Dorgon 160: Manjardon

Was bisher geschah

Im August 1307 NGZ herrscht überall Krieg. Das Quarterium zieht eine blutige Spur der Gewalt durch den Kosmos. Kriege in M 87, den estartischen Galaxien, Cartwheel und in der Lokalen Gruppe haben das Leben aller dort existierenden Wesen verändert. Das Quarterium greift nach Andromeda, doch Perry Rhodan, Aurec und deren Verbündete trotzen der Armada des Regimes. Auch in den estartischen Galaxien ist ein Ereignis eingetreten, welches weitaus größere Bedeutung haben kann: Die Ankunft des ominösen Riffs steht bevor, während Quarteriale, Dorgonen, Estarten und Saggittonen sich bekriegen. Während dessen wird die Gefahr durch MODROR von Minute zu Minute größer. Atlan und seine Begleiter erfahren mehr über den Kosmotarchen MODROR und das kosmische Projekt. Im Kreuz der Galaxien hat sich eine gigantische Flotte von MODROR gesammelt, um in den Krieg in der Lokalen Gruppe einzugreifen. Um dies zu verhindern vernichtet der Alysker Eorthor das Kreuz der Galaxien samt der Flotte mit einer siebendimensionalen Bombe. Die überlebenden Alysker und die Unsterblichen mit ihren Begleitern brechen mit der eroberten Kyberklon-Station NESJOR auf, um die Heimat DORGONs zu erreichen und den Kosmotarchen vor der endgültigen Vernichtung zu retten. Es handelt sich um die Galaxie MANJARDON …

Hauptpersonen

Atlan:
Der Einsame der Zeit lernt eine neue Galaxie kennen.
Alaska Saedelaere:
Er trägt viele Lasten.
Osiris und Icho Tolot:
Atlans Begleiter.
Denise Joorn:
Die Archäologin setzt sich ein Ziel.
Jaques de Funes und Leopold:
Die Streithähne sind gefordert.
Nora:
Die Alyskerin ist Ortungschefin von NESJOR.
Rodrom:
Die Inkarnation RODROMs ist ein Gefangener.
Roggle:
Das zwiespältige Wesen will seinem neuen Herren helfen.
Sanna Breen:
Ein Konzept DORGONs.

Prolog

Roggle duckte sich in die Ecke seiner Kabine. Eigentlich ein völlig unsinniges Verhalten, denn wer sollte hier unaufgefordert herein kommen? Doch Rog hatte Angst vor dem, was ihm und seinem durch einen Transmitterunfall verschmolzenen Bruder noch bevorstand.

Das ist wieder typisch für dich!, zeterte Gle herum. Du willst einfach nicht kapieren, dass uns diese so genannten Freunde nur hintergehen!

Ich bin mir immer noch unsicher …, entgegnete Rog zögerlich. Du weißt, dass Alaska uns einmal das Leben gerettet hat. Warum sollte er …

Rog schnitt ihm das Wort ab. Na, warum wohl? Um dein Vertrauen zu gewinnen! Er schleimt sich grundlos ein und versucht dich zu beeinflussen. Von wegen, selbst einen Transmitterunfall erlebt und so. Wer soll denn diese Unwahrheiten glauben?

Und falls du dich irrst?

Rog stöhnte und kniff Gle mit seiner Hand in die Nase. Aufwachen! Seit Jahrtausenden teilen wir uns nicht nur jeder jeweils eine Hälfte dieses Körpers, sondern uns beiden ist klar, dass wir nur überleben können, wenn wir als ein Wesen auftreten. Nicht umsonst legen wir Wert darauf, als Roggle angesprochen zu werden.

Ja, schon, aber …

Anstatt zu antworten, machte Rog mit seinem Bein einen Schritt nach vorne. Unwillkürlich zog Gle nach, wie seit Urzeiten gewohnt.

Siehst du, genau das meine ich, fühlte sich Rog bestätigt. Wir arbeiten gut zusammen. Wir müssen gut zusammenarbeiten! Rodrom teilt zwar nicht unseren Körper, doch steht er uns näher, als uns jemals ein Wesen gestanden hat.

Er hat uns nach dem Transmitterunfall das Leben gerettet und dafür gesorgt, dass wir viel älter geworden sind, als jeder Vanjarde vor uns, musste Gle zugeben.

Genau! Und nun erinnere dich, mit welchem hasserfüllten Blick uns Eorthor angesehen hat. Nie wird dieser arrogante, überhebliche Wissenschaftler erkennen, in was für eine Knechtschaft er seine Heimat damals geführt hatte.

Nein, ganz sicher nicht. Gle seufzte ergeben. Dennoch wollte er uns alle töten, nicht nur Roggle.

Ja, und wie schnell waren Atlan und die anderen dabei zu beteuern, dass sie mit Roggle gar nichts zu tun hatten? Außerdem hat er getötet – nämlich unser gesamtes Volk! Wir werden nie wieder einen anderen Vorjul sehen, ob nun Superintelligenz oder nicht. Er hat uns schamlos ausgenutzt und dafür gesorgt, dass wir den Tod über VORJUL brachten.

Aber Alaska …, wagte Gle ein letztes Aufbegehren.

… hat uns ebenso wenig in Schutz genommen wie die anderen!, donnerte Rog.

Gle schluchzte. Ja, ja, Rog! Ich gebe mich geschlagen! Lasst uns anfangen.

Rog nickte Gle anerkennend zu und schloss die Augen. Gle tat es seiner linken Körperhälfte gleich und versetzte sich ebenfalls in Trance. Ihre Geister tasteten sich vorsichtig ab. Mit einem Ruck verbanden sie sich zu Roggle und suchten den geistigen Kontakt zu ihrem telepathischen Gesprächspartner, von dem die Feinde annahmen, dass er völlig passiv im künstlichen Koma liegen würde.

Rodrom … Rodrom! Wie kann Roggle dir helfen?

Ah, es ist gut, dass du Kontakt zu mir aufnimmst. Ich kann DORGON spüren. Er ist ganz nahe und liegt im Sterben. Gut so! Höre mir genau zu; ich habe einen Plan …

Kapitel 1
Atlan

Die Raumstation fiel in den Einsteinraum zurück. Ich schloss unwillkürlich für eine Sekunde die Augen, bis das Unwohlsein, das die Rematerialisierung eines so großen Objekts hervorrief, verklungen war. Danach galt mein erster Blick den Ortungsschirmen. Die ehemalige Kyberklon-Basis NESJOR hatte die Galaxie Manjardon erreicht, in der sich die Heimat von DORGON befinden sollte – falls man bei so einer Entität überhaupt von Heimat sprechen konnte.

Es fiel mir immer noch schwer zu verdauen, was wir über MODROR und DORGON erfahren hatten. Bei diesen beiden Kosmotarchen handelte es sich um das Ergebnis eines von Amun initiierten Plans zwischen Kosmokraten und Chaotarchen. Die kosmischen Mächte hatten sich verschmelzen und die Vorteile aus beiden Aspekten ihres Daseins ziehen sollen. Doch das Experiment unter Führung der Alysker war schief gegangen: Statt einem waren zwei Kosmotarchen entstanden – DORGON, der die positiven Bestandteile seiner Eltern erhielt, und MODROR, bei dem sich alles Negative angesammelt hatte.

Die beiden Entitäten zeigten in der Tat kein Interesse mehr am Wettstreit der sich gegenseitig ausschließenden Konzepte von Ordnung und Chaos, doch waren sie dafür von einer Moral erfüllt, die miteinander unvereinbarer nicht sein konnte. So hatten sie sich seit ihrer Entstehung gegenseitig bekriegt – oder besser ausgedrückt, hatte der aggressive MODROR ständig DORGON angegriffen, dessen pazifistisches Denken ausschließlich in der Defensive lag. Vor einigen Jahren hatte dieser Kampf schließlich auch die Heimat der Menschheit erreicht. Das einstmals von DORGON als Bollwerk gegen MODRORs Machenschaften initiierte Inselprojekt war von dem negativen Kosmotarchen in sein Gegenteil verkehrt worden. Die von MODROR rekrutierten Söhne des Chaos, die inzwischen Cartwheel beherrschten, brachten Zerstörung und Tod über die Insel selbst, Siom Som, M 87, Andromeda und die Milchstraße.

Doch unsere wertvollste Fracht lag, von vielen Alyskern bewacht, inmitten von NESJOR in einem künstlichen Koma. Es war uns gelungen, MODRORs Inkarnation Rodrom gefangen zu nehmen. Einstmals war der Alysker ein angesehener Wissenschaftler gewesen, wenn auch von einem abartigen Sadismus erfüllt. Bei dem Experiment, das den ersten Kosmokraten hervorbringen sollte, war er dann ums Leben gekommen. Doch der neu geborene MODROR hatte ihn im Augenblick des Todes als Teil von sich aufgenommen, sodass Rodrom selbst höchstens noch als Fragment seines früheren Ichs weiter existierte. Eigentlich war das rote Wesen nur noch eine Hülle, die ganz von MODRORs Wesen erfüllt war. Ich erschauderte bei dem Gedanken an die Verbrechen, die Rodrom begannen hatte. Im Vergleich dazu war der Massenmörder Cau Thon, einer der Söhne des Chaos, wirklich friedliebend.

Ich ballte die Faust. Früher oder später würden wir aus Rodrom die Informationen herausholen müssen, die er logischerweise über MODROR in sich tragen musste, notfalls auch mit Gewalt.

Narr!, schaltete sich prompt mein Extrasinn ein. Rodrom ist jemand, der schon millionenfachen Tod gebracht hat und sogar selbst schon einmal gestorben ist. Meinst du wirklich, dass du solch einem extremen Sadisten wie ihm mit Gewalt und Schmerzen schocken kannst? Vermutlich wird ihm das sogar noch gefallen!

Wie immer hatte der Extrasinn recht. Ich seufzte unwillkürlich und widmete mich wieder den Holos, als mich einige verwunderte Blicke trafen.

Wir hatten also Manjardon erreicht – die monatelange Reise hatte nun endlich ein Ende. Auf den ersten Blick wirkte Manjardon wie jede andere Balkenspirale-Galaxie, die ich bisher gesehen hatte – und das waren nicht wenige gewesen. Mit gut 60 000 Lichtjahren war sie etwas kleiner als die Milchstraße, und auch die Sternendichte schien nicht allzu groß zu sein. Dafür waren aber viele Regionen zu erkennen, in der die Sternengeburt praktisch brodelte. Oder vielmehr gebrodelt hatte, denn wir waren immer noch viele tausend Lichtjahre von der Sterneninsel entfernt. Das Licht, das uns hier erreichte, war dementsprechend ebenfalls viele tausend Jahre alt und erlaubte nur einen Blick in die Vergangenheit.

Ein kurzer Rundblick durch die Zentrale zeigte mir, dass alle schon mit dem notwendigen Arbeiten beschäftigt waren, sodass ich mich entspannt zurücklehnen und die Ergebnisse abwarten konnte.

Die Alyskerin Nora war die erste. Eigentlich war die Ortungschefin ganz hübsch, aber unnahbar und von einer Arroganz erfüllt, wie sie nur ein samt und sonderlich aus Unsterblichen bestehendes Volk wie die Alysker aufweisen konnte. Denn die Kosmokraten und Chaotarchen hatten das Scheitern des Experiments grausam bestraft – seit diesem Tag vor Jahrmillionen war es den Alyskern unmöglich, durch Krankheiten oder Alterung zu sterben. Nicht einmal Selbstmord war ihnen gestattet. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass diese zunächst angenehme Aussicht einem über eine solch unvorstellbare Zeit in den Wahnsinn oder völlige Abstumpfung treiben konnte. Der Wissenschaftler Eorthor, der uns vor unserem Aufbruch nach Manjardon wieder verlassen hatte, war das beste Beispiel dafür.

Allerdings waren nicht alle Alysker so. Vielleicht bestand ja doch noch die Möglichkeit, Nora einmal näher kennen zu lernen. Der Extrasinn lachte gehässig und brachte mich damit auf den Boden der Tatsachen zurück.

Keinerlei Funksprüche empfangbar!, teile sie mir und Osiris mit. Wir beide teilten uns das Kommando, was die Alysker anstandslos akzeptierten. Schließlich waren auch wir es gewesen, die die gigantische Raumstation NESJOR erobert hatten. Außerdem waren die Alysker nach der Zerstörung ihrer Heimat durch Eorthors 5-D-Bombe praktisch gesehen Flüchtlinge und fügten sich in ihr Schicksal.

Erst jetzt schreckte ich aus meinen Überlegungen auf und realisierte, was sie mir soeben mitgeteilt hatte. Wie? Kein Funk, wiederholte ich verständnislos, was mir einen weiteren Lacher des Extrasinns einbrachte.

Nora machte mit ihren Händen eine Rollbewegung – die Alysker-Version eines Schulterzuckens. Es sah sehr hübsch aus, wie ihre hüftlangen Haare dadurch in Bewegung gerieten. Rein gar nichts. Entweder sind wir noch zu weit außerhalb, was ich aber für unwahrscheinlich halte, oder es existiert in dieser Galaxie einfach nichts, was funken könnte …, zugegebenermaßen genauso unwahrscheinlich.

Nein, so unwahrscheinlich ist das auch wieder nicht. Mit Grauen dachte ich an das, was Eorthor vor kurzem im Kreuz der Galaxien veranstaltet hatte – und er war auf unserer Seite! Wir müssen davon ausgehen, dass MODROR schon hier gewesen ist. Und wir wissen, was das vermutlich bedeutet.

Betretendes Schweigen machte sich breit. Ich glaubte, ich war nicht der einzige, dem MODRORs direkte und indirekte Taten zu schaffen machen. Selbst den Alyskern, die aufgrund ihrer Unsterblichkeit schon allerhand in ihrem langen Leben gesehen haben mussten, stand das Grauen ins Gesicht geschrieben. Sicherlich war es Eorthor, also einer der Ihren, gewesen, der ihre Heimat unmittelbar vor unserem Aufbruch vernichtet hatte, doch war dem Wissenschaftler und Oberhaupt seines Volkes nichts anderes übrig geblieben, da das Kreuz der Galaxien zu einem gigantischen Flottenaufmarschgebiet der Soldaten MODRORs geworden war.

Ein lautes Grollen ließ uns alle zusammenfahren. Icho Tolot hatte sich so leise wie möglich geräuspert.

Ich bin mit meinen Berechnungen fertig, verkündete er schlicht.

Ich verdrehte die Augen. Der Haluter hatte an Bord von NESJOR die Astronavigation übernommen. Musste man ihm denn alles aus der Nase ziehen? Dann wurde mir bewusst, dass er absichtlich wartete, um uns Gelegenheit zu geben, uns auf seine Informationen einzustellen. Die sprichwörtliche halutische Höflichkeit gebot ihm, uns unsere Gedankengänge beenden zu lassen – egal wie trübe diese auch sein mochten.

Mit einer Handbewegung forderte ich ihn zum Sprechen auf.

Wir sind 187 Millionen Lichtjahre von der Milchstraße entfernt. Von Terra aus betrachtet befinden wir uns im Sternbild Phönix. Die Terraner haben dieser Galaxie die Katalognummer IC 5328 gegeben. Wie wir wissen, haben wir vom Kreuz der Galaxien 297 Millionen Lichtjahre zurück gelegt. Dorgon ist 187 Millionen und Shagor, die Heimat von Gal'Arn, sogar über 500 Millionen Lichtjahre entfernt.

Mitten im Niemandsland also, stellte ich mit leichten Schmunzeln fest, da der Haluter durchweg terranische Bezeichnungen verwendet hatte. Ja, diese Terraner färbten ganz schön ab.

Tolot hob die Handlungsarme. DORGON wollte wohl weit genug von MODROR entfernt sein Domizil aufschlagen.

Und doch wurde es wohl bereits gefunden … Ich erhob mich, um Aufbruchstimmung zu verbreiten. Selbst wenn wir davon ausgehen müssen, dass der Krieg bereits Manjardon erreicht hat, sollten wir nicht zu viel Aufsehen erregen. Ich machte eine ausladende Geste. NESJOR ist so groß wie ein Mond! Wenn also etwas auffällig ist, dann ja wohl diese Station. Alleine den Rückfall nach einem Hyperraum-Flug kann man über Tausende von Lichtjahren anmessen.

Osiris, der bisher schweigend zugehört hatte, fühlte sich völlig zurecht angesprochen. Du hast recht. Wir sollten mit der HOR-ATEP in die Galaxie einfliegen und die Kyberklon-Station hier in sicherer Entfernung stationiert lassen.

Ich nickte. Genau das schwebt mir vor. Außerdem sollte uns die Tarnung der HOR-ATEP von Nutzen sein. Damit reduziert sich allerdings der Personenkreis, der mitkommen kann …

Die anwesenden Alysker winkten nach einem auffordernden Blick meinerseits ab.

Wir haben immer noch nicht alles unter Kontrolle, wie du weist, machte Nora sich zum Sprachrohr.

Oh, und wie ich das wusste. Während des monatelangen Fluges hatte es einige sehr unangenehme Zwischenfälle gegeben. Ein Alysker lag seit einem Zusammenprall mit einem urplötzlich durchdrehenden Reparatur-Roboter immer noch stationär in der Bordklinik. Auch der ewig zeternde Jaques de Funes hatte bei der neugierigen Inspektion einer Kontaktleiste einen elektrischen Schlag bekommen und die Hand gut eine Woche lang in Verbänden tragen müssen – sehr zum Leidwesen für alle anderen, die die Flüche des terranischen Geschäftsmannes nicht mehr hören konnten.

