
Im August 1307 NGZ herrscht überall Krieg. Das Quarterium zieht eine blutige Spur der Gewalt durch den Kosmos. Kriege in M87, den estartischen Galaxien, Cartwheel und in der Lokalen Gruppe haben das Leben aller dort existierenden Wesen verändert.
Das Quarterium greift nach Andromeda, doch Perry Rhodan, Aurec und deren Verbündete trotzen der Armada des Regimes.
Doch in den estartischen Galaxien ist ein Ereignis eingetreten, welches weitaus größere Bedeutung haben kann: Die Ankunft des ominösen Riffs steht bevor, während Quarteriale, Dorgonen, Estarten und Saggittonen sich bekriegen. In M 87 wurden Gal’Arn und seine Gefährten Zeuge der Wiedergeburt des Erbauers des Riffs – Nistant; und des Todes des Herren der Bestien, Torsor. Dieser bedeutet eine empfindliche Niederlage für das Quarterium.
Von diesen Ereignissen wissen die Truppen auf Tefrod nichts. Unter dem Kommando von Aurec kämpften die vereinten Armeen gegen das Quarterium um die Hauptstadt Vircho. Es ist der BRUDERKAMPF …
Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret.
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
die Jungfern sind geschändt, und wo wir hin nur schaun,
Ist Feuer, Pest und Tod, der Hertz und Geist durchfähret.Andreas Gryphius
Liebste Kathy,
ich weiß nicht, wann Du diese Briefe lesen wirst, aber ich glaube fest daran, dass Du sie irgendwann liest! Sollte ich dann nicht mehr am Leben sein, hast Du eine Erinnerung an mich. Außerdem geben diese Zeilen mir das Gefühl, Dir näher zu sein. Wo immer Du auch bist.
Der Krieg ist grausam. Seit einigen Wochen tobt ein erbarmungsloser Kampf um die Hauptstadt von Tefrod, Vircho!
Es ist Ende August 1307 NGZ, genauer gesagt, der 24. August! Seit mehr als zwei Monaten geht nun schon der Kampf um Vircho. Unsere Truppen halten den Angriffen des Quarteriums noch stand, es ist jedoch nur eine Frage der Zeit, bis wir besiegt werden.
Die Stadt ist zweigeteilt. Rund um die Küste, auf der Regierungsinsel und den Vierteln herum sitzen wir. Das Quarterium hat sich am Stadtzentrum eingenistet und uns den Weg ins Landesinnere abgeschnitten.
Wir nutzen die See, um zu fischen und so uns mit Nahrung zu versorgen. Der Schutzschirm hält weite Teile unserer Front vom quarterialen Bombardement ab.
Am schlimmsten ergeht es jedoch der Zivilbevölkerung. Es gab Tote, Verletzte, Obdachlose. Die meisten Bürger haben inzwischen Vircho verlassen. Viele über den Seeweg, da sie Generalmarschall Benington nicht trauen.
Das Quarterium lässt sie passieren. In diesen Tagen ist Vircho zu einer Geisterstadt mutiert. Die Millionenmetropole ist gespenstisch leer. Nur unsere Soldaten und die des Quarteriums befinden sich noch in der Stadt. Es gibt aber auch noch vereinzelte Zivilisten, vor allem alte Tefroder, Plünderer und Verletzte.
Unsere Truppen gehen nur mit äußerster Vorsicht durch die Stadt. Auf jedem Hochhaus, in jedem Turm oder hinter jeder Ruine kann ein Scharfschütze lauern. Das Quarterium ist uns dabei einen Schritt voraus. Sie haben das nagelneue MAR-44-Scharfschützengewehr entwickelt. Durch Punktbeschuss kann eine Strukturlücke im Paratronschirm des Seruns eines Soldaten geschaffen werden. Der nachfolgende Schuss ist dann tödlich. Wir sind ratlos, hoffen jedoch, bald so eine Waffe erbeuten zu können, damit wir ihre Schwachstelle finden. Oder, die unsere beheben.
Es gibt sonst leider nicht viel Gutes zu berichten, seit dem letzten Brief vor drei Tagen. Denkst du daran, die Briefe chronologisch zu lesen? Sonst macht es wenig Sinn …
Wo war ich? Ach ja, nicht viel Gutes. Der alte Joak ist ziemlich unwirsch. Ich glaube, er hat sich mehr in Anya Guuze verliebt, als er zugibt. Dass sie sich gegen ihn entschieden hat, wurmt ihn sehr. Leider lässt er seinen Zorn auf dem Schlachtfeld aus, übertreibt es manchmal und ist generell schräg drauf.
Ich hoffe, er fängt sich wieder. Am besten wäre es, wenn wir ihn mit Anya verkuppeln könnten. Das täte ihm gut. Mir tut meine Liebe zu Dir auch gut. Sie hält mich am Leben. Jeden Tag sehe ich Menschen sterben. Der Krieg ist zermürbend, grausam und barbarisch. Das Schlimmste ist vielleicht, das Tod und Verstümmelung zum Alltag werden, man abstumpft und es hinnimmt.
Ich will es aber nicht hinnehmen! Meine Gefühle, meine Gedanken, meine Emotionen machen mich doch erst zu dem Saggittonen, der ich bin. Und Du hilfst mir dabei. Auch wenn Du sehr weit weg bist, vermutlich irgendwo in den estartischen Galaxien, fühle ich Deine Nähe, Deine Liebe und hege jede Minute die Hoffnung, Dich bald wieder in meine Arme schließen zu können.
Es gibt zwei schöne Gedanken, die mir Hoffnung geben und mich zum Weiterkämpfen ermutigen. Die Befreiung meines Volkes und Dich im schönsten Kleid auf unserer Hochzeit.
Ich glaube fest daran, dass es passieren wird.
Pass auf Dich auf! Ich liebe Dich, meine Kathy und ich vermisse Dich.
Aurec
Aurec legte den Brief zu den anderen 27 Stück, die er im Laufe der Belagerung auf Vircho an Kathy geschrieben hatte. Hoffentlich hielt sie ihn nicht für einen sensiblen Romantiker, wenn sie eines Tages diese Briefe las. Er lachte. Das tat sie bestimmt nicht. Sie würde gerührt weinen. Hauptsache, Kathy würde eines Tages diese Briefe in den Händen halten!
Aurec nahm einen Schluck aus der Bierflasche. Das derbe, tefrodische Duplo – doppelte Menge Alkohol
schmeckte ihm überhaupt nicht. Naja, so blieb er wenigstens nüchtern, wie seine Truppe auch. Ein bunter Haufen von Terranern, Saggittonen, Tefrodern und Maahks hatte sich zu einer verschworenen Gemeinschaft entwickelt.
171 589 Soldaten standen um Vircho unter seinem Kommando. Ihnen gegenüber standen 321 000 quarteriale Soldaten, Grautruppen und einige Bestien. Im Landesinneren hatte das Quarterium eine weitere Million Soldaten stationiert, die Tefrod kontrollierten. In den Raumschiffen über Tefrod warteten bestimmt eine weitere Million Truppen auf ihren Einsatz. Im Grunde genommen hatten sie keine Chance. Die einzige Hoffnung war Befreiung durch Rhodan.
Der letzte Angriff Anfang August hatte ihnen immerhin geholfen, Verstärkung auf Tefrod zu bringen. Doch nun harrten sie drei Wochen bereits ohne Entsatz aus. Wo war Perry?
Ohne Zweifel würde Rhodan niemals Aurec und die anderen im Stich lassen, doch was immer er vorhatte, er sollte sich beeilen.
Der Saggittone betrachtete die Karte von Vircho auf dem Tisch. Die Satellitenaufnahme ließ sich beliebig vergrößern und verkleinern. Die blau angezeigte Linie waren seine Truppen, die rotfarbende Linie zeigte die Front des Quarteriums.
Zu Wasser waren sie abgesichert. Auf der Regierungsinsel befanden sich schwere Abwehrgeschütze. Außerdem war da noch der Schutzschirm. Einen Angriff von See schloss Aurec aus. Vielmehr würde das Quarterium versuchen, die Stadt systematisch unter seine Kontrolle zu bringen. Mit gezielten Aktionen würden sie versuchen, Truppe, Vorräte und Abwehranlagen zu destabilisieren. Aurec befürchtete Aktionen aus dem Untergrund der Stadt, den U-Bahn-Anlagen. Vircho erstreckte sich tief in den Untergrund und nicht jeder Bereich war durch den Schutzschirm abgesichert. Dieser diente vor allem dazu, das Bombardement und Artilleriefeuer abzuwehren.
Seit drei Wochen hielten sie Vircho und es war erstaunlich, dass es bisher keine es Angriffe unterhalb der Stadt gegeben hatte, wäre Aurec der Stratege des Quarteriums, würde er diese Option wählen. Schließlich hatten sie es im Juli bereits einmal versucht, doch nach heftigen Kämpfen, hatten sich Aurec und Generalmarschall Red Sizemore auf einen Waffenstillstand geeinigt. Allerdings verlor Sizemore einen Rang und das Kommando über die Operation. Ausgerechnet Alcanar Benington war nun Oberbefehlshaber auf quarterialer Seite.
Am 2. August 1307 NGZ hatte Aurec einen vom Quarterium gegrabenen Tunnel gesprengt, doch da nun Teile der Stadt unter Kontrolle des Quarteriums waren, hatten sie die Möglichkeit, in die unterirdischen Viertel vorzudringen.
Früher oder später würde der Angriff stattfinden. Sie mussten vorbereitet sein, um einen Ansturm aufzuhalten. Es war dem Quarterium nicht möglich, schwere Waffen wie Shifts oder Artillerie durch die Unterstadt zu transportieren. Die Wohn- und Geschäftsblocks waren nur mit der unterirdischen Schwebebahn und per Transmitter erreichbar. Die Korridore waren nicht für Fahrzeuge angelegt. Das bedeutete, das Quarterium würde nur mit Fußtruppen angreifen, was jedoch schon schlimm genug war. Einmal durchgebrochen hatten sie dann die Möglichkeit, die ganze Stadt im wahrsten Sinne des Wortes zu unterlaufen. Das musste unter allen Umständen verhindert werden.
Aurec berief eine Lagebesprechung ein. Nach wenigen Minuten kamen Joak Cascal, Grek-3 ¼, der Akone Tervo Meeden, Feldherr der Tefroder Pasreol Farch und Oberst Kamrahn, Befehlshaber der saggittonischen Verbände.
Die 171 589 Soldaten setzten sich aus 19 350 terranischen LFT-Soldaten der 777. Raumeingreifdivision, 108 000 Tefrodern, 11 412 Maahks, 17 344 Akonen und 15 483 Saggittonen zusammen.
Der Großteil der mehrere Millionen Mann starken tefrodischen Armee war über den ganzen Planeten verstreut oder kämpfte auf Kolonialwelten. Mit etwas Glück gelang ihnen eine Gegenoffensive, um das Quarterium in einen Zweifrontenkrieg zu verwickeln. Aurecs zweite Hoffnung ruhte auf den anderen Raumeingreifdivisionen. Selbst die 777. RED war mit nur 20 Prozent ihrer Mannschaftsstärke hier vertreten, der Rest befand sich noch im Flottenverband. Mit den 100 Raumeingreifdivisionen standen der LFT fünf Millionen Soldaten zur Verfügung, hinzu kamen noch einmal eine hohe Anzahl an Verbündeten, wie die Maahks, Tefroder und sein Volk, die Saggittonen.
Auf diesen Entsatz hoffte Aurec. Doch dazu mussten Perry Rhodan, die Tefroder und Maahk noch einen Großangriff auf Vircho starten. Aurec wusste nicht viel, was außerhalb der Welt vorging. Es hieß, die LFT wäre vor drei Wochen in die Flucht geschlagen worden. Uwahn Jenmuhs höchstpersönlich machte sich mit einem Großteil der quarterialen Flotte auf zur Verfolgung. Jenmuhs wollte die Entscheidung in Andromeda oder jedenfalls vor der Milchstraße fällen.
Das kam Perrys Taktik entgegen, denn er wollte auf keinen Fall die LFT in Mitleidenschaft ziehen. Perry ging eine gewagte Strategie ein, hoffentlich behielt er am Ende Recht.
Aurec blickte Joak Cascal an. Cascal wirkte nicht wie ein General, sondern wie ein Frontsoldat in seiner verschmutzten Uniform. Der Hemdkragen war geöffnet, die Haare wirr und der Dreitagebart sowie die glimmende Kippe im Mund machten ihn nicht vertrauenerweckender. Auf der anderen Seite war Joak wirklich an vorderster Front mit dabei. Er scheute kein Risiko und war in der Hinsicht ein absolutes Vorbild für seine Truppe.
Die anderen Teilnehmer der Besprechung waren adrett gekleidet. Sie hatten vermutlich nicht einmal Dreck unter ihren Schuhsohlen. Doch das würde sich bald ändern. Aurec forderte von jedem bedingungslosen Einsatz, um Vircho zu retten. Es war schlimm genug, dass ein Saggittone um die Hauptwelt eines anderen Volkes kämpfen musste, doch die tefrodische Regierung war zusammengebrochen. Sha Otarin hatte abgedankt und das Parlament hatte sich aufgelöst, nachdem es Aurec einstimmig zum Hohen Tamrat für Tefrod ernannt hatte.
Einzig dem Feldherrn Pasreol Farch bescheinigte Aurec eine gewisse Führungskompetenz. Immerhin unterstanden Farch auch mehr als 100 000 Truppen. Dennoch hatte Farch sich unter Aurecs Kommando gestellt, was er ihm hoch anrechnete.
Meine Herren, wie ist die Lage?
, wollte Aurec nun wissen.
Der Schnaps ist bald alle
, sagte Cascal leise.
Aurec schmunzelte. Wenn das alles ist. Keine Angriffe des Quarteriums?
Nein, Herr Kanzler. Sie halten sich seit einigen Tagen sehr zurück. In den Stadtvierteln, in denen sowohl unsere als auch quarteriale Einheiten sind, gab es gerade mal zwei Zwischenfälle. Ein Scharfschützenduell der zwei wohl schlechtesten Sniper auf beiden Seiten ohne Sieger und ähem …
Kamrahn stockte.
Was denn? Na los, raus mit der Sprache!
, bat Aurec.
Ein Tefroder und ein Quarterialer haben sich beim Urinieren getroffen und gegenseitig erschossen. Keine Ahnung, wieso der Mann soweit von der Truppe entfernt war, aber Sie müssen wissen, dass die Stellungen teilweise Haus an Haus liegen.
Das war Aurec bekannt. Ein Mann Verlust in den letzten drei Tagen war relativ beruhigend, so traurig auch das Einzelschicksal war. Jeder Tote war beklagenswert, doch besser nur einer als tausende!
Mir machen die unterirdischen Stadtviertel sorgen
, gestand Aurec. Joak?
Cascal nickte und schnippte die Zigarette auf den Boden. Er machte sich nicht die Mühe, den Glimmstängel auszutreten.
Es ist da unten teilweise stockdunkel, da wir die Energie für den Schutzschirm benötigen, und ziemlich verschachtelt. Es gibt insgesamt 127 Zugangsmöglichkeiten für das Quarterium. Wir haben alle gesichert, doch ich schlage vor, dass wir die Mannschaft verstärken.
Akzeptiert. Deine 777. RED wird abgezogen. Die 20 000 Mann sollen Stellung in den unterirdischen Stadtteilen beziehen.
Wir könnten noch einen Schritt weitergehen
, schlug Joak vor. Wie wäre es, wenn wir einen Gegenangriff starten und selbst den Rest der Stadt zurückerobern?
Nein, davon halte ich nichts. Wir müssten diesen Bereich auch verteidigen und dazu fehlen uns die Leute
, meinte der Saggittone.
Na gut, dann schlage ich vor, dass wir einen Großteil der 127 Zugänge sprengen, dann haben wir Ruhe vor denen. Wir müssen immer noch damit rechnen, dass sie irgendwann den Schutzschirm knacken.
Aurec stimmte Cascals Plan zu. Bitte kümmere dich darum. Und, so ein oder zwei gezielte Angriffe auf quarteriale Stellungen durch den Untergrund schaden jedoch nicht.
Joak grinste. Verstanden, Sir!
Es war schon eine Weile her, dass Joak Cascal mal freundlich drein schaute. Er machte sich sofort an die Arbeit. Die Besprechung war beendet und Aurec blieb alleine im Quartier zurück.
Er atmete tief durch und hoffte, dass bald Hilfe kam. Das Leben aller stand auf Messers Schneide.
Im Westen nichts Neues.
Leutnant Ash Berger beendete die Meldung salutierend. General-Leutnant Wolf Linker beäugte den Soldaten mit sichtbarer Abneigung.
Sparen Sie sich Ihren Sarkasmus, Leutnant. Der ist hier fehl am Platz!
Jawohl, Herr General!
Sie sind zwar ein ausgezeichneter Soldat, doch deshalb dürfen Sie sich keine Fisimatenten erlauben, verstanden?
Jawohl, Herr General
, leierte Berger automatisch herunter. Widerspruch war zwecklos.
