Dorgon 156: In den Tiefen Andromedas

Was bisher geschah

Ein intergalaktischer Krieg tobt im Jahre 1307 NGZ. Angezettelt von den Söhnen des Chaos und geführt von ihren bereitwilligen Helfen, den Imperium Dorgon und Quarterium, sind estartischen Galaxien, Cartwheel, M 100, M 87 und die Lokale Gruppe ins Chaos gestürzt worden.

Während Perry Rhodan und Aurec gegen das Quarterium und MODRORs Armeen in der Lokalen Gruppe kämpfen, wären Atlan, Alaska Saedelaere und Icho Tolot fast durch die Alysker exekutiert worden. Dabei plante DORGON einst, dass die Alysker eine Allianz mit den Terranern gegen MODROR schmieden sollten, denn die Gefahr durch MODROR wird von Minute zu Minute größer. Atlan und seine Begleiter erfahren mehr über den Kosmotarchen MODROR und das kosmische Projekt. Nach Gefangennahme von Rodrom sammelt sich eine gigantische Flotte von MODROR im Kreuz der Galaxien, doch der Alysker Eorthor vernichtet die Flotte und das Kreuz mit einer 7-D-Bombe.

Derweil ist der Krieg in der Lokalen Gruppe ausgebrochen. Das Quarterium will über die Beherrschung Andromedas eine Basis zur Eroberung der Milchstraße schaffen. IN DEN TIEFEN ANDROMEDAS entbrennt die entscheidende Auseinandersetzung um die Zukunft …

Hauptpersonen

Aurec:
Der Kanzler Saggittors erhält Zugriff auf das Erbe der Vergangenheit und kämpft für die Zukunft des tefrodischen Volkes.
Joak Cascal:
Der Oberbefehlshaber der Freyt-Kompanie unterstützt Aurec.
Perry Rhodan:
Der Unsterbliche spielt Katz und Maus.
Gos'Shekur Uwahn Jenmuhs:
Der Arkonide jagt die Terraner.
Anubis:
Der Kemete kämpft Seite an Seite mit Aurec.
Zabryna:
Die Hexe lässt Perry Rhodan zappeln.

Prolog

Nemesis

Ich rufe Dich, Nemesis!
Höchste!
Göttlich waltende Königin!
Allsehende, Du überschaust
der vielstämmigen Sterblichen Leben.
Ewige, Heilige, Deine Freude
sind allein die Gerechten.
Aber Du hassest der Rede Glast,
den bunt schillernden, immer wankenden,
den die Menschen scheuen,
die dem drückenden Joch
ihren Nacken gebeugt haben.
Aller Menschen Meinung kennst Du,
und nimmer entzieht sich Dir die Seele
hochmütig und stolz
auf den verschwommenen Schwall der Worte.
In alles schaust Du hinein,
allem lauschend, alles entscheidend.
Dein ist der Menschen Gericht.

62. Hymne des Orpheus

Die 8. Terranische Flotte hatte sich wieder in die Tiefen des intergalaktischen Raumes zwischen Andromeda und den nahegelegten Galaxien der Lokalen Gruppe zurückgezogen.

Perry Rhodan und Admiral Higgins beabsichtigten, die Kampfgruppen von General McHenry zu verstärken und den Druck auf die Geleitzüge aus Cartwheel zu erhöhen. Bereits jetzt wirkte sich die Ankunft der Verstärkungen aus der Milchstraße positiv für die Verteidiger aus. Durch die Fragmentraumer der 3000-Meter-Klasse waren die Alliierten plötzlich in der Lage, jeden Geleitzug anzugreifen, da auch die Supremo-A-Trägerschlachtschiffe einer BOX dieser Klasse nicht gewachsen waren. Zum ersten Mal seit Beginn des Krieges hatte das Quarterium seine Überlegenheit an Großkampfschiffen eingebüßt. Dazu kam noch, dass die INVERSIBLE-Kreuzer der Deep-Space Variante für den Geleitzugkrieg wie geschaffen waren. Die schwerfälligen Frachtschiffe konnten durch die Supremos nicht wirkungsvoll vor den Schweren Kreuzern mit ihren Raumjägern geschützt werden.

Blut ist dicker als Wasser

Die Verlustquote des als Geleitzugschlacht im Nirgendwo in die Annalen eingegangenen Blutbades drohte die Stabilität des Quarteriums zu gefährden, denn auf Seiten der LFT stand mit den Posbis ein gnadenloser Gegner. Zum ersten Mal seit dem allen galaktischem Recht Hohn sprechenden Überfall auf die friedliebenden Völker Siom-Soms bekam das Quarterium die Schrecken des Krieges mit gleicher Münze heimgezahlt. Selbst die auf Hochtouren laufende Propagandamaschinerie der Siniestros schaffte es nicht mehr, die Verluste an Menschenleben zu verschleiern: die Namensliste der in der Lokalen Gruppe gefallenen Männer und Frauen sprach eine zu deutliche Sprache. In dieser Situation brauchte der Imperatore Erfolge, Erfolge und nochmals Erfolge, um die wachsende Kritik an der Expansionspolitik zum Schweigen zu bringen.

Gleichzeitig begann die C.I.P mit immer brutaleren Mitteln gegen jede Oppositionsäußerung vorzugehen. Die im Zuge der Artenbestandsregulierung (ABR) eingerichteten Entsorgungslager wurden zunehmend mit internierten Kritikern des Systems gefüllt. Vor allem das EL Koshan wurde ab Mitte 1307 NGZ fast ausschließlich zur geplanten Vernichtung der Opposition genutzt. In den Sümpfen der Dschungelwelt führte eine gnadenlose Negativauslese zu entsprechenden Ergebnissen im Sinne des Regimes: Überleben bedeutete Kapitulation, Anpassung, Spitzeldienste, Unterordnung unter das System.

Der allmächtige Herrscher Cartwheels samt seiner blutigen rechten Hand, dem Silbernen Ritter, hatte natürlich von diesen Gräueln keine Ahnung; schuld war, wie könnte es auch anders sein, nur das Ungeheuer Niesewitz, das natürlich völlig selbstständig gegen die Anweisungen des Imperatore gehandelt hatte …

(Roppert Mohlburry)

Kapitel 1
Zu neuen Höhen

Paxus, OKQ

Imperatore Don Philippe Alfonso Jaime de la Siniestro war nervös. Der uralte Spanier war ein politischer Fuchs, der genau registrierte, dass die aktuellen Ereignisse das Ende seiner Herrschaft bedeuten konnten. Doch Don Philippe war nicht bereit, jetzt abzutreten. Im Gegenteil, er würde um die Macht und die Zukunft seiner Kinder kämpfen. Das verlebte Gesicht verzog sich zu einem zynischen Grinsen. Vor seinem inneren Auge erschien der Inbegriff der Schönheit und Jugend, der selbst in seinen alten Lenden noch für entsprechende Aktivitäten sorgte.

Rosan Orbanashol-Nordment oder besser, Rosan Orbanashol-Siniestro!

Innerlich gratulierte er sich zu seinem genialen Plan, die Heirat mit der Halbarkonidin war die Chance, gegebenenfalls aus dem ganzen Schlamassel irgendwie heil herauszukommen. Doch, und da machte er sich nichts vor, es war nicht zu übersehen gewesen, dass außer Brettany keines seiner Kinder mit seiner Wahl einverstanden war. Besonders Stephanie, sein ganzer Stolz, begann ihm Sorgen zu bereiten. Warum konnten seine ältesten Kinder nicht Bretts Beispiel folgen und ihm einfach vertrauen? Bei dem Unfall, der zum Tode von Yasmin Weydner geführt hatte, waren nach seinem Geschmack einfach zu viele Ungereimtheiten im Spiel. Sein Instinkt, seine ganze Erfahrung, die er sich im jahrzehntelangen Intrigenspiel an den Höfen des spanischen Adels erworben hatte, sagte ihm, dass hier noch irgendjemand die Finger im Spiel hatte. Martyn Hubba war einfach nicht der Typ, eine solche Aktion ohne entsprechende Rückendeckung durchzuführen.

Ein Signal riss ihn aus seinen Gedanken. Der Schnelldrucker des Kommunikationsgerätes begann zu arbeiten und spuckte einen dicken Stapel dünn bedruckter Papierfolien aus. Mit einem Ächzen, das seine körperliche Unzulänglichkeit vorspielen sollte, erhob er sich aus dem bequemen Sessel. Wieder das zynische Grinsen. Bisher hatte er es wohl geschafft, allen außer Despair den alten, trottligen Narren vorzuspielen, selbst seine Kinder fielen darauf herein. In Wirklichkeit, und er gedachte dies so schnell wie möglich seiner frisch angetrauten Ehefrau zu zeigen, war er voll auf der Höhe seiner körperlichen Leistungsfähigkeit. Doch es konnte nichts schaden, wenn jeder ihn unterschätzte.

Mit einem unbestimmten Gefühl des Grauens nahm er die Folien zur Hand. In diesem Punkt war er altmodisch und glich, es war geradezu suspekt, dem von ihm verachteten Niesewitz. Auch dieser stand auf gedrucktes Papier in jeder Form. Inzwischen hatte er wieder hinter dem pompösen Tafeltisch Platz genommen. Endlich, genau die Information, auf die er gewartet hatte. Die Operation Weiße Wäsche konnte beginnen.

Doch zuvor die Hiobsbotschaften. Der Krieg forderte seinen Preis, an der Front in der Lokalen Gruppe hatte das große Sterben begonnen. Mit einer kurzen Befehlsfolge aktivierte er die Interkom-Verbindung zu seinem wichtigsten Vertrauten. Wer hätte es gedacht, dass durch MODROR sein Verhältnis zu dem Silbernen Ritter immer enger wurde. Cauthon Despair erschien ihm unter allen Söhnen des Chaos als Einziger noch einigermaßen normal zu sein, sofern man bei den Jüngern MODRORs überhaupt von normal reden konnte. Die Katastrophe, die sich in der Lokalen Gruppe anbahnte, erforderte die Anwesenheit des Quarterium-Marschalls.

Der Imperatore beobachtete seinen Gegenüber. Wieder drängte sich eine Erinnerung auf. Der König und sein Erster Ritter. Beide, er und Despair hätten ohne Weiteres im Spanien des 15. Jahrhunderts alter Zeitrechnung leben können. Alles passte genau!

Noch ein Glas Wein, Marschall?

Despair nickte. Er hatte, seit sie zusammen die Lage erörterten, sogar seinen Helm abgenommen. Nichts war mehr von seinen Deformierungen zu sehen. Der Imperatore wusste, auch das war ein Geschenk MODRORs. Der Kosmotarch konnte sehr großzügig sein, wenn es in seine Pläne passte.

Despair blickte ihn zweifelnd an. Es war ihm wohl bisher nicht gelungen, ihn zu überzeugen. Sein Blick fiel auf die Weinflasche. Ein wirklich guter Tropfen aus seinen privaten Lagen auf Siniestro. Seine Gedanken drohten abzuschweifen. Wie gerne würde er dieses trostlose Monster aus Thermoplast, Terkonid und diversen Metalllegierungen mit seinem Schloss Madrid tauschen. Diese militärischen Zweckbauten besaßen einfach keine Kultur.

Marschall, wir können die Invasion der Lokalen Gruppe jetzt nicht abbrechen. Glauben Sie mir, auch ich würde am Liebsten unsere gesamten Streitkräfte nach Cartwheel zurückziehen. Aber das können wir nicht mehr tun. Wenn wir uns jetzt zurückziehen, würde das als Schwäche ausgelegt werden. Im gesamten Reich erhebt die Hydra der Opposition ihre Giftmäuler. Noch sind wir in der Lage, diese Mäuler abzuschlagen. Wenn allerdings bekannt würde, dass wir in der Lokalen Gruppe gescheitert wären, dann hätten wir eine Massenerhebung gegen uns. Deshalb müssen wir Jenmuhs in seinem Wahn unterstützen, Andromeda zu erobern. Wir brauchen Erfolge und nochmals Erfolge, dann kann ich jede Kritik an unserer Politik als Verrat an der Menschheit brandmarken.

Der Silberne Ritter hatte das Weinglas abgesetzt und sich zurückgelehnt. Nachdenklich musterte er den Herrscher Cartwheels.

Gut, setzen wir alles auf eine Karte. Ich kann in ein bis zwei Tagen nochmals etwa 20 000 Schiffe zusammenziehen und sie in die Lokale Gruppe verlegen. Dann sind wir allerdings am Ende unserer Möglichkeiten. Ich werde mit der EL CID folgen und persönlich den Oberbefehl übernehmen.

Despair wollte sich erheben, doch eine Handbewegung des Imperatore hielt ihn zurück.

Ich halte das für eine schlechte Idee, Marschall. Lassen wir Jenmuhs völlig freie Hand. Wenn er wider Erwarten Erfolg hat, gut, wir vergrößern dann unseren Einflussbereich. Wenn es aber, womit ich letztendlich rechne, zur Katastrophe kommen würde, halten wir uns aus dem ganzen Schlamassel heraus. Wie ich unseren geschätzten Gos’Shekur kenne, wird seine Herrschaft weder für die Tefroder, noch vor allem für die Maahks sehr angenehm. Ich rechne damit, dass es zu systematischen Kriegsverbrechen kommen wird.

Der Silberne Ritter hatte sich inzwischen doch erhoben und ging nervös auf und ab.

An unseren Händen klebt immer mehr Blut, Don Philippe. Unsere Politik entspricht immer weniger dem Reich, das ich einmal schaffen wollte. Dieses sollte zwar ein Reich der Stärke, aber auch der Gerechtigkeit sein. Für dieses Ziel habe ich getötet. Aber alles, was davon übrig geblieben ist, ist Macht und Terror. Wir müssen …

Nein, Despair mein alter Freund, wir müssen jetzt gar nichts – nur abwarten und dafür sorgen, dass uns nichts nachgewiesen werden kann, das müssen wir. Sehen Sie, Marschall, Macht und Herrschaft musste immer mit Blut bezahlt werden. Das ist die Lehre, die ich aus meinem langen Leben gezogen habe. So war es schon zu den Zeiten meiner Jugend und so wird es auch in Zukunft sein. Die ganze Staatskunst besteht darin, in diesem Sumpf eine weiße Weste zu behalten. Lassen wir Jenmuhs und Konsorten in ihrem Wahn in ihr Verderben laufen, wir Marschall, wir waschen unsere Hände in Unschuld. Überlassen Sie alles mir, sie haben nur dafür zu sorgen, dass wir hier in Cartwheel die Kontrolle behalten. Überlassen wir Niesewitz die Drecksarbeit, offiziell wissen wir von nichts und distanzieren uns gegebenenfalls von allen bekannt gewordenen Verstößen gegen die Wesensrechte. Ich hoffe, dass sich meine Heirat mit Rosan Orbanashol dann auszahlt, wenn wir in Schwierigkeiten kommen.

Despair, der bisher dem Monolog des Imperatore stillschweigend zugehört hatte, verzog schmerzhaft sein Gesicht. Es war ohne weiteres erkennbar, dass die letzten Worte des Imperatore ihn tief getroffen hatten.

Don Philippe, ich … warum kann ich … warum …

Doch der Imperatore unterbrach seinen engsten Vertrauten.

Mein Freund, ich weiß genau, was Ihnen auf dem Herzen liegt. Ihr fragt Euch, warum ich dagegen war, dass meine Tochter Eure Gemahlin würde. Auch Brettany spielt in meinen Plänen eine gewichtige Rolle. Meine Ablehnung einer Verbindung mit Ihnen, Marschall, war nicht gegen Sie persönlich gerichtet. Im Gegenteil! Sie wissen, dass ich Sie als Mensch und als Freund schätze. Aber meine Tochter hat eine andere Aufgabe. Genau wie ich hat sie notfalls ihr persönliches Glück dem Reich zu opfern. Eine Verbindung mit Ihnen würde dem Quarterium keinen Vorteil bringen. Vielleicht gelingt es mir noch, die Liaison mit Rhodans Sohn wieder in Ordnung zu bringen. Eine Verbindung mit einem führenden Vertreter der Liga würde meine Pläne wesentlich erleichtern.

Despair erhob sich nun und antwortete:

Imperatore, manchmal bekomme ich richtig Angst vor Ihnen!

Dann wandte er sich ab und verließ das Arbeitszimmer Siniestros. Das Geständnis Siniestros hatte ihn mehr als geschockt, er war regelrecht paralysiert und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Er hatte geglaubt, dass der Herrscher Cartwheels seine Kinder über alles liebte und er alles für sie tun würde. Dass diese auch nichts weiter als Schachfiguren für ihn waren, schockierte ihn zutiefst. So bekam er auch nicht mehr mit, wie der Imperatore vor sich hinmurmelte: Ich auch, glauben Sie mir Despair, ich auch!

Danach verfasste er einige persönliche Depeschen, die die Zerschlagung jeder Opposition in Cartwheel anordneten. Die Häscherkommandos der C.I.P durchkämmten jeden Planeten, unzählige wirkliche oder auch nur vermeintliche Gegner traten den Weg nach Koshan an, wo sie, wenn sie das Entsorgungslager überhaupt lebend erreichten, körperlich und seelisch gebrochen wurden. Doch dies ist eine Geschichte, die an anderer Stelle erzählt werden muss.

Spinne im Netz – oder wer betrügt wen?

