Dominik HauberPERRY RHODAN ONLINE CLUB (PROC) HomepageHeft 13
Fanzyklus des Perry Rhodan Online Club

Randpunkte eines Reiches

Die IVANHOE trifft auf erste Völker - am Beginn eines Imperiums

Was bisher geschah

Anfang 1291 NGZ steht Perry Rhodan im Kampf gegen Shabazza und dessen Meister. Während die Zellaktivatorträger überall verteilt sind, um an verschiedenen Fronten gegen den geheimnisvollen Torr Samaho zu kämpfen, greift die MORDRED, eine Terrororganisation, die Camelot-Büros an und ermordet die dort befindlichen Mitarbeiter.

Homer G. Adams, untersützt vom Saggittonen Aurec, muß sich der gefährlichen Macht stellen. Es stellt sich sehr schnell heraus, daß Cauthon Despair, ein ehemaliger Freund Rhodans und der Cameloter, hinter der MORDRED steckt. Doch hinter ihm steht noch Nummer Eins, der wahre Anführer der Terrormacht.

Es gelingt, nachdem Rhodan wieder auftaucht, die MORDRED zu besiegen. Nummer Eins wird enttarnt und von dem geläuterten Despair zur Strecke gebracht. Doch die MORDRED war erst der Anfang. Hinter ihr steht die geheimnisvolle Macht Dorgon! Die dorgonischen Adlerschiffe, die aus der Galaxis M 100 gekommen sind, weisen eine der Milchstraße bei weitem überlegene Technologie auf. Unter der Führung von Homer G. Adams und Aurec brechen 10 Schiffe nach M 100 auf, um herauszufinden, was sich hinter Dorgon befindet und eine eventuelle Gefahr zu beseitigen. Sie gelangen an RANDPUNKTE EINES REICHES...

Hauptpersonen

Xavier Jeamour – Kommandant der IVANHOE

James Fraces – Stellvertretender Kommandant des Raumschiffes

Lorif, Mathew Wallace, Irwan Dove und Jennifer Taylor – Besatzungsmitglieder der IVANHOE

Jak-Jik – Ein Einheimischer des Planeten Harrisch

Carcus – Zenturio einer dorgonischen Division

Aurec und Homer G. Adams – Die Expeditionsleiter auf der Suche nach Lebensformen in M 100

1. An Bord der IVANHOE

Du solltest nicht soviel essen, davon wirst du fett!«

Raoul Lafitte drehte sich überrascht um und schaute direkt in das Gesicht seines terranischen Kollegen Atigra Atta, der ihn mit einem breiten Grinsen anblickte.

Lafitte biß herzhaft in seine Schweinshaxe, die sich als Spezialverpflegung für die ertrusischstämmigen Leute an Bord der IVANHOE befand, und erwiderte: »Kann schon sein, aber ich habe einfach zuviel Zeit.«

Damit hatte er durchaus recht, denn in den fünf Wochen, die seit ihrem Abflug aus der Milchstraße vergangen waren, hatte sich nichts sonderlich Aufregendes ereignet.

In dieser Zeit hatten sich die Pflichten der Besatzungsmitglieder der IVANHOE auf ein Minimum beschränkt. Außer den Routineaufgaben mußten sie noch den wöchentlichen sogenannten »Informationsabenden« beiwohnen, in denen sie immer wieder die wenigen bekannten Fakten über Dorgon beziehungsweise M 100 aufgetischt bekamen.

Ab und zu fanden auch Übungen statt, in denen diverse Szenarios, wie etwa eine feindliche Übernahme, durchgespielt wurden.

Xavier Jeamour, der Kommandant der IVANHOE, war ein gewissenhafter Mann, der sich und seine Besatzung für gewöhnlich perfekt auf Einsätze vorzubereiten pflegte. Er haßte unangenehme Überraschungen, in diesem Fall waren selbige wohl allerdings vorprogrammiert, da ihre Kenntnisse über die Dorgonen gegen Null tendierten.

Atta, seines Zeichens Maschineningenieur, beobachtete das Geschehen noch eine Weile, dann riet er: »Dann genieße deine Zeit, solange du sie noch hast. In weniger als neun Stunden werden wir nämlich in die Randgebiete von M 100 eintreten.«

»Mist!« fluchte der gebürtige Ertruser. »Wie soll ich da mein Gewicht halten?«

Auf einen Satz verschlang er eine gewaltige Fleischkeule mitsamt Knochen und gab die Antwort auf die eben gestellte Frage selbst, indem er aufstand und sich eine weitere Portion genehmigte.

Niemand wußte genau, was sie in Dorgon zu erwarten hatten. Es würde aber mit Sicherheit eine harte Zeit werden...

Homer G. Adams und Aurec, die Leiter der Expedition, hatten die übrigen Kommandanten und deren Stellvertreter zu einer Besprechung auf die GOLDSTAR eingeladen. Das waren im einzelnen Joaquin Cascal und Sandal Tolk von der TAKVORIAN, der Bengare Harun Mowahn und die Kartanin Siddig El-Fayar von der DRUSILLA, die Terranerin Sonya Kirchbarg und der Topsider Orak Tyrt von der AKRAN, Xavier Jeamour und James Fraces von der IVANHOE, Luigi Benatoni und Don Camez, beide Terraner, von der ARAMIS, von der RUDO der Epsaler Ermos Kositar mit seiner kartaninschen Stellvertreterin Per'ser-Ka-tz'eh, Sam und Will Dean von der SIOM SOM und – die Kommandanten der NELES.

Der Befehlshaber an Bord dieses Schiffes war niemand anderes als Cauthon Despair. Adams und die anderen Unsterblichen hatten sich dazu entschieden, ihm zu vertrauen. Das wiederum stieß allerdings nicht überall auf Gegenliebe. Zu den gängigen Argumenten zählte beispielsweise, daß der gleiche Fehler schon einmal begangen worden sei – und zwar bei Despairs Mentor, Wirsal Cell.

Cell hatte das Vertrauen der Cameloter zurückerobert, nur um sie dann wieder zu hintergehen.

Die negative Einstellung der meisten Leute Despair gegenüber hatte sich allerdings etwas verbessert, denn während der ganzen Reise hatte er sich einwandfrei verhalten, wenn er auch einen sehr autoritären Stil bei seiner Besatzung führte. Der Respekt vor dem silbernen Ritter war groß, manche fürchteten ihn sogar.

Nachdem alle eingetroffen waren, begann Adams mit seinem Briefing.

»Ich begrüße euch an Bord der GOLDSTAR

Er drückte einen Knopf und ein dreidimensionales Hologramm, das Dorgon darstellte, erschien in der Mitte des Konferenztisches.

»Wir sind nun endlich in die Randgebiete von M 100, oder, um die geläufige Bezeichnung zu verwenden, Dorgon eingedrungen. Wir befinden uns genau hier!«

Das Hologramm zeigte nunmehr den Ausschnitt der Galaxis, in dem sich die Expeditionsflotte befand.

»Wir sind der Meinung, daß wir am meisten in Erfahrung bringen können, wenn wir uns aufteilen. Einzelne Schiffe fallen zudem weniger auf. Daher haben wir ein Schema erarbeitet, nach dem wir vorgehen werden.«

Er übergab das Wort an Aurec, der den einzelnen Schiffen die zu erforschenden Gebiete zuteilte.

Die IVANHOE sollte den südlichen Teil eines Seitenarms der Galaxis näher untersuchen, während die übrigen Schiffe sich auf die diversen Teile von M 100 verteilten.

»Ihr solltet«, meinte Adams abschließend, »darauf achten, während eurer Mission überflüssige Hyperfunkkommunikation zu unterlassen. Denkt daran, alles kann abgehört werden, und momentan können wir es uns noch nicht leisten, aufzufallen. – Ich danke euch, und viel Glück!«

Cauthon Despair wanderte langsam durch die Korridore der SAGRITON, dem größten Schiff der Expedition. Die NELES sollte zusammen mit dem Saggittonenraumer auf Erkundung gehen. Anscheinend – so interpretierte es der Cameloter – vertraute die Expeditionsleitung ihm noch nicht vollends und hielt es für besser, wenn er nicht alleine losflog.

Despair verstand das Mißtrauen gegenüber seiner Person, doch es gefiel ihm nicht sonderlich. Er fühlte sich wieder allein, ausgestoßen – ein Außenseiter!

Perry Rhodan war der einzige, zu dem er Vertrauen fassen konnte, doch der Unsterbliche befand sich in der Milchstraße, etwa 50 Millionen Lichtjahre entfernt.

Trotzdem riß sich Despair zusammen. Er hatte auch keine andere Wahl. Die einzige Möglichkeit um Vertrauen zu kämpfen, war, sich zu beweisen. Er mußte sich die Zuneigung der anderen verdienen, was jedoch nicht sonderlich leicht war. Cauthon war kein Witzbold, allenfalls zynisch und sarkastisch, was manchmal als schwarzer Humor gesehen werden konnte. Ebenfalls war er kein Mann, der sonderlich gute Stimmung verbreitete, was auch an seinem furchteinflößenden Äußeren lag. Er war ein exzellenter Schwertkämpfer, ein Halbmutant, ein genialer Stratege und ein hervorragender Kommandant und Navigator. Menschlich gesehen hatte er jedoch große Defizite.

Cauthon seufzte innerlich und ging zu einem Lift, der sich auch prompt öffnete. Er blieb stehen, als er die hübsche Terranerin erkannte, die mit ihren brünetten gewellten Haaren und blauen Augen vor ihm stand. Sie trug ein enganliegendes Kleid, in dem sie einfach hinreissend aussah. Despair neigte den Kopf leicht nach links.

»Hatten Sie nicht letztes Mal braune Augen?« fragte er verwundert.

Sanna Breen lächelte verlegen. Cauthons Herz schlug bei diesem Lächeln höher. Er versuchte sofort diese Gefühle zu unterdrücken.

»Ja, ich habe mir die Augenfarbe bei Doktor Sorassh genetisch verändern lassen. Die Saggittonen haben da eine sehr einfache und schonende Möglichkeit. Steht mir die neue Augenfarbe gut?«

»Sie sind unergründlicher als die Sonne Dermos.«

Sanna zog eine Augenbraue hoch.

»Ist das jetzt ein Kompliment?«

»Die blaue Sonne Dermos bot einen majestetischen Anblick«, erklärte er. »Die Sonnenuntergänge- und aufgänge waren unvergleichbar!«

Sanna Breen hielt einen Moment inne. Erst jetzt realisierte sie, wer der Mann eigentlich vor ihr war, besser gesagt, was er alles getan hatte. Despair war ein Verbrecher gewesen. Eigentlich eine Art Monster, welches man meiden sollte, dennoch hatte er ihr geholfen, als drei betrunkende Expeditionsmitglieder sie belästigt hatten. Auf Sanna wirkte Despair zwar sehr respekteinflößend, jedoch nicht irgendwie furcherregend. Im Gegenteil, er faszinierte sie auf irgendeine Art und Weise. Vielleicht lag es daran, daß er aufgrund seiner Rüstung so stolz und geheimnisvoll wirkte.

Sie schenkte ihm ein Lächeln.

»Ich möchte dir... oder Ihnen... nochmals für die Hilfe im Restaurant danken. Es war sehr edel und nicht jeder hätte das in der heutigen Zeit getan«, meinte sie anschließend.

Despair nickte unmerklich.

