
Ein intergalaktischer Krieg tobt im Jahre 1307 NGZ.
Angezettelt von den Söhnen des Chaos und geführt von ihren bereitwilligen Helfen, den Imperium Dorgon und Quarterium, sind estartischen Galaxien, Cartwheel, M 100, M 87 und die Lokale Gruppe ins Chaos gestürzt worden.
Während Perry Rhodan Seite an Seite mit dem Saggittonen Aurec gegen das Quarterium und MODRORs Armeen in der Lokalen Gruppe kämpft, stehen die Zellaktivatorträger Atlan, Alaska Saedelaere und Icho Tolot vor ihrer Exekution durch die Alysker. Dabei plante DORGON einst, dass die Alysker eine Allianz mit den Terranern schmieden sollten, um gegen MODROR zu kämpfen.
Durch die Ankunft von Osiris wurde die Exekution in letzter Sekunde verhindert. Eorthor eröffnet Atlan und seinen Gefährten weitere Enthüllungen, in deren Mittelpunkt Rodrom steht, er ist die SCHWARZE SEELE …
It's no fun 'til someone dies
Vicarious, TOOL
Die Nachtgeräusche des Chyn-Waldes lullten Drace ein. Seit einer halben Stunde lag er mit seinem Sohn im violetten Gras einer Lichtung und zählte die Sternschnuppen.
Das Firmament sieht so schön und friedlich aus
, sagte er und verschränkte die Arme unter seinem Kopf, um eine bequemere Position zu erhalten. Und doch ist es nur eine vermeintliche Schönheit. Sie verdeckt die Kämpfe, die seit Urzeiten des Kosmos geführt werden. Kämpfe, in die auch das Volk der Alysker verstrickt war und ist.
Ein dumpfer, nicht einzuordnender Laut drang über die Lippen des knapp zehnjährigen Jungen. Unentwegt und scheinbar emotionslos starrte er nach oben. Niedergeschlagenheit breitete sich in Drace aus. Er war nie so recht dahinter gekommen, was in seinem und Rircas Kind vor sich ging. Seit jeher war der Kleine verschlossen und nachdenklich. Das wäre an sich kein Grund zur Besorgnis gewesen. Doch an manchen Tagen strahlte der Zehnjährige eine Bösartigkeit und Aggressivität aus, die Drace erschaudern ließ. Obwohl dieser Zustand nur kurz aufflackerte, genügte es, um von einem aufmerksamen Beobachter wahrgenommen zu werden. Irritierend für Drace kam hinzu, dass der Junge immer ein Kampfmesser bei sich trug. Auf die Frage nach dem Warum
zuckte er so lange die Schultern, bis er und Rirca es schließlich akzeptiert hatten. An mangelnder Liebe von Seiten seiner Eltern konnte seine Aggressivität nicht liegen. Rirca und er kümmerten sich in bester Alysker-Manier um ihren einzigen Sohn.
Drace seufzte und hielt sich vor Augen, dass sich der Eindruck der Aggressivität so gar nicht mit jenem Ereignis von heute Nachmittag vertrug. Während ihres alljährlichen Wanderwochenendes in den Bergen von Compies waren sie über einen Wolfsbau gestolpert. Der junge, von seiner Mutter verlassene Wolf hatte ihnen schnell vertraut. Unter dem Gesang eines altalyskischen Liedes hatte er sich von beiden streicheln lassen. Dabei hatte Drace sich über die Sanftheit, mit der die Hände seines Sohn durch das graue, struppige Fell des Tieres geglitten waren, gefreut. Sie nährte seine Hoffnung, dass die spürbare Aggressivität nur die Phase der beginnenden Pubertät war. Schließlich hatte der Junge seine offenbar in ihm steckende Wut noch nie nach außen getragen.
Ich lege mich jetzt ins Zelt
, beschloss er spontan, weil er den Überlegungen überdrüssig geworden war. Kurz tätschelte er den Arm seines Sohnes und erhob sich. Der Junge reagierte nicht.
Bleibst du noch?
, fragte Drace.
Ja
, lautete die knappe Antwort.
Gut. Aber denke daran, dass wir morgen bei Sonnenaufgang zurück ins Tal absteigen!
Der Junge nickte unmerklich und stierte weiter in den sternenübersäten Himmel. Als sich das Geräusch des sich schließenden Zeltverschlusses in das Zirpen der Grillen mischte, schloss er kurz die Augen. Die Erleichterung, dass ihn sein Vater endlich alleine ließ, war übergroß. Am liebsten wäre er sofort aufgesprungen, doch er zügelte seine Ungeduld. Er entspannte sich und verband in Gedanken die Sonnen zu den abenteuerlichsten geometrischen Figuren. Nachdem er siebenunddreißig neue Sternbilder geformt hatte, stand er geräuschlos auf, fischte eine Lampe aus der Hosentasche und schlich vorsichtig und leise über die Lichtung in den Wald. Mit traumwandlerischer Sicherheit eilte er den Weg zurück zur Höhle des Wolfes. Als er in Sichtweite des Baus war, blieb er stehen. Er wusste, dass er sich jetzt keine hektischen Bewegungen erlauben durfte, wollte er das junge Tier nicht vertreiben.
Rodrom atmete einige Male tief durch und spürte, wie sich sein Körper beruhigte. Sein Atem verlangsamte sich und das Herz normalisierte seine Schlagzahl. Er knipste die Taschenlampe aus und vertraute sich dem hellen Mondlicht an. Sims und Tirna hingen genau gegenüber. Die schaurigen Schatten, die die Bäume und Sträucher warfen, berührten ihn nicht. Kindliche Angstphantasien hatte er nie besessen.
Entschlossen schlich er zu der kleinen Höhle und summte das Lied, das sein Vater heute Nachmittag angestimmt hatte. Ein herzhaftes Knurren ließ ihn frohlocken. Der Wolf war erwacht. Prüfend steckte er seine Schnauze nach außen und schnupperte. Als das Tier den vertrauten Geruch erkannte, hüpfte es nach draußen und gähnte herzhaft. Der Alysker streckte die linke Hand aus und der Wolf sprang zu ihm. Die Fellhaare kitzelten auf Rodroms Handrücken, als sich das Tier vertrauensvoll gegen ihn schmiegte.
Braves Kerlchen
, flüsterte er und drehte sich so, dass er sich an die rechte Flanke des Wolfs lehnte und griff sich mit der rechten Hand an die Brust. Als er die Finger an das Griffstück an seiner Brust legte, verstärkte sich seine freudige Erregung. Er agierte jetzt wie in Trance. Seine linke Hand verkrallte sich in das Kopffell, während seine Rechte in einer fließenden Bewegung das Messer aus der Scheide zog und es dem Wolf in den Hals rammte. Mit einem kraftvollen Ruck durchtrennte er die Kehle des Tieres.
Mit dem Messer vor seiner Brust verharrte er und starrte das Blut an, das von der Klinge über seinen Handrücken floss und ins Gras tropfte. Lautstark atmete er aus, während er den Kopf des Tieres losließ. Gleichzeitig verflog seine Anspannung. Er führte das Messer voller Gier zu seinen Lippen und leckte über das Blut. Dabei stieß er einen Laut der Ekstase aus. Minuten lang genoss er mit geschlossenen Augen dieses Gefühl, bis ein Ruck durch seinen Körper ging. Das Messer wanderte zurück in die Scheide und er öffnete die Augen. Ohne das ermordete Tier eines Blickes zu würdigen, drehte sich Rodrom um und rannte zurück zum Zelt. Schließlich blieben ihm nur noch vier Stunden bis Sonnenaufgang.
Das muss die Hochebene sein!
Drace wies mit dem rechten Arm auf das Hologramm, das die Region unter dem Kugelraumer wiedergab. Das Schiff kreiste seit acht Stunden um den Planeten Cluver in der Ostseite von Jianxiang. Drace tippte auf einige Sensoren in der Armlehne seines Pilotensessels und aktivierte ein zweites Hologramm. Darin schwebte eine Steintafel, die verschiedene Inschriften zierte.
Es kommt aber auch die Ebene siebzehnhundert Kilometer weiter östlich in Frage
, sagte Rirca zu ihrem Gatten, die das Hologramm von ihrem Sessel aus ebenfalls aufmerksam studierte.
Du meinst die?
Ein drittes Hologramm verdrängte die Luft zwischen Decke und Boden in der halbkugelförmigen Zentrale. Auch in ihm zeigte sich die Aufnahme einer Hochebene. Rirca erhob sich und ging die zwei Meter zu der Steinabbildung. Mit den Fingern fuhr sie darauf einige Linien nach. Genau wie hier
, meinte sie und deutete auf die Darstellung der zweiten Hochebene. Sie lag im Nordwesten einer Gebirgsgruppe, die sich über 1487 km² am größten Kontinent des Planeten erstreckte. Nach den Informationen, die der Computer des Raumers während der mehrmaligen Umkreisung von Cluver aus dem Äther gefiltert hatte, gehörte der Gebirgszug zum Bundesstaat Tremper. Er und Ligter teilten den Kontinent Profh in zwei Regionen.
Auf dem Wegweiser fällt sie gegen Westen ab – so wie die hier in Tremper. Wie war doch der Name des Plateaus?
Vanos
, half der Computer der CHLO aus.
Vanos wird von sechs Bergen umgeben.
So wie die andere Hochebene.
Hm …
Rirca beäugte skeptisch das Hologramm zu ihrer Linken, während sie mit einigen ihrer schwarzen, schulterlangen Haare eine Locke drehte. Mein Gefühl sagt mir, dass es Vanos ist.
Ma hat Recht
, drängte sich eine tiefe Stimme aus dem Hintergrund der Zentrale in das Gespräch. Die Berge bilden das perfektere Hexagon. Und darauf haben die Ahnen sicher geachtet.
Rirca drehte sich lachend zu ihrem Sohn. Danke für deine Unterstützung, Rodrom
Der fünfzehnjährige Alysker blickte seine Mutter mit kalter, ausdrucksloser Miene an.
Dann gebe ich mich geschlagen
, antwortete Drace lächelnd und lenkte die CHLO zurück nach Vanos.
Die Cluverianer, die mitten im Atomzeitalter lebten, waren nicht in der Lage, den Kugelraumer zu orten. Die Alysker versteckten sich unter einem Ortungsschutz, den nur die Kosmokraten hätten durchbrechen können. Mit Hilfe des Gravitationstriebwerks überbrückten sie die dreitausend Kilometer in wenigen Minuten. Eintausend Meter über dem höchsten Berg der Region, der zweitausendsiebenhundert Meter über die Hochebene hinausragte, verharrte der Raumer. Wieder traten die Ortungsgeräte in Aktion. Sie durchleuchteten das Plateau nach allen Regeln der alyskischen Technik. Das nunmehr einzige Hologramm in der Zentrale verdichtete sich zum Querschnitt der Ebene. Wie Blutgefäße durchzogen unzählige Stollen in unterschiedlicher Tiefe das Gestein. Nachdem der Computer seine Arbeit beendete, kam Rodrom aus dem hinteren Teil der Zentrale nach vorne und baute sich vor dem Hologramm auf.
In diesem Umkreis müssen wir suchen
, bestimmte er und deutete auf sechs, sich in Form eines Hexagons kreuzende Stollen.
Fehlt nur noch der Eingang!
Zur Not helfen wir uns mit einem Energiestrahler
, schlug Rodrom vor.
Abgelehnt
, antwortete Drace mit energischer Stimme. Wir müssen den normalen Zugang finden.
Rodrom zuckte mit den Schultern. Wenn du es uns unbedingt schwer machen willst.
Das ist eine Frage des Respekts
, sagte seine Mutter andächtig.
Die Ahnen sind seit zwanzig Millionen Jahren tot. Warum sollen wir sie über Gebühr respektieren?
Das verstehst du noch nicht.
Drace wurde lauter.
Wieder zuckte Rodrom mit den Schultern. Ruft mich, sobald ihr fündig geworden seid.
Er ging zum Antigravschacht, verharrte davor und drehte sich um. Sucht nach einem Hexagon!
, sagte er und verschwand in dem Schacht.
Nur dieser Stollen trennt uns von der georteten Höhle.
Rodrom lenkte den Strahl der Taschenlampe nach links. Scharfkantige Felsen, die mit verschiedenen Zeichen beschrieben waren, kamen durch das Licht zum Vorschein. Langsam glitt es in Bodennähe und wurde von einem sechseckigen Loch verschluckt. Rodrom bückte sich und leuchtete hinein, doch der Strahl verlor sich in der Dunkelheit.
Mindestens achtzig Meter lang
, schätzte er. Der Durchmesser ist groß genug für uns.
Er kniete nieder, legte sich auf den Boden und robbte mit der Taschenlampe in das Loch. Staub wirbelte hoch, als er sich weiter vorwärts schob. Hinter ihm fluchte sein Vater, der offenbar in die Fäkalien des Tieres gegriffen hatte, dem er ausgewichen war. Rodrom grinste in sich hinein, verkniff sich aber eine Wortmeldung. Nach endlos scheinenden Minuten in der natürlichen Röhre erkannte er vor sich das Ende des Tunnels. Er kroch schneller und steckte seinen Kopf durch das Loch. Seine Augen wurden groß.
Wow!
, rief er und rutschte in eine Höhle, die einen ungefähren Durchmesser von hundert Metern besaß.
Stalagnat um Stalagnat reihte sich aneinander, immer wieder aufgelockert durch nicht von der Decke bis zum Boden reichende Tropfsteine. Rodrom ging mehrere Schritte vom Eingang weg, als er seine Mutter hinter sich hörte. Auch sie stieß einen Laut des Erstaunens aus.
Sieh dir das an!
, rief Rodrom und deutete auf einen knapp bis zum Boden reichenden Stalaktiten. Er war komplett mit Zeichen versehen.
Ich frage mich, wie die Spectronen verhindert haben, dass der Tropfstein nachwächst und die Zeichen auslöscht.
Drace, der nun ebenfalls in die Höhle geglitten war, eilte sofort zu diesem Stalaktiten und begann laut zu lesen.
Weiser, der du unsere Zeichen richtig gefolgt bist, höre nun unseren letzten Hinweis.
Rirca trat zu ihrem Gatten, während Rodrom hinter seinen Eltern verharrte.
Finde das Fotag und es eröffnet sich dir unser Geheimnis.
Verärgert runzelte Drace die Stirn und las erneut die Schrift. Verdammt, was soll das?
, brauste er auf. Seine Stimme hallte dank der grandiosen Akustik mehrfach durch die sechseckige Höhle.
Du weißt doch, dass ihre Hinweise nicht wirklich der Rede Wert sind
, versuchte Rirca ihn zu beruhigen. Außerdem wurden wir noch immer fündig.
Rodrom schloss die Augen, weil er wusste, dass seine Eltern nun mit einer Endlosdiskussion über ihre Jagd nach dem Geheimnis der Spectronen begannen. Jenes alte Volk, das einst die Galaxis vor dem Bösen an sich gerettet haben soll. Da sie sich dabei vor zwanzig Millionen Jahren gemeinsam mit dem mysteriösen Feind ins Grab befördert hatten, existierte nichts weiter als verstreute Hinweise auf sie. Rodrom verstand nicht, warum seine Eltern derart besessen davon waren, die Hinterlassenschaften der Spectronen zu finden. Gut, sie erhofften sich Zugang zu einem Geheimwissen, das selbst jenes der Alysker in den Schatten stellen sollte, aber er glaubte nicht daran. Superzivilisationen fanden sich zu allen Zeiten in den Chroniken des Universums. Manche hatten wirklich existiert, andere wiederum gehörten ins Reich der Legende. Es klang einfach wichtig, wenn sich ein Volk auf Wurzeln eines uralten Volkes bezog. Es vergrößerte ihre Bedeutung und war dennoch nichts, um damit hausieren zu gehen. Einzig die Taten im Hier und Jetzt zählten, alles andere war dummer Humbug.
Erinnere dich an das Colis-System. Dort im Sternenobservatorium …
Rodrom hatte genug. Nach einem Ausweg suchend schlenderte er durch die Höhle. Prompt lief das Licht ins Leere. Er quetschte sich durch zwei Stalagnaten hindurch und stutzte. Schuhabdrücke führten von links kommend in die Höhle. Sofort leuchtete er das Gestein rund um den Stollen nach Wandverziehrungen ab.
Nichts.
Also hatten die Ahnen diesem Gang keine besondere Wertschätzung gegenüber gebracht. Dennoch sprachen die Abdrücke von einem Geheimnis hinter diesem Ausgang. Da seine Eltern immer noch angeregt über die Bedeutung der Zeichen diskutierten, beschloss er, die Spuren allein zu verfolgen. Er marschierte in den Gang. Rirca und Drace wurden leiser und nach einigen Schritten verstummten ihre Stimmen komplett. Schritt um Schritt hantelte er sich am Strahl der Taschenlampe entlang. Die Schatten der über- und vorhängenden Felsen warfen seltsame Figuren und er versuchte in dem einen oder anderen eines der vielzähligen Ungeheuer aus den Legenden von Alysk zu erkennen. Meist vergebens.
Eine Abzweigung stoppte ihn. Er kniete nieder und betrachtete die Schuhabdrücke genauer. Das Profil erinnerte ihn an die Stiefel, die er selbst trug: Rutschfest, kontakthitzefest bis 1000 Grad, mikroben- und säurebeständig, wasserdicht, schockabsorbierend, hitze- und kälteisoliert gepaart mit Fersendämpfung und perfekter Abrolleigenschaften. Obwohl die cluverianische Wissenschaft noch Lichtjahre von der Perfektion alyskischer Schuhtechnolgie entfernt war, fanden sich letztendlich im Universum für dieselben Probleme identische Lösungen. Und das drückte sich in ähnlichen Ausführungen aus.
