
Im Jahre 1298 NGZ gelingt es den vereinten Kräften der Terraner, Saggittonen und ihrer Alliierten, den gefürchteten SONNENHAMMER zu vernichten und somit MODRORs Invasionsplänen vorerst ein Ende zu setzen.
Die große Gefahr durch die finstere Entität scheint gebannt – doch in Wirklichkeit ruhen die Söhne des Chaos nicht. Innerhalb von sechs Jahren stampfen sie aus Cartwheel ein neues Imperium hervor – das Quarterium unter der Führung des Imperatore de la Siniestro.
Während sie sich öffentlich als friedliches Reich präsentieren, arbeiten die Söhne des Chaos in Wirklichkeit an der Umsetzung von MODRORs Eroberungsgelüsten.
Nicht anders in M 100, Dorgon. Seit Jahren wird die Regierung unter Kaiser Commanus vom Sohn des Chaos Cau Thon manipuliert. Die Opposition wird als Verräter verschrieen und der Bau einer gewaltigen Flotte wird von jedem akzeptiert.
Die Flotte greift Anfang 1305 NGZ die estartischen Galaxien an und überrennt Siom Som. Die Rebellen in Dorgon sehen den Eroberungsgelüsten ihres Kaisers nicht tatenlos zu. Sie suchen in Cartwheel nach Hilfe. Dort feiert der Nachfolger eines legendären Schiffes seinen Jungfernflug. Es ist DER FLUG DER IVANHOE II …
In den letzten zwei Jahren hatte die Anzahl der Terroranschläge stark abgenommen. Das Quarterium sorgte durch sein hartes Durchgreifen gegen die Alien-Allianz und später gegen kleinere radikale Gruppen für Frieden. Es hatte in kurzer Zeit eine kampfstarke Flotte aufgebaut und sich mit ihr zur bedeutendsten Macht in Cartwheel aufgeschwungen. Einige aufständische Welten waren gewaltsam annektiert worden.
Doch zu welchem Preis? Auf diesen Welten herrschten furchtbare Zustände: Schwere Arbeitslosigkeit, Rezession, hohe Kriminalität und ein starkes Aufgebot der Cartwheel Intelligence Protective, der CIP.
Die CIP und die Hilfsvölker des Quarteriums griffen hart durch und bestraften ganze Welten für das, was Einzelne getan hatten. Dennoch fanden immer wieder Anschläge statt. So zum Beispiel auf Mankind, wo am Abend des 6. März 1305 NGZ in einer beliebten Weltraumfahrerkneipe ein Sprengsatz explodierte, der sieben Menschen das Leben kostete.
Eine so wichtige Hauptwelt wie Siniestro schlief nie. Zu jeder Tages- und Nachtzeit gab es regen Gleiterverkehr und Passanten auf den Straßen. Freizeitangebote gab es rund um die Uhr, man konnte außerdem zu jeder Zeit alles einkaufen, was erhältlich war. Es gab zwar seit Beginn des Raumfahrtzeitalters eine Standardzeitrechnung, die änderte aber nichts daran, dass jeder Planet unterschiedlich lange Tage hatte, dass es auf allen Planeten verschiedene Tages- und Nachtzonen gab und dass die Konkurrenz der Wirtschaftsunternehmen nicht schlief. Wer meinte, zu einer bestimmten Zeit nicht liefern zu können, der verlor schnell seine Kunden.
Daher hatten sich die Menschen sehr schnell daran gewöhnt, flexibel zu sein. Durch spezielle Präparate konnte man seine Wachzeit verlängern, ohne die Gesundheit zu gefährden. Man wurde nur angehalten, einen Ausgleich zu schaffen.
Natürlich gab es auch Workaholics, die diese Mittel dazu missbrauchten, um möglichst wenig Zeit mit Schlafen zu verschwenden und somit länger und folgerichtig viel produktiver arbeiten zu können.
Janina Porter gehörte sicherlich nicht zu diesem Schlag Menschen. Sie mochte geregelte Arbeitszeiten und genoss bis zu acht Stunden Schlaf in der Nacht. Als Gleitertechnikerin lebte sie gut und in einer freundlichen Umgebung. Sie hatte auf Siniestro nie unmittelbar mit den Anschlägen zu tun gehabt, hatte sich aber immer gewundert, wie intelligente Lebewesen zu solch grausamen Taten fähig sein konnten.
Die 26-jährige Terranerin arbeitete auf einem Raumhafen und wartete Gleiter. Hin und wieder hatte sie auch Bereitschaftsdienst in der Nacht. Da auf Siniestros Raumhäfen rund um die Uhr Betrieb herrschte, wurde es auch bei diesen Diensten nie langweilig. Irgendwelche kleinen Unfälle passierten immer und dann musste natürlich immer ein Techniker parat sein, der sich mit den oft cholerischen Geschäftsleuten herumschlagen durfte, die die Schäden am liebsten vorgestern repariert haben wollten.
Janinas Nachtdienst dauerte bis 2 Uhr morgens, dann kam die Ablösung. Heute war es der nette Bill Eldings gewesen, ein etwas rundlicher, gemütlicher Herr im mittleren Alter. Sie hatten noch einen Kaffee zusammen getrunken, dann war Janina nach Hause gefahren und erschöpft ins Bett gefallen.
Ein Summen riss sie aus dem Schlaf. Janina brummte und drehte sich um. Doch das Summen blieb, es schien sogar lauter zu werden. Schlaftrunken versuchte sie den Lichtschalter zu finden. Nach einer Weile gab sie auf und stand im Dunkeln auf. Sie folgte dem Summton und stolperte prompt über den Tisch, der vor dem Bett stand. Fluchend hielt sie sich das schmerzende Knie und humpelte weiter.
Endlich entdeckte sie den Lichtschalter und betätigte ihn. Sofort schloss sie geblendet die Augen. In Gedanken noch beim Schlafen, war sie nicht auf diese Helligkeit gefasst.
Langsam klärten sich ihre Sinne und sie erinnerte sich auch, was das für Summtöne waren. Ihr Interkom natürlich. Wo hatte sie dieses nur hingelegt, als sie nach Hause kam? Immer dem Summen nach, es führte Janina zu ihrer Jacke. Doch welche Tasche war es? Erneut fluchend durchsuchte sie alle Taschen und förderte allen möglichen Abfall und sogar eine verloren geglaubte Rechnung zutage. In der letzten Tasche wurde sie schließlich fündig.
Hastig aktivierte sie das Gerät und meldete sich: Ja, was ist?
Was soll das, wieso dauert das so verdammt lange?
, polterte eine unsympathische Stimme.
Verdutzt über so viel Unfreundlichkeit am frühen Morgen stammelte Janina nur: Wer – was?
Oberstleutant Glaus Schyll, Verbindungsoffizier der IVANHOE II. Ich möchte mit Janina Porter sprechen.
Ja, das bin ich.
Erst jetzt nahm Janina das Gesicht wahr, das auf dem Bildschirm des Interkoms zu sehen war. Es passte zur Stimme: Sehr hager, deutliche Wangenknochen, schmale Lippen, stechend braune Augen, die sie bösartig anfunkelten.
Was – Sie?
Es war eine Mischung aus Entsetzen und Überraschung. Aber keinesfalls ein Kompliment. Schnell fasste sich Schyll wieder und sprach weiter: Na, egal. Die Positronik wird schon wissen, was sie tut. Hören Sie gut zu, ich sage es nur einmal: Die IVANHOE II startet heute zu ihrer Jungfernfahrt und es sind leider ein paar Besatzungsmitglieder ausgefallen. Sie haben sich um 8:30 Uhr Standardzeit auf dem Hauptraumhafen in New Terrania auf Mankind einzufinden. Sie sind ab sofort als Technikerin für die Space-Jets auf der IVANHOE II verpflichtet. Verstanden?
Wieder dieser drohende Unterton in der Stimme.
J – Ja, ich denke schon. Aber wie soll ich in der kurzen Zeit …
Ganz einfach! Indem Sie aufhören, mir auf die Nerven zu gehen und anfangen zu packen! Ich kann schließlich auch nichts dafür, dass gestern Abend durch einen Anschlag dieser verdammten Terroristen einige unserer besten Leute ums Leben gekommen sind. Also, los jetzt!
Schyll unterbrach die Verbindung.