»Die Zeiten haben sich geändert. Ich wünschte, ich wäre im Solaren Imperium groß geworden. Es war noch eine Zeit für Helden. Heute sind die Helden der Galaxis Bürokraten und skruepellose Unternehmer. Die wirklichen Heroen, wie Rhodan, werden verachtet.«

Verbitterung lag in seiner Stimme. Bevor Sanna Breen genauer darauf eingehen wollte, bemerkte sie ein Knurren in ihrer Magengegend.

»Ich wollte etwas essen gehen, würden Sie mir vielleicht Gesellschaft leisten?«

Despair sah sie verwundert an.

Sie hat mich gefragt, ob ich mit ihr essen gehen will! Aber warum? Zantra hätte das sicher nicht getan.

»Nun, wenn es Ihnen nichts ausmacht, alleine zu essen, begleite ich sie mit Vergnügen. Ich verspüre allerdings keinen Hunger«, antwortete der silberne Ritter und ging in den Lift.

Während der Fahrstuhlfahrt sprachen die beiden kein Wort. Sanna blickte jedoch immer wieder den knapp zwei Köpfe größeren Cameloter an. Sie versuchte etwas hinter der Maske zu erkennen, vergeblich!

Ein Epsaler zwängte sich bei einem Zwischenstopp in den Lift. Er kam gerade vom Fitnesscenter und roch nach Schweiß. Während Sanna die Nase rümpfte und die Klimaregulierung betätigte, merkte Despair nichts, da in seinem Anzug ein automatischer Atemfilter eingebaut war. Endlich hatte der Aufzug die Etage mit der Cantine erreicht. Erleichtert stieg die junge Terranerin aus, gefolgt vom dunklen Ritter.

Das Restaurant war relativ voll. Ein Varnider hatte gerade zu Ende gegessen und stand auf. Das Blumenwesen fiel beinahe nach hinten, als es Despair erblickte. Noch immer wirkte er furchterregend auf einige Kreaturen.

Ein Servierroboter schwebte an und nahm die Bestellungen entgegen. Sanna bestellte zwei Hamburger und ein Wasser, während Despair sich nur auf camelotischen Saft beschränkte. Die Cantine wirkte sehr hell durch die weißen Wände und durchsichtigen Keramiktische.

»Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen?« nahm Breen wieder das Gespräch auf.

Despair nickte.

»Wenn Sie so sehr von Heldentum schwärmen, warum haben Sie sich dann der MORDRED angeschlossen?«

Sie hoffte, mit dieser Frage in kein Fettnäpfchen getreten zu haben.

»In Wirsal Cell sah ich jemanden, der versuchte die Bürokratie, die Korruption und die Geldgier zu unterdrücken. Cell war ein Mann der Tat, während Rhodan auf Camelot kauerte. Deshalb folgte ich ihm...«

Sanna sah ihn an, als ob sie noch etwas erwartete. Despair erhob wieder die Stimme.

»Außerdem war ich allein. Ich hatte keinen Menschen. Die Frau, die ich liebte, ließ mich schäbig im Stich. Wirsal Cell verstand es geschickt mich gegen Rhodan aufzuhetzen. Es kam zu einem Kampf, bei dem ich in einen Abgrund stürzte und nur knapp dem Tod entronn. Als ich wieder zur Besinnung kam, war mein Körper verändert. Mein ganzes Leben war verändert. Mit der Vernichtung meines Körpers starb auch vorübergehend mein Herz.«

Sanna atmete tief durch und sah Despair ernst an.

»Jedoch haben Sie Ihr Herz wiedergefunden. Wie?«

»Durch den Tod der Frau, die ich liebte. Cell hatte ihr Leben auf dem Gewissen. Da erkannte ich, daß ich nur von ihm ausgenutzt wurde. Er wollte nicht die Milchstraße in einer bessere Zeit leiten, er wollte sie unterjochen und seine Macht ausbauen. Ruhm und Macht waren mir unwichtig. Ich wollte etwas verändern. Dann tötete ich meinen Meister. Er hatte es nicht besser verdient...«

Stille herrschte. Der Roboter brachte das Essen von Sanna Breen und wünschte ihr einen guten Appetit.

»Ich hätte auch den Tod verdient, doch ich mußte Rhodan retten. Alleine wäre er nicht mehr in der Lage gewesen, von Dermos zu entkommen. Nun bin ich hier und versuche alles wieder gutzumachen.

Es ist jedoch nicht einfach. Die Leute mögen mich nicht. Ich bin ein Außenseiter und immer noch alleine«, fügte er nachdem der Roboter weggeflogen war, hinzu.

Sanna legte ihre Hand auf Despairs und streichelte sie langsam. Irritiert blickte der silberne Ritter sie an.

»Nein, du bist nicht alleine«, sagte sie mit einem Lächeln. Dann nahm sie die Hand wieder weg und stürzte sich auf ihr Essen.

»Jetzt habe ich aber Hunger! Du möchtest wirklich nichts?«

Despair schüttelte nur den Kopf. Er war völlig überrascht. Das Verhalten von Sanna Breen war in seinen Augen völlig irrational. Sie mochte ihn! Aber warum? Zantra war völlig anders. Vielleicht hatte er einst den falschen Menschen vertraut. Vielleicht hatte er Zantra Solynger überbewertet.

Sie war wahrscheinlich nichts weiter als ein billiges Flittchen! dachte er abfällig und blickte Sanna an, eine neue Freundin. Seine einzige Freundin bis jetzt auf der Expedition. Was immer sie bezweckte, sie hatte immerhin eines bereits erreicht; sie hatte ihm Hoffnung gegeben!

2. IVANHOE

Xavier Jeamour lehnte sich bequem in seinen Sessel und blickte sich in der Kommandozentrale der IVANHOE um.

Eigentlich konnte er mehr als zufrieden sein. Er hatte schließlich ein fantastisches Schiff. Die IVANHOE hatte einen Durchmesser von 1000 Metern und war der TAKVORIAN in puncto Kampfkraft ebenbürtig. Alle Systeme funktionierten einwandfrei, und seine Besatzung arbeitete zufriedenstellend.

Da war zum Beispiel sein Stellvertreter, James Fraces. Der Ire, knapp 1,90 Meter groß, war zwar aufgrund seines doch recht autoritären Stils nicht sonderlich beliebt bei der Besatzung, er war allerdings ein zuverlässiger und fähiger Offizier.

Ein weiterer Offizier war Lorif, ein etwas wunderlicher und auch etwas geschwätziger Posbi. Im Moment stand er brav an seiner Wissenschaftskonsole und erledigte seine Aufgaben. Im Prinzip war dies die erste Mission für ihn.

Dann gab es natürlich Jennifer Taylor, die Schiffsärztin, die durchaus attraktiv und ein absolutes As auf ihrem Gebiet war.

Der Sicherheitschef hieß Irwan Dove und war ein Nachkomme des mittlerweile legendären Hansespezialisten Stalion Dove. Der oxtornische Hüne war ein hervorragender Kämpfer.

Auf ihn kann ich mich hundertprozentig verlassen, dachte Jeamour lächelnd. Wie eigentlich auf alle an Bord dieses Schiffes.

Sein Lächeln erstarb urplötzlich, als ihn ein Kneifen an seinem Gesäß unangenehm daran erinnerte, was ihn hier an diesem Schiff noch störte. An seinem Sessel hatte sich nämlich eine Schraube gelöst, was dazu führte, daß ein Teil der Sitzfläche seitlich verrutscht war und er sich ständig einklemmte. Er hatte wegen dieser Bagatelle eigentlich keine Reparaturrobots bemühen wollen, aber es wurde auf die Dauer einfach lästig.

Jeamour drückte einen Knopf an der Armlehne seines Sessel. »EINSTEIN«, - das war der Name des zentralen Rechenhinrns der IVANHOE – »ich brauche hier einen Reparaturrobot.«

»Kein Problem«, erwiderte EINSTEIN in seiner freundlichen, aber dennoch leicht monotonen Stimme. »Bitte spezifiziere die Art des technischen Problems.«

Jeamour schluckte und erklärte EINSTEIN den Sachverhalt, woraufhin die Besatzungsmitglieder auf der Brücke der IVANHOE ihre Arbeit unterbrachen und grinsend ihren Kommandanten bei seiner Aktion beobachteten.

Nachdem Jeamour seine Ausführungen beendet hatte, wartete EINSTEIN für seine Verhältnisse ziemlich lang, bevor er reagierte.

Aus Jeamours Armlehne fuhr surrend eine Mini-Tastatur aus.

»Bitte gib den Autorisationscode zur baulichen Umgestaltung ein.«

»Zur baulichen... was??« fragte Jeamour entgeistert.

Die umstehenden Brückenoffiziere konnten sich das Lachen offensichtlich kaum verkneifen, ausgenommen Lorif, der weiterhin an seiner Station saß und rechnete.

Jeamour startete einen weiteren Versuch.

»Hör mal, EINSTEIN, ich brauche hier nur einen Robot mit einem Schraubenschlüssel!«

EINSTEIN war unbestechlich. »Für diese Aktion ist der Autorisationscode zur baulichen Umgestaltung nötig.«

Irwan Dove, sein Sicherheitschef, kicherte hörbar, selbst sein sonst so abgeklärter Stellverteter, James Fraces, der kurz zuvor die Zentrale betreten hatte, konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Jeamour ächzte. »Lorif, komm mal bitte her.«

Der Posbi wandte sich von seiner Station ab und setzte sich in Bewegung.

»Lorif, kannst du mir vielleicht sagen, warum EINSTEIN von mir einen Code verlangt, obwohl ich doch nur eine Reparatur vornehmen lassen will?«

»Nun, nach Analyse der mir vorgelegten Fakten kann ich mit dreiundachzigprozentiger Wahrscheinlichkeit feststellen, daß dieser Umstand möglicherweise auf die Perspektive des Konstrukteurs beziehungsweise des zuständigen Programmierers der IVANHOE zurückzuführen ist, also bedeutet das unter Einbeziehung der bekannten Fakten...«

»Lorif!« unterbrach ihn Jeamour. »Ich will keinen Vortrag, ich will eine knappe, präzise Antwort.«

»In Ordnung. Entschuldige, ich rede manchmal vielleicht zuviel, zumindest behaupten das manche, aber das liegt daran daß... Verzeihung. Nun, kurz und bündig, beim Bau der IVANHOE wurde einfach nicht vorgesehen, daß sich diese Schraube lockern könnte. Und alles, was nach Ansicht des Programmierers nicht repariert zu werden braucht, stellt eine bauliche Umgestaltung dar... Und deshalb brauchen Sie den Code!«

Jeamour war einem Nervenzusammenbruch nahe.

»Kannst du nicht einfach einen der Roboter umprogrammieren?«

»Aber Kommandant«, rief Lorif entsetzt, »das käme ja einer Gehirnwäsche gleich! Das kann ich ummöglich verantworten, das verstößt gegen meine moralischen und ethischen Grundsätze. Ich...«

»Bitte, halt die Klappe, Lorif!« stöhnte ein völlig entnervter Kommandant.

»Ich glaube, ich brauche erst einmal ein paar Stunden Schlaf. Fraces, du hast das Kommando. Laß Kurs auf die Koordinaten setzen, die uns Adams übermittelt hat.«

Mit diesen Worten verließ Jeamour die Kommandozentrale Richtung Antigrav...