Gut, dann wäre das also geklärt, stellte ich fest, teilweise mit leisem Bedauern, dass Nora nicht mitreisen wollte.

Ich rief mich zur Vernunft, bevor es der Extrasinn tun konnte, und blickte zu Alaska Saedelaere. Alaska, bitte bleibe du auch hier und behalte unsere Gäste unter Kontrolle.

Der Terraner schüttelte den Kopf. Ich bin genauso gespannt auf die Geheimnisse dieser Galaxie wie du und Tolotos. Außerdem weißt du um meine analytischen Fähigkeiten.

Und genau die sollten dir sagen, dass Tolotos mit seinem Planhirn dich in dieser Hinsicht mehr als nur ersetzen kann, beendete ich die aufkeimende Diskussion und legte dem Terraner beide Hände auf die Schultern. Ich ignorierte das irritierende Gefühl, als Kummerogs Haut unter meinen Fingern wegglitt. Ich brauche hier jemanden, auf den ich mich verlassen kann. Denise Joorn hat sich bisher nicht gerade durch Weitsicht profiliert und zu Jaques oder Leo brauche ich ja wohl überhaupt nichts zu sagen. Außerdem bist du der einzige, dem Roggle zu vertrauen scheint. Gerade bei dem solltest du aufpassen. Hast du bemerkt, wie Gle auf die Gefangennahme von Rodrom reagiert hat?

Alaska entzog sich meinen Händen und verließ kommentarlos den Raum. Ich seufzte ergeben. Selbst nach all der gemeinsam verbrachten Zeit war er jemand, den ich nicht so recht fassen konnte. Die Jahrhunderte hinter der Maske und seine Jahrzehnte währenden, einsamen Reisen machten ihn nicht gerade zu jemanden, mit dem man starke Gefühle teilen konnte. Doch ich hatte vollstes Vertrauen, dass er meine Argumente nachvollziehen konnte und einsehen würde, dass es momentan keine andere Möglichkeit gab.

Ich wandte mich an Osiris und Icho Tolot. Haluter hatten zwar eine im Vergleich zu Humanoiden sehr sparsame Mimik, aber dennoch konnte ich sehen, dass Alaskas Abgang auch den alten Freund nicht emotionslos gelassen hatte.

Im Gegensatz dazu war in Osiris' Gesicht nur Unverständnis zu lesen. Nachdem ihr eure Kompetenzen so einwandfrei geklärt habt, bemerkte er daher auch zynisch, können wir ja jetzt aufbrechen.

Ich nickte. Je eher wir DORGON finden, umso besser.

Vor dem Abflug suchte ich noch Denise Joorn auf, um sie über unsere weiteren Pläne zu informieren. Die Archäologin zeigte sich ebenfalls wenig begeistert, auf der NESJOR zurückbleiben zu müssen, doch die junge Frau wagte nicht, gegen meine Autorität aufzubegehren.

Als wesentlich schwieriger erwies sich Jaques de Funes.

Seit Monaten vegetiere ich schon in dieser Raumstation herum, protestierte er lautstark. Nur Stahl, Stahl und nochmals Stahl! Wenn es wenigstens eine Parklandschaft wie auf terranischen Schiffen geben würde – aber nein, nur kalte Wände, die allenfalls einen Kyberklon in Orgasmusnähe bringen können!

Anklagend wies er auf die Wände seiner Kabine. Mit Akribie hatte der Handelsvertreter in den letzten Wochen versucht, es sich so wohnlich wie irgendwie möglich zu machen. Mit leichtem Schmunzeln musterte ich die Bilder, die er an die Wand geklebt hatte. Als Geschäftsmann schien er ja erfolgreich zu sein, aber als Maler fehlte ihm jegliches Talent.

Funes hatte wohl mein Lächeln bemerkt und öffnete gerade den Mund zu einer weiteren Schimpf-Tirade, als Leopold hereingestürmt kam.

Macht der Glatzkopf wieder Ärger?, plapperte der Avoide prompt los.

Die Gesichtsfarbe des Terraners wechselte in Sekundenbruchteilen zu knallrot. Er hatte wohl vergessen, was er gerade sagen wollte und ließ den Mund einfach offen stehen. Ein nicht sehr eleganter Anblick.

Ich kämpfte meinen Unmut über diese Kindereien nieder und wandte mich an den Somer. Ich habe gerade Jaques de Funes informiert, dass lediglich Icho Tolot, Osiris und ich nach Manjardon einfliegen werden. Die gesamte Station ist einfach zu auffällig und in der HOR-ATEP ist nicht genug Platz für alle.

Dies gefiel den Somer sichtlich auch nicht. Was, kein Landurlaub?

Verstehst du jetzt, warum ich mich aufrege?, ereiferte sich Funes. Erst Monate in dieser Metallwüste und dann nicht einmal die Aussicht, Frischluft genießen zu dürfen!

Nein, das ist wirklich nicht richtig, gab Leopold ihm Recht. Ein seltenes Einvernehmen zwischen den beiden Streithähnen.

Plötzlich kam mir der rettende Gedanke. Verschwörerisch schloss ich die Tür. Wir können uns immer noch nicht über Roggles Loyalität sicher sein. Ich brauche zwei Geheimagenten, die ihn ein wenig im Auge behalten.

Sofort wuchs Jaques de Funes um ein paar Zentimeter, und auch Leopolds Brustfedern stellten sich vor Stolz auf. Offensichtlich hatte ich genau ins Schwarze getroffen.

Wir sehen uns dann in ein paar Wochen, verabschiedete ich mich noch und hatte es danach sehr eilig, die Kabine zu verlassen, bevor die beiden wieder mit einem Streit anfangen konnten. Sicher wollte jeder der Chef-Agent sein und den anderen durch die Gegend kommandieren oder so etwas.

Die beiden waren wirklich die größte Herausforderung, die diese Expedition an uns stellen konnte. Ich schmunzelte bei diesen Gedanken. Eigentlich war es ja doch schön, dass man bei allem Leid und Elend überhaupt noch Zeit für solche Kleinigkeiten hatte.

Kapitel 2
Denise Joorn

Schweigend und mit gemischten Gefühlen beobachtete Denise, wie die HOR-ATEP durch den Schmiegeschirm den Hangar verließ und kurze Zeit später von der Dunkelheit des Alls verschluckt wurde. Das war es nun also, drei Monate Flug für nichts!

Unzufrieden kaute sie auf ihrer Unterlippe herum. Jedem anderen hätte sie ihre Meinungen gesagt. Aber Atlan? Einem Unsterblichen? Einer Legende? Einer Person, die das alte Ägypten leibhaftig erlebt hatte? Sicherlich war er charmant und der, den sich eine Frau als Liebhaber wünschen würde. Aber es war für sie als kleines Licht völlig unvorstellbar, eine Beziehung mit einem Zellaktivatorträger einzugehen.

Apropos Zellaktivatorträger. Denise wandte sich um. Am anderen Ende des Hangars stand Alaska Saedelaere. Ohne einen Blick in ihre Richtung zu werfen verließ er den Hangar. Sie bemerkte, dass er die Schultern eingezogen und den Kopf gesenkt hatte, als würde er sich schämen.

Denise schluckte einen Kloß herunter. Wenn Atlan schon mit einem langjährigen Gefährten schon so umging, durfte sie sich absolut nicht beschweren.

Vielleicht kann ich ihn ja etwas aufmuntern!, beschloss sie. Allerdings weiß ich gar nicht, was er eigentlich gern hat … Da sind wir seit Monaten zusammen unterwegs, und haben seit unserem ersten Treffen auf SOLARIS STATION nicht mehr als nur ein paar Sätze miteinander gewechselt. Alaska als Unsterblicher hat vielleicht nicht das gigantische Alter Atlans von über 10 000 Jahren, doch dürfte er ja wohl auch einiges in seinem Leben gesehen haben.

Wenn sie es recht betrachtete, war ihr ihr damaliges Verhalten sogar etwas peinlich. Der Unsterbliche war nach einem ersten Blick auf ihren wohlgestalteten und durchtrainierten Körper prompt rot angelaufen und hatte sich danach äußerst schüchtern benommen, was sie dazu verleitet hatte, ihn etwas weiter zu reizen. Alaska war darauf reingefallen und in einige sehr unangenehme Situationen geraten, was Denise innerlich Befriedigung verschafft hatte. Für sie war sein Verhalten Beweis gewesen, dass die Unsterblichen trotz ihrer Lebensjahre auch nur normale Menschen waren. Doch dann war dieser Transport durchs Sternentor, der sie eigentlich nach Cartwheel hätte bringen sollen, gründlich schief gegangen. Statt in der Insel waren sie in einem grünen Universum gestrandet. Sie hatten entdeckt, dass es sich um eine Parallelwelt handelte, in der die Erde Insektopia genannt wurde und von Insekten beherrscht wurde. Alaska Saedelaere hatte sich völlig souverän verhalten und dem Somer Leo Ok Poldm, von allen nur Leopold gerufen, dem Geschäftsmann Jaques de Funes und natürlich ihr selbst mehrfach das Leben gerettet. Das hatte ihm wieder Respekt verschafft, sodass Denise ihrerseits nun wie ein ertapptes Mädchen Abstand gehalten hatte. Es war einfach anmaßend, einen Unsterblichen wie einen gewöhnlichen Kerl um den Finger wickeln zu wollen.

Denise suchte ihre Kabine auf, um entsprechende Recherchen mit ihrem Syntron durchzuführen. Neben einigen Artefakten, von denen sie sich niemals trennen würde, hatte sie stets umfangreiche Geschichtswerke für spontane Nachforschungen dabei, denn man konnte als Archäologin nie wissen, ob man nicht irgendwas davon mal brauchen würde.

Da sie Zeit hatte, bemühte sie nicht die Suche, sondern arbeitete sich in klassischer Manie durch die elektronischen Bücher. Sie rief den Buchstaben S im Index auf. Kurz zitterten ihre Hände, als ihr Blick auf den Namen Seth fiel. Auch wenn sie in den letzten Monaten praktisch täglich mit Osiris zu tun gehabt hatte, fiel es ihr immer noch schwer zu begreifen, dass die altägyptischen Götter tatsächlich gelebt und sich auf der Erde sowie dem abgelegenen Wüstenplaneten Seshur verborgen gehalten hatten. Seth war der Ehemann von Nephtys gewesen, und Nephtys war von Denise … getötet worden!

Von blankem Entdeckungswahn getrieben war sie in das Grab der Nephtys auf Seshonar geeilt und hatte gemeinsam mit Johannes van Kehm den Sarkophag geöffnet, der sich als Konservierungsbehältnis für die vermeintliche Göttin entpuppt hatte. Die wichtigen Kemeten, so nannte sich das Volk, dem Nephtys, Osiris und die anderen entstammten, trugen wie die bedeutenden Terraner Zellaktivatoren. Seth war sein ZA abhanden gekommen gewesen und so hatte er sich kurzerhand bei seiner Frau bedient. Er hatte Nephtys den Zellaktivator abgenommen und sie anschließend in dieses Grabmal in Hibernation gelegt, um den normalerweise 62 Stunden nach dem Verlust des Lebensspenders eintretenden Zerfall ihres Körpers zu verhindern. Vor ihrem Einschlafen hatte er ihr noch versprochen, mit einem neuen Zellaktivator zurückzukehren. Das war über sechstausend Jahre lang nicht geschehen. Und so war es schließlich Denise gewesen, die den Staseschlaf unterbrochen und den rapiden Zerfall von Nephtys Körper eingeleitet hatte. Nie würde sie den Moment vergessen, als Nephtys in ihrem Armen zu Staub verfallen war.

Sie schüttelte die schlechten Erinnerungen ab. Es galt, sehr viel aktuellere Probleme zu lösen!

Denise lächelte, als sie tatsächlich den Namen Saedelaere in der Liste fand, und öffnete den Artikel. Sofort machte sich Enttäuschung breit, als sich der Text nur als ausgesprochen kurz erwies.

Demnach war Alaska im Jahr 3400 nach alter Zeitrechnung genau um Mitternacht zwischen dem 2. und 3. Dezember auf die Welt gekommen. Sein Vater war Agent der Solaren Abwehr gewesen. Das Leben mit Frau und Kind hatte lediglich seine Tarnexistenz dargestellt.

Was für eine idyllische Kindheit!, ging es Denise durch den Kopf.

Alaskas Leben hatte sich nach dem Transmitterunfall im Jahre 3428 völlig verändert. Von den Technikern, die in der Gegenstation gearbeitet haben, in der Alaska nicht in Nullzeit sondern erst nach Stunden aufgetaucht war, hatte niemand den Raum mit klarem Verstand verlassen. Der Anblick des wild in allen Farben leuchtenden Gewebeklumpens, den Saedelaere plötzlich in seinem Gesicht getragen hatte, hatte sie wahnsinnig gemacht. Da jeder Blick in Alaskas Gesicht nun völlig unmöglich geworden war, hatte er sich schließlich in sein Schicksal gefügt und fortan eine primitive Plastikmaske getragen. Mehr und mehr hatte er sich von seinen Mitmenschen distanziert.

Damals war er noch jünger gewesen als ich jetzt!, stellte Denise entsetzt fest und betrachtete sich unwillkürlich im Spiegel. Mit dem Finger fuhr sie den Konturen ihres Gesichts nach. Wenn es bei mir jetzt vorbei wäre? Kein Gesicht mehr zu haben … einen Anblick zu bieten, der andere wahnsinnig macht …

Sie schauderte. Die restlichen Dinge kannte sie noch grob aus dem Schulunterricht. Ribald Corello, die Cappins, der Schwarm, die Sache mit dem Anzug der Vernichtung, den Zeitbrunnen, der entvölkerten Erde und schließlich nach langen Jahrhunderten im Jahre 426 NGZ die Befreiung von dem Fragment während des Sturzes der BASIS in den Frostrubin – alles Dinge, die jedes Kind in der Schule lernte und die ihr Alaska auch auf SOLARIS STATION bereits erzählt hatte. Nein, das hier brachte sie auf keinen Fall weiter.

Missmutig löschte sie das Holo und starrte mit gerunzelter Stirn die Wand an. Ihr Blick fiel dabei auf einige Bilder und Artefakte, mit denen sie die Monotonie der Kabine zu übertünchen versuchte. Von ihrem Aufenthalt auf Insektopia hatte sie einige sehr faszinierende Stücke mitgenommen.

Was hatte eigentlich Alaska für Sammlerstücke? In so einem langem Leben musste doch einiges zusammen gekommen sein.

Ihr wurde bewusst, dass sie noch nie in seiner Kabine gewesen war. Selbst Atlan hatte sie mal zu einer Tasse Tee eingeladen, doch durch ihre Fehler im Umgang mit Alaska verunsichert, hatte sie immer eine Distanz zu dem Unsterblichen gehalten. Auch mit Osiris hatte sie einige anregende Gespräche über die kemetische Kultur führen können. Aber Alaska?

Sie beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Sicherlich hielt sich der ZA-Träger gerade in der Zentrale auf. Wäre doch gelacht, wenn sie nicht ungesehen in seine Kabine gelangen würde. Sicherlich war das nicht in Ordnung, aber wenn sie sich immer an die Höflichkeit gehalten hätte, hätte sie nie so einen Erfolg in der Archäologie erreichen können. Manchmal war etwas Frechheit einfach notwendig!

Im Korridor traf sie auf Jaques de Funes und Leopold, die um eine Ecke des Korridors lugten. Kurz entschlossen stellte sie sich dazu. Die beiden Wesen, die sonst nichts besseres zu tun hatten, als sich mit aller Hingabe zu streiten, beobachteten offensichtlich Roggle, der sich in seinem merkwürdig staksenden Gang durch diesen Korridor entfernte. Sie waren so ausgiebig damit beschäftigt, dass sie Denises Anwesenheit gar nicht bemerkten.

Kopfschüttelnd setzte sie ihren Weg fort. War denn die ganze Welt nur von Irren bevölkert?

Schließlich erreichte sie Saedelaeres Kabine. Nach einem letzten Rundblick tastete sie kurz entschlossen nach dem Türöffner. Sollte Alaska wider erwarten doch Zuhause sein, würde ihr schon irgend eine Ausrede einfallen.

Sie hatte Glück. Seine Kabine war leer. Sie brauchte einem Moment, um sich der Tatsache bewusst zu werden, dass die Kabine tatsächlich leer war. Völlig leer! Nun, ein Bett befand sich dort drin – oder besser gesagt eine bessere Matratze auf dem Boden, wie sie auch selbst eine als provisorisches Bett verwendete. Dann noch ein Stuhl und ein leerer Tisch. Sonst gar nichts. Kein Gemälde an der Wand, keine persönlichen Gegenstände, lediglich einige ordentlich auf dem Bett zusammengefaltete Kleidungsstücke konnte sie erkennen.

Völlig verdattert schloss sie die Tür wieder. Diese Aufgabe begann schwieriger als erwartet zu werden. Konnte jemand, der offensichtlich den Anblick einer Frau zu schätzen wusste, so steril leben?

