
Im August 1307 NGZherrscht überall Krieg. Das Quarterium zieht eine blutige Spur der Gewalt durch den Kosmos. Kriege in M87, den estartischen Galaxien, Cartwheel und in der Lokalen Gruppe haben das Leben aller dort existierenden Wesen verändert.
Das Quarterium greift nach Andromeda, doch Perry Rhodan, Aurec und deren Verbündete trotzen der Armada des Regimes.
Doch in den estartischen Galaxien ist ein Ereignis eingetreten, welches weitaus größere Bedeutung haben kann: Die Ankunft des ominösen Riffs steht bevor, während Quarteriale, Dorgonen, Estarten und Saggittonen sich bekriegen. Fernab davon wird um die Vorherrschaft der bekannten Galaxien gekämpft. So auch in M87.
Die Liga Freier Terraner hat ein Spezialkommando unter dem Befehl von Joak Cascal nach Druithora entsendet, um dort mit den LFT und USO Einheiten Widerstand gegen die Bestien aufzubauen.
Gal’Arn und die anderen treffen so auf die Entropen. Die Hexe Constance berichtet von einer großen Gefahr, die vom Planeten Ednil ausgeht. Dort kommt es zur WIEDERGEBURT …
Die Dunkelheit wich.
Gal’Arn öffnete die Augen und starrte an die Decke des Unterseebootes. Das Licht flackerte. Ihm taten alle Knochen weh. Langsam erhob er sich und sah sich um.
Zuerst entdeckte er Jaktar. Der Ghanakke lag ohnmächtig im Sessel. Behutsam überprüfte Gal’Arn, ob sein Orbiter keine schweren Verletzungen davon getragen hatte. Zu seiner Erleichterung war Jaktar in Ordnung. Vorsichtig weckte er ihn auf. Die großen Eselsaugen öffneten sich nach einer Weile und Jaktar wieherte leise.
Nun kümmerte sich Gal’Arn, der besorgt bereits registriert hatte, dass Anya Guuze nicht mehr im U-Boot war, um den Perlian Chadin, der für das ganze Schlamassel verantwortlich war. Plötzlich war der Perlian durchgedreht, hatte um sich geschlagen und Jaktar niedergestreckt. Da Gal’Arn auch zu diesem Zeitpunkt starke Kopfschmerzen verspürt hatte und ihn das Gefühl quälte, die Siganesen in ein Himmelfahrtskommando geschickt zu haben, konnte er nicht rechtzeitig eingreifen. Als beide schließlich doch mit einander gerungen hatten, hatte Chadin die Steuerung des U-Bootes auf volle Leistung gestellt und dann war es schwarz um sie herum geworden.
Sie mussten irgendwo aufgeprallt sein. Offenbar war die Außenhülle nicht beschädigt, denn es drang kein Wasser ein.
Chadin war immer noch bewusstlos. Zur Sicherheit fesselte Gal’Arn den Perlian. Noch immer verspürte der Ritter der Tiefe leichte Kopfschmerzen und Schuldgefühle. Er vermutete, dass diese künstlich hervorgerufen wurden.
Wo war nur Anya Guuze? Da das U-Boot übersichtlich war, konnte sie sich nirgends versteckt haben.
»Sieh mal«, rief Jaktar und deutete auf die offene Luke. »Sie muss hinaus gelaufen sein.«
Hinaus? Aber da gab es doch eigentlich nur Wasser. Jetzt verstand Gal’Arn. Sie mussten an Land sein. Das U-Boot war gegen Land geprallt. Da die Luke wohl schon eine Weile geöffnet war, schien die Atmosphäre auch atembar zu sein. Vorsichtig stiegen die beiden aus dem U-Boot und sahen einen dichten Dschungel vor sich. Sie selbst befanden sich an der Küste dieses Festlandes.
Woher nahmen diese Pflanzen ihr Licht? Gal’Arn blickte nach oben. Die Decke glänzte hell, aber es gab hier keine Sonne. Offenbar waren sie in einer unterirdischen Höhle. Gal’Arn erinnerte sich an einen terranischen Roman, einen Klassiker aus einer Zeit, in der die Menschen noch nicht in den Weltraum vorgestoßen war. Der Titel der literarischen Kostbarkeit von Jules Verne lautete: »Die Reise zum Mittelpunkt der Erde«.
Vermutlich gab es unter dem eigentlichen Meer von Ednil noch jede Menge Geheimnisse. Anscheinend gab es sogar Leben im Untergeschoss von des Planeten.
Der Elare rätselte, wie diese Hohlräume unterhalb des Meeres entstanden waren. So etwas gab es auf vielen Planeten, doch zumeist waren diese Hohlräume komplett mit Wasser gefüllt. Hier jedoch schien ein eigenes ökologisches System zu existieren.
Beim genauen Hinsehen, waren die Bäume sehr seltsam. Die Blätter waren rotbraun, die Stämme schwarz.
»Sehr seltsame Gegend hier«, meinte Jaktar. »Und sehr unfreundlich drein guckende Wesen …«
Gal’Arn drehte sich überrascht um. Vier fremde Wesen standen vor ihnen. Sie waren humanoid und wirkten dreckig, als hätten sie gestern in Schlamm gebadet und sich nicht abgewaschen. Die Haare waren filzig und lang. Ihre Haut war braungrau. Ihr Kopf erinnerte an einen Perlian. Große Augen, aber natürlich kein Zeitauge.
»Kascha Mututu!«
Natürlich verstand Gal’Arn nicht, was der Eingeborene von ihnen wollte. Ihm entging jedoch nicht, dass sie bewaffnet waren.
»Denkst du, die haben Anya?«
Gal’Arn nickte.
»Ich fürchte ja. Doch sie werden sie nicht getötet haben, sonst hätten sie uns auch bereits im Schlaf erledigt.«
Gal’Arn trat einen Schritt näher und versuchte den Eingeborenen Anya zu erklären. Er zeigte auf das blaue Meer, dann auf seine Augen und versuchte ihnen klar zu machen, dass sie eine Frau sein.
»Aguti? Ah, Mumnu! Mumnu titih.«
Sie deuteten in Richtung des Dschungels. Auf einer Anhöhe erkannte Gal’Arn ein Dorf. Offenbar hatten die Eingeborenen Anya dorthin gebracht.
Er und Jaktar wollten losgehen, doch die Eingeborenen hinderten sie mit erhobenen Speeren daran.
»Nuxu aka laka!«
»Die lassen uns nicht vorbei. Was nun? Wir brauchen doch höchstens zehn Sekunden mit denen.«
Gal’Arn wog Jaktars Vorschlag sorgfältig ab. Einerseits wollte er keinen Ärger mit den Einheimischen, doch vielleicht befand sich Anya Guuze in Gefahr. Also zog Gal’Arn sein Caritschwert und entwaffnete mit drei Schlägen die vier Eingeborenen. Sie starrten ihn ungläubig an liefen brüllend davon.
»Den hast du aber Angst gemacht.«
Das fand Gal’Arn auch. Plötzlich tauchte hinter ihnen das zweite Unterseeboot aus dem Meer auf. Mit einem lauten Platschen und viel Wasser legte es am Ufer an. Der Perlian Rednil und die Entropin Constance Zaryah Beccash stiegen aus. Die Hexe hatte ihre Mühe aus dem Unterseeboot zu steigen und wäre beinahe ins Wasser gefallen, doch es gelangt ihr mehr oder weniger stolpernd den Weg zum Strand zu finden.
»Wo sind die anderen?«, fragte Gal’Arn.
»Die sind unpässlich. Cauthon und der Major drehten durch und wurden ohnmächtig je näher wir dem Graben kamen. Er meint, es sei ein psychoenergetisches Feld. Nur Wesen mit reinen Herzen und Gewissen könnten unbeschadet hindurch. Und Söhne des Chaos wohl ganz besonders nicht«, sagte die Hexe Constance, während sie auf den Ritter und Jaktar zuging.
Sie bestätigte Gal’Arns Vermutung. Offenbar hatte jemand eine Sicherheitsschaltung installiert, um negative Wesen von diesem Ort abzuhalten. Zumindest schien diese Abwehrwaffe für Intelligenzwesen geschaffen zu sein, denn die Eingeborenen schienen keine Probleme damit zu haben. Gal’Arn war sich sicher, dass es in ihrer Kultur auch Verbrecher gab, die bestimmt kein reines Gewissen hatten.
Nun wusste er auch, warum ihm so schlecht war. Die Schuldgefühle über den Einsatz der Siganesen hatten ihn geplagt. Er war nicht reinen Herzens gewesen, aber offenbar doch gut genug, um die Barriere zu überwinden.
Wieso Chadin durchgedreht war, wusste er nicht. Offenbar gab es einige dunkle Punkte in der Vergangenheit des Perlians. Doch es war unwichtig diese herauszufinden. Viel wichtiger war im Moment Anya Guuze.
Plötzlich ertönten Trommeln.
»Die geben eine Party. Schön, wollen wir dahin?«, fragte Constance unbedarft. »Wo ist eigentlich diese Anya? Die war mir nicht sehr sympathisch. Dabei erinnerte sie mich etwas an meine Lehrmeisterin auf Entropia. Zumindest vom Aussehen. Seltsam.«
»Anya ist vermutlich in dem Dorf dort oben. Und sie ist in Gefahr. Das spüre ich. Wir gehen jetzt zur Party«, sagte Gal’Arn und ging voraus. Er hatte in der Tat ein ungutes Gefühl.
In was für ein Schlamassel war Anya nun schon wieder geraten? Wäre sie doch niemals mit nach M87 gekommen. Sie verwünschte ihren Chef Marcello Zeem. Das hätte sie sich auch nicht gedacht. Halb nackt und gefesselt von primitiven, hässlichen Eingeborenen anlässlich irgendeiner Feier geopfert zu werden.
Noch immer tanzten die Primitivlinge freudig um sie herum. Immer wieder riefen sie »Brok’Ton«. Nun packten sie das Konstrukt an dem Anya gefesselt war und trugen es zu einem Abgrund. Anya bekam noch mehr Angst und glaubte, dass dies das Ende war. Sie würden sie in den Abgrund stürzen!
»Nein!«, schrie sie und versuchte sich loszureißen, doch die Fesseln waren zu stark. Voller Panik starrte sie auf den immer näher kommenden Abgrund. Dann hielten die Eingeborenen inne, verankerten das Konstrukt an zwei Leinen und ließen Anya langsam herunter. Das Konstrukt neigte sich mit ihr nach unten, so dass sie in das Schwarze des Abgrunds starrte.
Dort unten war Nebel und tiefes Schwarz. Mehr nicht. Es ging bestimmt Hunderte von Metern bergab. Ihr Herz pochte immer schneller. Entweder starb sie an einem Herzinfarkt oder wurde am Boden des dunklen Schlundes zerschmettert.
Die Trommeln wurden schneller geschlagen und eine Art Medizinmann tanzte um sie herum. Er hatte in der rechten Hand ein Schwert und fing an, an ihren Fesseln zu schneiden.
Oh Gott, nun war es gleich vorbei.
Zuerst schnitt er die Fesseln an ihren Füßen ab. Sie rutschte weiter nach unten und hing nur noch an ihren Armen. Es tat weh. Sie versuchte, sich hochzuziehen, doch lachend schnitt der Eingeborene die Fessel ihrer linken Hand durch. Jetzt hing Anya nur noch mit einer Hand an der Trage. Sie versuchte mit der Linken das Seil der rechten Fessel zu erreichen, doch ehe sie das rettende Seil packte, war es auch durchtrennt.
Sie stürzte in die Tiefe und schloss mit dem Leben ab.
Gal’Arn, Jaktar, Constance und Rednil hatten das Dorf erreicht. Die Trommeln schwiegen. Sofort rannten Eingeborenen ihnen entgegen und bedrohten sie mit Speeren und Keulen. Jaktar feuerte dreimal mit seinem Thermostrahler in die Luft. Erschrocken wichen die Einheimischen zurück und liefen in ihre Häuser oder in den Wald.
»Hier!«, rief Constance.
Gal’Arn eilte sofort zu ihr. Vor einem Altar lagen die Sachen von Anya. Gal’Arns Blick fiel auf den Abgrund hinter der Statue eines haluterähnlichen Wesens. Dort stand eine Trage an zwei Leinen gebunden. Vier durchgetrennte Seile hingen herunter. Der Ritter musste kein Hellseher sein, um zu wissen, was geschehen war. Er ging bis zum Rand und starrte in die Tiefe hinab. Trauer füllte sein Herz.
Anya Guuze war tot!
Thor oder Paladin? Das war hier die Frage.
Er überlegte, wie er sich denn nun eigentlich nennen sollte. Den Namen Thor hatte er sich selbst gegeben, doch eigentlich hieß er ja Paladin. Sollte er sich nun Thor Paladin oder Paladin Thor nennen?
Paladin Thor klang besser, fand er. Was wohl seine vier Mitbewohner in seinem Inneren dazu sagten? Die vier Siganesen David Golgar, Domino Ross, Hermes Eisar und Rosa Borghan waren nicht so vergnügt wie er. Vielleicht lag es daran, dass er noch so hoch erfreut war über sein neues Ich. Der Paladin, nein ich, eigentlich ein künstliches Objekt mit Plasmazusatz, hatte ein eigenes Bewusstsein entwickelt. Es war wunderschön zu denken und zu fühlen. Er hatte in den vergangenen Monaten mehr und mehr gelernt, auch wenn der Umgang mit den Bestien nicht unbedingt schön war. Doch auf der anderen Seite, war er auch eine Art Bestie oder Haluter.
Er wanderte durch den Korridor, der von Pelewon und Moogh strengstens bewacht wurde. Dieser Weg führte zu dem Hangar, in dem sich seit einigen Stunden Terraner und Entropen verschanzten hatten. Keine der Bestien ahnte, dass Paladin Thor mit den Feinden kooperierte, er eine Art Einmann- 5. Kolonne im Lager der Bestien war.
Innerhalb der wenigen Monate hatte es Paladin bis zur Elite-Kohorte von Torsor geschafft, war sogar Truppführer einer Unterkohorte. Er hatte sich freiwillig als Unterhändler gemeldet. Natürlich nur, um mit Jonathan Andrews und Elyn Kontakt aufzunehmen. Diese hatten ihm auch über Umwege ihren Plan erläutert. Die vier Siganesen grübelten nun angestrengt darüber nach, wie sie den Plan in die Realität umsetzen konnten. Dabei war es doch simpel. Einfach die Energieversorgung dieser Kampfstation deaktivieren. Paladin Thor hätte dies gerne übernommen, während die Kampfstation sich im Flug durch die gigantische Hohlsonne im Internraum befand, doch das hätte auch die vier Siganesen und die Terraner und Entropen getötet. Es musste also vorher geschehen, so dass alle fliehen konnten.
Das Leben von Paladin Thor war ihm nicht so wichtig. Er sah jede Sekunde als kostbares Geschenk an, obgleich ihm bewusst war, dass seine Stunden bereits gezählt waren. Die Siganesen waren mit ihm in ein Himmelfahrtskommando gegangen, um den Anführer der Bestien Torsor zu töten. Da Paladin nicht wollte, dass die Siganesen starben, musste er diese Mission also alleine zu Ende führen. Doch vorher musste er die vier Grünlinge loswerden. Sie mussten zu Andrews und Elyn. Dort waren sie in Sicherheit.
Es würde jedoch schwer sein, die Winzlinge davon zu überzeugen. Er musste sich ein List ausdenken. Zuerst jedoch führte ihn sein Weg direkt zu Torsor. Dieser erwartete nämlich seinen Bericht. Nach endlosen Korridoren und Antigravschächten hatte Paladin endlich die Kommandozentrale der Station erreicht. Er blickte auf die zotteligen, gehörnten Dscherr’Urk herab, die sichtlich Respekt vor den Bestien hatten. Einige Meter weiter stand Torsor zusammen mit seinen Generälen an einem Planungstisch. Auf schwarzem Untergrund flackerten grüne und rote Punkte, die Raumschiffe und Abwehrforts der Feinde darstellten. Torsor überlegte offenbar eine sinnvolle Route zum Internraum.
Paladin verneigte sich vor Torsor. Torsor war mit seinen über fünf Metern die größte Bestie von allen und überragte selbst Paladin um fast zwei Meter. Ein Gigant unter Giganten. Aus den drei glutroten Augen strotzte es vor Entschlossenheit.
»Berichte!«
»Ich habe den Feinden das Ultimatum überbracht. Sie haben es mit Zynismus kommentiert und sind sich siegesgewiss.«
Nicht Paladin hatte diesen Satz gesprochen sondern Domino Ross, der nun die Kontrollen übernommen hatte.
»Ist das so? Nun, sie werden bald sterben. Unsere Techniker arbeiten bereits daran, die Energiezufuhr des Hangars abzustellen. Natürlich werden wir sie vor Ablauf des Ultimatums niedermetzeln.«
Paladin verwünschte Torsor! Er hielt nicht Wort. Das war gemein und hinterlistig. Aber offenbar funktionierte das so in der Welt der »Fühlenden«.
»Ich erbitte die Techniker unterstützen zu dürfen. Je eher wir dieses Dreckspack ins All jagen, desto besser, mein Herr«, sagte Ross mit der Stimme des Paladins.
Torsor lachte grollend.
»Du bist jung und voller Tatendrang. Das lobe ich mir. Nur zu, Thor! Hilf ihnen und besiegele das Schicksal unserer Feinde.«
Paladin verneigte sich wie von Geisterhand. Die Siganesen hatten nun auch seine Physis unter Kontrolle. Er ließ es geschehen. Schließlich zogen die Winzlinge und er am selben Strang. Doch von Minute zu Minute behagte es ihm immer weniger, nicht mehr Herr über Sinne und Körper zu sein. Er bemerkte, wie sich eine Luke am Schenkel öffnete und jemand herunter krabbelte. Es war Hermes Eisar. Getarnt durch einen Deflektorschirm verließ er den Paladin und bezog Stellung unter dem Planungstisch.
