor meinem Aufstieg in die hehreren Sphären meines Meisters MODROR – und nun war alles gefährdet, gefährdet durch die Eigensucht eines Instrumentes, das zum Untergang des Antipoden meines Meisters geschaffen wurde.

Ich ließ gegenüber den Zechonen alle Rücksicht fallen. Sie hatten gespielt und zu hoch gereizt, es gab keine Zukunft, keine Existenzberechtigung mehr für sie. Mit einem geistigen Augenblinzeln löste ich die lachhafte Pararealität auf, die Prosperoh mit Hilfe DORGONs geschaffen hatte. Ein mächtiger Todesimpuls folgte, der den vereinten Geist der Zechonen aus seiner Verankerung im interdimensionalen Raum riss. Prosperoh und mit ihm alle vergeistigten Zechonen starben nun endgültig, indem ihre Seelen zerrissen und im Hyperraum verweht wurden. Gleichzeitig benutzte ich die durch den kollektiven Todesschrei freigesetzte Vitalenergie, um meine ÜBSEF-Konstante für die bevorstehende Übernahme des Kosmotarchen zu stärken. Es war vorbei, der lachhafte Angriff der Emporkömmlinge vorüber. Jetzt konnte ich mich wieder meinem eigentlichen Ziel, der Übernahme DORGONs und meines Aufstiegs zum Kosmotarchen zuwenden.

Ich stärkte meine geistige Verbindung zu dem von mir auf dem Portalplaneten zurückgelassenen Handlungskörper und begann DORGON mit den Erinnerungen und Gefühlen an mein letztes Kunstwerk zu füttern, eine Speise, an der er zugrunde gehen würde …

Am Ende des Weges – oder der Lohn des Verrats

Wir waren am Rande des Dschungels gelandet und hatten das kleine Schiff alyskischer Bauart verlassen und uns am Rande der Lichtung versteckt, die die gewaltige Pyramide umgab. Kamtair, der finstere alyskische Vollstrecker, hatte sich in der Deckung eines Urwaldriesen aufgerichtet und beobachtete die Lichtung durch ein kleines Feldteleskop. Wortlos hatte er einen kleinen Projektor aufgestellt, der eine Holowiedergabe des Beobachtungsvektors vor uns erstehen ließ. So konnten wir das merkwürdige Verhalten Roggles und das noch dubiosere Umfeld genau beobachten.

Alaska versuchte immer wieder, mit dem Alysker ein Gespräch zu beginnen, wurde jedoch von diesem ignoriert. Neben mir kauerte der komische Vogel, der mir in letzter Zeit das Leben schwer machte und versuchte, wie üblich laut schnatternd, mit unserer schönen Archäologin anzubandeln. Ich stelle mir gerade vor, wie sie, geehrter Leser, versuchen, diesen Irrsinn zu verstehen, aber sie haben es schon richtig verstanden, dieses komische somerische Suppenhuhn versuchte tatsächlich mit Denise in der Horizontalen zu landen, die allerdings, und das kann ich voll und ganz nachvollziehen, die Annäherungsversuche unseres ornithoiden Casanovas gekonnt ignorierte.

Der Alysker hatte inzwischen den Fokus des Feldteleskops auf das merkwürdige Arrangement neben dem Vorjul gerichtet und wurde dabei sichtlich unruhig. Die Holodarstellung zeigte immer deutlicher, woraus das aufgeschichtete Monument bestand: ausunzähligen Leichen. Plötzlich schien der Alysker zu erstarren, das Hologramm modellierte jede Einzelheit des höllischen Arrangements:

Ein nackter humanoider Körper wurde sichtbar, der in einer geradezu obszönen Weise einen weiblichen Torso umklammert hielt. In den ausgestreckten Händen hielt er den dem Torso abgetrennten Kopf in die Höhe, es sah aus, als wollte er die Sonne damit anbeten. Daneben lag ein abgelegter roter Kampfanzug und beseitigte jeden Zweifel, um wen es sich handelte: Rodrom!