Gut, dann musste sie die Sache halt anders angehen. Die Zentrale aufzusuchen war sinnlos. Dort konnte sie mit ihm nicht reden. Außerdem sahen es die Alysker überhaupt nicht gerne, wenn sie sich da aufhielt. Denise hatte die Vermutung, dass die Angehörigen dieses unsterblichen Volkes sie mit ihren erst zweistelligen Lebensjahren einfach nicht für voll nahmen.

Folglich suchte sie den Ort auf, den jedes lebende Wesen an Bord der NESJOR mehrmals am Tag besuchte – die Kantine.

Nach einem kurzen Rundblick stellte sie fest, dass zwar einige hundert Alysker anwesend waren, aber kein Alaska Saedelaere. Sie zog sich am Automaten einen Tee und ein leichtes Mittagessen, dann suchte sie sich einen freien Tisch. Der Tag näherte sich dem Mittag, und so würde es sicherlich nicht leerer werden.

In der Tat füllte sich die Kantine zusehends, und Denise setzte alle Hebel in Bewegung, um einen Platz neben sich frei zu halten. Zu ihrer Zufriedenheit gab es schließlich keine unbesetzten Tische mehr, und ihre Intention sagte ihr, dass Alaska wohl eher neben einer bekannten Terranerin statt unbekannten Alyskern Platz nehmen würde.

Schließlich tauchte der Unsterbliche auf und Denise freute sich wie ein kleines Kind, als er auf ihren Tisch zuhielt.

Was mache ich hier eigentlich?, schoss es ihr durch den Kopf. Diese monatelange Isolation steigt mir wohl langsam zu Kopf, dass ich an solchem Blödsinn Spaß habe.

Alaska nickte ihr kurz zu und setzte sich dann auf den freien Stuhl. Er begann schweigend zu essen. Auf seinem Tablett befanden sich eine Suppe und etwas Salat. Ein wahrhaft asketisches Essen.

Schließlich gab Denise sich einen Ruck. Ich wäre auch viel lieber an Bord der HOR-ATEP gegangen.

Alaska stockte kurz im Kauen und aß dann weiter, als wäre nichts geschehen. Nicht einmal einen Blick gönnte er ihr. Sie brachte sich etwas in Position – und Alaska rückte von ihr ab. Au weia!

Ich weiß, wie du dich fühlst, wagte sie einen neuen Anlauf. Die Station ist zwar groß, aber eingezwängt zwischen Metall, Technik und Alyskern fühlt man sich einfach nicht wohl. Wie schön wäre es, mal wieder Waldboden unter den Füßen zu spüren … oder einen Strand …

Das ist es nicht, antwortete der Unsterbliche schließlich doch. Du warst nicht dabei, als Atlan mich in der Zentrale abserviert hat …

Denise schwieg betreten. Also war doch etwas im Busch!

Nachdem sie nichts sagte, sprach Alaska dann doch weiter. Es stört mich nicht, an Bord dieser Station zu sein. Ich habe viele, viele Jahre an Bord von Raumschiffen oder Raumstationen verbracht. Oftmals völlig alleine und ohne zu wissen, ob ich die Erde oder auch nur einen anderen Menschen wiedersehen werde. Ich habe sogar die Erde einmal völlig entvölkert vorgefunden. Nachdem ich … ausgesondert wurde, oder vielmehr mich selbst ausgesondert hatte … In einer unbewussten Geste griff er sich ans Kinn, als wolle er den Sitz von etwas kontrollieren, das schon seit Jahrhunderten nicht mehr dort hing. Ich fand ein neues Ziel, ein kosmisches Ziel. Ich habe den Anzug der Vernichtung getragen. Ist dir bewusst, was das bedeutet?

Eindringlich sah er sie an. Sie glaubte, in seinen Augen eine tiefe Traurigkeit zu erkennen, die etwas in ihrer Seele anrührte. Wortlos schüttelte sie den Kopf.

Objektiv betrachtet schien es nur ein Stück Stoff mit Technik zu sein, und doch wohnte ihm eine so große Macht inne, dass ich jedes Mal innerlich erschauderte, wenn ich ihn tragen musste. Er war eine Waffe! Eine gefährliche Waffe! In den falschen Händen …

Alaska brach mitten im Satz ab und schwieg. Schließlich begann er wieder seine Suppe zu löffeln.

Aber er wurde offensichtlich vom Richtigen getragen, sagte Denise aufmunternd.

Hah! Saedelaere ließ den Löffel fallen. Der Richtige! Als Perry Rhodan mir den Zellaktivator angeboten hat, habe ich zunächst abgelehnt. Kannst du dir das vorstellen? Wie viele Leute sind während der Jagd nach den Lebensspendern ermordet worden oder haben selbst getötet, um das ewige Leben zu bekommen? Und ich wollte es nicht haben! Weil ich mich nicht für den Richtigen gehalten habe! War die Wahl richtig? Ich weiß es nicht. Ich war damals – vom Fragment vielleicht mal abgesehen – genauso ein normaler Mensch wie du. Was machte mich besser als die anderen? Warum musste man dieses grausame Leben mit der Maske verlängern? Nein, da täuschst du dich. Ich bin auf keinen Fall der Richtige gewesen. Was meinst du, wie froh ich damals war, den Anzug der Vernichtung wieder an den Mächtigen Ganerc zurückgeben zu können? Er hat ihn dann vernichtet. Das war das einzig sinnvolle. Nur den ZA … Er strich über sein Schlüsselbein, unter dem der Lebensspender implantiert war. … den kann ich nicht mehr abgeben, andernfalls wäre ich in 62 Stunden tot. Tot wie alle Menschen, die mal meine Freunde und Familie waren. Das ist die Wahrheit!

Alaska Saedelaere erhob sich und brachte ohne ein weiteres Wort sein Tablett mit dem halb verzehrten Essen weg. Danach verließ er die Kantine.

Denise krampfte sich die Unterlippe zusammen. Plötzlich hatte sie einen Kloß im Hals. Sie flüchtete auf schnellsten Wege in ihre Kabine und warf sich aufs Bett.

Dort konnte sie die Tränen nicht mehr halten.

Kapitel 3
Leopold

Leo Ok Poldm schmiegte sich weiter in die Ecke. Er registrierte, wie es Jaques de Funes es ihm gleich tat. Mussmutig blickte er zu dem Geschäftsmann hinüber.

Ihm war bewusst, dass er bisher in seinem Leben rein gar nichts erreicht hatte. Während sein Halbbruder Sruell Allok Mok Karriere als Diplomat Sam gemacht und in höchste Ränge aufgestiegen war, hatte er sich selbst als Tellerwäscher und Falschspieler herum getrieben. Ja, er wusste, dass er ein Taugenichts war – umso mehr verletzte ihm, dass dieser selbstherrliche Terraner ihn ständig darauf hinweisen musste.

Und als wenn das seine einzigen Probleme gewesen wären! Schon im jugendlichen Alter hatte der Somer bemerkt, dass er anders als seine Artgenossen war. Während seine Freunde immer mehr Spaß daran gefunden hatten, Somerinnen nachzustellen und diese zu sich einzuladen, hatte er nie herausfinden können, was genau sie an ihnen fanden. Da sich aber auch beim Anblick männlicher Somern nichts getan hatte, erwies sich auch seine zwischenzeitlich gefürchtete Vermutung, homosexuell zu sein, als falsch. Nein, die Wahrheit war viel schlimmer!

Bei einem Besuch in einer größeren Stadt hatte er sie gesehen. Er konnte sich bis heute nicht vorstellen, jemals ein schöneres Wesen gesehen zu haben. Er war völlig im Anblick ihrer Augen versunken, deren geschlitzte Pupillen in ihrer Exotik ihn gefangen genommen hatten. Sanft verliefen ihre Schuppen am Hals entlang – nicht so nervige Federn wie bei ihm. Dann der Mund, eine große Ansammlung von Muskeln voller Sinnlichkeit – nicht so ein starrer und empfindungsloser Schnabel, wie er ihm im Gesicht tragen musste. Lange hatte er die Pteru angestarrt, ihm war es wie ein Äon vorgekommen, bis sie ihm schließlich eine Ohrfeige gegeben hatte.

Als wäre das die Initialzündung gewesen, war das Universum plötzlich voller Wunder gewesen: Besagte Pterus, Ophaler mit ihren herrlichen Püscheln und geschmeidigen Tentakeln, Menschen mit ihren bunten Haupthaaren und den vorzüglichen Brüsten. Ab jetzt fand er eine Frau schöner als die andere – nur nicht bei seinem eigenen Volk, den Somern. Ein Psychologe brachte schließlich die schreckliche Wahrheit ans Licht: Leo Ok Poldm war exosexuell!

Er war durch diese Erkenntnis so schockiert gewesen, dass er die Therapie abgebrochen und sich dem Alkohol hingegeben hatte. Niemanden hatte er von seiner perversen sexuellen Neigung, auf Außerirdische zu stehen, erzählt. Schließlich, nach Monaten langem Martyrium, hatte er sich seinen Neigungen gestellt und sich bei Bekannten und Familie geoutet – und war auf völliges Unverständnis gestoßen. Irgendwann war er dann Zuhause ausgerissen und hatte sich versucht, alleine durchzuschlagen, mit bereits erwähnten Erfolg.

Als er in seinen Lebenserinnerungen an diesem Punkt angelangt war, seufzte Leo ausgiebig und legte seinen gesamten Weltschmerz hinein.

Wenn du weiter so einen Lärm machst, weiß Roggle sofort, was wir hier treiben!, zischte ihm de Funes zu. Wenn du nicht selbst ein Vogel wärst, würde ich sagen, du hast einen!

Ach, hör doch auf, du Glatze, paffte Leopold zurück. Nur wegen der Tatsache, dass ich bei Terranerinnen mehr Erfolg habe als du, musst du mich nicht ständig anfauchen.

Das ist ja wohl … Dem Terraner fehlten sichtlich die Worte.

Beide verstummten, als Roggle seine Kabine verließ. Sofort duckte sich Leo weiter in seine Ecke. Hoffentlich hatte sie der Vorjul nicht bemerkt. Nach einer kurzen Wartezeit wagte er es schließlich, vorsichtig seine Schnabelspitze wieder um die Ecke zu bugsieren.

Tatsächlich, sie hatten Glück gehabt! Das Wesen mit den beiden Köpfen schlürfte langsam von ihrem Beobachtungsstand weg und kehrte ihnen den Rücken zu.

Leo Ok Poldm glaubte plötzlich, den Duft eines herrlichen Parfüms wahrzunehmen, wie es terranische Frauen verwendeten. Er schloss kurz die Augen, um sich dieser Vision hinzugeben. In seiner Fantasie spürte er, wie seine Hände über den Körper einer Menschenfrau glitten, wie er ihren Busen bearbeitete und ihr einen Kuss gab. Ach, wäre sein Schnabel doch nur fähig, Küsse zu geben!

Doch halt! Nachher bekam er etwas nicht mit! So schnell, wie der Duft gekommen war, war er auch schon wieder aus seinen Gedanken verschwunden.

Auch Roggle schickte sich an, um eine Ecke des Korridors zu verschwinden. Sofort huschte Leo ihm hinterher – und prallte prompt mit Jaques zusammen.

Pass doch auf!, herrschte er den Geschäftsmann an.

Pass du doch auf!, giftete dieser zurück. Wenn du nicht in der Lage bist, Atlans Auftrag entsprechend auszuführen, dann überlass das den Leuten, die für so etwas geeigneter sind.

Würde ich ja gerne, gab der Somer zurück, was ihm einen fassungslosen Blick des Terraners einbrachte, aber leider sind momentan keine vorhanden.

Patsch! Das hatte gesessen. Missmutig rieb sich Leopold die Stirn, auf der der Hieb von Jaques gelandet war. Während er sich noch dem Schmerz hingab, war der Handelsvertreter bereits weitergeeilt.

Nein, so nicht!, dachte Leo. Ich mag zwar ein Feigling sein, aber besser als der bin ich immer noch!

Sofort rannte er hinterher und sah gerade noch, wie Roggle in einem Antigravlift verschwand.

Was liegt in dieser Richtung?, fragte er de Funes.

Woher soll ich das wissen?, stellte dieser patzig eine Gegenfrage. Natürlich kenne ich hier jeden Korridor. Diese Raumstation hat ja nur ein paar Millionen Kubikkilometer Rauminhalt. So ein verblödetes Federvieh …

Endlich die Gelegenheit zur Revanche!, freute sich Leo und wollte ihm ebenfalls eine Ohrfeige verpassen, doch erwies sich seine filigrane Somerhand für solche rabiaten Angriffe nicht geschaffen. Schmerzhaft verzog er das Gesicht und steckte die malträtierte Hand zwischen seine Beine.

Geschieht dir recht, kommentierte sein Gegenüber die Aktion. Nun weißt du endlich, dass du zu nichts zu gebrauchen bist. Nicht einmal eine simple Ohrfeige bekommt dieser Taugenichts hin!

Sprach's und verschwand im Lift. Leise fluchend tat Leo Ok Polm es ihm gleich.

Einige Stunden später hatten sie den Vorjul in eine große Halle verfolgt, die offensichtlich ein Warenlager beherbergte. Gerätschaften aller Art stapelten sich bis in ungeahnte Höhen. Die beiden erblickten von einfachen Hand-Werkzeugen bis zu Aggregaten von der Größe eines Einfamilienhauses so ziemlich alles, was man sich vorstellen konnte. Inmitten dieser geballten Technikmassen wirkte der ohnehin mit knapp über einem Meter nicht gerade große Roggle wie ein Parasit in einem Wohnraum.

Jaques du Funes schüttelte den Kopf. Dieses Lager ist der reinste Albtraum. Wie soll man denn da die gewünschten Waren schnell finden? Bis ich hier das herausgeholt habe, was der Kunde haben will, ist er längst zur Konkurrenz verschwunden.

Hier gibt es aber keine Konkurrenz, stellte Leopold klar. Ich glaube auch nicht, dass sich die Kyberklone nach dem Kapitalismus orientiert haben.

Ui, machte de Funes. Er wirft mit Fachwörtern um sich. Weißt du überhaupt, was Marktwirtschaft bedeutet?

Der Somer nickte. Ja. Marktwirtschaft ist, wenn nicht die Springer den ganzen Handel übernehmen dürfen.

Der Terraner bemühte sich, ein Lachen zu unterdrücken. Gut gekontert! Unser Vögelchen scheint sich in der Milchstraße auszukennen.

Allerdings. Ich habe viele galaktische Zeitschriften abonniert.

Jaques zog eine Augenbraue empor. Ach, das geht? Wusste ich gar nicht. Die liefern aber vermutlich nur elektronisch nach Siom Som, oder? Welche denn?

Leopold begann stolz aufzuzählen: Playboy, Schlüsselloch, Playkonide, Jülziisch hautnah, Sexy Ara …

Die Gesichtshaut des Terraners begann dunkelrot anzulaufen. Leopold mochte diese Farbwechsel bei Terranern, allerdings nur bei weiblichen. Der Geschäftsmann begann, wie ein Fisch auf dem Trockenen den Mund auf- und zuschnappen zu lassen. Schließlich gab er auf, nach einer Antwort zu suchen, und beschränkte sich darauf, einfach nur den Kopf zu schütteln.

Roggle schien derweil gefunden zu haben, was er suchte. Leo Ok Poldm riss Jaques de Funes mit sich um die Ecke.

Was hat er da gehabt?, fragte der Somer ihn, während sie in ein sicheres Versteck hasteten.

Keine Ahnung, musste dieser zugeben. Lass uns abwarten, bis er vorbei kommt.

Mit Spannung erwarteten sie den Vorjul. Aus Sorge, er könnte sie bemerken, wagten sie lediglich flach zu atmen.

Schließlich war es soweit, Roggle humpelte an der Wartungsklappe vorbei, hinter der sie sich verborgen hatten. Beide drängelten sich gegenseitig weg, um durch den schmalen Spalt einen Blick in den Korridor erhaschen zu können.

Nur Sekunden später war der Zweiköpfige wieder verschwunden.

Eine Kiste, stellte Leo fest. Eine Kiste mit Schriftzeichen.

Mit Schriftzeichen, die wir nicht lesen können, ergänzte Jaques. Hast du sie dir wenigstens merken können?

Der Somer nickte – und schüttelte den Kopf. Naja, so nicht richtig.

Jaques de Funes verdrehte die Augen. Wofür habe ich dich eigentlich mitgenommen?

Ach, jetzt wollte der Terraner plötzlich der Chef sein? Na, das konnte er sich aber abschminken!

Erstens haben wir beide den Auftrag von Atlan bekommen, stellte der Somer klar, und zweitens hättest du dir ja wohl auch die Schrift merken können.

Das habe ich auch, Herr Poldm, gab der Geschäftsmann zurück, zückte ein altmodisches Notizbuch und einen noch viel antikeren Stift und begann, die Linien nachzuzeichnen.

Nein, das hier war eher eiförmig, verbesserte Leo ihn. Und da ein Strich mehr. Das Zeichen dort ist spiegelverkehrt.

Widerspruchslos übernahm de Funes die Korrekturen und zeichnete weiter, stets von Leopold verbessert. Es dauerte eine geschlagene Viertelstunde, bis beide mit dem Endergebnis zufrieden waren.

