Dorgon 107: Mission der Ritter

Was bisher geschah

Im Jahre 1298 NGZ gelingt es den vereinten Kräften der Terraner, Saggittonen und ihrer Alliierten, den gefürchteten SONNENHAMMER zu vernichten und somit MODRORs Invasionsplänen vorerst ein Ende zu setzen.

Die große Gefahr durch die finstere Entität scheint gebannt – doch in Wirklichkeit ruhen die Söhne des Chaos nicht. Innerhalb von sechs Jahren stampfen sie aus Cartwheel ein neues Imperium hervor – das Quarterium unter der Führung des Imperatore de la Siniestro. Während sie sich öffentlich als friedliches Reich präsentieren, arbeiten die Söhne des Chaos in Wirklichkeit an der Umsetzung von MODRORs Eroberungsgelüsten.

Nicht anders in M 100, Dorgon. Seit Jahren wird die Regierung unter Kaiser Commanus vom Sohn des Chaos Cau Thon manipuliert. Die Opposition wird als Verräter verschrieen und der Bau einer gewaltigen Flotte wird von jedem akzeptiert. Die Flotte greift Anfang 1305 NGZ die estartischen Galaxien an und überrent Siom Som. Die Rebellen in Dorgon sehen den Eroberungsgelüsten ihres Kaisers nicht tatenlos zu. Sie suchen in Cartwheel nach Hilfe. Saraah nimmt mit der Besatzung der IVANHOE II Kontakt auf. Xavier Jeamour muss zwischen Loyalität und Vernunft entscheiden. Er hilft den dorgonischen Rebellen, doch er muss dafür einen hohen Preis zahlen. Er wird zusammen mit Mathew Wallace und Jennifer Taylor wegen Hochverrates am Quarterium vor Gericht gestellt. Es gibt nur noch eine Rettung: DIE MISSION DER RITTER …

Hauptpersonen

Xavier Jeamour, Mathew Wallace und Jenny Taylor:
sie warten auf ihr Ende
Irwan Dove, Lorif, Tania Walerty und Zyrak Wygal:
die Offiziere der IVANHOE halten zu ihrem alten Kommandanten
Glaus Klink:
ein gnadenloser Richter
Gal’Arn:
der Ritter der Tiefe wird wieder einmal zum Retter in der Not
Jonathan Andrews:
Gal’Arns Schüler und Freund
Henry Flakk Portland:
Der Terraner will seine Kameraden verteidigen
Glaus Schyll und Ignaz Ruon:
Die neue Führung der IVANHOE

Kapitel 1
Die Mission

Diese Welt erstrahlte so hell wie eine ganze Sonne. Auf dem gesamten Planeten schienen Lichter und ließen ihre Besucher bereits aus der Ferne ihr Reiseziel erkennen. Paxus war der Nabel des Quarteriums. Das Zentrum der Galaxis. Die gigantische Hauptstadt Paxus erstreckte sich über den ganzen Kontinenten Erisor. Zweifelsohne war Paxus die gewaltigste und beeindruckendste Stadt in ganz Cartwheel. Bauten von fast allen Zivilisationen der Insel ragten in die Höhe.

Doch seit einigen Jahren dominierten die Gebäude der Terraner, Arkoniden und ihrer Kolonisten das Erscheinungsbild. Paxus war nicht mehr Symbol der Einigkeit der Cartwheel’schen Pilgervölker, sondern fortan Sinnbild der lemurischen Völker des Quarteriums. Für Anhänger des Quarterium war die Stadt ein Pilgerort – für Gegner des neuen Reiches die Höhle des Löwen.

So auch für diese beiden Wesen. Ihr Raumschiff, ein unauffälliger Frachter von gerade mal dreißig Metern Durchmesser, bahnte sich seinen Weg an den Wachstationen vorbei und erreichte den Orbit der Metropole.

Der Ritter der Tiefe beobachtete den nervösen Piloten. Hastig und beinahe unkontrolliert führte der schwabellige Springer die Manöver durch. Gal’Arn legte seine Hand auf die Schulter des Kapitäns.

Nicht so rasch, mein Freund. Tue nichts, was uns verraten könnte, riet der Elare dem Springer.

Dieser schnaubte laut und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Gal’Arn hingegen war die Ruhe selbst. Sicherlich hatte er auch seine Bedenken, sie könnten entdeckt werden, doch dies war nicht der erste verdeckte Einsatz auf Paxus. Weder für ihn noch für den Springer. Gal’Arn wandte den Kopf nach links und warf seinem Schüler Jonathan Andrews einen Blick zu. Andrews deutete auf den Springer und verdrehte die Augen. Gal’Arn verstand und schmunzelte amüsiert.

Die obligatorischen Kontrollanrufe der quarterialen Raumüberwachung kamen auf die Minute genau. Der Springer Parchor Narizez brummte den Standardtext herunter. Er tat dies jede Woche einmal. Narizez kam seinem Beruf nach, denn er transportierte Maschmöhren! Maschmöhren waren eine Delikatesse der Springer. Sie waren vom Geschmack und Vitaminstoffen terranischen und arkonidischen Möhren um einiges voraus. Deshalb waren sie auch so beliebt und wurden natürlich auf jede Menge Welten importiert. Das Rezept war nur den Springern bekannt. So ein trivialer Nahrungstransport hatte einen gewaltigen Vorteil für die Agenten der USO. Da Parchor Narizez jede Woche einen Transport flog, fiel er wenig auf. Es war der USO gelungen, den Springer als Agenten zu gewinnen. Natürlich tat er das nicht aus reiner Selbstlosigkeit. 5000 Galax pro Flug hatten ihm das Angebot jedoch sehr schmackhaft gemacht.

Wie nicht anders zu erwarten, passierte Parchors Schiff UL die Kontrolle und durfte auf der Landeplattform 10245 B-III landen. Sie befand sich auf dem großen Handelsraumhafen Shorne.

Gal’Arn empfand die Namensgebung als sehr vermessen. Normalerweise benannte man solche Plätze nach verstorbenen Größen. Shorne lebte noch und war in Gal’Arns Augen nichts weiter als ein Verbrecher. Welch Ironie des Schicksals, dass dieser Bandit der Finanzminister des Quarteriums war.

Gal’Arn schaute seinen Ritterschüler an, der irgendwie bedrückt oder gar frustriert wirkte. Der Ritter der Tiefe nahm Andrews am Oberarm und führte ihn ein paar Meter in das Schiffsinnere.

Stimmt etwas nicht?

Doch, es ist nur Nataly …

Gal’Arn seufzte leise. Wieder einmal ein Problem mit Jonathans bezaubernder aber ebenso störrischen Ehefrau Nataly. Manchmal wusste der Elare nicht, warum die beiden überhaupt geheiratet hatten, so oft, wie sie sich in den Haaren lagen.

Sie ist mal wieder zickig und versteht so vieles nicht. Das geht mir auf den Keks! Manchmal weiß ich gar nicht, warum …

Gal’Arn unterbrach seinen Schüler. Weil du sie liebst. Das Leben besteht aus Kompromissen und Toleranz. So auch in eurer Ehe. Man sollte nicht das Handtuch werfen, nur weil es nicht so gut läuft.

Andrews schaute seinen Lehrmeister verständnislos an. Ich bin jetzt vierunddreißig Jahre alt, habe davon fünf Jahre in einem Stasisfeld verbracht. Also mit neunundzwanzig fühle ich mich fast noch zu jung, um mich dauerhaft zu binden. Man sollte doch sein Leben auch genießen und sich in der Jugend etwas austoben …

Gal’Arn verdrehte die Augen. Verdammt, wie er diese Einstellung verachtete! Anscheinend war das so eine Art Standardeinstellung der Menschen. Das Leben genießen, am besten ohne Verantwortung mit reichlich viel Spaß. Es war kein Wunder, dass bei solcher Leichtfertigkeit ein Regime wie das Quarterium an die Macht kommen konnte.

Dann lege nach dieser Mission unverzüglich deinen Ritterstatus ab und tobe dich aus, forderte Gal’Arn entschlossen.

Andrews starrte ihn entsetzt an. Damit hatte der junge Terraner sicher nicht gerechnet, vermutete der Elare. Andrews wandte sich ab und schien über Gal’Arns Worte nachzudenken. Es musste ihn hart getroffen haben.

Nein, das will ich nicht, brachte Jonathan leise hervor.

Gal’Arn hatte das erwartet. Er legte seine Hand auf Andrews Schulter. Du solltest nicht auf die Masse hören. Das Schicksal eines Ritter der Tiefe ist mit viel mehr Entbehrungen verbunden als für einen normalen Menschen. Eigentlich ist er mit seiner Berufung verheiratet. Daher hast du es noch gut getroffen.

Andrews seufzte und nickte. Du hast recht, Meister! Es war töricht, meine Ehe und meinen Status so schnell in Frage zu stellen. Nur manchmal frage ich mich, ob ich nicht etwas verpasse.

Jonathan blickte seinen Meister fragend an.

Gal’Arn suchte nach den passenden Worten, die er auch schnell fand. Vielleicht fragt sich das der Austobende auch.

Parchor Narizez rief nach den beiden. Sofort gingen die zwei Ritter in die kleine Kanzel des Kapitäns.

Wir erreichen Paxus-Stadt, meldete der Springer.

Gal’Arns Blick schweifte über das Zentrum der gewaltigen Stadt. Unübersehbar war der neue Regierungskomplex. Ein gigantischer grauer Klotz von mehreren hundert Metern Kantenlänge bildete das Militärzentrum. Daneben thronte der neue Regierungspalast, riesige Gartenlagen und zum Schluss der Sitz der Cartwheel Intelligence Protective. Alle drei Gebäude waren kubusförmig und bildeten ein Dreieck im kilometerlangen Komplex. Auf dem Regierungsklotz schob sich der neue Paxus-Tower hunderte von Metern in die Höhe. Auf ihm wehte, voller gefährlichem Stolz, die Flagge des Quartierum. Jenes Q aus dem Interkosmo auf schwarzen Hintergrund, umrandet von vier Sternen, die den Bund der Vier symbolisierten. Oben und unten verfärbte sich die Flagge rot, in Anlehnung auf die traditionelle spanische Flagge. Ein Zeichen der Verbundenheit des Imperatore zu seinem Heimatland. Die Flagge wehte auf dem höchsten Punkt der Stadt.

Die Paxus-Straße wurde von vier gewaltigen Statuen der Herrscher des Quarteriums dominiert. Mehrere hundert Meter groß und aus purem Gold erstrahlten die Abbilder des Imperatore de la Siniestro und der Quarteriumsfürsten Leticron, Uwahn Jenmuhs und Torsor. Man konnte an diesem Ort dem neuen Reich gar nicht entkommen. Überall wurde man an die Macht der Vier erinnert.

Tyler befindet sich bereits auf Paxus. Er wird mit uns Kontakt aufnehmen, erklärte Gal’Arn seinem Schüler.

Andrews nickte knapp.

Endlich landete der Transporter. Es war der 13. März 1305 NGZ. Die beiden Ritter und USO-Agenten konnten sich nun endlich an ihren Auftrag machen – der Befreiung von Xavier Jeamour, Mathew Wallace und Jennifer Taylor.

Für Glaus Schyll war dieser Tag einer der größten seines Lebens, wenn nicht gar sein größter Tag. Man brauchte kein Telepath zu sein, um das festzustellen. Mit geschwellter Brust lief er die Gangway entlang, vor dem Hintergrund zackiger Marschmusik, und ließ sich von den Menschen auf dem Raumhafen als Held feiern.

Er hatte die Terroristen und Volksverräter gestellt und verhaftet. Schyll war überzeugt, dass ihm das eine Beförderung einbringen würde. Sein Herz schlug höher, als er die in Reih und Glied salutierenden Soldaten vor sich sah. Für einen kurzen Moment stoppte er und überprüfte seine Uniform. Alles musste korrekt anliegen und vor Sauberkeit blitzen. Sein großer Moment stand unmittelbar bevor.

In diesem Augenblick setzten drei feldgrau lackierte Gleiter zur Landung an. An den Wimpeln erkannte Glaus Schyll die Symbole des Heeres und der Raumflotte. Einer der Gleiter trug das Symbol des Oberbefehlshabers des Heeres und der Flotte. Schyll nahm Haltung an. Aus diesemr stiegen die Stabsoberkommandanten Generalleutnant Jodur Ta’Len Weron und Generalleutnant Keitar Ta’Miga Leson aus.

Aus dem zweiten Gleiter kam Cartwheel Intelligence Protective General-Kommandeur Stevan da Reych. Schyll musste sich ein Lachen verkneifen, so erfreut war er. Schließlich stattete ihm fast das komplette Oberkommando einen Besuch ab.

Als letztes verließ der Quarterium-Marschall selbst den dritten Gleiter. Beim Anblick des silbernen Ritters wurde Schyll ganz anders. Dieser Mann strahlte nicht nur Respekt, sondern Ehrfurcht und Gefahr aus. Despair war, obwohl eigentlich ein verkrüppelter Terraner, ein Vorbild durch und durch.

Schyll stand stramm, als die vier Oberbefehlshaber auf ihn zu schritten. Als sie sich gegenüber standen, hob Schyll die Hand zum Gruß an den Imperatore. Generalleutant Weron, Generalleutnant Leson und Stevan da Reych erwiderten den Gruß. Despair zeigte keine Regung.

Schließlich sprach Keitar Ta’Miga Leson als erstes: Oberstleutnant Schyll! Das Oberkommando der quarterialen Armee ist über Ihre Arbeit im höchsten Maße zufrieden. Sie haben selbstlos gekämpft und die Reichsverräter verhaften können. Dafür gebührt Ihnen die Auszeichnungen des Quarterium-Sternes Zweiter Klasse.

Der General-Oberst winkte einen Adjutanten zu sich, der ihm den Orden überreichte. Leson heftete Schyll die Auszeichnung an das Revers der Uniform, der seine Freude kaum mehr zurückhalten konnte. Doch wie es sich für einen guten Soldaten gehörte, beherrschte er sich.

Ferner werden Sie zum Oberst befördert, erklärte Cauthon Despair. Dies beinhaltet ebenfalls das Kommando der IVANHOE.

Schyll zuckte zusammen. Er wurde zum Oberst befördert und durfte eines der größten Schlachtschiffe des Quarterium befehligen. Das war einfach zu viel an Ehre. Ihm fehlten die Worte, so berührt war er.

Leson, Weron und da Reych schüttelten Glaus Schyll die Hand.

Despair wandte sich schon ab, als Schyll aufgeregt rief: Meine Herren, gestatten Sie bitte?

Despair drehte sich um. Er wirkte bedrohlich auf Schyll, der instinktiv zurückwich. Dieser silberne Ritter war ihm wirklich nicht ganz geheuer. Die anderen drei blickten ihn fragend an. Es dauerte eine Weile, bis er in der Lage war, seine Aufregung zu unterdrücken. Dann endlich konnte er sein Anliegen vortragen.

