Dorgon 162: Der Virus Prosperoh

Was bisher geschah

Im Jahre 1307 NGZ wütet in der Lokalen Gruppe, M 87 und den estartischen Galaxien der große intergalaktische Krieg zwischen der LFT, den Saggittonen, Estarten und Galaktikern auf der einen und dem Quarterium und dem Kaiserreich Dorgon auf der anderen Seite.

Dieser Krieg wurde von dem Kosmotarchen MODROR entfacht, da seine Bruderentität, der Kosmotarch DORGON, eine Allianz gegen den finsteren MODROR ins Leben gerufen hat.

Mitten drin stecken die sterblichen und relativ Unsterblichen Terraner, Saggittonen und ihre Verbündeten.

Während in der Lokalen Gruppe der Kampf um die Milchstraße beginnt, müssen Atlan, Osiris und Icho Tolot in der fernen Galaxie Manjardon einen Kampf von kosmischer Bedeutung austragen. Es geht um das Schicksal von DORGON, denn eine finstere Seuche hat den Kosmotarchen befallen. Es ist DER VIRUS PROSPEROH …

Hauptpersonen

Atlan:
Der Einsame der Zeit hat seine Schwierigkeiten
Prosperoh:
Ein tödlicher Virus
Osiris:
Der Kemete verfolgt ein Ziel
Icho Tolot:
Er wird von Gefühlen übermannt
Sanna Breen:
Das Konzept DORGONs muss sich abnabeln

Kapitel 1
Eine phantastische Reise

Atlan

Ich bewegte meinen Rücken in eine bequemere Stellung. Der Steinaltar, auf dem ich lag, war alles andere als gemütlich. Noch immer wusste ich nicht so recht, ob es das Richtige war, was wir im Begriff zu tun waren. Sanna Breen hatte uns gebeten, Teil von DORGON zu werden, um den durch Prosperoh und sein Volk der Zechonen ausgelösten schlechten Einfluss einzudämmen.

Ich seufzte leise. Teil von Dorgon werden – dank meines fotografischen Gedächtnisses konnte ich mich an unzählige Begegnungen mit Menschen erinnern, die Teil einer Entität geworden waren und damit ihr Menschsein aufgegeben hatten. Sanna Breen war da nur das jüngste Beispiel von vielen. Selbst Perry Rhodan hatte vor über 1300 Jahren für wenige Minuten in ES aufgehen dürfen. Dieser kurze Moment hatte ihn so stark verändert, dass er damals die komplette politische und gesellschaftliche Ordnung auf den Kopf gestellt hatte. Ja, noch nicht einmal vor der Zeitrechnung hatte er Respekt gehabt.

Mach nur so weiter, am besten verfalle noch in den Erzählzwang!, brachte mich mein Extrasinn zur Vernunft. Damit erreichst du ganz sicher, dass dir diese Reise erspart bleibt!

Ich würgte die Erinnerungen ab. Mein Logiksektor hatte Recht. Selbst wenn mir die Aussicht nicht passte, blieben Icho Tolot, Osiris und mir doch nichts anderes übrig, als DORGON zu unterstützen und damit die Gefahr durch MODROR abzuwehren. DORGON war einfach zu gut und pazifistisch, um sich selbst helfen zu können. Daher musste er sich externe Hilfe suchen.

Ich zwang mich, gleichmäßig und ruhig zu atmen. Zusätzlich wendete ich einige Dagor-Techniken an, um mich komplett zu entspannen. Der unbequeme Untergrund war unwichtig – und damit vergessen. Der Geruch nach Verwesung, ausgelöst durch die vielen Leichen da draußen in den Gängen – vergessen. Der leichte Durst, der sich in meiner Kehle festgesetzt hatte – vergessen.

Urplötzlich begann es. Ich fühlte mich empor gerissen und in den Himmel katapultiert. Ich wollte die Augen aufreißen, doch da war nichts, was ich hätte sehen können. Ich wollte den Mund zu einem Schrei öffnen, doch da war nichts, mit dem ich hätte schreien können. Um mich herum war überhaupt nichts. Ich war überhaupt nichts. Nur das Gefühl der rasend schnellen Bewegung blieb.

Nach nur wenigen Augenblicken fand ich mich in einer weiten Savanne wieder. Ich tastete unwillkürlich nach meinem Körper, doch alles schien an seinem Platz zu sein.

Ich erhob mich und schaute mich um. Unweit von mir lagen Icho Tolot und Osiris, die ebenfalls gerade aufstanden. Ein wenig weiter weg erkannte ich mehrere knorrige Bäume, hohes Gras – und einige Elefanten und Zebras!

Ich begann, an meinem Verstand zu zweifeln. Nach allem, was ich hier erkennen konnte, befanden wir uns eindeutig inmitten einer afrikanischen Landschaft und damit auf der über 187 Millionen Lichtjahre entfernten Erde, nicht mehr auf Aykon.

Icho Tolot hatte seine drei Augen ausgefahren, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. Was geht hier vor sich?, stellte er die alles entscheidende Frage.

Willkommen in DORGON!

Ich wirbelte herum. Völlig unvermittelt war Sanna Breen aufgetaucht. Die hübsche, dunkelblonde Frau schien wieder mitten unter uns teleportiert zu sein. Ich zwang mich, mir wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass sie nur noch ein Konzept DORGONs und keine Terranerin aus Fleisch und Blut mehr war.

Dies ist Afrika, stellte ich fest und fixierte sie. Wie ist das möglich?

Sanna lächelte. Ihr täuscht euch. Das hier ist nicht Afrika, sondern ihr befindet euch in einer der vielen Welten, die DORGON für seine Einwohner geschaffen hat. Ihr könnt immer dort sein, wo ihr wollt.

Während ihrer letzten Worte wechselte die Umgebung abrupt. Wir standen auf einem Balkon und überblickten eine gigantische Stadt. Unmengen von Gleitern schoben sich in verschiedenen Fahrebenen durch die Hochhäuser. Unmittelbar vor uns befand sich ein fünfhundert Meter hohes Gerüst aus Terkonit-Stahl. Lichtblitze, Farbflimmern und Spiegel tauchten den Turm in ein verwirrendes Farbspiel. Weiter oben konnte ich mehrere Aussichtsplattformen ausmachen. Dieses Bauwerk kannte ich seit Jahrhunderten – es war der Kybernetische Turm! Also waren wir in Terrania!

Ich habe früher immer gerne hier gestanden und den Turm betrachtet, erzählte Sanna. Mag zwar mittlerweile die Solare Residenz das offizielle Wahrzeichen Terranias sein, für mich war es immer der Kybernetische Turm.

Sanna Breen hat euch hierhin geführt, weil dieser Ort in ihrem früheren Leben eine besondere Bedeutung hatte, stellte mein Extrasinn fest.

Du kannst dich als Bestandteil DORGONs also überall, wohin du möchtest, versetzen lassen?, fragte ich die Terranerin.

Sie winkte ab. Dies ist nicht das richtige Terrania, sondern nur ein Abbild, das durch die Gesamtheit der Konzepte erschaffen wurde. DORGON hat auch viele andere Völker in sich aufgenommen. Es gibt hier Regionen, die wie die Heimatplaneten der Dorgonen, der Saggitonen oder Völker aus der Milchstraße aussehen. Aber die Umgebung ist nicht alles hier, selbst das eigene Aussehen und die eigenen Fähigkeiten kann man ändern.

Wie auf Kommando wurden wir wieder in eine fremde Wirklichkeit gerissen. Gigantische Pilze ragten um uns herum empor. Kleine Wesen mit libellenartigen Flügeln flatterten um die zahlreichen Blüten herum, deren Duft uns betörte.

Sanna Breen lachte übermütig und ließ ebenfalls aus ihrem Rücken ein paar dieser filigranen und durchscheinenden Flügel wachsen. Obwohl es physikalisch völlig unmöglich war und wir nicht den geringsten Lufthauch spüren konnten, versetzte sie ihre Flügel in Bewegung und flog ein paar Runden um die Pilze herum. Mir erschien es faszinierend, die eigene Lebensfreude so präsentieren zu können.

Schließlich kehrte Sanna Breen zu uns zurück. Ihre Flügel schwangen noch einmal, dann hatten sie sich im Bruchteil einer Sekunde in Luft aufgelöst.

Osiris, der bisher geschwiegen hatte, meldete sich zu Wort. Ich habe mir gerade intensiv vorgestellt, dass ich auf Kemet wäre. Aber nichts ist passiert.

Ihr könnt eure Umwelt nicht beeinflussen, erklärte Sanna, weil ihr kein Teil von DORGON seid.

Ich nickte. Offensichtlich hatte die Entität tatsächlich Wort gehalten und uns nicht völlig assimiliert.

Trotzdem will DORGON euch zeigen, wie es ist, zu ihm zu gehören, fuhr sie fort. Nehmt dies als kleines Dankeschön für eure Arbeit entgegen und schaut, wie schön es ist, Teil von DORGON zu sein!

Bevor ich den Sinn dieser Worte erfassen konnte, wurde es dunkel um mich und ich hatte wieder das Gefühl, mich rasend schnell zu bewegen.

Kapitel 2
Glücksmomente

Osiris

Osiris fand sich übergangslos völlig allein in einer weiten Landschaft voller Seen und Wälder wieder. Er brauchte keine Sekunde, um sich klar zu werden, wo er sich befand. Sein Blick suchte und fand Gebäude, die sich perfekt in die Landschaft einfügten. Er ließ seine Augen über die Straßenzüge wandern und erspähte schließlich eine große Pyramide, wie er es erwartet hatte.

Du hast mich nach Hause geschickt, Sanna, murmelte er im Selbstgespräch. Wie lange habe ich Atum und die Amun-Ré-Pyramide schon nicht mehr erblickt.

Er ignorierte den rationalen Gedanken, dass dies alles nur eine Illusion und nicht die Wirklichkeit war, und machte sich auf den Weg zur Pyramide. Auf dem Weg verglich er jedes Detail mit seiner Erinnerung – und konnte nicht einen einzigen Widerspruch entdecken. Mehr und mehr überkam ihm das Gefühl, wirklich auf seiner Heimatwelt Kemet zu sein.

Nach wenigen Minuten hatte er die Pyramide erreicht. Mit einer Kantenlänge von 3000 Metern und einer Höhe von 1852,35 Metern war sie nicht nur das mit Abstand größte Gebäude der Hauptstadt Atum, sondern auch das Zentrum des einstigen Sternenreiches der Kemeten. Jetzt, wo sich die letzten Kemeten mitsamt ihres Sonnensystems in eine Hyperraumblase zurückgezogen hatten, wirkte dieses Zeichen einstiger Macht ein wenig archaisch, doch solche Gedanken ließ Osiris gar nicht erst aufkommen.

Als er dem Eingang näher kam, entdeckte er, dass er dort von jemanden erwartet wurde. Zunächst sicher, dass es sich dabei nur um Sanna Breen oder Atlan handeln könnte, stellte er beim Näherkommen fest, dass diese Gestalt keinen humanoiden Kopf aufwies. Auf den Schultern des ansonsten völlig menschlichen Körpers befand sich etwas, das man am ehesten noch mit dem Kopf eines irdischen Esels vergleichen konnte. Wild stand das schwarze Fell in alle Richtungen ab. Die rotgelben Augen darin schienen Osiris zu verhöhnen.

Seth!, zischte Osiris abfällig, als er auf Sprechweite herangekommen war. Dich hätte ich hier am wenigsten erwartet, Mörder!

Als der Angesprochene sich in Bewegung setze, nahm Osiris instinktiv Kampfstellung ein, doch sein intriganter Bruder tat etwas, mit dem Osiris nie gerechnet hätte – er fiel vor ihm auf die Knie.

Vergib mir, flüsterte Seth. Ich weiß, dass ich viel Unheil gebracht habe und bereue alles.

Osiris lachte auf, doch keine Freude lag darin. Du hast nicht nur Unzählige unseres Volkes getötet, sondern auch deiner eigenen Frau den Zellaktivator geraubt, das Volk der Seshuren verraten, uns selbst auf Terra verbannt und mich für 30 000 Jahre in die Tiefschlafkammer gesperrt. Nein, du hast selbst danach noch keine Reue gezeigt und mich beinahe getötet, wenn mir DORGON nicht geholfen hätte. Und jetzt soll ich dir vergeben?

Osiris war mit jedem Satz etwas lauter geworden. Die letzten Worte hatte er schlicht geschrien. Seth hingegen war bei jedem Wort zusammengezuckt wie unter einem Peitschenschlag.

Du weißt, dass mich die Superintelligenz Seth-Apophis beeinflusst hat, begann Seth.

Seth-Apophis gab es bei unserer Wiedererweckung vor einigen Jahren aber nicht mehr!

Seth ließ durch sein Maul ein gequältes Jaulen vernehmen. Ich – ich – ich habe es nicht ertragen, Nephtys getötet zu haben und wollte einfach nur Rache.

Den Tod von Nephtys hast alleine du zu verantworten! Wie konntest du nur so etwas Widerliches tun und ihr den Zellaktivator abnehmen?

Sie hat ihn mir freiwillig gegeben! Seth heulte weiter und wand sich auf dem Boden. Mir war mein eigener gestohlen worden und ich wollte ihr nur helfen. Alles auf Seshur ist schief gegangen, alles!

Das ist auch gut so. Wenn Apophis und du eure schändlichen Pläne hättet durchführen können …

Das war alles Apophis gewesen! Die Tränen flossen Seth inzwischen in Strömen durch sein Kopffell. Er hat mir bewiesen, dass mein Leben auch etwas wert ist und wir für Seth-Apophis einen Auftrag erfüllen können. Ich habe mich immer nur minderwertig gefühlt. Er riss seinen Kopf hoch, suchte Osiris’ Blick und umfasste seine Nüstern mit den Händen. Schau mich doch an! So eine Missgeburt.

Osiris musste schlucken. So hatte er seinen Bruder noch nie reden hören. Verzweifelt suchte er nach einer passenden Antwort, doch Seth sprach bereits weiter.

Apophis hat mir erzählt, dass du mit Nephtys Anubis gezeugt hast, weil meine Gene zu minderwertig sind.

Osiris fühlte sich völlig überrumpelt. Das stimmt so nicht, stammelte er. Es stimmt, dass mein Sperma für eine künstliche Befruchtung benutzt wurde, aber ich hätte sie nie angerührt.

Und deshalb soll ich dich nicht hassen?, fragte Seth verzweifelt.

Osiris ging nun ebenfalls in die Hocke und legte Seth seine Hände auf die Schultern. Hat dir Apophis nie erzählt, dass du aufgrund deiner offensichtlich teilweisen Abstammung von Hesi’Thor unfruchtbar bist?

Seths Mund bebte. Er schien etwas sagen zu wollen, brachte aber nichts über die Lippen.

Osiris bemerkte, wie Seths tiefe Traurigkeit auf ihn übergriff. Letztendlich war er doch immer noch sein Bruder, egal was er getan hatte. Und er war immer noch ein Kemete, ob nun zur Hälfte Hesi’Thor oder nicht. Seth war immer Stolz gewesen, ein Kemete zu sein, und hatte sich auch dem Himmelfahrtskommando angeschlossen, mit dem sie sich letztendlich die Zellaktivatoren verdient hatten.

Ich vergebe dir, flüsterte Osiris Seth zu, dessen Augen ihn einfach nur zu verschlucken schienen. Ich vergebe dir, Bruder.

Seth stieß ein weiteres Jaulen aus und Osiris konnte nicht anders, als ihn in die Arme zu nehmen und feste zu drücken. Nie in seinem Leben hatte er sich so erfüllt gefühlt.

Das genügt, vernahm er die Stimme Sanna Breens in seinem Rücken und Seth in seinem Armen löste sich in Luft auf. Bevor Osiris sich dessen völlig bewusst werden konnte, versank seine Umgebung in Dunkelheit und nur das Gefühl einer schnellen Bewegung blieb.

Atlan

Eben noch war diese völlige Dunkelheit um mich gewesen, nun befand ich mich übergangslos in einem Raumschiffskorridor unmittelbar vor einem geschlossenen Schott.

Die Dame ist bereit, Sie zu empfangen, Sir.

Ich blickte mich überrascht um. Neben mir stand ein hochgewachsener Terraner. Mein fotografisches Gedächtnis brachte sofort seinen Namen in mein Bewusstsein: Sergeant Dowen Connery. Neben ihm standen zwei Terranerinnen in Mannschaftsdienstgraden, die üppig mit Paketen bepackt waren.

Plötzlich wusste ich, wo und wann ich mich befand. Ich sah, wie sich Dowens Hand der Schaltfläche neben dem Schott näherte, mit der man sich als Besucher ankündigen konnte. Genau dieselbe Geste hatte ich vor Jahrtausenden auch schon einmal gesehen.

Das Schott schwang auf, und dann stand sie vor mir. Sie trug eine Montur, die aus einem einzigen Stück metallen schimmernden Stoffs zu bestehen schien. So eng, dass kein Detail ihres schönen Körpers verborgen blieb. Ihr pechschwarzes Haar hatte sie glatt zurückgekämmt und im Nacken zu einer kunstvollen Frisur verflochten, die ihr bis zu den Schultern reichte. Ihr Gesicht trug eurasische Züge und war so in seiner Schönheit perfekt, wie man es vielleicht nur einmal unter Millionen von Menschen bewundern konnte. Ihr Mund war groß und von vollen, roten Lippen umrahmt. Ihre dunklen Augen nahmen mich vollkommen gefangen.