Paladin Thor horchte in die Zentrale seines Kopfes hinein. Rosa, Domino und David diskutierten über ihre Aktion.
»Mir ist nicht wohl, dass wir Hermes alleine zurücklassen«, sagte Rosa hörbar besorgt.
»Wir holen ihn ja wieder ab. So sind wir jedoch jederzeit über die Aktivitäten von Torsor informiert. Wir müssen nicht nur die Energiezufuhr der Station deaktivieren, sondern auch Torsor töten«, erklärte Domino Ross entschlossen.
Die Siganesen schwebten in großer Gefahr, wenn sie ihren Plan durchsetzen wollten. Nur wie konnte Paladin sie beschützen? Freiwillig würden sie ihn niemals verlassen. Vorerst sollten sie auch noch hier bleiben. Paladin hatte noch zu wenig Erfahrung. Je mehr Zeit er mit den Grünlingen verbrachte, desto besser für ihn. Bis zum bestimmten Zeitpunkt, an dem es kein Zurück mehr gab.
Domino Ross überließ dem Paladin wieder die Kontrolle. Dieser ging zur Energieversorgungsstation in der 187 Etage der Kampfstation. Hier befand sich das Herz der Station.
Der Energiesektor erstreckte sich über mehr als 20 Etagen. In der Zentrale lief alles zusammen. Paladin gesellte sich zu dem Wissenschaftsleiter, einem alten Pelewon namens Kulfur. Das dritte Auge der Bestie war erblindet, die grünliche, schuppige Haut war ausgeblichen. Auch die Statur des Pelewon wirkte alt und gebrechlich.
»Wer bist du, Kohorten-Führer?«
»Ich bin Thor und habe die Anweisung von Torsor höchstpersönlich, dir zu helfen.«
Kulfur stieß einen verachtenden Laut aus.
»Was kann ein so junger Spund schon mehr wissen als ich? Also gut, dann stehe hier herum. Aber störe mich nicht bei der Arbeit.«
»Wie weit bist du denn schon?«
Domino Ross überließ Paladin diesmal den Dialog.
»Beinahe fertig. Wir werden ihre Energie einfach abzapfen. Dann wird ihre Versorgung zusammen brechen und deine Soldaten können den Hangar erstürmen.«
Das musste er unter allen Umständen verhindern.
»Thor, hier ist David Golgar. Ich und Rosa werden aussteigen und Zeitbomben am Energiesystem platzieren. Du und Domino müsst den alten Sack noch etwas hinhalten.«
Paladin hatte verstanden. Mit aller Penetranz schaute er Kulfur über die Schulter, machte Lärm und stellte die unmöglichsten Fragen. Genervt unterbrach der Pelewon seine Arbeit.
»Hat Torsor dich geschickt, um mich zu bestrafen? War ich ihm nicht immer treu ergeben? Geh fort.«
Paladin wich ein paar Schritte zurück und fing an zu pfeifen. Dann lief er auf und ab. Ab und zu hörte er das Seufzen des alten Pelewon. Schließlich fragte Paladin: »Sind wir bald fertig?«
»Nein.«
Eine Minute verstrich.
»Sind wir bald fertig?«
»Immer noch nein.«
Nach einer Minute.
»Sind wir bald fertig?«
»Nein!«
Nach einer weiteren Minute.
»Sind wir bald fertig?«
Wütend schlug Kulfur mit allen vier Fäusten auf eine Apparatur, die er zertrümmerte.
»Nein!«, brüllte er. »Oh nein, was habe ich getan? Der Apparat ist beschädigt. Alles nur, weil du mich genervt hast!«
Im Inneren hörte Paladin den Siganesen Domino Ross lauthals lachen. Dann aktivierte Ross die Sprachsteuerung.
»Hör mal zu, alter Pelewon! Ich bin schließlich für das Militär zuständig und will endlich die Feinde vernichten. Da darf ich mich ja wohl erkundigen, wann du endlich fertig bist. Oder soll ich Torsor vorschlagen, dich durch einen Jüngeren mit etwas mehr Selbstbeherrschung zu ersetzen?«
Kulfur starrte Paladin entsetzt an. Ross übergab die Sprachsteuerung wieder dem Paladin und lachte sich kaputt. Immerhin gewannen sie mit dieser Taktik etwas Zeit.
Das endlose Warten machte Jonathan Andrews verdammt nervös. Sie saßen fest und konnten nichts tun. Alle Hoffnungen ruhten auf dem Paladin und den vier tapferen Siganesen.
Lydkor und Elyn hatten sich inzwischen um die beschädigten SAPHYR-Raumjäger, Space-Jets sowie die entropischen Raumfähren gekümmert.
Es war alles für einen Alarmstart bereit. Doch solange der Schutzschirm um die Raumstation aktiviert war, hatten sie keine Chance. Elyn setzte sich zu Jonathan. Sie schenkt ihm ein liebevolles, ehrliches Lächeln. Er genoss ihre Anwesenheit. Aber wahrscheinlich tat das jeder Mann.
»Was machen wir, wenn Paladin versagt?«, fragte sie schließlich.
Jonathan stieß einen Pfiff aus.
»Das wollen wir mal lieber nicht hoffen. Aber dann müssen wir in die Offensive gehen und die Kampfstation selbst vernichten.«
»Das werden wir nicht überleben.«
»Ich weiß …«
Es musste einen anderen Weg geben! Jonathan zermarterte sein Hirn, aber er kam auf keine andere Lösung. Im Nachhinein war es eine ziemlich blöde Idee gewesen, so einfach in die Raumstation zu fliegen. Gal’Arn wäre sicherlich nicht stolz auf ihn gewesen. Elyn stupste Jonathan an.
»Du machst dir Vorwürfe, oder? Wenn wir nicht so gehandelt hätten, wäre diese Kampfstation bereits im Internraum und das Schicksal der Konstrukteure des Zentrums wäre besiegelt. Wir haben Zeit gewonnen, Jonathan! Torsor traut sich noch nicht die Operation zu starten, solange er uns nicht ausgeschaltet hat. Das verschafft den vier Siganesen Zeit, um zu handeln.«
Elyns Worte gaben Jonathan etwas Mut. Sie schaffte es immer wieder, seine trüben Gedanken zu vertreiben. Eine Gabe, die nicht jeder Mensch besaß. Elyn war die gute Seele ihrer Mission. Gleich ob er, Gal’Arn oder Aurec zweifelten, es gelang ihr immer wieder, die Männer auf Kurs zu bringen. Elyn war sehr wertvoll für alle. Sie gab den Menschen Kraft und Hoffnung.
Lydkor und der drei Meter große Tertiärentrope Gervak gesellten sich zu uns. Lydkor strahlte seine gewohnte Arroganz aus.
»Unsere Truppen werden sich nicht auf eure Führung verlassen. In einer Stunde starten wir einen Angriff. Wir werden die komplette Sektion erobern.«
»Das ist doch Wahnsinn«, sagte Elyn. »Du schickst deine Männer in den sicheren Tod. Wir müssen den Siganesen mehr Zeit geben.«
»Wir vertrauen diesen Zwergenmenschen nicht. Sie sind bestimmt bereits tot. Mein Plan sieht zwei Angriffswellen vor. Ein Ablenkungsmanöver und ein Stoßtrupp in die Lüftungsschächte, von wo wir die Kommandozentrale und das Energiedepot suchen und vernichten.«
»Der Plan ist mutig aber auch zu gefährlich«, warf Jonathan ein.
Lydkor lachte abfällig.
»Ihr Terraner seid naiv. Glaubt ihr wirklich, dass die Bestien Wort halten und uns die volle Frist gewähren? Sie werden unverhofft angreifen, um uns zu vernichten! Wir müssen ihnen zuvorkommen!«
Lydkor ballte die Faust entschlossen.
Leider musste Jonathan ihm recht geben. Ihre Situation war prekär, denn auch er glaubte nicht daran, dass Torsor Wort hielt. Sobald sie ein Mittel fanden, wie sie die Energie umleiten konnten, würden die Bestien angreifen. Jonathan sah Elyn an.
Sie atmete tief durch, dann nickte sie.
»Also gut. In einer Stunde.«
Domino Ross erzählte dem Paladin von den Heldentaten des legendären Thunderboldt-Teams, das unter dem Kommando von Harl Dephin und Dart Hulos mehrmals die Menschheit rettete. Thor hörte diese Geschichte seiner Vorgänger gerne. Sie hatten viele Ruhmestaten begangen.
Paladin wollte seinen Vorgängern in nichts nachstehen. Das hier war seine Stunde, sein großer Moment, um Geschichte zu schreiben. Er wurde durch das laute Stapfen einer Gruppe von Bestien abgelenkt, die den Energiekontrollraum betraten.
Einer von ihnen trug einen schwer verletzten Entropen auf dem Rücken. Es war einer dieser haluterähnlichen Giganten.
»Den haben wir auf einem Patrouillengang erwischt«, sagte ein Moogh und warf den Haluterähnlichen auf den Boden. Dann packte er den Kopf und riss ihn mit einem lauten Knacken ab.
Er warf ihn auf den Boden und kickte ihn zu einem Pelewon. Dieser nahm den Kopf mit der Fußspitze auf, schnippte ihn hoch und hielt ihn wie ein Fußballer immer wieder oben. Dann schoss er ihn zum Nächsten, der per Kopf auf einen Moogh verlängerte. Paladin glaubte, nicht richtig zu sehen, aber es war ein waschechtes Fußballspiel entstanden. Mooghs gegen Pelewon.
Ein Moogh stürmte von hinten an den ballführenden Pelewon heran und krachte mit gestreckten Beinen in ihn rein. Er säbelte das rechte Bein des Pelewon mit einem widerlichen Knacken durch. Brüllend fiel der Pelewon zu Boden.
»Wow, das nenne ich eine echte Blutgrätsche«, kommentierte Domino Ross die Aktion.
Der Pelewon rächte sich, indem er den gerade aufstehenden Moogh mit dem Fuß ins Gesicht trat. Der Moogh spuckte blutend einige Zähne aus. Die Pelewon waren wieder in Ballbesitz und passten den Ball im »Mittelfeld« hin und her. Links stand einer frei. Er erhielt den Pass, nahm den Kopf mit der Brust an und stürmte auf das »Tor« der Moogh zu, dem Eingang zum Kontrollraum. Er flankte in die Mitte. Ein Pelewon ging mit dem Kopf zum Kopf des Entropen, während der Torwart der Moogh mit allen vier Fäusten voran, eine Abwehr anstrebte. Mit einer Faust erwischte er den Entropenkopf, mit den anderen drei Fäusten den Pelewon, der ächzend zusammen brach.
»Foul«, brüllte einer und es entstand ein Rudel. Pelewon und Moogh brüllten sich an und fingen an, sich zu prügeln.
»Wir müssen einschreiten, die können wir hier nicht gebrauchen«, sagte Domino Ross. Paladin stimmte ihm zu. Er ging zu ihnen, schnappte sich den »Ball« und legte ihn auf den Boden. Mit einem wuchtigen Tritt zertrümmerte er den Schädel des Entropen. Die Pelewon und Moogh starrten ihn entsetzt an.
»Unser Ball! Du hast unseren Ball kaputt gemacht«, sagte ein Moogh enttäuscht.
»Ihr erbärmlichen Maden! Es herrscht Krieg! Begebt euch sofort zu euren Kohorten! Ihr werdet eure Energie noch im Kampf gegen die Terraner und Entropen brauchen. Na los, sonst verprügle ich jeden einzelnen von euch!«
Ein Pelewon fing an zu lachen. Paladin stürmte intuitiv auf ihn zu, warf ihn zu Boden und hämmerte mit seinen Fäusten auf seine Brust. Dann ließ er vom ächzenden Pelewon ab.
»Noch jemand?«, fragte Paladin wütend.
Die Pelewon und Moogh machten sich schnell aus der Zentrale. Domino Ross lobte Paladins Einschreiten. Dabei fand Paladin, dass er überreagiert hatte. Er hätte den Pelewon beinahe getötet. Grundlos! Das war nicht richtig gewesen. Aber er machte sich keine Illusionen. Sie planten, die gesamte Raumstation zu vernichten und tausende Bestien damit in den Tod zu schicken.
Gab es dafür eine moralische Entschuldigung? Vielleicht, denn sie wollten ja diesen Krieg nicht. Sie mussten doch das recht haben, sich zu verteidigen? Wenn sie diese Raumstation nicht stoppten, würden Millionen Wesen sterben. Sie hatten doch keine andere Wahl. Paladin berichtete Domino Ross von seinen Gewissensbissen und Ross erklärte, er würde genauso fühlen.
»Wir Siganesen haben eine tief gehende Moral. Mir wäre es auch lieber, wir könnten die Bestien alle betäuben, entwaffnen und den Hintern versohlen. Doch leider kennen diese Wesen keine Gnade. Sie wollen töten und ein Lebewesen muss das Recht haben, sich dagegen zu wehren. Wir eleminieren keine Unschuldigen. Niemand hat die Bestien gebeten, soviel Leid anzurichten.
Obwohl die KdZ nicht unschuldig an der Situation sind. Es liegt viel im Argen in dieser Galaxie …«
Inzwischen kehrten David Golgar und Rosa Borghan zurück. Unbemerkt waren sie wieder in den Paladin gestiegen.
»Die Bömbchen sind platziert und können jederzeit gezündet werden. Dann bricht die komplette Energieversorgung zusammen«, meldete Rosa hörbar stolz.
Noch immer war Kulfur damit beschäftigt, die Energie im Hangar abzuschalten. Doch der alte Pelewon kam offenbar nicht weiter. Paladin stichelte natürlich hin und wieder, um den Alten abzulenken. Dann meldete sich Hermes Eisar.
»Torsor gibt den Befehl zum Angriff auf den Internraum. Es ist ihm jetzt egal, ob er ein Trojanisches Pferd in der Kampfstation hat. Er will die Entscheidung sofort herbei führen. Holt mich bitte ab, ich …«
Der Kontakt brach ab.
»Hermes? Hermes, melde dich!«, forderte David Golgar, doch Eisar antwortete nicht.
Ich lebe noch, schoss es Anya durch den Kopf.
Sie hing zwischen Lianen und starken Wurzeln. Über ihr der Nebel unter ihr die Finsternis. Sie war zwar noch am Leben, aber ihre Situation auch nicht viel besser. Außerdem war ihr kalt, denn sie trug nicht viel mehr als Tarzans Jane, nachdem die Eingeborenen sie »neu eingekleidet« hatten. Es knackte unheimlich. Irgendetwas flatterte über ihren Kopf hinweg. Die Angst war immer noch da. Anya versuchte sich zu bewegen. Ganz langsam wollte sie den Halt in diesen Lianen finden. Vielleicht schaffte sie es vorsichtig hinab zu klettern.
Das unheimliche Flattern und Knacksen umgab sie jedoch immer noch. Sie fragte sich, ob hier irgendetwas lebendiges war. Das beruhigte sie nicht unbedingt. Sie stieg behutsam immer weiter nach unten. Die Lianen trugen ihr Gewicht ohne Probleme.
Eine der Wurzeln war seltsam klebrig. Sie hatte Mühe ihren Fuß wieder loszubekommen. Anya hangelte sich seitlich entlang und klebte schon wieder an einer der Pflanzen. Sie riss sich los und betrachtete das Gestrüpp näher.
Sie verwünschte den Tag an dem sie hergekommen war!
Oh Nein! Nicht das! Das ist ein Netz. Keine ekligen, achtbeinigen Spinnen! Bitte nicht!
Sie hatte solche Angst vor diesen Viechern. Sie war mitten in ein Spinnennetz geraten. Von der Größe her zu urteilen, musste es von einer Großfamilie sein. Wahrscheinlich würden gleich überall, die kleinen beharrten Viecher aus ihren Verstecken kommen. Schon allein beim Gedanken daran, wurde Anya übel.
Sie kletterte vorsichtig weiter. Plötzlich baumelte neben ihr eine eingesponnene Larve. Die war aber ziemlich groß, ungefähr halb so groß wie sie selbst. Anya betrachtete das eingewickelte Rieseninsekt. Plötzlich öffnete es das eine Auge. Schreiend fiel Anya nach hinten und konnte sich erst nach einer Weile an einer Wurzel festhalten.
Über ihr fing plötzlich an, sich etwas zu bewegen. Und das war keine kleine Spinne. Das achtbeinige Ungetüm war doppelt so groß wie Anya und hielt direkt auf sie zu.
Sie ließ sich weiter nach unten fallen, doch die Spinne kam immer näher. So schnell konnte Anya nicht nach unten klettern, zumal sie gar nicht wusste, wie weit es noch bergab ging. Doch das Monster hatte sie bald eingeholt. Schreiend wich sie einem Hieb der Spinne aus, verlor den Halt und stürzte in die Tiefe. Unsanft schlug sie auf den Boden auf, der Gott sei Dank näher gewesen war, als sie dachte. Der Boden war furchtbar glitschig. Es war neblig und sie sah kaum etwas. Angst erfüllt rannte sie einfach los. Sie wollte nur vor der Spinne entkommen. Alles war besser als dieses Monster. Doch sie hörte das Knacksen und Krabbeln immer noch hinter ihr. Sie stürzte über einen Baumstamm und kam nicht wieder hoch. Erschrocken drehte Anya sich um und starrte auf die Spinne, die zum Sprung ansetzte.
Doch bevor sie Anya erreicht, griff eine riesige Pranke zu und zerquetschte das achtbeinige Monster. Anya blickte nach oben, doch was da vor ihr stand, war auch nicht viel besser. Das Wesen war mindestens fünf bis sechs Meter groß und hatte zwei große, monströse Augen in dem gewölbten Schädel sitzen. Es besaß vier Arme und trug ein hellbraunes Fell an vielen Bereichen des graufarbigen Körpers.
Sie fing an zu schreien doch das Monster gegenüber brüllte auch los. Sie versuchte wieder aufzustehen, doch kaum war sie oben, hatte das Wesen sie schon im Griff und hob sie langsam hoch. Er hielt sie direkt vor seinen Kopf. Verzweifelt versuchte Anya sich loszureißen, aber die Pranke des Monsters umfasste sie zu fest.