Zur gleichen Zeit saß der Chef der gefürchteten Geheimpolizei im Zentrum seines Spinnennetzes und organisierte den Terror. Soeben hatte ihn die Depesche des Imperatore erreicht, mit der dieser ihm völlige Freiheit bei der Zerschlagung jeder Opposition gegeben hatte. Siniestro hatte alle Rücksichten fallen gelassen. Doch der kleine, oft total unterschätzte alte Mann wäre nicht durch die Schule einer ideologischen Terrororganisation ohne Gleichen gegangen, wenn er sich nicht rückversichert hätte. Das war in seiner Jugend die Garantie gewesen, nicht zwischen die Mühlsteine der persönlichen Intrigen jedweder Gesinnungsgenossen zu geraten und genau nach dieser Prämisse verhielt er sich auch jetzt. Für ihn bedeutete das, dass von jedem komprimierenden Schriftstück, von jedem Befehl eine Kopie auf hauchdünner, hitze- und säureresistenter Papierfolie existierte.

Einige Stunden später

Niesewitz überlegte, ob er nicht auf Tombstone, seinem persönlichen Refugium, untertauchen sollte. Der angekündigte Besuch der Tochter des Imperatore war ihm zutiefst zuwider. Doch er wusste, dass das einem persönlichen Eklat gegen die offizielle Außenministerin des Quarteriums gleichkommen würde, der im Moment nicht seinen Interessen entsprach. Deshalb blieb ihm nichts anderes übrig, als die Giftschlange zu empfangen.

Ein Blick auf den virtuellen Grundriss der C.I.P-Operationszentrale innerhalb des Holoquaders kündigte seinen ungebetenen Besuch an. Stephanie de la Siniestro schritt mit der Selbstverständlichkeit einer geborenen Aristokratin durch das Empfangsbüro. Die in der Zentrale arbeitenden Agentinnen und Agenten schienen keinerlei Bedeutung für sie zu haben. Wenig später erreichte sie den Schleusengang, der in sein Allerheiligstes führte. Niesewitz kochte innerlich. Rasch nahm er einige Schaltungen vor. Die virtuelle Gestalt Stephanies verlor plötzlich sämtliche Kleidungsstücke. Mit einem üblen Grinsen speicherte Niesewitz die erhaltenen Rohdaten als Avatar. Durch eine weitere Schaltung verschwand das komprimierende Abbild der Tochter des Imperatore wieder aus dem Quader und wurde durch die normale Gestalt ersetzt. Wenig später betrat die Prinzessin sein Refugium.

Ohne ein Wort des Grußes nahm sie sich einen Sessel und setzte sich dem Chef der C.I.P gegenüber.

Das war wohl Dilettantismus in höchster Vollendung. Ich mache Sie und ihre unfähigen Agentinnen für das Scheitern meiner Pläne persönlich verantwortlich. Und der Gipfel des ganzen Fiaskos ist, dass dieser Martyn Hubba, dieses Musterbeispiel eines sabbernden Idioten, auch noch versucht, mich zu erpressen. Ich …

Bevor die Tochter Siniestros weiterreden konnte, unterbrach sie Niesewitz.

Das ist zwar äußerst betrüblich, Prinzessin, aber wie genau könnte ich Ihnen helfen?

Bei diesem Einwurf verzerrte sich das hübsche Gesicht der Lieblingstochter des Imperatore zu einer Grimasse bloßen Hasses. Wütend erhob sie sich und stach mit ihrem Zeigefinger mehrmals in Richtung des alten Terraners.

Hör zu, Niesewitz! Du wirst mir diesen Idioten, diesen impertinenten Hohlkopf, vom Halse schaffen, für immer, auf Nimmerwiedersehen, haben wir uns verstanden? Und seine minderbemittelten Söhne verschwinden bei dieser Gelegenheit gleich mit.

Niesewitz hatte sich bei den Worten genüsslich zurückgelegt. Doch sein überlegenes Grinsen verschwand sehr schnell, als sie sich nach vorne beugte und fortfuhr:

Lass das blöde Grinsen! Wenn irgendetwas zu Ohren meines Vaters gelangt, bist du genauso dran wie ich. Im Gegenteil, ich werde ihm gegenüber dich als den eigentlich Schuldigen bezeichnen, der mich, aus Sorge um das Wohl Cartwheels natürlich, faktisch verführt hat. Und glaube mir, ich kann da sehr überzeugend sein. Ich verlange, dass die Beseitigung dieser arkonidischen Schlampe samt ihrer terranischen Freundin von der C.I.P geplant und durchgeführt wird. Danach müssen noch Hubba und seine Kretins beseitigt werden.

Niesewitz war bei diesen Worten ganz bleich geworden. Ihm war klar, dass es für Stephanie kein Problem sein dürfte, aus der Beteiligung der beiden Zubarov-Schwestern eine Querverbindung zu ihm zu ziehen. Dieses aristokratische Miststück fiel immer wieder auf ihre in hochhackigen Pumps steckenden Füße und er, er saß mal wieder in der Scheiße und musste nach ihrer Pfeife tanzen.

Ist gut, ich habe genau verstanden! Aber ich brauche Zeit, um einen vernünftigen Plan auszuarbeiten.

Stephanie lächelte überheblich.

Gut, dann hat der Plan hoffentlich Hand und Fuß. Ich gebe dir genau drei Wochen, um alles auszuarbeiten und, darauf bestehe ich, nicht vergessen, auch Hubba und seine Brut beißen ins Gras.

Niesewitz nickte geflissentlich, obwohl er diesem Miststück am Liebsten den Hals umgedreht hätte. Sie erhob sich und verließ die private Operationszentrale. Vor dem Türschott drehte sie sich noch einmal um und bemerkte:

Ist übrigens unser frischgebackener General-Kommandeur auch auf Paxus?

Niesewitz war über den Themenwechsel so überrascht, dass er geistesabwesend nickte, was von Stephanie mit einem triumphierenden Lächeln quittiert wurde.

Das trifft sich ja gut. Ich erwarte dann General-Kommandeur Trybwater in genau, bei diesen Worten schaute sie auf ihr luxuriöses Armband-Minikom, 25 Minuten in meiner Suite zu einer eingehenden Dienstbesprechung. Und glauben Sie mir, Niesewitz, es wäre besser für ihn und für Sie, wenn er diesen Termin einhält.

Mit diesen Worten schloss sie das Schott endgültig. Fluchend stellte Niesewitz eine Verbindung zu Trybwater her.

Der Herrscher Cartwheels schaute der Gestalt, die sich verstohlen aus seinem Arbeitszimmer schlich, befriedigt nach. Endlich war es ihm gelungen, die Türe zu den Geheimnissen der C.I.P weit aufzustoßen. Seine jahrelangen Bemühungen waren erfolgreich gewesen, er hatte einen Spion in der obersten Führungsebene des Geheimdienstes anwerben können. Auch Niesewitz war nicht frei von Fehlern, er hätte es wissen müssen, dass es mit der Loyalität eines degradierten Offiziers nicht gerade zum Besten gestellt war. Zu seiner Zeit hatte man solche Probleme meistens mit einem entsprechenden Auftrag an einen Meuchelmörder erledigt. Niesewitz hatte wohl geglaubt, dass General-Kommandeur Toffting Rudloff es hinnehmen würde, dass ihm in Person Trybwaters ein Vorgesetzter vor die Nase gesetzt wurde, sofern er seinen Rang behalten würde. Für ihn war es ein Glücksfall gewesen, dass dieser sofort nach seiner Degradierung zu ihm gekommen war und ihm seine Dienste angeboten hatte. Ein Ansinnen, auf das er gerne einging, da es ihn, außer einigen vagen Versprechungen, auch nichts gekostet hatte. Für die Zusicherung, ihn nach der Zerschlagung der C.I.P mit dem Neuaufbau des Geheimdienstes zu beauftragen, hatte Rudloff ihm die Zugangscodes zu den Datenbanken geliefert. Mehr noch, Rudloff hatte sich bereit erklärt, einige ihn schwer belastende Dokumente nachträglich umzuschreiben oder zu löschen und so die weiße Weste des Imperatore zu bewahren.

Sollten irgendwelche Spezialisten der LFT oder anderer galaktischen Organisation jemals die Datenbanken der C.I.P auswerten, so würden ihnen immer wieder Niesewitz und Jenmuhs als die wahren Schuldigen der ABR präsentiert werden. Er und seine Kinder konnten ihre Hände in Unschuld waschen, alles geschah ohne ihr Wissen oder sogar gegen seine ausdrücklichen Anordnungen.

Mit einem zufriedenen Lachen schaltete er die Sicherheitssysteme seiner privaten Räume auf den Ruhelevel, nur wer in Besitz spezieller Zugangscodes war, konnte ihn jetzt noch stören.

Bist du mit den speziellen Programmfragmenten fertig geworden, Diabolo?, fragte er den humanoiden Posbi, der längst zu etwas Ähnlichem wie seinem persönlichen Vertrauten geworden war.

Der Angesprochene überreichte dem Imperatore einen Speicherkristall und antwortete:

Alles fertig, diese kleinen Programme, man könnte sie auch als Viren bezeichnen, warten nur darauf, von Ihnen aktiviert zu werden, mein Imperatore. Niemand kann dann anzweifeln, dass Sie immer nur das Beste für die Menschheit gewollt haben!

Werner Niesewitz schreckte aus dem leichten Schlaf hoch und bemerkte, dass der Kleintransmitter, der einen geheimen Zugang des Inneren Kreises zu seinen Räumen bildete, aktiviert worden war. Zwischen den Abstrahlpolen hatte sich ein Energiekäfig gebildet, der jedoch für jeden unbefugten Eindringling zu einer tödlichen Falle werden konnte. Mit einem raschen Blick auf die Konsolensteuerung erkannte er den Zugangscode von Trybwater, was angesichts der fortgeschrittenen Uhrzeit auch stimmen konnte. Die Tochter des Imperatore verbrachte nie eine ganze Nacht mit ihren jeweiligen Bettgespielen, sondern warf diese irgendwann vor Morgengrauen aus ihrer Suite. Doch für Niesewitz war Vorsicht zu seiner zweiten Natur geworden, er traute Nichts und niemanden. Durch einen weiteren Befehl löste er einen Abtastvorgang aus, der einen winzigen biosynthetischen Chip identifizierte, der jedem Mitglied des Inneren Kreises ohne deren Wissen, implantiert worden war. Auch diese Identifikation war positiv. Trybwater war Trybwater!

Guten Morgen Reynar, hast du eine angenehme Nacht gehabt?

Der Angesprochene ließ sich in einen Sessel fallen und antwortete:

Diese Schlampe ist für einen Mann zu viel, irgendwann drehe ich ihr den Hals um!

Niesewitz lachte und meinte: Gemach Reynar, gemach. Bald kommt unsere Zeit und dann …

Kapitel 2
Ein Volk erwacht

Es ist lange her, dass sich die menschliche Phantasie die Hölle ausgemalt hat, aber erst durch ihre jüngst erworbenen Fertigkeiten ist sie in die Lage versetzt worden, ihre einstigen Vorstellungen zu verwirklichen.

Bertrand Russell

Die Arroganz der Sieger

Uwahn Jenmuhs hatte den Palast der Morgenröte auf der Regierungsinsel vor Vircho kurzerhand zu seinem vorläufigen Amtssitz erklärt und auch die umliegenden tefrodischen Regierungsgebäude im Namen des Quarteriums beschlagnahmt. Die mächtigen Supremo-A- und -B-Schlachtschiffe, die auf dem Raumhafen von Vircho gelandet waren, unterbanden allein durch ihre Anwesenheit jeden Gedanken an Widerstand.

Unmittelbar nach der Ankunft des Quarteriumsfürsten begannen Spezialeinheiten, die Verwaltung des Planeten zu übernehmen. Jenmuhs war dabei vor allem an den umfangreichen Werftanlagen interessiert, die sich auf den Kontinenten Contal und Yaratil befanden. Der neu ernannte Quarteriumsprotektor hatte für den nächsten Tag einen Empfang für die tefrodische Elite im Palast der Morgenröte und eine Ansprache über das planetare Trivid-System angekündigt, die auf alle Planeten des Neuen Tamaniums übertragen werden sollte.

Auf Vircho und den größeren Städten Tefrods war das öffentliche Leben weitgehend zum Stillstand gekommen, denn die neue quarteriale Führung hatte eine Ausgangssperre über den Planeten verhängt. Nur wer in den Raumschiffswerften beschäftigt war, durfte seiner bisherigen Tätigkeit weiter nachgehen. Die neu eingesetzte quarteriale Verwaltung plante, zuerst Tefrod und dann die wichtigsten Welten des Tamaniums in einem Gewaltakt auf Kriegswirtschaft umzustellen und zu Zulieferungs- und Werftplaneten für die quarteriale Invasionsflotte der Lokalen Gruppe zu machen. Von Pearl ausgehend sollten die von den Nachkommen der Lemurer bewohnten Planeten Andromedas systematisch ausgeplündert werden, um die immensen Nachschubprobleme zu lösen. Ziel sollte sein, den gesamten Nachschub aus Cartwheel über das Sternentor überflüssig zu machen.

Vircho, 28.06.1307 NGZ, früher Abend

Der Palast der Morgenröte war weiträumig abgeriegelt. Jenmuhs hatte eine der Eliteeinheiten des arkonidischen Heeres aufgeboten, um das Terrain um den Regierungssitz des Virth zu sichern. Die 20. Shift-Landedivision der II. Quarterialen Armee, die sich selbst in Gedenken an die Eroberung des Kreit-Systems den Ehrennamen Tooargh'Taion gegeben hatte, bestand ausschließlich aus Arkoniden. Diese Division stellte Jenmuhs ganzer Stolz dar und war selbst innerhalb der quarterialen Armee wegen ihrer Brutalität berüchtigt. Die Angehörigen waren ursprünglich aus den Slums der Welten des Huhany’Tussan rekrutiert und entsprechend konditioniert worden. Sie waren dem Gos’Shekur treu ergeben und hatten geschworen, für die Ehre des Kristallkönigs in den Tod zu gehen.

Uwahn Jenmuhs erwartete die Führung der quarterialen Flotte zu einem Arbeitsessen im Vohrata-Saal des Palastes, um die weitere Politik in Andromeda und der Lokalen Gruppe festzulegen. Außerdem hatte er den Virth als Vertreter des Neuen Tamaniums offiziell vorgeladen. Im Laufe des späten Nachmittages wurde die Ankunft von Orlando de la Siniestro, Alcanar Benington, Red Sizemore und Mandor da Rohn gemeldet.

Im Laufe der Besprechungen machte Jenmuhs das Oberkommando Lokale Gruppe mit seiner Absicht bekannt, ganz Andromeda als Protektorat in das Quarterium einzugliedern und als Ausgangsbasis gegen die Milchstraße zu nutzen. Die Tefroder sollten zunächst als Zwangsarbeiter in das System eingegliedert werden. Nach einer Konsolidierungsphase war geplant, besonders ausgewählte und konditionierte Angehörige der Menschheit Andromedas auch als Kampftruppen einzusetzen.

Sizemore und vor allem Orlando de la Siniestro widersprachen den Plänen des Quarteriumsfürsten aufs Schärfste, vor allem als Jenmuhs noch seine Absicht bekannt gab, die Maahks als raumfahrendes Volk für immer auszuschalten. Doch der Arkonide war uneinsichtig und bekräftigte seine Absicht, die ABR in Andromeda gegenüber den Methanatmern zu forcieren. Gegen Abend, nach Eintreffen des Virth, kam es zum Eklat, als er von diesem forderte, am morgigen Tag offiziell zu erklären, dass das Neue Tamanium sich unter den Schutz der Quarteriums stellen würde. Der Virth lehnte dieses Ultimatum empört ab und wurde von Angehörigen der 20. Shift-Landedivision verhaftet.

Orlando und Sizemore verließen daraufhin unter Protest das Arbeitsessen, während sich Benington wieder in Lobeshymnen auf die Genialität des fetten Arkoniden ergab.

Vircho, 29.06.1307 NGZ, gegen Mittag

Pünktlich zu der am Mittag üblichen Nachrichtensendezeit erschien Uwahn Jenmuhs in seiner Eigenschaft als Quarteriumsprotektor auf allen Kanälen Tefrods. Zuvor wurde in einer Propagandasendung der psychologischen Abteilung der C.I.P die Person des Quarteriumsfürsten als genialer Führer der neuen Menschheit gefeiert. Die Ansprache wurde über Relaisstationen auf alle Welten des Tamaniums zeitgleich übertragen.

Die Ansprache des Potentaten wurde wieder aus dem Vohrata-Saal übertragen, der zu diesem Zweck in ein komplettes Trividstudio verwandelt wurde. Jenmuhs hatte in einer Fantasieuniform hinter einem pompösen Arbeitstisch Platz genommen und begann seine Ansprache an die neuen Untertanen.

Meine lieben tefrodischen Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Ich stehe hier vor Ihnen gleichzeitig als ein Erbe des 87. Tamaniums und als ein Führer des Reiches der Vier der fernen Galaxie Cartwheel. Dort haben wir alles Trennende überwunden, dort wird aus den menschlichen Teilreichen die Wiedergeburt des lemurischen Großreiches eingeleitet. Leider sehen nicht alle Herrscher der menschlichen Teilreiche die Notwendigkeit der Einigung. Aus egoistischen Gründen sind sie nicht bereit, ihre selbstsüchtigen Ziele dem Wohle des Ganzen unterzuordnen. Deshalb hat die LFT unter ihrem Herrscher Rhodan dem Reich der Vier, das wir Quarterium nennen, den Krieg erklärt. Deshalb greifen diese Terroristen friedliche Transportschiffe an.

