Dorgon 150: Der Kosmotarch

Was bisher geschah

Ein intergalaktischer Krieg tobt im Jahre 1307 NGZ.

Angezettelt von den Söhnen des Chaos und geführt von ihren bereitwilligen Helfen, den Imperium Dorgon und Quarterium, sind estartischen Galaxien, Cartwheel, M 100, M 87 und die Lokale Gruppe ins Chaos gestürzt worden.

Während Perry Rhodan Seite an Seite mit dem Saggittonen Aurec gegen das Quarterium und MODRORs Armeen in der Lokalen Gruppe kämpft, stehen die Zellaktivatorträger Atlan, Alaska Saedelaere und Icho Tolot vor ihrer Exekution durch die Alysker. Dabei plante DORGON einst, dass die Alysker eine Allianz mit den Terranern schmieden sollten, um gegen MODROR zu kämpfen.

Denn die Gefahr von MODROR wird von Minute zu Minute größer. Atlan und seine Begleiter werden mehr über diese besondere Entität erfahren und eine kosmische Sensation entdecken, denn MODROR ist

DER KOSMOTARCH 

Hauptpersonen

Atlan:
Der Einsame der Zeit erfährt mehr über MODROR.
Alaska Saedelaere:
Der Hautträger besitzt eine Affinität zum Vorjul Roggle.
Icho Tolot:
Der Haluter muss sein Können unter Beweis stellen.
Denise Joorn, Jaques de Funés und Leopold:
Die Begleiter der Unsterblichen.
Eorthor:
Der Alysker berichtet über das kosmische Projekt vor 190 Millionen Jahren.
MODROR:
Er ist der Kosmotarch.
Rodrom:
MODRORs loyalster Diener.
Roggle:
Der Vorjul ist des Wahnsinns.

Kapitel 1
Alysk

Die HORA-TEP, das Flaggschiff des Kemeten Osiris, glitt durch die endlose Schwärze des Weltalls.

Ihr Ziel war das Kreuz der Galaxien. Ein ShakArit-Roboter steuerte das Schiff, während Osiris im Kommandosessel saß. Sein Ziel war es Atlan und dessen Gefährten zu finden, was natürlich keine leichte Aufgabe darstellte. DORGON hatte ihm über das Konzept Sanna Breen, den Hinweis gegeben, dass sich der Arkonide und dessen Weggefährten dort befanden und dringend seiner Hilfe bedurften. Der ShakArit-Roboter riss Osiris aus seinen Überlegungen, als er meldete:

Herr, wir erreichen in Kürze das Kreuz der Galaxien. Wie lauten Eure weiteren Befehle?

Osiris überlegte kurz. So recht wusste er noch nicht, wo er weitersuchen sollte.

Ich bin in meiner Kabine. Informiere mich, wenn wir am Ziel sind. Dann entscheide ich mich, gebot er und begab sich umgehend in sein Quartier.

Er legte sich auf sein Bett, um in Ruhe über alles nachzudenken. Nach einer Weile bemerkte er plötzlich eine Erscheinung, die von einer Sekunde zur anderen in seinem Gemach auftauchte.

Isis?, wunderte sich Osiris.

Schnell erhob er sich und ging auf die Erscheinung, die aussah wie seine geliebte Frau, zu.

Ja, Osiris. Ich bringe schlechte Kunde. MODROR hat die Lokale Gruppe angegriffen. Dort ist nun ein schrecklicher Krieg ausgebrochen, verkündete Isis, die für die Superintelligenz KEMET sprach.

Gebannt lauschte Osiris dem Bericht von Isis, die ihn über MODRORs Falle und die anschließenden dramatischen Ereignisse informierte. Als sie geendet hatte, war Osiris wie vor den Kopf geschlagen.

Wie war dies nur möglich? Wenn all das geschehen ist, dann bedeutet das doch, dass AMUN uns getäuscht hat! Das ist ungeheuerlich!, rief er sichtlich geschockt.

Alles deutet darauf hin, dass AMUN uns verraten hat und eine Koalition mit MODROR eingegangen ist, sagte Isis.

Doch das ist noch nicht alles. MORDOR sammelt eine gigantische Flotte im Kreuz der Galaxien, um damit die Lokale Gruppe zu überfallen.

Osiris wusste nicht mehr, was er sagen sollte.

Was sollen wir tun? Können wir überhaupt noch etwas tun?

Ja, es gibt eine Möglichkeit auf Hilfe. Und ich sage dir, wo du sie findest.

Gut, doch zunächst muss ich DORGONs Auftrag ausführen und Atlan finden.

Du kannst beides gleichzeitig tun, sagte Isis geheimnisvoll.

Wie spät ist es?, fragte Leopold den Terraner Jaques de Funes.

Das hast du mich schon vor fünf Minuten gefragt, du Nervensäge!, gab de Funes mürrisch zurück.

Also fünf Minuten später?, bohrte der Somer weiter.

Ja doch!, schrie der Terraner zurück.

Warum bist du so unhöflich?, fragte Leopold unschuldig.

Weil du mich alle fünf Minuten danach fragst, stellte der Unternehmer klar.

Könnt ihr euch nicht etwas leiser streiten? Andere Leute, versuchen zu schlafen, mischte sich Denise Joorn unfreundlich ein.

Schlafen! Wie kann man jetzt schlafen!, regte sich de Funes auf. Dabei lief sein Gesicht rot an.

Ich finde auch, dass man die verbliebene Zeit noch besser nutzen könnte, meinte Leopold anzüglich zu der schönen Archäologin.

Träume schön weiter, gab diese bissig zurück.

Wir schlafen sowieso bald für immer, jammerte de Funes. Warum mussten wir auch hierher fliegen? Wo ich doch noch so viele Termine habe. Ich muss dringend nach Hause.

Deine Erben werden sich über deinen Nachlass schon freuen, stichelte Leopold.

Die Sonne geht bald auf, sagte Alaska Saedelaere düster.

Durch den Lärm wachten nun auch Atlan und Icho Tolot auf.

Haben die Herrschaften wohl geruht?, fragte Jaques de Funes bissig. Wir haben ja auch überhaupt keine Probleme.

Hysterie bringt uns auch nicht weiter. Glauben Sie mir, ich bin nicht zum ersten mal in solch einer Situation, gab der Arkonide zurück.

Diesmal sind unsere „Gastgeber“ aber ziemlich stur. Die wollen überhaupt nichts von uns. Nicht einmal verhört haben sie uns, meinte Alaska Saedelaere.

Das ist wirklich ungewöhnlich, pflichtete im Icho Tolot bei. Normalerweise wird man doch ausgiebig verhört oder gefoltert, bevor man zum Tode verurteilt wird.

Jaques de Funes und Leopold erstarrten bei Tolots Worten vor Schreck.

Ge – gefoltert. Aber ich weiß doch von nichts. Und wenn ich etwas wüsste, würde ich es sofort sagen, jammerte Leopold.

Das ist typisch für dich, stichelte de Funes.

Seid doch endlich mal ruhig, befahl Atlan.

Der Arkonide sah sich in der Zelle um. Alle waren wach, bis auf Roggle, der in einer Ecke kauerte und schlief.

Ist euch aufgefallen, dass sie auf Roggle sehr aggressiv reagiert haben?, fragte Atlan seine Gefährten.

Ja, danach wurden sich noch unfreundlicher als vorher, stimmte Icho Tolot dem Arkoniden zu.

Was kann Roggle den Alyskern denn schon getan haben? Als ob er allein am Untergang schuldig gewesen war, wunderte sich Alaska Saedelaere.

Atlan dachte über die letzten Ereignisse nach. Sie hatten Roggle in der Station der Cyragonen gefunden. Dieses Wesen bestand ursprünglich aus zwei verschiedenen Wesen – Rog und Gle, doch war es bei einem Transmitterunfall zu Einem verschmolzen und so zu Roggle geworden. Irgendwie hatte dieses Wesen den Angriff von MODRORs Horden überlebt und war allein auf der Station zurückgeblieben. Nach anfänglichen Schwierigkeiten war es gelungen, Roggles Vertrauen zu gewinnen und mit seiner Hilfe war man zu einem Raumhafen der Cyragonen gelangt. Dort fanden sie das alte Schachtelraumschiff, welches die Zielkoordinaten zur Heimatwelt der Alysker gespeichert und sie hierher geführt hatte. Doch die Alysker hatten sie ausgesprochen feindselig empfangen und sie inhaftiert.

Roggle war wohl der Hauptgrund gewesen. Die Vorjul, zu denen Roggle gehörte, waren vor rund zweitausend Jahren als Trojanisches Pferd in die Völkergemeinschaft des Kreuzes der Galaxien eingeschleust worden. Sie hatten die technischen Einrichtungen, wie Raumstationen, Abwehranlagen und dergleichen sabotiert und so MODRORs Horden einen schnellen Sieg garantiert. Deshalb waren die Vorjul bei den Alyskern verhasst.

Und dieser Roggle war auch noch auf derselben cyragonsischen Raumstation gewesen, auf der auch Eorthors Tochter gelebt hatte. Diese hatte den Angriff laut Eorthors Erzählungen jedoch überstanden, aber seine Frau war gestorben.

Atlan dachte viel darüber nach. Bereitwillig aber auch mit aller kosmischen Arroganz hatte Eorthor über die Alysker und ihren Kampf gegen MODROR berichtet.

Alles hatte vor 190 Millionen Jahren seinen Lauf genommen. Die Alysker waren Diener der Kosmokraten gewesen und für viele technische Errungenschaften verantwortlich gewesen. Sie sollten im Normaluniversum das sogenannte Kosmische Projekt durchführen, doch es schlug fehl. Offenbar waren aus diesem Kosmischen Projekt, dessen eigentliches Ziel Atlan noch unklar war, die beiden Kosmotarchen DORGON und MODROR entstanden. Sie waren wohl einzigartig gewesen.

Während DORGON sich in Passivität übte, schickte sich wohl MODROR an, das Universum zu erobern. Zumindest gab es über Millionen von Jahren hinweg immer wieder Konflikte mit den Alyskern, die ihrerseits von den Kosmokraten für ihren Fehler bestraft worden waren. Jeder Alysker wurde unsterblich. Aus dem vermeintlichen Segen wurde ein Fluch, der Todeswunsch der Alysker war groß, doch wer starb, verwandelte sich oftmals in einen finsteren Ylors, eine Art untoten Alysker. Das schreckte viele davon ab, Selbstmord zu begehen.

Atlan empfand die Bestrafung durch die Kosmokraten als grausam, doch das kannte man ja bereits von ihnen. Die Alysker hatten aber offenbar nicht viel dazugelernt, denn sie wirkten immer noch wie treue Kosmokratendiener und behandelten Fremde mit der geborenen Arroganz einer ausgewählten Herrenrassen.

Wenn ich nur wüsste, wie man an diese sturen Alysker herankommen kann. Es muss doch jemanden geben, mit dem man reden kann.

Die Gelegenheit bekommst du gleich, Atlanos. Ich höre Schritte, teilte Icho Tolot mit.

Tatsächlich öffnete sich kurz darauf die schwere Panzertür, die zusätzlich mit einem roten Energieschirm gesichert war, und mehrere bewaffnete, uniformierte Alysker traten herein.

Die Stunde eurer Hinrichtung ist gekommen. Seid ihr bereit?, fragte der Anführer des Trupps.

Leopold sprang panisch von seiner Pritsche auf und gestikulierte wild. Was denn? Jetzt schon? Das kann doch nicht sein! Ich bin doch noch viel zu jung, um zu sterben.

Auch Jaques de Funes mischte sich ein und trat auf die Alysker zu. Meine Herren! Ich bin Jaques de Funes, angesehener Bürger und bedeutender Unternehmer Terras. Dies ist alles ist ein riesiges Missverständnis. Wir sind friedliche Touristen und haben uns verflogen. Auf mich warten zuhause dringende Geschäftstermine. Ich bin sicher, wir können uns vernünftig verständigen und ein intergalaktisches Handelsabkommen schließen, welches sich positiv auf die Wachstumsraten unser beider Planeten auswirkt.

Die Alysker sahen den kleinen Terraner nur voller Verachtung an.

Na ja, war ja nur ein Vorschlag, sagte er kleinlaut.

Hört nicht auf diesen Kapitalisten! Ich bin Somer und habe mit diesen gierigen Terranern nichts zu tun!, rief Leopold und ging vor den Alyskern in die Knie. Habt Gnade! Erbarmen! Ich flehe euch an!

Ist ja widerlich, keifte de Funes. Mann, nimm gefälligst Haltung an!

Schluss jetzt! Kommt mit, befahl der Wortführer der Alysker.

Atlan trat nun hervor. Jeder zum Tode verurteilte hat das Recht auf eine letzte Bitte. Bringt uns zu Eorthor und lasst ihn uns unseren Fall in Ruhe vortragen, bat der Arkonide.

Eorthor persönlich hat euer Todesurteil beschlossen. Und nun geht!

Mit vorgehaltenen Waffen führten die Alysker Atlan und seine Gefährten nach draußen auf den Gang.

Wo bringt ihr uns hin?, wollte Icho Tolot wissen.

Zur Hinrichtungskammer, kam die mürrische Antwort.

Das wollen wir doch mal sehen, gab der Haluter zurück. Ehe die Alysker sich versahen, hatte der Koloss sich vor ihnen hingelegt und blockierte den Ausgang, so dass niemand mehr hindurch kam. Der Anführer der Alysker schoss auf Tolot, doch der Haluter hatte seinen Metabolismus ungewandelt, so dass er die Stärke von Terkonitstahl besaß und die Schüsse wirkungslos abprallten.

Das nennt man passiven Widerstand, meinte Atlan.

Das nutzt dir nichts. Wenn du uns nicht freigibst erschießen wir die anderen. Mit dem Weißhaarigen fangen wir an, drohte der Anführer der Alysker und hielt seinen Strahler Atlan an den Kopf.

Es hat keinen Sinn, Tolotos. Zeigen wir den Alyskern, dass wir in der Lage sind, würdig zu sterben, sagte der Arkonide.

Widerwillig richtete sich der Koloss auf. Den Alyskern war anzusehen, dass sie beeindruckt von dem Haluter waren.

Also, ich sehe mich dazu leider nicht in der Lage, mischte sich Jaques de Funes ungefragt ein und ging einfach auf den verdutzten Alysker zu.

Ich bin Unternehmer und trage die Verantwortung für viele Arbeitsplätze, die durch ihre bürokratische Willkür vernichtet werden.

Wovon redest du Wurm eigentlich? Warum könnt nicht endlich ruhig sein und euch hinrichten lassen?, fragte der Alysker sichtlich konsterniert. Mit solchen Individuen hatte er es offensichtlich noch nie zu tun gehabt.

Lasst uns doch wenigstens einmal mit eurem Anführer sprechen. Wenn ihr uns dann immer noch töten wollt, versprechen wir zu gehorchen, erklärte Atlan.

Der Alysker rang einen Moment mit sich, dann gab er sich einen Rück.

Ich werde rückfragen.

Der Alysker sprach in seinen Kommunikator. Es schien eine längere zu Diskussion zu werden, als er plötzlich abbrach und zu den Delinquenten gewandt erklärte:

Eorthor persönlich wird sich noch einmal herablassen mit euch zu sprechen. Ich führe euch zu ihm. Aber ich warne euch: Wenn ihr einen Fluchtversuch unternimmt, wird es mir ein Vergnügen sein, euch persönlich hinzurichten.

Nett, aber wir versprechen brav zu sein, gelobte Atlan erleichtert.

Die Wachen führten Atlan und seine Begleiter durch mehrere Gänge. Sie gelangten in einen Raum, in dem sich eine Art Transmitter befand. Sie mussten eine Plattform betreten und kurz darauf fanden sie sich in einem großen Saal wieder. Am anderen Ende des Saales saßen zwei Personen in zwei großen, braunen Sesseln. Der eine war der düster wirkende Alysker, Eorthor. Der andere war eindeutig kein Alysker. Zu Atlans großer Überraschung rief Denise Joorn plötzlich:

Osiris!

Der Angesprochene erhob sich aus seinem Sessel und ging lächelnd auf Denise Joorn zu.

Ich grüße dich, Denise Joorn. Amun sei Dank, bin ich gerade noch rechtzeitig gekommen. Ich bin auf der Suche nach Atlan.

Denise deutete auf den Arkoniden und seine Gefährten.

Das ist Atlan. Seine Begleiter sind Alaska Saedelaere, Icho Tolot der Haluter sowie Jaques De Funes, Leopold und … Roogle.

Osiris nickte Atlan freundlich zu.

Ich freue mich auf einen Ritter der Tiefe zu treffen. Ich habe schon viel von dir gehört.

Ehemaliger Ritter der Tiefe, stellte Atlan klar. Das Vergnügen ist ganz meinerseits. Zumal ich annehmen darf, das unsere Hinrichtung abgesagt wurde?