Die IVANHOE hatte ihren mehrstündigen Metagravflug beendet und war an ihren Zielkoordinaten angekommen. Xavier Jeamour hatte mittlerweile das Kommando wieder übernommen.

Lorif hatte ein Sonnensystem mit sechs Planeten geortet.

»Die Sonne entspricht in Größe und Temperatur etwa Sol. Der erste Planet hat einen Durchmesser von 2030 Kilometern und eine Oberflächentemperatur von etwa 3700 Grad Celsius. Die Oberfläche scheint ständig zu brennen. Planet Nummer zwei hat einen Durchmesser von 7810 Kilometern und eine Oberflächentemperatur von 740 Grad Celsius. Die Entwicklung von intelligentem Leben auf diesem Planeten ist äußerst unwahrscheinlich.

Der dritte Planet hat einen Durchmesser von 5800 Kilometern, Temperatur 190 Grad Celsius. Ein Wüstenplanet, primitives Leben möglich.

Der vierte Planet hat einen Durchmesser von 9930 Kilometern, Temperatur zwischen 40 und 50 Grad. Hohe Luftfeuchtigkeit, was auf einen Dschungelplaneten schließen läßt. Die Daten scheinen recht vielversprechend, es sieht so aus, als ob dieser Planet bewohnt wäre.«

Die übrigen Planeten waren entweder Gasriesen oder Eiswüsten mit Temperaturen von unter

Minus 250 Grad. Jeamour beschloß daher, den vierten Planeten einmal näher unter die Lupe zu nehmen.

»Irwan, du wirst mit einem Team auf diesen Planeten fliegen und Kontakt zu den Eingeborenen herstellen, sofern diese intelligent genug sind, um einigermaßen brauchbar mit uns zu kommunizieren.«

Dove bestätigte die Anweisung auf der Stelle, während Jeamour die Stirn in Falten legte und sich in Gedanken den Rest des Landekommandos überlegte. Schließlich beschloß er, daß Lorif und Jennifer Taylor den Sicherheitschef auf der Mission begleiten sollten. Desweiteren gehörten einige Wissenschaftler sowie eine Anzahl Sicherheitsleute der Gruppe an.

Die Space-Jet JAY JAY flog durch die unendliche Schwärze des Alls. Der Kommandant der flinken Space-Jet war der junge Schotte Mathew Wallace. Der charismatische Terraner war 1,81 Meter groß, hatte dunkelblonde Haare, blaue Augen und einen athletischen Körperbau. Er gehörte zu den jüngsten Kommandanten auf Camelot und war der jüngste Befehlshaber in der Expedition, denn Wallace war erst 21 Jahre alt. Dennoch war der Euroterraner ein Meister seines Fachs. Mathew beherrschte Space-Jets wie kaum ein anderer.

Seine Mutter zog kurz nach seiner Geburt nach Camelot, wo Wallace aufwuchs. Schnell fand er sein Interesse für die Raumflotte und absolvierte den üblichen Weg. Als junger Kadett von 19 Jahren kam er auf die TITANUS, die jedoch während der Kämpfe gegen die Tolkander zerstört wurde. Dank Wallace guten Flugkünsten konnte man mit der Space-Jet entkommen.

Jeamour wurde auf ihn aufmerksam und bot ihm an, Kommandant der Space-Jets zu werden. Wallace akzeptierte sofort und bekam das Kommando über alle 25 Space-Jet Einheiten, die auf der IVANHOE waren.

Zudem war er ein zuverlässiger und gewissenhafter Offizier und seinen Besatzungsmitgliedern ein guter Freund. Die Crew bestand aus insgesamt vier Terranern. Wallace Erster Offizier war sein langjähriger Freund Hendrik Swahn, den er bereits aus der Schule und von der Akademie her kannte. Tim Beranoh und Cerak Atz waren für die Ortung und den Funk verantwortlich.

Langsam näherten sie sich dem vierten Planeten, den die Leute an Bord der JAY JAY mittlerweile inoffiziell »Jungle« getauft hatten.

Jungle hatte vier Kontinente. Sie unterschieden sich kaum voneinander, die tektonischen Aktivitäten mochten auf dein einzelnen Erdteilen verschieden sein. Generell konnte man aber über Jungle sagen, daß der Planet eine unglaublich wilde und prächtige Natur vorzuweisen hatte. Jungle war zu fast siebzig Prozent mit Wasser bedeckt, auf dem Festland gab es eigentlich nur Urwald. Das Klima war feuchtwarm, die Luftfeuchtigkeit sank wohl nur selten unter 90 Prozent. Die Space-Jet landete am Rande einer kleinen Insel nahe des Äquators.

»Hoffentlich gibt es hier keine Riesensaurier oder Kannibalen«, murmelte Wallace und fuhr die Systeme der JAY JAY herunter.

»Das wird bestimmt ein Spaziergang«, meinte Hendrik Swahn und legte sich seine Kombination an.

Dove bestimmte einen Mann, der während der Expedition auf die JAY JAY aufpassen sollte.

Dann brachen sie, siebzehn an der Zahl, auf, um eine völlig unbekannte Welt zu erkunden...

3. Bericht Calvin Magruder

Die Space Jet war auf einer kleinen Anhöhe niedergegangen, so daß wir eine recht gute Aussicht hatten und uns ein Bild von der Lage der Dinge machen konnten.

Die Insel schien nur aus riesigen Bäumen, Sumpfgebieten und Pflanzen aller Art zu bestehen. Tierisches Leben konnten wir von unserem Standpunkt nur vereinzelt ausmachen, jedoch bewiesen unsere Sensorenwerte, daß es davon nur so wimmelte. Das war auch ein Grund, weshalb wir keine Humanoiden beziehungsweise Eingeborenen entdecken konnten. Unter den vielen tausenden Lebensformen diejenigen herauszusuchen, denen Intelligenz zuzuordnen war, war praktisch unmöglich. Darüber hinaus wußten wir auch nicht, was wir zu erwarten hatten.

Irwan Dove rief uns zu einer Einsatzbesprechung zusammen. Er händigte uns Paralysatoren mit dem Hinweis aus, daß wir ja nicht hierher gekommen seien, um mit den Eingeborenen Krieg anzufangen. Vielmehr dienten die Paralysatoren dazu, daß wir uns gegen wilde Tiere verteidigen könnten. Wir hatten zwar auch Desintegratoren dabei, jedoch sollten wir diese nur im äußersten Notfall einsetzen.

Außerdem erklärte er uns, daß wir immer beieinander bleiben sollten. Das hat er damit begründet, daß dies eine uns völlig unbekannte Welt sei.

Dann ging es los.

Wir drangen in den Dschungel ein und bewegten uns in die Richtung, in der eine Siedlung vermutet wurde. Um uns herum wuchsen wild durcheinander riesige Sträucher und Büsche, die dichte Belaubung der teilweise über einhundert Meter hohen Bäume verhinderte, daß allzuviel Licht einfiel. Zusammen mit den merkwürdigen Geräuschen, die aus dem Dickicht zu uns drangen, sorgte das für eine leicht gespenstisch anmutende Atmosphäre.

Unter unseren Füßen krabbelten allerlei undefinierbare Käfer. Ich begann mich zu fragen, ob unsere Kleidung als Schutz ausreichte, denn wir trugen nur Tarnkleidung, aber keine Mückennetze oder ähnliches. Auf dem Rücken trugen wir noch einen Tornister, in dem sich unsere Ausrüstung befand.

Dove, der die Gruppe anführte und sich mit einem Vibratormesser einen Weg durch das Buschwerk bahnte, hob auf einmal die Hand und bedeutete uns, stehen zu bleiben. Man konnte bald darauf sehen, warum. Einige Meter vor ihm befand sich nämlich eine etwa fünfundzwanzig Meter lange Schlange. Ich hatte noch nie ein derartiges Monster gesehen. Es handelte sich offensichtlich um eine Giftschlange. Was dieses Tier von den Schlangen, wie ich sie kannte, unterschied, war, daß es auf dem Rücken einen Kamm trug, etwa wie ein Leguan. Der Kamm bestand aus hartem Knorpel und lief am Ende spitz zu, was den Schluß zuließ, daß auch dieser Kamm Gift mit sich führte.

Dove wollte sich wohl nicht lange mit diesem Tier aufhalten, er zog also seinen Paralysator und drückte ab. Aber anstatt regungslos liegenzubleiben, wie sich das gehört hätte, zuckte dieses Reptil nur unwillig und schoß auf Dove zu. Dieser stellte seinen Paralysator auf maximale Leistung und schoß. Mitten in der Bewegung brach das Tier ab. Die Sache schien erledigt, und wir stiegen vorsichtig über sie hinweg. Kaum war der letzte Mann an ihr vorbei, regte sie sich schon wieder und verschwand im Busch.

Auf unserem Weg mußten wir dann über einen gewaltigen Baumstamm klettern, der etwa fünf Meter im Durchmesser hatte. Die ersten drei Personen waren bereits über ihn hinübergekraxelt, da konnte man ein merkwürdiges Grollen vernehmen. Ich hatte das dumpfe Gefühl, daß das alles mögliche war, aber ganz bestimmt kein Baumstamm.

Und ich hatte recht. Als Hendrik Swahn sich gerade an dem Stamm versuchte und ihn Pete Simmons, einer der Sicherheitsleute, vollends heraufziehen wollte, klaffte der »Baumstamm« auf einmal der Länge nach auseinander. Simmons konnte Swahn gerade noch davor bewahren, in das Loch hineinzufallen. Bei genauerem Hinsehen wurde offenbar, daß es sich um ein gewaltiges Maul handelte. Am Rand befanden sich gewaltige, etwa fünfzehn Zentimeter lange Zähne.

Simmons hielt Swahn also mit einer Hand fest, während das Tier, oder was auch immer es war, sabbernd und triefend versuchte, den ersten Offizier der JAY JAY zu verschlingen.

»Zieh mich hoch!!« schrie Swahn panikerfüllt. Es war keinem von uns möglich, Simmons zu helfen, denn dieser stand selber direkt am Rand des Schlunds.

Simmons ächzte, ihm perlte der Schweiß von der Stirn. Er versuchte vergeblich, Swahn hochzuziehen.

»Mach schon!« brüllte Swahn. Der Mund ging immer weiter auseinander. Demnach würde er sich bald auch wieder schließen.

Simmons bemühte sich abermals, Swahn herauszuziehen. Das Unterfangen schlug allerdings fehl; es führte nur dazu, daß ihm die schweißnasse Hand Swahns entglitt. In letzter Sekunde konnte er mit der anderen Hand nachfassen und Swahn somit noch einmal vom drohenden Sturz in den Rachen dieses Monsters bewahren.

Wir standen ohnmächtig daneben, Irwan Dove und Mathew Wallace auf der einen, die Ärztin, ich und der Rest auf der anderen Seite.

Da schloß sich der Mund wieder. Simmons unternahm einen letzten, verzweifelten Versuch. Es gelang ihm dieses Mal tatsächlich, den beleibten Swahn herauszuziehen. Mit einem Hechtsprung brachten sie sich daraufhin in Sicherheit, bevor sie von den gewaltigen Zähnen dieser Kreatur zermalmt werden konnten.

Ja, und dieser Attigra Atta scheint Mitleid mit ebendieser Kreatur bekommen zu haben. Jedenfalls schnappte er sich die sogenannte »Spezialverpflegung« von Raoul Lafitte und warf sie diesem Geschöpf in den Rachen. Wir hörten ein Schlucken, dann ein herzhaftes, zufriedenes Rülpsen. Weniger zufrieden war allerdings Lafitte. Er schnappte Atta am Kragen und versuchte, ihn zu erwürgen. Nachdem aber Mathew Wallace und einige Sicherheitsleute intervenierten, war er gezwungen, von seinem Mundräuber abzulassen.