Wir brauchen die Hilfe jedes Menschen, der den Traum einer geeinten Menschheit, eines Reiches aller lemurischen Menschen, mit uns gemeinsam träumt. Deshalb bitte ich die Bevölkerung der tefrodischen Welten mit uns ein einiges Reich der Menschheit aufzubauen, ein Reich, das an Größe und Macht selbst das alte Tamanium der Ersten Menschheit in den Schatten stellen wird. Ich biete Ihnen hier und heute an, werden Sie Teil der großen Einigungsbewegung zu werden! Unterstellen Sie sich der Herrschaft des neuen Reiches der geeinten Menschheit. Wir werden jeden in unseren Reihen willkommen heißen, der bereit ist, sich und seine Zukunft in das große Werk einzubringen.

Aber ‑ und auch das sage ich Ihnen ohne jede Beschönigung ‑ jeder, der meint, seine egoistischen Interessen weiter verfolgen zu müssen, der sich nicht dem großen Ziel einer geeinten Menschheit unterordnen will, werden wir ohne Erbarmen zerschmettern. Für die Feinde der Menschheit ist kein Platz mehr unter dem Schirm der Menschheit.

Wir werden die Menschheit wieder zu alter Höhe und Macht führen, aber auf fremde, nichtmenschliche Interessen werden wir jedoch keinerlei Rücksicht nehmen. Die gegenwärtige Führung des Neuen Tamaniums hat sich geweigert, mit uns zusammenzuarbeiten. Deshalb musste ich schweren Herzens den Befehl erteilen, den Virth in Schutzhaft zu nehmen, um einem Verrat an den Interessen der Menschheit vorzubeugen. Für Sie, als die neuen Untertanen des Quarteriums, besteht keine Gefahr. Bleiben Sie im Moment zu Hause und befolgen Sie die Anweisungen der neu gebildeten quarterialen Verwaltungsbehörden.

Gestatten Sie mir zum Abschluss noch ein letztes Wort an die nichtmenschlichen Mächte, die in maßlosem Größenwahn noch immer meinen, dass sie die elementaren menschlichen Interessen mit Füßen, oder was sie sonst an Gliedmaßen besitzen, treten zu können. Eure Stunde hat geschlagen. Wie vor Jahrzehntausenden unsere Vorfahren, so werden wir über euch, eure Planeten und Reiche kommen. Wir werden eure Sternenreiche zerschmettern und eure Planeten ausräuchern. Wo der Mensch lebt, habt ihr keine Existenzberechtigung. Ich biete den wesensfremden Kreaturen der Nichtsauerstoffatmer die einmalige Chance, ihre der Natur widersprechende Existenz zu retten, indem sie ihre Stützpunktwelten der Flotte des Quarteriums übergeben. Innerhalb eines Monats von heute an müssen diese Kreaturen die Lokale Gruppe verlassen haben, andernfalls werden wir sie mit Stumpf und Stil ausrotten. Alle Sauerstoff atmenden Kreaturen haben sich auf ihre Welten zurückzuziehen und jede Raumfahrt einzustellen. Quarteriale Inspektoren werden über die Eignung dieser Kreaturen urteilen, dem zukünftigen Reich der Menschheit dienlich zu sein. Jeder Widerstand gegen diese Anordnungen wird durch die Streitkräfte des Quarteriums erbarmungslos gebrochen und der entsprechende Planet vernichtet werden.

Hiermit möchte ich meine Ansprache an Sie, meine lieben tefrodischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, schließen, machen Sie sich keine Sorgen. Wir, das Quarterium, sind der Garant für eine glorreiche Zukunft der Menschheit. Werden Sie Teil der lemurischen Volksgemeinschaft in Cartwheel und der Lokalen Gruppe! Helfen Sie, unser aller Heimat, den Ursprung der Menschheit, von den Volksverrätern und bezahlten Söldnern der nichtmenschlichen Kreaturen zu säubern!

Für ein Reich der Menschheit, für ein geeinigtes lemurisches Volk!

Orlando de la Siniestro, Red Sizemore und Mandor da Rohn verfolgten die Rede des Quarteriumsfürsten in einem Nebenraum per Trivid. Benington war im Vohrata-Saal geblieben, wohl um seinem Idol Jenmuhs zuzujubeln. Während der Rede reichten die Reaktionen der hohen Militärführer von Unverständnis bis zu Besorgnis. Es war vor allem der Sohn des Imperatore, der mit einer immer stärkeren Empörung auf die Ausfälle Jenmuhs gegen die nichtmenschlichen Wesen reagierte. Sizemore und da Rohn hatten alle Mühe, ihn einigermaßen zu beruhigen.

Geister der Vergangenheit
I: Der Traum

Es war Alcanar Benington, der den neuen Quarteriumsprotektor schließlich auf das Erbe der Meister der Insel hinwies. Jenmuhs war sofort fasziniert und erteilte den Auftrag, dass seine Truppen Informationen über die früheren Herrscher Andromedas sammeln sollten. Seine besondere Aufmerksamkeit galt dabei den Multiduplikatoren, denn er erkannte sofort die Möglichkeiten, die die Duplizierung von Material und Mannschaften bot. Aus den C.I.P-Einsatztruppen wurden kleine Spürkommandos gebildet, deren Aufgabe es war, alle Überbleibsel aus der Zeit der MdI zu ermitteln und gegebenenfalls zu beschlagnahmen.

Diese Einsatztruppen gingen mit äußerster Brutalität und ohne jede Rücksicht auf lokale Tabus vor. Dabei kam es immer wieder zu Übergriffen auf die tefrodische Bevölkerung. Jenmuhs selbst versuchte von der tefrodischen Führung, vor allem dem Virth, Informationen zu erhalten. Vergebens! Tamrat Otarin weigerte sich, irgendwelche Informationen über die MdI weiterzugeben. Die übrigen Mitglieder der tefrodischen Regierung verhielten sich ähnlich. Jenmuhs kochte innerlich, wollte jedoch in der gegenwärtigen Situation noch keine Zwangsmittel gegenüber der tefrodischen Führung einsetzen.

II: Die Volksseele

Jenmuhs Rede bewirkte das genaue Gegenteil dessen, was der Arkonide beabsichtigt hatte. Überall auf der Hauptwelt der Tefroder entstanden spontane Kundgebungen der Bevölkerung, die die Unabhängigkeit des Tamaniums und Friede mit den Maahks und anderen nichtmenschlichen Rassen Andromedas forderten.

Die Protestbewegung griff innerhalb weniger Stunden auf andere Welten des Tamaniums über. Die planetaren Verwaltungen und Provinzregierungen weigerten sich, mit den Besatzungsorganen des Quarteriums zusammenzuarbeiten. Lokale Polizeieinheiten stellten sich den planetaren Regierungen zur Verfügung und bildeten die Keimzellen von Volksarmeen. Überall wurden alte Waffenbestände an Freiwillige verteilt – ein Volk machte sich bereit, seine Freiheit und Unabhängigkeit zu verteidigen.

Jenmuhs und die quarteriale Flottenführung wurden von dieser Entwicklung völlig überrascht. Der Quarteriumsfürst hatte gehofft, alte Ängste und Vorurteile gegen die Maahks benutzen zu können, um die Tefroder im Sinne des Quarteriums zu manipulieren. Doch genau das Gegenteil schien nun einzutreten. Die Arroganz, mit der der Gos’Shekur die Tefroder in das Quarterium eingegliedert hatte und die Ausschreitungen der C.I.P-Einsatzgruppen schmiedeten innerhalb kürzester Zeit aus den niedergeschlagenen und hoffnungslosen ehemaligen Zentrumswächtern der MdI wieder ein einiges Volk, das zum Widerstand entschlossen war.

III: Die Auseinandersetzung

Der 30. Juni 1307 sollte zu einem Wendepunkt in den Beziehungen zwischen den einzelnen Mitgliedern der quarterialen Führung werden. Uwahn Jenmuhs, als Oberkommandierender der gesamten Operation, hatte für 11:00 Uhr die Befehlshaber der einzelnen Flotten und die Stabsoffiziere wieder in den Vohrata-Saal des Palastes der Morgenröte geladen. Wie gewohnt verband der Quarteriumsfürst die Gelegenheit der Sitzung mit einem ausgiebigen Gelage. Anwesend waren der Oberbefehlshaber der terranischen Flotte, Orlando de la Siniestro, mit seinen kommandierenden Generälen Red Sizemore und Alcanar Benington. Die arkonidische Flotte wurde durch die Admirale Jasor da Isaak und Terz da Eskor, sowie Generalmarschall Toran Ebur vertreten, während das Oberkommando Cartwheel durch General Mandor da Rohn vertreten wurde. Es war also fast alles anwesend, was Rang und Namen hatte.

Ich begrüße Sie als die Vertreter der glorreichen Waffengattungen unserer Heimat. Besonders freue ich mich, dass die Generalmarschälle Toran Ebur und Morlan Tonkvar endlich aus M 87 zurückgekehrt sind und ihr Kommando über unsere vereinigten Bodentruppen antreten können.

Jenmuhs machte eine kurze Pause, die er dazu nutzte, in eine Geflügelkeule zu beißen. Nachdem er mit einem kräftigen Schluck Rotwein nachgespült hatte, fuhr er fort:

In der jetzigen Situation haben wir eine schwerwiegende Entscheidung für Cartwheel zu treffen. Ursprünglich sahen unsere Planungen vor, Andromeda nur als Zwischenstation auf dem Weg zur Milchstraße zu betrachten und vorübergehend als Versorgungsbasis zu nutzen. Diese Planung ist leider hinfällig geworden. Auf der einen Seite wird das Huhany’Tussan uns nicht aktiv unterstützen und auf der anderen Seite sind die Posbis an der Seite der LFT in den Krieg eingetreten.

Jenmuhs machte wieder eine Pause, um in die Keule zu beißen. Hastig spülte er mit dem Rotwein nach, wobei er sich jedoch verschluckte. Durch den dadurch ausgelösten Hustenanfall verteilte er die Keule samt Rotwein quer über den Besprechungsraum. Mit einem Grunzen wischte er sich über das verschmutzte Gesicht.

Zarakh Lakhros, dafür wird mir dieser terranische Barbar bezahlen.

Ein Bediensteter hatte inzwischen, blumige Komplimente murmelnd, ein großes Becken vor den Gos’Shekur gestellt und begann ihn umständlich zu säubern. Nach einigen Minuten schien er zufrieden zu sein und mit tiefen Verbeugungen zog er sich samt Becken wieder zurück.

Nachdem sich die Runde wieder beruhigt hatte, fragte Orlando:

Gos’Shekur, was bedeutet das nun für unsere Kriegsziele?

Um auf meine vorhergehenden Ausführungen zurückzukommen, haben wir nun zwei Optionen, antwortete Jenmuhs. Entweder setzen wir alles auf eine Karte, ich meine damit, dass wir mit allen Schiffen, die uns zur Verfügung stehen, direkt Terra angreifen, oder wir stellen uns auf eine längere Auseinandersetzung ein. Dann brauchen wir eine Basis, von der aus wir operieren können und die unsere Nachschubprobleme löst. In Anbetracht der geänderten Lage schließe ich einen direkten Angriff auf Terra aus, denn das Risiko durch den Kriegseintritt der Posbis ist einfach zu groß.

Jenmuhs machte wieder eine Pause, diesmal jedoch nahm er nur einen Schluck Rotwein.

Diese Gelegenheit nutzte Alcanar Benington, um sich in den Vordergrund zu spielen.

Mein Fürst, darf ich vorschlagen, dass wir zunächst Andromeda erobern und dem Quarterium als Provinz eingliedern? Mit den Ressourcen, die uns dann zur Verfügung stehen werden, dürften wir keine Probleme haben, die LFT endgültig niederzuwerfen. Die Verräter an der lemurischen Rasse, die auf Terra die Macht an sich gerissen haben, werden unter Ihrer Führung, erhabener Gos’Shekur, endgültig geschlagen werden.

Jenmuhs nickte bei den Worten Beningtons wohlwollend. Es war ihm anzusehen, dass er sich geschmeichelt fühlte. Doch bevor er sich äußern konnte, widersprach Orlando mit hochrotem Kopf.

Ich halte das für reine Hirngespinste. Unsere Flotten stehen in den Estartischen Galaxien und M 87 im Dauereinsatz. Wir haben keinerlei Reserven mehr. In dieser Situation sollen wir noch eine weitere Galaxis erobern? Ich glaube General Benington hat den Sinn für die militärischen Realitäten verloren. Ich bin ...

Weiter kam er jedoch nicht. Jenmuhs war aufgesprungen und schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch. In diesem Moment trat Toran Ebur zu seinem Oberbefehlshaber und deutete kommentarlos auf die Projektionswand des Trivid-Systems. Unwillig folgte Jenmuhs Blick der ausgestreckten Hand seines Generals und erbleichte.

Das, … das ist un… ungeh… ungeheuerlich. Ein… eine Beleidigung jedes aufrechten Cartwheelers, stotterte er.

Bei diesen Worten wandten sich alle der Tivid-Projektionswand zu. Auf dem Holoschirm war ein Bericht über eine größere Demonstration im Zentrum Virchos zu sehen. Einige schwarz vermummte Gestalten waren gerade dabei, die Fahne Cartwheels zu verbrennen. Gleichzeitig zog eine andere Gruppe eine Puppe, die ohne Probleme als Jenmuhs identifiziert werden konnte, an einem improvisierten Galgen nach oben. Dazu skandierte die Menge Parolen wie Nieder mit Cartwheel, Freiheit für Andromeda oder Kein Krieg mit den Maahks.

General Tonkvar, ist die XX. Shifteingreifdivision einsatzbereit?

Das ist sie, Gos’Shekur! Wir warten auf Ihre Befehle.

Bringen Sie diesem Pack die Furcht vor dem Herrn bei! Sie haben völlig freie Hand. Sorgen Sie dafür, dass dieses Gesindel für immer verschwindet.

Orlando hatte die Anweisungen von Jenmuhs mit wachsendem Entsetzen verfolgt. Ihm war klar, was der Einsatzbefehl an Tonkvar für die Tefroder bedeutete.

Exzellenz, ich halte diese Reaktion auf solche Kindereien für weit überzogen.

Überzogen, Admiral Siniestro? Sie nennen meine Reaktion auf die Beleidigung der Ehre Cartwheels und die Verhöhnung meiner Person überzogen? Sie bewegen sich auf einem schmalen Grat, Admiral. Man könnte an Ihrer Loyalität zum Quarterium und zu Ihrem Vater zweifeln, und das wäre Hochverrat! Seien Sie vorsichtig, Admiral Siniestro, sehr vorsichtig!

Anschließend erteilte Jenmuhs die Anweisung, dass die Flotte geteilt werden sollte. Orlando sollte sich bewähren und mit 70 000 Schiffen Andromeda erobern und vor allem die Raumflotten der Maahks vernichten. Mit den restlichen 50 000 Schiffen wollte Jenmuhs persönlich Rhodan und die Reste der 8. Terranischen Flotte jagen und stellen.

Auf Tefrod blieb ein relativ kleines Kommando mit der XX. Shifteingreifdivision unter Generalmarschall Tonkvar zurück, der den aufkeimenden tefrodischen Widerstand niederschlagen sollte.

Hilfe aus der Vergangenheit

Die Entwicklung auf Tefrod waren nicht unbeobachtet geblieben. Auf dem 5. Planeten des Systems verfolgten Aurec und Cascal die Ereignisse. Die unbekannte Supertechnik, deren Herkunft nach wie vor ungeklärt war, machte es möglich. Inzwischen hatte der Zentralrechner die Station aktiviert. Aurec und Cascal hatten in den vergangenen Tagen versucht, die Station zu erforschen und vor allem Näheres über deren Ursprung herauszubekommen. Doch genau in diesem Punkt endete die Bereitschaft des Zentralrechners zur Zusammenarbeit. Obwohl Aurec nach wie vor als weisungsberechtigt anerkannt war, wurden alle Fragen nach den unbekannten Erbauern und dem Verhältnis zu den Meistern der Insel ignoriert. Selbst der Typ des Stationsrechners stellte ein Rätsel dar. Dr. Marky Laangmuuk, der wissenschaftliche Offizier der DERINGHOUSE, bezeichnete ihn als Impotronik, konnte aber über die genaue Funktionsweise keine Angaben machen. Nur eines war klar, dass der Rechner im Leistungsvermögen einer Syntronik entsprach. Auch ein weiterer eklatanter Widerspruch zu allem, was bisher über die MdI bekannt war.

Schweren Herzens waren Aurec und Cascal daraufhin übereingekommen, der unbekannten Technik einfach zu vertrauen. Sie hatten auch keine andere Wahl. Cascal hatte noch einen schwerwiegenden Zwischenfall inszeniert, als er verlangte, mit Shara Otarin, der verschwundenen Tochter des Virth, zu sprechen. Der Zentralrechner hatte ihn daraufhin durch zwei Roboter aus der Zentrale werfen lassen. Als Aurec ebenfalls Aufklärung forderte, gab er schließlich an, dass es Shara gut gehe und sie auf das Erbe vorbereitet werden müsse. Alle weitergehenden Fragen wurden jedoch wieder nicht beantwortet.

Aurec ging unruhig in der Zentrale der alten MdI-Station auf und ab. Joak Cascal beobachtete missmutig die Holoprojektion, die die Lage auf Vircho zeigte. Auch nach Jahrtausenden funktionierte die Technik noch einwandfrei. Der Zentralrechner war in der Lage, Informationen aus ganz Andromeda zu liefern. Es war unglaublich, über welche Möglichkeiten die alte Station verfügte.