Janina starrte noch einige Sekunden auf das leere Display, dann legte sie das Interkom beiseite und warf einen Blick auf ihr Chronometer in der kleinen Küche. Es zeigte 5:14 Uhr Standardzeit an. Welcher zivilisierte Mensch rief zu einer solchen Zeit an?
Die junge Frau holte sich ein Glas Wasser und setzte sich an den Küchentisch. Erst jetzt begann sie, die Tragweite des soeben geführten Gesprächs zu verstehen. Die IVANHOE II, das neue Flaggschiff der Ersten Terranischen Flotte! Sie, als Technikerin! Sicher, keine wirklich bedeutende Aufgabe, aber war der Dienst auf dem Flaggschiff nicht immer etwas besonderes, ganz gleich, welche Aufgabe man verrichtete?
Seit Generationen waren die meisten Mitglieder der Porters Techniker gewesen. Nicht, dass man im 14. Jahrhundert NGZ noch jemanden dazu zwingen konnte, den Beruf seiner Eltern zu lernen. Das Interesse für Gleiter und kleine Raumschiffe schien ihnen im Blut zu liegen. Dabei hatten sie meist ein beschauliches und geruhsames Leben als angestellte Techniker auf Raumhäfen geführt. So auch Janinas Eltern. Und als sie eine Aufgabe auf einem Schiff der Flotte übernahmen, wurden sie zur Milchstraße geschickt, wo sie dann in der großen Schlacht gegen den SONNENHAMMER und die WORDON ums Leben kamen. Janina war damals 20 gewesen und hatte noch bei ihren Eltern gelebt. Einige Bekannte hatten sie unterstützt, so dass sie sich eine bescheidene Wohnung leisten und ihre Ausbildung beenden konnte. Es war einerseits toll, mit einem großen Schiff unterwegs zu sein, andererseits barg es auch viele Gefahren. Janina hätte nichts dagegen gehabt, ihr Leben mit dem Reparieren von Gleitern auf dem Raumhafen von Siniestro zu verbringen.
Aber sie hatte sich nun mal vor langer Zeit für den Dienst auf einem Raumschiff beworben. Wenn die Zusage nur nicht so kurzfristig gewesen wäre. Sie hätte sich so gerne noch von ihren Freunden verabschiedet, die sie in den letzten Jahren gewonnen hatte. Von den Freunden, die ihr geholfen hatten, sich schnell einzugewöhnen und die immer zusammenhielten. Jetzt ging es auf ein fremdes Schiff, mit fremden Menschen, mit fremder Technik. Janina hatte mit ihrer Ausbildung genug zu tun gehabt, hatte keine Zeit, über ihren Tellerrand zu sehen und kannte die Technik der IVANHOE II nicht. Hoffentlich fand sie Gleichgesinnte, mit denen sie sich austauschen konnte.
Doch zunächst gab es dringlichere Aufgaben: Die Zeit drängte, sie musste ihre Sachen zusammenpacken und unbedingt die 7 Uhr Fähre nach Mankind erwischen, wollte sie pünktlich sein.
Um 8:45 Uhr schließlich erreichte Janina Mankind. Eine faszinierende Welt, die sich in den letzten Jahren sehr entwickelt hatte. Als die Terraner vor über 10 Jahren Cartwheel erreichten, stand die Infrastruktur auf den Hauptwelten bereits, dennoch hatten sie viel geändert. Die wenigen Jahre ließen die Hauptstadt New Terrania wie eine terranische Stadt aussehen: Hohe Türme, chaotisch wirkende Gleiterstraßen, zwischendrin überall Werbetafeln. Reger Verkehr, wenig Grünflächen und eine außerordentliche Sauberkeit ließen die Stadt fast schon etwas steril wirken, überall sah man Roboter, die sich um Verschmutzung kümmerten.
Glücklicherweise war Janinas Fähre auf einem Nebenlandefeld des Hauptraumhafens gelandet. Es war die Hölle los, Menschenmassen drängten umher, Janina fand bald heraus, dass die meisten Menschen dasselbe Ziel wie sie hatten: Die IVANHOE II. Jeder wollte der feierlichen Taufe des neuen Flaggschiffes beiwohnen.
Schlecht für Janina, denn in diesem Chaos fiel es ihr schwer, die für die Besatzung des Schiffes gekennzeichneten Gänge zu erreichen. Ständig wurde sie abgedrängt und da sie sich nicht ausweisen konnte, nahm man auch auf sie keine Rücksicht.
Erschöpft erreichte sie schließlich einen Kontrollposten. Name und Rang?
, wurde sie nur knapp gefragt.
Janina Porter, ich bin als Technikerin für die Space-Jets abkommandiert.
Der Kontrolleur sah in seiner kleinen Syntronik nach und sagte nach einer Weile leicht verärgert: Es ist keine Janina Porter aufgeführt. Verschwinde und denk dir ein anderes Märchen aus, um an Bord zu gelangen. Ich habe keine Lust auf Spaßvögel, die sich hier einschleichen wollen.
Nein, nein. Ich bin wirklich Technikerin. Ich wurde erst heute Morgen …
Na gut, dann zeig mir bitte deinen Bordpass.
Ich – ich habe doch noch keinen. Man hat mich doch …
Der Kontrolleur unterbrach sie mit einer herrischen Handbewegung. Weißt du, ich hatte eine lange Nacht. Über 5000 Leute wollten an mir vorbei, sich an Bord einrichten. Ich habe wirklich keinen Nerv für Spaßvögel wie dich. Und nun, hau ab!
Frag doch Glaus Schyll, bitte, ich kann doch …
Natürlich, Glaus Schyll. Unser Verbindungsoffizier hat sicherlich bessere Dinge zu tun, als …
Er brach abrupt ab und dachte kurz nach. Woher kennst du Schyll?
Das versuche ich doch zu sagen: Er hat mich heute angerufen, um mir zu sagen, dass ich Ersatz für einen Techniker bin, der gestern einem Attentat zum Opfer fiel.
Nun gut, ich werde das nachprüfen. Einen Moment.
Er arbeitete mit der Syntronik und führte zwei Interkomgespräche, dann nickte er: In Ordnung, man hat deine Geschichte bestätigt. Zeig mir bitte wenigstens deinen Bürgerpass.
Den hatte Janina natürlich dabei. Sie zeigte ihn dem Posten, der die Tür zum Mannschaftsbereich öffnete und sich mit einem nicht gerade freundlichem Viel Spaß
verabschiedete.
Janina lief den Gang hinab und fragte sich, ob alle Besatzungsmitglieder so seien wie Schyll und der Kontrolleur. Mehr Leute hatte sie ja noch nicht kennen gelernt. Und die Standpauke wegen ihres zu späten Eintreffens stand ihr noch bevor.
Für den 7. März 1305 NGZ hatte man den Raumhafen von New Terrania besonders hergerichtet. Ein großer Teil wurde abgeriegelt, auf ihm stand die IVANHOE II. Außerdem hatte man ein Rednerpult und etwa 5000 Formenergiestühle für die feierliche Einweihung aufgestellt. Dort sollten die Ehrengäste und ein Teil der Stammbesatzung Platz finden. Wer es nicht rechtzeitig schaffte, der musste eben stehen. Was angesichts des oftmals eher langwierigen Charakters von Einweihungsfeiern kein Genuss war.
Die IVANHOE II selbst wurde mit Hilfe von einigen tausend Scheinwerfern geschickt ausgeleuchtet. Sie wirkte dadurch noch imposanter, als der 2500 Meter Raumer ohnehin schon gewirkt hätte.
Die Mannschaftsmitglieder begannen bereits, den Platz zu stürmen. Janina checkte hastig ihr Gepäck bei dem dafür zuständigen Offizier ein und eilte zum Schiff. Den Rapport hatte sie wohl bereits verpasst. Weiterer Ärger war ihr sicher. Doch um den zu überstehen, musste sie jetzt einen Sitzplatz erhaschen. Der Mangel an Schlaf, die anstrengende, überhastete Reise nach Mankind, diese Menschenmengen, all das hatte sie erschöpft. Hätte sie jetzt auch noch bei der Einweihungsfeier stehen müssen, wäre sie vermutlich zusammengebrochen.
Doch Janina hatte kein Glück: Auch die Plätze in den hinteren Reihen waren alle besetzt. Entmutigt lief sie langsam zu den Stehreihen, wo sich auch bereits einige Mannschaftsmitglieder eingefunden hatten. Viele hatten unsympathische Gesichtsausdrücke, die meisten strenge Kurzhaarfrisuren, einige einen starren Blick. Das sah ganz nach Infanteristen aus.