Siedendheiß fiel Leo Ok Poldm ein, dass sie Roggle noch verfolgen mussten. Ein entsetzter Blick ins Gesicht seines Gegenüber bewies ihm, dass ihm das auch gerade bewusst geworden sein musste.

So schnell sie konnten rannten sie zum Lift zurück. Heute konnte es ihnen nicht schnell genug gehen, die zwei Kilometer Höhenunterschied zurück zu legen, die sie von der Ebene ihrer Kabinen trennten.

Als sie schließlich nach langen Minuten endlich in den ersehnten Korridor stürmen konnten, sahen sie gerade noch den Vorjul in seiner Kabine verschwinden.

Verdammt!, fluchte Jaques de Funes, doch hob anschließend triumphierend sein Notizbuch empor. Aber wir haben ja noch das.

Schnurstracks suchten die beiden die Zentrale auf. Kaum hatten sie diese betreten, wurden sie auch schon von der Ortungsoffizierin Nora in Empfang genommen.

Was wollt ihr denn hier?, fragte sie das ungleiche Pärchen mit Unbill in der Stimme.

Leo Ok Poldm fand, dass sie ausgesprochen attraktiv war, daher versuchte er, eine Antwort zu finden, mit der er sie gleichzeitig schmeicheln konnte.

Jaques du Funes machte diese Pläne zunichte: Das geht dich gar nichts an! Wir brauchen nur ein Terminal für Nachforschungen.

Solche Nachforschungen wie beim letzten Mal, als du eine Konsole benutzt und einen Stromschlag bekommen hast?, gab Nora lächelnd zurück.

Der Terraner begann wieder einmal rot anzulaufen. Leopold fragte sich, ob Nora als Alyskerin im Zweifelsfalle auch dazu in der Lage wäre. Irgendwann würde er das sicherlich herausfinden, denn wer konnte sich schließlich einem charmanten Somer wie ihm entziehen?

Bevor der Geschäftsmann ausflippen konnte, pflückte er diesem das Notizbuch aus der Hand und hielt es Nora unter die Nase. Wir sind auf diese Beschriftung gestoßen, schönste Nora. Es steht auf einer Kiste. Bevor wir jetzt diese Kiste öffnen und möglicherweise wieder ein Unglück heraufbeschwören, appellieren wir an deine Weisheit, uns dabei helfen zu können.

Nora blickte ihn völlig perplex an. Mist – das nächste Mal würde er das anders formulieren müssen. Vielleicht noch etwas mehr auf ihre schönsten Körperstellen eingehen? Ja, das könnte funktionieren.

Ich … Wo steht denn diese Kiste?

Jaques de Funes hatte sich inzwischen wieder beruhigt. Ein paar Kilometer entfernt, aber sehr verdächtig inmitten eines Korridors. Wir sind auf einem Spaziergang darauf gestoßen. Sonst kann man in dieser Metallhölle ja auch nicht viel mehr machen.

Es würde viel zu lange dauern, dir das zu zeigen, nahm Leo den Ball auf. Wir wollen ja so eine wichtige und hübsche Person nicht allzu sehr von ihrer Arbeit abhalten. Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, wie wunderschön deine Ohren sind?

Nora starrte ihn an, als wäre er MODROR persönlich. Terminal D, direkt dort drüben!, stieß sie hervor, drücke Jaques de Funes das Notizbuch in die Hand und wandte sich ohne ein weiteres Wort um, wobei ihre Haare wundervoll herumwirbelten. Geschmeidig eilte sie davon. Leopold hatte den Eindruck, einen Engel davonschweben zu sehen.

Erst ein energisches Ziehen von de Funes holte Leopold in die Wirklichkeit zurück. Die beiden suchten das Terminal auf und legten die Notiz auf den Scanner.

Praktischerweise hatten die Alysker inzwischen die Terminals so modifiziert, dass sie sich mit dem Syntron in Interkosmo verständigen konnten. Der Terraner veranlasste eine Auswertung der Schriftzeichen.

Es dauerte nur eine Sekunde, bis die sanfte Stimme des Syntrons ihnen mitteilte, was sich in der Kiste befand:

100 Brotmesser, 150 Gabeln und 80 Löffel!

Kapitel 4
Atlan

Noch vor dem Erreichen der ersten Sonnensysteme ereilte uns eine positive Überraschung – Hyperfunkverkehr!

Völlig unerwartet, von einem Orientierungsstopp zum anderen, war er plötzlich da. Genau, wie man es bei einer Galaxie erwarten würde, brodelte es aus den Empfängern.

Ich tauschte verständnislose Blicke mit Osiris und Tolot.

Offensichtlich eine Art Dämmfeld, spekulierte der Kemete. DORGON will wohl erreichen, dass die Galaxie für zufällige Besucher uninteressant erscheint. Schaut, auch die vermeintlichen Sternenkindergärten haben sich hier in alte Sternenhaufen verwandelt. Viel älter, als sie aufgrund der Entfernung sein dürften.

Ich nickte. Ein ausgeklügelter Plan. Aber auch sehr aufwendig, eine komplette Galaxie nach Außen hin als was völlig anderes erscheinen zu lassen, als sie wirklich ist. Da war der Chronopuls-Wall der Cantaro um die Milchstraße sehr viel einfacher und effektiver, um Eindringlinge abzuhalten.

Der Haluter lachte. Eindringlinge wie uns. Und doch konnten wir ihn überwinden.

Es dauerte einen Moment, bis das durch den Lärm von Icho Tolot ausgelöste Klingeln im Ohr abgeebbt war. Osiris und ich hatten die Gesichter verzogen, was den Haluter zu einem peinlichen Schweigen veranlasste.

Nun denn, beendete ich schließlich die Stille. Schauen wir mal, auf welcher Welt hier am meisten los ist.

Am Erfolg versprechendsten schien uns zunächst ein System namens Brocsan zu sein, dass von einem gigantischen Planeten dominiert wurde. Der Gasriese hatte die vierfache Größe des solaren Jupiter und besaß nicht weniger als 11 Monde, von denen viele eine atembare Atmosphäre besaßen und bewohnt waren.

Wir staunten nicht schlecht, was die Weiten des Alls auch für Unsterbliche wie uns noch immer an Wundern zu bieten hatten, denn die Monde umkreisten keinesfalls frei ihren Mutterplaneten, sondern waren in ein gigantisches Gerüst eingebettet, zwischen denen Kapseln wie bei einer Rohrpost verschossen wurden. Am Rand dieses Gebildes gab es regelrechte Parkplätze für Raumschiffe und ganze Bahnhöfe dieser skurrilen Rohrbahn.

Osiris aktivierte den Funk. Inzwischen waren die Translatoren ausgiebig mit der hiesigen Verkehrssprache Intermanjar gefüttert worden, sodass es diesbezüglich keinerlei Probleme geben sollte.

HOR-ATEP an Brocsan. Erbitten Landeerlaubnis!

Ein Hologramm baute sich auf, dass ein hundeähnliches Wesen zeigte. Es handelte sich um einen Manjarden, den namensgebenden und dominierenden Volk dieser Sterneninsel. Der Manjarde musterte uns kurz, schien aber von unserem Aussehen nicht irritiert zu sein. Offensichtlich waren wir nicht die ersten Humanoiden oder aber fremde Völker waren hier in Brocsan ein üblicher Anblick.

Herzlich willkommen in Brocsan. Reist ihr gewerblich ein?

Osiris suchte kurz den Blickkontakt mit mir. Er lächelte schelmisch.

Nein, wandte er sich wieder dem Holo zu. Eigentlich sind wir nur Touristen.

In Ordnung. Landebucht AQX-423. Dort ist auch gleich die Kurtaxe zu entrichten. Über die Touristenpässe werdet ihr identifiziert und könnt die Rohrbahn kostenlos nutzen. Viel Vergnügen!

Das Holo verschwand.

Touristen?, fragten Tolotos und ich wie aus einem Mund.

Der Einweiser hatte uns tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes in die richtige Landebucht gelotst. Direkt nach Betreten des Bahnhof eröffnete sich uns ein Umfeld, wie ich es zur Genüge von unzähligen Welten kannte. Verqualmte Kaschemmen luden zum Verweilen an Orten jenseits der Realität ein, und dass die weiblichen Manjarden, die davor herumlungerten, einem eher horizontalen Gewerbe nachgingen, konnte sogar ein völlig Fantasieloser problemlos erkennen.

Mir fiel auf, dass die Manjarden offensichtlich ein völlig anderes Schamgefühl als Menschen aufwiesen. Anscheinend galt es als obszön, einen Gegenstand oder andere Angehörige des eigenen Volkes mit blanken Händen anzufassen, denn ich hatte bisher keinen der Hundeähnlichen ohne Handschuhe gesehen. Dagegen war es bei den männlichen Vertretern dieses Volkes üblich, genauestens zu präsentieren, was man zwischen den Beinen vorzuweisen hatte. Gerne auch üppig und knallbunt ausgeschmückt. Die Frauen hingegen rasierten pikante Stellen. Andere Kleidungsstücke schienen unüblich zu sein, hatten die Manjarden aufgrund ihres anthrazitfarbenen Fells aber auch nicht nötig.

Kopfschüttelnd bahnte ich mir einen Weg zu einer der Rohrbahnen. Andere Galaxien, andere Sitten.

Die Kapseln kamen im Sekundentakt. Da wir uns ohnehin nicht auskannten, entschieden wir uns willkürlich für eine der Linien. Zumindest nahm ich an, dass die mit unterschiedlichen Farben markierten Kapseln in verschiedene Richtungen fuhren.

Es erwies sich als Vorteil, dass wir einen Haluter dabei hatten, denn seine Raumverdrängung war so groß, dass lediglich Osiris und ich uns so gerade noch zu ihm in die Kapsel quetschen konnten. Kaum hatten wir das geschafft, setzte sich die Rohrbahn auch schon mit atemberaubenden Tempo in Bewegung. Ich spürte weder die Beschleunigung, noch hatte ich eine Tür bemerkt. Respektvoll nickte ich. Offenbar war die Technik hier sehr fortschrittlich.

Ein merkwürdiges Volk, diese Manjarden, stellte Osiris fest. Ich glaube nicht, dass ich mich mit deren Modegeschmack anfreunden könnte.

Ich lachte. Sei froh, dass wir keine Damen dabei haben. Wobei, die manjardische Frauentracht könnte ich mir sehr gut auch bei Menschen vorstellen …

Osiris stieß mit einem lautem Zischen die Luft aus, um so seine Empörung zu zeigen, wurde aber vom dröhnenden Lachen des Haluters unterbrochen.

Ihr Eingeschlechtlichen seid so niedlich, sagte er, als sich unsere Ohren wieder erholt hatten. Ständig auf der Balz.

Ich beschloss, die beiden einfach zu ignorieren. Dies wurde mir dadurch vereinfacht, dass wir in diesem Moment unser Ziel erreicht hatten.

Der neue Bahnhof sah genauso aus wie der, in dem wir die Kapsel betreten hatten. Kneipen, Huren, Stricher. Inzwischen zollte ich Osiris für seine gewagte Idee mit den Touristen Respekt, denn wer wusste schon, ob es hier überhaupt noch andere Gewerbe gab.

Durch ein breites Portal konnten wir die Oberfläche eines der Monde betreten und wurden mit strahlenden Sonnenschein begrüßt. Die Sonne von Brocsan war von demselben Spektraltyp wie Arkon und auch die Temperatur war für mich sehr angenehm. Flache Hütten duckten sich in die Landschaft und bildeten einen starken Kontrast zu den Stangen des gewaltigen Gitters, das dieses System durchzog. Aus nächster Nähe konnten wir nun sehen, dass die Stangen eine Dicke von mehreren hundert Metern hatten. Es sah aus, als würde sich ein runder Wolkenkratzer bis in unsichtbare Höhen erstrecken. Dennoch konnte ich mir kaum vorstellen, dass diese Stangen alleine in der Lage waren, so ein titanisches Gerüst stabil zu halten. Vermutlich waren sie sogar hohl oder mit den entsprechenden Aggregaten gefüllt, denn die Materialmenge für ein massives Gitter dieser Größe hätte alles Metall einiger Sonnensysteme verschlungen.

Der gewaltige Zentralplanet füllte ein gutes Drittel des Himmels aus. Langsam verschwand die Sonne hinter dem Horizont des Gasriesen. Es wurde übergangslos dunkel. Doch nur für einen kurzen Moment, denn überall am gigantischen Gitter flammten kleine Kunstsonnen auf, die weiterhin für wohltuende Wärme sorgten.

Osiris hatte sich inzwischen für eines der Gebäude entschieden und machte sich auf den Weg.

Diese Bahnhofsspielunken sind wohl kaum das, was wir benötigen, erörterte er seine Wahl. Das dort vorne scheint mir ein Händler zu sein. Dort dürften wir schon eher was in Erfahrung bringen können.

Ich nickte und auch Icho Tolot gab seine Zustimmung.

Der Kemete sollte recht behalten. Die Hütte war über und über mit Handelswaren vollgestopft, die aus allen Teilen Manjardons zu kommen schienen. Der Händler entpuppte sich als feister Manjarde, der um sein ansehnliches bestes Stück einen neongrünen Manschettenring trug. Ich bemühte mich, dieses Modeaccessoir zu ignorieren, was aber kläglich misslang.

Guten Tag, wir sind auf der Suche nach DORGON, kam Osiris direkt zur Sache. Er war noch nie jemand gewesen, der lange um den heißen Brei herumgeredet hatte.

Ja, ja, DORGON! Der Händler verbeugte sich und verschwand im Nachbarraum.

Osiris, Tolot und ich blickten uns verständnislos an. Da kam der Manjarde auch schon mit einigen Kisten wieder.

Hier, erklärte er selbstsicher. Habe alles da. Bei Juha gibt’s nur die beste Ware. DORGON-Glückskekse, DORGON-Schellen, DORGON-Schmuckringe … Wenn ich mal Maß nehmen dürfte?

Osiris sprang entsetzt einen Schritt zurück, als sich der Händler an der Hose des Kemeten zu schaffen machen wollte. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

Wir sind eigentlich nur auf der Suche nach Informationen, stellte der Kemete klar.

Achso, gab der Manjarde enttäuscht von sich. Naja, besser als nichts.

Auffordernd hielt er uns seine Hand hin. Zumindest in diesem Punkt glichen die Manjarden offenbar jedem Mehandor aus der Milchstraße. Ich zog ein Howalgoniumplättchen aus der Tasche und legte es dem Händler in die Hand. Dessen Augen blitzten kurz auf und dann war der Hyperkristall auch schon in einem Beutel verschwunden.

Ihr müsst ja von einer absolut abgelegenen Welt kommen, wenn ihr nicht Bescheid wisst. Oder gar von außerhalb Manjardons? Naja, da gibt’s ja gar nichts. Ich an eurer Stelle würde einfach mal jemanden im Tempel fragen. Wollt ihr wirklich nichts kaufen?

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Da MODROR sich in Barym als Gott verehren ließ, war es nur konsequent, dass DORGON dasselbe in seinem Machtzentrum tat.

Wir bedankten uns und ließen uns noch den Weg erklären. Einige Fahrten mit der Rohrbahn später erreichten wir schließlich den angewiesenen Ort.

Meine Überlegungen mit der Gottesverehrung musste ich allerdings relativieren. Der Tempel erinnerte mich eher an die Konfuzius-Tempel auf der Erde als wirklich an ein Gottes- und Bethaus. Innen trafen wir ein buntes Völkergemisch an. Die Manjarden bildeten zwar auch hier die Mehrheit, doch sah ich ebenfalls andere Wesen, die mich an die unterschiedlichsten Tierrassen erinnerten oder völlig fremdartig waren.

Wir fragten uns zum Vorsteher durch und wurden schließlich an einen Angehörigen eines anorganisches Volkes verwiesen. Das Oberhaupt des DORGON-Tempels bestand optisch betrachtet aus einem großen Kristall, in dem bunte Einsprengsel eingeschlossen waren.

Guten Tag, sagte ich und betrachtete unsicher das Funkeln des Kristalls.

Ein Manjarde, der zufällig vorbei kam, wies mich auf eine Computer-Konsole hin. Ihr müsst den Kommunikator benutzen. Der Karx verständigt sich über Lichtblitze.

Osiris dankte und teilte seine Botschaft mit, worauf die Konsole ebenfalls zu funkeln begann. Gespannt beobachteten wir, wie der Karx und die Konsole um die Wette glitzerten.

Beginnen von Kommunikation, gab der Automat schließlich von sich. Suche nach DORGON. Finden von DORGON. Lernen von Innerer Schönheit. Bewahren von Frieden. Siegen von Logik und Vernunft. Zeigen von Stärke.

Ich kratzte mich am Kopf. Tolotos, ich glaube, hier ist dein Planhirn gefragt. Dieser Karx scheint äußerst abstrakt zu denken.

Der Haluter gab seine Zustimmung. An dem Erstarren seines Körpers konnte ich feststellen, dass er geistig auf seinen Gehirncomputer umgeschaltet hatte. Das Ordinärhirn war nun nur noch für die Aufrechterhaltung der Körperfunktionen zuständig und sämtliche Gefühle wurden unterdrückt. Icho Tolot war nun praktisch zu einer Positronik geworden.