Kamtair begann zittern und murmelte immer wieder etwas wie Ritual der dunklen Seele und dazwischen Nora, er hat Nora einfach abgeschlachtet.

Ich versuchte das Grauen, das meine Seele umfassen wollte, zu verdrängen und nahm den abgetrennten Kopf näher in Anschein. Ja, es war zweifelsohne Eorthors Stellvertreterin, ihr Gesicht war zwar in namenlosem Schmerz verzerrt, aber trotz des zerstörten Auges noch zu erkennen. Ich konnte von meinem Platz das ganze Szenario überblicken und bemerkte so auch, dass der Vorjul sich in Bewegung gesetzt hatte. Mit merkwürdig steifen Schritten stolperte er mehr als er ging auf einen an der Spitze einer dreieckigen Lafette angebrachten zylinderförmigen Körper zu, den er wenig später erreichte. Nachdem er einen Moment regungslos davor verweilte, begann er auf irgendwelche Knöpfe zu drücken. Irgendetwas am Verhalten des Doppelkopfes alarmierte mich. Mein Blick suchte meine Begleiter, die jedoch alle anscheinend paralysiert waren.

Das war’s, alles blieb mal wieder an mir hängen. Wo waren die großen Helden, die Unsterblichen, wenn man sie brauchte? Geistig abwesend, unfähig für die einfachsten Handlungen. Selbst dieser alyskische Vollstrecker, diese schwarze Kampfmaschine, war natürlich zu nichts zu gebrauchen. Aber natürlich würden all diese Übermenschen am Schluss allein die Lorbeeren kassieren, so war es immer. Dazu kam noch, dass ich dieses Suppenhuhn am Hals hatte, der Vogel war einfach lebensuntüchtig und ohne meine Hilfe verloren!

Ich griff neben mich und bekam den Flügelarm des Somers zu fassen. Einen Moment überkam mich das Gefühl des Vertrauens. Ja, wir beide zusammen würden den Karren wieder aus dem Dreck ziehen, denn dass der Vorjul dabei war, uns wieder in Schwierigkeiten zu bringen, stand für mich außer Frage. Ich nutzte die Gelegenheit und begann mein somerisches Ärgernis heftig zu schütteln.

Leo, Leo, komm zu dir, der Doppelkopf will uns wieder verraten!

Der Angesprochene blickte mich einen Augenblick verständnislos an, doch dann begann er heftig zu zwitschern, was wohl seine Zustimmung ausdrücken sollte. Wenig später rannte ich, den Somer im Gefolge, auf den Vorjul zu und betete zu allen Göttern, dass wir nicht zu spät kommen würden.

Der Herr hatte uns große Gnade gewährt, durch sein Geschenk schien unser Geist Eins geworden zu sein:

Zwei Bewusstseinsebenen, ein Geist! Wir waren Roggle, wir waren Rog und wir waren Gle!

Aber irgendetwas stimmte nicht. Unser Körper gehorchte uns nicht richtig. Der linke Kopf drehte sich nach rechts und blickte den Kopf seines ehemaligen Bruders an. Dieser vollzog synchron die gleiche Bewegung nach links. Doch wir mussten den Auftrag des Herrn erfüllen und den Plan des Mörders durchkreuzen. Plötzlich entstand in unserem Geist ein Bild der Mordmaschine, das uns genau zeigte, was wir tun mussten, um den Aufstieg des Herrn zu unterstützen.

Wir würden den Herrn retten und der Herr würde uns belohnen!

Rasch begannen wir auf das Instrument des Mörders zuzulaufen, doch immer wieder strauchelten wir, irgendwie konnten wir die Bewegungen der beiden Körperhälften nicht mehr richtig synchronisieren. Aber egal, schließlich hatten wir die Todesmaschine erreicht. Wir würden, wie schon unser Volk vorher, dafür sorgen, dass der Herr letztendlich triumphieren würde.