Auf einmal tippte sie jemand nervös von hinten an.
Janina fuhr herum und blickte in das tellerförmige Gesicht eines Blues. Er schien ziemlich aufgebracht zu sein, denn er gestikulierte wild mit den Armen und zirpte einige unverständliche Töne.
Wer – was?
, brachte Janina nur heraus.
Sind Sie Janina Porter?
, fragte er sie.
Ja, woher weißt du das?
Technik! Diese Syntronik verrät es mir. Überhaupt: Es heißt
Sie
! Wo haben Sie so lange gesteckt?
Ich – ich bin doch erst heute früh rekrutiert worden …
Ja, natürlich! Bei der braunen Kreatur der Feigheit, Ausreden hat jeder parat. Und wenn die Maschinen einmal ausfallen und das Schiff dann abgeschossen wird, dann hat natürlich auch niemand Schuld. Bei mir gibt es keine Ausreden! Ich erwarte 100%-igen Einsatz meiner Mitarbeiter!
Dann sind Sie der Maschinenchef?
Janina war nicht wohl bei dem Gedanken, dass dieser nervöse Schwarzseher ihr Vorgesetzter sein sollte.
Ja, natürlich. Ich bin Zyrak Wygal, Maschinenchef der IVANHOE II. Dass ich mich immer mit unfähigem Personal herumschlagen muss – oh rote Kreatur der Vorsehung! – da kommt es freilich zu einer Katastrophe! Mit Ihnen werde ich allerdings wenig zu tun haben, denn Sie sind Tym Elahrt direkt unterstellt.
Janina schluckte. Und wer ist das?
, wagte sie zu fragen.
Bei der grün-blauen Kreatur des Wahnsinns! Liest denn hier niemand die Besatzungsliste? Tym Elahrt ist natürlich der Kommandant der Space-Jet-Einheiten. Das kann doch so schwer nicht sein!
Ich hatte doch kaum Zeit, hier her zu kommen! Und eine Besatzungsliste ließ man mir …
Hören Sie auf zu reden und kommen Sie lieber mit! Vorne sind Plätze für die Stammbesatzung reserviert. Bei der blassblauen Kreatur der Zukunft, wir sind alle verloren.
Janina dachte sich ihren Teil. So, wie sich Zyrak aufgeregt hatte, konnte man ihn ja schon fast gar nicht mehr ernst nehmen. Aber wer stellte denn eine solche Besatzung zusammen? Waren alle so wie Schyll und Zyrak? Sie hoffte nicht, sonst hätte sie eine sehr anstrengende Zeit vor sich.
Mathew Wallace, Irwan Dove und Lorif waren gemeinsam zur Einweihungsrede erschienen. Die alten Freunde hatten zusammen viel erlebt, allein die Expedition nach Dorgon war ein großes und gefährliches Abenteuer gewesen.
Auch jetzt würden sie wieder in einem Raumschiff unterwegs sein: In der IVANHOE II, dem Stolz der Flotte von Mankind.
Es gab nur 23 weitere 2500-Meter-Schlachtschiffe. Diese waren als Flaggschiffe für die Flotten eingesetzt. Nur die über 8000 mal 6000 Meter große EL CID stellte alle Ultraschlachtschiff in den Schatten.
Das Kommando über das Schiff hatte abermals Admiral Xavier Jeamour, der sich in seinen letzten Kommandos als sehr fähig erwiesen hatte. Oberstleutnant Mathew Wallace war sein erster Offizier und damit zuständig für die Navigation. Zweiter Offizier war der Oxtorner Major Irwan Dove. Er war für die Sicherheit verantwortlich. Der geschwätzige Posbi Major Lorif sollte die strategische Planung übernehmen. Überraschend war hingegen, dass Jennifer Taylor nur noch die zweite Ärztin an Bord war. Ein Ara namens Ignon Ruon war erster Arzt geworden. Bisher kannte ihn niemand von den Freunden. Tania Walerty wurde wieder Funkstandleiterin, eine Aufgabe, die sie sicher vorzüglich erfüllen würde.
Kennen gelernt hatten die Freunde zudem Oberstleutant Glaus Schyll, der als Verbindungsoffizier an Bord ging. Ein unangenehmer, cholerischer Zeitgenosse, der Vorschriften sehr genau nahm und ein eingeschworener Verfechter der neuen Richtlinien des Quarteriums war. Er war bisher schwer zu durchschauen.
Die Freunde beobachteten die Entwicklung der letzten Jahre skeptisch, teilweise sogar mit Erschrecken. Die CIP ließ das Gefühl aufkommen, in einem Polizeistaat zu leben. Meinungsfreiheit gab es inzwischen nicht mehr, denn wer die falsche Meinung vertrat und auch noch so naiv war, sie öffentlich zu vertreten, war vor der CIP nicht sicher. Hinter jedem Querdenker wurde ein potentieller Terrorist vermutet. Zugegeben, die CIP hatte die Alien-Allianz niedergeschlagen. Diese Organisation war eine Bedrohung, aber war sie nicht unter anderem entstanden, weil es in Imperatore Siniestros Regierungsstab keine Extraterrestrier gab? Waren wirklich Cauthon Despair als Cartwheel-Marschall, Diethar Mykke als Wirtschaftsminister oder Werner Niesewitz als Leiter der CIP die beste Besetzung?
Die Entwicklung in Cartwheel macht mir Sorgen
, sagte Mathew Wallace gerade. Der gebürtige Schotte war mit 35 Jahren noch sehr jung. Er war 1,81 Meter groß, viele beneideten ihn um seinen guten Körperbau. Zur Feier des Tages hatte Mathew das dunkelblonde Haar ordentlich zurück gekämmt. Im täglichen Leben sah es etwas natürlicher aus. Mathew zeichnete sich durch einen hohen Gerechtigkeitssinn aus, aber er galt auch als hitzköpfig und ein wenig ungeschickt, wenn es um Diplomatie ging. Auch wenn die Trennung von Saraah nun schon viele Jahre her war, nahm sie ihn noch immer mit.
Wem sagst du das?
, entgegnete Irwan. Der 2,04 Meter große Oxtorner sah mit seinen 170 Kilo Gewicht Furcht einflößend aus, die blauen Augen und sein freundlicher Gesichtsausdruck sprachen eine andere Sprache. Auch er hatte in den letzten Jahren oft gezeigt, was alles in ihm steckte. In Krisensituationen konnte er ein kühler Denker sein, der im richtigen Augenblick die richtigen Entscheidungen traf. Sein hohes technisches Verständnis qualifizierte ihn zusätzlich. So war er 2. Offizier an Bord der IVANHOE II geworden und somit zuständig für die Sicherheit. Ich kann von Glück sagen, dass ich ein Oxtorner bin, sonst hätte ich auch leicht Opfer dieses Alien-Hasses werden können.
Mich wundert fast schon, wie Zyrak Wygall in diesen Zeiten Maschinenchef werden konnte.
Wygall ist die perfekte Besetzung für diesen Posten. Er mag seine Marotten haben, aber unter keinem sind die Maschinen besser gewartet als unter ihm.
Das bezweifle ich ja gar nicht!
Mathew fühlte sich missverstanden. Was ich sagen wollte, ist, dass es im Quartärium inzwischen die Ausnahme ist, dass ein Nicht-Humanoide einen wichtigen Posten erhält. Auch, wenn seine Qualifikationen über jeden Zweifel erhaben sind.
Ich verstehe dich, Mathew. Kommandant Jeamour hatte zum Glück einige Freiheit bei der Auswahl seiner Crewmitglieder.
Wenn ich kurz um Ihre Aufmerksamkeit bitten …
Lorif schob sich zwischen Mathew und Irwan.
Jetzt nicht, wir unterhalten uns doch gerade.
Mathew hatte keine Lust auf Lorifs Vorträge.
Doch der Posbi ließ nicht locker. Aber ich muss Ihnen etwas sagen.
Irwan gab nach. Was gibt es, Lorif?
, fragte er.
Die Reden fangen jede Sekunde an und ihr solltet euch auf eure Plätze begeben.