Wir müssen etwas unternehmen, Joak. Wenn wir nur hier herumsitzen, wird die Lage nicht besser.

In diesem Moment meldete sich wieder die Impotronik über eine Konsole.

Es besteht die Möglichkeit, jederzeit über den Situationstransmitter nach Tefrod und zurück zu gelangen.

Aurec schaute auf.

Habe ich das richtig verstanden, über den Situationstransmitter können wir jederzeit nach Vircho wechseln?

Natürlich, die Leistungsfähigkeit des Transmittersystems reicht aus, um selbst mehrere Kreuzer zu versetzen.

Jetzt mischte sich Joak Cascal ein.

Dann stellen wir zuerst ein Einsatzkommando zusammen und befreien den Virth.

Die Lageberichte von der Hauptwelt der Tefroder zeigten, dass im Moment der richtige Augenblick gekommen war, um zuzuschlagen. Jenmuhs schien sich seiner Sache sicher zu sein und hatte anscheinend nur eine kleine Besatzungsmacht zurückgelassen.

Aurec und Joak Cascal waren mit einem kleinen Einsatzkommando der Freyt-Kompanie durch den Situationstransmitter auf Tefrod abgesetzt worden. Remus Scorbit und Will Dean waren auf dem fünften Planeten zurückgeblieben und sollten später mit dem Rest der Truppe folgen. Aurec wollte zuerst den Virth befreien und dann Verbindung mit dem tefrodischen Widerstand aufnehmen. Dank der Technik der alten MdI-Station waren sie über die Örtlichkeiten genau informiert.

Leise, die brauchen es noch nicht zu merken, dass wir hier sind.

Joak Cascal hob die Hand und ließ den 3. Zug sich verteilen. Die Frauen und Männer der Einsatztruppe verschwanden im Gelände und wurden durch die eingeschalteten Deflektorschirme der schweren Kampf-SERUNs unsichtbar. Auch die 15 MODULA-Roboter tarnten sich. Wenig später ließ sich Aurec neben dem Terraner nieder.

Vor ihnen lag ein ehemaliges Hochsicherheitsgefängnis, in dem die MdI ihre Gefangenen verhört und wohl auch umgebracht hatten. Aurec war durch den Zentralrechner mit einem entsprechend programmierten Codegeber ausgerüstet worden, der ihnen den problemlosen Zugang ermöglichen würde.

Also dann los, befreien wir den Virth. Ich hoffe, dass dieser komische Zentralrechner tatsächlich in der Lage ist, uns mit dem Transmitter zum geplanten Treffpunkt zu befördern.

Aurec und Cascal öffneten mit dem Codegeber das Sicherheitsportal und verschwanden in dem Gebäude. Wenig später hörte man ein helles Sirren, das vom Einsatz der Paralysatoren zeugte. Plötzlich erfolgten mehrere Explosionen. Irgendetwas schien schiefzugehen. Aus dem Himmel fielen quarteriale Soldaten in Kampfanzügen, die sofort das Feuer eröffneten. Dieses wurde von den Mitgliedern der Freyt-Kompanie erwidert, was an scheinbar aus dem Nichts kommenden Impulsstrahlen der schweren Kombistrahler ersichtlich wurde. Wenig später öffnete sich die Hölle für die Angreifer. Die MODULA-Roboter waren entsprechend ihrer Programmierung zum kompromisslosen Angriff übergegangen, da sie das Leben der Einsatzgruppe bedroht sahen.

Es vergingen einige Minuten, dann kamen Aurec und Cascal wieder zurück. Zwischen sich hielten sie eine zusammengesunkene Gestalt unter den Schultern. Cascal hob kurz den Arm und wenig später wurden die Mitglieder des Einsatzkommandos wieder sichtbar.

Sammeln und verschanzen! Hoffentlich bekommen die da oben mit, dass wir hier in der Scheiße stecken.

Die Gruppe lag inzwischen unter immer stärkerem Beschuss. Die quarteriale Besatzungsarmee schien bemerkt zu haben, um was es ging. Die Männer und Frauen des Einsatzkommandos mussten sich eng aneinanderkauern, um die Feldbegrenzungsschichten der Individualschirme durch Überlappung zusammenzuschließen. Durch die Überlagerung der Paratronfelder der Individualschirme wurde die Ableitwirkung der Paratronkonverter verstärkt und potenziert. Die MODULAs blieben außerhalb des Feldes und griffen die immer stärker werdenden quarterialen Angreifer ohne Rücksichtnahme an. Dadurch war im Moment so etwas wie ein Patt entstanden. Es war aber abzusehen, dass es spätestens, wenn die Roboter ausgeschaltet waren, zur Katastrophe kommen musste. Dieser Moment rückte immer näher. Der quarteriale Kommandeur setzte inzwischen Shiftpanzer gegen die MODULAs ein.

Es wird langsam Zeit. Wenn die auf dem 5. Planeten nicht bald reagieren, kann man uns ein Heldenbegräbnis bereiten.

Aurec schaute kurz auf und nickte Joak Cascal zu, der anscheinend bereits mit dem Leben abgeschlossen hatte.

Joak, glaube mir, es ist nicht unsere Bestimmung hier und heute in die unbegreiflichen Gefilde einzugehen. Es wird nicht mehr lange …

Aurec brauchte nicht weiterzusprechen, denn in diesem Augenblick war es soweit. In etwa 10 Kilometer Höhe entstand ein rot leuchtender Ring, aus dessen violettem Transmitterfeld eine Kugel mit hoher Geschwindigkeit austrat. Die Kugel zog einen ionisierten Gasschweif nach sich, als sie in tiefere Atmosphärenschichten eintrat. Aurec beobachtete die Kugel durch das Feldokular seiner Gefechtsfeldoptik. Wenig später lösten sich mehrere kleinere Objekte von der Kugel, die Kurs auf das Schlachtfeld nahmen.

Du scheinst tatsächlich Recht zu haben, Aurec. Das ist die DERINGHOUSE.

In diesem Augenblick rauschte ein SHOGUN-Jagdshift mit knapp Überschall im Tiefflug über die Gruppe und löste einen Vierfachfächer der DOLOM-Marschflugkörper aus. Diese fanden kurze Zeit später ihr Ziel und zerstörten vier angreifende Shiftpanzer des Quarteriums. Durch die Gefechtsfeldoptik war zu erkennen, dass an der Seite ein springender schwarzer Panther als Emblem zu sehen war.

Das ist Carry-Ann, die Kavallerie ist endlich da!

David gegen Goliath

Major Nathaniel Mezhal überwand die leichte Desorientierung nach dem Austritt aus dem Transmitterfeld am schnellsten. Der umweltangepasste Epsaler hatte auch nichts anderes erwartet. Der Zentralrechner der alten MdI-Station hatte sie über diesen Effekt vorgewarnt. Alles war bereits im Hangar des 5. Planeten vorbereitet worden. Unmittelbar nach dem Austritt aus dem Situationstransmitter würden die NIMRODs ausgeschleust werden und versuchen, in einen Überraschungschlag die auf dem Raumhafen von Vircho stationierten Supremos zu vernichten. In Anbetracht der Überlegenheit der Supremos hatte er den Befehl gegeben, ohne irgendwelche Warnungen anzugreifen. Gleichzeitig würde Leutnant Carry-Ann Despon mit den 20 SHOGUN-Jagdshifts versuchen, Aurec und Cascal herauszuhauen.

Captain Aluf Onagen spürte, wie ihn der Feldbeschleuniger aus der Hangertube katapultierte. Fast im gleichen Augenblick registrierte er, dass der Vortex des Metagravantriebes den Jäger vorwärts riss. Die Piloten der NIMRODs setzten alles auf eine Karte und setzten den Metagrav auch innerhalb der Atmosphäre ein. Normalerweise wurde in der Nähe eines Planeten ein konventionelles Antriebssystem verwendet, da die Gravitationsfelder den Vortex stören konnte. Im Moment war jedoch Schnelligkeit ihre stärkste Waffe. Die Supremos mussten am Boden überrascht werden, damit sie überhaupt eine Chance haben würden.

Bereits nach wenigen Augenblicken tauchte der Raumhafen Virchos in der Zielerfassungsoptik auf. Ein Supremo-D-Schlachtschiff wurde von der Syntronik erfasst. Der Oxtorner löste einen kombinierten Salventaktangriff sämtlicher Waffensysteme aus. Die NIMROD verwandelte sich in ein todbringendes Monster. Der Supremo hatte wohl das Verhängnis bemerkt, das sich auf ihn stürzte. Doch seine Schutzschirmstaffeln waren gerade im Aufbau, als es bei ihm einschlug. Genau das war die Chance, die sie sich bei der Einsatzbesprechung ausgerechnet hatten. Normalerweise waren die Raumjäger für ein 800 Meter durchmessenden Schlachtschiff so gefährlich, wie eine Stechmücke für einen Elefanten. Nur wenn sie ihn am Boden erwischten, ohne bereits aufgebaute Schutzschirme, dann hatten sie eine Chance. Und wie es aussah, waren sie schnell genug gewesen. Die Salven seiner Rotten schlugen durch den nur teilweise aufgebauten Schutzschirm und brachten für das Schlachtschiff das Verderben. Der gesamte Raumhafen hatte sich inzwischen in ein Inferno verwandelt. Mehrere Korvetten und kleine Kreuzer vergingen in der Glut, die durch das kombinierte Transformbomben- und Impulsfeuer entfacht wurde. Und doch waren sie nicht schnell genug gewesen. Ein Supremo-E-Schlachtkreuzer hatte wohl schnell genug seine Schirmstaffeln aufgebaut und startete gerade.

Sperber Eins an Sperberrotte. Jagd frei, holt den Supremo aus dem All!

An Bord der VON RICHTHOFEN schrillte der Gefechtsalarm und riss die Besatzung aus dem Alltagstrott. Captain Elbrecht stürzte mit halb geschlossener Uniform in die Zentrale. Mit einem Blick auf die Ortungsergebnisse erkannte er den Ernst der Lage.

Sofort Schutzschirme aufbauen und Alarmstart vorbereiten!

Die in der Zentrale anwesenden Offiziere blickten ihren Kommandanten überrascht an. Fliehen? Das Quarterium hatte auf der ganzen Linie gesiegt, Vircho war in ihrer Hand. Weshalb sollten sie fliehen müssen? Doch die an Bord der quarterialen Flotte herrschende Disziplin verhinderte irgendwelche Diskussionen. Das Wort des Kommandanten war Gesetz.

In diesem Moment schlug es auf der TYNOON, einem Supremo-D-Schlachtschiff ein. Die Besatzung war wohl nicht schnell genug gewesen, denn wenig später explodierte das über 800 Meter durchmessende Schiff. An Bord der VON RICHTHOFEN überschlugen sich die Ereignisse. Die angreifenden Jäger hatten abgedreht und flogen einen neuen Angriff.

Schirmstaffeln eins und zwei stehen, meldete der Feuerleitoffizier.

Wie sieht es mit der Startbereitschaft aus?

Wir brauchen noch etwa 20 Sekunden, Captain, dann haben wir die Gravitraf-Speicherringe auf dem Mindestlevel aufgeladen.

Sobald der erreicht ist, Alarmstart. Kurs Maahkon.

Wenig stäter startete die VON RICHTHOFEN mit einem Gewaltstart ins All. Capitain Elbrecht schickte jedes verfügbare Quant Energie in den Metagrav. Doch die Jäger hatten inzwischen bemerkt, dass das Schiff entkommen wollte. Etwa zehn NIMRODs jagten mit Höchstgeschwindigkeit hinter dem fliehenden Supremo her. Auch die DERINGHOUSE hatte die Verfolgung aufgenommen und eine weitere Rotte Jäger ausgeschleust. Doch es war zu spät, durch die rasche Reaktion konnte der Supremo entkommen.

Wir hatten gesiegt, die quarterialen Besatzungstruppen waren entweder tot, gefangen oder in den Raum geflohen. Der Kampf um Vircho war gegen Ende noch äußerst blutig geworden, da die XX. Shifteingreifdivision, alles Arkoniden, bis zum letzten Mann gekämpft hatte. Es hatte, dank der MODULAs, fast keine eigenen Verluste gegeben, doch die Explosion des Supremos auf dem Raumhafen Virchos hatte vielen tefrodischen Zivilisten das Leben gekostet. Ein weiteres Supremo-Schiff war in den Raum entkommen, sodass Jenmuhs wohl in Kürze über die Niederlage informiert sein würde. An Bord des explodierten Schiffes war der quarteriale Befehlshaber Generalmarschall Tonkvar ums Leben gekommen.

Jetzt mussten wir Vircho und Tefrod auf den kommenden Angriff vorbereiten.

Kapitel 3
Vernichtung ohne Gnade

Die Lage in Andromeda führt uns klar vor Augen, dass jeder Kompromiss, jedes Entgegenkommen gegenüber dem minderwertigen, nichtmenschlichen Leben nur dazu führen kann, dass die lemurische Herrschaftsrasse in ihrer Expansion und der Sicherung ihrer materiellen Basis empfindlich eingeschränkt wird.

Wozu Verbrüderung mit dem Rassenfeind führen kann, wird uns anschaulich am Beispiel der tefrodischen Blutsverräter gezeigt. Der Verlust jedes Rassenstolzes führte dazu, dass sich diese unwürdigen Nachkommen der glorreichen Urväter des Großen Tamaniums ängstlich unter das Joch des methanatmenden Falschlebens ducken. Deshalb ist es unsere Pflicht als Nachkommen des glorreichen lemurischen Reiches, diesem fehlgeleiteten menschlichen Abschaum die Türe zu einer menschenwürdigen Zukunft zu öffnen. Ich sage es vor Ihnen meine Herren:

Das Erbe Lemurs und das Erbe des Tai Ark'Tussan verlangt von uns, dass wir das, was unsere Vorfahren begannen, nun zu Ende führen.

Gos’Shekur Uwahn Jenmuhs vor hohen quarterialen Offizieren am 10.07.1307 NGZ

Die Schlacht um Maahkon

Die PAXUS schüttelte sich unter dem direkten Wirkungsfeuer zweier Superschlachtschiffe der Maahks. Die 2500 Meter langen Giganten der Methanatmer erwiesen sich allen kleineren Supremo-Typen als überlegen. Nur die Ultra-Schlachtschiffe des A-Typs, zu dem die PAXUS zählte, konnte gegen sie bestehen. Dabei zeigte es sich, dass die Maahks auf ihren größeren Einheiten eine neue Technik einsetzten, durch die die Superschlachtschiffe selbst gegen die Supremo-A-Typen Erfolge erzielen konnten. Wenn die Schutzschirme der Maahks vor dem Zusammenbruch standen, wurde eine Kurztransition ausgelöst, die das Schlachtschiff um wenige Lichtminuten versetzte. Dadurch verloren die Zielerfassungssysteme den Kontakt, und das gegnerische Schiff konnte sich in Sicherheit bringen oder auch neu angreifen.

Im Raum um die Zentralwelt der alten Feinde der Menschheit stießen zwei gewaltige Flotten aufeinander. Dem Quarterium standen dabei etwa 90 000 Supremo-Raumer zur Verfügung, die in zwei Angriffsgruppen aufgeteilt waren.

Die erste Gruppe unter dem Oberbefehl von General-Oberst Alcanar Benington und Generalmarschall Toran Ebur sollte die planetaren Verteidigungsanlagen niederkämpfen und Maahkon durch eine Arkonbombe vernichten. Der Rest der Flotte unter dem Kommando von Admiral Siniestro und General Sizemore war dazu bestimmt, die maahkschen Flotte vernichten. Doch bereits hier zeigte sich, wie ungenau die Daten der Aufklärer waren. Weder war bekannt, dass Maahkon über einen planetaren Schutzschirm verfügte, noch hatten sie irgendwelche Informationen über die überschweren Raumforts, die den Planeten wie eine Igelstellung umgaben. Darüber hinaus wurden die maahkschen Walzenschiffe sträflich unterschätzt, was nun zur Katastrophe führte. Bennington führte seinen Flottenverband genau in die vorbereitete Falle. Zwischen dem planetaren Abwehrgürtel und der angreifenden Maahkflotte wurde er regelrecht zerrieben. Als der Sohn des Imperatore die Lage erkannte, übernahm er sofort den Oberbefehl und schaltete sich auf die Kommandoführungskommunikation auf.

Admiral Siniestro, Code Lo Septimo Aurora, Vorrangkennung Dioses; Absetzbewegung nach Plan Imperal, Ausführung sofort!

Dieser Befehl im Überrangcode bewirkte, dass auf allen Schiffen die Syntroniken einen geordneten Rückzug einleiteten. Die 2500-Meter-Giganten der Supremo-A-Klasse schoben sich zwischen das Groß der Flotte und die angreifen Maahk Schlachtschiffe. Orlando hatte die Ruheperiode nach der Kapitulation Tefrods zu entsprechenden Manövern genutzt, da er eine ähnliche Situation voraussah.

Anschließend aktivierte Orlando die Internkommunikation.

Admiral Sinestro, ich habe hiermit gemäß der Direktive Imperal den Oberbefehl über die gesamte Flotte übernommen. Der Gegner ist zu stark für uns, wir müssen uns zurückziehen und …

Orland konnte seinen Befehl nicht beenden, denn General-Oberst Benington schaltete sich ein.

