
Im August 1307 NGZ herrscht der Krieg überall. Das Quarterium zieht eine blutige Spur der Gewalt durch den Kosmos. Kriege in M 87, den estartischen Galaxien, Cartwheel und in der Lokalen Gruppe haben das Leben aller dort existierenden Wesen verändert.
Das Quarterium greift nach Andromeda, doch Perry Rhodan, Aurec und deren Verbündete trotzen der Armada des Regimes.
Doch in den estartischen Galaxien ist ein Ereignis eingetreten, welches weitaus größere Bedeutung haben kann: Die Ankunft des ominösen Riffs steht bevor, während Quarteriale, Dorgonen, Estarten und Saggittonen sich bekriegen, bahnt sich ein gigantisches Etwas den Weg aus dem tiefen Weltall in die Galaxis Siom Som. Es ist DAS RIFF …
Die Nacht war schwül.
Roi Danton wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das Wetter machte ihm zu schaffen. Er warf einen Blick auf Kathy Scolar, der Verlobten des Saggittonen Aurec. Auch sie wirkte angegriffen. Ob es am Wetter lag oder an den Strapazen, wusste Danton nicht. Für ihn waren neue Abenteuer nicht annähernd so stressig wie für normale Menschen. In solchen Situationen griff er auf die jahrtausendelange Erfahrung zurück, die er besaß.
Danton lehnte sich tief in den Sessel, schloss die Augen und versuchte, Ruhe zu finden. Doch irgendetwas stimmte nicht. Die Welt drehte sich! Anders als sonst. Irgendwie ging es nach links und rechts, auf und ab. Danton öffnete die Augen und sah sich um. Nicht die Umwelt bewegte sich, sondern er selbst. Roi blickte nach links und plötzlich glotzten zwei Augen aus der Armlehne ihn an.
Roi schrie auf und sprang vom vermeintlichen Sessel. Das schwarze Ding krabbelte auf vier Tentakeln auf dem Boden herum. Die Armlehnen waren offenbar seine Augen. Das ganze abstrakte Wesen wirkte mehr wie ein Möbelstück, als wie ein Intelligenzwesen.
Alles in Ordnung, Roi?
, fragte Kathy.
Oui! Ich muss mir nur eine andere Sitzgelegenheit suchen …
Danton ging im Raum umher. Der ganze Saal war genauso skurril. Bei genauer Betrachtung bewegten sich die Wände. Auch das waren Lebewesen. Die Wände verformten sich, grüne, efeuähnliche Pflanzen züngelten aus der Wand. Der Raum lebte!
Danton blieb einfach stehen. Hinsetzen brachte wohl wenig. Er musterte seine Gefährten. Kathy, Nataly und Roland Meyers waren bei ihm. Wo sich Maya Ki Toushi herumtrieb, blieb Danton verborgen. Trechos und seine Entropenhexe Niada waren von Tashree in Gewahrsam genommen worden. Aber waren sie das nicht auch? Cul’Arc, dieses Fledermauswesen, hatte ihnen nahegelegt, ihre Räume nicht zu verlassen. Das klang nicht so, als wären sie Gäste des Hauses.
Nun dämmerte es Roi endlich. Dieser Raum war ein Gefängnis. Eine Art lebende Zelle. Mobiliar und Wächter in einer Person.
Er rekapitulierte die vergangenen Ereignisse noch einmal. Noch vor wenigen Wochen waren sie in der Lokalen Gruppe gewesen, als die FLASH OF GLORY von Entropen – seltsamen, blauen Wesen im Dienste der Entität SI KITU – entführt worden war. Die Entropen sahen ein ominöses Riff als große Gefahr für das Universum an und wollten es vernichten. Offenbar befanden sie sich in der Nähe von Siom Som. Hier hatte der erste Kontakt mit Entropen und Riffanern bereits zu Weihnachten letzten Jahres stattgefunden. Roi erinnerte sich noch lebhaft daran.
Damals hatten seine Familie und er mit den de la Siniestros gefeiert. Brettany de la Siniestro war mit Cauthon Despair durchgebrannt
und dabei sowohl auf ein Schiff der Entropen als auch auf ein Raumschiff der Riffaner gestoßen. Die einzigen Aggressoren waren jedoch die Entropen. Sie ermordeten den Bruder von Tashree, wie Roi inzwischen wusste, und zwei seiner Crewmitglieder. Andere Riffaner entkamen offenbar und töteten in einer uralten Station die drei Entropen. Seitdem hatten Quarterium und Liga Freier Terraner nach Spuren dieser beiden Völker vergeblich gesucht.
Nun hatten sich zumindest die Entropen eindrucksvoll zurückgemeldet. Aber auch die Riffaner waren unweit von Siom Som. Vor einem Tage hatte die FLASH OF GLORY einen fliegenden Mond, offenbar keine Raumstation, entdeckt. Thol 7612 war die eigentümliche Bezeichnung. Ob das bedeutete, dass es noch 7612 weiterer solcher gigantischen, fliegenden Planeten ohne Sonnensystem gab?
Niada, die entropische Hexe, hatte vorgehabt, Thol 7612 zu vernichten und vorher die Koordinaten des Riffs herauszufinden. Doch der Plan ging gründlich schief. Tashree, eine Art Zentaure, hatte die Entropen und Terraner inhaftiert und zu einem wolfsähnlichen Wesen mit sechs Armen namens Zigaldor gebracht. Zigaldor war ein Hohepriester des Gotteskultes Nistant. Offenbar war Nistant ihr Heiliger. Obgleich Zigaldor mächtig war, schien noch jemand das Sagen zu haben: Cul’Arc! Dieser war ein äußerst hässliches Fledermauswesen.
Roi erinnerte sich an die letzten Worte Cul’Arcs, bevor er sie bat, seine Gäste
zu sein.
Nun, es ist unhöflich, mich meinen Gästen nicht vorzustellen. Ich bin Cul’Arc, Teil unseres Gottes Nistant, dem Gründer und Führer des Riffs. Unser Begehr in Siom Som ist einfach. Wir möchten es mit einigen Billiarden unserer Bürger besiedeln.
Roi erwartete eine gigantische Katastrophe, sollte das Riff Siom Som und die anderen estartischen Galaxien erreichen. Weder die Einheimischen noch die dorgonisch-quarterialen Besatzer würden freundlich auf diesen Asylantrag reagieren. Doch vielmehr machte Roi das Riff selbst Sorgen. Was verbarg sich dahinter? Was für ein mächtiges Konstrukt wies Billiarden Lebewesen und solche fliegenden Monde vor?
Über was für ein kosmisches Wunder waren sie nun schon wieder gestolpert? Reichte nicht der Konflikt zwischen DORGON und MODROR? Der Krieg mit dem Quarterium? Nun noch das!
Was hätte Roi jetzt für eine Buddel Rum gegeben! Etwas Alkohol schadete nie beim Nachdenken, fand er. Zumindest wenn es in Maßen gehalten wurde. Plötzlich formte sich aus dem Boden eine Flasche, die beinahe wie eine Rum-Flasche aussah.
Trink!, forderte eine mentale Stimme.
Roi sah sich um, doch niemand Fremdes war in dem Raum. Auch die anderen sahen ihn fragend an.
Na los! Es ist nicht vergiftet. Es ist eurem Rum nachempfunden.
Das war der Raumwächter. Offenbar verfügte es auch über telepathische Fähigkeiten. Roi konzentrierte sich darauf, es dem Wesen nicht zu einfach zu machen, seine Gedanken zu lesen, schließlich war er mentalstabilisiert. Aber offensichtlich war dieser Raum
trotzdem in der Lage, Rois Empfinden zumindest zu erahnen. Dennoch war es eine interessante Kreatur, überlegte Danton, während er das Angebot annahm und einen kräftigen Schluck von dem Zeug nahm. Sofort musste er husten. Das Zeug brannte in seiner Kehle. Aber es schmeckte nach mehr. Rum war es nicht, aber dennoch verteufelt gut.
Ein lebendes Gefängnis, welches die Wünsche der Gäste
erriet, aber auch deren Ausbruchspläne. Es verformte sich womöglich so, dass es Ausbrüche unmöglich machte.
Das jedoch erschwerte ihre Situation sehr. Ihnen blieb wohl nichts anderes übrig, als abzuwarten.
Liebes Räumlein, ich hätte gerne ein bequemes Sofa, welches sich nicht bewegt oder lebt. Und ein ebenso totes und gut zubereitetes Schnitzel mit Pommes und Champignons.
Kathy und Nataly sahen ihn an, als sei er übergeschnappt. Als jedoch die Wünsche plötzlich aus dem Boden sprossen, blickten sie nur noch völlig verdattert ihn an.
Achtet auf eure Gedanken. Sie verraten euch. Dieser Raum lebt und ist telepathisch begabt.
Roi nahm einen Bissen vom Schnitzel. Hm, und auch kulinarisch geschickt.
Ist das alles, was dir einfällt? Nur herumsitzen, saufen und fressen? Du bist ja ein feiner Unsterblicher
, polterte Nataly.
Roi machte das wenig aus, doch er tat brüskiert.
Wir sind Gäste von Kathys neuem Freund Cul’Arc. Wir müssen abwarten, wohin er uns bringt.
Wieso, mein neuer Freund? Nur, weil ich mit ihm gut reden konnte? Irgendjemand musste ja diplomatische Brücken schlagen.
Roi versuchte die beiden Frauen zu ignorieren, aber sie plapperten einfach weiter. Wieso gab es keine Fernbedienung für Frauen? Danton glaubte, jeder Mann hatte sich bestimmt schon einmal im Leben gewünscht, die Stummtaste bei einer Frau zu drücken.
Roland Meyers kauerte ruhig in einer Ecke. Für ihn war diese Erfahrung sicherlich neu. Er hatte zwar bereits seine Abenteuer erlebt, doch sicherlich keines wie dieses. Nataly und Kathy waren schon erfahrener, wenngleich Danton selbst natürlich der Methusalem unter ihnen in Sachen Abenteuern war.
Der große Cul’Arc gibt euch die Ehre!
Ankündiger war dieses Raumwesen auch noch. Schon öffnete sich die Tür und das Fledermauswesen trat, begleitet von Tashree dem Zentauren ein.
Ich hoffe, ihr genießt die Annehmlichkeiten. Euren entropischen Freunden geht es nicht so gut. Auch die verborgene Hexe halten wir unter gesonderter Beobachtung.
Maya?
, fragte Meyers.
Korrekt. Es ist euch bekannt, dass ihre DNA der Entropin Niada stark ähnelt. Sie scheint ebenfalls eine Hexe zu sein.
Huch?
, machte Danton.
Was?
, rief Meyers.
Er wirkte wie vor den Kopf gestoßen. Roi bemerkte, dass er es nicht gewußt hatte. Woher auch? Sie hatten bis jetzt keine Vergleichsmöglichkeiten gehabt.
War Maya Ki Toushi eine Art Spion der Entropen? Eine Kundschafterin dieses ominösen Volkes? Doch diese Gedanken waren zweitrangig. Roi wollte vielmehr etwas anderes wissen: Was geschieht nun mit uns?
Wir werden euch zum Riff bringen. Dort wird über euer Schicksal entschieden werden.
Ich nahm an, wir seien Gäste?
, fragte Kathy.
Teuerste Terranerin, so Leid es mir tut, aber ihr seid nach Thol 7612 gekommen, um ihn zu vernichten. Wir müssen erst einmal prüfen, ob ihr vertrauenswürdig seid. So gerne ich die Bekanntschaft mit euch Terranern geschlossen habe, doch oberste Priorität hat die Sicherheit des Riffs. Wir können keine Attentäter dort gebrauchen.
Roi biss sich auf die Lippe. Leider wurden seine Vermutungen bestätigt, dass die Riffaner ihnen nicht trauten. Er verwünschte dieses Weibsbild Niada!
Wird uns ein Prozess gemacht?
Cul’Arc entblößte sein mächtiges Gebiss und breitete die Flügel aus.
Selbstverständlich. Wir sind doch keine Barbaren. Bis dahin genießt unsere Gastfreundschaft.
Das Fledermauswesen und Tashree verließen den Raum.
Reizend
, meinte Danton und nahm einen kräftigen Schluck aus der Pulle. Das Ganze konnte noch sehr heiter für sie alle werden …
Roi Danton starrte aus dem Fenster und prägte sich die üppige Landschaft von Thol 7612 ein. Im Tal wucherten gigantische Wälder über die gesamte Ebene. Ein großer See erstreckte sich bis zum Horizont. Östlich zogen Wiesen und Felder an einem Nebenfluss entlang. Abgesehen von der Stadt auf dem Berg gab es kaum Anzeichen von Zivilisation. Und doch schienen die Riffaner eine hochstehende Technologie zu besitzen. Sie wehrten den Angriff der entropischen Schiffe ab und hatten auch keine Probleme, die Entropen und Terraner gefangen zu nehmen. Offenbar lebten die Wesen jedoch in einer sehr starken Symbiose mit der Natur.
Die Waldaffen und das lebende Wachzimmer waren nur ein Beispiel für diese fremdartige aber ebenso faszinierende Kultur.
Danton lehnte sich gegen die Wand, als plötzlich Tentakel mit Augen aus derselben schossen. Sie glotzten ihn fragend an. Danton erschrak sich ein wenig, sprang von der Wand weg. In diesem Moment schob sich Cul’Arc durch eine Öffnung der Zelle und ging direkt auf ihn zu.
Ihr Terraner seit extrem neugierig. Thol 1222 meldet Kontakt mit eurem Volk gehabt zu haben. Sie haben Thol 1222 ausspioniert.
Cul’Arcs Worte klangen anklagend.
Was würdet Ihr tun? Sicherlich nicht tatenlos herumsitzen. Natürlich wollen wir fremde Invasoren erforschen. Zur eigenen Sicherheit.
Einleuchtend. Es wird Zeit, dass wir uns mit den Regierenden in Verbindung setzen.
Danton sah nun eine diplomatische Chance.
Wir könnten dabei behilflich sein. Die politische Lage in Siom Som ist äußerst chaotisch. Die Einheimischen sind unter Besatzung zweier Imperien.
Cul’Arc machte eine Handbewegung. Die Decke öffnete sich und der ganze Raum zog sich förmlich in den Boden zurück. Danton und die anderen standen nun unter freiem Himmel.
Ich schenke dir mein Vertrauen, Danton. Enttäusche mich nicht. Was schlägst du vor?
Danton dachte nach. Wie brachte man der Urbevölkerung und den Invasoren schonend bei, dass Billiarden Wesen plötzlich Siom Som besiedeln wollten? Wie würden sie reagieren? Vermutlich würden die Estarten tatenlos bleiben. Sie hatten keine Armee und kaum mehr Macht. Die Quarterialen und Dorgonen würden wahrscheinlich das Riff angreifen. Danton musste mit vernünftigen Leuten sprechen. Doch die gab es weder im Quarterium noch im Kaiserreich Dorgon.
Es wäre das Beste, wenn wir sehr behutsam vorgehen. Die Invasoren von Siom Som sind äußerst aggressiv. Sie würden vermutlich das Riff als Bedrohung ansehen und angreifen.
Cul’Arc gab einen seltsamen Laut von sich.
Warten ist inakzeptabel. Wir haben eine Aufgabe durch unseren Gott Nistant erteilt bekommen. Sie muss erfüllt werden.
Vielleicht kann man sie ja verschieben?
Cul’Arc packte Roi zu dessen Entsetzen und hob ihm in die Luft. Roi krallte sich am Arm des Fledermauswesens fest. Er starrte in den Abgrund. Da ging es einige hundert Meter in die Tiefe.
Kannst du nicht etwas ruhiger fliegen?
, fragte Danton.
Cul’Arc reagierte nicht darauf. Er segelte über die Baumkronen hinweg zum Tempel. Dort landete er. Roi war froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
Komm mit!
Cul’Arc stapfte voraus. Danton folgte ihm, hatte jedoch Probleme, dem schnellen Schritt mitzuhalten. Sie liefen an Manjorwachen und Zentauren vorbei. Danton wusste inzwischen, dass diese Geschöpfe dem Volk der Harekuul angehörten.
Sie erreichten eine Halle. Dort waberten jede Menge Persy herum. Persy waren schwammartige Wesen mit einem fetten, gallertartigen Körper. Etliche Tentakel ragten aus dem Torso. Jede Bewegung wurde von einem blubbernden Geräusch begleitet. Sie waren offenbar Priester. Cul’Arc blieb vor zwei Statuen stehen. Ein Mann und eine Frau.
Der Mann war hochgewachsen und in eine Robe mit Kutte gekleidet. Das Gesicht war kaum zu erkennen. Die Steinstatue der Frau zeigte ein wunderschönes weibliches Wesen. Beide waren humanoid, was Roi überraschte, denn er hatte bisher noch keinen einzigen Menschen auf Thol gesehen.
Roi erinnerte das Gesicht der Frau an jemanden, doch er konnte es keiner Person zuordnen. Dennoch war er sich sicher, dass die Frau ihm nicht unbekannt war.
Cul’Arc kniete vor den beiden nieder.
Vor vielen Millionen Chrons lebte unser Gott Nistant. Einst ein einfacher Mann, liebte er die schöne Ajinah. Sie war seine Inspiration, sein Leben, seine Kraft. Er schwor, alles für sie zu tun. Doch seine Liebe wurde zu seinem Verhängnis. Sie brachte ihm Tod und Verdammnis, doch er hatte niemals aufgehört, sie zu lieben. Verflucht von den Hohen Mächten des Universums streifte er als Ruheloser durch das Universum auf der Suche nach Ajinah und Absolution. Er bekam beides nie. Doch er erwachte eines Tages aus seiner Melancholie und wollte Neues schaffen. Er ist der Begründer des Riffs, unser Führer und unser Gott!