Erschrocken sahen sich Dove und Wallace um. Tatsächlich saßen die meisten Besatzungsmitglieder bereits, nur noch wenige suchten noch nach Sitzgelegenheiten. Die drei liefen los, sie mussten noch zur ersten Reihe gelangen. Es machte keinen guten Eindruck, wenn die wichtigsten Führungsoffiziere eines neuen Flaggschiffes schon bei der Einweihung durch Unpünktlichkeit auffielen.
Im Laufen drehte sich Mathew noch einmal um und sagte: Du hast etwas gut bei mir, Lorif!
Janina war erschöpft. Schon die jäh unterbrochene Nachtruhe hatte sie Kräfte gekostet, dann hatten sie noch all diese unfreundlichen Leute, die sie heute kennen gelernt hatte, eingeschüchtert. Immerhin saß sie nicht neben Zyrak Wygall. Für die Zeit des offiziellen Teils der Einweihungsfeier war sie also sicher.
Doch danach war sie wieder Freiwild: Sie hatte ja noch gar nicht mit Tym Elahrt, dem Kommandanten der Space-Jet Einheiten gesprochen. Und über die Technik der IVANHOE II wusste sie so gut wie nichts. Vielleicht konnte sie im Laufe der Feier einige Details in Erfahrung bringen.
Doch zunächst stand eine Pause auf dem Programm: Cauthon Despair und Orlando de la Siniestro betraten das Rednerpult. Janina befand sich etwa in der 10. Reihe, sie konnte alles sehr gut sehen. Die hintere Reihen waren auf Projektionen und Akustikfelder angewiesen.
Cauthon begann seine Rede. Er berichtete kurz von den Ereignissen seit der Erschließung Cartwheels, sprach über die Gründung des Quarteriums und legte glaubhaft dar, welche Richtlinien die CIP verfolgte und warum sie so vorging, wie sie es tat. Außerdem kündigte er den Besuch des Imperatore und seiner Familie für die Feierlichkeiten an. Dann gab er an Orlando ab. Despairs Rede hatte keine 20 Minuten gedauert.
Orlando war seines Zeichens Oberbefehlshaber der Flotten des Terrablocks. Die IVANHOE II war sein ganzer Stolz. Deswegen konnte er es sich nicht verkneifen, sie in allen Einzelheiten zu beschreiben. Leider hatte Orlando bei weitem nicht die Eloquenz seines Vaters, auch fehlte es ihm an einer besonderen Ausstrahlung, die beispielsweise Despair besaß.
anina versuchte, Orlandos Rede zu folgen, schon wegen der technischen Details, die sie für ihre Arbeit brauchen würde, doch ihre Erschöpfung war stärker. 5 Minuten später war sie eingeschlafen. Dass sich Orlandos Rede noch über 2 Stunden hinzog und die Zeremonie mit dem traditionellen Werfen einer Sektflasche auf die Außenwand des Schiffes abgeschlossen wurde, bekam sie nicht mehr mit. Sie wachte erst beim abschließenden Beifall auf und fühlte sich wie zerschlagen.
Die IVANHOE sollte zwar noch am Abend auf große Fahrt gehen, dennoch fand vorher noch eine Feier an Bord des Schiffes statt. Dabei sollten die Besatzungsmitglieder auch Gelegenheit haben, sich kennen zu lernen.
Genaugenommen fanden drei Feiern statt: Eine für die Stammbesatzung, eine für die Piloten und eine für die Infanteristen. Natürlich waren Ehrengäste wie Despair oder Orlando de la Siniestro bei der Feier der Stammbesatzung zugegen, auch waren hier Verpflegung und Dekoration weitaus exklusiver als bei den anderen Feiern. Infanteristen und Piloten war es in der Regel untersagt, sich zur Stabsfeier zu gesellen, anders herum wurde es geduldet.
Doch die Gäste dachten nicht über diese Klasseneinteilung nach, im Gegenteil waren Piloten und Infanteristen froh, unter sich zu sein. Viele machten sich über die vermeintlich hochnäsige Stammbesatzung lustig.
Auf der Feier der Stammbesatzung hingegen hatte man ganz andere Sorgen.
Eine merkwürdige Feier ist das. Wir taufen unser neues Flaggschiff und dürfen noch nicht einmal darauf anstoßen
, sagte Mathew.
Doch, dürfen wir. Mit alkoholfreiem Sekt. Nicht, dass mich das stören würde …
Lorif, du als Posbi hast doch keine Ahnung, was es bedeutet anzustoßen. Der Genuss von Alkohol dürfte dir fremd sein.
Lorif sah Mathew verdutzt an und sagte: Alkohol ist ein Gift, das Menschen, die ihn allzu oft genießen, abhängig machen kann. In früheren Zeiten starben sie früher oder später daran. Außerdem nimmt durch die Aufnahme von Alkohol die Wahrnehmungsfähigkeit ab, Reflexe verzögern sich und Menschen verlieren allmählich die Kontrolle über ihren Bewegungsapparat. Trinken sie zu viel, verlieren sie gar ihre Erinnerung an die Ereignisse beim Fest und werden ohnmächtig. Später gibt es ein böses Erwachen mit Kopfschmerzen und Übelkeit. Wenn ihr mich fragt, ich verstehe nicht, was ihr alle an Alkohol so toll findet.
Mathew hatte mit dem Gedanken gespielt, den Posbi reden zu lassen, während er mit Irwan ein belangloses Thema wie das Wetter besprach, um dieser Nervensäge zu zeigen, dass seine Meinung nicht gefragt war.
Doch dann war Xavier Jeamour an die Gruppe herangetreten. Wie geht es meinen ersten Offizieren?
, fragte er freundlich.
Alles bestens. Lorif hat gerade einen höchst interessanten Vortrag über seine Erfahrungen mit Alkohol gehalten. Du bist doch fertig, Lorif?
Natürlich, aber soll ich für den Kommandanten noch einmal alles zusammenfassen?
Irwan winkte ab. Nein, nein. So interessant war es nun auch wieder nicht. Kommandant, wie gefällt Ihnen unser neues Schiff?
Das Schiff ist toll, ich bin sehr zufrieden. Nur …
Jeamour stockte.
Gibt es ein Problem?
, fragte Mathew besorgt.
Nein, das Schiff ist großartig. Mir macht nur die Zeit Sorgen, in der es gebaut wurde. Sie verstehen?
Ja, ich denke schon
, sagte Mathew nachdenklich. Die politischen Entwicklungen der letzten Jahre stimmen mich auch bedenklich.
Wenn wir unterwegs waren, dann waren wir immer von dem, was wir taten, überzeugt. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich für alle Interessen des Quarteriums eintreten kann, wenn es von mir verlangt wird.
Die Freunde waren beeindruckt. So offen hatte der Kommandant ihnen selten seine Gedanken mitgeteilt. Er war zwar immer um eine freundschaftliche Atmosphäre an Bord bemüht, zeigte aber auch deutlich, wie wichtig Disziplin und Ordnung für ihn waren. Schwächen hatte er selten gezeigt.
Der in der Region Belgien auf Terra geborene Kommandant fiel durch seine Halbglatze in der Zentrale auf und war etwa 10 cm kleiner als Mathew. Sein verbliebenes Haar war weiß. Schon oft hatte er sich durch schnelles Handeln, sinnvolle Entscheidungen und strategische Planung ausgezeichnet. Die IVANHOE II konnte sich keinen besseren Kommandanten wünschen.
Stellen Sie sich vor
, führte Jeamour seine Gedanken fort, wir werden zu einer aufständischen Blueswelt beordert. Eine Welt, die mit einer Richtlinie des Quarteriums nicht einverstanden ist. Wir sollen für Ordnung sorgen. Sollten wir wirklich rohe Gewalt anwenden, um diesen Konflikt zu lösen?
Er sah in die Gesichter seiner ersten drei Offiziere.
Hoffen wir, dass wir nicht in derartige Situationen kommen
, meinte Irwan Dove. Vielleicht werden wir wieder auf große Fahrt geschickt und sehen ferne Galaxien.
Ja, besser, wir denken jetzt noch nicht daran
, meinte Wallace. Ihm wurde langsam klar, was auf sie zukommen konnte.
Jeamour lachte kurz auf. Sie haben recht, Mathew. Heute wollen wir feiern und in der nächsten Zeit werden wir sicher noch einige Testflüge vor uns haben. In dieser Zeit kann viel passieren.