Vergessen Sie nicht, meine beiden Begleiter ebenfalls zu dieser Besprechung einzuladen, sagte sie statt einer Begrüßung auf Tefrodisch zu mir.

Ich beuge mich euren Wunsch, Maghan, entfuhr es mir wider Willen.

Narr!, rief der Extrasinn mir innerlich zu. Diese Szene hat sich vor vielen Jahrtausenden abgespielt und ist Vergangenheit. DORGON hat in deinen Erinnerungen gewühlt und gibt dir genau das, was du sehen willst.

Aber es ist schön!, entgegnete ich ärgerlich. Wie sehr habe ich mich danach gesehnt, sie noch einmal erblicken zu können.

Meine Füße bewegten sich ganz von alleine nach vorne. Mein Herz schlug plötzlich viel, viel schneller und meine Körpertemperatur schien spontan um mindestens fünf Grad gestiegen zu sein. Ich bemerkte, wie die Erregung gewisse Teile meines Körpers erreichte. Ohne zu irgend einer anderen Aktion fähig zu sein, nahm ich die Tefroderin in die Arme und küsste sie.

Mirona Thetin, wie habe ich dich vermisst, hauchte ich ihr ins Ohr.

Sie schmiegte sich an mich. Die anderen anwesenden Personen waren völlig vergessen.

So hat es begonnen, Atlan, flüsterte sie und gab mir einen weiteren Kuss. So hätte es auch weitergehen können, wenn du mich nicht getötet hättest.

Ich umfasste ihre Schultern und drückte sie auf Armlänge von mir weg, damit ich ihr in die Augen sehen konnte.

Ich musste es tun, sagte ich und bemerkte, wie mir die Tränen in die Augen flossen. Du warst der Faktor 1 der Meister der Insel. Du hast so viel Leid verursacht, dass man es kaum erfassen kann. Ich stockte, und versuchte dem Kloß im Hals Herr zu werden. Und doch kann ich nicht anders, als dich immer noch zu lieben. Selbst nach all der langen Zeit …

Sie entwand sich mir und schritt zu der Picknick-Decke, die sie unter den Bäumen ausgebreitet hatte. Dabei zeigte sie mir dieses bezaubernde Lächeln, das ich auch ohne fotografisches Gedächtnis nie vergessen hätte. Nicht eine Sekunde wunderte ich mich darüber, dass wir uns plötzlich auf einer sonnendurchfluteten Waldlichtung und nicht mehr an Bord der IMPERATOR befanden.

Dies ist nur eine Illusion, mit der DORGON dich zu manipulieren versucht!, stach der Extrasinn erneut in meine Gedanken, doch ich ignorierte ihn weiterhin.

Wie geht es nun weiter?, fragte ich Mirona.

Sie reichte mir ein Glas mit einer dunklen Flüssigkeit. Ich zögerte nicht eine Sekunde. Das Getränk schmeckte vorzüglich.

Du hast mich damals auf Tamanium gebeten, als Herrscherin über Andromeda abzudanken und mich für meine Taten zu verantworten. Ich hatte das abgelehnt, weil ich mir meiner Macht zu sicher war. Ohne diesen Trick mit dem Speer hättest du mich auch nie besiegen können.

Sie schmunzelte und ich konnte nicht anders, als ihr Lächeln zu erwidern.

Nun, heute weiß ich, dass dieser Weg falsch war, sprach sie weiter. Meine Herrschaft – obwohl über 30 000 Jahre gefestigt – war nach dem Auftauchen der Terraner nicht mehr zu halten. Die Zeitreise, um ihren Aufbruch in die Sterne zu verhindern, klappte nicht. Aber selbst wenn es geklappt hätte, hätte ich nie Andromeda gegen Leute von außen verteidigen können. Sie sah mich beschwörend an. Mein Reich war zu sehr auf Gewalt gebaut – früher oder später wäre es vorbei gewesen.

Ich nickte. Diese Worte passten zwar nicht im geringsten zu der skrupellosen Mirona, die ich kennen gelernt hatte, aber genau zu der Mirona, in die ich mich verliebt hatte.

Es hätte zwischen uns klappen können, flüsterte ich und nahm einen weiteren Schluck.

Sie lächelte wieder. Zwei Unsterbliche mit der Lebenserfahrung von Jahrtausenden – auch oder gerade in Liebesdingen.

Meine Hand fuhr automatisch in ihren Ausschnitt, ihre Hand suchte und fand meine Hosenknöpfe. Wir schmiegten uns immer weiter aneinander, während wir uns entkleideten.

Das genügt, vernahm ich plötzlich die Stimme Sanna Breens hinter mir. Genau in diesem Moment griffen meine Hände, die gerade den üppigen Busen Mirona Thetins liebkost hatten, ins Leere. Die Umgebung versank in Dunkelheit und nur das Gefühl, sich rasend schnell zu bewegen, blieb.

Icho Tolot

Als Icho Tolot sich seiner Umgebung wieder bewusst wurde, befand er sich in einer großen Lagerhalle. Direkt vor ihm lag ein Haluterkind. Sofort ging er in die Hocke, um es zu untersuchen. Er atmete unbewusst auf, als er feststellte, dass alles in Ordnung war. Von der Größe her musste es ein Neugeborenes sein. Irritiert schaute er sich um, ob ein anderer Haluter, der als Elter in Frage kam, in der Nähe war.

Wir müssen weg!, vernahm er eine laute Stimme aus dem Nebenraum. Tolot erkannte die Stimme von Alaska Saedelare.

Noch ein paar Minuten!, schrie nun Gucky zurück. Gucky? Versuche, sie aufzuhalten.

Tolot war nun völlig irritiert. Er zog sein Planhirn zu Rate, kam aber nur zu den Schluss, dass DORGON ihm offensichtlich etwas zeigen wollte.

Behutsam nahm er den neugeborenen Haluter in die Hände. Er hatte wie alle angehörigen seines eingeschlechtlichen Volkes einen ausgeprägten Mutterinstinkt, der sich nicht nur auf Haluter, sondern auf fast alle intelligenten Lebewesen bezog, die kleiner als Haluter waren.

Während er sich auf den Weg zu dem Durchgang machte, aus dem er die Stimmen gehört hatte, vernahm er wieder einen Ruf Alaskas:

Was ist mit Olw?

Bereits gestartet, antwortete Gucky genauso laut. Wir haben nur noch den Transmitter.

Icho zerbrach sich den Kopf darüber, wer noch mal Olw gewesen war. Er befand sich bereits im Korridor, als es ihm wieder einfiel. Olw war einer der zwölf Spezialisten der Nacht gewesen. Diese künstlich geschaffenen Wesen waren die eigentlichen Herren des Konzils der Sieben gewesen, das von 3459 an für über einhundert Jahre die Milchstraße unterjocht hatte.

Ein Thermoschuss riss ihn aus seinen Gedanken. Wäre er nur ein wenig schneller gegangen, hätte der Schuss genau das Neugeborene getroffen. Er versuchte, das Kind mit seinen Brustarmen zu schützen und verfestigte seine Körperstruktur. Erst danach blickte er auf.

Vor ihm waren einige Humanoide in den Gang eingedrungen. Sie waren deutlich kleiner als Terraner, aber dafür um einiges kompakter gebaut. Ihre rostroten Haare hatten sie zu vogelnestartigen Frisuren aufgetürmt. Laren!

Icho Tolot wunderte sich nicht eine Sekunde darüber, hier auf Laren zu stoßen. Er brüllte auf und stürmte wie ein Eisbrecher durch die Laren, die gerade wieder auf ihn anlegten. Sie wurden von seiner Masse zur Seite geschleudert und blieben benommen liegen.

Nun hatte der Haluter endlich den Ort erreicht, von wo aus er die Stimmen von Alaska und Gucky vernommen hatte. Die beiden waren fieberhaft damit beschäftigt, einen transportablen Transmitter aufzustellen. Icho fiel auf, dass Alaska eine Gesichtsmaske trug. Befand er sich tatsächlich in der Vergangenheit? Wieso war ihm nicht bewusst, jemals hier gewesen zu sein? Und was wollte DORGON ihm mit dem Haluter-Kind sagen?

Alaska Saedelaere hatte ihn entdeckt. Er wandte sich Tolot zu und hob die Hände, als wollte er ihn umarmen.

Tolotos, rief er feierlich. Meinen Herzlichen Glückwunsch.

Glückwunsch wofür?, fragte der Haluter irritiert nach.

Gucky fing an zu lachen. Du bist Elter geworden! Deshalb warst du die ganze Zeit so merkwürdig.

Icho Tolot hob das Haluter-Kind an. Ich weiß nicht, was ihr vermutet, aber dieses Kind habe ich dort hinten im Gang gefunden.

Alaska stemmte die nach wie vor erhobenen Arme in die Hüften. Tolotos, Sie sollten dieses Spielchen jetzt endlich aufgeben. Mir hat es nicht gepasst, nichts sagen zu dürfen, aber ich habe mich dran gehalten. Jetzt, wo Ihr Kind da ist, sollten Sie allerdings dazu stehen!

Aber das ist nicht mein Kind, beteuerte Icho, nach wie vor irritiert.

Die Laren kommen, piepste Gucky. Schnell durch den Transmitter!

Gucky und Alaska rannten, so schnell sie konnten, auf den Transmitterbogen zu.

Tolotos, komm!, rief Gucky noch dem Haluter zu, bevor er entmaterialisierte.

Da ihm nichts besseres einfiel, setzte sich Icho Tolot ebenfalls in Richtung des Transmitters in Bewegung. Kurz bevor er ihn erreichte, zuckten die Strahlen von Thermostrahlern und Desintegratoren um ihn herum. Mit einen Sprung rettete er sich ins Abstrahlfeld, dabei das Kind nach wie vor eng umklammert.

Das genügt, vernahm er plötzlich die Stimme Sanna Breens hinter sich. Die Welt um ihn verschwand, und nur das Gefühl eines langen Falls blieb.

Kapitel 3
Ein Graf und sein Gesinde

Atlan

Als ich mir meiner Umgebung wieder bewusst wurde, stand ich inmitten eines Steinkreises aus Menhiren auf einer Waldlichtung. Sanna Breen, Osiris und Icho Tolot waren ebenfalls anwesend. Der sonst so resolute Kemete zwinkerte eine Träne weg, während der Haluter sichtlich irritiert wirkte. Offenbar hatten die beiden ähnlich aufwühlende Situationen wie ich erlebt.

DORGON hat euch einen inneren Konflikt verarbeiten lassen, erklärte Sanna Breen. Ich hoffe, ihr versteht jetzt, dass DORGON mehr ist, als wir als die Summe seiner Teile. Jeder von uns kann jede beliebige Situation erleben und in allen Einzelheiten durchspielen. Jedoch sind alle Gegebenheiten immer positiv. Euch wurden absichtlich Szenen gezeigt, die für euch nicht angenehm gewesen waren, doch nun glücklich geendet haben, egal ob es böse Erinnerungen, sie schaute Icho Tolot und mich an, oder ungelöste Konflikte waren. Ein Blick streifte Osiris.

Icho Tolot räusperte sich. Es klang wie ein aufziehendes Unwetter. Ich konnte gerade noch einen Kontrollblick zum Himmel unterdrücken.

Da scheint ein Missverständnis vorzuliegen, sagte er. Ich habe eine Situation durchlebt, die so nie stattgefunden haben kann.

Sanna nickte. Natürlich haben die Szenen sich so nie abgespielt. Aber ihr hättet euch gewünscht, dass es so gewesen wäre.

Ich schluckte. Damit hatte sie genau ins Schwarze getroffen.

Ich habe offenbar irgendetwas aus der Zeit der SOL-Odyssee im 36. Jahrhundert alter Zeitrechnung erlebt, berichtete der Haluter. Dabei habe ich ein Haluter-Kind vor Laren gerettet. Das kann so nicht passiert sein, da es dort außer mir keinen Haluter gab.

Es war dein Kind, erklärte Sanna schlicht.

Ich blickte überrascht auf. Tolot hatte damals ein Kind geboren?

Doch er streckte alle vier Handflächen abwehrend nach vorne. Das stimmt nicht. Ich habe nie ein Kind geboren. Haluter tun das nur, wenn sie ihr nahes Lebensende verspüren. Er lachte unterdrückt. Das trifft für mich als Zellaktivatorträger ja wohl kaum zu.

Sanna schüttelte so energisch den Kopf, dass ihre Haare umher wirbelten. Es hat damals diese Geburt gegeben! Das Kind ist jedoch von den Laren getötet worden. Das ist deine traumatische Erinnerung. Vielleicht hast du sie verdrängt. Aber sie hat stattgefunden. DORGON macht keine Fehler!

Letzteres würde ich nicht unterschreiben, doch Tolot schien nun endgültig verwirrt zu sein. Er wandte sich mir zu.

Atlanos, habe ich jemals ein Kind bekommen?, flüsterte er.

Ich zuckte bedauernd die Schultern. Ich kann dir das nicht sagen. Ich war damals in der Provcon-Faust und habe das Neue Einsteinische Imperium regiert, falls du dich erinnerst. Du müsstest jemanden fragen, der damals mit dir auf der SOL war. Leider sind die momentan nicht hier. Ich seufzte. Alaska Saedelaere hätte es sicherlich gewusst, doch der hält auf NESJOR die Stellung.

Icho Tolot taumelte einen Schritt zurück. Alaska … Ich habe mich damals mit Alaska über irgendetwas gestritten. Extrem gestritten. Aber warum? Weswegen? Ich weiß es nicht mehr … Bei den letzten Wörtern war er immer leiser geworden.

Jii’Nevever!, stach der Extrasinn in meine Gedanken. Überlege, was die Träumerin von Puydor und Shabazza damals mit Michael Rhodan gemacht haben. Sie hatten ihm eine falsche Erinnerung eingeimpft und ihn dadurch zu Torric, den Herrn der Zeiten gemacht. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Tolots Erinnerungen ebenfalls manipuliert wurden.

Tolotos, wandte ich mich an den Haluter. Ist es möglich, dass Jii’Nevever dir diese Erinnerung gestohlen hat?

Er taumelte noch ein paar Schritte rückwärts. Nein, brüllte er in voller Lautstärke, zu der ein Haluter fähig war. Und das war einiges. Nein, nein!

Stille!

Irritiert nahm ich die Hände herunter, die ich auf die Ohren gepresst hatte. Warum war der Haluter urplötzlich ruhig geworden?

Ich habe mit meinem Planhirn das Ordinärhirn unterdrückt, erklärte Icho Tolot mit monotoner Stimme. Die Aufgewühltheit ist momentan zu groß. Ich bin so nicht von Nutzen.

Ich erschauerte. Auch nach all den Jahrtausenden war mir der Haluter immer noch unheimlich.

Sanna Breen räusperte sich schüchtern und zog dadurch wieder alle Aufmerksamkeit auf sich. Ich möchte euch nun einige Bewohner von DORGON vorstellen, die schon sehr lange Teil von ihm sind. Sie sind sich dessen nicht bewusst, haben aber dennoch Teil am Gemeinwohl und DORGONs Stärke.

Sie verließ den Steinkreis und betrat einen Waldpfad. Icho Tolot stampfte ihr teilnahmslos und mechanisch hinterher. Er wollte gerade einige Zweige abbrechen, die seinem großen Körper im Weg waren, da brachte ihn Sanna mit einer Handbewegung zum Stoppen.

Moment, sagte sie. Die Einwohner des Dorfes kennen keine Außerirdischen.

Sie schnippte mit den Fingern und Icho Tolot schrumpfte zusammen. Zwei seiner Arme zogen sich in den Körper zurück und sein Stirnauge schloss sich und verschwand. Augenblicke später stand ein Hühne mit blonden Haarzöpfen und Vollbart vor uns, der mich unwillkürlich an einen terranischen Wikinger erinnerte.

Schon viel besser, lachte Sanna. So wirst du nicht auffallen. Siehst so auch viel schöner aus.

Sie gab Icho Tolot einen Kuss. Dieser nahm ihn ohne irgendeine Regung entgegen.

Das ist logisch, sagte er nur teilnahmslos. Ich bin allerdings in dieser Erscheinungsform körperlich weniger leistungsfähig und durch den fremden Körper werden meine Reflexe leiden.

Offenbar dachte Tolot auch in Menschengestalt immer noch mit seinem Planhirn, obwohl es rein anatomisch nicht mehr vorhanden sein durfte.

Sanna Breen und Icho Tolot setzten sich wieder in Bewegung. Ich wollte ihnen folgen, doch Osiris hielt mich zurück.

Wir müssen auf Icho Tolot aufpassen, raunte er mich zu. Egal, ob die Geschichte mit der verschwundenen Erinnerung von dem Kind stimmt oder nicht – sie sorgt dafür, dass er psychisch ausgesprochen labil reagiert. Man muss kein Exopsychologe sein, um zu erkennen, dass es da noch einen gewaltigen Knall geben wird.

Ich nickte. Aber solange Icho Tolotson mit seinem Planhirn denkt, wird nichts passieren.

Der skandinavische Name war mir unwillkürlich über die Lippen gekommen. Ich musste grinsen.

Ich finde das nicht komisch, entgegnete Osiris ärgerlich und ließ mich stehen.

Diese ungewohnte Situation macht allen zu schaffen, meldete sich der Extrasinn. Pass auch du auf, dass du dich in diesen Traumwelten nicht wieder einlullen lässt.