Eine traurige Geschichte fand Danton. Ob sie auf Wahrheit beruhte? Die Zeiteinheit Chrons sagte Roi noch nichts. War das Riff Millionen von Jahren alt und Nistant der Begründer von diesem ominösen Ding? Noch immer wusste Roi nicht, was es war. Doch er war sich sicher, dass seine Neugier bald befriedigt werden würde.
Nistant schrieb unsere Gesetze und gab uns den Auftrag, das Universum mit neuem Leben zu erfüllen. Besserem Leben als jenes, welches die Hohen Mächte des Universums sähen würden. Wir sollten das Riff aufbauen und vergrößern und neue Kulturen in ihm aufnehmen. Das Riff sollte zu einem beispiellosen Hort der Kulturen und Völkergemeinschaften werden. Es sollte eine Bastion gegen den Kampf zwischen Ordnung und Chaos im Universum werden, vielleicht mit eurer Arche Noah vergleichbar.
Danton war überrascht, dass Cul’Arc die terranische Religion kannte. Das Fledermauswesen wirkte vergnügt.
Auch wir sind Forscher. Ihr Terraner seit besonders interessant. Euer Vater hat viel im Universum bewirkt. Er ist uns nicht verborgen geblieben. Außerdem entstammt ihr demselben Volk wie unser Gott. Aber ihr seid unreif, kriegerisch, gierig und verschlagen. All das hasste Nistant und verbot es.
Gibt es auf dem Riff keine Kriminalität? Keine Korruption?
Cul’Arc winkte ab.
Ich wünschte, es wäre so. Bei den unzähligen Völkern ist dies nicht auszuschließen. Doch diese Völker leben außerhalb der Riffgemeinschaft. Diese planen wir auch abzustoßen.
Das waren ja glänzende Aussichten, fand Roi. Offenbar wollten sie den Ballast
abwerfen.
Wie … wie geht ihr denn sonst immer vor? Ich meine, bei den Besiedelungen von anderen Galaxien.
Cul’Arc wanderte mit eingezogenen Flügeln um die Statuen von Nistant und Ajinah.
Keiner aus unserer Generation hat je einen Kulturaustausch zwischen Riff und Galaxien erlebt. Der Letzte liegt einige hunderttausend Chrons zurück
, gestand der Riffaner.
Oh! Aber es gibt doch sicher einen Knigge für solche Anlässe?
Wie?
Ein Regelbuch.
Hm. Ja, das gibt es. Die Vorgehensweise wurde von Kulturaustausch über Kulturaustausch niedergeschrieben und wird von der Hohepriesterschaft verwaltet. Zigaldor hat Zugang. Es beginnt alles mit der Entsendung eines Riffspähers. Doch diesmal ist er umgebracht worden.
Roi vermutete, dass es sich dabei um einen der drei getöteten Fremdlinge auf der Eiswelt handelte. Er sagte lieber nichts über diesen Vorfall. Das gerade gewonnene Vertrauen von Cul’Arc wollte er nicht gleich wieder verspielen.
Und wie wollt Ihr nun vorgehen? Meint Ihr nicht, dass die Bewohner Siom Soms etwas verstört auf euere Absichten reagieren werden?
Unser Begehr ist dennoch unabänderlich. Er ist der Wille von Nistant. Wir dürfen unseren Erschaffer niemals enttäuschen. Wir werden Siom Som besiedeln. Friedlich oder im Krieg!
Das waren klare Worte in Dantons Ohren. Jetzt war guter Rat teuer. Die Ankunft des Riffs drohte zu einer handfesten Katastrophe zu werden. Als ob die ganze Lage nicht schon verzwickt genug war.
Hören Sie, wir müssten eine Lösung finden, mit der alle glücklich sind. Terraner, Quarteriale, Somer und Dorgonen.
Vergessen Sie nicht die Entropen. Wir haben Nachricht erhalten, dass sie sich bereits in die politischen und militärischen Verhältnisse eingemischt haben. Offenbar unterstützen sie Ihre Terraner und Somer und kämpfen gegen die Ordnungsmächte. Was soll ich davon halten?
Danton fuchtelte mit den Armen umher, als hoffte er, mit dieser Geste das Fledermauswesen zu besänftigen.
Ich sagte ja bereits, dass die Lage dort etwas kompliziert ist. Die Rolle der Entropen ist mir auch noch nicht ganz klar. Vielleicht sollten wir Niada mal genauer fragen?
Danton wusste, dass die Hexe ziemlich stur war und sicherlich kein Wort über ihren Auftrag sagen würde. Alles, was er von den Entropen wusste, war, dass sie keine Freunde der Quarterialen und Riffaner waren. Obwohl die Methoden der Entropen ebenso brutal waren wie die der Quarterialen, wie Rhodans Sohn fand.
Niada, Ihr Entrope Trechos und diese Maya Ki Toushi stellen zweifellos Probleme dar
, gab Cul’Arc zu. Ebenso bin ich noch nicht ganz von Ihrer Neutralität überzeugt. Ich muss mir darüber erst im Klaren werden und habe dazu auch schon eine Idee …
Der Wind wehte stark auf dem höchsten Punkt der Burg. Genau an diesen Ort, dem höchsten Turm der Festung von Thol 7612, hatte Cul’Arc sie befohlen.
Roi Danton war mit Kathy, Nataly, Sato Ambush und Roland Meyers erschienen. Unweit standen Niada, Maya Ki Toushi und der Gigant Trechos. Selbst die Giganten von Thol
, Riesenmenschen, waren einen Kopf kleiner als der Entrope, der an einen Haluter erinnerte.
Die Entropen waren in Energiefelder gehüllt.
Cul’Arc thronte vor ihnen. Neben ihm standen der Manjor Zigaldor und der Harekuul Tashree.
Es ist noch unklar, welche Rolle ihr Entropen spielt
, begann Cul’Arc. Ihr steht uns feindlich gegenüber, obgleich sich niemals unsere Pfade gekreuzt haben. Wieso?
Niada fühlte sich offenbar angesprochen. Sie trat einen Schritt vor. Cul’Arc gab ein Handzeichen. Es öffnete sich eine kleine Strukturlücke in dem Energiefeld, durch das Niada schritt.
Sie wirkte stolz und unnahbar. Selbst in diesem Moment strahlte sie ihre gewohnte Arroganz aus.
Wir sind Diener, nein glühende Mitstreiter von SI KITU. SI KITU ist die einzig wahre Entität im Universum. Sie verkörpert den richtigen Weg. Unsere Mutter hat uns den Weg gewiesen und uns unsere Feinde aufgezeigt. Ihr gehört dazu.
Aus ihren Worten klang grenzenloser Hass heraus. Sie war zweifellos fanatisch, glaubte Danton.
Cul’Arc zeigte keine Regung. Jede Form von Hass beruht auf einem Grund. Welcher ist dieser? Wieso sind wir die Gegner SI KITUs?
Niada lachte abfällig. Welch hinterlistiges Spiel du mit mir treibst. Versuchst du mit vorgespieltem Unwissen die Terraner auf deine Seite zu ziehen? Das ist lächerlich.
Danton wurde das langsam zu bunt. Sowohl Riffaner als auch Entropen redeten ständig um den heißen Brei. So gesehen war Cul’Arcs Frage schon richtig: Wieso wollten die Entropen die Riffaner vernichten? Bis jetzt hatte es keine klare Aussage gegeben!
Offenbar wissen es die Terraner ebenso wenig wie wir. Meine Geduld neigt sich dem Ende zu. Entweder du redest, oder ich töte euch alle drei auf schmerzvolle Art und Weise.
Bluffte Cul’Arc? Danton glaubte nicht daran. Zum ersten Mal klang dieses sonst so freundliche Fledermauswesen ziemlich ernst und tödlich.
Ah, du zeigst endlich dein wahres Gesicht. Nur zu, töte mich. Doch damit wirst du nichts ändern.
Cul’Arc stand auf. Er sprang in die Höhe und flatterte bedrohlich über Niada hinweg. Beide waren unbewaffnet, doch Cul’Arc war von mächtiger Statur, während Niada nicht so aussah, als würde sie eine gute Kämpferin sein.
Cul’Arc landete direkt vor ihr und fauchte laut. Er packte sie am Hals und hob sie hoch.
Deine Sturheit besiegelt dein Schicksal. Vielleicht sind deine Kumpanen nach deinem Ableben kooperativer.
Niada schrie, ihre Stimme schien sich im Ultraschallbereich zu verlieren. Gleichzeitig hatte Danton den Eindruck einer starken parapsychologischen Schockwelle.
Und dann verwandelte sich die Hexe. Ihre Gestalt schien zu wachsen und wurde athletischer. Aus dem Kopf wuchsen zwei nach oben gekrümmte Hörner und mitten auf der Stirn wurde ein drittes Auge sichtbar. Die Haare wurden zu einer wilden, fast hüftlangen Mähne, die in allen Regenbogenfarben schimmerte. Auch die eng anliegende Kombination verwandelte sich in eine Art lederartigen Harnisch, der nur das Notwendigste bedeckte. Besonders auffällig waren die vielen Reifen, die Arme, Beine – ja fast jedes Körperteil – umschlossen.
Sie drückte Cul’Arc von sich. Er war offenbar genauso überrascht, wie Danton selbst. Auf einmal donnerte es über ihnen. Blitze schossen aus dem Himmel und ein rotes, an den Rändern sich zerfaserndes Loch öffnete sich im Himmel. Es hatte vielleicht einen Durchmesser von zehn Metern. Ein kleines Raumschiff schoss hindurch und begann sofort das Feuer auf die Riffaner zu eröffnen. Dantons erste Sorge galt den beiden Frauen. Er packte sie und drückte sie auf den Boden.
Innerhalb weniger Sekunden war ein Inferno auf dem Turm entbrannt. Das Raumschiff landete und schleuste Entropen aus. Sie waren von derselben Rasse, aus der auch Trechos entsprang. Niada befreite den Hünen und schleuderte Energieblitze auf Cul’Arc. Das Fledermauswesen wurde schwer getroffen, die Flügel brannten. Dann stürzte es über die Zinnen in die Tiefe. Danton hatte keinen Zweifel daran, dass Cul’Arc den Fall nicht überlebt hatte.
Tashree feuerte mit Explosivpfeilen und Bogen auf die Entropen.
Roi war sich nicht sicher, wie sie sich verhalten sollten. Er schlug sich zu Roland Meyers durch. Vorschläge?
Keine, Sir. Wir sitzen hier ohne Raumschiff fest. Wir sollten einfach den Verlauf der Schlacht abwarten.
Das waren keine guten Aussichten. Die Entropen sicherten den gesamten Turm ab. Nach kurzer Zeit waren Tashree und Zigaldor als Einzige übrig. Niada befahl, das Feuer einzustellen. Sie verwandelte sich in ihre menschliche Gestalt zurück und lief auf Roi Danton zu.
Machen Sie das öfters?
, fragte er verblüfft.
Nur im Notfall oder …
Sie streichelte mit ihrem Finger über seine Brust. … wenn ich stark komme.
Roi warf ihr einen verdutzten Blick zu. Das würde mit uns zwei nicht gut gehen
, wich er aus.
Was geschieht mit Tashree und Zigaldor?
, mischte sich Kathy Scolar ein. Roi war dankbar für den Themawechsel.
Niada betrachtete die beiden Riffaner mit all ihrer Arroganz. Roi durfte nicht zulassen, dass die beiden getötet wurden. Aber welche Wahl hatte er? Die Entropen hörten nicht auf ihn.
Wo ist die Position des Riffs?
, fragte Niada.
Zigaldor schwieg. Tashree trabte auf sie zu, bäumte sich auf und lachte.
Du dumme Hexe. Es liegt direkt vor deiner Nase.
Niada starrte ihn an. Dann blickte sie sich um. Sie war offenbar unsicher. Kathy tippte Roi an und deutete auf den Himmel. Es dämmerte bereits. Aus den Sternen schälte sich eine Art Nebel. Er sah jedoch nicht aus wie ein typischer Sternennebel, denn es waren keine Sterne in ihm. Wie ein weißes Schemen wurde das Gebilde immer größer. Inzwischen war es dreimal so groß wie die anderen Sterne am Firmament. Offenbar hielt Thol darauf zu.
Nun bemerkte es Niada auch.
Bei SI KITU
, sprach sie. Ich nehme Verbindung mit den anderen Hexen auf. Trechos, finde heraus, wo wir uns genau befinden. Sie sollen eine Flotte bereitstellen. Wir werden das Riff vernichten!
Vernichten?
, rief Kathy aufgeregt. Da machen wir nicht mit. Eine Allianz mit den Entropen ist nichts für uns Terraner. Wir schließen keine Bündnisse mit Mördern!
Roi war angenehm überrascht über Kathys Einwand. Sie hatte durchaus recht.
Und das sagt eine ehemalige psychopathische Tresenschlampe?
, gab Niada bissig zurück. An deiner Stelle würde ich mir ein paar Drogen einwerfen und kosmische Politik jenen überlassen, die etwas davon verstehen!
Kathy hatte offenbar genug. Sie sprang auf Niada zu und schlug die Hexe mit einem Kinnhaken nieder. Niada schrie auf und war schnell wieder auf den Beinen. Sie schnellte auf Kathy zu und verwandelte sich dabei wieder in diese Halbfrau mit den Hörnern. Kathy wich dem Angriff aus. Tashree hob ein Schwert vom Boden und warf es Kathy zu. Sie fing mit Mühe den Säbel und schlug damit nach Niada, die jedoch behände auswich.
Seht doch!
, rief Nataly dazwischen.
Plötzlich fing Niada laut an zu schreien. Sie fasste sich an den Kopf und fiel zu Boden. Umgehend verwandelte sie sich zurück. Die Hexe lag wimmernd auf dem Boden. Aber auch Maya krümmte sich vor Schmerzen. Roland Meyers kümmerte sich sofort um sie.
Ich halte diese Schmerzen nicht mehr aus!
, brüllte Niada. Geht aus meinem Kopf.
Erst jetzt achtete Roi auf Natalys Hinweis. Das Gebilde hing, wie eine finstere Wolke über dem Himmel. Es war gigantisch, zumal Roi glaubte, dass Thol noch um einiges davon entfernt war.
Die Entropen blickten verunsichert ihre Herrin an. Trechos stampfte zu ihr und tickte sie behutsam an. Niada weinte, hielt sich den Kopf und flüsterte schwach, dass er aus ihrem Kopf gehen solle.
Offenbar war die Hexe eine starke Empathin oder Telepathin. Wahrscheinlich stand sie auch mit anderen Entropen in Verbindung. Nur so erklärte sich Roi das Erscheinen der anderen Entropen.
Was machen wir jetzt, Trechos?
, fragte einer der Soldaten.
Der Riese wirkte ratlos. Dann wandte er sich an Tashree und Zigaldor, die unbeteiligt das Geschehen beobachtet hatten.
Was ist das für eine Gemeinheit? Rede, sonst breche ich dich in zwei Hälften!
Es ist der Schutz unseres Gottes Nistant
, sagte Zigaldor. Er bestraft ruchlose Eindringlinge. Seht es doch ein, Entropen! Ihr habt keine Chance gegen uns. Verlasst Thol und kommt nie wieder in die Nähe des Riffs!
Wir werden sehen
, gab Trechos trotzig zurück. Bjegor, hast du die Bombe mitgebracht?
Ja, Herr. Sie befindet sich im Truppentransporter.
Roi schwante Übles.
Lokalisiert die stärkste Energiequelle und sprengt sie unverzüglich. Dann soll die Eingreiftruppe uns abholen.
Ihr habt einen Plan B?
, fragte Roi den Riesen.
Dieser lachte den Unsterblichen regelrecht aus.
Ja, dummer Zwerg! Niada stand in telepathischen Kontakt mit einem Sonderkommando, welches Thol in gebührendem Abstand gefolgt ist. Wir sind unserem Ziel nahe gekommen, haben das Riff gefunden und einige hochrangige Persönlichkeiten außer Gefecht gesetzt. Sobald die Abwehranlagen von Thol vernichtet sind, zerstören wir den Mond und gehen an Bord eines Entropenschiffes. Ihr könnt selbst entscheiden, ob ihr hier drauf geht oder mitkommt.
Dieser Trechos war wirklich entzückend. Und wieder blieb ihnen wohl keine andere Wahl, als sich diesem unangenehmen Volk erneut anzuschließen. Roi machte sich Sorgen um Tashree und Zigaldor.
Was wird aus den beiden? Sie wollen sie doch nicht töten?
Doch, genau das wollen wir.
Haben Sie schon einmal an einen diplomatischen Kontakt mit denen gedacht? Vielleicht könnten wir das auch alles friedlich regeln!
SI KITU lehrte uns, dass das nicht geht. Sie hat immer recht. Deshalb ist sie auch SI KITU und besser als die Kosmokraten.
Für mich klingt das eher nach Kosmokratenmentalität
, sagte Roi zerknirscht. Er verfluchte diesen Idioten Trechos. Niada lag immer noch benommen am Boden. Entropen kümmerten sich um sie. Maya Ki Toushi ging es inzwischen wieder besser. Sato Ambush und Roland Meyers stützten sie. Roi ging zu ihnen.
Ich habe einige Fragen! Sind Sie auch so eine Entropin?
Und wenn?