Wie kommen Sie eigentlich mit Schyll zurecht?
, fragte Irwan plötzlich.
Der Kommandant blickte ihn überrascht an. Schyll ist nicht ganz einfach. Als Verbindungsoffizier hat er viel Macht und sich bei der Mannschaftszusammenstellung entsprechend eingemischt.
Wie meinen Sie das?
, fragte Mathew.
Wäre es nach ihm gegangen, dann hätten wir eine Mannschaft, die nur aus Terranern, Arkoniden, Ertrusern, Oxtornern und vielleicht Aras bestünde. Blues waren für ihn untragbar und bei Posbis hatte er große Bedenken. Immerhin konnte ich mich in Einzelfällen gegen ihn durchsetzen. So ist beispielsweise Zyrak Wygall weiterhin Maschinenchef. Auch stellte ich klar, dass Ihr strategisches Geschick über jeden Zweifel erhaben ist.
Er sah dabei Lorif an, der bisher ungewöhnlicherweise geschwiegen hatte.
Wir hatten auch schon das Vergnügen
, sagte der Posbi nun. Er scheint eine cholerische Natur zu sein.
Oh ja!
Jeamour lachte bitter. Das konnte ich auch feststellen. Ich kann euch gar nicht sagen, wie oft er mich auf Bestimmungen und Festlegungen des Quartäriums hingewiesen hat. Er ist auch gerne mal laut geworden. Und bei seinen Äußerungen über bestimmte Rassen in Cartwheel – ich denke, er wäre in der CIP besser aufgehoben als in meiner Kommandozentrale.
Mussten Sie auch Kompromisse eingehen?
, fragte nun Mathew.
Jeamour deutete auf Jennifer Taylor, die sich gerade mit wütendem Gesichtsausdruck zu ihnen durchkämpfte. Fragen Sie unsere Ärztin. Dr. Ignon Ruon ist einer der Kompromisse.
Alle drehten sich zu Jennifer.
Irwan begrüßte sie: Hallo Jenny. Schön, dich wiederzusehen.
Jennifer ging nicht auf die Begrüßung ein, sondern sagte geradeheraus zu Jeamour: Dass ich an Bord der IVANHOE II nur noch zweite Ärztin bin, ist in Ordnung. Dass meine Kompetenzen eingeschränkt wurden, ist auch in Ordnung. Aber dass dieser … dieser Ara der Chefarzt ist, das kann doch nicht Ihr Ernst sein!
Jeamour lächelte mitleidig. Leider hatte ich keine Wahl, Dr. Taylor. Ich konnte mir die Crew dieses Schiffes nicht komplett selbst auswählen. Was ist eigentlich passiert?
Tania Walerty bemerkte, dass ihre Freundin wütend war und gesellte sich schnell zu dem Offizierskreis.
Doch Jennifer atmete tief durch. Sie beruhigte sich allmählich. Dann begrüßte sie die anderen und begann zu erzählen: Als ich zur Krankenstation kam, wurde ich schon von seiner Erhabenheit erwartet. Sofort fuhr er mich an, ich sei zu spät. Ich frage mich, wie soll man zum Bezug einer Krankenstation zu spät kommen, wenn noch gar keine Crew vorhanden ist? Nun, er hatte sich schon komplett eingerichtet. Das heißt: Die Hälfte der Krankenstation gehört ihm, ich habe nur Zutritt, wenn er es gestattet. Denn ich könnte ja seine Patienten mit meinen ungeschickten, unerfahrenen Händen verletzen! Natürlich behandelt er die interessanten Fälle, wie er sich ausdrückt, höchstpersönlich. In meiner Station, zusammen mit den restlichen Ärzten, darf ich mich um Kleinigkeiten kümmern. Ach ja – und was mich umgehauen hat – Extraterrestrier kommen grundsätzlich zu mir. Dafür ist sich seine Hoheit zu schade.
Sie dachte nach. Natürlich, das hatte ich noch vergessen. Er hat selbstverständlich die besten Geräte in seinen Bereich mitgenommen. Ich würde sie schließlich nur kaputt machen. Dr. Ruon wünscht sich eine gute Zusammenarbeit mit mir, sagte er noch.
Es herrschte betretenes Schweigen unter den Freunden. Niemand konnte sich vorstellen, wie man im 14. Jahrhundert NGZ noch derartige Gedanken haben konnte. Sicher, das Quarterium schürte mit seiner Politik den Rassenhass. War es aber wirklich schon so weit gekommen, dass sich ein arroganter Ara wie Ignon Ruon solche Grobheiten an Bord eines Raumschiffes des Terrablocks erlauben konnte?
Jeamour schüttelte traurig den Kopf und sagte: Es tut mir Leid, Dr. Taylor, aber so lange sich Ignon Ruon keinen groben fachbezogenen Fehler leistet, kann ich nichts gegen ihn tun. Es war nicht meine Entscheidung, ihn an Bord zu holen.
Jennifer sah Jeamour an und sagte: Ich verstehe. Es tut mir Leid, dass ich so ausfallend war, aber bei so viel Unverschämtheit kann ich nicht ruhig bleiben.
Jeamour kam nicht mehr dazu, zu antworten, denn gerade wurde die Ankunft von Imperatore Siniestro mit seiner Familie verkündet.
Während die anderen feierten, fiel es Janina schwer, den Tag zu genießen. Sie suchte verzweifelt nach Tym Elahrt, ihrem Vorgesetzten. Auch nach den Ansprachen war sie nicht auf ihn getroffen, er hatte sich wohl sofort zur Feier aufgemacht.
Immerhin brachte Janina an einem Terminal in Erfahrung, wie Elahrt aussah: Mittelgroß, Kinnbart, leicht gedrungen. Eigentlich müsste er leicht zu finden sein. Doch inzwischen irrte Janina fast eine Stunde auf der Feier der Stammbesatzung herum, ohne ihn gesehen zu haben. Fragen wollte sie auch möglichst niemanden, sie wusste noch nicht, wer an Bord wichtig war, die Abzeichen auf den Uniformen waren ihr noch nicht vertraut. Und einen hohen Offizier mit ihren Problemen zu belästigen – das war das Letzte, was Janina jetzt tun wollte. Sie hatte genügend schlechte Erfahrungen gemacht.
Als sie nach einer Stunde immer noch nicht fündig wurde, fasste sie sich ein Herz und fragte bei einigen Leuten, die im Kreis standen, nach. Man sagte ihr, dass Tym es vermutlich vorzog, mit seinen Piloten zusammen zu feiern.
Auf der Pilotenfeier ging es hoch her. Hier wurde getrunken, geraucht, getanzt, geschrien, manchmal auch geschlagen. Die meisten Piloten hatten in den nächsten Tagen nur einige Trainingsmanöver zu absolvieren; Einsätze waren nicht geplant und Überraschungsangriffe in Cartwheel eher unwahrscheinlich. Daher hatte man ihnen zugestanden, Alkohol zu trinken. Dementsprechend führten sich einige Piloten auch auf. Janina wurde gleich zweimal angepöbelt, als sie sich einen Weg durch die Menge bahnte.
Nach etwa 20 Minuten wurde sie endlich fündig. An einem der wenigen Tische saß Tym Elahrt zusammen mit einigen Geschwaderleitern. Sie hielten sich mit dem Trinken zurück, denn die Chefs einer Pilotenstaffel mussten den anderen mit gutem Beispiel vorangehen. Sie beobachteten nur das Geschehen und machten sich ein Bild von den Männern und Frauen, die ihnen zugeteilt worden waren. Durch geübte Blicke waren sie in der Lage, viele Piloten schon jetzt einzuschätzen. Das erleichterte später die Verteilung der Aufgaben.
Janina kam auf den Offizierstisch zu und versuchte, Elahrt anzusprechen. Doch durch den Lärm der Musik war eine Verständigung fast unmöglich. Sie schaffte es, ihren Namen zu nennen und er gab ihr zu verstehen, nach der Feier in sein Büro zu kommen, um dort alles zu bereden.
Das war Janina recht, erschöpft ging sie zu ihrer Kabine und legte sich hin. In drei Stunden wollte sie es bei Tym Elahrt versuchen.
Es dauerte keine fünf Minuten, bis sie eingeschlafen war.