Ich habe an Bord der IVANHOE ein kleines Bankett für Sie vorbereitet. Würden Sie mir bitte die Ehre erweisen, wenn es Ihre Zeit erlaubt? Schyll lächelte verlegen.

Wir nehmen gerne an, Oberst Schyll!, erwiderte Despair und ging in Richtung der Space-Jet, die die Passagiere zur Raumstation brachte, an der auch die IVANHOE angedockt hatte. Die Orbitalstation diente als Werft für die großen Schiffe, die keinen Platz auf den Raumhäfen des Planeten fanden.

Schyll freute sich wie ein kleines Kind. Dieses Essen würde sicherlich förderlich für seine Karriere sein.

Das wird ein wundervolles Bankett, frohlockte er innerlich und grinste Despair breit an.

Was für ein blödes Bankett, dachte Irwan Dove und stocherte mit der Gabel im Essen herum. Zwar war die Mahlzeit an sich sehr lecker, doch die Klientel war nicht gerade die beste. Unwirsch musterte Dove die drei Arkoniden.

Generalleutant Keitar Ta’Miga Leson und Generalleutant Jodur Ta’Len Weron! In seinen Augen waren diese beiden Speichellecker völlig unfähige Soldaten. Doch sie hatten es gut verstanden sich die Gunst von Uwahn Jenmuhs zu erschleichen. Als Stabsoberkommandanten bekleideten sie sehr wichtige Ränge.

Viel gefährlicher erschien dem Oxtorner dagegen dieser Stevan da Reych. Der Arkonide mit den kurz geschorenen Haaren und dem Schnauzbart war die Nummer zwei der CIP. Viel wusste Dove nicht über ihn. Nur, dass er wohl ein ziemlich unangenehmer Mensch war, der seinen Beruf mit besonderer Leidenschaft ausführte. Es hieß, dass da Reych für die Ziele der CIP sogar über Leichen ging. Natürlich war das alles inoffiziell. Das Quarterium distanzierte sich von solchen Äußerungen vehement.

Cauthon Despair thronte ruhig am Kopfende des Tisches und folgte der Konversation. Er sagte kaum etwas. Neben Dove war noch Tania Walerty eingeladen. Auch sie schien sich zu langweilen. Die beiden Offiziere Lorif und Zyrak Wygal durften an dem Bankett nicht teilnehmen. Es passte dem neuen Kommandanten nicht in den Kram, mit einem Posbi und einem Blue an einem Tisch zu speisen, vermutete Dove.

Die Runde komplettierte der neue Bordarzt der IVANHOE, Ignaz Ruon. Dieser arrogante Ara hätte ohne zu zögern Jenny Taylor auch umgebracht. Jeamour, Wallace und Taylor waren nicht nur Doves Kameraden, sondern seine Freunde. Seit 14 Jahren tat er seinen Dienst auf der IVANHOE. Und nun sollte er so ohne weiteres diese Farce akzeptieren.

Major Dove, Sie sagen ja gar nichts?

Schyll klang vorwurfsvoll.

Soll ich sagen, dass du mich sonstwo lecken kannst, Penner?

Nun mischte sich Tania zur Ehrenrettung von Irwan Dove ein. Sie hatte anscheinend die üble Laune des Oxtorners bemerkt. Ihr ging es wahrscheinlich nicht anders.

Cauthon, kannst du mir sagen, wie es Peter geht?

Glaus Schyll hätte beinahe sein Essen erbrochen. Walerty duzte Despair! Was für eine Insubordination! Hastig entschuldigte er sich bei Despair, doch den störte es wenig. Schyll glotzte den silbernen Ritter verdutzt an.

Peter de la Siniestro geht es ausgezeichnet. Ich erinnere mich, dass ihr beide während der Einweihung der IVANHOE, nun … intim geworden seid.

Irgendwie klang jede Aussage von Despair wie eine Drohung, fand Dove. Der Oxtorner folgte still dem Gespräch der beiden.

Tanias Augen glänzten. Nun, Peter hatte etwas seltsame Vorstellungen von Sex. Deshalb wurde nichts draus, seufzte Tania.

Die drei steifen Arkoniden taten so, als hätten sie das Wort Sex nicht gehört. So etwas war nun wirklich nicht schicklich. Stevan da Reych machte sich plötzlich ein paar Notizen. Wahrscheinlich trug er Walerty in eine schwarze Liste ein, sinnte der Oxtorner.

Schylls Gesicht wurde puterrot. Er wusste anscheinend nicht, was er sagen sollte, denn der neue Kommandant öffnete mehrmals den Mund und schloss ihn gleich darauf. Tania Walerty hatte ihn aus der Fassung gebracht.

Sie reden, wie Ihnen der Mund gewachsen ist, Tania, stellte Despair fest. Haben Sie keine Angst vor mir?

Offenbar schätzte Despair die Offenheit oder den Mut von Tania Walerty. Anders konnte Dove sich nicht das Verhalten des silbernen Ritters erklären.

Tania fuhr mit ihrem Zeigefinger über Despairs Unterarm. Versuchte sie ihn zu bezirzen? Dove musste beinahe los lachen vor so viel Dreistigkeit! Tania hatte es wirklich faustdick hinter den Ohren!

Nun, ich musste einige Zeit unter der Fuchtel einer tyrannischen Kommandantin leben und war mehrere Stunden auf ein Bett gefesselt, in dem eine verwesenden Leiche lag. Alles zur Belustigung von diesem Goshkan. Das härtet ab.

Despair schwieg. Er zog seinen Arm zurück. Das war ein deutliches Zeichen, wie Dove meinte. Er hatte sie abblitzen lassen.

Schyll, Major Walerty wird sicher ein guter Offizier sein. Sie ist tapfer. Dennoch bin ich mir nicht sicher, wem ihre Treue gehört, sprach Despair herausfordernd.

Tania blickte ihn an. Ein feines Lächeln umspannte ihren sinnlichen Mund. Dove war gespannt, was sie antworten würde. Bis jetzt machte es Tania sehr geschickt, doch er kannte die Ortungs- und Funkleiterin sehr gut. Oftmals verbockte sie die Dinge genauso schnell.

Möchtest du, dass dir meine Treue gehört?

Dove stieß einen Pfiff aus. Schyll starrte seine Offizierin fassungslos an. Er war nur noch Statist in diesem Gespräch.

Despair stand plötzlich ruckartig auf. Tania schaute zu ihm hoch. Dann packte er sie am Hals, zog sie hoch hielt sie in der Luft. Sie strampelte mit ihren Füßen und versuchte Luft zu holen.

Dove sprang auf, doch sofort richteten einige Grautruppen, die ebenso abrupt den Raum betraten, ihre Waffen auf den Oxtorner. Entsetzt blickte er zu Tania.

Deine Ergebenheit gehört dem Quarterium. Und sollte dein plumper Versuch, meine Gunst zu gewinnen, darauf abzielen, milderde Umstände für Jeamour und die anderen Verbrecher zu erreichen, so muss ich dich enttäuschen.

Er ließ die Worte auf die junge Terranerin wirken, die verzweifelt röchelte. Dann ließ er sie einfach los. Sie stürzte zu Boden und rang nach Luft.

Schyll, beobachten Sie Miss Walerty genau. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass sie etwas im Schilde führt. Auch die anderen loyalen Offiziere von Jeamour, befahl Despair. Er fixierte mit seinem Blick Iwan Dove. Insbesondere Mr. Dove!

Der Oxtorner fühlte sich ertappt. Er stand auf und stellte sich vor Despair. Dove überragte den silbernen Ritter sogar. Doch dieser schien wenig beeindruckt zu sein. Dove beschloss, nachzugeben und kümmerte sich um die hustende Tania.

Das Essen ist beendet, stellte Despair kalt fest und verließ den Raum.

Schyll blickte Generalleutnant Leson verzweifelt an. Dieser schüttelte nur den Kopf und verließ mit Weron den Raum. Stevan da Reych musterte Dove und Tania, als wollte er ihre Gedanken sezieren.

Was ging in ihm vor? Was hatte er sich notiert?, fragte sich Dove.

Raus hier! Alle beide!, brüllte Schyll nun.

Damit meinte er natürlich Dove und Walerty. Der Oxtorner stützte Tania und half ihr aus dem Raum. Kaum hatten sie den Raum verlassen, blieben sie stehen. Dove wollte noch hören, was da Reych sagte.

Doch Ignaz Ruon stand plötzlich vor ihnen. Bringen Sie Leutnant Walerty in die Medostation. Sofort!

Dove musste den Befehl befolgen. Tania hatte sich inzwischen wieder einigermaßen beruhigt.

Deine Wirkung auf Männer lässt nach, scherzte Dove.

Tania blickte ihn böse an. Dann versuchte sie wieder zu lächeln. Vielleicht sollte ich mich nicht nur Freaks bemühen …

Nun, es ist äußerst bedauerlich, was mit Ihnen geschehen ist. Dennoch ist es ihr Eigenverschulden. Eine sexuelle Interaktion mit Cauthon Despair einzugehen, erscheint mir nicht sinnvoll und zudem außerordentlich gefährlich, Tania.

Tania fasste sich den Kopf und hielt sich die Ohren zu.

Lorif registrierte diese Geste, dachte aber nicht daran, zu schweigen. Den Kopf wie ein Strauß in den Sand zu stecken, ist in dieser Diskussion wenig hilfreich. Ich würde gerne wissen, was Sie mit diesem unklugen und ebenso dreisten Unterfangen überhaupt bezweckt haben? Diente das Umgarnen Despairs tatsächlich dem biologischen Paarungstrieb oder verfolgten Sie damit eine bestimmte Taktik?

Tania seufzte. Lorif ging ihr gewaltig auf die Nerven. Sie konnte es noch nie leiden, wenn sie jemand auf ihre Fehler aufmerksam machte. Wahrscheinlich war sie erst seit ihrer Zeit auf der NIMH so richtig empfindlich in dieser Hinsicht.

Mit Grauen dachte Tania an ihre ehemalige Kommandantin Nicola Posny zurück. Ständig hatten sich die beiden in den Haaren gelegen. Dennoch musste sie eingestehen, dass Lorif irgendwie recht hatte. Es war in der Tat dumm von ihr gewesen. Außerdem war der Posbi ihr Vorgesetzter. Sie respektierte ihn auch, trotz seiner ständigen Belehrungen.

Ich wollte sehen, wie weit ich bei ihm gehen kann, erklärte sie verlegen. Schließlich ist er auch nur ein Mann. Bestimmt auch ein ziemlich einsamer. Ich glaube kaum, dass die Frauen ihm zu Füßen liegen.

Scheinbar verstand der Posbi diese Erklärung nicht so ganz. Zumindest antwortete er nichts darauf. Irwan Dove und Zyrak Wygal blickten sich ernst an.

Schließlich sprach Wygal das aus, was wohl alle dachten: Wir sollten uns lieber Gedanken um Jeamour, Wallace und Taylor machen. Ihnen wird morgen der Prozess gemacht werden. Ich glaube nicht, dass sie mit ein paar Sozialstunden davon kommen werden. Bei allen Kreaturen!

Nun, nach quarterialem Gesatz vom April 1304 NGZ steht auf Reichsverrat, Befehlsverweigerung und Kooperation mit terroristischen Anhängern die Todesstrafe, antwortete Lorif.

Wie ermutigend, seufzte Tania und fasste sich an den Hals.

Dieser Despair hatte einen ziemlich groben Griff. Zumindest hatte er ihr klar gemacht, dass ihre Umgarnung bei ihm nicht gewirkt hatte. Auf eine Weise frustrierte Tania dies. Sie war es nicht gewohnt, von Männern einen Korb zu bekommen. Und schon gar nicht auf diese Art und Weise. Dennoch fand sie Despair auf die eine oder andere Art faszinierend. Er strahlte diese tödliche Kälte aus und doch musste da noch mehr sein. Sie hatte von seiner unglücklichen Liebe zu den beiden Terranerinnen Zantra Solynger und Sanna Breen gehört. Dieses Wesen hatte offenbar Gefühle. Es galt diese nur zu wecken. Und gerade das machte den ganzen Reiz aus – das Spiel mit dem Feuer! So etwas hatte Tania schon immer begeistert. Sie kalkulierte die Gefahr, sich die Finger zu verbrennen, gerne dabei ein.

Tania?, fragte Irwan.

Als fühlte sie sich wie ein kleines Schulmädchen, das beim Schlafen während des Unterrichtes erwischt wurde, rief sie hastig Ja und schaute die anderen beschämt an. Natürlich war es nicht richtig, wenn es um das Leben ihres Kommandanten, von Mathew Wallace und ihrer besten Freundin Jennifer Taylor ging, sich Gedanken um Cauthon Despair zu machen. Oder doch? Wenn es ihr gelang Despair zu beeinflussen, konnte sie die Freilassung der drei erwirken.

Was für ein waghalsiger Plan, dachte sie. Sie kam zu dem Entschluss, dass sie so den dreien nicht weiterhelfen konnte. Da hätte es wohl mehr gebracht, die drei mit einem Thermogewehr herauszuhauen.

Was können wir machen?, wollte sie schließlich wissen.

Sie schaute in ratlose Gesichter. Wygal wollte etwas sagen, verstummte aber dann letztlich. Niemand fiel etwas gescheites ein.

Bis auf Lorif der zu aller Überraschung sagte: Nun, uns sind die Hände gebunden. Jedoch illegalen Organisationen nicht. Mit solch einer, zumindest in den Augen des Quarteriums, habe ich bereits Kontakt aufgenommen. Drei Agenten befinden sich bereits auf Paxus. Der Kontakt wurde über die Botschaft der Posbis hergestellt, damit niemand unsere Bemühungen nachverfolgen kann.

Tania, Irwan und Zyrak guckten Lorif verdutzt an.

Bei allen Murtwürmern in Tunksoße! Lorif, das hätte ich nun aber nicht von dir gedacht. Du wirst ja noch richtig menschlich …, lobte ihn Zyrak Wygal.

Lorif senkte den Kopf leicht nach links. Eine Geste, die er sich bei den Menschen abgeschaut hatte.

Mr. Wygal. Müssten wir beide – in Anbetracht der momentanen politischen Lage – das nicht als …Beleidigung ansehen?

Kapitel 2
Die Gerichtsverhandlung

Eine persönliche Betrachtung von Robert Mohlburry

Die Meldung dieses Prozesses ereilte uns völlig überraschend. Es hieß in der knappen Nachricht, dass die Veteranen Xavier Jeamour – Kommandant der IVANHOE, sein Erster Offizier Mathew Wallace und die Bordärztin Jennifer Taylor wegen Hochverrates, Befehlsverweigerung, fünftausendfachem Mord an Bürgern des Kaiserreiches Dorgon und Kooperation mit terroristischen Elementen angeklagt werden.