Vor uns stand die Mordmaschine auf einem Dreibein, ein großes, mattes schwarzes Auge glotzte uns entgegen. Einen Moment überkam uns die Versuchung, mitten in dieses Auge hineinzuschlagen. Doch nein, wir wussten es jetzt besser, das Auge war ein berührungsempfindlicher Bildschirm, Touchscreen nannte der Herr es, und mit ihm konnte die Mordmaschine unschädlich gemacht werden. Gefragt war nicht mehr brachiale Gewalt, sondern subtiles Feingefühl. Unsere Hände begannen die Kontrollen zu aktivieren, als uns ein Gegenstand schmerzhaft an der Schulter traf. Gleichzeitig ertönte ein lautes Gebrüll, das auf uns zukam. Verängstigt drehten wir uns um und sahen unseren Albtraum, diesen komischen Vogel mit seinem terranischen Schatten, auf uns zukommen. Der Vogel und das terranische Schreckgespenst gestikulierten wie wild und warfen immer wieder Steine nach uns. Wo kamen die Beiden nur schon wieder her, wir durften uns nicht ablenken lassen, der Herr vertraute auf uns, doch mit einem lauten Wehgeschrei griff unsere rechte Körperhälfte, die Gle gewesen war, sich an den Kopf, wo uns wieder ein Stein getroffen hatte.

Oh, wie das weh tat. Wir fühlten den Schmerz, wie er unseren armen Körper durchzog. Irgendetwas veränderte sich. Eine unbändige Wut überkam uns. Nein, das durfte nicht sein, wir mussten doch die Wut unterdrücken! Doch was tat unsere Hand da? Was wollte sie mit diesem Stein? Nein …, das … das konnte sie nicht tun wollen, nein … nicht … nicht zu … zuschlagen, d … das will d … dd … der Herr bestimmt nicht – aber schon fühlten wir, wie die Hand mit dem Stein nach unten schlug, immer und immer wieder. Wir fühlten nur noch Schmerz, der von unserem rechten Kopf, dem Kopf von Gle, ausging … Schmerz, Qual, Schmerz, Qual … und die Hand mit dem Stein schlug, schlug und schlug …

Ha, getroffen! Der hat gesessen!, freute sich Leo. Der kleine Somer war auf die Idee gekommen, mehrere, etwa faustgroße Steine aufzulesen und diese nach dem Doppelkopf zu werfen, während wir auf ihn zuliefen. Dabei zeigte es sich, dass mein von sich selbst überzeugter Partner zumindest in diesem Punkt eine Naturbegabung war. Seine Steinwürfe trafen Roggle so zielsicher, als ob er sein Leben nicht anderes gemacht hätte, als Steine auf jemand zu werfen, während er auf diesen zurannte. Ich, für meine Wenigkeit, musste einräumen, dass ich auf diesem Gebiet absolut unbegabt war, ich würde nicht einmal ein Scheunentor treffen!

Plötzlich blieb ich stehen. Das Bild, das sich mir bot, war einfach unwirklich. Leo hatte mit seinem letzten Wurf den rechten Kopf des verdammten Vorjuls oberhalb seines Auges getroffen, wonach dieser sich an den Kopf fasste, um dann in Raserei zu verfallen. Irgendwie hatte er einen Stein aufgehoben und schlug nun mit diesem wie ein Berserker auf den zylinderförmigen Körper ein. Irgendwie mahnte mich die ganze Szenerie zur Vorsicht. Meine Hand bekam gerade noch einige Schwanzfedern Leos zu fassen, um diesen daran zu hindern, weiter auf Roggle zuzulaufen.

Bleib stehen!, rief ich ihm zu, irgendetwas wird gleich passieren, das fühle ich!