Das Kristallwesen und der Haluter fingen an, sich in der abstrakten Sprache zu unterhalten. Das Ganze glitt immer mehr ab, bis ich schließlich trotz Extrasinn nicht mehr folgen konnte. Ein Blick in Osiris' Gesicht zeigte mir, dass es dem Kemeten ebenso erging.

Schließlich hörte das Funkeln im Karx-Körper auf und auch in Tolots drei Augen kehrte das Leben zurück. Offensichtlich war er wieder mit seinem Bewusstsein ins Ordinärgehirn gewechselt, um sich uns verständlich zu machen.

Ein sehr anregendes Gespräch, erklärte er mit einer Begeisterung, die gar nicht zu seiner monotonen Stimmlage in den letzten Minuten passen wollte. Die Karx weisen eine sehr hohe Kultur auf und haben eine einzigartige Philosophie, die …

Tolotos, sagte ich sanft, um auf den Kern der Sache zu kommen.

Der Haluter zuckte zusammen. DORGON hat diese Galaxie völlig unter Kontrolle. Nicht durch Macht, sondern durch Vernunft. Alle sind friedlich und arbeiten nur am friedlichen Wohlstand aller. Alle Völker respektieren sich gegenseitig und üben sich in maximaler Toleranz. MODROR ist dem Karx zwar bekannt, aber ich konnte im glaubhaft versichern, dass wir keine Agenten von ihm sind.

Ich atmete auf. Also waren wir doch nicht zu spät gekommen!

Leider muss ich dich enttäuschen. Icho Tolot schien meine Gefühlsregung bemerkt zu haben. Seit einiger Zeit hat DORGON sich nicht mehr zu erkennen gegeben. Dies ist sehr ungewöhnlich, weil er sonst immer den Kontakt zu den Philosophen seines Kults gesucht hat. Wir müssen also davon ausgehen, dass der Angriff auch hier schon begonnen hat.

Und jetzt?, stellte Osiris die alles entscheidende Frage.

Der Karx hat mir berichtet, dass DORGON auf der Welt Aykon Zuhause sein soll, was immer das zu bedeuten hat. Mag sein, dass er sich ähnlich wie die Superintelligenzen einen Anker in diesem Universum erschaffen hat.

Gut, und wie bekommen wir heraus, wo sich dieser Planet befindet?

Tolot bleckte die Zähne und tippte mit einem Finger an seinen Kopf. Alles schon da drin.

Na, worauf warten wir dann noch?, entfuhr es mir. Ich bekomme ohnehin schon Albträume von Rohrbahnen und zur Schau gestellten Blößen …

Dem hatten die anderen nichts mehr hinzuzufügen.

Kapitel 5
Denise Joorn

Über eine halbe Stunde wartete Denise nun schon neben der Essensausgabe. Die vorbei eilenden Alysker warfen ihr teils verwunderte, teils aber einfach nur verächtliche Blicke zu. Die Archäologin ignorierte sie alle, denn für dieses Essen hatte sie es sich in den Kopf gesetzt, nicht wieder alles verkehrt zu machen. Die Peinlichkeiten vom gestrigen Mittagessen mussten nicht wiederholt werden. Diesmal würde sie wirklich Alaska Saedelaere von seinen trüben Gedanken befreien und nicht wieder lediglich erreichen, dass diese auf sie selbst übergriffen.

Endlich betrat ihr Zielobjekt die Kantine. Denises Herz schlug einen Takt schneller. Sollte sie ihn wirklich schon wieder nerven? Dabei hatte sie doch alles ganz genau geplant. Aber was würde er von ihr denken? Vielleicht war es doch besser, sich noch schnell abzusetzen, bevor noch irgend etwas Peinliches geschah …

Oh, hallo, Denise!, sagte die Stimme, der sie gerade entkommen wollte.

Eine Eishand schien ihr Herz zu umfassen. Verdammt! Gerade löste sich ihr Plan in Luft auf!

Sie versuchte, zu retten, was zu retten war und schenkte Alaska ihr bestes Lächeln. Hoffentlich konnte sie die Schmach von gestern ausbügeln.

Hallo, Alaska! Sie bemühte sich, möglichst gleichgültig klingen und nicht zu schnell zu atmen. Was für ein Zufall. Ich wollte mir gerade etwas zu essen holen. Kannst du vielleicht mal nach einem Platz schauen? Dann bringe ich dir etwas mit.

Der Unsterbliche blickte sie skeptisch an. Denise, wenn es wegen unserem Gespräch gestern ist. Du …

Denise schnitt ihm das Wort ab, bevor er etwas sagen konnte, was sie nicht hören wollte. Nein, nein. Setze dich nur, ich bringe dir etwas.

Alaska nickte langsam, dabei bildete sich eine senkrechte Falte auf seiner Stirn. Eigentlich sah er damit sehr viel natürlicher aus. Nicht so abweisend wie sonst. Er wandte sich um und suchte nach einem Tisch.

Denise Joorn wirbelte herum. So, jetzt nur nichts falsch machen. Was hatte er gestern nochmal gegessen?

Ihre Finger flogen über die Bedienungsfelder der Automaten. So schnell wie möglich stellte sie das von ihm bevorzugte Menü aus Suppe und Salat zusammen, das sie nach wie vor für äußerst asketisch hielt, und eilte mit dem Tablett zu seinem Tisch.

Dort wurde sie bereits von dem Hautträger erwartet. Die Denkfalte war nach wie vor nicht verschwunden. Süß!

Behutsam stellte sie das Tablett vor dem Unsterblichen ab und warf sich dann ihre dunkelblauen Haare zurück, die sie heute im Gegensatz zu ihrer sonstigen Gewohnheit offen und nicht als Zopf trug.

Danke, Denise, sagte Saedelaere zu ihr. Sag mal, willst du gar nichts essen?

Huch! Das hatte sie ja völlig vergessen.

Äh, machte sie. Nein, mein Essen steht noch dahinten. Bis gleich!

Die Archäologin eilte zum Automaten zurück.

Wieso benehme ich mich denn plötzlich wie ausgewechselt?, fragte sie sich. Ich komme mir gerade wie ein 14-jähriges Mädchen und nicht gerade wie eine 31-jährige Archäologin vor.

Sie beschloss, sich etwas zusammenzureißen. Schließlich wollte sie nicht wieder so eine unwürdige Figur wie gestern abgeben.

Schaust du, hier ist mein Essen, sagte sie zu dem Unsterblichen, als sie mit ihrem Tablett schließlich wieder am Tisch angelangt war. Dabei bemühte sie sich, dem Blick des Terraners auszuweichen.

Denise … Alaska seufzte ergeben. Oh oh, hoffentlich nichts schlimmes! Es tut mir leid, was ich gestern zu dir gesagt habe. Du kannst nichts dafür! Ich habe momentan so viel um die Ohren und die Zurückstellung von Atlan hat mich anscheinend stärker getroffen, als ich wahr haben wollte.

Ach, schon vergessen! Zur Bestätigung legte sie ihm ihre Hand auf dem Arm.

Halt!, stach es in ihre Gedanken. Ich kann doch nicht einen Unsterblichen antatschen!

Sofort zuckte ihre Hand zurück.

Ich würde halt gerne mal wieder meinen Fuß auf einen Planeten setzen, sagte sie schwärmerisch und lehnte sich zurück. Vielleicht habe ich von mir zu viel auf andere geschlossen, aber ich hatte gesehen, wie geknickt du aus dem Hangar gegangen bist.

Du warst auch da? Ist mir gar nicht aufgefallen.

Kann ich mir vorstellen. Du warst sehr am Boden zerstört …

Einige Minuten herrschte Stille, in der Alaska seine Suppe löffelte und Denise ihn aus dem Augenwinkeln beobachtete. So zurückgelehnt konnte sie das gefahrlos tun, ohne das er das bemerkte.

Denise, ich mag dich, sagte Alaska schließlich und ruderte hilflos mit den Armen. Er wandte sich ihr zu. Genau deshalb will ich dich, Leo und Jaques nicht in unsere internen Probleme mit hineinziehen. Ihr habt schon genug damit zu tun, über die Umwege des grünen Universums schließlich hier hinein geraten zu sein …

Denise nickte eifrig. Er mag mich! Aber versuche auch mich nachzuvollziehen. Ich weiß ja nicht, wie es unseren merkwürdigen Streit-Pärchen geht, aber ich zumindest habe mich inzwischen ganz gut damit abgefunden, das Universum zu retten. Sie stieß ein übertriebenes Lachen aus, und wurde sofort wieder ernst. Aber immer nur auf dieser gigantischen Station unter all diesen arroganten Alyskern …

Ihre Blicke trafen sich. Denise fraß sich an Alaskas Augen fest. Beide schwiegen. Lange.

Entschuldigung!, vernahm sie urplötzlich eine Stimme.

Denise schüttelte verwirrt ihren Kopf. Was war gerade geschehen? Sie blickte an Alaska vorbei. Dort standen Leopold und Jaques de Funes. Ausgerechnet die! Ausgerechnet jetzt!

Entschuldigung, Alaska Saedelaere, wagte Jaques de Funes einen neuen Anlauf. Nachdem Atlan und Osiris jetzt weg sind, bist du ja sozusagen der Chef hier. Der Geschäftsmann lächelte verlegen.

Ja, musste der Hautträger zugeben. Das kann man so sagen. Um was geht’s?

Um Roggle, beeilte sich Leopold mitzuteilen. Wir haben ihn beobachtet. Er hat aus einem Lager eine Kiste mit sehr viel Essbesteck geholt und wir vermuten, dass er damit etwas vor hat.

Denise fing prustend an zu lachen. Vielleicht essen?

Auch Alaska lächelte. Schien so, als hätten sie einen ähnlichen Humor.

Roggle ist harmlos, eröffnete er den beiden. Ihr solltet ihm nicht immer nachspionieren. Lasst das geplagte Wesen in Ruhe!

Aber …

Nichts aber, ließ Alaska keinen Widerspruch zu.

Frustriert machten sich die beiden davon.

Saedelaere wandte sich wieder Denise zu. Wo waren wir eigentlich stehen geblieben?

Schnell blickte Denise weg und bemühte sich, das Grinsen aus ihrem Gesicht zu bekommen. Ich – äh – bei arroganten Alyskern.

Alaska nahm die letzten beiden Bissen aus seiner Suppenschüssel zu sich und widmete sich dann dem Salat. Ja, dieses Volk ist etwas eigen. Aber selbst ich als Zellaktivatorträger kann mir nicht vorstellen, wie es ist, auf solch eine gigantische Lebensspanne zurückblicken zu können.

Als hätte sie es gehört, tauchte plötzlich Nora am Tisch auf. Die Ortungschefin der NESJOR war Denise durchaus bekannt. Die Alyskerin mit den lockigen, hüftlangen Haaren war nicht nur reichlich schön, sondern hatte auch eine ausgesprochen gute Figur. Nur die für das Volk der Alysker typisch spitzen Ohren gefielen ihr überhaupt nicht.

Die ist ohnehin keine Konkurrenz für mich!, stellte die Archäologin zufrieden fest und erschrak, als Nora neben Alaska Platz nahm. Wieso denn ausgerechnet dort? An allen anderen Tischen ist doch Platz genug!

Ihr Unmut stieg, als Nora mit Alaska ein Gespräch über einige Punkte der Tagesordnung begann und der Hautträger ihr artig antwortete.

Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum. War sie jetzt völlig unwichtig geworden? Konnten die beiden ihre Fachgespräche nicht später führen?

Mit wachsenden Ärger folgte sie dem ihrer Meinung durchweg bedeutungslosem Dialog. Es ging um die Kartografierung und Räumung weiterer Sektoren, die Reaktivierung und Umprogrammierung von noch mehr Robotern und ähnliche Dinge.

Sie unterdrückte ein Gähnen, doch als nach endlos langen Minuten immer noch keine Besserung in Sicht war, tat sie es nicht mehr.

Synchron drehten sich beide Köpfe in ihre Richtung. Beide trugen denselben ärgerlichen Gesichtsausdruck. Damit wirkten sie wie Bruder und Schwester – oder ein glückliches Ehepaar.

Entschuldigung, sprudelte es aus Denise Joorn heraus. Sollen die doch alleine glücklich werden! Ich glaube, ich gehe dann mal lieber auf meine Kabine …

Willst du denn gar nichts essen?, fragte Alaska erstaunt.

Sie starrte ihr Tablett an wie eine Fata Morgana. Wahrhaftig, sie hatte ihr Essen nicht einmal angerührt! Was war heute nur mit ihr los? Besser, wenn sie sich tatsächlich mal in ihre Kabine zurückzog. Vielleicht brauchte sie einfach nur etwas Ruhe.

Äh, nein, lächelte sie Alaska an und bemühte sich, die Nasenwurzel zwischen seinen Augen zu fixieren, um nicht in letztere blicken zu müssen. Ich glaube, ich lege mich lieber etwas hin.

Ihr Abzug aus der Kantine glich einer Flucht. Später konnte sie selbst nicht mehr sagen, wie sie so schnell ihr Tablett weggebracht, durch die Korridore geeilt und in ihre Kabine gelangt war.

Dort angekommen schloss sie zunächst die Tür und ließ sich auf ihr Bett sinken. Sie zog die Beine an, legte ihre Arme um die Unterschenkel und steckte den Kopf zwischen die Knie. Anschließend schloss sie die Augen, um sich ganz auf sich konzentrieren zu können.

Was war bloß heute mit ihr los? Warum machte sie so einen Wirbel um Alaska und verlor andere Dinge völlig aus dem Blick? Warum war sie nur plötzlich so reizbar, wenn er in der Nähe war? Warum wollte sie nicht, dass er mit Nora redete?

Urplötzlich kam die Erkenntnis. Ihr Herz blieb stehen und eine Eishand umfasste ihren Körper. Ihr Brustkorb krampfte sich zusammen und erlaubte ihr nicht mehr, Atem zu holen.

Um die Anspannung zu lösen stieß sie einen Schrei aus, den hoffentlich niemand durch die geschlossene Tür hörte.

Ich habe mich verliebt, murmelte sie ungläubig im Selbstgespräch und raufte sich die Haare. Ich habe mich in Alaska verliebt. In einen Unsterblichen! Aber das geht doch nicht! Sie starrte ihr Spiegelbild in der blanken Metallwand an. Noch nie hatte sie ihr Antlitz als so hässlich empfunden. So profan. So normal, durchschnittlich, unbedeutend. Ihre Stimme war bei den nächsten Worten nur noch ein Flüstern. Aber das geht doch nicht …

Kapitel 6
Leopold

Aber das geht doch nicht!, stellte Leopold fest.

Atlan hat uns den Auftrag gegeben, Roggle zu observieren und wir werden es weiterhin tun, widersprach Jaques de Funes energisch. Alaska ist eh befangen und ich bin nach wie vor der Meinung, dass so viel Besteck einfach nur verdächtig ist!

Und was machen wir jetzt?, fragte Leo Ok Poldm unsicher.

Nach der Abfuhr durch Alaska Saedelaere waren sie in Jaques' Kabine zurückgekehrt, um ihr weiteres Vorgehen zu besprechen. Sie hatten bis jetzt stundenlang diskutiert, was Roggle mit den vielen Besteck wohl vorhaben könnte. Vor allem für die Messer waren ihnen viele Einsatzzwecke eingefallen – und keiner davon war harmlos gewesen.

Na, was wohl? Der Geschäftsmann wedelte mit den Armen herum, als wollte er den Somer wachrütteln. Sicherheitshalber trat Leopold einen Schritt zurück. Wir machen weiter wie bisher. Roggle hat etwas vor, und wir werden es herausfinden!

Leo nickte. Wir wollen Atlan nicht enttäuschen.

Sie blickten sich noch einmal gegenseitig in die Augen, dann huschten sie aus der Kabine und nahmen ihren Beobachtungsposten an der Gangecke zu Roggles Kabine ein. Da in diesem Bereich keine Alysker untergebracht waren, war keine Menschenseele zu sehen und das leise Rauschen der Lüftung das einzige Geräusch, das die Ruhe störte.

Lange Zeit passierte gar nichts und Leopold ertappte sich dabei, dass er im Geiste Noras Körperrundungen nachzog. Er schüttelte den Kopf, um diese unpassenden Gedanken zu vertreiben. Später war dazu immer noch Zeit.

Na, wieder vulgäre Gedanken gehabt?

Der Terraner schien wirklich in seinen Schädel hineingucken zu können!

Nein, nur eine lästige Fliege, widersprach Leo ärgerlich.

Aha, machte de Funes. Dann ruckte sein Kopf wieder herum. Moment, hier gibt es gar keine Insekten! Du lügst mich an!

Und wenn schon, winkte der Somer ab.

Nein, nein, widersprach sein unfreiwilliger Partner energisch. So geht das nicht. Ich verstehe ja, dass du als Taugenichts nicht in der Lage bist, aus deinen Leben etwas zu machen. Trotzdem solltest du Ehrlichkeit lernen, falls du mit deinen begrenzten Intellekt in der Lage bist, die Bedeutung dieses Wortes zu begreifen.

Die Worte saßen wie Peitschenhiebe. Leo hielt mühsam die Tränen zurück.

Ich bin dir keinerlei Rechenschaft schuldig!, schrie er zornentbrannt den Handelsvertreter an.

Sei endlich ruhig!, donnerte Jaques de Funes.