Keine Sorge, gab ich schmunzelnd zurück. Wenn Mirona mir das nächste Mal über den Weg läuft, weiß ich Bescheid.

Der Extrasinn verzichtete auf eine Antwort, doch kurz aufflammende Kopfschmerzen bewiesen mir eindeutig, wie sehr ihm meine Antwort gefallen hatte.

Einige Zeit später hatten wir den Waldrand erreicht. Vor uns lag ein Dorf inmitten von Feldern, auf denen einige Bauern beschäftigt waren. Ich erblickte einen großen Wehrhof und unzählige schlichte Holzhäuser. Unweit der Häuser verlief ein Strom, auf dem ich einige Lastkähne ausmachen konnte. Alles machte einen hinterwäldlerischen und mittelalterlichen Eindruck.

Sanna Breen trat demonstrativ einen Schritt zur Seite. Geht, und lernt die Einwohner kennen. Macht euch keine Sorgen wegen der Sprache, denn so etwas spielt hier keine Rolle.

Ich nickte und machte mich auf den Weg. Mit Völkern auf dieser Entwicklungsstufe kannte ich mich aus.

Als wir näher kamen, konnte ich erkennen, dass es außer dem Wehrhof, der von einer hohen Mauer umgeben war, gerade einmal zwei weitere Steingebäude gab. Das eine war eindeutig zuzuordnen, denn die Schläge von Metall und der qualmende Kamin wies es als Schmiede aus. Allerdings wirkte das andere Gebäude irritierend. Es besaß einen quadratischen Grundriss und ebenfalls einen Kamin, doch war dieser gewaltig und befand sich exakt im Zentrum des Bauwerkes. Direkt daneben schloss sich ein Verschlag mit Gänsen an, offenbar als lebendiger Vorrat. Die üppige Bemalung mit Familienszenen und die verzierten Ecken gaben dem Bauwerk einen spirituellen Hauch. Ein Tempel? Wurde hier eine Gottheit verehrt, deren Heiligtum ein Herd war?

Warum denn nicht?, stellte der Extrasinn eine Gegenfrage. Überlege mal, was die Römer alles als Gott angebetet haben. Wenn es Menschen schaffen, für Saufen und Sex einen Tempel zu bauen, ist dies bestimmt auch mit der Zubereitung von Essen möglich. Wobei dir vermutlich ersteres besser gefallen würde.

Bei ersteren hatte er Recht und zu seinem letzten Satz verbiss ich mir einen Kommentar, was mir nur einen Lacher einbrachte. Außerdem war es für uns auch völlig unbedeutend, wie das Weltbild dieser Leute aussah.

Einige Kinder hatten uns entdeckt und kamen auf uns zugelaufen. Sie wirkten alle sehr vom Wetter gezeichnet. Offenbar waren die Winter hier rau.

Kommt ihr aus dem Überwals?, wollte ein rothaariger Bursche wissen.

So viel also zum Thema, es wird keine Verständigungsschwierigkeiten geben, dachte ich sarkastisch.

Nein, widersprach ich und hoffte, damit in kein Fettnäpfchen getreten zu sein. Wir kommen aus einer weit entfernten Stadt, die NESJOR genannt wird.

Liegt das noch weiter weg als Brinbaum?, fragte der Junge weiter.

Weiter weg, versicherte ich. Viel weiter weg, als ihr euch vorstellen könnt.

Das Kind zuckte die Schultern. Ich kann mir sowieso nichts vorstellen, was weiter weg ist als Brinbaum. Ihr solltet euch an den Herrn Graf wenden. Er möchte immer Bescheid wissen, wenn Besucher kommen.

Ich nickte und wandte mich dem Wehrhof zu. Ein Graf also. Sonderlich wohlhabend schien dieser Graf allerdings nicht zu sein, wenn er sich nicht einmal eine Burg leisten konnte.

Als ich das Hoftor erreicht hatte, wandte ich mich um. Osiris stand direkt hinter mir und gab mir durch eine Geste zu verstehen, dass ich anklopfen sollte. Icho Tolotson, unser Haluter in Wikingergestalt, starrte weiterhin apathisch vor sich hin und Sanna Breen hielt sich lächelnd im Hintergrund. Dahinter – unweit eines mächtigen Prangers – lungerten die Kinder herum, die vor Neugier schier zu platzen schienen.

Entschlossen klopfte ich an. Mal schauen, welche neue Aufgabe DORGON für uns vorgesehen hatte.

Als das Tor geöffnet wurde, blieb mir das Herz stehen. Vor uns stand die Schönheit in Person. Strahlend blaue, große Augen nahmen meinen Blick gefangen. Darunter – nur durch ein süßes Stupsnäschen getrennt – befanden sich volle, rote Lippen, die ich zu gerne einmal berührt hätte. Das absolut ebenmäßige Gesicht rahmten hüftlange Haare ein, die wie ein Wasserfall aus puren Gold auf die Schultern dieses schlanken und wohlproportionierten Körpers fielen. Volle Brüste und Hüften rundeten die junge Frau im wahrsten Sinne des Wortes ab, die sie auch unter der Kleidung einer Magd nicht verbergen konnte. Ich schätzte sie auf achtzehn, höchstens zwanzig Jahre.

Aufwachen, Beuteterraner!, fauchte der Extrasinn. Bringe einmal, ein einziges Mal deine Hormone unter Kontrolle. Dein Verhalten ist eines Arkoniden mit deinem Lebensalter völlig unwürdig.

Ich schloss den Mund wieder und hoffte, dass ich nicht wie ein sabbernder Idiot ausgesehen hatte. Ein falscher erster Eindruck konnte schnell viel kaputt machen.

Seid gegrüßt, sagte ich und stellte mich und meine Begleitung vor. Wir möchten Euren Grafen sprechen.

Das Mädchen nickte und lächelte schüchtern. Ein Anblick, der Männerherzen zum Schmelzen bringen konnte. Mein Name ist Hesinja Nagraski. Bitte folgt mir.

Sie wandte sich um und ging auf das Hauptgebäude zu. Mein Blick fraß sich an ihrer wiegenden Hüfte fest. Hesinja trug ein indigofarbenes Kleid, dass ihren Körper betonte und einen einzigartigen Kontrast zu ihrem goldenen Haar bildete, das in der Sonne zu glitzern schienen.

Etwas traf mich in die Seite. Ich blickte auf. Osiris musterte mich böse und schüttelte den Kopf.

Richtig so!, kommentierte der Extrasinn. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich es genauso gemacht.

Ich seufzte innerlich. Hatten sich jetzt Osiris und mein innerer Quälgeist zusammengetan, um mich zu stören? Da erschien mir die leibhaftige Venus, und ich konnte nicht einmal ihren Anblick genießen.

Würden die Herrschaften bitte hier Platz nehmen?, vernahm ich Hesinjas Stimme.

Wieder nahm mich ihr schüchternes Lächeln gefangen. War so ein hübsches Ding – ob nun Magd oder nicht – wohl bereits vergeben?

Nachdem wir auf den bereitstehenden Sesseln Platz genommen hatten, eilte die Schönheit durch eine Tür und kam nur wenige Augenblicke später mit einem Tablett wieder, auf der sich einige kleine Tonkrüge und eine Flasche befanden. Als sie mir einen der Tonkrüge überreichte, berührten sich unsere Hände. Ihre Haut fühlte sich gut an, so weich und sanft. Hesinja hätte mir pures Gift einschenken können, ich hätte es ohne zu zögern getrunken.

Ich werde nun den Majordomos informieren, erklärte sie und ein Schatten glitt über ihr Gesicht. Offenbar schien sie Differenzen mit dem Hausmeister zu haben. Sie huschte die Treppe hinauf und verschwand aus meinem Blickfeld.

Na dann mal Prost, sagte ich und hob mein Krug in Richtung der anderen an.

Osiris schüttelte den Kopf und dann leerte sein Trinkgefäß in einem Zug – nur um unmittelbar danach knallrot anzulaufen. Gepresst stieß er die Luft aus.

Ich hatte ebenfalls zwischenzeitlich mein Getränk herunter gekippt. Das Zeug brannte wie Feuer in meinem Rachen. In meiner Zeit als Einsamer der Zeit hatte ich schon einige üble Schnäpse trinken müssen – vor allem der Ratzeputz war mir nach wie vor in schmerzhafter Erinnerung –, aber das hier ließ selbst diesen wie Mineralwasser erscheinen. Keine Ahnung, was die Leute hier als Basis verwendeten, aber das Endergebnis schien nur aus puren Alkohol und Säure, gewürzt mit Unmengen von Pfeffer, zu bestehen. Mir schossen die Tränen in die Augen und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als mindestens einen Liter Wasser hinterher kippen zu können. Ich langte nach der Flasche auf dem Tablett, goss schnell meinen Krug voll und leere ihn in einem Zug. Das hätte ich lieber nicht tun sollen, denn sie enthielt nur noch mehr von dem Giftzeugs. Aus allen Poren brach mir der Schweiß aus. Der Zellaktivator in meiner Schulter begann heftig zu pochen – vermutlich, um eine Alkoholvergiftung zu verhindern.

Ein Lachen im tiefen Bass riss mich in die Realität zurück. Ich bemühte mich, die Augen zu öffnen, konnte jedoch aufgrund der Tränen mein Gegenüber nur schemenhaft erkennen. War das der Majordomos oder bereits der Graf?

Ihr scheint nicht aus dieser Gegend zu kommen, Herr Atlan, sagte mein Gegenüber mit der tiefen Stimme. Offenbar bekommt Euch unsere Torkelbeerenessenz nicht.

Torkelbeeren? Die trugen ihren Namen offensichtlich zurecht!

Nein, stieß ich hervor. Wasser!

Einige Augenblicke später drückte mir jemand einen größeren Krug in die Hand. Die goldenen Haare waren unverkennbar. Während ich trank, legte ich Hesinja meine Hand dankbar auf die Hüfte. Leider entwand sie sich mir direkt wieder, aber zumindest brachte das Wasser Linderung. Endlich hörte das Brennen auf, das sich mittlerweile die Speiseröhre herabgearbeitet hatte.

Ich wischte die Tränen aus den Augen und musterte mit meinem nun geklärten Blick mein Gegenüber. Zu meiner Überraschung standen dort nicht ein, sondern zwei Männer neben der hübschen Hesinja. Einer war ein etwa 1,60 Meter großes Männchen, das nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien. Seine Haut spannte sich wie bei einer Mumie über den völlig haarlosen Schädel. Sein Aussehen war mir sofort unsympathisch. Der andere Mann erinnerte mich beinahe an einen Ertruser, da er fast genauso breit wie hoch war. Jedoch lag es nicht an seinen Muskeln, sondern eher an dem stattlichen Wohlstandsbauch, der seine Leibesmitte umfasste. Die Hauptattraktionen seines Kopfes bestanden aus einem schütteren Haarkranz aus angegrauten, roten Haaren, einem Mopsgesicht, einem Stiernacken und einem Doppelkinn. Offenbar war das der Sprecher gewesen und aus seiner Leibesfülle schloss ich, dass ich hier wohl den Grafen vor mir hatte.

Habt vielen Dank, Hochwohlgeboren!, sprach ich ihn direkt an. Ich freue mich, Euch kennen zu lernen.

Ich bin Graf Joost von Salsweiler, der örtliche Bronnjar. Ich nehme an, Ihr seid von Stand?

Bronnjar? Unwillkürlich fühlte ich mich an die russischen Bojaren erinnert, die in ihrem Land während des Mittelalters die absolute Herrschaft ausgeübt hatten. Ob die Ähnlichkeit des Titels Zufall war? Sicherlich nicht, denn schließlich war das nur eine weitere von DORGONs Welten. Wer wusste schon, wo diese Menschen herkamen.

Ich glaubte, ich riskierte nichts, wenn ich mich als Adeliger im niedrigsten Rang ausgab. Dies konnte uns einige Türen öffnen. Dem stimmte auch mein Extrasinn zu.

Ich bin Junker auf Wanderschaft, eröffnete ich dem Grafen. Ebenso wie mein Jagdkamerad Osiris hier. Icho Tolotson und Sanna Breen sind unser Gefolge.

Ein wandernder Junker also … Die Miene des Grafen verfinsterte sich. Offenbar war meine Antwort doch nicht so geschickt gewesen. Doch dann wandte er sich Hesinja zu. Du weißt, was das bedeutet. Bereite für die Herrschaften ein angemessenes Abendessen vor!

Meine Göttin nickte und huschte durch dieselbe Tür, in der sie auch schon vorhin verschwunden war, um den heftigen Schnaps zu holen.

Joost wandte sich an die Mumie. Mew, du zeigst den Junkern unsere Gästezimmer. Dann blickte er wieder mich an. Da Wohlgeboren die Jagd erwähnt hat, wäre es mir eine Ehre, Euch heute Abend meine Trophäen präsentieren zu dürfen.

Ich nickte automatisch. Das war sicherlich eine Gelegenheit, den Grafen zum Reden zu bekommen.

Während Joost von Salsweiler sich ächzend die Treppe hochwuchtete, blickte ich Sanna Breen an, doch die Botin DORGONs lächelte nach wie vor lediglich wissend, ohne einen Ton von sich zu geben. Ich seufzte. Was auch immer wir hier zu tun hatten, wir würden es alleine herausfinden müssen. Zum ungezählten Male verwünschte ich die kosmischen Entitäten für ihre Geheimniskrämerei.

Wenn die Herrschaften mir folgen würden, vernahm ich eine Reibeisenstimme. Mir stellten sich die Nackenhaare auf. Das mumienhafte Männchen hatte gesprochen. Es wandte sich um und schritt die Treppe hinauf, ohne weiter Notiz von uns zu nehmen.

Hier schienen sich ja wirklich merkwürdige Gestalten aufzuhalten. Wenn Hesinja nicht gewesen wäre, hätte ich sicherlich schon längst das Weite gesucht, denn die Abneigung, die der Graf und sein Majordomos uns entgegenbrachten, war praktisch körperlich zu spüren. Der tiefgründige Blick, den Osiris mir zuwarf, zeigte mir, dass es dem Kemeten ebenso erging. Die beiden schienen absolut nicht zu den euphorisch friedlichen Gestalten zu passen, wie wir sie bisher in DORGON kennen gelernt hatten. Hesinja und die Kinder passten dagegen genau in das von Sanna vermittelte Bild.

Wir hatten inzwischen das erste Stockwerk erreicht. Der Gnom wandte sich in dem anschließenden Korridor nach links. Ich folgte ihm. Vor einer Tür blieb er stehen und streckte seine Hand aus. Sein knochiger, langer Finger, der in einem ansehnlichen Nagel endete, wies auf die geschlossene Tür.

Gästezimmer für einen der beiden Herrschaften, erklang seine kratzige Stimme, ohne dass er uns angesehen hätte. Ebensowenig hielt er es für nötig, uns überhaupt einen Blick in den Raum werfen zu lassen, sondern ging einfach weiter. Vor der nächsten Tür blieb er stehen. Wieder kam sein unheimlicher Finger zum Einsatz.

Gästezimmer für den anderen der Herrschaften, leierte er herunter, als hätte er es bereits unzählige Male aufgesagt. Der Schlafsaal für das Gesindel befindet sich eine Tür weiter. Sollten die Herrschaften Waschgelegenheiten, Getränke oder ähnliches benötigen, so mögen sie sich an die Magd Hesinja wenden.

Den Namen hatte er förmlich ausgespien. Ich ballte die Hände in meinen Hosentaschen zu Fäusten. Wie konnte er nur?

Er wandte sich um und schritt – wiederum ohne uns eines Blickes zu würdigen – die Treppe in den zweiten Stock hinauf.

Ich schüttelte mich, als der schaurige Hausmeister verschwunden war.

Was für ein herzlicher Empfang, kommentierte Osiris ironisch.

Ich nickte langsam. Wir sollten unsere Räume aufsuchen und uns etwas ausruhen. Wer weiß, was uns hier in diesem reizenden Haus noch alles bevorsteht.

Das Verhalten des Grafen und seines Hausmeisters passt nicht zu DORGON, meldete sich Icho Tolot zu Wort.

Ich wandte mich den blonden Hühnen zu und stemmte die Fäuste in die Hüften. Ach, hat unser halutischer Wikinger das auch schon gemerkt?, fragte ich sarkastisch. Das war ja wohl nicht zu übersehen.

Icho Tolot blickte mich ohne ledigliche Gefühlsregung an und mir fiel wieder ein, dass er vorhin sein Ordinärhirn und damit seine Emotionen unterdrückt hatte.

Tolotos, du solltest dein Ordinärhirn wieder aktivieren, redete ich auf ihn ein. So bist du ja nicht auszuhalten. Da war ja sogar der Karx auf Brocsan noch euphorischer.

Ich werde das momentan nicht tun, widersprach Tolot mit monotoner Stimme. Das Ordinärhirn ist immer noch zu stark angeschlagen. Sobald ich es die Oberhand gewinnen lasse, wird mir wieder der Tod meines Kindes und der Verlust der Erinnerung daran zu schaffen machen. Momentan also unpassend.

Ich verdrehte die Augen und wusste doch, dass er Recht hatte. Kopfschüttelnd öffnete ich eine der beiden Türen. Mein Blick fiel auf ein üppig ausgestattetes Himmelbett, das die Kammer dominierte. Gegenüber dem Bett befand sich eine Kommode mit unzähligen Schubladen, auf der eine Waschschüssel und ein Wasserkrug abgestellt waren. Darüber hinaus befand sich nur noch eine Truhe für persönliche Gegenstände und ein kleiner Kamin in dem Raum.