Der Somer drehte sich um und blickte mich mit seinem Vogelgesicht fragend an. Seine krallenbewehrten Füße begannen erregt zu scharren und zeugten davon, dass Leo sich in höchster Erregung befand. Der breite Schnabel öffnete sich stellte mir mit einem zwitschernden Gesang eine Frage. Ein unwirkliches Sirren enthob mich jedoch einer Antwort. Um den zylinderförmigen Körper hatte sich ein giftgrün schillerndes Feld gebildet, das sich langsam nach unten ausdehnte. Dabei auftretende Gasschwaden zeugten von einem desintegratorischen Effekt, der wohl auf den Boden einwirkte. Die Frequenz des Sirrens steigerte sich in den Ultraschallbereich, während sich das schillernde Feld im Durchschnitt vergrößerte. Innerhalb der giftgrünen Säule, die sich anscheinend immer tiefer in die Gesteinsschichten fraß, bildete sich aus dem zylinderischen Körper eine schwarze Kugel, die etwa einen Durchmesser von einem Meter hatte. Diese begann langsam nach unten zu sinken. Als sie das Niveau der Oberfläche erreichte, erschütterten erste Erdstöße das freie Plateau. Diese Erdstöße schienen Denise, Alaska und den finsteren Alysker aus ihrer Erstarrung zu reißen.

Kamtair, sein Name fiel mir gerade wieder ein, rief uns zu, dass wir schnellstens von dem Planeten fliehen müssten, da irgendjemand eine alyskische Planetenbebenbombe gezündet hätte, die den Planeten einebnen würde.

Ich konnte mir zwar darunter nichts vorstellen, Planetenbebenbombe klang jedoch so bedrohlich, dass ich es mir ersparen wollte, die Wirkung am eigenen Leibe mitzuerleben. Ich zog also den unschlüssig in Richtung Bombe starrenden Leo an seinen Schwanzfedern, die ich immer noch in der Hand hatte, hinter mir her in Richtung unseres gelandeten Raumschiffes. Ich wollte nur noch eines, verschwinden, und das so schnell wie möglich.

In diesem Moment begann der Doppelkopf voller Panik zu schreien und Denise, Alaska und Kamtair erreichten uns.

Gezwungenermaßen blieb ich wieder stehen und ließ Leo los. Aus dem Geschrei des niederträchtigen Vorjuls konnte ich einige Worte verstehen, die mich alarmierten.

Roggle u unschuldig, kkannnicht ddabfür …, nnie mmand hi ilf armes Roggle … bbbi bii bitte Roggle bitt Roggle rette.

Es kam, wie es kommen musste, ich hatte es ja schon geahnt. Wie verblödet muss denn ein Unsterblicher eigentlich sein, bevor man ihn wegen Senilität in Rente schickt? Alaska, ich kann es immer noch nicht fassen, antwortete dem Doppelkopf nämlich und versprach ihm, zu helfen. Er wollte sich gerade in Bewegung setzen, da geschah zweierlei. Entschuldigt alle, die ihr das hier von einem Memokristall liest, aber das, was dann folgte, war so genial, dass ich es in allen Einzelheiten erzählen muss.

Also, Alaska wollte sich gerade in Bewegung setzen, als ihn Denise bei den Schultern fasste und ihn festhielt. Dabei sagte sie mit einer Stimme, die in mir sämtliche Nervenenden zum Vibrieren brachte: Hiergeblieben, mein Freundchen!

Warum eigentlich sagte sie so etwas nicht zu mir? Mich hätte sie nicht zweimal bitten müssen! Aber zurück zu Alaska.

Dieser Idiot, entschuldigt, ich kann das nicht anders ausdrücken, dieser Idiot also riss sich los und, ihr ahnt es wohl schon, wollte auf Roggle zulaufen. Aber das, was dann folgte, das ahnt ihr bestimmt nicht. Denn Denise, gelobt sei die weibliche Schlagkraft, Denise also ließ sich das nicht gefallen und scheuerte Alaska eine, die ihn glatt aus den Latschen kippen ließ. Jawohl, Denise hat Alaska mit einem Schlag KO geschlagen! Und wenn ihr jetzt glaubt, dass es das schon war, dann seid ihr gewaltig auf dem Holzweg. Jawohl, das Beste sollte erst noch kommen.

In dem verrückten Suppenhuhn, also meinem Freund Leo, mussten beim Anblick der wütenden Denise wohl einige Sicherungen durchgebrannt sein, denn Leo kam auf die Idee, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und Denise anzumachen. Und was macht unsere Denise? Na, was glaubt ihr wohl? Jawohl, sie dreht sich einfach um, mustert unseren Brathähnchencasanova mit einem Blick, der selbst mir das Blut in den Adern gefrieren ließ und dann, dann holt sie einfach aus und scheuert unserem Leo ebenfalls eine.