Der Alysker, der bislang schweigend in seinem Sessel gekauert hatte, räusperte sich mürrisch und erhob sich aufreizend langsam.

Dies entscheide immer noch ich.

Ihr habt Euch für unsere Begnadigung entschieden?

Ganz recht. Dass ihr noch lebt, habt ihr der Fürsprache des Kemeten zu verdanken. Er ist der Meinung, dass ihr von Nutzen seid.

Der Alysker ließ seinen Blick verächtlich über Atlans Freunde schweifen.

Wenngleich ich mir nicht vorstellen kann, in welcher Hinsicht.

Atlan musste seine aufkommende Wut unterdrücken. Dieser Alysker strotzte nur so von Arroganz und Selbstgefälligkeit. Die Zusammenarbeit mit den Alyskern würde alles andere als einfach werden.

Wer garantiert mir denn, dass ihr keine Spione MODRORs seid? Schließlich habt ihr den da bei euch.

Eorthor zeigte voller Verachtung auf den ahnungslosen Roggle.

Das haben wir doch schon zigmal erklärt, sagte Atlan genervt und erzählte Eorthor und Osiris, wie sie auf die Station der Cyragonen gelangt und Roggle entdeckt hatten.

Kann sein, dass es stimmt. Kann aber auch nicht sein, meinte Eorthor gelangweilt, als Atlan seinen Bericht beendet hatte.

Ich garantiere für die Terraner. Sie sind treue Verbündete der Kemeten.

Eorthor blieb skeptisch.

Wer sagt denn, dass ich mich auf dein Urteil verlassen kann? Du bist nur ein kemetischer Emporkömmling. Was weißt du denn schon von der Weisheit des Universums, die ich schon seit vielen Millionen von Jahren genieße.

Jetzt reagierte aus Osiris ungehalten.

Ich wundere mich über deine Reaktion, Eorthor. Du benimmst dich wie ein bockiges, kleines Kind!

Eorthor wurde ebenfalls wütend und drohte Osiris mit dem Zeigefinger.

Werde nicht anmaßend. Auch dein jugendliches Alter gibt dir nicht das Recht dazu.

Atlan räusperte sich lautstark.

Verzeihung, wenn ich diese überaus interessante Unterhaltung unterbreche, aber vielleicht könntet ihr mal zur Sache kommen. Ich vermute, Osiris hat die weite Reise ins Kreuz der Galaxien nicht zum Spaß gemacht.

Eorthor sah Atlan an, als hätte er eine eklige Ratte vor sich. Doch er schwieg und setzte sich wieder in seinen Sessel.

Berichte, Osiris.

Ich bin gekommen, um dich zu warnen.

Eorthor lächelte spöttisch.

Mich warnen?

Oder zu unterrichten, korrigierte Osiris sich, deutlich genervt.

Osiris erzählte alles, was er über die Situation in der lokalen Gruppe und über MODRORs Vorgehen wusste.

MODROR sammelt nun eine gigantische Flotte im Kreuz der Galaxien, beendete er seinen Bericht, um damit zum finalen Schlag gegen die Lokale Gruppe auszuholen. Wenn ihm das gelingt, sind die Milchstraße und alle anderen Galaxien der Lokalen Gruppe verloren.

Eorthor schien beeindruckt zu sein. Er wirkte leicht beunruhigt.

Und was soll ich tun?, fragte er den Kemeten.

Ich fordere von dir die Herausgabe der Kyberklonflotte. Jene Wachflotte, die einst das Kosmonukleotid UDJAT bewachte.

Eorthor wirkte verwundert.

Die Kyberklonflotte? Ich weiß nicht wo sie ist und abgesehen davon hast du von mir gar nichts zu fordern.

Du leugnest es also?, fragte Osiris aufbrausend.

Ich habe es nicht nötig, vor dir etwas zu leugnen. Ich habe die Wachflotte nicht. Abgesehen davon traue ich weder dir noch diesen zwielichtigen Terranern, entgegnete Eorthor.

Aber deine Tochter Elyn traut ihnen. Sie glaubt an sie und kämpft Seite an Seite mit ihnen.

Elyn? Du hast sie gesehen?

Nein, aber es geht ihr gut. Sie hat schon oftmals ihr Leben für ihre terranischen Freunde riskiert und umgekehrt.

Jetzt wurde Eorthor sichtbar nachdenklich. Ein paar Minuten dachte er angestrengt nach. Dann hatte er einen Entschluss gefasst und erhob sich wieder.

Also gut. Die Terraner werden freigelassen. Wir wollen von nun an Verbündete sein, denn nur mit vereinten Kräften können wir – wenn überhaupt – MODROR aufhalten. Und wenn nicht, gehen wir alle gemeinsam unter.

Der kann einem richtig Mut machen, raunte Alaska Atlan zu.

Hat einer von euch Terranern etwas dazu zu sagen?, erkundigte sich Eorthor.

Ja, ich!, meldete sich Leopold aufgeregt. Wo ist denn hier das Klo? Ich muss ganz dringend mal.

Einige Stunden später tagte Eorthor mit Osiris, Atlan und dessen Gefährten in seinem Planungsraum, um das weitere Vorgehen zu besprechen. In der Mitte des Konferenztisches erschien das Hologramm eines Planeten.

Dies ist der Planet Vorjul, erklärte der Alysker. Dort befindet sich nicht nur das militärische, sondern auch spirituelle Zentrum von MODRORs Streitkräften im Kreuz der Galaxien. Die vorherrschenden Völker hier sind die Talsonen und die Skurit. Beide Rassen werden von VORJUL kontrolliert, der Superintelligenz, die einst aus den Vorjul entstanden ist. Mein Plan ist es, Vorjul zu vernichten.

Eine Superintelligenz vernichten? Und wie?, fragte Atlan mit skeptischen Tonfall.

Eorthor machte eine verächtliche Geste.

Ich dachte mir schon, dass dies eure geistigen Fähigkeiten übersteigt. Aber ich will dennoch versuchen, es euch zu erklären, sagte er gönnerhaft.

Das ist nett von dir, entgegnete Atlan mit leichter Ironie. Ich frage trotzdem noch einmal: Und wie?

Eorthor ließ seinen Blick über die Runde schweifen und verharrte dann bei Roggle, der neben Alaska saß und bislang alles teilnahmslos über sich ergehen ließ.

Schafft den Vorjul raus, sagte er kalt.

Warum denn?, fragte Alaska gereizt.

Weil ich es für richtig halte.

Verstehe. Komm, Roggle, wir gehen ein wenig spazieren. Hier ist die Luft zu schlecht, sagte Alaska und verließ mit Roggle den Konferenzraum.

Gut, jetzt können wir frei reden, sagte Eorthor sichtlich zufrieden.

Glaubst du noch, dass er ein Spion MODRORs ist?, fragte Atlan.

Wer weiß. Doch selbst wenn nicht, darf er nicht hören, was hier besprochen wird.

Und warum nicht? Warum ist Roggle nur so wichtig für dich?

Weil er die Schlüsselfigur in meinem Plan ist. Roggle ist die Waffe, mit der ich VORJUL zu zerstören gedenke.

Eorthor ließ seine Worte wirken. Er merkte den anderen an, dass sie mit Skepsis reagierten. Also fuhr er fort.

Mein Plan besteht darin, Roggle als Waffe einzusetzen. Er soll Kontakt zu seinem vergeistigten Volk aufnehmen. Natürlich darf er selbst davon nichts wissen.

Ich verstehe immer noch nicht, wie ein einziger Vorjul die Superintelligenz zerstören soll!, warf Osiris ein.

Das wundert mich nicht. Aber schon vor einigen Millionen Jahren machte ich mir Gedanken, wie man eine Superintelligenz zerstören kann. Ich entwickelte also im Laufe der Jahrmillionen eine dementsprechende Waffe. Ich nenne sie Verstofflicher.

Eorthor ließ seine Worte einige Augenblicke wirken und fuhr dann fort.

Dieser Verstofflicher ist ein gasförmiges Wesen. Es kann selbstständig denken. Dieses Wesen ist in der Lage sich in Roggles Körper einzunisten, ohne dass er es merkt.

Verstehe, Roggle dient als diesem Verstofflicher als Wirtskörper. Aber was dann?, fragte Atlan.

Wenn dieser Roggle mentalen Kontakt zu VORJUL herstellt, kann der Verstofflicher dadurch in die Superintelligenz eindringen. Dann bewirkt er durch eine Manipulation der einzelnen Bewusstseinseinheiten, dass diese sich wieder in einem stofflichen Körper materialisieren. Wenn VORJUL sich dann dadurch aufgelöst hat, werde ich anschließend den Planeten mit einer Hyperraumbombe vernichten. Dies hat zur Folge, dass die Bewusstseinskomponenten, ÜBSEF-Konstanten, Konzepte und dergleichen im Hyperraum verweht werden. Sie hätten keinen Ankerpunkt mehr und wären für immer verloren.

Verstehe. Roggle dient also als eine Art trojanisches Pferd, meinte Atlan.

VORJUL wird sich völlig sicher fühlen, und keinerlei Verdacht schöpfen, dass ihm ein solch beschränktes Wesen gefährden könnte, erklärte Eorthor.

Hast du diese Waffe denn schon mal angewendet?, fragte Osiris.

Nein, aber ich weiß, dass sie funktioniert. Alles, was ich geschaffen habe, hat immer funktioniert, erklärte der Alysker überzeugt.

Das einzige was wir tun müssen, ist Roggle für ein paar Stunden in mein Labor zu bringen, damit ich den Verstofflicher in den Vorjul einsetzen kann.

Atlan wurde nachdenklich. Er selbst hielt den Plan für durchdacht, aber er ahnte schon wie sein Freund Alaska Saedelaere darauf reagieren würde.

Nein! Nein, das könnt ihr nicht machen. Roggle ist ein empfindsames Wesen. Ihr habt nicht das Recht, ihn auf diese Weise zu missbrauchen, lehnte Alaska den Plan ab.

Atlan hatte ihn in den Konferenzsaal geholt, während Jaques de Funes und Leopold bei Roggle blieben.

Das Schicksal einer einzelnen, jämmerlichen Kreatur ist nichts im Vergleich zum Schicksal von unzähligen Wesen in deiner Heimat, die sonst vernichtet werden, belehrte ihn Eorthor.

Ihr habt trotzdem nicht das Recht dazu. Der Zweck heiligt nicht die Mittel, wandte Alaska ein.

Ich muss Eorthor leider Recht geben. Dies ist vielleicht unsere einzige Chance, die Invasion gegen die Lokale Gruppe zu verhindern. Wenn wir scheitern, gibt es nichts was MODROR noch aufhalten könnte, gab Osiris zu bedenken.

Was sagst du, Atlan?, fragte Alaska den Arkoniden.

Ich bin derselben Meinung. Auch wenn des pathetisch klingt: Das Schicksal unserer Heimat und vielleicht des ganzen, uns bekannten Universums steht auf dem Spiel. Wir müssen handeln, bevor es zu spät ist. Außerdem hat mir Eorthor versichert, dass Roggle dabei nichts passiert, erwiderte der Unsterbliche.

Das ist korrekt, der Vorjul dient lediglich als Überträger des Verstofflichers, sagte Eorthor emotionslos. Er ist nun einmal der einzige, der in die Nähe VORJULs gelangen kann. Davon abgesehen verstehe ich nicht, warum ihr Sorgen um ein sterbliches Wesen macht!

Kotzbrocken wie du werden das nie verstehen. Egal wie viele Millionen Jahre sie auch werden mögen, entgegnete Alaska gereizt.

Kein Grund persönlich zu werden. Wir werden deinen Roggle schon rechtzeitig herausholen. Im übrigen muss ihn jemand von euch begleiten, denn alleine können wir diesen unfähigen Narren nicht gehen lassen. Wenn er dann seine Mission erfüllt hat, muss ein Schiff auf Vorjul landen und die Hyperraumbombe dort zünden.

Das wird meine HOR-ATEP übernehmen, bot Osiris an.

Und wir werden Roggle begleiten, entschied Atlan.

So soll es geschehen, sagte Eorthor sichtlich zufrieden.

Wirst du mit Roggle reden, Alaska?, fragte Atlan den Terraner.

Mir bleibt wohl keine andere Wahl. Aber gerne tue ich es nicht.

Nachdem Alaska dem Vorjul gut zugeredet hatte, begleitete er Eorthor in dessen Labor. Eorthor bemühte sich, so freundlich wie möglich zu Roggle zu sein und erzählte ihm, dass es sich um eine routinemäßige, medizinische Untersuchung handeln würde, die nur zu Roggles Besten wäre.

Alaska Saedelaere fühlte sich dabei alles andere als gut. Er empfand so etwas wie Freundschaft und Mitgefühl für das gepeinigte Wesen. Er hoffte nur, dass Roggle wirklich nichts passierte. Er traute Eorthor nicht. Der Alysker würde bedenkenlos alle und jeden opfern, wenn es seinen Plänen dienlich war. Alaska war klar, dass er dabei auch vor ihm und seinen Freunden keinen Halt machen würde.

Nach einigen Stunden hatte Eorthor sein Experiment erfolgreich beendet. Über die Details schwieg er sich aus, aber er weihte Atlan, Alaska und Osiris ein, dass sich der Verstofflicher nun in Roggles Körper befand und darauf wartete, mit VORJUL in Kontakt zu treten. Alaska war überrascht, wie ruhig und besonnen sich Roggle verhielt. Selbst Gle, der aggressivere Teil des zweiköpfigen Wesens, der immer wieder durch boshafte Bemerkungen aufgefallen war, schwieg. Offenbar war Roggle durch die fremde Umgebung zutiefst beeindruckt. Alaska hoffte nur, dass Roggle die bevorstehenden Ereignisse gut überstand und dem Vorjul dies alles nicht überforderte. Dem Hautträger gefiel die ganze Angelegenheit überhaupt nicht und er hatte Zweifel an dem Plan. Aber auch er wusste im Moment keine Alternative.

Nachdem alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, brachte Osiris Atlan und seine Gefährten auf sein Schiff, die HOR-ATEP. Eorthor ließ die Hyperraumbombe an Bord bringen. Der Alysker hatte beschlossen, die Expedition zu begleiten, da nur er – seiner Meinung nach – in der Lage war, das Unternehmen zu einem Erfolg zu bringen. Kurz darauf hob die HOR-ATEP ab und verließ Alysk.

Wohin fliegen wir denn jetzt, Alaska?, fragte Roggle den Hautträger.

Beklommen überlegte Saedelaere, was er nun sagen sollte. Die Wahrheit durfte Roggle natürlich nicht erfahren. Er hätte sie wahrscheinlich auch gar nicht verstanden. Alaska versuchte es daher mit der halben Wahrheit.

Wir fliegen nach Vorjul, zu deinem Volk. Deine Aufgabe ist es, dein Volk zur Vernunft zu bringen, erklärte er mit belegter Stimme.

Vernunft, Vernunft! Bah, ihr seid doch die Doofen!, giftete Gle.

Sei still, Gle! Das ist eine sehr wichtige Aufgabe, erwiderte Rog.

Traust du sie dir nicht zu, Roggle?, fragte Alaska unbehaglich.

Die beiden schwiegen. Auch Gle schien sich der Ernsthaftigkeit bewusst zu sein.

Doch, wir werden alles tun, um dir zu helfen, weil du unser Freund bist, Alaska. Du hast unser Leben gerettet, erklärte Rog.

Und du meines. Wir sind quitt.

Wir sind Freunde, sagte Rog in einer Art und Weise, die Alaska anrührte.

Danke, sagte er nur und ging dann. Er konnte es nicht länger ertragen, Roggle in die Augen zu sehen, da er sich schämte, ihn hintergehen zu müssen.

Kapitel 2
Vorjul

Der Flug nach Vorjul verlief ohne Zwischenfälle. Allerdings wurde Roggles schlechtere Hälfte Gle mit zunehmender Dauer wieder aggressiver und geriet mehrmals mit dem Somer Leopold, der auch kein Kind von Traurigkeit war, aneinander.

Bevor man sich Vorjul näherte, setzten sich alle Beteiligten zusammen. Nur Alaska Saedelaere, der bei Roggle blieb, fehlte. Eorthor ergriff das Wort.

Wir erreichen in Kürze Vorjul. Da wir es nicht riskieren können, uns zu weit vorzuwagen, habe ich in meiner Voraussicht ein Beiboot der Talsonen an die HOR-ATEP andocken lassen. Die Talsonen sind Bärenwesen, die zusammen mit den Skurit die vorherrschende Rasse im Kreuz der Galaxien sind. Sie sind jedoch Ureinwohner, während die Skelettwesen MODRORs erst seit der Besetzung im KdG leben. Auf Vorjul sind aber auch viele andere Hilfsvölker MODRORs stationiert. Daher werden ein paar Fremde nicht weiter auffallen, sagte der Alysker in hochtrabenden Tonfall.