Imperatore Siniestro machte keinen Hehl daraus, dass er seinen neuen Posten in Cartwheel genoss. Er war schon als Paxus-Rat für die Terraner sehr angesehen gewesen, und seine Popularität hatte sich stets vergrößert. Er hatte es immer verstanden, sich gut zu verkaufen. Durch sein Charisma konnte er der breiten Masse selbst Einschränkungen ihrer Freiheit oder ihrer Rechte glaubwürdig begründen.
Don Philippes Ansehen hatte zwar etwas gelitten, seitdem die CIP gegründet worden war, aber der Gewinn war hoch gewesen: Er war langsam, aber sicher zum wichtigsten Mann in Cartwheel aufgestiegen.
Stolz betrat er mit dem Posbi Diabolo als Berater an seiner Seite den Festraum. Seine vier Kinder Orlando, Peter, Stephanie und Brettany folgten ihm. Brettany wirkte wie immer etwas ängstlich, ihr war bei dieser Menge an Aufmerksamkeit nicht wohl. Die anderen drei genossen sie jedoch voll und ganz. Vor allem Stephanie und Peter winkten den Festgästen mit breitem Grinsen zu und ließen sich feiern wie Könige.
In der Mitte des Raumes blieb der Imperatore stehen. Er war in eine seiner ausgefallenen Uniformen, die man genauso gut im 19. Jahrhundert in Spanien hätte tragen können, gekleidet. Für seinen neuen Titel hatte er seine Kleidung noch prunkvoller entwerfen lassen. Niemand störte sich daran, man akzeptierte Don Philippes Marotten. Er hatte viel für Cartwheel getan und konnte mit seinem Geld anstellen, was er wollte. Man wusste um seine Vergangenheit und konnte es ihm nicht verübeln, wenn er in einer Umgebung leben wollte, die ihn an sein früheres Leben erinnerte.
Natürlich hatte Don Philippe den einen oder anderen Syntronikchip in seine Uniformen einbauen lassen. Bei aller Liebe zu vergangenen Zeiten waren ihm die Vorzüge der Technik des 14. Jahrhunderts NGZ nicht entgangen. Denn auch in der heutigen Zeit waren Prominente ständig der Gefahr ausgesetzt, Opfer von Anschlagen zu werden. Vielleicht sogar mehr denn je, wie der Anschlag auf den Paxus-Parlament im Januar 1303 NGZ zeigte.
Der Imperatore räusperte sich und sagte mit fester, klarer Stimme: Werte Besatzungsmitglieder der IVANHOE II, werte Ehrengäste! Ich freue mich, heute hier bei ihnen sein zu können, denn dieser Tag ist ein ganz besonderer in Cartwheel. Die IVANHOE II, der Stolz der Ersten Terranischen Flotte, wird endlich in Dienst gestellt werden. Über die technischen Details hat euch sicher mein Sohn Orlando bereits hinreichend aufgeklärt. Er kann das viel besser als ich.
Der Imperatore zeigte ein hilfloses Lächeln, das sehr sympathisch wirkte. Es kam bei den Leuten besser an, wenn er als alter Mann so tat, als hätte er keine Ahnung von Technik.
Der Imperatore fuhr fort: Der Bau der IVANHOE II begann im Mai 1300 NGZ, sie wurde in den Jahren 1302/1303 vollendet, doch wir wollten nicht irgendein Schiff bauen, es sollte etwas ganz Besonderes werden. So nahmen wir uns Zeit, sie in den nächsten Jahren mit der modernsten Technik auszustatten. Auch unsere Freunde aus der Milchstraße halfen uns dabei. Die IVANHOE bildet mit 23 weiteren Ultraschlachtschiffen und der EL CID das Herz unserer Flotte. Dazu kommt noch eine ausgezeichnete Crew, die von Admiral Xavier Jeamour, Oberstleutant Glaus Schyll und meinem Sohn Orlando zusammengestellt wurde. Wie mir zu Ohren kam, gab es einige Diskussionen über die Zusammensetzung der Mannschaft, aber man hat sich geeinigt. Und wie ich sehe …
Don Philippe drehte sich langsam einmal im Kreis und sah die Crewmitglieder an. … ist eine ausgezeichnete Wahl getroffen worden. Sie werden schwierige, komplizierte Missionen durchführen müssen, aber ich bin davon überzeugt, dass diese Crew sie zu meiner vollsten Zufriedenheit meistern wird.
Don Philippe drehte sich um und gab Diabolo ein Zeichen, der ihm jetzt ein Glas mit Champagner brachte.
Lasst uns anstoßen. Auf die beste Crew Cartwheels!
Alle, die Gläser hatten, erhoben sie. Die meisten tranken alkoholfreien Champagner, weil sie noch Dienst hatten.
Und bringt mir mein Schiff heil zurück
, fügte der Imperatore mit einem Augenzwinkern hinzu. Daraufhin gab er Xavier Jeamour die Hand.
Nach dieser Ansprache ging das Fest weiter wie gehabt. Der Imperatore ließ sich nicht lumpen: Es wurden noch einige Tafeln aufgefahren. Die Mannschaftsmitglieder hatten ein Mahl, an das sie sich noch Jahre erinnern würden.
Die Crewmitglieder gingen umher, begrüßten alte Bekannte, gesellten sich zu kleinen Gesprächskreisen, suchten sich neue. Es war eine sehr vergnügliche und heitere Atmosphäre.
Nur einige, mit höheren Posten versehene Crewmitglieder waren nicht glücklich. Mathew Wallace beispielsweise dachte über das Gespräch mit Jeamour vorher nach. Sollte es wirklich dazu kommen, dass die IVANHOE für Ziele eintreten musste, die mit den Überzeugungen der alten IVANHOE-Mannschaft nicht vereinbar war? Würden sie wirklich einen Blues-Planeten angreifen müssen, nur weil man dort gegen einen Leitsatz des Quarteriums war? Was würde passieren, wenn …
Tania Walerty gesellte sich zum ihm. Mit einem Lächeln gab sie ihm ein Glas. Wallace schaute sie verdutzt an.
Etwas Vurguzz
, sagte sie mit einem Augenzwinkern.
Im Dienst?
, rügte Wallace sie.
Tania zuckte mit den Achseln. Weiß doch keiner …
Wallace musste lachen und gönnte sich das Glas. Tania Walerty war recht neu auf der alten IVANHOE gewesen. Als beste Freundin von Dr. Taylor und ausgezeichnete Offizierin auf der NIMH hatte sie beste Referenzen gehabt. Nur war sie oftmals ein Problemfall gewesen, da sie es mit der Disziplin nicht so genau hielt. Oftmals drückte Jeamour beide Augen zu. Jedoch wusste jeder, dass man sich auf die bildhübsche Terranerin im Ernstfall verlassen konnte. Sie ging weiter zu ihrer Freundin Jenny Taylor. Mathew blickte ihr noch eine Weile hinterher und bewunderte ihre entzückende Rückansicht.
Mathew Wallace?
Aus den Gedanken gerissen, drehte sich Mathew um. Ja?
Erst jetzt sah er, wer vor ihm stand: Stephanie de la Siniestro! Sie hatte sich ihr Haar kunstvoll hochgesteckt und Unmengen Glitzerstaub darauf verteilt. Ihr Gesicht war atemberaubend schön: Auch ohne Schminke war sie eine atemberaubende Frau, aber für diese Feier hatte sie Fältchen verschwinden lassen, Schatten übermalt, ihre braunen Augen hervorgehoben. Und dann noch dieses Kleid, das viel von ihrer Brust und noch mehr von ihren Beinen zeigte.
Mathew war überwältigt vom Anblick. Stephanie de la Siniestro!
, brachte er hervor.
Ja, ich kenne meinen Namen
, antwortete sie charmant. Mathew, endlich treffe ich dich. Ich habe ja schon so viel von dir gehört.
Wirklich? So bekannt bin ich doch gar nicht
, wiegelte er ab. Er fühlte sich geschmeichelt und gleichzeitig etwas unsicher. Was konnte diese Frau von ihm wollen?
Ach, Mathew! Du bist viel zu bescheiden. Ich habe doch von allen deinen Heldentaten in Dorgon die Berichte gesehen. Du bist auch auf die IVANHOE II versetzt worden?
Ja, ich bin der erste Offizier und zuständig für die Navigation.
Stephanie sah ihn bewundernd an. Du hast eine steile Karriere gemacht, Mathew.
Vielleicht.