»Lass mich los, du ekliges Vieh! Bitte, lass mich los!«
Der Riese grunzte etwas unverständlich und ging einfach los. Anya gab ihren Widerstand auf. Offenbar wollte er sie nicht gleich verspeisen. Oder er hatte so eine Art Kühlschrank, in den er sie packen wollte. Die Finsternis machte ihr auch zu schaffen. Eigentlich liebte Anya Tiere, doch dieser Riesenhalbaffe oder Halbaffenhaluter war ihr nicht geheuer.
Endlich erreichten sie offenbar sein Lager. Er warf sie auf den Boden und setzte sich ein paar Meter weiter auf einen Stein. Anya erkannte, dass sie sich in einem Käfig befand. Rechts neben ihr war eine Art Eingang. Es sah künstlich aus, wie ein Torbogen. Doch es war mit Pflanzen überwuchert. Sie setzte sich hin, in der Hoffnung, dass dort nicht schon wieder irgendwelche Insekten krabbelten. Ihr Herz hörte kurz auf zu schlagen, als sie in die linke Ecke des Käfigs blickte. Da lagen jede Menge Knochen und Totenschädel. Damit bestätigte sich ihre Vermutung – sie war wahrscheinlich sein morgiges Frühstück. Anya drückte die Hände vor ihr Gesicht und fing an zu weinen.
»Sie lebt noch«, sagte Constance zum Erstaunen von Gal’Arn. »Ich fühle, dass da unten ein menschliches Wesen große Angst hat und in Schwierigkeiten ist.«
Gal’Arn kramte ein Ortungsgerät aus seinem Poncho und scannte den Abgrund. Er war 71 Meter tief. Einen Sturz hätte sie unmöglich überleben können. Doch jede Menge Pflanzen, Wurzeln, Lianen wucherten aus beiden Seiten des Abgrundes hervor. Womöglich war sie auf ihnen gelandet und hatte so überlebt.
»Du willst doch nicht?«, fragte Jaktar.
»Doch, wir haben keine andere Wahl. Wenn wir Anya retten wollen, müssen wir dort hinab.«
Constance fing an zu lachen.
»Ohne mich, das ist bestimmt eklig da unten. Da gehe ich nicht hin.« Sie drehte sich um und knallte mit ihrem Köpfchen gegen den Ast eines Baumes, taumelte nach hinten, purzelte über den Rand und fiel in die Tiefe.
Gal’Arn und Jaktar schauten sich verdutzt an.
»Sie hat wohl ihre Meinung geändert«, meinte der Ghanakke und befestigte einige Lampen am Rand.
Gal’Arn wies Rednil an, oben zu bleiben. Dann schwebten Gal’Arn und Jaktar langsam mit einem Antigrav herab. Constance lag in einem Dickicht aus Wurzeln, Ästen und Pflanzen. Ihr war nichts geschehen.
Gal’Arn rüttelte die Hexe der Entropen wach. An ihrem Kopf war ein blaurote Beule, aber sonst war sie in Ordnung.
»Wo bin ich?«
»Auf dem Weg in die Tiefe dieses Planeten. Halten Sie sich an uns fest, dann geschieht Ihnen nichts«, sagte Gal’Arn und half ihr hoch.
Jaktar spannte einen Schutzschirm um sie herum. Langsam glitten sie hinab, während Insekten am Schirm verpufften. Riesenspinnen und gigantische Motten wurden vom roten Schimmern des Paratrons regelrecht angezogen.
Nach einigen Minuten hatten sie den Boden erreicht. Jaktar deaktivierte den Schutzschirm. Gal’Arn leuchtete mit einer Lampe auf den Boden und die Seiten der Schlucht. Sie gingen weiter und fanden schließlich große Fußspuren.
»Den folgen wir.«
Das große Monster sah Anya seltsam an. Ihr war nicht wohl dabei. Wahrscheinlich überlegte es, mit welchen Gewürzen sie wohl am besten schmeckte.
Der Riese gab einen sanften laut von sich und legte sich vor den Käfig, den Kopf in Anyas Richtung gereckt. Mit zwei Fingern öffnete er das Gatter des Gefängnisses. Mit dem Zeigefinger machte er eine menschliche Geste. Er krümmte ihn mehrmals und deutete Anya damit an, dass sie rauskommen sollte. Die Terranerin war überrascht und zögerte zuerst, dann aber kam sie mit langsamen Schritten näher und näher zum Ausgang. Schließlich erreichte sie ihn, starrte den Riesen ungläubig an und ging aus dem Käfig.
Der Gigant seufzte und sah sie ganz seltsam an. Beinahe verliebt. Er grollte etwas, was sich wie »Atschinah« oder so anhörte. War das sein Name? Vielleicht bestand ja doch die Möglichkeit mit ihm zu kommunizieren.
Sie deutete auf sich und sagte ihren Namen. Dann zeigte der Gigant auf sie und sagte wieder »Atschinah.«
»Nein, Anya! Das andere klingt ja wie Schnupfen. Anya! Anya.«
Er schüttelte den Kopf.
»Atschinah.«
Anya gab es auf. Klang ja irgendwie ähnlich. Vielleicht bedeutete das ja was besonders schönes in seiner Sprache. Sofern er eine eigene hatte. Dann zeigte sie auf ihn.
»Und wer bist du?«
»Brok’Ton!«, antwortete er sofort.
Damit hatten sich die beiden vorgestellt. Anya wiederholte den Namen. Dann war das also dieser ominöse Brok’Ton, dessen Namen die Eingeborenen gesungen hatten. Ihm sollte sie also geopfert werden. Nun, sie hoffte, dass er sie jetzt nicht mehr essen wollte. Sie zumindest pflegte nicht vorher mit ihrem Essen zu sprechen.
»Atschinah …«
Viel zu sagen, hatten sie sich nicht, fand Anya. Aber wie auch, denn sie verstanden sich ja nicht. Dennoch besaß er einen Namen, das zeugte also von Intelligenz.
Brok’Ton riss mit zwei Fingern ein paar Blumen aus dem Boden und reichte sie Anya.
»Wie lieb, danke.«
Der Riese grunzte freundlich. Anya vermutete, dass er in ihr nichts zum Essen sah, sondern eher ein Haustier oder so was in der Art. Sie hoffte nicht, dass er in ihr so eine Art Geliebte sah. Er würde sie wahrscheinlich mit seiner Liebe dann im wahrsten Sinne des Wortes erdrücken.
Sie sah sich den Eingang näher an. Langsam ging sie darauf zu. Damit Brok’Ton nicht misstrauisch wurde, deutete sie auf den Torbogen. Gemächlich krabbelte auch er darauf zu.
Brok’Ton wirkte friedlich, schien Anya zu vertrauen. Sie sah eine Möglichkeit zur Flucht, doch schon überkam sie ein seltsames Gefühl, denn damit brach sie das Vertrauen des Riesen. Sie ging ein paar Schritte voran, um näher in den dunklen Korridor blicken zu können. Er war groß genug, damit der Gigant durchpasste. Brok’Ton folgte ihr schleichend. Anya ging Schritt für Schritt tiefer ins Dunkel, konnte kaum noch etwas erkennen, dann erkannte sie ein Licht. Sie lief darauf zu, verlor Brok’Ton aus den Augen.
Sie fand eine gewundene Treppe aus Stein. Was erwartete sie dort unten wohl? Hoffentlich nicht wieder Spinnen! Zögernd nahm sie Stufe für Stufe und es wurde immer heller. Endlich erreichte sie das Ende der Treppe und fand sich in einer großen, hell erleuchteten Halle wieder. Wände und Decke waren aus einem bronzefarbenen Metall. Überall standen Apparaturen und Statuen. In der Mitte befand sich eine Art übergroßer Sarg. Sie schaute sich die Maße genauer an. Zu ihrer Überraschung würde Brok’Ton wohl genau herein passen. Um den Sarkophag herum waren technische Apparaturen verteilt.
Sie stoppte, denn vor ihr lagen Knochen und zwei Totenschädel. In der Ecke entdeckte sie etwas glänzendes. Es sah aus wie ein Mensch. Sie ging darauf zu. Ein bronzefarbener Roboter saß in der Ecke. Behutsam tippte sie ihn mit dem Finger an, plötzlich fingen die Augen an zu leuchten und mit lautem Knarren stand er auf. Er sagte etwas in einer fremden Sprache. Anya schüttelte den Kopf.
Verstand sie denn niemand hier?
Nun sagte der Roboter etwas, was wie Zentrumsidiom klang, zumindest eine Form davon. Anya hatte, als sie damals im Quarterium war, alle Sprachen der assoziierten Völker via Hypnoschulung gelernt. Natürlich gehörte das Zentrumsidiom als Sprache der Bestien zu den wichtigsten Sprachen.
»Ihr versteht mich jetzt?«, fragte der Roboter.
»Ja, etwas. Wo bin ich hier?«
»Ihr befindet Euch auf dem Planeten Ednil, in der Galaxis Druithora«, antwortete der Roboter mit blecherner Stimme.
»Das weiß ich doch. Ich meine, was ist das hier für eine Einrichtung?«
»Oh, das ist das ewige Gefängnis des Ungeheuers Brok’Ton. Er wurde von Lilith persönlich hierher gebracht und in diesen Sarg gelegt. Ein Stasisfeld hüllte ihn in ewigen Schlaf.«
Das mechanische Wesen deutete auf den leeren Sarkophag. Allerdings war das Gefängnis doch nicht für die Ewigkeit erbaut worden.
»Brok’Ton steht aber da draußen. Was ist passiert?«
»Die Entitäten SI KITU und SOLMATH waren für die Inhaftierung in Kooperation mit den Kosmokraten verantwortlich. Sie schufen zwei Sicherheitsschaltungen. Eine war eine psychische Barriere für alle Chaosanhänger und finsteren Wesen.«
Das war es vermutlich, was Chadin zum Ausrasten brachte, vermutete die Terranerin. Offenbar war er nicht so nett, wie er vorgab.
»Die zweite Einrichtung war das Stasisfeld. Nur Wesen mit reinem Herzen durften es deaktivieren.«
»Wieso sollten sie so etwas tun?«, fragte Anya.
Der Roboter deutete auf die Skelette.
»Ein Liebespaar der Barlian hatte einst dieses Versteck entdeckt. Ihr müsst wissen, dass vor knapp einhundertfünfzigtausend Jahren der Planet Ednil von zwei Völkern bewohnt wurde. Den im Wasser lebenden Perlians und ihren Brüdern an Land, den Barlian. Beide lebten friedlich in Symbiose und niemand wusste etwas von dem uralten Geheimnis des Ewigen Gefängnisses. Nach einer Naturkatastrophe versank ein großer Teil der Kontinente im Wasser. Viele Barlian starben und das technisch hochstehend Volk baute sich unter dem Ozean eine neue Heimat auf. Andere besiedelten die Sterne.
Doch die Barlian degenerierten und sowohl Perlians als auch Barlian vergaßen einander. Die Nachkommen der Barlian lebten in Frieden und Harmonie, waren reinen Herzens und kannten nur das Glück.«
Anya fragte sich, wann der Roboter endlich zum Punkt kam. Die Geschichte von Wesen, die vor mehr als 150.000 Jahren lebten, interessierte sie angesichts ihrer prekären Lage nur bedingt.
»Ein junges Liebespaar, unschuldig und voller Liebe fand diese Anlage einst und betrat sie. Sie überstanden die Prüfung und erteilten mir den Befehl Brok’Ton freizulassen.«
»Aber wieso?«
»Mitleid, meine Dame. Sie wollten nicht, dass Brok’Ton auf ewig in einem Gefängnis sitzt. Doch als Brok erwachte, war er wütend und verwirrt. Er zerquetschte das Liebespaar und floh durch die Decke. Seitdem lebt er in dieser Region.
Die Nachkommen der Barlian traf es später schwer. Hungersnöte, eine instabile Erde, Fluten und Erdbeben. Die Kultur versank und übrig blieben die Primitivlinge oberhalb der Schlucht. Sie beten zu Brok’Ton und opfern ihm Frauen, damit er zufrieden ist.«
Nun verstand Anya die Zusammenhänge. Das Liebespaar hatte also einst aus Mitleid diesen kosmischen Verbrecher freigelassen und bezahlten ihren Großmut mit dem Leben. Und Anya sollte also ein Opfer sein. Ohne sie! Da machte sie nicht mit!
»Wie lange bist du schon hier, Roboter?«
»Seitdem das Gefängnis errichtet wurde. Nun eigentlich nur mein Datenspeicher, denn meine Hülle hält nicht ewig. Im Laufe der Jahrmillionen habe ich immer wieder eine neue Hülle konstruiert. Meine jetzige Form besteht seit 81.000 Jahren.«
Das war eine lange Zeit. Wie lange lag dieser Brok’Ton hier wohl? Sie stellte dem Roboter auch diese Frage.
»Viele Millionen Jahre, meine Dame. Seitdem bin ich hier und nur durch einige Sonden bin ich zumindest über die Ereignisse auf diesem Planeten teilweise unterrichtet. Es ist ganz schön öde hier, wenn ich mir die Bemerkung gestatten darf.«
Da konnte Anya ihrem neuen, künstlichen Freund nicht zustimmen.
Gal’Arn, Jaktar und Constance Zaryah Beccash hatten Anya Guuze inzwischen lokalisiert. Behutsam arbeiteten sie sich bis zu dem Lager eines Giganten vor.
»Der ist ganz schön groß!«, bemerkte Jaktar wenig geistreich.
Gal’Arn sah sich die Daten des Ortungsgerätes an. Das Wesen, welches am ehesten als Mischung aus einem Affen und Haluter zu bezeichnen war, hatte eine stattliche Größe von 6,75 Meter und eine Schulterbreite von 4,90 Meter.
Es besaß zwei Augen, aber auch sechs Extremitäten, also zwei Beine und vier Arme. Ob es eine Verbindung zwischen den Völkern von M87 und diesem Wesen gab?
Das Wesen kauerte vor einer Höhle. Nach den Ergebnissen der Abtastung befand sich Anya im inneren der Höhle. Sie konnte also diesem Ungetüm entkommen.
»Dort hinten befindet sich ein zweiter Eingang. Oder vielmehr ein Loch in der Decke der Höhle«, sagte Jaktar und deutete auf eine Anhöhe, die etwa fünfzehn Meter von ihnen entfernt war. Leise schlichen sich die drei dorthin. Gal’Arn achtete besonders darauf, dass die Hexe nicht wieder stolperte und Krach machte.
Der Ritter der Tiefe warf einen Blick durch den engen Schacht. Er sah einen hell erleuchteten Raum. Etwa zwanzig Meter unter ihnen stand Anya Guuze und unterhielt sich mit einem Roboter.
»Hey, Anya!«, rief er mit unterdrückter Stimme durch den Schacht. Er wollte auf keinen Fall dieses fremde Monster auf sie aufmerksam machen. Anya bemerkte sie und winkte ihnen zu. Gal’Arn ließ mit dem Antigravprojektor als erstes Constance langsam nach unten. Dann gab er Jaktar das Gerät.
»Du bleibst hier. Ich will mir angucken, was das für eine Station ist. Falls etwas schief geht, holst du uns raus.«
»Klaro, ich muss wieder hierbleiben. Allein und ungeschützt. So sterben die meisten Leute, ist dir das klar?«
Gal’Arn schüttelte den Kopf. Der Ghannakke ließ die Eselsohren hängen und aktivierte schließlich den Antigrav. Der Elare spürte, wie ihn ein wohliges Gefühl umgab, dann wurde er wie von Geisterhand nach unten abgelassen.
Anya fiel ihm sofort um den Hals.
»Ich dachte, ich verrotte hier. Danke, Herr Ritter, vielen Dank!«
Sanft löste er die Umklammerung und schob sie etwas von sich. Das war ihm doch etwas unangenehm.
Anya berichtete ihnen von den Erzählungen des Roboters und Brok’Ton. Dem Ritter war nicht wohl zumute, wenn dieses Wesen frei herumlief. Auf der anderen Seite war er immer noch gefangen, denn es gab für ihn keinen Weg aus dieser Welt.
»Wo ist diese Schaltung gegen Chaoten?«, wollte Constance wissen. »Wir müssen sie deaktivieren, damit Cauthon her kann. Gemeinsam können wir diesen Brok’Ton in sein Verließ zurückschicken.«
Gal’Arn gefiel diese Idee gar nicht. Doch Constance hatte recht. Zu viert schafften sie es nicht. Sie wussten ja nicht einmal, wie sie den Koloss in diese Höhle bringen sollten.
»Roboter, wir helfen dir, Brok’Ton wieder in sein ewiges Gefängnis zu sperren. Doch dafür musst du die Barriere deaktivieren. Wir müssen uns leider Kräften bedienen, die nicht so edel sind.«
»Ich verstehe, wie einst, als die drei Brüder in ihre Verliese gesteckt wurden. Nun gut.«
Der Roboter ging zu einem Pult, wischte die dicke Staubschicht weg und drückte einen Knopf. Dann drehte er sich wieder um und schwieg.
»Das war es schon? Ui, wie einfach. Na gut, ich ruf mal Cauthon an«, sagte Constance. Sie sendete eine Nachricht an Despair, dass er nun kommen könnte. Gal’Arn hatte ein ungutes Gefühl, denn was war mit den Fremden aus dem Raumschiff? Er war sich sicher, dass die sich auch bald zeigen würden.
Es war etwas geschehen! Der Paladin musste sofort in die Kommandozentrale. So schnell es ging, eilte er durch die Korridore und Schächte. Endlich erreichte er die Zentrale und salutierte vor den Generälen.
Torsor drehte sich um.
»Was gibt es, Thor? Ist der Wissenschaftler Kulfur erfolgreich?«
»Leider nicht. Ich fürchte, er ist der Aufgabe nicht gewachsen. Wir werden auf diesem Weg die Energieversorgung nicht destabilisieren können.«
Torsor lachte. Er hob den rechten oberen Arm. Die Hand war geschlossen. Langsam öffnete er sie. Entsetzt erkannte der Paladin, dass Hermes Eisar in der Hand saß.