Rodrom erhob sich wieder und erhellte den rechten Stollen. Keine Spuren, also interessierte er ihn nicht. Er wählte die linke Abzweigung. Nach hundert Meter blieb er irritiert stehen. Die Spuren am Boden hatten sich verändert. Aus zwei Fußabdrücken wurden vier. An der Felsenwand zeichnete sich im Staub der Umriss eines Körpers ab. Entweder war eine Person zu der im Gang gehenden hinzugekommen oder der Marschierer hatte sie getragen und nunmehr abgestellt.
Rodrom entsann sich nicht, dass die Cluverianer über parapsychologische Fähigkeiten wie die Teleportation verfügten, also kam nur die zweite Interpretation in Frage. Er stellte sich neben dem Umriss. Er war um einen Kopf kleiner als er. Rodrom war jedoch für sein Alter hochgewachsen, also konnte es sich durchaus um einen cluverianischen Erwachsenen handeln. Er leuchtete weiter in den Gang – zwei Fußspuren. Also hatte der eine, den anderen wieder über die Schulter gelegt. Als er den Arm hob, fraß sich der Strahl weiter in die Dunkelheit und verlor sich im Nichts.
Rodroms Neugier zwang ihn zu einem gemächlichen Dauerlauf. Mit der gewählten Geschwindigkeit lief er problemlos drei Stunden. Immerhin war er nicht umsonst der alyskische Jugendmeister im Marathon.
Nach fünfzehn Minuten drang ein spitzer Laut an sein Ohr. Abrupt bremste er seinen Lauf und lauschte.
Nichts.
Um sich besser zu konzentrieren, drehte er die Lampe ab und ließ sich vom Halbdunkeln einhüllen. Damit musste der Gang irgendwo vor ihm enden. Ein leichter Luftzug, der ihm über das Gesicht strich, bestätigte diesen Eindruck.
Ein Schrei – eindeutig weiblich und ihn höchster Not ausgestoßen - ließ ihn seinen Kopf heben. Männliches, gehässiges Lachen mischte sich in den Schrei. Rodrom schloss die Augen und wartete auf weitere Geräusche. Er glaubte, den Mann sprechen zu hören, während die Frau weiter wimmerte.
Rodrom eilte los. Der Stollen wand sich nach rechts und sofort sah er den Ausgang. Vorsichtig, jedes Geräusch vermeidend, schlich er zu dem Lichtvorhang und späte hindurch. Eine kleine Höhle tat sich vor ihm auf, in der sich nur wenige Tropfsteinsäulen gebildet hatten. Im Vergleich mit der Höhle, aus der Rodrom kam, war sie geradezu leer. Und dennoch gab es eine Auffälligkeit, die Rodroms Augen groß werden ließen. Sein Puls stieg.
Eine nackte Frau war mit gespreizten Armen und Beinen an zwei Stalagnaten gefesselt. Sie wirkte kraftlos und nur die Stricke verhinderten, dass sie am Boden landete. Ihre blonden Haare hingen wie ihr Kopf nach unten und bedeckten Teile ihrer Brüste. Blutige Striemen an Oberschenkeln und Unterbauch zeugten von einer brutalen Behandlung.
Rechts von ihr hantierte ein Mann über einem Felsen. Da er mit dem Rücken zu ihm stand, nutzte Rodrom die Gelegenheit und huschte in die Höhle. Einige Meter vom Eingang entfernt kauerte er sich hinter zwei Felsbrocken und lugte durch das natürliche Sichtfenster zwischen ihnen.
Der Mann drehte sich abrupt um. Prüfend betrachtete er den Einlass der Höhle.
Wo war ich stehen geblieben?
, fragte er die gefesselte Frau, als er nichts Verdächtiges wahrgenommen hatte.
Seine Stimme klang beherrscht und exakt. Richtig
, antwortete er selbst und hob die Hände vor ihr Gesicht. Ich wollte, dass deine Brustwarzen mit diesen Nadeln Bekanntschaft schließen.
Da der Cluverianer ihm die Sicht verdeckte, schob sich Rodrom über die Deckung. In seinem Verlangen mehr zu sehen, lehnte er sich nach rechts und stützte sich dabei mit beiden Händen auf dem Felsen ab. Doch letztendlich hörte er nur das gequälte Stöhnen der Frau. Rodrom ließ seinen Gedanken freien Lauf und stellte sich vor, wie der Mann die Nadeln ins Fleisch seines Opfers trieb. Die Imagination von tropfendem Blut nahm ihn gefangen. Sein Atem beschleunigte sich. Instinktiv drückte er sein Becken gegen den Felsen und rieb sich daran. Gemeinsam mit den sich steigernden Schmerzensschreie der Frau wurden seine Bewegungen heftiger. Bis er kam. Laut.
Gleichzeitig quäkte die Stimme seines Vaters aus dem kleinen Kommunikator an seinem Halsstück. Erschrocken riss Rodrom die Augen auf. Er sah noch wie der Mann mit erhobenen Fäusten auf ihn zusprang, dann schlug Finsternis über ihn zusammen.
Von einem Moment zum anderen kehrte er in die Realität zurück. Sicherheitshalber unterdrückte er den Impuls seine Augen zu öffnen. Rodrom konzentrierte sich auf die anderen Wahrnehmungen. Er lag auf dem Bauch auf einem Steinboden. Seine Arme waren mit Handschellen, die ihm ins Fleisch schnitten, auf den Rücken gefesselt. An den Beinen spürte er keinerlei Einengungen, somit besaß er zumindest die Chance zu flüchten, falls sich der Mann nicht in der Nähe befand. Geräusche hörte er jedenfalls keine.
Als er an den Grund dachte, der ihn in diese missliche Lage gebracht hatte, wallte Ärger in ihm hoch. Wieder einmal hatte er sich seiner Lust hingegeben, doch diesmal im Ungünstigsten aller Momente. Dabei war er sich sicher gewesen, bereits genügend Selbstbeherrschung entwickelt zu haben, um seinen Trieb rational zu steuern. Er fluchte lautlos und schwor sich, noch intensiver an seiner Selbstherrschung zu arbeiten. Zuvor musste er jedoch aus dieser Höhle entkommen.
Du kannst zu simulieren aufhören.
Die männliche Stimme klang durch die Umgebung sehr dunkel. Obwohl der Mann Cluverianisch sprach, verstand Rodrom jedes Wort. Seine Eltern klammerten sich bei Außenerkundungen stets an das Credo der Alysker, das vor Betreten eines fremden Planeten forderte, die Sprache mittels Hypnoschulung zu lernen.
Etwas schlug gegen seinen rechten Unterschenkel, während er überlegte, ob ihn seine Eltern bereits suchten. Dreh dich auf den Rücken!
Im Herumwälzen warf Rodrom einen Blick zu der Stelle, an der die Frau gefesselt gewesen war. Sie war leer. Nur die blutigen Stricke an beiden Stalagnaten zeugten von ihrer Zweckentfremdung.
Auf einem Felsen zu Rodroms Füßen thronte ein großgewachsener Cluverianer, dessen Blick ihn aus stechend blauen Augen sezierte. Unter dem schwarzen eng anliegenden Kurzarmshirt zeichneten sich deutlich entwickelte Muskeln ab. Die schwarzen Haare lagen Millimeter genau gelegt auf dem Kopf und eine Locke hing einen Zentimeter in die Stirn. Sein Gesicht war kantig und er wirkte beherrscht. Die dunkelblaue Hose wies keinerlei Falten auf. Alles in allem erweckte er bei Rodrom den Eindruck eines Mannes, der wusste, wie er sich in Szene setzte. Rodrom vermutete, dass er sich genau aus diesem Grund auf dem Felsbrocken niedergelassen hatte, über dem ein Stalaktit seinen Weg nach unten suchte. Wäre er durch Zufall abgebrochen, hätte er sich in den Kopf des Cluverianers gebohrt.
So, was bist du für einer?
Sein Tonfall ließ Rodrom darauf schließen, dass der Mann keinen Widerspruch gewohnt war.
Rodrom blieb ausdruckslos.
Sein Trieb war die einzige Emotion, die er nach außen hin noch nicht zur Gänze diszipliniert hatte. Er würde diesem Mann kein Anzeichen an Schwäche bieten – egal, was sich in seinem Inneren abspielte.
Ein schweigender Höhlenforscher, dem bei sadistischen Spielchen einer abgeht
, bemerkte der Cluverianer mit gehässigem Unterton in der Stimme und kratzte sich dabei am Kinn.
Anfangs habe ich mich von der Kleidung irritieren lassen. Sie ähnelt nämlich der Uniform des Bundeskriminalamtes. Aber nachdem ich Gelegenheit hatte, deine und die deiner beiden Kameraden aus der Nähe zu betrachten, ist dieser Verdacht erloschen.
Er begleitete seine Worte durch ein Nicken. Der Schwarzhaarige hatte also seine Eltern gefunden und offenbar überwältigt. Hatte er sie in die Höhle geschleppt?
Im ersten Moment dachte ich schon, ihr habt mich erwischt.
Er lachte kurz. Es klang als wäre es ihm eine willkommene Abwechslung gewesen. Aber das war ja dann wohl nicht so.
Rodrom warf zwei schnelle Blicke nach links und rechts.
Suchst du deine Kameraden?
Der Cluverianer bleckte die Zähne. Über die reden wir später. Interessanter ist, dass du meine Worte immer noch mit Schweigen kommentierst, obwohl du sicher bemerkt hast, dass mir überzeugende Mittel und Wege zur Verfügung stehen, dich zum Reden zu animieren.
Theatralisch griff er mit der rechten Hand hinter seinen Rücken und beförderte eine silberne Pistole hervor. Lass mich rekapitulieren
, sagte er und zielte abwechselnd auf Rodroms Stirn und auf den Genitalbereich. Mit deinen schulterlangen, schwarzen Haaren und deiner Größe gehst du locker als Cluverianer durch. Aufgrund deines hellen Teints denke ich, du stammst aus dem Norden von Tremper. Dein Alter schätze ich auf … hm … fünfzehn. Du besitzt wache, intelligente Augen und so wie du mich anblickst, analysierst du jedes meiner Worte.
Rodrom unterdrückte weiterhin jede Regung, obwohl es der Mann bis jetzt auf den Punkt traf.
Irritierend ist deine Kleidung, die technische Spielereien enthält, die ich auf Cluver noch nie gesehen habe. Und ich bin so etwas wie ein Spezialist, wenn wir über außergewöhnliche Technik sprechen.
Der Schuss peitschte so überraschend durch die Höhle, dass Rodrom zu keiner Reaktion fähig war. Wie erstarrt glaubte er, das Projektil über seinen Kopf hinweg streichen zu fühlen. Erst als Gesteinssplitter auf sein Gesicht prasselten, schloss er schützend die Augen. Sein Herz überschlug sich regelrecht, während in seinen Ohren der Donner nachhallte, doch er verkniff sich immer noch jede äußere Panikreaktion.
Und furchtlos bist du ebenfalls.
In seinem Tonfall mischte sich Anerkennung. Aber vielleicht hast du vorhergesehen, dass ich ein exzellenter Schütze bin.
Er grinste und legte den Waffenarm auf seinen rechten Oberschenkel. Wieso hast du so spitze Ohren?
Gendefekt
, antwortete Rodrom im selben leichten Nordstaaten-Akzent wie der Mann ohne Namen.
Oh, es spricht. Welch Wunder.
Der Mann richtete sich auf, stellte sich über Rodrom und boxte ihm mit der Faust ins Gesicht. Verarschen kann ich mich selbst!
Demonstrativ leckte sich Rodrom das Blut von den Lippen. Gendefekt
, wiederholte er stur. Wut und Hass meldeten sich in ihm zu Wort. Er entschied, dass der Mann keines natürlichen Todes sterben würde. Irgendwann in nahender Zukunft.
Und vermutlich ist es auch ein defektes Gen, dass du nur bei sadistischen Spielen einen hoch kriegst.
Er beugte sich tiefer zu dem Alysker hinab. Was soll ich mit dir machen?
Rodrom hielt seinem Blick stand, obwohl es ihm schwer fiel. Der Cluverianer wusste genau, wie er seine Blicke einsetzen musste. Vermutlich kuschten alle Leute vor ihm.
Ich könnte dich töten, genauso wie deine beiden Begleiter.
Äußerlich emotionslos nahm Rodrom den Tod seiner Eltern zur Kenntnis. Im Inneren spürte er Wehmut und ein wenig Trauer. Er vertrieb dieses Gefühl aber mit dem Gedanken daran, dass jeder Alysker einmal sterben musste. Und ein Tag war so gut wie jeder andere. Auch sein eigener Tod schreckte ihn nicht.
Viel dürften sie dir wohl nicht bedeuten, wenn du es so regungslos hinnimmst.
Der Mann zog ihn näher an sich heran. Übrigens: Obwohl deine Selbstbeherrschung sehr, sehr gut ist … deine Halsschlagader pumpt so stark, dass sie sich unter der Haut abzeichnet.
Am liebsten hätte Rodrom laut aufgeschrieen. In die Wut über sich selbst mischte sich seine Hochachtung vor der Beobachtungsgabe des Cluverianers. Von ihm hätte er viel lernen können.
Oder ich könnte dir anbieten
, sinnierte der Schwarzhaarige weiter, deine offensichtlich vorhandene sadistische Ader auszuloten.
Rodroms Augen wurden groß. Dieses Angebot würde er nicht abschlagen.
Ah, wusste ich doch, dass dir das gefällt. Wobei … das ist vorläufig nur ein Gedanke, nicht mehr und nicht weniger. Wir kennen uns noch überhaupt nicht, also weiß ich nicht, ob wir uns gegenseitig in den Überlegungen befruchten. Aber irgendetwas in meinem Inneren sagt mir, dass du so bist wie ich vor zwei Jahrzehnten. Also verdienst du eine Chance an meiner Seite.
Er ließ Rodrom los.
Ups
, kommentierte der Cluverianer, als Rodrom mit dem Hinterkopf auf den Steinboden prallte. Grinsend steckte er die Waffe zurück in das Holster am Rücken. Ich bin Allin Durha.
Mit diesen Worten zerrte er Rodrom hoch und stellte ihn auf die Beine. Ich werde dich unter meine Fittiche nehmen und du erzählst mir im Gegenzug etwas über diese technischen Details an deiner Kombination.
Allin deutete nach links in einen der Stollen. Aber das besprechen wir in Durha Manor.
Rodrom lehnte sich mit der linken Schulter gegen den hölzernen Türpfosten und blickte über Allins Hinterkopf hinweg zur Leinwand. Sein väterlicher Freund kauerte auf der weißen Ledercouch und hatte ihn noch nicht bemerkt. Der Projektor an der Decke verwandelte die über Satellit eingehenden Datenpakete der Abendnachrichten in bewegte Bilder. Der Star-Reporter des größten Nachrichtensenders der Hauptstadt Milio posierte vor den Eingangstoren eines beliebten Parks. Sein Gesichtausdruck zeigte eine Mischung aus Entsetzen, Trauer und Wut. Neben ihm kam eine Frau ins Bild, deren von schwarzen Haaren umrahmtes Gesicht nur zwei Emotionen zeigte: Wut und Hass. Selten hatte Rodrom ein derartig hohes Emotionsniveau bei einem Cluverianer gesehen.
Heute hat sich diese Bestie die Falsche ausgesucht!
, rief die Frau mit sich überschlagender Stimme ins Mikrofon. Ich werde nicht eher ruhen bis ich diesen Mistkerl hinter Gitter bringe.
Frau Etan, der Polizeisprecher hat anklingen lassen, dass erstmals in dieser seit Jahren anhaltenden Mordserie Spuren gefunden wurden.
Etan nickte heftig. Und genau dort werde ich ansetzen!
Sie entriss dem Reporter das Mikrofon und blickte intensiv in die Kamera. Ich weiß, dass du zusiehst, du Schwein!
Ihre Augen sprühten förmlich vor Feindseligkeit und Verbissenheit. Merke dir meine Worte: Ich! Kriege! Dich!
Sie warf dem Reporter das Mikro zu und verschwand aus dem Kamerabereich.
Mit diesen bestimmenden Worten gebe ich zurück zur Zentrale. Das war Isor Datos für Milio TV.
Das Bild wechselte ins Studio, in dem eine rothaarige Frau zum nächsten Nachrichtenblock überging.
Wirst du alt?
, fragte Rodrom.
Allin drehte seinen Kopf bis zu den Schultern. Nein.
Nun, die Polizei spricht von ersten Spuren.
Rodrom schlenderte in den Fernsehraum und bediente sich an der großzügig gefüllten Bar.
Wenn sie welche entdeckt haben, sind sie nicht von mir!
Rodrom beförderte zwei Eiskugeln in den goldfarbenen Hamsthos und schwenkte das bauchige Glas. Kurz roch er an der hochprozentigen, violetten Flüssigkeit und nippte danach an ihr.
Glaubst du, dass sie nach all den Jahren die Taktik ändern und Spuren erfinden?
Rodrom schlurfte zur Couch und stellte sich Allin gegenüber.
Möglich ist alles.
Er zuckte mit den Schultern. Aber was immer sie versuchen – sie werden uns nicht fassen.
Dich. Die Kleine geht auf dein Konto
, präzisierte Rodrom.
Von mir aus
, lenkte Allin ein. Ich konnte es mir einfach nicht verkneifen. Wenn du sie gesehen hättest, wie sie mit ihren blonden Locken …
Ich kenne die Aufzeichnung.