Eine Ausnahme gibt es allerdings: Atlan, Alaska Saedelare und der Haluter müssen hier bleiben. Ihr seid MODROR und seinen Agenten sicher bekannt. Wenn man euch findet, wüsste MODROR sofort, dass eine Aktion gegen ihn im Gange ist.

Atlan machte ein missmutiges Gesicht.

Klingt plausibel, gefällt mir aber überhaupt nicht. Dann muss Osiris die Gruppe führen.

Auch Osiris dürfte MODROR und seinen Schergen inzwischen bekannt sein. Außerdem muss er sein Schiff steuern. Und ich komme ebenfalls nicht in Betracht.

Dann bleiben nur ich und die beiden Komiker übrig, meldete sich Denise Joorn zu Wort und zeigte lässig auf Jaques de Funes und Leopold.

Welche Komiker?, fragte Jaques de Funes entgeistert.

Das können wir nicht machen, meinte Atlan.

Doch, hielt Eorthor dem Arkoniden entgegen.

Gerade diese unscheinbaren Kreaturen werden dort keine Beachtung finden. Wenngleich auch ich zugeben muss, dass dies ein wunder Punkt in meiner Planung ist. Ich weiß nicht, ob ich mich auf diese Wesen verlassen kann.

Danke für das Unscheinbar, sagte Denise Joorn giftig.

Der Somer Leopold, der bislang erstaunlich ruhig geblieben war, erhob sich ächzend aus seinem Sessel und stemmte beide Flügel in die Hüften.

Und ob man sich auf Leopold verlassen kann! Gegen mich ist James Bond ne Flachpfeife. Wo fliegen wir eigentlich hin?

Setz dich wieder, du Angeber, giftete Jaques de Funes den Somer. Im Handumdrehen war wieder ein lauter Streit zwischen den beiden im Gange, der erst durch Icho Tolots lautes Gelächter, das den Konferenzraum erbeben ließ, verstummte.

Wahrlich eine unauffällige Truppe, prustete der Haluter.

Genug des Scherzes. Ich hoffe, ihr seid euch des Ernstes der Lage bewusst, sagte Eorthor streng.

Sind wir. Wir reißen uns schon zusammen, versicherte Denise Joorn.

Mich würde allerdings noch interessieren, was es über den Planeten Wissenswertes gibt, auf dem wir landen.

Eorthor erklärte bereitwillig, dass der Planet Vorjul ein feuchter, sumpfiger Dschungelplanet war. Er besaß einen Durchmesser von 14 990 Kilometern und hatte drei Kontinente. Die Durchschnittstemperatur auf Vorjul lag bei 21 Grad Celsius. Meist war es dort sehr regnerisch und schwülwarm.

Die Hauptstadt trägt den Namen Kattaza. Sie wird hauptsächlich von einheimischen Talsonen sowie Skurits und anderen Völkern aus Barym bewohnt. Zumindest die Talsonen sind VORJUL unterworfen. Die Skurits, Lasaar oder Rytar dienen vermutlich aus freiem Willen MODROR. In der Nähe von Kattaza befindet sich der Berg Vorjul, der Sitz der Superintelligenz. Dort liegt euer Ziel. Ihr müsst euch beeilen und Roggle so schnell wie möglich Kontakt mit VORJUL aufnehmen lassen, bevor die Superintelligenz etwas bemerkt. Allerdings dürften ihr eure schwachen mentalen Impulse kaum auffallen, meinte der Alysker.

Was meint er damit?, fragte Leopold.

Ich erkläre es dir später, entgegnete Denise Joorn.

Ich bin noch nicht fertig!, unterbrach Eorthor den Dialog.

Es genügen bereits wenige Minuten, um den Verstofflicher auf VORJUL zu übertragen. Danach müsst ihr euch beeilen und so schnell wie möglich vom Berg VORJUL verschwinden. Sonst kann ich für eure Sicherheit nicht garantieren. Glaubt ja nicht, dass ich nur wegen euch die Bombe nicht zünden würde.

Daran zweifle ich nicht, gab Denise zurück.

Keine Sorge. Wir sind auch noch da, sagte Atlan beruhigend.

Und ich und HOR-ATEP ebenfalls, schloss sich Osiris an.

Danke, auch daran zweifle ich nicht, meinte die Archäologin lächelnd, während Eorthor finster vor sich hin starrte.

Leopold hingegen wirkte beunruhigt.

Also, vielleicht sollten wir uns das Ganze doch noch mal überlegen.

Ach was! Sei gefälligst ein Mann!, herrschte ihn Jaques de Funes an, obwohl dem Terraner auch alles andere als Wohl zumute war, was er aber vor Denise Joorn natürlich nicht zugeben wollte.

Mittels einer Hypnoschulung machte Eorthor die drei mit der Bedienung des talsonischen Beibootes vertraut. Alaska Saedelaere instruierte derweil nochmals Roggle, dem er einschärfte mit Denise Joorn zu gehen und ihre Anordnungen zu befolgen. Widerstrebend willigte Roggle ein und begab sich an Bord des Beibootes.

Was wird aus Roggle werden?, fragte Alaska Eorthor.

Wenn er den Verstofflicher auf VORJUL übertragen hat, ist er nutzlos für mich. Ihr könnt mit ihm machen, was ihr wollt. Ob ihr ihn da lasst und mit euch nehmt, ist eure Sache. Ich würde aber zu ersterem raten, antwortete der Alysker gleichgültig.

Alaska musste sich sehr zusammennehmen, um nicht aufzubrausen, aber er wusste, dass dies nichts nutzen wurde, da Eorthor einfach in ganz anderen Kategorien dachte. Mit einem unguten Gefühl verabschiedete sich Saedelaere von Roggle und seinen Gefährten und ging von Bord.

Kurze Zeit später legte das talsonische Beiboot mit Denise Joorn, Leopold, Jaques de Funes und Roggle an Bord ab und ließ die HOR-ATEP hinter sich. Osiris Schiff blieb im Schutz der Sonne zurück und wartete auf seinen Einsatz. Erst wenn der Verstofflicher zum Einsatz gekommen war oder bei einem dringenden Notfall sollte Denise Kontakt mit Osiris Schiff herstellen. Bis dahin herrschte Funkstille.

Das kann ja heiter werden! Hätte ich doch bloß nicht diese verdammte Reise gemacht, dann wäre ich jetzt nicht hier, jammerte Jaques de Funes.

Das hast du nun davon. Hauptsache Termine, Termine, Termine! Ihr Geschäftsleute seid doch alle nicht ganz dicht. Rennt immer nur hinter dem Geld her, wo doch das Universums so viel schöneres zu bieten hat. Aber ich finde das alles irgendwie cool. Und besonders Denise, entgegnete Leopold.

Denise verzog die Mundwinkel. Mit den beiden konnte das noch ein Himmelfahrtskommando werden. Aber das war es ihrer Meinung nach ohnehin schon.

Seid still! Euer Gequassel macht uns Kopfweh!, keifte Gle.

Nein, wir finden es schön, Freunde zu haben, meinte dagegen Rog.

Das ist ja gut und schön, aber Sie müssen sich irgendwann mal entscheiden, was Sie wollen. Immer dieses hin und her. Ist ja kein Wunder, dass sie davon Nervenprobleme kriegen, belehrte Jaques de Funes den Vorjul.

Hässlicher, blöder, kleiner Zwerg!, fauchte Rog.

Also das ist doch wohl die Höhe! So macht man sich aber keine Freunde, sagte der Terraner pikiert und wandte sich ab.

Denise Joorn bemerkte, dass Roggle beziehungsweise seine Hälfte Gle immer aggressiver wurde, je näher sie sich Vorjul näherten. Hoffentlich ging das alles gut. Sie hatte längst nicht soviel Vertrauen in den Plan wie Eorthor. Aber sie vertraute Atlan und Osiris. Diese beiden besaßen unendlich viel mehr Erfahrung als sie. Die Archäologin sah auf die Kontrollen. Eorthor hatte das talsonische Schiff so programmiert, dass es von alleine nach Vorjul kam.

Bald würde es soweit sein. Bis dahin versuchte sie sich zu entspannen.

Ein Piepen weckte Denise Joorn. Sie sah auf die Kontrollen und aktivierte den Panoramaschirm. Vor ihnen lag Vorjul.

Auf eure Posten! Wir sind da, wies sie Leopold und de Funes an.

Plötzlich wurden sie von zahllosen Raumschiffen umringt, die an ihnen vorbeiflogen. Es waren Einheiten der Talsonen und der Skurits. Inmitten dieses Pulks schien das gekaperte Schiff nicht weiter aufzufallen.

Wir sind umzingelt! Das ist das Ende!, glaubte Jaques de Funes.

Denise Joorn aktivierte den Erkennungscode, den ihr Eorthor gegeben hatte.

Jetzt werden wir sehen, was dieser Code wert ist. Wenn Eorthor recht hatte, lassen sie uns landen. Wenn nicht, sind wir dran.

Dran! Dran! Dran!, schrie Roggle und hüpfte auf einem Bein in der Leitzentrale auf und ab.

Setz dich hin!, herrschte die Terranerin den Vorjul an, der dann auch tatsächlich gehorchte und sich eingeschüchtert auf seinen Platz setzte.

Gespannt wartete das Team darauf, dass etwas passierte. Doch es geschah nichts. MODRORs Schiffe hatten sie als eines der ihren eingestuft und ließen sie unbeachtet.

Der Alysker hatte also Recht. Sie lassen uns landen. Hoffen wir, dass es weiter so gut geht, sagte Denise Joorn.

Und wie geht es nun weiter, wenn es erlaubt ist zu fragen?, wollte Jaques de Funes wissen.

Eorthor hat gesagt, dass wir auf einem Landefeld in der Nähe des Berges Vorjul landen werden. Von dort aus müssen wir zu Fuß weiter, erklärte die Terranerin.

Leopold war davon alles andere als begeistert. Zu Fuß? Ach nö, das ist ja so anstrengend.

Fauler Sack!, herrschte ihn de Funes an.

Selber Sack!

Schluss jetzt, ihr beiden! Ihr seid ja schlimmer als Tatcher a Hainu und Dalaimoc Rorvic. Und die sollen schon schlimm genug gewesen sein, wie ich gelesen habe. Bereitet euch jetzt auf die Landung vor, bestimmte Denise genervt.

Genau wie der Alysker Eorthor es vorausgesagt hatte, landete das talsonische Beiboot auf dem vorgesehenen Landefeld. Ein Leitstrahl hatte es erfasst und sicher zu Boden gebracht. Gespannt warteten die Insassen des Schiffes, ob jemand kam um nach ihnen zu sehen. Doch die Stunden vergingen und niemand kümmerte sich um sie.

Das ist mir fast schon zu einfach, murmelte Denise Joorn, die dem Frieden nicht recht traute.

Soll ich mal rausgehen und schreien, damit es spannender wird?, wagte Leopold einen Scherz, wofür er sich von Denise Joorn nur einen abfälligen Blick einhandelte.

Wenn es dunkel ist, gehen wir, entschied die Archäologin. Dann wandte sie sich an Roggle.

Bist du bereit, Roggle?, fragte sie behutsam.

Ja, sagte Rog.

Nein, sagte Gle.

Denise rollte genervt mit den Augen.

Na wunderbar. Dann kann es ja losgehen.

Die Terranerin ging zu einem Schrank und holte drei Handstrahler hervor. Einen davon steckte sie ein, die anderen übergab sie Leopold und Jaques de Funes.

Hier, aber passt auf, dass ihr euch nicht selbst erschießt.

Keine Sorge, Baby. Auf dem Gebiet bin ich Experte, gab Leopold an.

Denise ersparte sich lieber jeglichen Kommentar.

Kapitel 3
Rodrom

Ein riesiges Raumschiff schwebte langsam auf Vorjul zu. Ein kleines Beiboot verließ es und flog den Planeten an. Nach einer Weile landete es auf dem größten Raumhafen der Hauptstadt Kattazza. Tausende von Skurit-Soldaten und Talsonen waren auf dem riesigen Landefeld angetreten, um dem Passagier, den die Raumfähre beförderte, zu huldigen.

Gemächlich schritt Rodrom die Rampe hinunter. Diese Empfänge waren zwar immer wieder dieselben, doch er fand es immer wieder amüsant, wie sich seine Untergebenen abmühten, um ihm ein standesgemäßes Ambiente zu bieten.

Rodrom ließ seinen Blick über die angetretenen Kompanien schweifen und war zufrieden. Mit diesen Armeen sollte es ein Leichtes sein, die Feinde MODRORs zu unterwerfen oder zu vernichten, wenn sie es nicht anders wollten. Rodrom fand MODROR manchmal zu milde, sah aber ein, dass man hin und wieder neue Völker braucht, um das immer größer werdende Reich zu kontrollieren. Je größer ein Imperium wurde, desto schwieriger wurde es, dieses zu verwalten. Aber das waren nun einmal die Probleme einer Entität. Davon ahnten die kleinen, jämmerlichen und sterblichen Wesen natürlich nichts. Sie waren immer nur mit ihrem kleinen, banalen Problemen beschäftigt, die sich um irgendwelche Begierden unterschiedlicher Art drehten. Es machte einfach keinen Sinn, ihnen irgend etwas zu erklären. Wichtig war nur, dass sie seine Befehle befolgten.

Der oberste Kommandeur der Talsonen begrüßte ihn ehrerbietig.

Ich heiße euch auf Vorjul im Namen unseres Gebieters herzlich willkommen, Herr.

Ja, schon gut. Ich wünsche die Truppen zu inspizieren und möglichst bald mit VORJUL zu sprechen, erwiderte Rodrom gelangweilt.

Unser Gebieter wird euch sicher schon bald empfangen. Erlaubt mir, euch zunächst die Truppen zu zeigen.

Rodrom stimmte zu und begann mit der Inspektion der Truppen.

Kapitel 4
Auf Vorjul

Als es dunkel geworden war, verließen Denise Joorn, Jaques de Funes und Leopold mit Roggle das Beiboot. Auf dem beleuchteten Landefeld war niemand zu sehen. Nur ein paar Roboter schwebten zwischen den zahllosen Raumschiffen umher und beachteten sie nicht.

Denise ließ ihren Blick über die vielen Schiffe verschiedenster Bauart schweifen.

Wenn man bedenkt, dass dies nur ein Teil ihrer Invasionsflotte ist, muss das Ausmaß ihrer Stärke gigantisch sein, meinte die Archäologin.

Das klingt beunruhigend, sagte Jaques de Funes mit belegter Stimme.

Ist es auch. Machen wir lieber, dass wir weiter kommen.

Die Gruppe verließ das Landefeld, ohne jemandem zu begegnen.

Wo die nur alle sind?, fragte sich Denise ohne zu ahnen, dass zur selben Zeit nicht allzu weit entfernt eine gigantische Truppenparade zu Ehren Rodroms stattfand.

Seien wir froh, dass sie nicht hier sind, meinte Jaques de Funes angespannt.

Der Unternehmer und sogar Leopold hatten den Ernst der Lage erfasst und verzichteten auf ihre gewohnten Neckereien. Auch Roggle wirkte eingeschüchtert und verhielt sich ungewöhnlich still.

Denise hielt an und sah sich um.

Der Berg Vorjul soll ganz in der Nähe dieses Landefelds sein. Aber in welche Richtung wenden wir uns?, rätselte die Archäologin.

Roggle trat entschlossen vor und deutete in die entgegengesetzte Richtung.

Dort entlang. Folgt mir, sagte er ernst.

Denise entschloss, sich der seltsamen Kreatur zu vertrauen. Vielleicht hatte Roggle schon mentalen Kontakt aufgenommen.

Also gut. Geh voran.

Denise Joorn und ihre Begleiter folgten Roggle, der sie aus der Stadt hinausführte. Es nieselte leicht und war schwülwarm. Je näher sie dem Berg kamen, desto angenehmer wurde jedoch die Temperatur. Roggles Schritte wurden immer schneller und besonders Leopold musste sich beeilen, um mit den anderen mithalten zu können. Alle trugen kleine Scheinwerfer mit sich, um sich im Dunkeln zurecht zu finden. Schließlich, als die Sonne aufging, erreichten sie den Berg Vorjul.

Das ist der Berg Vorjul, verkündete Roggle mit einem ehrfürchtigem Leuchten in den Augen.

Na endlich. Ich kann nicht mehr, jammerte Leopold und setzte sich auf einen Felsen.

Und nun?, fragte Jaques de Funes.

Denise Joorn wandte sich Roggle zu.

Kannst du Kontakt mit VORJUL und deinem Volk aufnehmen?

Ja, sagte Roggle und nickte mehrmals mit beiden Köpfen abwechselnd.

Dann geh und sprich zu ihm!

Roggle gehorchte und kletterte ein Stück den Berg hinauf,

Denise Joorn sah ihm mit gemischten Gefühlen nach. Auch ihr behagte es nicht, Roggle zu hintergehen. Außerdem fragte sie sich, ob Eorthors Plan wirklich funktionieren würde und ob sie dann auch noch genug Zeit hatten, um Vorjul wieder rechtzeitig zu verlassen.