Was soll das? Wer gibt Ihnen das Recht, den Rückzug zu befehlen? Wir müssen die Methanbestien angreifen und ausrotten! Verstehen Sie, angreifen und ausrotten!

In diesem Moment gellte der Raumalarm durch die PAXUS. Orlando war einen Moment wie gelähmt. Doch er riss sich zusammen und fragte seinen Ortungsoffizier.

Oberleutnant, was gibt es?

Admiral, die Methans bekommen anscheinend Verstärkung. Das war tatsächlich eine gottverdammte, beschissene Falle!

Mit einem Griff schaltete Orlando das Gefechtsumfeldholosystem ein. Über dem großen Lagetisch bildete sich eine Darstellung des umgebenden Raumsektors mit Maahkon im Zentrum.

Die beiden Flottenkeile des Quarteriums wurden durch winzige rote Supremosymbole dargestellt, während die Raumforts und die Walzenraumer der Maahks durch entsprechende blaue Symbole gekennzeichnet wurden. Gegenüber den blauen Symbolen wurden nun weitere Symbole eingeblendet.

Terraner und Tefroder!, bemerkte die monotone Stimme des Ortungsoffiziers.

Jetzt haben die uns in der Zange!

Und genau so war es. Der 16. Juli 1307 NGZ sollte in die Geschichte als der Tag der Schlacht von Maahkon eingehen, der Tag der ersten vernichtenden Niederlage der quarterialen Flotte.

Tefrod, auch von dieser Welt war eine Katastrophe gemeldet worden. Die von uns zurückgelassene Besatzungsarmee war von den Tefrodern und irgendwelchen, angeblich technologisch überlegenen Fremden vollständig aufgerieben worden. Einem Schiff meiner Flotte, das beschädigt auf Tefrod zurückgeblieben war, war die Flucht in den Raum gelungen. Der von Jenmuhs eingesetzte Befehlshaber Generalmarschall Tonkvar war gefallen. Aber der Kommandant der VON RICHTHOFEN, der den Angriff von Vircho meldete, war zwar den Tefrodern entkommen, aber nicht dem Wahn des Gos’Shekurs. Jenmuhs hatte Capitain Elbrecht wegen Feigheit vor dem Feind standrechtlich erschießen lassen.

Götterdämmerung?

Der quarteriale Vielfraß scheint sich zum ersten Male an einer Beute die Zähne ausgebissen zu haben. Vor wenigen Tagen wurde in unserer Nachbargalaxie Andromeda eine entscheidente Schlacht um die Zukunft der Menschheit und der weiteren Entwicklung in der Lokalen Gruppe geschlagen. Das Ergebnis erfüllt mich Hoffnung und Trauer zugleich. Ich habe in einem meiner vorhergehenden Kommentare meiner Befürchtung Ausdruck gegeben, dass das Quarterium in seiner Verblendung den Völkermord der Maahks anstrebt.

Man hat mir in den Nachrichtenagenturen der Milchstraße aber auch in großen Teilen der Presse der LFT Verleumdung des Imperatore vorgeworfen. Ich selbst wäre froh und glücklich, wenn ich mich getäuscht hätte. Aber dem ist nicht so. Wie mir aus zuverlässigen Quellen aus Andromeda zugetragen wurde, beabsichtigte das Quarterium, unter dem Oberbefehl des sogenannten Kristallkönigs Uwahn Jenmuhs, den Völkermord an den methanatmenden Maahks einzuleiten.

Jawohl, Sie lesen richtig! Das Quarterium wollte die Welten der Methanatmer durch Arkonbomben und ähnliches Teufelswerk vernichten. Nur dadurch, dass die Maahks, wohl gewarnt durch die bitteren Erfahrungen der Vergangenheit, sich auf einen solchen Fall vorbereitet haben, konnte dieses Verbrechen an den Wesensrechten verhindert werden. Und es erfüllt mich mit Stolz und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, dass Teile der Menschheit an der Seite der Unterdrückten und Verfolgten gekämpft haben. Die Terranische Flotte unter dem Oberbefehl von General McHenry hat Seite an Seite mit Einheiten der Tefrodischen Flotte gegen die Vertreter der Unmenschlichkeit und des Terrors ihr Leben für das Falschleben, wie der Schlächter Jenmuhs die Maahks bezeichnet, in die Waagschale geworfen und den quarterialen Kriegsverbrechern eine entscheidente Niederlage beigebracht.

Auf der anderen Seite bin ich aber, wie bereits gesagt, voller Trauer um die Gefallenen. In der Schlacht von Maahkon verlor der Imperatore 20 000 Schiffe. Das bedeutet dass nach vorsichtigen Schätzungen mindestens 15 bis 20 Millionen Leben, die auf der Schlachtbank des Krieges geopfert wurden. Und ich frage hier und jetzt den Imperatore: Wofür?

(Roppert Mohlburry im Juli 1307 NGZ)

Schuld und Schuldigkeit

Ich blickte hinaus in die Trümmerlandschaft einer Stadt, die bestimmt einmal voller Schönheit gewesen war. Doch davon war nichts mehr sichtbar. Die Quarteriale Flotte hatte diesen Planeten, wie es mein Oberbefehlshaber so treffend ausgedrückt hatte, in die Steinzeit zurückgebombt. Musgur war neben Tefrod eines der Zentren des Neuen Tamaniums gewesen.

Der Gos’Shekur hatte nach der Niederlage von Maahkor an den Tefrodern ein Exempel statuieren lassen. Auf Musgur sollte nach dem Willen des Arkoniden kein Stein auf dem anderen bleiben. Und seit diesem Befehl konnte ich nicht mehr richtig schlafen. Der Angriff auf das Handelszentrum der Tefroder konnte nur als Terrorangriff gewertet werden. Militärisch war der vierte Planet der Sonne Atrun völlig ohne Bedeutung. Nach meinen Schätzungen hatte die Befriedungsaktion des Quarteriumfürsten Milliarden Tefordern das Leben gekostet. Generalmarschall Toran Ebur hatte den Befehl seines Herren wortwörtlich genommen. Die Städte Musgurs vergingen in den Gravitationsschocks von taktischen Gravitationsbomben.

Es lebe seine Erhabenheit, der Gos’Shekur Uwahn Jenmuhs, Quarteriumsfürst des Arkonidischen Blocks und Stellvertretender Imperatore Cartwheels!

Eine marterialisch gekleidete Gruppe Naats begann für terranische Verhältnisse komisch aussehende Musikinstrumente zu malträtieren und erzeugte, zumindest in meinen Ohren, einen unbeschreiblichen Lärm. Was suchte ich eigentlich hier? Mir stand bestimmt nicht der Sinn danach, den Massenmord an Milliarden Menschen als großen militärischen Sieg zu feiern. Und natürlich die Genialität des Arkoniden, ergänzte eine innere Stimme zynisch. Ja hier war er an vorderster Front, höchstpersönlich, und riskierte, dass sein wertvolles Leben an einem Knochen der obligatorischen Geflügelkeule hing. Doch vor Maahkon war von dem genialen Strategen nichts zu sehen gewesen. Im Gegenteil, die zu seinem persönlichen Schutz abgezogen 35 Supremo-A-Ultraschlachtschiffe fehlten an allen Ecken und Enden. Hätte ich diese zur Verfügung gehabt, wäre es mir vielleicht gelungen, die Katastrophe zu vermeiden. Wieder nahm ich einen Schluck Brandy.

Hätte, Könnte, Vielleicht …

Es gab keine Entschuldigung, kein Ausweichen! Ich hatte den Oberbefehl übernommen, ich hatte die Flotte geführt und ich trug die Verantwortung am Tod von Millionen Bürgerinnen und Bürgern Cartwheels. Nur ich! Doch trug ich auch die Verantwortung für die Milliarden von Toten hier auf Musgur? Mein logischer Verstand sagte Nein, ich hatte mit diesem Angriff nichts zu tun. Aber ganz im Hintergrund meines Denkens blitzte immer wieder ein Gedanke wie ein Stilettstich auf, Wer, wenn nicht du? Und Nachts kamen immer wieder diese Träume:

Er schritt durch ein unendliches Leichenfeld. Bei jedem Schritt zermalmte er die Knochen völlig willkürlich durcheinanderliegender Skelette. Und immer wieder die Augen, die aus nackten Augenhöhlen ihn vorwurfsvoll anschauten. Knochige Hände reckten sich ihm entgegen und wollten ihn festhalten, ihn nach unten ziehen.

Was hätte ich tun sollen, was konnte ich überhaupt tun?

Admiral Siniestro?

Unwillig blickte ich bei dieser Anrede auf. Benington, Jenmuhs Speichellecker persönlich. Der hatte mir gerade noch gefehlt. Unwillig antwortete ich:

Was gibt es, Generaloberst?

Meinen Sie nicht auch, Admiral, dass nach diesem glorreichen Sieg, wie er nur unter der genialen Führung des Gos’Shekur errungen werden konnte, der tefrodische Widerstand endlich in sich zusammenbricht? Wir hätten uns von Anfang an den nötigen Respekt verschaffen sollen – es diesem Gesindel zeigen, dass mit uns nicht zu spaßen ist!

Ich war platt. Soviel Dummheit und gleichzeitig grenzenlose Überheblichkeit auf einem Punkt konzentriert, das war selbst für mich zuviel. Es fehlte nicht viel, und ich hätte diesem Negativbeispiel eines Arschkriechers dahin getreten … Aber meine Erziehung durch Vater verhinderte im letzten Augenblick meinen Gefühlsausbruch. Beherrschung, Kontenance in allen Lebenslagen, das waren die Lehren, die er uns mitgegeben hatte. Ich richtete meinen Blick wieder auf Benington. Es war höchste Zeit, dass ich antwortete, denn sein Gesichtsausdruck wurde zunehmend misstrauischer.

Aber sicher, antwortete ich allgemein und fuhr fort, aber ich glaube nicht, dass die Tefroder nach diesem Ereignis uns gegenüber positiv eingestellt sein werden.

Ich wollte zwar etwas ganz anderes sagen, aber irgendein Sektor meines Gehirns, von dem ich bisher gar nicht wusste, dass er vorhanden war, hatte plötzlich die Kontrolle übernommen.

Benington schien jedoch mit meiner Antwort nicht zufrieden zu sein.

Ich glaube, Sie missverstehen da etwas, Admiral! Unser Ziel darf nicht sein, dass uns die minderwertigen Völker achten ‑ nein, Admiral, fürchten sollen sie uns!

Da hatte ich es. Ich wurde von diesem Widerling auch noch belehrt. Doch wieder übernahm eine innere Stimme die Antwort:

Wenn Sie es so sehen wollen, haben Sie natürlich Recht!

Das genügte anscheinend. Zufrieden nickend wandte sich Benington ab, wohl um die Nähe seines Herrn und Meisters zu suchen. Und ich, was hatte ich getan? Ich hatte gerade planmäßigen Völkermord als Mittel der Politik anerkannt.

Inzwischen waren Red Sizemore und Mandor da Rohn zu mir getreten. In der Gesellschaft der beiden Offiziere fühlte ich mich wesentlich wohler. Benington hatte sich, wie ich vermutet hatte, in das Gefolge der Speichellecker des Arkoniden eingereiht. Die marterialische Musik der Naats war inzwischen beendet und der Regent des Arkonidischen Sektors war an eine provisorische Rednertribüne getreten. Der gesamte Auftritt wurde von Technikern von INSELNET in Szene gesetzt und Intentant Guy Pallance persönlich schien die Organisation übernommen zu haben.

Die gesamte Admiraliät einschließlich der Flottenoffiziere vom Obersten aufwärts waren in ihren Paradeuniformen erschienen. Weibliche Ordonanzen in äußerst freizügigen Phantasieuniformen aus den von den Arkoniden besetzten Teilen Cartwheels, also Akoninnen und Saggittorianerinnen, hatten die Aufgabe, die Gäste zu bedienen. Ich betrachtete dieses Verhalten der Arkoniden als eines Offiziers und Gentleman unwürdig. Aber, und darauf hatte mich mein Vater mit allem Nachdruck hingewiesen, es war nicht unsere Aufgabe, das Verhalten des Arkonidischen Sektors als Besatzungsmacht zu beurteilen. Nichteinmischung, auf dieser Prämisse beruhte der Frieden zwischen unseren beiden Reichen, nur war es für mich fast unerträglich, der offensichtlichen Sklaverei, wie sie hier durch die Arkoniden praktiziert wurde, zusehen zu müssen.

Inzwischen schien die Übertragung begonnen zu haben, den Guy Pallance war an die Feldmikroskope getreten und eröffnete die Übertragung.

Guten Abend, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer in Cartwheel. Ich grüße Sie hier von einer Welt der Galaxie Andromeda. Meine Grüße gelten weiter besonders unseren tapferen Frauen und Männern, egal ob sie als Mitglieder unserer glorreichen Flotte in den Estartischen Galaxien oder in M 87 Dienst für unsere Heimat tun. Lassen Sie mich kurz zum Anlass unserer heutigen Sendung kommen. Unsere Flotte hat unter der genialen Führung des Quarteriumfürsten Uwahn Jenmuhs einen großartigen Sieg errungen. Doch lassen wir jetzt den Sieger selbst zu Wort kommen. Meine Damen und Herren, es spricht zu Ihnen der Quarteriumsfürst und stellvertretende Regent des Quarteriums, Gos’Shekur Uwahn Jenmuhs.

Pallance war zurückgetreten und übergab mit einer tiefen Verbeugung das Rednerpult an den Arkoniden. Dieser stützte seinen massigen Körper mit beiden Händen ab und begann seine Ansprache.

Kämpferinnen und Kämpfer der glorreichen Quarterialen Flotte, ich grüße euch!

Jenmuhs machte eine rhetorische Pause, die er dazu nutzte, nochmals einen Schluck aus dem vor ihm stehenden Glas zu nehmen. Danach richtete er seinen Blick in die Feldoptiken der Übetragungstechnik von INSELNET.

Mein Gruß gilt aber auch genauso allen Bürgerinnen und Bürgern, die an der Heimatfront in Cartwheel ihre Pflicht erfüllen. Hier, fern der Heimat, unter den fremden Sonnen Andromedas, haben wir eine bittere Lektion lernen müssen. Wir sind voller guter Vorsätze und Wünsche für unsere lemurischen Brüder nach Andromeda gekommen, wir wollten ihnen sogar helfen, sich vom Joch des Fremdlebens zu befreien. Voller Vertrauen in die Brüderschaft unter den lemurischen Völkern waren wir bereit, unser Leben für unsere Brüder in die Schlacht zu werfen. Wir wurden verraten und an das Fremdleben verkauft. Millionen unserer Schwestern und Brüder hat dieser Verrat das Leben gekostet. Ich bitte alle, sich zu einer Schweigeminute zu erheben. Gedenken wir unserer von dem Fremdleben und menschlichen Verrätern ermordeten Schwestern und Brüder!

Jenmuhs war hinter dem Rednerpult hervorgetreten und straffte seine feiste Gestalt. Ich schüttelte mich innerlich vor der Falschheit dieser pathetischen Rede. Eine in Galauniformen gekleidete Abordnung sämtlicher Flotteneinheiten war inzwischen nach vorne getreten. Zwischen sich hielten sie einen in die quarteriale Fahne gehüllten Sarg, den sie unter dumpfem Trommelwirbel auf einem Potest vor Jenmuhs niederstellten. Der Quarteriumsfürst machte einige Schritte nach vorne und verneigte sich. In dieser Stellung blieb er eine Minute, bis er sich wieder aufrichtete und theatralisch die Arme hochnahm. Die Bildregie von INSELNET reagierte augenblicklich, mehrere Feldkameras schwebte auf kleinen Antigravplattformen auf Jenmuhs zu, um ja keinen scheinheiligen Gesichtsausdruck seiner Wohlbeleibtheit zu versäumen. Ich schreckte aus meinen Gedanken, ein Blick in die mich umgebende Menge lehrte mich, dass ich wohl das allgemeine Zeichen, dass die Trauer beendet sei, verpasst hatte. Unwillkürlich schaute ich mich um, ob mein Verhalten Missfallen bewirkt hatte. Nur nicht auffallen, nicht ins Rampenlicht treten. Unwillkürlich schüttelte ich den Kopf. Es war an der Zeit, dass ich diese Komplexe ablegte. Ich war der Sohn des Imperatore, der Befehlshaber der gesamten Flotte des terranischen Blocks. Hier in diesem Saal stand nur ein Einziger rangmäßig über mir. Nicht ich wurde beobachtet, im Gegenteil, ich war der, der andere beobachtete.

»Gemordete Heldinnen und Helden können nicht in ihren Gräbern ruhen, solange ihre Mörder am Leben sind! So lautete eine uralte Sage meines Volkes. Hier, im Gedenken an unsere toten Schwestern und Brüder, gelobe ich feierlich, dass ihr Tod gerächt wird. Keiner der Verräter, die sich des schlimmsten Verbrechens des Universums schuldig gemacht haben, wird unserer Rache entgehen.

Ich schließe hiermit die tefrodischen Völker und die so genannte Liga Freier Terraner aus der lemurischen Volksgemeinschaft aus. Ihr Verräter am eigenen Blut seid nicht länger würdig, der Gemeinschaft unserer Urväter anzugehören. Wir werden euch jagen, von Planet zu Planet, von Galaxie zu Galaxie und nicht eher ruhen, bis wir die gemeinsame Heimat aller lemurischen Völker, bis wir Lemur, den die Verräter heute Terra nennen, von euch befreit haben.