Rodrom leerte das Glas in einem Zug. Sie war in der Tat höchst schnuckelig. Aber ihre Schwester gefällt mir besser.
Die Star-Reporterin?
Rodrom nickte. Mich fasziniert ihre Impulsivität. Und bevor sie ihren Schwur wahr macht und dich zur Strecke bringt, werde ich mich mit ihr beschäftigen.
Allin grinste verschlagen. Ein Schwesternpaar … das ist sogar für uns eine Premiere.
Ich denke, Vita Etan enttäuscht uns nicht. Sie ist mit Sicherheit eine Herausforderung.
Gute Jagd!
Werde ich haben. Garantiert!
Rodrom parkte seinen schwarzen Sportflitzer in der Garage, die der Sidfi-Kirche am nächsten lag. Mit einem Tastendruck deaktivierte er den Musikspieler. Er lehnte sich im Sitz zurück, schloss die Augen und ging in Gedanken die Ergebnisse der Nachforschungen über Vita Etan durch. Ein knappes halbes Jahr Recherche bezeugten einen noch nie dagewesenen Aufwand. Aber da sie sich seit dem Tod ihrer Schwester noch häufiger als zuvor im Rampenlicht bewegte, musste er vorsichtig agieren. Fehler konnte er sich bei ihr nicht leisten. Und Vorarbeit war bekanntlich die halbe Miete.
In verschiedenen Masken war er ihr überall hin gefolgt, wo er als Fremder Zutritt hatte. Er kannte ihre Hobbys, ihre Vorlieben beim Essen und wusste eines der wichtigsten Dinge überhaupt: den Charakter des Mannes, dem sie das Tor zu ihrem Herzen öffnete.
Ärger über ihre Arroganz brandete in ihm auf. Vita Etan trabte auf einem verdammt hohen Ross durchs Leben – wie der Großteil ihrer Generation ebenfalls. Sie suchten und erwarteten den Traum-Mann und agierten dabei wie trotzige Kleinkinder, die nicht einsehen wollten, dass ihr Lieblingsspielzeug nicht existierte.
Andererseits bot genau dieses Verhaltensmuster Männern wie Rodrom unendliche Chancen. Frauen waren einerseits so kompliziert und doch wiederum so einfach. Gab man ihnen das Gefühl, der Mittelpunkt des Universums zu sein, hechelten sie vor Begeisterung und ließen sich nach Belieben manipulieren.
Rodrom öffnete die Augen und stierte in den Rückspiegel. Kurz blähte er seine Nasenflügel und lächelte. Zuerst verzog er nur die Lippen, um dann schließlich die Zähne zu zeigen. Vita, spürst du, dass dein Leben bereits in meinen Händen liegt?
Er hob den rechten Arm und schloss langsam die Finger. Mit einem kalten Lachen presste er die Luft zusammen, entfaltete die Finger und warf etwas Imaginäres zu Boden. Ein letzter Blick in den Spiegel folgte und die Grimasse zerlief. Rodrom war jetzt der junge, erfolgreiche, witzige, charmante, sensible und nachdenkliche Cluverianer, nach dem sich Vita sehnte.
Er stieg aus und verließ die Garage. Fünf Minuten lang wühlte er sich zu Fuß durch Horden von Touristen, bis er zum Sidfi-Platz in der Innenstadt gelangte. Zu allen Jahreszeiten lockte die Altstadt Besucher an. Jetzt in den vier Sommermonaten fühlte sich Rodrom als Einheimischer
im unterschiedlichen Stimmengewirr fast schon wie ein Fremder.
Rodrom musterte die Kirche. Das vor fünfhundert Jahren in Auftrag gegebene Gotteshaus vereinte drei Baustile und war erst vor dreihundert Jahren fertig gestellt worden. Die weiße Fassade der im Vergleich zu den anderen Gebetsstätten der Hauptstadt Milio kleinen Kirche kontrastierte mit dem schwarzen Holztor. Eine Tafel informierte über die Besonderheit: die Gruft. Im Keller des Gotteshauses lagerten über einhundert Särge von Pfarrerinnen und Ordensschwestern.
Eine Gemeinsamkeit von Zivilisationen, die kurz vor dem Eintritt ins Raumzeitalter standen, war ihre Verbundenheit mit einer Unzahl an Religionen. Auf Alysk als Beispiel eines Volkes, das auf Millionen von Jahren überlieferter Geschichte zurückblickte, fehlten Religionen im Wortsinn völlig. Längst war der sinnlose Glaube an ein oder mehrere vergeistigte Überwesen von der Realität abgelöst worden. Im Universum tummelten sich zwar viele Mächtige, aber keiner davon, verdiente die Bezeichnung des allgegenwärtigen, alle liebenden Gottes.
Rodrom schlenderte an den mehr als zweitausend Jahre alten Ruinen vorbei, die auf dem kreisrunden Platz vor der Kirche in zwanzig Meter Tiefe für die Nachwelt restauriert worden waren. Sie zeugten vom ehemals großen Imperium, das den ganzen Kontinent umspannt hatte. In ihrem Zusammenhang sprach die Historie von einem Weltreich. Rodrom stoppte und guckte den Schacht hinab. Mehrere Steinmauern ließen den Umriss eines Hauses erahnen. Zwei Meter über dem roten Sandboden befand sich ein Durchlass, der in Form eines Torbogens gemauert war. Es faszinierte ihn, zu sehen, um wie viele Meter der Boden durch Schutt und Ablagerungen in zwei Jahrtausenden angestiegen war.
Langsam umrundete Rodrom den abgesicherten Schacht und ging über das Kopfsteinpflaster weiter zur Kirche. Es stammte noch aus der Zeit der Monarchie, die vor knapp einhundertfünfzig Jahren durch einen unblutigen Aufstand des Volkes beendet worden war. Im Zeitalter der Atomkraft, in das die Cluverianer vor kurzem eingetreten waren, wirkten diese Steine wie eine Verhöhnung der Technik.
Er wartete, bis ein Auto an ihm vorbeigefahren war, und wanderte gemächlich über die Straße. In diesem zentralen Bereich der Innenstadt schränkten Gesetze den Straßenverkehr ein. Nur gegen Abend und Nächtens schlängelte sich der Verkehr in größerem Ausmaß durch die Gassen. Schließlich ballten sich in der Innenstadt die Nachtlokale.
Vor dem Haupteingang der Kirche blieb er stehen und blickte auf die Uhr: Zehn Minuten bis zum Beginn der Führung. Da in dem Prospekt das Bild der Führerin fehlte, musterte er die Cluverianer, die vor der Kirche warteten. Rechts von ihm lehnte eine Frau mit schwarzem T-Shirt und weißer Hose an der Mauer. Der farbige Stadtplan in ihren Händen warf sie aus der Wertung. Die Frau und der Mann hinter dem Kinderwagen kamen ebenfalls nicht in Frage. Auch die restlichen Cluverianer, die vor dem Eingang oder daneben verharrten, sahen nicht wie eine Reiseleiterin aus. Offenbar kam sie pünktlich. Genauso wie das Zielobjekt, wegen dem er heute an dieser Führung durch das unsittliche Milio
teilnahm.
Vita Etan hatte gemeinsam mit einer aus dem benachbarten Bundesstaat Ligter angereisten Freundin die Nachmittagstour gebucht. Rodrom hatte seine Hausaufgaben gemacht und bereits zu Beginn seiner intensiven Recherchen ihr Appartement verwanzt. Nichts entging ihm und so war er ein Teil ihres Lebens geworden, ohne dass sie den geringsten Verdacht hegte.
Gelangweilt drehte er sich um und musterte die Touristen, die über den kreisrunden Platz strömten. Betrachtete man die Innenstadt Milios von oben, dann befand sich die Kirche im Südwesten. Ihr gegenüber, nur getrennt durch die Ruinen, thronte die ehemalige Burg des Monarchen. Der in Form des cluverianischen Buchstabens T
errichtete Bau vereinnahmte fast achthundert Quadratmeter. Von Rodrom aus gesehen hinter dem Burggebäude erfreuten zwei Gärten das Auge des heutigen Besuchers.
Guten Tag, meine Damen und Herren! Mein Name ist Useusa und ich geleite Sie heute durchs unsittliche Milio.
Eine helle Frauenstimme buhlte gegen die Feingliedrigkeit der Fassade der ehemaligen Monarchenresidenz um seine Gunst und gewann. Er wandte sich um. Eine knapp vierzigjährige Frau mit dem Abzeichen der offiziellen Milio-Führerin hatte den Platz vor der Kirche betreten.
Frauen und Männer bewegten sich auf sie zu, darunter auch sein Zielobjekt, das mittlerweile ebenfalls zum Startpunkt der Tour gekommen war. Vita Etans Aussehen verdiente das Prädikat hervorstechend
. In einer Umfrage über die schönste Cluverianerin hätte sie eine der vorderen, wenn nicht so gar den ersten Rang belegt. Ihre schwarzen Haare fielen eine Handbreit über die Schultern. Dem aktuellen Modetrend nacheifernd waren sie stufenförmig geschnitten. Drei goldene Strähnen, eine in der Mitte und zwei an der Seite rundeten das Bild der modisch orientierten Frau ab. Daher trug sie auch die weiße Hose des neusten Lieblingsdesigners Fussini und eine weiße Bluse, unter der deutlich der türkise Büstenhalter schimmerte. Rodrom selbst stufte diese Aufmachung unter billig ein, aber er bestimmte nicht die cluverianische Damenmode. Er gestand sich jedoch, dass diese Variante durchaus geeignet war, in ihm gewisse Regungen hervorzurufen.
Ihre Freundin aus der Region Ligter ordnete er in die Kategorie durchschnittliches Aussehen
ein. Zwar hatte sie ihre Kleidung nach demselben modischen Vorbild gewählt, aber sie verblasste gegen Vitas Präsenz.
Während Useusa das Geld für die Führung einsammelte, wurde der Kreis der Leute um sie enger. Rodrom hielt sich bewusst an der Außenseite, um aus dem Augenwinkel Vita Etan zu begutachten. Sie wirkte ausgelassen und fröhlich. Nichts deutete darauf hin, dass ihre Schwester vor einem halben Jahr Opfer eines Serienmörders geworden war und dass sie ihn mit einer Verbissenheit und Akribie jagte, der Rodrom Respekt zollte. Aber er wusste, dass sie ihre wahren Gefühle hinter ihrer Fröhlichkeit verbarg. Der Tod ihrer Schwester fraß sich immer tiefer in ihr Inneres und zwang sie zu der Suche nach dem Mörder.
Als sie sich in seine Richtung wandte, fiel der Startschuss des Spiels. Ihre Blicke trafen sich. Emotionslos sog er ihre Schönheit erneut in sich. Kein Wunder, dass ihr die Männer reihenweise zu Füßen lagen. Von seinen Recherchen wusste er jedoch, was sie davon hielt: Nichts.
Immer noch blickten sie sich an und er würde auf keinen Fall zuerst wegsehen. Das hatte er ihr zugedacht. Und tatsächlich beendete sie das Blickduell.
Beide schenkten Useusa wieder ihre Aufmerksamkeit. Sie erzählte davon, dass die Prostituierten sich vor mehreren Jahrhunderten in der Kirche feilgeboten hatten. Mit Hilfe bestimmter Zeichen hatten sich die willige Herren und Damen verständigt.
Rodrom spürte, wie Vita ihn erneut anblickte. Kopfdrehung, die Zweite. Langsam zählte er bis drei und lächelte warmherzig. Als sie es erwiderte, wusste er, dass er so gut wie gewonnen hatte. Das Gefäß war geformt, jetzt ging es daran, es zu füllen. Ihm blieb die Dauer der Führung, um ihr Interesse an ihm zu verstärken. In spätestens zwei Stunden wusste er, wie gut er sich auf sie vorbereitet und eingestellt hatte.
Möge die Jagd beginnen, dachte er und knackste mit den Fingern.
Lassen Sie uns nun ein paar Schritte weiter und dann nach links gehen. In diesem Durchgang, der genauso wie vor knapp vierhundert Jahre zwei Straßen unserer schönen Stadt Milio verbindet, befindet sich ein altes, religiöses Gemälde.
Die Gruppe schritt durch ein grünes Holztor. Überrascht blickte Rodrom auf die alte Zeichnung. Obwohl er sicher bereits hunderte Male an diesem Durchgang vorbei gegangen war, hatte er keine Ahnung von seiner geschichtlichen Bedeutung gehabt.
Wir stehen hier nicht nur über dem Gruftbereich der Sidfi-Kirche, sondern auch vor dem Gemälde des Heiligen Crahnkl. Und auch hier boten die Damen des horizontalen Gewerbes ihre Dienste an. In knappen Röckchen knieten sie vor dem Abbild des Heiligen und lockten so manchen Freier an. Natürlich geschah es gelegentlich, dass einer der Willigen eine tatsächlich Betende ansprach. Die während dieser Wutäußerungen verwendeten Worte haben die Zeit leider nicht überdauert, aber ich kann mir vorstellen, dass sie sich nicht mit dem religiösen Gedankengut vertrugen.
Einige Touristen lachten.
Aber kommen wir in die jüngere Vergangenheit. Vor fünfzig Jahren beschlossen die Prostituierten, sich zu organisieren. Sie marschierten zur Vereinspolizei, um den
Verein der Tremperschen Prostituierten
zu gründen. Die Behörde hat dies jedoch untersagt, kürzte sich der Verein doch VTP ab.
Schallendes Gelächter brandete auf, weil die Abkürzung des Vereins identisch mit dem Namen der konservativen Partei des Bundesstaates Tremper war. Auch Rodrom grinste schelmisch, während er Augenkontakt mit Vita suchte und auch fand. Sie amüsierte sich ebenfalls über diese Ironie.
Lassen Sie uns zum nächsten Punkt unserer Führung gehen
, schlug Useusa vor und zeigte zurück zum Holztor.
Rodrom stand wie zufällig neben Vita. Ich stelle mir gerade vor, dass die Vereinspolizei den Verein doch genehmigt hätte …
Oh, dann hätte unser Präsident heute wohl ein Problem mehr am Hals.
Sie grinste.
Unser Präsident hat doch keine Probleme
, entrüstete sich Rodrom, um Sekunden später mit ernster Miene den Ton des Staatsoberhauptes anzuschlagen. Er hat Aufgabenstellungen, die er mit seiner ganzen Konzentration und Aufmerksamkeit einer für alle Beteiligten zufrieden stellenden Lösung zuführt.
Vita kicherte. Bist du sein Sekretär?
Sehe ich wie einer aus?
Hm …
Sie musterte ihn von oben bis unten und wieder zurück. Lass mich überlegen. Das modische schwarz in schwarz mit Hose und T-Shirt widerspricht zwar dem Klischee des ewig bückenden Sekretärs des Staatspräsidenten, aber dein arroganter Gesichtsausdruck und dein nasaler Ton …
Der war imitiert!
… lässt schon befürchten, dass du dich zumindest in dem Metier auskennst
, fuhr sie ungerührt fort. Ihre Augen funkelten dabei listig.
Rodroms Antwort entfiel, da sie bei den Ruinen angelangt waren.
Die beim Bau der Untergrundbahn entdeckten Gemäuer aus der vorzeterschen Zeit gaben ein paar interessante Details aus dem Leben jener Epoche preis. Bei den Gebäuden unter uns handelte sich es sich um die Vorstadt der eigentlichen Siedlung. Wie in Vorstädten üblich tummelte sich hier allerlei Legales und Illegales. Wenn Sie den Teil der Mauer, der durch ein Plexiglas geschützt wird, genauer ansehen, erkennen Sie grüne Kleckse. Diese Farbtupfer kennzeichneten einen Reebbetrieb, sprich ein Weinlokal.
Kurz zeigte Useusa nach hinten. Rodrom kniff die Augen zusammen. In der Tat prangten dort grüne Flecken.
Man lernt nie aus, dachte er und hörte der Führerin wieder zu.
Gleichzeitig fand man hier besondere Münzen
, sagte sie und kramte einen Stoffbeutel aus ihrer Handtasche, die im selben rot gehalten war wie ihr T-Shirt. Doch bevor ich sie Ihnen zeige, erzähle ich Ihnen eine kleine Geschichte. Kaiser Tizianir beschloss eines Tages, dass es gegen seine Moral verstieße, dass sein Antlitz einem speziellen professionellen Treiben zwischen Mann und Frau zusehen musste. Zu jener Zeit zierte das Konterfei der Kaiser die Vorderseite jeder Münze, während sich auf der Rückseite die Währungseinheit befand. Wie also entkam der Kaiser dieser Misere?
Useusa blickte in die Runde und wartete auf Vorschläge. Als sich niemand meldete, fuhr sie fort: Er verbot kurzerhand, dass mit seinen Münzen jenes Laster zu bezahlen sei. Die Prostituierten machten aus der Not eine Tugend und prägten eigene Münzen, die man vor dem Besuch eines einschlägigen Establishments erwerben musste.
Sie schnürte den Beutel auf und reichte der Frau, die ihr am nächsten stand, drei Münzen. Auf der Rückseite sehen sie Ziffern und auf der Vorderseite die gewünschte … nun … nennen wir es Interaktionsvariante.
Als Vita die Münzen entgegennahm, beugte sich Rodrom zu ihr. Prompt berührten sich ihre Schultern. Zufrieden bemerkte er, dass sie nicht auswich. Zuerst schaute sie auf die Ziffer und drehte das Geldstück um. Ein Mann lag auf einem Bett, während eine Frau rittlings auf ihm saß und ihm Früchte in den Mund steckte.