Ich bin da! Endlich zuhause.

Wir sind da, Rog! Vergiss das nicht.

Das ist doch ein und dasselbe.

Jaja! Du denkst immer nur an dich! Niemand denkt an Gle! Hauptsache Rog. Rog muss ja gemeinsame Sache mit diesen ekligen Fremden machen, die unsere Feinde sind.

Nein, Gle! Sie sind unsere Freunde. Ohne sie wären wir gar nicht hier.

Das tun sie nur, weil sie etwas dafür von dir wollen.

Schweig still! Wir müssen zu VORJUL sprechen. Bald werden wir Eins sein mit unserem Volk. Aber vorher müssen wir uns für den Frieden einsetzen. Lass uns nun Kontakt zu VORJUL aufnehmen. Aber dazu müssen wir Eins sein und mit einer Stimme sprechen.

VORJUL! Erhöre mich! Ich bin Roggle und ich bin heimgekehrt.

VORJUL hört dich, kleiner, erbärmlicher Roggle! Was willst du hier, nach all der Zeit?

Heimkehren will ich. Zurück zu meinem Volk und Eins werden mit VORJUL.

Wie kannst du es wagen, dich hier sehen zu lassen, nachdem du einst so kläglich versagt hast? Du hast die Station nicht zerstört, so wie es dir befohlen war.

Aber das ist doch schon zweitausend Jahre her. Es war doch nicht meine Schuld. Ihr habt doch trotzdem gesiegt. Könnt ihr nicht Gnade walten lassen, nach all der Zeit, und mich in euer Kollektiv aufnehmen?

Gnade? Was sind schon zweitausend Jahre? Für VORJUL ist dies nur ein kurzer Augenblick seiner ewigen Existenz. VORJUL vergisst nicht und niemanden und auch kein Versagen.

Höre mich an! Ich bringe eine Friedensbotschaft der Terraner. Sie wollen keinen Krieg. Sie wollen Freundschaft. Sie waren sehr gut zu mir.

Schweig, du Narr! Du hast die Feinde MODRORs nach Vorjul gebracht. Du bist ein Verräter! Das wirst du büßen!

Nein! Habt Mitleid mit Roggle. Nehmt ihn auf!

Doch die Stimme VORJULs verstummte. Verstört blieb Roggle auf einem Felsen sitzen und hielt sich seine Köpfe. Für den Vorjul war eine Welt zusammengebrochen. Sein Volk, das Kollektiv der Superintelligenz VORJUL hatte ihn abgelehnt und verstoßen, ja sogar als Verräter bezeichnet.

Ich habe dich gewarnt, du dummer Narr! Aber du wolltest ja nicht hören!, zischte Gle wütend.

Nein, nein. Das kann doch nicht sein. Wir sind doch keine Verräter, sagte Rog geknickt.

Ich nicht. Du aber schon. Und wegen deiner Dämlichkeit muss ich nun mitbüßen. Unser Leben ist für immer zerstört. Einsam und allein sind wir – für alle Zeiten.

Nein, Alaska ist unser Freund. Er wird uns helfen.

Du Dummkopf! Der ist doch an allem Schuld!

Da hörte Roggle erneut eine Stimme in seinem Kopf, bzw. Köpfen. Aber es war nicht die Stimme VORJULs:

Gib nicht auf, kleiner Roggle. Es ist noch nicht alles verloren.

Wer bist du? Ich kenne dich nicht. Du bist nicht VORJUL.

Nein, ich bin nicht Vorjul. Ich bin weitaus mächtiger als VORJUL. Ich bin MODROR!

MODROR? Was willst du von mir?

Ich biete dir an, mir zu dienen. Als Belohnung sorge ich dafür, dass VORJUL dich in sein Kollektiv aufnimmt.

Das würdest du tun? Das ist aber nett von dir.

Ja, das ist es wirklich. Alles was du tun musst, ist meine Befehle zu befolgen.

Und wie lauten diese Befehle?

Liefere mir die Fremden aus. Ich will wissen, wo sie sich versteckt haben. Bring sie zu mir und ich erfülle dein Schicksal.

Alaska verraten? Aber er ist doch mein Freund.

Willst du für immer so bleiben wie du bist? Eine hässliche Missgeburt, von allen verspottet und abgelehnt und für immer einsam und allein. Oder willst du zurück zu deinem Volk?

Ich würde so gerne zurück zu meinem Volk. Ich bin so schrecklich einsam.

Dann tue, was ich dir sage! MODROR gibt dir diese Chance nur einmal. Nutze sie!

Also gut, ich will tun was du sagst. Ich will dir dienen.

Rodrom fing an sich zu langweilen. Unzählige Raumschiffe hatte er besichtigt, unzählige Wesen verschiedenster Art waren an ihm vorbeimarschiert. Und immer wieder hatten die Militärführer dasselbe erzählt. Rodrom fand diese körperlichen Wesen einfach erbärmlich, aber sie waren nützliche Kämpfer für die Zwecke MODRORs. Sie würden seine Feinde überrennen und vernichten. Dieser Gedanke stimmte die Inkarnation wieder froh. Außerdem sah er ein, dass diese Inspektionen nun einmal zu seiner Arbeit gehörten. Manchmal war diese Arbeit eben lästig und zäh, aber manchmal war sie auch schön und befriedigend, wenn wieder einmal ein Planet versklavt oder vernichtet wurde. Dann hatte sich die ganze Mühe gelohnt.

Rodrom!, hörte die Inkarnation eine mächtige, mentale Stimme in sich hallen. Es war die Stimme seines Gebieters MODROR. Wenn er ihn hier rief, musste etwas wichtiges geschehen sein.

Ja, Meister?, fragte Rodrom ehrerbietig und lauschte gespannt.

Fremde sind auf Vorjul gelandet. Sie befinden sich am Berg. Sie nahmen Kontakt mit der Superintelligenz auf. Es sind nur wenige, aber ich spüre Gefahr.

Wie können einige wenige uns und unsere gewaltige Flotte gefährden?

Unterschätze sie nicht. Finde heraus, was sie hier wollen. Wir brauchen sie lebend. Schnell!

Ja, Meister.

Als sein Meister ihn verlassen hatte, rief Rodrom einige Skurit-Soldaten zu sich und entsandte sie zum Berg Vorjul, um die Eindringlinge gefangen zu nehmen.

Denise Joorn suchte die Gegend mit einem Okular ab, um nach Roggle zu sehen. Sie konnte ihn aber noch nicht entdecken. Die Terranerin fragte sich, ob Eorthors Plan gelungen war und der Entstofflicher auf die Superintelligenz VORJUL übergesprungen war. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie das ganze über die Bühne gehen sollte. Ihr war auch mehr daran gelegen, Roggle wieder einzusammeln und dann zum Schiff zurückzukehren, um Vorjul so schnell wie möglich wieder verlassen zu können. Endlich entdeckte sie den zweiköpfigen Vorjul zwischen den Felsen.

Da ist er! Ich habe ihn entdeckt!, rief sie ihren Begleitern zu.

Na wunderbar. Vielleicht kann der sich mal ein bisschen beeilen, meinte Jaques de Funes.

Gehen wir ihm entgegen, entschied Denise.

Die drei setzten sich in Bewegung und gingen dem Vorjul entgegen, der ihnen mit hängenden Köpfen entgegen trottete.

Was ist geschehen?, fragte Denise Roggle behutsam.

VORJUL hat mich weg geschickt. Niemand will Roggle haben, sagte das seltsame Wesen mit trauriger Stimme.

Das ging Denise nahe. Es war zwar von Anfang an klar gewesen, dass sich die Superintelligenz VORJUL auf keinerlei Verhandlungen einlassen würde, aber Roggle hatte sich natürlich Hoffnungen gemacht. Die Archäologin fragte sich erneut, ob der Entstofflicher Roggle verlassen und auf VORJUL übergegangen war. Doch das konnte sie Roggle schlecht fragen, da dieser ohnehin keine Ahnung von all dem hatte. Jetzt galt es, so schnell wie möglich diesen Planeten zu verlassen.

Du kannst mit uns kommen, Roggle. Bei uns hast du Freunde. Wir müssen jetzt zurück zum Schiff und dann zur HOR-ATEP.

Kaum hatte Denise Joorn ausgesprochen, tauchten über ihnen ohne Vorwarnung mehrere Schwebegleiter auf, die zahlreiche Skurit-Soldaten in ihrer Nähe absetzten.

Sie haben uns entdeckt! Was sollen wir jetzt tun?, fragte Jaques de Funes panikerfüllt.

Ehe sich die vier versahen, waren sie von Skurit-Soldaten umringt, die drohend ihre Waffen auf sie anlegten. Denise Joorn sah ein, dass Gegenwehr sinnlos war. Sie waren in die Falle gegangen. Jetzt konnten ihnen nur noch Atlan und Osiris helfen, wenn sie noch rechtzeitig kamen. Resigniert warf Denise ihre Waffe weg. Jaques de Funes und Leopold taten es ihnen nach. Roggle sank wimmernd auf den Boden und schlug sich mit den Händen immer wieder gegen seine Köpfe.

Wir ergeben uns!, rief sie den Skurit-Soldaten zu, ohne zu wissen ob diese sie überhaupt verstanden. Dann wurden sie gepackt und gefesselt.

Ungeduldig wartete Rodrom in seinem Sitz in Kattazza auf die Meldungen seines Suchtrupps.

Endlich kam ein talsonischer Offizier hereingestampft und meldete:

Wir haben vier Fremde am Berg Vorjul aufgegriffen. Sie gehören zu keiner unserer Einheiten. Sollen wir sie herbringen, Herr?

Nein, ich komme selbst dorthin. Melde den Truppen dort, sie sollen sie nicht aus den Augen lassen.

Denise Joorn und ihre Begleitern mussten sich auf den Boden hocken und warten. An Flucht war überhaupt nicht zu denken. Überall standen Skurit-Soldaten um sie herum und warteten nur auf eine falsche Bewegung. Nach einigen Minuten hörte Denise ein Dröhnen und ein Rauschen. Ein Raumschiff landete ganz in ihrer Nähe. Kurz darauf verließ eine rot gekleidete Gestalt das Schiff und kam mit schnellen Schritten auf sie zu. Denise erschrak. Das musste Rodrom sein. Dies konnte ihr Ende bedeuten.

Rodrom ging auf die vier Gefangenen zu. Einer davon war ein Vorjul mit zwei Köpfen, was die Inkarnation recht amüsant fand. Die drei anderen waren jedoch zwei Terraner und ein Somer. Das konnte nur bedeuten, das eine feindliche Kommandoaktion im Gange war. Rodrom ahnte, dass die Zeit drängte und kam ohne Umschweife zur Sache:

Ich bin Rodrom. Je schneller ihr mir sagt, was ihr hier vorhabt, desto besser für euch. Wenn ihr euch weigert, werdet ihr einen langsamen, qualvollen Tod sterben.

Aber wir haben doch gar nichts vor, versicherte der Somer.

Rodrom begann die drei mental zu durchleuchten. Ihre Gedanken bedeuteten keinen Widerstand für ihn. Der Somer dachte jedoch nur an banale Dinge. Er hegte lüsterne Gedanken an die terranische Frau, die Denise Joorn hieß. Dann wandte er sich dem kleinen Terraner zu, der auch nur an banale Dinge wie Geld und Arbeit dachte und der sich fürchtete, nie mehr in seine Heimat zurückkehren zu können. Rodrom empfand es als Beleidigung, dass der Feind solche Primitivlinge gegen ihn einsetzte ‑ oder war gerade dies die Taktik? Rodrom begann nun die Frau zu durchleuchten. Sie versuchte sich zu wehren, aber sie hatte keine Chance sich ihm zu entziehen. Die Frau namens Denise dachte an einen Plan, an Eorthor …

Eorthor! Rodrom wurde unruhig. Er forschte weiter und erfuhr die ganze Wahrheit. Eorthor wollte einen Verstofflicher einsetzen. Dafür hatte er den mutierten Vorjul, der davon keine Ahnung hatte, eingesetzt.

Entsetzten, ein Gefühl das Rodrom schon seit langer Zeit nicht mehr kannte, ergriff die Inkarnation. Er versuchte körperlos zu werden, doch es gelang ihm nicht. Rodrom versuchte es mehrere Male, doch es gelang ihm nicht. Er musste Kontakt zu VORJUL aufnehmen. Doch plötzlich fingen die Skurit-Soldaten an zu toben und sinnlose Bewegungen zu machen. Sie ließen ihre Waffen fallen und rannten wie wahnsinnig hin und her. Rodrom erkannte, dass VORJUL begonnen hatte, die Skurits und Talsonen zu übernehmen. Der Verstofflicher hatte zu wirken begonnen.

An Bord der HOR-ATEP blickte der Alysker Eorthor gespannt auf seine Instrumente. Als er die Ergebnisse sah, entspannten sich seine Gesichtszüge. Atlan glaubte sogar, etwas wie ein freundliches Lächeln auf seinen Lippen erkennen zu können.

Und?, fragte der Arkonide neugierig.

Der Verstofflicher arbeitet einwandfrei. Auf Vorjul ist das Chaos ausgebrochen. Die Bewusstseinskomponenten der Vorjul übernehmen Skurits und Talsonen und es entsteht ein Kampf um die innere Vorherrschaft in jedem Wesen. Der Augenblick ist gekommen, auf dem Planeten zu landen und die Bombe zu platzieren, verkündete Eorthor zufrieden.

Dann wollen wir keine Zeit verlieren. Ich starte sofort, rief Osiris und begann mit den Startvorbereitungen.

Zuerst holen wir Denise und die anderen, schlug Alaska Saedelaere vor.

Nein, zuerst müssen wir die Bombe platzieren. Das ist wichtiger als ein paar entbehrliche Leute. Danach könnt ihr euch meinetwegen um eure Gefährten kümmern, entschied Eorthor.

Alaska verließ wütend den Kommandoraum. Atlan sah ihm beunruhigt nach. Hoffentlich kamen sie noch rechtzeitig, um ihre Freunde zu retten.

Wütend und hilflos betrachtete Rodrom das Chaos um ihm herum. Wie hatte dies nur geschehen können? Mit ein paar minderwertigen Subjekten hatte Eorthor ihn, VORJUL und sogar MODROR zum Narren gehalten. Doch dieses Manöver würde sie nur aufhalten. MODROR würde den Verstofflicher neutralisieren, vorausgesetzt es blieb ihm genug Zeit dazu. Rodrom vermutete, dass der eigentlich Angriff erst noch bevorstand. Durch die Auflösung VORJULs und das dadurch enstehende Chaos war der Planet verwundbar. Rodrom musste in Erfahrung bringen, wann der Angriff bevorstand. Dazu brauchte er die Gefangen. Er würde sie schon zum Reden bringen. Rodrom bahnte sich rücksichtlos den Weg durch die umherirrenden Skurit-Soldaten. Doch als er an den Platz kam, an dem sich die Gefangenen vor kurzem noch befunden hatten, musste er feststellen, dass sie nicht mehr dort waren.

Sie waren geflohen.

Das Chaos kam für Denise Joorn und ihre Begleiter völlig unerwartet, bedeutete aber die Gelegenheit zur Flucht. Denise konnte sich denken, dass der Amoklauf der Skurits mit Eorthors Verstofflicher zu tun hatte.

Sind die jetzt völlig durchgeknallt?, fragte Leopold.

Ja, und wir machen, dass wir hier wegkommen. Ihr kümmert euch um Roggle, ordnete Denise an. Leopold und Jaques de Funes nahmen den verwirrten Roggle in die Mitte und zogen sie ihn mit sich.

Wir verstecken uns erst einmal bei den Felsen dort, sagte Denise Joorn und zeigte den anderen einen etwas abseits gelegenen Platz. Als sie dort angekommen war, holte sie ihren Interkom hervor und versuchte Kontakt mit Atlan und der HOR-ATEP aufzunehmen. Vielleicht waren ihre Freunde bereits im Anflug. Tatsächlich meldete sich kurz darauf der Arkonide.

Denise! Seid ihr in Ordnung?, fragte Atlan beunruhigt.

Bis jetzt ja. Um uns herum spielen die Skurits und Talsonen verrückt. Eorthors Waffe scheint zu wirken. Ich weiß aber nicht, ob wir zum Beiboot zurückkommen, berichtete die Archäologin.

Bleibt wo ihr seid. Wir legen jetzt die Hyperraum-Bombe. Danach holen wir euch ab. Gib uns eure Koordinaten durch.

Verstanden.

Denise teilte Atlan die Koordinaten mit und beendete das Gespräch. Erleichtert wandte sie sich ihren Kameraden zu.

Sie sind bald da und holen uns ab. Dann haben wir es geschafft, sagte sie erleichtert. Doch ihr Lächeln gefror abrupt, als sie eine unheimliche, rote Gestalt auf sich zukommen sah.