Er erhob noch einmal die Hand zum Gruße und machte kehrt. Dann zog er von dannen. Dabei gab es wirklich nichts Neues an der Front zu vermelden. Die XX. bis XXXV. Shift-Division war in der so genannten Unterwelt von Vircho stationiert. Es galt 127 Zugänge zu sichern, an denen der Feind hätte durchbrechen können. General Linker war der Oberbefehlshaber aller fünfzehn Divisionen, die zur 67. Armee von seinem Vorgesetzten Generalmarschall Alcanar Benington während des Kampfes um Tefrod geformt wurden.
Damit hatte Benington seinem loyalen Speichellecker Linker wohl einen Gefallen getan. In Ash Bergers Augen war Linker nicht mal als Zugführer geeignet.
Seit mehr als zwei Jahren diente Berger nun schon in der XXXII. Shift-Division, die inzwischen Oberst Helge von Hahn unterstand, der gleichzeitig auch Stellvertreter von General-Leutnant Linker war. Noch ein Unsympath an der Spitze der 67. Armee.
Er verließ das luxuriöse Hauptquartier im Nobelviertel von Vircho, welches kaum beschädigt war.
Außerhalb der umkämpften Viertel lebten immer noch viele Zivilisten. Das Quarterium versuchte das Leben in der Stadt wieder zu normalisieren, doch es gelang ihm nur in rund einem Viertel der Millionenmetropole. Die Hälfte war umkämpft und der Rest lag unter Kontrolle der LFT und Tefroder.
Durch ständige Bombardements und Artilleriefeuer auf den Schutzschirm und die Stellungen der Alliierten war ein Leben dort für Zivilisten unmöglich.
Auch der Untergrund glich einer Geisterstadt. Zwar lebten dort noch einige tausend Tefroder, doch mehr oder weniger versteckten sie sich vor dem Krieg. Berger fuhr mit seinem Gleiter in die Untergrundstation 46 B an der Lemurallee. Von hier aus waren es nur zwei Kilometer bis zu den feindlichen Linien.
Die XXXII. Shift-Division hatte die Kontrolle über fünf unterirdische Zugänge, die nicht durch den Schutzschirm der Alliierten abgesichert waren. Doch dafür waren dort starke Truppenverbände angehäuft. Die unterirdischen Straßen waren außerdem vermint.
Dennoch arbeitete das Oberkommando an einem Angriffsplan. Alcanar Benington selbst wollte ihn durchführen, obwohl seine Erfolge bisher nicht besonders groß waren. Ash hatte mehr Vertrauen in General-Oberst Red Sizemore, doch der war vor einigen Wochen durch Jenmuhs von seinem Posten enthoben worden, weil er einen Waffenstillstand mit den Alliierten ausgehandelt hatte. Sizemore hatte das Vernünftigste in der Welt getan und wurde dafür getadelt. Das sagte schon alles aus.
Ash sah sich die unterirdische Stadt an. Es war dunkel, da die Energieversorgung nur noch teilweise funktionierte. Obwohl es hier kaum Kämpfe gegeben hatte, war vieles verwüstet. Das resultierte aus zivilen und militärischen Plünderungen, der Einstellung des städtischen Reinigungsdienstes und den ständigen Truppenbewegungen.
Berger erreichte seinen Abschnitt. Es war die U-Bahn-Station 49. Sie verlief parallel zur Lemurallee. Die Straße hier hieß Androschwebeweg. Auf der gegenüberliegenden Seite lag Feindesgebiet.
Die Straße selbst war fünf Meter breit und bot Platz für zwei Schwebebahnen. Es war stockfinster in dem zwei Kilometer langen Tunnel zwischen der U-Bahn-Station 49 und 50.
Ash erstattete bei Oberst Helge von Hahn vorschriftsmäßig Meldung. Danach grinste Helge von Hahn widerlich und schlug Ash freundschaftlich auf die Schulter.
Hast du den alten Linker wieder geärgert, was? Naja, der hat es auch verdient. Elender Penner. Tut immer so als sei er ein Heroe, dabei weiß er doch gar nicht, wie das an der Front aussieht.
Helge aktivierte auf dem Kartentisch eine Holografie des Abschnitts. Die XXXII. Shift-Division hatte mit insgesamt 1000 Mann Stellung an den Untergrundbahnstationen 47 bis 49 bezogen. Ihnen standen neben den menschlichen Truppen noch 1000 Kampfroboter, zehn Shiftpanzer Typ Okrill und 20 Shiftabwehrgeschütze zur Verfügung. Je fünf der ShAGesch. waren an jedem Überweg in Stellung gebracht. Insgesamt gab es vier Wege durch ihr Gebiet. Die drei Bahntunnel sowie der Nazarweg oder Contaweg zwischen den Wohnblöcken. Die Wohnebenen waren ihrerseits mit MHV-Geschützgrenadieren gesichert. Ein Großangriff der Alliierten war darüber nicht zu erwarten, da sie kein schweres Material durch die Häuser mitnehmen konnten. Jedoch waren Kommandooperationen nicht auszuschließen, um die Division hinter ihren Linien zu schwächen.
Nun erst mal zu den Kameraden, mein Jung!
, forderte Helge von Hahn.
Ash nickte und machte sich auf dem Weg zum Nazarweg. Dort war seine Stellung. Seine Kameraden saßen auf einem Haufen und machten offenbar eine Pause vom vielen Warten.
Roppert Nakkhole, Krizan Bulrich, Aczel Blackburg, Folkmar Shinkjoke, Gert Wissmer und Holge Wosslyn waren seit dem ersten Tag auf Som Ussad vor 25 Monaten seine ständigen Begleiter gewesen. Wehmütig dachte Ash an die gefallenen Kameraden, wie Siebenpack, Pomme oder Shutter.
War was während meiner Abwesenheit?
, fragte Ash.
Nö, alles ruhig. Als ob die da drüben schlafen
, antwortete Roppert Nakkhole grinsend.
Hast du schon die Nachrichten von heute gehört? Torsor ist tot!
, erzählte Shinkjoke. Er ist heldenhaft im Kampf gefallen. Das Quarterium überlässt aus Respekt vor Torsor seinen Bestien, den Pelewon und Moogh, die komplette Galaxie M 87
Das klang für Ash eher wie ein Rückzug. Doch der Imperatore hatte recht damit. Ohne Torsor waren die Bestien schwer zu berechnen. Berger setzte sich neben Krizan Bulrich, der ungewöhnlich ruhig wirkte. Er stupste den ehemaligen Superagenten der C.I.P an.
Was ist los?
Lass mich in Ruhe.
Roppert fing an zu lachen.
Seine Ex war auch in den Nachrichten. Es gab einen Zwischenfall auf Ednil mit dem Quarterium-Marschall. In den Aufnahmen war auch seine Anya zu sehen, in Begleitung des Feindes!
Die Alte blamiert mich noch jetzt. Ich hab ein paar Freunde in der C.I.P auf Tefrod angehauen. Despair ist auf dem Weg hierher. Sie konnten Informationen von der EL CID sammeln. Offenbar war Anya die Tippse von einem quarterialen Industriellen auf Terra und wechselte zum Feind über. Dumme Kuh!
Bulrich spuckte auf den Boden.
Deine Fürsorge ist ja beeindruckend
, meinte Ash.
Das schadet meiner Karriere! Wie soll ich mich rehabilitieren, wenn sie ständig mit dem Feind kooperiert. Das fällt doch alles auf mich zurück, Mann!
Der hatte Sorgen, fand Berger. Für Ash ging es nur darum, den Krieg zu überleben. Mehr wollte er nicht. Einfach nur überleben. Im Grunde genommen hoffte er sogar, dass die Liga Freier Terraner gewann, denn er glaubte nicht, dass das Quarterium ein gutes System symbolisierte. Artenbestandsregulierung und Kriege gehörten nicht gerade zu den besten Dingen.
Berger legte sich eine Weile aufs Ohr. Als er nach einer Stunde aufwachte, war die Mannschaft in heller Aufregung. Er stand wankend auf und erkannte zwei Gleiter mit Generalinsignien vor Helge von Hahns Befehlsstand.
Da eilte auch schon Wosslyn auf ihn zu.
Ash, du sollst an einer Besprechung teilnehmen. Na los!
Berger machte sich auf den Weg und wurde von Helge begrüßt. Generalmarschall Benington höchstpersönlich und General Linker waren ebenfalls anwesend.
Da wir jetzt vollzählig sind, meine Herren, möchte ich ihnen meinen Plan erläutern. Dieser Sektor wird als Angriffsabschnitt gewählt werden, um die Alliierten endgültig zu zerschlagen. Durch die fünf Abschnitte brechen wir mit voller Stärke durch.
Benington zeigte auf die Untergrundtunnel der Linien 47 bis 49 und die Verbindungswege dazwischen.
Aufgabe der XXXII. Shift-Division wird es sein, den ersten Vorstoß zu übernehmen und die Linien 50 bis 52 zu sichern. Ein massiver Angriff durch die fünf Wege sowie durch die Wohnblöcke wird morgen 03:45 Uhr stattfinden. Sichern Sie die gegenüberliegende Front, damit schwere Shiftpanzer ungehindert passieren können. Anschließend greifen wir die Alliierten von hinten und von vorne an und zerquetschen sie.
Beningtons Augen leuchteten.
Ash wollte einen Einwand erheben, schwieg jedoch, als Linker dies bemerkte und ihm einen finsteren Blick zu warf.
Der XXXII. Shift-Division stehen zehn Panzer und 2000 Truppen inklusive der Kampfroboter zur Verfügung. Wir werden bis morgen drei Uhr nachts die Truppenstärke verdoppeln. Nach erfolgreicher Sicherung des Gebietes werden zweitausend Shifts und 50 000 Soldaten durch die gesicherte Linie marschieren und den Zangenangriff komplettieren. Ihre Aufgabe ist es also, die feindlichen Stellungen zu überrennen und bis zum Eintreffen der Verstärkung zu sichern! Noch Fragen? Nein? Gut! Viel Erfolg, das Quarterium blickt auf Sie!
Benington verließ den Gefechtsstand. General Linker, Helge von Hahn und Ash Berger blieben zurück.
Wir wissen kaum etwas über die Abwehrbatterien des Feindes, Herr General. Das könnte ein Massaker werden
, wandte Berger nun ein.
Quatsch, Leutnant! Das hat der Herr Generalmarschall doch alles berücksichtigt. Die LFT-Soldaten sind uns zahlenmäßig unterlegen. Die Saggittonen und Tefroder haben nicht die Kampfkraft eines Terraners. Morgen werden wir einen glorreichen Sieg davontragen. Und nun an die Arbeit!
Berger salutierte und verließ den Gefechtsstand. Er hat ein ganz mieses Gefühl, den übernächsten Tag nicht mehr zu erleben.
Aurec besuchte die Frontlinie der 777. Raumeingreifdivision, genauer gesagt der Freyt-Kompanie, der Eliteeinheit unter dem Befehl von Joak Cascal.
Sie hatte sich an der U-Bahn-Linie 50 und dem Nazarweg eingeigelt. Mit rund 250 Männern und Frauen war die Freyt-Kompanie dem Feind weit unterlegen. Aurec hoffte, dass sie die Stellung so lange halten konnten, bis Entsatz durch Perry Rhodan kam – wenn er denn kam.
Aurec beobachtete die Soldaten der Liga Freier Terraner. Sie saßen herum, spielten Karten oder elektronische Spiele, rauchten Zigaretten, schliefen oder starrten einfach nur an die hohe Decke des Untergrundkomplexes.
Zwischen dem Nazarweg und dem U-Bahn-Tunnel der Linie 49 zu 50 hatte Joak Cascal in einem Container seinen Kommandositz. Jeder andere General hätte sich bestimmt beschwert, doch Cascal war das gleichgültig. Seine einfache Art freute Aurec immer wieder. Cascal war damit ein Vorbild für seine Soldaten. Dennoch sorgte sich Aurec um den Gemütszustand seines Freundes, der seit Monaten nicht mehr richtig lächelte. Cascal hatte seinen Humor in fast jeder Gefahrensituation bewahrt, doch diesmal wirkte er irgendwie ausgebrannt und abgestumpft, so als hätte er mit dem Leben abgeschlossen.
Königlicher Besuch? Womit haben wir diese Ehre verdient?
, hörte Aurec hinter sich. Ein Soldat in lindgrüner Uniform trat näher, nahm seinen Helm ab und lächelte ihn an.
Remus!
, freute sich Aurec.
Er umarmte seinen alten Freund Remus Scorbit. Es war schön, ihn nach einigen Wochen wiederzusehen. Remus Scorbit war Befehlshaber des ersten Zuges der Freyt-Kompanie. Ihm unterstanden 50 Männer und Frauen.
Was machst du hier direkt an der Front? Kannst du es wieder einmal nicht lassen?
Nein, ich sorge mich um jeden einzelnen Soldaten. Egal ob Saggittone, Terraner oder Tefroder. Ich habe das ungute Gefühl, dass das Quarterium schon bald einen der 127 Abschnitte in der Untergrundstadt angreifen wird.
Na, Hauptsache nicht hier. Wir haben nicht viel, um einen Angriff abzuwehren.
Aurec nickte resignierend. Remus begleitete ihn in den Container des Generals. Joak Cascal grüßte den Saggittonen knapp mit einem Hallo
und stellte ihm die anderen Befehlshaber vor.
Kommandant der Freyt-Kompanie war Captain Daniel Ellroy, ein hochgewachsener, hagerer Rotschopf mit bleicher, stark pigmentierter Haut. Ellroy hatte die Nachfolge von Captain Wolgg angetreten, der wegen der psychischen Belastung zur Ausbildungsabteilung zurückgekehrt war. Ellroys Stellvertreter war der bekannte Afroterraner Will Dean. Dean, eigentlich TLD-Agent, war zusammen mit Remus Scorbit der Freyt-Kompanie beigetreten. Er bekleidete – ebenso wie Remus – den Rang eines Oberleutnants.
Die weiteren Zugführer waren der draufgängerische James G. Metar, der unauffällige Brite Lewy Nyks, der steife Plophoser Padryk Wyndsar und die kantige Carry-Ann Despon.
Joak Cascal hatte den Oberbefehl über rund 20 000 Soldaten, da die Freyt-Kompanie jedoch die Kompanie seines eigenen Raumschiffs DERINGHOUSE war, hatte er seinen Befehlsstand hier ausgewählt. Die Befehlshaber der anderen Kompanien standen aber auch in ständigem Kontakt mit Joak Cascal.
Kann ich irgendetwas für dich tun, Joak?
, fragte Aurec.
Ja, bring mir mehr Geschütze und Männer. Ansonsten kannst du nichts für mich tun, danke!
Cascal wandte sich wieder seinen Zugführern zu und beachtete Aurec nicht mehr, was dem Saggittonen sehr unangenehm war. Enttäuscht verließ er den Container. Remus eilte hinterher.
Er ist im Moment schräg drauf …
Ja, so kann man es auch sagen. Aber wir sind wohl alle nicht in bester Verfassung. Hast du mal wieder etwas von Uthe gehört?
Remus lachte bitter.
Sie residiert im Madrider Königsschloss auf Siniestro als Zukünftige von Orlando de la Siniestro. Ironisch, dass der auf seinem Pott hier im Orbit über uns schwebt. Die Trennung war wohl goldrichtig gewesen.
Tut mir leid.
Remus winkte ab.
Und Kathy?
Aurec schüttelte den Kopf.
Nichts. Irgendwo zusammen mit Nataly und Danton bei diesem ominösen Riff, nach Aussage dieser entropischen Hexe Katryna. Aber sie schlägt sich schon durch …
Remus schwieg und lächelte milde. Was sollte er auch anderes tun? Aurec machte sich jeden Tag diese Hoffnungen. Zu glauben, Kathy sei tot oder in wäre es bald, würde ihn völlig fertig machen.
Schon traurig, dass wir alle so getrennt sind. Jonathan ist irgendwo in M 87, Mathew in den estartischen Galaxien mit Jan und wir sind hier.
Aurec stimmte seinem Freund zu. Doch es gab Hoffnung. Heute war die Meldung über den Tod von Torsor eingegangen. Das bedeutete, dass Gal’Arn und Jonathan mit dem Paladin erfolgreich gewesen waren. Vielleicht gab es sogar ein Schlachtfeld weniger. Zumindest zog sich das Quarterium aus M 87 langsam zurück und überließ den Bestien die Oberhand. Das war es, was der Imperatore in seiner heutigen Rede angekündigt hatte.
Vielleicht nahm alles ein gutes Ende, irgendwann.
Remus führte Aurec durch die Reihen seines Zuges. Er stellte ihm Sergeant Harry Lyppgowd vor. Lyppgowd war Remus rechte Hand und ein organisatorisches Talent. Der aus dem Bundesstaat Schottland stammende Terraner wirkte unscheinbar und hatte ein Dutzendgesicht, war jedoch überaus kompetent.
Einige Gesichter kannte Aurec von der Schlacht auf dem falschen WANDERER und auf Wolfenstein vor einigen Monaten. Spike Orson, den Scharfschützen, den blonden Johrn Nyndorff und den lautstarken Rezza Sesa.
Der vierte Zug der Freyt-Kompanie hatte sich ebenfalls an dem Nazarweg in Stellung gebracht. Auch dort erkannte Aurec bekannte Gesichter wie Phil Wingme
Haman, Oly Psycho
Lytz und Caroline Nyndorff, der Schwester von Johrn Nyndorff, die es auf dem falschen WANDERER im Hinterteil erwischt hatte.
Was war eigentlich mit Jan und dieser Caroline?
, wollte Aurec von Remus wissen.