Alaska hatte sich inzwischen wieder aufgerappelt und schrie plötzlich wie ein Irrer. Dadurch wurde meine Aufmerksamkeit wieder auf Roggle gelenkt. Dem ging es inzwischen, und ich kann nicht sagen, dass ich dies bedauerte, richtiggehend an den Kragen.

Kamtair hatte sich wohl nicht um das Intermezzo zwischen Alaska, Denise und Leo gekümmert, sondern war auf den Doppelkopf zugelaufen und hatte ihn am Hals eines Kopfes ergriffen und in die Höhe gehalten. Ich bekam gerade noch mit, wie er einfach mehrmals Schwung nahm und dann den verräterischen Vorjul in den giftgrünen Schacht warf. Ein schrilles Geheule war das Letzte, was wir von dem Doppelkopf vernahmen. Er hatte, meiner Meinung nach, endlich das Erhalten, was er verdient hatte. Nur Alaska schien nicht dieser Meinung zu sein, er kauerte sich wie ein Häufchen Elend zusammen und murmelte immer wieder:

Es tut mir leid, Roggle, aber ich habe versagt!

Irgendwie tat er mir auch leid, ich ging zu ihm und nahm seine Hand. Widerstrebend folgte er mir zu unserem Raumschiff. Wenig später starteten wir Richtung NESJOR. Zurück blieb ein Paradies, das für immer verloren ging.

Zurück blieb ein gemordeter Planet und eine Auseinandersetzung, die noch gar nicht richtig begonnen hatte!

Der Weg hinter die Materiequellen: Rodroms Erwartungen

Es war vollbracht, der letzte Schritt meines Aufstiegs stand bevor. Durch die Auseinandersetzung mit Prosperoh waren meine mentalen Energien noch gestärkt worden, ich war bereit für die finale Auseinandersetzung. Mein Geist erfasste das mentale ÜBSEF-Muster der Alyskerin, die vor Kurzem meine Lust teilen durfte, bevor ich ein letztes Mal in das Gespinst aus Angst, Schmerzen und Qual eintauchte, das den kümmerlichen Rest ihres Bewusstseins repräsentierte. DORGON zittere, jetzt wirst du Gefühle kennenlernen, die dein überflüssiges Dasein für immer beenden werden. Aber tröste dich, nur dein Geist wird zwischen den Dimensionen vergehen, deine Macht, dein Wissen, deine Stärke wird auf einen brillanteren Geist übergehen, nämlich mich! Ja, du kannst stolz darauf sein, ich, der ROTE TOD, werde deinen Platz im Konzert der Hohen Mächte einnehmen. Aber auch eine zukünftige Entität hat ein Recht auf Spaß und Vergnügen, auch wenn das ÜBSEF-Muster mir nur noch ein Erleben aus zweiter Hand bieten würde, aber – und da war ich mir sicher – für DORGON würde es genügen.

Ich fügte dem ÜBSEF-Muster noch die Erinnerungen an die Lust, die mir die Alyskerin bereitet hatte, zu und übertrug das mentale Energiebündel mitten ins Zentrum des Kosmotarchen. Es war unbegreiflich, unfassbar, normalerweise vollzog sich die Entwicklung der Hohen Mächte in Zeiträumen, die Jahrmillionen oder gar Jahrmilliarden umfassten, aber jetzt, in wenigen Minuten, würde ein Kosmotarch sterben und ein neuer Kosmotarch erwachen und in die Gefilde hinter den Materiequellen aufsteigen. Mein Geist registrierte, wie DORGON vor Mitgefühl, Anteilnahme und Trauer paralyisiert wurde, während ich die Alyske zum Schreien brachte. Mein Geist wurde stärker und stärker und drängte DORGON zurück, floss in immer weitere Dimensionen, während DORGONs Verankerung im Normalraum immer mehr geschwächt wurde. Ich begann zu triumphieren, die Manifestationen meiner gespeicherten Empfindungen begannen DORGON