Unbehelligt hatte die HOR-ATEP den Planeten Vorjul erreicht. Weder die talsonischen Schiffe noch die Wachforts auf der Oberfläche beachteten sie. Der gesamte Betrieb auf dem Planeten schien gestört zu sein.

Mein Plan funktioniert, zeigte sich Eorthor zufrieden.

Ich habe die Koordinaten unserer Freunde. Sie sind noch immer am Berg VORJUL und berichten, dass dort großes Chaos herrscht. Da wir ohnehin zum Berg müssen, um die Bombe abzulegen, können wir sie gleich anschließend einsammeln, erklärte Atlan.

Einverstanden, sagte Osiris.

Wenn es sein muss, schloss sich Eorthor gelangweilt an.

Ja, es muss sein, meinte Atlan bestimmt.

Nach einigen Minuten landete die HOR-ATEP an einer menschenleeren Stelle. Eorthor ließ von Robotern die Hyperraum-Bombe ausladen und aktivierte sie. Dann kehrte der Alysker wieder an Bord zurück und die HOR-ATEP setzte ihren Flug fort.

Niemand erregt ungestraft den Zorn Rodroms. Habt ihr wirklich geglaubt, ihr könntet mir so leicht entkommen?, hörte Denise die Stimme des Roten sagen.

Instinktiv zog sie ihren Thermo-Strahler und legte ihn auf Rodrom an, doch bevor sie abdrücken konnte, flog ihr der Strahler aus der Hand und landete in Rodroms Hand.

Wann beginnt der Angriff?, fragte Rodrom ungehalten. Sprich, Weib, und ich beschere dir einen schnellen, schmerzlosen Tod.

Denise spürte, wie sich eine unsichtbare Hand um ihren Hals legte und fest zudrückte.

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Jaques de Funes und Leopold versuchten Rodrom zu attackieren, aber es erging ihnen genauso wie ihr.

Rede endlich! Ich habe lange genug Geduld gehabt. Wo sind eure Anführer? Wann beginnt euer Hauptangriff?

Ich … weiß es nicht, würgte Denise hervor.

Lügnerin! Ah, Atlan, Icho Tolot und Alaska Saedelaere sind auch hier. Ich werde sie gebührend empfangen.

Denise versuchte nicht mehr an den Einsatz zu denken, doch es gelang ihr nicht. Rodrom erfuhr, was er wissen wollte.

Eine Bombe? Wo ist sie und wann soll sie explodieren?, donnerte Rodroms Stimme.

Das wusste Denise wirklich nicht.

So, das weißt du nicht. Dann brauche ich euch nicht mehr. Stirbt also.

Denise schloss mit dem Leben ab. Der Griff um ihren Hals wurde noch fester und es begann ihr schwarz vor den Augen zu werden. Als sie dachte, es wäre aus, ließ der eiserne Griff plötzlich nach und sie sank keuchend zu Boden. Sie sah, wie die HOR-ATEP über sie hinwegflog und kurz darauf landete. Außerdem sah sie, dass Rodrom am Boden lag, eingehüllt von einem grünen Energiefeld und sich nicht bewegte. Atlan, Icho Tolot und Eorthor verließen das Schiff und kamen auf sie zu. Der Arkonide half ihr auf.

Bist du in Ordnung?

Ja, es geht schon wieder. Einen Moment lang dachte ich, es wäre aus. Sind die anderen in Ordnung?

Ja, die sind schon wieder munter. Unkraut vergeht nicht.

Was ist mit Rodrom?

Osiris hat ihn mit Hilfe der HOR-ATEP kampfunfähig gemacht und in ein Energiefeld gehüllt.

Keine Sekunde zu früh.

Offensichtlich wirkt der Verstofflicher auch bei ihm. Jetzt ist er unser Gefangener.

Eorthor war ebenfalls dazugekommen und betrachtete voller Genugtuung den gefangenen Rodrom, der bewegungslos auf der Boden lag und sich nicht rührte.

Da ist uns ein großer Fang gelungen. Rodrom persönlich ist mein Gefangener. Wer hätte gedacht, dass diese Operation so erfolgreich verlaufen würde.

Was machen wir mit ihm?, erkundigte sich Atlan bei dem Alysker.

Ich werde noch zu gegebener Zeit entscheiden, was mit ihm geschieht!, gebot Eorthor. Osiris soll ihn an Bord bringen. Wir nehmen ihn mit nach Alysk. Er kann uns noch wertvolle Informationen liefern.

Gleich darauf ließ der Kemete Osiris MORDORs Inkarnation an Bord seines Schiffes bringen und sperrte ihn in eine ausbruchsichere Energiezelle. Rodrom blieb dabei die ganze Zeit bewegungslos. Atlan brachte Denise und ihre Begleiter ebenfalls in das Schiff. Alaska Saedelaere kümmerte sich um Roggle, der einen ziemlich verstörten Eindruck machte.

Es wird nun Zeit, Vorjul zu verlassen. Die Bombe wird schon bald detonieren, sagte Eorthor, als sich alle in der Kommandozentrale befanden.

Ist es wirklich noch nötig, die ganze Welt zu vernichten? Es befinden sich unzählige Lebewesen auf dem Planeten, gab Denise Joorn zu bedenken.

Richtig, stimmte Atlan ihr zu. VORJUL ist ausgeschaltet worden, MODRORs Truppen befinden sich in totaler Verwirrung und wir haben Rodrom in unserer Hand. Die Aktion war ziemlich erfolgreich, würde ich sagen. (Nun, ich halte den alten Arkoniden nicht gerade für einen Humanitätsapostel, so wie er in der Mutterserie aufgebaut war, war Atlan immer (neben Bully) der kompromisslose Gegenpart zu Perry. Deshalb wäre ich dafür, dass das geändert wird, man könnte natürlich Alaska ins Spiel bringen ‑ zu dem passt das auch!)

Die Miene des Alyskers verfinsterte sich wieder bei diesen Worten.

Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis MODROR Gegenmaßnahmen treffen würde, um diesen Teil seiner Truppen zu retten. VORJUL würde sich früher oder später wieder erholen. Nein, dieser Planet und MODRORs Horden müssen für immer vernichtet werden, lehnte er Atlans Ansinnen ab. Abgesehen davon kann die Bombe nicht mehr deaktiviert werden. Eine Vorsichtsmaßnahme meinerseits. Ich rate euch also, VORJUL so schnell wie möglich zu verlassen. Die Zerstörung kann jeden Moment beginnen.

Atlan und Denise mussten einsehen, dass es keine andere Möglichkeit mehr gab. Während Eorthor redete, hatte Roggle den Kommandoraum betreten und die Worte des Alyskers voller Entsetzen mit angehört.

Zerstören? Ihr wollt VORJUL zerstören? Aber das geht doch nicht!, schrien Rog und Gle abwechselnd. Dann kann ich niemals wieder zu meinem Volk zurück.

Eorthor sah Roggle nur mitleidig an. Du hast deinen Zweck erfüllt. Du warst derjenige, der VORJUL vernichtet hat. Ich habe dir ohne dein Wissen einen Verstofflicher eingesetzt, der dann durch dich auf VORJUL übertragen wurde. Dadurch wurde die Superintelligenz stofflich und griff auf die dortige Bevölkerung über. Jetzt kann er durch meine Hyperraumbombe endgültig vernichtet werden. Du kannst von Glück sagen, dass du überlebst. Du bist damit der letzte Vorjul und ein einmaliges Exemplar im Universum.

Roggles Gesicht verzerrte sich vor Entsetzen. Flehentlich sah er zu Alaska Saedelaere hinüber. Alaska! Du hast doch gesagt, ihr währt meine Freunde. Das alles kann doch nicht wahr sein?

Leider doch. Er spricht die Wahrheit, sagte Alaska mit betretener Stimme.

Dann hast du auch davon gewusst, was geschehen würde? Ihr alle habt es gewusst?, fragte Roggle mit traurigen Augen. Saedelaere senkte nur den Kopf. Roggle kauerte sich resignierend in eine Ecke.

Es wird Zeit zum Start, Osiris, erinnerte Eorthor den Kemeten.

Der Start ist bereits eingeleitet. Wir verlassen VORJUL umgehend, versicherte Osiris dem Alysker.

Wenige Augenblicke später hob die HOR-ATEP ab und verließ Vorjul. In sicherer Entfernung bezog man dann Warteposition. Eorthor setzte sich an ein Kontrollpult und überprüfte den Countdown. Osiris öffnete den Panoramabildschirm.

Jetzt, sagte Eorthor befriedigt.

Kaum hatte er ausgesprochen, wurde der Planet Vorjul von einem grellen Blitz durchzogen und begann zu verglühen. Schließlich zerbarst er in einer gewaltigen Explosion. Sämtliche Schiffe MODRORs, die sich in seiner Nähe befunden hatten, wurden mit in das Verderben gerissen. Auch die Nachbarplaneten wurden von der Vernichtungswelle erfasst und zerstört.

Es ist vollbracht, erklärte Eorthor feierlich. Vorjul ist zerstört und die Superintelligenz mit ihm. Ihre Bestandteile werden im Hyperraum verweht. MODROR hat eine schwere Niederlage erlitten. Als Krönung des ganzen haben wir auch noch seine Inkarnation Rodrom in unserer Gewalt. Dies ist ein guter Tag für die Feinde MODRORs!

Atlan und Alaska schwiegen nur. Der Tod so vieler Lebewesen, auch wenn es Feinde waren, stimmte sie traurig.

Roggle schrie auf und lief schreiend hin und her. Alaska versuchte ihn zu beruhigen, doch erst als der letzte Vorjul erschöpft war, hockte er sich wieder in eine Ecke.

Ihr hättet ihn auf Vorjul lassen sollen. Er wird euch noch viel Ärger machen, meinte Eorthor.

Wir haben ihm schon genug angetan, gab Alaska in barschem Tonfall zurück.

Eorthor zuckte nur mit den Schultern.

Wenn ihr meint. Es wird Zeit, dass wir nach Alysk zurückkehren.

Die HOR-ATEP nahm Kurs zurück nach Alysk.

Verrat! Alle haben uns verraten! Alle, auch dein Busenfreund Alaska. Ich habe es dir immer gesagt. Wieder und wieder. Aber Rog weiß ja alles besser. Alaska ist ja unser Freund. Alaska meinte es ja nur gut mit uns. Pah, dass ich nicht lache!

Aber er hat doch unser Leben gerettet. Er war doch gut zu uns.

Das war alles nur ein Trick, um uns zu täuschen. Und du warst so blöde und bist drauf reingefallen.

Aber Alaska kann bestimmt nichts dafür. Er hat es nur gut gemeint.

Gut gemeint? Gut gemeint! Ha! Du siehst ja, mit wem er es gut gemeint hat. Mit uns jedenfalls nicht. Unser Volk ist vernichtet, VORJUL existiert nicht mehr. Wir können nie mehr nach Hause, weil sie unsere Heimat zerstört haben. Dafür müssen wir uns rächen – grausam rächen.

Du hast recht. Wir sind nun ganz allein, Gle.

Nein, nicht ganz. Der neue Meister, der zu uns kam. Er ist unser wahrer Freund. Wenn wir ihm treu dienen, wird er uns bei sich aufnehmen. Dazu müssen wir ihm aber unsereTreue beweisen.

Und wie sollen wir das tun?

Indem wir seine Feinde, die auch unsere Feinde sind, grausam töten.

Alle?

Alle! Auch Alaska. Er ist der Schlimmste von allen. Er hat uns gemein verraten. Dafür hat er den Tod verdient. Wenn wir sie besiegen wollen, müssen wir aber Eins sein.

Ja, ich glaube du hast recht. Alaska hat gesagt, er wäre unser Freund, aber er hat die ganze Zeit gewusst, dass VORJUL zerstört wird. Er ist ein Lügner, ein ganz gemeiner Lügner!

Endlich siehst du es ein, Rog. Ich habe es dir immer gesagt. Wieder und wieder, aber du wolltest ja nicht auf mich hören.

Jaja, schon gut! Gle weiß immer alles besser. Gle ist überhaupt der Größte.

Wir wollen uns nicht streiten. Wir haben auch so schon genug Feinde, aber wir haben dafür einen neuen Freund, der weitaus mächtiger ist als alle unsere Feinde.

Und was sollen wir nun tun?

Wir werden VORJUL rächen.

Und wie? Was sollen wir schon ausrichten? Wir sind doch viel zu schwach.

Wir werden so tun, als wären wir ihr Freund. Wir werden ganz lieb und brav sein und können so in ihrer Nähe bleiben. Dann warten wir auf eine günstige Gelegenheit, um sie allesamt zu töten.

Als die HOR-ATEP auf Alysk landete, wurde Rodrom unter schwerer Bewachung in ein Hochsicherheitsgefängnis gebracht, das einzig und allein er von nun an bewohnte. Seine Zelle wurde mit einem Energiefeld gesichert. Eorthor, Atlan und Osiris suchten MODRORs Inkarnation, die nun stofflich geworden war, auf. Rodroms starrte sie regungslos durch seine rote Maske an.

Nun bist du mein Gefangener. Du hast verloren, Diener des Abscheulichen. Die Tage deiner unverzeihlichen Untaten sind gezählt, sagte Eorthor in pathetischem Tonfall.

Rodrom zeigte sich unbeeindruckt.

Ein bedauerlicher Umstand, der jedoch nur von vorübergehender Natur ist.

Du und dein Meister habt ausgespielt. Sage uns lieber gleich alles, was du weißt. Dann verspreche ich, dich vielleicht zu verschonen, bot Eorthor an.

Lächerlich! Ihr wollt meinem Meister drohen? Glaubt ihr im Ernst, dieser kleine Rückschlag hält MODROR auf? Schon in Kürze wird mein Meister ein neues Heer gegen euch aufbieten und euch alle hinwegfegen.

Das werden wir ja sehen, sagte Atlan beunruhigt. Die Selbstsicherheit Rodroms gefiel ihm nicht. Dies wollte er diesem natürlich nicht zeigen.

Bis jetzt sind wir mit jedem Gegner fertig geworden. Das Universum ist voll mit ihren Gräbern.

Diesmal nicht. Niemand, niemand in diesem Universum vermag einen Kosmotarchen zu besiegen. Und nun verschont mich gefälligst mit eurer Anwesenheit.

Atlan wurde hellhörig. Was war ein Kosmotarch? Er kannte Kosmokraten und Chaotarchen, aber von einem Kosmotarchen hatte er in seinem langen Leben noch nie etwas gehört. Eorthor und Osiris wechselten beunruhigte Blicke und bedeuteten Atlan mit ihnen zu kommen. Die drei verließen den Hochsicherheitstrakt und kehrten in Eorthors Palast zurück.

Osiris waren Atlans fragende Blicke nicht entgangen.
Du erwartest eine Erklärung, Arkonide, stellte der Kemete sachlich fest.

Allerdings, offenbar habt ihr eine. Was, in Arkons Namen, ist ein Kosmotarch?, wollte Atlan wissen.

Osiris sah Eorthor fragend an. Er hat ein Recht, es zu erfahren.

Nun gut. Dann weihen wir ihn ein, stimmte der Alysker zu.

Ich beginne mit dem, was ich einst von AMUN erfahren hatte, erklärte Osiris.

Osiris und Eorthor begannen zu berichten, was sich einst in ferner Vergangenheit zugetragen hatte.

Kapitel 5
Amun

Im Kampf zwischen Elefanten wird das Gras zertrampelt.

Sprichwort aus den Multiversen

Vor Äonen von Jahren

AMUN nannte es sein Versteck.

Geschaffen vor Äonen, diente ihm die hyperdimensionale Blase im Niemandsland zwischen den Multiversen als Rückzugsort von den Kämpfen mit den Chaotarchen. Sie war sein Quell der Kraft, der Motivation und der Ruhe. Doch heute wehrte sie ihn ab.

Die dünne und doch so widerstandsfähige Haut seines Verstecks weigerte sich, ihn ins Innere gleiten zu lassen. Sie warf ihn zurück in eines der vielen Universen, die rund um das Versteck dahinvegetierten. AMUN bremste seinen Fall inmitten eines Weißen Loches und schmetterte einen Kampfschrei in Richtung des trapezförmigen Gebildes. Da er von der Schlacht mit der Chaotarchin CIZLE immer noch aufgewühlt war, staute sich genügend Entschlossenheit in ihm, um die Herausforderung mit seinem eigenen Erzeugnis anzunehmen. Er zweigte Energie aus einem kurz vor der Geburtsexplosion stehenden Universum ab und wandelte es für sich um. Sein hyperdimensionaler Körper, der einem zerfasernden Seestern ähnelte, schoss vorwärts. Protuberanzen gleich krachten Feuerzungen in die Schwärze der Umgebung, als er mit dem Trapez zusammenprallte. Eine Zeitspanne, die ausreichte, um ein Quant entstehen und vergehen zu lassen, dauerte das Duell, dann durchbrach AMUN die Sperre. Doch noch gab sich die Zuflucht nicht geschlagen. Sie nahm seine düstere Stimmung auf und warf sie auf ihn zurück. Wellen aus Wut und Frust, gepaart mit dem Geschmack der Fäulnis krachten über ihn zusammen. Ekel stieg hoch, den er jedoch hinunter schluckte.