Mein Brüderchen und sie waren zumindest ein Pärchen, als er gen Etustar flog. Und sie redet ununterbrochen von Jan und bezeichnet mich schon als ihren Schwager.
Oje …
Remus lachte.
Ja, genau das!
Sie gingen zu den Stellungen. Der zweite und dritte Zug hatten den langen Untergrundtunnel einige hundert Meter von ihnen entfernt, im Auge. Für den ersten und vierten Zug der Freyt-Kompanie ging es darum, den Nazarweg zu sichern.
Aurec hatte ein ungutes Gefühl. Er versuchte angestrengt das andere Ende des Nazarweges zu sehen, doch in der Dunkelheit war nichts von den quarterialen Stellungen zu sehen.
Drei Soldaten liefen auf Remus und Aurec zu. Der eine machte den Eindruck eines Epsalers, er war groß und breit. Die Statur des Kleinsten war ebenfalls kompakt.
Unteroffizier Marcuz Ednem erstattet Meldung, Sir!
Er salutierte vor Remus Scorbit und Aurec.
Wir haben im Wohnkomplex noch einige Familien gefunden, die sich weigern, ihre Wohnung zu verlassen
, erklärte der kräftig gebaute Unteroffizier aus dem 4. Zug der Freyt-Kompanie.
Aurec las die Namensschilder an der gepanzerten Uniform der anderen beiden Soldaten. Der Kleine hieß Willy The Rat
Ossy und der andere Chris Webbstar, beide bekleideten den Rang eines einfachen Soldaten.
Gehen wir hin
, entschied Remus und sah Aurec fragend an, als ob er um die Zustimmung bat. Aurec nickte.
Sie gingen in den großen Wohnkomplex, einer endlosen Aneinanderreihung von Korridoren und Wohnungstüren. In regelmäßigen Abständen gab es eine große Halle zwischen den Wohnsektionen, was so eine Art unterirdischen Marktplatz darstellte.
Wenn Sie mich fragen, Herr Kanzler, sollten wir eine ganz andere Taktik einschlagen
, fing Ednem plötzlich an. Ich habe bereits mehr als drei Dutzend Beschwerden an den Oberbefehlshaber geschrieben, aber noch keine Antwort erhalten.
Das liegt daran, dass Perry Rhodan im Moment etwas eingespannt ist
, erklärte Aurec.
Pah, unter uns mal gesagt, zeigt das eher, dass er nicht kritikfähig ist. Wenn man meine Vorschläge mal zu Herzen nehmen würde könnten wir mit mir als General schnell den Krieg zu unseren Gunsten entscheiden.
Aha
, machte Aurec. Naja, ich werde das prüfen und mich dann bei Ihnen melden, Unteroffizier Ednem.
Sie hatten endlich den besagten Komplex erreicht. Im fahlen Licht erkannte Aurec jede Menge Tefroder, die verschreckt vor den Soldaten zurückwichen. Es waren Hunderte alte Männer, Frauen und Kinder. Sie lebten direkt zwischen den Fronten.
Wir müssen sie in Sicherheit bringen
, sagte Aurec.
Remus stimmte ihm zu.
Ednem und Ossy, das übernehmt ihr. Organisiert die Evakuierung, schnell.
Wie sollen wir das denn machen?
, fragte Willy Ossy.
Mir fällt schon etwas ein, wobei mich diese Aufgabe leicht unterfordert. Sehen Sie es jedoch als erledigt an, Sir
, schwallte Ednem.
Remus verdrehte die Augen, während Aurec mit den Tefrodern sprach. Sie wollten ihre Heimat nicht verlassen, doch es gelang dem Saggittonen, vor allem die Mütter davon zu überzeugen, ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Es war nicht auszudenken, was passierte, wenn das Quarterium angriff und die Frauen und Kinder mitten im Gefecht saßen.
Unteroffizier Ednem delegierte die Aufgabe an Willy Ossy weiter und machte erst einmal eine Zigarettenpause. Er lästerte leise über Remus Scorbit, was Aurec durchaus mitbekam. Vielleicht war es auch gewollt von dem Unteroffizier. Aurec kümmerte sich nicht weiter um den Angeber.
Achtung, Sir. Störsignale in der Ortung
, flüsterte Webbstar.
Aurec wusste, was das bedeutete. Vermutlich ein quarteriale Spähtrupp. Um die Individualimpulse zu unterdrücken, sendeten Aufklärer Störimpulse, um die gegnerische Ortung zu verwirren. Zwar wusste der Gegner, dass irgendwo Feinde waren, konnte sie jedoch nicht genau lokalisieren.
Aurec zog seinen Thermostrahler und gab Remus ein Zeichen. Zusammen mit Soldat Webbstar gingen sie einige Meter in Richtung der feindlichen Stellung, die irgendwo dort hinten wohl war. Es galt jetzt die Zivilisten zu schützen.
Ossy, rufen Sie Verstärkung!
, befahl Remus.
Aber Unteroffizier Ednem hat gesagt, ich soll bei der Evakuierung helfen. Das überfordert mich jetzt.
Na los!
, herrschte Remus den quengeligen Soldaten an, der wie ein bockiges Kleinkind von dannen zog.
Die Drei schlichen einen Korridor entlang und erreichten eine dreistöckige Passage. Sie blickten auf die leere Halle, in der vor einigen Monaten noch blühende Cafés und Restaurants den Bewohnern eine Abwechslung geboten hatten.
Remus stupste Aurec an und deutete auf die andere Seite. In der zweiten Etage kauerten zwei quarteriale Grautruppen. Aurec aktivierte seinen Schutzschirm, die anderen taten es ihm nach.
Soll ich feuern, Sir?
, fragte Webbstar.
Nein, nur beobachten
, erwiderte Aurec.
Sein ungutes Gefühl bestätigte sich langsam. Das Quarterium entsandte Aufklärer. Das bedeutete, der Feind hatte etwas vor. Und das vermutlich sehr bald.
Rosan lag müde und gelangweilt auf der weichen Liege und starrte an die Decke. Es galt den ganzen Tag nichts anderes zu machen, als nichts zu tun. Sie fuhr mit der Handfläche über die samtene Seide ihres silbernen, dünnen Kleides.
Sie sah schön aus. Das war alles. Wie ein Püppchen behandelte sie der Imperatore, ihr Ehemann. Sie sollte seine schöne Fassade für die Öffentlichkeit sein. Nun, es war besser als die Folter durch die CIP, doch es war trotzdem schrecklich in diesem goldenen Käfig zu sitzen und mit Menschen zusammen zu sein, die sie verachtete. Die ganze Situation erinnerte Rosan an ihre Zeit auf Arkon, als sie mit Attakus Orbanashol verlobt war. Damals hatte Wyll Nordment sie gerettet. Sie unterdrückte ihre Tränen, denn sie vermisste ihn immer noch. Seit fast zehn Jahren war er tot, doch noch immer schmerzte es bitter. Sie vermisste Wyll so sehr!
Rosan erhob sich schleppend und stellte bedauernd fest, dass sie in den letzten Wochen wohl etwas zugenommen hatte. Sie versuchte, nicht an Wyll zu denken. Es half ihr im Moment wenig weiter, und verstärkte eher noch ihre Depressionen.
Sie wollte sich lieber auf die Suche des Mörders von Yasmin Weydner machen. Martyn Hubba war nur ein Werkzeug gewesen. Ebenso wie diese beiden ominösen Frauen mit dem todbringenden Schuh. Wer steckte dahinter? Wer hatte ein Interesse daran, Rosan und die anderen beiden umzubringen?
Die Liste war lang. Sie vermutete, dass der C.I.P dahinter steckte. Rosan hatte jede Menge Feinde im Quarterium, die es bestimmt nicht gerne sahen, dass sie nun ihre Repräsentantin war. Das Paradoxe war, dass sie nichts auf diesen Titel gab.
Sie ging auf den Balkon und blickte auf die Gärten herab.
Hallo?
Rosan zuckte zusammen. Sie drehte sich um, da stand Brettany plötzlich an der Schwelle zum Balkon.
Du hast auf das Klopfen nicht geantwortet, da bin ich reingegangen.
Die Gelegenheit nutzen, um vielleicht in meinen Sachen zu schnüffeln?
Nein! Wie kommst du darauf? Ich habe dir schließlich das Leben gerettet!
Brett wirkte ehrlich entrüstet.
Rosan entschuldigte sich bei Brett. Nein, sie war wohl die Einzige, der sie trauen konnte.
Brettany sah Rosan traurig an. Du gehörst hier nicht her. Du musst hier weg. Dein Leben ist in Gefahr. Es wird bestimmt bald noch einen Anschlag geben.
Das wusste Rosan nur zu gut. Sie wäre gerne wieder zurück nach Kemet geflogen, aber man ließ sie natürlich nicht.
Es gibt noch etwas anderes, was ich dir sagen muss.
Brett sah Rosan ernst an. Sie rang ganz offensichtlich mit Tränen.
Ich weiß es erst seit Juni diesen Jahres und wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte.
Brettany nahm Rosans Hand und drückte sie.
Ich weiß, wer Wyll ermordet hat. Und es …
Nun fing sie an zu weinen. Es war Cauthon! Er hat deinen Mann im Auftrag von Jenmuhs getötet.
Rosan ließ Bretts Hand los und drehte sich um. Sie starrte auf die Gärten und fühlte sich unendlich leer.
Wieso?
Das hatte sie sich all die zehn Jahre gefragt. Warum hatte Wyll sterben müssen? Langsam dämmerte es ihr. War es die Rache von Jenmuhs? Oder hatte Wyll damals etwas im Schloss herausgefunden, was niemand wissen durfte? Hatte er von der Allianz mit MODROR erfahren? Was auch immer es war, Cauthon Despair hatte ihn getötet! Er war genauso schuldig, wie Uwahn Jenmuhs. Rosan verwünschte diese beiden und hoffte, sich eines Tages für den Tod von Wyll rächen zu können.
Sie drehte sich wieder zu Brettany um.
Und wieso hat er dir das erzählt?
Brettany erklärte ihm, dass beide starke Gefühle füreinander hatten, und er ihr offenbarte, welche Verbrechen er einst beging.
Er gestand den Mord an Wyll und vieles andere. Cauthon ist ein überzeugter Sohn des Chaos und deshalb kann ich ihn niemals richtig lieben. Ich weiß, dass noch Gutes in ihm schlummert, aber er schafft es nicht, sich vom Bösen abzuwenden.
Wie tragisch. Ein Desintegrator könnte dabei helfen
, schlug Rosan vor.
Brett sah sie traurig an. Der Hass wird dir auch nichts bringen. Wyll ist seit zehn Jahren tot und er würde nicht wollen, dass du dich in Melancholie und Hass dein ganzes Leben lang verzehrst. Weißt du, wie mir zumute ist? Ich bin eine Prinzessin in einem Traumschloss, doch dahinter verbirgt sich die Hölle. Meine Familie ist eine Mörderbande, die einem finsteren Kosmotarchen dient. Ich fühle mich auch verraten und allein!
Rosan sah Brett betrübt an. Die Tochter des Imperatore würde niemals etwas gegen ihre eigene Familie oder Cauthon Despair tun und doch verband sie eine Freundschaft. Rosan wusste, dass sie Brettany vertrauen konnte.
Und was machen wir jetzt?
, wollte Rosan wissen.
Ich weiß nicht. Wir müssen dich in Sicherheit bringen, bevor dich jemand tötet.
Wer soll wen töten?
Rosan und Brettany drehten sich erschrocken um, als Stephanie plötzlich an der Türschwelle stand.
Hups, die Tür stand offen und ich habe nur etwas von Mord gehört. Oh nein, hast du immer noch Angst um dein Leben, Liebste?
Rosan schenkte Stephanies geheuchelter Anteilnahme keinen Glauben. Sie wusste genau, dass Steph ihre Feindin war.
Ich würde mich ja gerne um dich kümmern, aber Vater hat mich gebeten, nach Andromeda zu reisen. Als Außenministerin muss ich mich um die neuen Gebiete kümmern.
Stephanie kicherte schrill.
Gute Reise
, sagte Rosan knapp.
Danke, aber kommt doch mit. Als Imperatrice kannst du dich auch präsentieren und wir könnten uns mal anfreunden. Außerdem bist du dort vielleicht sicherer, als hier.
Rosan dachte über Stephanies Angebot nach. Sicherlich bezweckte die de la Siniestro etwas damit. Steckte sie womöglich hinter dem Attentat, bei dem Yasmin Weydner ihr Leben verlor? An Bord eines quarterialen Schlachtschiffes fühlte sich Rosan nicht sehr sicher. Es wäre ein Leichtes für Stephanie, sie irgendwo dort abzuservieren. Auf der anderen Seite bestand für Rosan die Möglichkeit zur Flucht, wenn sie in der Lokalen Gruppe war.
Sie sah Brettany an.
Wir könnten Uthe auch mitnehmen. Sie würde sich freuen, wenn sie in der relativen Nähe zu Orly wäre. Cauthon würde uns dann auf der EL CID mitnehmen …
Steph warf ihrer Schwester einen finsteren Blick zu.
Meine Jacht ist viel luxuriöser, Liebes. Wozu auf ein Kriegsschiff gehen?
Ich finde Brettanys Vorschlag gut. Wir besprechen das am besten gleich mit dem Rest der Familie …
Eine hervorragende Idee. Ich komme auch mit
, freute sich Don Philippe de la Siniestro.
Stephanies Gesicht schien zu gefrieren, aber auch Rosan selbst war nicht begeistert. Sie plante ihre Flucht und keinen Familienausflug.
Stephanie versuchte ihren Vater vom Gegenteil zu überzeugen. Sie wandte ein, dass es noch viel zu gefährlich in Andromeda war.
Wir werden an Bord der EL CID verweilen
, sprach der Imperatore ein Machtwort. Kein Raumschiff im Universum kann es mit der EL CID aufnehmen. Despair wird für unsere Sicherheit Sorge tragen!
Seine Worte schienen unumstößlich. Brett sah Rosan ratlos an. Die Halbarkonidin spürte, dass Brettany ihre Gedanken längst erraten hatte und von Rosans Fluchtplan wusste.
Der Imperatore stand auf und legte seine Arme auf Rosans Schultern. Mit seinen faltigen Fingern fuhr er über zärtlich über Rosans unbedeckte Schulterblätter.
Es freut mich sehr, dass du deine Rolle als Kaiserin angenommen hast.
Rosan wusste nicht, was sie sagen sollte, also schwieg sie. Es war also beschlossene Sache. Der Imperatore, seine beiden Töchter und Rosan Orbanashol de la Siniestro würden noch heute Abend Richtung Lokale Gruppe aufbrechen.
Der Flug durch das Sternenportal verlief ohne Komplikationen. Vor uns lag das weite, leere Weltall. Es wirkte friedlich und beruhigend auf mich. Doch nach nur wenigen Sekunden wurde die trügerische Einsamkeit mit dem Anblick Hunderter Supremo-Schlachtschiffe erfüllt. Die Rundungen der Raumstation SOLARIS STATION schälten sich aus dem Dunkel heraus.
Es war keineswegs leer am Sternenportal der Lokalen Gruppe. Mehr als dreißigtausend Schlachtschiffes unseres Reiches patrouillierten in einem Umkreis von nur wenigen Lichtjahren.
Wir waren dem großen intergalaktischen Krieg, wie er inzwischen von den Medien aller involvierten Sternennationen bezeichnet wurde, um 500 Millionen Lichtjahre näher gekommen.
Die Sternenportale waren ein kosmisches Wunder. Mithilfe dieser Transmitterstation war ich in den letzten Wochen zwischen der Lokalen Gruppe, Cartwheel und M 87 gependelt.
Brettany stand neben mir. Ich warf einen Blick auf sie. Das Licht der Sterne spiegelte sich in ihren schönen blauen Augen wieder. Doch ich fühlte mich schlecht an ihrer Seite. Mein Gewissen ließ mir keine Ruhe. Brettany hatte mir deutlich vor Augen geführt, was für ein Monster ich war – was wir alle für Monster waren.
Ich fühlte mich immer noch stark zu ihr hingezogen, obwohl ich mich im Moment kaum vor Frauen retten konnte. Das war mir ein gänzlich unbekanntes Gefühl. Nickie Yanes, meine Adjutantin, himmelte mich als ihr Halbgott an und die Hexe Constance hatte reges Interesse an mir gezeigt. Doch nur Brettany gab mir ein Gefühl der Vertrautheit und der Geborgenheit.
Ich dachte an die Worte von Anya Guuze auf Ednil. Sie hatte vollkommen recht, als sie gesagt hatte, ich suche eine holde Prinzessin mit den edelsten Ansichten, doch solch eine Frau würde sich niemals mit einem Massenmörder einlassen.
Die mutige Blondine hatte es auf den Punkt gebracht und dafür verwünschte ich sie. Ich hätte ihr den Kopf abschlagen sollen für solch eine Impertinenz. Doch das hätte mir wohl kaum weitergeholfen. Sie hatte ja recht. Alles war entglitten, mein Leben war schon immer aus den Fugen geraten, weil mir der Halt zu einem Menschen fehlte. So grausam es klang, nur MODROR war der einzige Bezugspunkt in meinem Leben gewesen. Er hatte mir zwar keine Liebe entgegen gebracht, aber Vertrauen und eine Form von Sicherheit. Er hatte mir eine Zukunft gegeben. Mir und der Menschheit!