Hier auf dieser Welt, die den Namen Musgur trägt, haben wir den Anfang gemacht. Ich habe meiner Flotte den Befehl gegeben, dass dieser Planet vernichtet werden soll. Unsere Flotte wird überall im tefrodischen Siedlungsgebiet viele neue Musgurs schaffen. Wir werden dieses Verrätervolk ausradieren! Für Verräter am eigenen Blute ist künftig kein Platz mehr innerhalb der lemurischen Volksgemeinschaft. Ich schließe meine Rede mit einem Aufruf an unsere Schwestern und Brüder im fernen Cartwheel:

Ihr könnt noch ruhig schlafen. Wir sorgen dafür, dass das Fremdleben nicht unsere Ressourcen bedroht und in unseren Lebensraum eindringt. Die lemurische Volksgemeinschaft steht vor der Wiedererrichtung ihrer Herrschaft ‑ ein vereintes Reich in Cartwheel, Andromeda und unserer Urheimat Apsuhol, die mein Volk Debara Hamtar nennt! Ein einiges Reich der Menschheit!

Dafür kämpfen wir, dafür siegen wir!«

Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Träumte ich – war das ein Albtraum? Nein, es war Wirklichkeit, wie der aufbrausende Jubel rings um mich bewies. War ich tatsächlich der Einzige, der hinter das hohle Pathos dieser Rede schauen konnte? Jenmuhs hatte es wieder geschafft, er hatte eine Niederlage in einen Sieg umgewandelt und noch dazu zum Vorwand für weitere Terrormaßnahmen genommen. Und wieder die Frage, was tat ich, was konnte ich tatsächlich tun? Und ich gab mir auch gleich die Antwort: Nichts, absolut nichts!

Trinken Sie, Admiral, das beruhigt die Nerven!

Ich blickte auf und sah in die kalten Augen von Sizemore. Der terranische General schien meinen inneren Zwiespalt mitbekommen zu haben. Mandor da Rohn reichte mir ein volles Glas, das ich mit einem Zug leerte.

Der öffentliche Teil der Veranstaltung war vorbei und Jenmuhs hatte sich in seine palastähnliche Behelfsunterkunft zurückgezogen. Gegen Abend hatte er die militärische Führung des Feldzuges Lokale Gruppe zu einem Arbeitsessen geladen. Ich verbrachte die Zeit bis zum abendlichen Treffen zusammen mit Sizemore und da Rohn. Es war eine der wenigen Gelegenheiten zu einem privaten Gespräch. Sizemore zeigte sich dabei von einer, zumindest für mich, überraschenden Seite. Natürlich galt sein Hauptinteresse militärtheoretischen Fragen, aber für mich völlig überraschend machte er sich auch über die Rolle der Hohen Mächte seine Gedanken. Dass der Arkonide Mandor da Rohn sich die Freiheit einer eigenen Meinung leistete, war mir bereits von früheren Unterredungen bekannt. Beide Generäle äußerten die Befürchtung, dass wir, egal auf welcher Seite wir auch standen, nichts weiter als Bauern in einem kosmischen Schachspiel wären, dessen Regeln wir nicht verstanden. Einer Ansicht, der ich nur zustimmen konnte.

Der Abend kam schneller, als uns lieb war. Es war einfach so, dass die Zeit in angenehmer Gesellschaft viel schneller verging, auch eine Art Zeitdilatation.

Die Ordonanz, wieder eine äußerst freizügig gekleidete Akonin, führte mich an den Tisch des Gos’Shekur. Sie trug, wie alle zwangsverpflichteten Arbeitskräfte aus den von den Arkoniden besetzten Gebieten, eine Art kunstvolles Halsband, das inzwischen Gegenstand wildester Spekulationen innerhalb der Flotte war. Am Tisch des Arkoniden saß neben Toran Ebur zu meiner nicht geringen Überraschung Alcanar Benington höchstpersönlich. Die Lobhudelei schien sich für ihn gelohnt zu haben. Die Ordonanz führte mich an einen Platz, der etwas abseits von dem glorreichen Führungstrio gelegen war. Einen Moment war ich perplex und fragte mich, was das zu bedeuten hatte. Die Antwort kam schneller, als ich es erwartet hatte. Jenmuhs hatte sich unmittelbar nach meiner Ankunft erhoben und begann zu sprechen:

Wir sind heute in diesem Kreis zusammengekommen, um Mut und Ehre aber auch Feigheit, bei diesem Wort machte er eine Pause und warf mir einen eindeutigen Blick zu, gebührend zu werten.

Im ersten Moment wollte ich eine entsprechende Entgegnung machen, aber ein Blick in sein verzerrtes Gesicht ließ mich davon Abstand nehmen. Gelobt sei deine Erziehung, Vater!

Mut und Ehre, fuhr Jenmuhs fort, gab es bei der Schlacht von Maahkon zur Genüge und ich bin stolz darauf, einen ruhmvollen Krieger, der die Tugenden des alten Lemurias verkörpert wie kein zweiter, hier an meinem Tisch begrüßen zu können.

Mit diesen Worte war er auf Benington zugetreten, der sich mit hochrotem Kopf erhoben hatte.

Generalmarschall Benington, ich ernenne Sie hiermit zum Oberbefehlshaber der Flottengruppe Tefrod. Es wird Ihre Aufgabe sein, diese Verräter an unserem lemurischen Volkserbe zu bestrafen.

Mit diesen Worten tauschte er die Kragenspiegel der blankgeputzten Uniform gegen die Insigien eines Generalmarschalls aus. Benington salutierte und warf mir einen triumphierenden Blick zu, bevor er antwortete.

Gos’Shekur, ich bin mir der Ehre und des Vertrauens bewusst, die Ihr Vertrauen in meine Fähigkeiten bedeuten. Ich gelobe hiermit feierlich, dass ich den feigen Verrat an unserem gemeinsamen lemurischen Erbe rächen werde. Wenn wir mit ihnen fertig sind, wird kein Tefroder mehr wagen, einen Menschen auch nur schräg anzusehen. Es lebe die glorreiche Flotte des Quarteriums unter der genialen Führung des Gos’Shekur!

Jenmuhs nickte bei diesem Loblied nur und klopfte Benington jovial auf die Schulter. Die Situation war surreal, einfach nur Irrsinn. Wie konnte ein Mensch soviel Schwachsinn von sich geben? Ich brauchte meine ganze Beherrschung, um nicht laut herauszulachen.

Jenmuhs hatte inzwischen wieder Platz genommen und ließ sich von der Ordonanz bedienen. Als diese sich abwandte, griff er ihr ungeniert in den Schritt, was von den anwesenden Offizieren mit lautem Gejohle begleitet wurde. Ich wandte mich angeekelt ab. Was war nur aus unseren Idealen geworden? Wo war der neue Geist geblieben, mit dem wir die LFT und die Milchstraße reformieren wollten? Hatte mein Vater recht, dass dies alles nur belanglose Nebenerscheinungen waren, unbedeutend, ohne Belang vor der Größe des gemeinsamen Zieles? Ich musste aufhören, Vater wusste es bestimmt besser, das gesamte Volk liebte und ehrte ihn ‑ wer war ich da, dass ich an ihm zweifeln durfte? Aber das Gesicht des Mädchens stand wie ein Menetekel vor mir. Was, wenn jemand Uthe in dieser Weise schändete? Uthe ...

Wieder riss mich Jenmuhs aus meinen Grübeleien. Er hatte sich anscheinend inzwischen gestärkt, denn das Fett lief ihm aus den Mundwinkeln auf seine wertvolle Phantasieuniform. Nachdem er sich mit dem Ärmel den Mund abgewischt hatte, fuhr er fort.

Nach zuverlässigen Meldungen, die von der C.I.P bestätigt werden, hat sich der Blutsverräter Rhodan mitsamt seiner Clique in die Arme des methanatmenden Fremdlebens nach Andro-Alpha geflüchtet, um vor unserer Rache sicher zu sein. Nach dem Verrat von Maahkon stehen uns noch etwa 100 000 Schiffe zur Verfügung. Unsere Gegner meinen vielleicht, dass wir geschlagen wären. Aber meine Herren, wir fangen erst jetzt richtig an. Wir teilen die uns zur Verfügung stehenden Schiffe in drei Flottengruppen auf.

Jenmuhs machte wieder eine Pause und fuhr dann fort:

Die Gruppe Lemur mit 30 000 Schiffen wird unter meinem Kommando den Blutsverräter Rhodan jagen, eine zweite Gruppe mit 50 000 Schiffen wird unter dem Kommando von Generalmarschall Ebur den Welten des Fremdlebens und der tefrodischen Verräter den Untergang bringen. Die wichtigste Aufgabe jedoch erhält unser neu ernannter Generalmarschall Benington. Er wird mit den restlichen 20 000 Schiffen nur eine Aufgabe haben ‑ die Vernichtung Tefrods.

Jetzt war alles klar, ich war abgeschrieben. Gut, dann hatte ich wohl auch mit dem zu erwartenden Massenmord nichts zu tun. Sollte ich zurück nach Cartwheel gehen? Nein, das konnte ich nicht, ich war für die Terraner verantwortlich.

Kapitel 4
Zwischenspiele

Das Wesentliche des Menschseins besteht darin, nicht Volkommenheit anzustreben, sondern bereit zu sein, um Treue zu einem Menschen willen auch Sünde zu begehen, und sich darauf gefasst zu machen, am Ende mit leeren Händen dazustehen, als unvermeidbarer Preis dafür, seine Liebe auf ein anderes Menschenwesen fixiert zu haben.

George Orwell

Liebesfreud und Liebesleid …

Die Sonne ging hinter den Bergen von Mulhacén auf und spiegelte sich im tiefblauen Wasser des Lago de Sanabria, an dessen Ufer Schloss Madrid majestätisch seine Zinnen in den frühen Morgen reckte. Die Zerstörungen während der Lingus-Krise, als angeblich irgendwelche Terroristen die Ermordung des Imperatore versucht hatten, waren nicht mehr zu sehen.

Die einsame Wanderin joggte am Ufer des Sees entlang und genoss die Ruhe und Abgeschiedenheit. Ihr schien es, als ob sie in ein anderes Leben eingetaucht war. Siniestro, der Privatbesitz des Imperatore, schien fernab aller Konflikte und Probleme zu liegen. Hier gab es keine Hinweise auf Krieg, auf Leid oder Tod, hier gab es nur Ruhe, Schönheit und das Glück des Augenblicks.

Seit sie auf Vorschlag des Imperatore zusammen mit seiner frisch angetrauten Frau Rosan von Paxus nach Siniestro gegangen war, genoss sie zunehmend die neue Freiheit, die diese paradiesische Welt ihr bot. Zu ihrem Glück fehlte ihr eigentlich nur noch Orlando und der Frieden mit der LFT. Doch beides war im Moment unerreichbar. Orlando war irgendwo in der Lokalen Gruppe unterwegs und der Frieden war wohl genauso fern wie Terra.

Sie verlangsamte ihren Lauf und blieb schließlich schwer atmend stehen. Sie hatte es wieder geschafft, die Strecke zu verlängern. Seit ihrer Ankunft hatte sie sich ein persönliches Fitnessprogramm aufgestellt und der morgentliche Lauf vor dem Fühstück gehörte dazu. Zwar hatte man ihr versichert, dass sie bei ihrem schlanken Körper gar nicht nötig hätte, doch sie fand, dass sie ein paar Pfunde zuviel hatte und wollte vor allem etwas tun. Sport war immer ein gutes Mittel. Ihr Atem hatte sich inzwischen beruhigt und sie nahm einen kleinen Schluck aus der mitgebrachten Wasserflasche. Dann verfiel sie in einen langsamen Trab, der sie wieder zum Schloss zurückbrachte.

Nachdem sie sich ausgiebig geduscht und angezogen hatte, ging sie in die riesige Halle, in der das Personal für die beiden Bewohnerinnen auftischte. Personal, das war auch so eine Geschichte gewesen. Rosan war fast ausgeflippt, als sie hörte, dass sogenannte Alienrassen in den Dienst der Siniestros gepresst worden waren. Als die neue Imperatrice war sie jetzt natürlich die Herrin gegenüber den Blues, Kartanin und Gurrads, die auf dem Schloss beschäftigt wurden. In einem langen Gespräch hatte sie Rosan schließlich überzeugen können, dass es für die Aliens besser wäre, wenn sie die Anweisungen an das Personal gäbe, als wenn wieder ein Widerling, wie der vorhergehende Hausmeister Hubba, für das Personal verantwortlich sein würde. Der Hinweis auf Hubba hatte dann wohl genügt, um Rosan zu überzeugen. Sie persönlich hatte nichts dagegen, sich von einer Blues oder Kartanin bedienen zu lassen, sofern man diese anständig behandelte. Sie hatte in den vergangenen Wochen gelernt, die Vorteile des quarterialen Systems zu genießen. Nur die Auswüchse, für die Widerlinge wie Hubba oder dieser grässliche Niesewitz, der sie mit seinen stechenden Augen geradezu ausgezogen hatte, verantwortlich waren, machten ihr Sorgen. Aber sie vertraute da Orlandos Wort, dass sein Vater und er schon dafür sorgen würde, dass diese Unpersonen, wenn man sie nicht mehr brauchte, aus dem öffentlichen Leben entfernt würden.

Inzwischen hatte sie die große Halle erreicht. Sie liebte es, den langen Weg durch endlose Korridore zu gehen und noch ein wenig vor sich hin zu träumen. Wenn doch wenigstens eine Nachricht von Orlando kommen würde. So, noch ganz im Gedanken, betrat sie die Halle. Ein mürrisches Guten Morgen, Uthe, empfing sie. Rosan war schon aufgestanden und erging sich anscheinend in ihrer Lieblingsbeschäftigung: Trübsal blasen und Langeweile verbreiten!

Warum konnte diese dumme Kuh das Schicksal nicht nehmen, wie es ist? Die Frau des mächtigsten Mannes der Menschheit war doch auch etwas, oder nicht? Aber nein, Frau Orbanashol-Siniestro gefiel sich in Selbstmitleid.

Dir auch einen wunderschönen, sonnigen Morgen, herzallerliebste Rosan, antwortete sie. Wenn die zickig wurde, dann konnte sie das schon lange. Aber warum reagierte Rosan nicht? Normalerweise wäre sie jetzt auf Hundertachtzig gewesen. Aber nichts, nur ein müdes Lächeln. Also doch nicht zickig, sondern am Weltschmerz verzweifelt. Änderung der Taktik.

Was hast du, Rosan? Ist etwas schlimmes gesch…?, bevor ich weitersprechen konnte, kam mir ein furchtbarer Gedanke – Orlando! Ist etwas mit Orlando? Los sag schon, ist ihm etwas geschehen?

Rosan blickte auf. Nein, Uthe, nichts!

Ich war wieder etwas beruhigt. Was ist dann los? Es vermiest mir den ganzen Tag, wenn du so traurig bist.

Ach, Uthe, du weißt schon. Wie kannst du dich mit diesem Unrechtssystem engagieren, wie kannst du überhaupt einen seiner führenden Vertreter lieben? Und ich, ich bin jetzt zwangsweise Teil dieses Systems geworden. Als Frau des Imperatore bin ich auch für die Taten verantwortlich, ich …

Rosan war immer leiser geworden, schließlich brach ihre Stimme. Es war wie jeden Tag, immer wieder das Gleiche. Für Rosan gab es nur Schwarz oder Weiß, für irgendwelche Zwischentöne war bei ihr kein Platz.

Rosan, du must auch das Gute im Menschen sehen. Der Imperatore beispielsweise ist ein großer Mann, der für Cartwheel schon viel Gutes bewirkt hat. Wenn dieser Krieg endlich vorbei ist, kommen bessere Zeiten, du wirst schon sehen. Da haben die primitiven Schlägertypen vom Range eines Niesewitz ausgedient.

Doch Rosan schüttelte nur den Kopf: Du verstehst mich nicht, Uthe! Danach sank sie an ihrem Platz zusammen.

Wenig später erschien eine der Dienerinnen und brachte auf einem silbernen Tablett einen Datenkristall.

Diese Botschaft für die Herrin Uthe ist gerade von der Welt des Großen Herrschers übermittelt worden. Möchte die Herrin Uthe ein Lesegerät?

Ja, danke, Geeli. Der ist bestimmt von Orlando!

Doch ich bekam keine Ruhe, nein Rosan musste aus ihrem Weltschmerz aufwachen und mir wieder die Stimmung vermiesen.

Geeli!, wandte sie sich an die junge Kartanin. Ich habe dir doch genau erklärt, dass es auf Paxus keinen großen Herrscher gibt, sondern nur einen Tyrannen, der dein Volk versklavt und fast ausgelöscht hat.

Sorgen, nichts als Sorgen …

Der Bericht, um den ich meinen Sohn gebeten hatte, war endlich angekommen. Dieser unterschied sich in wesentlichen Punkten von der offiziellen Darstellung durch das Qarteriale Oberkommando unter Uwahn Jenmuhs. 20 000 Schiffe verloren, mehr noch, der Nimbus von der Unbesiegbarkeit des Quarteriums war dahin. Ab jetzt, das sagte mir meine Erfahrung, wurde es ernst.

Mein Blick fiel auf den altertümlichen Standchronometer, der neben dem schweren eichernen Bücherschrank stand. Schon so spät, wo nur Despair blieb!

Wenig später klopfte es an der altertümlichen Türe seines Arbeitszimmers. Endlich, der Quarteriumsmarschall war eingetroffen.