Wie sexistisch!
, rief Rodrom mit gespielter Empörung.
Vita stieß ihn mit der Schulter an und schüttelte schmunzelnd den Kopf. Ich nenne dich ab sofort nur mehr Sekretär!
Möge Sie zuerst um eine Audienz ansuchen, bevor Sie mit mir spricht
, belehrte er sie im nasalen Tonfall.
Sie fauchte ihn an, verzog geringschätzig die Lippen und reichte die Münzen weiter.
Was treibt dich auf die Spuren des unsittlichen Milios?
, fragte er mit normaler Stimme und Gesichtsausdruck.
Meine Freundin aus Ligter
, antwortete sie und deutete auf die blond gefärbte Uninteressante. Zweimal im Jahr besucht sie mich und ich darf dann jedes Mal etwas Neues mit ihr in Milio unternehmen.
Seit wann läuft das schon?
Sie ist zum zehnten Mal hier.
Du Ärmste
, kommentierte er und tätschelte ihre Schulter, während die Gruppe weitermarschierte. Mir geht es ähnlich. Eine Freundin aus Valtershof verbringt bald zum siebten Mal ein Wochenende in Milio und auch ich möchte ihr immer etwas Neues bieten. Daher ist diese Führung für mich ein Testlauf.
Wann kommt sie?
In knapp zwei Wochen. Ihr Freund ist beruflich für ein halbes Jahr in Afornien, also nutzt sie die Zeit, um Freunde zu besuchen.
Was hältst du bis jetzt vom unsittlichen Milio?
Er zeigte ihr seine makellosen Zähne. Ich denke, es ist für moralisch gefestigte Personen gerade noch ertragbar.
Ist der Schluss nicht etwas voreilig? Wer weiß, was uns noch erwartet!?
Werden wir gleich hören
, sagte er und deutete nach vorne. Useusa war stehen geblieben.
Vor fünfhundert Jahren existierten in Milio in Summe achtundzwanzig so genannte Badehäuser. Um die Hygiene stand es in der Bevölkerung natürlich nicht zum Besten. Daher setzte sich die Idee der Badehäuser, die zu Beginn von den reichen Schichten Milios genutzt wurden, in Windeseile durch. Und natürlich zogen diese Badehäuser die leichten Damen alsbald an. Interessanterweise datiert das erste urkundlich erwähnte Kondom ebenfalls aus dieser Zeit. Dazu schwenke ich kurz in die Jetztzeit. Das Parlament von Profh hat unter anderem vor einigen Jahren die Durchschnittslänge des Kondoms normiert. Natürlich entbrannten unter den Abgeordneten der Regionen heiße Diskussionen über die Länge. Letztendlich setzte sich der Norden durch. Die durchschnittliche Länge beträgt …
Sie hielt inne und ließ ihren Blick über die Männer in der Gruppe schweifen. Siebzehn Zentimeter.
Ein paar Frauen lächelten milde, während sich die meisten Männer um ausdruckslose Gesichter bemühten.
Spannender wird es, wenn ich mir eine Untersuchung ansehe, die davon spricht, dass in unserem benachbarten Bundesstaat Ligter die Durchschnittslänge sechzehn Zentimeter sein soll und hier in Tremper gar vierzehn.
Seht ihr
, rief ein älterer Mann im breitesten Norddialekt, auch auf diesem Gebiet schwächelt ihr Südländer.
Gekicher von allen Seiten. Du hast dich verhört, mein Bester
, wies ihn Rodrom zurecht. Vierzehn ist bei uns der Durchmesser!
Alle prusteten lautstark los. Rodrom grinste vordergründig. In Wahrheit beobachtete er jede Reaktion von Vita. Sie amüsierte sich köstlich über ihn. Genauso hatte er es vorhergesehen. Ihr Weg in seine Arme war vorgezeichnet.
Wollen wir die Diskussion über den Durchschnitt hierbei belassen und weiter wandern auf den Spuren der Unsittlichkeit.
Wie heißt du?
, fragte ihn Vita übergangslos.
Rodrom.
Sie runzelte die Stirn. Ungewöhnlicher Name. Woher stammt er?
Es ist ein Kunstwort und bedeutet nichts
, log er. Meine Eltern fanden, es klingt gut genug um ihren Sohn damit in die Welt hinaus zu schicken.
Witzig.
Und welcher Name wurde für eine Schönheit wie dich ausgewählt?
Schleimer!
Wieso schleime ich, wenn ich die Wahrheit sage?
Er hob die Arme und machte große Augen, um ihr sein Entsetzen über ihre Reaktion zu zeigen.
Pah.
Sie verdrehte die Augen.
Also wie ist nun dein Name?
Du kennst mich nicht?
Sollte ich?
Sie schaute ihn skeptisch an. Vita
, sagte sie langsam und fügte dann noch Etan
hinzu. Obwohl ihr Konterfei durch die Enthüllungen von zwei Schmiergeldaffären bereits die Titelbilder von Magazinen zierte, hatte sie ihre besessene Suche nach dem Mörder ihrer Schwester zu einer regionalen Heldin hochstilisiert. Ihre Präsenz in Talkshows garantierte Einschaltquoten. Sie im Gegenzug spannte die Medien für ihre Jagd ein. Dennoch trat sie auf der Stelle.
Schöner Name
, kommentierte er. Deutlich sah er ihre Irritation, dass er keinen Konnex zu den vor sechs Monaten zog. Wie lange bleibt deine Freundin in Milio?
, fragte er daher, um sie aus dem Grübeln heraus zu lotsen.
Vier Tage.
Und was liegt noch an?
Gute Frage. Vermutlich werden wir ein paar Clubs unsicher machen.
Und alleine durch euren Anblick unzählige Männerherzen brechen …
Ich nicht!
, schränkte Vita ein. Sie schon.
Rodrom wusste es besser. Wieso? Bist du vergeben?
Vita schüttelte den Kopf. Nur anständig.
Kenne mich aus
, sagte er und wandte den Blick von ihrem Gesicht ab.
Hey!
Sie griff an seinen Oberarm. Was soll das heißen?
Er blieb stehen und blickte ihr in die eisblauen Augen. Bewusst kniff er dabei seine Augenlider etwas zusammen. So wirkte sein Blick wissend und hintergründig. Wenn eine Frau sich selbst als anständig bezeichnet, weiß ich, was sie damit sagen will.
Unmutsfalten zerfurchten ihre Stirn. Sie wollte aufbegehren, doch Rodrom war schneller. Dann ist sie in Wahrheit schüchtern und wartet darauf wachgeküsst zu werden
, präzisierte er und grinste spitzbübisch.
Sie schlug ihm auf den Oberarm.
Das war jetzt bereits das zweite Mal, dass mein Arm leiden muss. Du solltest dieses präpubertäre Verhaltensmuster ablegen.
Er lachte weiter übers ganze Gesicht.
Vita rang nach Worten und blies schließlich die Luft lautstark aus. Du … du …
Ich darf Ihre Aufmerksamkeit auf dieses Wäschegeschäft hinter mir lenken
, unterbrach Useusa ihren Disput. In früheren Zeiten, so vor einem Jahrhundert, beherbergte dieses Geschäft ebenfalls eine exquisite Auswahl an Dessous. Im Unterschied zu heute hing jedoch neben dem Namen das Abbild eines Papageis. Dieser Vogel war traditionell das Zeichen der Prostitution. Und genau diese Dienste konnte man hier kaufen – obwohl diese genau genommen offiziell nicht feil geboten werden durften.
Sie schwieg und nickte heftig. Jawohl meine Herren. Seit vierhundertachtzig Jahren ist der Bordellbetrieb in Milio per Landesgesetz verboten. Wir sind somit die moralisch einwandfreiste Stadt auf Cluver.
Das Klingeln eines Mobiltelefons ließ sie inne halten. Die Hälfte der Touristen kramte in ihren Hosen- oder Handtaschen, weil dieser Klingelton häufig verwendet wurde.
Rodrom grinste innerlich, als er daran dachte, dass er für diese neue Art der Kommunikation auf Cluver verantwortlich zeichnete. Er hatte Allin Durha das Prinzip des Funktelefons erklärt und prompt hatte es der milliardenschwere Industrielle in seinen Hochtechnolgieschmieden umgesetzt, während er gleichzeitig die Verbreitung des digitalen Mobilfunknetzes vorangetrieben hatte. Eine intelligente Vermarktung rundete das Bild ab und rief einen wahren Kaufrausch hervor. Jeder, der etwas auf sich hielt, besaß mittlerweile ein Mobiltelefon. Und dazu gehörte unter Garantie auch Vita Etan.
Letztendlich war es auch ihr Telefon, das angeschlagen hatte. Sie nahm es aus ihrer teuren Designer-Gukki-Lederhandtasche und entfernte sich einige Schritte von der Gruppe.
Rodrom drehte sich bewusst zu Useusa um, die ihren Vortrag mit ein paar netten Anekdoten aus diesem Jahrhundert beendete. Exakt mit ihren Abschiedsworten kehrte Vita zu ihm zurück.
So
, sagte er und zog sein Mobiltelefon aus der Hosentasche. Du gibst mir …
Vita fiel ihm ins Wort. Ist das vielleicht gar das neue Durha-XTC?
Er nickte.
Seit wann ist das im Handel?
Noch gar nicht!
Aber wieso …?
Beziehungen.
Im Vergleich zu dem kleinsten Mobiltelefon am Markt war es nur halb so groß und schmiegte sich daher problemlos in die Handfläche. Wer, wenn nicht er, kam an den neuesten Prototyp von Durha-Industries?
Deine Kontakte müssen aber verdammt gut sein. Angeblich gelangt es erst in einem Monat in den Verkauf.
Wie auch immer
, er zuckte mit den Schultern. Du gibst mir jetzt deine Telefonnummer.
Sie blickte ihn an als hätte er den Verstand verloren und hob die rechte Augenbraue. Gleichzeitig maß sie ihn von unten nach oben. Du bist dir aber sehr sicher, dass ich sie dir verrate.
Er lächelte. Wenn du mir gestattest, zitiere ich als Antwort den Psychologen Cahio Simun: Das Interessante an Frauen ist, dass sie nur selten berechenbar sind. Daher sollte ein Mann die wenigen Momente im Leben festhalten, in denen es umgekehrt zu sein scheint.
Du liest Simun?
Sieht so aus.
Demonstrativ drehte er ihr das Mobiltelefon zu. Also?
Sie kniff die Augen zusammen und nannte ihm die Nummer. Rodrom verbuchte es als zweiten Sieg des Tages. Die Jagd lief gut an.
Gemächlich stieg Rodrom die steinernen Stufen zu seinem Computerraum empor. Ein unterirdischer Gang verband Durha Manor mit einer riesigen Höhle, in der sich Allin einen geheimen Rückzugsort geschaffen hatte. Rodrom hatte sich ebenfalls dort unten gemütlich eingerichtet. Fünfzig Meter oberhalb des Bodens war ein hundert Quadratmeter großer Stahltresor in den Felsen eingelassen, der sich in mehrere Räume unterteilte. Es bedurfte einer Sprengkraft von tausend Tonnen Sprenggelatine, ihn im Falle des Falles dort heraus zu holen. Sofern das Versteck überhaupt gefunden wurde.
Auf der letzten Treppe blieb er stehen und blickte nach rechts. Im Inneren eines kleinen, vorspringenden Gesteinsbrockens maßen Sensoren seine Individualimpulse. Als ein Piepston erklang, sagte er ein alyskisches Wort. Eine Fülle von gespeicherten Wörtern signalisierte dem Rechner, dass Rodrom alleine war und den Raum ohne äußeren Zwang betreten wollte. Hätte Rodrom ein Wort aus einer anderen Gruppe an Codewörtern ausgewählt, hätte der Computer den Zutritt verweigert.
Hinter dem Felsen knackte die Verriegelung der Stahltresortüre und sie schwang langsam auf. Automatisch tauchten die Leuchtsensoren die Umgebung in kühles Licht. Rodrom strebte in die Mitte des Tresors, in dem sich die Computeranlage befand, die in Form einer Halbkugel angeordnet war. Bei ihrer Errichtung hatte sich Rodrom am Aufbau von alyskischen Raumschiffszentralen orientiert.
Hologramme an.
Prompt reagierte der Rechner auf seinen akustischen Befehl. Während sich neben ihm der Formenergiesessel manifestierte, entstanden vor ihm zehn Hologramme mit unterschiedlichen Informationen. Einige, wie die Aufnahmen aus Vitas Dachterrassenwohnung, gliederten sich noch zusätzlich in mehrere kleine. Ein Blick auf die rechte Front informierte ihn darüber, dass Vita ausgeflogen war. Er wunderte sich nicht darüber, kannte er doch ihren Tagesablauf.
Unter der Woche läutete der Wecker um sechs Uhr. Genau wie er lief sie vor dem Frühstück eine Stunde im Freien. Während Rodrom im Park von Durha Manor seine zehn Kilometer Runde abspulte, nahm sie den nahegelegenen Ervi-Park in der Innenstadt von Milio. Nach der Dusche gönnte sie sich eine ausgiebige Mahlzeit. Dabei überflog sie die neuesten Meldungen des Tages. Pünktlich um acht Uhr saß sie bereits hinter ihrem Schreibtisch oder recherchierte für eine Story. Interessanterweise kehrte sie abends zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause zurück. Ihre Arbeitszeiten gestaltete die Enthüllungsjournalistin flexibel. Langweilige Datenrecherchen erledigte sie vom Büro aus, ansonsten jagte sie den Informationen in den Clubs der Wirtschaftstreibenden nach.
Per Zuruf verwandelte sich der Sessel in eine Liege. Rodrom holte sich noch aus dem Eiskasten ein Glas Orangensaft, bevor er sich hin legte. Während er die Kühle des Materials spürte, konzentrierte er sich auf sein Wissen über Vita und seinen weiteren Plan. Ein Lächeln entstand auf seinem ernsten, beherrschten Gesicht.
Ruf Vita Etan am Mobiltelefon an!
Sekunden später hallte ihre Stimme über unsichtbare Lautsprecher durch den Raum.
Vita.
Hallo Frau Etan!
, sagte er in der freundlichsten Tonlage, zu der er fähig war. Hier spricht der Mann, mit dem du durchs unsittliche Milio lustgew…
Hey, Rodrom!
Deutlich hörte er ihre Freude über seinen Anruf. Wie geht's dir?
Alles im Lot! Und bei dir?
Ich kämpfe mit meinem Schlafmanko …
Ihr seid also in der Tat um die Häuser gezogen
, stellte er fest.
Ich war um zwei Uhr im Bett. Nicke ist erst um sechs Uhr früh heimgekommen.
Mit oder ohne Begleitung?
Vita lachte. Obwohl es dich nichts angeht: Ohne.
Dann hat sie ihr Amüsement wohl in den Clubs abgestreift.
Was machen deine Vorbereitungen für den Freundinnenbesuch?
, wechselte sie demonstrativ das Thema.
Sie gedeihen. Freitag werde ich sie in eine Cocktailbar entführen und Samstag fahren wir zum Dinner und Casino.
Welche Cocktailbar?
Das Nitfli …
Hey, hör auf damit! Es gibt nur eine gute Bar in Milio: Das Barfli.
Wo ist das?
, fragte Rodrom, obwohl er die Antwort kannte.
In der Crodale-Gasse.
Das Lokal sagt mir nichts. Aber, wenn du der Meinung bist, dass es keine bessere Bar gibt, dann muss ich sie mir ansehen. Allerdings benötige ich dazu …
Begleitung
, fiel sie ihm ins Wort.
Danke für das Angebot. Wie sieht es diesen Freitag bei dir aus?
Sie lachte schallend. Falsch interpretiert. Da du mir meine Handynummer mehr oder weniger ohne Gegenwehr entrissen hast, musst du dich für ein Treffen ins Zeug legen.
Ist das dein Ernst?
Sein Lächeln gefror.
Ja! Überzeug mich, dass es sich lohnt, einen Abend mit dir zu verbringen.
Und wie soll ich das anstellen? Ich kenne dich schließlich nicht.
Lass dir etwas einfallen.
Er schwieg und dämmte die Wut, die ihn ergriff. Nur mit kühlem Kopf siegte er. Um sich abzureagieren, verstärkte er jedoch den Griff um das Glas.
Ich gebe dir auch einen Hinweis
, sagte sie mit jovialer Stimme. Such mit meinen Namen im Netz. Ich wette, du wirst fündig.
Sie schwieg kurz. So und jetzt muss ich weiter. War nett mit dir zu plaudern.
Ja
, sagte er, um zu zeigen, dass er noch in der Leitung war.
Und … Rodrom.
Wieder blieb ihm nur ein Ja
als Antwort.
Gib dir Mühe!
Vita beendete die Verbindung.
Rodrom starrte in das zwei Monate alte Hologramm, das sie im Bikini am Strand der Villa ihrer Eltern im Süden des Kontinents zeigte. Wut kroch in ihm hoch, als er sich ihre Arroganz vor Augen hielt. In Gedanken schlug er ihr mit der Faust ins Gesicht. Immer und immer wieder.
Erst als das Trinkglas in seinen Händen zerbarst, kam er wieder zu sich. Er öffnete die Finger und betrachtete seine blutende Handfläche.
Vita Etan würde ihre Arroganz bereuen.