»Oh nein!«, rief Rosa. »Wir müssen etwas tun!«
Paladin reagierte besonnen. Er musste einen kühlen Kopf bewahren. Absichtlich unterdrückte er die Schaltungen für seine Kontrolle. Die Siganesen hatten nun keine Möglichkeit mehr, ihn zu steuern.
»Was ist das? Ein kleiner Terraner?«
»Niedlich, nicht wahr? Man kann mit ihm spielen. Er quiekt, wenn man auf bestimmte Stellen drückt«, sagte Torsor amüsiert.
Dann wurde der Überpelewon wieder ernst.
»Woher kommt der kleine Spion? Er will es mir nicht sagen. Hast du eine Idee, Thor?«
»Nein, Herr!«
»Hm, es gab da mal einen künstlichen Haluter. Den Paladin-Roboter, der von kleinen Siganesen gesteuert wurde. So einer, wie der hier.«
Torsor stupste Eisar mit dem kleinen Finger an. Der Siganese schrie in Schmerzen auf. Paladin wollte ihm helfen, doch wie nur? Die drei Siganesen riefen und brüllten, er solle Eisar retten! Doch war ihnen nicht klar, dass damit die Mission gefährdet war?
Ein Pelewon meldete, dass sie kurz vor der Hohlsonne standen. Torsor gebot ihm zu schweigen. Offenbar war er mit seiner sadistischen Vorstellung noch nicht fertig.
»Wir sollten ihn verhören. Unter Drogen setzen, dann wird er reden«, schlug Paladin vor. »Ich übernehme das gerne.«
»Foltern? Ach wieso? Es gibt schnellere Mittel!«, meinte Torsor und drückte die Hand zusammen. Eisar schrie und schrie! Der Paladin zitterte und bebte am ganzen Körper, wollte einschreiten, doch das gefährdete die Mission. Er durfte nicht auffliegen! Eisar brüllte, doch Torsors Faust zerquetschte ihn, wie eine Fliege. Blut floss aus der Faust. Torsor starrte die ganze Zeit auf den Paladin, als ob er wusste, dass er es war! Dann öffnete er die Hand, ohne auch nur eines seiner drei Augen von Paladin zu nehmen. In seiner Handfläche war ein Brei aus Blut, Gedärmen, Knochen und Stoffen. Er ließ die Überreste von Hermes Eisar aus der Hand auf den Boden tropfen.
Die drei Siganesen im Inneren des Paladin standen unter Schock. Rosa Borghan weinte hemmungslos. David Golgar versuchte sie zu trösten. Domino Ross ging zu einer Konsole. Was hatte er vor? Dann nahm er den Zünder der Bomben und aktivierte ihn.
Der Alarm ging in der Zentrale los. Aufgeregt meldete ein Kohortenführer, dass die Energiestation explodiert sei. Der Schutzschirm brach zusammen. Die Notenergie wurde aktiviert, doch sie reichte nur für das Nötigste aus. Kein Antrieb, kein Schutzschirm, keine Offensivbewaffnung. Die Kampfstation war lahm gelegt.
Die Mission war erfolgreich gewesen. Doch um welchen Preis? Hermes Eisar war tot. Er war völlig unnötig gestorben. Torsor hatte den wehrlosen Siganesen erbarmungslos getötet!
Paladin hasste ihn dafür. Es war das erste Mal, dass er diese Emotion fühlte. Doch sie fraß ihn regelrecht auf. Er hätte ihn am liebsten angesprungen. Doch die anderen drei Siganesen durften nicht auch noch sterben. Zuerst musste er sie in Sicherheit bringen.
»Funktioniert der Funk noch?«, fragte Torsor wütend.
»Nein, Herr! Was sollen wir tun?«
»Schickt einen Boten an die quarteriale Flotte. Sie sollen uns evakuieren. Und greift mit allem was ihr habt die Terraner in dem Hangar an. Knackt den Schutzschirm. Da sie ein autarkes Energiesystem aufgebaut haben, dürfte dieser noch stehen. Bereitet meine Fähre vor und evakuiert das für den Angriff nicht benötigte Personal.«
Torsor stellte sich vor den Paladin.
»Und du, wer immer du auch bist, wirst an vorderster Front den Angriff führen, um mir deine Loyalität zu beweisen.«
Der Paladin verneigte sich. Doch so leicht würde Torsor nicht davon kommen. Er musste verhindern, dass der Überpelewon die Raumstation verließ. Der Paladin schwor sich, Torsor zu töten. Noch heute!
»Was war das?«, fragte Elyn, als ein gewaltiger Ruck durch die Station ging. Jonathan war klar, was passiert war. Die Siganesen waren erfolgreich gewesen.
»Die Energiestation ist explodiert. Also los, Arkonbombe klar machen und dann weg hier!«
Es dauerte zwanzig Minuten, dann war die Bombe scharf. Andrews stellte den Zünder auf zehn Minuten ein. Er war nur noch einen Knopfdruck vom Aktivieren der Bombe entfernt, als Lydkor aufgeregt den Angriff der Bestien meldete.
»Alle Energien auf den Schutzschirm. Bereit machen zum Rückzug. Nur schnell weg hier.«
Eine Explosion jagte plötzlich die nächste. Der Boden bebte.
»Die Bestien sprengen die halbe Raumstation weg, um den Schutzschirm zu knacken. Er wird überlastet ...«, meldete Lydkor und gab ein Zeichen an seine entropische Mannschaft.
»Wir halten die Stellung. Aktiviert die Bombe. Ich habe soeben ein Signal an meine Flotte gesendet. Sie greifen an. Damit wären die quarterialen Einheiten abgelenkt und ein sicherer Rückzug ist gewährleistet. Wir werden hier heldenhaft sterben.«
»Niemand bleibt zurück«, sagte Elyn entschlossen. »Deine Heldenspielerei nützt auch nichts. Wir drehen die defekten SAPHYR-Jäger um. Mit ihrer Offensivbewaffnung werden sie die Bestien erst einmal in Schach halten.«
Lydkor sah die Alyske seltsam an. Dann verneigte er sich.
»Wie du wünscht, Herrin. Frauen haben sowieso immer recht. So steht es geschrieben und so ist es.«
»Weichei«, murmelte Jonathan und aktivierte endlich die Arkonbombe. »Gefallen dir solche devoten Kerle, Elyn?«
Sie schmunzelte.
»Wird auf Dauer etwas langweilig, glaube ich. Na los, helft mir, die Jäger in Stellung zu bringen. Wir können sie mit dem automatischen Abwehrsystem unbemannt feuern lassen.«
Die LFT-Soldaten und Entropen machten sich an die Arbeit. Das überflüssige Personal machte die SAPHYR-Jäger startklar und begab sich in die Raumschiffe. Jonathan Andrews sah aus dem Hangar. Einige Rettungskapseln und Raumfähren verließen die Raumstation. Andrews sah eine große Anzahl quarterialer Supremoraumschiffe auf die Raumstation zufliegen. Das würde ein heißer Tanz werden!
Inzwischen war der Schutzschirm zusammengebrochen. Bestien stürmten durch die Korridore. Die Entropen und LFT-Soldaten setzten zum taktischen Rückzug an. Doch nun griffen auch die entropischen Schlachtschiffe an.
Andrews gab das Zeichen für die SAPHYR-Jäger und Fähren. Die Soldaten an der vorderen Front stürmten in den Hangar und stiegen in die Raumschiffe. Kaum hatte die erste Bestie den Hangar betreten, eröffneten die Geschütze der nicht mehr flugtauglichen Raumjäger das Feuer. Jonathan konnte kaum etwas erkennen. Nur Feuer und Rauch. Elyn packte ihn am Arm und zog ihn mit.
Lydkor stieg in eine entropische Fähre und nickte Jonathan kurz zu. Der Entrope hatte doch mehr Schneid, als der Terraner dachte. Dann stieg Andrews in den letzten Raumjäger. Elyn, sieben Terraner und zwei Entropen folgten ihm.
»Alle an Bord? Wird etwas eng, aber geht sicherlich schon.«
Elyn setzte sich neben ihn.
»Dann los!«
»Hey, ich bestimme, wann es losgeht. Bin nicht so ein Frauenversteher wie dieser Lydkor!«
Elyn lachte herzlich.
»Ich glaube, der versteht eine Frau bestimmt nicht. Also liebster Herr der Schöpfung. Würdest du mein unbedeutendes Flehen erhören und uns von dieser zur Vernichtung verdammten Station fliegen?«
Jonathan musste lachen. Das gefiel ihm.
»Ja, warum nicht gleich so.«
Er startete das Triebwerk, gab vollen Schub und brauste aus dem Hangar. Vor ihm spielte sich das Raumgefecht zwischen dem Quarterium und den Entropen ab. Die SAPHYR-Jäger und entropischen Raumfähren beteiligten sich nicht, sondern bereiteten den Hyperraumflug vor.
Jonathan blickte auf sein Chronometer. Es waren noch fünf Minuten bis zur Explosion.
»Was ist wohl aus den Siganesen geworden?«, fragte Elyn bedrückt.
»Mit etwas Glück sind sie auf einer der Rettungskapseln. Sie wissen, worum es geht. Wir sehen sie bestimmt wieder.«
Doch Jonathan Andrews wollte der Alyske nur Mut machen. Er selbst glaubte nicht mehr daran noch einen der vier Siganesen jemals lebend wiederzusehen.
Anya war froh, dass Gal’Arn bei ihr war. Dieser Hexentussi vertraute sie jedoch nicht. Sie wirkte zwar freundlich, war aber überzogen peinlich und ihrer Meinung nach nicht ehrlich. Dieses ständige »Cauthon hier« und »Cauthon da« machte sie auch stutzig. Sie dachte eigentlich, dass die Entropen fanatische Gegner des Quarteriums seien, doch diese Constance war ja ganz hin und weg, wenn es um Cauthon Despair ging.
Nun starrte Constance sie die ganze Zeit an.
»Ist was?«, fragte Anya schließlich genervt.
»Du erinnerst mich an meine Lehrmeisterin. Du kennst sie wahrscheinlich nicht, oder?«
»Nein! Offenbar erinnere ich jeden an irgendjemanden. Dieser Brok’Ton nennt mich auch die Ganze Zeit immer Atschinah!«
Constance musterte Anya abfällig. Es war eindeutig, dass beide sich nicht sonderlich mochten.
»Du siehst Aynah sehr ähnlich. Sogar der Name klingt fast so. Es ist seltsam, denn Aynah war weise und nicht so schnippisch wie du. Nun ja, wie auch immer.«
Wie bitte, fragte sich Anya? Was hatte die eben über sie gesagt? Schnippisch? Das sagte die Richtige! Diese tollpatschige Hexe! Es kam Anya jedoch schon unheimlich vor, dass sie offenbar einige Fremde sich an sie erinnern konnten oder vielmehr mit jemanden verwechselten. Ob Atschinah und Aynah dieselbe Frau war?
Gal’Arn kam wieder zurück in die große Halle.
»Brok’Ton wird unruhig. Despair und seine Leute sind bald da. Anya, ich fürchte Sie müssen wieder raus und den Riesen beschäftigen.«
Auch das noch! Das verlangte er doch nicht wirklich von ihr? Sie war froh, nicht mehr in der Gewalt von stinkenden Eingeborenen und beharrten Überhalutern zu sein und nun das! Widerspruch war jedoch bestimmt sinnlos. Also fügte sie sich in ihr Schicksal.
Zögerlich und mit größtem Unbehagen schritt sie langsam zur Treppe. Gal’Arn hielt sie sanft am Arm fest.
»Keine Sorge, wir sind ständig in Ihrer Nähe. Jaktar und ich passen auf Sie auf.«
Er schenkte ihr ein warmes Lächeln. Sie vertraute dem edlen Ritter der Tiefe. Sie spürte, dass er sie nicht im Stich lassen würde. Sie ging die Treppe hoch, durch den dunklen Korridor und sah den Koloss unruhig vor dem Tor herumstampfen.
»Hey, hier bin ich.«
Grunzend drehte sich Brok’Ton um. Er ließ sich auf seine vier Arme nieder und senkte den Kopf. Sie glaubte, ein Lächeln umspiegelte seine Lippen. Sie war sich nicht sicher, wie intelligent das Wesen war. Eines war jedoch eindeutig: Es mochte Anya sehr. Oder vielmehr Atschinah. Solange es glaubte, sie sei diese Person, war alles gut.
»Hast du dir Sorgen um mich gemacht? Das ist aber süß. Aber du musst mir schon etwas Freiraum lassen. Zu viel Klammern ist nicht gut, weißt du?«
Sie fragte sich, was sie da eigentlich für Stuss faselte. Aber Brok’Ton verstand das sowieso nicht. Vielleicht beruhigte ihn ja ihre Stimme. Sie setzte sich an den Rand des Eingangs. Brok’Ton überreichte ihr langsam ein paar mehr oder weniger hübsch zusammen gezupfte Pflanzen und Unkraut. Behutsam hielt er es mit zwei der sechs Fingern seiner linken, unteren Hand Anya entgegen.
Sie fühlte sich jetzt gerührt. Er hatte ihr Blumen gesammelt. Oder zumindest Grünzeug.
»Danke«, sagte sie. »Das ist sehr lieb.«
Sie seufzte. Was war Brok’Ton für ein Wesen? War diese Kreatur wirklich so böse? Er wirkte einfältig, eher wie Frankensteins Monster oder King Kong. Letzterer passte auch deutlich zur Statur des Giganten.
Plötzlich zuckte ein Energieblitz auf Brok’Ton! Er brüllte auf und starrte über Anya. Sie sprang auf und lief zu ihm. Nun konnte sie auch auf dem Hügel zwei Pelewon, drei quarteriale Soldaten und Cauthon Despair erkennen.
»Nein!«, rief sie, doch niemand hörte auf sie.
Brok’Ton stürmte los. Beinahe hätte er Anya über den Haufen gerannt, doch sie warf sich zum sicheren Eingang. Als Brok’Ton auf dem Hügel war, kroch sie hervor und sah dem Kampf zu. Brok’Ton fegte die drei quarterialen Soldaten einfach weg. Der eine Pelewon stürzte sich auf ihn und umklammerte ihn mit seinen vier Armen. Die zweite Bestie griff von vorne an. Brok parierte die Schläge des Vorderen mit dem unteren Armpaar. Mit dem oberen Armen griff er nach dem Pelewon an seinem Rücken und warf ihn vorne über. Der zweite Pelewon wollte nachsetzen, doch Brok packte die Arme und riss ihm den rechten oberen Arm aus. Dann packte er die Bestie und warf sie in den Abgrund. Er stürzte sich auf den zweiten Pelewon, der immer noch am Boden lag und hämmerte mit seinen vier Fäusten auf ihn ein. Immer wieder und wieder, bis der Pelewon regungslos liegen blieb. Der andere Pelewon war inzwischen wieder auf dem Hügel. Brok packte ihn, schleuderte ihn hoch und warf ihn zu Boden. Dann hob er ihn hoch, stemmte ihn über sich und brach mit einem lauten Knacken das Rückgrat des Pelewon. Brüllend warf er ihn erneut in die Tiefe. Diesmal würde er nicht noch einmal wiederkommen.
Die drei quarterialen Grautruppen schwebten nun einige Meter über ihn mit ihren Gravopacks und feuerten mit Stoggsäure auf den Giganten.
»Hört auf!«, rief Anya.
Endlich schien sie jemand zu hören. Cauthon Despair war den Hügel hinab geklettert. Auch Gal’Arn, Jaktar und Constance waren inzwischen bei ihr.
»Fesselfeld aktivieren«, befahl Despair über Interkom. Ein Grautruppler flog weg. An den Rangabzeichen erkannte Anya, dass es sich vermutlich um Major Korral, den Befehlshaber der 501. Division handelte. Er landete etwa zehn Meter von Brok entfernt, baute eine Apparatur innerhalb weniger Sekunden auf und aktivierte sie. Plötzlich umgab ein grünes Feld Brok. Er windete sich brüllend und schreiend darin. Er musste Angst haben!
Die beiden anderen Soldaten landeten und bauten einen Antigrav auf. Dieser hob Brok einige Meter in die Luft. Nun war er vollständig hilflos. Technik hatte über rohe Gewalt gesiegt.
»Geht es dir gut, Anya?«, fragte Cauthon Despair.
»Ja, besser als ihm. Quält ihn nicht so. Er hat bestimmt schreckliche Angst.«
»Das ist eine Bestie!«, antwortete Despair.
»Auch die hat Gefühle. Ich kenne noch eine Bestie mit ziemlich vielen Gefühlen.«
Cauthon verstand offenbar Anyas Anspielung auf seine Person. Er befahl Major Korral, das Fesselfeld etwas zu weiten und Brok wieder auf den Boden herabzulassen. Er hatte nun etwas Platz, um sich zu bewegen.
»Major, bringen Sie mehr Truppen hierher. Und ein großes U-Boot. Wir müssen diesen Giganten fortbringen.«
Anya gefiel das ganz und gar nicht. Auch Gal’Arn war eindeutig dagegen. Er warnte Despair.
»Wir wissen nicht, was für ein Geschöpf dieser Brok’Ton ist. Es hat sicherlich seinen Grund, dass Hohe Mächte ihn vor Äonen in dieses Gefängnis gesteckt haben.«
Mittlerweile trafen auch Perlians ein. An ihrer Spitze waren Rednil und Chadin. Anya mochte Chadin nicht, denn der war nicht ohne Grund durchgedreht, als die Psychobarriere noch aktiv war.
»Es ist also wahr«, sagte Chadin. »Eine Welt unter unserer Welt und die Urbestie steht vor uns.«
»Urbestie?«, wiederholte Gal’Arn!
Chadin nickte.
»Seht ihr nicht die Ähnlichkeit? In den Legenden heißt es, dass Brok die Urbestie ist. In sehr geheimen Legenden, dessen Existenz nur wenige kennen.«
»Und ausgerechnet der Tourismusminister kennt die?«, fragte Cauthon Despair misstrauisch.