Entschuldigen Sie, Imperatore, ich musste zuerst die CID startklar machen und unsere Reserven mobilisieren.

Ich musterte den Silbernen Ritter und erhob mich. Jovial klopfte ich meinem Recken auf die Schulter.

Aber nein, Marschall, nicht doch. Sie wollen doch nicht nach Andromeda aufbrechen?

Doch, genau das. Ich muss das Kommando übernehmen und dort retten, was noch zu retten ist, Imperatore!

Innerlich schüttelte ich den Kopf über soviel Naivität. Krieger waren so einfach gestrickt und verloren, wenn sie nicht unter der Führung eines genialen Staatsmannes standen. Ich würde dafür sorgen, dass wir nicht verlieren konnten, so oder so!

Marschall … Ich machte eine rethorische Pause. Cauthon, denken Sie bitte an das, was wir bereits besprochen haben. Meine persönliche Ansprache bewirkte, dass ich Despairs volle Aufmerksamkeit hatte.

Marschall Despair, welche Alternativen haben wir?

Ich überraschte ihn wieder mit meiner Frage und spürte förmlich, wie seine Gedanken unter dem silbernen Helm rasten, bevor er antwortete.

Wir müssen die LFT erobern …, antwortete er unsicher.

Können wir das?, stellte ich die Gegenfrage.

Dieses Mal dauerte es länger, bis er antwortete. Aber seine Antwort fiel dann auch genauso aus, wie ich es erwartet hatte. Despair gehörte nicht zu der Art von Leuten, die sich selbst in die Tasche logen.

Nein, wohl nicht mehr, antwortete er.

Was in Teufels Namen wollen Sie dann in Andromeda? Wollen Sie dort den Helden spielen und, wie man früher so schön sagte, kämpfend untergehen?

Nein, das nicht, antwortete er. Aber ist es nicht meine Pflicht, an der Spitze unserer Sol…

Er brach plötzlich ab. Es war wohl bei ihm noch nicht Hopfen und Malz verloren, er begann tatsächlich eigenmächtig zu denken. Ich beschloss nun dem Spiel, obwohl ich es genoss, ein Ende zu bereiten. Zeit war kostbar, auch für Unsterbliche!

Wir müssen an die Zukunft denken! Die Übernahme der LFT ist gescheitert, Marschall. Jetzt müssen wir an uns selbst denken und das bedeutet, dass ich den besten Strategen, den besten Feldherrn Cartwheels hier an meiner Seite brauche. Zusammen, Cauthon, wieder welchselte ich in die persönliche Ansprache, werden wir auch diese Krise überstehen. Cartwheel wird unser Herrschaftsgebiet bleiben.

Endlich schien er verstanden zu haben. Doch dann kam die Frage, auf die ich schon seit Wochen und Monaten wartete.

Imperatore … Don Philippe, warum seid Ihr dann aber gegen eine Verbindung zwischen mir und Eurer Tochter Brettany?

Habt Ihr es immer noch nicht verstanden, Despair? Ich brauche Euch, so wie Ihr seid. Wenn ich hier nur als Vater stehen würde, ich könnte mir keinen besseren Ehemann für Brettany vorstellen. Aber ich bin nicht nur ihr Vater, ich bin auch der Imperatore und ich muss unser aller Interesse wahren. Als Brettanys Ehemann würdet Ihr Eure grandiosen Fähigkeiten verlieren, Despair. Brettany würde Euch mit ihrer Moral und ihrer Güte langsam zum Zweifeln bringen. Ihr würdet zögern, wo rasche und schmerzhafte Entscheidungen gefragt sind. Deshalb, und nur deshalb, bin ich gegen diese Verbindung.

Dann war einige Minuten Stille. Der Silberne Ritter dachte nach. Dann schien er einen Entschluss gefasst zu haben.

Ihr habt Recht, Don Philippe. Danke, dass Sie so offen mit mir gesprochen haben. Ich bin nicht für die reine Liebe geschaffen, auch MODROR hat in diesem Sinne zu mir gesprochen!

Ich blickte meinen Ritter nachdenklich an. In diesem Moment bedauerte ich es, dass sein Helm, den er immer trug, seine Gesichtszüge verbarg. Warum diese Fixierung auf die Wahnidee einer reinen Liebe? Hier war der Punkt, in dem mein eiserner Ritter verwundbar war. Und ich fasste den Entschluss, auf diesen Punkt genau zu achten. Ich beschloss diese Unterredung zu beenden und ihm eine konkrete Aufgabe zu übertragen.

Im Augenblick, Marschall, müssen wir in erster Linie unsere Verluste ersetzen. Das wird Ihre Aufgabe sein, sorgen Sie dafür, dass unsere Werften in Cartwheel und Seshonaar ausgebaut werden. Diese Reserven sind dann allein für Cartwheel bestimmt.

Da kam mir noch eine Idee. Ich musste ihn auf andere Gedanken bringen.

Da fällt mir gerade ein, dass ich heute Abend einen kleinen Empfang mit etwas Belustigung in der Residenz auf Paxus gebe, Sie sind hierzu ganz herzlich eingeladen und bringen Sie doch diese kleine Sekretärin, ich glaube Yanes heißt sie, mit!

Kapitel 5
Der Andromeda-Feldzug

Hier ist Linda Lagas über INSELNET.

Ich melde mich hier mit einer Sondersendung für unsere Heimat Cartwheel von Bord des Flaggschiffes ZALIT. Die Frauen und Männer, … äh … Entschuldigung, die Männer an Bord der ZALIT erfüllen hier, fernab der Heimat, ihre Pflicht für den Imperatore, Volk und Vaterland. Mein Dank gilt dabei dem Gos’Shekur, seiner Erhabenheit Uwahn Jenmuhs, der extra für mich eine Ausnahmegenehmigung erteilte.

Genauso gilt mein Dank seiner Exzellenz Thek'Athor Toran Ebur, der sich bereit erklärte, mich an Bord seines Schiffes aufzunehmen. Ich werde die nächsten Tage und Wochen zusammen mit den Männern der ZALIT verbringen, um Ihnen an den Trividschirmen einen Eindruck vom entbehrungsreichen Dienst in der Flotte zu vermitteln.

Zu Beginn unserer Übertragungsreihe werde ich ein Interview mit dem Thek'Athor führen.

Exzellenz, darf ich meine Freude zum Ausdruck bringen, dass Sie sich bereit erklärt haben, mir, als der Vertreterin von INSELNET, alle Fragen bezüglich der gegenwärtigen Aktionen gegen das Fremdleben und die Blutsverräter zu erklären.

Miss Lagas, die Freude ist ganz meinerseits. Ich habe nicht oft die Gelegenheit, so charmanten Besuch an Bord meines Schiffes beherbergen zu dürfen.

Exzellenz, könnten Sie unsere Zuschauerinnen und Zuschauer über das Ziel der gegenwärtigen Mission informieren?

Die unter meinem Oberbefehl stehende Flottengruppe Retaliation hat die Aufgabe, die von den Blutsverrätern bewohnten Welten für den Verrat an der lemurischen Sache zu bestrafen. Nach unserem Auftrag, den mir der Gos’Shekur persönlich erteilt hat, werden wir ihre Welten in Wüsten verwandeln.

Multika – das erste Menetekel

Die Flottengruppe Retaliation fiel am Rande des Doppelsystems Multikas Stern aus dem Hyperraum. Ziel war der dritte Planet des Systems, eine erdähnliche Welt – Multika – einst das Zentrum der Multiduplikatoren. Doch diese Zeit war längst vorbei. Nachdem die CREST III einen Teil des Komplexes zerstört hatte, hatten die Maahks weite Teile der Oberfläche zerstört.

Doch das war nicht das Ende des Planeten. Als die Söhne des Lichts um Tengri Lethos, Baar Lun und Omar Hawk zwischen den Maahks und Tefrodern ein Friedensabkommen vermittelt hatten, wurde Multikas Stern zum Symbol des Friedens zwischen Menschen und Maahks ausgewählt. Gemeinsam wurde das System zu einem Handels- und Industriezentrum wiederaufgebaut, wo Sauerstoff- und Methanatmer gemeinsam Grundlagenforschung trieben und neue Produkte zur Marktreife brachten. Multika I und Multika II, der zweite und dritte Planet des Systems, waren in ganz Andromeda das Symbol für die friedliche Koexistenz von Maahks und Menschen, und dass diese für beide Rassen durchaus profitabel sein konnte.

Toran Ebur konnte sich also kein treffenderes Symbol aussuchen, wenn er die gegenseitige Zusammenarbeit zwischen Maahks und Tefrodern bis ins Mark treffen wollte.

Nach allem, was der quarteriale Nachrichtendienst, eine Unterabteilung der C.I.P, ermittelt hatte, waren die beiden Industriewelten des Multipla-Systems militärisch ungeschützt. Die Flottengruppe Retaliation würde leichtes Spiel haben und beide Planeten ein für alle Mal unbewohnbar machen, sowohl für Maahks, als auch für Tefroder.

Der Generalmarschall begrüßte die Starreporterin von INSELNET in seiner privaten Kommandeur-Suite, auf die er an Bord seines Flaggschiffes Anspruch hatte.

Ich freue mich, dass ich vor unserem glorreichen Angriff auf das minderwertige Pack die Gelegenheit habe, sie privat und ganz persönlich sprechen zu können, Exzellenz!

Der athletisch gebaute Zaliter musterte die Reporterin ungeniert. Und das, was er sah, schien ihm zu gefallen. Linda Lagas hatte sich in ein geradezu atemberaubendes Outfit geworfen, das sein Blut zum Kochen brachte.

Nennen Sie mich doch Toran, wenn wir so ganz unter uns sind. Marschall oder Exzellenz, das ist doch so förmlich.

Dann müssen Sie mich aber auch Linda nennen und, warum gehen wir nicht gleich zum du über?

Der Zaliter lachte auf und meinte, Na Linda, du scheinst ja nichts anbrennen zu lassen! Aber, bevor wir uns etwas näher kennenlernen, habe ich eine kleine Aufgabe für dich.

Mit diesen Worten zog er zwei Plastiktrinkhalme hervor, die unterschiedlich lang waren.

Nun sagen wir mal der Kurze steht für Nummer drei, also die Tefroder und der Längere für die Nummer zwei. Du ziehst jetzt einfach und je nach dem …

Ich darf tatsächlich entscheiden, welches Gesocks wir zuerst ausrotten?

Ebur hielt ihr nur wortlos die beide Halme hin. Und Linda Lagos zog einen Halm. Ihr Gesichtsausdruck dabei war eine einzige Maske der Gier und der Faszination am Bösen.

Lang … geil …!

Der Tod kam über den zweiten Planeten, der Tod von den Sternen. Toran Eburs Flottengruppe zerschlug die schwache Systemverteidigung und ging über Multika I, einem typischen Vertreter der heißen jupiterähnlichen Planeten, in einen tiefgestapelten Orbit. Eine zweite Gruppe nahm Kurs auf Multika II, die Industriewelt der Tefroder. Ihre Aufgabe bestand darin, jede Flucht von dem Planeten zu verhindern. Toran Ebur hatte bei der Ausgabe der Einsatzbefehle zynisch gemeint, dass er Wert darauf lege, eine vollständige Ernte einzufahren.

Genau um 10 Uhr Cartwheel-Systemzeit eröffnete der innere Ring der Supremo-Schlachtschiffe das Feuer. Der Zaliter wollte keinen schnellen Tod für die Welt der Maahks ‑ nein, er wollte ein Exempel statuieren. Die Methans sollten bluten, bluten für die Demütigung des Gos’Shekur und zahlen, für jedes quarteriale Leben mit ungezählten Leben ihrer verabscheuungswürdigen Spezies.

Nachdem er einige Zeit der Bombardierung des Planeten zugesehen hatte, zog er sich wieder in seine private Suite zurück. Die unpersönlichen Explosionen der Fussionsbomben befriedigten nicht seinen Durst nach Rache – nein, er wollte dem Falschleben persönlich gegenüber stehen. Er wollte es selbst auslöschen. Mit geübten Griffen öffnete er die Borduniform und griff nach dem Kampfanzug. In diesem Augenblick ertönte das Kommunikationssignal. Jemand stand vor seiner Türe. Halb nackt betätigte er den Öffnungssensor, nicht dass es ihn wirklich überrascht hätte, vor ihm stand Linda, die sich mit der Zunge lüstern die Lippen leckte.

Willst du mich nicht mitnehmen, großer Krieger. Ich möchte es persönlich sehen, wenn diese stinkenden Methan atmenden Bestien durch dich zerrissen werden.

Toran Ebur verbesserte sie automatisch: Nicht Methanatmer! Dieses Dreckspack atmet Wasserstoff, reinen Wasserstoff, und ja, ich bin einverstanden!

Gewaltsam löste er sich aus der engen Umklammerung ‑ nicht jetzt, dafür war später noch genügend Zeit. Er aktivierte den Interkom und gab die Anweisung, einen Kampfanzug in seine Suite zu bringen. Die Ordonnanz, deren einzige Aufgabe es war, seine Befehle auszuführen, fragte dann noch nach der Größe. Mit geübtem Blick musterte er sie, etwa 1,65 Meter, unter 60 kg, atemberaubender Vorbau … Größe SFC und … Er überlegte noch einen kurzen Moment. … bringen Sie auch einen Kombistrahler mit!

Die Ordonnanz nickte und beendete das Gespräch. Inzwischen hatte er die Magnetsäume seines Kampfanzuges geschlossen. Mit geübtem Griff holte er den schwarz polierten Kasten aus dem besonders gesicherten Safe. Es war wieder soweit, sein liebstes Spielzeug würde Arbeit bekommen. In diesem Moment brachte die Ordonnanz den angeforderten Kampfanzug mit dem Kombistrahler. Er nahm beides ab und wandte sich Linda zu. Diese stand an seinem Arbeitstisch und starrte ihn aus großen Augen an.

Da … das i – ist … du du … hast … eine Strega! Darf ich die mal anfassen?

Amüsiert grinsend nahm er die Waffe und nickte mit dem Kopf. Dann fuhr er mit dem Lauf der Waffe ihre atemberaubenden Kurven nach. Mit geübtem Blick überzeugte er sich, dass sie gesichert war, bevor er sie ihr überließ. Fast ehrfürchtig nahm sie sie entgegen und streichelte über das schwarz glänzende Metall mit einer geradezu obszönen Geste.

Wie kommt es …?

Ich bin Zaliter. Trerok war meiner Familie noch einen Gefallen schuldig.

Die dichte Atmosphäre aus Ammoniak, Wasserstoff und Methan war für menschliche Augen nahezu undurchdringlich. Doch die brillenartigen Sichtgeräte, die er und seine Begleiterin trugen, durchdrangen die graubrauen Schlieren mühelos. Der Zaliter und die Terranerin standen aufrecht in einem offenen Spezialgleiter, nur durch einen Prallschirm mit -Komponente von der giftigen Atmosphäre getrennt. Ein Antigrav-Konturfeld umhüllte den Gleiter samt seinen Insassen und reduzierte die planetare Schwerkraft von über 2 Gravos auf erträgliche Terra-Norm.

Toran Ebur nahm die Strega an sein Auge und visierte die kleine Siedlung der Maahks an. Doch dann setzte er die Waffe wieder ab und wandte sich an seine Begleiterin.

Willst du sie mal ausprobieren?

Die zierliche Reporterin strahlte ihn mit ihren blauen Augen an. Ich darf wirklich …?

Die Maahkfamilie verging im Inferno des Konstantriss-Nadelpunkt-Thermostrahls. Und wie dieser Familie ging es tausenden anderen Familien. Armageddon hatte für Multika I begonnen.

Der Raumalarm gellte durch die ZALIT. Toran Ebur fuhr herum und herrschte seinen Ortungsoffizier an.

Was gibt es, warum der Alarm?

Maahks, Zhdopan! Unzählige Maahks und Tefroder. Die haben anscheinend alles aufgeboten, was sie haben.

Ein hässliches Grinsen glitt über Toran Eburs Gesicht. So nicht, nicht nach euren Regeln, ihr gottverdammtes Rattenpack.

Alarmstart für die gesamte Flotte! Sammeln im Punkt Zarak Vritra! Aber zuvor werden wir noch zwei Geschenke hierlassen. Schießt zwei Arkonbomben ab ‑ Multika soll brennen!

Es wurde zwar knapp, aber es reichte. Der Flotte gelang die Flucht, bevor die angreifenden Maahks und Tefroder sie stellen konnten. Jedoch der perfide Plan beide Planeten in Sonnen zu verwandeln, schlug zumindest teilweise fehl. Ein Raumjäger der Maahks ortete die für Multika II bestimmte Bombe und schoss sie ab. So rettete ein Maahk Millionen Tefrodern das Leben.

Toran Ebur dagegen wähnte sich sicher. Doch ein neues Band einte die Völker der Maahks und Tefroder – Rache für Multika!

Tefrod – das zweite Menetekel

Die beiden Männer saßen in einem kleinen Strandcafé, das zu den regierungseigenen Versorgungsbetrieben gehörte, und genossen das belebende Getränk. Beide hatten die Energiespritze bitter nötig, denn sowohl Aurec als auch Cascal hatten seit mehreren Tagen nicht mehr geschlafen. Die Kaffeepause war nur kurz, danach stand ein Treffen mit dem Virth an. Der Terraner und der Saggittone hatten es übernommen, Tefrod auf die zu erwartende Invasion des Quarteriums vorzubereiten.