Doch was war das für eine Zukunft? Wie eine Insel schwamm sie auf einem Meer aus Blut. Zweieinhalb Jahre lang tobte schon der Intergalaktische Krieg. Für das Quarterium hatte er noch viel früher begonnen. Die Vorbereitung zur Reichsgründung und die Reichsgründung selbst waren stets kriegerischer Natur gewesen.
Ich versuchte mir immer wieder einzureden, dass dieser Blutzoll nötig war. Doch nun, wo wir gegen Perry Rhodan in die Schlacht zogen – gegen unsere Brüder – wurde es schwieriger zu glauben, dass es richtig war, was wir taten. Ich hatte immer gehofft, die Menschheit würde zusammen in die Zukunft streben, doch es sah nun so aus, als würde sich die LFT und das Quarterium bis zum Ende einer Nation bekämpfen.
Was mich am meisten entsetzte, war die Bereitschaft bei beiden Nationen, sich zu bekämpfen. Im April diesen Jahres hatte der Imperatore bei der Kundgebung und Mobilmachung eine heroische Rede unter frenetischen Beifall gehalten. Die Quarterialen jubelten, tanzten, schwenkten fanatisch die Fahnen und freuten sich regelrecht auf den Krieg gegen die LFT.
Das war alles unsere Schuld. Wir hatten ihnen förmlich einsuggeriert, dass sie die Elite der Menschheit seien. Ein Quarterialer war ein Auserwählter, ein Herrenwesen, stand meilenweit über allen anderen.
Über Jahre hinweg hatten wir ihnen eingetrichtert, dass das Quarterium über den selbstsüchtigen Interessen stand, der legitime Nachfolger des Solaren Imperiums sei und sich anschicke, die Reiche aller Menschen zu einigen. Damit hatten wir sie nicht einmal belogen. In der Tat wollten wir das Quarterium zum Imperium der Menschheit formen. Egal ob Terraner, Arkoniden, Akonen, Dorgonen, Cappins, Takerer oder Saggittonen. Sie alle sollten zum geeinten Imperium der Menschheit gehören!
Wir wollten eine neue Ordnung, eine bessere Menschheit. Das Ziel war edel, doch der Weg dahin war es nicht. Wir bedienten uns der grausamsten Mittel. Die Artenbestandsregulierung war grausam und unnötig, doch von MODROR befohlen. Es widerte mich jedoch immer mehr an, dass es viele Menschen gab, die bereitwillig an der Auslöschung des extraterrestrischen Lebens mitwirkten, ja diese Aufgabe geradezu verinnerlicht hatten.
Konnte das Quarterium überhaupt so weiterexistieren? Ich befürchtete nein, denn die liberalen und freiheitlich denkenden LFT-Terraner und Saggittonen würden sich niemals in ein so faschistisches Gebilde einfügen. Dies würde nur gelingen, wenn wir sie über Generationen unterdrücken würden, bis ihre Ethik der unseren angepasst worden wäre.
Die Aussicht auf Frieden war weiter entfernt den je, vor allem, da weder MODROR noch die Kosmokraten Frieden wollten und uns immer wieder in den Krieg treiben würden, bis eine Entscheidung fiel.
Erst jetzt bemerkte ich, dass Brett mich anstarrte. Ihr Blick war forschend und vorwurfsvoll zugleich.
Was ist?
, fragte ich einigermaßen höflich.
Rosan weiß, wer ihren Ehemann einst ermordet hat. Ich habe es ihr gesagt.
Was hatte Brett sich dabei gedacht? Jetzt musste ich auch noch die Schuldzuweisungen der Imperatrice über mich ergehen lassen!
Wieso?
, fragte ich sie.
Denkst du nicht, sie hatte ein Recht darauf zu wissen, wer und warum Wyll Nordment getötet hat?
Nordment war seit zehn Jahren tot. Damals war Cauthon noch ein überzeugter Sohn des Chaos gewesen. Heute hätte er Nordment wahrscheinlich inhaftiert, statt ihn gleich aufzuspießen. Das würde Rosan aber vermutlich heute nicht trösten. Er konnte sich nicht auch noch um die Gefühle der Halbarkonidin kümmern. Deshalb hielt sich sein Mitleid in Grenzen. Außerdem hatte sie ja mit dem Imperatore einen neuen Mann. Einige hätten de la Siniestro als vorteilhafte Partie bezeichnet.
Ist das alles, was du dazu zu sagen hast, Cauthon?
Ja.
Brett starrte mich verständnislos an.
Wieso hast du nur soviel Falsches getan? Du hast ein großes Herz, das fähig ist zu lieben. Du willst Gutes tun, doch immer wieder tötest du nur. Ich weiß nicht, ob du das jemals wieder gut machen kannst.
Ich blickte aus dem Fenster, beobachtete eine Staffel Abfangjäger, die ihre Manöver flogen und versuchte, die Tränen zu unterdrücken. Könnte ich, würde ich alles wieder gut machen. Aber es lag nicht im Interesse von MODROR. Ihm waren die vielen Toten egal, im Gegenteil, er labte sich an ihrer Pein.
Ich sah wieder zu Brett hinab.
Und wie sollte ich das ändern?
Schadensbegrenzung wäre schon einmal ein Anfang. Jedes Leben, welches du nicht auslöscht, wird es dir danken. Ich spüre, dass du empfänglicher dafür bist, als Vater. Doch ich will ihn und Orly auch überzeugen. Ihr müsst mit dem sinnlosen Krieg aufhören und euch von MODROR lossagen. Wir müssen die armen Außerirdischen aus den Lagern befreien und wir müssen gegen MODROR vorgehen, anstatt ihn zu unterstützen.
Ist dir klar, was dann geschehen würde?
Sie sah mich erschrocken an.
MODROR würde nicht nur die LFT sondern auch das Quarterium zerschlagen. Er würde alle töten. Es würde keine Menschheit mehr geben! Wir sind die letzte Chance für unsere Rasse. Dein Vater ist von MODROR auserkoren, die Menschheit zu retten. Sei doch nicht so naiv!
Bretts Augen wurden wässrig.
Wer ist hier naiv? Ihr befolgt stur und herzlos die Befehle dieses Monsters, während andere tapfer gegen den Schrecken kämpfen. Wer sagt uns, dass wir MODROR nicht besiegen können, wenn wir denn schon unbedingt kämpfen müssen?
Weder du, deine Familie noch ich würden das dann noch erleben. MODROR würde uns als erstes vernichten.
Brett lachte abfällig. Ich wäre lieber tot, als das Leben eines Mörders zu führen.
Turtelt die Dumme wieder mit dem Biest?
Ich verdrehte die Augen. Stephanie stand plötzlich hinter uns und versprühte wieder einmal ihr Gift. Brett sah sie wütend an und ging davon.
Steph lachte. Armes, dummes Brettchen. Für sie ist der Krieg nichts. Sie würde lieber mit ihren Püppchen spielen, im Garten herumtollen und romantische Schnulzen lesen oder ansehen. Gut, dass wir da völlig anders sind, nicht wahr Cauthon?
Sie stupste mich an und ging lachend davon.
Ich starrte wieder in den Weltraum und dachte an Bretts Worte.
Leutnant Ash Berger stand stramm vor der eintreffenden Führung. Generalmarschall Alcanar Benington, General Linker und Admiral Orlando de la Siniestro wurden von Oberst Helge von Hahn im Namen der XXXII. Shift-Division begrüßt.
Von Hahn gab Berger ein Zeichen. Er folgte dem Befehlshaber der Shift-Division in den Befehlsstand. Benington und Linker würdigten den Leutnant keines Blickes, während Orlando de la Siniestro ihm kurz zunickte.
Berger warf noch einen kurzen Blick auf die anschwebenden MHV-Geschütze. Sie surrten bedrohlich, doch die Okrill-Shiftkolosse hinter ihnen machten einen noch größeren Radau. Berger nahm neben Oberst Helge von Hahn Platz.
Meine Herren, in 45 Minuten schreiben wir Geschichte. Ich habe den Sohn des Imperatore eingeladen, dem Unternehmen Demimonde beizuwohnen.
Orlando schaute mit einem gequälten Lächeln in die Runde.
Der Plan sieht Folgendes vor: Mit einem breit angelegten Angriff auf die Untergrundstationen 50 bis 52 werden wir den Gegner überrollen und in die Flanken fallen. Um dies zu erreichen, werden wir um 03:45 Uhr mit dem Artilleriebeschuss beginnen. Natürlich wird der gegnerische Schutzschirm vorerst standhalten, deshalb werden Infanterieeinheiten unter dem Befehl von Oberst Helge von Hahn, durch den Wohnkomplex hinter die feindlichen Linien vordringen, um die Schutzschirmgeneratoren zu vernichten. Nach erfolgreichem Artilleriebeschuss werden die Shift-Divisionen um exakt 04:15 Uhr vordringen und die feindlichen Stellungen überrollen.
Benington schaute mit einem verschmitzten Lächeln in die Runde. General Linker und Oberst Helge von Hahn applaudierten zu diesem Plan.
Orlando de la Siniestro blieb ruhig. Ich bin kein Infanterieexperte, aber sollten wir nicht vorher den Schutzschirm deaktivieren und dann mit kurzem Artilleriefeuer die feindlichen Geschützstellungen zu vernichten? Die Shiftpanzer sollten meines Erachtens schneller vorrücken.
Beningtons Lächeln gefror für einen kurzen Moment. Dann setzte er wieder sein fieses Grinsen auf. Sir, deshalb ist ja auch Ihr Bruder Oberbefehlshaber des Heeres und Sie der Raumheld, Sir! Mein Plan ist exakt und perfekt ausgearbeitet. Er greift wie ein Uhrwerk. Sie werden es in 40 Minuten selbst erleben, Sir!
De la Siniestro sah Oberst von Hahn fragend an.
Sir, ich habe einen Stoßtrupp von insgesamt 500 Mann bereitgestellt.
Die Holografie des Frontabschnitts erschien in dreidimensionaler Form. Es gilt insgesamt fünf Wohnblöcke zu überbrücken. Unsere Pioniere und Grenadiere sind fest entschlossen und zu allem bereit. Ich persönlich werden den Nazarweg sichern.
Helge von Hahn stand strammer denn je.
Orlando seufzte. Berger sah dem Admiral an, dass er mit der Operation nicht einverstanden war. Berger war auch nicht wohl zumute. Er war für den ersten Wohnblockkomplex eingeteilt. Sie sollten sich um die Schutzschirmgeneratoren am Verbindungstunnel der Linie 49/50 und am Nazarweg kümmern. Helge von Hahn würde im zweiten Wohnkomplex von der rechten Flanke den Nazarweg angreifen und von links die Linienstellung 48/51.
General Linker und Generalmarschall Benington würden den Angriff natürlich vom Befehlsstand aus leiten.
Ash Berger schaute auf sein Chronometer. Noch 35 Minuten …
Aurec rieb sich den Schlaf aus den Augen. Ein Blick auf sein Chronometer verriet ihm, dass es gerade mal erst 03:20 Uhr war. Dennoch wollte er ein Vorbild für seine Männer sein, raffte sich ächzend auf und rückte seine schwarze Kombination zurecht.
Sein Blick fiel auf das dreidimensionale Bild von Kathy. Er hob es hoch und küsste es. Lieber wäre es ihm natürlich gewesen, wenn er Kathy selbst hätte küssen können, doch es war ihm nicht vergönnt.
Mit etwas wackeligen Schritten ging Aurec in das enge Bad seines Quartiers, putzte sich die Zähne und warf sich eine Ladung Wasser ins Gesicht. Zu mehr war nicht die Zeit. Er sollte schon um 03:30 Uhr bei der Freyt-Kompanie sein, doch wie üblich hatte der Saggittone verschlafen. Er war einfach kein Frühaufsteher.
Seine Ordonnanz begrüßte ihn freundlich. Kanzler, Oberleutnant Scorbit erwartet sie bereits im Besprechungsraum.
Aurec nickte und machte sich auf den Weg. Remus wirkte ausgeschlafen und fit. Der Saggittone fragte sich, wie Scorbit das machte. Offenbar machte ihm das nächtliche Aufstehen nichts aus.
Wie sieht es aus?
Alles ruhig an der Front. Ich habe aber ein paar Schnellfeuerstellungen aufgebaut und Scharfschützen in den Wohnkomplexen stationiert, wie du es vorgeschlagen hast.
Die quarterialen Aufklärer machen mir Sorgen.
Die Erde fing plötzlich an zu beben. Der Saggittone seufzte. Das war das übliche Bombardement des Schutzschirms über ihren Teil von Vircho. Jede Nacht feuerten Supremo-Schlachtschiffe im Orbit von Tefrod ihre Salven auf den Schutzschirm. Die Energie reichte jedoch aus, um ihr Bombardement abzuwehren.
Ewig konnten sie sich jedoch nicht halten. Wissenschaftler hatten berechnet, dass der Schutzschirm bei dieser Belastung maximal zwei Wochen standhielt, bevor die Energie endgültig aufgebraucht war. Bis dahin musste Hilfe eingetroffen sein.
Gehen wir zu deinen Jungs. Vielleicht muntert ein unausgeschlafener Kanzler der Saggittonen sie auf …
Remus und Aurec verließen das provisorische Quartier des Kanzlers einen Block hinter den feindlichen Linien. Es waren nur einige hundert Meter bis zu den LFT-Stellungen.
Die beiden legten die Strecke zu Fuß zurück. Es hatte sich nichts verändert. An dem Tunnel zur Linie 49 standen ein Shift-Abwehrgeschütz sowie zwei Shogun-Shifts. Am Nazarweg einige hundert Meter entfernt befand sich dasselbe Aufgebot zur Absicherung.
Zwei Transporter überholten Aurec und Remus. Sie brachten vier weitere Shift-Abwehrgeschütze. Aurec registrierte diese Truppenverstärkung mit Freude. Joak hatte seinen Empfehlungen zugehört, trotz seiner seltsamen Art im Moment.
Die beiden wurden von Caroline Nyndorff begrüßt, die am Funkleitstand vor dem Wohnblock saß.
Hallo Remus, hallo Aurec! Hier ist mal wieder so ein Stress. Tausende von Funksprüchen, aber General Cascal hat mich heute Morgen gelobt und gesagt, dass ich das sehr gut mache. Ist das nicht schön? Ein tolles Gefühl, wenn man weiß, dass ich zu den Besten gehöre, nicht?
Ja, Morgen!
, brummte Remus und beschleunigte seinen Schritt. Aurec schmunzelte darüber und bescheinigte Caroline, wie stolz man doch auf sie sei.
Dann gingen beide in den Wohnkomplex. Sie erreichten nach fünf Minuten eine Passage. Dort hatten LFT-Truppen Stellung bezogen. Sergeant Harry Lyppgowd hatte den Befehl über die 30 Soldaten, die aus dem 1. und 4. Zug der Freyt-Kompanie bestanden. Aurec erkannte Spike Orson und den geschwätzigen Unteroffizier Marcuz Ednem mit seinem selbst ernannten Adjutanten Willy Ossy.
Wie ist die Evakuierung von statten gelaufen?
, wollte Aurec von dem Unteroffizier wissen.
Selbstverständlich hat alles funktioniert, Sir! Ich habe selbst mit Argusaugen den Abtransport der zivilen Bevölkerung überwacht. Der Wohnkomplex ist jetzt frei, Sir!
Aurec nickte. Er blickte auf sein Chronometer. Es war 03:40 Uhr. Zeit für den ersten Kaffee, sonst schlief er gleich wieder ein.
Noch fünf Minuten bis zum Angriff. Ash Berger gab seinen Männern ein Zeichen. Roppert Nakkhole, Krizan Bulrich und Gert Wissmer schlichen direkt hinter ihm.
Folkmar Shinkjoke und Aczel Blackburg brachten den EMP-Ermitter in Stellung. Dieses neumodische Gerät soll laut Wissenschaftlern den Pikosyn eines SERUNs überlasten und die Feinde damit schwächen. Außerdem waren drei schwere Einheiten mit tragbaren Raketen mit dabei.
03:41 Uhr.
Das Quarterium begann mit groß angelegten Störsignalen in einem Radius von mehreren Kilometern. Nun wusste der Feind zwar, dass irgendetwas geschah, aber nicht wo sie zuschlagen würden.
Die LFT-ler waren nicht dumm. Sie hatten die meisten Korridore gesperrt und vermint, wie die Aufklärer gestern berichteten. Ihr Weg führte also nicht an einer bestimmten Passage im Zentrum des Wohnkomplexes vorbei. Ash vermutete dort Widerstand. Er hatte es General Linker auch mitgeteilt, doch dem war das egal gewesen. Nur ein Durchkommen zählte. Langsam arbeitete sich sein 100 Mann starker Trupp voran.
03:42 Uhr.
Sie hatten die Passage erreicht. Das große Tor stand vor ihnen. Ash gab zwanzig Mann ein Zeichen, auszuschwärmen. Sie sollten sich an den Flanken durch Wohnungen kämpfen, in der Hoffnung, nicht verminten Raum zu finden, um dann den Wohnkomplex aufseiten des Feindes zu verlassen.
Den Hauptangriff würde Ash Berger jedoch in der Passage führen.
03:43 Uhr.