, schrie sie. Jedoch kann ich Sie beruhigen, ich hab mit denen bestimmt nichts zu tun, obwohl mir einige ihrer Ideen gar nicht so abwegig erscheinen. Allerdings liegt meine komplette Kindheit und Jugend im Dunkel. Bewusste Erinnerungen habe ich erst ab meiner Zeit in New Amsterdam und da war ich etwa fünfzehn Jahre, wie die Wissenschaftler des Liga-Dienstes später feststellten.
Sie sah Roi mit einer Mischung aus Trotz und Angst an.
Was haben Sie eben gefühlt?
Es … es war ein enormer mentaler Druck. Als ob Milliarden Stimmen auf einmal mit mir sprechen würden. Sie stellten mir Fragen …
Was für Fragen?
, hakte Roi nach.
Ob ich reinen Herzens sei. Ob ich die Kinder im Riff töten wollte? Milliarden klagender Stimmen prasselten auf mich ein. Eine Stimme war besonders stark. Er sagte schließlich, ich sei rein. Dann ließ der Schmerz nach.
Roi betrachtete Niada.
Nun, bei der war das Urteil offenbar nicht so positiv.
Die Erde bebte. Ein lauter Knall folgte. Einige Kilometer weit von ihnen tat sich die Erde unter einer großen Explosion auf.
Das war wohl ihre Energiequelle. Nun sind sie wehrlos. Unsere Schiffe sollen uns abholen.
Doch die Erde erzitterte weiter. Das Riff war inzwischen verdammt nahe gekommen und füllte fast den ganzen Himmel aus. Es sah aus wie eine gigantische, unruhige Wolkendecke, aus der sich ein gigantischer Sturm bildete. Doch der Himmel von Thol war frei von Wolken. Auf jeden Fall wirkte das Riff, wenn es das denn war, ziemlich unheimlich auf ihn.
Plötzlich fing der Turm an zu wackeln. Die Entropen blickten sich verwirrt an. Zwei gigantische, beharrte Beine schlugen dicht neben Trechos und Niada an der Zinne ein. Zwei weitere Beine folgten, dann schob sich ein gigantisches Wesen den Turm herauf. Es besaß acht Beine, der durchsichtige Körper war leicht beharrt. Einen Kopf hatte die Kreatur nicht, aber eklige Stielaugen glotzten sie an.
Kathy wich zurück. Tashree und Zigaldor nutzten die Verwirrung. Der Harekuul packte seine entropische Wache und warf sie über die Zinne. Mit der erbeuteten Waffe schoss er drei Entropen nieder. Die beiden Riffaner verschanzten sich hinter einigen Containern.
Das Monster hingegen stapfte wild durch die Gegend und zertrampelte einige Entropen. Trechos und seine Artgenossen feuerten auf das Untier. Durchsichtiges Blut oder was immer es war, spritzte durch die Gegend. Die Kreatur gab schrille Laute von sich.
Wir verschwinden. Vielleicht steht die VIPER noch bereit
, beschloss Roi und half Maya ki Toushi hoch.
Gute Idee, Sir
, stimmte Meyers zu.
Kathy und Nataly rannten schon los. Roi folgte ihnen, doch von rechts stürmte ein Entrope auf ihn zu. Roi wich seinen Fausthieben aus. Er entdeckte einen Säbel am Boden, der einer riffanischen Wache gehört hatte. Roi fuchtelte mit der Waffe umher. Der Entrope blieb stehen, zog seine Waffe und richtete sie mit einem Lächeln auf Roi.
Oh!
Kathy warf sich mitsamt ihrem Schwert auf den Entropen und rammte ihm den Säbel in die Brust. Ein Schuss löste sich, doch er ging ins Leere. Der Entrope brach tot zusammen. Die anderen waren mit dem Kampf gegen die Kreatur beschäftigt.
Weiter
, forderte Roi.
Sie liefen die Treppe hinunter und trafen auf Riffaner. Die Gruppe wich in einen Nebenraum aus. Die Riffaner rannten weiter zur Spitze des Turmes. Offenbar waren ihnen die Entropen wichtiger. Als die Luft rein war, setzten sie ihren Weg fort und gelangten nach endlosen Stufen in eine große Halle, die voll mit den Giganten von Thol waren.
Na super. Was machen wir jetzt?
, wollte Kathy wissen.
Wir schleichen uns vorbei
, meinte Roi.
Plötzlich schrillte der Alarm los. Kathy warf Roi einen vorwurfsvollen Blick zu. Doch der Alarm galt offenbar nicht ihnen. Die Giganten verließen in aller Hektik den Saal.
Jetzt oder nie!
Sie rannten Richtung Ausgang, als ihnen plötzlich ein verletztes Fledermauswesen über den Weg lief.
Roi blieb erschrocken stehen. Cul’Arc packte ihn am Hals und hob ihn hoch. Roland Meyers griff Cul’Arc an, doch der sprang einfach in die Höhe, flog mit Roi durch die halbe Halle und setzte wieder auf.
Aufhören! Bitte!
, rief Kathy und eilte zum Riffaner. Er ließ Roi los, der erst einmal nach Luft schnappte.
Wir haben nichts mit Niadas Angriff zu tun. Fragt Tashree und Zigaldor! Sie kämpfen dort oben um ihr Überleben.
Cul’Arc musterte Kathy. Offenbar hatte er Vertrauen zu der Terranerin gefasst.
Ich werde sie retten. Flieht, denn die Entropen haben Thol so schwer beschädigt, dass diese Welt bald untergeht. Euer Schiff steht in Hangar 300B.
Kathy gab Cul’Arc eine Umarmung.
Danke!
Der Riffaner starrte sie seltsam an.
Wir werden uns wiedersehen. Schon sehr bald.
Roi empfand die Worte als Drohung. Dennoch hatte er sie ziehen lassen. Eine edle Geste. Sie erreichten schnell und ohne Zwischenfälle den Hangar. Die VIPER stand unbewacht herum.
Nach wenigen Minuten war das keilförmige Beiboot startklar und ging in einen Orbit um Thol.
Geschafft!
, jubelte Nataly.
Ich fürchte nicht
, meinte Roi und blickte in die gewaltige Nebelwand, die direkt vor ihnen lag. Sie hatte ganz Thol inzwischen eingehüllt.
Die Kontrollen spielen verrückt. Ich kann mich nicht orientieren
, brüllte Meyers.
Roi musterte den undurchdringlich, seltsam leuchtenden Nebel. Waren sie jetzt im Riff?
Die VIPER rauschte in den ominösen Nebel. Meyers hatte die Kontrolle über das Raumschiff verloren. Wie ein Geisternebel umwirbelte der leuchtende Dunst das Schiff.
Ortung und Navigation waren ausgefallen. Die Gruppe hatte keine andere Wahl, als machtlos dem Nebel zuzusehen, der auf den Bordbildschirmen den Kosmos verhüllte. Jede Minute schien eine Ewigkeit zu dauern. Der Nebel lichtete sich nicht. Roi Danton blickte in die resignierten Gesichter der Männer und Frauen.
Wie groß war der Nebel? Irgendwann endete er. Nur wo? Roi lief ein kalter Schauer über den Rücken. Er hörte fremdes Geflüster in seinem Kopf. Doch er verstand die Worte nicht.
Dann plötzlich stieß die VIPER durch den Nebel.
Die Kontrollen funktionieren wieder
, meldete Meyers.
Kathy schrie auf. Jetzt erst sah es Roi auch. Vor ihnen lag ein gigantisches Gebilde. Es war kein Planet, aber auch kein Stern. Es war wie eine Insel im Ozean der Sterne. Diese Landmasse ruhte inmitten des Nebels und war von gigantischer Größe. Um die Landmasse herum schwebten gigantische Klippen und kleinere Landmassen. Es sah aus wie ein Riff. Nun war sich Danton sicher, dass sie das ominöse Riff gefunden hatten.
Abmessungen!
Meyers reagierte nicht. Roi wiederholte seinen Befehl. Erst jetzt gab Meyers einen Laut von sich. Auch er musste völlig im Bann dieses Riffs gefangen sein.
Es ist … unfassbar …
Na los, Mann! Wie groß?
Die Landmasse selbst ist etwa fünf Milliarden Kilometer groß. Der gesamte Raum im Nebel hat einen Durchmesser von knapp einem Lichtjahr. Ich orte tausende kleine Monde und drei Sonnen, die um das Riff kreisen.
Roi starrte fassungslos auf die Kontrollen. Meyers hatte recht. Welch Laune der Natur hatte so etwas erschaffen? Oder wer? Cul’Arc hatte von ihrem Gott Nistant gesprochen. Wahrlich, nur ein Gott war dazu in der Lage. Roi versuchte sich die Größe begreiflich zu machen. Die Überreste von Pluto waren in etwa fünf Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt. Demnach besaß das Riff eine Landmasse, die genauso groß war, wie die Entfernung zum letzten Planeten des Sol-Systems.
Zu Fuß würde er sicherlich niemals das Riff durchqueren, überlegte er sich. Wie viele Völker wohnten auf dem Riff? Jetzt verstand Roi erst die Aussagen von Cul’Arc! Billiarden Lebewesen wollten sie in Siom Som ansiedeln. Sicherlich nur ein Bruchteil des Lebens, das sich auf dem Riff tummelte.
Diese Welten ähneln Thol
, stellte Sato Ambush fest.
Der Pararealist hatte in den letzten Tagen zumeist geschwiegen. Vielleicht kam jetzt seine Stunde, denn er war ein begnadeter Wissenschaftler und half ihnen vielleicht, dieses Riff besser zu verstehen.
Es sind insgesamt 7998 solcher Monde. Sie haben in der Tat die exakte Abmessung von Thol 7612
, erklärte Meyers.
Gigantisch. Mir fehlen die Worte
, sagte Nataly sichtlich beeindruckt. Den anderen erging es sicherlich auch so. Roi hatte schon viel erlebt, doch das Riff gehörte sicherlich zu den eindrucksvollsten Erscheinungen im Universum.
Zu welchem Zweck war es erschaffen worden? Wer war Nistant gewesen? Ein einfacher Mensch hätte so etwas nicht bewerkstelligen können. Wie wurde es vor allem erschaffen? Wurde es überhaupt erschaffen oder war es den normalen Weg eines Planeten gegangen? Gab es noch mehr davon?
Fragen über Fragen spukten in Rois Kopf umher. Aber er durfte auch nicht die Gefahr dieses Riffs unterschätzen. Sicherlich war es auch kampfkräftig und offenbar waren die Riffaner zu allem bereit, um Siom Som zu besiedeln.
Was tun wir jetzt?
, fragte Kathy.
Roi sah sie verwundert an. Er hatte gar nicht daran gedacht, nun etwas zu unternehmen. Viel zu groß war das Erstaunen über das Riff. Doch die Terranerin hatte recht. Sie mussten etwas machen.
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir wohl nicht den Nebel passieren können? Oder besteht die Möglichkeit, dass wir uns wohlmöglich oder möglich unmöglich durch den Nebel navigieren können?
Meyers blickte Danton verständnislos an. Dieser bemerkte das und verdrehte genervt die Augen.
Können wir einen Sprung in den Hyperraum wagen? Oder ist das mögliche Wagnis unser mögliches Ende?
Nun, Sir … wir könnten das Unmögliche vielleicht möglich machen.
Ah! Und wie?
Keine Ahnung.
Danton sah Hilfe suchend zu Sato Ambush herüber. Der Japaner fühlte sich sofort angesprochen.
Wir können den Eintritt in den Hyperraum hier wagen, jedoch könnte uns der Nebel zurückwerfen. Oder schlimmer. Da der Metagrav ausgefallen ist, halte ich ...
Sicher?
, unterbrach ihn Danton.
Möglich.
Du faselst wirres Zeug. Dann erforschen wir erst einmal lieber die Gegend. Vorschläge, wo wir als Erstes unsere Sightseeingtour beginnen?
Schweigen.
Gut! Meyers, fliegen sie quer durch das Riffsystem, sodass wir uns nie allzu lange irgendwo aufhalten. Derweil macht Sato seine Untersuchungen.
Aye, Sir! Und Sie?
Ich brauche erst einmal einen Cognac!
Dieses elende Pack verrichtete nur in einem sehr geringen Maße seine notwendigen Tätigkeiten!
Kapitän Fyntross blickte verächtlich auf das räudige Pack der selbst ernannten Riffpiraten herab. Er musterte den tausendgliedrigen Vessyl, der zwar mit Eifer aber wenig Sorgfalt die Brücke putzte. Der kopflose Dychoo Maritor trieb die Vessyl mental an – doch Maritors Hirnfolter war auch schon einmal besser gewesen.
Die ganze Crew war in desolatem Zustand. Und wieso? Weil sie lange kein Raumschiff mehr gekapert hatten. Die letzten Wochen auf Thol 2777 waren zu exzessiv gewesen. Sie benötigten wieder einen Kampf. Und Fyntross wollte seinen Beutel mit Geld füllen.
Herr Boslund, suchen Sie das Gebiet nach Schiffen ab! Es dürstet mich nach Blut und Geld.
Der schleimige Persy gluckerte etwas vor sich hin. Ein lautes Poltern ließ Fyntross umdrehen.
Ah, sehr gut!
Sein erster Offizier Krash peitschte einen faulen Gannel aus. Der Manjor Krash war einer der wenigen, auf den sich Fyntross immer zu verlassen wusste.
Welchem Vergehen hat er sich schuldig gemacht?
, fragte Fyntross.
Herr Kapitän, er hat während der Dienstzeit in die Ecke der Waffenleitzentrale gestrullert.
Oh
, machte Fyntross abfällig und musterte den verängstigten Gannel. Wir sind zwar Piraten und es mangelt auch teilweise an Etikette an Bord der DUNKELSTERN, doch ich erlaube es nicht, dass jemand meine Kommandobrücke beschmutzt!
Aber … aber … das macht doch jeder mal.
Was?
Wie?
, schrie der Gannel vor Angst.
Wer?
Was?
Krash schlug auf den Gannel ein. Antworte endlich! Wer pinkelt auf die Brücke?
Na fast jeder, der hier Dienst tut. Wenn man muss, dann muss man. Das macht Herr Boslund genauso wie Putzmeister Tütüül.
Der Persy und der Vessyl schrien entsetzt auf und starrten Fyntross an. Der wanderte um den Gannel herum.
Na gut, ab sofort ist das Urinieren in Ecken des Raumschiffes verboten. Und als Exempel …
Fyntross zog seine Pistole und schoss ein Loch in den Kopf des Gannel. Verspürt sonst noch jemand den Drang meine Kommandobrücke als Pissoir zu benutzen?
Alle Männer gingen sofort wieder an ihre Arbeit.
Tütüül?
Der Vessyl quietschte und krabbelte zu seinem Kapitän. Fyntross deutete auf den toten Gannel.
Sauber machen!
Während der Vessyl hastig die Blut- und Fleischreste vom Boden schrubbte, ließ sich Kapitän Fyntross auf seinen Thron nieder. Erster Offizier Krash und sein zweiter Offizier Maritor standen neben ihm.
Wie soll das noch weitergehen bei so einem moralischen Verfall? Wir sind Piraten. Ehrenvoll morden wir Männer, Frauen und Kinder und plündern ihr Hab und Gut. Aber man macht doch nicht einfach in die Ecke der Brücke …
Ja, Kapitän, wo soll das noch enden? Das war kein ehrbarer Pirat. Beim letzten Entern wollte er sogar nicht mal die Frauen vergewaltigen. Um den ist es nicht schade.
Aye, bestätigte Maritor mental.
Kapitän, Kapitän, Kapitän!
, rief der Persy Boslund aufgeregt. Er waberte dabei mit seinem fetten Körper umher. Mit wild fuchtelnden Tentakeln deutete er auf den Ortungsmonitor. Fyntross erhob sich und beobachtete die Anzeige. Ein fremdes Raumschiff war 927 210 Kilometer von ihnen entfernt.
So weit vom nächsten Tholmond abgelegen. Sehr seltsam.
Vielleicht ein Raumschiff des Commerz-Clans? Die wählen öfters Routen entlang des Nebels aus, um Piraten zu entgehen
, meinte Krash.
Abfangkurs, Krash! Wir werden uns das Raumschiff mal genauer ansehen. Meine Herren, wetzt die Messer, ladet die Kanonen. Mord und Raub stehen heute auf dem Programm!
Roi Danton grübelte immer noch nach. Als er sich ein weiteres Glas Cognac einschenken wollte, bemerkte er, dass die Flasche schon leer war. Wieso hatte niemand jemals zuvor über dieses Riff berichtet? Es war ja nun nicht klein und bestimmt mal dem einen oder anderen Geisteswesen aufgefallen? Offenbar wussten die Terraner noch längst nicht alles. Das Universum war so gigantisch, dass sie trotz ihrer 3000 Jahre noch so viel zu erforschen hatten.
Das Riff war eine Art fliegendes Sonnensystem mit einem Kern aus fester Materie, der so groß wie die Entfernung zwischen dem Pluto-Asteroidengürtel und der Erde war. Wie viele Kulturen auf dem Riff wohl lebten? Es mussten Unzählige sein.
Je mehr sich Roi über die Ausmaße im Klaren wurde, desto deutlicher wurde ihm, dass tatsächlich eine Gefahr für Siom Som bestand. Allein die Besiedlungspläne von Cul’Arc würden für viel Chaos sorgen. Aber war das so verkehrt? Chaos würde doch auch dem Regime der Dorgonen und Quarterialen schaden?