Alles schien sich erst vor wenigen Tagen ereignet zu haben. Die Presse wird gemieden und nur über Insiderinformationen ist es INSELNET gelungen, von dem Prozess Wind zu bekommen. Die quarteriale Ministerin für Öffentlichkeitsarbeit Stephanie de la Siniestro ist auf uns zugekommen und hat uns gebeten, eine exklusive Reportage über die Gerichtsverhandlung zu führen. INSELNET hat angenommen.

Ich betone allerdings, dass wir nicht live senden dürfen und unsere Berichte der Ministerin vor Ausstrahlung vorlegen müssen. Ich befürchte Zensur. Doch viel mehr frage ich mich, warum drei solche verdienten Helden des terranischen Volkes vor Gericht gestellt werden. Haben sie wirklich diese Verbrechen begangen? Hatten sie ihre Gründe dafür?

Xavier Jeamour machte sich als Kommandant der IVANHOE mehr als einmal verdient. Sein heroischer Erster Offizier Mathew Wallace half maßgeblich an der Befreiung von M 100 und gehörte zu jenen tapferen Männern, die auf dem SONNENHAMMER kämpften. Jennifer Taylor steht dem in nichts nach. Auch sie war in M 100, in Barym und auf dem SONNENHAMMER und wäre dort beinahe gestorben.

Warum haben sie diese Verbrechen begangen? Wir werden es bald erfahren …

Drei drei Angeklagten wurden in den Gerichtssaal geführt. Das Publikum verhielt sich sehr still. Es waren vielleicht vierzig Menschen im Saal. Es fiel Mathew Wallace sofort auf, dass es sich nur um Terraner handelte. Keiner von ihnen trug eine Kamera oder ein Aufzeichnungsgerät. Es waren keine Reporter darunter. Außer Robert Speaky Mohlburry, der die drei traurig anblickte.

Unsanft forderten die Wachmänner Jeamour, Wallace und Taylor auf, sich hinzusetzen. Sie wurden ihrem Pflichtverteidiger vorgestellt. Ein Mann mittleren Alters mit dem Namen Gerkkhof.

Mathew konnte immer noch nicht glauben, was geschehen war. Er resümierte die letzten Tage noch einmal. Plötzlich waren sie auf ein Raumschiff gestoßen, das von einem dorgonischen Adlerschiff verfolgt wurde. Die IVANHOE hatte der Besatzung Asyl gewährt und es stellte sich heraus, dass es sich dabei um dorgonische Separatisten, Gegner von Kaiser Commanus, gehandelt hatte. Ausgerechnet Saraah war bei ihnen gewesen. Sie hatte die IVANHOE um Hilfe gebeten. Es war zu einem Konflikt mit dem Adlerschiff gekommen. Dieses wurde dabei vernichtet!

Jeamour, Wallace und Jenny Taylor wurden wegen Hochverrates vom Verbindungsoffizier Glaus Schyll inhaftiert. Zwar konnten sie Saraah noch zur Flucht verhelfen, doch um sie war es nun geschehen. Nicht einmal einen Tag nachdem die IVANHOE wieder im Orbit von Paxus kreiste, wurde ihnen der Prozess gemacht.

Mathew machte sich keine großen Hoffnungen. Mit Fairness würden sie hier sicher nicht behandelt werden. Dieses ganze Quarterium stank bis zum Himmel! Allein das Verhalten des Verbindungsoffizieres Glaus Schyll und des neuen Schiffsarztes Ignaz Ruon zeigte, welche faschistische Ideologie hinter dem neuen Imperium der Vier stand.

Erheben Sie sich. Der Richter!, rief einer der Wachmänner.

Notgedrungen standen die drei auf und musterten den Diener des Gesetztes. Er hieß Glaus Klink und war zufällig auch Justizminister des Quarteriums. Warum gerade so eine hohe Persönlichkeit ihren Prozess leitete, blieb ihnen verborgen. Man informierte sie einfach nicht darüber. Auch hatten sie überhaupt keine Möglichkeit gehabt, mit ihrem Pflichtverteidiger zu sprechen.

Glaus Klink war klein und strahlte ein unnatürliche Kälte aus. Der hagere, grauhaarige Mann starrte auf die drei Angeklagten. In seinen wasserblauen Augen spiegelte sich Abfälligkeit und Verständnislosigkeit wieder.

Das kann ja heiter werden, murmelte Wallace zu Jenny Taylor, die dem zustimmte.

Ruhe im Saal, keifte Klink. Dann wurde er wieder ruhig und setzte sich auf seinen Platz. Er gab dem Staatsanwalt Tirg Kuckmaster ein Zeichen. Der siebenundsechzigjährige Terraner mit dem kurzen Bürstenhaarschnitt stand auf, öffnete eine Mappe und verlas die Anklage.

Den Angeklagten wird folgendes zur Last gelegt: Admiral Xavier Jeamour hat wider die Befehle der Admiralität gehandelt und Terroristen Asyl gewährt. Der Bitte einer dorgonischen Delegation, die Verbrecher auszuliefern, erwiderte Jeamour mit dem Eröffnen des Feuers. Er vernichtete das dorgonische Schlachtschiff. Trotz gegenteiligem Befehl von Glaus Schyll nahm Jeamour Kontakt mit der illegalen Gruppierung United Stars Organisation auf. Schyll und sein loyaler Kamerad, der ehrenwehrte Doktor Ignaz Ruon wurden inhaftiert. Es gelang Schyll und Ruon an die Vernunft der Besatzung zu appelieren. Sie wurden befreit und verhafteten Jeamour. Derweil wurde der terroristischen Rädelsführerin Saraah die Flucht zur USO ermöglicht. Maßgebliche Mittäter sind sein Erster Offizier Mathew Wallace und die Arztassistentin Jennifer Taylor.

Kuckmaster bedachte die drei Angeklagten mit einem strengen Blick aus seinen Schweinsaugen.

Glaus Klink betrachtete die Beschuldigten. Dann wandte er sich dem Verteidiger Sterr Gerkkhof zu.

Was sagt die Verteidigung zu diesen Anschuldigungen?

Meine Mandanten plädieren auf schuldig im Sinne der Anklage und hoffen auf milderne Umstände durch die Gnade des Gerichtes.

Nun reichte es Jeamour. Dieser Prozess entwickelte sich bereits in den ersten Minuten zu einer Farce. Bevor Wallace wütend aufstand, tat es Jeamour.

Hohes Gericht, wir plädieren auf nicht schuldig und lehnen unseren Pflichtverteidiger wegen Inkompetenz und Befangenheit ab!

Gerkkhof, Kuckmaster und Klink sahen Jeamour verdutzt an. Wallace und Taylor standen demonstrativ auf und unterstützten die Aussage ihres Kommandanten.

Gerkkhof legte wütend seine Robe ab und verließ den Gerichtssaal. Klink blickte der ganzen Sache noch sehr gelassen entgegen. Staatsanwalt Kuckmaster hatte seine Einwände gegen die Selbstverteidigung.

Nach Paragraph 127, Absatz 5, QSGB ist die Selbstverteidigung verboten. Sie müssen einen Verteidiger nehmen.

Jeamour blickte ratlos im Raum umher. Auch Wallace und Taylor wussten nicht, was sie machen sollten.

Ich verteidige sie!

Ein Raunen ging durch den Raum. Wallace glaubte nicht richtig zu sehen! Oberst Henry Flakk Portland hatte sich erhoben. Der ältere Terraner war in voller Uniform der LFT erschienen und hatte seine kompletten Orden angelegt. Er verließ seinen Platz und ging vor den Richter.

Euer Ehren. Bei den Angeklagten handelt es sich um Terraner und verdiente Soldaten der LFT. Ich denke, es ist nur fair, wenn ich als Soldat und als ranghöchster Vertreter der LFT ihre Verteidigung übernehme.

Klink blickte Kuckmaster fragend an. Der Staatsanwalt schien keine Einwände zu finden. Doch Mathew sah Kuckmaster an, dass ihm diese Wendung nicht ins Konzept passte. Anscheinend wollten Staatsanwalt und Richter den Prozess schnell beenden, aber eine Ablehnung Portlands hätte eine direkte Brüskierung der LFT bedeutet.

Portland bat, die Verhandlung um eine Stunde zu unterbrechen, da er sich mit seinen Mandanten beraten müsse.

Klink gewährte ihm diese Frist.

Die drei Angeklagten wurden in ihre Zelle gebracht. Wenige Sekunden später tauchte auch Henry Flakk Portland dort auf. Jeamour gab ihm freundlich die Hand. Man konnte ihm seine Erleichterung ansehen.

Jenny Taylor schien weniger begeistert zu sein. Wallace vermutete, dass sie hatte bereits vollständig resigniert hatte. Das war auch kein Wunder, wenn man sich diesen voreingenommenen Richter ansah.

Jeamour berichtete Flakk von den Ereignissen auf der IVANHOE. Er ließ nichts aus und wies nachdrücklich darauf hin, dass Saraah stets zu den Freunden der Terraner gehört hatte. Er sah deshalb keinerlei Veranlassung ihr nicht glauben.

Realistisch gesehen wissen wir, dass Kaiser Commanus ein Diktator ist. Ich kann es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, für solche Verbrecher zu arbeiten, schloss Jeamour seine Erzählung.

Portland setzte sich auf einen unbequemen Stuhl in dem kargen Raum mit den grauen Wänden und seufzte leise. Dann blickte er Wallace, Taylor und Jeamour ernst an.

Das mag nach den Statuten der Liga Freien Terraner so sein, doch das Quarterium hat einen Bund mit Dorgon geschlossen. Die Menschen, die in unseren Augen Freiheitskämpfer in M 100 sind, bezeichnet das Quarterium als Terroristen.

Jenny Taylor stand wütend auf. Das kann doch wohl nicht wahr sein! Wie tief sind die Menschen in Cartwheel denn gesunken? Dieser ganze Hype um das Quarterium ist eine Farce!

Nach dem Wutausbruch setzte sich sich wieder und atmete tief durch. Wallace verstand ihre Reaktion sehr gut. Ihm ging es nicht anders. Jeamour lachte verzweifelt.

Wir sind doch mit Schuld an dieser Lage, stellte er bitter fest. Wir haben de la Siniestro unser Vertrauen geschenkt, wir haben ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist. Die Crew der IVANHOE hätte schon bei Gründung des neuen Reiches nach Terra zurückkehren müssen.

Niemand widersprach dem ehemaligen Kommandanten der IVANHOE. Wallace dachte an Saraah. Hauptsache, sie war in Sicherheit. Was aus seinem Leben werden würde, wusste er nicht. Doch wenn er mit seinem Tod ihr Leben retten konnte, dann war er bereit, diesen Preis zu zahlen.

Wie können Sie uns helfen, Oberst Portland?, fragte Jenny Taylor schließlich.

Ich werde versuchen, den Richter von ihren ehrbaren Absichten zu überzeugen. Ich werde politische Brisanz in die Verhandlung bringen. Wie wird die LFT auf diesen Vorfall reagieren? Vielleicht stimmt das diesen Klink um …

Und wenn nicht?, wollte Jenny wissen.

Portland stand auf und blickte die drei bedauernd an: Dann gnade Ihnen Gott

Die Gerichtsverhandlung wurde pünktlich nach einer Stunde fortgesetzt. Kuckmaster und Klink musterten die Angeklagten abfällig. Kuckmaster lud nun Jenny Taylor als erste in den Zeugenstand. Wallace bemerkte, dass sie ziemlich blass wurde. Sie hatte offensichtlich Angst. Das wahr natürlich nachvollziehbar. Ihm erging es nicht anders. Natürlich wollte er lieber lebend aus der ganzen Sache herauskommen.

Miss Taylor, begann Klink emotionslos. Sie sind 37 Jahre alt und in Los Angelas auf Terra geboren. Sie haben eine Ausbildung in der terranischen Raumflotte im Bereich Medizin absolviert und sind seit dem Jahre 1291 Bordärztin auf der IVANHOE. Im Jahre 1298 NGZ wechselten Sie auf die NIMH. Seit 1299 stehen Sie wieder unter dem Kommando des Admirals Xavier Jeamour. Ist das richtig?

Jenny bestätigte die Angaben. Nun mischte sich Kuckmaster ein. Der widerliche Staatsanwalt schaute sie grimmig an.

Doktor Taylor. Nun erzählen Sie uns einmal Ihre Version, schnauzte er.

Jenny warf einen Blick auf Jeamour und Wallace. Der Admiral nickte schwach. Dann fing sie an zu berichten: Wir fanden ein dorgonisches Raumschiff. Es wurde von einem Adlerschiff verfolgt. Wir gewährten den Freiheitskämpfern der Dorgonen Asyl …

Freiheitskämpfer?, bellte Kuckmaster. Wütend donnerte er mit der Faust auf den Tisch. Ich will Ihnen einmal etwas sagen! Das waren Terroristen und Sie sind auch eine Terroristin!

Einspruch!, warf Portland ein. Richter Klink lehnte den Einspruch einfach ab. Mathew konnte das nicht fassen.

Wir … wir haben keinen Terroristen Asyl gewährt. Saraah ist Senatorin von Jerrat. Sie gehörte zu den Helden von 1292. Wenn Sie sich in Geschichte auskennen, wissen Sie vielleicht, was in diesem Jahr geschah.

Klink schlug mit seinem Hammer heftig auf den Tisch.

Sollten Sie noch einmal den geschätzten Herrn Staatsanwalt beleidigen, erhalten Sie eine Ordnungsstrafe und werden des Saales verwiesen!

Jenny seufzte und fuhr fort. Sie berichtete darüber, dass Saraah die Schiffsführung über die illegale Invasion Dorgons in Estartu informiert hatte und darum bat, mit wichtigen Politikern zu sprechen. Der Kommandant des Adlerschiffes wollte das jedoch nicht zulassen und so kam es zu einem Feuergefecht, bei dem die IVANHOE das dorgonische Schiff indirekt vernichtet hatte. Die Stabilisatoren waren durch das Gefecht beschädigt worden und das Schiff driftete in die Sonne ab. Alle Rettungsversuche waren zu spät gekommen.

Kuckmaster hatte wohl genug gehört. Er unterbrach erneut die schöne Bordärztin und schien gerade darauf jetzt etwas aufzubauen.

Miss Taylor. Sie sind ja eine ziemliche Wucht für eine Ärztin. Um Klartext zu sprechen, Sie sind viel zu schön für eine Ärztin. Ich frage mich, ob Ihre medizinischen Befähigungen genauso so talentiert sind, wir Ihre horizontalen.

Einspruch!, warf Portland erneut ein.

Abgelehnt!, antwortete Klink knapp. Fahren Sie fort, Herr Kuckmaster!

Der Staatsanwalt schien jetzt erst Betriebstemperatur zu erreichen. Sicherlich hat sich auch der Kommandant davon überzeugt?

Nein? Spinnen Sie jetzt total?, rief Jenny aufgebracht. Sie konnte sich wohl kaum mehr zusammenreißen und wusste sicher auch nicht, was das jetzt mit dem Fall zu tun gehabt hatte.