Ich weiß nicht, was ihr macht, sagte ich über die Schulter zu meinen Gefährten, doch ich werde mir jetzt erst einmal ein wenig Ruhe gönnen.

Ohne auf eine Reaktion zu warten, schloss ich die Tür und warf mich auf das Bett.

Eine Stunde später hielt ich es nicht mehr aus. Unser mysteriöser Auftrag konnte auch noch etwas warten.

Ich schlich zur Tür und öffnete sie, so leise es mir möglich war. Zu meinem Glück war die Luft rein. Vorsichtig schloss ich die Tür hinter mir und huschte zur Treppe ins Erdgeschoss. Dort angekommen konnte ich das Klappern von Töpfen vernehmen. Mir wurde warm ums Herz.

Zaghaft klopfte ich an den Türrahmen der Küche. Hesinja zuckte gewaltig zusammen und ließ vor lauter Schreck das Kaninchen fallen, das sie gerade häutete. Blitzschnell packte ich zu und bekam unser Abendessen zu fassen, bevor es zu Boden fallen konnte.

Hesinja fiel auf die Knie und streckte mir flehend ihre Hände entgegen. Sie blickte starr auf den Boden und begann zu weinen.

Bitte, edler Herr, stammelte sie. Vergebt mir dieses Ungeschick und schlagt mich nicht! Es wird nie wieder vorkommen!

Ich legte das Kaninchen auf den Küchentisch zurück und ergriff Hesinjas Schultern, sanft holte ich sie auf die Füße zurück und wischte die Tränen aus ihrem Gesicht.

Warum sollte ich dich schlagen wollen?, fragte ich sie sanft. Ich habe dich erschreckt. Es ist also höchstens meine Schuld.

Ungläubig blickte sie mich direkt an. Ein einzelne Träne kullerte aus dem linken ihrer so herrlich blauen Augen. Ihre Unterlippe bebte.

Herr, was tut Ihr?, flüsterte sie, als sich unsere Lippen suchten und fanden. Sanft schob sie mich wieder weg. Wohlgeboren, ich bin nur eine einfache Magd, die außer Kochen zu nichts imstande ist.

Ich legte ihr meinen Zeigefinger auf die Lippen und brachte sie dadurch zum Schweigen.

Da, wo ich herkomme, ist so etwas nicht von Belang, erklärte ich ihr. Niemand darf einen anderen Menschen einfach schlagen, selbst wenn er gesellschaftlich höher gestellt ist.

Als ich ihren Rücken zu streicheln begann, wagte sie einen erneuten Widerspruch: Aber das ist gegen die gottgegebene Ordnung!

Ich schüttelte den Kopf und wollte sie erneut küssen, doch sie presste ihren Kopf auf meine Brust und begann erneut zu weinen. So nahm ich sie in die Arme und wartete, bis sie sich beruhigt hatte.

Wäre der Herr Graf doch so wie ihr, würgte sie schließlich hervor. Nie schaut er mich an, nie hat er ein gutes Wort für mich. Nie – nie darf ich in seiner Nähe sein!

Ich schluckte. Die Kleine hatte sich doch nicht etwa in ihren Herren verguckt? Ausgerechnet in ihn?

Als er mich als Magd aufnahm, schien ein Traum für mich wahr zu werden, bestätigte sie meine Befürchtungen. Anfangs war er nett zu mir und schlug mich auch nicht, als ich mich als unfähig zu Dingen wie Bettenmachen und Putzen erwies. Er erkannte mein Talent fürs Kochen und ließ mich ihn voll und ganz verwöhnen. Dafür schenkte er mir dieses wundervolle Kleid.

Ein Lächeln huschte bei ihren letzten Worten über ihr Gesicht und ließ mich frösteln. Sicherheitshalber zog ich mit dem Fuß einen Hocker heran und ließ mich darauf sinken. Hesinja, die sich immer noch in meinen Armen befand, wurde dadurch auf meinen Schoß gezogen. Vielleicht erhöhte das ja meine Chancen.

Sogar Mew Wufski war anfangs, wenn nicht gerade nett, doch zumindest neutral zu mir, plapperte sie weiter, als wäre nichts geschehen.

Mehr und mehr kam in mir das Gefühl auf, meine Tochter und nicht meine Geliebte in den Armen zu halten. Der Extrasinn quittierte das mit einem Lachen und einem Narr, komm endlich zu dir!, doch ich begann, ihren Rücken zu streicheln und mich dabei langsam aber sicher immer weiter ihrem herrlichen Busen zu nähern.

Doch dann wurden sie plötzlich anders. Sie schaute mich so tiefgründig an, dass ich für einen Moment im Streicheln inne hielt. Der liebe Herr Graf scheucht mich nur noch durch die Gegend und der Herr Wulfski ist richtig böse geworden.

Sie klammerte sich an mich und schluchzte erneut. Da nichts anderes in Reichweite war, setzte ich ihr einen dicken Kuss auf die Stirn. Endlich kuschelte sie sich an mich. Ihr Kopf rückte empor und ihre Lippen suchten die meinen.

Macht mich glücklich, Herr, hauchte sie. Lasst es mich vergessen.

Ich ließ uns beide zu Boden gleiten und schob den Saum ihres Kleides nach oben. Schon bekamen meine suchenden Hände ihren Intimbereich zu fassen …

Atlan!, vernahm ich einen Ruf aus Richtung der Türe, der uns beiden den Herzschlag aussetzen ließ.

Mit einem entsetzten Schrei sprang Hesinja auf, ordnete Kleid und Schürze und hatte in null Komma Nichts wieder Kaninchen und Messer in der Hand.

Ich erhob mich bedächtiger und blickte Sanna Breen genau in die Augen. Keine Wut war dort zu erkennen, sondern grenzenlose Enttäuschung, die mich erschauern ließ.

Du hast einen Auftrag!, ermahnte sie mich. Vergiss nicht, dass Milliarden von Leben auf dem Spiel stehen.

Ich schluckte. Hesinja war praktisch sofort aus meinen Gedanken verbannt.

Ich glaube, ich weiß, was hier vorgeht, eröffnete ich ihr. Der Virus Prosperoh greift um sich. Er sorgt dafür, dass die Menschen sich verändern, böser und aggressiver werden.

Das Lächeln kehrte in Sanna Breens Gesicht zurück. Du hast es verstanden. Wir sind hier fertig.

Bevor die Welt um mich herum verschwinden konnte, erhaschte ich noch einen kurzen Blick auf Hesinja Nagraski. In ihren Augen war nur grenzenlose Traurigkeit und Resignation zu erkennen. Hier gab es definitiv noch einiges zu klären, doch das war eine andere Geschichte.

Dann wurde die Umgebung dunkel und lediglich das Gefühl eines langen Falls blieb.

Kapitel 4
Die Schwarzen Lande

Wir kamen alle vier inmitten einer weiten Ebene zu uns, die rechts und links von Gebirgen eingefasst wurde. Ich erklärte Icho Tolot, der nach wie vor die Gestalt des blonden Hühnen aufwies, und Osiris, was ich erlebt hatte. Natürlich ließ ich pikante Details aus, doch Osiris’ Miene verfinsterte sich. Offenbar konnte er sich seinen Teil denken. Ich fluchte innerlich. Hatte der Kerl denn keinerlei sexuelles Empfinden?

Mein Blick wanderte weiter zu Icho Tolot. Seine Augen war nach wie vor teilnahmslos, jedoch ohne uns anzuschauen in eine ganz bestimmte Richtung gerichtet. Ich folgte seinem Blick und erstarrte.

Unweit von uns breitete sich eine gigantische Mauer aus, die offensichtlich durch das gesamte Tal reichte und es in zwei Teile trennte. Jedoch war die Mauer die reinste Manifestation der Unnatürlichkeit. Schleimig glänzend und mit Schuppen bedenkt, erinnerte sie eher an ein Lebewesen als an eine Verteidigungslinie. Auf dem Rücken des Bollwerks waren in regelmäßigen Abständen Pfosten errichtet, die abwechselnd Fackeln oder aufgespießte Schädel trugen. Finster aussehende Krieger patrouillierten dazwischen.

Was ist das?, entfuhr es mir entsetzt.

Dahinter beginnt Prosperohs Machtbereich, erklärte Sanna Breen. Ihre Stimme klang ziemlich ausgelaugt. Wir nennen sie die Schwarzen Lande. Dort kann ich euch nicht mehr helfen, sondern euch nur noch als einfache Terranerin begleiten. Hinter dem Wall beginnt eure eigentliche Aufgabe.

Und wie kommen wir dort herüber?, fragte ich sie, doch Sanna zuckte nur hilflos mit den Schultern.

Man kann die Aggressivität förmlich spüren, die von diesen Schwarzen Landen ausgeht, zischte Osiris, dessen schwache empathische Gabe sich offenbar gerade wieder gemeldet hatte.

Mein militärischer Sachverstand meldete sich zu Wort. Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder verkleiden wir uns wie diese Söldner dort drüben, oder wir versuchen, uns durch das Gebirge zu schlagen.

Verkleiden fünfzig Prozent, Gebirge zweiundvierzig Prozent, kommentierte Icho Tolot emotionslos.

Danke für deine motivierenden Worte, entgegnete ich sarkastisch. Sanna, kannst du uns neue Kleidung verschaffen?

Die Angesprochene nickte. Hier ja, aber hinter dem Wall nicht mehr.

Sie konzentrierte sich kurz, dann waren wir alle in die schwarze Kluft der Söldner gehüllt. Entschlossen schritt ich voran und vergewisserte mich, dass die drei anderen folgten.

Halt, wohin des Weges?, fragte einer der Krieger, der unmittelbar vor dem Wall seinen Dienst tat.

Wir sind Zechonen, gab ich uns als Angehörige von Prosperohs Volk aus, und wollen zum Herrn Prosperoh.

Anstatt zu antworten, hob der Söldner seine Fäuste und stürmte auf mich zu. Ich fluchte. Anscheinend hatten wir doch zu viel riskiert. Ich ging in Abwehrstellung und fegte meinen Angreifer mit einer blitzschnellen Bewegung zu Boden. Meinen Fuß setzte ich auf seinen Kopf, um ihm am Boden festzunageln. Dann blickte ich auf die Mauer. Wie würden die anderen reagieren?

Ihr könnt passieren, rief uns einer der Posten zu meiner Überraschung zu. Wer sich wehrt, kann keiner von DORGONs Kreaturen sein.

Ich tauschte mit den anderen vielsagende Blicke, doch dann wurde uns tatsächlich eine Strickleiter herab gelassen. Ich ließ den von mir besiegten Söldner liegen und griff nach den Sprossen. Die Mauer sah nicht nur schleimig aus, sie war es auch. Angewidert kletterte ich nach oben und bemühte mich, nicht das schuppige Gestein zu berühren. Oben angekommen grinsten mir die Posten zu, machten aber keinerlei Anstalten, mich aufzuhalten. Schnell, aber nicht zu hastig, stieg ich die Treppe auf der anderen Seite des Bollwerks herab. Erst als ich unten war, erlaubte ich mir, durchzuatmen und auf die anderen zu warten. Das war noch einmal gut gegangen, doch würde es ab jetzt mit Sicherheit nicht immer so glimpflich ausgehen.

Nach und nach trafen die anderen ein. Sanna wischte sich angeekelt etwas Schleim von ihrer Kleidung.

Mir gefällt diese Gegend jetzt schon nicht mehr, kommentierte sie ihr Tun.

Oh, du redest ja plötzlich normal, erkannte ich staunend.

Wie schon gesagt, antwortete sie traurig, hat DORGON hier keinen Einfluss mehr, dadurch bin ich praktisch abgenabelt und nur noch ganz allein.

Und jetzt?, stellte Osiris die alles entscheidende Frage.

Ich deutete auf die Überreste einer wohl einstmals prächtigen Straße. Die wird schon irgendwo hinführen. Wenn wir Glück haben, direkt zu Prosperoh.

Osiris blickte die Straße entlang und schwieg lange.

Du hast Recht, sagte er schließlich. Die Aggressivität nimmt in dieser Richtung zu.

Ich kann es auch spüren, flüsterte Sanna und erschauderte.

Ich hob die Hände. Uns wird nichts anderes übrig bleiben, als genau dort hinzugehen. Also los!

Gegen Abend hatten wir nach stundenlangem Fußmarsch ein Dorf erreicht. Mir taten durch die lange Wanderung in der unbequemen Rüstung mittlerweile so ziemlich alle Körperteile weh. Auch der Gesichtsausdruck meiner Gefährten bewies, dass es ihnen ebenso erging. Sogar Tolots bärtigem Gesicht war die Erschöpfung anzusehen.

Eins verstehe ich nicht, keuchte Osiris. Wir sind doch nicht körperlich. Warum kann mir dann mein Körper so weh tun?

Du hast es immer noch nicht verstanden, gab Sanna Breen mit schwacher Stimme zurück. Du bist hier, was du sein willst. Wenn dein Unterbewusstsein dir vorgaukelt, erschöpft sein zu müssen, dann bist du es auch! Du kannst hier auch altern und sterben, wenn du dir nicht ständig bewusst machst, dass du es eben nicht kannst.

Wie, sterben?, fragte ich verständnislos nach. Was passiert denn mit den Toten?

Nichts, antwortete Sanna. Da nur noch unser Bewusstsein existiert, sind wir alle unsterblich und kehren nach unserem Tod wieder zurück. Zumindest, sobald die Knochen verscharrt wurden, denn das Bewusstsein ist mit diesem Körper hier verbunden. Erinnert euch an die Kinder, die ihr im anderen Dorf getroffen habt. Das sind alles Personen, die kurz zuvor an Altersschwäche gestorben waren. Krankheiten und Kriege gibt es hier natürlich nicht. Oder besser, gab es bisher nicht …

Ich folgte ihrem Blick und erstarrte angesichts dessen, was wir in dem Dorf beobachten mussten. Einige in schäbige Lumpen gekleidete Bewohner waren dabei, Knochen auf einen Karren zu laden. Ich schauderte, als ich sie als eindeutig menschlich identifizierte.

Schweigend betraten wir das Gasthaus dieses Dorfes. Ich versuchte, die unangenehmen Bilder aus meinen Gedanken zu verbannen. Das Innere des Gebäudes war in absolut heruntergekommenen Zustand. Es gab keinen Tisch oder Stuhl, der nicht irgendwo eingekerbt oder schief war. Alles war mit Unrat und Dreck übersät. Ich tat mich schwer damit, den beißenden Gestank nach Verwesung und Exkrementen zu ignorieren.

Erschöpft ließ sich Osiris auf einen freien Stuhl sinken und öffnete die Halterungen seiner Lederrüstung. Er ließ die Rüstungsteile einfach so zu Boden fallen.

Mir ist es ganz egal, wie es hier aussieht, solange ich nur etwas zu essen und ein Bett bekomme, meinte er lakonisch.

Ich nickte und tat es ihm gleich. Auch Icho Tolot und Sanna Breen ließen sich am Tisch nieder. Letztere erst, nachdem sie mit einem Zipfel ihres Kleides den Schemel abgewischt hatte. Im Gegensatz zu uns war sie nicht als Kriegerin verkleidet, sondern trug eine deutlich bequemere schwarze Kutte mit Spitzhut und schulterhohem Holzstab, wie wir sie auch bereits einige Male bei Prosperohs Leuten gesehen hatten.

Ein Wirt eilte an unseren Tisch. Er trug lediglich Lumpen und roch genauso wie unsere Umgebung. Sein Körper wirkte völlig unterernährt und ausgemergelt, das Gesicht ausgelaugt und blass. Ich bemerkte, dass seine Knie zitterten und er den Kopf eingezogen hatte.

Die Herrschaften wünschen?, fragte er ängstlich.

Eine ordentliche Mahlzeit und ein Bett für die Nacht, falls ihr das entbehren könnt, antwortete ich freundlich.

Natürlich, sagte der Wirt hastig und verbeugte sich so tief, dass seine Stirn beinahe auf den Tisch schlug. Wir werden für Prosperohs Kämpfer alles tun, was immer sie wünschen.

Er flüchtete in die Küche.

Ich tauschte eindeutige Blicke mit den anderen.

Prosperoh herrscht durch reinen Terror, stellte ich fest.

Der Wirt ist kein Zechone, sagte Sanna. Ich kann das spüren. Langsam, aber sicher vergiften die Zechonen seinen Geist. Irgendwann wird er schwach werden und sich ihnen anschließen, oder aber … Sie blickte vielsagend nach draußen, wo immer noch Knochen aufgeladen wurden.

Der magere Wirt tauchte wieder auf und stellte uns Humpen und einen Krug voll mit schäumenden Bier auf den Tisch, dann war er auch schon wieder verschwunden.

Misstrauisch goss ich mir etwas ein und nippte an dem Glas. Das Bier wies eine irritierende Pfefferminznote auf, war aber ansonsten genießbar. Ich füllte den anderen die Gläser und sie griffen durstig zu.

Sanna Breen verzog nach einigen Schlucken angewidert das Gesicht. Was ist das?

Einheimisches Pfefferminzbier, antwortete ich achselzuckend.

Haben die hier kein Wasser?

Ich lächelte. Langsam wurde Sanna immer menschlicher.

Wieso sammelt Prosperoh wohl die Knochen ein?, kam ich auf ein ernstes Thema zu sprechen.