Er gab seinen Soldaten das Zeichen, ihre Kampfanzüge zu aktivieren. Jeder besaß nun zusätzliche Waffensysteme und einen Schutzschirm. Der Kampfanzug der Grautruppen war sogar dem SERUN überlegen, da er sich noch flexibler gestaltete.
Ash beobachtete die andere Seite mit einem stinknormalen Feldstecher, denn auch der Feind sendete Störimpulse aus, die Ortung und Infrarotscans unmöglich machte. Trotz der vielen technischen Raffinessen gab es Kulturen, die technologisch auf gleichem Niveau standen, auch Gegenmaßnahmen dazu und es kam wieder auf den Soldaten selbst an, um die Schlacht zu gewinnen.
03:44 Uhr.
Ash atmete tief durch und warf einen Blick auf Roppert Nakkhole und Krizan Bulrich. Nakkhole nickte ihm zu. Bulrich wirkte angespannt, seine Hände am MAR-21-Sturmgewehr zitterten.
03:45 Uhr.
Das Artilleriefeuer begann. Der dumpfe Donner hallte durch die ganze Passage. Der Boden erzitterte durch die Detonationen am feindlichen Schutzschirm.
Das war ihr Zeichen. Ash gab den Befehl zum Angriff.
Um 03:45 Uhr brach die Hölle für die Freyt-Kompanie aus. Während Aurec genüsslich an seinem Kaffee schlürfen wollte, erzitterte der Boden durch Artilleriefeuer. Die Einschläge waren ganz nahe.
Aurec stürmte aus der Wohnung auf die Passage, da begann auch schon das Feuer. Ein Soldat vor ihm wurde von einem Energiehagel durchsiebt. Der Schutzschirm des SERUN überlastete, dann wurde die Panzerung durchschmolzen – schutzlos wurde der Körper des jungen Mannes zerfetzt. Aurec warf sich auf den Boden und robbte zur MVH-Stellung, die unerbittlich zurückfeuerte.
Desintegratorsprengkopfraketen brausten über seinen Kopf hinweg und schlugen in die Wand ein. Der ganze Komplex zitterte, Schutt und Putz bröckelten von der Decke auf ihn hinab.
Immer wieder blitzte es auf der gegenüberliegenden Seite auf. An der MVH-Stellung saßen Ednem und Ossy. Willy The Rat
ballerte mit dem MVH-Geschütz wild schreiend und zuckend auf die gegenüberliegende Seite der Passage, während Ednem hinter der Terkonitverkleidung auf dem Boden kniete.
Aurec tickte ihn an, um sich zu vergewissern, dass er noch lebte.
Der Unteroffizier blickte den Saggittonen ernst an. Meine Empfehlung wäre ein sofortiger Rückzug, Sir!
Sie sind mir ja ein Held. Wir müssen die Stellung halten. Das ist bestimmt ein groß angelegter Angriff.
Aurec versuchte mit dem Interkom in seinem Pikosyn eine Verbindung zu Joak Cascal herzustellen, doch sein Signal wurde geblockt. Irgendetwas stimmte mit dem Pikosyn nicht. Er sah sich um. Eine Etage höher hatte sich Spike Orson verschanzt. Aurec beobachtete, wie Orson mit zwei Schüssen einen quarterialen Raketenträger tötete. Der erste Schuss führte zum Zusammenbruch des Schutzschirms, der Zweite tötete den Menschen.
Er kroch etwas zurück und winkte Remus Scorbit zu sich. Duckend ging Scorbit auf ihn zu.
Mein Pikosyn funktioniert nicht, ich kann nicht mit Cascal Kontakt aufnehmen
, sagte Aurec.
Meiner auch nicht. Ich hab schon nach Nyndorff schicken lassen. Ihre Kommunikationsausrüstung ist die Modernste.
Wieder schlug eine Rakete ein. Nun begann der quarteriale Angriff. Etwa ein Dutzend Grautruppen stürmten an der Seite entlang auf ihre Stellungen zu.
Was macht der Idiot da?
, rief Remus und rannte zur Stellung von Ossy und Ednem. Aurec lief ihm hinterher. Ossy tat nichts und das war das Problem, er reagierte nicht auf die links heranstürmenden Soldaten. Remus schubste ihn weg, drehte das MVH-Schnellfeuergeschütz nach links und feuerte. Im Energiehagel starben die zwölf Quarterialen nach nur wenigen Sekunden. Eine weitere Impulsladung vernichtete den Übergang an der linken Seite.
Über drei Etagen hinweg wurde geschossen und gekämpft. Endlich erreichte Caroline Nyndorff die Stellung.
Funken Sie sofort Cascal an. Wir brauchen Verstärkung!
Caroline Nyndorff gelang es tatsächlich, eine Verbindung zu Cascal herzustellen. Sie meldete, dass der Frontabschnitt der Freyt-Kompanie angegriffen wurde.
Cascal schickt uns Verstärkung für den gesamten Abschnitt. Auch die 5. Armee Vircho und die 7. Saggittorbrigade werden angegriffen.
Damit wurden die U-Bahn-Linien 50 bis 52 attackiert.
Gib doch her, Mann!
, rief Ossy und rüttelte an dem Geschütz.
Remus stieß ihn weg. Reißen Sie sich zusammen, Mann! Sie schießen blind durch die Gegend und treffen ja nicht mal die Wand gegenüber!
Selber doch!
, meinte Willy Ossy und starrte Scorbit geisteskrank an. Er schnappte sich sein Sturmgewehr, kniete sich hin und feuerte auf die gegenüberliegende Seite. Als Antwort kam nach wenigen Sekunden ein Feuerhagel auf sie zu.
Scheiße, Mist, Scheiße!
, stieß Ossy fluchend aus.
Caroline schrie auf. Eine Rakete traf die Stellung und plötzlich brach der Boden unter ihnen zusammen. Mitsamt dem Geschütz fielen sie in die nächste Etage. Geistesgegenwärtig aktivierte Aurec sofort seinen Antigrav am SERUN und packte Caroline Nyndorff, die aber ziemlich schwer und mit einem Arm kaum zu halten war. Kontrolliert sanken sie zu Boden und verschanzten sich hinter dem Schutthaufen.
Remus war leicht verwundet, Ednem kauerte in einer sicheren Ecke und starrte auf Aurec. Willy The Rat
hingegen war getroffen und schrie wie am Spieß. Er hatte eine Wunde am Arm, der vermutlich gebrochen war. Er sprang plötzlich auf, da zerfetzte eine Energiesalve sein rechtes Bein. Die zweite Salve trennte es ab. Willy platschte zu Boden und brüllte laut um Hilfe.
Remus robbte zu ihm und zog ihn zurück. Langsam arbeiteten sie sich zu Ednem vor, der sich vor Angst offenbar nicht rühren konnte. Er war keine große Hilfe.
Bringen Sie den Verwundeten zurück ins Lager, verstanden?
Ednem nickte, packte Willy wortlos, nahm ihn auf die Schulter und trug ihn durch den Nebenausgang heraus.
Die Grautruppen stießen langsam vor und bahnten sich einen Weg durch die oberste Etage. Vier Grautruppen rannten plötzlich auf sie zu, doch von rechts kamen Lyppgowd und sechs Soldaten, die sofort das Feuer eröffneten. Ein Quarterialer brach tot zusammen, die anderen verschanzten sich in einem Geschäft. Ein Schuss tötete den Soldaten zu Lyppgowds linken. Der Sergeant warf sich auf den Boden, nahm eine Handgranate und warf sie in das Geschäft. Sekunden später explodierte sie. Langsam rückten die fünf Mann vor, doch die Quarterialen waren nicht tot und eröffneten erneut das Feuer. Lyppgowd warf eine weitere Granate hinein und nach deren Explosion herrschte Ruhe.
Sir, die oberste Etage gesichert
, meldete Lyppgowd.
Lassen die Shift-Abwehrgeschütze so vor dem Ausgang des Komplexes stationieren, dass sie ungefährdet Ein- und Ausgänge beschießen können. Dann Rückzug aus dem Komplex!
, befahl Aurec.
Die Gruppe befand sich in der untersten Etage, was bedeutete, wenn die Quarterialen aus dem Komplex wollten, mussten sie es auf dieser Ebene versuchen, es sei denn sie verwendeten Antigravs. Doch das würde sie träge und angreifbar für die Truppen draußen machen.
Aurec blickte zum Ausgang, der etwa zwanzig Meter von ihnen entfernt war.
Sollen wir den Ausgang sichern, Sir?
, fragte Lyppgowd.
Ja, jedoch nur, bis die Stellung draußen steht. Seien Sie vorsichtig.
Lyppgowd gab den fünf Soldaten ein Zeichen. Sie verschanzten sich auf der rechten Seite. Auf der anderen Seite hatten sich auch vier LFT-Soldaten der Freyt-Kompanie eingefunden. Aurec erkannte Spike Orson und Rezza Sesa unter ihnen. Sie waren nun gut postiert, um die Quarterialen ins Kreuzfeuer zu nehmen.
Hauptgefreiter Maddog, versuchen Sie und Gefreiter O’Keefe das Geschütz wieder hinzukriegen1
, befahl Remus.
Der bullige Ertruser mit den wenigen Haaren nickte. Er setzte seinen Helm auf und schlich mit dem Iren O’Keefe zum MVH-Geschütz, das auf der Seite lag. Ohne Mühe stellte es der Hauptgefreite Marc Maddog wieder auf und begann mit den Reparaturarbeiten. Da brach schon der nächste Feuerhagel aus. Mehr als zwanzig Quarteriale griffen frontal die Gruppe an.
Eine Rakete schlug rechts neben ihnen ein und tötete einen Soldaten. Aurec schickte Caroline Nyndorff durch den Nebenausgang raus. Sie konnte ihnen wenig helfen. Ein Schuss traf O’Keefe und ließ ihn wanken.
Wirf dich hin, Mann!
, rief Maddog und wollte O’Keefe zu Boden drücken, doch es war zu spät. Der zweite Schuss des quarterialen Scharfschützen ging durch Helm und Kopf des Iren.
O’Keefe war tot!
Aurec rannte zum MVH-Geschütz. Kann ich helfen?
Eine Flasche Met wäre jetzt toll
, meinte der Etruser und knotete ein paar Kabel zusammen. Okay, jetzt sollte es gehen.
Er setzte sich hinter das Geschütz und feuerte. Die erste Salve riss mindestens drei Quarteriale in den Tod, die abrupt stehen blieben und sich hinter den Trümmern der Halle verschanzten.
Doch die mobilen Raketeneinheiten machten der LFT-Gruppe zu schaffen. Gleich drei Raketen brausten auf die Stellung von Sesa und Orson zu. Eine Explosion jagte die Nächste und Rauchschwaden hüllten die Stellung ein. Sesa und Orson rannten zu Aurec und seinen Leuten.
Die anderen beiden sind tot
, meldete Orson. Wir können uns nicht mehr lange halten.
Also gut, Rückzug. Raus hier.
Lyppgowd und Remus warfen noch einige Handgranaten in die Richtung der Quarterialen, dann rannten sie zum Nebenausgang. Als sie am Platz zwischen dem U-Bahn-Tunnel und der Nazarstraße waren, wurden sie bereits von LFT-lern empfangen, die drei Geschütze in Stellung gebracht hatten. Vier Shogun-Shifts standen ebenfalls bereit, den Quarterialen einzuheizen.
Aurec kehrte hinter die Stellungen zurück. Er blickte auf das Chronometer. Es war 04:03 Uhr. Es waren die bisher schlimmsten achtzehn Minuten auf Vircho gewesen.
Die LFT-Linien im Wohnkomplex waren durchbrochen. Bergers Einheiten hatten alle drei Etagen inzwischen gesichert, die LFT-ler waren abgezogen. Sie hatten 30 Mann verloren und zählten 17 Tote bei der LFT. Bergers Aufklärereinheiten hatten unbeschadet die andere Seite der Halle erreicht und waren über die dritte Etage dem Feind in den Rücken gefallen. Das hatte die Wende in diesem blutigen Scharmützel eingeleitet, nachdem die Verbindungen der zweiten Etage förmlich eingestürzt waren.
Berger gab seinen Soldaten ein Zeichen, um weiter vorzurücken. Sie erreichten eine vernichtete Geschützstellung. Ein toter Terraner lag direkt neben dem noch intakten MVH-Schnellfeuergeschütz. Ein Loch klaffte am Hinterkopf. Es war das Werk eines Scharfschützen gewesen.
Folkmar Shinkjoke kam zu ihm.
Den armen Teufel hab ich wohl auf dem Gewissen.
Ash nickte nur und gedachte der gefallenen Soldaten. Warum nur dieses Blutbad? Wieso dieser Krieg? Es war müßig darüber nachzudenken. Er musste sich jetzt auf den Kampf konzentrieren, sonst würde er auch bald zu den Gefallenen zählen.
Krizan Bulrich ging zum Ausgang.
Wir haben die Schweine verjagt
, jubelte er.
Hau ab da!
, rief Ash, doch es war zu spät. Mit einem lauten Donnern detonierte eine Energieladung am Eingangsbereich und zerstörte die Eingangstür. Das Glas zerbrach und fiel klirrend zu Boden. Als sich der Rauch gelichtet hatte, wollte sich Ash ein Bild des Treffers machen. Krizan Bulrich kroch eingeschüchtert aus den Trümmern hervor. Ein anderer Kamerad hatte es nicht so gut gehabt. Seine Überreste lagen weit verstreut in der Halle herum.
Idiot!
, herrschte Ash ihn an.
Pass bloß auf!
, tönte Bulrich. Wenn ich wieder bei der C.I.P bin, schicke ich dich nach Objursha!
Roppert Nakkhole meldete sich zu Wort. Herr Leutnant, einen Vorschlag, wenn Sie gestatten. Wie wäre es, den Unteroffizier Bulrich zwecks Aufklärung noch einmal nach vorne zu schicken?
Bulrich wurde kreideweiß. Hey, was soll das, Roppert? Ich dachte, wir wären Freunde?
Nö
, kam die knappe Antwort von Roppert Nakkhole, der in der Tat ein langjähriger Bekannter von Bulrich war. Zusammen mit ihm und Anya Guuze war er noch in Terrania zur Berufsschule gegangen und hatte zu den ersten Siedlern von Cartwheel gehört.
Ash rief Shinkjoke und Blackburg zu sich. Als Sergeants waren sie zusammen mit Leutnant Gert Wissmer, der zu seiner rechten hockte, die Anführer des Trupps, der immerhin noch 70 Mann stark war.
Offenbar erwarten die uns draußen
, meinte Wissmer. Wir haben insgesamt zwölf Etagen mit Fenstern nach draußen. Doch wenn die mit den Geschützen feuern, zerfetzen die uns, bevor wir den zweiten Schuss abgegeben haben.
Wissmer hat recht, befürchtete Ash. Uns muss nun also etwas einfallen.
Kanalisation!
, schlug Shinkjoke vor.
Die Scheiße landet direkt im Konverter
, antwortete Wissmer. Ist hier nicht anders wie Zuhause.
Berger blickte ungeduldig auf das Chronometer. 4:10 Uhr war es inzwischen. In fünf Minuten sollten eigentlich die Shiftpanzer vorrücken. Doch offenbar war überall der Angriff ins Stocken geraten. Auch aus dem Nachbarwohnkomplex hörte man keinen Mucks.
Ash ließ sich eine Verbindung zu Oberst Helge von Hahn gegeben. Helge, was sollen wir tun? Habt ihr einen Plan?
Schickt die Kampfroboter!
, schlug der Oberst vor. Sie sollen auf die Geschützstellungen stürmen und sich in die Luft jagen.
Die Idee war gar nicht so verkehrt. Wissmer nickte und rannte los. Nach sieben Minuten schwebten mit lautem Surren 120 Kampfroboter an. Sie beschleunigten, sausten durch den Eingang und erneut brach die Hölle los. Die terranische Artillerie feuerte. Ash hatte das Gefühl, als würde jeden Moment die Decke herabbrechen. Dann hörten sie eine Explosion nach der anderen. Entweder jetzt oder nie!
Los, los, los!
Die 70 Mann rannten aus dem Eingang und stürmten die Geschützstellung. Doch die waren immer noch gut befestigt. Sie hatten keine Chance gegen die Schnellfeuergewehre. Ash brach den Frontalangriff ab und schickte seine Truppen zu den Flanken.
Wissmer stürmte mit 30 Mann den Schutzschirmstand zur Rechten, während Berger mit seinen Leuten auf die Energiestation am U-Bahn-Tunnel zurannte. Es gab jetzt kein zurück mehr. Sie feuerten, was das Zeug hielt und endlich erreichten sie die Energiestation.
Shinkjoke brachte die Sprengladungen an, während die anderen die Station sicherten.
Shift!
, brüllte Blackburg.
Oh nein! Das hatte ihnen noch gefehlt. Ein Shogun-Shiftpanzer schwebte feuernd auf sie zu.
Rückzug!
, brüllte Berger.
Eine Energieentladung detonierte nur drei Meter neben ihm. Er wurde durch die Luft geschleudert und landete unsanft auf dem Boden. Zwei weitere Quarteriale fielen neben ihm hin, doch sie waren tot. Berger rappelte sich benommen auf und registrierte, dass sein Schutzschirm auf 19 Prozent gesunken war.