»Ich … ich bin ein Diener von Taruntur. Ein treuer Diener der Konstrukteure des Zentrums!«
Chadin gab den Perlians ein Zeichen. Sie hoben ihre Waffen und waren den vier Quarterialen zahlenmäßig weit überlegen.
»Dieses Wesen wurde von Konstrukteuren des Zentrums vor mehr als 70.000 Jahren entdeckt. Das letzte Mal, dass ein Wesen die untere Welt betrat. Sie nahmen Genmaterial und mischten es mit der DNS der Skoars. Heraus kamen die Bestien. Die rohe Gewalt von Brok und die Intelligenz der Skoars.
Aus welchen Gründen auch immer, verzichteten die Konstrukteure damals darauf, Brok zu töten. Der Zugang zur Unterwelt wurde versiegelt und geriet in Vergessenheit.«
Eine fantastische Geschichte. Brok war somit Mitvater der Bestien. Er hatte keine schönen Kinder in die Welt gesetzt, fand Anya. Trotzdem tat er ihr jetzt leid.
»Brok ist mitverantwortlich für die Seuche der Bestien. Nun muss er endlich sterben. Despair, verengen sie das Fesselfeld. Töten Sie ihn! Sonst töten wir Sie und Ihre Freunde.«
»Eigentlich sind wir ja keine Freunde«, meinte Jaktar und wedelte aufgeregt mit den Ohren.
Töten? Nein! Das durften sie nicht. Doch was konnte sie dagegen tun? Nichts. Anya waren die Hände gebunden. Hilfe suchend starrte sie Gal’Arn an. Er erwiderte ihren Blick und ging zu Chadin und Rednil.
»Ethische Gesetze des Universums verbieten den Mord an einem wehrloses Wesen. Das gilt auch für Brok’Ton. Ich appelliere an Sie als Ihr Verbündeter im Kampf gegen das Quarterium. Lassen Sie ihn am Leben.«
Chadin sah Gal’Arn verächtlich an. Zumindest sah es so aus. Anya wusste eigentlich nichts über die Mimik der Perlians.
»In der Tat sollte Brok’Ton am Leben bleiben. Sonst ist das eure verwirkt.«
Wer sagte das? Erschrocken drehte sich Anya um. Ehe sie sich versah, blitzten Gewehrmündungen auf. In einem Hagel von Energiesalven fielen die Perlians nieder. Despair zog sein Schwert. Rednil ergab sich, während Chadin davon lief. Auf dem Boden sah Anya den Schatten eines gigantischen Schiffes. Sie blickte in die Luft. Dort schwebte eine riesige Fledermaus, packte den Perlian und riss ihn empor. Dann ließ er ihn einfach in die Tiefe fallen.
Aus dem Gebüsch stürmten Zentauren mit schweren Waffen und umstellten die Gruppe. An ihrer Seite waren zähnefletschende Wolfswesen mit sechs Armen. Das Fledermauswesen landete direkt vor ihnen.
»Niemand krümmt meinem Bruder auch nur ein Haar.«
»Und nun öffnet das Fesselfeld, Terraner. Ich fordere es höflich und friedlich«, sagte das Fledermauswesen.
Anya stellte sich hinter Gal’Arn. Despair gab Major Korral und seinen beiden Männern ein Zeichen. Sie öffneten das Fesselfeld. Das Fledermauswesen flog zu Brok. Der Riese war völlig ruhig. Langsam kletterte er den Hügel herunter und baute sich grollend vor der Gruppe auf.
Ausgerechnet Constance Zaryah Beccash trat aus der zweiten Reihe hervor und blickte Brok und das Fledermauswesen an.
»Ich habe euch gespürt. Ihr seid aus einem Fleisch. Ihr seid Riffaner!«
»Korrekt, Gnädigste! Darf ich mich vorstellen? Ich bin Cul’Arc, Bruder des Nistant. Und dies ist Brok’Ton. Auch ein Bruder.«
Die Familienähnlichkeit bestand aber nur entfernt, fand Anya.
»Ihr wollt Brok’Ton mitnehmen. Doch er bringt viel Leid mit sich. Das dürft Ihr nicht tun, Cul’Arc«, sagte Constance.
Sie stellte sich entschlossen vor das Fledermauswesen. Offenbar hatte sie mehr Mut als Anya dachte. Cul’Arc musterte die Hexe. Er ging um sie herum. Anya bemerkte, dass Despair sich nervös auf der Stelle bewegte, die Hand um den Griff des Schwertes gekrampft.
»Du bist schöner als deine Gefährtin in Siom Som. Diese Niada ist ein wahres Miststück. Ich frage mich, wieso ihr mit soviel Hass gegen uns kämpft. Unsere Völker sind uns niemals begegnet.«
»Ist das so?«, fragte Constance. »Wir Hexen sind die Töchter von Lilith. Wir sind Bewahrerinnen der Gefängnisse. Nie wieder darf er auferstehen. Niemals!«
Cul’Arc wirkte erstaunt. Er sah zu Brok’Ton herüber. Der Gigant grollte unfreundlich.
»Lilith?«, murmelte Cul’Arc. »Und SIKITU. Das ergibt einen Sinn. Die unbeugsame Dämonin verfolgt uns sogar nach ihrem Tode. Doch wir haben ihr eines voraus. Wir werden auferstehen!«
Constance verdrehte die Augen und fing an zu zittern. Ihr Körper pulsierte, blubberte und verformte sich. Flügel wuchsen aus ihrem Rücken, Hörner aus ihrem Kopf.
Unbeeindruckt verpasste Cul’Arc ihr seine Faust in ihr Gesicht. Sie transformierte sich zurück und fiel bewusstlos zu Boden.
»Den Trick hat deine Gefährtin besser drauf, Hexlein. Möchte uns sonst noch jemand hindern?«
Cul’Arc blickte Cauthon, Gal’Arn, Jaktar und Anya herausfordernd an. Alle schwiegen, bis Gal’Arn sich zu Wort meldete.
»Was geschieht nun?«
»Habt keine Furcht. Wir hegen keinen Groll gegen die Terraner. Im Gegenteil. Ich habe vor kurzem einige sehr nette Exemplare von euch kennen gelernt. Roi Danton und seine Gefährten. Sie wurden von den Entropen entführt.«
»War auch eine blonde Frau mit dem Namen Nataly bei ihnen?«
»Ja, besonders zickig und temperamentvoll. Eine Freundin dieser Kathy Scolar. Bezaubernde Frau. Ihr Schicksal ist ungewiss, da wir getrennt wurden. Sie sind vermutlich irgendwo im Riff gestrandet. Ich…«
Cul’Arc blickte Anya plötzlich seltsam an. So, als hätte er einen Geist gesehen. Noch so einer, dachte sie. Cul’Arc sah zu Brok herüber, der zufrieden grunzte.
»Atschinah!«, sagte Brok dumpf.
»Das ist unmöglich. Nein, undenkbar. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Tashree, Zigaldor!«
Ein Zentaure und ein Wolfswesen traten aus den Reihen der Riffaner hervor. Beide starrten Anya beinahe ehrfürchtig an. Sie fragte sich, was hier vorging?
»Bereitet alles zur Wiedergeburt vor!«
Es war unmöglich noch zu den Terranern vorzustoßen, also entschied sich der Paladin zu einem anderen Hangar zu gehen. Domino Ross, David Golgar und Rosa Borghan protestierten gegen seine Eigenmächtigkeit, doch er sah keine Alternative.
Torsor durfte nicht entkommen. Wenn Jonathan Andrews alles richtig gemacht hatte, war die Arkonbombe scharf und der Countdown lief. Paladin rannte auf allen Sechsen durch die dunklen Korridore. Die Dunkelheit bereitete ihm keine Probleme, denn seine Augen konnte er auf Nachtsicht umschalten. Er wusste genau, wo er hin musste. Ihm war bekannt, wo sich der Supremoraumer von Torsor befand. Schließlich war er mit dessen Raumschiff auch an Bord der Raumstation gelangt.
Nach fünf Minuten hatte er den Hangar erreicht. Die Triebwerke des Supremoraumschiffes surrten bereits. Die letzten Bestien stiegen ein. Hastig eilte Paladin zu ihnen und reihte sich ein. Keine sprach ihn darauf an. Wortlos stieg er in das Raumschiff und verschloss die Luke hinter sich. Er gab das Signal an einen Offizier, dass er der letzte war.
Das Raumschiff hob ab und verließ die Raumstation. Nur weitere fünf Minuten später explodierte die Kampfstation MODRORs.
Die Bestien waren geschockt. Andere bewunderten Torsors Weitsicht, schnell zu evakuieren. Wo war Torsor? Er musste sich in der Kommandozentrale befinden. Paladin wollte am liebsten direkt dorthin, doch er musste besonnen handeln.
Noch immer galt den Siganesen seine oberste Priorität. Sie mussten überleben. Das war noch wichtiger als Torsors Tod. Auf der anderen Seite bot sich hier eine einmalige Chance. Es herrschte Chaos und der Paladin war stark genug, um Torsor zu töten. Daran glaubte er fest! Wenn er es heute schaffte den Herren der Bestien zu vernichten, würde das eine Wende im Krieg bedeuten. Das Quarterium würde das Interesse am Krieg in M87 verlieren und abziehen. Das würde die restlichen Bestien verstimmen und der ehemalige Bund der Vier würde zerbrechen. Der Tod eines einzelnen Tyrannen konnte soviel bewirken.
Paladin scannte das 100 Meter Raumschiff ab. Es befanden sich vierzehn Pelewons, sieben Mooghs und Torsor an Bord. Er konnte es unmöglich mit allen 22 Bestien aufnehmen. Das war selbst für ihn zu viel. Oder vielleicht nicht? Immerhin besaß er ein eingebautes MHV-Geschütz und zehn Raketen, je fünf mit Stoggsäure und Sprengsätzen. Dazu war an seinen Schultern je ein Intervallstrahler eingebaut.
Er konnte viele mit in den Tod nehmen, aber alle? Paladin fiel eine List ein. Der Großteil der Bestien befand sich im Mannschaftsraum. Wenn es ihm gelang, diesen zu vernichten, waren die Karten neu gemischt. Es war nun Zeit, sich von den Siganesen zu verabschieden.
»Freunde, unsere Wege trennen sich nun«, sagte Paladin traurig aber mit dem nötigen Nachdruck.
»Was? Unmöglich! Was hast du denn vor?«, wollte David Golgar wissen.
Paladin erklärte den drei Winzlingen sein Vorhaben.
»Ich werde Torsor vernichten. Doch dieser Kampf wird brutal und schrecklich. Ihr würdet auch dabei sterben und das will ich nicht. Nehmt eure kleine Mini-Jet und kehrt damit nach Point Odysseus zurück. Ihr könnt mir hier nicht helfen.
»Also gut«, stimmte Domino Ross zu. »Doch es wäre mir lieber, wenn wir alle heil nach Point Odysseus fliegen würden. Wir könnten doch eine Bombe detonieren?«
»Ihr habt alle Bomben bereits verbraucht. Um den Mannschaftsraum mit einem Schlag zu vernichten, muss ich die Ressourcen des Raumschiffes nutzen. Ich muss das Schiff von innen heraus zerstören. Nur so können wir Torsor töten!«
»Mir gefällt das nicht«, gestand Rosa Borghan.
»Ihr habt keine andere Wahl. Wenn ihr bei mir bleibt, sterbt ihr.«
Domino Ross gab David Golgar und Rosa Borghan ein Zeichen. Sie begaben sich in ein unteres Deck und setzten sich in die Space-Jet. Paladin war erleichtert, dass die Winzlinge einsichtig waren. Er begab sich auf dem V. Deck zur Schleuse. Der Paladin riss sich ein Loch in die Kombination, dann öffnete sich die Luke an seinem Bauch. Die siganesische Mini-Jet flog in die Schleuse. Paladin schloss diese und aktivierte die Außentür. Die Jet wurde durch den Druck in den Weltraum geschleudert. Nach einer kurzen Orientierungsphase steuerte das Raumschiff in den tiefen Raum, Kurs Point Odysseus.
Jetzt musste sich der Paladin beeilen, denn sicherlich war die Flucht der Siganesen den Bestien nicht verborgen geblieben. Er hastete in das X. Deck – zu den Mannschaftsräumen.
Er vergewisserte sich, dass die zwölf Bestien dort drinnen waren. In dem großen Raum schliefen oder dösten die Pelewon und Moogh vor sich hin. Einige stritten sich, rangen miteinander. Paladin stellte sich neben die Eingangstür des Quartiers und öffnete den links befindlichen Bordrechner. Er manipulierte die Energieversorgung zum Mannschaftsquartier. Durch die Lüftungsschächte blies er Methan in den Raum. Die Bestien würden den Unterschied nicht merken, sie waren nur bedingt auf Sauerstoff angewiesen.
Jedes Supremoraumschiff, auch die Typen der Bestien, verfügte jedoch über eine Sauerstoffversorgung. Der Grund dafür war einfach. Quarteriale Gäste sowie Sauerstoff oder Methan atmende Gefangene. Die Luft war nun im wahrsten Sinne des Wortes brenzlig. Nun trat er ein paar Schritte zurück, aktivierte die Raketen und feuerte eine ab. Sie durchbrach die Tür und explodierte im Quartier. Durch das Gas entstand eine gewaltige Feuersbrunst, die die Mooghs und Pelewons in den Tod riss.
Paladin rannte los. Sein nächstes Ziel war die Energieversorgung, dort wo Metagrav- und Impulstriebwerk sowie die Kraftwerke für die Schiffsversorgung zusammen liefen.
Inzwischen gellte ein lauter, schriller Alarm durch das Raumschiff. Paladin musste nun aufpassen, denn die Bestien waren gewarnt. Nach einigen Minuten hatte er den Maschinenraum erreicht. Vier Bestien befanden sich dort drinnen. Er feuerte sofort die restlichen drei Raketen auf den Kern des Reaktors ab.
Die Pelewon griffen an. Zwei von ihnen vergingen in der Reaktorexplosion. Das Licht flackerte und ein Ruck ging durch das Raumschiff. Es verlor an Fahrt.
Ein Pelewon stürmte auf Paladin zu und packte ihn. Der andere feuerte unentwegt und zerschmolz Paladins linke Schulter. Der eine Intervallstrahler war vernichtet. Paladin packte den angreifenden Pelewon, hob ihn hoch und warf ihn gegen die Wand. Dann feuerte er mit Interverallstrahler und MHV-Geschütz auf den zweiten Pelewon. Der Energieschlag zerstrahlte die Bestie innerhalb weniger Sekunden.
Er hatte keine Zeit sich zu vergewissern, ob der andere Pelewon auch tot war. Nun kannte Paladin nur noch ein Ziel: Die Kommandozentrale des Raumschiffes. Denn dort war Torsor.
Um eine Abkürzung zu nehmen, durchbrach er die Decken. Insgesamt siebenmal, dann hatte er die Ebene der Zentrale erreicht. Er rannte auf die Tür der Zentrale zu, sie öffnete sich und vier Pelewon liefern feuernd heraus. Paladin aktivierte seinen Individualschutzschirm und schaltete auf das Triebwerk um. Mit voller Geschwindigkeit brauste er auf die Bestien zu, in den Händen hielt er Strahler und schoss. Auch seine noch beiden intakten Kanonen feuerten.
Dann kollidierte er mit den Bestien und der Nahkampf begann. Wie in Rage schlugen und prügelten sich die Bestien mit ihm. Eine war schon tot, dann schlug Paladin mit seiner Faust durch die Brust der Zweiten. Die anderen beiden hämmerten auf ihn ein. Sein Schutzschirm war zusammen gebrochen und auch der zweite Intervallstrahler war zerstört. Mit dem unteren Arm erreichte Paladin den Gürtel, an dem sich zwei Granaten befanden. Mit der linken Hand des Laufarmpaares riss er die Granate vom Halfter und stopfte sie dem Pelewon in das breite Maul. Dann stieß er ihn weg. Die Granate explodierte und zerriss die Bestie innerlich.
Nun war nur noch eine übrig. Sie packte Paladins unteren linken Arm, in der er die zweite Granate hielt. Sie riss daran und Paladin spürte, wie der Pelewon, ihm den Arm aus dem Gelenk riss. Dann detonierte die Granate und schleuderte beide weg.
Der Paladin war kurz orientierungslos. Dann sah er, dass die Bestie bewusstlos war. Sein linker, unterer Arm hing schlaff herunter, war nicht mehr funktionsfähig. Sein Bauch war aufgesprengt und auch das linke Bein war arg in Mitleidenschaft gezogen. Paladin, nein Thor spürte Schmerzen, doch der Drang zu Torsor zu gelangen, war größer! Er warf sich gegen die Tür der Kommandozentrale und durchbrach sie. Krachend fiel er zu Boden. Langsam stand er auf und blickte zu Torsor hoch.
»Respekt, Paladin.«
Dann packte Torsor den künstlichen Haluter und hob ihn hoch. Er blickte in die Augen des Paladin, schien etwas zu suchen.
»Wo sind sie? Wo haben sich die Zwerge versteckt?«
»Sie sind nicht mehr bei mir. Die Siganesen sind in Sicherheit. Ich bin allein hier, um mit dir abzurechnen!«
Mit voller Wucht warf Torsor den Paladin gegen die Wand. Paladin drückte die Wand beinahe durch. Erschöpft sank er zu Boden. Immer mehr Apparaturen versagten ihren Dienst. Der Kontakt zur rechten Schulter war abgebrochen.
Nur mühsam konnte er den rechten oberen Arm noch bewegen. Beinahe unkontrolliert stand er wieder auf.
Torsor lachte über ihn.
»Wahrlich ein Wunderwerk der Technik. Eine künstliche Bestie ist nichts ungewöhnliches. Und du hast sogar eine eigene Seele. Doch wieso wendest du dich gegen dein Volk?«
»Mein Volk?«, fragte Paladin irritiert.