Wie ich es vorhin erklärt habe, antwortete Sanna und schob ihren Krug von sich. Solange noch etwas der alten Körper vorhanden ist, können sich die Personen nicht neu manifestieren oder wiedergeboren werden. Offensichtlich hat er irgendetwas mit den Bewusstseinen vor.

Was passiert eigentlich, wenn wir hier sterben?, wollte Osiris wissen.

Ihr seid kein Teil von DORGON … Ihr trauriger Blick sagte mehr als tausend Worte.

Plötzlich kam der Wirt mit einem Krug voller Wasser herangestürmt und entschuldigte sich bestimmt ein Duzend mal, als er rückwärts in die Küche zurückeilte. Bevor wir reagieren konnten, kam er auch schon mit einem Suppentopf und Schüsseln wieder. Großzügig schenkte er jedem von uns ein. Es handelte sich um eine rötlichgraue Brühe mit Klößen.

Beherzt griffen wir zu. Irgendetwas am Geschmack der Suppe irritierte mich, sodass ich den Wirt zu mir rief. Was ist das für eine Suppe?

Der Wirt wand sich sichtlich, schließlich antwortete er mit einem verschwitzten Lächeln: Fürst Prosperoh verlangt alle Knochen der Toten von uns, aber er hat nicht gesagt, dass wir sie vorher nicht noch auskochen dürfen.

Absolut synchron spuckten wir aus, sogar Icho Tolot.

Ihr habt eure eigenen Toten zu Marksuppe verarbeitet?, fragte ich fassungslos nach.

Der Wirt warf sich zu Boden und streckte mir seine gefalteten Hände wie bei einem Gebet entgegen. Habe ich etwas Unrechtes getan? Vergibt mir, Herr! Wir haben doch kaum noch etwas zu essen, seit der Krieg angefangen hat.

Das Aufreißen der Eingangstür enthob mich einer Antwort. Hinein kamen einige von Prosperohs Söldnern, laut lachend und lärmend.

Wirt, Bier für uns, aber zack-zack!, brüllte einer von ihnen. Hast du eine Frau oder Töchter? Dann bringe sie auch direkt mit. Wir wollen uns amüsieren!

Der Angesproche rannte wie ein geprügelter Hund davon.

Die Zechonen traten einige Stühle zur Seite und ließen sich dann an einem Tisch am anderen Ende des Speisesaals nieder, dabei immer noch gröhlend. Einige winkten uns amüsiert zu. Der Rufer, offensichtlich ihr Anführer, fixierte mich, deutete auf Sanna und machte eine obzöne Geste, dann lachte er schallend.

Sanna wurde knallrot. Beruhigend legte ich ihr meine Hand auf den Oberschenkel.

Keine Sorge, gröhlte der Zerachone. Kannst sie behalten. Wir haben ja unseren Spaß schon bestellt.

Tatsächlich betraten zwei abgemagerte Mädchen mit Bier den Schankraum. Die jüngere war gerade erst in der Pubertät angekommen und die ältere war auch noch eindeutig minderjährig. Mit zitternden Händen und vor Angst schlotternd schenkten sie den Söldnern ein, dabei ständig von diesen betatscht.

Als die Ältere der beiden bei dem lautesten Zechonen angekommen war, sagte dieser: Schön hast du das gemacht. Und nun bück dich!

Die Wirtstochter tat, wie ihr befohlen war und zog den Rock über ihren blanken Hintern, dem sie den Söldnern entgegen streckte. Ihr Gesicht war aschfahl, die Augen geschlossen und der Mund zusammengepresst. Ich sah einen einzelnen Blutstropfen aus ihrem Mundwinkel fließen. Offenbar hatte sie sich auf die Unterlippe gebissen, um keinen Ton von sich zu geben. Sie machte den Eindruck, als wüsste sie genau, was nun kommen würde. Ebenso erging es ihrer Schwester, die mit zitternden Knien und kreidebleich daneben stand und sich zu entkleiden begann.

So dann wollen wir mal, rief der Söldner fröhlich und packte die Hüfte der Kleinen mit seinen Pranken. Dann begann er, seine Hose zu öffnen.

Sanna Breen wollte aufspringen, doch ich hielt sie zurück. Bedauernd schüttelte ich den Kopf. Einen kurzen Moment trafen sich unsere Blicke. Sie schien zu verstehen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, dann riss sie sich los und rannte nach draußen. So leid es mir tat, aber wir durften unsere Tarnung nicht riskieren – noch nicht.

Die nächsten zwanzig Minuten waren die Hölle. Ich hatte meinen Stuhl absichtlich so gedreht, dass sich das, was die Söldner taten, in meinem Rücken abspielte, aber dennoch hatte ich so eine Orgie in meinem langen Leben noch nicht erlebt. Ich verwünschte mein fotografisches Gedächtnis, denn von nun an würde ich mich mein gesamtes Leben an diesen Moment erinnern müssen.

Osiris hielt seinen Blick fest auf seine Suppenschüssel fixiert. Irgendwann begann er sogar wieder, die Suppe zu löffeln. Offenbar war ihm das lieber, als die Schreie unabgelenkt wahrnehmen zu müssen. Ich wünschte, wir hätten das Lokal wie Sanna rechtzeitig verlassen können, doch das hätte uns nur zusätzlich verdächtig gemacht.

Icho Tolot war der einzige, der der Massenvergewaltigung zusah. Regungslos. Ich wünschte, ich könnte meine Emotionen auch einfach so ausblenden, wie es dem Haluter mit seinem Planhirn möglich war. Aber selbst er würde sich aufgrund seines Mutterinstinkts irgendwann dem, was er da gerade beobachtete, stellen müssen.

Ich ballte die Fäuste. Wie gerne hätte ich die Söldner zusammengeschlagen, doch damit hätten wir alles aufs Spiel gesetzt. Noch wussten die Zechonen nicht, das wir als Externe angekommen waren und Prosperoh ausschalten wollten. So lange wir nicht erkannt wurden, konnten wir unseren Überraschungsangriff vorbereiten.

Nach einer Ewigkeit war es dann endlich vorbei. Die beiden Mädchen – mit blauen Flecken und blutenden Schrammen übersät und nur noch Fetzen am Leib – schleppten sich gegenseitig stützend aus dem Raum. Dann hörte ich das Aneinanderschlagen von Bierhumpen hinter mir.

Auf MODROR und Fürst Prosperoh!, grölten die Zechonen gemeinsam.

Ich traute mich wieder, hinter mich zu blicken. Das machte den Söldnerführer – inzwischen hatte ich aufgeschnappt, dass er Hackibrai hieß – auf uns aufmerksam.

Was ist denn mit euch Langweilern los?, fragte er lachend, während er seine Hose wieder anzog. Wollt ihr keinen Spaß haben? Vielleicht sollten wir die Dunkelblonde wieder reinholen. Also ich könnte durchaus noch mal …

Osiris ballte die Hände zu Fäusten. Ich sah einen Blutfaden aus ihnen laufen. Doch er schaffte es, sich zusammenzureißen und nicht auf Hackibrai loszugehen.

Wisst ihr, ihr Ausländer könnt das vielleicht nicht nachvollziehen, sprach Hackibrai weiter. Als der Rote Tod kam, ließ Fürst Prosperoh uns alle hier hinrichten. Eigentlich sollte ich ihm dafür hassen, aber in Wirklichkeit bin ich ihm dankbar, denn seitdem sind wir im Himmel. Das hier ist das reinste Paradies. Ich verstehe nicht, warum ihr euch so schwer damit tut. Ich könnt tun, was immer ihr wollt. Niemand zieht euch zur Verantwortung!

Ich fluchte leise. Offenbar waren wir trotz unserer Kleidung eindeutig als Nicht-Zechonen zu erkennen. Das verschlechterte unsere Chancen erheblich.

Lachend ging Hackibrai in die Küche. Ich hörte einen Schrei, dann kam der Wirt herausgelaufen. Hackibrai trat ihm brutal in die Kniekehlen, sodass er zu Boden ging. Anschließend griff sich Hackibrai einen Stuhl und schlug so lange auf den Kopf des Wehrlosen ein, bis dieser sich nicht mehr rührte.

Ihr könnt tun, was immer er wollt, wiederholte der Zerachone seine Worte. Die Söldner grölten begeistert dazu. Niemand zieht euch zur Verantwortung.

Nun war das Maß voll! Ich stürmte nach draußen und atmete tief durch. So eine sinnlose Anwendung von Gewalt hatte ich selbst im dekadentesten Rom nicht erlebt.

Das war ein plötzlicher Schub von Gewalt!, keuchte Osiris hinter mir.

Ich drehte mich um. Der Kemete war bleich im Gesicht. Offensichtlich hatte ihm der brutale Mord ebenfalls nicht kalt gelassen.

Diese Zusammenballung von Aggression habe ich nur bei einem erlebt, sprach er weiter. Bei Rodrom!

Ich schüttelte den Kopf. Unmöglich! Rodrom wurde durch Eorthors Verstofflicher festgesetzt und liegt in NESJOR im Koma!

Es war Rodrom!, schrie Osiris mich an. Eindeutig!

War der Kemete von allen guten Geistern verlassen? Ich ballte die Fäuste.

Auch wenn das in deinen Schädel nicht reingeht, sagte ich langsam, als würde ich mit einem Kind sprechen. Rodrom kann nicht hier sein!

Osiris ballte nun ebenfalls die Fäuste. Ich nahm Kampfstellung ein. Es war Rodrom, du blöder Arkonide!

Aufhören!, kreischte Sanna Breen. Die Terranerin kam herbeigerannt und stellte sich zwischen uns. Merkt ihr nicht, dass die Aggressivität bereits auf euch übergreift?

Ich ließ die Fäuste sinken. Was war gerade in mich gefahren?

Ich kann Rodrom so deutlich spüren, als würde ich direkt vor ihm stehen, fuhr Osiris, nun deutlich ruhiger, fort. Egal, ob du mir glauben willst oder nicht. Ich werde ihn suchen gehen. Kümmert ihr euch darum, dass Prosperoh ausgeschaltet wird!

Ich seufzte ergeben, hatte allerdings nichts in der Hand, um Osiris aufzuhalten. Tatenlos musste ich zusehen, wie Osiris zielsicher wegging.

Wir wollten uns gerade wieder in die Herberge begeben, da kamen die Söldner herausgestürmt und kreisten uns ein.

Ihr wollt also den Fürsten ausschalten? Hackibrais Stimme klang bedrohlich.

Offensichtlich hatten die Zechonen zumindest den letzten Teil unseres Gespräches mitbekommen. Damit war unsere Tarnung hinfällig. Ich ging in Kampfstellung, während Sanna Breen sich besorgt hinter mich stellte. Nichts war mehr davon zu spüren, dass sie einige Stunden zuvor noch DORGONs Botin gewesen war.

Unsere Reaktion rief bei den Kriegern nur ein müdes Lächeln hervor. Auf Hackibrais Kommando zogen sie alle Säbel. Ich fluchte. Dem hatte ich nichts entgegen zu setzen. Hoffentlich konnte zumindest Osiris fliegen, denn Hackibrai hatte einige seiner Leute dem Kemeten hinterher geschickt. Wo blieb bloß Tolot?

Mir blieb nichts anderes übrig, als zu kapitulieren. Gegen sieben Kämpfer anzukommen war schon fast unmöglich, aber das unbewaffnet zu tun, während unsere Gegner Säbel trugen, war Selbstmord. Für Icho Tolot – vor allem in seiner eigentlichen Gestalt – wären unsere Gegner kein Thema gewesen, aber von dem blonden Hühnen war nichts zu sehen. Was hatten die Zechonen bloß mit ihm angestellt?

Ihr werdet jetzt mitkommen, kommandierte Hackibrai. Fürst Prosperohs Burg hat sehr schöne Kerker. Die werden euch sicherlich gefallen.

Unter dem hämischen Gelächter der Kämpfer mussten wir uns fesseln lassen. Ich überlegte fieberhaft, wie wir aus dieser Lage wieder herauskommen konnten, doch leider war die Lage derzeit reichlich aussichtslos.

Kapitel 5
Die Gefühle eines Haluters

Icho Tolot

Nachdem Atlan und Osiris nach draußen geflüchtet waren, stand Icho Tolot auf und ging langsam zur Treppe in den ersten Stock. Er ignorierte die irritierten Söldner völlig. Oben angekommen, öffnete er willkürlich eine Tür. Mit einem Blick stellte er fest, dass es nicht das war, was er gesucht hatte. Ohne zu zögern öffnete er die Fensterläden und sprang auf den Hof. Hier wollte er sich aus Gewohnheit auf die Laufarme fallen lassen, doch gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass er diese momentan nicht besaß. So rannte er, so schnell es ihm in diesem minderwertigen Körper möglich war, in den Wald hinein. Er rannte und rannte, bis er irgendwann völlig erschöpft über eine Wurzel stolperte und zu Boden fiel. Erst jetzt drängte ein Schrei aus ihm heraus. Er schrie und schrie seinen Schmerz hinaus.

Durch die Vergewaltigungen und die Hinrichtung, die er mit ansehen musste, war etwas passiert, was er außerhalb der Drangwäsche nie für möglich gehalten hätte. Die unmenschlichen Verbrechen hatten dazu geführt, dass sich sein Ordinärhirn mit aller Macht in den Vordergrund gespielt und das Planhirn abgeschaltet hatte. Icho Tolot hatte das Gefühl, sein Planhirn wäre völlig verschwunden. Er war zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Die Spirale seines Seelenschmerzes begann sich zu drehen. Sein Kind. Die gestohlene Erinnerung daran. Der erschlagene Wirt. Dessen beide apathische Töchter. Die Marksuppe. Die Knochen. Sein Kind. Die gestohlene Erinnerung daran …

Tolot schlug seine Stirn gegen einen Baumstamm. Immer und immer wieder, doch die Gedanken ließen sich durch Schmerz nicht beenden.

Heulend ließ er sich wieder zu Boden gleiten, kauerte sich zusammen und weinte hemmungslos. Wie gerne wäre er dazwischen gegangen und hätte den Wirt, sein Kleines, gerettet. Oder die beiden Mädchen. Aber er war so schwach, so unvollkommen in diesen Körper. Wie konnte ihm Sanna Breen das nur antun?

Langsam begriff er, warum DORGON in letzter Zeit so wenig in Erscheinung getreten war und Sanna Breen so passiv gewirkt hatte, denn das, was die Zechonen hier mit den Bewohnern und damit den Bestandteilen von DORGON machten, konnte einem nur in den Wahnsinn oder die völlige Apathie treiben.

Hätte er seinen richtigen Körper besessen, wäre er jetzt am liebsten in Schockstarre gefallen und hätte so lange als Statue mit der Härte von Terkonitstahl herumgestanden, bis er seine Krise überwunden hatte. Doch das war ihm leider nicht möglich. So blieb ihm nur, die verbliebenen Hände auf seine verbliebenen Augen zu pressen und vor sich hin zu wimmern.

In dieser Weise ganz auf sich konzentriert, bemerkte Tolot, wie der Hass und die Aggression der Umgebung in seinen Geist kriechen wollten.

Komm!, lockte die Stimme. Tue dir den Gefallen, falle in Drangwäsche! Niemand wird sich dran stören … Und du kannst vergessen …

Nein!, brüllte Tolot. Aufhören! Lasst mich!

Er sprang auf und rannte ziellos weiter. Seine Umgebung hatte sich auf erschreckende Weise gewandelt. Der Wald bestand nur noch aus ausgedorrten und geschwärzten Baumleichen. Aus dem Boden ragten ausgelaugte Büsche und einige bleiche Knochen empor. Alles war von einem düsteren Dornicht überwuchert, das in Tolots Menschenbeine schnitt.

Nach einer Ewigkeit erreichte er den Waldrand. Nur noch Fetzen der Kleidung bedeckten seine Unterschenkel, die von blutenden Schrammen übersät waren – für den Haluter eine völlig neue Erfahrung. Doch der Schmerz half ihm, die übelsten Gedanken ins hinterste seines Bewusstseins zu schieben. Inzwischen war er sich sicher, den Reflex zur Drangwäsche überwunden zu haben, doch die schlechten Gedanken warteten nur darauf, bei der kleinsten Unachtsamkeit wieder völlig seinen Kopf auszufüllen. Nach wie vor spürte er nicht das geringste Anzeigen seines Planhirns. Er fühlte sich unvollständig. Nicht nur, dass ihm zwei Arme, ein Auge und der Großteil seiner Leibesmasse fehlten – er konnte auch nicht mehr logisch denken. War er wenige Stunden zuvor noch völlig emotionslos gewesen, bestand sein Leben nun nur noch aus einem Wechselbad starker Gefühle, die ihm allesamt fast um den Verstand brachten.

Jenseits des Waldes breiteten sich klägliche Felder aus. Icho Tolot wurde erst auf den zweiten Blick bewusst, dass diese stinkenden und versumpften Flächen tatsächlich für Ackerbau genutzt wurden, da auf ihnen Menschen arbeiteten. Die Arbeiter waren das Spiegelbild des Landes. Nur die wenigsten trugen mehr als einen kleinen Fetzen Kleidung am Leib. Sie bewegten sich völlig mechanisch, wie schlecht programmierte Roboter, und gingen stumpfsinnig der Feldarbeit nach. Tolot konnte an den ausgemergelten Körpern viele offene Wunden und Geschwüre ausmachen, teilweise traten sogar die Knochen aus den Wunden hervor. Icho Tolot fragte sich, wie sie das vor Schmerzen überhaupt aushalten konnten.