Leopold ließ ihn stehen und eilte in seine Kabine zurück. Dort angekommen heulte er hemmungslos. Warum nur hatte sich die ganze Welt gegen ihn verschworen? Warum mochte ihn niemand? Warum konnte ihn niemand so nehmen, wie er nun mal war?

Sein tränengetrübter Blick fuhr die Reihe der Pin-up-Girls an seiner Kabinenwand entlang. Er begann, die Poster zu streicheln. Nur einmal mit einer Frau kuscheln, nur einmal zusammen mit einer Terranerin das Bett teilen. Ihm war bewusst, dass mehr aufgrund ihrer körperlichen Inkompatibilität nie möglich sein würde, aber schon alleine für Kuscheln und Petting hätte er alles gegeben.

Der Somer stieß gequält die Luft aus.

Und wenn ich jetzt Selbstmord begehen würde?, fragte er sich. Wer vermisst mich schon? Jaques de Funes, dieses arrogante Arschloch, sicherlich nicht. Alaska Saedelaere und Denise Joorn scheine ich ja auch egal zu sein – und von den Alyskern wollen wir gar nicht erst reden. Nein, sie alle werden mir keine Träne nachweinen.

Leo Ok Poldm schluchzte und begann, in seiner Kabine im Kreis zu laufen. Dabei hielt er seinen Blick fest auf den Boden gerichtet. Er wollte momentan nicht die ewig lächelnden Models in den dreidimensionalen Abbildungen sehen. Er wollte nicht noch weiter in Depressionen stürzen. Und doch drehte sich die Spirale immer weiter. Irgendwann legte er sich einfach mitten auf den Boden und warf mit seinen überall auf den Boden verstreuten Habseligkeiten um sich, um seinen Frust abzubauen.

Plötzlich ertönte der Türsummer. Leo erschrak fast zu Tode, als er das unerwartete Geräusch vernahm. Er musste wohl irgendwann eingenickt sein.

Was war denn jetzt los? Er hatte noch niemals Besuch bekommen. Nie hatte jemand freiwillig seine Kabine betreten. Selbst Atlan war statt zu ihm zu Jaques gegangen, um ihn in seine weiteren Pläne einzuweihen. Der Somer bezweifelte, dass Atlan anschließend zu ihm gekommen wäre. So gesehen war es reiner Zufall, dass er durch de Funes' Zornesausbruch angelockt überhaupt von den weiteren Plänen des Arkoniden erfahren hatte.

Der Summer ertönte ein zweites Mal.

Ja, ja, ich komme ja schon, murmelte er und stieß mit den Füßen einige auf den Boden liegende Kleidungsstücke und Getränkebehälter zur Seite. Durch seine Depressionen vorhin hatte er das Chaos seiner Kabine noch einmal sehr stark vergrößert. Er war noch nie sonderlich ordentlich gewesen, aber momentan sah sein Domizil tatsächlich aus, als hätte die sprichwörtliche Bombe eingeschlagen.

Egal!, sagte er sich und öffnete die Tür.

Na endlich, empfing Jaques de Funes ihn. Leopold, Roggle ist wieder unterwegs. Komm mit!

Der Terraner warf sich herum und lief weg.

Leos schlechte Stimmung war wie weggeblasen. Endlich gab es wieder etwas zu tun! Er eilte dem Handelsvertreter hinterher.

Der Vorjul suchte dieses Mal eine Gleiterfähre auf, wie sie im Inneren von NESJOR zum Güter- und Personentransport benutzt wurden.

Die beiden warteten, bis eine neue Fähre bereit stand und folgten ihm dann im sicheren Abstand.

Also hat er doch etwas vor, stellte Jaques de Funes zufrieden fest. Atlan wusste es von Anfang an. Wir haben alles richtig gemacht!

Hm, machte Leopold nur. Er war noch nicht überzeugt.

Na komm! Der Terraner blickte ihn an. Warum sollte er sich eine dieser Fähren nehmen, wenn er nicht irgend etwas Größeres im Schilde führen würde?

Du weißt selbst, wie unsicher Roggle auf den Beinen ist. Leo Ok Poldm gefiel sich momentan darin, ihre eigene Mission zu kritisieren. Außerdem konnte er so Jaques endlich mal Paroli bieten. Er benutzt sie vermutlich nur, um nicht so weit zu Fuß gehen zu müssen.

Wann hält endlich mal Intelligenz in diesen Schädel Einzug?, fragte de Funes anklagend und streckte die Arme nach oben. Herr, wirf Hirn!

Der Somer verstand nicht ganz, was der Geschäftsmann mit den letzten Satz sagen wollte, aber ihm war klar, dass es wieder eine Beleidigung darstellte. Davon hatte er aber ein für alle Mal genug.

Jetzt hörst du mir mal zu!, donnerte er deshalb. Ständig beleidigst du mich. Ständig beschimpfst du mich. Ständig nimmst du mich nicht für voll. Ist dir eigentlich klar, wie sehr du mich damit verletzt? Natürlich können wir uns gegenseitig nicht ausstehen, natürlich magst du meine sexuelle Ausrichtung nicht. Dennoch müssen wir hier zusammenhalten. Ich habe mir nicht ausgesucht, statt in Cartwheel nach dem ganzen Schlamassel schließlich in dieser Kyberklon-Station zu landen. Du ebenso wenig. Und doch bleibt uns nichts anderes übrig, als das gemeinsam durchzustehen.

Jaques de Funes schwieg betreten. Er starrte lange Zeit seine Fingernägel an und schien sich für nichts anderes zu interessieren.

Leopold steuerte derweil die Fähre weiter in sicherem Abstand Roggle hinterher. In ihm machte sich so etwas wie Stolz breit. Endlich hatte er es einmal geschafft, den Terraner seine Meinung zu sagen. Er fühlte sich gleich ein ganzes Stückchen größer.

Es – es tut mir leid, gab de Funes schließlich kleinlaut von sich. Ich werde mich bemühen, dich nicht mehr zu beleidigen.

Leo Ok Poldm starrte ihn fassungslos an. Was, der ach so eingebildete Herr Handelsvertreter gab freiwillig auf? Er entschuldigte sich? Leo hatte gewonnen? Der Somer begann, Angst vor der eigenen Courage zu bekommen.

Da, Roggle ist ausgestiegen, nahm er die Situation zum Anlass, vom Thema abzulenken. Wo sind wir hier?

Jaques de Funes konsultierte den Bordcomputer der Fähre. In diesem Sektor ist nichts Interessantes. Lagerräume, Vorratslager, einige unwichtige Aggregate …

Was will er dann hier?

Woher soll ich das wissen?

Der Terraner ließ den Mund geöffnet, wohl um noch etwas nachzuschieben. Leopold schaute ihn interessiert an. Schließlich schloss de Funes den Mund wieder.

Gewonnen!, freute sich der Somer. Zumindest vorerst.

Er landete den Gleiter in der Nachbarhalle, damit dieser Roggle nicht auffallen konnte. Gemeinsam stiegen sie aus und schlichen an Roggles Fluggerät vorbei in den Korridor, in dem der Zweiköpfige verschwunden war.

Beinahe wären sie über ihn gestolpert, denn er saß mitten im Durchgang zu einer weiteren Halle und schien zu meditieren. Sofort zogen sie sich wieder in die Halle zurück.

Was macht er da?, flüsterte Leo de Funes zu.

Schlafen?, stellte dieser eine wenig intelligente Gegenfrage.

Leo lag es auf der Zunge, seinerseits mit einer Beleidigung zu antworten, besann sich jedoch rechtzeitig. Für mich wirkte es eher so, als würde er meditieren.

Warum sollte er gerade hier meditieren wollen? Das hätte er in seiner Kabine genauso gut oder sogar besser haben können.

Möglicherweise können seine beiden Köpfe ja auch rein mental miteinander kommunizieren, spekulierte Leopold.

Und dafür muss er sich setzen? Überhaupt, wen würde es denn stören, wenn sie hier reden?

Als wäre das das Stichwort gewesen, vernahmen sie die Stimme von Rog. Hast du verstanden, was er meinte?

Ungefähr, antwortete Gle. Ich vermute, er hat dieses Gerät da vorne beschrieben.

Gut, dann sollten wir mal hingehen und anschließend nachfragen.

Leo Ok Poldm und Jaques de Funes blickten sich verständnislos an. Der Terraner begann, einen Finger vor seine Stirn zu halten und kleine Kreise zu ziehen.

Diese Geste kannte der Somer und schüttelte energisch den Kopf. Die beiden Körperhälften unterhalten sich wohl tatsächlich mental, allerdings nicht miteinander.

Aha, machte Jaques. Und mit wem dann?

Die Erkenntnis fiel Leopold wie Schuppen von den Augen. Auch de Funes zuckte zusammen.

Rodrom!, stießen beide gleichzeitig hervor.

Sofort huschten sie beide in den Korridor und schlichen zu der Halle, in der sich Roggle aufhielt. Der Zweiköpfige schien wieder in sich hinein zu horchen. Leopold musste zugeben, dass er dabei sehr stark Atlan im Zwiegespräch mit seinem Extrasinn ähnelte. Schließlich setzte der Vorjul seinen Weg fort, griff zielstrebig nach einem Kasten im Hochregal und wandte sich um.

Auf Zehenspitzen rannten die beiden zu ihrem Gleiter zurück, bevor er sie sehen konnte.

Hast du entdecken können, was es war?, fragte Jaques de Funes keuchend. Es erschien nicht so, als wäre er sonderlich trainiert.

Leopold hingegen war kaum außer Atem. Wenn man öfters mal Spielern entkommen musste, die man gerade mit Kartentricks über den Tisch gezogen hatte, besaß man eine gewisse Ausdauer.

Es war irgendwas mit vielen Bedienfeldern und einem Monitor, teilte er seine Beobachtungen mit. Vielleicht ein Pikosyn oder eine Fernsteuerung.

Hm, machte Jaques de Funes. Auf eine Fernsteuerung würde ich auch tippen. Aber was zum Himmel sollte er damit wollen?

Wenn wir davon ausgehen, dass …

Roggles Gleiter flitzte innerhalb des großen Verbindungstunnels an ihnen vorbei. Sie duckten sich unwillkürlich hinter die Steuerkonsolen, doch beide Köpfe blickten nicht in ihre Richtung. Stattdessen hatten sie das erbeutete Gerät im Fokus.

Also, wenn wir mal glauben, dass er nicht verrückt geworden ist, nahm Leo einen neuen Anlauf, und er wirklich mit Rodrom trotz dessen künstlichen Komas reden kann, dann wird wohl eher Rodrom diese Fernsteuerung haben wollen.

Rodrom liegt aber wie du gerade angemerkt hast im Koma und wird außerdem von unzähligen Alyskern bewacht!

Poldm ersparte sich eine Antwort und startete stattdessen lieber den Gleiter. Inzwischen sollte Roggle weit genug weg sein, dass sie ihm problemlos folgen konnten.

Warten wir doch erst einmal ab, wo er überhaupt hin will, erklärte er. Vielleicht erklärt sich ja dann alles.

Wir sollten Alaska informieren, meinte Jaques und griff nach dem Interkom.

Leo zog seine Hand weg. Damit er uns für völlig paranoid hält? Was haben wir denn in der Hand? Hallo, Alaska! Roggle hat sich eine Fernbedienung besorgt. Er wird uns dann höchstens noch ein weiteres Mal verbieten, den Zwerg zu verfolgen. Nein, wir müssen mit etwas Handfesteren kommen, einem eindeutigen Beweis.

Ja, du hast Recht, musste der Geschäftsmann zugeben. Aber er fliegt ganz und gar nicht in Richtung von Rodroms Gefängnis, sondern ins Zentrum der Station.

Stimmt. Das ist exakt derselbe Weg, über den wir auch hierher gekommen sind.

Dann will er wohl in seine Kabine zurück.

Naja, überlegte Leopold. Die Fernsteuerung kann er ja auch von dort aus benutzen.

Ein Arbeitsroboter überholte sie und bog einen Quertunnel später wieder ab. Die durch die Eroberung der Station und vorher durch die Selbstvernichtung der Kyberklone entstandenen Schäden waren immer noch nicht behoben. Ein Großteil der Alysker war ununterbrochen im Schichtbetrieb damit beschäftigt, die Station wieder zu ihrer vollen Leistungsfähigkeit zu bringen. Es schien beinahe so, als hätten die Reste des unsterblichen Volkes den künstlichen Mond bereits als neue Heimat akzeptiert.

Einen Roboter!, rief Jaques de Funes plötzlich.

Leo bejahte. Davon gibt’s hier doch viele.

De Funes schüttelte energisch den Kopf. Roggle will einen Roboter fernsteuern!

In Leos Kopf machte es klick. Er will mit ihm die Wachen aus dem Weg räumen und Rodrom befreien.

Entsetzt starrten die beiden sich an. Als der Terraner abermals nach dem Interkom griff, hielt der Somer ihn nicht mehr auf.

Doch Alaska Saedelaere meldete sich nicht.

Kapitel 7
Atlan

Aykon lag im Zentrum von Manjardon, aber die HOR-ATEP überbrückte diese Entfernung schnell. Nach nur einem Tag präsentierte sich uns ein absolut solähnliches System mit mehreren Planeten, deren Spanne von sonnennahen Glutwüsten bis hin zu Gasriesen reichte. Nur eine Welt wies lebensfreundliche Bedingungen auf. Dies musste die Kontaktwelt des Kosmotarchen sein.

Osiris runzelte die Stirn. Ich kann keinerlei Hypertechnik orten.

Ein schlechtes Zeichen?, hakte ich nach.

Falls die Technik zerstört worden wäre, hätte die HOR-ATEP sie auch orten können, wies mich mein Extrasinn direkt zurecht. Selbst zerstörte Hyper-Aggregate emittieren noch 5-D-Strahlung. Die Wahrscheinlichkeit spricht eher dafür, dass Icho Tolot den Karx falsch verstanden hat und dies hier das falsche System ist!

Ich bin mir sehr sicher, dass es in diesem System zumindest in den letzten Jahrhunderten keinerlei höhere Technik gegeben hat, bestätigte auch Osiris indirekt meinen Extrasinn.

Ich blickte den Haluter an.

Ich bin mir ebenfalls sehr sicher, entgegnete dieser, dass die Koordinaten korrekt sind. Schließlich hat sie mein Planhirn aufgezeichnet.

Egal, ob nun richtige oder falsche Koordinaten, sagte ich diplomatisch, wenn wir schon mal hier sind, können wir uns diesen Planeten auch genauer ansehen. Erinnert euch an das Dämmfeld, das uns nicht erlaubte, in diese Galaxie hineinzusehen. Möglicherweise ist das hier etwas ähnliches.

Osiris' Gesichtsausdruck sprach Bände. Der Kemete bemühte sich gar nicht erst zu verbergen, dass er diesen Anflug für pure Zeitverschwendung hielt. Dennoch steuerte er sein Schiff in einen Orbit um die Welt in der Biosphäre.

Die optische Ortung zeigte uns eine wilde Welt voller glitzernder Ozeane, dampfender Dschungel, gelber Savannen, grünen Wäldern und schroffen Bergketten – aber ohne jegliches Anzeichen einer Zivilisation.

Osiris machte das Spielchen eine komplette Umkreisung der Welt mit, danach verlor er endgültig die Geduld.

Habe ich es nicht gleich gesagt?, fragte er anklagend. Auf die Systeme der HOR-ATEP ist Verlass. Wenn das Schiff mir sagt, da ist nichts, dann ist da auch nichts. Triumphierend blickte er mich an. Und nun, Arkonide?

Schaut mal hier!, rettete mich das Organ des Haluters vor einer Antwort. Das ist zwar auch kein Anzeichen einer Besiedlung, aber das solltet ihr euch mal ansehen.

Ich folgte dem ausgestreckten Handlungsarm und erstarrte. In dem Gebiet, auf das der Zeigefinger wie eine Drohung gerichtet war, fehlte sämtliche Vegetation. Der Syntron registrierte unser Interesse und vergrößerte den Ausschnitt. Ich musste mich korrigieren. Die Vegetation fehlte nicht, sondern war zu Staub zerfallen. Was ging hier Ungeheuerliches vor sich?

Ich schluckte den Kloß im Hals herunter. Ich glaube, wir sind hier doch richtig …

Osiris hatte die HOR-ATEP unmittelbar in dem betroffenen Gebiet gelandet. Uns präsentierte sich eine Landschaft wie aus einem Albtraum. Bis zum Horizont hatten sich alle Pflanzen und Tiere in feinsten graubraunem Staub aufgelöst. Hier und da ragten einzelne Äste oder Knochen aus der Masse hervor, doch ihre Anzahl war nur noch gering.

Ich ging zu einem dieser Knochen und hob ihn auf. Er war völlig von dem Staub bedeckt, also wischte ich ihn herunter. Darunter kam poröses Gebein zum Vorschein. Es bereitete mir keinerlei Mühe, es durchzubrechen. Weiterer Staub rieselte zu Boden.

Der Knochen ist völlig ausgelaugt, stellte ich fest. So, als hätte ihm etwas alle Kraft entzogen.

Icho Tolot hatte in der Zwischenzeit ein ansehnliches Loch gegraben. Dieser Fraß scheint sehr tief zu sein. Vermutlich reicht der Staub bis zum massiven Grund.

Hier können wir nichts mehr erfahren, entgegnete Osiris. Wir sollten uns mal den Rand dieser Zone ansehen.