Die Wände seines Verstecks – sonst weißlich, ruhig und warm schimmernd – wallten in eisblauer, kristalliner Struktur des Chaos. Kreischend ruckten sie auf ihn zu, als wollten sie ihn einschnüren, und rasten dann wieder fort, als würden sie vor ihm flüchten. Schlachtgetümmel erwachte in ihren zum Leben – untermalt von den Klage- und Sterbelauten ganzer Völker. Sie prasselten auf ihn ein, wollten ihn um seinen Verstand bringen. Fratzen von verendenden positiven Superintelligenzen umkreisten ihn gemeinsam mit den Wänden, wurden dreidimensional und ragten ins Innere des sich verformenden Trapez. Immer, wenn sich das Trapez zusammenzog, schnappten die Fratzen der Gequälten und Geschundenen nach ihm. Kristalle des Chaos zogen sich durch ihre Grimassen und potenzierten ihre Gefährlichkeit. Realitätsnah stach ihre Kälte in seinen Geistkörper, das sie den Tod an sich zu einem lauwarmen Wüstenwind degradierten.

Mit voller Kraft brüllte AMUN ihnen seine Wut entgegen. Die Zuflucht nahm seinen Hass weiterhin auf und verwandelte ihn in neue Schreckensbilder. Galaxien, wunderschöne Anblicke von Struktur und Ordnung zerfaserten und endeten in einem Meer aus wertlosen, ständig fluktuierendem Quantenschaum. Lücken wurden in das höchste Gut gerissen, das die Kosmokraten mit ihrem Leben verteidigten: den Moralischen Kode – jene spiralförmige Anordnung von psionischen Feldern, die über die Entwicklung der Multiversen bestimmte.

Dieser Anblick brachte AMUN zur Besinnung. Er löste sich aus den Nachwirkungen des Kampfes gegen CIZLE und erinnerte sich an den Grund für den Bau des Verstecks. Es sollte nicht nur eine Tankstelle für seine Psyche, sondern auch ein Ort der Selbstreflexion sein. AMUN transformierte seine Emotionen in sinnvolle Gedanken und nahm den Ersten auf, der sich aus jenen des Moralischen Kodes ableiten ließ.

Warum lag die Herkunft des Moralischen Kodes im Dunkeln, obwohl beide Mächte in der Lage waren, ihn zu beeinflussen? Die alte Frage Wer hat das GESETZ initiiert? hielt einer Beantwortung seit jeher stand. Doch das neueste Gerücht sprach davon, dass in absehbarer Zeit ein Humanoide die Chance einer Antwort am Berg der Schöpfung erhalten würde. Unglaube erfüllte AMUN. Ausgerechnet ein Wesen aus der unteren Ebene sollte in der Lage sein, diese Antwort zu begreifen? Andererseits hatte es zu allen Zeiten fähige Organismen mit herausragenden Leistungen gegeben, obwohl sie über eine bestimmte Stufe der Evolution nicht herausgekommen waren. AMUN hoffte und wünschte sich, dass dieses Wesen bald auf der kosmischen Bühne erscheinen möge. Lange genug waren sie alle dieser letzten und alles entscheidenden Frage nachgelaufen. Seine Ungeduld und Wissbegierigkeit verbündeten sich mit seiner Frustration. Die Antwort auf diese Frage bedeutete das Ende des Kampfes mit den Mächten des Chaos, der für seinen Geschmack bereits zu lange währte. Vor allem, da er kein Ende am Licht des Tunnels erkannte. Die Gefechte zwischen den Mächtigsten der Mächtigen wogten hin und her und wenn er ehrlich zu sich war, hatte keine Seite einen Vorteil für sich verbuchen können. Einzig das Leben schien zu profitieren. Da AMUNs Seite das Projekt Leben begonnen hatte, konnte man das als Punktegewinn auslegen. Doch dieser Sieg erwies sich langsam aber sicher als Pyrrhussieg. Das Leben breitete sich viel stärker als geplant aus. Zwar rekrutierten sowohl Kosmokraten als auch Chaotarchen neue Mitstreiter aus dem Pool des Daseins, aber dieser beherrschte bereits zu weite Teile des Multiversums als ursprünglich vorgesehen. Und vor allem begann es seinen Schöpfern zu widersetzen. Einige Entitäten verbündeten sich und gebaren die Idee von Wegen, die an Ordnungs- und Chaosmächten vorbei führten. Unwillkürlich lachte AMUN. Auf die Idee, sich an den Mächtigen vorbeizuschwindeln, konnten auch nur Wesen der unteren Entwicklungsstufen kommen.

Seine Belustigung steigerte sich, als er daran dachte, dass sich sowohl Kosmokraten als auch Chaotarchen in der Beurteilung der Überhandnahme des Lebens einig waren. Zu gut hatten die von den Ordnungsmächten ausgestreuten Biophoren ihre Arbeit verrichtet. Das Leben schoss geradezu über. Es spross und gedieh wie ein Ungeziefer, das sich seinen Schöpfern entziehen wollte. Aber auch das in den proto-chaotischen Universen von den Chaosmächten verteilte Leben erfüllte seinen Zweck in weit höherem Ausmaß, als ursprünglich geplant. Und es behinderte sich im Aufstieg in höhere Sphären gegenseitig. Deutlich merkte man die Abnahme der Fähigkeiten, wenn ein neuer Kosmokrat in die illustere Runde der Alten eintrat. Diese Jungspunde hatten weniger Ideen und auch geringeres Durchhaltevermögen. Also hieß es den Selektionsdruck zu erhöhen. Für AMUN war es nur mehr eine Frage der Zeit, bis beide Mächte gegen die unerwünschte Mannigfaltigkeit vorgehen würden. Jeder auf seine Art, aber in einer abgestimmten Aktion. Wenn es darum ging, die Basis der Multiversen zu bewahren, zogen die Konkurrenten an einem Strang.

Natürlich gab es den einen oder anderen Unkenrufer. AMUN selbst gehörte zu jenen Entitäten, die in der Lage waren, über die Begrenztheit des Multiversums hinaus zu blicken. Die Vorgeschichte der Superintelligenz, aus der er letztendlich entstanden war, spezialisierte ihn, die Auswirkungen der potenziellen Zukünfte aus der Ebene oberhalb der Multiversen zu betrachten und richtig zu interpretieren. Anderenfalls wäre er als Mächtiger längst im Chaos vergangen. Und diese Fähigkeit ließ ihn fragen, ob die Kosmokraten wussten, was sie taten. Letztendlich rekrutierten sich aus dem von ihnen geschaffenen Leben neue Mitstreiter. Der Weg des Lebens war an und für sich klar vorgegeben. Vergeistigung von Völkern führte zur Superintelligenz und der Weg durch eine Materiequelle oder -senke zur Heranreifung von Kosmokraten und Chaotarchen.

Derzeit existierte die Tendenz, dass sich um einen Hauch mehr Superintelligenzen den Ordnungsmächten anschlossen. Also schnitten sich die Kosmokraten durch eine Herabsetzung des Lebens doppelt ins Fleisch. Dennoch gab es für AMUN keine Alternative zu der Eindämmung dieses Wildwuchses. Dem Leben mussten seine Grenzen aufgezeigt werden, um das Kollektiv der Mächtigen zu stärken.

AMUNs analytische Gedanken führten ihn endgültig auf den Weg der Stabilität. Sein Refugium goutierte diesen Umstand. Die Szenen von Tod und Verdammnis an den Wänden wurden farbloser und verblassten. Langsam nahmen sie ihre übliche weiße Farbe an.

AMUN seufzte, als er sich den nächsten Gedanken hingab. Der Kampf zwischen den Mächten würde ewig ohne Sieger und Gewinner weitergehen. Die Frage, die sich darauf ableite, lag auf der Hand.

Warum das Ganze?

Ein Schlussstrich – sauber und für alle Beteiligten gewinnbringend – musste gezogen werden. Doch dazu bedurfte es eines Konsens aller, der weder am Horizont noch sonst wo erkennbar war. Auch, wenn er einige Gefährten kannte, die ähnlich wie er dachten, war diese Gruppe zu klein, um etwas zu bewirken.

AMUN schwebte in die Mitte seiner Zuflucht, die sich endgültig beruhigt hatte. So wie sie zuvor seine negativen Gefühle verstärkt hatte, potenzierte sie nun seine Kreativität.

Falls sich jemals etwas im Kampf zwischen Kosmokraten und Chaotarchen ändern sollte, so musste ein Zeichen gesetzt werden, das beide Seiten identisch interpretierten. Ein Zeichen, das wie in Fanal durch die Multiversen raste und aus ihm herausstach.

Und er AMUN wusste schlagartig, wie dieses Fanal aussehen musste.

Die Zukunft ist die Zeit, in der du bereust, dass du das, was du heute tun kannst, nicht getan hast.

Sprichwort aus einem Multiversum

Vor 190 300 000 Jahren

AMUN nannte es ihr Versteck.

Nachdem er vor Äonen die Vision einer besseren Zukunft gehabt hatte, war er an die Verwirklichung seines verwegenen Planes gegangen. Mitstreiter mussten gewonnen werden – sowohl auf der höchsten als auch auf den unteren Ebenen des Universums. Nach anfänglichen Rückschlägen nahm die Verwirklichung immer konkretere Formen an. Irgendwann sah er sich gezwungen, die Zugangsbeschränkung zu seinem Versteck zu modifizieren. Das Trapez bot nun mehreren Freunden die Sicherheit des freien Gedankenaustausches.

Er streckte sich und drückte die in allen Farben des überdimensionalen Spektrums schillernde Blase ein wenig nach außen. Dass er damit Galaxien verschob und Völker ins Jenseits beförderte, interessierte ihn nicht. Einerseits waren die Tage des Lebens ohnehin gezählt und andererseits konnte er sich nicht um alles kümmern.

Ein letztes Mal tastete AMUN sein Refugium ab und stellte mit Genugtuung fest, dass die Zutrittsbeschränkung perfekt war. Nur Wesen mit abgestimmten Auren gelangten in sein Versteck. Ein weiterer Geistesimpuls bestätigte ihm, dass sich auch die Abschirmung durch allerhöchste Qualität auszeichnete. Niemand würde seine Überlegungen belauschen. Und selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass es doch jemanden gelingen sollte seine Abwehrmaßnahmen zu durchbrechen … die ersten Schritte waren gesetzt und der Prozess nicht mehr aufhaltbar. Endlich sah er das Licht am Ende des Tunnels – und es war beileibe keine kampfbereiter Chaotarch, der ihm entgegen stürmte.

AMUN!

Übergangslos schwebte BLOTHMATH über der Ebene und überschwemmte sie mit der für Chaotarchen typischen negativen Energie und Kälte. Reflexartig stemmte sich AMUN dagegen.

Das Refugium, erschaffen als semilebendes Gewebe, reagierte. Der Boden kreischte verstört auf und wellte sich. Die Luft knisterte, während die transparenten Wände zitterten. Blitze gebaren sich aus dem Nichts, zuckten wie Schwerthiebe durch das Vakuum. Virtuellen Teilchen blitzen im Quantenschaum und starben vor Furcht schneller als sonst üblich.

BLOTHMATH!, rief AMUN, während der Chaotarch auf ihn zu schwebte. Die Entscheidung naht.

AMUN verstärkte seine Abwehr, als BLOTHMATH noch weiter auf ihn zukam. Im letzten Moment wehrte er einen rammbockartigen Stoß ab und ging zum Angriff über. BLOTHMATH wankte, wich aber nicht zurück. Sie verkeilten sich ineinander und erhoben damit das Kreischen der Ebene um mehrere Oktaven. Ein etwaiger Beobachter hätte nur zwei helle Kugeln innerhalb eines Trapez gesehen, die mit einander zu verschmelzen schienen und von denen Lichtstrahlen in alle Richtungen geschleudert wurden.

Was zum Chaotarch treibt ihr da? Eine grollende Stimme ertönte. Die von ihr erzeugten Schallimpulse kappten die Blitze und Lichtsäulen.

Wir haben Spaß, SIPUSTOV!, antwortete BLOTHMATH lachend.

Ich dachte, ihr seid aus diesem Alter heraus!

Gönne uns ein wenig Zerstreuung!, gab AMUN zurück.

So ein Unsinn geziemt sich für unsereins nicht, maßregelte sie SIPUSTOV.

Fehlt nur noch, dass du uns von den Anfängen der Multiversen erzählst, ätzte BLOTHMATH. Damals als es nur wenige Kosmokraten und Chaotarchen gab und …

… und das Leben noch nicht so seltsame Blüten trieb wie heute, zitierte XPOMUL, der in das Versteck hereingeschwebt kam.

AMUN sandte einen belustigten Impuls an seine drei Mitstreiter. Früher wäre es für ihn undenkbar gewesen, sich mit einem oder gar mehreren Chaotarchen zu treffen und nun zogen sie sogar an einem Strang – sofern sich sein kühner Plan umsetzen ließ.

Wo bleiben die Neuzugänge?, fragte BLOTHMATH. Trotz seines hohen Alters prägte ihn eine besondere Hektik. Er wirkte, als wolle er trotz seiner uralten Existenz jede Sekunde auskosten, die er im Multiversum verweilte.

Schlagartig wurde die Ebene mit weiteren negativen Gefühlen überflutet. Sie waren so stark, dass AMUNs energetische Hülle kribbelte. Auch das Versteck reagierte. Es vergrößerte sich, obwohl es AMUN auf alle Impulse seiner Mitstreiter geeicht hatte.

Auf meinem Weg hierher hat mich eine Galaxie behindert, sagte NACHJUL.

Augenblicklich projizierte er den vielfachen Tod über die Ebene und AMUN spürte, wie sich NACHJUL darin suhlte. Die überdurchschnittlich starke aggressive Aura, die den Chaotarchen umgab, war Ekel erregend und faszinierend zugleich. Es kostete AMUN einiges an Kraft, diese Reaktion zurückzudrängen, obwohl er sich mittlerweile auf die Chaotarchen gut eingestellt hatte. Doch AMUN war vor ihm noch keiner negativen Entität mit einem derart hohem negativen Niveau begegnet. Hass, reiner unendlicher Hass, schien die beherrschende Substanz des Chaotarchen zu sein. Er hatte die Geschichte von NACHJUL von Anbeginn an verfolgt. Vom einfachen Sterblichen zum Kosmokraten in einer relativ kurzen Zeit, dieser Chaotarch hatte es mit seinem schier endlosen Ehrgeiz weit gebracht. Er war etwas ganz Besonderes!

Es reicht!

Die Stimme SOLMATHs wischte NACHJULs Projektionen bei Seite. Sofort verschwand der breit gestreute Hass und fokussierte sich auf SOLMATH. Das folgende Kräftemessen war von einem anderen Kaliber, als jenes zwischen BLOTHMATH und AMUN. Es war ernst.

Verflucht, hört auf!, schimpfte SIPUSTOV und versetzte jedem der Kämpfenden zwei geistige, aber nicht minder schallende Ohrfeigen. Während von SOLMATH irritierende Impulse ausgingen, sandte NACHJUL eine Welle an Wut aus. Fast schien es AMUN, als wollte sich der junge Chaotarch auf den Ältesten in der Runde werfen. Doch offenbar überlegte er es sich im letzten Moment anders.

Was gibt es?, fragte NACHJUL kurz und bündig. AMUN gewann den Eindruck, als schieße NACHJUL die Worte geradezu aus seinem geistigen Körper.

Wir haben uns heute hier versammelt, begann AMUN bewusst förmlich, um ins Ziel zu schreiten. Neugier strömte ihm entgegen. Vor Äonen haben wir uns darüber verständigt, dass der Wettstreit zwischen …

Krieg, präzisierte NACHJUL in seiner bestimmenden Art.

… den Kosmokraten und den Chaotarchen unnötiger nicht sein kann, fuhr AMUN ungerührt fort. Die erste Annäherung zwischen diesen beiden Mächten geschah mehr oder weniger zufällig, als ich BLOTHMATH vor dem sicheren Tod rettete. Wir vertuschten nicht nur diesen Zwischenfall, sondern auch, dass wir uns hier in diesem Versteck zwischen den Multiversen zu einem regelmäßigem Gedankenaustausch trafen. Im Laufe der Zeit kamen wir überein, weitere Vertreter beider Mächte einzuweihen und so stießen der Kosmokrat SIPUSTOV und der Chaotarch XPOMUL zu uns. In dieser Viererrunde wurde schließlich ein Plan geboren, den wir hier und jetzt zum Abschluss bringen.

Welchen der Pläne meinst du?, fragte SOLMATH.

Die Jugend und ihre Ungeduld! Diese Rüge kam von SIPUSTOV. AMUN schickte einen lächelnden Impuls in seine Richtung und wandte sich dann wieder an alle.