Und da lag das nächste Problem. Weder die einheimische Bevölkerung der estartischen Föderation noch deren Besatzer würden das zulassen. Was folgte, war bestimmt Krieg. Und zu guter Letzt mischten die Entropen noch mit, die das Riff am liebsten zerstören wollten. Aber auch das Quarterium. Eigentlich jeden. Die ganze Situation war ziemlich verworren.
Kathy und Nataly setzten sich zu Roi. Nataly schüttelte die Flasche Cognac.
Du hast einen guten Zug am Leibe, fast so gut wie Jonathan. Ich mag keine besoffenen Menschen!
Ich weiß nicht einmal, ob Aurec viel trinkt. Wir haben ja fast nie Zeit miteinander verbracht. Höchstens mal ein paar Wochen am Stück, sehen wir mal von unserer Zeit auf Barym ab.
Roi verzog unfreiwillig das Gesicht. Er wollte nicht Zeuge des melancholischen Geschwätzes der beiden Frauen über ihre Männer werden.
Kathy kramte aus ihrer Tasche eine zweite Flasche Cognac hervor. Roi bemerkte dies mit Freude.
Die haben eine ganze Kiste davon an Bord. Meyers Crew säuft wohl gerne
, meinte Kathy.
Soviel zu Alkohol am Steuer
, sagte Nataly.
Roi nahm die Flasche aus Kathys Hand und goss sich schnell das Glas voll.
Meyers, Ambush und Ki Toushi sind demnach die Einzigen, die jetzt arbeiten?
, stellte Roi fest.
Was sollen wir auch tun? Nataly und ich sind nicht gerade astronomisch ausgebildet. Wir können nicht viel machen, außer zu warten.
Das hatte Roi befürchtet. Kathy war in so einer seltsamen Stimmung. Und natürlich fing sie wieder an, über Aurec zu reden. Was Danton erstaunte, war die Tatsache, dass Nataly gar nicht von Jonathan anfing zu erzählen. Sie tat einfach so, als würde sie das Thema gar nicht interessieren. Oder resignierte Nataly bereits?
Meine Damen, wenn ich irgendwas tun kann, damit es euch besser geht und der Kummer für eine Weile verfliegt, stehe ich gerne zur Verfügung. Vielleicht hilft ein zerstreuendes Stelldichein zu dritt?
Roi grinste die beiden an und erntet einen bösen Blick von Kathy.
War nur so eine Idee
, meinte er und stand auf. Es war jetzt wohl geschickter, einfach zu gehen.
Wieso nicht? Ist bestimmt eine Abwechslung
, meinte Nataly und grinste Danton an, der jetzt ziemlich verwundert war. War das ein Scherz von Nataly? Sie verhielt sich etwas komisch, fand er.
Nun summte das Interkom im Raum auf. Kathy ging ran.
Hier ist Meyers, kommt mal alle in die Zentrale. Wir haben Kontakt zu einem fremden Raumschiff.
Kapitän Fyntross musterte die Ergebnisse der Ortung. Das fremde Schiff war mit 800 Metern Länge größer als die DUNKELSTERN. Es war keilförmig und an der dicksten Stelle 300 Meter breit.
Was für ein Raumschiff! Können wir es knacken?
, fragte Krash.
Mit einem Trick vielleicht.
Fyntross packte den Manjor am Kragen.
Bereite die Crew zum Entern vor. Aber sie sollen die Besatzung schonen. Das Raumschiff ist mir gänzlich unbekannt. Das macht mich neugierig.
Aye, Sir!
, rief Krash und fletschte die Zähne.
So schnell es ging liefen die drei in die Kommandozentrale und wurden von Meyers, Maya und Ambush erwartet.
Die BASIS ist mit meinem Vater angekommen und holt uns ab?
Nicht ganz, Sir. Sehen Sie selbst!
Roi musterte das Hologrammbild des fremden Raumschiffes. Links neben dem Bild wurden die technischen Daten aufgezeigt. Es war 489 Meter lang, an der breitesten Stelle maß es 120 Meter und war über alles 60 Meter hoch. Die Form war eigenwillig und eher kunstvoll als nützlich. Zumindest einfallsreicher als ein Kugelraumer oder ein Keilraumschiff wie die VIPER.
Der Rumpf glich einem Torpedo. An der Vorderseite hafteten zwei halbe Scheiben an den Seiten. Dahinter befand sich ein ringförmiger Wulst mit den Triebwerken und offenbar auch der Bewaffnung. Das Heck war kunstvoll mit gebogenen, klauenähnlichen Metallstreben um die Heckflosse verziert. Die Außenhülle wirkte dreckig und schäbig. Danton erkannte Einschusslöcher und nicht gerade sauber verarbeitete Ausbesserungen.
Technik?
Meyer schüttelte den Kopf.
Die Abtaster sind zu sehr beeinträchtigt worden, um genauere Infos zu liefern. Die Analysedatenbanken zur Extrapolation sind hinüber. Wir müssten die Daten manuell auswerten, was seine Zeit dauern wird.
Ah. Nicht gut. Funktioniert die Kommunikation noch?
Ja, die ist in Ordnung
, meldete Maya Ki Toushi.
Roi wandte sich an den glatzköpfigen Japaner. Was würdest du jetzt tun?
Mit gebotener Vorsicht Kontakt aufnehmen. Vielleicht sind sie friedfertig, aber du weißt aus Erfahrung, dass der erste Kontakt zumeist von Missverständnissen geprägt wird.
Viel half ihm dieser Rat auch nicht weiter. Doch er bestätigte sein Vorhaben. Er musste Kontakt mit dem fremden Raumschiff aufnehmen. Hoffentlich waren sie wirklich friedlich, denn die VIPER war technisch gesehen nicht in bestem Zustand. Durch den Flug durch den Nebel war ein Großteil der Aggregate ausgefallen. Eigentlich verdankten sie es nur der Tatsache, dass viele wichtige Funktionseinheiten redundant konstruiert wurden, dass die VIPER noch einigermaßen manövrierfähig geblieben war. Jedoch die Schadensbilanz war schlimm genug: kein Metagrav, keine Schutzschirme, nur bedingt funktionsfähige Waffen- und Ortungssysteme.
Auf allen Funkkanälen folgende Nachricht senden. Bonjours, ich grüße die Riffaner, wir sind Touristen aus jener Galaxie, die euch dünkt zu besuchen.
Meyers sah Roi seltsam an.
Na ja, die sollen ja nicht denken, dass sie mit gewöhnlichen Leuten sprechen, oder?
Es dauerte fünf Minuten bis zur Antwort. Das fremde Raumschiff war inzwischen bis auf 7000 Kilometer an die VIPER herangekommen.
Wir erhalten ein primitives audiovisuelles Signal. Ich muss es auf einen Monitor schalten, da es kein Hologrammformat unterstützt
, sagte Maya Ki Toushi.
Auf dem großen Bildschirm erschien ein seltsames Wesen. Es war auf jeden Fall fischartig. Aber irgendwie sah das Ding seltsam aus. Zwei Stielaugen auf dem braunen Kopf, der deckelförmig gewachsen war. Das Auffälligste war jedoch der volle, rote Mund.
Er erinnert an einen Ogcocephalus Parvus
, sagte Sato Ambush.
Ahja, war mir auch sofort aufgefallen
, erwiderte Danton.
Ein Seefledermausfisch. Eine seltene Gattung, die im Nordatlantik beheimatet ist. Ähnliche Spezies wurden aber auch auf anderen Welten entdeckt.
Roi Danton betrachtete mit etwas Unbehagen das fremde Wesen. Immer wieder starrte er auf den roten Mund und fragte sich, ob er Lippenstift verwendete. Auf jeden Fall sah es reichlich komisch aus. Der restliche Körper schien wohl humanoid zu sein, soweit er das sah. Der Fischkopf trug eine braunschwarze Kombination und einen Hut auf dem Kopf. Die Bedeckung erinnerte an einen Dreispitz. Immerhin eine sympathische Eigenschaft des Wesens, fand Danton.
Ich begrüße euch, Touristen. Ihr scheint gut vorbereitet, denn ihr sprecht unsere Sprache.
Wir hatten schon Kontakt mit einigen euren Völkern. Die waren so freundlich, uns eure Sprache beizubringen. Mit wem habe ich denn das Vergnügen?
Ich bin Kapitän Fyntross! Ich bin … nun ja, eine Art Reiseleiter. Mein Raumschiff, die DUNKELSTERN, kreuzt quer durch das Riffsystem.
Ah! Nun, ich bin Roi Danton, Urlauber aus Terra. Wir … wir wollen uns das Riff mal anschauen, wenn es denn schon durch unsere Galaxie kreuzt.
Soso.
Fyntross machte ein seltsames Geräusch, das wie ein Blubb
klang. Sein roter Schmollmund wurde dabei noch größer.
Euer Begehr ist also die Führung durch das Riff. Ich darf Euch darauf hinweisen, dass die Riffordnung das eigentlich nicht vorsieht. Es gleicht schon einem Wunder, dass Ihr unbeschadet durch das Riff gelangt seid. Dass noch keine Termetoren Euch jagen, wundert mich.
Roi blickte die anderen kurz an.
Wir sind ja nicht unbeschadet durchgekommen. Fast die gesamte Technik ist ausgefallen
, erklärte Nataly Andrews.
Roi sah sie finster an, während Meyers nur den Kopf schüttelte und Ki Toushi verblödete Dummschwätzerin
vor sich hin murmelte.
Das hätte ich jetzt nicht sagen sollen, oder?
Nein
, hauchte Danton.
Oh, ich danke für diese ergiebige Information. Mein Vorschlag an euch: Stellt euch unter unserer Obhut, dann geschieht euch nichts. Wir kommen an Bord und dann erzählt ihr mir eure Geschichte.
Wieder machte der Fischkopf blubb
.
Roi Danton war nun in einem Dilemma. Sie hatten nicht viele Möglichkeiten, sich zu verteidigen. Doch vielleicht reichte die Bewaffnung aus, um das offensichtlich primitivere Raumschiff in Schach zu halten.
Kapitän, ich halte das für keine gute Idee. Dankend lehnen wir ab. Aber vielleicht habt ihr ja einen guten Tipp, wo wir uns mal im Riffsystem umschauen können?
Der Riffaner blubberte nun noch mehr vor sich her. Die Stielaugen fuhren weit aus dem Deckelkopf und der rote Mund ging auf und zu. Dann drehte sich die Kreatur um. Nach kurzer Zeit wandte er sich wieder der Besatzung der VIPER zu.
Natürlich. Ich verstehe euer Misstrauen. Die Welt Thol 2777 ist ein beschauliches Plätzchen für Fremde. Dort kann man gut einen heben.
Fyntross gluckerte schrill. Offenbar lachte er.
Danke sehr. Wie sind die Koordinaten?
Folgt uns einfach.
Die Stielaugen verengten sich unheimlich. Danton merkte, dass dieses Wesen nicht aufrichtig war. In diesem Moment donnerte etwas gegen die VIPER. Danton fiel zu Boden.
Wir wurden getroffen!
, rief Meyers.
Von was?
Das fremde Schiff feuert auf uns.
Wieder ein Treffer. Meyers verlor das Gleichgewicht, konnte sich aber gerade noch am Pult festhalten. Offenbar nur Gravitationsimpulse, aber ohne Schutzschirm können sie uns damit besiegen.
Wir feuern zurück!
Maya Ki Toushi stürmte an die Kontrollen des Waffenleitsystems, während Meyers die VIPER nach Backbord abdrehte. Die DUNKELSTERN nahm die Verfolgung auf. Normalerweise hätte sie keine Chance gegen die hochmoderne VIPER gehabt, doch in diesem Fall sah es ganz anders aus. Drei schwere Treffer innerhalb weniger Sekunden warfen die VIPER aus ihrer Bahn.
Unser Antrieb ist beschädigt
, meldete Meyers.
Noch mehr?
, fragte Danton. Verdammt! Holen Sie alles aus der Mühle raus.
Traktorstrahl
, brüllte Maya Ki Toushi.
Die DUNKELSTERN hatte die VIPER fest im Traktorstrahl und kam immer näher. Zwei Beiboote der DUNKELSTERN dockten an der VIPER an. Danton war klar, dass das Schiff geentert wurde.
Die Kampfroboter aktivieren
, rief Danton.
Meyers schaltete mit einem Knopfdruck die mechanische Wachbesatzung ein. 100 TARA-V-Roboter schwebten aus ihren Ruhekammern. Doch dann purzelten einige von ihnen zu Boden. Andere begannen einfach zu schießen oder knallten ihre Roboterkollegen ab.
Die haben wohl auch einen Schaden davon getragen
, seufzte Danton.
Die Crew der DUNKELSTERN erreichte die TARA-V-Roboter. Einige Roboter reagierten auf die Angreifer und erwiderten das Feuer. Danton zog Säbel und Thermostrahler und griff in den Kampf ein. Auch Roland Meyers und Maya Ki Toushi verteidigten die Kommandozentrale. Nataly und Kathy setzten sich an die Kontrollen.
Wie steuert man so ein Schiff?
, wollte Kathy wissen.
Keine Ahnung, aber wir sollten mal versuchen, ein paar Haken zu schlagen.
Kathy Scolar stellte auf manuelle Bedienung um. Sie sah sich auf den Kontrollen um. Als sie auf dem Display Raumtorpedo
las, stellte sie die Koordinaten der DUNKELSTERN ein. Ein Hecktorpedo brauste aus der Mündung und traf das feindliche Raumschiff. Der Traktorstrahl erlosch. Kathy hüpfte vor Freude auf.
Nun weg hier
, sagte sie.
Steuer du das Schiff, ich übernehme die Waffen
, meinte Nataly und schoss den zweiten Raumtorpedo ab, doch diesmal wich die DUNKELSTERN aus.
Ein Wolfswesen packte Nataly und warf sie aus dem Sessel. Kathy warf mit allem, was auf der Konsole stand nach dem Wolfswesen mit den sechs Armen, doch da griff schon Roi Danton ein.
Hinfort, du Unhold!
Das Wolfswesen hielt kurz inne. Dann zog es sechs Schwerter und jaulte, wie eben ein Wolf zu heulen pflegte. Danton zog es vor, wegzulaufen. Der Wolf schnellte hinter ihm her. Danton wich zur Seite und das Wesen fiel in den Antigrav. Roi deaktivierte ihn einfach. Das Wolfswesen fiel einige Meter unsanft in die nächste Etage.
Doch es wurden immer mehr und letztendlich hatten sie keine Chance. Roi Danton wollte das Leben seiner Männer und Frauen schützen und legte die Waffen nieder.
Wenige Momente später stand der Wolfsmann wieder vor ihm – sichtlich angeschlagen. Er fletschte seine Zähne. Speichel tropfte aus dem spitzen Maul.
Dann zog er sein Schwert und hob es hoch, zum todbringenden Schlag bereit. Sollte es so für Danton enden?
Nein!
, rief eine gluckernde Stimme. Es war Kapitän Fyntross. Er stapfte herbei. Roi bemerkte, dass er fünf Beine besaß. Drei vorne und zwei hinten. Fyntross wirkte feucht und schmutzig.
Wir benötigen sie noch. Ich will mehr über diese Fremden herausfinden. Vielleicht ist ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt. Dann bringt das viel, viel Geld.
Fyntross wandte sich an Danton.
Wir werden dieses Raumschiff nach Thol 2777 bringen. Dort ist unser Stützpunkt und wir werden entscheiden, was wir mit euch machen. Ich will alles über die Technologie wissen. Vielleicht ist dieses Schiff dem unseren sogar überlegen.
Darauf kannst du Gift nehmen, Fischkopf!
, rief Kathy.
Wieso müssen Frauen immer so unüberlegt reden?, fragte sich Danton.
Ich nehme einmal an, Sie werden mir dabei helfen, Danton? Sonst müsste ich jedem hier die Kehle durchschneiden. Das wollen Sie doch nicht oder?
Fyntross blubberte bösartig.
Nein und ja, Fischi! Hören Sie zu. Die VIPER ist beschädigt. Als wir durch den Nebel flogen, der das Riff umgibt, haben viele Gerätschaften einen Knacks weg bekommen. Es ist nutzlos für Sie und mich. Ich habe also eine Idee.
Die Stielaugen schwankten von links nach rechts. Der rote Mund stand weit offen. Sabber tröpfelte raus.
Nun ja, wir wollen eigentlich wieder hier weg. Sie wollen unser Schiff, haben aber keine Ahnung, wie man es wieder zusammenbaut. Mein Vorschlag, wir überlassen Ihnen die VIPER, helfen Ihnen, diese wieder instand zu setzen und als Gegenleistung helfen Sie uns, das Riffsystem zu verlassen.
Nein, nein, Danton. Ich lasse Sie und Ihre Crew am Leben. Ist doch nett genug, oder? Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie reden? Ich bin Kapitän Fyntross, der gefürchtetste Riffpirat zwischen den Tholmonden. In den 13 Chrons meiner Kommandantur habe ich mehr als 400 Raumschiffe geplündert.
Ein Pirat?
Ja, ein finsterer Pirat.
Danton fuchtelte mit den Armen und stakste durch den Raum. Er wollte Zeit gewinnen. Wie überzeugte man Piraten von etwas? Mit Geld. Wenn sie genügend Gewinn rochen, waren sie sehr kooperativ. Aber woher soviel Geld nehmen?
Nun, vor vielen Jahren … Chrons war ich auch ein Freibeuter des Raummeeres. Ich war sogar ein König unter unseren Freihändlern. Das macht uns irgendwie zu Kollegen, nesper?
Blubbern.