Kuckmaster grinste. Formulieren wir es mal so. Sie sind jung, attraktiv und haben viele Freunde an Bord des Schiffes. Wem gehört Ihre Loyalität?

Jenny blickte Kuckmaster misstrauisch an. Anscheinend überlegte sie, was er damit bezweckte. Schließlich antwortete sie: Dem Kommandanten und der Crew.

Kuckmaster fletschte die Zähne.

Und genau das habe ich mir gedacht. Sie sind Jeamour hörig! Die Treue eines Offiziers gehört nur dem Quarterium! Sie sind Soldatin des Reiches und keine Hostesse auf einem Luxusliner! Haben Sie sich überhaupt einmal Gedanken gemacht, dass sie quarteriale Verbündete angegriffen haben? Wo haben Sie Saraah hingebracht? Nun reden Sie schon!

Jenny starrte den Staatsanwalt entgeistert an. Sie schien wohl, genauso wie Wallace, an seinem Geisteszustand zu zweifeln. Dem Schotten wurde immer klarer, dass es sich hier um einen Schauprozess handelte.

Jenny wurde aus dem Zeugenstand entlassen. Nun war Wallace selbst an der Reihe. Er legte sein schelmisches Grinsen auf und guckte den Richter fragend an.

Sie sind 35 Jahre alt und in Schottland auf Terra geboren?, wollte Klink wissen. Sie haben eine Ausbildung auf Camelot gemacht und tun seit 1291 NGZ Dienst auf der IVANHOE. Korrekt?

Ja, Sir.

Und in dieser Zeit haben Sie wie viele Space-Jets zu Schrott geflogen?, mischte sich Kuckmaster wieder ein.

Ach, keine Ahnung. Waren ziemlich viele. Ein Dutzend oder zwei …

Aha. Verstehe! Sie scheinen das Eigentum anderer ja sehr zu schätzen. Doch genug davon. Saraah ist ihre Ex-Frau richtig? Sie lieben Sie noch, oder? Grund genug, einer Terroristin zu helfen?

Wallace zuckte mit den Schultern. So einfach wollte er es dem Staatsanwalt nun auch nicht machen. Kuckmaster las die Anklageschrift erneut vor. Er unterstellte Wallace, mit Jeamour kooperiert zu haben. Wallace bestritt das auch nicht, führte aber aus, dass nicht Saraah die Terroristin war, sondern die dorgonischen Soldaten. Kuckmaster reagierte darauf nicht. Er machte sich ein paar Notizen und blickte Wallace mal wieder abfällig an. Langsam stieg eine ziemliche Wut in Mathew hoch. Am liebsten hätte er diesem arroganten Fatzken eine Abreibung gegeben.

Sie sind also Ex-Mann einer Jerrer-Schlampe, resümierte Kuckmaster. Nun, wir werden diese Hure auch ohne Ihre Hilfe finden. Wissen Sie, was die Dorgonen mit weiblichen Separatisten machen? Sie verbannen sie in die Unterwelt von Dom. Dort sind viele üble Typen. Aber Ihre Nutte von Ex-Frau wird sich dort sicher in ein gemachtes Bett legen …

Jetzt explodierte Wallace. Er sprang auf und griff Kuckmaster an. Sofort eilten Wachen herbei, die mit Elektropeitschen auf Wallace einschlugen. Jenny Taylor, Jeamour und Portland wollten eingreifen. Doch die Wachen drängten sie zurück. Wallace wurde aus dem Saal geschleift. Als er wieder zu Besinnung kam, lag er in seiner Zelle.

Verdammt! Das hast du richtig gut verbockt, schimpfte er sich selbst aus. Er setzte sich in eine Ecke der Zelle und wartete …

Jeamour hoffte, dass Mathew Wallace nichts schlimmeres angetan wurde. Nun wurde er in den Zeugenstand gerufen. Das Verhör von Wallace und Taylor war wahrscheinlich nur das Vorspiel gewesen. Er war der Hauptangeklagte. Jeamour konnte sich den Sarkasmus nicht verkneifen, als er an die Beschuldigung dachte. Er hatte das Leben von Verfolgten gerettet und musste sich nun dafür vor Gericht verantworten.

Doktor Taylor hatte recht, als sie fragte, wie tief die Menschheit in Cartwheel gesunken war. Jeamour konnte sich nicht erklären, wie es dazu gekommen war. Übertriebener Patriotismus? Zu großes Vertrauen in Don Philipe de la Siniestro? Blindheit wegen der neuen Lemurischen Vereinigung? War alles so selbstverständlich geworden, dass man nicht mehr über die Konsequenzen des Handelns nachdachte?

Als er sich hingesetzt hatte, ratterte Klink auch Jeamours Personalien herunter: Xavier Jeamour, 87 Jahre alt, erfolgreiche Ausbildung bei der Raumflottenakademie. Lange Jahre Kommandant des Explorerschiffes DESTINY. Überwarf sich 1279 NGZ mit der Liga Freier Terraner und schloss sich der Unsterblichenorganisation Camelot an. Seit 1291 NGZ Kommandant der IVANHOE I und II. Sie können die Aussage verweigern, wenn Sie sich selbst belasten. Wie stehen Sie dazu?

Was für eine spöttische Frage!

Ich möchte aussagen, erklärte Jeamour. Danach schilderte er die Ereignisse aus seiner Sicht. Er machte kein Geheimnis daraus, dass er den Widerstandskämpfern geholfen hatte und das Adlerschiff auf seinen Befehl hin vernichtet wurde. Dies diente jedoch nur zur Verteidigung der eigenen Crew und der Verfolgten. Auch bekannte er sich dazu, den Befehl zur Inhaftierung von Oberstleutnant Schyll gegeben zu haben. Schyll war in seinen Augen nicht fähig gewesen, die Situation richtig einzuschätzen. Er bestätigte die Frage, dass Saraah und die anderen Widerstandskämpfer zur USO gebracht wurden. Gleichwohl betonte er allerdings nicht in Kenntnis der Koordinaten der Hauptwelt der United Stars Organisation zu sein.

Das war eine Lüge, doch Jeamour wollte nicht den Standort seiner Freunde preis geben. Der Kommandant nahm alle Schuld auf sich und erklärte, dass Jenny Taylor und Mathew Wallace nur seine Befehle ausgeführt hatten. Als Kommandant eines Schiffes trug einzig und allein er die Verantwortung.

Das ist doch Schwachsinn, brüllte Kuckmaster aufgeregt. Mathew Wallace brachte Saraah in Sicherheit, als Sie bereits kapituliert haben. Taylor wollte Doktor Ruon mit Gewalt daran hindern, eine Meldung an das Oberkommando abzuschicken. Nein, Jeamour, Sie müssen hier nicht den selbstgefälligen Helden mimen! Taylor und Wallace sind genauso schuldig wie Sie!

Kuckmaster schnaubte vor Erregung. Richter und Justizminister Glaus Klink folgte dem Verhör ruhig und emotionslos. Er strahlte eine unnatürliche Kälte aus, fand Jeamour. Mit so einem Vorsitzenden hatten sie sowieso keine großen Chancen auf einen fairen Prozess. Portland warf wieder einen Einspruch ein. Abermals wurde dieser abgelehnt. Jeamour sah dem Verteidiger den Groll an.

Nach Jeamours Verhör wurden Glaus Schyll und anschließend Ignaz Ruon als Zeugen eingeladen. Natürlich belasteten die beiden die Angeklagten. Portland rief Glaus Schyll erneut in den Zeugenstand.

Oberst Schyll, liegt das Quarterium im Krieg mit Jerrat?

Schyll blickte Portland verdutzt an. Flakk bat den neuen Kommandanten der IVANHOE seine Frage zu beantworten. Schyll erklärte, dass man sich nicht im Krieg mit Jerrat befand.

Gut, liegt das Quarterium im Krieg mit der erstartischen Föderation? Ersparen Sie sich die Antwort. Sie ist nein, stellte Portland fest. Dann wandte er sich an den Richter. Euer Ehren! Saraah ist Bürgerin Jerrats, das sich selbst als selbständige Welt ansieht und die Okkupation durch Commanus 1298 NGZ nicht anerkannt hat. Des Weiteren reiste Senatorin Saraah als Sprecherin der estartischen Förderation, ermächtigt durch den ehrenwehrten Sruel Allok Mok, einst Generalsekretär von Paxus! Sie genoss diplomatische Immunität! Sie war auf diplomatischer Mission unterwegs, um auf die Missstände in Estartu aufmerksam zu machen. Admiral Jeamour hat dies respektiert und alles Erdenkliche getan, um die Dorgonen zu einer friedlichen Lösung zu drängen. Allein der Kommandant des Adlerschiffes trägt die Verantwortung für die Vernichtung seines Schiffes. Jeamour hat als Terraner völlig korrekt gehandelt. Ihm und seiner Crew ist kein Vorwurf zu machen. Oder missachtet das Quarterium neuerdings die diplomatische Immunität?

Kuckmaster verdrehte die Augen und machte sich ein paar Notizen. Herausfordernd blickte er den Richter an. Dieser schien über die Worte von Portland nachzudenken. Zum ersten Mal schöpfte Jeamour Hoffnung. Der Argumentation von Henry Portland konnte man nichts entgegen werfen. Doch Flakk setzte noch eines drauf!

Vielmehr muss man Admiral Jeamour für sein Verhalten belobigen. Das Adlerschiff ist ohne Erlaubnis in quarteriales Hoheitsgebiet vorgedrungen und wollte Selbstjustiz verüben. Anstatt den Anweisungen eines Repräsentanten des Quarteriums Folge zu leisten, griff es die IVANHOE an!

Das ist doch die Höhe! Sie verdrehen völlig die Tatsachen, rief Kuckmaster.

Dann haben wir ja etwas gemeinsam, erwiderte Portland.

Ruhe jetzt!, mischte sich Glaus Klink ruhig ein. Er blickte die Beteiligten streng an und schwieg.

Niemand wusste, was jetzt kommen würde. Jeamour glaubte, dass Klink sich von Portland überzeugen lassen würde. Vielleicht gab es doch noch eine Gerechtigkeit. Er wechselte einen kurzen Blick mit Doktor Taylor, die auch zuversichtlicher als vorher wirkte.

Vielleicht überdenkt der alte Sack seinen Standpunkt, flüsterte sie zu Jeamour, der darüber schmunzelte. Das Lachen verging ihm jedoch schnell.

Oberst Portland. Die Verhandlung wird aufgrund eines Formfehlers in Ihrer Aussage abgebrochen und auf morgen früh verschoben. Bis dahin können Sie sich überlegen, was Sie falsch gemacht haben.

Portland stand mit offenem Mund auf und schien nicht zu glauben, was Richter Klink eben gesagt hatte. Für Jeamour brach eine Welt zusammen. Das konnte nicht möglich sein. Wie konnte er so was tun? Jenny wurde wütend und sprang auf.

Das kann doch nicht Ihr Ernst sein! Sie sind doch bestochen!, schrie sie den Vorsitzenden aufgebracht an.

Jeamour zuckte dabei zusammen. Das nahm bestimmt kein gutes Ende. Doch Klink überhörte offenbar Jennys Wutausbruch und pochte mit dem Hammer auf den Tisch. Anschließend verließ er wortlos den Gerichtssaal. Portland sackte auf den Stuhl und schaute die beiden Beschuldigten traurig an.

Wir haben keine Chance mehr …

Flakk bestätigte die Vermutung von Jeamour. Sie konnten diesen Prozess nicht gewinnen. Das Urteil stand schon vorher fest. Jenny Taylor fing an zu zittern. Sie wurde kreidebleich und musste sich wieder setzen. Jeamour legte seinen Arm um die Schulter der Terranerin und drückte sie. Wenn kein Wunder morgen geschehen würde, war ihr Schicksal besiegelt.

Kapitel 3
Artenbestandsregulierung

Anya Guuze hatte sich schick angezogen. Ihr Ehemann Krizan hatte es auch von ihr gefordert. Schließlich sollte sie besonders hübsch aussehen, wenn sie mit dem Justizminister Glaus Klink zu Abend dinierten.

Anya trug ein schwarzes, schulterfreies Abendkleid. Ein modischer Auschnitt am rechten Bein sicherte ihr einige Blicke. Ihr Dekolleté war bedeckt. Zu aufreizend sollte sie auch nicht wirken. Ein Butler öffnete die Tür. Krizan Bulrich stellte sich und seine Frau vor. Der Bedienstete bat die beiden herein. Während er Glaus Klink und seine Gemahlin Urzul informierte, musterte Bulrich seine Freundin.

Benimm dich ja gut. Ich will nicht, dass du mich blamierst. Das ist ein Riesenauftrag für mich. Katschmarek und Niesewitz haben ein Auge auf mich geworfen.

Anya seufzte und richtete die Krawatte ihres Mannes. Manchmal fragte sie sich, ob es richtig gewesen war, ihm vor vier Jahren noch einmal eine Chance zu geben. Schließlich hatte er sie damals im Stich gelassen, als sie die Geisel von Ian Gheddy gewesen war. Doch irgendwie glaubte sie an seine Liebe. Außerdem wurde aus dem Taugenichts ein angesehener Mitarbeiter der inneren Sicherheit. Bulrich war Spezial-Agent der Cartwheel Intelligence Protective und arbeitete zur Zeit an einem streng geheimen Projekt. Nicht einmal Anya wusste, worum es ging. Doch sie bewunderte ihren Ehemann für sein Engagement. Er hatte sie überrascht und beeindruckt. Das war vielleicht der Hauptgrund, warum sie ihm letztlich das Ja-Wort gegeben hatte.

Aus einem Taugenichts war ein verantwortungsvoller Diener des neuen Imperiums geworden. Außerdem verdiente er jede Menge Galax. Anya konnte sich alles kaufen, was sie wollte. Sie fuhr einen schnittigen Sportgleiter, trug edelste Kleider und lebte mit Bulrich in einem Bungalow am Strand von New Terrania. So ein Leben hatte sie sich vorgestellt. Anya selbst arbeitete als Public-Relation-Beraterin in einer Marketingfirma von Shorne Industries. Sie hatte diesen Beruf durch Krizan Bulrichs Beziehungen bekommen. Es gab also duzend Gründe für die attraktive Terranerin, zufrieden mit ihrem Leben zu sein.

Der Diener rief die beiden zu sich und führte sie in den Speiseraum. Dort wurden die beiden von Urzel und Glaus Klink begrüßt. Anya versuchte sich ihren Ekel gegenüber Urzel Klink nicht anmerken zu lassen. Die Frau war fett, hässlich und stank penetrant nach Zigarettenrauch. Klink wirkte auf sie sehr unheimlich. Kalt und finster! Zurückhaltend reichte er ihnen die Hände. Er bedachte Anya kaum eines Blickes, was Guuze sehr verwunderte. Kein Mann schaffte es auf Dauer, sie nicht anzustarren!