Was hat dieser Wettstreit um die Vorherrschaft im uns bekannten Multiversum bis zum heutigen Tage bewirkt?

Ordnung!

Chaos!

Macht!

Tod!

Friede!

Leben!

Begriffe prasselten auf AMUN ein, die zwar alle ihre Richtigkeit hatten, dennoch nicht die Antwort enthielt, die er im Sinne hatte. Geduldig ließ er seine Mitstreiter einige Zeit gewähren. Grundsätzlich begrüßte er eine anregende philosophische Diskussion über die Zustände in den Multiversen. Irgendwann wurde es ihm zu langweilig und er fuhr einem Donner gleich dazwischen.

Nichts! Rein gar nichts!

Schweigen. Irritierende Impulse erreichten ihn.

Ihr habt richtig gehört!, setzte er nach. Sieht man von der Verbesserung der persönlichen Befindlichkeit einzelner Wesen ab, stagniert die Entwicklung des Universums! Gut, aus Völkern haben sich Superintelligenzen geformt und aus ihnen wiederum Kosmokraten und Chaotarchen. Aber danach?

AMUN schwieg, um seine Worte wirken zu lassen.

Warum geht es nicht weiter? Warum gab es in der Evolution einen Bruch? Niemand antwortete ihm.

Und warum kennen wir die Antwort auf die letzte Frage immer noch nicht?

Ratlosigkeit spiegelte sich im Wabbern der Geistkörpern wieder. Nur BLOTHMATH wusste ansatzweise, was AMUN im Schilde führte. Doch er ließ ihm den Vortritt.

Weil wir, die Kosmokraten und die Chaotarchen, zu einer Bande selbstsüchtiger und selbstgefälliger Wesen wurden, die nur mehr die Zustände in den Multiversen im Blick hat, anstatt sich um sich um uns selbst zu kümmern! Welche Chancen haben wir durch diesen Tunnelblick in all den Äonen vertan? Was haben wir derart alles verloren, ohne dass es uns bewusst ist? Auch wenn für uns Zeit nichts anderes ist als der Übergang von einem Quant zum anderen, müssen wir uns den Vorwurf gefallen lassen, dass wir in dieser Hinsicht versagt haben.

Die Verbündeten schwiegen.

Aber dieser unhaltbare Zustand ist nun zu Ende. Zumindest für uns Berufene! Wir werden ein Zeichen setzen, das unsere Kameraden aufrüttelt! Wir werden dafür sorgen, dass sie aus ihrer Selbstzentriertheit gerissen werden! Und wir werden dafür sorgen, dass die Evolution weiter vorangetrieben wird!

AMUN nahm das zustimmende Gefühl, das ihm die anderen entgegenbrachten, mit Freude wahr. Doch noch immer verschleierte er ihnen gegenüber seine tatsächlichen Ziele:

Wir werden etwas Neues schaffen - und genau dafür benötigen wir NACHJUL und SOLMATH!

Während von SOLMATH Neugier ausging, blieb NACHJUL stumm. Nur seine aggressive Ausstrahlung, die sich gegen alles und jeden richtete, schwebte weiter im Inneren des Trapez und verstärkte sich.

Bevor ich euch Einzelheiten erzähle, stelle ich euch ein Volk vor, das als Geburtshelfer dienen wird und das seit langem bereits an der Verwirklichung unserer Vorstellungen arbeitet.

In der Mitte des Verstecks öffnete sich eine Art Fenster, in dem ein Planet zu sehen war, der von Humanoiden bewohnt wurde.

Die Alysker …

Wenn du willst, dass etwas wirklich erledigt wird, dann beauftrage jemanden, der schon sehr viel zu tun hat.

Sprichwort aus den Multiversen

Der Auftrag

Das Raumschiff – eine blau leuchtende, makellose Walze – materialisierte übergangslos im System der Alysker. Selbst die hoch stehende Technologie der humanoiden Spitzenwissenschafter konnte ihren Weg nicht zurückverfolgen. Aber selbst, wenn man dazu in der Lage gewesen wäre, hätte man es aus Respekt vor den Erbauern davon Abstand genommen. Der Walzenraumer kam von hinter den Materiequellen. Es war ein Abgesandter jener Mächtigen, in deren Dienste die Alysker seit Hunderttausenden von Jahren standen.

Langsam schwebte das Raumschiff zu dem dritten Planeten des Systems und parkte in seinem Orbit. Die Alysker ignorierten die Walze. Sie schickten keine Grußformel oder Begleitschiffe. Zu gewohnt und vertraut war ihnen der Besuch des Abgesandten der Kosmokraten. Sie wussten auch, dass Cairol sich den Gesprächspartner suchte, den er haben wollte. Auch diesmal hielt er schnurstracks auf ihn zu – und platzte mitten in ein Streitgespräch zwischen Vater und Sohn.

Eorthor!, brüllte Nargul mit hochrotem Gesicht. Hör endlich mit deinen Eskapaden auf! Der Ratssprecher der Alysker stand hinter seinem Schreibtisch und zeigte mit der rechten Hand anklagend auf den vierzehnjährigen Jungen.

Seinen Vater provozierend anblickend hob Eorthor die Augenbraue. Er stützte sich mit beiden Händen auf die Tischkante und beugte sich nach vorne. Aber gerne doch – sofern du diesen nichtsnutzigen und unterbelichteten Fettwanst Üstir von seinem Posten abziehst. Er lächelte überheblich. Er ist eine Fehlbesetzung und kann nicht einmal die simpelsten hypermathematischen Gleichungen lösen.

Du weißt genau, dass der Wissenschaftsrat die Posten im Experiment vergibt und wieder entzieht. Und daher …

Eine übermächtige Präsenz im Raum ließ ihn innehalten. Irritiert blickte er nach links und zuckte zusammen.

Cairol, murmelte er.

Auch Eorthor wandte sich dem goldenen Roboter zu. Sieh an, Besuch von oben, meinte er respektlos.

Der Roboter der Kosmokraten verzog keine Miene. Auch, wenn man vermutete, dass er Gefühle empfand, es war ihm nicht nachzuweisen. Er schritt auf den Jungen zu und musterte ihn.

Du bist also dieses junge Genie, sagte er mit seiner angenehmen Stimme. Nun, dir steht eine … hm … interessante Zukunft bevor. Cairol blieb vor dem Schreibtisch stehen, während Eorthor die Augen vor Überraschung aufriss. Aber jetzt, Kleiner, störst du.

Eorthor löste sich auf. Keine Sorge, sagte Cairol und wand sich an Nargul, ich habe ihn zurück in die Kinderstube geschickt.

Erleichtert blies Nargul die Luft aus. Was kann ich für dich tun, Cairol?

Die Kosmokraten sind ungeduldig.

Oh, das verstehe ich. Darum freut es mich umso mehr, dass wir eine Nagelbreite vor dem Abschluss stehen. In den letzten achttausend Jahren seit deinem letzten Besuch haben wir enorme Fortschritte erzielt.

Öffne deinen Geist!

Nargul setzte sich, blickte kurz an Cairol vorbei in das Hologramm von Jianxiang, wie die Galaxie in der Sprache der Ahnen hieß. Er nutzte diesen Moment, um sich zu sammeln und ließ Cairol gewähren. Ein leichtes Kribbeln unter seiner Kopfhaut war alles, was Nargul spürte.

Interessant. Es geht in der Tat bald los.

Wir tippen auf vier Jahre.

Die Kosmokraten werden erfreut sein. Cairol wandte sich zum Gehen, zögerte und drehte sich wieder zu Nargul. Du hast eine Frage?

Nargul nickte. Ich … nein, wir fragen uns, was danach kommt.

Cairol schwieg.

Nach dem Experiment, fuhr Nargul weiter.

Ich habe schon verstanden, was du meinst. Aber wie lautet deine konkrete Frage?

Unser Auftrag besagt, dass wir einerseits die Möglichkeit finden, kosmische Entitäten gegen die Nachteile der Niederungen des Universums abzuschirmen und andererseits in dieser Abschirmungsblase einen hohen Druck zu erzeugen. Du hast uns nie verraten, was damit bezweckt werden soll.

Ahnt ihr es nicht?

Wir vermuten …

Deine Vermutung ist richtig.

Nargul starrte Cairol an. Aber das … das …

… ist der Beginn einer neuen Epoche, half ihm Cairol aus. Es ist ein Schritt in eine neue Richtung der Evolution, gewünscht und ausgeführt von den mächtigsten Wesen selbst. Mit dieser Entwicklung schütteln sie das Joch der Natur ab und bestimmen selbst ihren Werdegang.

Was wird dieses neue Wesen bezwecken? Nargul kratzte sich am Kinn. Immerhin wird es mächtiger sein als alle Kosmokraten und Chaotarchen gemeinsam.

Dieser Kosmotarch wird ein neues Verständnis für die Multiversen gewinnen und er wird den gemeinsamen Nenner von Kosmokraten und Chaotarchen finden. Vor allem aber wird er endlich die Frage nach dem GESETZ beantworten können. Und dieser Umstand ist jede Anstrengung wert.

Wer hat das GESETZ initiiert und was bedeutet es?, flüsterte Nargul andächtig.

Alle Wesen im bekannten Universum waren an der Beantwortung dieser Frage gescheitert. Dabei stand das Wort GESETZ als Synonym für den Moralischen Kode, der das Multiversum in Form einer Doppelhelix durchzog. Eingriffe der Kosmokraten und Chaotarchen in dieses psionische Feld wirkten sich unmittelbar auf alle Bereiche der Multiversen aus.

Ja, diese alte Frage harrt bereits zu lange einer Beantwortung, stimmte Cairol dem Alysker zu. Und dein Volk hat den Grundstein für den Erkenntnisgewinn gelegt.

Ich lasse Sonderschichten einlegen, damit wir das Experiment noch rascher abschließen können! Nargul sprang vom Sessel auf.

Was immer du tun möchtest, sagte Cairol lapidar und verschwand grußlos. Sekunden später driftete die blaue Walze aus dem Orbit von Alysk, glitt in die Mitte des Sonnensystems und löste sich auf.

Wenn die Stufen ins Nichts führen, achte auf die letzte.

Sprichwort aus den Multiversen

Vor 190 000 000 Jahren

Heute war der erste Tag der neuen Multiversen. AMUN breitete seinen Geist aus, durchstieß die dünne Membran, die den Überraum von den Niederungen des Universums trennte und schwebte ins Sonnensystem der Alysker. Sofort nahm er die Impulse seiner Mitstreiter wahr. Alle strahlten Zuversicht aus. Und sie hatten allen Grund dazu. Nach Jahrhunderttausenden hatten die Alysker endlich die Lösung für alle Probleme im Zusammenhang mit der Verschmelzung gefunden.

Wie fühlt ihr euch?, fragte AMUN die beiden wichtigsten Teilnehmer an der Versammlung, NACHUL und SOLMATH. Während der Chaotarch vor Ungeduld zu platzen schien, sandte der Kosmokrat unbändige Neugier aus.

Es würde spannend werden. Auch wenn die Alysker eine endlose Reihe von Simulationen durch ihre Computer gejagt hatten, wusste in Wahrheit niemand, wie das Experiment ausging. Auf dem Papier sprach die Mathematik für sie. Aber sowohl Papier als auch Mathematik waren geduldig. Niemand wusste das besser als AMUN. Zu oft waren Pläne mit tausendprozentiger Erfolgsaussicht, ersonnen von den besten Taktikern und Strategen unter den Kosmokraten, an Kleinigkeiten gescheitert.

Hör auf Trübsal zu blasen!, fuhr ihn BLOTHMATH an.

AMUN schreckte hoch. Dankend ließ er seinen Geistkörper kurz aufwallen und wandte sich dem Zentrum des Geschehens zu. Zwei mondgroße Plattformen schwebten zwischen dem achten und neunten Planeten des Systems. Sie griffen in den Zwischenraum, der die fünften und sechste Dimension miteinander verband, wandelten die Energie um und stabilisierten eine unscheinbare Kugel, die sie in ihrer Mitte gefangen hielten. Für die Erschaffung dieser weißen Kugel hatte selbst ein so geniales Volk wie die Alysker viele Tausende von Jahren benötigt. Natürlich war diese Zahl nichts im Vergleich zur Lebenszeit von AMUN. Vom Bestand der Multiversen gar nicht zu sprechen. Aber für die Wesen der Niederungen stellte das eine Zeitspanne dar, in der Reiche entstanden und wieder zerfielen.

AMUN fühlte, wie die Energieprojektoren die Volllast erreichten. Seinen sensiblen Sinnen blieb es nicht verborgen, dass die Membran ächzte, als die Energie durch sie strömte. Die vakuumgefüllte Kugel wuchs und stabilisierte sich innerhalb der notwendigen Parameter.

Auf Alysk flehte Eorthor seinen Vater ein letztes Mal an, das Experiment zu stoppen. Doch seine Behauptung, ein winziger Ableitungsfehler würde das Experiment zu Fall bringen, wurde von ihm wie von den Verantwortlichen zuvor ins Reich der Fantasie verbannt.

Der Countdown endete. NACHUL und SOLMATH drangen zeitgleich in den Brutkasten ein, dem die Alysker die Form einer Kugel gegeben hatte. Das Innere schirmte sie komplett von den Multiversen ab. Es war ein eigener, leerer Mikrokosmos. Nicht einmal Quantenfluktuationen störten die Ruhe und Stille, die in der Kugel vorherrschte. Sie war geradezu drückend. Obwohl sich beide Entitäten darauf eingestellt hatten, ergriff sie Verwunderung, in die sich Hochachtung vor den Alyskern mischte. Sowohl Kosmokraten als auch Chaotarchen standen in permanenter Wechselwirkung mit dem Kosmos. Sie labten sich an Sonnenexplosionen genauso wie an der Singularität Schwarzer Löcher. Instinktiv nahmen sie Energie aus verschiedensten Dimensionen auf, um stärker zu werden oder ihre Stärke zu erhalten. Nun, abgeschnitten von dieser Zufuhr wurde ihnen dieser Umstand mit schmerzhafter Intensität bewusst. Im ersten Moment schnappten sich beide nach Energie, um sich aber wieder zur Ordnung zu rufen.

Lasst es endlich beginnen!, rief NACHJUL.

Im selben Moment gab Retag, der Exekutivleiter des Experiments auf Alysk den Startschuss. Die Projektoren erhöhten ihre Leistung und die Belastungsdiagramme erreichten die Einhundert-Prozent-Marke.

Frische, unverbrauchte Energie schoss mit einer Wucht in die Blase, deren Intensität mit der Entstehung eines Universums vergleichbar war, nachdem die Branen miteinander kollidiert waren. Hilflos wurden NACHJUL und SOLMATH mitgerissen. Beide schrien ob der Gewalt, mit der sie in das Zentrum der Kugel gedrückt wurden. Dann kam der Moment der Entscheidung. Beide kosmischen Wesen berührten einander, drangen ineinander ein. Ihre Emotionen – Freude, Leben, Genugtuung und Hass, Tod, Zerstörung – vermischten sich mit dem Eindruck, neu geboren zu werden. Noch bevor sich der erste Kosmotarch der Multiversen einen Namen geben konnte, mischte sich Verwunderung in seine Gedanken, die in einen grenzenlosen Schmerz überging. Obwohl der Druck weiter auf ihn einwirkte, spaltete sich das Wesen. Der Widerspruch, den es in sich trug, kämpfte gegen den Druck von außen und es erkannte eine Chance, dem Druck und damit den Schmerzen zu entkommen. In der Blase existierte eine winzige Stelle, die eine Verbindung zur Außenwelt aufrechterhielt. Mit aller Wucht warf sich der Kosmotarch dagegen und sprengte die Kugel. Überschlagsblitze rasten in alle Richtungen und zersplitterten sowohl den achten als auch den neunten Planeten des Alysk-Systems. Der eben erst neu geschaffene Kosmotarch spaltete sich in zwei Entitäten. Während sie auseinanderdrifteten, griffen sie unkontrolliert nach allen Leben, das sich in ihrer Nähe befand. Der eine versprühte Hass, Tod und Verderben und der andere überschüttete seine Umgebung mit Liebe, Hoffnung und Vertrauen. Schließlich verschwanden sie, von mentalen Schmerzensschreien begleitet, im Überraum.

AMUN, der das Geschehen in einer Art Trance verfolgt hatte, kam wieder zu sich. Er suchte nach seinen Mitstreitern, aber sie waren vor den beiden so unterschiedlichen Wesen geflohen. Er selbst musste sich gegen sie abgeschirmt haben. Wie, wusste er im Moment nicht. Er fühlte sich nur müde und ausgelaugt, so als hätte er einen Kampf mit vier Chaotarchen geschlagen.