Seit einer halben Stunde brütete Vita Etan in ihrer Koje im Großraumbüro der Redaktion von Milio Magazin
über Informationsmaterial, das sie auf ihrem Computerbildschirm aufgerufen hatte. Der aktuelle Bericht über die Aktienkäufe der Vorstandsmitglieder der Elektrizitätsgesellschaft von Tremper fügte ein kleines Mosaik in ihre derzeitige Arbeit hinzu. Sie war einem Schmiergeldskandal auf der Spur. Großaufträge, die zwar ordnungsgemäß öffentlich ausgeschrieben worden waren, landeten im Firmendunstkreis einiger weniger Personen. Obwohl sich die Beteiligten schlau verhielten, lag es in der Natur der Cluverianer, nach einer gewissen Zeitspanne unvorsichtig zu werden. Fühlten sie sich unschlagbar, begingen sie automatisch Fehler. Fehler, auf die sie wartete und durch die sie diese Unmoralischen überführte.
Sie blendete die nächste Seite der Wertpapierkäufe ein, als ein Klopfgeräusch ertönte. Irritiert blickte sie auf und sah in das wie immer dezent geschminkte Gesicht ihrer Kollegin Sulina. Seit neuesten trug sie ihre blonden Haare als Pferdeschwanz. Sie beaufsichtigte die Berichterstattung des Klatsch und Tratsch der Prominenz. In den drei Jahren der Zusammenarbeit war zwischen ihr und Vita Freundschaft entstanden.
Schätzchen, hat sich dein Verehrer bereits gemeldet?
Welcher der Unzähligen?
, antwortete Vita und lehnte sich im Sessel zurück.
Tu nicht so, als wüsstest du nicht, wen ich meine!
, empörte sich Sulina. Herr unsittliches Milio!
Vita schob ihre Unterlippe nach vorne und blickte betrübt zu Boden. Nein.
Ich habe dir ja prophezeit, du vergraulst ihn mit deinem
Sulina seufzte. Lass dir etwas einfallen
-Spruch.So etwas schreckt Männer ab.
Ich hatte das Gefühl, er ist anders … stärker. Obwohl da war auch etwas, dass mich gewaltig irritiert hat. Aber es ist nicht greifbar.
Ruf ihn an!
Ich?
Abwehrend streckte Vita die Hände von sich. Sicher nicht. Ist ein Mann interessiert, meldet er sich. So einfach sind die Spielregeln.
Sulina seufzte und setzte einen verwirrten Gesichtsausdruck auf. Ist das dieselbe Frau, die sich permanent über die Männerwelt mit ihren vorsintflutlichen Klischees beklagt?
Sie langte mit der rechten Hand über den Bildschirm und ohrfeigte die Luft vor Vitas Gesicht. Wach auf, Schätzchen. Du scheinst zu träumen.
Unwillkürlich grinste Vita. Du hast ja recht
, antwortete sie. Hm … soll ich ihn wirklich anrufen?
Moment mal!
Sulina stutzte, umrundete den Tisch und setzte sich – nachdem sie einen Papierstapel bei Seite geschoben hatte – auf die Tischplatte. Hat es dich erwischt?
Vita überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf.
Sieh mir in die Augen und sprich es aus!
Gib Ruh!
, wehrte Vita ab.
Schätzchen, es hat dich erwischt
, beharrte Sulina. Und falls nicht, hat er zumindest einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Zumindest willst du, dass er anruft. Es reizt dich, ihn wieder zu sehen und mehr von ihm zu erfahren.
Ja, du Scheusal. Du hast mich durchschaut. Aber bei einem Rückzieher von meiner
Sie ließ ihre Arme in den Schoß fallen.Los, beeindrucke mich!
-Meldung, werde ich unglaubwürdig.
Tja, Vita, du bist über dich selbst gestolpert. Aber deine Freundin Sulina weiß wie üblich Rat. Du …
Ein dumpfer Knall brachte sie zum Schweigen. Simultan blickten beide zum Ort des Geräusches: Die Fensterfront zu Vitas Linken. Ein schwarzes Seil zog sich von oben nach unten und klatschte in unregelmäßigen Abständen gegen die Scheiben.
Was ist denn das?
, fragte Sulina und erhob sich. Sie ging fünf Schritte zu den Blumen, die vom Boden einen Meter hoch das Glas verdeckten. Vita rutschte mit ihren Rollsessel nach. Sulina starrte inzwischen nach oben und zuckte mit einem Aufschrei zurück, als ein Körper nach unten sauste. Genau inmitten des Fensters stoppte er und drehte sich.
Das … das …
, stotterte Vita. Das ist er.
Sie traute ihren Augen nicht. Rodrom hing an einem Seil in über zweihundert Metern Höhe, lächelte sie an und deutete ihr, das Fenster zu öffnen.
Sie hastete nach vorne, drückte Sulina aus dem Weg und betätigte den Fensterhebel.
Hi!
, begrüßte er sie. Ich habe zwei Dinge für dich.
Er streifte ein Päckchen ab, das er am Rücken getragen hatte. Du brauchst es morgen zu Mittag
, sagte er. Aber nur, wenn du zum Flughafen kommst.
Wie ein Roboter nahm sie das Paket aus seinen Händen. Sie sah auf Anhieb, dass es sich um einen Fallschirm handelte. Allerdings hatte sie noch nie einen in dieser kleinen Größe gesehen.
Und dann
, sagte er immer noch lächelnd, überreiche ich dir noch etwas.
Wieder griff er hinter seinen Rücken. Diesmal beförderte er eine Chrysente hervor. Ihre Lieblingsblume.
Bis morgen!
Er winkelte die Handfläche zum Gruß ab, rotierte so, dass er mit dem Oberkörper parallel zum Boden lag und griff an seinen Gürtel. Surrend verschwand er aus ihrem Blickfeld. Nur das Seil blieb als stummer Zeuge zurück.
Vita starrte auf das Fallschirmpaket in ihrer Linken und auf die Blume in ihrer Rechten und fand ihre Sprache wieder.
Hey! Warte!
, rief sie und beugte sich aus dem Fenster. Sie sah nur wie er weiter nach unten raste und immer kleiner wurde. Am Boden angelangt, klickte er sich aus dem Seil aus, winkte nach oben, stieg in einen geparkten schwarzen Sportwagen und brauste mit aufheulendem Motor davon.
Der Mann hat definitiv Potential. Das war ein schwer zu überbietender Auftritt
, kommentierte Sulina. Schätzchen, falls er einen Bruder hat, lass es mich wissen.
Vita drehte sich zu ihr um. Das ist ein Irrer!
Falsch. Das ist genau der Typ, den du brauchst!
Sie deutete auf das Päckchen. Was ist das?
Ein Fallschirm. Aber falls er wirklich für mich sein soll, ist er mir definitiv zu klein.
Du bist also morgen am Flughafen?
Darauf kannst du Gift nehmen.
Danke für das Angebot, aber ich hänge am Leben.
Sulina feixte. Er hat also deine Worte nicht nur beherzigt, er hat dich sogar umgeworfen.
Quatsch. Er hat nur meine Neugier geweckt.
Genau das meinte ich, Schätzchen.
Sulina nahm ihr die Blume aus der Hand und steckte sie in das Wasserglas, das auf Vitas Schreibtisch stand. Dadurch entdeckte sie, dass sich am Eingang der Koje zehn andere Kollegen versammelt hatten.
Herrschaften, es ist vorbei!
, rief ihnen Sulina mit resoluter Stimme und machte verscheuchende Handbewegungen. Es gibt nichts mehr zu sehen, also räumt das Feld.
Murrend zogen sich die Kollegen in ihre Kojen zurück.
Selbstverständlich begleite ich dich.
Springst du auch aus einem Flugzeug?
, fragte Vita und deutete auf den Fallschirm.
Bist du verrückt?
Sulina schüttelte heftig den Kopf. So etwas überlasse ich jungen Hühnern wie dir.
Vita ließ sich in den Sessel fallen. Sie griff nach dem Wasserglas links vom Flachbildschirm und bemerkte erst jetzt, dass Sulina die Blume darin versenkt hatte. Augenblicklich stellte sie es zurück.
So fasziniert ich von diesem Auftritt bin, so sehr irritiert mich, dass er offenbar sehr gründlich über dich recherchiert hat.
Sulina hockte sich wieder auf die von ihr frei geräumte Stelle am Schreibtisch.
Was meinst du?
Vita gestand sich, dass sie immer noch aufgedreht war. Noch nie hatte sich ein Mann für sie derart in Szene gesetzt.
Du warst nach dem … Tod deiner Schwester in sehr vielen Talkshows und hast einen Haufen Interviews gegeben. Aber darin hast du nie über dein Hobby Fallschirmspringen gesprochen.
Irgendwann muss ich es wohl erwähnt haben.
Sicher?
Hörst du auf schwarz zu malen!
Man kann sich nie sicher sein.
Vita rutschte mit ihrem Sessel an den Tisch und ließ ihre Finger über die Tastatur sausen. Sie stieg in das weltweite Computernetz ein und suchte nach den Stichwörtern Etan
und Fallschirmspringen
. Prompt spuckte der Computer vier Hinweise aus. Siehst du?
, sagte sie triumphierend und deutete auf den Bildschirm.
Okay, okay. Ich sage nichts mehr über deinen Helden
, lenkte sie ein, obwohl sie Vita mit giftigen Blicken erdolchte.
Wir sollten auf jeden Fall am Abend über morgen reden.
Sulina stand vom Tisch auf. Schließlich musst du dich für diesen Auftritt so revanchieren, dass ihm nicht nur die Worte fehlen, sondern, dass er in Ohnmacht fällt.
Vita lachte. Gut, Frau Beraterin. Dann treffen wir uns um achtzehn Uhr in Frekkis Taverne.
Gebongt.
Während Sulina aus der Koje rauschte, gestand sich Vita, dass Sulinas Misstrauen berechtigt war. Vita kannte nicht einmal seinen Nachnamen. Kurzerhand gab sie als Suchwort Rodrom
ein und erhielt keinen einzigen Treffer. Verärgert darüber, dass gerade sie als Journalistin nicht mehr Informationen aus ihm herausgekitzelt hatte, starrte sie auf den Bildschirm.
Denk nach, Vita! Denk nach!, forderte sie sich auf. Welche Ansatzpunkte hast du?
Die Blume rasselte durch den Rost. Sie schnappte sich den Fallschirm und drehte ihn einmal um seine Achse. Jetzt erst bemerkte sie, dass an der Unterseite ein Kuvert angeklebt worden war.
Sie öffnete es und entfaltete das Blatt darin.
Hi Schönheit!
, las sie die erste Zeile des Computerausdrucks. Ich halte mich kurz und bündig. Schlüpf in deine Sprungkombination und sei morgen um zehn Uhr am privaten Teil des Flughafens von Milio. ‑ Rodrom ‑ PS: Und nimm diesen Fallschirm mit.
Sie schubste den Zettel auf den Schreibtisch und widmete sich wieder der Verpackung. Ungläubig wendete sie das Paket ein weiteres Mal. Der Firmenaufnäher fehlte!
Vita kannte jeden Hersteller von Fallschirmen, da sie für ihr Hobby jeden Schirm getestet hatte. Letztendlich war sie bei dem Modell Luftbrecher hängen geblieben. Der etwas kleinere Schirm ermöglichte schnellere Fluggeschwindigkeiten und höhere Manövrierfähigkeit.
Sie kontrollierte die Verpackung darauf, ob der Herstellername entfernt worden war, wurde aber nicht fündig. Wer immer diesen Schirm entwickelt und produziert hatte, wollte anonym bleiben. Sie legte die Beine auf den Tisch und spekulierte über die Flugeigenschaften eines Fallschirms, der sich auf diese halbe Rückengröße zusammenfalten ließ. Nach wenigen Minuten gab sie auf und kehrte zu Rodrom zurück. Der Cluverianer hatte exakt den richtigen Ansatz verwendet, um sich ihre Aufmerksamkeit zu zweihundert Prozent zu sichern. Sie fluchte lautstark.
Pass auf, was du tust, Vita. Pass bloß auf!, rief sie sich zur Ordnung. Sie loggte sich aus dem Computer und beschloss, den heutigen Arbeitstag frühzeitig zu beenden. Schließlich musste sie sich überlegen, welche der Sprungkombinationen sie zu dem morgigen Treffen tragen sollte.
Der Zivilflughafen von Milio befand sich im Süden der Stadt. Als er vor achtzig Jahren erbaut worden war, lag er einsam vor den Toren der Hauptstadt. Mittlerweile hatten sich die Häuser an ihn herangepirscht. Bevor sie ihn komplett einschließen konnten, hatten die Betreiber des Flughafens reagiert und den Anforderungen der modernen Luftfahrt Rechnung getragen. Der Flughafen von Milio besaß heute neun Pisten und integrierte sich in das Stadtbild. Pro Tag landeten und starteten dreitausend Flugzeuge. Von oben betrachtet sah das Areal wie eine überdimensionale Acht aus.
Vita lenkte ihr Cabrio in Richtung des privaten Teils des Gebiets. Dort parkten die Jets der Reichen und Schönen. Und dort hatte sie Rodrom hinbestellt. Gehörte er zu der High Society?
Sulina, die jeden Prominenten auf Cluver kannte, hatte diesen Umstand verneint. Rodrom war ihr in ihrer achtjährigen Karriere noch nie untergekommen. Und ein Cluverianer wie Rodrom würde sich bestimmt nicht im stillen Kämmerchen verstecken.
Sie reduzierte ihre Geschwindigkeit und stoppte vor dem Gittertor. Als der Wachmann aus seiner Station trat, ließ sie das Seitenfenster hinunter.
Mein Name ist …
Vita Etan. Sie werden bereits erwartet. Fahren Sie gerade aus, nehmen Sie die zweite Abzweigung nach links und stellen sie Ihr Cabrio dort ab. Ein Fahrzeug des Flughafens bringt Sie dann weiter.
Danke.
Das Tor glitt bei Seite und sie fuhr los. Beim Parkplatz angekommen wartete eine Frau auf sie.
Hallo Frau Etan. Ich habe Ihnen einen Parkplatz in der ersten Reihe freigehalten. Es ist Nummer Achtzehn. Kommen Sie dann bitte zu dem Auto zu ihrer Rechten.
Vita blickte in die genannte Richtung. Dort wartete ein weißer Wagen mit dem orangen Flughafen-Enblem. Nachdem Vita in die angegebene Parklücke gefahren war, schnappte sie sich den Fallschirm, verschloss den Wagen und stieg in das Flughafenauto. Sie fuhren an Wartungshallen, Einstellplätzen und Bürogebäuden vorbei. Die aneinander gereihten Flugzeuge erinnerten sie daran, dass sie eigentlich einen Flugschein machen wollte. Aber durch den Mord an ihrer Schwester hatte sie das auf unbestimmte Zeit verschoben. Traurigkeit vermischt mit Wut breitete sich in ihr aus. Trotz ihrer intensiven Suche nach dem Serienmörder fehlten ihr noch immer die ersten Anhaltspunkte. Aber sie würde nicht aufgeben. Das war sie ihrer Schwester schuldig.
Sie verdrängte die Gedanken, als sie am Heliport ankamen. Die Frau hielt direkt auf einen grau-weiß-schwarzen tarnfarbig bemalten Militärhubschrauber zu, der mit sich drehenden Rotorblattern auf einem der Startplätze stand. Auffällig war, dass die Heckrotorblätter nicht frei schwebten, sondern durch den hinteren Aufbau geschützt wurden. Vita schätzte, dass er für den Häuserkampf produziert worden war. Allerdings fehlte bei dieser Version die Bewaffnung. Zwanzig Meter vor dem Hubschrauber bremste das Auto ab.
Dort hinein, Frau Etan
, sagte die Frau und zeigte auf das schlanke, martialisch wirkende Fluggerät. Guten Flug.
Wer fliegt das Ding?
Die Frau zuckte mit den Schultern. Wortlos stieg Vita aus und bereitete sich auf den typischen Hubschrauberlärm vor. Doch er blieb aus. Die Maschine gab nur ein sanftes Zap
von sich. Ihre Sonnenbrille festhaltend lief sie geduckt zu der offenen Tür. Trotz der geringen Entfernung wühlte der Wind in ihren Haaren. Sie wuchtete sich in den Sitz und spürte augenblicklich die Vibrationen an ihrem Körper.
Der Pilot drehte ihr den Kopf zu. Der Sonnenschutz seines Helmes verbarg seine obere Gesichthälfte. Er deutete mit dem Zeigefinger auf das Paket in ihren Händen und dann mit dem Daumen nach hinten. Seine Bewegungen wirkten militärisch exakt.
Vita drehte ihren Kopf. Hinter den Sitzen tat sich eine kleine Kabine auf, die mit zwei Notsitzen bestückt war. Davor schmiegte sich eine geöffnete Kiste an die Rückenlehnen der Frontsitze. Als sie darin ein schwarzes Fallschirmpaket erspähte, warf sie ihren Rucksack kurzerhand hinein und verschloss den Deckel. Sie schnallte sich an und setzte sich die Kopfhörer auf. Sofort hörte sie das Rauschen ihres Blutes.
Bereit für ein bisschen Action?
, fragte der Pilot.
Obwohl die Stimme leicht verzerrt war, gab es keinen Zweifel: Es war Rodrom selbst.
Allzeit bereit
, antwortete sie rasch, nachdem sie das Mikrofon vor die Lippen geschoben hatte.
Dann wollen wir mal!
Er wandte sich zur Windschutzscheibe. Kontrollturm hier ist Wikes-Fister-Trene. Bereit zum Abflug.
Verstanden. Abflug in dreißig Sekunden.
Okay, KT.
Vita blickte auf die Kontrollen des Helikopters. Sie bestanden aus einem unübersichtlich wirkenden Gewirr von Schaltern, Tasten und Bildschirmen.