So schnell er konnte rannte er zum Eingang des Wohnkomplexes zurück. Nur Shinkjoke, Nakkhole und Blackburg folgten ihm. Die anderen Kameraden waren tot. Im Laufen betätigte Shinkjoke den Zünder und mit einem lauten Knall zerbarst die Energiestation des Schutzschirms. Sofort nahm die Artillerie zwei Kilometer weiter hinten das Feuer auf. Berger bekam mit, wie Energiesalven an die Häuserwand des gegenüberliegenden Wohnkomplexes prasselten. Die Fassade gab nach und das Gebäude stürzte wie ein Kartenhaus nach vorne zusammen.
Von links stürmten Wissmer, Helge von Hahn und Holge Wosslyn ihnen mit nur vier Mann entgegen.
Ist das der Rest?
Wissmer nickte. Von beiden Einsatzgruppen!
Ash Berger blickte auf das Chronometer. Es zeigte 04:23 Uhr an. In nicht einmal einer halben Stunde hatten nur elf von zweihundert Soldaten den Ansturm auf die Linie 50 und den Nazarweg überlebt.
Helge von Hahn blickte mit seinen Glubschaugen zur Energiestation des Schutzschirms am Nazarweg. Einige LFT-Soldaten und Tefroder machten sich daran, die Ladung zu entschärften. Mit einem Grinsen drückte von Hahn den Zünder und riss damit die gegnerischen Soldaten in den Tod. Der Schutzschirm brach zusammen und die Artillerie feuerte mit todbringenden Ladungen auf die feindlichen Stellungen.
Wir brauchen Verstärkung, um die Abschnitte zu halten!
, befahl von Hahn. Na los, Ash! Renn los und hol uns Truppen!
Ash nickte und machte sich auf den zwei Kilometer langen Weg durch den Wohnkomplex zurück zu ihrer Stellung. Ein Funkspruch genügte nicht, er wollte selbst die Einheiten auswählen und war außerdem ganz froh, ein paar Minuten von der Front weg zu seien.
Sein Weg durch die Passage wurde von Leichen gepflastert. Sie hatten nur um ein paar Meter gekämpft und doch waren viele gestorben. Was für ein Wahnsinn!

Die Schutzschirme sind zusammengebrochen!
, rief Remus Scorbit laut Aurec zu. Der hatte verstanden, außerdem waren die Explosionen unübersehbar gewesen. Was nun folgte, war ein lauter, furchteinflösender Beschuss der quarterialen Artillerie.
Zu Aurecs linker Seite brach die vordere Wand des Wohnkomplexes zusammen und begrub einen Shiftpanzer Typ Shogun unter sich. Die Soldaten der Freyt-Kompanie brachten sich in der Mitte in Sicherheit. Es erfolgte kein Feuer vom gegenüber liegenden Wohnkomplex. Offenbar waren die quarterialen Angreifer nicht mehr in der Lage dazu.
Wie gehen die jetzt weiter vor?
, wollte Aurec wissen.
Sie werden eine Weile die Stellungen an der Straße und dem Tunnel beschießen. Dann rücken die Shiftpanzer und Infanteristen vor.
Remus bestätigte Aurecs Vermutung. Sie wollten dann bestimmt die Stellung einnehmen, um der Vircho-Armee und der 7. Saggittorbrigade in den Rücken zu fallen.
Aurec winkte Caroline zu sich. Sein Funk funktionierte immer noch nicht.
Sie erstattete Meldung: Die Abschnitte am Contaweg und den Linien 51 und 52 werden ebenfalls angegriffen, doch sie wurden zurückgeschlagen.
Und Cascal?
Schickt Verstärkung von oben, Sir.
Unsere Verluste?
, fragte Aurec seinen Freund Remus.
67 Tote und 31 Verletzte der Freyt-Kompanie.
Remus Stimme klang traurig.
Damit standen ihnen noch etwa 150 Mann und 200 MODULA-Kampfroboter zur Verfügung. Genug, um einen Gegenangriff zu starten, fand der Saggittone.
Er gab nur ungern diesen Befehl, doch sie mussten verhindern, dass die Quarterialen durch diese Linien brachen. Inzwischen hatten auch Captain Daniel Ellroy und Oberleutnant Will Dean die Stellung erreicht.
Captain, ich brauche jeden Mann und alle MODULAs
, sagte Aurec ohne Umschweife. Wir erobern den Wohnblock zurück und drehen den Spieß um. Wir müssen versuchen, die Artilleriestellungen außer Gefecht zu setzen. Dann können wir in Ruhe die Schutzschirmgeneratoren reparieren.
Ellroy wirkte nicht begeistert, auch Remus sah Aurec an, dass er diesen Angriff für ein Himmelfahrtskommando hielt. Gäbe es doch eine andere Lösung!
Vielleicht?
Das könnte funktionieren.
Andere Idee. Wir stürmen den Wohnkomplex und sprengen ihn an den Seiten
, schlug der Saggittone vor. Die herabstürzenden Trümmer werden den Tunnel und den Nazarweg blockieren. Das wird uns etwas Zeit geben.
Aber nur ein paar Minuten
, wandte Will Dean ein. Sie werden die Artillerie auf Desintegratoren umstellen und Trümmer einfach entstofflichen.
Aurec schlug mit der Faust auf den Boden. Darauf hätte er auch selber kommen können. So blieb nur Plan A. Doch wie hoch standen ihre Chancen für einen Erfolg? Und für ein Überleben?
Aurec blickte in die Gesichter von Captain Ellroy, Remus und Will Dean. Dann zu Caroline Nyndorff und dem großen Marc Maddog, der neben ihr hockte. Unweit von ihnen standen Spike Orson, Carolines Bruder Jorhn, Rezza Sesa und Marcuz Ednem.
Vermutlich würde keiner von ihnen überleben. War es das wert? Waren die paar hundert Meter das Leben von 152 Menschen wert? Welche Konsequenzen hatte der Verlust?
Aurec atmete tief durch. Caroline geben Sie bitte Cascal den Befehl zum sofortigen Rückzug. Alle 125 Stellungen sollen sich langsam zwei Wohnblöcke zurückziehen und dort neu in Position gehen. Der Schutzschirm oberhalb soll dementsprechend verringert werden. Ich gebe lieber einige Kilometer Stadt auf, statt so viele Menschen zu opfern.
Caroline nickte mit einem Lächeln. Ihr war die Erleichterung deutlich anzusehen. Auch Remus und Dean lachten.
Für die MODULA-Roboter habe ich aber kein Mitleid. Sie sollen den Wohnkomplex stürmen und die Quarterialen noch etwas ablenken. Wir brauchen bestimmt ein paar Minuten zum Rückzug.
Ja, Sir
, bestätigte Ellroy und gab sofort den Befehl die MODULA-Einheiten kampfbereit zu machen. Dann begann auch schon der Rückzug unter dem ständigen Artilleriefeuer des Quarteriums.
Aurec sah sich das Schlachtfeld an. Es war 04:30 Uhr! In knapp 45 Minuten hatten viele Menschen ihr Leben gelassen. Es reichte ihm heute an Toten, doch er hatte die Befürchtung, dass es jetzt erst richtig weiter ging.
Was? Schon wieder im Sol-System? Wie soll ich das denn bezahlen?
, schrie Peter de la Siniestro entsetzt auf. Ihr seid doch alle wahnsinnig!
Schreiend stand er auf und warf den Würfelbecher auf das Monopoly-Spielbrett. Sein Kopf war hoch rot angelaufen. Er machte wie immer einen lächerlichen Eindruck auf mich.
Brettany war beim Wutanfall von Peter zusammengezuckt, während der Imperatore nur genervt seufzte und Stephanie herumzickte. Rosan Orbanashol de la Siniestro, die mich die ganze Zeit über finster anstarrte, und Uthe Scorbit wirkten teilnahmslos, genau wie der Posbi Diabolo.
Setz dich bitte wieder, mein Sohn!
Ich hasse euch! Ich verliere immer gegen euch. Ihr arbeitet doch zusammen. Brettany und die Arkonidenhure haben vorhin Sternensysteme getauscht. Das habe ich genau gesehen!
Dann verzieh dich und spiele mit deinen Soldatenpuppen
, meinte Stephanie anzüglich.
Peter fing an zu weinen und setzte sich wieder hin. Niemand hat mich lieb. Ihr alle hasst mich.
Ist doch gar nicht wahr
, sagte Brett und nahm ihren Bruder in den Arm. Sie streichelte über seine Haarbüschel und beeindruckte mich damit. Obwohl Peter ein Irrer war, mit nur ziemlich wenig positiven Eigenschaften, kümmerte sie sich um ihn. Sie hatte wirklich ein großes Herz, wie kaum eine andere Frau. Wir fangen von vorne an und dann arbeiten wir mal etwas zusammen, okay?
Peter nickte. Sabber gemischt mit Tränenflüssigkeit perlte sich in einem großen Faden von seinem Gesicht. Mit verzerrtem Gesicht nahm Brettany ein Taschentuch und machte ihren Bruder wieder sauber.
Vielleicht wird es jetzt auch Zeit ins Bett zu gehen. Es ist immerhin schon 05:30 Uhr morgens
, sagte der Imperatore und gähnte herzhaft. Dann sah er Rosan lüstern an. Was meinst du, mein Liebling?
Sicher, mein Gemahl …
Das klang nicht begeistert. Wäre ich eine Frau, würde ich aber auch nicht glücklich sein, mit dem Greis ein Bett zu teilen. Stephanie stand auf und verließ wortlos den Raum. Ich blickte ihr hinterher. Wüsste ich es nicht besser, würde ich denken, sie führte irgendetwas im Schilde.
Naja, das war ein sehr amüsanter Familienabend, nicht wahr? Können wir ja irgendwann mal wiederholen
, sagte Uthe Scorbit. Ihr Sarkasmus war unüberhörbar. Sie bereute wahrscheinlich ihre Entscheidung, auf Orlandos schöne Sprüche hereingefallen zu sein. Vermutlich sehnte sie sich nach ihrem Remus zurück.
Wenn es kurios lief, würde sie vielleicht sogar bald in seiner Nähe sein. In fünf Tagen waren wir in Andromeda. Die EL CID flog mit maximaler Geschwindigkeit. Dann wäre sie auch in der Nähe von Orlando. Ich stellte es mir amüsant vor, wenn ihre beiden Hähne sich auf dem Schlachtfeld treffen würden, doch das würde wohl nicht geschehen, denn Orlando war ein Raumflottenadmiral und Remus Scorbit ein einfacher Offizier, wenn auch mit Sonderstatus aufgrund seiner zweifelhaften Erfolge.
Peter ging mit gesenktem Kopf aus der Kabine und auch der Imperatore verabschiedete sich mit Rosan und Diabolo. Brett und ich blieben in dem Quartier alleine zurück.
Ich setzte mich zu ihr.
Reagierst du auch so beim Spielen oder warum hast du nicht mitgemacht, Cauthon?
, fragte Brett.
Heitere Gesellschaftsspiele erfüllen mich nicht gerade mit Freude.
Heiterkeit und Freude scheinen dich generell nicht glücklich zu machen …
Mir entging der Vorwurf von ihr nicht.
Wenn man diese Dinge nicht kennen gelernt hat, fällt es einem schwer, sich daran zu gewöhnen.
Brett lächelte gequält.
Nimm das Ding ab, wir sind unter uns.
Sie deutete auf meinen Helm. Brettany war so ziemlich die Einzige, der ich es erlaubte, mich unter meiner Maske zu sehen. Ich nahm den Helm ab und sie schaute mir tief in die Augen.
Dein verheiltes Gesicht ist doch schön. Warum verbirgst du es vor den anderen? Du würdest ein Stück normaler wirken.
Und davor hatte ich Angst. Als Silberner Ritter war ich eine Respektsperson. Ohne meine Rüstung war ich vielleicht ein Niemand. Zumindest war ich es früher.
Gewohnheit und Autorität. Dennoch genieße ich es, jetzt einmal frei zu sein …
Brett lächelte. Es war ein so wundervolles Lächeln. Ich wünschte, sie könnte ihr großes Herz auch mir gegenüber zeigen. Aber das würde nicht geschehen. Dafür war ich ein zu schlechter Mensch. Das war mein Schicksal. Aus Leid und Trauer erschaffen, ein Leben voller Hass und dazu auserkoren das Universum in Blut zu tauchen. Das war mein Schicksal, denn ich war ein Sohn des Chaos.
Aurec entging Joak Cascals grimmiger Blick keineswegs. Der General der LFT war seit zwei Tagen stocksauer über den angeordneten Rückzug. Cascal wäre bereit gewesen, die Stellung mit Mann und Maus ohne Rücksicht auf Verluste zu verteidigen. Doch Aurec war es nicht und er war der Oberbefehlshaber auf Vircho. Damit musste sich Cascal abfinden!
Seit zwei Tagen zogen sich die Truppen kontinuierlich zurück. Aurecs Plan war, sich bis zum Hafenviertel zurückzuziehen, um die Regierungsinsel und das Areal entlang des Wassers zu verteidigen. Es gäbe dann nur noch einen unterirdischen Zugang zur Insel, der leichter zu verteidigen war.
Das Hafenviertel war nur spärlich unterbaut. Die zu verteidigende Wege beschränkten sich auf weniger als ein Dutzend. Die alliierten Truppen hatten dennoch in den letzten zwei Tagen mehr als eintausend Soldaten verloren, da das Quarterium schneller voranstieß, als vorausgesehen. Immer wieder waren sie in die Linien eingebrochen.
Aurec beobachtete Joak Cascal. Dieser überwachte den koordinierten Rückzug und den neuen Stellungsaufbau. Aurec fragte sich, was in Joak vorging? Seit den Tagen auf dem falschen WANDERER war er nicht mehr der Alte. Waren es Nachwirkungen seiner langen Haft auf Objursha? Die Sorge um seinen Freund Sandal Tolk, der immer noch verletzt war oder die Sehnsucht nach Anya Guuze?
Liebeskummer hätte Aurec jedem anderen Menschen zugetraut, nur Cascal nicht. Joak Cascal, der Draufgänger und Frauenheld hatte sein Herz wohl ein zweites Mal in seinem inzwischen recht langen Leben verloren. Nach dem Tod seiner ersten Frau in einer Raumzeitfalte vor 17 Jahren hatte er nie wieder eine Beziehung gehabt. Zumindest keine Dauerhafte, glaubte Aurec.
17 Jahre waren eine lange Zeit. Das wusste Aurec nur zu gut. Er hatte nie viel von Kathy Scolar gehabt, obwohl er eigentlich schon seit fast zehn Jahren mit ihr liiert war. Doch eigentlich hatten sie insgesamt höchstens ein paar wenige Monate miteinander verbracht.
Aurec wusste nur zu gut, was Sehnsucht und Liebeskummer bedeutete, denn er kämpfte jeden Tag dagegen an. Doch er kannte auch Verantwortung und Disziplin. Und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Würde er nicht hoffen, eines Tages Kathy wiederzusehen und eines Tages diesen Krieg zu beenden, wäre er wahrscheinlich schon tot. Doch das hielt ihm am Leben.
Joak befand sich in einer unausstehlichen Phase. Es war nur dumm, dass diese gerade während der Schlacht um Tefrod über ihn kam. Aurec brauchte einen zuverlässigen Cascal und keinen melancholischen Kamikazegeneral. Aurec nahm sich ein Herz und ging zu Joak hinüber. Cascal bedachte den Saggittonen mit einem verächtlichen Blick.
Joak, so kann das nicht weitergehen. Wenn der Feind dich nicht umbringt, werden es deine Probleme tun.
Was weißt du schon über meine Probleme?
Aurec seufzte. Anya, stimmt’s? Einsamkeit, vielleicht eine Art Torschlusspanik und die ganzen grausamen Erlebnisse auf Objursha. Das macht dir doch zu schaffen. Als Kathy uns damals verraten hatte, fiel ich auch in ein tiefes Loch. Ich ließ es mir kaum anmerken, doch ich fühlte, als hätte ich nichts erreicht. Obwohl MODROR damals geschlagen war und alles gut ausging, war ich im Endeffekt einsamer als jemals zuvor. Du hast den Schrecken von Objursha überstanden, dich unglücklich verliebt und der Schrecken geht weiter …
Cascal sah mich an, als sei ich schwachsinnig. Beinahe glaubte ich, dass er ansatzweise lächelte. Er zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch seufzend aus.
Biologisch gesehen bin ich jetzt schon 99 Jahre alt. Ich weiß, bei der heutigen Medizin kann man gut und gerne 200 oder 220 Jahre alt werden, manche sogar 250. Aber bei unserem Job eher unwahrscheinlich. Da macht man sich schon Gedanken …
Eigentlich war Joak Cascal rein rechnerisch über 1400 Jahre alt, doch er hatte diese Zeit in einer Raumzeitfalte zusammen mit Sandal Tolk und seiner ersten Frau als Gefangene eines Volkes namens Casaro verbracht.
Man denkt über Familie nach, über eine Frau und Kinder. Eigentlich hätte ich schon eine, doch man hat sie mir genommen. In den 17 Jahren konnte ich für keine Frau ernsthafte Gefühle entwickeln. Erst für sie wieder, doch …
Sie hat nicht unbedingt die gleichen Gefühle für dich. Das tut mir leid, doch was willst du dagegen tun? Glaubst du, du kriegst sie, wenn du in Selbstmitleid zerfließt?
Aurec sah Joak eindringlich an und hoffte, dass seine Worte wirkten.