Der Butler servierte eine Spargelsuppe. Natürlich gab es hier nur typisch terranisches Essen. Anya guckte sich im Zimmer um. Ebenso wie der Gastgeber wirkte alles hier sehr kalt und oberflächlich. Einige Auszeichnungen aus Klinks Karriere hingen an der Wand. Ansonsten wirkte die braune Tapete eher trist und geschmacklos auf Guuze.

Ich danke Ihnen für die nette Einladung, begann Anya sich etwas zu unterhalten. Klink brummelte etwas leise vor sich hin. Das ganze Essen verlief ruhig und ebenso unterkühlt wie die Begrüßung.

Die Männer wollen sicher über die Artenbestandsregulierung reden, meinte Urzul Klink zu wissen.

Anya blickte ihren Ehemann fragend an. Von einer Artenbestandsregulierung hatte sie noch nie etwas gehört. Worum handelte es sich darum?

Bulrich räusperte verlegen. Nun, Schatz, es geht bei der Artenbestandsregulierung um eine Vision des großen Imperatore. Da einige Wesen nicht bereit sind, die Gesetze und Ansichten des Quarterium zu respektiert, wird diese Art reguliert. Im großen und ganzen bedeutet das eine Umsiedlung in autonome Gebiete für diese Wesen. Sie kriegen in Cartwheel eine neue Heimat, die sie autark vom Quarterium regieren dürfen. Damit beugt der Imperatore etwaigen Bürgerkriegen oder Separatistenbewegungen vor. Herr Katschmarek ist mit dieser Regulierung beauftragt und ich unterstütze ihn dabei.

Aha, machte Anya. Sie wusste nicht so recht, was sie davon halten soll.

Klink schwieg. Er starrte sie finster an. Aber das machte er wohl bei jedem Wesen so. Sie fragte sich, wie so ein Mensch überhaupt geliebt werden konnte. Zumindest seine Frau tat das wohl.

Diese politischen Besprechungen unterliegen der Schweigepflicht. Wenn die Damen so freundlich wären, forderte Klink unhöflich.

Urzel verstand sofort und verließ den Raum. Bulrich bat seine Frau, doch im Gleiter auf ihn zu warten.

Anya kam das nicht geheuer vor, doch sie fügte sich dem Wunsch ihres Ehemannes.

Hastig steckte sich Bulrich eine Zigarette an. Das wäre beinahe schief gegangen. Trotz allem Geld besaß Anya noch Moral und Ethik. Wüsste sie über die wahren Motive der Artenbestandsregulierung Bescheid, hätte sie bestimmt kein Verständnis. Vielleicht würde sie sogar eine Dummheit begehen.

Ihm waren die Motive der Regierung relativ egal. Bulrich konnte beim Quarterium Karriere machen und jede Menge Geld verdienen. Es war ihm relativ egal, was aus den Umgesiedelten werden würde. Noch stand es auch nicht so richtig fest.

Nun, Herr Bulrich. Weshalb sind Sie genau hier?, forschte Klink misstrauisch nach. Der ständig auf ihm ruhende Blick des Justizministers machte ihn nervös. Bulrich hatte seitdem er bei der Cartwheel Intelligence Protective seinen Dienst absolvierte viele seltsame Gestalten gesehen. Besonders der General-Kommandeur Stevan da Reych blieb ihm in Erinnerung. Ähnlich wie Klink lösten solche Menschen ein ziemliches Unbehagen bei dem jungen Terraner aus.

Der Minister für die ABR Katschmarek hat mich beauftragt, mit Ihnen die rechtliche Lage abzuklären, fing Bulrich an.

Aha, machte Klink nur emotionslos.

Bulrich wusste nicht, ob er jetzt fortfahren durfte oder nicht. Nach schier endlosen Momenten für ihn, führte er weiter aus: Es könnten diverse Klagen von deportierten Aliens an den Gerichtshof herangetragen werden. Dementsprechende Gesetze müssten verabschiedet werden.

Klink zündete sich eine Zigarette an und betrachtete Bulrich mit seinen wasserblauen Augen. Er sagte kein Wort.

Uns ist wohl allen klar, dass die ABR nicht ganz legal im eigentlichen Sinne sein wird. Wir locken die Aliens unter falschen Vorwand in die neu angelegten Ghettos, enteignen sie darauf hin und …

Und?, hakte Klink nach.

Bulrich wusste nicht, wie er es dem Justizminister erklären sollte. Es war für ihn selbst kaum fassbar. Doch der Plan der Regierung sah eine dauerhafte Deportation in so genannte Entsorgungslager vor. Dort sollte die Artenbestandsregulierung vollzogen werden. Was sich genau dahinter verbarg, wusste selbst Krizan Bulrich nicht. Alles befand sich noch in der Planung und sollte im Laufe des Jahres umgesetzt werden. Bulrichs Aufgabe war es die rechtlichen, wirtschaftlichen und arbeitstechnischen Maßnahmen für diese Operation einzuleiten.

Letztendlich war es ihm auch egal, was mit den Wesen passieren würde. Es war nur darüber informiert, dass die Entsorgungslager wohl auf Objursha, Davau und Koshan errichtet werden sollten. Mehr wollte er auch nicht wissen. Insgeheim hoffte Bulrich, niemals eines der Lager inspizieren zu müssen.

Sie schulden mir noch eine Antwort, erinnerte ihn Klink.

Ah, ja …nun, sie werden in die Entsorgungslager deportiert. Dort werden sie Zwangsarbeit leisten und ihre Spezies wird reguliert werden.

Klink schmunzelte! Bulrich konnte es kaum glauben. Das war die erste Gefühlsregung dieses Menschen. Anscheinend schien ihm die Idee der Artenbestandsregulierung zu gefallen. Glaus Klink versicherte Bulrich, sich um die Rechtslage zu kümmern und alle notwendigen Gesetze zu entwerfen. In einem Anfall von Euphorie erzählte Klink dem Special-Agenten, dass das Quarterium eine gute Sache wäre. Sie würden die Menschen wieder zu Wesen erster Klasse machen und sie ihrem eigentlichen Schicksal zuführen – der Herrschaft über das Universum! Klink schob alles Unheil auf die hässlichen, unnatürlichen Außerirdischen. Sie waren seiner Meinung nach für Kriminalität, schlechtes Wirtschaftswachstum und schwindende Ethik verantwortlich. Daher war es in Klinks Augen nur sinnvoll, den Artenbestand zu regulieren.

Bulrich versuchte sich von derlei Ansichten fern zu halten. Letztlich erledigte er nur seinen Job. Hauptsache er bekam monatlich sein gutes Gehalt und konnte sich irgendwann frühzeitig ein schönes Leben machen.

Bulrich übergab dem Justizminister noch ein paar Unterlagen und verabschiedete sich von ihm. Als er am Gleiter seiner Frau angekommen war, setzte er sich hinein und lockerte die Krawatte.

Und?, hakte Anya nach.

Ich will nicht drüber reden! Ist alles gut verlaufen. Klink erledigt seine Arbeit, wie ich die meine. Keine Fragen.

Anya schwieg und startete den Gleiter. Bulrich blickte mit glasigen Augen aus dem Fenster. Für einen kurzen Moment dachte er doch an die Betroffenen. Was sie planten waren nicht nur Deportation und Sklavenarbeit. Nein! Jeder, der an der ABR beteiligt war, musste sich über eines sehr schnell im Klaren werden. Was hier geplant wurde, war die Vernichtung Millionen von Lebewesen, war Massenmord! Das war die Regulierung des Artenbestandes!

Fahr zum nächsten Supermarkt. Ich muss mich betrinken, forderte Bulrich. Er wollte sich für heute keine Gedanken mehr über die ABR machen. Alkohol half ihm dabei.

Kapitel 4
Das Urteil

Mathew Wallace hatte ein blaues Auge. Ansonsten schien es ihm wieder recht gut gehen. Zumindest lächelte er Jenny Taylor schelmisch an. Sie war froh, dass es ihm wieder besser ging. Vor allem freute es sie, dass er heute auch hier war. Jenny hatte große Furcht vor dem Urteil und würde den Beistand von Mathew und Admiral Jeamour benötigen. Obwohl es die beiden ebenso hart treffen würde. Vielleicht noch schlimmer als Jenny selbst. Sie wusste es nicht.

Glaus Klink betrat den Raum. Die drei der IVANHOE mussten aufstehen. Jenny ließ ihren Blick durch das Publikum schweifen. Kein einziges Besatzungsmitglied der IVANHOE war anwesend. Nur Schyll und Ruon bildeten eine Ausnahme. Ansonsten wahrscheinlich alles Angehörige der quarterialen Partei. Außer Robert Mohlburry und sein Indentant Guy Pallance waren wohl auch keine Reporter anwesend. Taylor fand diese Tatsache sehr befremdlich. Das Quarterium hatte wohl eine Liveberichterstattung verboten.

Sie bezweifelte auch, dass ihre Freunde Tania, Irwan, Lorif und Zyrak aus purer Absicht fehlten. Sicherlich wurde es ihnen ebenfalls verboten.

Der Prozess dauerte noch zwei endlose Stunden. Einige Besatzungsmitglieder der IVANHOE wurden vernommen. Alle sagten natürlich gegen Jeamour, Taylor und Wallace aus. Jenny kannte einige der Leute gar nicht. Gut, das war bei einem so großen Schiff auch nicht verwunderlich. Es kam ihr trotzdem mysteriös vor.

Schließlich schloss Klink die Beweisaufnahme. Tirk Kuckmaster hielt sein abschließenes Plädoyer:

Sehr geehrte Damen und Herren, Herr Verteidiger, hohes Gericht! Im Laufe dieses Prozesses hat sich klar herausgestellt, dass die drei Angeklagten schuldig im Sinne der Anklage sind. Xavier Jeamour hat den Befehl zum tödlichen Angriff auf das Adlerschiff gegeben. Er hat mit den Terroristen kooperiert. Mathew Wallace hat ihn nach besten Kräften unterstützt. Sowohl im Kampf als auch bei der Flucht der Terroristen. Jenny Taylor hat mutwillig Doktor Ruon an der Benachrichtigung des Oberkommandos gehindert. Sie billigte nicht nur Jeamours und Wallace Hochverrat – sie unterstützte ihn auch. Die Staatsanwaltschaft fordert einen unehrenhaften Ausschluss aus der Armee auf Lebenszeit für alle drei. Miss Taylor darf nie wieder in Cartwheel als Arzt praktizieren. Für Xavier Jeamour forderte ich fünfzig Jahre Gefängnis, für Mathew Wallace vierzig Jahre und für Jenny Taylor fünfundzwanzig Jahre Strafvollzug. Natürlich ohne Bewährung und am besten in der Strafvollzugsanstalt auf Davau. Danke.

Wallace stieß einen Pfiff aus. Auch Jeamour war alles andere als begeistert. Doch der Kommandant schien damit wohl schon gerechnet zu haben. Jennys Angst wurde von Moment zu Moment größer. Fünfundzwanzig Jahre in diesem schlimmen Gefängnis auf Davau. Dort wurden nur die gefährlichsten Schwerverbrecher hingebracht. Unbewusst umklammerte sie den Knauf ihrer Armlehne immer fester. Hoffnungsvoll sah sie Henry Portland an, der nun an der Reihe war, sein Schlussplädoyer zu halten.

Herr Staatsanwalt, hohes Gericht. Anscheinend haben Sie während dieses Prozesses nichts gelernt. Die drei Angeklagten haben einer Botschafterin der estartischen Föderation diplomatischen Schutz gewährt. Die Vernichtung des Adlerschiffes war Notwehr. Daher sind die Angeklagten in allen Punkten freizusprechen. Das Ausscheiden aus der Armee des Quarteriums ist jedoch aufgrund tief liegender Meinungsverschiedenheiten akzeptabel. Eine Ausweisung in die Milchstraße wäre ebenfalls für meine Mandanten zumutbar. Ich bitte das hohe Gericht, dies zu bedenken. Ebenfalls möchte ich darauf hinweisen, dass Admiral Xavier Jeamour, Major Mathew Wallace und Doktor Jennifer Taylor stets ihre Pflicht erfüllt haben und mehr als einmal kosmische Heldentaten vollbracht haben. Es wäre eine Schande, sie auf diese billige Art zu bestrafen.

Portland setzte sich.

Jenny hoffte, dass seine Worte auf Verständnis beim Richter gestoßen waren. Klink forderte die Anwesenden auf, sich zu erheben. Verwundert stand Jennifer Taylor auf. Mathew und Jeamour taten es ihr nach. Warum beriet sich das Gericht nicht? Konnte Klink so schnell ein Urteil fällen?

In Jennifer kam die Befürchtung hoch, dass er das Urteil bereits gestern festgelegt hatte. Plötzlich fing sie an zu zittern. Wallace bemerkte dies und nahm ihre Hand. Sie war ihm unendlich dankbar für diese freundschaftliche Geste. Es gab ihr das Gefühl, nicht allein zu sein.

Xavier Jeamour und Mathew Wallace werden wegen Hochverrates und fünftausendfachen Mordes zum Tode durch Erschießen verurteilt. Die Exekution wird morgen früh um sechs Uhr stattfinden. Doktor Jennifer Taylor wird für den Rest ihres Lebens im Strafvollzugslager Davau inhaftiert werden. Aufschiebung und Berufung sind nicht möglich.

Jennys Knie wurden plötzlich weich. Sie sackte zusammen. Mathew hielt sie und half der Ärztin sich wieder hinzusetzen. Er starrte den Richter fassungslos an. Auch Jeamour konnte kein Wort mehr sagen. Stumm ließ er sich auf seinen Stuhl fallen und stierte auf den Boden.

Portland legte bedauernd seine Hand auf Jennys Schulter. Es tut mir Leid, flüsterte er.

Ich bin noch nicht fertig!, gellte Klink. Ich möchte noch anmerken, dass die Todgeweihten nicht in ihrer Uniform zur Hinrichtung erscheinen dürfen. Sie sollen in Unterwäsche bekleidet zum Schafott geführt werden.

Klink zeigte Emotionen. Seine Stimme vibrierte. Hass und Abscheu klang aus seinen Worten.

Sie sollen ein Schild mit der Aufschrift Ich bin ein Verräterschwein tragen. Ihre Leichen werden verbrannt. Eine Grabstätte wird es nicht geben.

Mit deutlich erkennbarer Genugtuung schlug er dreimal mit seinem Hammer auf den Tisch. Tirk Kuckmaster schaute zu den Verurteilten herüber. Nicht einmal der Staatsanwalt hatte das gefordert. Klink wollte Jeamour und Wallace sterben sehen. Der Richter und der Staatsanwalt verließen den Gerichtssaal.

Jenny fing an zu weinen. Jeamour wandte sich seiner Ärztin zu und nahm sie in den Arm. Taylor wusste nicht, über was sie zuerst weinen sollte. Über ihr eigenes Schicksal oder das Todesurteil von Jeamour und Wallace.

Mathew wurde kreidebleich, als er offenbar realisierte, dass er morgen um diese Uhrzeit nicht mehr am Leben sein würde.