Alle Hoffnungen ruhten dabei in den Hinterlassenschaften einer Macht, die überall als die Verkörperung des Bösen galt. Laut der Angabe der zentralen Imptronik des alten Stützpunktes auf dem 5. Planeten mussten auf Tefrod entsprechende Anlagen für einen planetaren Schutzschirm vorhanden sein. Doch bisher war die Suche vergebens. Die Suchkommandos blieben bisher ohne Erfolg. Der Virth hatte die beiden Vertreter der Liga gegen 10 Uhr in seinen wieder notdürftig instant gesetzten Regierungssitz eingeladen. Kurz vor dem vereinbarten Termin brachen die beiden auf. Sie waren sehr gespannt, warum der Virth sie zusammen eingeladen hatte.

Der Virth hatte uns vor der provisorischen Verwaltungszentrale erwartet. Zuerst begrüßte er mich als Kanzler Saggittors und dann Joak. Er bat uns, mit ihm die Hallen der Macht zu suchen. Bei der Nennung des Namens horchte ich auf. Diese Bezeichnung klang vielversprechend, auf jeden Fall sehr alt. Der Weg führte uns zuerst in die tiefste Ebene des Palastes der Morgenröte, die wir über den Antigrav-Liftschacht erreichten. Danach folgten wir einem alten, lange nicht mehr benutzten Gang, der uns immer tiefer in den Untergrund der Regierungsinsel führte. Die mit Plastron ausgekleideten Gänge waren längst dem bloßen Felsen gewichen, was als Hinweis auf das Alter der unterirdischen Anlage gewertet werden konnte. Schließlich schien der Gang im Fels zu enden. Doch der Virth trat vor eine Felsplatte und legte seine Hand auf eine glatt geschliffene Fläche. Dies schien irgendeinen Mechanismus auszulösen, denn vor uns verschwand der Fels und es wurde eine Treppe in die Tiefe sichtbar. Joak leuchtete mit seinem Leuchtstab in die Tiefe. Im scharfen Lichtkegel wurden jedoch keine weiteren Details sichtbar. Nur die Treppe.

Etwa eine halbe Stunde später und Hunderte von Treppenstufen tiefer schienen wir endlich am Ziel zu sein. Wie zuvor endete plötzlich alles im Fels. Doch die Hand des Virth bewirkte erneut Wunder ‑ vor uns öffnete sich die kleine Kaverne zu einem riesigen Saal. Die Illusion, sofern es eine gewesen war, schien perfekt gewesen zu sein. Nichts hatte vorher darauf hingedeutet, dass der massive Fels in Wirklichkeit ein sich in der Unendlichkeit verlierender Hohlraum war. Irgendwie glaubte ich nicht mehr an Illusionsfelder, doch der Virth schüttelte nur bedauernd den Kopf, als ich ihn darauf ansprach und bemerkte, dass er keinerlei Informationen über die hier verwendete Technik hatte.

Joak hatte sich inzwischen umgeschaut und pfiff leise durch die Zähne. Die Station reagierte auf uns. Ein diffuses Leuchten erhellte die unmittelbare Umgebung und holte die trügerischen Silhouetten undefinierbarer Geräteblöcke, wenigstens hielt ich sie für solche, aus der Dunkelheit. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und fokussierte den Lichtstrahl meines Leuchtstabes. Doch es war keine Begrenzung des umgebenden Raumes festzustellen. Der ganze Ort machte auf mich den Eindruck einer alten, unbegreiflichen Technik. Plötzlich verdichtete sich das diffuse Leuchten zu grellem Licht. Ich schrie und presste mir die Hände vor die geblendeten Augen. Neben mir schrien Joak und der Virth, denen es anscheinend genauso ging. Doch genauso schnell, wie es begonnen hatte, war es auch wieder vorbei. Als sich die gepeinigten Augen beruhigt hatten, hatte sich die gesamte Umgebung verändert. Wir standen in einem normalen Kontrollraum. Nichts erinnerte mehr an die unwirkliche Halle, die sich in der Unendlichkeit verlor.

Der Virth war der Erste, der unser andächtiges Schweigen brach.

Die alten Legenden sind Wirklichkeit geworden. Wir haben die Hallen der Macht gefunden.

Und tief unter uns ertönte ein dumpfes Grollen. Uralte, längst vergessene Maschinen erwachten zum Leben, aus dem Schlaf der Jahrtausende gerissen.

Jetzt war es höchste Zeit, dass wir die Anlagen untersuchten. Jenmuhs würde uns nicht mehr lange eine Galgenfrist einräumen, das war sicher. Dr. Marky Laangmuuk und sein Team arbeiteten fieberhaft und schafften es tatsächlich, den Planeten umfassenden Schutzschirm in Betrieb zu nehmen.

Aurec und Cascal waren mit der DERINGHOUSE in eine orbitale Parkbahn um Tefrod gegangen, denn sie wollten sich das zu erwartende Schauspiel nicht entgehen lassen. Und so wurden sie Zeuge, wie sich der Planet in einen durchsichtigen, blauen Schleier hüllte. Der Abstand zwischen der Schirmhülle und dem Planeten entsprach in etwa der Entfernung zwischen der guten alten Erde und dem Mond. Und wieder fragten wir uns, woher die unbekannte Technik die benötigte Energie bezog.

Wir waren nach Tefrod umgezogen. Cascals 50 Kreuzer waren nun auf dem Raumhafen von Vircho stationiert. Die Türe in die Vergangenheit war wieder verschlossen, der fünfte Planet genauso unbedeutend, wie er immer eingeschätzt wurde. Nachdem es gelungen war, den planetaren Schutzschirm um Tefrod wieder zu aktivieren, hatte uns der Zentralrechner der alten Station auf dem fünften Planeten faktisch hinausgeworfen. Selbst ich hatte nichts ändern können, aber wenigstens eine Erklärung erhalten. Laut der Impotronik würde die Gefahr bestehen, dass übergeordnete Mächte auf die Existenz des Stützpunktes aufmerksam würden. Als Cascal nach Shara fragte, bekamen wir die Aussage, dass die Tochter des Virth weiterhin auf ihre Aufgabe vorbereitet werden müsse. Und dann noch der ominöse Hinweis, dass die Zukunft in der Vergangenheit liegt. Danach wurden wir mittels Situationstransmitter nach Vircho versetzt und die gesamte Station war verschwunden.

Es war soweit. Die Flotte des Quarteriums hatte Tefrod eingeschlossen. Etwa 20 000 Supremos umschlossen die Hauptwelt des Tamaniums und versuchten, den planetaren Schutzschirm zu durchbrechen. Bisher ohne jeden nennenswerten Erfolg. Salve um Salve schlug in den blau leuchtenden Schirm ein. Die Frauen und Männer der 777. waren mit dem gesamten schweren Gerät ausgeschleust worden und verstärkten die Bodentruppen der Tefroder. Ich befand mich nach wie vor mit Cascal in der Zentrale der DERINGHOUSE und wartete darauf, dass dem quarterialen Befehlshaber etwas anderes als das wirkungslose Dauerbombardement einfiel. Aber gut, je länger das ging, umso mehr stiegen unsere Chancen. Ich vertraute darauf, dass Perry Rhodan mit der 8. Terranischen Flotte rechtzeitig zurückkommen und uns heraushauen würde. Aber im Moment waren wir noch sicher, denn der Schirm hielt.

Admiral Orlando de la Siniestro beobachtete die Vorgehensweise seines Nachfolgers mit gemischten Gefühlen. Benington selbst ignorierte ihn. Sizemore hatte die PAXUS vor einigen Minuten verlassen, denn dem direkten Befehl seines neuen Vorgesetzten konnte er sich nicht widersetzen. Wahrscheinlich war dieser mit seinem Latein am Ende, da der Dauerbeschuss wirkungslos blieb.

Die PAXUS stand außerhalb des Belagerungsringes und hatte dadurch einen guten Überblick. Im Moment schien sich etwas zu tun. Wahrscheinlich hatte Sizemore eine Strategie entwickelt, um den Schirm zu knacken. Gespannt beobachtete Orlando die Entwicklung. Ein Supremo-D-Schlachtschiff schien im Mittelpunkt der Planungen zu stehen und wurde gerade von den anderen Schiffen beladen. Gleichzeitig sammelten sich hinter dem Supremo Staffel um Staffel der ZECKE-Jagdbomber. Jetzt wurde ihm Sizemores Taktik klar. Der Supremo wurde wohl mit Bomben aller Art vollgestopft und dann am Schirm zur Explosion gebracht. Dabei hoffte man, dass eine Strukturlücke auftreten würde, in die die Raumzecken stoßen würden. Ein brillanter, aber für die Piloten der Zecken lebensgefährlicher Plan.

Ich stapfte unruhig in der Zentrale der DERINGHOUSE auf und ab. Major Mezhal, der Kommandant, schaute unwillig zu mir herüber.

Ja, schon gut, ich weiß, dass ich euch auf die Nerven gehe, aber irgendetwas passiert, das spüre ich.

Meine Vorahnung wurde immer drängender. Ich musste etwas unternehmen, das spürte ich. Auch Joak wirkte angespannt. Bevor er etwas zu mir sagte, schrillte der Alarm durch die Zentrale. Leutnant di Ravola, der Ortungsoffizier, schrie: Strukturriss im Schirm, Sir!

Cascal überlegte keinen Moment und aktivierte die Führungskommunikation.

Alarmstart für die NIMRODs. Alle geraden Staffeln raus, Jagd frei auf alles, was durch den Riss kommt.

Einige Sekunden später zeigten die Flugkontrollen, dass die 50 Jäger der DERINGHOUSE im Raum waren. Gleichzeitig starteten die übrigen INVINCIBLEs von Vircho und schleusten bereits während des Starts die Jäger aus ‑ ein Manöver, das Cascal mit seinen Leuten auf Overdark bis zur Perfektion geübt hatte. Ein tiefes Dröhnen, das trotz der Andrucksneutralisatoren die Zelle des Kreuzers vibrieren ließ, zeigte mir, dass Major Mezhal das Schiff unter Volllast auf die inzwischen in tiefem Violett zerfasernde Strukturlücke beschleunigte. Im kosmischen Maßstab war die Entfernung zum Schirmfeld nur ein Wimpernschlag, aber eine Masse musste auch im Zeitalter der Überlichtfaktoren zuerst beschleunigt werden.

Die 12 Staffeln des 3. Jabo-Geschwaders der MANKIND, dem Flaggschiff Generalmarschalls Beningtons, hatten ganz vorne Position bezogen. Sergeant Dean Flannagan war froh, dass der Geschwaderkommodore, Major Tibor Hasmusson, Wert darauf legte, dass sein Geschwader immer ganz vorne dabei war. Wenn der Plan gelingen sollte, durch die Explosion des Supremo-D einen Strukturriss zu erzeugen, dann war ein Platz in der ersten Reihe so gut wie eine Lebensversicherung.

Vor dem Bug der ZECKE explodierte der Supremo. Die Detonation des mit Bomben vollgestopften Schiffes durchbrach die Grenzschicht zwischen den Dimensionen und destabilisierte den blauen Schutzschirm Tefrods. Das war der Augenblick, auf den die ZECKEN gewartet hatten. Die quarterialen Jagdbomber beschleunigten mit Höchstwerten, durchbrachen den instabilen Schutzschirm und nahmen Kurs auf Tefrod.

Gespannt beobachtete Orlando den weiteren Ablauf der Aktion. Es war schon beeindruckend, wie sich Geschwader um Geschwader um die vorgesehene Explosionsposition gruppierte. Tausende und Abertausende der ZECKEN standen bereit, um Tod und Verderben über Tefrod zu bringen. Einen Moment erfüllte unbändiger Stolz den Sohn des Imperatore. Das alles war das Werk seines Vaters. Cartwheel war zu einem freien, starken und stolzen Reich der Menschheit geworden. Doch wieder kam die Stimme tief aus seinem Inneren: Auch auf Tefrod lebten Menschen, die stark, stolz und frei sein wollten. Orlando schüttelte den Kopf. Doch dann wurde er durch das Geschehen vor ihm abgelenkt. Der Supremo explodierte und erzeugte einen dunkelviolett glühenden Aufriss in der Struktur des Universums. Unbeschreibliche Kräfte mussten dort wirksam werden und genau in diese Hölle stürzten sich die Jagdbomber. ZECKEN-Geschwader um ZECKEN-Geschwader verschwand in dem unheimlichen Schlund. Und dann war es vorbei. Menschliche Technik errang wieder die Oberhand über die gequälte Natur und verschloss den Riss in den Dimensionen. Jetzt verschwanden die Geschwader nicht mehr, nein, die Maschinen explodierten einfach, sobald sie auf den nun wieder aktiven Schutzschirm prallten. Orlando bemerkte, dass er die Fingerspitzen tief in die Handflächen gebohrt hatte. Langsam öffnete er die verkrampften Fäuste. Doch es nutzte nichts, das große Sterben begann.

Mit ausdrucklosem Gesicht blickte ich auf den Holo-Gefechtsprojektionskubus, der den unmittelbaren Raum um Tefrod wiedergab. Innerhalb einer Raumkugel, die der Entfernung Erde-Mond entsprach, würde sich das Schicksal Tefrods ‑ und somit das Schicksal von Milliarden Menschen ‑ entscheiden.

Der Strukturriss hatte sich inzwischen wieder geschlossen und dadurch ein fest begrenztes Schlachtfeld bereitet. Die Kräfteverhältnisse waren in etwa ausgeglichen. Etwa 18 000 quarterialen Jagdbombern standen knapp 2000 NIMRODs und 50 INVINCIBLEs gegenüber. Dazu kamen noch diverse tefrodische Einheiten, die aber alle mehr zivilen Charakter hatten, da der gesamte Zentrumsbereich der ehemaligen MdI, entsprechend dem Friedensvertrag mit den Maahks, eine entmilitarisierte Zone bildete. Das war auch der Grund, warum Tefrod absolut unbefestigt und eine leichte Beute für jeden Aggressor war. Die tefrodischen Flotten waren in den Außengebieten Andromedas stationiert und nicht in der Lage, in den Kampf um Tefrod einzugreifen.

Jetzt kam es darauf an, welche Taktik der gegnerische Kommandeur wählen würde. Würde er versuchen, ohne Rücksicht auf eigene Verluste, den finalen Stoß zu führen oder würde er eine dezentralisierte Taktik bevorzugen? Wie ich die Militärdoktrin meiner Nachfolger einschätzte, zählten Menschleben für sie nichts, deshalb würde ich wetten, dass ein konzentrierter Angriff erfolgen würde.

Cascal blendete auf einem Display die Daten der ZECKEN ein, um nochmals eine Schwachstellenanalyse durchzuführen. In der Offensive waren sie den NIMRODs in etwa gleichwertig, doch eine Schwachstelle war unübersehbar – die Defensive! Man hatte, nur um die Nutzlast zu erhöhen, den Selbstschutz vernachlässigt. Das war die Chance für uns. Wenn der quarteriale Kommandeur tatsächlich in Keilform angreifen würde, dann konnte Cascal die überlegene Feuerkraft der INVINCIBLEs zur Wirkung bringen. Da die ZECKEN nur schwache Schutzschirme besaßen, würde das einem Scheibenschießen gleichkommen. Gespannt ließ Joak die Positionierungen der ZECKEN durch die Syntronik der DERINGHOUSE auswerten und erhielt wenig später die Bestätigung meiner Vermutungen durch den Zentralrechner. Die Menschenverachtung und der straffe Befehlsweg der quarterialen Militärdoktrin würde zum Untergang führen. Jetzt mussten wir eine Entscheidung fällen, setzten wir alles auf eine Karte oder nicht?

Die Würfel waren gefallen. Die im Raum befindlichen Jäger verteilten sich in einem engen Orbit um Tefrod, während die INVINCIBLEs mit Höchstwerten beschleunigten.

Formation aufgeben, jeder versucht es auf eigene Faust!

Der Befehl Major Hasmussons war längst überfällig. Gegen die uns gegenüberstehenden Kreuzer hatten wir keine Chance. Es handelte sich wohl um einen neuen Schiffstyp der LFT, wie die Kennungen an den Kugeln bewiesen. Also waren die Meldungen wohl richtig gewesen, dass die Besatzungstruppe unter Generalmarschall Tonkvar von technisch überlegenen Kräften aufgerieben wurde. Generaloberst Reisington, der die gesamte Operation befehligte, hatte stur wie ein Panzer an der Keilformation festgehalten, was den Kreuzern die Gelegenheit bot, ein regelrechtes Tontaubenschießen auf uns zu veranstalten. Jetzt würde es anders werden, Mann gegen Mann, jetzt würde es sich zeigen, wer über die besseren Piloten verfügte. Das Gefechtsdisplay zeigte, dass andere Geschwader unserem Beispiel folgten. In diesem Moment schienen jedoch die Kreuzer zu explodieren. Auf dem Display sah es so aus, als ob sie sich in ihre Einzelteile auflöste. Es dauerte einen Moment, bis ich begriffen hatte. Jäger! Die Kreuzer hatten gerade weitere Jäger ausgeschleust.

Prost, Mahlzeit! Gottverdammte Scheiße!

Sergeant Flannagan, beherrschen Sie sich, sonst sorge ich dafür, dass Sie nach der Rückkehr an Bord der MANKIND jeden Abend Strafdienst schieben!

Ich schluckte den Fluch, der mir auf den Lippen lag, hinunter. Der Alte hatte einfach einen an der Waffel, echt! Strafdienst! Wir mussten mal zuerst unseren Arsch retten, dann konnte der mich, solange er wollte, zum Strafdienst kommandie