Wieso nicht? Selbstmitleid geht nur mich etwas an!
Nicht, wenn deine Soldaten darunter leiden müssen. Wäre es nach dir gegangen, wären Zehntausende gestorben für ein paar Meter Boden. Du hättest ein sinnloses Gemetzel zugelassen.
Das ist nun einmal Krieg!
Schwachsinn! Du hörst dich an wie Cauthon Despair, der mit gebrochenem Herzen ganze Planeten auslöscht. Erinnerst du dich noch an Sverigor? Sicherlich doch! Wenn du so weiter machst, ähnelst du bald den Leuten, die du verachtest!
Joak blickte ihn erstaunt an. Dann sah er verstohlen auf den Boden. Nach einer Weile schaute er mit wässrigen Augen auf und sagte: Danke!
Das überraschte Aurec. Doch der Saggittone verstand, was Cascal damit zum Ausdruck bringen wollte.
Er legte ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter. Wir sind offenbar zum Leiden geboren, tragen unseren Schmerz stets mit uns, doch das macht uns anders, denn wir ergeben uns nicht in unsere Wut und unseren Hass! Wir kämpfen dagegen an und stehen für unsere Werte ein, auch wenn es schwer ist.
Joak nickte nur.
Und was Anya angeht … wenn du sie unbedingt willst, wird es da einen Weg geben. Schreib ihr eine Nachricht und wir senden sie mit einem TLD-Kurier nach Terra.
Quatsch, ich werde wohl kaum den TLD für meine privaten Angelegenheiten missbrauchen!
Aber ich, denn es geht schließlich um das Wohl meines besten Generals! Ich brauche dich hier voll funktionsfähig, Joak! Schreib ihr was, das hilft, glaub mir!
Aurec dachte an seine unzähligen Briefe für Kathy, die er nie verschickt hatte.
Ich klinge wie ein Weichei
, meinte Cascal und zog an der Zigarette.
Aurec lachte. Das ist nur menschlich. Gefühle definieren uns. Haben wir keine oder nur Negative, enden wir wie die Söhne des Chaos!
Auf der Siegerstraße?
Aurec sah Cascal erschrocken an, dann fing Joak an zu lachen. Endlich lachte er mal wieder.
Donner!
Cascal wurde wieder ernst.
Das Quarterium gönnt uns keine Ruhe. Ich gebe zu, eine Bündelung der Truppen ist weise. Doch wir werden uns nicht ewig halten können …
Achtung!
Die Soldaten standen stramm und das Orchester fing an, den Präsentiermarsch zu spielen. Die Luke der Raumfähre öffnete sich und zwei Dutzend festlich gekleidete Wachen stellten sich links und rechts auf, um dem Imperatore de la Siniestro die Ehre zu erweisen.
Zuerst jedoch verließ der Quarteriums-Marschall Cauthon Despair die Fähre. Ihm folgte der Berater des Imperatore, der Posbi Diabolo. Nun trat der Imperatore mit seiner Gattin Rosan Orbanashol de la Siniestro heraus, gefolgt von seinen Kindern Stephanie, Brettany und Peter. Zuletzt verließ die Verlobte von Orlando de la Siniestro die Fähre, Uthe Scorbit!
Ash Berger dachte über die letzten Tage des Kampfes nach, während das Orchester nun den allseits beliebten Hohenfriedburger Marsch anstimmte. Viele Kameraden waren gestorben. Wie durch ein Wunder kaum welche, die er seit Som Ussad kannte. Zumindest der harte Kern hatte überlebt, doch es war nur eine Frage der Zeit.
Generalmarschall Alcanar Benington, Admiral Orlando de la Siniestro, General-Oberst Red Sizemore und auch noch General Linker begrüßten die Monarchenfamilie und den Quarterium-Marschall ehrerbietig.
Sie schritten an ihnen vorbei. Brettany warf ein Lächeln auf Ash Berger, das er erwiderte. Das war doch was, mal von einer Prinzessin angelächelt zu werden. Dafür blickte Despair auch in seine Richtung, was ihm etwas Unbehagen bereitete.
Die honorigen Gäste wurden ins Hauptquartier, dem luxuriösestem Hotel in Vircho, das noch stand, gebracht. Für Ash war die Feier damit noch nicht zu Ende. Auch er war eingeladen worden, zusammen mit seinen Kameraden eine Beförderung entgegen zu nehmen für ihren heldenhaften Einsatz vor wenigen Tagen.
An der geheimen Besprechung durfte er jedoch nicht teilnehmen.
Was hat der Fettwanst gemacht?
, rief der Imperatore entsetzt und ließ sich in seinen Sessel fallen.
Orlando räusperte sich verlegen. Nun, er jagt mit dem Großteil der Flotte Perry Rhodan und die LFT-Flotte irgendwo außerhalb von Andromeda. Er will ihn unbedingt hier und jetzt vernichten.
Ich verwünschte diesen Idioten Jenmuhs! Wenn er denn schon unbedingt ganz Andromeda den Krieg erklären musste, dann sollte er es gefälligst auch einnehmen und nicht schutzlos Gegenangriffen der Maahk und Tefroder überlassen.
Wir erwarten deine Befehle, Vater!
Der Imperatore blickte mich an. Was sagen Sie, Cauthon?
Da offenbar keine Bereitschaft der Tefroder besteht, sich dem Quarterium anzuschließen, wäre ich für einen kompletten Rückzug aus Andromeda. Unser Ziel war die Milchstraße, nicht noch Andromeda. Wir können den Kampf nicht gegen alle ausfechten, mein Imperator!
Ich meinte das ehrlich. Auch wenn es MODROR und anderen am liebsten gewesen wäre, wenn das Quarterium das ganze Universum im Handstreich einnahm, so waren auch wir nicht unbesiegbar und besaßen keine endlose Armada.
Bringt mir diesen Virth Sha Otarin!
, befahl der Imperatore.
Sofort wurde sein Befehl ausgeführt. Der Virth des tefrodischen Volkes hatte sich nach Aurecs Befreiungsaktion von der Regierungsinsel abgesetzt, um eine neue Regierung zu gründen. Doch unsere Truppen hatten ihn Mitte August geschnappt und in Gewahrsam genommen.
Der Imperatore begrüßte ihn freundlich. Lieber Kollege, wir wollen doch den Krieg nicht weiterführen, oder? Wir sind doch alle Lemurer.
Sha Otarin schüttelte den Kopf. Ich werde mich nicht der Diktatur des Quarteriums beugen. Wir Tefroder waren euch Terranern immer geistig weit überlegen. Wir können uns doch nicht den Primitivlingen unterwerfen. Das verstehen Sie sicherlich.
Der Imperatore starrte Sha Otarin entgeistert an. Ich hoffe, um den Ihres Volkes Willen, dass nicht jeder so denkt. Und was Sie angeht, ab zum Erschießungskommando. Lasst es wie einen Unfall aussehen. Ich lasse mich nicht als Primitivling bezeichnen!
Keiner der anwesenden Generäle widersprach dem Imperatore. Sha Otarin nahm das Urteil wortlos entgegen. Der Stolz des Tefroders war größer, als sein Wille zu überleben.
Ich gab zwei Wachen ein Zeichen. Sie gehörten zu meiner 501. Division und waren mir absolut loyal ergeben. Sie packten Otarin und zerrten ihn heraus.
Ich blickte in die Gesichter von Sizemore, Benington, Linker, Peter und Orlando. Sizemore und Orlando wirkten bedrückt. Sie hatten ja auch ein Gewissen.
Vater, es wäre Mord! Das können wir nicht tun.
Ach, mein Sohn, du bist immer so ehrenhaft.
Der Imperatore seufzte. Also gut, sperrt ihn wieder ein und lasst ihn am Leben.
Ich rief die Wachen zurück und änderte die Order. Das Ganze brachte uns überhaupt nicht weiter. Wir mussten endlich handeln! Ich verschaffte mir einen Überblick. Wir hatten viel zu wenig Truppen, um Andromeda zu kontrollieren. Nur ein Bruchteil der Kolonien war unter unserem Diktat. Nicht einmal Tefrod gehörte uns komplett. Der tefrodische Widerstand war groß.
Wir verbrauchten unnötige Kapazitäten, die wir für Perry Rhodan benötigten.
Marschall Despair, beordern Sie die Wachflotte am Sternenportal nach Andromeda. Sorgen Sie dafür, dass die tefrodische Flotte erst einmal geschlagen wird, damit sie keine Gefahr für uns darstellt.
Ich nickte kurz und trat an das Kommunikationsterminal.
Benington?
Der unsympathische Generalmarschall ging grinsend auf den Imperatore zu.
Tun Sie alles, um Tefrod komplett zu erobern. Nutzen Sie den Rat des Generalmarschalls Sizemore, denn er ist sehr fähig und weise.
Beningtons Lächeln gefror. Sir, aber der Herr General-Oberst …
Nein, nein, Sie haben schon recht gehört. Ich nehme diese lächerliche Degradierung zurück. Generalmarschall Sizemore?
Der Terraner trat vor.
Ich erwarte, dass Sie jetzt ganz Tefrod erobern. Generalmarschall Benington wird es in der Zeit dann wohl auch hoffentlich schaffen, Vircho einzunehmen.
Sizemore salutierte. Er und Benington verließen den Raum. Benington wirkte angefressen. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Der Imperatore winkte seinen ältesten Sohn zu sich.
Halte die Flotte in Alarmbereitschaft. Da Aurec und Cascal auf Vircho sind, wird Rhodan alles tun, um sie zu befreien. Ich befürchte in Kürze weitere Angriffe!
Ash Berger und seine Kameraden standen ehrfürchtig vor dem Quarteriums-Marschall und dem Imperatore.
Mit Freude hatte Berger erfahren, dass die erste Beförderung des Tages Red Sizemore gegolten hatte. Ihm war wesentlich wohler, wenn dieser Stratege das Sagen hatte. Leider war Sizemore damit beauftragt, den Rest von Tefrod zu erobern, während Benington noch immer für Vircho zuständig war.
Gert Wissmer und Ash Berger wurden zum Oberleutnant befördert und erhielten den Quarteriums-Stern. Aczel Blackburg und Folkmar Shinkjoke wurden zum Leutnant befördert, während Krizan Bulrich und Roppert Nakkhole nur Tapferkeitsmedaillen erhielten.
Nach einem Appell hatten die Soldaten Zeit, sich etwas zu amüsieren. Nur Generalmarschall Benington wirkte wenig fröhlich. Nach kurzer Zeit ließ er alle Offiziere zusammenrufen und teilte ihnen mit, dass im Morgen des 2. September 1307 NGZ der Angriff auf die Regierungsinsel stattfinden würde.
Die Feier ist vorbei für Sie, meine Herren! Bereiten Sie den Einsatz vor! Wir treffen uns in zwei Stunden zur Lagebesprechung.
Alles, was Rang und Namen hatte, war bei der Besprechung anwesend. Für Oberleutnant Ash Berger war es geradezu eine Ehre daran teilhaben zu dürfen, auch wenn er dieser zweifelhaften Ehre wenig Bedeutung beimaß. Generalmarschall Benington leitete die Besprechung, an der auch Admiral de la Siniestro, Generalmarschall Peter de la Siniestro, General Linker, Oberst Helge von Hahn und diverse Divisionskommandeure teilnahmen.
Sirs, der Angriff startet in drei Stunden mit einem Bombardement der gesamten Raumflotte auf den Schutzschirm. Mit dieser geballten Feuerkraft werden wir zumindest Strukturlücken erzwingen, durch die Einheiten der 5. Mobilen Quarterialen Armee mit Landungsfähren zur Regierungsinsel vorstoßen! Ihr Ziel ist klar: Destabilisierung des Schutzschirmes, damit der Großteil der Armee unter meinem Kommando vorrücken kann.
General Linker lachte schleimend.
Es freut mich, dass Sie dem Plan optimistisch gegenüberstehen, General, denn Sie werden den Oberbefehl der Operation tragen. Ich erwarte, dass Sie an der Mission teilnehmen!
Ich, Sir?
Ja, Linker, genau Sie!
Linker wirkte über diesen Befehl nicht sehr erfreut. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, doch er hatte wohl kaum die Möglichkeit, Beningtons Befehl abzulehnen.
Ich habe noch eine glorreichere Idee
, warf Peter de la Siniestro ein. Als Oberbefehlshaber des Heeres werde ich mit dem Hauptteil der Armee einrücken, nachdem der Schutzschirm zusammengebrochen ist. Sie, Generalmarschall Benington haben die Ehre persönlich an dem Kommando teilzunehmen!
Ash musste sich das Lachen verkneifen, als er Beningtons entgeistertes Gesicht sah. Nun mischte sich auch der Admiral ein.
Eine geniale Idee meines Bruders. Mehr Ehre können Sie gar nicht mehr erreichen, Benington, wenn das funktioniert. Meinen Glückwunsch!
Benington sah sich verunsichert um. Er wollte einen Einwand erheben, doch er hielt inne. Natürlich wollte er als Generalmarschall nicht als Feigling vor allen dastehen.
So sei es dann. Wir werden eine Schlacht führen, die in die Geschichtsbücher als Entscheidungsschlacht von Andromeda eingehen wird, darauf können Sie sich verlassen, meine Herren!
Wütend stapfte Benington aus dem Besprechungszimmer. Orlando blickte ihm schmunzelnd hinter her. Dann wurde er wieder ernst und wandte sich an seinen Bruder.
Bist du sicher, dass du das hinkriegst?
Natürlich, Orly! Ich bin schließlich der Oberbefehlshaber des Heeres! Ich werde den glorreichen Sieg holen, das verspreche ich.
Orlando seufzte, er schien nicht so recht daran zu glauben. Ash war überrascht, wie offensichtlich er das zeigte, denn immerhin waren hier viele einfache Offiziere anwesend. Obgleich diesen auch bekannt war, dass Peter de la Siniestro nur aufgrund seines Vaters zu dem Oberkommando gekommen war und militärisch eine Niete war.
Der Admiral schloss die Lagebesprechung mit den besten Wünschen für sie alle. Ash sah zu Helge von Hahn herüber, der vergnügt grinste.
Das wird ja eine Gaudi. Linker und Benington mit uns. Die werden sich fein in die Hose kacken, darauf wette ich 100 Galax!
Ash lachte.
Mir ist es viel wichtiger, dass wir heil aus der Sache herauskommen. Was aus denen beiden wird, ist mir egal.
Er atmete tief durch, bald ging es los. War es wirklich die Entscheidungsschlacht von Andromeda?
Aurec sah angespannt auf die Funktionsanzeige des Schutzschirms. Vor vier Stunden hatte das Quarterium mit einem heftigen Bombardement begonnen. Einen so starken Angriff hatte es die ganzen fast vier Wochen über nicht gegeben.
Der Saggittone rief seine Befehlshaber Grek-3 ¼, den Akonen Tervo Meeden, den Tefroder Pasreol Farch und Oberst Kamrahn Befehlshaber der Saggittor-Brigaden zu sich. Joak Cascal war natürlich auch anwesend.
Das kann noch Tage so gehen, doch ich befürchte, dass der Schutzschirm hin und wieder Strukturlücken aufweisen wird
, erklärte der Maahk für seine Verhältnisse sehr emotionsvoll.
Durch die dann quarteriale Einheiten angreifen werden
, stellte Joak Cascal lakonisch fest.
Das wäre die logische Konsequenz
, bestätigte Grek-3 ¼ sachlich.
Die Truppen sollen sich auf einen Luftangriff vorbereiten. Ist abzusehen, wann und wo der Schutzschirm das erste Mal destabilisiert wird?
, wollte Aurec wissen.
Das ist einfach zu berechnen. Bei gleicher Stärke des Punktbeschusses wird in 41 Minuten der erste Strukturriss für exakt 23 Sekunden entstehen.
Bis dahin mussten die Truppen einsatzbereit sein. Das Quarterium wollte nun mit allen Mitteln den Sieg erreichen. Sie würden sich nicht mehr lange halten können. Vielleicht einige Tage oder mit etwas Glück ein, zwei Wochen noch, dann würde der Schutzschirm komplett einbrechen und das Quarterium sie überrennen.
Feldherr Farch, wie stehen die Chancen, dass ihre Armeen bis nach Vircho vordringen können?
Aurec klammerte sich an einen Strohhalm.
Generalmarschall Sizemore heizt unseren Truppen gewaltig ein. Ich fürchte, wir stehen auf verlorenem Posten.
Kapitulation? Das Leben von 170 000 Soldaten lag in seinen Händen. Als Menschen blühte ihnen zumindest kein Entsorgungslager. Sie verloren die Schlacht um Andromeda damit. Mit den Tefrodern war das stärkste Volk besiegt, demoralisiert und militärisch sicherlich erst einmal erledigt. Die Maahk würden alleine dem Quarterium nicht standhalten können.
Was war nur mit Perry Rhodan? Gut, er band den Großteil der Quarterialen Flotte, doch Aurec brauchte ihn hier!
Das Beben des Bodens registrierte Aurec kaum noch. Es war zur Gewohnheit in den letzten Stunden geworden. Cascal kam mit einer Nachricht der Aufklärung wieder. Demnach war der Imperatore höchstpersönlich auf Tefrod. Was für eine einmalige Chance, dem ganzen Schrecken ein Ende zu bereiten, doch dafür fehlten Aurec die Truppen.