Stephanie bemerkte, dass ihr das Gespräch entglitt. Sie blickte ihr Gegenüber verführerisch an und sagte: Wollen wir nicht in eine Kabine gehen, wo wir uns ungestört unterhalten können?
Wallace war ganz in ihrem Bann. Klar
, brachte er nur hervor und ließ sich von ihr mitziehen, ohne zu wissen, wie ihm geschah.
Eine knappe Stunde später kehrte Stephanie zur Feier zurück. Sie fühlte sich großartig. Dieser Mathew Wallace war ein brillanter Liebhaber. Es hatte nicht lange gedauert, bis sie ihn in die Horizontale gebracht hatte.
Mathew war zunächst etwas schüchtern gewesen, aber das hatte sich sehr schnell gelegt. Sie hatte ihn hart rangenommen. Ja, dieses kleine Abenteuer hatte sich gelohnt. Jetzt konnte sie keine langatmige Rede mehr stören.
Nachdem sie mit Mathew geschlafen hatte, hatte sie sich wieder zurechtgemacht. Stephanie hoffte, dass man ihr nicht ansah, wie sie ihre Zeit verbracht hatte, denn sie hatte das Make-up nicht so gut hinbekommen wie zuvor. Toran würde es schon nicht merken, er war schließlich auch nur ein Mann.
Stephanie wanderte in der Feierhalle herum, bis sie endlich ihren Verlobten, Toran Ebur, traf. Er war erst vor kurzem eingetroffen. Er sollte sich gar nicht wundern, wenn sie sich alleine vergnügte, wenn er sie schon allein ließ.
Sie begrüßte ihn mit einer wilden Umarmung, dann küssten sie sich leidenschaftlich.
Mathew Wallace kehrte in diesem Moment zur Feier zurück und beobachtete die Szene. Er war schockiert über ihr Verhalten, aber auch über sich selbst. Im Nachhinein konnte er sich gar nicht erklären, was er von dieser Frau wollte. Sicher, sie war schön, intelligent und sie konnte charmant sein. Allerdings war auch allseits bekannt, dass sie kalt und berechnend und immer nur auf ihren eigenen Vorteil aus war. Nichts anderes zählte für sie.
Traurig schüttelte Mathew den Kopf. Was war nur aus ihm geworden? Seit der Trennung von Saraah war er immer leicht depressiv gewesen, er hatte sich gefragt, ob man die Beziehung nicht hätte retten können. Hatte die Trennung sein müssen? Würde er jemals wieder eine Frau finden, die er so lieben konnte, wie er Saraah geliebt hatte?
Nein, mit prominenten Schönheiten wie Stephanie de la Siniestro zu schlafen, das konnte keine Lösung sein. Schlimmer noch: Sie hatte ihn ausgenutzt, hätte er sie zurückgewiesen, dann hätte sie sich einen anderen gesucht. Er war nur einer von vielen potentiellen Kandidaten gewesen. Nein, wie hatte das nur passieren können?
Etwas aufgeregt schaute Tania Walerty zu Peter de la Siniestro. Sechs Jahre war es her, seit sie mit ihm eine Nacht verbracht hatte. Doch das war nicht dieser Peter, sondern sein Para-Ich aus einem anderen Universum. Zwar war dieser unordentlich und exzentrisch gewesen, doch er hatte ein so großes Herz gehabt.
Ob dieser Peter auch so war? Tania fragte sich das seit Jahren. Sie hatte nie die Möglichkeit gehabt, den Sohn des Imperatore aufzusuchen. Dann kamen andere Männer und die Gedanken an Peter verstrichen. Jedoch nur oberflächlich. In ihrem Inneren hing sie immer noch an ihm. Jetzt war die Gelegenheit dazu da.
Sie zupfte sich ihr Oberteil zurecht. Sie trug kein sonderlich gewagtes Outfit, da dies ja eine offizielle Party war. Eng anliegende schwarze Hosen, eine schulterfreie Bluse. Das hatte schon zu einigen bösen Blicken geführt. Besonders der neue Verbindungsoffizier Glaus Schyll schien nicht darüber erbaut zu sein. Tania glaubte, dass er entweder auf Männer stand oder wirklich so ein Bürokrat war, wie er sich gab. Für die Männerwelt hoffte sie auf letzteres.
Sie nahm sich zwei Gläser Sekt und ging zu Peter, als dieser allein und unbeholfen in der Gegend stand. Mit einem Lächeln stellte sie sich vor: Hi, ich bin Tania.
Peter blickte sie seltsam an. Machen Sie gefälligst Meldung wie ein anständiger Soldat!
, brüllte er los.
Die anderen blickten sich schon um. Tania war das ziemlich peinlich. Sie brauchte einen Moment, um sich zu fassen. Äh, Major Tania Walerty, leitender Kommunikationsoffizier der IVANHOE II.
Nun lächelte Peter.
Schon besser, Major Walerty.
Er nahm das Glas und trank es auf einen Zug leer.
Ein prächtiges Schiff. Wissen Sie, dass wir damit bis zu 15.000 Infanteristen und 1000 Panzer transportieren können? Die IVANHOE hat Kapazitäten für 2000 Jäger, hundert Space-Jets und mehr. Sie ist eine einzige fliegende Festung
, erklärte er mit strahlenden Augen.
Das war nicht unbedingt das Gesprächsthema, wonach es Tania sehnte. Doch sie lächelte einfach und stimmte Peter de la Siniestro zu.
Ist das eigentlich alles, was sie bewegt? Soldaten, Schlachtschiffe und Panzer?
, wollte sie wissen.
Wie meinen Sie das?
, fragte er barsch.
Naja, haben sie keine Freundin?
Peter rümpfte die Nase. Mädchen? Mädchen sind so was von unmilitärisch. Ich habe meine Armee und die reicht mir.
Aha
, machte Tania und nippte an ihrem Glas. Irgendwie war dieser Peter ganz anders als der im Paralleluniversum.
Plötzlich fing er aber an zu kichern und zog Tania am Arm. Kommen Sie mit
, flüsterte er ihr ins Ohr.
Sie ging mit. Vielleicht waren Peters Worte vorhin nur Masche. In Wirklichkeit stand er vielleicht doch auf Tania. Warum würde er sie plötzlich mitnehmen. Die Terranerin hoffte doch noch auf einen romantischen und ebenso heißen Abend. Er zog sie in eine Halle, wo ein großer Shift-Panzer stand.
Das ist ein M 101 Okrill!
, erklärte Peter voller Stolz. Er hat eine 325 mm-Kanone und macht bis zu 314 Stundenkilometer. Der M 101 ist der beste Shift im ganzen Quarterium. Er ist der Nachfolger des terranischen M 99. Doch er ist dem M 99 in jeder Hinsicht überlegen. Feuerkraft, Schnelligkeit, Panzerung …
Ist ja hochinteressant
, meinte Tania und dachte, wie langweilig dieses Geschwafel war.
Peter kletterte in den Panzer und holte eine Uniform heraus. Er kicherte seltsam. Du willst es doch, oder?
Tania hatte sich das zwar alles romantischer vorgestellt, doch sie wollte Peter immer noch intimer kennen lernen. Sie schmunzelte und nickte.
Gut, zieh die Uniform an!
Tania blickte ihn verwundert an. Der Oberbefehlshaber des vereinten Heeres und Stellvertreter des Quarterium-Marschalls ein Uniformfetischist? Das wurde ihr aber langsam zu seltsam.
Peter holte ein Scharfschützengewehr aus dem Panzer. Für einen Moment hatte Tania Angst. Dann drückte de la Siniestro ihr das Gewehr und die Uniform in die Hand.
Wenn wir es machen, möchte ich, dass du die Uniform trägst und die Waffe in mir eindringt. Ganz tief! Verstanden?
Jetzt begann Tania zu lachen. Das konnte doch nur ein Scherz sein. Sie konnte sich vor Lachen gar nicht mehr einkriegen. So etwas seltsames hatte sie noch nie gehört.
Doch Peter fand das nicht lustig. Er lief rot an und schrie: Du blöde Schlampe. Zieh die Uniform an und mach's mir mit dem Gewehr! Na los, sonst lasse ich dich strafexerzieren!
Jetzt begriff Tania, dass es kein Scherz von Peter war. Sie sah ihn sprachlos an, ließ die Waffe und die Uniform fallen und rannte aus der Halle.