Die Dämmerung brach langsam herein, und wir mußten uns nach einem Schlafplatz umsehen. Das war leichter gesagt als getan, denn auf dem Boden zu schlafen, wäre grob fahrlässig, und was sich auf den Bäumen an Tieren herumtrieb, war auch nicht zu unterschätzen.

Wir machten uns also auf die Suche...

4. Jungle bei Nacht

Die Expeditionsmitglieder hielten Ausschau nach einem geeigneten Schlafplatz, denn es wurde langsam Zeit. Die Sonne, die man auch vorher aufgrund der vielen Bäume nur hatte erahnen können, hatte sich mittlerweile gänzlich verabschiedet. Dennoch betrug die Temperatur immer noch knapp vierzig Grad.

Das feuchtheiße Wetter zermürbte die Männer zusehends. Jennifer Taylor hatte vereinzelt schon Kreislaufmittel gespritzt, damit die Leute nicht einfach zusammenklappten.

»Ich halte das nicht mehr lange aus«, ächzte Ronald Verhoeven, einer der Wissenschaftler, die nicht unbedingt an körperliche Anstrengung gewohnt waren. An seinem Körper liefen regelrechte Schweißbäche herab.

»Weichei!« brummte ein anderer. »Da habe ich schon ganz andere Sachen erlebt!«

»Ja, gerade du!« konterte Verhoeven. »Du mit deinem fetten Hintern!«

Sie kamen nicht dazu, ihre niveauvolle Konversation weiter zu vertiefen, denn Irwan Dove hatte eine Entscheidung gefällt. Die Gruppe war inzwischen an einer Art Lichtung angekommen, wobei von »Licht« keine Rede sein konnte, es war dort praktisch genauso dunkel wie im Dschungel selbst.

»Wir werden hier unser Nachtlager aufschlagen«, erklärte Dove. »Desweiteren werden wir ein großes Feuer entzünden, um wilde Tiere etwas fernzuhalten. Die Wachen werden sich schichtweise – das heißt in diesem Fall stündlich – abwechseln, zunächst sind Atta, Magruder, Harthas und Simmons an der Reihe.«

Die Männer machten sich daran, Holz zu sammeln. Das Holz brannte wegen hohen Luftfeuchtigkeit zunächst nicht sonderlich gut, allerdings legte sich das mit der Zeit.

Schließlich schossen die Flammen meterhoch in den Himmel und alle, bis auf die Wachen, rollten sich in ihre Schlafsäcke und ruhten sich von den Strapazen des Tages aus.

Pete Simmons baute sich aus einigen Ästen eine provisorische Sitzgelegenheit. Selbstverständlich waren die Wachposten mit einigen Geräten ausgestattet, dazu gehörten spezielle Nachtsichtgeräte und Scanner. Letztere sollten in der Lage sein, eventulle Angreifer frühzeitig aufzuspüren.

Nach knapp einer halben Stunde tat sich etwas.

»He, Pete!« wisperte ihm Attigra Atta zu. »Meine Geräte zeigen an, daß sich uns etwa zwanzig Lebensformen aus Süden nähern. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, was das ist.«

»Ich kann nichts entdecken«, erwiderte Simmons und stellte sein Nachtsichtgerät nach.

»Schau mal auf deine Scanner«, riet ihm Atta.

Simmons tat wie ihm geheißen, und tatsächlich, etwa 60 Meter von ihnen entfernt wurde eine Ansammlung von Lebensformen angezeigt.

»Stimmt, du hast recht. Ich glaube aber nicht, daß sie eine Gefahr darstellen.«

»Sollte ich nicht trotzdem die anderen aufwecken?«

Simmons blickte auf die Expeditionsmitglieder, die tief und fest schliefen.

»Nein, nicht, bevor wir nicht wissen, wer oder was das ist. Wir regeln das alleine.«

»Pete?«

»Ich sollte mir das einmal näher ansehen.«

»Denkst du nicht, das ist gefährlich?«

»Das will ich doch herausfinden.«

Simmons erhob sich von seinem Hocker und steckte seinen Paralysator ein. »Wir bleiben in ständigem Funkkontakt.«

Attigra Atta nickte stumm.

Pete Simmons wandte sich ab und machte sich auf den Weg.

Simmons hatte seinen Blick starr nach vorne gerichtet. Langsam und sorgfältig setzte er einen Fuß vor den anderen. Unter seinen Füßen zerbachen knackend die Äste, auf die er getreten war. Im fahlen Halbdunkel, das trotz der drei Monde nur mäßig erhellt war, konnte er praktisch nichts erkennen. Mit seinem Nachtsichtgerät war er wenigstens in der Lage, Konturen zu erkennen.

Größere Lebensformen, wie sie geortet worden waren, konnte er aber dennoch nicht ausmachen.

»Pete, kannst du sie sehen?« hörte er die Stimme von Attigra Atta.

»Ich habe keinen Sichtkontakt. Ich wiederhole, null Sichtkontakt.«

Simmons Nachtsichtgerät war mit den Scannern zusammengeschaltet worden, sodaß er die Lebensformen rein theoretisch zentriert hatte.

Er trat näher heran. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Das mochte zum einen damit zusammenhängen, daß ihn wegen der möglichen bevorstehenden Konfrontation mit den Unbekannten fröstelte; ein Blick auf sein Thermometer zeigte ihm aber an, daß die Temperatur binnen Minuten um fast zehn Grad gefallen war.

In der Ferne hörte er das Heulen eines Tieres.

Oder war es nur der Wind?

Simmons schüttelte sich, um den Kopf klarzubekommen.

»Okay, Attigra, ich bin noch etwa 30 Meter weg. Ich kann nach wie vor nichts sehen.«

»Aber Pete, sie sind da.«

»Ich sehe sie aber nicht, verdammt!!« brauste Simmons auf.

»He, nur mit der Ruhe, Pete«, flüsterte Atta besänftigend. »Wie wär's, wenn du sie erstmal mit Infrarot suchst. Damit müßtest du sie eigentlich sehen.«

Simmons arbeitete mit einer Hand an seiner Ausrüstung, die andere baumelte sinnlos am Körper herunter, als sehe er keinen rechten Sinn in seinem Tun.

»Ich sehe immer noch nichts.«

Simmons ließ das Licht seines Scheinwerfers über die Bäume wandern.

»Ich muß näher ran.«

Merkwürdig. Er hatte irgendwie kein gutes Gefühl bei der Sache.

Trotzdem wagte er noch einen weiteren Schritt.

Pete Simmons hatte nicht den Hauch einer Chance. Er wurde von etwa fünfzehn Pfeilen gleichzeitig in Kopf und Brust getroffen. Noch bevor Simmons zu Boden fiel, klafften mehrere tiefe Wunden auf und dunkelrotes Blut quoll hervor.

Mit weit aufgerissenen Augen sackte er auf die Knie; er versuchte, seinem Kameraden noch etwas mitzuteilen, es gelang ihm aber nicht mehr. Lautlos kippte er vornüber und blieb liegen.

Attigra Atta hatte den Vorfall nicht mitbekommen. Nur zeigten seine Geräte mit einem Mal eine Lebensform weniger an.

»Pete?«

Keine Antwort.

»Pete, kannst du mich hören? Bitte bestätigen, Pete!«

Wiederum keine Antwort. Es gab auch nichts mehr zu bestätigen.

Atta wurde plötzlich klar, was das zu bedeuten hatte. Seinen Anzeigen zufolge näherten sich die Lebensformen nämlich weiter.

»Alarm! Alle aufstehen, sofort! Eindringlinge!« schrie Atta. Die Männer fuhren erschreckt hoch und griffen geistesgegenwärtig zu ihren Paralysatoren.

Irwan Dove ließ sich die Situation in aller Kürze erklären.

»Das war verantwortungslos. Warum hat er nicht einen SERUN angelegt? Dann wäre er vielleicht noch am Leben«, meinte er kopfschüttelnd. »Aber jetzt müssen wir diese Eindringlinge erstmal abwehren.«

Mittlerweile waren viele Scheinwerfer aktiviert, und man konnte die Wesen auf das Lager zu rennen sehen.

Es waren eselsähnliche Geschöpfe, etwa 1,60 Meter hoch und aufrecht gehend. Ein wesentlicher Unterschied zu Eseln war, daß sie Hände hatten. Diese wußten sie offenbar auch recht gut einzusetzen, denn sie trugen Pfeil und Bogen mit sich.

»Paralysatoren auf maximale Fächerung und Leistung!« schrie Dove gegen das Gewiehere der Angreifer an. Die Männer von der IVANHOE gingen in die Knie und feuerten.

Ein paar Sekunden später war es vorbei, und die Eingeborenen lagen paralysiert am Boden.

»Das sollen unsere intelligenten Eingeborenen sein?« fragte einer der Wissenschaftler zweifelnd.

Die Frage war durchaus berechtigt. Diese Kreaturen trugen keine Kleidung und hatten auch sonst nichts bei sich, um sich zu beschützen.

»Das glaube ich weniger«, erwiderte Dove. »Ich bezweifle, daß diese Wesen in der Lage sind, eine Ortschaft, wie wir sie geortet haben, zu errichten.«

Die Wissenschaftler kamen schließlich zu der Überzeugung, daß sich diese Eingeborenen auf einem vergleichbaren Entwicklungsstand wie der homo neandertalensis befanden.

Nun stand ihnen noch eine unangenehme Aufgabe bevor.

»Was machen wir mit Pete?« fragte Atta.

»Der wird ein ordentliches Begräbnis erhalten... das heißt, eben im Rahmen unserer Möglichkeiten.«

Einer der Männer mußte sich übergeben, als er Simmons Leichnam sah. Der Anblick war allerdings auch wirklich abscheulich: Das Blut klebte an seiner Haut, die Pfeile waren tief in ihn eingedrungen.

Sie trugen Simmons zu dritt auf eine Anhöhe und begruben ihn dort in aller Schnelle. Auf das Grab kam ein eilig gezimmertes Holzkreuz mit der simplen Aufschrift »Pete Simmons R.I.P.«

Für eine Bestattung in aller Ehre blieb keine Zeit; sie befanden sich in Dorgon und mußten Kontakt zu den Eingeborenen dieser Welt aufnehmen.

Sie hatten mittlerweile auch andere Sorgen. Hendrik Swahn war in der Nacht offensichtlich von einem Insekt gestochen worden. Die Auswirkungen waren beängstigend: Swahn hatte am ganzen Körper Schwellungen bekommen, die sich rasch in ein ungesund aussehendes Blau verfärbten. Swahn hatte hohes Fieber und konnte seine Bewegungen nur noch eingeschränkt koordinieren. Jennifer Taylor war ratlos. Sie besaß kein Gegenmittel und keine Behandlungsmethode.

»Auf der IVANHOE könnte ich das hier vielleicht behandeln«, meinte sie mit einem Blick auf Swahn. »Aber hier? Mitten im Dschungel?«

Lorif trat zu den beiden heran. »Wir haben einen transportablen Materietransmitter dabei. Wir können dich und Swahn jederzeit auf die IVANHOE bringen.«

Taylor nickte. »Das wäre vermutlich sinnvoll. Ich muß ein Gegenmittel entwickeln, und das kann ich nur mit den geeigneten Instrumenten.«

Lorif setzte also seinen gewaltigen Rucksack auf die Erde und begann damit, den Transmitter zusammenzubauen.