Bewacht wurden die Arbeiter von zwei Zechonen, die auf großen, straußenähnlichen Tieren ritten. Icho Tolot irritierte, dass die Reittiere keinerlei sichtbaren Hals, Kopf oder Sinnesorgane besaßen und die einzigen Gliedmaßen die großen Hühnerbeine zu sein schienen. Die Zechonen trugen Peitschen, mit denen sie die Bauern antrieben, die ihrer Meinung nach nicht schnell genug arbeiteten. Die Arbeiter nahmen die Treffer und die teilweise damit verbundenen neuen Wunden geräuschlos hin. Lediglich das Arbeitstempo erhöhten sie leicht, doch damit schienen sich ihre Schinder zufrieden zu geben. Vielleicht lebten sie auch nur wieder ihre perversen Neigungen aus, die MODROR oder Rodrom ihnen eingeimpft hatten.

Meine Kleinen!, flüsterte der Haluter in Menschengestalt. Einzelne Tränen flossen in seinen Bart. Ich muss euch retten, bevor ihr daran zugrunde geht.

Aber wie sollte er das anstellen? Hätte er nicht diesen schwächlichen Körper, wären die beiden Zechonen-Krieger kein Thema gewesen, aber schwach, unbewaffnet, übermüdet und verletzt, wie er momentan war, schien es für ihn eine praktisch unmögliche Aufgabe zu sein.

Als die Peitsche wieder herabschellte und bei einer Frau, die schon mit vielen offenen Wunden übersät war, eine weitere Verletzung bis auf die Knochen verursachte, hielt Icho Tolot es nicht mehr aus. Sein Mutterinstinkt wurde übermächtig. Er stürmte aus seiner Deckung auf die Felder.

Oder zumindest wollte er das tun, doch sein geschwächter und ungewohnter Körper ließ nur ein wenig elegantes Taumeln zu.

Ihr dürft das nicht tun!, brüllte er den Aufsehern zu. Ihr dürft sie nicht verletzen.

Er ignorierte die beiden Zechonen auf ihren Reittieren und rannte, so schnell er konnte, zu der geschundenen Frau. Dort riss er sich einen Fetzen seiner Hosenbeine ab und versuchte, die gröbsten Wunden der Arbeiterin damit zu verbinden, doch diese ignorierte ihn völlig und ging weiter ihrer Arbeit nach.

Icho Tolot stellte sich genau vor sie, um sie vom Arbeiten abzuhalten, aber sie drehte sich einfach leicht zur Seite und hieb ihre Hacke ein weiteres Mal in den Boden.

Lass mich dir helfen, Kleines, flüsterte er ihr zu, doch ihr Blick ging leer durch ihn hindurch. Er versuchte, sie zu aus ihrer Lethargie zu rütteln, aber sie riss sich los und fuhr an einer anderen Stelle mit ihrer Feldarbeit fort, als wäre er nur ein lästiges Hindernis.

So werden auch bald die beiden Mädchen aus der Gastwirtschaft enden , dachte er traurig. Nur noch Zombies, die stumpf ihrer Arbeit nachgehen und keinerlei eigenen Willen mehr besitzen.

Frustriert und geistig wie körperlich völlig ausgelaugt ließ er sich zu Boden sinken. Er konnte nicht verhindern, dass ihn die Tränen wieder in die Augen schossen.

Er wehrte sich nicht, als ihn später die Zechonen fesselten, und ließ sich abführen. Warum auch nicht? So konnte er nicht mehr weiterleben. Sollten sie ihn doch töten, wie es seinem eigenen Kind und dem Wirt ergangen war. Oder auch zu so einem untoten Sklaven machen. Jedes Ende seiner derzeitigen Existenz war besser, als weiter in diesem unwürdigen Körper all dies mitansehen zu müssen.

Ob er sein Kind wiedertreffen und sich dran erinnern würde, wenn er erst einmal tot war? In seinem ganzen Elend gelang Icho Tolot für einen winzigen Moment ein Lächeln, bevor er wieder zu Heulen anfing.

Kapitel 6
Fürst Prosperoh

Atlan

Ich machte mir bewusst, dass ich auf mich allein gestellt war. Icho Tolot und Osiris waren verschollen, und Sanna Breen … Ja, Sanna … Ich blickte zu der dunkelblonden Terranerin. Sie kauerte im Schneidersitz in einer Ecke unseres Käfigs und starrte ohne jegliche Regung auf ihre Oberschenkel. Ab und zu sah ich eine Träne in ihren Schoß fallen, doch ein Blick in ihr Gesicht war mir aufgrund der tief herabgezogenen Hutkrempe nicht möglich.

Die Zechonen-Krieger hatten uns zunächst gefesselt und ruhig gestellt, doch dann war unser wanderndes Gefängnis angekommen. Es handelte sich um eine Art Käfig, der auf zwei riesigen Hühnerbeinen herangeschritten kam. Es war so ziemlich das ungewöhnlichste Reittier, das ich jemals gesehen hatte, aber andererseits wusste ich nicht, was für Tiere ihre Heimatwelt bevölkert hatten. Man löste uns gnädigerweise die Fußfesseln, bevor wir eingesperrt wurden, doch die Stricke um meine Handgelenke schnitten mittlerweile schmerzhaft ins Fleisch.

Da ich momentan keinerlei Möglichkeit sah, uns aus dieser Lage zu befreien, blieb mir nur, die vorbei ziehende Landschaft zu beobachten, die immer mehr einem Albtraum glich. Seit unzähligen Stunden flankierten nur noch ausgedorrte Gerippe von Bäumen unseren Weg. Hin und wieder passierten wir Pyramiden aus übereinander gestapelten Totenschädeln, die mit ihren Kiefern klapperten, wenn wir vorbei zogen. Das löste bei mir immer wieder eine Gänsehaut aus. Ich wollte gar nicht wissen, ob das nur eine perfide Illusion war, mit der Prosperoh und seine Zechonen etwaige Besucher demoralisieren wollten, oder ob wirklich dem Wahnsinn nahe Bewusstseine in diesen Schädeln ihr Dasein fristen mussten.

An den Stellen, an denen sich der Wald lichtete, waren Sklaven mit karger Feldarbeit beschäftigt. Die zu bedauernden Kreaturen waren so übel entstellt, dass ich nicht mehr genau hinsehen konnte, ohne mich übergeben zu wollen. Mir war unklar, wie sich Menschen mit solchen Verletzungen überhaupt noch auf den Beinen halten konnten, doch hielten die Aufseher mit ihren widerwärtigen Peitschen, die in unzähligen Enden ausliefen, die Landarbeiter offensichtlich effektiv bei der Arbeit.

In diesem Moment tauchte eine Vogelscheuche in meinem Blickfeld auf. Ich wollte gerade Sanna auf dieses unerwartete Kuriosum aufmerksam machen, da rief ich mir in Erinnerung, dass die Zechonen mit Sicherheit kein lustiges Dekorationsstück hier aufgestellt haben würden. Misstrauisch beäugte ich den stummen Wächter über ein mit bleichen Getreide bewachsenes Feld. Als unser Käfig an der Scheuche vorbei schritt, schellten uns plötzlich ihre Arme entgegen und versuchten, die Gitterstäbe zu erreichen. Ich vernahm ein Geräusch, als würde sich ein schwer erkälteter Mann permanent räuspern. Einer unserer Wächter schlug mit seinem Stab gegen die Arme der Scheuche, die daraufhin in ihre Ausgangsstellung zurückkehrte. Ich musste würgen. Das war eindeutig keine Vogelscheuche, sondern ein aufgespießter Mensch gewesen!

Langsam wurde es mir zu viel. Irgendwann war alles genug. Ohne es wirklich bewusst wahrzunehmen, rutschte ich zu Sanna herüber und nahm sie in den Arm, soweit das mit den Handfesseln möglich war. Diese erwiderte meine Nähe und klammerte sich an mich. Auf diese Weise dicht aneinander gepresst bemerkte ich, dass ihr Oberkörper in stillem Wimmern bebte.

Wie gerne hätte ich sie getröstet, doch momentan war mir das einfach nicht möglich. Immer stärker strömte die Stimmung unserer Umgebung in meine Gefühlswelt ein. Ich hatte panische Angst davor, wieder wie vor dem Gasthaus die Kontrolle über mein Tun zu verlieren und womöglich noch Sanna was anzutun. Wie es in ihr aussah, darüber konnte ich nur spekulieren. Selbst in ihrem wahren Leben war sie eine Person gewesen, die keiner Fliege was zuleide tun konnte. Sie war eine Frau gewesen, die an das Gute eines Menschen glaubte. Ganz besonders in Cauthon Despair. Obwohl alle ihn mit Misstrauen einst bedacht hatten – zurecht – hatte sie gehofft, dass er ein guter Mensch werden würde. Nach der Absorption ihres Bewusstseins durch DORGON war ihre Friedfertigkeit nur noch verstärkt worden. Hinzu kam, dass sie nicht wie die meisten anderen hier lediglich ihr Leben in diesen unfassbaren Welten fortgesetzt oder neu begonnen hatte, sondern als Botin praktisch allen Einflüssen und Aspekten DORGONs gleichzeitig erlegen war. Wie musste sie sich jetzt fühlen, wo sie von allen externen Einflüssen getrennt und in dieser für normale Menschen kaum ertragbaren Umgebung gefangen war?

Während ich mich noch diesen trüben Gedanken hingab, überkam mich endlich die Müdigkeit des langen Marsches. Ich gab mich ihr hin und schlief ein.

Irgendwann schreckte ich auf. Mein Schlaf war nur von Albträumen erfüllt und nicht wirklich erholsam gewesen. Ohne Zellaktivator hätte ich genauso gut auch darauf verzichten können. Sanna Breen war ebenfalls eingeschlafen. Sie hatte sich ganz in meinen Schoß gekuschelt und stieß nur einen dumpfen Laut aus, als ich aufgeschreckt war. Hoffentlich hatte ich sie nicht geweckt. Da ihr der Hut weggerutscht war, konnte ich nun endlich ihr Gesicht betrachten, das blass geworden und eingefallen war. Zusätzlich rahmten dunkle Ringe ihre Augen ein. So sah jemand aus, der monatelang in irgend einen finsteren Verlies bei Wasser und Brot dahin vegetiert hatte, aber nicht die Botin einer kosmischen Entität.

Ich versuchte herauszufinden, wie lange ich geschlafen hatte, doch die Landschaft um uns herum war in dasselbe trübe Dämmerlicht getaucht, das auch schon den Wald erfüllt hatte. Von diesem war nichts mehr zu sehen. Stattdessen breitete sich eine Wüste aus grauem Staub vor meinen Augen aus, die mich stark an die zerstörte Natur auf Aykon erinnerte. Offenbar hatte der tödliche Staub in irgend einer nicht fassbaren Weise hier seinen Ursprung.

In Laufrichtung unseres Käfigs konnte ich am Horizont einen Berg ausmachen, der sich wie ein gigantischer Pickel aus der Landschaft erhob. Ich kniff die Augen zusammen, um im Dämmerlicht weitere Details ausmachen zu können. Tatsächlich, der Berg war über und über mit Häusern bedeckt. Am höchsten Punkt funkelte eine Burg, die aus purem Gold zu bestehen schien. Vier Türme flankierten die Ecken des Bollwerks, während sich in der Mitte ein viel höherer Turm erhob. Die Architektur hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit den Tempelanlagen auf Aykon, parodierte diese aber auf erschreckendste Weise. Ich war mir auf den ersten Blick sicher, Fürst Prosperohs Residenz vor mir zu haben.

Sanna begann zu zittern. Offenbar hatte sie ebenfalls schlechte Träume.

Konnte ein Wesen wie sie überhaupt Albträume haben? Aber andererseits hatte sie, seitdem wir die Schwarzen Lande betreten hatten, das Verhalten einer ganz normalen Terranerin gezeigt.

Ich zog, soweit es mir mit gefesselten Händen möglich war, ihre Kutte über sie, um ihr etwas Wärme zu geben. Eigentlich war es verwunderlich, dass sie mich in ihrer Schönheit nie körperlich gereizt hatte. Vermutlich, weil ich in ihr immer DORGONs Botin und nie eine Frau gesehen hatte.

Narr!, meldete sich in meinen Gedanken eine Stimme, die ich schon seit der großen Mauer nicht mehr vernommen hatte. Sanna hat dich sehr wohl interessiert, sonst hättest du dich auf das hier nie eingelassen! Erinnerst du dich, dass sie dir nur schöne Augen machen musste und du dann prompt deine Argumente über Bord geworfen hast? Wenn Hesinja nicht gewesen wäre, wärst du mit Sicherheit über Sanna statt über die Küchenmagd hergefallen.

Ich bin über Hesinja nicht hergefallen!, gab ich ärgerlich zurück. Außerdem ist das ja jetzt wohl kaum die Situation, um über solche Nebensächlichkeiten zu diskutieren, oder?

Mit wem redest du?, hörte ich Sanna flüstern. Offenbar hatte ich in meinem Ärger meine Antwort laut ausgesprochen.

Es ist nur mein Extrasinn, winkte ich ab. Schlaf ruhig weiter, du hast es nötig.

Doch sie schlug die Augen auf und setzte sich wieder neben mich hin, den Rücken wie ich an die Gitterstäbe gelehnt. Dann legte sie ihren Kopf auf meine Schulter.

Es ist komisch, flüsterte sie. In den letzten Jahren habe ich fast vergessen, wie es ist, ein Mensch zu sein. Nur meine Besuche bei Cauthon Despair hatten mich an mein einstiges Ich erinnert. Aber nach all dem, was ich hier bisher sehen musste, will ich das gar nicht mehr und sehe mich nach dem Frieden in der Gemeinschaft DORGONs zurück.

Ich schwieg. Was sollte man bei so einer Aussage auch antworten?

Lange Zeit sagte auch Sanna nichts, ihre Augen starr auf den Horizont gerichtet. Dann fuhr sie fort: Atlan, ich glaube, ich werde wahnsinnig.

Ich schluckte. Wie meinst du das?

Sie hob ihren Kopf, um direkt in meine Augen blicken zu können. Du merkst es wahrscheinlich nicht so stark, weil du kein Teil von DORGON bist, aber ich spüre, wie diese Umgebung Stück für Stück meinen Geist vergiftet. Es sind immer nur winzige Mengen, doch auf die Dauer werde ich mich davor nicht retten können. Es war die einzig wahre Entscheidung, euch zu Hilfe zu holen. Kein Bewohner DORGONs könnte Prosperoh entgegen treten. Eine einsame Träne kullerte ihre eingefallene Wange herab. Atlan, ich muss dich nun um was bitten – nein, ich muss dir etwas befehlen: Sollte ich jemals Aggressivität zeigen, dann töte mich sofort.

Sanna, ich …

Tu es, bitte! Vielleicht kann ich mich dann wieder mit reinem Geist neu manifestieren. Wenn nicht … Sie deutete auf einige entstellte Arbeitssklaven, die mechanisch unserem Transport folgten. Prosperoh und die Zechonen machen uns zu ihren Sklaven – und damit auch DORGON. Irgendwann werden wir alle so dahin vegetieren und DORGONMODROR ein leichtes Spiel bieten. Alles ist besser, als so zu enden.

Ich atmete tief ein. Nahm dieser Horror denn kein Ende? Dabei hatten wir Prosperoh bisher nicht einmal gesehen!

Wenig später hatten wir die Stadt erreicht. Die tumben Arbeiter wurden in einen Verschlag gesperrt, wie er anderswo nur für Vieh verwendet wurde. Ohne den geringsten Widerstand ließen es die entstellten Gestalten mit sich geschehen. Ich sah, wie ein Zerachone Innereien und andere Essenreste in einen Trog füllte und die Sklaven zu fressen begangen. Angewidert wandte ich mich ab.

Unser wandelnde Käfig konnte das mächtige Stadttor problemlos passieren, sodass wir auch die Gassen der Stadt durch die Gitterstäbe beobachten mussten. Sie machte einen völlig heruntergekommenen Eindruck. Was einstmals wohl hübsche Fachwerkhäuser gewesen waren, bestand nun nur noch aus Dreck, Löchern und Unrat. Dazwischen huschten einige Bewohner wie Ratten umher und sammelten das ein, was die lärmenden und lachenden Zechonen fallen ließen. Letztere gebärdeten sich, als wären sie die Allmächtigen persönlich. Kam ihn einen der bedauernswerten früheren Einwohner entgegen, wurde er brutal zur Seite getreten. Hier und da sah ich auch, dass Zechonen, egal welchen Geschlechts, auf offener Straße vergewaltigten. Alle zeigten bei ihrem Tun eine perverse Freude, dass mir schlecht wurde.

Als wir weiter den Berg in Richtung Schloss empor getragen wurden, kam uns ein Streitwagen entgegen, der jedoch nicht von Pferden, sondern von nackten, jungen Männern gezogen wurde. Der Wagen wurde von einer Zerachonin gelenkt, die wie eine Domina gekleidet war und ihre Peitsche auf die Rücken ihrer Pferde zischen ließ. Dabei stieß sie ein lustvolles Stöhnen aus.

Sanna Breen wandte sich ab. Sie setzte wieder den Spitzhut auf, zog die Krempe über ihr halbes Gesicht und verbarg dieses dann auf meiner Brust. Ich fühlte, dass sie vor Ekel zitterte.