Ich ging zur HOR-ATEP zurück und versuchte währenddessen, den Staub von den Händen zu wischen. Dabei stelle ich fest, dass die Handschuhe meines SERUNs ebenfalls einen gräulichen Farbton angenommen hatten. Fluchend rieb ich weiter, doch inzwischen war der Zerfall des Gewebes nicht mehr aufzuhalten. Ich verwünschte meinen Leichtsinn.

Du musst sofort aus dem Anzug heraus, bevor der Effekt deine Haut erreicht!, ermahnte mich mein Extrasinn.

Inzwischen hatten auch die anderen mitbekommen, was mir passiert war. Osiris hob seine Stiefel an, auch dort hatte der Zerfall der Sohlen begonnen.

Ich rannte, so schnell ich konnte, zur Schleuse zurück. Dort entledigte ich mich in Rekordzeit meines Anzuges und zerstrahlte mit einem Desintegrator Handschuhe und Stiefel des SERUNs. Osiris hat es mir mit seinem Stiefeln gleich.

Lieber barfüßig, als gar kein Einsatzanzug mehr, sagte ich mit Galgenhumor zu ihm.

Er blickte düster zurück. Ein absoluter Anfängerfehler. Gut, dass die HOR-ATEP in einem Prallfeldkissen gelandet ist.

Tolot kam herangestampft. Mein Kampfanzug scheint gegen die Auflösung immun zu sein.

Zum Beweis hob er eines seiner mächtigen Beine. Tatsächlich rieselte der Staub zu Boden, ohne Spuren zu hinterlassen.

Osiris betrachtete skeptisch seinen eigenen Raumanzug. Der Effekt schien durch den Desintegrator gestoppt worden zu sein. Solange wir da nicht sicher sind, kommt mir dein Anzug nicht in die HOR-ATEP. Ich fliege mit Atlan jetzt zur Randzone des Zerfalls. Dir sollte es ja keine Schwierigkeiten bereiten, zu Fuß dorthin zu gelangen?

Kommentarlos ließ sich der Haluter auf die Laufarme fallen und jagte mit 120 Kilometern die Stunde davon, eine gigantische Staubwolke hinter sich herziehend.

Osiris hatte inzwischen die HOR-ATEP komplett in ein Prallfeld gehüllt, sodass der alles verschlingende Staub sein Schiff nicht erreichen konnte.

Vor hundert Jahren haben wir eine Expedition an die Große Leere durchgeführt, erzählte ich Osiris, als wir dem Haluter hinterherflogen. Dir ist diese Sternenformation bekannt?

Wage, zeigte sich Osiris einsilbig. Nie dort gewesen. Habe lange, lange geschlafen.

Damals haben wir die Gegend ausführlich erforscht. Eine Gruppe aus der Milchstraße, die sich selbst als Galaktische Feuerwehr bezeichnete, stieß auf ein Phänomen, das sie den Killer-Staub nannten: Eine große Staubwolke, die alles auflöste, was mit ihr in Kontakt kam und dadurch wuchs. Wir haben nie herausgefunden, um was es sich damals gehandelt hat – vielleicht ein Naturphänomen, vielleicht auch eine virale Lebensform. Irgendwie erinnert mich das hier daran.

Der Kemete schaute kurz zu mir herüber, sagte aber nichts. Die Unachtsamkeit, die uns Teile unserer Einsatzanzüge gekostet hatte, schien ihn sehr zu ärgern.

Icho Tolot war übergangslos stehen geblieben. Als sich die Staubwolke legte, konnten wir erkennen, dass er aufgeregt mit den Armen ruderte und in eine bestimmte Richtung wies. Ich folgte seinem Blick und erkannte eine Felsformation, die nicht sehr natürlich wirkte.

Osiris zoomte den Bereich heran. Wir erkannten Mauerreste, die auf eine große Anlage schließen ließen. Eine absolut quadratische Mauer umfasste ein Areal aus mehreren Einzelgebäuden. Das Zentralgebäude schien den Staub unbeschadet überstanden zu haben. Eine breite und steile Mauer führte auf das grob pyramidenförmige Gebäude, das von unzähligen Türmchen und Erkern geschmückt wurde.

Angkor-Wat, entfuhr es mir gegen meinen Willen.

Was?, fragte Osiris.

Eine große Tempelanlage auf Terra. Der Anblick dieser Ruinen erinnert mich stark an daran. Der Aufbau ist ausgesprochen ähnlich, weicht aber natürlich in Details ab.

Osiris warf mir einen Antigravgürtel mit Prallfeldgenerator zu. Keine Risiken mehr!

Ich nickte und legte den Gürtel an. Gemeinsam schwebten wir zur Tempelanlage, wo wir bereits von Icho Tolot erwartet wurden.

Wortlos wies dieser auf einige Staubhaufen. Tatsächlich waren sie bereits völlig zerfallen, allerdings hatte der im Gebäude fehlende Wind die groben Umrisse erhalten. Ein Detail war völlig eindeutig.

Manjarden, stellte ich fest. Also sind wir doch richtig. Das hier muss einer der Tempel sein, in die DORGON bis vor Kurzem seine Philosophen eingeladen hat. Jetzt, wo wir wissen, wonach wir zu suchen haben, sollte es keine Probleme geben, weitere Tempel zu finden, die vielleicht unzerstört sind.

Osiris blickte den Haluter an. Dieser zeigte seine Handflächen und Fußsohlen, danach drehte er sich einmal im Kreis. Nirgends an seinem roten Kampfanzug zeigten sich Zerfallsspuren.

Der Anzug kommt erst einmal in ein Prallfeld. Tut sich in den nächsten Stunden nichts, können wir ihn gerne nach einer gründlichen Reinigung daraus entfernen. Vorher aber nicht!

Das kann ich absolut nachvollziehen, zeigte Icho Tolot Verständnis. Es ist natürlich auch in meinem Interesse, dass das Schiff nicht beschädigt wird, Osirisos.

Der sanfte Riese stieg aus seinen Anzug und ließ diesen von Osiris per Traktorstrahl in die HOR-ATEP transportieren. Danach verfestigte er seine Molekularstruktur, sodass ich ihn mit einem schwachen Desintegratorstrahl von weiteren eventuellen Staubresten befreien konnte. Anschließend kehrten wir alle in das Raumschiff zurück.

Da wir nun wussten, wonach wir zu suchen hatten, konnte Osiris mit einem Massetaster und der charakteristischen Architektur des Tempels schnell fünf weitere Anlagen entdecken, die völlig in der Vegetation des Planeten verborgen waren.

Wir entschieden uns für einen Tempel, der sich mitten im äquatorialen Dschungel des Hauptkontinents befand. Osiris parkte die HOR-ATEP unmittelbar über den Wipfeln, danach stiegen wir mittels der Antigravgürtel aus.

Einige fledermausartige Kreaturen begrüßten uns mit infernalischen Gebrüll, flohen jedoch, als Icho Tolot ihnen zu nahe kam.

Wir schlugen uns durch die Wipfelregion des Urwaldes, dann lag übergangslos der Tempel vor uns.

Die mächtigen Regenwaldriesen bildeten mit ihren Ästen eine grüne Kathedrale, in der die Bauwerke lagen. Einige Kletterpflanzen rankten an den Außenwänden empor, doch schien dieser Effekt erwünscht zu sein, denn die Blüten dieser Gewächse bildeten geordnete Muster, die sich perfekt in die Architektur einpassten. Zwischen den Gebäuden verliefen Wege, deren kurvenreiche Führung sehr verspielt wirkte.

Und auf diesen Pfaden lagen die Leichen. Duzende, vielleicht sogar Hunderte von Toten pflasterten die Wege. Viele von ihnen wiesen schwerste Verletzungen auf, einigen fehlten ganze Körperteile. Ich bemerkte einen Berg aus Kristallsplittern. Das musste einmal ein Karx gewesen sein. Wer keine ausreichenden natürlichen Waffen besaß, war bewaffnet. Die Philosophen schienen so ziemlich alles als Mordwerkzeuge benutzt zu haben, was auch nur im entferntesten zum Schlagen oder Stechen geeignet war. Tischplatten, Stuhlbeine, einfache Werkzeuge – aus einem toten Garl, einem quallenartigen Wesen, ragte sogar das Bedienfeld eines Syntrons heraus. Der Körperinhalt des Gallertwesens, normalerweise nur durch die feste Außenhaut zusammen gehalten, war ausgelaufen und hatte sich über die Beete verteilt. Überall hatten sich Aasfresser zum Festmahl versammelt. Es stank erbärmlich und ich wünschte mir nichts sehnsüchtiger, als meinen luftdichten SERUN zurück.

Osiris hielt sich ebenfalls den Arm vor die Nase. Aktiviere den Prallschirm, dann ist es etwas erträglicher. Irgendetwas scheint die Philosophen aufeinander gehetzt zu haben. Mir scheint, sie wären alle auf ein Mal völlig ausgerastet.

Ich nickte. Genau das vermute ich auch. MODROR scheint hier perfider vorzugehen. Er beeinflusst die Bewohner und steckt sie mit seiner Mordlust an. Da ihre Kultur absolut friedlich ist, sind die Folgen nur verheerender.

Icho Tolot war inzwischen gelandet und nahm die Leichen genauer unter die Lupe. Der Geruch schien ihn nichts auszumachen. Vielleicht hatte der Haluter auch einfach die Atmung eingestellt, denn dank seines Konvertermagens war er in der Lage, aus jeder Form von Materie die Stoffe zu ziehen, die sein Körper gerade benötigte – also auch Sauerstoff.

Ich glaube, der hier lebt noch!, rief er uns überrascht zu.

Sofort flogen wir zu ihm. Tatsächlich zuckte der Manjarde schwach. Er schien sich vor Schmerzen zu winden, was angesichts seiner schweren Verletzungen kein Wunder war. Es war schwierig zu schätzen, wie lange das Gemetzel zurück lag, doch ich vermutete, dass er schon einige Tage dort so liegen musste.

Ich versuchte ihn durch sanftes Rütteln wach zu bekommen. In der Tat schlug er die Augen auf und fixierte mich.

Was ist passiert?, fragte ich den Verletzten. Was hat euch durchdrehen lassen?

Der Manjarde stieß einen schrillen Schrei aus. Er sprang empor und versuchte mich mit seinen Krallen zu erwischen. Instinktiv wich ich zurück und aktivierte wieder das Prallfeld. Der Amokläufer traf mit voller Wucht auf und glitt dann zu Boden.

Tot, erkannte Osiris lapidar.

Was ist hier nur passiert?, fragte ich mit belegter Zunge. Was ist so tief greifend, dass es die Manjarden sogar noch nach Tagen zu Amokläufern macht? Und warum sind wir davon nicht betroffen?

Das kann ich euch sagen, vernahmen wir plötzlich eine weibliche Stimme.

Überrascht blickte ich auf. Ein paar Schritte vor uns war ein Frau aufgetaucht. Niemand hatte sie kommen hören, sodass ich versucht war, an eine Teleportation zu glauben. Es handelte sich eindeutig um eine Terranerin. Ihre langen, dunkelblonden Haare umrahmten einen erotischen, 1,70 Meter großen Körper. Ihre braunen Augen fixierten meinen Blick. Mein fotografisches Gedächtnis lieferte sofort den passenden Namen.

Sanna Breen!, rief ich fassungslos.

Kapitel 8
Denise Joorn

Denise Joorn wanderte hilflos in ihrer Kabine auf und ab. Seit sie sich ihrer Liebe zu Alaska bewusst geworden war, hatte sie sich nicht mehr hinaus gewagt. Sie hatte derzeit viel zu viel Angst, ihm über den Weg zu laufen.

Ihr Magen wies mit einem energischem Knurren auf seine Unterbeschäftigung hin.

Sie seufzte. Früher oder später musste sie die Kabine wieder verlassen. Und sei es nur für einen Gang auf die Toilette, von der es im gesamten Trakt zu Denises Leidwesen nur eine gab.

Sie setzte sich auf ihr Bett und spielte mit ihren Haarspitzen. Was war denn, wenn sie es einfach mal probierte?

Nein, das konnte nicht funktionieren!

Andererseits war Alaska bei ihrer ersten Begegnung auf SOLARIS STATION prompt rot angelaufen. Sie hatte ihn auch danach immer mal wieder dabei erwischt, dass er bestimmte Regionen ihres Körpers studierte. Aber eine Beziehung? Daran hätte sie nie im Leben gedacht. Obendrein war Alaska stets viel zu distanziert gewesen.

Was mache ich nur?, fragte Denise sich selbst mit flehender Stimme. Warum muss das Leben nur so kompliziert sein.

Sie dachte an die Szene vorgestern zurück, als Alaska ihr in gedrückter Stimmung erzählt hatte, wie er den Zellaktivator und den Anzug der Vernichtung bekommen hatte. Dabei hatte er so natürlich, so menschlich, so nah gewirkt.

Sie strich mit den Außenseiten ihrer Finger ihren Oberschenkel entlang und stellte sich vor, es wäre Alaskas Bein, dass sie gerade streichelte. Als ihr diese Handlung bewusst wurde, zuckte ihre Hand zurück.

Denise stöhnte. Das konnte doch alles nicht war sein!

Sie begann, auf ihrer Unterlippe herumzukauen – eine Marotte, die sie immer dann überkam, wenn sie intensiv nachdachte.

Ich kann doch nicht einfach so tun, als wäre nichts passiert, führte sie ihr Selbstgespräch fort. Wie soll ich denn weiter mit Alaska umgehen? So tun, als wäre nichts passiert?

Und zu ihm gehen und ihre Liebe gestehen? Nein, das war auch nichts. Sie würde einen Korb bekommen und noch verzweifelter werden.

Ich muss die Schmetterlinge im Bauch wieder loswerden, machte sie sich klar. Alles andere geht nicht.

Zur Bestätigung ihrer eigenen Worte nickte Denise zuversichtlich. Dann flossen ihr die Tränen in die Augen.

Aber ich kann es nicht!, rief sie heulend. Denise Joorn, Archäologin, Expertin für das antike Ägypten – und jetzt ein flennendes, verknalltes Mädchen!

Wenn man es genau nahm, hatte sie bisher in ihrem Liebesleben keinen allzu großen Erfolg gehabt. Ein paar kurze Beziehungen in ihrer Jugend, die aber eher ihrem pubertär bedingen Hormonüberfluss zu verdanken waren – und später dann Johannes van Kehm.

Bei der Erinnerung an ihren früheren Mentor krampfte sich ihr Innerstes zusammen. Sie war als Achtzehnjährige Zuhause ausgerissen, als ihre Spießer-Eltern sie mit einem langweiligen Snob zwangsverheiraten wollten. Johannes hatte sie unter seine Fittiche genommen und ihr Talent für die Archäologie gefördert. Natürlich waren sie irgendwann zusammen im Bett gelandet. Damals war er ihre Liebe des Lebens gewesen, doch aus heutiger Sicht bezweifelte sie, dass sie wirklich jemals ernsthafte Gefühle für ihn gehegt hatte. So hatte sie sich auch immer weiter von ihm entfremdet, als sie nach und nach erkannte, dass van Kehm seine Expeditionen nach reinen Gewinnaussichten auswählte. Für sie selbst hatte schon immer der wissenschaftliche Wert an erster Stelle gestanden, nicht der wirtschaftliche. Sie hatten sich getrennt und das Leben hatten sie erst wieder auf Seshur im Grab der Nephtys zusammengeführt. Dort war bereits klar gewesen, dass Johannes van Kehm sie hasste. Er hatte danach mehrmals versucht, sie umzubringen.

Sie seufzte erneut. Und jetzt suche ich mir ausgerechnet einen Zellaktivatorträger aus, und unter denen noch den mit der kompliziertesten Psyche. Toll gemacht, Denise!

Nein, ihre Mission blieb dieselbe. Sie musste mehr über Alaska herausfinden. Nur eben jetzt nicht mehr, um ihn zu trösten, sondern um zu ermitteln, ob es da überhaupt irgend eine Chance auf Erfolg gab.

Dann wollen wir mal, sprach sie sich selbst Mut zu.

Sie stand auf, wischte die Tränen weg und korrigierte ihr Make-up. Danach brachte sie ihre Haare in Form und zog ein bauchfreies Top mit tiefen Ausschnitt und einen knapp geschnittenen, hautengen Rock an. So ausgestattet sollte sie an seiner Reaktion sofort erkennen können, ob es da überhaupt Aussichten auf Erfolg gab.

Sie verließ ihre Kabine und machte sich auf den direkten Weg in die Zentrale. Energisch schritt sie an den Alyskern vorbei, von denen in erster Linie die männlichen Vertreter sie mit eindeutigen Blicken verfolgten. Egal, sollten sie doch!

Vor dem Schott zur Zentrale atmete sie noch einmal durch, dann ließ sie den Durchgang aufgleiten.

Alaska Saedelaere war anwesend. Schlagartig legte ihr Herz einen Gang zu und ihre Knie wurden butterweich. Ihr brach der Schweiß aus und ein warmes Gefühl füllte ihren Bauch. Sie hatte das Gefühl, von einer Sekunde zur anderen nur noch halb so viel zu wiegen.

Dann sah Denise, wer neben dem ZA-Träger stand: Nora!