»Schicken Sie einen Ersatzarzt hierher«, befahl Dove.

»Oh, das wird nicht nötig sein«, sprach Lorif dazwischen, der akribisch die Einzelteile des Transmitters zusammenfügte, »Ich habe auch ein Arztprogramm in mir, kenne über 2 Millionen Krankheiten, Bakterien, Viren und ebensoviele Medikamente und Erste Hilfe Methoden.«

Dove blickte den Posbi entgeistert an und grinste verlegen.

»Wir nehmen besser den Ersatzarzt.«

»Wie unhöflich!« schnaubte Lorif beleidigt und machte sich wieder an die Arbeit.

Taylor nickte, bevor sie und Swahn in den Transmitterkäfig traten und Lorif sie auf die IVANHOE abstrahlte.

Die Männer setzten ihre Expedition fort...

Xavier Jeamour streichelte geistesabwesend seine fleischfressende Pflanze, die er an seiner Armlehne befestigt hatte.

Die Expedition auf Jungle verlief nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte. Eines seiner Besatzungsmitglieder war bereits ums Leben gekommen, und bei Hendrik Swahn sah es nicht gerade rosig aus. Die Symptome hatten sich in den letzten Stunden nicht gebessert. Jennifer Taylor arbeitete fieberhaft an einem Gegenmittel, sie war aber noch keinen Schritt vorwärts gekommen.

Jeamour spürte auf einmal einen abscheulichen Schmerz in seiner rechten Hand.

Sein Pflänzchen hatte seine geistige Abwesenheit genutzt, um seinen Zeigefinger etwas anzuätzen.

»Verdammt, hier läuft irgendwie alles falsch!« fluchte Jeamour.

In der Zwischenzeit tat sich auf Jungle allerdings etwas.

Die Expedition drang weiter in den Dschungel vor. Sie hatten nur eine vage Positionsbestimmung einer vermuteten Ortschaft vornehmen können.

Die Männer waren zermürbt von den stundenlangen Märschen, und nach den jüngsten Vorfällen war die Moral der Truppe in den Keller gefallen.

»Wäre das nicht einfacher gegangen?« wollte einer der Wissenschaftler von Dove wissen.

»Möglicherweise«, gab dieser zu. »Dazu wären aber möglicherweise wochenlange Untersuchungen notwendig gewesen, und Zeit ist das einzige, was wir nicht haben.«

»Aber du meinst, der Tod von Pete hätte verhindert werden können?«

»Simmons handelte völlig unverantwortlich. Seinen Tod hat er sich selbst zuzuschreiben.«

Unmittelbar hinter Dove sackte ein Mann in sich zusammen. Dove wußte auch ohne die Diagnose des Doktors, was die Ursache war.

Die Temperaturen waren mörderisch. Nach wie vor hatte es an die fünfzig Grad, und die Luftfeuchtigkeit tendierte auch gegen hundert Prozent.

»Kreislaufzusammenbruch«, diagnostizierte D'Haye, der Arzt, der als Ersatz für Jennifer Taylor auf Jungle gekommen war. »Wir sollten ihn auf die IVANHOE bringen.«

»Kommt nicht in Frage!« fauchte Dove. »Diese Männer wurden für diese Mission ausgewählt, weil sie auf ihren Gebieten die besten sind, die wir haben. Ich werde nicht zulassen, daß diese Truppe gesprengt wird. Verabreiche ihm ein paar kreislaufstabilisierende Mittel, und dann geht's weiter.«

D'Haye erledigte kopfschüttelnd die ihm aufgetragene Aufgabe. »Ich werde keine Verantwortung dafür übernehmen, was mit diesen Leuten passiert.«

Dove fuhr ärgerlich herum. »Es ist mir bewußt, daß diese Mission nicht ungefährlich ist.«

Die Männer schauten überrascht auf, als vor ihnen plötzlich ein eselsähnliches Wesen herumsprang. Attigra Atta wollte seinen Paralysator ziehen, aber Wallace, der neben ihm gestanden hatte, drückte die Waffe wieder nach unten.

»Schau ihn dir mal genau an. Das ist nicht so einer, wie wir ihn vorher gesehen haben.«

Die Kreatur, die vor ihnen stand, trug Kleidung, ein eindeutiger Beweis für seine Intelligenz.

Sie schaute die Männer an, drehte sich dann aprupt weg und rannte davon.

»Warte!« rief Dove hinterher. »Wir wollen dir nichts Böses tun!«

Die Kreatur hielt inne und schlich sich langsam wieder zu ihnen zurück.

»Ich werde versuchen, soviel wie möglich mit ihm zu reden, damit unsere Translatoren etwas haben, womit sie arbeiten können.« erklärte Dove dem Kommandanten der JAY JAY, Wallace.

Dove redete einige Minuten mit dem Wesen, bevor er ihm die ersten wiehernden Laute entlocken konnte. Nach etwa fünf Minuten waren die Universaltranslatoren in der Lage, erste einfache Sätze zu übersetzen.

»Wir kommen in Frieden«, versuchte es Dove mit einem einfachen Satz. Sein Gegenüber wieherte etwas, das die Translatoren mit »Frieden ist gut«, übersetzten.

»Ich bin Irwan Dove. Wie heißt du?« fragte Dove weiter.

»Ich Jak-Jik, du Dove. Du Dove, ich Jak-Jik!« kam die Antwort.

»Warum hattest du vorher solche Angst vor uns?«

»Ihr ausseht wie die von den Sternen kamen!« erwiderte Jak-Jik. Die modernen Translatoren waren inzwischen in der Lage, auch verschieden Emotionslagen nachzuahmen. Jak-Jik schien immer noch etwas mißtrauisch zu sein.

»Wie meinst du das? Wir kommen auch von den Sternen.«

Jak-Jik sprang erschrocken auf.

Dove war überrascht. Mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet.

»He, kein Grund, Angst zu haben«, versuchte er, Jak-Jik zu beruhigen. In ihm keimte ein Verdacht auf.

»Wie nennen sich denn die Fremden?«

»Sie nennen Dorgonen sich.«

»Verdammt, ich hätte es wissen müssen«, meinte Dove.

»Weshalb habt ihr vor den Dorgonen Angst? Was haben sie getan?«

»Sie kommen verlangen, daß wir ihnen Tribut zahlen.«

Im weiteren Verlauf des Gesprächs ergab sich, daß die Harriden, das Volk, dem Jak-Jik angehörte, Fischer und grundsätzlich sehr friedlich waren. Den Planeten nannten sie Harrisch. Die Eingeborenen, die die Expedition tags zuvor angegriffen hatten, gehörten dem Volk der Bahuta an, einem primitiven Zweig der Harriden, der jedoch evolutionär um Jahrtausende zurücklag. Die Bahuta waren ein Volk von Jägern, seit sie von den Harriden Pfeil und Bogen erbeuten konnten und übernahmen.

Jak-Jik glaubte mittlerweile, daß die Männer keine Dorgonen waren.

Der Universaltranslator übersetzte auch nach Stunden noch sehr schleppend. Die Männer hatten sich inzwischen hingesetzt und eine Essenspause eingelegt.

Dove erhob sich schließlich und ging zu seiner Truppe hinüber.

»Er hat sich bereit erklärt, uns in die Hauptstadt dieser Welt zu führen.«

»Das wird auch langsam Zeit«, meinte Magruder.

Sie machten sich auf den Weg...

5. Bericht Calvin Magruder

Die Hauptstadt der Harriden, Yak-Cha, war ein mittelgroßes, am Meer gelegenes Fischerdorf mit knapp 7000 Einwohnern. Das Dorf war zum Land hin von hohen Palisadenzäunen umgeben. Jak-Jik mußte den anderen Harriden im Dorf erst einmal die Situation erklären, die hätten uns sonst nämlich gar nicht reingelassen. Naja, jedenfalls wurden wir dann doch recht herzlich empfangen. Das Oberhaupt der Harriden trug die Bezeichnung »Häuptling«, was noch einiges über die Struktur dieses Volkes aussagte. Häuptling Hak-Yak sagte etwas von »Wer Freunde hat, hat einen Grund zu feiern«, und ordnete ein Festbankett an. Wir bekamen allerlei uns unbekannte Speisen vorgesetzt, in der Hauptsache einheimische Wassertiere. Besonders beliebt war offenbar eine Art ungefährliche Wasserschlange, etwa achtzig Zentimeter lang, die bei lebendigem Leib verspeist werden mußte. Hoch im Kurs stand auch ein vierbeiniges Landtier, das – wie uns der Häuptling stolz erklärte – jahrelang in den eigenen Fäkalien gelagert worden war und dadurch sein einzigartiges Aroma voll entfalten hatte können. Bei dieser Spezialität wollte ich zunächst dankend ablehnen, ein bitterböser Blick von Irwan Dove signalisierte mir jedoch, daß ich diese Speise gefälligst zu kosten und zu mögen hätte.

Ich saß während des Festgelages unmittelbar neben Irwan Dove und Hak-Yak, und wurde somit Zeuge einer interessanten Unterhaltung. »Hak-Yak, ich würde gerne mehr über die Dorgonen erfahren. Was gibt es über sie zu wissen?«

»Die Dorgonen berauben uns unseres Hab und Guts. Sie kommen in Vögeln von den Sternen herabgeflogen und fordern Steuern für das große Imperium.«

»Die Adlerschiffe«, flüsterte mir Dove zu. Ich nickte stumm.

»Vor zwei Monden waren sie das letzte Mal hier, und ich weiß nicht, was ich ihnen geben soll, wenn sie wiederkommen«, fuhr Hak-Yak fort. »Wir sind ein redlich arbeitendes Volk, aber wir sind arm, seit die Dorgonen kommen. Sie verlangen jedes Mal mehr, und bald kann ich mein Volk nicht mehr ernähren«, meinte er kummervoll.

»Und was geschieht, wenn ihr euch weigert, den Tribut zu zahlen?« hakte Dove nach.

»Das haben nur unsere Väter ein einziges Mal versucht«, sagte Hak-Yak düster. »Die Vögel kamen vom Himmel, spuckten Feuer und brachten Tod.«

Ich schluckte. Das dorgonische Imperium schien absolut rigoros vorzugehen. Aber eigentlich hatte ich nach dem Geschehen um die MORDRED auch nichts anderes erwartet.

Die Dämmerung brach über das Dorf und den Festplatz in der Nähe des Hafens herein. Die Harriden zündeten ein gewaltiges Feuer und tanzten ausgelassen um es herum.

Nur Hak-Yak war auf seinem Platz sitzengeblieben und schaute traurig zu. Ich gesellte mich zu ihm.

»Was hast du?« wollte ich wissen.

»Sie sollen feiern, solange sie noch können«, erwiderte er.

»Ich verstehe nicht ganz?!«

Der Häuptling ließ ein Geräusch von sich, das ich als Seufzen interpretierte.

»Irgendwann werden die Dorgonen wiederkommen. Und ich kann und will ihnen dieses Mal nichts geben, so wahr Harrisch rund ist!«

Ich hielt verblüfft inne.

»Ihr wißt, daß Harrisch rund ist?«

»Das wissen selbst die Bahuta. So dumm, auf die Idee zu kommen, Harrisch sei flach, kann ja wohl niemand sein!« meinte Hak-Yak lachend.