Aus einer Gasse wehte ein Geruch herüber, der stark nach Käse roch. Ich hoffte, nie herausfinden zu müssen, womit man dort beschäftigt war.

Endlich hatten wir den Burgplatz erreicht. Unser wandelnder Käfig ließ sich zu Boden sinken. Ich nahm dies als Aufforderung, mich zu erheben und zum Ausgang zu gehen. Dabei zog ich die völlig passive Sanna mit mir. Sie schien leise etwas vor sich hin zu murmeln, vielleicht ein Gebet, vielleicht redete sie sich auch nur Mut zu. Wenn wir Glück – oder je nach Sichtweise Pech – hatten, würden wir gleich schon dem bösen Zentrum dieser Welt gegenüber stehen.

Einige der in knappes Leder gekleideten Damen erwarteten uns, in offensichtlicher Vorfreude die Peitschen schwingend. Ich drücke Sanna an mich, um sie vor den Hieben zu schützen und tatsächlich – kaum hatten wir den Käfig verlassen, trafen mich die Schläge der neun Enden, die jede Peitsche aufwies, und zogen blutige Striemen über meine Haut. So schnell unsere Peiniger es zuließen, liefen wir in die goldene Festung.

Dort erwartete uns ein in pompöse Gewänder gekleideter Mann, dessen Haut scharlachrot gefärbt war.

Halt!, rief er den Schinderinnen zu. Lasst mich mal sehen.

Brutal wurde mir Sanna Breen aus den Armen gerissen. Der Rote pflückte ihr den Hut von Kopf und begutachtete ihr Äußeres.

Na, die Kleine sieht doch ganz passabel aus, stellte er schließlich zufrieden fest. Bringt sie in den Jungfrauen-Hort.

Mein Herzschlag setzte aus. Jungfrauen-Hort? Gab es denn keine Abscheulichkeit, zu der die Zechonen nicht fähig waren?

NEIN! , donnerte plötzlich eine Stimme durch den Raum. Sie schien von überall her gleichzeitig zu kommen. Oder entstand sie direkt in meinem Kopf? ICH WILL SIE SEHEN. ALLE BEIDE! BRINGT SIE ZU MIR!

Sofort wurden wir beide die Treppe in den Zentralturm hochgezerrt. Ein weiteres Mal traf mich eine Peitsche am Rücken. Ich versuchte, den Schmerz zu unterdrücken. Sanna Breen war kurz davor, zu kollabieren. Ich sah nur noch das Weiße in ihren Augen. Sie hatte Schaum vor dem Mund. Als wir weiter die Treppe hochgestoßen wurden, begann sie am ganzen Körper zu zittern und klappte schließlich zusammen.

Als eine der Peitschnerinnen zuschlagen wollte, riss ich mich los und ging dazwischen. Trotz der Fesseln gelang es mir, Sanna über meine Schulter zu werfen. Hämisch grinsend stießen mich die Palastwachen weiter.

Inzwischen war mir aufgefallen, dass alle Anwesenden die scharlachrote Hautfärbung und keinerlei Behaarung aufwiesen. Ob es sich bei ihnen um eine spezielle Rasse der Zechonen handelte? Oder hatten sie sich absichtlich die Köpfe geschoren und die Haut gefärbt, um auf ihre besondere Stellung hinzuweisen?

Schließlich erreichten wir einen gigantischen Saal, der sich über mehrere Stockwerke bis zur Spitze des Turms zu erstrecken schien. Die Form erinnerte mich auch hier wieder an das hohle Innere einer Pyramide. Im exakten Zentrum des Raums war ein gewaltiges Podest aufgebaut, auf der sich ein pompöser Thron befand. Auf diesem wiederum räkelte sich ein Männchen, das in dieser Umgebung einfach nur lächerlich gewirkt hätte, wenn es nicht diese ungeheure Ausstrahlung von Gewalt und Hass vermittelt hätte. Auch bei ihm war kein Haar zu finden, nicht einmal Augenbrauen, und die Haut war scharlachrot gefärbt.

Als ich bis auf etwa zehn Schritte an den Thron herangekommen war, zwang mich ein unerwarteter Schlag in die Kniekehlen auf den Boden. Dabei entglitt mir Sanna Breen und schlug unsanft auf. Kein Ton kam über ihre Lippen. Sie schien die Aggressivität, die dieser Ort aushauchte, nicht verkraften zu können und war wohl in ein Koma gefallen.

Fräulein Breen, vernahm ich eine Eisesstimme, gegen deren Tonfall das Organ von Majordomos Mew Wulfski noch sympathisch geklungen hatte. Was für eine unerwartete Überraschung.

Das Männchen fixierte mich. Seine Augen schienen mir die Seele aus dem Leib zerren zu wollen. Schnell blickte ich zu Boden. Nach meiner Begegnung mit dem Chaotarchenknecht Peonu, der mir vor etwa achtzig Jahren in der INTRAWELT einen Teil meiner Seele entrissen hatte, wollte ich so etwas nie wieder erleben.

Und Ihr müsst Atlan sein, fuhr er fort. Wirklich reizend, dass Ihr mich besuchen kommt. Aber ich will nicht unhöflich sein. Ich bin Fürst Prosperoh, der persönliche Sendbote des Teufels MODROR!

Ich schaute zu Sanna herüber. Sie war immer noch bewusstlos. Selbst mir fiel es schwer, diese ungeheure Aura von Aggressivität zu ignorieren.

Ach, Ihr wollt nicht mit mir reden, sprach das glatzköpfige Männchen. Ich kann mir denken, warum Ihr hier seid, aber seid versichert, dass Ihr zu spät kommt. Wir, die Zechonen, haben uns mittlerweile so weit ausgedehnt, dass unser Herr, der Teufel MODROR, keinerlei Probleme mehr haben wird, dieses primitive Wesen namens DORGON zu übernehmen und das vollenden, wozu Kosmokraten und Chaotarchen nicht fähig waren.

Was meint ihr damit?, entfuhr es mir.

Prosperoh gähnte hingebungsvoll und betrachtete seine Fingernägel, bevor er fortfuhr. Ihr seid so erbärmlich. Natürlich wird MODROR gewinnen. MODROR ist unser Teufel! Immer habe ich an ihm geglaubt. Aber wisst ihr was? Ich muss nicht mehr an ihn glauben, denn ich weiß mittlerweile, dass er existiert. Was gibt es für eine größere Erfüllung? Aber das sollte ich nicht so jemanden Kleingläubigen wie euch erzählen …

Prosperoh hatte sich so in Rage geredet, dass er momentan nicht wirklich auf mich Acht gab. Das war die Chance, auf die ich gewartet hatte! Sofort hechtete ich nach vorne und versuchte, Prosperoh in die Hände zu bekommen.

Aber genau in diesem Moment verwandelte sich der Zechonen-Prinz in einen fünf Meter langen schwarzen Drachen. Der Drache bestand nur aus Schuppen und herausragenden Gerippe, nichts Lebendiges war mehr an ihm, nicht einmal mehr totes Fleisch. Der Verwesungsgeruch raubte mir fast die Besinnung, dann traf mich der mörderische Schlag seiner Tatze und ich flog bis an den Rand seines Thronsaales. Nur mit Mühe gelang es mir, bei Bewusstsein zu bleiben.

DU LEGST DICH NICHT MIT MIR AN!, donnerte die Stimme Prosperohs in meinen Gedanken, während er sich in das so unscheinbare Männlein zurück verwandelte. EIGENTLICH SOLLTE ICH DICH SOFORT TÖTEN!

Aber ich will gnädig sein, fuhr er akustisch fort, nachdem seine Rückverwandlung in den Humanoiden beendet war. Schließlich soll mein Volk auch seinen Spaß haben. Sanna Breen … ja, ich weiß, dass sie keine Jungfrau mehr ist, aber wir wollen das ja nicht so eng sehen … kommt in meinen Jungfrauen-Hort und du, Atlan, wirst zur allgemeinen Belustigung meines Volkes in der Arena gegen eines meiner süßen Haustiere kämpfen müssen …

Ich konnte mir genau vorstellen, was dieses Ekelpaket unter süßen Haustier verstand, aber leider sah ich nach wie vor keinerlei Möglichkeit zur Flucht. Im Gegenteil, mein spontaner Angriff auf Prosperoh saß mir so tief in den Knochen, dass ich mir wünschte, in den nächsten drei Wochen kein Glied mehr rühren zu müssen. Als Prosperohs Häscher mich nach draußen schleppten, zögerte ich nicht lange, mich der lockenden Bewusstlosigkeit hinzugeben.

Kapitel 7
Wirklich oder unwirklich?

Icho Tolot

Icho Tolot lag lang ausgestreckt und gefesselt in einer Hütte und starrte dumpf an die dunkle Decke.

Das ist nun also das Ende, dachte er traurig. Ein Haluter, gefangen im schwachen Körper eines Humanoiden, völlig alleine und hilflos. Festgesetzt durch Häscher, die mir normalerweise nicht die geringsten Probleme machen würden.

Er ließ die Tränen wieder fließen und störte sich nicht daran, dass er so etwas bisher nur bei Terranern gesehen hatte und selbst gar als Haluter nicht zu so etwas fähig war. Doch er war ja kein Haluter mehr, also ging es.

Plötzlich musste Icho Tolot stutzen. Er weinte völlig selbstverständlich, weil er ja ein Mensch und kein Haluter mehr war. Daher klappte es! Was hatte Sanna Breen noch mal über das Altern und Sterben in dieser Traumwelt gesagt?

Du bist hier, was du sein willst. Wenn dein Unterbewusstsein dir vorgaukelt, erschöpft sein zu müssen, dann bist du es auch! Du kannst hier auch altern und sterben, wenn du dir nicht ständig bewusst machst, dass du es eben nicht kannst.

War das der Schlüssel? Musste er sich einfach nur vorstellen, wieder ein Haluter sein zu wollen, und er würde wieder einer sein? Aber wie sollte er sein Unterbewusstsein beeinflussen können? Wenn er doch nur auf sein Planhirn zurückgreifen könnte!

Tolot schloss die Augen und versuchte, sich intensiv vorzustellen, wie er auf seinen Laufarmen durch die Landschaft Haluts lief. Es gelang ihm so intensiv, dass er förmlich den Fahrtwind an seinem Bart vorbei ziehen spürte.

Er brüllte zornig auf. Er war ein Haluter! Er hatte gar keinen Bart!

Resigniert ließ er wieder seinen Kopf zu Boden sinken. So klappte das nicht. Hatte nicht auch Sanna gesagt, dass Atlan, Osiris und er nicht die Umwelt hier beeinflussen können, weil sie kein Teil von DORGON wären?

Icho Tolot seufzte ergeben. Zum ungezählten Mal zerrte er an seinen Fesseln und zum ungezählten Mal stellte er fest, dass er sich nicht befreien konnte.

Schließlich gab er auf. Er musste sich etwas anderes einfallen lassen. Vielleicht sollte er mit einer Kleinigkeit anfangen.

Er schloss die Augen und versuchte mit aller Konzentration, zu der er momentan fähig war, sein drittes Auge zu öffnen. Er schaltete alle anderen Gedanken aus, nur noch das mittlere Auge existierte für ihn. Er konnte förmlich spüren, wie seine Stirn zu prickeln begann. Aber es blieb dunkel. Tolot widerstand dem Verlangen, die anderen beiden Augen zu öffnen. Momentan existierte nur sein Stirnauge.

Plötzlich sah er die Decke der Hütte!

Icho Tolot schrie seinen Triumph heraus. Er hatte es geschafft!

Ob es auch mit seinen Brustarmen funktionieren würde?

Wieder konzentrierte er sich und dachte an nichts anderes als an seine Brustarme, bis die Stellen, an denen die Arme ansetzten, zu prickeln begangen.

Dann konnte sein zweites Armpaar spüren. Er hatte tatsächlich den Dreh herausbekommen.

Mit vier Armen stellte es für ihn kein Problem mehr dar, seine Fesseln abzustreifen. Nun hielt ihn nichts mehr. Nach nur einer kurzen Konzentrationsphase, in der er sich vorstellte, wieder zu wachsen und seine ursprüngliche Gestalt einzunehmen, schrumpfte die Hütte um ihn herum zusammen. Dann stand er dort: Drei Meter fünfzig groß, von schwarzer Haut bedeckt, drei Augen im halbkugeligen Schädel mit großen Gebiss, vier Arme und zwei Beine in einem roten Kampfanzug, wie in alle Haluter trugen.

Er stieß einen Triumphschrei aus, ließ sich auf seine Arme herab und rannte eine der Außenwände einfach zusammen. Die Zechonen, die davor gewacht hatten, flüchteten zur Seite.

Icho Tolot lachte. Lange hatte er sich nicht so gut gefüllt.

Nach einigen gelaufenen Kilometern, als er sich sicher war, alle Verfolger abgeschüttelt zu haben, wurde ihm bewusst, dass er gar nicht wusste, wo er nach Osiris und Atlan suchen sollte. Wie mochte es ihnen inzwischen ergangen sein?

Eigentlich blieb ihm nur eine Stelle, an der er ansetzen konnte.

Abrupt blieb der Haluter stehen. Wollte er wirklich zum Gasthaus zurück? Dort, wo er eine der grausamsten Szenen seines Lebens miterleben musste? Nein, das konnte er nicht tun.

Was, wenn Hackibrai und seine Leute noch da waren? Er zerbröselte einen Stein zwischen seinen Händen. Er würde die beiden Mädchen rächen. Ganz sicher würde er das tun – doch das war eines Haluters unwürdig.

Aber wer sollte sich um die beiden kümmern? Die Zechonen hatten den Vater umgebracht. Sicherlich hatten sie sich irgendwo in eine Ecke gekauert und fürchteten um ihr Leben. Ganz allein!

Nein, so etwas konnte er niemanden antun. Er musste die beiden Jugendlichen beschützen!

So schnell er konnte, machte er sich auf den Weg.

Als das Gasthaus in einem Blickfeld auftauchte, konnte er ein Zittern seiner Beine nicht verhindern. Hier war es also gewesen. Einsam und scheinbar leblos stand das Gebäude im fahlen Licht der Nacht. Die Bäume kamen Icho Tolot ausgezerrt und verdorrt vor. Traurig hingen die Fensterläden schief in ihren Verankerungen. Die Tür des Gebäudes stand weit offen. Innen war alles dunkel.

Behutsam näherte er sich dem Eingang, schlich nahezu. Wie würde er sie vorfinden? Lebten sie noch? Waren sie geflohen?

Tolot stutzte. Irgend etwas stimmte nicht, war anders als vor einigen Stunden. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Bei ihrer Ankunft am Abend hatte er noch die menschliche Gestalt besessen und war dadurch viel kleiner gewesen. Ob es ihm wieder gelingen würde, die Gestalt des blonden Hühnen anzunehmen?

Nein! Das würde er nicht über sich bringen, zu negativ belegt war dieses Aussehen. Aber vielleicht gelang es ihm, nur seine Größe ändern?

Icho Tolot setzte sich auf den Boden, schloss die Augen, und versuchte sich wieder in eine Konzentration wie in seinem Gefängnis zu versetzen. Er reduzierte sein gesamtes Denken auf die Verkleinerung.

Du musst kleiner werden!, hämmerte er sich ein. Musst kleiner werden! Kleiner werden! Kleiner …

Nach einer Weile öffnete er ein Auge, um das Ergebnis zu kontrollieren, aber die Eingangstür war immer noch viel zu klein. Offensichtlich hatte es nicht geklappt. Was hatte er nur vorhin anders gemacht? Tolot versuchte, noch mal genau nachzuvollziehen, was er da genau getan hatte.

Er hatte sich die entsprechenden Körperteile genau vorgestellt und sie gefühlt.

Der Haluter holte noch einmal tief Luft, dann konzentrierte er sich erneut. Er ließ sein Empfinden jeden Quadratzentimenter seiner Haut entlang laufen. Erst die Zehenspitzen, dann die Fersen, Unterschenkel und Oberschenkel. Alle Fingerkuppen aller 20 Finger, dann die vier Hände, die Unterarme und Oberarme. Zuletzt tastete er gedanklich seinen Torso und seinen Kopf ab. Als er sich seiner Körperoberfläche völlig bewusst war und diese intensiv spüren konnte, zog er seine Aura auf einen Schlag zusammen.

Noch bevor er die Augen öffnete, wusste er, dass es geklappt hatte. Die Türöffnung war auf eine solche Größe angewachsen, dass er bequem durchgehen konnte. Er schätzte seine neue Körpergröße auf etwa einen Meter fünfundsiebzig, also gut die Hälfte seiner eigentlichen Gestalt.

Entschlossen trat er in den Eingang, doch dann kam die Unsicherheit zurück. Vorsichtig spähte er in den Schankraum, doch von den Zechonen-Kriegern war nichts mehr zu sehen – von Atlan und Osiris allerdings auch nicht. Vor dem Durchgang in die Küche lag immer noch der ermordete Wirt, von dessen geplatzten Schädel ausgehend sich mittlerweile eine große Blutlache auf dem Lehmboden ausgebreitet hatte.

Wo mochten dessen Töchter sein?

Behutsam schlich Tolot durch den Raum und wagte einen vorsichtigen Blick in die Küche. Nichts. Also blieb nur das obere Stockwerk mit den Schlafräumen. Er bemühte sich, leise zu sein, doch das Knarren der Treppe kam ihm unendlich laut vor.

Er hatte etwa zwei Drittel der Stufen hinter sich gebracht, da hörte er ein leises Wimmern aus dem oberen Korridor. Das mussten die Kinder sein, oder zumindest eine der beiden.