»Ja, du bist einer von uns. Du siehst aus wie eine Bestie und du bist ein Individuum. Dein Platz ist auf unserer Seite. Denkst du, die Siganesen oder Terraner werden dich akzeptieren? Überlege doch, was du für sie bist. Nichts weiter als ein Killer! Soll das deine Bestimmung sein? Erschaffen, um zu morden?«
Paladin wollte nicht darüber nachdenken, doch Torsors Worte hallten durch seinen Kopf. Er war bisher noch nicht dazu gekommen, um über den Sinn des Lebens nachzudenken. Doch Torsor hatte recht. Paladin war nichts weiter als eine künstlich hergestellte Waffe. Er diente nur einem Zweck: Die Bestien zu töten! Wieso hatten sie ihm dann eine Seele verpasst? Das war ziemlich hinderlich.
»Du musst nicht sterben. Schließe dich uns an. Trete in die Familie der Pelewon und Moogh ein. Nimm dein Schicksal an! Auch unsere Vorfahren haben sich geweigert, die Mörder der Konstrukteure zu sein. Sie wurden dafür bestraft und kämpfen seit mehr als 70.000 Jahren um ihre Freiheit.
Wir wollen doch nur unser Recht in M87 leben zu dürfen.«
Torsors Worte waren schön, doch sie waren vergiftet, wie der Biss einer Schlange. Paladin hatte Hermes Eisar nicht vergessen. Torsor redete von Frieden und Freiheit. Womöglich wollte er das für die Bestien, doch dabei tötete er Unschuldige aus Spaß! Niemals würde er sich solch einem Wesen anschließen! Auch wenn die Konstrukteure des Zentrums die Bestien unterdrückten und verfolgten. Die Bestien waren keine Freiheitskämpfer, sie waren brutale Monster, die in ihrem Rachefeldzug alles und jeden vernichten wollten.
Paladin stand wankend vor Torsor.
»Niemals! Du bist ein Mörder, Torsor! Ich werde dich vernichten!«
Torsor lachte und hob die Faust. Paladin wich dem Schlag aus und versetzte Torsor einige Hiebe. Beide rangen miteinander. Erbarmungslos schlugen sie aufeinander ein. Wieder und wieder. Sie bissen, sie schlugen, sie rangen. Torsor gewann die Oberhand. Er riss Paladins rechten oberen Arm aus und donnerte seine Faust in die Bauchöffnung. Paladins Systeme überlasteten. Ein Stromstoß erfasste Torsor und schleuderte ihn zurück.
Paladin war kaum noch in der Lage zu kämpfen. Torkelnd stand er auf. Das obere Auge war nicht mehr funktionsfähig. Er feuerte mit dem MHV-Geschütz auf Torsor. Die Energiestrahlen prasselten auf dessen Brust und drückten ihn gegen die Wand. Krachend fiel er nach hinten und durchbrach die Wand. Paladin feuerte weiter, dann war das Geschütz überlastet.
Mit letzter Kraft stürzte er sich auf Torsor. Der Herr der Bestien blutete schwer, doch er war immer noch kräftiger als Paladin. Er stieß den künstlichen Haluter weg. Dann stürmte er auf Paladin zu und rannte ihn förmlich um.
Brüllend trommelte er mit seinen vier Fäusten auf Paladin und beschädigte ihn endgültig. Dann ließ er ab, taumelte zurück und fiel auf den Boden. Torsor war verwundet und erschöpft. Paladin erhob sich, doch jede Bewegung fiel immer schwerer. Einen weiteren Angriff würde er nicht überstehen. Es gab nur eine Möglichkeit um Torsor zu besiegen. Paladin aktivierte die Selbstzerstörung.
Die Sprengkraft reichte aus, um alles Leben in einem Umkreis von 100 Metern zu zerstören. Bis zuletzt hatte er tief im Unterbewusstsein gehofft, dass er doch hätte leben dürfen. Doch sein kurzes Leben nahm nun ein Ende.
Er hätte gerne mehr über das Leben erfahren, doch Torsor hatte recht. Paladin war nur zu dem Zweck erbaut worden; um Torsor zu ermorden. Nun hatte Paladin Gewissheit über sein trauriges Schicksal. Er war ein Killer! Die Geschichte würde ihn vielleicht anders bezeichnen. Als Superwaffe, als Held. Als denjenigen dem es gelang, die Tyrannei der Bestien in M87 zu beenden.
Doch Fakt war, dass er nichts weiter war, als ein Mörder. Er tötete zwar keine unschuldigen Lebewesen, doch seine Tat war dennoch nicht edel. Ein letztes Mal erhob sich der Paladin.
Torsor starrte ihn ungläubig an.
Paladin warf einen Blick aus dem großen Panoramafenster. Quarteriale Supremoraumschiffe waren auf dem Weg zu Torsor, um ihn zu retten. Es würde vergeblich sein.
»Torsor, du hast die Pelewon und Moogh nicht in eine bessere Zukunft geleitet. Du hast nichts aus der Vergangenheit der Bestien gelernt. Blut mit Blut, Gewalt mit Gegengewalt. Ein nie endender Kreislauf. Vielleicht wird sich nichts ändern, doch vielleicht erwachen auch die Bestien aus ihrem Blutrausch, wenn ihr Führer nicht mehr ist …«
»Was sagst du da?«
Torsor sprang auf, wollte zuschlagen, da hielt er inne. Offenbar begriff er nun, dass seine letzte Stunde schlug.
Er drehte sich um, doch Paladin umklammerte ihn. Die Uhr tickte rückwärts. Torsor schlug wild um sich, Paladin hielt ihn mit letzter Kraft fest, machte seine Gedanken frei und zählte die Sekunden herunter.
Es waren die letzten Sekunden in seinem Leben und die letzten Sekunden im Leben des Tyrannen Torsor!
5 …
4 …
3 …
2 …
1 …
Innerhalb weniger Minuten war der Berg von den Riffanern abgetragen worden. Das alte Gefängnis lag nun frei. Gal’Arn war ratlos, um was es hier eigentlich ging. Er wusste beinahe nichts über die Riffaner, außer dass die Entropen von ihnen als dem personifizierten Bösen sprachen. Offenbar hatte es vor Äonen einen Konflikt zwischen einer Lilith und dem Riff gegeben. Lilith hatte demnach Cul’Arc und Brok’Ton in diese ewigen Gefängnisse gesperrt und war im Kampf gegen Nistant, offenbar dem Herren des Riffs, gestorben. Nistant war wohl auch gestorben, wenn man Constances Träume so interpretierte.
Die Hexen und Entropen waren offenbar Nachfahren dieser Lilith und SI KITU schien eine Verbündete zu sein. Oder eine Verwandte der Lilith? Wie dem auch war, es gab nur eine einzig logische Schlussfolgerung, was Cul’Arc mit Wiedergeburt meinte: Die Wiedergeburt von Nistant.
Während die Zentauren und Wolfswesen im Innenraum der großen Halle emsig mit ihren undurchschaubaren Vorbereitungen beschäftigt waren, kümmerte sich Cauthon Despair um Constance.
Die Hexen waren offenbar Körperverformer. Es sah so aus, als wollte sich Constance in ein anderes Wesen verwandeln, doch Cul’Arc war ihr zuvor gekommen.
Die Hexe lag in Despairs Schoß. Gal’Arn beugte sich über sie. Er kramte Medizin aus seinem Beutel. Er gab ihr einen Trank, der den Kreislauf in Gang brachte.
Sie öffnete die Augen und fing an zu husten.
»Wieso wusste der, was ich vor hatte?«
»Was hattest du denn vor?«, wollte Despair wissen.
»Das sage ich lieber nicht. Wir Hexen haben so einige Geheimnisse. Ich habe Kopfschmerzen! Oh nein!«
Sie sprang auf. Dann fasste sie sich an den Kopf.
»Autsch! Wir müssen Cul’Arc stoppen. Er darf mit der Zeremonie nicht fortfahren!«
»Wir können nichts unternehmen. Sie haben unsere Kommunikation geblockt«, sagte Despair.
Constance fing an zu weinen.
»Das ist alles meine Schuld«, schluchzte sie und legte ihren Kopf an Despairs Schulter. »Ich habe bitterlich versagt.«
»Ich habe bitterlich versagt«, äffte Anya Guuze nach. »Ich frage mich langsam, wer hier eigentlich böse ist. Die Hexe verwandelt sich in eine Art Succubus, die Perlians wollten uns abknallen und das Quarterium uns entsorgen. Die Riffaner behandeln uns bisher als einzige gut.«
Gal’Arn erachtete die Argumente von Anya nicht als falsch. Das Ganze war ziemlich undurchsichtig. Die Entropen benahmen sich wie der Elefant im Porzellanladen mit ihrer Panikmache gegen das Riff. Bisher jedoch benahmen sich die Riffaner recht gesittet, sah man von ihrem Angriff auf die Perlians ab.
»Ich will hier nur ganz schnell weg. Eines ist klar, ich fliege auf der TERSAL mit«, stellte Anya fest. »Bei Gal’Arn und Jaktar fühle ich mich sicher.«
Tashree galoppierte zu ihnen.
»Cul’Arc und Brok’Ton wünschen, dass ihr an der Zeremonie teilnehmt. Insbesondere …«, der Zentaure stockte und starrte Anya fasziniert an, »die Frau mit dem seidenen, blonden Haar.«
Anya ging ein paar Schritte zurück und stellte sich neben Jaktar, der die Ohren spitzte.
»Wieso macht jeder so ein Gewese um die liebe Anya? Klar, ist ein liebes Mädchen für ne Terranerin, aber ich verstehe das nicht«, gestand der Ghannakke.
Der Zentaure bäumte sich auf.
»Fragen werden zu späterer Zeit beantwortet werden. Mir steht es nicht zu. Heute ist ein Feiertag. Nicht nur, dass Brok’Ton befreit wurde, es ist der Tag von seiner Wiedergeburt.«
»Wessen?«, fragte Jaktar.
»Na von Gott!«, antwortete Tashree verständnislos. »Darf ich nun bitten? Die Hexe darf auch mitkommen. Sie ist offenbar nicht so gefährlich.«
Tashree lachte und trabte voran. Gal’Arn, Anya und Jaktar folgten ihm. Despair gab Major Korral noch ein paar Anweisungen, dann half er Constance hoch und beide gingen auch in die Halle.
Schwabbelige, gelbe Kugelwesen mit Tentakeln läuteten glockenähnliche Gegenstände. In der Mitte befand sich eine Art Becken, das mit einer dickflüssigen Substanz gefüllt war. Cul’Arc und Brok’Ton standen davor.
»Ah, meine Gäste. Es freut mich sehr. Es ist Zeit Lebewohl zu sagen. Oder, wie euer Freund Danton so schön in eurer Sprache zu sagen pflegte: Adieu!«
Brok’Ton winkte Anya zu. Dann drehte er sich um und stieg in das Becken. Langsam versank er in dem Schleim, bis nichts mehr von ihm zu sehen war.
Cul’Arc wandte sich an Zigaldor, dem Wolfswesen.
»Danke für alles, treuer Freund. Unser Opfer wird ihn zurückbringen. Nachdem ich im Sumpf des Kosmos versunken bin, weißt du, was zu tun ist!«
»Ja, Herr.«
Cul’Arc legte freundschaftlich seine Klaue auf Zigaldor. Dann stieg auch er in das Becken und versank. Die Kugelwesen hämmerten weiter auf die Glocken. Zigaldor gab ein Zeichen. Humanoide Giganten trugen zwei Bahren hinein. Auf der einen pulsierte rötliches Plasma. Es sah aus wie ein großer Gewebeklumpen, mindestens drei Meter breit.
Auf der zweiten Bahre lag ein Skelett. Zigaldor wurde eine Art Kanope überreicht. Zuerst legten die Riesen das Plasma in den Schleimtrog, dann wurde das Skelett feierlich hinab gelassen. Zum Schluss öffnete Zigaldor die Kanope.
Gal’Arn glaubte, das Pochen eines Herzens zu hören. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, als er sah, dass Zigaldor ein blutendes Herz aus der Kanope nahm.
»Kehre zurück, oh Herr! Dein Volk braucht dich. Das Universum erwartet die Rückkehr deiner Göttlichkeit. Erbe und Erbauer, kehre in dein Fleisch zurück aus den höheren Sphären des Kosmos.«
Mit diesen Worten ließ Zigaldor das Herz in das Becken fallen. Plötzlich fing die Substanz an zu blubbern. Blitze zuckten aus dem Bassin. Ein Wirbel entstand. Aus ihm bildete sich ein regelrechter Sturm, der in den Himmel empor stieg und dort einen immer größeren Trichter formte.
Dann donnerte ein gewaltiger Energiestrahl in den Himmel. Gal’Arn konnte nicht anders, er rannte vor, so dass er in den Himmel blickte. Der Strahl durchbohrte die Hülle des Gesteins, doch das Wasser und das Geröll wurden durch den Wirbelsturm aufgehalten.
Was geschah hier?
Denker0003 wartete angespannt auf der Brücke seines Raumschiffes im Orbit von Ednil, wartete auf Meldung der Hexe Constance, als plötzlich ein Energiestrahl aus dem Kern des Planeten in das Schwarz des Weltalls stieß. Dort bildete sich unter gellen Blitzen ein Strukturloch. Denker ließ das Raumschiff an Abstand gewinnen. Er spürte einen mentalen Druck! Etwas kam aus diesem Strukturloch! Zwei Schemen schienen aus dem Hyperraum zu schießen.
Gal’Arn starrte nun wieder gebannt auf das Bassin. Durch die Energieblitze und den Wirbel konnte er kaum etwas erkennen. Dann fühlte er plötzlich etwas. Es war so, als sei ein fremdes Wesen plötzlich unter ihnen.
Der Energiestrahl verblich genauso schnell, wie er gekommen war. Der Wirbel hob sich empor und zurück blieb das noch leicht blubbernde Becken mit dem Plasma. Zigaldor kniete nieder.
Gal’Arn trat langsam vor. Erschrocken wich er zurück, als eine Hand aus dem Sumpf schnellte und den Beckenrand umklammerte. Es folgte eine weitere Hand. Langsam zog sich ein Wesen aus dem Bassin. Bedächtig und mit wackeligen Beinen kletterte es über den Rand.
Nun stand es vor ihnen. Alle Riffaner knieten nieder. Einige fingen sogar an zu weinen oder fielen in Ohnmacht. Der Elare betrachtete mit einem Schauer das Wesen. Der Schleim tropfte von seinem nassen, dunklen Umhang. Er trug schwarze Stiefel und eine dreckige, uralte schwarze Kleidung.
Die Hände waren faltig. Das Gesicht wurde von langen, verfilzen Haaren bedeckt, die in schleimigen Strähnen herunter hingen. Langsam hob das Wesen den Kopf. Das Gesicht wirkte wie das eines Toten! Die Haut war ledrig, die Knochen standen hervor. Es besaß nur sehr dünne Lippen, die Zähne blitzten wie bei einem Totenschädel hervor. Die Augen saßen tief in den eingefallenen Augenhöhlen.
Die Kreatur blickte sich um. Sie atmete tief ein, als ob sie den ersten bewussten Atemzug genoss. Langsam hob es die Hände und betrachtete sie. Das Geschöpf tastete sich ab. Bauch, Brust, Kopf und Gesicht. Dann sah es sich um.
»Nistant, Herr du bist zu uns zurückgekehrt.«
Das war also in der Tat Nistant, der von den Riffanern als Gott gepriesene »Herr«. Nistant fasste sich an die Brust und schaute lustvoll in den Himmel.
»Mein Herz schlägt. Ich spüre, wie es schmerzt. Und ich schaue gen Himmel, in der Hoffnung mein Herz der Sterne zu finden.«
Nistant blickte die Wesen in der Halle an. Zigaldor erhob sich und auch Tashree ging näher zu ihm heran. Gal’Arn sah, dass beide vor Ehrfurcht und Freude weinten.
»Deine Brüder haben sich geopfert, um dich zu erwecken, Herr! Der Plan der Lilith ist nun endgültig gescheitert«, sagte Zigaldor.
»Cul und Brok sind in mir. Sie sind nicht tot. Ich lebe. Ich bin komplett! Wahrlich alle Hohen Mächte haben sich angestrengt, mich aus dem Universum zu vertilgen, doch ich bin zurückgekehrt, meine Getreuen! Nistant ist zurück!«
Es brandete ein lauter Jubel aus. Freudengesänge auf Nistant erklangen in einer fremden Sprache.
Er ging auf Gal’Arn zu und musterte ihn.
»Du trägst eine Aura der Kosmokraten mit dir. Du bist kein Riffaner. Sag, Fremder, wer bist du?«
Gal’Arn stellte sich vor. Dann erklärte er Nistant, wer seine Begleiter seien. Nistant wirkte erschrocken und ergriffen zugleich, als er Anya Guuza sah. Er wich zurück, taumelte und wäre beinahe gestolpert, hätte Tashree ihn nicht gestützt.
Langsam ging er mit zittrigen Schritten auf sie zu. Als er vor ihr stand, wollte er mit seiner Klaue durch ihr Haar fahren, doch Anya wich erschrocken zurück.
Nistant wirkte traurig. Er sah sich seine Hand an, dann senkte er sie wieder.
»Ich habe mich verändert, du nicht. Als mein Herz aufhörte zu schlagen, galt mein letzter Gedanke dir, mein Engel. Mein Herz der Sterne. Doch wie kannst du vor mir stehen, nach den Millionen von Jahren? Das muss ein übler Streich des Schicksals sein.«
»Ich kenne dich nicht«, hauchte Anya.
»Dann bist du nicht sie, obwohl du ihr vollkommen gleichst? Oh, welch schreckliche Laune des Kosmos. Oder doch Bestimmung? Es muss einen Grund haben, dass du hier bist, obwohl du nicht Ajinah bist.«
»Nein, Anya ist mein Name. Ich bin vom Planeten Terra. Ich weiß auch nicht, was vor sich geht. Es tut mir leid, aber wir sind uns nie zuvor begegnet.«
»Nicht in diesem Leben, schöne Anya.«
Nistant wirkte in sich gekehrt. Als ob er auf eine innere Stimme hörte, war er völlig abwesend plötzlich. Dann wandte sich sein Blick gen Constance.