»Naja...« murmelte ich und dachte daran, daß die Menschheit Jahrtausende eben das geglaubt hatte.

Das Gelage näherte sich seinem Ende.

Uns wurden einige Familien zugewiesen, die uns bei sich aufnahmen. Überhaupt waren die Harriden äußerst gastfreundlich, wenn man bedachte, daß sie uns erst wenige Stunden kannten.

Bei »meiner« Hütte angekommen, ließ ich mich sogleich in meine Schlafstatt fallen.

Dabei handelte es sich um eine Liege, die allerdings mit leichtem Gefälle Richtung Füße an der Wand befestigt war.

Die Oberfläche bestand aus Holz, so etwas wie eine Matratze gab es nicht. Obwohl ich diese Liege als etwas unangenehm empfand, wurde ich aufgrund der Strapazen der vergangenen Tage bald vom Schlaf übermannt.

Der Kommandant der IVANHOE lief, an seinem Zeigefinger saugend, durch sie Gänge seines Schiffes. Es hatte ihn seelisch stark berührt, daß ihn sein Pflänzchen angeknabbert hatte.

Habe ich bei der Erziehung etwas falsch gemacht? fragte er sich.

In Gedanken versunken betrat er das Lazarett der IVANHOE. Dabei wäre er fast über einige technische Gerätschaften gestolpert, die offenbar zur Analyse des Blutes von Hendrik Swahn dienten.

Jennifer Taylor blickte überrascht von ihren Blutproben auf. »Was gibt's neues?« erkundigte sich Jeamour, während er sich verblüfft umsah. Taylor hatte einige Tonnen an Maschinen herangeschafft. Hendrik Swahn konnte er nicht richtig sehen, da er sich unter einem isolierten Schutzfeld befand.

»Nun, ich bin dem Gift auf der Spur. Ich bin relativ zuversichtlich, in den nächsten Stunden ein Gegenmittel herstellen zu können.«

Jeamour nickte zufrieden. »Warum hast du dieses Schutzfeld aktiviert? Besteht unmittelbare Ansteckungsgefahr?«

»Nun, nicht ganz.« Sie hielt inne.

Jeamour starrte sie fragend an.

»In der Zwischenzeit sind die Schwellungen an Swahns Körper wieder etwas abgeklungen.« fuhr Taylor fort. »Nur hat sich bedauerlicherweise ein andere Auswirkung dieses Insektenstiches bemerksam gemacht.«

Jeamour starrte sie fast panisch an. Er wollte Swahn nicht verlieren, er war einer seiner besten Männer.

»Es ist so...«, sagte sie weiter, »Swahn hat...«

»Was hat er?«

»Nun, er hat Blähungen. Ich konnte es nicht mehr aushalten.«

Jeamour mußte sich abstützen, um nicht umzukippen.

»Das darf doch alles nicht wahr sein!« ächzte er ermattet. »Was habe ich mir nur dabei gedacht, als ich mich hierher versetzen ließ...«

Just in diesem Moment ertönte ein durchdringendes Piepsen. »Orter an Kommandant.«

»Hier Jeamour, ich höre?«

»Du solltest vielleicht besser in die Kommandozentrale kommen.«

»Ich bin auf dem Weg«, bestätigte Jeamour.

Er spürte, daß sich irgendein Unheil anbahnte...

Die Haare der Männer flatterten im Wind, und eine steife Brise schlug ihnen ins Gesicht. Irwan Dove rang sich mühsam ein Lächeln ab, obwohl er fröstelte.

Gemäß harridischem Brauch waren sie in aller Frühe zum Fischen aufgebrochen. Dabei hatten sie weitere interessante Informationen über Dorgon erhalten.

Dorgon war offenbar eine Art Kaiserreich, jedenfalls übersetzte der Translator den genannten Begriff so. Das gewaltige dorgonische Imperium war in Protektorate eingeteilt, gewissermaßen Verwaltungsgebiete. Das ganze System erinnerte Dove an das alte Rom mit dessen Provinzen.

Dove kam nicht dazu, seine Gedanken weiter zu vertiefen. Sein Funkgerät meldete sich.

»Hier Dove, was gibt's denn so Dringendes?«

Dove konnte hören, wie sich Jeamour räusperte.

»Hier Jeamour. Irwan, ehrm... da ist was im Anflug.«

»Ich verstehe nicht ganz...«

»Es ist ziemlich einfach. Wir haben ein Adlerschiff geortet, das sich Jungle, beziehungsweise Harrisch, sehr schnell nähert.«

»Oh nein...« seufzte Dove und schaute sich um. Die Harriden waren allesamt glücklich und schienen sich ihres Lebens zu freuen. Noch, fügte er in Gedanken hinzu.

»Wird die IVANHOE irgendetwas unternehmen?«

»Negativ, Irwan«, stellte der Kommandant fest. »Wir können keinen offenen Kampf mit den Dingern riskieren.«

Dove seufzte abermals.

»Wir glauben aber, daß ihr keinen Angriff auf euch zu befürchten habt, sondern vielmehr nur einen Angriff auf die Harriden.«

Was heißt hier »nur«? dachte Dove. Wieso sollten die Harriden weniger wert sein als wir?

»Ich habe verstanden. Dove Ende.«

Resigniert klappte er seinen Kommunikator zusammen. Er ging nicht auf die fragenden Mienen der restlichen Expeditonsmitglieder ein, sondern wandte sich direkt an Wallace.

»Wir müssen sofort zurück nach Yak-Cha«, erklärte er.

»Weshalb? Das rituelle Morgenfischen ist noch nicht abgeschlossen«, fragte der Kapitän der JAY JAY verwundert.

Dove blickte ihm tief in die Augen. Er sah Sicherheit in ihnen. Noch, dachte er ein zweites Mal.

»Die Dorgonen kommen«, sagte er kühl.

Die Sicherheit in den Augen Wallace verwandelte sich binnen Sekunden in Beunruhigung. Mathew gab dem harridischen Kapitän ein Zeichen. Er sprang auf seinen Steuermann zu, schubste ihn vom Steuerrad weg und wendete das Schiff höchstpersönlich.

Dove blickte sorgenerfüllt gen Himmel. Er hoffte, daß die Dorgonen nur kamen, um eine Art routinemäßigen Kontrollflug zu unternehmen.

Du machst dir was vor, erkannte er. Sie kommen, um ihre Steuern einzutreiben.

Das Schiff schoß über die Wasseroberfläche hinweg. Eigentlich war es erstaunlich, wie sehr dieses Schiff an die Segelschiffe der frühen terranischen Zivilisationsgeschichte erinnerte.

Sie näherten sich langsam dem Hafen von Yak-Cha. Inzwischen hatte sich die böse Kunde auf dem Schiff verbreitet, und alle Harriden schienen in heller Aufregung zu sein. Sie diskutierten heftig miteinander, manch einer schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schien über die Ungerechtigkeit der Welt zu klagen.

Dove wandte sich an Wallace. »Ich denke, wir sollten uns zu Beginn diskret im Hintergrund halten. Die Dorgonen müssen nicht unbedingt wissen, daß wir hier sind.«

»Ich stimme zu«, antwortete Wallace. »Was tun wir aber, falls die Situation eskaliert?«

»Ich hoffe, daß es dazu nicht kommt«, entgegnete Dove.

»Was, wenn doch?«

»Dann helfe ihnen Gott...« murmelte Dove düster.

Das Schiff hatte mittlerweile den Hafen erreicht. Kaum daß der Anker ausgeworfen war, eilte Dove vom Schiff, um dem Häuptling der Harriden von der Ankunft der Dorgonen zu berichten.

»Hak-Yak«, begann er, als er bei dessen Sänfte angekommen war. »Die Dorgonen kommen!«

Aber Hak-Yak saß apathisch in seiner Sänfte und deutete nach oben.

Dove folgte langsam seinem Blick.

Schließlich konnte er sehen, was der Häuptling gemeint hatte.

Die Sonne hatte sich verfinstert, denn ein gewaltiger Vogel hatte sich vor sie geschoben – das Adlerschiff.

»Großer Gott!« keuchte Dove.

Dieser »Vogel« hatte die gewaltigen Ausmaße von 800 Metern Länge, 320 Metern Breite und 210 Metern Höhe.

Imposant kreiste das Schiff über der harridischen Hauptstadt. Nach knapp einer Minute ging es etwa fünf Kilometer von Yak-Cha entfernt nieder. Dove konnte beobachten, wie gewaltige Krallen ausgefahren wurden, die wohl als Landestützen dienten.

Kurze Zeit später öffnete sich der Rumpf des Schiffes und einige hundert Dorgonen verließen es in drei Reihen mit jeweils zehn Soldaten über eine Rampe. Auf dem Boden stiegen sie in einige soeben ausgeschleuste Beiboote und machten sich auf den Weg nach Yak-Cha. Ihnen folgten Panzer. Ein gewaltiges Aufgebot. Die Truppen marschierten über ein Feld auf Yak-Cha zu. Sie trugen goldbraune Rüstungen und rote Umhänge. Auch ihre Helme, wie der Brustpanzer mit einem eingravierten Adler, waren goldfarben und mit einem roten Sichelkamm aus Borsten in der Mitte geziert. Als Waffen trugen sie Energiespeere, Energieschwerter und schwere Thermogewehre mit sich.

»Diese Kerle scheinen sich ihrer Sache ja ziemlich sicher zu sein«, meinte Wallace mit einem Blick auf die dorgonischen Truppen.

»Von den Harriden haben sie auch nicht sonderlich viel Widerstand zu erwarten«, gab Dove zu bedenken.

Tausende von Harriden hatten sich am Eingangstor der Stadt versammelt und erwarteten das Eintreffen der Dorgonen.

»Ich würde vorschlagen, wir ziehen uns zurück«, äußerte sich Wallace.

»Stimmt, die Dorgonen werden demnächst eintreffen«, pflichtete ihm Dove bei und bedeutete den anderen Männern, ihm zu folgen.

Die Expeditionsmitglieder verbargen sich hinter einer Mauer und beobachteten von dort aus das Geschehen.

Etwa eine halbe Stunde nach der Landung des Schiffes erreichten die dorgonischen Truppen das Dorf.

Anstatt anzuklopfen, feuerte einer der Dorgonen einen Schuß auf das Tor des Dorfes ab, welches in hunderte Teile zerbarst. Hindurch trat an der Spitze ein Dorgone mit wehendem Umhang und einem roten Gewand, über das quer ein goldenes Band verlief.

Zehn Männer traten vor und schmetterten eine Fanfare. Dann kam der Dorgone hervor und begann zu sprechen.

»Ich bin der Zenturio Carcus, und ich bin gekommen, um einen Tribut für das Große Imperium einzufordern. Diesmal werdet ihr die doppelte Menge bezahlen, weil die Qualität der Fische beim letzten Mal nicht zufriedenstellend war.«

Hak-Yak, der sich bereits aus seiner Sänfte erhoben hatte, ging mit gesenktem Haupt auf Carcus zu und fiel vor ihm auf die Knie.

»Ehrwürdiger Zenturio, vergebt mir, aber wir können euch nichts geben! Wir sind ein armes Volk und müßten sonst hungern. Bitte zeigt uns gegenüber, einem treuen Diener des Großen Imperiums, Gnade!«

Die Antwort des Zenturios bestand darin, daß er Hak-Yak ins Gesicht trat und über ihn hinwegstieg.