Vorsichtig schob er seinen Kopf in den Gang – und genau auf dieselbe Art kam ihm ein Mädchen-Kopf aus einer Zimmertür entgegen. Tolot sah, wie sich das verheulte Gesicht in unendlichen Schrecken weitete, wie die Gesichtszüge entgleisten und sie den Mund öffnete, um danach einen markerschütternden Schrei auszustoßen. Sofort war der Kopf wieder verschwunden.

Frenja!, brüllte sie. Da – da draußen ist ein Dämon. Die bösen Leute haben uns einen Dämon aufgehetzt, der uns nach Vater auch noch töten soll. Renne so schnell du kannst!

Icho Tolot hörte ein Poltern, dann war Ruhe.

Sofort rannte er in das Zimmer, konnte aber nur noch die beiden Kinder in ihrer zerschlissenen Kleidung und barfüßig in den Wald rennen sehen.

Hätte er doch nur wieder die Menschengestalt angenommen! Alles ging schief, seit sie in DORGON waren! Der Haluter erkannte sich selbst nicht wieder.

Verzweifelt ließ er sich auf den Boden sinken und grollte traurig.

Kapitel 8
Die Arena

Atlan

Die Arena befand sich außerhalb der Stadt direkt am Ufer eines reißenden Flusses. Inmitten des Flusses ragte ein Turm auf, der oben mit einem großen, fremdartigen Gesicht geschmückt war. Es schien mich zu verhöhnen, weil ich die einzige Chance, die ich hatte, verpatzt hatte.

Ich fluchte unterdrückt. Warum war hier nur alles so undurchschaubar? Warum änderten alle Leute hier ständig ihre Gestalt oder ihre Umgebung – nur, um mich zu ärgern?

Der Kerl, der mich mit seinen Pranken gleich einem Schraubstock festklammerte, drückte etwas fester zu. Sofort hielt ich wieder den Mund.

Wie ich es auch drehte und wendete, ich sah momentan keinerlei Fluchtmöglichkeit. Wenn ich doch nur einen Strahler gehabt hätte! Einen harmlosen Paralysator oder meinetwegen einen Nadler. Damit wäre ich in dieser mittelalterlichen Horrorwelt unschlagbar gewesen. Wirklich? Nach allem, was ich bisher gesehen hatte, schienen die Zechonen beliebig auf ihre Umgebung Einfluss nehmen zu können. Eine Macht, die hier Magie gleich kam – und mir nicht zur Verfügung stand.

Mein Peiniger, der mich immer noch trug, hatte inzwischen die Arena erreicht. Er warf mich mit Schwung in eine Art Zelle, dann sauste auch schon das Fallgitter herab.

Und jetzt?, brüllte ich ihm hinterher. Sollte ich nicht irgendwie kämpfen? Womit denn?

Aber er lachte nur und verschwand.

Ich schaute mich um. Meine Zelle enthielt absolut nichts, nicht einmal Staub auf dem Boden, nur kaltes Gestein und das Fallgitter, das mir den Weg nach draußen versperrte. Ich ersparte mir den Versuch, es abheben zu wollen, denn mir war klar, dass es entsprechend gesichert war.

Frustriert ließ ich mich zu Boden sinken. Diese ganze DORGON-Expedition schien immer mehr in einem Fiasko zu enden. Ich wusste, warum ich direkt ein schlechtes Gefühl gehabt hatte. Was konnten wir drei auch schon gegen ein ganzes, von MODROR entsprechend konditioniertes Volk ausrichten?

Ich lachte gehässig auf. Wir drei … inzwischen war ich ja allein. Icho Tolot saß vermutlich immer noch mit versteinerter Mine in diesem Gasthaus, und Osiris ging irgendwelchen Gespenstern nach, anstatt sich um konkrete Probleme zu kümmern.

Ein sehr konkretes Problem war etwa, Sanna Breen aus diesem ominösen Jungfrauenhort zu retten. Was mochte Prosperoh wohl darunter verstehen? Ein Harem, der ihm oder der Gesamtheit dieser rotgefärbten Zechonen zur Verfügung stand? Aber warum dann Jungfrauen? Nein, das war nicht perfide genug. So pervers, wie ich die Zechonen bisher kennen gelernt hatte, würden sie mit den Frauen irgend eine Abscheulichkeit vorhaben.

Ich schluckte. Hatte nicht Prosperoh bewiesen, dass er in der Lage war, sich in einen Drachen zu verwandeln? Und was machten Drachen in den Sagen? Sie entführten Jungfrauen oder fraßen sie ganz einfach auf. Vermutlich gab es derlei Legenden auch bei der Zechonen – oder aber MODROR hatte sie ihnen eingetrichtert.

Sanna Breen – verspeißt von einem geisteskranken Zechonen!

Ich sprang auf und rüttelte jetzt doch an dem Gitter. Ich musste sie da rausholen, sofort!

Zwecklos!, erkannte der Extrasinn lapidar. Das Gitter bewegt sich keinen Millimeter.

Dann mach du doch einen besseren Vorschlag!, gab ich genervt zurück.

Och, das ist einfach: Spare deine Kräfte, besiege den Gegner, den Prosperoh für dich ausgesucht hat, dann flüchte aus der Arena, rette Sanna Breen und töte Prosperoh.

Na super, wenn es weiter nichts ist. Bis auf den letzten Punkt bekomme ich vermutlich sogar alles hin, aber wie sollen wir Prosperoh ausschalten, wo er ja anscheinend jede beliebige Gestalt annehmen kann?

Da bin ich momentan leider auch überfragt.

Ich lachte hämisch. Das sollte jetzt also mein schöner Logiksektor sein. Offenbar litt er auch unter dieser Umgebung.

Das ist richtig, fühlte er sich offensichtlich herausgefordert. Aber anscheinend hast du gar nicht mitbekommen, dass ich dich davor bewahrt habe, wieder der aggressiven Ausstrahlung dieses Ortes zu unterliegen.

Das stimmte sogar, wie ich mir eingestehen musste. Ich ließ das Gitter endgültig los und setzte mich wieder hin. Eine Dagor-Meditationstechnik sollte mir neue Kräfte geben, bis die Zechonen mich abholten.

Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, aber irgendwann hörte ich Schritte und danach, wie das Gitter hochgezogen wurde.

Mitkommen!, fauchte mich eine Stimme an. Dein Kampf steht an. Wie schade, dass du ihn nicht überleben wirst.

Ich öffnete die Augen. Vor mir stand einer der Zechone mit roter Haut. Er war in ein pompöses Wams gekleidet, dass seinen nicht gerade schlanken Körper wie eine Wurstpelle einfasste. Direkt hinter ihm stand der kräftige Kerl, der mich hier abgeliefert hatte.

Gehorsam stand ich auf und folgte dem Roten. Der bullige Zerachone blieb immer einen halben Schritt hinter mir. Ich war mir sicher, dass jede falsche Bewegung sehr schmerzhaft für mich werden würde.

Schließlich gelangten wir in einen Korridor, der direkt in den Innenraum der Arena zu führen schien.

Soll ich meinem Gegner unbewaffnet entgegentreten?, fragte ich beiläufig, denn bisher hatte ich keinerlei Waffe bekommen.

Ja, antwortete mein Führer schlicht. Nachher passiert noch ein Unglück und du überlebst den Kampf. Dieses Risiko müssen wir ausschließen.

Er zog das Gitter, das den Weg in den Innenraum versperrte, empor. Dann bekam ich einen mörderischen Schlag in den Rücken, der mich einige Schritte weit auf den Kampfplatz schleuderte.

Missmutig erhob ich mich und klopfte den Staub aus meiner Kleidung. Die Ränge, die sicherlich einige zehntausend Zechonen fassten, waren beinahe lückenlos gefüllt. Prosperoh schien alle seine Artgenossen zu diesem Schauspiel zusammengetrommelt zu haben. In einer übertriebenen Loge, gegen die sogar die Kaiserloge in der flavischen Arena – besser bekannt als Kolosseum – schlicht aussah, räkelte sich das rote Männchen.

Ich hielt auf direkten Wege auf die Loge zu und baute mich breitbeinig davor auf.

Ave, Caesar, morituri te salutant!, rief ich ihm gehässig zu. Ich war zwar alleine und der Satz unter römischen Gladiatoren längst nicht so verbreitet gewesen, wie spätere Generationen immer angenommen hatten, doch hier erschien er mir sehr passend.

Prosperoh machte eine wegwerfende Bewegung. Atlan! In meiner unendlichen Güte …, rief er so laut, dass seine Stimme durch die gesamte Arena hallte, und fuhr dann flüsternd fort, sodass nur ich ihn verstehen konnte: … und natürlich, um meinen Leuten ein eindrucksvolleres Schauspiel als nur ein langweiliges Abschlachten zu bieten … Jetzt brüllte er wieder. … habe ich mich entschlossen, dir doch eine Waffe zu geben.

Die Menge jubelte, als er mir eine Klinge herab warf. Ich fing die Waffe problemlos auf. Es war ein Kurzschwert, oder besser ausgedrückt ein etwas zu lang geratener Dolch.

Vielen Dank für diesen Zahnstocher!, rief ich ihm sarkastisch zurück.

Du solltest zufrieden sein, mischte sich mein Extrasinn ein. Immerhin haben sich jetzt deine Überlebenschancen gewaltig erhöht.

Noch kennen wir unseren Gegner nicht, gab ich zurück.

Doch!, antwortete meine innere Stimme. Schau!

Ich hob meinen Blick und erstarrte. Das besagte Haustier entpuppte sich als fast drei Meter großes Monstrum, das auf eitergelben Vogelbeinen herangestampft kam. Aus dem feisten Körper, der von einem riesigen Schnabel, wie ihn Kraken besaßen, dominiert wurde, wuchsen nicht weniger als fünf Tentakel und vier Hörner heraus. Die Länge der Tentakel schätzte ich auf gut zwei Meter. In Anbetracht dessen war mein Kurzschwert nicht im Geringsten etwas wert. Ich fluchte.

Das Wesen rannte mit beängstigendem Tempo auf mich zu und stieß einen gewaltigen Kampfschrei aus. Mich umwehte ein Geruch, der mich sehr an Schwefel erinnerte.

Ich umfasste den Griff meiner Waffe mit beiden Händen, stellte mich breitbeinig hin und ließ meinen Gegner auf mich zurennen. Im letzten Moment sprang ich zur Seite und zog die Waffe durch. Ein Tentakel traf mich voll und presste mir die Luft aus den Lungen. Schmerzhaft schlug ich auf. Das Publikum jubelte.

Innerhalb von einer Sekunde stand ich wieder auf den Beinen. Wo war mein Gegner? Ich wirbelte herum. Mit Genugtuung erkannte ich, dass ich ebenfalls getroffen und einen der Tentakel abgetrennt hatte. Doch was war das? Wuchs er etwa nach? Ich schauderte. Wie sollte ich so einen Gegner besiegen?

Die Kreatur griff ein weiteres Mal an. Wiederum wollte ich ausweichen, doch diesmal schien es meine Reaktion erwartet zu haben. Ich fühlte mich von zwei der Fangarme bepackt und empor gehoben. Sofort hieb ich mit meinem Schwert auf einen Tentakel ein, doch ich konnte nicht verhindern, dass ich dem Schnabel immer näher kam. Dann biss das Biest zu. Der Schmerz war fürchterlich. Gequält schrie ich auf. Mit aller Kraft, zu der ich fähig war, schlug ich mit meinem Schwert nach dem Tentakel, der meinen Körper umklammert hielt. Endlich kam ich frei. Das Monster fauchte, die Menge applaudierte.

Dieses Mal brauchte ich zwei Sekunden, um wieder auf die Beine zu kommen. Ich spürte, wie mich meine Kräfte verließen. Die klaffende Wunde am Bein, die der Schnabel gerissen hatte, blutete fürchterlich. Noch so eine Attacke würde ich nicht überstehen.

Leicht schwankend stellte ich mich wieder dem Monstrum entgegen. Es brachte seine Tentakel in Kampfposition und schien mich diesmal direkt mit dreien gleichzeitig angreifen zu wollen. Sofort wich ich zurück, doch es folgte mir.

Dann flog ein Körper an mir vorbei und rammte meinen Gegner mit voller Wucht, sodass er einige Meter zurück flog. Erschöpft ließ ich mein Schwert sinken und versuchte zu erkennen, wer mir das Leben gerettet hatte. Es war eine kleine, gedrungene Gestalt in einem roten Anzug.

Atlan, lauf!, brüllte sie mit Tolots Stimme, jedoch um mindestens eine Oktave zu hoch.

War das wirklich mein Haluter-Freund? Irritiert starrte ich das Wesen an, das mindestens ein Kopf kleiner als ich war.

Worauf wartest du denn noch? Schnell, er kommt gleich zu sich.

Ich war immer noch völlig irritiert. Tolotos?

Der kleine Haluter sprang auf, packte meine Hand und riss mich mit sich. Er stürmte unter dem lauten Protest der Zuschauer zu einem Lücke in der Wand, das vor wenigen Augenblicken definitiv noch nicht da gewesen war. Hinter mir vernahm ich das Brüllen meines Widersachers. Die Kampfmaschine musste uns dicht auf den Fersen sein.

Schließlich hatten wir den Durchgang erreicht. Sofort schlug irgendjemand hinter uns die Geheimtür zu. Nur einen Augenblick später hörte ich, wie das Tentakel-Biest dagegen rannte.

Erst jetzt wagte ich, durchzuatmen und mich umzudrehen. Neben dem kleinen Haluter standen zwei Mädchen, von denen eines eine Fackel trug. Sie waren ausgemergelt und bleich, aber ihre Augen strahlten glücklich.

Darf ich vorstellen?, erklang Icho Tolots viel zu hohe Stimme. Frenja und Zibilja.

Die Kinder des Wirts, murmelte ich mehr zu mir selbst als zu dem Haluter.

Ja, bestätigte Tolot meine Vermutung. Wir haben uns etwas angefreundet.

Wir haben früher in dieser Stadt gelebt, berichtete die Ältere der beiden. Bis Prosoperoh und seine Zechonen kamen. Vater dachte, mit der Herberge wären wir weit genug von ihren Einfluss entfernt. Aber … Sie brach ab und ihre jüngere Schwester schniefte.

Wir müssen weiter, brach Icho Tolot das Gespräch ab. Die Zechonen werden bald einen Weg hier herein finden.

Als wir, von Frenja geführt, durch die Gänge rannten, fuhr Tolot fort: Ich habe ihnen geholfen, ihren Vater zu beerdigen. Leider war es etwas ungeschickt gewesen, ihnen in meiner Halutergestalt gegenüber zu treten, aber nun vertrauen sie mir.

Ich nickte. Wir müssen Sanna Breen befreien. Sie wird in Prosperohs Burg in einem Jungfrauen-Hort gefangen gehalten. Ich wandte mich an die Mädchen. Kennt ihr einen Weg in die Burg?

Frenja schien zu überlegen. Prosperoh hat die goldene Burg erst erbaut, nachdem er die Stadt erobert hatte, aber es dürften noch genug Wege in die Nähe führen … Allerdings müssen wir dann mitten durch den Molchenberg.

Ihre Schwester Zibilja blickte sie entsetzt an. Mitten durch?

Frenja nickte.

Was ist so schlimm daran?, wollte ich wissen.

Was meinst du, wo der Shruuf herkam, gegen den du kämpfen musstest? In den Katakomben des Berges gibt es noch viel fürchterlichere Sachen. Vor allem jetzt, da die Umgebung böse geworden ist.

Früher konnte man da wohl gefahrlos herunter?, vermutete ich.

Ja, aber angenehm war es trotzdem nicht, sehr unheimlich … Hier entlang.

Ich vernahm weit hinter uns ein Bersten. Die Zechonen hatten unseren Fluchtweg entdeckt. Fluchend trieb ich unsere Wegweiserinnen zur Eile an, obwohl wir bereits so schnell liefen, wie es mir mit meiner Verletzung möglich war.

Tolot bemerkte dies und hob mich hoch. Du musst dir deine Verletzung wegdenken!

Wie, wegdenken?, fragte ich verständnislos nach.

Schau mich an!, forderte er. Ich bin nicht nur wieder ein Haluter, sondern es gelang mir auch, meine Größe zu reduzieren. Du musst dich einfach nur sehr stark darauf konzentrieren, dann geht das. Allerdings ist es uns nur möglich, unser Erscheinungsbild in dieser Welt zu ändern, nicht die Welt selbst, wie es DORGONs Bewohner und die Zechonen können.

Ich versuchte kurz, mittels Konzentration meine Wunde verschwinden zu lassen, doch brachte nicht die nötige Ruhe auf. Das würden wir später klären müssen. Kommentarlos riss ich einen Teil meines Ärmels ab und verband meinen Unterschenkel damit. Solche Dinge waren mir ohnehin lieber als der Hokuspokus, der in diesen Traumwelten herrschte.

Frenja hatte uns inzwischen in eine Kammer geführt, die von verschiedenen, abgetrennten Separees beherrscht wurde, und schien zu überlegen, wo wir unseren Weg fortsetzen mussten. Ich blickte mich um. Über jedem Vorhang war eine Plakette mit einem Gegenstand angebracht. Ich sah etwa ein Horn, eine Harfe, eine Standarte und einen Spiegel. Da Tolot mich heruntergelassen hatte, wollte ich neugierig den Vorhang unter der Abbildung de