KT, Wikes-Fister-Trene startet.
Der Hubschrauber hob ab und schwenkte wenige Grade nach links, nur um sich Sekunden später wieder in die vorherige Position auszurichten. Langsam aber stetig stiegen sie nach oben. Das Rucken des Hubschraubers, das durch die Rotoren hervorgerufen wurden, hielt sich überraschenderweise in Grenzen. Offenbar war die Kabine speziell abgeschirmt worden. Dank ihrer Erfahrungen mit Zivilmaschinen, die sie für den Fallschirmsprung in die Höhe hievten, hatte sie sich einen standfesten Magen zugelegt.
Als sie fünfzig Meter über dem Startplatz schwebten, drehte Rodrom die Maschine um einhundertachtzig Grad, neigte die Nase nach oben und schaltete auf Vollschub. Der Hubschrauber machte einen Satz nach vorne und Vita wurde in die Rücklehne gepresst. Der Helikopter vollführte eine enge Kurve nach rechts und raste weiter aufwärts. Vita spähte aus dem Fenster. Der Flughafen war mittlerweile zur Gänze zu sehen. Bei dreitausend Meter stellte Rodrom die Maschine in die Waagerechte und beschleunigte, bis der Tachometer 320 km/h anzeigte.
So Mister
Ich rase an einem Seil an Gebäuden hinab und lenke einen Hubschrauber
, wohin fliegen wir?
Lass dich überraschen.
Vita blickte ihn an, doch Rodrom blieb mit dem Kopf nach vorne gewandt.
Dann vertreibe mir die Zeit, indem du mir die Steuerung dieses Hubschraubers erklärst.
Zuerst die gute Nachricht. Derzeit fliegen wir knapp unterhalb der Höchstgeschwindigkeit. In diesem Bereich ist ein Hubschrauber so einfach zu lenken wie ein Flugzeug.
Will ich die Schlechte auch hören?
, unterbrach sie ihn.
Es gibt kein Schwarz ohne Weiß.
Philosoph bist du auch noch. Das wird ja immer spannender.
Im Schwebeflug und im langsamen Flug – also beim Start und bei der Landung – tanzt der Heli. Die Entwickler nennen es ein nichtstabiles Fluggerät, das in diesem Flugbereich die Tendenz hat, in die eine oder andere Richtung zu schieben, sich zu neigen oder zu drehen, aber mir gefällt tanzen besser. Der Grund ist, dass der Neutralpunkt über dem Rumpf und somit über dem Schwerpunkt liegt. Deshalb muss ich auch ständig mit Armen und Beinen an den Steuerelementen arbeiten, sprich einen Ausgleich durch entgegenwirkende Bewegungen herstellen.
Ist in der Tat fast wie tanzen.
Darum gefällt mir der Vergleich auch so gut.
Und was machst du mit den Armen und Beinen?
Mit meiner linken Hand kontrolliere ich die kollektive Blattverstellung des Hauptrotors, sprich den Auftrieb. Vorne an diesem Hebel beeinflusse ich die Motorleistung und somit das Drehmoment. Dieser militärische Hubschraubertyp schafft das zwar auch automatisch, aber ich bevorzuge die volle Kontrolle über das Gerät.
Habe ich mir gedacht.
Über den Steuerknüppel bestimme ich die zyklische Blattverstellung. Damit ist die Neigung des Hauptrotors gemeint, der die Bewegung um die Quer- und Längsachse auslöst.
Und die Pedale?
Mit ihnen steuere ich den Heckrotor und entscheide, ob wir uns nach links oder nach rechts drehen.
Voller Einsatz des ganzen Körpers sozusagen.
Exakt.
Er lachte. Sogar die Nasenspitze bekommt etwas ab.
Sie schenkte ihm ein Lächeln, das er aber nicht wahrnahm, weil sein Blick nach vorne gerichtet war. Wieso sind die Heckrotorblätter innerhalb der Verkleidung?
Einerseits reduziert das den Fluglärm, verringert andererseits die Vibrationen und erlaubt eine größere Bodenfreiheit.
Leuchtet ein. Und jetzt verrätst du mir noch, wieso der Hubschrauber überhaupt so leise ist.
Dieser Helikopter stammt aus einer Spezialserie des Militärs. Geräuschlosigkeit, Wendigkeit und Hochgeschwindigkeit waren die Vorgaben für die Entwickler. Und was dem Heer recht ist, kann uns Zivilen doch nur billig sein.
Beantworte mir eine Frage!
Hängt von der Frage ab.
Hast du ihn gemietet oder gehört er dir?
Ich kann dich beruhigen. Ich habe ihn mir ausgeborgt. Wobei … im weitesten Sinne befindet er sich in meinem Eigentum.
Wer zum Teufel bist du?
Ein Mann, den eine Frau aufgefordert hat, sie zu beeindrucken.
Das ist dir bis jetzt gelungen.
Dabei wartet die Hauptattraktion noch auf uns.
Er kicherte. Willst du einmal steuern?
Ob ich …? Klar! Wenn du mir sagst, wie!
Belassen wir es bei dem Steuerknüppel.
Er deutete zwischen ihre Beine. Im Grunde ist es simpel. Vorne bedeutet
Nase runter
, nach hinten heißt Nase rauf
. Links ist links und rechts ist rechts.
Klingt in der Tat bedienerfreundlich, um nicht zu sagen
, antwortete sie und legte die Finger um den Knüppel. Er vibrierte. Fast war sie versucht, die zweite Hand zu Hilfe zu nehmen.Deppensicher
Na, dann zeig mir, was du drauf hast.
Demonstrativ verschränkte er beide Arme vor der Brust, schob die Sonnenblende seines Helms nach oben und blickte sie an. Vita drückte den Knüppel leicht nach vorne. Prompt neigte sich die Maschine nach unten. Vorsichtig zog sie den Joystick wieder zu sich. Doch der Effekt war anders als erwartet. Der Helikopter reagierte stärker als sie gewollt hatte. Er kippte nach rechts. Überrascht schrie Vita auf, doch dann schwenkte der Hubschrauber wieder in die vorherige Lage zurück.
Wir sollten es zuvor mit Trockentraining probieren
, sagte Rodrom, der das Steuer wieder übernommen hatte.
Gute Idee. Wann unterrichtest du?
Sage ich dir, sobald ich in meinem privaten Kalender nachgelesen habe.
Die nächsten Minuten flogen sie schweigend. Vita nutzte die Gelegenheit, um die Gegend zu betrachten. Unter ihnen raste eine Autobahn dahin, die eine Schneise durch mehrere Wälder geschlagen hatte. Sie identifizierte sie als Südautobahn, die vom Norden des Kontinents bis ans Meer im Süden führte. Ein Blick auf den Kompass bestätigte ihre Vermutung.
Wann erreichen wir unser Ziel?
, fragte sie, als sie ihre Neugier nicht mehr im Zaum halten wollte.
In knapp einer Stunde. Unter deinem Sitz findest du etwas zum lesen.
Vita neigte sich nach vorne und griff zwischen ihren Beinen nach hinten. Ihre Finger stießen auf Zeitungspapier. Nachdem sie das Magazin hervorgezogen hatte, musste sie lachen. Es war die Wochenzeitung, für die sie schrieb.
Es gibt noch ein paar andere.
Vita wühlte weiter und fand seine Aussage bestätigt. Sie lehnte sich im Sitz zurück und verbrachte die Zeit bis zur Landung mit Lesen der Konkurrenz. Als es abwärts ging, legte sie die Zeitschriften wieder zurück und linste aus dem Fenster. Sie schwebten inmitten eines Tales, das im Norden von einem Gebirgszug begrenzt wurde. Auf den Gipfeln lag trotz des Sommers Schnee. Bergwälder säumten die Hängen und wurden von einem großen See unterbrochen. Über das gesamte Tal spannte sich eine Brücke, damit der Verkehr der Idylle fernblieb.
Das Jeyntal
, sagte Rodrom und bestätigte ihre Vermutung, die ihr beim ersten Anblick auf der Zunge gelegen war. Vorigen Sommer hatte sie sich in das Tal eine Woche lang vom Firmenstress zurückgezogen und die Natur genossen. Sie erinnerte sich an die grandiose Kulisse der Berge vom Ufer des Jeyntal-Sees aus. Der Name des Tals stammte von der zweitausendfünfhundert Jahre alten vorzeterschen Siedlung Jeunna, die am Fuße des Tol-Gebirges aus dem Boden gestampft worden war. Dieser Bergzug verhalf dem Tal auch zum Teil zu seiner malerischen Lage. Er begrenzte das Tallos-Becken im Norden.
Rodrom visierte mit dem Hubschrauber eine Wiese an. Cluverianer, die im See badeten, blickten überrascht hoch. Da die Maschine aus Richtung der Sonne kam, deckten sie den Heimatstern mit der Hand ab. Sanft setzte Rodrom den Helikopter auf der Wiese auf. Er nahm die Kopfhörer ab und hängte sie oberhalb seines Kopfes in die Halterung. Vita kopierte seine Bewegung. Mit einem Klicken sprangen die Gurte aus dem Beckenschloss und legten sich automatisch an die Sitzlehnen. Rodrom drehte sich zur Kiste und fischte zuerst Vitas Fallschirm und danach seinen heraus. Sie übernahm den Fallschirm und wuchtete sich aus der Kabine.
Die Cluverianer an den Stränden glotzen sie an, da es nicht alltäglich war, dass ein Hubschrauber in derartiger Nähe des Sees landete. Aber Angesichts des martialischen Aussehens des Militärhubschraubers tat niemand seinen Unmut über die ungewöhnliche Störung der Idylle kund.
Und was jetzt?
, fragte sie, als Rodrom neben ihr stand.
Mir nach!
, sagte er und marschierte los. Zielstrebig stapfte er in den nahe gelegenen Wald. Vita folgte ihm durch das Gewirr der Bäume. Nach knapp zehn Minuten erreichten sie einen der Brückenpfeiler, der durch einen hohen Eisenzaun geschützt wurde. Ein Warnschild verbot, darauf zu klettern. Der Verdacht, den sie bereits beim Anflug an den See gehabt hatte, meldete sich erneut. Rodrom griff mit den Armen in den Draht und begann empor zu steigen. Wieder folgte ihm Vita.
Nach zwanzig Metern ging der Zaun in die Waagerechte über. Rodrom wartete, bis sie den Vorsprung ebenfalls überwunden hatte und blickte am Brückenpfeiler nach oben.
Alles klar?
Vita nickte und verkniff sich jeden Kommentar zu der Illegalität ihres Vorgehens.
Rodrom fasste nach den in Form einer Leiter angelegten Sprossen an dem Pfeiler und huschte flink aufwärts. Vita kletterte hinterher und stellte fest, dass er einen knackigen Hintern besaß. Die schwarze, hauchdünne, aber widerstandsfähige Sprungkombination lag an ihm wie eine zweite Haut und brachte seinen muskulösen Körper zur Geltung. Der Mann war eindeutig im Training. Aber auch ihre sportlichen Aktivitäten ließen sich sehen. Ihr morgendlicher Lauf gehörte ebenso als Fixbestandteil zu ihrem Leben wie die Meditationsübungen am Abend.
Zehn Minuten später lehnten sie am Brückengeländer und ließen aus einhundertacht Meter die Landschaft auf sich wirken. Der See schien sich endlos in Richtung Talausgang zu erstrecken. Das Spiegelbild der Sonne, die über ihren Köpfen gleißte, zerlief an der Wasseroberfläche durch den leichten Wind.
Schön, nicht wahr?
Vita nickte. Plötzlich spürte sie seine Hände an ihrer Hüfte. Schau!
, rief er. Ein Adler!
Sie folgte seinem rechten ausgestreckten Arm. Majestätisch nutzte der Raubvogel die Luftströmungen und schraubte sich immer höher in den Himmel.
Ich denke, es wird Zeit, dass wir ihm nacheifern.
Rodrom nahm sie bei der Hand. Auf dem schmalen Notfallsstreifen zwischen der Lärmschutzwand und dem Brückengeländer gingen sie in Richtung Seemitte. Vita wunderte sich darüber, wie gut der Autolärm von der Wand geschluckt wurde. Mehr als ein Säuseln lag nicht in der Luft.
Hier wären wir!
Verwundert blickte Vita Rodrom an. Sie befanden sich nun exakt über der Mitte des Sees. Der Hubschrauber in der Wiese lag zu ihrer Rechten. Sie glaubte zu erkennen, dass einige Cluverianer zu ihnen hoch starrten.
Was war die geringste Höhe, von der du jemals abgesprungen bist?
Eintausend Meter.
Dann freue ich mich, dass ich dir in gewisser Weise deine Jungfräulichkeit raube.
Im ersten Moment wollte Vita aufbrausen, doch er sagte es in einer Art, in der sie ihm nicht böse sein konnte.
Der Fallschirm an deinem Rücken ist eine Spezialkonstruktion, die exakt für solche geringen Absprunghöhen konzipiert ist.
Geheimauftrag des Militärs?
, fragte sie mit einem Schuss Ironie.
Ausnahmsweise nicht.
Er grinste. Genau genommen ist es einfach. Wir steigen auf das Brückengeländer, stoßen uns ab und fallen.
Bis jetzt kein Unterschied zu normalen Höhen.
Schlaues Mädchen
, kommentierte er.
Wann ziehst du?
Du hast zwei Möglichkeiten. Entweder du verlässt dich auf die eingebaute Automatik oder du machst es per Hand.
Ich verlasse mich lieber auf mich.
Dachte ich mir
, sagte er und deutete auf ihren Brustgurt. Ich habe mir erlaubt, die Automatik zu deaktivieren. Von dieser Höhe aus zähle ich bis drei und öffne meinen Schirm.
Er blickte nach unten in das blaue Wasser. Du kannst es natürlich auch gerne ausreizen.
Wo landen wir?
Er prüfte die Windverhältnisse, bevor er antwortete. Ich denke, den Weg bis zum Hubschrauber schaffen wir.
Ich nehme an, es ist ein Flächenfallschirm.
Wortlos nickte er.
Änderungen im Flugverhalten zu den Normalgrößen?
Einfacher zu steuern und wesentlich wendiger.
Praktisch.
Nachdenklich betrachtete sie sein Gesicht. Seine schwarzen Augen erinnerten an den Meteoriten, den sie als Kind im naturwissenschaftlichen Museum gesehen hatte. Sie zogen sie wie schon während der Führung durch Milio in seinen Bann. Sie hatte das Gefühl, dass er in ihr wie in einem offenen Buch blätterte und las. Einerseits erschreckte sie dieser Eindruck, andererseits fühlte sie sich angenommen und irgendwie verstanden. Noch nie war es einem Mann gelungen, sie auf Anhieb so zu faszinieren. Eine innere Stimme meldete sich leise und warnte sie vor dieser Tatsache, wurde aber kurz darauf von ihrer Nervosität überlagert. Obwohl sie sich bemühte, äußerlich ruhig zu bleiben, breitete sich Furcht in ihr aus. Sie hatte zu viele Komponenten aus der Hand gegeben. Sie verließ sich auf seine Ausrüstung, auf seine Erfahrung und auf sein Wort. Und damit auch letztendlich auf einen Mann, von dem sie nicht einmal den Nachnamen wusste. Daher hieß die Devise: Entweder gleich oder gar nicht. Um sich Mut zu machen, klatschte sie mit beiden Händen auf das Brückengeländer. Bringen wir es hinter uns.
Gerne.
Geschickt kletterte er auf das Brückengeländer und balancierte sich routiniert aus. Soll ich vorspringen oder fallen wir gemeinsam in die Tiefe?
Gemeinsam
, beschloss sie und stieg ebenfalls auf den Querträger. Der See verwandelte sich in eine harte, gefährliche und damit todbringende Fläche. Er schien ihr zu sagen: Mach dein Testament!
Als hätte Rodrom ihre Gedanken erraten, griff er nach ihrer rechten Hand und drückte sie. Sie schenkte ihm ein dankendes Lächeln.
Auf drei?
, fragte er.
Meinst du
Eins, zwei, Sprung
oder Eins, zwei, drei und dann Sprung
?
Den Film kenne ich ebenfalls. Der ist verdammt gut!
Er lachte. Ich halte es so: Eins! Zwei! Drei! Und Sprung!
Er ließ ihre Hand los und stürzte sich mit einem Schrei in die Tiefe. Sie folgte ihm augenblicklich. Ihr Herz machte einen Sprung nach oben und versuchte, durch den Hals über den Mund aus ihrem Körper zu entkommen. Sie schluckte es wieder hinunter und konzentrierte sich. Automatisch winkelte sie die Beine und Arme ab, während die Wasseroberfläche mit elf Meter die Sekunde auf sie zuraste.
Eins.
Der Fallwind zerrte an ihrem Körper und zerwühlte ihre Haare. Ihre Augen tränten.
Zwei.
Der erste Adrenalinschub verklang. Sie legte ihre rechte Hand an den Brustgurt.
Drei.
Sie riss an dem Auslöser. Es zischte, als der Rucksack aufbarst. In Sekundenbruchteilen entfaltete sich der Fallschirm. Ein Ruck ging durch ihren Körper und zerrte sie nach oben. Sie legte den Kopf in den Nacken. Der Flächenfallschirm hatte durch die einströmende Luft versteift. Sie griff nach den Steuerleinen und entschied sich im Geiste für einen Anflugwinkel. Mit der rechten Hand zog sie an der Leine. Stärker als erwartet reagierte der Schirm und sie driftete ab. Eine Korrekturbewegung mit der linken Hand brachte sie wieder auf Kurs. Wichtig war der Gleitwinkel des Schirms. Nur mit einem flachen Schirm besaß sie die Möglichkeit, den Vorwärtsflug einseitig abzubremsen. Deshalb reagierte der Schirm auch getrennt auf das Ziehen von linker und rechter Steuerleine.