Schön, dass Sie das auch so sehen, Monsieur. Ich würde Ihnen sogar mit meinem Wissen helfen, wie man zum König der Piraten wird. Aber wir müssen das Riff verlassen. Wieso wollen Sie das eigentlich nicht? Schon einmal überlegt, wie viele Schiffe außerhalb dieses Systems auf Sie warten? Eine Galaxie hat Milliarden Sonnensysteme. Da können Sie rund um die Uhr plündern und morden. Vor allem mit einem Schiff wie der VIPER.
Gluckern. Die Stielaugen rotierten um die eigene Achse. Danton wusste gar nicht, dass so etwas ging, ohne sich zu verknoten.
Ich bin geneigt, Ihrem Vorschlag stattzugeben. Wir werden das auf Thol 2777 diskutieren. Dort finden wir auch Material, um die VIPER zu reparieren. Bis dahin sind Sie und Ihre Crew meine Gefangenen.
Fyntross gab dem unwirschen Wolfsmenschen ein Zeichen. Er zog fünf Strahler und richtete sie auf uns. Mit der sechsten Hand deutete er auf den Korridor. Irgendwie verlief der ganze Aufenthalt im Riff noch nicht so ganz nach Roi Dantons Vorstellungen.
Was wussten sie bisher vom Riff? Immer noch nicht sehr viel. Zumindest gab es hier Piraten. Viel weiter brachte sie das jedoch auch nicht. Roi Danton malte mit Sato Ambush auf ein paar Zetteln eine Art Struktur vom Riff auf.
Nistant war der mystische Anführer und Gründer dieses Riffs. Offenbar vor Jahrmillionen war dieses Sonnensystem künstlich hergestellt worden. Zumindest sagte dies die Religion. Die wirklichen Anführer waren wohl diese Wolfswesen. Sato ergänzte, dass sie Manjor hießen. Welche Rolle das Fledermauswesen Cul’Arc dabei spielte, war Roi noch nicht ganz klar. Das Riff schien schon seit Äonen durch das Universum zu streifen und immer wieder auf Galaxien zu stoßen. Dort wechselte man offenbar Teile der Bevölkerung aus. Damit blieb die Population des Riffs wohl konstant, aber es wuchs an Kulturen.
Im Grunde genommen erinnerte das Riff an den Schwarm. Ob die Hohen Mächte hinter dem Bau des Riffs standen? Roi würde es nicht wundern. Sicherlich waren es keine einfachen Raumfahrer, die das Riff gebaut hatten. Es musste Jahrtausende wenn nicht noch länger gedauert haben, bis es vollendet worden war.
Die seltsamen Entropen waren der Meinung, dass das Riff etwas mit MODROR zu tun hatte. Steckte er dahinter? Aber wenn er hinter dem mächtigen Riff mit seiner Unzahl von Völkern stand, dann war es doch ziemlich friedlich. Bisher hatten nur die Entropen Aggressionen gezeigt. Es wäre doch über die Jahrtausende ein Leichtes gewesen, das Riff zu einer waffenstarrenden Festung mit einer Flotte auszubauen, die der Unendlichen Armada glich. Doch bisher hatten sie nicht die geringste Spur einer solchen Flotte ausgemacht. Vielmehr herrschte extremes Eigenleben auf dem Riff und den Monden. Zumindest existierten Piraten. Das zeugte von Freiheit und einer nicht völlig totalitären Macht hinter dem Riff. Zumindest war sie nicht stark genug, um die Piraten zu kontrollieren.
Auch die Technik schien nicht überlegen zu sein – zumindest nicht die der Piraten. Aber wenn diese Piraten so veraltete Technik verwendeten und die Mächte des Riffs eine höhere, dann müsste es den Herrschern des Riffs ein Leichtes sein, die Riffpiraten in ihre Schranken zu verweisen. Auf der anderen Seite waren fliegende Monde schon beeindruckend und zeugten von einer ausgereiften Technologie.
Das Klacken von Kathys Stiefeln machte Roi nervös. Aurecs Braut ging im Raum auf und ab.
Wir können uns doch nicht von diesem Fischstäbchen auf der Nase herumtanzen lassen?
Wir haben wohl keine andere Wahl, Miss Scolar
, sagte Sato Ambush ruhig. Wir sind Gefangene und zudem in einer völlig fremden Welt. Wir müssen klug und bedacht statt impulsiv vorgehen.
Kathy verdrehte die Augen und wanderte weiter durch den Raum. Roi dachte wieder über das Riff nach. Aber Kathy hatte auch recht. Sie mussten etwas unternehmen. Auf Thol 2777 mussten sie handeln. Krash stürmte mit zwei Harekuul in das Quartier.
Der Kapitän wünscht euch zu sprechen, Getier!
Wer ist hier ein Tier, mach mal lieber Sitz!
, meckerte Nataly das Wolfswesen an. Der Manjor fletschte die Zähne, Speichelfäden hingen aus den Lefzen.
Zeigt mir, wie das Raumschiff bedient wird, sonst fresse ich euch alle auf. Ich habe großen Hunger!
Es kam natürlich nicht in Frage, dem Manjor das Raumschiff zu erklären. Doch sie mussten Zeit gewinnen, so fand Danton.
Oui, mon ami. Die reizenden Damen
, er deutete auf Kathy und Nataly, werden dir die Versorgungseinrichtung genauestens erklären. Bitte führt Krash in die Cuisine.
Cuisine?
, fragte Kathy.
Ja, unserer Versorgungszentrale. Erklärt ihm jedes Detail ausführlich. Ist ja wichtig.
Cuisine
, murmelte Kathy. Versorgungszentrale?
Roi sah sie verzweifelt an. Sie musste doch kapieren, was er meinte. Dann machte er eine unmissverständliche Geste und sie verstand es endlich. Kathy und Nataly führten Krash in die Kombüse und erklärten ihm die Funktionen der Küchengeräte. Das dürfte ihn eine Weile aufhalten und dem Rest der Mannschaft Zeit bringen.
Lautes Trampeln ließ Roi Danton die Augen öffnen. Er wollte aufstehen, doch sein Rücken schmerzte und der Kopf brummte. Dabei war er doch höchstens zehn Minuten schlafen gewesen. Ein Blick auf sein Chronometer verriet ihm, dass es sich um zehn Stunden gehandelt hatte. Langsam krabbelte er benommen aus dem Bett und ging auf den Korridor. Vier Harekuul galoppierten an ihm vorbei.
Sofort machte er sich auf den Weg in die Kommandozentrale. Dabei begegneten ihm Nataly und Kathy.
Eine Ahnung, was hier los ist? Ich war gerade dabei zu meditieren, als …
Kapitän Fyntross hat Alarm gegeben
, berichtete Kathy.
Mon dieu, auch das noch!
Die drei hatten nach vier Minuten die Zentrale erreicht. Sato Ambush, Maya Ki Toushi und Roland Meyers erwarteten sie. Doch den Oberbefehl hatte der Erste Offizier der DUNKELSTERN, der Manjor Krash.
Sir, meine Damen, die DUNKELSTERN hat ein neues Raumschiff lokalisiert. Der Kapitän gedenkt dieses zu entern. Mit der Hilfe der VIPER.
Meyers Stimme klang sehr ernst.
Na los, ihr Pack! Kämpft nun um euer Leben oder ihr seid verdammt!
, rief Krash und fuchtelte mit einem ziemlich breiten Schwert umher.
Oui, petit chien!
Krash fletschte die Zähne.
Schon gut, aber wir sind keine Piraten. Wir überfallen keine wehrlosen Schiffchen.
Ihre Worte vor einigen Stunden klangen noch ganz anders. Sie wollten mich zum König der Piraten krönen, Aye?
Fyntross. Das Fischgesicht glotzte Danton mit seinen Stielaugen seltsam über den Monitor an.
Links neben ihm erschien eine Holografie des Raumschiffes. Es war klotzförmig und hatte eine Kantenlänge von 500 Metern. Mit den technischen Daten der Offensiv- und Defensivbewaffnung konnte Roi nichts anfangen. Er wusste einfach nicht, was die Namen bedeuteten.
Dies ist ein Monolith der Manjor. Genauer gesagt, der Priesterschaft des Nistant. Wir haben vor einigen Stunden in Erfahrung gebracht, dass dieses Raumschiff ein besonderes Artefakt von unschätzbarem Wert mit sich trägt. Also kapern wir es!
Und was erwarten Sie von uns?
, wollte Meyers wissen.
Macht die Waffen scharf und feuert. Schießt den Monolith manövrierunfähig.
Die Systeme sind beschädigt
, erklärte Meyers.
Das wird dein Kopf auch gleich sein, Krash!
Nein, nein!
, rief Danton dazwischen. Meyers ist etwas konservativ. Wir helfen Ihnen, Kapitän. Ich habe einen Plan.
Danton wandte sich an Meyers.
Können Sie die Paralysestrahlen reparieren? Impulsgeschütze sollten ausreichen, um den Schutzschirm zu knacken. Dann paralysieren wir die ganze Crew an Bord und Fischfresse kann sich holen, was er will.
Ja, das könnte klappen, Sir!
Dann an die Arbeit!
Meyers sprang auf und rannte mit Sato Ambush und Maya Ki Toushi in die Waffenleitzentrale, um die notwendigen Reparaturen vorzunehmen. Er baute einige Energierelais um, sodass eine Energieversorgung für die Waffen wieder zur Verfügung stand.
Der Monolith kam näher und war nur noch knapp 500 000 Kilometer von den beiden Raumschiffen entfernt. Roi überlegte, wie groß wohl die Reichweite der Geschütze der DUNKELSTERN waren. Wann würde sie feuern?
480 000 Kilometer.
450 000 Kilometer.
Die DUNKELSTERN schoss aus allen Rohren. Rote und gelbe Energiekugeln schnellten auf den grünen Monolithen zu und schlugen ein. Ein weißes Licht waberte um ihn. Dies war vermutlich der Schutzschirm.
Meyers?
Wir sind fertig, Sir!
Danton gab Kathy und Nataly ein Zeichen. Sie schossen zwei Salven mit den Impulsgeschütz auf das Manjorraumschiff. Der erste Schuss verpuffte im Schutzschirm. Der zweite durchschnitt den Würfel wie Butter.
Paralysestrahlen!
Die VIPER beschleunigte und deckte das fremde Raumschiff mit den Narkosestrahlen ein. Krash beobachtete die Terraner mit offensichtlicher Unruhe.
Die DUNKELSTERN aktivierte den Traktorstrahl. Offenbar hatten sie ihn repariert. Der Monolith war nun fest in der Hand der Piraten. Kathy führte eine Ortung durch.
Ich scanne einhundertsieben Lebewesen an Bord des Manjorraumers. Ihre Lebensimpulse sind – nach unserem Wissen gemessen - schwach, aber konstant. Sie schlafen wohl. Es hat funktioniert.
Roi jubelte innerlich. Er wandte sich an Krash.
Nun können Sie den schlafenden Babys ihre Lollis klauen.
Krash packte Danton.
Du kommst mit. Und das Weibchen mit den Locken.
Kathy zuckte kurz zusammen. Krash deutete auf den Ausgang. Kathy und Danton gingen zur Schleuse und wurden mit einem Beiboot, das von Gannel und Dychoo gesteuert wurde, zur DUNKELSTERN gebracht. Die DUNKELSTERN hatte am Manjorraumschiff angedockt. Die Oberfläche des Schiffes wirkte tatsächlich, als sei es aus einem Stein erbaut worden. Sie war grau und rau. Kaum erkennbar befand sich eine Öffnung an der fensterlosen Außenhülle. Dort dockte die DUNKELSTERN. Die Fähre brachte Danton und Kathy Scolar zum Piratenraumschiff. Zum ersten Mal sahen die beiden das Innere von Fyntross Raumschiff. Es war ziemlich schmuddelig dort.
Kathy hüpfte angewidert über den klebrigen, glitschigen Boden. Überall lagen organische Reste, standen leere Kisten. Alles wirkte schäbig und unaufgeräumt.
Dort entlang!
, rief Krash.
Er zeigte auf eine Art Tunnel. Der Gang war mit dem Manjorraumer direkt verbunden. Er wirkte wie ein Schlauch zwischen beiden Schiffen. Es war schwer für Roi, den Stand der Technologie zuzuordnen. Auf jeden Fall war die Technik deutlich primitiver als die der Terraner, Quarterialen oder anderen bekannten Völker. Und dass, obwohl die Kultur des Riffs uralt schien.
Kathy und Roi gingen durch den Schlauch und wurden von Kapitän Fyntross am anderen Ende begrüßt. Sie warfen einen Blick auf den Bereich des Monolithen. Ein fahler Lichtschein ließ sie nur schlecht die neue Umgebung erblicken.
Kathy tastete die Wände ab.
Die sind aus Fell
, stellte sie fest. Schön flauschig. So eine Inneneinrichtung habe ich auch noch in keinem Raumschiff gesehen.
Kommt weiter!
, forderte Fyntross.
Die Crew ging durch endlose, spartanisch eingerichtete Korridore. Nach einer Weile erreichten sie einen großen Raum. Er war hell erleuchtet. Eine große Statue von Nistant stand im Mittelpunkt. Die Wände waren aus einem weißen Edelmetall und spendeten das gleißende Licht. Drei Manjor ruhten auf dem Boden.
Vor der Nistantstatue stand ein Schrein. Darauf befand sich offenbar etwas. Fyntross stieß seine Mannen zur Seite und glitschte den Boden entlang. Kathy lief sofort hinterher. Nun wollte Roi auch nicht mehr warten und eilte hinter den beiden her. Fyntross stand ehrfürchtig vor dem Schrein und starrte auf den Inhalt.
Nun erkannte auch Roi Danton, was sich dort drinnen befand. Unter einer Glasplatte ruhte eine Marmorplatte. Auf dieser Marmorplatte war das Gesicht einer Frau eingraviert. Das Artefakt selbst musste uralt sein, zumindest sah es so aus. Das Konterfei der schönen Frau war jedoch sehr gut zu erkennen.
Das Herz der Sterne
, sagte Fyntross.
Ajinah, Nistants große Liebe
, stellte Roi fest. Ein Abbild von ihr. Und das ist wertvoll?
Fyntross blubberte wieder.
Es ist Millionen Chrons alt. Der Legende nach soll es zu ihren Lebzeiten gemeißelt worden sein. Es gehörte zu den wenigen Dingen, die das Inferno von einst überlebt hatten. Zu den wenigen persönlichen Gegenständen, die Nistant während seines Martyriums von ihr bei sich trug. Der Wert ist unschätzbar, unbezahlbar. Ewiger Reichtum.
Danton betrachtete das Gesicht der Frau. Woher kam die ihm nur so bekannt vor? Irgendwo hatte er sie schon einmal gesehen. Und das war kein gutes Gefühl, denn schließlich war die Dame wohl schon einige Äonen tot.
Fyntross nahm sein Schwert und zerbrach das Glas. Behutsam nahm er mit seinen Flossen die etwa ein mal ein Meter große Platte aus dem Schrein.
Und nun raus hier. Krash, du weißt, was zu tun ist.
Aye, Kapitän!
, bellte die Kreatur.
Danton schwante Fürchterliches.
Was soll das? Sie werden doch nicht?
Oh doch, wir vernichten den Monolithen. Keine Zeugen, keine Spuren. Und keine Jäger.
Zwei Harekuul richteten ihre Waffen auf Roi Danton und Kathy Scolar.
Und keine Einwände
, sagte Fyntross, ehe er den Saal verließ.
Roi betrachtete die schlafenden Manjor. Einhundertsieben unschuldige Wesen verloren bald ihr Leben. Er hatte gehofft, sie retten zu können. Doch Kapitän Fyntross war wirklich skrupellos.
Können wir denn nichts tun?
, fragte Kathy.
Roi schüttelte traurig den Kopf. Die Harekuul geleiteten
sie aus dem Manjorraumschiff. Danton und Scolar mussten auf der DUNKELSTERN bleiben. Offenbar traute Fyntross ihnen absolut nicht.
Die DUNKELSTERN dockte ab und flog zur VIPER. Als sie das Beiboot der FLASH OF GLORY erreicht hatte, explodierte der Monolith der Manjor. Einhundertsieben Manjor hatten den Tod gefunden.
Cul’Arc flog mit gleichmäßigen Flügelschlägen über die Kathedrale zu Ajinah. Er bewunderte ihre Schönheit, die einst erbaut worden war, um der großen Liebe ihres Gottes gerecht zu werden.
Die Manjor wirkten so winzig auf dem Boden. Sie taten ihren Dienst, beteten und bereiteten alles für den großen Tag vor. Sie warteten auf die Rückkehr ihres Gottes.
Cul’Arc war die erste von drei Stufen der Wiedererweckung von Nistant als lebende Person. Doch zuvor mussten sie den zweiten Erben finden, Brok’Ton! Zigaldor und Tashree hatten ihre Fühler in alle Regionen ausgestreckt. Sie würden ihn mit Hilfe der begabten Gannel Menirie Bargelsgrund finden.
Was Cul’Arc beunruhigte, waren die Fremden im Riff. Nicht nur die Terraner, vor allem die Entropen stellten eine immense Gefahr dar.
Ein Tholmond war verloren. Diese verdammte Hexe Niada kämpfte, als sei sie eine Tochter der Lilith. Auch ihr Aussehen deutete auf eine Tochter der Dämonenbrut hin. Doch das jedoch war absolut unmöglich. Es hatte nie Anzeichen für Lilims gegeben. Nistant hatte Lilith getötet, bevor er selbst starb. Vor vielen Äonen opferte er sein Leben, um das Riff zu retten. Nun wurde es Zeit, dass er zurückkehrte, um seine Bestimmung zu erfüllen.