Seine Augen strahlten voller Zorn, als er sprach: »Was sucht eine Tochter Liliths hier?«
Der Verband der SAPHYR-Raumjäger befand sich auf dem strategischen Rückzug. Auch die Entropen hatten den Weg zum Geeg-System angetreten. Ein offener Kampf mit der quarterialen Flotte war unnötig. Jonathan Andrews hatte mit eigenen Augen die Explosion der Raumstation angesehen.
Die unmittelbare Gefahr für den Internraum war vorüber. Doch Jonathans Gedanken galten den vier Siganesen. Was war aus ihnen geworden? Die SAPHYR-Raumjäger schwadronierten durch den Leerraum, um nach dem Paladin zu suchen. Er verfügte über ein eigenes Triebwerk, es wäre kein Problem für ihn, durch das Weltall über kurze Distanzen zu fliegen.
So suchten die Raumjäger nach ihnen und mussten gleichzeitig Vorsicht walten lassen, um nicht von quarterialen Raumern aufgespürt zu werden. Elyn und Jonathan verfolgten die Rettungskapseln. Insgesamt waren 23 Fähren und Supremos vom Typ Dolan rechtzeitig von der Kampfstation geflohen. Sie flogen alle direkt zu dem quarterialen Verband, nur eine verlor plötzlich an Geschwindigkeit.
»Die schauen wir uns näher an.«
Elyn konzentrierte sich auf die Ortungsergebnisse. Stück für Stück scannte sie den Leerraum um den 100 Meter Raumer ab. Das Supremoraumschiff brannte im Inneren.
»Sieben lebende Bestien an Bord, einige Lebensimpulse sind sehr schwach«, meldete sie.
»Und der Paladin? Die Siganesen.«
»Ich kann es nicht bestimmen. Du weißt, dass der Paladin künstliche Individualimpulse eines Pelewon aussendet. Es kann durchaus sein, dass er unter den Pelewon ist.«
Jonathan schlug mit der Faust auf den Tisch. Plötzlich explodierte das Raumschiff. Der Glutball dehnte sich aus, zog sich dann langsam zusammen. Lodernde Wrackteile wurden in die schwarze Tiefe des Weltalls geschleudert.
»Null Lebensimpuls«, sagte Elyn traurig. Eine Träne rann ihr über die Wange. Auch Jonathan spürte irgendwie, dass Paladin und die Siganesen an Bord des Supremos gewesen waren. Es war vermutlich zum Kampf gekommen, bei dem das Raumschiff vernichtet wurde.
»Warte, Johnny!«, rief Elyn. »Abseits des Schiffes orte ich eine winzige Space-Jet! Das sind die Siganesen!«
Elyn jubelte. Jonathan steuerte den Jäger zur Space-Jet und ließ sie an den Rochenflügeln andocken.
»Aye, ihr Kleinen!«
»Guten Tag, ihr Überproportionierten«, erwiderte Domino Ross. »Drei Siganesen melden sich. Wir haben Hermes Eisar und Paladin verloren. Er war auf dem Raumschiff.«
Nun hatten sie Bestätigung.
»Doch sein Opfer war nicht umsonst, Freunde. Er hat Hermes Mörder bestraft. Nicht nur Paladin war an Bord, sondern auch Torsor«, sagte Ross mit zitternder Stimme. »Der Tyrann ist tot!«
Nistant übte eine unglaubliche Faszination auf mich aus. Selten hatte mich ein Wesen so beeindruckt, wie dieser Riffaner. Er war uralt, offenbar ein kosmischer Gigant. In seiner Gegenwart fühlte ich mich wohl. Es war ein seltsam vertrautes Gefühl. Ich vermochte es nicht genauer zu erklären.
Plötzlich blickte Nistant Constance an, die sich instinktiv an mich drückte. Sie hatte Angst.
»Cauthon …«, hauchte sie beinahe lautlos.
»Eine Tochter Liliths ist hier!«
Wütend stapfte Nistant zu ihr und packte sie am Hals. Er zog sie zu sich. Constance schrie, dann japste sie und rang nach Luft.
»Ich fühle es. Du stinkst mental nach Kahaba und ihren Dämonentöchtern. Demnach ist der Konflikt wohl doch noch nicht so ganz vorbei. Was ist dein Begehr?«
Sie rang nach Luft. Ich war wie erstarrt. Obwohl ich mir Sorgen um Constance machte, war ich nicht fähig, ihr zu helfen. Die Präsenz von Nistant zog mich völlig in seinen Bann.
Er lockerte den eisernen Griff. Sie fing an zu husten. Er griff in ihr Haar und zog daran. Sie schrie.
»Was ist dein Begehr?«, wiederholte er langsam und bedrohlich.
»Zu verhindern, dass du auferstehst.«
»Tatsächlich? Nun, du hast versagt, jämmerlich versagt.« Er stieß sie von sich und fing an zu lachen. Die Riffaner lachten kurz mit. Nun wandte sich Nistant an mich.
»Eine beeindruckende Rüstung. Ich fühle, wir sind aus dem selben Holz geschnitzt. Ich spüre deine Trauer, deinen Konflikt zwischen dem Streben nach Höherem, der Reformierung zum Besseren, der endlosen, schmerzvollen Einsamkeit und den Gewissensbissen, ob du den richtigen Pfad eingeschlagen hast.«
Woher wusste er das? Ich war tief berührt. Er blickte in meine Seele, als sei es offenes Buch.
»Haben wir gleiches durchlitten, mein silberner Freund? Verachtet wurden wir in unserer Jugend und haben uns der finsteren Rache hingegeben, nicht?«
Er blickte wieder Constance an.
»Sag, bedeutet sie dir etwas? Liebst du sie?«
Er packte sie beim Schopfe und zog sie wieder hoch. Ich sah sie an, verletzlich, Hilfe suchend. Sie tat mir schrecklich leid. Constance erinnerte mich an Sanna Breen, denn sie war eine Frau, die mich offenbar um meinetwegen mochte.
»Sie ist so schön. Duftet lieblich und ist so süß, wie das Gift, welches dich tötet. Eine Frau kann den Kosmos mehr umwirbeln, als jeder Hypersturm und jedes Schwarze Loch. Sie kann das Herz eines Mannes zu Stein werden lassen und ihn jede Skrupel vergessen lassen. Oder sie kann ihn mit Liebe erfüllen, auf dass er diese Liebe im Universum weitergibt. Wir sind Sklaven von ihnen.«
Er warf sie wieder zu Boden und blickte Anya Guuze an. Wie ein Tiger stolzierte er um Constance herum.
»Ich bin mir nicht schlüssig, was ich mit dieser erklärten Feindin tun soll. Töten? Bestrafen? Sag du es mir, wie?«
»Cauthon Despair«, sagte ich. »Verschone Constance, Nistant.«
»Wieso?«
»Sie kann dir doch nichts anhaben. Töten zum Vergnügen ist abartig. Danach strebt kein Wesen mit höheren Ambitionen«, erwiderte ich voller Überzeugung. Obwohl ich mir nicht sicher war, ob das bei MODROR und vor allem Rodrom nicht anders war.
Nistant lachte.
»Du hast deine Lektionen gelernt, Cauthon Despair. Auch Terraner?«
Ich nickte.
»Nein, die Hexe kann mir nichts anhaben. Ihre Macht ist nichts im Vergleich zu Lilihs. Und ich spüre, dass du sie aufrichtig magst. Nein, ich werde ihr kein Leid zufügen. Husch, kleine Hexe, krieche zu deinem Ritter.«
Nistant streckte sich und gab einen Laut des Wohlseins von sich. Dann blickte er sich wieder in der Runde um.
»Wo sind wir eigentlich?«
Ich erklärte Nistant, wo wir uns befanden. Abgesehen von meiner Bewunderung gegenüber seiner Person, sah ich in ihm einen neuen Verbündeten für das Quarterium. Gal’Arn stand sprachlos herum und wirkte überfordert. Er besaß kein politisches Geschick oder verschwendete keinen Gedanken daran, zu konspirieren. Das war ihm völlig fremd. Eindimensional dachte er wahrscheinlich nur daran, wie er Jaktar, Anya und sich heil hier herausbrachte.
Constance krabbelte völlig verstört zu mir. Ich beugte mich herab und half ihr hoch. In ihren grünbraunen Augen stand Furcht geschrieben. Sicher hätte sie niemals so etwas erwartet. Nistant hatte eine einzigartig charismatische Ausstrahlung trotz seines abschreckenden Äußeren.
»Freunde, ich danke euch allen von Herzen. Ohne euch, wäre ich nicht zurückgekehrt. Mein Dank wird ewig wahren. Nun lasst uns heimkehren. Das Riff hat eine neue Galaxie erreicht. Große Aufgaben erwarten uns nun«, sprach Nistant zu seinen Mannen.
Dann wandte er sich wieder an Anya.
»Ich danke dem Gesetzgeber für diesen Moment. Auch wenn du nicht Ajinah bist oder dich nicht daran erinnerst, du gleichst ihr bis ins Detail. Deine Schönheit raubt mir noch immer die Sinne. So unendlich lange habe ich darauf gewartet, dich noch einmal sehen zu dürfen. Und doch hat diese Freude den bittersüßen Beigeschmack, dass mein Herz in ewiger, tiefer Trauer sein wird.
Denn meine Liebe wird nicht erwidert. Du warst immer die einzig wahre Gefährtin für mich und meine Liebe wird bis an das Ende aller Zeiten bestehen. Lebe Wohl, mein Engel.«
Nistant sah Anya tief in die Augen. Für einen Moment herrschte eine Totenstille in der Halle, dann wandte sich Nistant von ihr ab. Er ging zu mir.
»Wir werden uns wiedersehen, Cauthon Despair. Davon bin ich überzeugt.«
Nistant ging weiter. Zigaldor und Tashree folgten ihm. Dann die anderen Riffaner. Constance lag in meinen Armen und weinte. Immer wieder flüsterte sie, sie hätte versagt. Ich teilte ihre Trauer nicht. Für mich war es so, als wäre ich einem Heiland begegnet. Nistant war ein großer Mann im Universum. Dessen war ich mir sicher.
Anya setzte sich erschöpft auf den Boden und seufzte.
»Erst der Koloss und dann eine gehende Leiche. Ich dachte, nach Krizan hätte es nicht schlimmer werden können.«
»Nimm Nistants Liebesgeständnis nicht zu leichtfertig auf«, mahnte Gal’Arn. »Da steckt mehr dahinter. Ich glaube auch nicht, dass es ein reiner Zufall ist, dass du einerseits dieser Ajinah gleichst und zufällig während Nistants Wiedererweckung auf Ednil verweilst. Auch Constances ominöse Mentorin sollten wir nicht vergessen.«
In aller Aufregung war Gal’Arn einfach zum »du« bei Anya übergangen. Sie störte das wenig.
»Sorry, aber ich bin weder Ajinah oder Aynah! Anya ist mein Name. Ich bin eine ganz normale Terranerin und nicht das Herz der Sterne«, sagte sie trotzig. »Obwohl seine poetischen Worte schon recht schön waren. Er muss diese Ajinah wirklich sehr geliebt haben.«
Gal’Arn stimmte ihr zu. Trotz dieses abschreckenden Äußeren schien Nistant intelligent und gefühlvoll zu sein. Was immer das Riff auch war, er war der Erbauer und offenbar Millionen von Jahren alt. Sie hatten zusammen ein Stück kosmische Geschichte erlebt.
Rednil und der Wachroboter waren zu Statisten degradiert und standen in einer Nische der Halle. Langsam trat der Perlian hervor. Der Roboter folgte ihm.
»Meine Aufgabe ist dann wohl erledigt«, sagte er. Die Lichter aus seinen Augen erloschen und er sank langsam zu Boden. Rednil verfolgte das Schauspiel sichtlich irritiert.
»Wir kehren zur Magellan-Landeplattform zurück«, entschied der Ritter der Tiefe und sah zu Cauthon Despair. »Ich fürchte, danach sind wir wohl wieder Feinde?«
Despair trat näher.
»Ich gewähre dir, Jaktar und Anya freien Abzug. Sollten wir uns wieder begegnen, dann als Feinde.«
Constance sah Despair verwirrt an.
»Wie kannst du das sagen? Wir sollten zusammenhalten! Ihr seid doch von einem Volk. Nistant lebt und wir müssen das Riff vermutlich bekämpfen. So will es SI KITU. Wenn das Quarterium nicht auch unter die Räder kommen soll, dann muss es von MODROR abschwören und den richtigen Weg einschlagen. Nur du kannst das bewerkstelligen, Cauthon! Ich glaube an dich!«
Sie nahm seine rechte Hand und drückte sie. Gal’Arn war ihr Verhalten etwas suspekt. Sie versuchte mit allen Mitteln, das Quarterium als Verbündeten zu gewinnen. Die Angst vor dem Riff schien gewaltig zu sein, doch bis jetzt hatte sie keine stichhaltige Begründung geliefert, wieso dies so war.
Plötzlich summte ihr Sprechgerät auf. Sie kramte es aus ihrem Kleid und bestätigte den Sprechschalter.
»Na endlich, hier ist Denker0003. Über Ednil klafft ein Strukturloch. Was ist geschehen?«
»Nistant lebt!«
Stille am anderen Ende. Erst nach einem schier endlosen Moment, antwortete der Denker.
»Dann wissen wir, was zu tun ist. Kehrt schleunigst zum Raumschiff zurück. Wir geben euch 15 Minuten.«
Denker0003 beendete die Verbindung. Gal’Arn blickte Constance Zaryah Beccash fragend an.
»Fragt nicht, wir müssen schnell weg.« Sie wandte sich an Rednil. »Evakuiere alle Perlians nahe dem fremden Schiff. Schnell!«
Gal’Arn packte Anya und lief los. Er hatte ein ganz mieses Gefühl. Offenbar planten die Entropen einen Angriff auf das fremde Schiff, welches sicherlich ein Raumschiff der Riffaner war. Sie eilten zur Schlucht. Noch sieben Minuten!
Eilig schwebten sie mit den Antigravs zum Dorf der Eingeborenen und rannten zur Küste. Noch vier Minuten. Sie stiegen in die beiden Unterseeboote ein. Gal’Arn, Anya, Constance und Jaktar in das erste, Despair und seine drei Grautruppler zusammen mit Rednil in das zweite Boot.
Jaktar warf den Motor an, fuhr rückwärts ins Wasser und holte alles aus der Maschine heraus. Noch zwei Minuten!
Sie passierten den Graben. Noch eine Minute! Jaktar hielt Abstand zum Riffraumschiff.
Jaktar steuerte zur Magellan-Plattform. Sie tauchten rund zwanzig Meter der Plattform auf. Die Zeit war verstrichen. Aus dem bedeckten Himmel schossen Energieblitze auf das fremde Raumschiff, welches rund zehn Kilometern von ihnen entfernt war. Es wurde in einen Wall aus Feuer eingehüllt.
»Wieso hasst ihr diese Riffaner so?«, wollte der Ritter endlich wissen.
Doch Constance wusste es offenbar selbst nicht.
»Sie sind seit Anbeginn der Zeit die Feinde des Lebens. SI KITU sagt es und damit muss es stimmen. Sie bringen den Tod über das Universum. Es genügt doch, wenn SI KITU es sagt!«
Ziemlich naive oder eher fanatische Einstellung, fand der Elare. Inzwischen hatte das Unterseeboot die Magellan-Plattform erreicht. Sie waren nicht die Einzigen dort. Zwei 800 Meter Supremo-Raumer vom Typ D schwebten mit surrenden Antigravtriebwerken in der Luft.
Jaktar steuerte das Unterseeboot direkt zur TERSAL und aktivierte einen Strukturfeld aus Formenergie zwischen Boot und Einstiegsschleuse. Dann passte er die Temperatur an, um einen Hitzeschlag zu vermeiden. Gal’Arn gab den beiden Frauen ein Zeichen, da tauchte ein entropisches Schlachtschiff und feuerte sofort auf die beiden quarterialen Raumer. Über ihren Köpfen entbrannte ein todbringendes Feuerwerk.
»Schnell in die TERSAL«, rief Gal’Arn.
Sie rannten um ihr Leben. Constance starrte auf das entropische Raumschiff und verstand offenbar die Welt nicht mehr. Ein Supremoraumer explodierte an mehreren Stellen und sackte ab. Der gewaltige Glutball kam direkt auf die Plattform zu. Gal’Arn packte die Hexe und zog sie in die TERSAL. Sofort verschloss er die Schleuse und gab Jaktar das Zeichen zum Alarmstart. Der Ghannakke verlor keine Sekunde und schoss mit der TERSAL von der Plattform. Gerade rechtzeitig, denn der brennende Supremoraumer schlug wenige Sekunden später ein und vernichtete die ganze Plattform in einem gigantischen Feuerball.
Das zweite Supremoraumschiff erwiderte das Feuer auf das entropische Eischiff. Derweil feuerte ein zweites Entropenraumschiff weiter auf das Riffschiff, welches sich langsam nach oben bewegte. Die TERSAL nahm nun die Rolle des Beobachters ein.
»Bringt mich zu meinem Raumschiff«, forderte Constance. »Ich muss mit dem Denker reden.«
Gal’Arn war das zu gefährlich. Er wollte das Leben der Anderen nicht aufs Spiel setzen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das fremde Riffraumschiff das Feuer erwiderte. Außerdem lokalisierte Jaktar die EL CID am Rand des Sonnensystems. In einigen Minuten würde das Flaggschiff des Quarterium Ednil erreicht haben. Zwei Entropenraumschiffe hatten sicherlich keine Chance gegen die waffenstrotzende, fliegende Festung des Quarteriums.
Inzwischen war auch das zweite Supremoraumschiff vernichtet und fiel in das Meer von Ednil. Eine gewaltige Flutwelle bahnte sich ihren Weg. Die Katastrophe für die Bewohner der Inseln musste schrecklich sein. Das Riffraumschiff schien auch beschädigt zu sein. Gelang es tatsächlich den beiden Entropenraumschiffen, den vier Kilometer langen Raumgiganten abzuschießen?