Rodrom schwebte einige Meter vor ihr. Er flog in Richtung Ufer. Vita klinkte sich in seine Einflugschneise ein und zupfte an der linken Leine. Rodroms Schirmkanten gingen nach unten, als er über den Köpfen der staunenden Badegäste flog. Sie sah, wie er die angewinkelten Beine ausstreckte und eine Bilderbuchlandung hinlegte. Der Schirm fiel zeitgleich mit der Bodenberührung zusammen und glitt auf die Wiese. Die Zuseher applaudierten.
Vita glitt ebenfalls über die Cluverianer am Ufer und zog einen Meter über dem Boden beide Kantenteile des Schirms nach unten. Somit bremste sie auf Null ab. Sicher landete sie neben Rodrom.
Das war … einfach nur geil!
, rief sie.
Wusste ich doch, dass es dir gefällt.
Feixend ging er zu ihr. Gratulation zu deinem ersten G.A.B.B.-Sprung!
Er nahm sie in die Arme und drückte sie. Sie erwiderte die Umarmung.
G.A.B.B.?
, fragte sie, als sie sich wieder von einander lösten.
Meine selbst erfundene Abkürzung für Gebäude, Antennen, Brücken und Berg. Denn das sind die klassischen Absprungorte für so einen Niedrigdistanzsprung.
Wie kommst du auf so eine verrückte Idee?
Indem ich mir im Gegensatz zu den Meisten keine Grenzen auferlege.
Genau in diesen Momenten war er ihr unheimlich. Diese Furcht war nicht fassbar, aber vorhanden.
Willst du noch einmal?
, fragte er.
Klar. Faltet man den Schirm anders als einen Normalen?
Vergiss das! Ich habe noch ein paar Ersatzschirme im Hubschrauber.
Dann nichts wie los!
Drei mal sprangen sie von der Brücke. Mit jedem Mal gewann Vita mehr Sicherheit und es machte ihr immer mehr Spaß. Sie überredete Rodrom zwei der verwendeten Schirme wieder zusammenzulegen und sich ein fünftes Mal von der Brücke zu stürzen. Sie sprangen Gesicht zu Gesicht und Hand in Hand nach unten und lösten sich erst mit dem Ziehen der Reißleinen von einander. Rodrom ließ ihr den Vortritt, damit sich die Schirme nicht ineinander verwickelten. Er setzte sich somit fast eine Sekunde länger der Gefahr aus, dass sich sein Schirm zu tief öffnete. Doch er meisterte den Flug mit Bravour. Er nutzte die Thermik optimal und setzte trotz des flacheren Anflugwinkels problemlos auf der Wiese auf.
Jetzt müssen wir aber wirklich zurück
, entschied Rodrom nach einem Blick auf die Uhr. Augenblicklich erkannte sie die Marke. Es war die teuerste Sportuhr, die es derzeit am Markt zu kaufen gab.
Knapp eine Stunde später landeten sie am Flughafen von Milio.
Ich kann dich leider nicht zum Auto begleiten, weil ich mit dem Vogel noch einen zweiten Termin habe
, hörte sie ihn im Kopfhörer.
Dann danke ich dir jetzt für den tollen Tag!
Warte damit bis heute Abend. Um acht Uhr hole ich dich ab.
Verwundert blickte sie in an. Was machen wir?
Überraschung. Zur Kleidungswahl: Nimm etwas, in dem du zu mir im Anzug passt
, sagte er schmunzelnd.
Sie verzog kurz die Lippen, drückte ihm einen Kuss auf die Wange und glitt aus dem Sitz. Geduckt lief sie zu dem wartenden Auto des Flughafens. Dieselbe Frau, die sie am Vormittag zum Hubschrauber gebracht hatte, fuhr sie nun zurück zu ihrem Auto.
Als Vita die Ruftaste für den Aufzug drücken wollte, überfiel sie eine selten gekannte Nervosität. Ihr Zeigefinger verharrte in der Luft.
Warum macht mich Rodrom nervös?, fragte sie sich.
Sie kannte ihn seit vier Tagen. Rechnete man die Zeit, die sie netto miteinander verbracht hatten, dann reduzierte sie sich auf knapp fünf Stunden. Vita wusste weder, wer er war noch wo und was er arbeitete. Und seinen Charakter hatte sie ebenfalls noch nicht durchleuchtet. Dennoch übte dieser Mann mit den stechenden schwarzen Augen, der aus dem Nichts in ihr Leben getreten war, eine unglaubliche Faszination auf sie aus. Kein Cluverianer hatte es je vermocht, sie so in seinen Bann zu ziehen. Fast war sie geneigt zu glauben, dass es nicht mit rechten Dingen zuging. Dummerweise fiel ihr keine Möglichkeit ein, wie er sie hätte künstlich beeinflussen können.
Sieht so aus, als hättest du dich verliebt!
Die Analyse von Sulina, die sie sich vor eineinhalb Stunden in einem Telefonat anhören hatte müssen, dröhnte in Vitas Ohren. Hatte sie etwa Recht?
Obwohl sich das Telefonat aus einem hin und her der Argumente zusammengesetzt hatte, war Vita nicht klüger daraus geworden.
Schätzchen, was weißt du über ihn? Zähl mal auf!
Sulinas Stimme klang fordernd.
Er bringt mich zum Lachen, fliegt Militärhubschrauber, springt von Brücken, ist durchtrainiert und hat die unglaublichsten Augen, die ich jemals in meinem Leben gesehen habe.
Und das genügt, dass du schwach wirst?
Ich bin nicht schwach geworden!
Doch. Im Geiste!
Erstens stimmt es nicht. Und zweitens: Wenn es so wäre?
Schätzchen, du warst bis gestern die Frau, der es kein Mann Recht machen konnte. An allen hattest du etwas auszusetzen! Und jetzt bist du Feuer und Flamme für einen Typen, von dem du nicht einmal den Nachnamen kennst. Also stellt sich mir als deine Freundin eine simple Frage: Welche bewusstseinsverändernde Drogen hast du intus?
Vita schwieg und starrte auf das Aufladegerät des Akkus.
Es ist nicht so, dass ich verliebt bin. Ich befinde mich noch in der Vorphase. Aber ich merke, dass es sehr bald passieren könnte
, lenkte sie ein. Deine Gedanken sind in mir ohnehin bereits aufgetaucht. Es ist … ach, ich weiß auch nicht. Einerseits fasziniert er mich und ich fühle mich von ihm angezogen …
Und falls er das Tempo beibehält, wohl auch bald ausgezogen
, unterbrach sie Sulina.
… andererseits warnt mich mein Instinkt vor ihm. Irgendetwas stimmt nicht.
Nur was?
Keine Ahnung. Ich hoffe, ich schaufle es heute Abend frei. Was immer er vorhat, ich werde verhindern, dass wir in der Waagrechten landen. Statt durch seine Bettlaken werde ich durch sein Bewusstsein und seinen Charakter düsen. Es wird Zeit, dass er sich deklariert und mich über sein Leben aufklärt.
Deines kennt er ja dank des Netzes.
Du weißt, weswegen ich zu einer öffentlichen Person geworden bin!
Bleib ruhig, Schätzchen. Das war kein Vorwurf.
Nachdem wir meine Psyche ausgelotet haben, beantworte mir die wichtigste Frage überhaupt!
Du wählst das kurze Schwarze. Erstens betont es deine fabelhafte Figur, zweitens zeigst du ihm deine langen, schlanken Beine und drittens verdrehst du ihm den Kopf mit dem Ausschnitt!
Hm. Ich dachte an das rote Abendkleid.
Schätzchen, vertrau mir. Nimm das Schwarze. Und dazu die gleichfarbigen High Heels. Dieses Paket bringt ihn um den Verstand und du kannst ihn ausquetschen wie eine Eb-Frucht.
Danach hatte Vita das Gespräch beendet. Nach drei Jahren der engen Freundschaft kannte sie Sulina gut genug, um zu wissen, dass sie sich ab diesem Punkt nur mehr im Kreis drehen würden. Nach einer Stunde vor dem Spiegel hatte sie letztendlich Sulinas Forderung entsprochen und sich das kurze Schwarze übergezogen. Aufgesteckte Haare, violetter Lidschatten und kirschroter Lippenstift rundeten das Bild der perfekten Frau ab. Rodrom würde den Boden unter ihren Füßen küssen, wenn sie mit ihm fertig war.
Für wen hast du dich derart in Schale geworfen?
Vita sprang vor Schrecken aus ihrer Gedankenwelt. Neben ihr stand ihr Nachbar Vhin.
Schleiche dich niemals an eine Frau heran, die nachdenkt!
, fuhr sie ihn an.
Er setzte ein scheinheiliges Gesicht aus. Ist das nicht ein Widerspruch in sich …
Gerade noch rechtzeitig wich er einen Meter nach hinten und entging so Vitas zuschlagendem Arm.
Mich wundert nicht, dass du trotz deiner fünfundzwanzig noch immer solo bist!
, schimpfte sie mit gespieltem Ärger. Vhin war der beste Nachbar, den man sich wünschen konnte. Immer zu Scherzen aufgelegt und hilfsbereit.
Er trat wieder an sie heran und schnupperte. Riecht gut. Fraulich unaufdringlich würde ich es nennen.
Der neue Duft von Vius. Extrahiert aus den Blüten der Diecs.
Aha.
Deutlicher hätte er seine Unkenntnis über die Details nicht zeigen können. Also wer ist der Glückliche?
Ein Mann mit Sportwagen.
Bist also auch nur hinter dem Geld her.
Er schüttelte mit entsetztem Gesicht den Kopf, während er den Fahrstuhl nach oben rief. Aber eines kann ich dir versprechen: In der Aufmachung wird er heute Abend aus dem Sabbern nicht herauskommen.
Ihr Männer habt so eine interessante Art einer Frau zu sagen, dass sie schön aussieht.
Geil, meine Liebe
, sagte er in den hellen Ankunftston des Aufzugs hinein. Du siehst einfach nur geil auf. Pass bloß auf, dass er dich nicht bereits im Sportflitzer vernascht.
Die Tür glitt auf und er ließ ihr den Vortritt.
Wenn er zu früh zudringlich wird, setze ich meine ganze Körperkraft ein.
Demonstrativ hob Vita ihr rechtes Bein.
Vhin verzog gequält die Gesichtmuskeln. Weiß der Typ, worauf er sich mit dir einlässt?
Ich hoffe es für ihn
, antwortete Vita und bewegte mehrmals die Augenbrauen.
Als der Aufzug im Erdgeschoß angelangt war, stolzierte Vita als Erste in den Gang. Vhin schmiegte seinen Kopf an ihr rechtes Ohr und flüsterte: Ich drück dir die Daumen!
Freundschaftlich klopfte er ihr auf den Allerwertesten. Jedem anderen hätte sie mit den Fingernägeln das Gesicht zerkratzt, aber Vhin durfte das.
Danke
, antwortete sie und schritt zur Ausgangstüre des Apartmenthauses. Die Glastüre schwang auf, sie trat ins Freie und bekam schwache Knie. Lässig lehnte er an dem schwarzen Sportwagen. Als Kontrast zu seinem dunkelgrauen Anzug hatte er ein aquamarin farbenes Hemd gewählt. Seine schwarzen Haare trug er zu einem Zopf gebunden. Als er sie sah, löste er sich vom Auto und eilte ihr entgegen.
Oftmals haben Männer versucht, die Schönheit einer Frau in Worte zu fassen. Ihnen allen ist gemein, dass es ihnen letztendlich die Sprache verschlug.
Er nahm sie in den Arm und küsste sie auf die Wangen.
Danke
, hauchte sie ihm zu, weil er sie mit dieser Aussage völlig überrumpelt hatte.
Rodrom geleitete sie zum Wagen und öffnete ihr galant die Beifahrertür. Wieder bedankte sie sich. Als sie im Auto saß, schimpfte sie sich eine Närrin, weil sie ihm kampflos das Feld überließ. Sie räusperte sich, um den Frosch im Hals zu vertreiben.
Er stieg ein und startete den Wagen. Der satte Ton des Motors ließ seine Kraft erahnen. Gekonnt parkte Rodrom aus und beschleunigte. Der Zeiger des Tachos schnellte nach oben. Das Röhren wurde stärker. Rodrom fädelte sich in den Verkehr ein und fuhr in Richtung Innenstadt.
Verrätst du mir, wo es hingeht?
Rodrom blickte sie kurz an. Was denkst du?
Du lässt mich im Dunklen tappen.
Verärgert kniff sie die Augen zusammen. Übertreibe es bloß nicht!
Er wechselte auf die rechte Spur und überholte mit Leichtigkeit den vor ihnen fahrenden Kleinwagen.
Das ist das letzte Mal
, versprach er und beschleunigte, als die Ampel violett zu blinken begann. Das Sportauto machte einen Satz nach vorne und raste im letzten Moment über die Kreuzung.
Wie viele Strafmandate erhältst du pro Tag?
, fragte sie mit ironischem Unterton.
Wen kümmert schon die Polizei?
Den gesetzestreuen Bürger.
Von dieser Randgruppe habe ich schon einmal gehört.
Er drehte sich zu ihr. Aber ich fahre gerne langsamer, falls du darauf bestehst.
Sie gewann das stumme Blickduell, weil er sich wieder auf den Verkehr konzentrierte.
Wie schnell geht der Wagen?
Zweihundertfünfundsiebzig Kilometer die Stunde.
Schon mal ausprobiert?
Ja.
Ich fasse zusammen: Du springst von Brücken, fliegst Kampfhubschrauber, trägst die teuerste Sportuhrmarke und fährst einen sehr, sehr teuren Sportwagen. Was kompensierst du?
Er prustete los und klopfte sich lachend auf die Oberschenkel. Dein Humor gefällt mir. Ehrlich. Du bist köstlich.
Rodrom drosselte die Geschwindigkeit. Wir sind da.
Jetzt erst bemerkte Vita, wohin sie Rodrom gebracht hatte. Sie standen vor dem Syster. Der Prunkbau aus dem vorigen Jahrhundert war vor zwei Jahren von einer Investorengruppe gekauft worden. Sie hatten das Dach des Palais abgerissen und eine Glaskuppel darauf errichtet. Darin beherbergte es nun die teuerste Bar und das teuerste Restaurant der Stadt. In beiden Lokalen drückte sich die Prominenz des Planeten die Gläser in die Hand. Angeblich war das Restaurant ein Jahr im Voraus ausgebucht. Vita selbst war weder in dem einen noch in dem anderen Lokal jemals gewesen. Obwohl es ihr Vater durch höchst erfolgreiche Immobiliengeschäfte zu einigem Wohlstand gebracht hatte, zählte sie sich nicht zur High Society des Planeten. Dafür hätte ihre Familie mindestens das fünffache Vermögen besitzen müssen. Aber sie konnte trotzdem nicht klagen.
Rodrom hupte. Irritiert sah sie ihn an. Der Wagen hielt in zweiter Spur. Weit und breit war kein Parkplatz zu sehen. Vor dem Prunkbau selbst gab es eine einzige freie Lücke, die jedoch mit Absperrungsbändern versehen war. Ein Mann eilte aus dem Bau, winkte und öffnete die Absperrung. Problemlos quetschte Rodrom den Wagen in die Lücke. Vita verkniff sich jeden Kommentar.
Als Rodrom ausstieg, öffnete ihr der Mann die Türe.
Guten Abend, Frau Etan
, sagte er artig.
Kaum betrat sie den Gehsteig, bot ihr Rodrom den linken Arm an. Sie hakte sich ein und sie flanierten über den roten Teppich in das Palais. Die Wände des Ganges, der zu dem Aufzug führte, waren mit Trika-Marmor geschmückt. Ein Gemälde zeigte den letzten Fürsten Milios, wie er mit dem Pferd einen Hirsch hinterher jagte. Im Lift selbst erwartete sie ein junger Mann, der für sie den Knopf drückte. Im Restaurant angekommen wurden sie erneut mit Namen begrüßt und es schien, als sei Rodrom hier ein alter Bekannter. Vita juckte es regelrecht in den Fingern, Rodroms Hintergrund zu erfragen. Aber sie tröstete sich damit, dass sie ihn spätestens beim Essen ausquetschen würde.
Als sie ausstiegen, standen sie mitten im Restaurant und wurden von einer schlanken Frau im eleganten weißen Abendkleid empfangen.
Guten Abend, Frau Etan. Guten Abend, Rodrom.
Erneut fehlte der Nachname. Am liebsten hätte Vita vor Wut aufgestampft. Doch sie beherrschte sich.
Die Frau führte sie über einen hellen Teppich zur gegenüberliegenden Seite des Raumes, der in einer nach oben führenden Treppe mündete. Neugierig sah sich Vita um. Der Aufzugschacht endete an der Decke und befand sich inmitten des Raumes. Wenn sie auf die schnelle richtig zählte, dann beinhaltete das Restaurant knapp zwanzig Tische. Rechts von ihr glaubte sie Prat Bit mit seiner neuen Frau Jolina Glie zu erkennen. Daneben speiste der Multimilliardär Bates Gill.