Doch im Grunde genommen war er schon hier. Sein Geist erfüllte das gesamte Riff. Cul’Arc spürte Nistants Präsenz tief im Inneren, im Herzen des Riffs.
Nistant war noch nie so mächtig gewesen und doch war sein Körper tot. Sie wollten ihn wiedererweckten, doch dazu benötigte Cul’Arc die Hilfe seines Bruders Brok’Ton. Wo hatte die verfluchte Dämonin Lilith seine Überreste nur versteckt?
Unter ihm bemerkte Cul’Arc Zigaldor. Langsam ließ sich das Fledermauswesen wieder auf den Boden sinken.
Was gibt es?
Der Manjor-Monolith mit dem Abbild der Ajinah wurde zerstört. Wir vermuten, jemand hat ihn geraubt.
Welch ein Frevel, das einzig originale Abbild der Ajinah zu stehlen. Es hatte Äonen gedauert, bis sie es wiedergefunden hatten. Und nun das! Nistant würde nicht begeistert sein.
Setzt die Jaycuul ein. Die fünf werden Ajinahs Abbild wiederfinden. Sollten es Piraten gewesen sein, schlachtet alle nieder. Wenn es sich aber um Fremde handelt, will ich sie verhören.
Fremde? Vermutet Ihr, dass die Terraner oder Entropen damit etwas zu tun haben?
Gut möglich, immerhin vermuten wir, dass sich entropische Spione und Roi Danton mit seinen Gefolgsleuten hier irgendwo im Riffsystem befinden. Es ist alles möglich. Findet es heraus, Hohepriester!
Zigaldor verneigte sich. Bücklings ging er rückwärts, drehte sich um und verließ den Balkon.
Cul’Arc beobachtete wieder das Treiben in der Stadt. Soviel Leben diente und arbeitete für Nistant. Er hatte es tatsächlich geschafft, eine Religion aus sich zu machen. Cul’Arc war stolz auf sein anderes Ich. Und traurig, dass er diesen glorreichen Aufstieg nicht miterlebt hatte. Stattdessen war er Millionen von Chrons im Verlies gefangen gewesen.
Es wurde merklich kälter. Die Jaycuul kamen. Cul’Arc drehte sich um und musterte die Kuttenwesen. Sie waren die längsten und treusten Diener von Nistant seit Millionen von Chrons.
Es erfüllt mich nicht mit Freude, euch wiederzusehen. Doch noch immer seid ihr an euren Eid an Nistant gebunden. Es ist etwas abhanden gekommen. Eine Marmorplatte mit dem Bildnis von Ajinah. Findet es und tötet die Diebe, wenn es welche von uns waren. Andernfalls bringt sie mir lebend!
Ja, Herr
, sagte ihr Anführer mit heiserer Stimme.
Die Kuttenwesen wandten sich von Cul’Arc ab und schickten sich an, ihren Auftrag zu erfüllen.
Wieso dürfen wir nicht zurück auf die VIPER? Seit Tagen sitzen wir in diesem stinkenden Loch!
Kathy Scolar stellte immer dieselben Fragen, auf die Roi Danton keine Antwort wusste. Fyntross wollte offenbar sicher gehen, dass sie keinen Fluchtversuch unternahmen. Er hatte damit auch recht, denn Nataly, Sato, Meyers und Ki Toushi würden niemals ohne die beiden fliehen.
Das Schott öffnete sich. Ein Harekuul trat näher.
Der Kapitän will euch sehen. Na los, Dreckspack!
Manieren hat der …
, meinte Danton und verließ mit Kathy das schäbige Quartier.
Fyntross begrüßte sie in der Kommandozentrale. Sie erinnerte an ein altes Piratenschiff, denn die große Steuerung in der Mitte des Raumes glich einem Steuerbord auf einem Schiff.
Ah, meine lieben Gäste. Ich hoffe, Sie haben unsere Gastfreundschaft genossen?
Oui, fast so wie im Hilton.
Wie auch immer
, führte Fyntross weiter aus, der die Marmorajinah in den Flossen hielt. Wir steuern Thol 2777 an und werden dort Ihr Raumschiff reparieren. Ich werde es in meine Flotte eingliedern und Ihnen das Angebot unterbreiten, als Kapitän der VIPER unter meiner Flagge zu dienen. Mit dem Erlös aus dem Verkauf der Ajinah werden wir eine ganze Flotte ausrüsten können. Und nachdem wir das Riff leer geplündert haben, werden wir den weiten Kosmos außerhalb erforschen. Dazu brauche ich euch …
Fyntross blubberte.
Und Sie versprechen grenzenlosen Reichtum?
Aye, Roi Danton. Aber ich bin der König der Piraten, Sie allenfalls ein Prinz. Was sagen Sie?
Roi sah zu Kathy, die nicht begeistert schien.
Ich bin einverstanden. Ich bin es Leid, in der stinkenden Zelle zu sitzen, vor allem mit diesem hässlichen, ständig gackernden Weibe.
Hässlich?
, rief Kathy aufgebracht.
Fyntross blubberte amüsiert.
Meine gesamte Crew ist bis auf Meyers ist völlig unfähig. Gibt es auf Thol 2777 auch einen Sklavenmarkt? Dann würde ich dort einige verkaufen und mir eine neue Mannschaft rekrutieren.
Fyntross glitschte an beiden vorbei. Seine Stielaugen klebten förmlich an Kathy Scolar.
Wer sagt mir, dass ich Ihnen trauen kann? Sie planen doch etwas. Ich bin zwar kein Gannel oder Mensch, dennoch ist diese Frau keineswegs hässlich für Ihre Maßstäbe. Sie ist ebenso schön wie Ajinah. Also, was soll das?
Öh
, machte Danton gedehnt. Nun ja, sie ist nicht wirklich hässlich, eigentlich eher ein heißer Feger. Aber absolut nicht als Piratin geeignet, wie alle Frauen an Bord der VIPER. Ich brauche dafür Halsabschneider, wenn ihr versteht was ich meine!
Die werden Sie bekommen, Danton. Das garantiere ich! Doch nun …
Fyntross schwieg und blickte einen der kopflosen Dychoo an. Die Stielaugen hingen schlaff vom Kopf, das knallige Rot wich aus den dicken Lippen.
Sie suchen uns.
Wer?
Fyntross starrte Danton entgeistert an.
Die Jaycuul-Ritter. Sie wollen Ajinah. Wir müssen so schnell wie möglich nach Thol 2777, bevor sie uns entdecken. Der Dychoo kann sie spüren. Dychoos haben starke telepathische und empathische Fähigkeiten. Er fühlt sie in unserer Nähe.
Fyntross stellte eine Verbindung mit der VIPER her.
Krash, hol alles aus den Maschinen heraus! Wir müssen im Eiltempo nach Thol 2777, denn die Jaycuul sind uns auf den Fersen.
Fyntross packte Danton und zerrte ihn mit sich. Er legte das Bildnis der Ajinah auf einen Tisch und drehte es um. Roi entdeckte Schriftzeichen auf der Rückseite.
Was bedeutet das?
Ich werde es Ihnen erzählen …
Ich sah sie an, blickte in ihre funkelnden Augen, die voller Freude, Güte und Leben waren. Sie anzuschauen gab mir Kraft und schmerzte sogleich. Es war gewiss, dass nur sie mich hätte erretten können. Sie war mein Heil oder mein Untergang.
Sie war meine Prinzessin, mein Engel, meine Liebe, die meinem Leben einen Sinn gab. Und doch blieb meine Liebe unerfüllt. Mein Herz wurde zu Stein und der letzte Schimmer an Hoffnung starb. Aus Nächstenliebe wurde Hass, Schmerz und blinde Wut.
Ich bezeichnete sie oft als
Das Herz der Sterne, denn sie hatte solch eine elektrisierende Wirkung auf mich gehabt. Als sie schwand, wurde es dunkel im Kosmos und mein langer Weg des Todes begann. Ich wanderte in der Finsternis und riss das Leben mit mir. Stets war ich in der Hoffnung gewesen, zu lieben und meinem Leben einer großen Bestimmung zu verschreiben. Letzteres war mir gelungen, doch auf einer Art und Weise, die ich nicht erwartet hatte.Mein Engel war fort. Die Gewissheit, sie niemals mehr wiederzusehen, nagte an meinem Verstand. Es tat weh, zu wissen, dass ich sie bis in alle Ewigkeiten verloren hatte. Und die Ewigkeit war lang.
Jene, die dies lesen, sollen wissen, dass ich – Nistant – der Erbauer des Riffs bin! Das Schicksal des Riffs soll sein, Licht und Hoffnung über das Universum zu bringen. Es soll wie ein Wanderprediger durch das All reisen, um Gerechtigkeit und Frieden zu bringen. Bis mein Plan eines Tages vollendet ist, um die Geschickte des Kosmos zu bestimmen, um die brutale Ordnung und Unterdrückung der Herrschenden zu beenden und dafür zu sorgen, dass das Universum in Frieden und Harmonie mit all seinen Lebewesen existiert.
Auf dass niemals mehr ein Mann seinen finsteren Weg allein und ohne Liebe beschreiten muss. Auf dass niemals ein Wesen für die Machtgier eines anderen sterben muss.
Und auf dass Nistant eines Tages das Herz der Sterne findet, wonach er sehnlichst sucht …
Roi Danton dachte über den traurigen Text nach. Er war voller Melancholie. Der Autor war offenbar über beide Ohren in seinen Engel
verliebt gewesen. Doch neben seiner Liebe zu dieser Frau war offenbar der eiserne Wille, den ganzen Kosmos zu verändern, ebenso groß bei ihm gewesen.
Was war dieser Nistant für ein Mann gewesen? Wenn er der Erbauer des Riffs war, musste er vor Millionen von Jahren gelebt haben. Und doch war er so präsent, als würde sein Geist im Riff weiterleben. Er war zur Religion avanciert und offenbar kannte jeder Riffaner die Liebesgeschichte von Nistant und Ajinah.
Obwohl Nistant bereits seit Millionen von Jahren tot war, ging Roi sein Schicksal nahe. Welcher Mann war nicht unglücklich verliebt gewesen? Aber Nistant drückte es mit einer sehr verständlichen, nahegehenden Trauer aus.
Danton legte behutsam das Abbild der Ajinah auf den Tisch und blickte in die Fischaugen von Kapitän Fyntross. Das Wesen grinste, was recht seltsam aussah, da der rote Mund noch breiter wirkte und Wasser aus der Mundöffnung floss.
Verstehen Sie jetzt, Terraner? Ajinah ist das Herz der Sterne. Zumindest in Nistants Augen. Für mich ist das Herz der Sterne ein Berg voll Gold und eine nie leer werdende Flasche Thol-Rum.
So definiert jeder den Sinn seines Lebens anders.
Aye …
Und diese Jaycuul-Ritter sind Diener von Nistant, nesper?
Fyntross machte eine zustimmende Geste.
Also, wenn Nistant der persönliche Auftraggeber war, dann müssten die Jaycuul-Ritter ja schon ziemlich alt sein. Also unsterblich? Und die Hoffnung, diese Ajinah wiederzufinden, ist doch auch ziemlich gering, oder? Die Dame dürfte inzwischen auch schon zu Staub zerfallen sein.
Fyntross wirkte unruhig.
Wenn Nistant unsterblich ist, ist es Ajinah auch. Irgendwo lebt sie im Himmel. Ihre Seele zumindest. Die Jaycuul-Ritter sind ruhelose, untote Geschöpfe. Es gibt vieles im Riff, was Sie nicht verstehen, Mensch! Die Jaycuul suchen nun nach dem Bildnis der Ajinah und wollen es zurückbringen. Sie werden jeden töten, der sich ihnen in den Weg stellt.
In der Tat verstand Roi so einiges nicht. Er stempelte die ganze Nistant/Ajinah-Liebesgeschichte als Mythos ab. Obgleich die Geschichte interessant war. Das Riff war in der Tat sehr geheimnisvoll.
Auf jeden Fall hatten sie nun ein großes Problem ‑ die Jaycuul-Ritter. Zumindest Fyntross hatte das. Obgleich solch finsteren Wesen, zumindest wurden die Jaycuuls so beschrieben, sicherlich auch nicht vor den Terranern halt machen würden.
Fyntross wandte sich von Danton ab und gab den Befehl, so schnell wie möglich nach Thol 2777 zu gelangen.
Roi dachte noch lange über die Jaycuul-Ritter und das Herz der Sterne nach.
Cul’Arc stand in geistiger Verbindung mit den Jaycuul-Rittern, die ihm Bericht erstatteten. Sie hatten die Fährte von zwei Raumschiffen aufgenommen, die sich in der Nähe des zerstörten Monoliths aufhielten. Cul’Arc vermutete, dass auf einem der beiden Raumer sicherlich das Abbild von Ajinah fanden. Doch was steckte dahinter? Im Grunde genommen besaß diese Marmorplatte kaum einen materiellen Wert. Sie war ein Heiligtum für Nistant und seine Anhänger. Doch für Diebe nichts weiter als ein Stück Stein mit dem Gesicht einer schönen Frau.
Vielleicht versuchte der Dieb das Bildnis zu verkaufen. Das ließ auf einen Piraten des Sternenmeeres schließen. Die Jaycuul würden es schon in Erfahrung bringen. Ihnen entging nichts im Riffsystem.
Und mir entgeht auch nichts, mein Bruder.
Nistant! Sein Geist sprach zu Cul’Arc!
Die fremden Terraner sind an dem Diebstahl beteiligt. Auch sie sind wohlmöglich eine Gefahr für uns. Überlasse den Jaycuul die Suche. Finde du nun Brok’Ton, damit ich auferstehen kann.
Ja, Herr.
Du musst mich nicht Herr nennen, denn du bist auch der Herr und Meister. Wir sind Eins oder werden es zumindest bald wieder sein. So wie es vor Äonen war, während des Fluches der Kosmokraten.
Ich weiß nur nicht, wo wir Brok’Ton suchen sollen. Ich meine, nicht direkt. Wir suchen in allen Galaxien, die mit einem Sternenportal verbunden sind.
Dann werden wir ihn bald finden. Wir müssen uns schnell vereinigen, denn gefährliche Zeiten brechen an. Das Riff muss seinen Bestimmungsort erreichen, damit der große Plan vollendet wird. Doch ich spüre einen Sturm aufziehen. Alle Wesen dort draußen werden versuchen, es zu verhindern. Besonders die Entropen.
Ihr Auftauchen ist ein Rätsel. Nicht einmal die Einheimischen von Siom Som kennen sie richtig. Auch die Terraner sind ihnen wohl erst kürzlich begegnet.
Vermutlich wird SI KITU die Entropen geschickt haben. Umso gefährlicher ist die Situation. Die Entropen werden dann nicht eher ruhen, bis der letzte Riffaner aufgehört hat, zu atmen.
Das werden wir nicht zulassen!
Nein. Oh, ich spüre, die kleine Auserwählte ist wiedergekommen. Sie hat unseren Bruder gefunden. Gehe zu ihr und informiere dich. Dann hole Brok’Ton aus seinem Verlies!
Cul’Arc rief Zigaldor zu sich. Sie brachen schnell auf, um den Späher und Menirie Bargelsgrund zu empfangen. Cul’Arc und Zigaldor warteten in der Halle der Sterne auf die beiden. Das Fledermauswesen betrachtete die Statuen von Nistant und Ajinah. Er erinnerte sich an die Zeit, als Lilith beinahe das Antlitz und die Erinnerung der Ajinah verdrängt hatte. Doch letztendlich hatte Nistant sich für die richtige Seite entschieden und Lilith getötet. Leider erst, nachdem sie mithilfe ihrer pseudoheroischen Freunde ihn und Brok’Ton in das beinahe ewige Gefängnis gesperrt hatte.
Endlich trafen der Harekuul Tashree und die Gannel Menirie Bargelsgrund ein. Das Mädchen wirkte angegriffen und müde. Sie wurde offenbar ihrer Rolle als auserwählte Seherin nicht gerecht. Doch bald war es vorbei und sie konnte wieder ein normales Leben führen.
Ich danke für eure Arbeit. Ihr habt etwas gefunden?
Ja, Herr. Die kleine Menirie hat in einer Galaxie mit dem Namen Druithora die Präsenz von Brok’Ton wahrgenommen. Dort ist er irgendwo. Wir müssen ihn sofort befreien!
Cul’Arc schätzte den Eifer von Tashree. Er war ein stolzer und fähiger Harekuul mit einem großen Kämpferherz, stets bereit, sich für das Gute im Riff einzusetzen.
Wir brechen noch heute auf. Mache die AGASH startklar. Schon bald wird Brok’Ton in unsere Runde zurückkehren.
Das ist Thol 2777
, blubberte Kapitän Fyntross und deutete stolz mit seiner Flosse auf den Monitor.
Roi Danton und Kathy Scolar sahen sich die Oberfläche des 500 Kilometer durchmessenden Mondes genau an. Es gab eine große Stadt, der Rest des Mondes war mit großen Wäldern bewachsen. Zwei Kontinente wurden durch Ozeane voneinander getrennt.
In der großen Stadt gab es zwei recht ansehnliche Raumhäfen. Die DUNKELSTERN und nach ihr die VIPER hielten darauf zu.
Thol 2777 ist Anlaufpunkt für alle Piraten und Gesetzlosen. Die Welt steht unter dem Schutz der Riffpaten. Sie schützen den Planeten vor Behörden, Polizei und Armee. Dafür erhalten sie dreißig Prozent der Beute.