Langsam wich die Hoffnung der Ernüchterung. Realistisch gesehen hatten sie verloren. Es galt nur noch Zeit zu gewinnen und es war immer unwahrscheinlicher, dass sie lange genug durchhielten.
Der Schutzschirm wies eine erste Strukturlücke auf. Wie ein Schwarm Heuschrecken stießen die Landefähren durch die kleine Lücke und wurden sofort durch heftiges Luftabwehrfeuer von dem Feind eingedeckt.
Eine Raumfähre neben Ash Bergers explodierte.
Holge Wosslyn fing plötzlich an zu singen: I wish I was in Cartwheel, o yeah, my home there I good feel!
Die nächste Fähre explodierte. Dann schloss die Strukturlücke und vernichtete die Space-Jets, die gerade hindurchflogen. Das Abwehrfeuer wurde immer stärker.
Das überstehen wir nie!
, rief ein Soldat.
Schnauze!
, brüllte Helge von Hahn.
Plötzlich wurde die Fähre von einer Energiesalve gestreift. Der Schutzschirm war zusammengebrochen.
Abspringen!
, befahl Helge von Hahn.
Sofort öffnete er die Außenluke. Ein unachtsamer Soldat wurde sofort vom Druck herausgeschleudert. Hoffentlich war er so klug, das Gravopack des Schutzanzuges zu aktivieren.
Ash sprang, ohne zu zögern, als er an der Reihe war. Helge von Hahn brüllte ihm lachend noch etwas hinterher, dann ließ auch er sich in die Tiefe fallen.
Berger nutzte erst einmal den freien Fall, um schneller nach unten zu kommen. Dann aktivierte er 300 Meter über dem Erdboden das Gravopack. Ein Soldat links unter ihm wurde plötzlich von einem Flugabwehrgeschütz getroffen und zerfetzt, die abgetrennten Körperteile flogen Ash entgegen. Nur mit Mühe gelang es ihm, den Überresten seines Kameraden auszuweichen.
Er landete auf dem Dach eines Hochhauses, wo sich auch einige andere Soldaten befanden. Er erkannte Oberleutnant Wissmer unter ihnen.
Schön, dass du es geschafft hast, Ash
, begrüßte Gert ihn erfreut. Dann deutete er den Boden. Wir sitzen hier auf dem Präsentierteller. Lass uns nach unten gehen.
Ja
, bestätigte Ash.
Wissmer eilte zur Tür des Daches, die zum Treppenhaus führte. Er blieb stehen, nahm seinen Antigrav und drückte die Tür auf. Er gab zwei Gefreiten das Zeichen, Granaten ins Treppenhaus zu werfen. Nachdem die Granaten detonierten, gab er den Befehl, reinzugehen.
Es gab keinen Widerstand in dem Hochhaus. Ash blieb stehen und schaute aus dem Fenster, um sich erst einmal zu orientieren. Sie befanden sich direkt am Hafen. Das bedeutete, die schwere Überfahrt stand ihnen noch bevor. Drei Kilometer offenes Wasser bot natürlich für den Feind die perfekte Zielscheibe.
Die Schutzschirmgeneratoren lagen natürlich auch auf der Regierungsinsel. Doch zuvor mussten sie erst einmal das Hafenviertel säubern.
Als sie die Straße erreichten, brausten zehn Okrill-Shifts an ihnen vorbei. Dahinter ein gepanzerter Gleiter, der stehen blieb. Benington und Linker stiegen aus.
Oberleutnant, wo ist Ihre Mannschaft?
, wollte Benington wissen.
Wissmer und Ash blickten sich fragend an, wer von den beiden Oberleutnants nun antworten sollte. Wissmer ergriff die Initiative.
Die sind weit verstreut, Sir! Unsere Fähre wurde vor der Landung getroffen.
Sammeln Sie die Truppen. Ich werde derweil das Hafengebiet vom Feind säubern
, sagte Benington hochtrabend und gab den Befehl, dass die Shifts das Feuer eröffneten sollten.
Dabei wusste er doch nicht einmal, wo der Feind war. Es konnte gut sein, dass er seine eigene Leute traf.
Ash Berger und Gert Wissmer machten sich daran, ihren Befehl zu befolgen und ihre Mannschaft einzusammeln. Der Feind gab kaum einen Schuss ab. Schließlich stellten auch Beningtons Shiftpanzer das Feuer ein und langsam rückte man in Richtung Hafen vor.
Auf dem Weg trafen Berger und Wissmer auch ihre Kameraden Nakkhole, Bulrich, Shinkjoke und Blackburg. Zuletzt auch Helge von Hahn und Holge Wosslyn.
Alle wieder vereint
, sagte Blackburg stolz.
Uns kriegt keiner klein!
, jubelte Wosslyn.
Die Alliierten mussten sich während der Landung zur Regierungsinsel abgesetzt haben. Das Hafenviertel war ohne Zweifel unter quarterialer Kontrolle.
Keine Fähre hat es bis zur Insel geschafft
, sagte Wissmer bedrückt. Alle abgeschossen. Nun müssen wir über den großen Teich.
Das war doch Wahnsinn. Die Insel war bestens befestigt und würde sie schon von Weitem beschießen. Doch aller Vernunft zum Trotz gab Generalmarschall Benington den Befehl zum Angriff!
Die Landungsfähren schwebten zum Hafen. Die wenigen Geschütze wurden in Stellung gebracht und eröffneten das Feuer. Berger betrachtete die kleine Armee. Achtzig Shiftpanzer und einhundertsieben Fähren hatten es geschafft. Mehr als 20 000 Soldaten waren zum Sturm auf die Regierungsinsel bereit.
Benington stellte sich auf seinen Shiftpanzer, zog seinen antiquierten Säbel und rief: Für das Quarterium!
Das war das Signal. Die Shiftpanzer beschleunigten, platschten kurz auf das Wasser ehe sich die Antigravs auf die neue Oberfläche einrichteten und brausten über dem Wasser feuernd auf die Insel zu. Helge von Hahn gab den anderen ein Zeichen. Gert Wissmer bestieg mit seinem Zug die erste Fähre.
Sie hob ab und schwebte aus dem Hafengelände zu. Plötzlich schossen Raketen aus dem Meer heraus und trafen etliche Shiftpanzer.
U-Boote!
, gellte von Hahn.
Die Fähren machten kehrt, doch Wissmers Shuttle wurde getroffen. Brennend stürzte es ins Wasser, glitt darüber und kollidierte mit einem Schiff im Hafen. Berger rannte so schnell er konnte zum Raumgleiter. Überall lagen Tote. Dann rannten Soldaten schreiend, brennend aus dem sinkenden Shuttle.
Gert!
, brüllte Ash und suchte ihn verzweifelt.
In dem Moment eröffnete die feindliche Artillerie das Feuer. Zehn Meter von Ash entfernt schlug eine Energiesalve ein und warf jede Menge Schutt auf. Ein Mann kletterte aus dem brennenden Wrack. Es war Gert Wissmer! Ash traf ein Schock. Der linke Arm und die Schulter fehlten. Wissmer wankte und torkelte in Bergers Richtung.
Hierher!
, brüllte Ash, doch das sinkende Schiff hob sich, Wissmer verlor die Balance und rutschte ins Wasser. Berger aktivierte sein Gravopack und schnellte auf ihn zu. Es waren nur noch wenige Meter, als eine Artilleriesalve das sinkende Wrack traf und es explodierte. Dort wo vor einer Sekunde noch Gert Wissmer um sein Überleben geschwommen hatte, war nur noch eine rote Blutlache. Ash schloss die Augen, machte kehrt und flog zurück zum Hafen.
Die Quarterialen Truppen waren in heller Aufregung, denn die feindliche Artillerie und die Angriffe der Seestreitkräfte sprengten ihre Linien. Das ganze Hafenviertel brannte und glich einem Inferno.
Ash Berger sank auf die Knie, als er gelandet war. Roppert Nakkhole und Folkmar Shinkjoke eilten zu ihm.
Ash, was ist, Mann?
Wissmer ist tot.
Die beiden schwiegen. Dann packte Shinkjoke seinen Kameraden und zerrte ihn fort. Damit rettete er Berger das Leben, doch ihm war das im Moment gleich, denn er konnte das Bild des zerfetzten Gert Wissmers nicht vergessen. Niemals!
Bis jetzt verlief die Verteidigung erfolgreich, doch Aurec wusste, wie trügerisch das war. Das gesamte Hafenviertel brannte in einem gigantischen Feuerfanal. Zehntausende Quarteriale hatten bestimmt ihr Leben verloren. Es war einfach nur furchtbar! Doch sie hatten keine andere Wahl gehabt. Jetzt hieß es, sie oder wir!
Die nächste Strukturlücke entstand und zu Aurecs Entsetzen schnellten Bomber und Raumjäger durch die Lücke. Sie bombardierten die Artilleriestellungen und U-Boote. Der Außenring der Insel brannte lichterloh.
Joak eilte herbei, um Meldung zu erstatten.
Die Jäger bringen uns in ernste Schw…
Ein greller Blitz durch die Strukturlücke ließ Cascal verstummen. Der Energiestrahl donnerte auf einen Energiegenerator des Schutzschirms, dann folgte ein lauter, ohrenbetäubender Knall. Der Schutzschirm flackerte und brach letztendlich zusammen.
Das war das Ende!
Sie waren nun schutzlos dem Bombardement des Quarteriums ausgeliefert. Doch kein Supremoraumer feuerte mehr. Die Raumjäger und Bomber drehten ab. Was war nun geschehen?
Die Funkerin vom Dienst, Caroline Nyndorff, rannte oder vielmehr trabte zu Aurec und Cascal.
Da da da!
Was?
Da da da!
Sie drückte Aurec den Interkom in die Hand. Der Saggittone blickte Nyndorff streng an. Konnte sie nicht anständig Meldung machen? Der Funkspruch kam vom Quarterium. Es war Orlando de la Siniestro. Cascal und Aurec sahen sich überrascht an.
Das Quarterium wünscht kein weiteres Blutvergießen. Wir geben Ihnen eine Frist von einer Stunde zur bedingungslosen Kapitulation. Ich bitte Sie, Aurec, nehmen Sie das Angebot an.
Orlando beendete die Verbindung. Aurec sah Cascal fragend an. Joak atmete tief durch und nickte.
Wir haben ja keine andere Wahl. Kapitulation!
Er spuckte verächtlich auf den Boden. Natürlich passte ihm das genauso wenig, wie Aurec, doch sie hatten keine Alternative. Was für ein Triumph des Quarteriums. Ausgerechnet an dem Tage, an dem auch der Imperatore auf Tefrod verweilte, würden Aurec und Joak Cascal in seine Gefangenschaft geraten. Natürlich würde das sein Ansehen beim Volk noch mehr stärken.
Remus rannte zu Aurec. Du musst fliehen! Wir haben noch genügend U-Boote. Damit könnt ihr beide euch absetzen.
Aurec lehnte dankend ab. Das ist nicht meine Art. Außerdem, wo sollten wir denn noch hin? Bald wird ganz Tefrod in der Hand des Quarteriums sein. Wir haben diese Schlacht verloren.
Feuerwehrraumschiffe des Quarteriums erstickten den Brand am Hafengebiet innerhalb weniger Minuten. Danach erklangen quarteriale Märsche und Jubelrufe waren zu hören. Sie zelebrierten den Sieg bereits, bevor er in trockenen Tüchern lag.
Aurec stützte sich mit den Armen am Geländer des Balkons ab und blickte auf die Küste. Jetzt brauche ich auch mal eine Zigarette.
Cascal lächelte gequält und gab Aurec einen Glimmstängel. Aurec zog daran, unterdrückte sich ein Husten und blickte zum Himmel. Die Supremoraumer waren zwar nicht größer als Vögel, doch immer noch sehr gut zu erkennen.
Aurec schmunzelte. Weder der gefürchtete Generalmarschall Sizemore noch Benington hatten sie bezwungen, sondern ausgerechnet der sympathische Orlando de la Siniestro mit seinen Raumschiffen. Er hatte den Schutzschirm geknackt.
Aurec war müde und kraftlos an diesem 2. September 1307 NGZ. Vor mehr als zwei Jahren war er mit einer Flotte von Saggitton nach Siom Som aufgebrochen. Seitdem hatte er eine Niederlage nach der anderen einstecken müssen und nun war er wohl an seinem militärischen Endpunkt angelangt.
Vermutlich würde man ihn und Joak Cascal früher oder später nach Objursha verfrachten und entsorgen. Aurec machte sich keine Hoffnungen, er war viel zu gefährlich für das Quarterium.
Er würde Kathy niemals wiedersehen. Nun hatte er die Gewissheit. Er kramte aus seiner Brusttasche ein Bild von ihr heraus und betrachtete sie. Mehr als ein Bild würde er nicht mehr von ihr haben.
Er hatte auf ganzer Linie versagt. Doch er konnte sich immerhin nicht vorwerfen lassen, nicht alles versucht zu haben.
Gedanklich arbeitete Aurec bereits an seiner Ansprache zu den Soldaten. Wie sollte er ihnen noch Mut machen? Er wusste es nicht. Was sollte er ihnen überhaupt sagen? Dass sie tapfer gekämpft hatten, aber alles letztlich umsonst gewesen war?
Er blickte wieder in den Himmel. Plötzlich blitzte es überall. Ein Supremoraumschiff kam näher. Es brannte und explodierte am Himmel. Schwarze Punkte kamen immer näher. Aurec erkannte die eiförmigen Raumschiffe am Himmel. Es waren entropische Schlachtschiffe. Dahinter bewegten sich Scheibenraumschiffe der Saggittonen, LFT-Kugelraumer und Boxenschiffe der Posbis.
Aurec unterdrückte die Freudentränen. Er packte Joak am Arm und deutete in den Himmel.
Sag mir, dass ich nicht träume, Joak!
Nein, mein Freund. Das ist die Verstärkung!
Eine Frechheit, dass dieser de la Siniestro mir den Ruhm stiehlt. Und nun auch noch Bedenkzeit für die Feinde
, ereiferte sich Generalmarschall Benington.
Ash Berger hatte gut und gern Lust, diesem aufgeblasenen Möchtegernfeldmarschall eine reinzuhauen. Hatte er nicht genug Krieg gehabt? 13 000 Soldaten waren innerhalb weniger Minuten im Feuerhagel der tefrodischen und terranischen Artillerie gestorben. Darunter auch Ashs Freund Gert Wissmer.
Reichte das nicht?
Auf einmal schrillten Alarmsirenen los. Ash fragte sich, was nun geschehen war. General Linker rannte hektisch zu Benington, da brach auch schon erneut die Hölle los, als ein Dutzend eiförmige Raumer über Vircho Stellung bezogen und eine Ladung Marschflugkörper abschossen. Ringsherum jagte eine Explosion die Nächste. Ein Fächer hielt direkt in die wartende 5. Quarteriale Mobile Armee unter dem Kommando von Peter de la Siniestro.
Die Soldaten rannten schreiend im Chaos durch die Gegend und suchten Schutz.
Viel zu spät feuerten die Okrillpanzer und hatten eigentlich auch keine Chance, die Schutzschirme der Raumschiffe zu gefährden.
Rückzug
, brüllte Benington, doch es war zu spät für ihre Einheiten. Die überschweren Thermowaffensysteme der Entropen brannten eine Schneise zwischen dem Hafenviertel und dem Rest von Vircho. Beningtons Truppen waren vom Rest der Armee abgeschnitten.
Und schon landeten fremdartige Raumfähren, Space-Jets und terranische Transporter vor ihnen.
Ash Berger drehte sich zur Regierungsinsel um und sah mit Entsetzen, dass die Truppen dort zum Gegenangriff antraten.
Wir sind eingekesselt
, meldete Berger an General Linker, der völlig entsetzt und überfordert wirkte.
Mensch, tun Sie doch was! Kämpfen Sie, Mann! Retten Sie mich!
Er packte Ash am Kragen. Berger stieß den General fort, der überhaupt nicht mehr darauf reagierte. Mit weit geöffneten Augen hastete er zu Benington, der jedoch noch die Ruhe bewahrte.
Er stieg aus seinem Gleiter, unbeeindruckt vom Feuerhagel ringsherum, und eilte zu einer der letzten Raumfähren. Das durfte doch nicht wahr sein? Er setzte sich ab und ließ seine Soldaten im Stich?
Das blöde Schwein haut ab
, rief Nakkhole wütend.
Linker rannte zu Bergers Gruppe.
Befehl vom Generalmarschall. Sofort Gegenangriff auf die Entropen starten. Sofort! Na los, Mann oder ich mache Ihnen Beine!
Ash hätte am liebsten Linker abgeknallt, doch das hätte ihm auch das Leben gekostet. Eine Granate schlug neben ihn ein und warf sie zu Boden. Berger rappelte sich wieder auf und sah eine Horde der gewaltigen vierarmigen Entropen auf sie zurennen.
Feuer!
, brüllte er.
Die Männer gingen hinter dem Schutt in Stellung und schossen um ihr Leben. Dutzende Entropen fielen tot zu Boden, doch es kamen immer mehr. Dann hielten sie inne und suchten selbst Schutz. Die Shiftpanzer hinter ihnen eröffneten das Feuer. Die Detonationen kamen immer näher. Es herrschte ein heilloses Chaos. An einigen Stellen gelang den Grautruppen der Vorstoß, an anderen Positionen brachen die Entropen und Terr