Eingekeilt zwischen Rodrom und der Frau ging es die Treppe hoch. Als die verspiegelte Schiebetür am Ende aufglitt, kroch ihr als erstes ein Gemisch aus Blumengerüchen in die Nase. Die Frau trat bei Seite und gab den Blick für Vita frei. Ein Korridor aus Blumen führte direkt zu einem Tisch, der in der Mitte der Kuppel errichtet worden war. Darüber hing ein teuer aussehender Kristallluster, der jedoch nicht in Betrieb war. Die Glasfront gegenüber dem Eingang erlaubte neben dem wundervollen Blick über Milio auch dem Abendlicht, den Raum auszuleuchten. Abgerundet wurde das Bild von der Blumenwand, die sich an die Kuppel schmiegte und so die Skyline der Stadt unterstrich. Dank dem Zusammenspiel zwischen Architekten und Gärtner bot sich dem Betrachter eine perfekte Symbiose aus Glas, Blumen und Skyline.
Der ovale Tisch, der im Mittelpunkt der Kuppel platziert war, bot beiden Speisenden einen ungehinderten Ausblick auf die Kulisse der Stadt und perfektionierte die bereits hervorgerufene Stimmung.
Ich empfehle den hier
, sagte Rodrom und stellte sich hinter den vorderen Sessel.
Wie in Trance folgte sie seinem Ratschlag und ließ sich von ihm den Sessel zu den Knien schieben. Nachdem auch Rodrom Platz genommen hatte, meldete sich die Frau in Weiß wieder zu Wort. Mein Name ist Junia. Ich begleite Sie durch den kulinarischen Abend. Was darf ich Ihnen als Aperitif bringen?
Ich nehme einen Sekt Orange
, sagte Vita.
Und meine Wahl kennst du Junia.
Sie verneigte sich und verschwand zwischen den Blumen. Vita hörte, wie die Glastüre aufglitt. Offenbar holte Junia die Getränke von unten.
Vita widmete sich dem Ausblick. Im Westen versank die Sonne soeben im Horizont. Während sie einen breiten Streifen in helles Rot tauchte, schob sich vom Osten das Dunkel der Nacht heran. Wie sehr sich der Stern auch wehrte, es gab keinen Zweifel, wer dieses Duell gewinnen würde.
Siehst du, wie sich das Licht in den Zwillingstürmen spiegelt?
, fragte Rodrom und streckte den linken Arm aus.
Vita nickte. Die vor zehn Jahren vom Architekten Enot Thal errichteten Türme erreichten eine Höhe von siebenhundert Metern. An ihren Spitzen befanden sich zwei Aussichtsplattformen, auf denen man bei guter Sicht bis zu den Gebirgszügen im Westen blicken konnte. Links davon ragte die fast zweitausend Jahre alte Kirche der Barmherzigkeit in die Wolken. Sie erreichte nur knapp ein Fünftel der Zwillingstüre, gehörte aber aufgrund ihres Alters immer noch zu den Sehenswürdigkeiten Milios. Der Komplex der Universitätsklinik wirkte dagegen potthässlich. Der Bau des vor dreißig Jahren hochgezogenen, braunen Quaders war eng mit der danach aufgeflogenen Politiker-Schmiergeldaffäre verknüpft.
Junia kehrte mit den Getränken zurück und stellte sie ab. So leise, wie sie gekommen war, entfernte sie sich auch wieder.
Auf eine wunderschöne Frau
, sagte Rodrom und hob sein Glas, in dem sich ein roter Zirel befand.
Vita zögerte. Es gab so viel zu sagen, dass ihr die Auswahl schwer fiel. Also entschied sie sich für die Standardantwort: Auf einen wunderschönen Abend.
Rodrom zeigte keinerlei Reaktion. Er führte einfach das Glas gegen ihres und stieß es sanft an.
Falls du möchtest, können wir ein wenig im Blumengarten herumwandern.
Er deutete nach links. Dann sehen wir auch den Rest der Stadt.
Später.
Sie setzte das Glas ab. Zuerst will ich Antworten auf all meine Fragen.
Belustigt runzelte er die Stirn. Auf alle?
Seine Augen wurden groß, während er erschrocken die rechte Hand gegen die Brust legte. Also, ich besitze zwar ein ausgeprägtes Allgemeinwissen, aber all deine Frage kann ich kaum beantworten.
Du weißt, wie ich es meine!
Puh.
Er wischte sich imaginären Schweiß von der Stirn. Und ich dachte schon …
Rodrom!
, rief sie. Sei bitte ernst! Ich weiß absolut nichts von dir.
Gut
, lenkte er ein. Frage.
Dein Nachname?
Besitze ich nicht.
Du willst mir doch wohl nicht …
, brauste sie auf. Doch er brachte sie zum Schweigen, in dem er seine linke Hand auf ihren Unterarm bettete.
In dem Waisenhaus, in dem ich aufgewachsen bin, waren Vornamen bereits ein Luxus.
Seiner Stimme fehlte jegliche Ausgelassenheit. Noch dazu, wenn das Waisenhaus im Norden Tohls liegt.
Durch seine plötzliche Ernsthaftigkeit gepaart mit der kalten Stimme lief Vita die Gänsehaut über den Rücken. Seit dem Krieg zwischen den verfeindeten Staaten des Kontinent Tohls herrschten im Norden der Landes immer noch erbarmungswürdige Zustände.
Wir schliefen zu acht in einem Vierbettzimmer. Vier am Tage, vier in der Nacht. Und den Tag verbrachte ich gemeinsam mit einer Gruppe von hundert Kindern. Dreißig davon waren geisteskrank oder körperlich behindert. Die anderen siebzig gehörten auch nicht unbedingt zu den oberen Zehntausend dieses Planeten. Im Winter – und dort oben von einem Sommer zu sprechen ist eine Verhöhnung – funktionierte die Heizung nur bis zu einer Temperatur von zwölf Grad. Dummerweise hatten wir nur Sommerkleidung. Ich besaß als einer der Wenigen neben einem T-Shirt auch einen langärmeligen Pullover. Ich trug ihn ganzjährig, sonst wäre er mir abhanden gekommen.
Er schwieg und stierte kurz ins Leere. Wenn du dir den Appetit verderben willst, kann ich gerne mehr vom dortigem heiteren Leben schildern.
Augenblicklich schüttelte sie den Kopf. Ich denke, ich habe genug gehört. Wie bist du dort herausgekommen?
Allin Durha.
Sie hob die Augenbraue. Jeder auf Cluver kannte den Namen des milliardenschweren Industriellen.
Eines Tages stürzte ein Heißluftballon in der Nähe des Waisenhauses ab. Ich beobachtete durch Zufall das Unglück und zerrte ihn kurz vor der Explosion aus dem Wrack der Kabine.
Obwohl sie damals noch jung gewesen war, erinnerte sie sich an die Schlagzeilen. Der Multimilliardär Allin Durha war zu einem seiner verrückten Unternehmungen – die Umrundung Cluvers mit einem Heißluftballon – aufgebrochen und über dem zweiten Kontinent des Planeten gescheitert.
Ich schleppte den Schwerverletzten in unser Waisenhaus
, fuhr Rodrom fort. Und weil ich gerade nichts zu tun hatte, pflegte ich ihn gesund. Als Dank adoptierte er mich.
Er lächelte wieder. Und seither genieße ich die Annehmlichkeiten der Zivilisation.
Dann bist du also dieser geheimnisvolle
Sohn
, von dem Gerüchte berichten.
Exakt. Allin war so klug, mich niemals ins Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Er wollte, dass ich unbelastet aufwachse. Und dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Und natürlich für einiges anderes ebenfalls.
Mit dem Hintergrund verstehe ich deinen Luxus.
Oh, glaub nicht, dass es mir Allin leicht gemacht hat. Bis auf den Kampfhubschrauber, der Eigentum der Durha-Industrie ist, habe ich mir alles selbst erarbeitet.
Er nickte. Oder besser gesagt: erspekuliert. In den letzten fünf Jahren gab es keine besseren Investments als Aktien.
Ja, das stimmt. Ich habe pro Jahr dreiundzwanzig Prozent verdient.
Er blies abfällig die Luft aus. Vierhundert Prozent. Leerverkäufe und Optionsgeschäfte sind etwas Schönes.
Dann ernenne ich dich zu meinem neuen Anlageberater.
Abgelehnt
, antwortete er und lehnte sich im Sessel zurück. In der Bewegung griff er zum Glas und nahm einen weitern Schluck. Neugier befriedigt?
Fast. Kanntest du mich wirklich nicht oder hast du geblufft?
Als der …
Er stockte. Ich meine, als das mit deiner Schwester passiert ist, lebte ich für ein halbes Jahr in der meditativen Einöde von Jon im Norden von Tremper.
Das erklärt natürlich dein Nichtwissen.
Ist vermutlich ohnehin besser gewesen, weil sonst wäre ich verkrampft mit dir umgegangen.
Hm …
Verstehe mich nicht falsch, aber dieses schreckliche Schicksal deiner Schwester und dein Einsatz, diesen … naja, Mörder zu finden, haben in mir das Bild einer resoluten Frau entstehen lassen. Nachdem ich im Netz recherchiert habe, musste ich mit mir kämpfen, um dich anzurufen.
So schlimm?
Schlimmer! Viel schlimmer!
Er leerte das Glas. Außerdem habe ich ein paar Leute angerufen und über dich befragt.
Junia kehrte aus dem Nirgendwo zum Tisch zurück und fragte Rodrom, ob er noch einen Aperitif haben wolle. Rodrom verneinte. Ich denke, wir beginnen mit dem Mahl.
Nachdem Vita durch Nicken Zustimmung signalisierte, fragte er Junia. Was empfiehlst du uns?
Als Vorspeise bietet sich eine Hombergische Rieslingsschaumsuppe an, gefolgt von Entenleber mit marinierten Feigen und als Dessert einen Schokoladeflan mit Portweinsabayon und Orangen.
Klingt verlockend
, kommentierte Rodrom. Was sagst du?
Dem stimme ich zu. Allerdings bevorzuge ich die Entenleber mit Datteln statt Feigen.
Das lässt sich einrichten
, antwortete Junia. Als Wein befürworte ich den Riesling 3198.
Nichts gegen deine profunden Kenntnisse, aber ich präferiere den Riesling 3167. Ihr müsstet noch die eine oder andere Flasche dieses besten Jahrgangs der letzten hundert Jahre im Keller aufbewahren.
Junia lächelte. Deine Wahl ist ausgezeichnet, Rodrom.
Sie entfernte sich.
Ich bin also schrecklich?
Wer hat das gesagt?
, fragte Rodrom mit entsetzter Miene.
Das schwang in dem Satz mit, in dem du erzählt hast, dass du dich über mich erkundigt hast.
Ich hoffe, du flunkerst mich jetzt an.
Er hob den rechten Zeigefinger und drohte ihr damit. Alle haben dich in den höchsten Tönen gelobt.
Aber?
Er wirkte verlegen. Sie meinten, du seihst Männer gegenüber etwas streng.
Streng?
Deine Anforderungen seien derart hoch, dass es diesen Mann auf diesen Planeten nicht geben könne.
Wenn sie Recht haben, musst du von einem anderen Planeten stammen.
Rodrom erhob und verneigte sich. Gestatten: Rodrom. Vom Planeten Alysk. Gelegen in der Südhälfte der Galaxie.
Freut mich, lieber Außercluverianscher.
Er setzte sich wieder.
Ich werde dieses Erlebnis morgen in meinem Magazin für die Nachwelt festhalten.
Solange ich ein Freiexemplar erhalte: gerne.
Junia unterbrach ihre Unterhaltung, da sie mit dem Wein und der Vorspeise antrabte. Gekonnt servierte sie die beiden Teller und zog sich wieder zurück.
Wohl bekommt's
, sagte Vita und griff nach dem außenliegenden Besteck. Die Rieslingsschaumsuppe bestand aus zwei abgebratetenen Fructis, die zum Teil von einer Soße aus Wein, Zimt, Nolken und Rihndsuppe übergossen waren. Vorsichtig schnitt sie mit dem Messer die runden Fructis entzwei. Das gelbe Fruchtmark verteilte sich daraufhin über den blauen Teller. Sie halbierte die Frucht erneut und schob den ersten Bissen in den Mund. Es schmolz auf der Zunge regelrecht dahin.
Ausgezeichnet
, lobte sie.
Der Chefkoch versteht sein Handwerk.
Schweigend aßen sie weiter. Der Hauptgang und das Dessert ließen ebenfalls nichts zu wünschen übrig.
Um die Bar kümmere ich mich selbst
, sagte Rodrom zu Junia, als sie den Tisch abräumte und bedankte sich abschließend bei ihr.
Sie verneigte sich leicht. Ich wünsche einen schönen Abend
, antwortete sie und verschwand aus der Kuppel.
Was darf ich dir bringen?
, fragte Rodrom.
Derzeit einmal nichts. Aber du kannst mich auf einem Rundgang begleiten.
Nichts lieber als das.
Er sprang auf.
Sie gingen in den Korridor zur Türe und schwenkten nach rechts. Sofort stieg Vita der Duft einer Diec in die Nase. Der süßliche Geruch wurde unter anderem auch für das exklusive Parfüms verwendet, das sie heute Abend trug. Kurz übermannte sie die Versuchung, diese seltene Blume zu pflücken, doch sie widerstand dem Drang. Langsam wanderte sie weiter und ließ sich dabei vom Geruch der Pflanzen einlullen, während sie in die erleuchtete Silhouette von Milio eintauchte.
Es ist so ein schöner Anblick
, sagte sie mit leiser Stimme.
Ja.
Eine Handbreit vom Glas entfernt blieb sie zwischen zwei Palmen stehen. Obwohl Rodrom hinter ihr ein wenig Abstand hielt, spürte sie seinen Atem. Mit einem Mal überlagerte sein Parfum die Blumen. Sie sog den schweren Geruch in sich und spürte, wie sie sich entspannte. Sie fühlte sich wohl und sie vertraute ihm. Plötzlich hatte sie das Bedürfnis zu reden.
Mir ist soeben etwas klar geworden
, sagte sie und starrte in die Lichtpunkte, die das Dunkel der Nacht durchstachen.
Zum ersten Mal nach sechs Monaten fühle ich mich … hm … frei.
Als er schwieg, drehte sie sich zu ihm um. In seinen schwarzen Augen las sie Verständnis. Als meine Schwester vor sechs Monaten gestorben ist, hat sich für mich alles verändert. Bis zu jenem Zeitpunkt lebte ich vollkommen unbekümmert. Natürlich wusste ich um die Kriege auf unseren Planeten und habe mir das Elend angesehen – schön in kleine Happen verteilt in den täglichen Abendnachrichten. Doch all das war so weit weg wie das nächste Sonnensystem. Und dann trat so eine Bestie in mein Leben und ermordet Koda. Er hat mir nicht nur sie gestohlen, er hat mir den Glauben an das Gute in den Cluverianern genommen. Es war, als hätte er mein Herz herausgerissen und zertreten. Ich wurde kalt, weil ich nur so den Verlust meiner Schwester ertragen konnte. Nichts brachte mich zum Lächeln. Ich empfand keine Freude. Alles schien mit meiner Schwester gestorben.
Ohne ein Wort zu sagen, legte er die Arme um sie und zog sie an sich heran. Sie ließ es geschehen und kuschelte sich an seinen Körper. Es tat gut, wieder Geborgenheit zu fühlen.
Ich vermisse Koda. Verstehst du das?
Besser als du denkst
, flüsterte er und küsste sie auf die Haare. Der Schmerz des Verlassenwerdens gräbt sich besonders tief ein – überhaupt, wenn es ohne Vorwarnung geschieht.
Sie kuschelte ihren Kopf enger an seinen Brustkorb. Dieser heutige Abend hat meine Erinnerung an die schönen Seiten des Lebens aufgefrischt. Und ich weiß jetzt, dass ich mich fast sechs Monate lang selbst bestraft habe, weil ich das Leben negiert habe.
Selbst bestraft?
Vita hob ihren Kopf. Ich …
Sie stockte. Genau genommen trage ich die Schuld an ihrem Tod.
Du?
Ungläubig sah er sie an.
An jenem Nachmittag hätten wir gemeinsam in das Einkaufszentrum gehen sollen, aus dem sie letztendlich entführt wurde. Wir hatten uns in am Morgen am Telefon wegen einer Nichtigkeit gezofft und daher habe ich beschlossen, dass ich sie versetze.
Ihre Stimme wurde belegt und sie spürte den Druck um die Augen, der sie bald weinen lassen würde. Sie gab sich dem Schmerz hin. Sie wäre noch am Leben, wenn ich bei ihr gewesen wäre.
Tränen kullerten abwärts. Ihr Körper schüttelte sich, während Rodrom sanft ihren Rücken streichelte.
Und das Schlimmste dabei war, dass ich es gespürt habe.
Gespürt?
Koda und ich hatten von klein auf eine Gefühlsverbindung. Selbst, wenn wir an unterschiedlichen Orten weilten, wussten wir, ob es der anderen gut oder schlecht ging. Und in der Nacht ihres Todes habe ich es gefühlt.
Sie blickte ihn aus tränenverschleierten Augen an. Ich war mit Freunden in einer Cocktailbar, als ich zusammengezuckt bin. Im ersten Moment glaubte ich, dass mir jemand einen Nagel in den Kopf schlägt. Meine Freunde haben mir danach erzählt, dass ich leichenblass geworden bin und eine Minute lang keine Reaktion gezeigt habe. Danach bin ich aus dem Sessel gesprungen, hätte mich gehetzt umgeblickt und bin dann zusammengebrochen. Der Schmerz war unerträglich.
Sie holte tief Luft.
Nachdem ich im Auto aufgewacht bin, wusste ich augenblicklich, dass mit Koda etwas Schreckliches