Helfen die auch gegen die Jaycuul?
Fyntross schwieg. Rois Frage war damit beantwortet. So groß war die Macht der Riffpiraten wohl nicht. DUNKELSTERN und VIPER landeten auf einem der großen Raumhäfen. Kathy und Roi durften mit Fyntross und seinen Männern auf die Oberfläche. Die anderen vier sollten auf der VIPER bleiben. Das gefiel Roi nicht. Sie hatten immer noch keine Möglichkeit zur Flucht.
Die Umgebung des Raumhafens erinnerte Roi an Lepso. Viele Kneipen und Bordelle, ein reger Verkehr an den Raumern. Die verschiedensten Kreaturen tummelten sich hier. Harekuul, Gannel, Fithuul, Dychoo, Manjor und duzende Rassen, die Danton noch nicht kannte.
Nicht sehr einladend
, meinte Kathy mit offensichtlichem Unbehagen. Wir müssen herausfinden, wo wir Ersatzteile für die VIPER herbekommen.
Oui, Madmosielle, aber noch mehr. Ich will das Bildnis wieder haben.
Wieso?
Wenn wir das den Riffanern übergeben können, werden die uns vertrauen. Der Plan ist also der: VIPER zusammenflicken, Bild von Ajinah klauen und weg in Richtung Riff. Klingt doch einfach, oder?
Kathy lachte sarkastisch. Das wollte Roi eigentlich nicht hören. Aber letztlich gab sie auch ihren Segen für den Plan.
Kapitän Fyntross führte die beiden in eine üble Spelunke. Es roch sehr streng, die Wesen dort drinnen tranken und prügelten sich. Hier herrschten offenbar sehr raue Sitten.
Sie kämpften sich durch die Masse und erreichten eine große Tür. Fyntross klopfte dreimal an. Sie öffnete sich und zwei Harekuul musterten den Fischkopf.
Ich will zum großen, allmächtigen Bullfah.
Wer sind die anderen beiden?
Neue Partner von mir. Nun lass mich endlich rein. Bullfah wird sich bestimmt über meine Beute freuen.
Die beiden Harekuul machten Platz. Fyntross glitschte voran, Kathy und Roi folgten ihm. Danton ließ Kathy vorgehen und genoss es, dabei auf ihren wohlgeformten Hintern zu starren.
Weniger entzückend war der Anblick von diesem Bullfah. Ein fetter, schleimiger und besonders fetter Persy wabbelte auf einem Bett wie ein Wackelpudding vor sich hin. Aus dem überdimensionalen, gelben Körper züngelten vier Tentakel. Grüner Speichel floss aus dem, was wohl sein Maul war.
Mir wird schlecht
, flüsterte Kathy angewidert.
Fyntross breitete seine Flossen aus und grüßte Bullfah.
Lieber Pate, schön dich wiederzusehen, großer Papa!
Papa?
, fragte Kathy.
Wohl eher mafiös gemeint
, antwortete Roi.
Bullfah lachte, wobei er noch mehr von dem grünen Schleim ausspuckte. Fyntross zeigte ihm das Abbild der Ajinah. Nun quiekte Bullfah ziemlich schrill vor sich hin. Roi wusste nicht, was das bedeutete.
Wahrlich eine gute Ausbeute, Fyntross. Wir haben zwei Möglichkeiten. Entweder erpressen wir die Hohepriesterschaft oder wir verkaufen es den Ylors.
Den Ylors?
, fragte Roi.
Wer sind die beiden?
, wollte Bullfah wissen. Ich dulde es nicht, wenn ich Allmächtiger unterbrochen werde.
Oh
, machte Roi scheinbar bestürzt und verbeugte sich. Edler Schleimbolzen, wir sind Fremde im Riff und haben Fyntross geholfen, das Bild der kleinen Schnecke zu beschaffen. Ich bin Roi Danton, König der Freihändler und dies ist die bezaubernde Kathy Scolar, meine Gespielin und Reinigungsfrau.
Der Persy quiekte und hämmerte sich mit den Tentakeln auf seinen fetten Wanst.
Richtig so! Frauen haben in gehobenen Positionen nichts verloren. Immer mein Reden.
Roi spürte den bösen Blick von Kathy auf ihn ruhen.
Woher kommt ihr?
Fyntross antwortete für Danton und erzählte dem Persy von der Welt außerhalb des Riffs. Und von der VIPER.
Meine besten Techniker werden sich darum kümmern, die VIPER zu reparieren. Je mehr Raumschiffe unter dem Kommando meines fähigsten Kapitäns stehen, desto mehr Reichtum wird es mir bringen.
Bullfah glotzte Kathy an.
Vielleicht können Sie mir die Kleine ausleihen oder verkaufen? Was verlangen Sie für sie?
Wie bitte?
, motzte Kathy.
Roi winkte beschwichtigend ab.
Sie ist nicht verkäuflich. Ihre Dienste sind zu einzigartig. Tut mir Leid, edler Bullfah. Doch wer sind nun genau die Ylors?
Kapitän Fyntross erklärte, dass die Ylors Wesen der Finsternis waren. Sie hausten in den verbotenen Regionen des Riffs, teilweise lebten sie in den kargen Wüsten auf der Oberfläche oder in tiefen Höhlen. Sie waren verstümmelte Kreaturen, die Nistant hassten. Es hieß, ihr Anführer Medvecâ würde alles tun, um die Erinnerungen an Nistant auszulöschen.
Und deshalb wird er uns für Ajinahs Bild einen gigantischen Preis bezahlen. Das Vergnügen, dieses Bildnis zu zerstören, ist ihm Milliarden wert
, erzählte Bullfah.
Wie auch immer Sie sich entscheiden, tun Sie es fix, denn die Jaycuul jagen uns.
Bullfah spie jede Menge grünen Schleim aus und wedelte unkontrolliert mit den Tentakeln.
Fyntross?
Der Fischkopf druckste herum. Ein Stielauge schaute Danton an, das andere blickte gesenkt auf den Paten hinab.
Die Hohepriesterschaft hat die Jaycuul mit der Suche beauftragt. Einer meiner Dychoo hat sie gespürt. Es könnte sein, dass sie uns finden.
Wieso erfahre ich dieses winzige Detail von dem Freihändlerkönig und nicht von dir? Vielleicht sollte ich dich ausweiden und ihn zum Kapitän machen.
Keine schlechte Idee, Sir
, meinte Danton lächelnd.
Fyntross zog seinen Degen und hielt ihn Danton an die Kehle.
Auf der anderen Seite ist Partnerschaft sehr wichtig. Kein Fisch zum Abendessen, in Ordnung?
Fyntross nahm den Degen herunter und ging durch den Raum.
Wir werden vor den Jaycuul das Bildnis verkauft haben. Die Ylors sind die beste Lösung. Sollen die sich dann mit Nistants Kettenhunden herumschlagen.
Also gut, Kapitän
, sagte Bullfah. So sei es! Es ist auch mein Wille. Nur du kannst nicht mit den Ylors verhandeln. Dazu bedarf es eines Wesens meiner Größe. Deshalb werde ich euch zum Riff begleiten.
Nun sah Roi seine Chance gekommen. Großer Bulle, Euer Ehren! Die VIPER ist der DUNKELSTERN bei weitem technologisch überlegen. Wenn Sie es also schaffen, uns die nötigen Ersatzteile zu liefern, haben Sie mit der VIPER ein Raumschiff, das Ihnen würdig und stark genug ist, um Ihr Leben im Kampf gegen die Jaycuul zu schützen. Was meinen Sie?
Nun gurrte der Persy vor sich hin. Dabei tropfte mal wieder etwas Schleim aus seinen Öffnungen. Offenbar dachte er über Rois Angebot angestrengt nach.
Deine Argumentation ist logisch. Ich werde an Bord der VIPER residieren.
Hervorragend!
, jubelte Danton.
Aber du bist nicht der Kommandant. Fyntross wird Kapitän der VIPER werden, nachdem sie repariert worden ist, wobei ihr uns natürlich helft. Damit du mich nicht betrügst, wird die hübsche Frau an meiner Seite bleiben.
Weniger gut …
Kathy Scolar fühlte sich alles andere als wohl beim fetten Persy Bullfah. Sie musste halb nackt in einer Art Bikini und ein paar Schleiern neben dem Schleimbolzen sitzen und wusste nicht, ob ihr das Zittern wegen der Kälte oder der Schleimlache neben ihr kam.
In diesem Moment, nein in so ziemlich jedem Moment, vermisste sie Aurec von ganzem Herzen. In solchen ekligen Situationen aber ganz besonders. Sie wünschte sich so sehr, dass sie wieder vereint wären. Alles wäre viel leichter zu ertragen.
Kathy seufzte und schluckte den Kummer herunter. Sie wollte nicht wieder die weinende Zicke, sondern stark sein. Ihre einzige Chance, Aurec jemals wiederzusehen, war stark zu sein. Es war ja inzwischen schon nichts Neues mehr für sie, irgendwo in Gefangenschaft herumzusitzen. Obwohl der Anblick dieses gelben Schleimballs schon sehr gewöhnungsbedürftig war.
Willst du nicht meinen Bauch streicheln und ihn mit deiner feinen Zunge sauber lecken?
Kathy blickte Bullfah angewidert an. Offenbar war es sein Ernst, aber sie würde den Teufel tun. Wieso stand so ein Blubberball auf eine terranische Frau? Hatten die Persy keine eigenen Weibchen? Seit vier Tagen nun musste sie die Avancen dieses Riffpiraten über sich ergehen lassen. Langsam gingen ihr die Ausreden aus.
Die Holztüre ging knarrend auf. Roi Danton schwankte hinein. In der rechten hielt er ein Taschentüchlein, in der linken eine Flasche Alkohol. Vermutlich dieser Thol-Rum.
Bonjour, Maschmosaille et Ma …Ma … naja, hoher Herr.
Danton nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche und rülpste beherzt vor sich hin. Bullfah lachte und fing an auch jede Menge unappetitliche Geräusche aus seinen Öffnungen abzugeben.
Offenbar verstanden sich die beiden recht gut, fand Kathy, die bemüht war, sich nicht zu übergeben.
Oh, ja. Da ist ja das Schnuckelchen. Sagen Sie, Bullfah, haben Sie je so etwas Schönes im Universum gesehen?
Oh, danke Roi
, sagte Kathy nun doch entzückt.
Danton torkelte an ihr vorbei und fuhr mit der rechten Hand über das Bildnis der Ajinah.
Ach, so ist das, das ist die Höhe!
Ja, Danton sie ist wunderbar. Aber nur, weil sie viel, viel Geld bringt. Deshalb ist sie im Moment das Schönste im Kosmos.
Bullfah lachte. Dabei spie er wieder literweise das grüne Zeug aus, spuckte es auf den Boden und besudelte sich selbst damit. Die Tentakel verrieben die schleimige Masse auf seinem fetten Wanst.
Ich habe dir was mitgebracht, mein Dickerchen.
Roi kramte aus seinem Mantel zwei Flaschen Cognac hervor und hielt sie freudig in die Höhe.
Schnaps von der Erde. Du wirst keinen Besseren im Universum finden. Wenn meine Rasse etwas kann, dann ist es saufen. Und natürlich beherrschen wir das Brennen von entsprechend leckerem Schnaps. Also, los!
Zögerlich, vermutlich empfand er auch etwas Abscheu vor dem Schleimer, reichte Roi ihm die beiden Flaschen. Die glitschigen Tentakel öffneten den Verschluss. Bullfah schüttete die beiden Cognacflaschen parallel in sich hinein. Dann fing er an, seltsam zu wabern und zu zittern. Er stieß einen grauenvoll lauten Rülpser aus und platschte nach vorne.
Roi wirkte keineswegs überrascht.
Was hast du getan?
In jeder Flasche war genügend Schlafmittel drin, um einen Okrill müde zu machen. Hat geklappt, nesper?
Kathy sprang auf und wollte den eigenwilligen Mann am liebsten küssen, doch sie überlegte es sich rasch anders. Wer weiß, ob Roi das nicht gleich ausnutzte. So ganz geheuer war ihr Perry Rhodans seltsamer Sohn immer noch nicht.
Komm, Cherie! Wir müssen hier raus.
Aber wohin?
Zur VIPER. Wir haben zwar nicht annähernd so viele Ersatzteile erhalten, wie wir es uns erwünscht hätten, doch die Energiequellen helfen – so zumindest sagt es der verehrte Roland Meyers – um die nötigsten Einrichtungen einsatzbereit zu machen. Wir werden Impulsgeschütze haben, einen HÜ-Schutzschirm und ein Transitionstriebwerk. Klingt für mich ausreichend, um uns der Gastfreundschaft des ungehobelten Packs zu entziehen. Meinst du nicht auch, Süße?
Kathy nickte nur. Wenn er mal seine chauvinistischen Bemerkungen zwischendurch unterließ, war Danton ein kleines Genie. Er hastete zum Bildnis der Ajinah.
Das nehmen wir natürlich mit. Komm!
Beide rannten aus dem Saal und liefen Kapitän Fyntross und Krash direkt in die Arme.
Wohin so eilig?
Wer? Wir? Ich gebe es ja zu. Es dürstet ihr nach mir. Du verstehst? Wir wollten es nicht vor dem Schwabbelbauch treiben, müssen jetzt aber ganz schnell los, denn sie ist ganz wuschig.
Kathy blickte verwirrt zu Roi, dann verstand sie und nickte hastig.
Oh ja, ich könnte es glatt mit euch beiden treiben? Gerade mit dir, du kleiner FishMac. Deine sinnlichen roten Lippen bringen mich zum Erbeben.
Nun blickte Roi sie verstört an.
Fyntross zog seinen Säbel. Krash eine Pistole.
Ajinah bitte. Ich frage nur einmal. Nach dem zweiten Mal erschießt Krash die Frau.
Roi lächelte souverän. Kathy vermutete, dass er nun seinen Trumpf ausspielte. Er musste einfach einen haben, denn wer war so blöde sie ohne Rückendeckung zu befreien und das Bildnis zu stehlen? Bestimmt tauchte in jeder Sekunde Meyers von hinten auf.
Doch Roi übergab widerstandslos die Ajinah dem wütenden Kapitän. Kathy korrigierte innerlich die Feststellung mit dem kleinen Genie.
Krash und ich haben in den letzten vier Tagen einiges dazugelernt. Impulsgeschütze, Paratronschutzschirm, Transitionstriebwerk, Virtuellbildner. Zu dumm, dass das Transformgeschütz nicht funktioniert oder die Intervallstrahler. Wir sind wohl auch ohne eure Hilfe in der Lage, die VIPER zu fliegen. Deshalb werden Sie und Ihre Crew die Inhaftierungszellen von innen bewachen.
Wir werden alle sterben, ich sag es euch
, seufzte Wilzy Wltschwak. Cul’Arc beobachtete entnervt den pummeligen Gannel. Langsam bereute er die Entscheidung, die drei Freunde von Menirie Bargelsgrund mitgenommen zu haben.
Zwar waren Daccle Kaddner und Rupp Grindelwold recht angenehme Jugendliche, doch dieser tumbe Wltschwak war stets bemüht, sich in den Mittelpunkt zu drängen. Da Wltschwak an sich eine trostlose Gestalt war, versuchte er Mitleid zu erregen. Er stöhnte, seufzte und jammerte unentwegt vor sich hin.
Die Fähre erreichte die AGASH. Cul’Arc musterte mit Stolz das vier Kilometer lange Raumschiff aus der Riff-Flotte. Die AGASH war das modernste und beste Forschungsschiff im gesamten Riff. Ihre Außenhaut war aus kupferfarbenem Metall. Die Sonnen spiegelte sich darauf wieder. Das Fledermauswesen warf Tashree einen Blick zu. Der Harekuul verneigte sich und instruierte die vier Gannel.
Als das Fährraumschiff im Hangar aufsetzte, wurden sie von einer Parade willkommen geheißen. Admiral Volgaard jaulte ehrfürchtig zur Begrüßung. Eine besondere Geste unter den Manjor.
Alles ist vorbereitet, mein Lord Cul’Arc!
, sagte Volgaard.
Habt Dank! Ihr habt gute Arbeit geleistet, die AGASH so schnell einsatzbereit zu machen.
Cul’Arc übergab Volgaard einen Memokristall mit den Koordinaten von Druithora. Volgaard nahm sie dankend an und führte Cul’Arc in die Kommandozentrale. Für das Fledermauswesen war der Anblick relativ neu, denn er war noch nie mit der AGASH geflogen. Er hatte sie sich zwar kurz angeguckt, doch er war viel zu kurz im Riff, um sich völlig auszukennen. Nur der Geist von Nistant half ihm immer weiter.
Die Zentrale bestand aus drei Ebenen. Sie war kreisförmig angelegt. Im Zentrum saß der Admiral. Was nun geschah, war für Cul’Arc ebenfalls neu. Admiral Volgaard speiste die Koordinaten in den Rechner und aktivierte mit einem goldenen Knopf das Sternenportal. Wie aus dem Nichts erschien der Ring des Portals im Leerraum und begann zu leuchten. Das Sternenportal dehnte sich aus und die AGASH begann den Flug nach Druithora, um Brok’Ton aus seinem ewigen Gefängnis zu befreien.
Die Reise zum Riff dauerte sechs Tage. Roi Danton und Kathy Scolar hatten in dieser Zeit keinen Kontakt zu Meyers, Nataly Andrews, Sato Ambush oder Maya Ki Toushi gehabt. Sie wussten nicht, wie es ihnen ging, doch Roi vermutete, Fyntross hatte sie gut behandelt. Sie waren wertvoll, solange sie mehr über die VIPER wussten als die Piraten.