»Eure Loyalität könnt ihr unter Beweis stellen, indem die Steuern pünktlich gezahlt werden! Sollte dieses erbärmliche Volk nicht dazu in der Lage sein, werden wir um eine Bestrafung nicht herumkommen. Nun, Häuptling?«

Hak-Yak kroch vor dem Zenturio und hob bittend die Hände.

»Wir haben nichts. Sieh unsere kleinen Kinder. Sollen sie verhungern? Wenn ihr uns unser Brot nehmt, wird mein Volk sterben.«

Carcus spuckte dem Häuptling der Harriden ins Gesicht und gab seinen Truppen ein Zeichen.

Unter den Harriden brach die blanke Panik aus. Sie stoben nach allen Richtungen auseinander, aber die Dorgonen feuerten blind in die Menge. Die ersten Harriden fielen tot zu Boden, andere blieben verletzt liegen.

»Das werdet ihr auch so, primitive Bauern!« sprach Carcus abfällig und nahm sein Energieschwert. Der Häuptling stand auf und bettelte, mit dem Morden aufzuhören.

Carcus teilte ihm seine Entscheidung mit, indem er den Harriden mit dem Schwert durchbohrte. Entsetzt blickte Hak-Yak den Dorgonen an, sank auf die Knie und sackte leblos zusammen. Auf Carcus Lippen war eine Andeutung von einem Lächeln zu sehen. Er schwang seinen Umhang nach hinten und befahl den Soldaten alles brauchbare mitzunehmen, dann bestieg er seinen Gleiter und fuhr zum Hauptschiff zurück.

Irwan Dove handelte blitzschnell. Er aktivierte sein Funkgerät und nahm Kontakt mit der JAY JAY auf.

»Dove ruft JAY JAY, Dove ruft JAY JAY

»Hier Tim Beranoh, JAY JAY. Was gibt's?«

»Kommt sofort hierher, die Situation eskaliert.«

»Habe verstanden, wir sind auf dem Weg.«

Dove und Wallace hatten immer noch nicht entschieden, ob ein Eingreifen sinnvoll war.

Die Dorgonen steckten mittlerweile die Häuser der Stadt in Brand. Yak-Cha verwandelte sich binnen Minuten in ein flammendes Inferno.

Überall lagen die verkohlten Leichen der Harriden. Ständig ertönten verzweifelte Schreie. Wer nicht tot war, wurde von den dorgonischen Truppen verschleppt.

Dove mußte mitansehen, wie eine harridische Frau und ihr Kind, das sie auf dem Arm getragen hatte, von einem Thermostrahlschuß getroffen wurde. Sie fiel schreiend auf den Boden, ihre linke Gesichtshälfte war versengt; ihr Kind wurde tödlich getroffen.

Schreiend und kreischend wurde sie von dorgonischen Truppen weggetragen.

Lorif tippte Dove auf die Schulter.

»Das Vorgehen der Dorgonen ist nicht logisch.«

Dove stieß ein verächtliches Lachen aus.

»Wer sagt denn, daß Dorgonen logisch vorgehen?«

Yak-Cha war nunmehr nur noch ein Flammenmeer. Das Feuer fraß sich durch das gesamte Dorf, die meisten Häuser waren bis auf die Stützbalken abgebrannt. Die Dorgonen hatten bereits mehrere tausend Harriden abtransportiert.

»Irwan, sollten wir nicht eingreifen?« fragte Wallace.

»Nein.«

»Aber...«

»Ich sagte nein! Wir sollten uns nicht unbedingt in Kampfhandlungen verwickeln lassen.«

»Irwan!« rief Wallace entrüstet. »Wir dürfen nicht einfach tatenlos zusehen!«

Dove sah ein, daß Wallace recht hatte.

Er befahl den anderen, sich zu den mit der Space Jet vereinbarten Koordinaten zu begeben.

»Können wir nicht einfach alle auf die IVANHOE bringen? Wir haben doch den Transmitter«, erinnerte Magruder.

»Lieber nicht. Wir haben bloß fünf Stück von diesen tragbaren Transmittern an Bord. Außerdem haben wir hier und jetzt keine Zeit, das Ding aufzubauen, dauert vermutlich mindestens fünf Minuten.«

Er sah Mathew bedeutungsschwer an.

»Dann wollen wir mal...«

Dove zog seinen Desintegrator und schaute nach vorne.

Zwanzig Meter ohne Deckung. Das konnte eng werden.

Dove rannte los. Er hechtete sich vorwärts, mitten ins Schlachtengetümmel. Noch im Flug schoß er auf einen dorgonische Soldaten, der sich sofort in seine atomaren Bestandteile auflöste.

Er rollte sich über die Schultern ab, robbte am Boden entlang und zielte auf einen weiteren Dorgonen.

Ein Strahlschuß fegte über seinen Kopf hinweg und schlug direkt neben ihm ein. Dove wurde zur Seite geschleudert, konnte den Sturz jedoch abfangen und kroch weiter. Abermals hatte er den Dorgonen im Visier und drückte ab. Bevor dieser merkte, wie ihm geschah, existierte er schon nicht mehr.

Er rannte gebückt weiter und rettete sich mit einem für seine Statur beeindruckenden Salto in die nächste Deckung.

Wallace hatte sich derweil eine andere Strategie zurechtgelegt. Er schuf mithilfe seines Desintegrators eine Lücke in der Mauer, hinter der er sich immer noch befand.

Auf diese Weise hatte er einen guten Ausblick auf das »Schlachtfeld« – von einer Schlacht konnte kaum die Rede sein, da die Harriden sich kaum wehren konnten.

Daher gelang es ihm, einige Dorgonen zu desintegrieren. Da er seine Position jedoch nicht veränderte, gelang es einigen Dorgonen schließlich, seinen Standpunkt herauszufinden.

Bevor sich die Mauer also in einer gewaltigen Detonation verabschiedete, warf er seinen Paralysator mit maximaler Fächerung einige Meter vor sich hin.

Die Stärke des Paralysators würde vermutlich nicht ausreichen, um auch nur einen Dorgonen länger als fünf Sekunden zu lähmen, aber eben diese fünf Sekunden mußte er nutzen.

Er rannte los, mit seinem Desintegrator um sich feuernd, und kam schließlich unversehrt zu Dove in die Deckung.

»Das sind einfach zuviele. Wir müssen die Aktion abbrechen«, erkannte Dove.

»Ja, das stimmt. Ich schlage vor, wir versuchen, zur Space Jet durchzukommen.«

Die JAY JAY war unterdessen etwa einen Kilometer vom Dorf entfernt gelandet. Vermutlich waren die anderen Männer, einschließlich Lorif, bereits an selbiger angekommen.

Irwan Dove starrte traurig auf die lodernden Häuser. Tausende Existenzen – einfach vernichtet...

»Wir sollten diesen Weg entlang gehen«, meinte Wallace und zeigte auf eine unbelebte Seitenstraße des Dorfes.

»Einverstanden«, erwiderte Dove.

Sie rannten die Straße hinunter. Hinter ihnen konnte man weiterhin das Blasterfeuer der Dorgonen hören.

Hätten wir das nicht verhindern können?

Dove schüttelte den Gedanken ab. Niemand hatte das Kommen der Dorgonen vorhersehen können. Wenn die IVANHOE dem Adlerschiff entgegengetreten wäre, hätte es vermutlich ein Desaster gegeben. Die Erinnerungen an die Vorfälle nach dem Zusammenbruch der MORDRED waren noch frisch.

Sie befanden sich in einer Randzone der Stadt, in der die Truppen der Dorgonen nicht so gewütet hatten. Dennoch hatte das Feuer auch auf die dort befindlichen Häuser beziehungsweise Hütten der Harriden übergegriffen.

Wallace blieb auf einmal aprupt stehen. Dove sah auch sofort den Grund.

Wenige Meter vor ihnen war nämlich offenbar ein Holzstapel in Brand geraten. Die Flammen züngelten meterhoch in den Himmel.

Sie bogen daher nach rechts ab. In dieser Nebenstraße kamen ihnen einige Dorgonen entgegen, die Wallace jedoch mit einigen Schüssen aus seinem Desintegrator liquidierte.

Langsam näherten sie sich der Stadtgrenze. Die Schüsse kamen nur noch vereinzelt aus der Stadt, was darauf schließen ließ, daß sich die Bestrafungsaktion der Dorgonen dem Ende zuneigte.

Dove hegte den Verdacht, daß diese Aktion auch im Sadismus des Zenturios begründet lag. Er sah nämlich keinen großen Sinn in der Maßnahme Carcus.

Hat das dorgonische Imperium tatsächlich nötig, sich mit solchen Handlungen Respekt zu verschaffen?

Wallace schoß ein Loch um den Zaun, der Yak-Cha umgab, und sie kletterten hindurch.

Sie hatten die Rechnung allerdings ohne den Wirt gemacht. Unmittelbar hinter der Stadtmauer befanden sich einige Dorgonen, die eines der kleinen Beiboote bewachten.

Einer von ihnen schrie etwas, und die anderen drehten sich sofort zu Wallace und Dove hin.

Wallace seufzte.

»Irwan, jetzt müssen wir nur eines. Verteufelt schnell sein.«

Die beiden sprinteten los, aber die JAY JAY war immer noch knapp einen Kilometer entfernt.

Immer wieder änderten sie kurz ihre Richtung, um nicht von den heranpfeifenden Strahlschüssen erwischt zu werden. 1000 endlos lange Meter...

Irwan und Mathew scheinen Probleme zu haben!« rief Orter Tim Beranoh alarmiert.

Cerak Atz, seines Zeichens Feuerleitkommandant, der während der Abwesenheit von Hendrik Swahn und Mathew Wallace das Kommando an Bord der JAY JAY übernommen hatte, genügte ein Blick aus dem Fenster, um festzustellen, daß Beranoh recht hatte. Dove und Wallace rannten querfeldein auf die Space Jet zu. Atz sah, wie die Dorgonen, die die beiden zunächst verfolgt hatten, zu einem Beiboot rannten, wohl, um sie so rechtzeitig einzuholen.

»Wir müssen ihnen irgendwie helfen«, bemerkte Atz. »Sie sind noch knapp 700 Meter von uns entfernt. Das schaffen sie nie rechtzeitig.«

In der Space Jet, die voll besetzt mit den Expeditionsmitgliedern war, drängten sich die Leute an den Fenstern, um zu sehen, was los war.

»Aber wir können sie doch nicht einfach im Flug aufnehmen«, warf Beranoh ein.

Atz kratzte sich am Kinn.

»Wieso eigentlich nicht?«

Beranoh starrte ihn entgeistert an, wagte aber nicht, zu protestieren.

»Friedek«, sagte Atz zum Piloten der JAY JAY gewandt, »bitte bringe die Space Jet auf 100 km/h... und zwar jetzt!«

Friedek drückte einen Knopf, und die Space Jet raste knapp zehn Meter über der Oberfläche Harrischs hinweg.

Der Plan, den Atz gefaßt hatte, war äußerst riskant. Er wollte die Männer im Flug aufnehmen. Das Manöver an sich war schon höllisch gefährlich, aber da ihnen ja auch noch das dorgonische Schiff entgegenkam, hatten sie nur diesen einen Versuch.

Cerak Atz drückte eine Taste, um den Sprechfunk zu aktivieren.