Xavier Jeamour und Mathew Wallace würden in wenigen Stunden sterben!

Wallace kauerte in einer Ecke der Zelle und sagte kein Wort. Was sollte er auch noch sagen? Alles war verloren! So viele Abenteuer hatte er erlebt und war dem Tod mehr als einmal von der Schippe gesprungen. Doch er konnte sich in diesen Situationen immer wieder wehren. Diesmal war das nicht der Fall. Vom eigenen Volk zum Tode verurteilt. Das war bitter! So unendlich traurig und niederschlagend.

Seine Gedanken kreisten um Saraah. Niemals würde er sie wiedersehen. Dabei hatte er so sehr gehofft, dass sie wieder zueinander finden würden. Alles vorbei. Aus und vorbei! Er blickte zu Xavier Jeamour, der am Tisch saß und sich vom Servo die Henkersmahlzeit bringen ließ.

Kommen Sie, Mathew! Es wird das letzte Mal sein, dass wir auf Staatskosten dinieren dürfen.

Wallace lachte bitter. Wie konnte man jetzt ans Essen denken? Er würde keinen Bissen herunter bekommen. Trotzdem folgte er der Aufforderung von Jeamour und setzte sich an den Tisch.

Jeamour hob die Flasche Wein und las sich das Etikett durch – Chernomorski Rayon aus Bulgarien. Vina ot declariran geografski Rayon. Hm, Wein vom schwarzen Meer. Gibt es für zwei Galax im Fachhandel. Wie exklusiv …

Trotzdem füllte er sich das Glas voll. Er nippte vom Glas und versuchte, die Reife des Weines zu schmecken.

Süffig, aber in Ordnung, stellte er zufrieden fest. Dann schenkte er Wallace Glas voll.

Mathew blickte seinen Kommandanten verständnislos an. War das Galgenhumor? Oder schlichtweg ein psychischer Kollaps? Vielleicht wollte sich Jeamour das Todesurteil nicht eingestehen. Wallace tat es. Er setzte sich mit der Realität auseinander. Morgen würde er sterben.

Das Essen ist auch nicht das teuerste, meinte Jeamour amüsiert. Anscheinend wollen sie keinen müden Galax mehr in uns investieren.

Wallace reichte es jetzt. Er warf das Weinglas in die Ecke. Mit einem Knall zersplitterte es an der Wand. Wie können Sie so gelassen sein, Sir? Wir werden morgen hingerichtet und Jenny wird für den Rest ihres Lebens auf Davau verschimmeln. Die Typen vom Quarterium haben uns gelinkt. Die ganze Zeit. Wir hatten keine Chance …

Wallace vergrub das Gesicht zwischen die Hände. Er war verzweifelt. So wollte er nicht enden. So nicht!

Mathew, es ist schwer zu verstehen, doch die Hoffnung stirbt zuletzt, erklärte Jeamour.

Wallace schüttelte den Kopf. Eines musste man Xavier Jeamour lassen – er versuchte Wallace bis zum bitteren Ende Mut zu machen.

Welchen Anlass zur Hoffnung gab es noch? Keinen! Sie saßen hier in einem streng bewachten Hochsicherheitstrakt. Ihren Freunden waren die Hände gebunden. Mathew bezweifelte nicht, dass Irwan und Lorif nicht unter ständiger Beschattung standen. Niemand konnte ihnen helfen.

Tirk Kuckmaster saß in seinem Wohnzimmer und lümmelte sich auf sein Sofa. Er ahnte nicht, dass er observiert wurde. Die Beobachter hatten das Gefühl, als schien der Staatsanwalt mit sich und seiner Arbeit im höchsten Maße zufrieden zu sein.

Zwei knapp bekleidete Frauen kamen plötzlich ins Zimmer. Eine Terranerin und eine Arkonidin. In der Tat hatten beide mehr aus- als angezogen. Die eine platzierte sich zu seiner linken. Die Arkonidin direkt vor ihm. Sie zog Kuckmaster die Hosen herunter.

Wird der liebe Tirk milderne Umstände bei unseren Prozess walten lassen?, erkundigte sich die Terranerin, während sie ihre Zunge über seinen Hals gleiten ließ.

Oh ja, das wird er, murmelte Kuckmaster in Extase.

Er wühlte in seiner Brusttasche herum und holte drei kleine Stangen heraus. Sie schimmerten grünlich. Er gab den beiden Frauen je eine und injizierte sich selbst die Droge. Das Rauschmittel zeigte sofort seine Wirkung. Er streifte das Oberteil der Terranerin ab und begann von ihren prallen Brüsten zu kosten.

Die Beobachter hatten nun genug gesehen. Die drei Männer stürmten in die Wohnung. In Panik schrien die beiden Frauen auf.

Sam Tyler hechtete durch den Raum und drückte Kuckmaster die Mündung eines aktivierten Thermostrahlers an die Schläfe. Gal’Arn und Jonathan Andrews betraten nun auch das Zimmer. Gal’Arn wies Andrews an, sich um die beiden Frauen zu kümmern. Er nahm eine Decke und legte sie über die unbekleidete Terranerin. Anschließend drückte er ihnen ein paar Galax in die Hand.

Damit kommt ihr eine Weile über die Runden. Überdenkt euer Leben und macht etwas Sinnvolles aus euch, sprach er eindringlich.

Die Terranerin und die Arkoniden staunten nicht schlecht über das viele Geld. Sie drückten Jonathan einen Kuss auf die Wange und verließen Kuckmasters Zimmer. Mit der kleinen Entschädigung hatte sich der Ritter auch ihre Verschwiegenheit gekauft. Gal’Arn bemerkte Andrews Schmunzeln.

Tja, Frauen wissen halt, wie man es einem am besten dankt, meinte Jonathan grinsend. Dann wurde er wieder ernst und blickte zu Kuckmaster, der in einer wenig würdevollen Pose mit herunter gelassenen Hosen auf der Couch kauerte. Hohes Gericht. Folgendes wird dem Wichser Kuckmaster zur Last gelegt. Drogenkonsum, Propaganda und ein völlig unmoralisches Benehmen gegenüber Gästen.

Tyler hatte sein diabolischstes Grinsen aufgesetzt, als er die Worte sprach. Er musterte Kuckmaster langsam von oben bis unten. Das war dem Staatsanwalt sichtlich peinlich. Gal’Arn jedoch erlaubte ihm, sich wieder anzukleiden. Zitternd und übereilt stülpte er sich die Hose über und starrte die drei Besucher fassungslos an.

Was wollen Sie von mir? Ich habe Geld … ich bin einflussreich …

Tyler drückte seine Waffe an Kuckmasters Nase. Er sagte nichts, ließ die Präsenz der Waffe für sich sprechen.

Nun mischte sich der Ritter der Tiefe ein. Er beugte sich auf ein Knie, damit er sich in Augenhöhe zu Kuckmaster befand.

Sie haben einen Sicherheitspass für den Hochsicherheitstrakt. Wie Sie wissen, werden dort alle Gefangenen während ihres Prozesses oder vor Vollstreckung des Urteils inhaftiert. Führt uns dorthin und ihr dürft am Leben bleiben.

Gal’Arns Worte waren ungewöhnlich ernst gesprochen. Er drohte Kuckmaster mit dem Tod. Andrews blickte fragend zu seinem Meister. Tyler hätte den Staatsanwalt wohl am liebsten sofort niedergeschossen.

Aber … da kommt ihr nicht rein, stotterte Kuckmaster. Ich schon – ihr drei nicht! Ich kann euch unmöglich dort hinein schmuggeln!

Überlassen Sie das uns, antwortete Gal’Arn ruhig.

Er gab Sam Tyler ein Zeichen, der den Richter unsanft am Kragen packte und hochzog.

Als Kuckmaster auf eigenen Beinen stand, presste ihm Tyler seinen Thermostrahler in den Rücken. Darf ich bitten?

Kapitel 5
Die waghalsige Flucht

Herein!, rief Glaus Schyll unfreundlich.

Das Türschott schob zur Seite und Tania Walerty stand an der Schwelle. Schylls Augen weiteten sich, als er erkannte, wie weit ihre Uniform geöffnet war.

Hi, säuselte sie. Darf ich hereinkommen?

Schyll bat sie herein. Was wollen Sie?

Tania setzte sich auf sein Sofa und schlug die Beine übereinander. Sie bemerkte genau, dass Schyll sie eingehend studierte. Sein Blick wanderte von ihren hochhackigen Lederstiefeln über ihre Knie, ihren Schoß bis hin zu ihrem geöffneten Dekolleté. Sie schaute ihn aus halb geöffneten Augenlidern an.

Sie wissen, dass ich Karriere machen will. Bei Xavier war das nicht so einfach. Er war ein guter Kommandant, belohnte aber nur dienstliche Leistung. Ich frage mich, ob ich nicht bei Ihnen mehr Erfolg haben könnte?

Schyll goss sich ein Glas Vurguzz ein. Tania wollte auch etwas von dem grünen Getränk. Lächelnd überreichte er ihr ein zweites Glas. Beide stießen an. Dann setzte er sich zu ihr und fuhr mit seinem Finger über ihre Beine.

Sie sind bei Despair abgeblitzt. Nun wollen Sie es bei mir versuchen. Kleveres Mädchen, flüsterte Schyll.

Tania lehnte sich zurück und streichelte mit ihrem rechten Fuß seine Hüfte. Sie bemerkte Schylls Erregung. Er kam ihr näher.

Eine handfeste Terranerin ist mir aber auch lieber als Erste Offizierin als ein Blechhaufen oder eine Blue-Kreatur.

Er wollte sie küssen, doch sie zog die Beine an und drückte ihn sanft weg.

So einfach bin ich auch wieder nicht zu haben.

Schyll erhob sich und lief aufgeregt durch den Raum. Tania beobachtete ihn. Was hatte er jetzt vor? War sie zu weit gegangen? Sie nahm einen Schluck Vurguzz und stand ebenfalls auf. Langsam schritt sie zu Schyll und streichelte durch sein Haar. Es war irgendwie klebrig und gar nicht geschmeidig. Tania musste sich beherrschen. Schließlich bezweckte sie etwas mit ihrem Versuch.

Plötzlich summte das Interkom auf. Wütend ging Schyll heran.

Lorif erschien per Hologramm. Oberst Schyll, ich wollte Sie nur an die für heute Abend geplante Übung erinnern, erklärte der Posbi.

Verdammt!, stieß Schyll wütend aus. Er schaute zu Tania, die sich elegant wieder auf das Sofa niederließ und betont ihre Brust anspannte. Sie lächelte Schyll an.

Die Übrung wird auf morgen verlegt. Geben Sie der Crew frei. Sie soll sich auf Paxus amüsieren. Ich gedenke selbiges zu tun.

Aber, Sir?, wandte Lorif ein, doch Schyll beendete einfach die Verbindung. Anscheinend wollte er heute nichts mehr zwischen ihm und Tania Walerty bekommen.

Ein romantisches Kerzenscheinessen wäre doch was?, fragte Tania.

Schyll, der offenbar endlich zur Sache kommen wollte, blickte sie entgeistert an. Dann rief er einen Servo herbei, der den Tisch deckte. Wenige Minuten später servierte der kleine Droide eine schnell zubereitetes Mahlzeit.

Hm, was gibt es denn Leckeres?, erkundigte sich Tania und fletschte sich auf den Sessel aus Formenergie, der just in dem Moment projeziert wurde, als sie sich niederließ. Hungrig kostete sie von dem zarten Fleisch. Es schmeckte aber irgendwie seltsam. Das Fleisch zerging widerstandslos auf der Zunge. Für Tanias Geschmack war es etwas zu weich und hatte einen zu derben Nachgeschmack.

Schyll setzte sich ihr gegenüber und starrte sie fortwährend an. Tania behagten diese Blicke nicht.

Was ist das überhaupt?, wollte sie schließlich wissen.

Affengehirn, antwortete Schyll und stopfte sich genüsslich einen großen Happen von der Delikatesse in den Mund.

Tanias Miene versteinerte sich. Ungeniert spuckte sie das Zeug sofort aus und nahm einen kräftigen Schluck vom Vurguzz.

Jeamour schien endlich satt zu sein. Wallace stocherte noch unmotiviert im Essen herum. Warum sollte er sich jetzt noch den Magen vollschlagen? Morgen würde er tot sein! Hätte er doch nur eine Möglichkeit auszubrechen. Wütend warf er die Gabel in die Ecke.

Jeamour schüttelte den Kopf. Mein Erster Offizier sollte nicht so hitzköpfig sein, bemerkte er gelassen und nahm noch einen großen Schluck vom bulgarischen Wein. Dann schaute er auf sein Chronometer.

Wallace verstand nicht, wie Jeamour so leichtfertig mit der Situation umgehen konnte. Vielleicht spielte der Kommandanten auch nur etwas vor, um Wallace einen gewissen Grad der Sicherheit zu geben.

Plötzlich öffnete sich die Zellentür. Mit diesem Besucher hatte Wallace nun wirklich nicht gerechnet. Der Staatsanwalt Tirk Kuckmaster stand mit bleicher Miene vor ihnen. Wallace schaute ihn verdutzt an. Kuckmaster betrat langsam die Zelle. Plötzlich tauchten drei Gestalten hinter ihm aus dem Nichts auf.

Johnny!, rief Wallace enthusiastisch.

Gal’Arn, Jonathan Andrews und Sam Tyler hatten ihre Tarnfelder deaktiviert und befanden sich im Zellenraum.

Jetzt schnell!, rief Gal’Arn.

Tyler baute eine kleine Transmitterstation auf und aktivierte sie. Gal’Arn lief derweil in die Nachbarzelle und befreite Jenny Taylor.

Jeamour lächelte die drei Befreier an. Das wird aber auch Zeit.

Wallace starrte seinen Kommandanten verblüfft an. Jeamour hatte von der Befreiungsaktion gewusst! Deshalb war er so gleichgültig mit dem Urteil umgegangen. Wallace verfluchte sich selbst für seine Naivität. Er hätte es besser wissen müssen.

Fertig, meldete Tyler.

Wohin führt uns dieser Transmitter?, wollte Jenny Taylor wissen.

Direkt zur IVANHOE, meine Liebe, erklärte Jeamour und forderte Doktor Taylor auf, hindurch zu gehen. Mit einem Lächeln befolgte sie der Bitte ihres Kommandanten und verschwand durch das Transmitterfeld. Tyler schlug Kuckmaster bewusstlos und sprang auch in den Transmitter. Dann trat auch Wallace durch das Bogenfeld.

Als er auf der anderen Seite des Transmitters rematerialisierte, grinste ihn Zyrak Wygal an.

Hallo, Sir!

Wallace musste nun auch lachen. Er umarmte den Blue. Dann wurde er von Lorif und Irwan Dove begrüßt.

Gal’Arn, Jonathan Andrews und Xavier Jeamour befanden sich nun auch auf der IVANHOE. Tyler erklärte, dass sich der Transmitter nun selbst zerstören würde, um ihre Spuren zu verwischen. Die Wachmannschaften des Hochsicherheitsblockes würden sicherlich innerhalb der nächsten Minuten ihr Verschwinden bemerken.