Danton hatte inzwischen einen Sonderstatus bekommen. Er war eine Art Kapitän in spe. Er war Krash untergeordnet, durfte jedoch hier und da mal Befehle geben und das Leben an Bord der DUNKELSTERN kennen lernen. Vermutlich planten Bullfah und Fyntross doch noch mit ihm. Kathy hatte es weniger gut getroffen. Sie war in der Kombüse eingeteilt und musste mit dem schmierigen Koch Fraahss für das leibliche Wohl der Mannschaft sorgen.
Roi hatte nun endlich mal Gelegenheit, sich das Riff genauer anzuschauen. Es war gigantisch. Überall zerklüftete Berglandschaften, ausufernde Riffe, die in den Weltraum ragten, aber auch Ozeane, Wüsten, Wälder und Eislandschaften. Der untere Teil des Riffs war komplett in einen Nebel eingehüllt. Die Kunstsonnen drehten sich auch nur um den oberen Teil
. Roi war klar, dass wenn sie einen anderen Anflugwinkel gewählt hätten, der obere Teil eigentlich der untere Bereich gewesen wäre. So war es aber einfacher. Das bedeutete auf jeden Fall, dass in der Nebelregion ewige Finsternis herrschte. Er vermochte sich gar nicht auszudenken, was dort für Wesen lebten.
Städte konnte Roi mit bloßem Auge nicht entdecken. Dazu war das Riff einfach zu groß. Eine Landmasse mit der Entfernung zwischen Erde und Plutoasteroiden war einfach zu gewaltig. Noch immer fiel es ihm schwer, sich an diese Tatsache zu gewöhnen.
Sie näherten sich einem gewaltigen Berg und traten in die Atmosphäre des Riffs ein. Anschließend durchstießen sie eine Wolkendecke und flogen an einer Bergkette vorbei, die hunderte Kilometer in die Höhe ragte. Danton war sprachlos.
Wenn Nistant der Erbauer dieses Riffs war, war es definitiv künstlich. Aber wer war in der Lage, so etwas zu erschaffen ‑ außer einem Gott? Roi überkam ein Schauer. Das Riff war ein kosmisches Wunder der ersten Güteklasse. Vergleichbar mit dem Schwarm, der endlosen Armada oder der Tiefe. Es zeigte auch, wie winzig die Terraner im kosmischen Maßstab waren. Nicht alles drehte sich um sie. Es gab unzählige Geheimnisse und auch wenn sie glaubten, sie wussten schon viel, gab es immer wieder neue Überraschungen und Wunder.
Wo liegt eigentlich die Welt der Ylors?
, wollte er von Krash wissen.
Im Nebelgebirge. Dort wo …
Ewige Finsternis herrscht. Danke, ich hatte es befürchtet.
Roi seufzte tief. Ausgerechnet dorthin mussten sie fliegen. Sicherlich gab es schönere Regionen im Riff.
Sie tauchten in den Nebel ein. Die DUNKELSTERN und VIPER aktivierten große Scheinwerfer und leuchteten den Boden ab. Nun endlich erkannte Roi auch Details der Oberfläche. Sie war trostlos und leer. Keine Vegetation oder ein Anzeichen von Leben. Alte Ruinen von wohl längst zerstörten Städten markierten ihren Weg.
Die Ylors leben freiwillig in der Schattenseite. Es heißt, sie hassen das Licht. Sie sind Kinder des Fürsten der Finsternis und absolut bösartig. Nistant stehe uns bei.
Diese Rede von Krash überraschte Roi etwas. Der Manjor zeigte Furcht. Dann mussten diese Ylors wirklich ziemlich übel sein.
Kathy betrat die Brücke. Krash blickte sie böse an.
Hey, ich hab dir etwas Chappi mitgebracht. Guten Appetit.
Sie drückte eine Schale mit matschigem Fleisch dem Manjor in die Klauen und ging zu Danton.
Das ist unheimlich hier.
Oui, mon Amour. Auf dem Riff lauern jede Menge finstere Gestalten und wir sind auf dem Weg zu welchen. Das gefällt mir auch nicht.
Roi blickte Kathy tief in die Augen. Er streichelte ihr Haar und kam mit seinen Lippen näher an ihren Mund. Sie schreckte zögerlich zurück und blickte ihn verstört an. Dann wandte er seinen Kopf zur Seite und flüsterte ihr ins Ohr.
Ich habe aus der Medostation Schlafmittel gestohlen. Mische es ins Abendessen. Wenn alle betäubt sind, werden wir die DUNKELSTERN kapern. Aye?
Er lächelte sie an. Kathy nickte.
Und was wird aus den anderen?
Um die kümmern wir uns später.
Nein, wir lassen Nataly und die anderen nicht zurück. Dann überleg dir einen anderen Plan.
Kathy drückte sich von Roi los und sah ihn böse an. Danton wusste, dass sie recht hatte, doch wenn sie die DUNKELSTERN hatten, würde ihm schon etwas einfallen, um die anderen zu befreien. Auf der anderen Seite könnten Fyntross und Bullfah auch die anderen töten oder zumindest einen von ihnen. Nein, es musste eine bessere Idee geben, wie sie alle mit einem Schlag außer Gefecht setzten.
Danton, es ist soweit!
, rief Krash. Du und der Glatzkopf sollt Fyntross und Bullfah begleiten. Der Fürst der Ylors scheint wohl euch empfangen zu wollen.
Das wird ein Vergnügen …
Riffpate Bullfah hatte sich für eine Space-Jet als Transportmittel entschieden. Neben ihm selbst, Kapitän Fyntross, Roi Danton und Sato Ambush waren fünf weitere Crewmitglieder anwesend. Ein fetter Manjor, der sich ständig kratzte, ein dürrer Fithuul, zwei müffelnde Harekuul und ein Riffzwerg.
Der fette Manjor war der Waffenleitoffizier der DUNKELSTERN und trug den Namen Craasp. Der grazil aber ebenso einfallslos wirkende Fithuul war wohl mit Craasp befreundet, zumindest stritten die beiden sich ständig. Der Fithuul Zerzu war Pilot und steuerte die Space-Jet. Offenbar war er doch nicht so dumm, denn immerhin wusste er, wie man das für ihn fremde Raumschiff bediente.
Der Riffzwerg sah Danton finster an. Er war vielleicht 130 Zentimeter groß und ebenso breit. Sein breites, grimmiges Gesicht mit den winzigen Knopfaugen machte ihn nicht sympathischer. Der kurze Haarschnitt rundete das wenig freundliche Bild ab.
Der Name passte wie kein anderer. Hakkh! Hakkh hielt in seiner Hand eine Keule mit einem Nagel. Er war wohl ein Leibwächter.
Die Space-Jet landete in einem Tal. Roi überkam ein ungutes Gefühl, als die Space-Jet aufsetzte.
Keine Sorge, finstere Gegenden müssen nicht die Heimat für bösartige Kreaturen sein
, sagte Sato Ambush. Es gibt Nachtwesen, die durchaus harmlos sind.
Aha …
Kapitän Fyntross sprang auf.
Meine Herren, elendes Pack, auf geht es zu Reichtum und Ruhm. Darf ich bitten?
Die beiden Harekuul trugen den fetten Bullfah auf einer Sänfte. Hakkh und Craasp gingen voran, dann folgten Bullfah und Fyntross. Der Fithuul Zerzu wies Danton und Ambush an, nun auch die Space-Jet zu verlassen.
Darf ich Wache halten, Kapitän?
, bat Zerzu. Jemand muss doch das Raumschiff bewachen.
Fyntross lachte.
Also gut, du bleibst hier. Aber wehe, du schläfst ein. Dann schneide ich dir die Kehle durch.
Sichtlich erleichtert blieb der Fithuul zurück, während die anderen weiter gingen. Der Boden war glitschig und weich. Eine Art Moosgewächs bedeckte ihn. Roi vermutete, dass es hier ziemlich viele sumpfige Stellen gab. Bäume oder Pflanzen existierten hier nicht, abgesehen vom Moos.
Woher kennt ihr den Weg?
, fragte Roi.
Fyntross zeigte auf eine Lanze mit einem Totenschädel. Danton verstand. Irgendwoher glaubte er ein Licht zu erkennen. Außerdem fühlte er sich beobachtet. So sehr er sich aber anstrengte, es gelang ihm nicht, irgend etwas aus dem Nebel heraus zu erkennen. Plötzlich schälte sich eine Silhouette aus dem Dunst. Es waren Mauern. Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde das Bild. Es war eine Burg. Fackeln an den Zinnen und Türmen erhellten die Feste.
Wartet!
, sabberte Bullfah.
Die Piraten sahen sich scheinbar nervös um. Hakkh hantierte mit seiner Keule, während Craasp mit zitternden Händen seine Waffe kontrollierte.
So aufgekratzt wie die sind, sind diese Ylors bestimmt finster, mein lieber Sato.
Ja, das denke ich auch.
Woher kommt diese plötzliche Erkenntnis?
Na von dort.
Ambush deutete nach vorne. Dort standen zwei Wesen, so schrecklich wie aus einem Albtraum. Sie hatten spitze Ohren, große leuchtende Augen und ein furchterregendes Gebiss. Die beiden Ylors liefen leicht gebückt auf die Gruppe zu. Ihre Kleidung war spärlich und doch wirkte sie militärisch. Zumindest waren sie bewaffnet. Der andere hielt aber noch was anderes in den Händen. Entsetzt stellte Danton fest, dass es sich dabei um den Arm eines humanoiden Wesens handelte, an dem der Ylors genüsslich knabberte.
Oh ja, diese Wesen waren wirklich finster.
Wir grüßen euch. Ich bin Bullfah, ein Pate der Riffpiraten. Ich bin in geschäftlicher Angelegenheit hier und möchte mit dem Fürsten der Ylors sprechen. Ich erwarte eine angemessene Gastfreundschaft.
Die beiden Ylors zischten und fuchtelten mit Messern. Die Lage war angespannt. Ein Rascheln von links ließ Roi zusammenzucken. Dann ein Geräusch von rechts. Von hinten hörte er Schritte. Überall leuchteten unheimliche Augen aus dem Nebel. Sie waren von den Ylors umzingelt.
Wer sagt, dass wir euch zum Fürsten bringen?
, sagte der Ylors mit dem Arm in der Hand. Ihr seht ziemlich lecker aus. Viel Fleisch. Wir sind durstig und hungrig.
Die haben uns wohl einige Details verschwiegen
, meinte Danton zu Ambush.
Haltet ein, ihr Madenpack. Sonst reiße ich euch eure Gedärme heraus
, rief eine Stimme.
Ein großer Ylors, der aber genauso verstümmelt wie die anderen wirkte, trat auf sie zu. Er ging aufrecht. Während die anderen beiden Ylors haarlos waren, trug er langes, fettiges schwarzes Haar. Seine langen Zähne blitzten aus dem Maul.
Verzeiht die rüde Begrüßung, aber meine Männer sind ausgehungert. Es kommen so selten Besucher her, außer einigen Jägern. Wieso wollt ihr den Fürsten sprechen?
Das erkläre ich keinem Handlanger
, sagte Bullfah.
Der Ylors brüllte und fletschte die Zähne.
Du solltest es lieber mir erklären, ansonsten wirst du nie wieder etwas aus deinem feuchten Maul sabbern können, elender Persy. Ich bin Veritor, Statthalter der Festung Narjas und Stellvertreter des Fürsten der Finsternis Medvecâ.
Bullfah schwieg. Die Stimmung wurde immer angespannter. Roi befürchtete, dass die Ylors jede Minute über sie herfielen. Er ging langsam zu Craasp.
Du machst einen vernünftigen Eindruck. Kannst du deinen Freund nicht rufen? Er könnte uns mit der Space-Jet abholen, bevor es zu spät ist.
Der dicke Manjor blickte Roi zustimmend an.
Aber Fyntross hat bestimmt was dagegen. Doch auf der anderen Seite ist mir mein Leben lieber, bevor die mich auch zu einem Ylors machen.
Wie bitte?
Kennst du die Geschichten über die Ylors nicht? Sie sind unsterbliche Kinder der Nacht. Sie fressen andere Lebewesen und leben von deren Energie. Wenn sie wollen, töten sie dich nicht, sondern machen dich zu einem von ihnen.
Klingt wie Vampire
, meinte Roi. Aber die gibt es doch nicht wirklich. Oder doch?
Roi schaute sich die Ylors an. Gewisse Ähnlichkeit zu Vampiren bestand. Vielleicht hätte er lieber Knoblauch essen sollen.
Veritor schritt durch die Gruppe und beachtete den ratlosen Bullfah nicht. Er musterte Danton und Ambush.
Ihr seid keine Riffaner. Das rieche ich an eurem Fleisch. Es ist fremd. Woher kommt ihr?
Gutes Riechorgan, Monsieur. Mein Name ist Roi Danton, Freihändlerkönig von Olymp. Ein Reisender, der bedauerlicherweise und auf völlig unvorhersehbare Art von diesen Piraten gefangen genommen wurde. Eigentlich habe ich mit denen gar nichts zu tun.
Dann können wir ihn ja auffressen. Ja? Bitte, Lord, bitte!
Der andere Ylors hatte den Arm inzwischen völlig abgeknabbert, schien aber immer noch großen Appetit zu verspüren.
Ich spüre noch mehr. Ihr seid auch Unsterbliche. Alle beide besitzt ihr Kosmokratenwerk in euren Körpern. Euch fressen wir nicht. Ihr seid bedeutend. Fürst Medvecâ wird sich um euch kümmern. Führt sie in die Burg!
Die Ylors packten Danton und die anderen. Bullfah wies seine Leute an, die Waffen zu senken. Nun waren Roi und Sato erneut Gefangene. Es fragte sich nur, wer der schlimmere Peiniger war.
Das Innere der Burg war noch unansehnlicher als die Räume der DUNKELSTERN, fand Danton. Es wirkte alles sehr mittelalterlich. Finsterstes Mittelalter. Die Aufmachung der Burg erinnerte an einen Horrorfilm, aber offenbar war das der Lebensstil der Ylors.
Sie wurden durch den Hof zu einem Palast geführt. Eine Halle thronte in der Mitte der Festung. Dort wirkte es sauber. Die Wachen ließen sie passieren und sie betraten einen festlichen Saal. Gemälde zierten die Wand und überall standen Rüstungen, Waffen und zu Dantons Erstaunen Miniaturen von Raumschiffen.
Am Ende der Halle stand eine lange Tafel, an deren Ende ein Mensch saß. Er trug eine schwarze Kombination, hatte seine langen, dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und wirkte sehr kultiviert. Er besaß spitze Ohren und seine Augen waren eine Nuance größer als die der Menschen.
Willkommen Fremde! Ich bin Fürst Medvecâ, Herr über das Land der Finsternis und des Nebels. Was ist Euer Begehr?
Medvecâ lehnte sich zurück. Bullfahs Sänfte wurde herniedergelassen. Mit einem glitschigen Geräusch begann der Persy seine Ansprache.
Ich bin Bullfah, Großpate des Riffs. Meine Familie hat bereits Geschäfte mit Euch gemacht, edler Fürst. Ich biete Euch etwas sehr Interessantes.
Medvecâ blieb ungerührt. Er starrte mit seinem stechenden Blick den Persy an, der vor sich hinblubberte. Kapitän Fyntross trat hervor und legte das Bildnis der Ajinah auf den Tisch. Nun zeigte Medvecâ die erste Regung. Er betrachtete das Bild aus Marmor intensiv.
Es ist uralt. Dann nehme ich an, Ihr habt den Manjor-Monolith vernichtet?
So ist es
, sagte Bullfah stolz.
Medvecâ lachte.
Und nun treibt Euch Gier und Angst zu mir. Ihr fürchtet die Jaycuul-Ritter vermutlich mehr als mich. Es ist mir klar, dass Ihr diese Ware nicht über das Riffnet verkaufen könnt. Sie jagen Euch, richtig?
Bullfah schwieg.
Nun haben wir das Relikt der Vergangenheit. Und was ist Euer Preis?
, fragte Medvecâ.
Ein hoher Preis. So viel Gold und Edelmetalle, wie meine beiden Raumschiffe tragen können.
Veritor fing an zu knurren. Roi Danton wertete dies nicht als Zustimmung. Medvecâ lachte wieder. Dann klatschte er Beifall.
Herrlich, Ihr habt mich zum Lachen gebracht
, sagte er und stand auf. Er ging um die Tafel herum und stellte sich vor Bullfah und seine beiden Harekuul-Träger.
Ihr befindet Euch in der Hochburg des Ylorsvolkes. Mir unterstehen hundert Millionen meines Volkes. Und viele Millionen wandeln unter den Riffanern, getarnt und versteckt. Da wagt Ihr mir etwas zu diktieren?
Der Persy fing an zu zittern. Speichel rann aus dem Maul.
Plötzlich verwandelte sich Medvecâ in einen Ylors. Das Gesicht mutierte zu einer wolfsähnlichen Fratze mit großen Reißzähnen. Er packte den Harekuul zu seiner Rechten und zerfetzte mit einem Biss dessen Halsschlagader. Veritor stürmte zum anderen Harekuul und riss ein Stück Hals aus ihm heraus. Beide Harekuul waren tot. Dann verwandelte sich Medvecâ zurück.
Ja, wir können unsere Gestalt verändern. Zumindest einige von uns. So wie ich sahen wir einst aus. Vor den Kosmokraten und ihren Flüchen. Verdammt zur Unst