*
Die Magellanplattform war vernichtet, ebenso wie beiden Supremoraumschiffe. Doch ich hatte bereits Meldung von Oberst Tantum erhalten, eine Fähre sei auf dem Weg zu uns.
Ich dachte an Constance. Ob sie es geschafft hatte? Oder hatte sie zusammen mit Anya und den anderen den Tod gefunden? Es wäre sehr traurig, denn mir lag viel an ihr. Sie war im wahrsten Sinne des Wortes in mein Leben gestolpert und glaubte, mich bekehren zu können. Naiv und beeindruckend zugleich. Sie war wunderschön, wirkte manchmal unbeholfen, aber dennoch anmutig und rein. Und dann war noch Anya Guuze, die offenbar jeden Riffaner an eine Ajinah erinnerte, die wohlmöglich identisch mit der Lehrmeisterin von Constance war. Und ausgerechnet diese Lehrmeisterin hatte Constance dazu ermutigt, mich zu bekehren.
Spielte Anya Guuze ein großes Verwirrspiel, war sie vielleicht jemand ganz anderes oder wusste sie wirklich nicht, was vor sich ging? Entropen und Riffaner brachten nicht nur viel Konfusion in unser Leben, sondern stellten offenbar auch wirklich kosmische Mächte dar.
Vermutlich waren wir plötzlich in einen Millionen Jahre alten Konflikt dieser beiden Mächte gestolpert. Dennoch schienen die Entropen das beabsichtigt zu haben, denn sie kooperierten offensichtlich mit der Liga Freier Terraner und sahen in uns und MODROR eine Gefahr.
Machte das Nistant automatisch zu unserem Verbündeten? Wie stand er dazu? War er ein Anhänger der Ordnung oder des Chaos? Ich vermutete, dass er wahrscheinlich einen dritten Weg ging.
Endlich erreichte uns eine Space-Jet und nahm uns auf. Sie flog einen großen Bogen um den Kampf und verließ nach wenigen Minuten den Orbit. Wir hielten Kurs auf die näher kommende EL CID.
»Was unternehmen wir jetzt, Sir?«, fragte Major Korral.
Das war eine berechtigte Frage. Die Entropen waren unsere Feinde. Die Riffaner nicht. Sollten wir ihnen helfen? Ich wartete mit einer Entscheidung, bis wir an Bord der EL CID waren. Unsere Abtaster lokalisierten die TERSAL im Orbit von Ednil. Sie hatten also überlebt. Ich war erleichtert, obwohl alle vier eigentlich meine Feinde waren.
»Sir, wir erhalten ebenfalls einen Hilferuf von Michael Shorne und seiner Gruppe. Sie sitzen noch auf Ednil fest«, meldete Korral.
»Später. Sie sind ja am Leben.«
Die Space-Jet landete im Hangar 31 der EL CID. Ein kleines Komitee empfing mich. Ich beachtete sie nicht und hielt direkt auf die Kommandozentrale zu. Da lief mit Nickie Yanes über den Weg und fiel mir um den Hals.
»Oh Cauthon! Ich habe mir solche großen Sorgen gemacht. Was ist denn bloß geschehen?«
Ich schob sie beiseite. Mir war nicht danach, mit ihr zu reden. Sie ging mir im Moment einfach auf die Nerven mit ihrer Vergöttlichung meiner Person. Es war lieb und nett, doch jetzt fehl am Platze. Sie sah mich mit ihren braunen Augen traurig an.
»Ich erkläre dir nachher alles in Ruhe«, sagte ich knapp.
Sie nickte mit halbgeöffnetem Mund und starrte mich besorgt an. Als Zeichen, dass ich nicht böse war, legte ich kurz meine Hand auf ihre Schulter. Sie verstand und machte mir Platz.
Oberst Tantum begrüßte mich, als ich die Zentrale erreichte. Ich bat ihn, einen Funkspruch zum Riffraumschiff, welches unter schwerem Beschuss lag, zu senden. Es war die Frage, ob sie unsere Hilfe benötigten. Nach einer Weile erschien die Holografie von Nistant in der Zentrale.
»Ich danke für das Angebot, doch seid nicht in Sorge. Wir sind nicht in Gefahr.«
Das Bild von Nistant erlosch. Dann begann der Strukturriss zu leuchten.
Anya starrte gebannt auf den Kampf zwischen den beiden entropischen Raumschiffen und dem Riffraumschiff, welches unter schwerem Beschuß lag. Nur langsam verließ es Ednil. Immer wieder flammte der Schutzschirm auf. Es erwiderte jedoch nicht das Feuer. Wieso nicht, fragte sie sich?
Sie dachte an Nistant. Es wäre falsch zu leugnen, er hätte nicht Eindruck auf sie gemacht. Sah man von seinem erschreckenden Äußeren ab, war er sehr charismatisch und wirkte irgendwie sensibel auf sie.
Wo war sie da wieder hineingeraten? Sie seufzte und sah zu Constance Zaryah Beccash. Die Hexe bemerkte Anyas Blicke.
»Verurteilst du uns, weil wir ihn töten wollen?«
»Er hat uns nichts getan, sogar dein Leben geschont. Und nun greift ihr ihn erbarmungslos an. Das verstehe ich nicht.«
Nun seufzte Constance.
»Ich verurteile es auch. Doch Nistant ist ein uralter Feind der Entropen. Er ist die Nemesis von SI KITU. Um Leid zu verhindern, müssen wir ihn vernichten.«
Plötzlich fing der Strukturriss über Ednil an zu leuchten. Es sah so aus, als würde etwas aus dem Riss fliegen. Es war durchsichtig, nur an den Rändern und verschwommenen Stellen im All zu erkennen. Anya versuchte die Form genauer zu bestimmen. Es sah aus, wie eine Art Kalmar. Anya erkannte mindestens zehn Tentakel am vorderen Ende des Wesens. Das hintere Ende war keilförmig. Es schnellte auf das entropische Raumschiff zu, welches sofort Feuer eröffnete und den Schutzschirm hochfuhr.
Fast zur selben Zeit erschien das Hologramm eines fetten, blauhäutigen Entropen, der auf einer Schale thronte.
»Denker«, rief Constance. »Was geht hier vor?«
»Wir werden von einem unbekannten Wesen attackiert. Keine Sorge, es wird …«
Er verstummte. Das durchsichtige Wesen absorbierte die Energiestrahlen und schien sie in den Strukturriss abzuleiten. Durch den Beschuss war es besser zu erkennen, denn es leuchtete gelblich auf. Die Tentakel weiteten sich aus und umschlossen das Eiraumschiff der Entropen. Der Kalmar klebte förmlich am Schutzschirm. Langsam bohrten sich die Tentakel hindurch! Sie drangen durch den aktivierten Schutzschirm. Anya glaubte nicht, was sie sah!
»Sie dringen durch. Bei SI KITU! Hilfe!«, rief Denker0003. Dann brach die Verbindung ab. Anya verfolgte den Todeskampf des Raumschiffes und dessen Besatzung auf dem Bildschirm mit. Die Tentakel des Kalmars bohrten sich durch die Außenhülle. Die Fangarme hatten inzwischen das gesamte Raumschiff umschlossen.
Constance taumelte. Gal’Arn stützte sie.
»Die ganzen Schreie. Sie sterben alle. Sie haben solche Angst…«
Anya lief ein kalter Schauer über den Rücken. Der Schutzschirm flackerte und brach schließlich zusammen. Dann geschah das Unfassbare! Der Kalmar zerquetschte das Raumschiff, bis es auseinander brach! Sie wendete den Blick ab, denn durch die Vergrößerung sah sie, wie hunderte Entropen in den Weltraum gezogen wurden.
»Der Kalmar kehrt zum Strukturriss zurück«, sagte Gal’Arn.
Nun blickte Anya wieder auf den Bildschirm. Vom dem entropischen Raumschiff waren nur noch Trümmer übrig. Der Sternenkalmar kehrte zum Strukturriss zurück, war kaum mehr zu erkennen. Nun verließ auch das Riffraumschiff Ednil, verfolgt vom zweiten Entropenraumer. Der Kalmar hielt nun darauf zu. Zum ersten Mal feuerte auch das Riffraumschiff von Nistant. Unter dem heftigem Feuer begann der Schutzschirm des entropischen Schiffes zu flackern. Der Kalmar hielt darauf zu, durchbrach den Schutzschirm, als sei er nicht vorhanden und schnellte durch das Eischiff. Kurz danach explodierte es. Der Kalmar wendete und flog schnell in den Riss, wo er auch verschwand.
Das Raumschiff des Riffs steuerte ebenfalls in diese Verbindung zum Hyperraum und verschwand dort. Nistant war gegangen. Wo immer ihn seine Reise auch hinführte, er hatte beeindruckend gezeigt, dass er nicht wehrlos war.
Constance stöhnte traurig.
»Bringt mich bitte ins Geeg-System. Ich will zurück zu meinem Volk.«
Gal’Arn nickte.
»Und was wird aus mir?«, fragte Anya besorgt. Sie wollte auf keinen Fall zurück zum Quarterium!
»Nachdem wir Constance abgeliefert haben, kommst du mit uns. Wir bringen dich zum geheimen Stützpunkt der Liga Freier Terraner. Ich befürchte, du wirst noch eine Rolle in diesem ganzen Szenario um Nistant spielen.«
Das waren nicht sehr beruhigende Aussichten für Anya.
Die Nachricht von Torsors Tod traf mich tief! Das war ein Schock. Mit einem Mal war die M87-Invasion in Frage gestellt. Ich setzte mich in den Kommandosessel und spürte die fragenden Blicke von Oberst Tantum, Major Korral und Nickie auf mir ruhen.
»Wie sind Eure Befehle, Quarteriums-Marschall?«, wollte Irkuleb wissen. Die Bestien standen unter tiefem Schock. Wer würde der Nachfolger des Quarteriumsfürsten werden? Gab es überhaupt jemanden, der würdig war? Torsors Tod war ein Schlag mitten ins Herz des Quarterium. Er gehörte zu den Quarteriumsfürsten, den Führern des Reiches, die für Unfehlbarkeit standen. Torsor war der Garant für disziplinierte Bestien gewesen. Was würde nun geschehen? Würden sie überhaupt noch dem Befehl des Imperatore folgen?
»Kündigen Sie eine Trauerzeit an, Irkuleb! Die Bestien sollen um ihren Herren trauern können. Ich werde umgehend nach Paxus reisen, um mit dem Imperatore zu sprechen.«
Ich wies Tantum an, mit Höchstgeschwindigkeit zum Sternenportal zu fliegen. Dann stand ich auf und ging in meine Kabine. Ich musste allein sein!
Nach 15 Stunden hatte die EL CID Paxus erreicht. Über Hyperkom hatten wir den Imperatore bereits über das Ableben des Pelewon informiert. Zu unserem Bedauern, hatte die Meldung vom Tod Torsors bereits Runde gemacht. Offenbar hatten geschwätzige oder korrupte Quarteriale es überall herum erzählt. Sogar INSELNET berichtete darüber. Noch gab es keine offizielle Meldung, doch es hieß überall, Torsor sei tapfer im Kampf um M87 gefallen.
So schnell es ging, eilte ich in den Thronsaal des Imperatore. Der Monarch wirkte noch kalkiger im Gesicht als sonst. Ich verbeugte mich kurz, dann begann ich meinen Bericht.
»Es ist wahr! Vor sieben Stunden haben Bergungskommandos die Reste von Torsor im All gefunden. Er wurde in die Luft gesprengt. Wir haben auch Teile eines künstlichen Haluters gefunden. Eine terranische Waffe mit dem Namen Paladin. Unseren Berichten zufolge, war ein Siganese von Torsor einige Stunden zuvor auf der Kampfstation getötet worden.
Die LFT hat uns mit diesem Trojanischem Pferd empfindlich getroffen.«
Der Imperatore wirkte ratlos. Er sah sich im Saal um, rang offenbar nach Worten. Dann stand er auf und ging schleichend durch den Raum. Er hob den Zeigefinger.
»Mit Torsors Tod ändert sich unsere Strategie. Die Bestien sind nicht mehr berechenbar. Wir müssen schnell einen Ersatz für ihn finden, sonst sehe ich das Bündnis gefährdet. Wir könnten M87 verlieren!«
»Wir brauchen M87 nicht mehr«, sagte Cau Thon, der plötzlich im Raum stand. Der Imperatore schrie erschrocken auf.
»Erschrecken Sie mich doch nicht immer so! Wieso brauchen wir M87 nicht mehr?«
Cau Thon lachte heiser.
»Es hat an strategischen Wert verloren. Es ist nicht entscheidend für den Krieg. Bündelt Eure Kräfte in der Lokalen Gruppe und den estartischen Galaxien. Vergesst nicht die Kemeten nahe UJDAT. Sie stellen mit den verbündeten Saggittonen und Akonen eine Gefahr für Cartwheel dar.«
Ich verstand nicht, wieso wir nicht mehr M87 erobern sollten. Was hatte sich geändert? Nur weil Torsor tot war? Nun gut, er war der Befürworter der Invasion gewesen. Wir hatten ihm dieses Zugeständnis als Bündnispartner gemacht, damit die Bestien uns treu dienten.
»Wenn wir den Bestien den Kampf um ihre Heimat versagen, werden sie sich gegen uns wenden«, warf ich ein.
»Despair hat recht, Cau Thon. Wir müssen es geschickter anstellen. Wir ziehen die menschlichen Truppen ab und überlassen den Bestien M87 in völliger Autarkie. Ihr neuer König soll dann entscheiden, wie es weitergeht.«
Der Plan des Imperatore könnte funktionieren.
»Wir stellen die Bestien vor die Wahl, weiter in Cartwheel zu leben oder nach M87 umzusiedeln, wo sie ihr neues Reich errichten, jedoch unabhängig vom Quarterium. Ich werde eine entsprechende Rede aufsetzen.«
»Was ist mit den Ambitionen des Quarteriums in M87? Entsorgungslager, Wirtschaft, Rüstungsfabriken?«, wollte ich wissen.
»Gestrichen! Shorne wird das verstehen. M87 entwickelt sich zu einem Pulverfass. Ich traue keiner dieser Bestien zu, adäquater Ersatz für Torsor zu sein. Sie werden sich brutal gegen uns wenden. Er hat diese Barbaren zusammengehalten, ihnen Disziplin gegeben. Mit seinem Tod wird der Zusammenbruch der Bestien erfolgen. Sie werden sich gegenseitig bekämpfen und deshalb gegen die KdZ verlieren. Das Quarterium muss sich heraushalten.«
»Ich teile die Meinung des Imperatore«, sagte Cau Thon.
Ich dachte darüber nach. Sollten wir wirklich so schnell die Flinte ins Korn werfen?
Immerhin standen uns zehntausende Schlachtschiffe der Bestien zur Verfügung, die jedoch zu 90 Prozent in M87 kämpften. Dazu kamen fast 30.000 Supremo-Schlachtschiffe der Terraner und Arkoniden. Diese brauchten wir tatsächlich für den bevorstehenden Kampf in der lokalen Gruppe und die endgültigen Eroberung von Etustar. Durch das Auftauchen der Entropen hatte sich sowieso alles verändert. Wir hatten einen neuen Gegner und konnten uns keinen kostspieligen Krieg um ein nutzloses Gebiet leisten.
»Die Bestien dürfen unseren Rückzug jedoch nicht als Verrat auffassen. Doch das werde ich ihnen schon diplomatisch beibringen«, versicherte der Imperatore und lachte etwas irre.
»Torsors größter Wunsch war doch immer ein unabhängiges Reich der Bestien in M87. Nun sollen sie dieses Vermächtnis antreten. Wir schenken ihnen M87 und verzichten auf alle Besitzansprüche als Zeichen unserer Freundschaft. Ja, das klingt gut.«
Der Imperatore lachte erneut. Wäre er nicht Politiker geworden, hätte er sich als Versicherungsvertreter oder Gleiterhändler sicher auch prächtig durchgeschlagen bei einer so begabten Verdrehung der Tatsachen, fand ich.
»Was hast du auf Ednil erlebt?«, wollte Cau Thon wissen. »Nistant ist auferstanden?«
»Ja«, sagte ich knapp. Es wunderte mich nicht, dass Cau Thon davon wusste. Sicherlich kannte MODROR das Riff und wusste um den Konflikt zwischen SI KITU und den Riffanern.
»Ich bin mir nur nicht sicher, ob uns das hilft. Die Einmischung der Riffaner und Entropen in unseren Hoheitsgebieten bereitet mir große Sorgen«, sagte ich.
»Mir auch, mir auch. Wir müssen dagegen etwas unternehmen«, forderte de la Siniestro. »Cau Thon, kann MODROR uns nicht helfen?«
»Das Riff wird sich neutral verhalten, solange es nicht angegriffen wird. Wir sollten es vorläufig ignorieren. Die Entropen jedoch sind angestachelt vom Fanatismus der SI KITU, die unserem Meister nicht wohl gesonnen ist. Gegen die Entropen werden wir erbarmungslos zu Werke gehen. Ich arbeite bereits an einem Plan. Wir werden euch helfen, doch MODROR muss sich erst einmal von der empfindlichen Niederlage im Kreuz der Galaxien erholen.«
Es waren mir entscheidend zu viele Niederlagen im Moment. Unsere Macht wankte und ich besaß kein großes Vertrauen in Jenmuhs Militärgeschick. Wenn der Gos’Shekur die Invasion der Milchstraße vergeigte, hatten wir ernsthafte Probleme.
»Ich werde mich bald wieder melden, meine Brüder«, sagte Cau Thon. Diesmal verließ er ganz normal den Thronsaal. Ich blickte ihm eine Weile hinterher. Der Imperatore ließ sich in ächzend in seinen Thron fallen.
»Diese Ereignisse sind unerfreulich, mein Freund. Mit der gigantischen Flotte von