Jeamour klatschte in die Hände. Also gut, machen wir die IVANHOE startklar!

Wallace glaubte nicht richtig zu hören.

Sir?, fragte er irritiert nach. Was ist mit Schyll und seinen Leuten?

Es war eine gute Idee von mir, die Übung abzublasen. Jetzt haben wir Zeit für uns zwei. Keiner wird uns stören, sprach Schyll selbstgefällig.

Tania schmiegte sich an die Couch und hob ihre Beine. Schyll hockte sich hin und ließ seine Wange von Tanias Fuß streicheln. Er küsste ihren Stiefel.

Du findest meine Schuhe wohl anziehend?

Ich stehe auf so etwas, gestand Schyll. Langsam löste er mit den Zähnen die Bindung des Stiefels.

Die sind sehr gut, erklärte Tania. Bequem, sehen cool aus und man kann damit richtig gut zutreten.

Schyll schaute sie verwundert an. Dann fing er sich einen harten Tritt ins Gesicht ein. Schreiend fiel er zu Boden.

Tania trat ihm in den Magen. Dann rannte sie zu seinem Waffenschrank und schnappte sich einen Strahler. Sie richtete ihn auf den Kommandanten der IVANHOE.

Was? Stehst du auf sadomasoschistische Spielchen?

Tania verdrehte die Augen. Falls du es immer noch nicht kapiert hast. Das ist eine Entführung.

Schyll faßte sich an die Schläfe. Von wem?

Nicht von wem, grinste Tania Walerty. Von was …

Ich protestiere!, brüllte Glaus Schyll, doch niemand hörte auf ihn.

Irwan Dove schob ihn unsanft in ein Beiboot, wo bereits vierzig quarteriale Soldaten auf ihren Kommandanten warteten.

Seht mal, wen ich hier habe!, rief Wallace. Er zog Ignaz Ruon mit sich, der versucht hatte, sich zu verstecken.

Jenny Taylor stellte sich vor den Ara. Sie hielt eine Spritze in der Hand und schaute ihn böse an. Dann hämmerte sie ihm die Nadel in den Allerwertesten.

Töten Sie mich nicht!, bettelte der Ara.

Jenny schüttelte den Kopf. Das wird Sie nicht umbringen. Sie werden wahnsinnige Diarrhöe davon bekommen. Viel Spaß.

Ruon wurde zu Schyll und den anderen gebracht. Mathew Wallace, Irwan Dove und Jenny Taylor eilten in die Kommandozentrale. Dort wurden sie von Xavier Jeamour, Gal’Arn, Jonathan Andrews, Sam Tyler, Lorif und Tania Walerty bereits erwartet.

Sir, das Schiff ist soweit gereinigt, meldete Wallace. Schon seltsam, dass ihr Schyll so leicht überzeugen konntet, der Besatzung frei zu geben. Das passt doch gar nicht zu diesem Militaristen.

Tania fing an, viel sagend zu grinsen.

Wallace verstand sehr schnell. Dann setzte er sich an seine Navigationskonsole. Lorif meldete, dass einundvierzig von vierhundertfünfzig Besatzungsmitgliedern dem Quarterium treu bleiben wollen. Jeamour befahl, diese mit der Space-Jet auszusetzen. Dann bedankte er sich via Interkom bei den tapferen vierhundertzehn Crewmitgliedern, die zu ihm hielten.

Natürlich waren das nicht alle Besatzungsmitglieder der IVANHOE. Der Großteil hatte heute Nacht frei. Nur so war es Lorif und Dove möglich gewesen, die Vorbereitung für die Kaperung der IVANHOE zu treffen.

Wallace konnte seine Überraschung immer noch nicht verbergen. Er stand auf, schaute Jeamour an und hob wie ein Schuljunge den Finger, um sich zu Wort zu melden. Admiral, wie haben Sie das angestellt?

Jeamour schmunzelte. Der Dank gebührt Lorif. Mir war klar, dass die neue USO nicht tatenlos herumsitzen würde, ebenso wenig wie unsere treuen Freunde von der Crew. Ich habe ihnen vertraut.

Wallace sah Lorif ungläubig an. Ausgerechnet der sonst so vorschriftentreue Posbi dachte sich einen Plan zur Befreiung der drei Verurteilten und der Entführung der IVANHOE aus?

Lorif bemerkte Wallace Blicke. Nun, ich habe einige menschliche Attribute gelernt. Darunter auch Freundschaft, erklärte der Posbi. Gal’Arn, Mister Andrews und Mister Tyler sollten deine Befreiung durchführen, während die loyalen Besatzungsmitglieder alle Vorbereitungen für die Entwendung der IVANHOE treffen sollten. Unser Ziel war es, die IVANHOE so leer wie möglich zu machen. Das ist uns auch gelungen.

Wallace konnte die Verwunderung immer noch nicht ablegen. Doch letztendlich war es ihm egal. Hauptsache sie waren frei. Obwohl es ihn tief berührte, welches Risiko seine Kameraden und Freunde für ihn und die anderen beiden gegangen waren.

Xavier Jeamour setzte sich in den Kommandosessel und schien darüber sehr beglückt zu sein. Offenbar genoss es der Admiral, wieder das Kommando über sein Schiff zu haben. Obwohl er es sich nicht ganz legal erschlichen hatte.

Meine Herren! Es wird Zeit für einen neuen Flug der IVANHOE, sprach der Belgier.

Er gab Wallace ein Zeichen. Der Schotte machte das Schiff startklar. Zyrak Wygal begab sich zum Maschinenraum und auch die anderen besetzten ihre Positionen.

Das Schiff fliegt in Unterbesetzung, Sir. Es wird aber ausreichen, um zu fliehen, berichtete Lorif.

Jeamour nickte. Er wechselte einen Blick mit Gal’Arn und Jonathan Andrews. Dann bat er Andrews, sich ebenfalls auf der Brücke nützlich zu machen. Jonathan nahm die Aufforderung gerne an.

Auf mein Kommando starten.

Jeamour schaute sich erneut auf der Kommandobrücke um. Mathew Wallace ahnte, was der Kommandant fühlte. Es musste stolz auf diese Crew sein, die ihren Verstand benutzt hatte. Jedem noch an Bord der IVANHOE II befindlichen Offizier war klar, dass das Quarterium ein diktatorisches, gefährliches Regime war. Doch es war legalisiert worden. Sie standen nun kurz davor, Rebellen zu werden. Geächtete ohne Heimat. Wallace war sich sicher, dass er den richtigen Weg mit den anderen ging. Doch war sich jeder auf der IVANHOE über diese Konsequenzen bewusst?

Jetzt!, kommandierte Jeamour.

Wallace bestätigte und setzte die IVANHOE in Bewegung. Ganz langsam nahm die IVANHOE an Fahrt auf und steuerte auf die Schleuse der großen DINO-III-Raumwerft zu. Diese Raumstationen waren eigens für Supremoraumer entworfen worden. Es gab insgesamt zehn in ganz Cartwheel. Sie hatten einen Durchmesser von zehntausend Metern. So konnten sie maximal drei große Supremoraumer auf einmal warten.

Wallace Blick schweifte zur PAXUS, die neben ihnen lag. Es war das Flaggschiff der Ersten Terranischen Flotte des Quarteriums. Ausgerechnet Orlando de la Siniestro war der Kommandant des gewaltigen Schiffes.

Admiral, wir erhalten einen Funkspruch von der DINO-III-Überwachungsstation, meldete Tania Walerty aufgeregt. Sie fragen, was wir machen.

Jeamour grinste. Erklären Sie ihnen, dass wir die IVANHOE stehlen.

Glaus Schyll hämmerte wütend an die Luke der Space-Jet. Warum hörte ihn niemand von der Raumwerft? Die Space-Jet wurde von außen verriegelt. Sämtliche Kommunikationsanlagen waren deaktiviert worden.

Ignaz Ruon tippte Schyll auf die Schulter. Wütend drehte sich der Quarteriale um. Dann wusste er, was Ruon wollte. Er blickte aus dem Fenster und sah, wie sich die IVANHOE gemächlich auf das Schott der DINO-III-Raumwerft zubewegte.

Das kann nicht möglich sein! Dieser verdammte Hund klaut mein Schiff, fluchte Schyll.

Endlich öffnete sich die Schleuse. Verdutzte Männer vom Wachpersonal sahen Schyll und seine Leute an. Er bahnte sich den Weg zur Kommandostation der Raumwerft. Dort angekommen forderte er den diensthabenden Offizier auf, die IVANHOE unter keinen Umständen durch das Schott fliegen zu lassen.

Zweitausend Meter bis zum Schott, meldete Irwan Dove.

Wann öffnet sich das Ding?, wollte Andrews nervös vom Kommandanten wissen.

Jeamour blickte Lorif erwartungsvoll an.

Einen Moment noch, Sir, gab der Posbi zurück.

In diesem Moment meldete sich Glaus Schyll. Seine Holografie erschien auf der Brücke der IVANHOE. Jeamour stand auf und grüßte seinen Widersacher betont freundlich.

Schyll hatte keine Zeit für diese Floskeln. Jeamour, wenn Sie nicht sofort stoppen, werde ich die IVANHOE vernichten lassen!

Och, Sie sollten Ihre Kompetenzen nicht überschätzen, Schyll. Meine Crew quittiert den Dienst beim Quaterium. Anstelle einer Abfindung nehmen wir die IVANHOE mit. Seien Sie doch bitte so nett und richten das Despair aus.

Schyll bebte vor Wut. Sein Kopf lief rot an. Dann fasste er sich an die Schläfe und schien nachzudenken. Viel fiel ihm offenbar nicht ein. Er drohte Jeamour erneut: Die Schotten sind geschlossen. Sie haben keine Chance!

Lorif gab in diesem Moment Jeamour ein Zeichen. Dieser bestätigte. Plötzlich setzten sich die Stahltüren in Bewegung und öffneten sich. Schyll starrte ungläubig auf den Ausgang der Raumwerft.

Xavier grinste nur. Mister Wallace. Volle Kraft durch und dann sofort in den Hyperraum eintauchen, bevor uns die Wachflotten auf die Pelle rücken, befahl er seinem Ersten Offizier.

Aye, meldete Wallace. Just in diesem Moment beschleunigte er. Die IVANHOE legte gewaltig an Fahrt zu. Doch die Schotten öffneten sich nicht so schnell, wie gedacht. Wallace schloss die Augen. Das konnte er sich nicht mit ansehen. Plötzlich driftete die IVANHOE etwas nach links ab. Jeamours Kopf bewegte sich in die selbe Richtung. Er lächelte gequält und setzte sich in seinen Stuhl. Sofort aktivierte er die Sicherheitsgurte.

Andrews Mund öffnete sich weit, dann verzog er das Gesicht. Mit einem lauten Dröhnen schlug die IVANHOE gegen die zu drei Viertel geöffneten Schotten und schob diese mühelos aus der Verankerung.

Einige kleinere Explosionen erschütterten die IVANHOE und die Raumwerft. Für einen unendlich langen Moment schien das Schiff festzuhängen. Wallace öffnete die Augen und beschleunigte, dann waren die Schutztore endgültig aus der Verankerung gerissen. Vor der IVANHOE lag der freie Weltraum.

Fünfzig Supremoraumer drei Millionen Lichtjahre entfernt!, rief Andrews. Kommen näher!

Das Hologramm von Glaus Schyll war inzwischen erloschen. Man konnte Jeamour das Bedauern ansehen. Er hätte bestimmt gerne das Gesicht von Schyll gesehen, als die IVANHOE durch die Schotten geflogen war.

Jeamour löste die Sicherheitsgurte. Die feindlichen Supremoraumer kamen näher. Hunderte Abfangjäger und kleine Kreuzer brausten auf die IVANHOE zu und eröffneten das Feuer.

Dann hatte das Schiff eine Beschleunigung von 1200 Kilometer in der Quadratsekunde erreicht. Schnell genug, um die Grigoroffs zu aktivieren.

Zyrak!, rief Jeamour in den Interkom.

Bei allen karierten Kreaturen. Das Schiff gibt schon alles. Die Mühle bricht mir gleich auseinander, meckerte der Blue. In diesem Moment tauchte die IVANHOE in den Hyperraum ein und verschwand.

Glaus Schyll starrte ungläubig auf die Anzeigen. Die IVANHOE war weg. Einfach weg! Unfassbar! Doktor Ignaz Ruon wurde kreidebleich im Gesicht. Er dachte anscheinend das, woran Schyll nicht zu denken wagte.

Die IVANHOE wurde ihnen gestohlen! Einfach unter dem Hintern weg gestohlen. Wer war denn so dreist und klaute ein Schiff direkt aus dem Heimatsystem des Quarteriums? Xavier Jeamour und seine verfluchte Crew waren es!

Er verwünschte diese Deserteure. Wütend drückte er auf den Interkom und ließ sich eine Verbindung mit der Paxus herstellen. Der Erste Offizier erschien auf dem Bildschirm. Schyll forderte ihn auf, ihm das Kommando zu übergehen. Er kündigte an, die IVANHOE wieder zurück zu holen.

Ich bezweifele dies, hörte er eine dunkle Stimme sagen.

Schyll zuckte zusammen. Plötzlich wurde ihm heiß. Dann wieder kalt. Ängstlich drehte er sich um. Vor ihm stand der silberne Ritter Cauthon Despair.

Ich … ich kann das erklären, stammelte der ehemalige Kommandant der IVANHOE aufgeregt.

Hinter Despair standen Schylls Gönner; Oberstleutnant Jodur Ta’Len Weron, Oberstleutnant Keidar Ma’Tiga Leson und General-Kommandeur Stevan da Reych. Sie blickten Schyll kalt an. Weron schüttelte den Kopf.

Sie haben versagt, Captain Schyll. Sie hatten das Kommando über die IVANHOE. Wie konnte es zu diesem Diebstahl kommen?, wollten der Generalleutnant wissen.

Schyll fühlte sich in die Ecke gedrängt. Was sollte er nun sagen? Dass er der Crew freigegeben hatte, um sich mit Tania Walerty zu vergnügen? Dass er von diesem Miststück und den anderen Besatzungsmitgliedern an der Nase herumgeführt wurde? Wohl kaum! Irgendwie musste er seine Haut retten.

Doch es war zu spät. Despair packte ihn plötzlich am Hals. Die eiserne Pranke des silbernen Ritters umschloss Schylls Hals und drückte zu. Der Kapitän versuchte verzweifelt sich zu wehren. Er hatte keine Chance. Sein Genick brach entzwei. Regungslos sackte er auf den Boden.

Despair blickte Ignaz Ruon an. Der Ara wich instinktiv zurück. Er wollte nicht das nächste Opfer von Despair sein.

Erschießt alle, die ihre Pflicht vernachlässigt haben!, befahl Despair.