Wieder diskutierte er mit der Ortungschefin. Hatte die denn nichts anderes zu tun? Gab es hier überhaupt nichts zu orten? Denise stellte sich vor, wie sie gleich einer Katze ihre Fingernägel ausfuhr und diese genüsslich über das Antlitz der Alyskerin zog.

Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie die ganze Zeit bewegungslos im Eingang gestanden und die beiden angestarrt hatte. Einige andere Alysker blickten schon ärgerlich zu ihr herüber.

Was sollte sie ihm eigentlich sagen? Da ihre Fähigkeiten in der Zentrale nicht gefragt waren, hatte sie weder das Können, noch einen Grund, sich hier aufzuhalten.

Sie wollte wieder auf ihrer Unterlippe kauen, aber sie unterdrückte den Reflex, um ihren Lippenstift nicht zu verwischen.

Ich kann ihn ja zum Essen einladen, dachte sie. Vielleicht habe ich ja Glück und er hat noch nichts gegessen. Außerdem ist die Kantine ja eh der Saal meines Schicksals.

Kaum hatte sie diesen Vorsatz gefasst, schritt sie zu dem Träger von Kummerogs Haut. Sie bemühte sich, an seinem Gesicht vorbei zu blicken und Nora völlig zu ignorieren, als sie ihn ansprach.

Alaska …, begann sie, dann brach ihre Stimme ab. Ruhig atmen, Mädchen, ruhig!

Oh, Denise! Alaska wandte sich ihr zu und stutzte. Du siehst phantastisch aus! Steht dir gut. In diesem Aufzug habe ich dich hier ja noch gar nicht gesehen.

Wärme brodelte in ihrem Bauch empor, umfloss ihr Herz und brachte ihre Mundwinkel dazu, ganz von alleine emporzusteigen.

Ich wollte dich fragen …, murmelte sie vor sich hin. Dann gab sie sich einen Ruck und schloss die Augen. Energisch, aber ihrer Meinung nach viel zu schnell und ohne Punkt und Komma sprach sie weiter. Ich wollte dich fragen ob du mit mir in die Kantine kommen willst ich hab einen Bärenhunger …

Als keine Antwort kam, öffnete sie zunächst das eine, dann das andere Auge. Alaska starrte sie nicht abweisend an, wie sie befürchtete, sondern er hatte sich Nora zugewandt. Denises Innereien gefroren zu Eis.

Geh nur, sagte Nora. Ich wollte auch gleich etwas Essen gehen. Ich mache nur noch kurz die Sachen hier fertig.

Denise Joorn triumphierte. Nicht nur, dass Saedelaere tatsächlich mitkam – sie konnte auch noch mit ihm alleine gehen!

Er wandte sich wieder ihr zu. Denise bemerkte, dass sein Blick automatisch zu ihrem Dekolleté wanderte. Sofort schoss ihm das Blut ins Gesicht und er blickte in ihre Augen. Schnell blickte Denise weg. Herrlich …

Na dann los!, sagte er schüchtern.

Auf dem Weg zur Kantine bemühte sich Denise Joorn mit aller Macht, immer mindestens einen Meter Abstand zu ihm zu halten. Ebenso bemühte sie sich, gleichmäßig und langsam zu atmen und nicht zu ihm herüber zu schauen.

Behalte deine Hände bei dir!, ermahnte sie sich. Ganz normal gehen! Nichts anmerken lassen!

Schließlich hatten sie die Kantine erreicht.

Ich hole uns was, flötete sie und eilte zur Essenausgabe. Sie unterdrückte den Reflex, dabei vor Hochstimmung zu hüpfen.

Ich stecke so verdammt tief in der Scheiße, dachte sie ironisch, als sie das Tablett füllte. Das kann einfach nicht gut gehen.

An den Tisch zurückgekehrt, bedankte Alaska sich. Als er nach seinem Besteck griff, berührten sich zufällig ihre Hände, da sie das Tablett noch nicht losgelassen hatte. Denise Joorn meinte, einen elektrischen Schlag zu bekommen. Als hätte sie sich verbrannt, zog sie ihre Hand zurück.

Er blickte zu ihr und ihre Blicke trafen sich. Alaska wurde rot und auch sie spürte, wie ihr Gesicht warm wurde. Völlig synchron wandten sie sich wieder ihrem Essen zu.

Einige Minuten aßen sie schweigend, dann sagte der Unsterbliche plötzlich: Vielen Dank für die Einladung. Darf ich im Gegenzug zahlen?

Denise spuckte lachend die Suppe aus. Natürlich hatte sie für sich dasselbe Essen wie für Alaska geholt. Wenn du es dir leisten kannst?, fragte sie lächelnd zurück.

Er tätschelte mit seiner Hand ihren Unterarm. Die Stelle begann zu kribbeln. Ach, das geht schon, erklärte er mit übertriebener Ernsthaftigkeit.

Regte sich da nicht irgendetwas in seiner Hose? Denise war sich relativ sicher, doch mit aller Gewissheit konnte sie es nicht sagen, denn sie konnte die Stelle nur aus den Augenwinkeln beobachten.

Sie schob das halb verzehrte Mahl von sich und lehnte sich zurück, auch wenn ihr Magen aufs Schärfste protestierte. Sie beugte ihren Oberkörper wie zufällig etwas weiter zu Alaska herüber und drückte die Brust heraus. Irgendwie habe ich keinen Hunger mehr. Ich glaube, ich werde dann wieder in meine Kabine zurückkehren. Wenn mir nur nicht so langweilig wäre …

Alaska wurde schon wieder rot. Er ruckte etwas auf seinem Stuhl herum und kam ihr dabei offenbar unabsichtlich ebenfalls näher. Denise gelang es, einen kurzen Blick auf seinen Intimbereich zu erhaschen. Nun war sie sich sehr sicher, dass dort etwas angeschwollen war. Wie süß!

Sie beugte sich zu ihm herüber und visierte seine Ohrmuschel an. Er hatte wirklich ein wundervolles Ohr, nicht so ein riesiges und angespitztes Ding wie bei den Alyskern, zum Beispiel Nora.

Was hast du eigentlich heute noch so vor?, hauchte sie ihm aus nächster Entfernung genau in den Gehörgang.

Das kitzelte, wie Denise genau wusste. Blitzschnell zuckte sie zurück und brachte ihren Körper in Position. Tatsächlich hatte Alaska instinktiv versucht, ihren Kopf mit seiner Hand wegzudrücken. Eben diese Hand war jetzt perfekt auf ihren Brüsten gelandet.

Sie starrten beide Alaskas Hand an. Dann hoben sie ihre Köpfe und ihre Blicke fanden sich ein weiteres Mal. Als Alaska wieder rot wurde, aber die Hand nicht weg zog, wurde sich Denise Joorn endgültig bewusst, dass sie gewonnen hatte. Ohne ihren Blick abzuwenden, ließ sie ihre Hand nach oben gleiten und umfasste Alaskas Arm. Sanft hob sie diesen von ihrem Ausschnitt hoch. Gemeinsam wanderten ihre Hände nach unten auf Alaskas Lenden. Sie begann, die dort zu spürende Erhebung zu streicheln.

Oder wollen wir gemeinsam etwas Spaß haben?, flüsterte sie ihm zu.

Langsam schob sie ihren Oberkörper in seine Richtung. Alaska ließ es reglos geschehen. Ihre Lippen fanden sich und Denises Zunge ging auf Entdeckungstour.

Jetzt begann Leben in den Hautträger zu kommen. Seine Arme wanderten ihre Flanken nach oben und dann ihren Rücken entlang.

Der Kuss schien eine Ewigkeit zu dauern. Denise genoss ihn und Alaskas Umarmung in vollen Zügen. Mehr und mehr schmiegten sie sich aneinander, bis Denise schließlich auf Alaskas Schoß landete. Erst jetzt trennten sich ihre Lippen wieder, doch seine Arme ließ er dort, wo sie waren. Denise kuschelte sich in die Umarmung hinein.

Ich …, würgte Saedelaere sichtlich überfordert hervor. Ich …

… nehme mir für den Rest des Tages frei, wolltest du wohl gerade sagen, eröffnete ihm die Archäologin lächelnd. Sie stand auf und nahm seine Hand. Zu mir oder zu dir?

Zu – äh – mir …, stammelte der Unsterbliche hilflos.

Denise Joorn zog ihn mit sich. Wie ein Hund an der Leine tapste er hinter ihr her.

Auf dem halben Weg zur Kabine begann Alaskas Interkom zu piepen. Er wühlte irritiert in seiner Hosentasche herum.

Nicht doch, sagte Denise und umgriff seinen Arm. Das ist eh nur Nora, die wissen will, wo du bleibst. Sie spielt sich ohnehin schon so auf, als wäre sie das Oberhaupt der Alysker. Die kommt heute Nachmittag auch mal ohne dich aus.

Er lächelte verschwitzt. Nora ist das Oberhaupt der Alysker. Zumindest so lange, wie Eorthor nicht anwesend ist. Sie wurde von den Alyskern an Bord gewählt. Ist dir das nicht aufgefallen?

Nein, das war es Denise tatsächlich nicht.

Egal, winkte sie ab. Du hast dir den Rest des Tages frei genommen. Schon vergessen?

Stimmt!

Beide lachten und hörten nicht auf, bis sie Alaskas Kabine erreicht hatten.

Alaska zögerte, bevor er den Öffner betätigte. Seine Finger verharrte einen Zentimeter über dem Knopf. Mein Wohnraum ist etwas … schlicht.

Keine Sorge, das weiß ich schon, rutschte es ihr heraus. Dann biss sie sich auf die Zunge. Verdammt!

Er starrte sie an. Woher …? Du hast mir nachspioniert, stimmt's?

Denise schoss das Blut ins Gesicht. Mit aller Gewalt hielt sie die Tränen zurück.

Jetzt hast du in letzter Sekunde alles mit einem einzigen unbedachten Satz zunichte gemacht!, fluchte sie innerlich. Kannst du nicht einmal dein loses Mundwerk hüten?

Sie versuchte zu retten, was zu retten war und setzte auf Ehrlichkeit. Nur ein wenig. Ich habe aber lediglich hineingeschaut und die Kabine nicht betreten.

Saedelaere betätigte jetzt endgültig den Türöffner. Seine andere Hand wanderte um ihre Hüfte herum und kam auf ihrem Rücken zum Stillstand. Sanft zog er sie an sich heran. Widerstandslos ließ sie es geschehen.

Dann sollte ich auch ehrlich sein, eröffnete er ihr leise und führte sie zu seinem Bett. Auf SOLARIS STATION habe ich nämlich dir nachspioniert. Ich fand dich vom ersten Augenblick an wunderschön und begehrenswert, aber nie hätte ich gedacht, dass eine so attraktive Frau wie du sich für einen Langweiler wie mich interessieren könnte. Daher habe ich dich die ganze Zeit aus meinen Gedanken verbannt.

Der Archäologin blieb für Überraschung der Mund offen stehen. Genau so ging's mir auch!, stieß sie atemlos hervor. Was soll ein Unsterblicher wie du mit einem Jungspund wie mir?

Wieder lachten sie beide. Alaska schloss die Tür. Seine Finger begannen auf der Suche nach dem Öffnungsmechanismus ihren Rocksaum zu bearbeiten.

In kürzester Zeit hatten sie sich von ihrer Kleidung befreit und auf das Bett begeben, wo sie ihren Trieben freien Lauf ließen.

In ihrem Liebesspiel bemerkten sie nicht, wie um sie herum in NESJOR die Hölle ausbrach.

Kapitel 9
Leopold

Er geht nicht ran!, rief Jaques de Funes hilflos.

Versuche es in der Zentrale!, wies ihn Leopold an. Sie müssen unbedingt die Wächter warnen.

Jaques sah ihn hilflos an, wandte sich dann aber doch wieder dem Interkom zu. Ein Alysker namens Orthir meldete sich.

Roggle!, stieß er hervor. Wir haben ihn beobachtet. Er hat die Fernsteuerung für einen Roboter gestohlen.

Das Gesicht des Alyskers nahm einen gelangweilten Ausdruck an. Na und?

Er will Rodrom befreien!, brüllte der Geschäftsmann. Leopold bemerkte, wie Jaques Zornestränen in die Augen flossen. Wir konnten ein Gespräch belauschen. Aus irgend einem Grund ist er in der Lage, mentalen Kontakt mit Rodrom aufzunehmen, obwohl dieser im Koma liegt.

Nun trat doch etwas wie Unsicherheit in die Mimik von Orthir. Er rang sichtlich mit sich, dann sagte er: In Ordnung, ich stelle euch zu Nora durch.

Beide atmeten durch. Zumindest hatten sie so etwas wie einen Etappensieg erreicht.

Das Bild der Alyskerin tauchte nun auf dem kleinen Bildschirm auf.

Habt ihr euren kleinen Spitzeldienst immer noch nicht aufgegeben?, eröffnete sie ohne Begrüßung das Gespräch.

Es stimmt!, rief der Terraner. Er muss von Rodrom genaue Anweisungen erhalten haben, was er zu tun hat. Vermutlich ist gerade in diesem Moment ein Roboter dabei, sich seinen Weg zu Rodrom zu bahnen.

Jetzt hört ihr mir mal zu!, entgegnete die Ortungschefin ungehalten. Alaska Saedelaere hat euch verboten, weiterhin euren paranoiden Wahnvorstellungen zu folgen. Selbst wenn es dem Vorjul gelingen sollte, einen Roboter zu kontrollieren, kann er damit keinen Schaden anrichten. Rodrom wird von nahezu tausend Leuten bewacht. Da kommt nicht so einfach ein Roboter durch. Außerdem haben uns die Vorjul damals nur besiegen können, weil sie die Transmitter für unsere eigentlichen Feinde geöffnet hatten. Zu mehr sind die Zwerge nicht in der Lage. Ein einzelner schon gar nicht. Und jetzt kehrt in eure Kabinen zurück und lasst mich in Ruhe!

Die Alyskerin schaltete ab. Drückende Stille breitete sich im Führerstand der Fähre aus. Niemand wusste, was er sagen sollte. Eine beklemmende Hilflosigkeit hatte sie befallen.

Irgendwann hielt es Leo Ok Poldm nicht mehr aus. Diese Arroganz! Wie kann man nur so verblendet sein? Ihr verdammter Hochmut wird sie irgendwann in den Untergang reißen!

Er hat sie bereits in den Untergrund gerissen!, stellte Jaques de Funes klar. Erinnere dich an Eorthors Erzählung. Erst der Fluch der Unsterblichkeit, dann der Verlust ihres Heimatplaneten und nun war schließlich dieser klägliche Rest des einstmals mächtigen Volkes vor ein paar Monaten gezwungen, seine eigene Galaxie zu vernichten.

Wieder schwiegen beide. Nach endlos langen Minuten, in dem Leo gleich einer Maschine Roggles Gleiter folgte, wurde er plötzlich stutzig. Da stimmte doch etwas am Weg des Zweiköpfigen nicht!

Jaques, er fliegt gar nicht zu seiner Kabine zurück!, wies er den Terraner auf seine Beobachtung hin. Er hätte dort vorne links abbiegen müssen. Stattdessen fliegt er geradeaus weiter.

Tatsächlich, musste sein Gegenüber zugeben. Was hat er bloß vor? Rodroms Gefängnis liegt auf jeden Fall nicht in dieser Richtung.

Jaques de Funes rief eine holografische Übersicht von NESJOR auf. Lange Minuten vertiefte er sich in der Darstellung der Kyberklon-Station, dann stieß er einen überraschten Schrei aus.

Leopold zuckte zusammen. Er sah zu dem Geschäftsmann herüber und sah, wie dieser atemlos auf ein bestimmtes Detail im Plan deutete.

Was ist dort?, wollte er wissen.

Die Kraftwerke!, stieß der Terraner hastig hervor. Dort sind die Reaktoren von NESJOR untergebracht. Gigantische Aggregate von vielen hundert Metern Durchmesser! Dort wird die gesamte Energie für die Station erzeugt.

Leo hielt vor Schreck die Luft an. Er will NESJOR vernichten …

Wortlos griff Jaques de Funes erneut nach dem Interkom.

Diesmal meldete sich Nora sofort. Ihr Gesicht war bleich und schweißbedeckt. Ihre Augen strahlten ein Entsetzen aus, das Leopold frösteln ließ.

Ihr hattet recht!, gab die Ortungschefin atemlos von sich. Zumindest teilweise. Roggle hat nicht einen, sondern Hunderte von Robotern geschickt! Es gibt bereits viele Tote. Wir müssen davon ausgehen, dass inzwischen mindestens ein Roboter durchgebrochen ist und Rodrom geweckt hat. Habt ihr verstanden? Rodrom ist wach!

Leo fing an zu zittern, und auch de Funes brauchte einige Augenblicke, um die Hiobsbotschaft zu verdauen.

Roggle fliegt zum Kraftwerk, gab der Handelsvertreter schließlich ermattet von sich. Er will wohl den Reaktor überlasten.

Haltet ihn auf!, rief Nora ihnen zu. Ich versuche derweil, Alaska Saedelaere zu erreichen. Leider antwortet er nicht … Sie verstummte und blickte zur Seite. Offenbar berichtete ihr gerade jemand, der nicht im Erfassungsbereich der Optik war, etwas. Die Alyskerin wurde noch bleicher. Ich habe gerade eine kurze Sequenz einer Überwachungskamera bekommen