AMUN seufzte. Ein Asteroidengürtel war alles, was von seinen kühnen Plänen übrig geblieben war. Und vermutlich am Boden zerstörte Alysker. Aber das hatten sie sich selbst zuzuschreiben. Offenbar hatten sie doch nicht so perfekt gearbeitet, wie er gehofft hatte. Aber um die Alysker würde er sich später kümmern. Jetzt musste er sich selbst erst einmal sammeln und Kraft tanken. Und er wusste auch schon, wo dieser Ort war.

Nichts ist so leicht, wie es aussieht.

Alles braucht länger, als man glaubt.

Wenn etwas schief gehen kann, geht es auch schief.

Sprichwort aus den Multiversen

Vor 189 999 000 Jahren

AMUN nannte es sein Versteck, denn es gehörte wieder ihm alleine. Seine Weggefährten hatten sich von ihm abgewandt, als die Tragweite des Scheiterns erkennbar geworden war. Statt ein neues, reines Wesen zu erschaffen, das den Hohen Mächten als Vorbild dienen hätte sollen, hatte das Experiment zwei Wesen geboren, die nicht gegensätzlicher hätten sein können. Die kurze Vereinigung des Chaotarchen NACHJUL und des Kosmokraten SOLMATH hatte für wenige Sekunden zwar einen Kosmotarchen geschaffen, aber die positiven und negativen Elemente hatten sich wieder abgestoßen. Und zu allem Überfluss hatten sie sich verändert. In der einen Entität, DORGON, konzentrierte sich die komplette positive Energie des Kosmotarchen, während MODROR das negative Potenzial in sich vereinigte. Überspitzt formuliert existierte nun ein absolut böser Chaotarch, dem ein absolut guter Kosmokrat gegenüberstand. Wie sich das auf die beiden Wesen auswirkte, wusste niemand. Und niemand war in der Lage, die Effekte auf den Kampf zwischen den Hohen Mächten abzusehen. Derzeit verhielten sich sowohl DORGON als auch MODROR ruhig. Seit ihrer Entstehung waren sie in den Multiversen verschwunden. Aber die Zeitspanne von lächerlichen eintausend Jahren war für zeitlose Wesen nicht aussagekräftig. AMUN vermutete, dass sie ihre Wunden leckten, um dann im Reigen der Multiversen groß mitzumischen. Mit Schaudern erinnerte er sich an die Ausstrahlung MODRORs. Er würde den Kosmokraten einiges an Kopfzerbrechen bereiten. Aber AMUN war zuversichtlich. Der geballten Macht der Kosmokraten konnte sich auch MODROR nicht entziehen. Und wenn es AMUN geschickt anstellte, würde er MODROR für seine Sache gewinnen. Es galt aus der Not eine Tugend zu machen. AMUN hatte die Entstehung beider lange verfolgt. Aus zwei sterblichen Brüdern aus besonderem Fleisch waren zwei Superintelligenzen entstanden, die den Weg zu Kosmokrat und Chaotarch gefunden hatten. Ihr Schicksal war nun noch enger verknüpft, denn sie beide waren die Vorläufer eines Kosmotarchen. DORGON würde sich passiv verhalten, deshalb galt AMUNs Aufmerksamkeit MODROR.

Blieben noch die Alysker. Sie hatten AMUNs Pläne und Hoffnungen geradezu fahrlässig zerstört. Erst nachträglich hatte er herausgefunden, dass ein Ableitungsfehler schuld an dem Desaster gewesen war. Besonders tragisch auch deswegen, weil ihn ein junger Alysker aufgezeigt hatte, aber ignoriert worden war. Wie schon in der Vergangenheit hatte er den Alyskern das Plagiat des Roboters Cairol geschickt und ihnen auf seine Art Demut eingeimpft. Das Universum verlor damit zwar die großartigsten Wissenschafter, aber die Wesen auf dieser niedrigen Entwicklungsstufe waren austauschbar. Nicht austauschbar war hingegen seine Reputation. Sie hatte unzweifelhaft gelitten und es bedurfte einige Anstrengungen, dass sein Name wieder im alten Glanz erstrahlte.

AMUN schwebte in der Mitte seines Verstecks und winkelte zwei seiner acht Seesternarme ab. Das Trapez reagierte entsprechend und überschüttete das Versteck mit weißen, warmen Licht. Das endgültige Zeichen, dass er sich mit der gescheiterten Geburt abgefunden hatte. Das Leben ging weiter. Und die Frage der Fragen stand weiterhin ungelöst im Raum. Aber AMUN fühlte mit jeder Faser seines immateriellen Körpers, dass sie eines Tages ihr Geheimnis preisgeben würde. Und dafür würde er bis zum Abgesang der Zeit kämpfen.

Kapitel 6
Geschichte der Kosmotarchen

Es geschah vor mehr als 190 Millionen Jahren als Cairol im Auftrag der Kosmokraten AMUN und SIPUSTOV die Alysker aufsuchte, um ihnen einen Auftrag zu erteilen. Für ein Kosmisches Projekt sollten eine hyperphysikalische Blase erschaffen werden. Es dauerte Jahrzehntausende, bis unser Volk den Ansprüchen der Kosmokraten genügte. Der Bau dieser Blase, war das Lebensziele hunderter Generationen.

Schließlich war der Tag gekommen, als ich ein junger Mann war, an dem das Kosmische Projekt stattfand. SIPUSTOV und AMUN hatten zusammen mit den Chaotarchen XPOMOL und BLOTHMATH den Kosmokraten SOLMATH und den Chaotarchen NACHJUL auserwählt, um Hauptbestandteil des Projektes zu sein. Aufgrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit waren sie dazu bestens geeignet. Oftmals wurden SOLMATH und NACHJUL als Bruderentitäten bezeichnet. Sie waren zu diesem Zeitpunkt noch jung gewesen und in Rekordzeit in den Kreis der Hohen Mächte aufgestiegen.

Ziel des Kosmischen Projektes war die Verschmelzung beider zu einem neuen Wesen, ein Schritt auf die nächste Stufe der Evolution. Doch das Projekt schlug fehl. Statt eines Wesens entstanden zwei Kosmotarchen. Der eine – DORGON – war mit den positiven Eigenschaften beider Entitäten ausgestattet, während der zweite Kosmotarch – MODROR – alle negativen Aspekte eines Kosmokraten und Chaotarchen in sich vereinte.

So waren die beiden Kosmotarchen DORGON und MODROR geboren worden.

Die Alysker wurden bestraft, denn sie mussten als Sündenböcke dienen. Wir nahmen die Strafe der Kosmokraten demütigst an und hoffen noch heute auf eine Begnadigung.

Als Eorthor seinen Bericht beendet hatte, war Atlan geschockt. Unzählige Gedanken jagten abwechselnd durch das Gehirn des Arkoniden. Mit solchen Ereignissen hatte er nicht gerechnet. Musste das Zwiebelschalenmodell nun erweitert werden? War ein Kosmotarch ein Nebenprodukt der Entitätenevolution oder gar eine höhere Stufe? Fragen über Fragen. Doch eines stand fest: Was immer MODROR und DORGON auch waren, sie waren mächtiger als Atlan je zu träumen gewagt hatte.

Es ist unglaublich, murmelte der Arkonide beeindruckt.

Ich dachte mir schon, dass diese Dinge deinen kleinen Geist überfordern würde, meinte Eorthor herablassend.

Atlan wollte zu einer scharfen Antwort ansetzten, doch er hielt inne. Er wunderte sich über die Nibelungentreue der Alysker.

Ihr wart doch unschuldig an diesem Fiasko. Die Kosmokraten und Chaotarchen hatten einen Fehler gemacht. Es hätte niemals funktionieren können, sagte er zu Eorthor.

Meinst du dieser Anfall von Mitleid wird Eorthor erweichen?

Atlan rechnete nicht wirklich mit so etwas. Der Einwand seines Extrasinns war berechtigt und Atlan gab sich keiner falschen Hoffnungen hin. Wohl kaum würde dieser uralte Alysker auf ihn hören.

Was versteht eine Mikrobe schon?

Ist er nicht herzlich? Ein aufgeblasener Penner!

Atlan ermahnte seinen Extrasinn. Er sollte lieber über DORGON und MODROR nachdenken.

Atlan hat recht. Einst habe auch ich den Kosmokraten loyal gedient. Was hat es meinem Volk gebracht? Wir sind ausgestorben und nur dank unserer selbst zu einer Superintelligenz geworden. AMUN scheint seinem Zögling MODROR nicht abgeneigt zu sein.

Eorthor starrte den Kemeten Osiris seltsam an.

Ketzer! Ein Kosmokrat würde niemals die Ordnung verraten! Das ist undenkbar.

Glaube, was du willst, Eorthor. Wir müssen DORGON helfen, denn offenbar steht der Kosmotarch kurz vor dem Ende. Deshalb bin ich hier und deshalb ist auch Atlan hier.

Dann geht und rettet DORGON! Mir ist es gleich. Wir ertragen geduldig unser Schicksal …

Ein alyskischer Offizier betrat hastig den Saal und schritt auf Eorthor zu. Er wirkte sehr aufgeregt.

Was gibt es, Balynor?, fragte Eorthor ungehalten, da er zuvor Anweisung gegeben hatte, nicht gestört zu werden.

Herr, wir haben in der Nähe des Vorjul-Systems eine unglaubliche Anzahl von feindlichen Raumschiffen geortet, berichtete der Angesprochene.

Was? Ich komme sofort in die Kommandozentrale.

Eorthor verließ zusammen mit Balynor den Audienzsaal. Atlan und Osiris folgten ihm in den Kommandoraum des Palastes. Auf einem riesigen Panoramabildschirm war eine riesige Flotte zu erkennen. Eine Unmenge von Raumschiffen verschiedenster Bauart.

Das ist doch nicht möglich, hauchte Eorthor erschrocken.

Unsere Sensoren haben etwa eine Million Schiffe gezählt. Wir haben einige Funksprüche aufgefangen. Danach steht diese Flotte unter dem Kommando von Shul'Vedek, MODRORs berüchtigtem General, berichtete Balynor.

Dann war also die Vernichtung VORJULs völlig umsonst. Wir sind wieder da, wo wir vorher waren, meinte Atlan konsterniert.

Schlimmer noch, erwiderte Eorthor düster. Es ist wohl so, dass wir am Ende sind.

Treffen der Entitäten

MODROR hatte nur wenig Zeit gehabt, sich über den Verlust VORJULs und seiner Flotte zu ärgern. Auch dass Rodrom in Gefangenschaft geraten war, beeindruckte ihn wenig. Er war überzeugt, Rodrom schon bald befreien zu können. Zunächst stellte MODROR eine neue Flotte von einer Million Kampfschiffen auf. Nach dem Verlust Rodroms übertrug er General Shul'Vedek das Kommando über die Flotte. Eine solch gewaltige Armada zusammenzuziehen, brauchte jedoch Zeit, so dass er den geplanten Angriff etwas verschieben musste. Dann meldete sich auch noch unerwarteter Besuch bei MODROR – AMUN. Der Kosmokrat, der einst der Iniitiator des kosmischen Projektes vor 190 Millionen Jahren gewesen war. MODROR kam der Besuch nicht besonders gelegen. Doch AMUN war ihm ein wichtiger Verbündeter und eine Art Mentor gewesen. Daher entschloss sich MODROR, ihn zu empfangen.

MODROR verließ seine Burg und glitt als körperloses Wesen in das Normaluniversum. Er schwebte durch den Hyperraum, ignorierte die Ereignisse um ihn herum, obgleich eine Supernova in einem primitiven Sonnensystem seine Aufmerksamkeit erregte. Milliarden Wesen starben, schrien kurz auf und verstummten in grausamer Qual. Er hätte sie am liebsten in sich aufgenommen, doch er eilte durch das All und landete in seiner Hyperraumverankerung im Kreuz der Galaxien.

Er hatte in dieser Sphäre die gleichen Bedingungen wie in seiner Burg. Um ihn herum war Nebel und Dunkelheit. So gefiel es ihm.

Der Kosmokrat erschien, wie immer, als alter weißhaariger Mann mit markantem Gesicht, der in eine pharaonenmäßige Robe gekleidet war. MODROR entschloss sich, auch Gestalt anzunehmen. Er ließ aus dem Nebel zwei Throne und einen Tisch erscheinen.

AMUN, welch unerwartetes Vergnügen, dich zu hier zu sehen.

Ich grüße dich, MODROR, sagte der Kosmokrat und erhob die rechte Hand zum Gruß.

MODROR registrierte, dass AMUN noch immer sein Faible für körperliche Wesen und deren Sitten und Gebräuche hegte.

Was führt dich in mein Reich?, wollte er wissen.

Ich hörte von deinen umfangreichen militärischen Plänen, MODROR.

Nicht nur Pläne. Schon bald eine Realität.

Ich möchte dich ersuchen, etwas gemäßigter vorzugehen und weniger destruktiv zu wirken. Unser großes Ziel muss die Beantwortung der dritten Ultimativen Frage sein.

Das eine schließt doch das andere nicht aus, meinte MODROR ausweichend.

Es gefiel ihm nicht, dass AMUN ihn kritisierte. Er spürte, dass der Kosmokrat eine Art von Vatergefühl für ihn hegte und in gewisser Hinsicht schätzte er AMUN dafür. Denn AMUN hatte ihn letztendlich erschaffen. Er hatte MODROR durch drei Evolutionsstufen begleitet und sah in ihm einen Auserwählten, nein den Auserwählten des Universums! Aber auch AMUN durfte seinen Plänen nicht im Wege stehen.

Deine Pläne kosten zu viele Leben. Wir brauchen aber die Sterblichen. Nur mit den Sterblichen lässt sich das Universum beherrschen, stellte AMUN klar.

MODROR verstand diese Argumentation nicht.

Es gibt doch mehr als genug von ihnen. Sie vermehren sich doppelt so schnell, wie sie sterben. Auf ein paar mehr oder weniger kommt es doch nicht an.

Was würde DORGON dazu sagen?, fragte AMUN.

Diese Frage berührte MODROR unangenehm.

Er versteht mich nicht. Er ist schwach. Für die Schwachen ist kein Platz im Universum. Wer nicht kämpfen will, muss untergehen, antwortete er.

DORGON ist ein Teil von dir! Und ich weiß sehr gut, dass es zwei Dinge in DORGON gibt, die du noch sehr begehrst. Ist es nicht so?

AMUN lachte spöttisch. Er hatte den wunden Punkt von MODROR getroffen.

Doch er sollte sich täuschen, sein Zögling hatte sich inzwischen mit seinem Mangel arrangiert, nein, er hatte den Mangel, die Unvollkommenheit, überwunden.

Sehnsucht!

Liebe und Geborgenheit!

NEIN!

MODROR verdrängte die Gefühle so schnell es ging. Er wollte die positiven Eigenschaften, die ihm fehlten, nicht mehr. Der Hass machte ihn mächtig, die unerfüllte Sehnsucht, der ewig andauernde Schmerz des Universums trieb ihn voran! Tod und Zerstörung befriedigten ihn. Wie ein Racheengel streifte er durch das Universum und bestrafte all jene, die es nicht verdienten zu leben.

Und langsam aber sicher formte er sich sein neues Universum. Ein Plan, den AMUN für unmöglich hielt, doch bald würde er alle eines besseren belehren!

MODROR! Ich bitte dich, deine Vorgehensweise noch einmal zu überdenken. Du könntest irreparable Schäden im Universum anrichten.

Dies liegt nicht in meiner Absicht. Mein Ziel ist es das Universum zu verbessern, und das mag zunächst auch einige Opfer kosten. Am Ende wird eine neue Ordnung entstehen, erklärte MODROR.

Und so war es auch! Wenn die Menschen schon als ausgewählte Geschöpfe von einigen der Hohen Mächte angesehen wurden, dann sollten sie zumindest MODROR dienen. Mit dem Quarterium hatte er die besten Voraussetzungen geschaffen, obgleich ihn die Humanität und Gefühlsduselei mancher noch erschreckte. Selbst Cauthon Despair war nicht frei davon. Er war geradezu ein Spiegelbild seines jüngeren Selbst, wie er vor drei Evolutionsstufen war. Doch eines Tages würde Despair soweit sein. Und wenn nicht, gab es einen zweiten Plan.

AMUN wirkte konsterniert.

Dann steht dein Entschluss also fest?, fragte AMUN. In seiner Stimme schwang Trauer mit.

MODROR antwortete voller Entschlossenheit.

Ja, ich werde die Kriege fortsetzen und ich werde obsiegen. Und dann werde ich meinen Plan, der den Moralischen Code betrifft, endlich in die Tat umsetzen. Auch eine SI KITU wird mich nicht daran hindern.

Gehe vorsichtig dabei vor. Ein vorschnelles Handeln würde alles zunichte machen, MODROR. Unterschätze SI KITU nicht! Ihre Allianz mit DORGON ist sehr gefährlich. SI KITU hat ihr neues Volk entsendet, um dich zu vernichten. AMUN machte eine kurze Pause. Du weißt, ich bin auf deiner Seite. Du bist der Auserwählte. Du wirst das Univers