»JAY JAY ruft Dove, JAY JAY ruft Dove. Ihr müßt euch an den Seilen festhalten, die ihr gleich sehen werdet.«

Er hatte keine Zeit, ihnen genauere Instruktionen zu geben, denn jetzt mußte alles sehr schnell gehen.

Atz öffnete die Rumpfklappe der JAY JAY. Sie glitt nach hinten, so daß es möglich war, senkrecht ein Seil hinabzulassen.

Genau das tat er.

Bereits die ersten Panzer waren hinter Dove und Wallace zu erkennen, die um ihr Leben rannten. Die Gleiter sausten knapp 200 Meter hinter ihnen und holten jede Sekunde die beiden Galaktiker Meter um Meter ein. Die Panzer begannen mit dem Beschuß. Die Salven schlugen nur knapp neben dem Terraner und dem Oxtorner ein, die jedoch unbeirrt versuchten einen neuen Rekord im Sprinten aufzustellen.

»Noch 150 Meter!« meldete Friedek.

»Verdammt, du mußt tiefer gehen, hörst du, tiefer!« schrie irgendjemand.

Das entsprach den Tatsachen, denn das Schiff der Dorgonen war ebenfalls gestartet und hielt frontal auf sie zu.

Friedek konnte durch die Luke sehen, daß das Schiff nur noch fünf Meter über dem Boden flog.

»Tiefer, immer noch tiefer!«

Drei Meter betrug der Abstand zum Boden nur noch.

»30, 20, 10...«

Sie flogen nun direkt über Dove und Wallace hinweg. Gleichzeitig rasierten sie beinahe den Rumpf des dorgonischen Schiffes ab.

»Sie haben's geschafft!« schrie jemand erleichtert.

Dove und Wallace hingen tatsächlich unterhalb der JAY JAY in den Seilen.

Während Friedek die Space Jet auf eine gewisse Höhe brachte, zogen einige Männer die beiden herauf.

»Na, mal wieder ein bißchen Action, wie?« lachte Atz und klopfte seinem Kommandanten auf die Schulter, der völlig außer Atem und leicht verwirrt seinen Freund ansah. Wallace quälte sich ein müdes Lächeln auf die Lippen und suchte dann erst einmal einen Platz zum Ausruhen.

»Oh, oh...« rief Friedek. »Ich fürchte, die Action kommt erst noch. Dieses Schiff... es verfolgt uns.«

»Paratron aktivieren!« schrie Dove und übernahm seinen Kommandosessel wieder, sehr zur Verwunderung von Mathew Wallace.

»Sorry, aber das ist mein Platz«, meinte er noch relativ friedlich und deutete auf den Sessel, der sowieso nicht für einen Oxtorner sonderlich bequem war.

»Wir haben jetzt keine Zeit für irgendwelche Kompetenzdiskussionen«, antwortete der große haarlose Mensch barsch.

»Das meine ich auch, deshalb runter von meinem Platz!«

Dove blickte Wallace wütend an und schoß aus dem Sitz hoch. Beide sahen sich für ein paar Sekunden tief in die Augen. Dove machte den Eindruck, als wollte er am liebsten auf den widerspenstigen Terraner losgehen. Wallace stand völlig ruhig und gelassen vor dem Oxtorner, der fast doppelt so breit war, wie der Schotte selbst. Dove schnaubte heftig und ballte die Fäuste, dann hielt er inne und blickte auf das verfolgende Schiff. Er atmete tief durch und machte dem Kommandanten der JAY JAY Platz.

Wallace schwang sich auf seinen Platz. Schon schlugen die ersten Treffer ein. Obwohl Friedek ein exzellenter Pilot war, gelang es ihm nicht immer, den Schüssen auszuweichen.

Wallace übernahm nun die Steuerung der Space-Jet und konnte den Energiesalven des dorgonischen Schiffes noch geschickt ausweichen, doch die Fächerung wurde immer größer.

»Das sieht überhaupt nicht gut aus...« bemerkte Magruder.

Und er hatte recht. Die Dorgonen waren einfach besser bewaffnet. Zwar hatten sie nicht dieselbe »Wunderwaffe« wie die Adlerschiffe an Bord, aber sie hatten dennoch äußerst effektive Waffen.

Bei allen Manövern, die Wallace auch flog, lange konnte der Paratronschirm die JAY JAY nicht mehr schützen...

Es kann nicht mehr lange dauern, mein Kommandant.«

Der Kanonier des dorgonischen Beibootes war recht zuversichtlich.

»Diese... was auch immer es sein mögen... sie haben zwar einen recht guten Piloten, aber in etwa zwei Minuten sind sie fällig.«

Gasus Sextus, der Kommandant des Beibootes, nickte zufrieden. Der Zenturio würde ihn bestimmt belohnen, wenn er diese Eindringlinge eliminierte.

Die JAY JAY flog eine Schraube und tauchte in den Wald hinab. Das dorgonische Schiff klebte jedoch an ihnen wie eine Klette.

Nach einer Linkskurve konnte der Kanonier einen neuen, schweren Treffer landen.

»Sie schmieren ab!« rief er verzückt.

Die Space Jet verlor rasch an Höhe, streifte die Bäume und explodierte.

Das Raumschiff IVANHOE hatte eine seiner Spacejets verloren...

Xavier Jeamour empfing seine Besatzungsmitglieder, wie sie rasch nacheinander aus dem Transmitterkäfig traten.

»Willkommen daheim!«

»Danke«, erwiderte Dove, als er an der Reihe war.

»Wir hatten Glück, daß es Lorif rechtzeitig gelang, den Transmitter aufzubauen.

Ich übernehme die volle Verantwortung für den Verlust der Space Jet. Rückblickend habe ich die falsche Entscheidung getroffen.«

»Nein, es war meine Schuld! Ich war der Kommandant der JAY JAY und habe sie verloren, Dove trifft keinerlei Schuld«, wandte Mathew Wallace ein und war bereit seine Konsequenzen zu ziehen.

»Nein, ich war der Leiter der Mission und übernehme deshalb die Verantwortung!« beharrte der Oxtorner auf seinem Standpunkt. Wallac sah ihn wütend an.

»Ach ja? Wer hatte den vorhin gesagt, wir haben keine Zeit für Kompetenzscheiße?«

»Ich sagte, keine Zeit für Kompetenzdiskussionen. Das ist ganz was anderes!«

Jamour schüttelte nur den Kopf und verdrehte die Augen. Ein Räuspern des Kommandanten brachte die beiden Streithähne zum Schweigen.

Schuldbewußt stierten beide auf den Boden.

»Küßt meine Füße«, befahl Jeamour.

»Bitte?«

»Was wollt ihr eigentlich? Dove, geh zurück auf deine Station und Wallace sucht sich eine neue Space-Jet aus! Ihr könnt froh sein, daß ihr mit heiler Haut da herausgekommen seid und das habt ihr euch selbst zu verdanken also hört auf mit der naiven Streiterei!«

»Äh ja, danke.«

Breit grinsend verließen Mathew Wallace und Irwan Dove den Transmitterraum.

Das wäre also erledigt, dachte Jeamour. Bleibt nur noch eines...

Er machte sich auf den Weg ins Lazarett, in dem sich nach wie vor Hendrik Swahn befand.

Jennifer Taylor konnte er nirgends entdecken, also sprach er gleich mit Swahn selber.

»Na, Hendrik, wie fühlst du dich?«

»Gut, danke. Die Beulen sind verschwunden, seit mir Jennifer dieses Mittel gegeben hat. Aber ich würde mich besser fühlen, wenn ich mich frei bewegen könnte. Kannst du bitte dieses Kraftfeld deaktivieren?«

Jeamour nickte und drückte auf den Knopf, der diese Funktion erfüllte. Im selben Moment betrat Jennifer Taylor den Raum und rief entsetzt aus: »Xavier, wie kannst du nur?!«

Dieser merkte einige Sekunden, von Gasen umnebelt, was sie gemeint hatte...

ENDE

Das erste Aufeinandertreffen zwischen Dorgonen und Galaktikern wäre beinahe in einem Massaker geendet, doch dank Mathew Wallace, Irwan Dove und dem Posbi Lorif konnten sich die Galaktiker retten.

Wie es in der Galaxis M 100 weitergeht, schildert Ralf König in Heft 14 mit dem Titel

Protektorat Harrisch

DORGON Kommentar
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So, nun hat also der erste Kontakt zu den Dorgonen stattgefunden, wobei diese ja alles andere als bemüht waren, einen guten Eindruck zu hinterlassen.

»Das Vorgehen der Dorgonen ist nicht logisch«

Mit dieser Aussage trifft der Posbi Lorif genau meine Gedanken – was die Dorgonen dort veranstalten ergibt schlicht und ergreifend keinen Sinn!

Sie verlangen von den Eingeborenen mehr als diese überhaupt produzieren können und verhängen drakonische Strafen, falls sie ihre überhöhten Steuern nicht in voller Höhe ausgezahlt bekommen. Auf diese Art und Weise verurteilen sie praktisch jedes Volk zum Tode – entweder es stirbt, weil es von ihnen seiner Existenzgrundlage beraubt wurde, oder es wird von den dorgonischen »Steuereintreibern« vernichtet.

Falls sie auf jeder Welt ihres Protektorats so vorgehen – was ich für relativ wahrscheinlich halte – wird von ihrem glorreichen Imperium sehr bald nichts mehr übrigbleiben. Mir drängt sich der Vergleich mit einem Virus auf, das seinen Wirtskörper so sehr beansprucht, daß dieser am Ende stirbt – und das Virus mit ihm!

»Hat das dorgonische Imperium tatsächlich nötig, sich mit solchen Handlungen Respekt zu verschaffen?«

Auf der anderen Seite kann man aus diesem Verhalten auch Rückschlüsse auf das Wesen der Dorgonen und ihres Imperiums ziehen.

Die Herrschaft der Dorgonen scheint eine Gewaltherrschaft zu sein – wer sich auflehnt, wird vernichtet. Dies läßt auf eine dem Rest der Galaxis überlegene Technologie schließen. Dafür spricht auch die Tatsache, daß die Dorgonen selbst die technologisch fortgeschrittenen Cameloter als primitive Barbaren betrachten.

Allerdings kommt Hochmut bekanntlich vor dem Fall – ich kann mir durchaus vorstellen, daß die Überheblichkeit der Dorgonen und ihr Vertrauen in ihre überlegene Technologie eines Tages der Schlüssel zu ihrem Untergang sein werden...

Vielleicht mache ich aber auch gerade den verbreiteten Fehler, zu sehr von einem Individuum – nämlich dem Steuereintreiber Carcus – auf den Rest des Volkes Dorgon zu schließen, und es handelte sich bei der unnötigen Brutalität dieser Aktion tatsächlich nur um das Werk eines krankhaften Sadisten.

Das wäre wohl logischer...

Martin Schuster

Der DORGON-Zyklus - Der Inselzyklus - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Heft 13 von Dominik Hauber. Titelbild: Gerd Schenk. Technischer Berater: Sebastian Schäfer. Versand: PROC. Lektorat, Nachbearbeitung: Klaus Wiehoff. DORGON-Kommentar: Martin Schuster. Umsetzung in Endformate: Alexander Nofftz. Satz: Xtory (SAXON, LaTeX). Internet: http://www.dorgon.de. eMail: dorgon@proc.org. Adresse: PROC c/o Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf. Copyright © 2001. Alle Rechte vorbehalten!