Sollen wir Suchschiffe losschicken?, wollte Generalleutnant Leson wissen.

Nein! Die IVANHOE ist uns entkommen. Doch ich bin sicher, wir werden sie schon sehr bald wiedersehen …

Epilog

17. März 1305 NGZ

Es war ein denkwürdiger Augenblick, als das über 2500 Meter große Schlachtschiff in den Hangar des Mondes Quinto flog. Die Agenten und Mitarbeiter der USO staunten nicht schlecht. Zuerst dachten einige sogar an eine Invasion des Quarteriums, doch die Verantwortlichen der USO konnten das Missverständnis schnell aufklären.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht: Die IVANHOE war von ihrer alten Crew gestohlen worden!

Xavier Jeamour stand stolz auf der Kommandobrücke des gigantischen Raumers und betrachtete den Unterschlupf der USO. Quinto-Center befand sich auf einem alten Mond, der ohne Planet seine Bahnen in einem verlassenen System zog. Der Großteil der Anlagen befand sich innerhalb des Mondes. Die Infrastruktur hatten die USO Agenten bereits so vorgefunden.

Jeamour überlegte, ob DORGON gewusst hatte, dass eines Tages diesem geheimen Versteck eine besondere Bedeutung zukommen würde.

Nachdem Wallace die IVANHOE sicher in den riesigen Hangar manövrierte und Lob dafür bekam, besser einparken als ausparken zu können, berief Xavier Jeamour eine Besprechung ein. Die sieben wichtigsten Besatzungsmitglieder der IVANHOE, neben Jeamour noch Mathew Wallace, Lorif, Irwan Dove, Zyrak Wygal, Tania Walerty und Doktor Jennifer Taylor fanden sich mit Gal’Arn, Jonathan Andrews und Sam Tyler in den Konferenzraum ein. Weniger Minuten später erreichten auch die Vertreter der USO das Zimmer.

Jeamour begrüßte Jan Scorbit und Rosan Orbanashol-Nordment freundlich. Über den dritten Gast freute er sich besonders – Saraah! Doch nicht nur Jeamour, natürlich auch Mathew Wallace, der seiner Sehnsucht freien Lauf ließ und Saraah küsste und fest an sich drückte.

Nach der innigen Begrüßung ergriff Scorbit das Wort: Es freut mich, dass unsere Operation von Erfolg gekrönt war. Wir waren derweil auch nicht untätig und Saggittor hat Boten nach Siom-Som geschickt. Es ist amtlich! Siom-Som ist in den Händen der Dorgonen. Aurec hat es uns bestätigt.

Bedauern klang aus den Worten Scorbits heraus. Er schaute bedrückt in die Runde. Noch wusste niemand genau, welche Konsequenzen diese Invasion mit sich brachte. Jedoch ahnte es jeder bereits.

Aurec ist bereits nach Terra geflogen. Er will Perry Rhodan bitten, eine außerordentliche Konferenz aller betroffenen Nationen abzuhalten. Wenn es einer richten kann, dann Rhodan …

Aus den Chroniken Cartwheels, März 1305 NGZ

Die Jahre zuvor erscheinen wie die Ruhe vor dem Sturm. Nun wird dieser Sturm entfacht und ich befürchte, er wird zu einem alles verzehrenden Hurrikan. Die Invasion der Dorgonen in der estartischen Föderation ruft bei so ziemlich jeden Volk Empörung auf – nur das Quarterium reagiert gelassen.

Die SAGRITON kehrt am 29. März nach Cartwheel zurück. Aurec spricht auf Paxus vor und lädt in Rhodans Namen den Imperatore zu einer Konferenz ein. Perry Rhodan will der Invasionspolitik der Dorgonen Einhalt gebieten.

Es bleibt der heldenhaften Besatzung der IVANHOE nicht viel Zeit zum ausruhen, denn sie sollen ebenfalls in die Milchstraße fliegen. Wie sich die Zukunft der Besatzungsmitglieder unter dem Kommando des Belgiers Xavier Jeamour gestaltet, ist ungewiss. Sie sind Gesetzeslose nach den Richtlinien des Quarteriums. Und doch sind sie terranische Staatsbürger und jederzeit in der Liga Freien Terraner willkommen.

Doch dies sind nur Einzelschicksale. Geradezu unbedeutend im Vergleich zu dem, was uns in den nächsten Monaten noch bevorstehen wird …

Jaaron Jargon, Chronist der Insel

Ende

Die drei Führungskräfte der IVANHOE konnten gerettet werden und die IVANHOE II ist mitsamt der loyalen Besatzung desertiert. Saraahs Schilderungen vom Krieg in Siom Som stößt in der Milchstraße nicht auf taube Ohren. Perry Rhodan ruft eine Konferenz in Moskau ein.

Das Treffen der Imperatoren

ist der Titel von Heft 108, das aus der Feder von Jens Hirseland stammt.

Kommentar
Militär und Militarismus in der Zukunft

So, Ende gut – alles gut oder auch nicht. Meine Wette mit Sam Tyler hätte ich gewonnen und damit ist die Episode mit der IVANHOE II vorläufig abgeschlossen. Ich bin mir jedoch sicher, dass wir das Schiff und seine Crew bald wieder sehen werden. Durch die Flucht der IVANHOE konnte sich die USO in Cartwheel mit einem der modernsten Schiffe des Quarteriums verstärken. Und ich denke, dass diese Verstärkung bitter notwendig sein wird.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mal ein grundsätzliches Thema anzuschneiden.

Wie Ihr meinen vorigen Kommentaren entnehmen konntet, bin ich sehr kritisch hinsichtlich des Vorgehens der alten Crew der IVANHOE.

Ich möchte deshalb hier einige Thesen aufstellen:

1. Moderne, komplexe Waffensysteme erfordern flache Hierarchien

In modernen High-Tech Armeen werden zunehmend hierarchische Befehlswege abgebaut. Moderne Kommunikationsmittel ermöglichen es kleinen Kampfgruppen selbständig und unabhängig von Befehlszentralen zu agieren. Entscheidend für den militärischen Erfolg ist nicht mehr die bedingungslose Disziplin einer Kampfgruppe (Kadavergehorsam), sondern die Ausbildung und Befähigung zu flexiblem und unmittelbarem Handeln aus gegebenen Gefechtssituationen.

2. Was bedeutet dies für das militärische Kräfteverhältnis?

Analysiert man die militärische Lage, so kann man folgendes feststellen:

Rein militärisch ist das Quarterium der LFT und ihren Verbündeten weit überlegen (ich unterstelle hier mal, dass die LFT auf Seiten der Rebellen in die Auseinandersetzungen eingreifen wird). Die Frage ist nun, wie sich diese Überlegenheit auswirkt. Klar ist, dass bei direkten Konfrontationen (entsprechend massierte Raumschlachten alten Typs), die LFT wenig Chancen haben dürfte. Ich denke aber, dass die militärische Führung der LFT keine direkte Konfrontation suchen wird.

Und hier kommt meine erste These zum Tragen: Wenn die LFT dezentrale Konflikte (also eine Konfrontation der Nadelstiche) führen wird, dann kann sie in dieser Auseinandersetzung durchaus bestehen. Und als Organisation hierzu steht ihr auch die USO zur Verfügung, die bereits genau diese dezentrale Organisationsform hat. Angriffspunkte dürften weiche Ziele wie Versorgungswege (beispielsweise stelle ich mir die Sicherung des dorgonischen Nachschubs innerhalb der estartischen Föderation als gigantisch vor), Reparaturbasen für die Invasionstruppen sein. Auch begrenzte, aber mit lokal überlegenen Kräften geführte Schläge gegen die Heimatwelten des Aggressors, können diesem gewaltige Schäden zufügen. Eine solche Auseinandersetzung ist jedoch nicht mit den klassischen militärischen Mitteln zu führen, sondern gefragt ist eine Art Guerillataktik auf intergalaktischer Ebene.

Fazit

Militärisch sieht die Lage für die LFT und ihre Verbündeten gar nicht so schlecht aus. In der terranischen Raumflotte (und der USO sowieso) sind flache Organisationsformen und selbständiges, eigenverantwortliches Handeln seit Jahrhunderten üblich. Man denke hier nur an Personen wie Don Redhorse, Conrad Deringhouse oder auch Ronald Tekener und als Gipfel des Ganzen Michael Rhodan. All diesen, teils entscheidenden, Handlungsträgern war und ist gemeinsam, dass sie, wenn notwendig, auf Befehle pfeifen und genau das tun, was sie in der jeweiligen Situation für richtig erachten.

Deshalb übrigens zählt Sam Tyler in der gegenwärtigen Handlungsebene zu den wichtigsten Personen. Er verkörpert genau die Eigenschaften, die im Sinne der oben gemachten Ausführungen der LFT letztendlich den Sieg über das Quarterium sichern könnten. Und genau aus diesem Grunde ist das Verhalten von Xavier Jeamour äußerst zwiespältig.

Sicher, er billigt die Politik des Quarteriums nicht, aber aus eigener Entscheidung stellt er sich nicht gegen die Diktatur der Vier! Es waren die äußeren Zwänge, die ihn zu aktivem Handeln gegen das Quarterium brachten, ohne die Konfrontation mit den Dorgonen wäre Jeamour wohl weiter ein loyaler Admiral der Diktatur geblieben. Wenn Jeamour konsequent gehandelt hätte, wäre der Risikoeinsatz des Ritters und seiner Gefährten unnötig gewesen.

Am Rande bemerkt

Was genau ist die Artenbestandsregulierung? Wenn sie sich genau als das herausstellen sollte, sich andeutet, sprechen wir von einem sehr düsteren Kapitel. Doch noch ist es zu früh, um darüber zu spekulieren. Auf jeden Fall scheint es so, als wolle sich das Quarterium seiner ungeliebten Bürger entledigen.

Im nächsten Heft greift, wie aus der Vorschau ersichtlich wird, der Retter des Universums persönlich in die Auseinandersetzungen ein. Nein, diesmal meine ich nicht Gucky, sondern Perry Rhodan selbst. Ich vermute fast, dass er das Ganze in den Sand setzt. Also schauen wir, was Das Treffen der Imperatoren für Ergebnisse bringt. Es ist zu hoffen, dass Perry Rhodan endlich die wahre Natur des Imperatore und seiner Verbündeten erkennt und entsprechend handelt.

In diesem Zusammenhang fällt mir auch ein weiteres Thema für einen zukünftigen Kommentar ein: Wer ist Perry Rhodan? (das meine ich übrigens toternst und überhaupt nicht polemisch!)

Jürgen Freier

Glossar

Glaus Schyll

Oberstleutnant, geboren 1241 NGZ auf Terra. Sehr hager, deutliche Wangenknochen, schmale Lippen, stechend braune Augen.

Oberstleutnant Schyll ist Verbindungsoffizier auf der IVANHOE II. Seine Aufgabe ist die Überwachung der Einhaltung der quaterialen Vorschriften und Ideologie an Bord der IVANHOE II.

Als Admiral Jeamour jedoch gegen die Vorschriften des Quarterium handelt, lässt Schyll Jeamour absetzen und übernimmt selbst das Kommando über den Supremoraumer.

Schyll wird zum Oberst befördert und offizielle Kommandant der IVANHOE, die jedoch nach der Befreiung Jeamours, Wallaces und Taylors von den loyalen Crewmitgliedern gekapert wird und sich der USO anschließt.

Schyll ermöglicht durch Fehler erst die Entführung der IVANHOE. Damit verwirkt er sein Leben und wird 1305 NGZ von Cauthon Despair eigenhändig für seine Unfähigkeit erwürgt …

Ignaz Ruon

Schiffsarzt der IVANHOE II.

Der Ara ist ein überzeugte Anhänger des Quarterium. Ebenso überzeugt ist er von seinen Fähigkeiten als Arzt. Während des Jungfernfluges ist Ruon ein loyaler Anhänger von Glaus Schyll und nicht unbeteiligt an der erfolgreichen Kaperung der IVANHOE.

Nachdem Schyll jedoch die Crew der IVANHOE entkommen lässt und von Despair getötet wird, ist auch Ruons Karriere schnell zu ende. Er wird fortan als Heeresarzt eingesetzt.

Glaus Klink

Geboren im Jahre 1181 NGZ auf Terra, kleinwüchsig, hager, wasserblaue Augen, grauweiße Haare.

Klink ist der Justizminister des Quarterium. Er ist überzeugte Anhänger der Ideologie. Klink hat früher auf Terra als Justizvollzugsbeamter gearbeitet, später als Kammerdiener und nach einem Studium sogar als Justiziar. Er hat in dieser Zeit seine Frau Urzula kennen gelernt.

Privat hat Klink kaum Freunde, was an seiner kalten Ausstrahlung wohl liegen mag.

Militärränge in der quarterialen Raumflotte

Die Hierachie in der quarterialen Flotte ist ähnlich aufgeteilt, wie es die Rangordnung innerhalb der Solaren Flotte gewesen ist, jedoch mit einigen kleineren Änderungen:

  • Kadett – Auszubildener Soldat
  • Raumfahrer-Rekrut – Fortgeschrittener Ausbildungssoldat
  • Raumfahrer – Ausgebildeter Soldat
  • Unteroffizier – Niedrigster Unteroffiziersrang, befehligt bis zu 10 Raumfahrer oder ein Geschütz
  • Sergeant – Höherer Unteroffiziersrang; befugt, als Ausbilder zu fungieren
  • Fähnrich – Offiziersanwärter nach bestandener Zwischenprüfung
  • Leutnant – Ausgebildeter Offizier, Brückenpersonal
  • Oberleutnant – Brückenpersonal, Befehlshaber von Gruppen
  • Chief / Bootsmann – Höherer Offizier, Maschinenraum
  • Hauptmann – Kommandant Space-Jet-Einheiten, Minor Globes, einzelner Geschwader
  • Major – Kommandant von Kreuzern
  • Oberstleutnant – Kommandant von Schlachtschiffen, kleinen Flottenpulks; Stabsplanung
  • Oberst – Kommandant einer Flottengruppe
  • Konter-Admiral - Befehlshaber einer Flotte. Kommandant eines Supremo A-Schiffes
  • Admiral – Befehlsgewalt wie Konteradmiral, zudem stellvertretender Oberbefehlshaber aller Flotten; Stabsplanung; Befehlsgewalt über Flottenverbände
  • Großadmiral - Oberbefehlshaber der vier Flotten

Die DORGON-Serie – Das Quarterium – ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Band 107 zuletzt geändert am 2004-04-03. Autor: Nils Hirseland. Titelbild-Zeichner: Jan Kurth. Korrekturleser: Jürgen Freier und Alexander Nofftz. Generiert mit Xtory 3.0 (powered by Apache Cocoon 2.1) von Alexander Nofftz. Homepage: http://www.dorgon.net/. E-Mail: dorgon@proc.org. Technischer Berater: Sebastian Schäfer. Adresse: PROC c/o Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf. Copyright © 1999-2004. Alle Rechte vorbehalten!