Peter wurde wütend und griff nach dem Scharfschützengewehr. Er entsicherte und zielte auf Tania. Doch plötzlich drückte eine Hand das Gewehr nach unten. Er fuhr herum.
Despair!
Peter wurde noch wütender und wollte das Gewehr los reißen. Er hatte jedoch keine Chance gegen den silbernen Ritter. Schließlich entriss ihm Despair das Gewehr.
Ihr exentrisches Verhalten ist eine Schande für die Armee und eines Oberbefehlshabers unwürdig. Wollen wir hoffen, dass Major Walerty dieses Intermezzo ebenso peinlich ist und kein Wort darüber verlieren wird
, meinte Despair.
Als er sicher sein konnte, dass Walerty außer Reichweite war, warf er die Waffe dem erstarrt dastehenden Peter vor die Füße und verließ den Raum.
Der Sohn des Imperatore blieb allein zurück.
In ihm brodelte es. Ich werde es euch allen noch zeigen …
Gegen 18:00 Uhr gingen die Feiern zu Ende. Die Mannschaften hatten noch bis 20:00 Uhr frei. Sie sollten sich frisch machen und in ihren Kabinen einrichten, sofern das noch nicht geschehen war. Außerdem sollten sie sich darauf vorbereiten, was sie erwarten konnte: Eine lange, womöglich mehrjährige Odyssee durch den Weltraum. Vielleicht würden sie in fremde Galaxien geschickt, vielleicht sollten sie unbekannte Planeten erkunden, vielleicht auch nur Patrouillenflüge durch Cartwheel machen. Niemand wusste, was für die IVANHOE II in Zukunft vorgesehen war. Vorerst sollten nur einige Testflüge durchgeführt werden. Schließlich sollte der neue Stolz der Flotte in perfektem Zustand sein, wenn er sich auf die große Reise begeben würde.
Nach Ablauf der zwei Stunden machten sich die Männer und Frauen zu ihren Arbeitsplätzen auf. Roboter hatten die Spuren des Festes beseitigt. Nur an wenigen Stellen traf man noch vereinzelte Maschinen, die das eine oder andere Wandstück reinigen, an dem ein Infanterist oder ein Pilot seinen Mageninhalt geleert hatte. Vermutlich erinnerte sich niemand daran, dass in vergangenen Zeiten diese Schweinereien von Menschenhand gesäubert worden waren.
Die Zentrale füllte sich allmählich. Kommandant Xavier Jeamour war, wie es sich für seinen Posten gebot, als erster auf seinem Posten. Er begrüßte die ankommenden Besatzungsmitglieder alle mit Handschlag. Einerseits war ihm ein gutes Klima in der Zentrale wichtig, andererseits kannte er die meisten Besatzungsmitglieder inzwischen sehr gut. Man konnte sagen, eine Freundschaft verband sie miteinander.
Jeamour freute sich auf die Zusammenarbeit mit Mathew Wallace, der die Navigation übernehmen sollte, mit dem Oxtorner Irwan Dove, der für die Sicherheit zuständig sein würde und über den Posbi Lorif, der zwar sehr geschwätzig war, aber sein strategisches Genie mehrmals unter Beweis gestellt hatte.
Mit gemischten Gefühlen dagegen betrachtete der Kommandant Glaus Schyll. Der neue Verbindungsoffizier sorgte zwar mit seinem cholerischen Temperament und seiner Vorschriftenverliebtheit für Disziplin in der Kommandozentrale; das führte aber auch zu Unfrieden unter den Besatzungsmitgliedern. Jeamour fürchtete sich jetzt schon vor Diskussionen mit Schyll, denn Schyll stand voll und ganz hinter den Richtlinien des Quarteriums. Jeamour war da kritischer.
Jetzt kam auch Tania Walerty. Sie wirkte etwas aus der Spur geraten und war nicht so fröhlich wie sonst. Jeamour glaubte, sie hätte wahrscheinlich wieder mal verschlafen und orderte einen starken Kaffee für seine Kommunikationsoffizierin. Nach und nach trafen noch die übrigen Mitglieder der Zentralbesatzung ein. Die Schiffsführung war komplett anwesend.
Alle nahmen ihre Posten ein, denn für 21:00 Uhr war der Start angesetzt. Routinemäßig wurden alle Funktionen noch einmal überprüft. Es wurden jedoch keine Fehler gefunden, Maschinenchef Zyrak Wygal und sein Team hatten ganze Arbeit geleistet.
Obwohl es bereits dunkel war, wurde die IVANHOE II taghell beleuchtet. In den letzten Wochen hatten sich Reporter aller möglichen Sender um die Filmrechte des spektakulären Starts gestritten. Die Filmplätze waren begehrt und limitiert. Nur unter strenger Aufsicht durften die Reporter fliegende Kamerasonden platzieren, nur an ausgesuchten Plätzen durften sie sich aufhalten.
Es war ein sehr hoher Aufwand, sowohl für die Regierung, als auch für die Trivid-Anstalten. Erstere deckte ihre Kosten leicht mit den Einnahmen durch die Filmrechte, sie machte sogar beträchtlichen Gewinn dabei. Die Trivid-Anstalten dagegen hofften auf hohe Einschaltquoten und gute Werbeverträge.
Raumschiffsstarts dieser Größenordnung waren schon immer erhabene Ereignisse gewesen. Manche Sender zeigten vor dem Ereignis Archivaufnahmen vom Start der CREST IV, der MARCO POLO oder der BASIS. Auch von der SOL wurde Datenmaterial gezeigt, nur die passte nicht ganz in die Reihe dieser Raumschiffe, denn ihr erster Flug trug Perry Rhodan und andere Immune ins Exil. Sie waren nicht von der Aphilie befallen und mussten daher gehen.
Um Punkt 21:00 Uhr war es soweit: In der Zentrale der IVANHOE war kein Laut zu hören, alle warteten gespannt auf das Zeichen, das Xavier Jeamour geben sollte. Die Maschinen liefen bereits, vor zwei Minuten hatte Mathew Wallace sein Okay gegeben. Die IVANHOE war startbereit.
Jeamour nickte schließlich Mathew zu und übertrug ihm die schwierige Aufgabe, einen absolut perfekten Start zu absolvieren.
Die Stille wurde fast gespenstisch. Schallabsorbierende Geräte sorgten für Lautlosigkeit beim Abheben, Andruckabsorber für das Wohlbefinden der Insassen.
Langsam, ganz langsam, begann sich der 2500 Meter durchmessende Koloss zu heben. Zuerst merkte man es gar nicht, doch das Raumschiff gewann an Geschwindigkeit und schwebte bald 100 Meter über dem Erdboden. Dort verweilte es einen Moment für die vielen Kameras, die auf es gerichtet waren und schoss dann in die Höhe.
Viele Reporter waren enttäuscht: Der Start war absolut glatt verlaufen, es hatte keine Skandale, keine Attentate gegeben. Sicher, das war großartig. Aber auch im 14. Jahrhundert NGZ verkauften sich schlechte Nachrichten, die man vielleicht sogar wochen- und monatelang wiederholen konnte, besser als gute.
Die Besatzung der IVANHOE II dachte anders. Sie war über den gelungenen Start sehr zufrieden. Das Schiff steuerte jetzt auf sein erstes Ziel zu: Die äußeren Ringe Cartwheels. Man sagte, es würden große Aufgaben auf das Schiff warten. Doch niemand hatte sich bislang dazu geäußert. Jeamour hatte nur die Anweisung bekommen, die Systeme am Rande der Galaxis ausgiebig zu testen. Das allein war zur Zeit wichtig.
Was würde sie erwarten, in einem unter dem Quarterium regierten Cartwheel, in einem Zeitalter der Kriege, in einer Zeit des Terrors?
Eine Stunde nach dem Start suchte Janina das Büro des Kommandanten der Space-Jets, Tym Elahrt, auf. Sie betätigte höflich den Summer an der Tür, die kurz darauf auffuhr. Janina trat ein.
Tym Elahrt war hier noch nicht heimisch geworden, das bemerkte man auf den ersten Blick. Die Wände waren kahl, die Möblierung spärlich, Regale und Schreibtisch waren leer. Tym stand vor dem Tisch.
Er bemerkte Janinas forschende Blicke und sagte: Ich hoffe, die Ungastlichkeit stört Sie nicht. Ich ziehe es vor, bei meinen Männern zu sein. Im Büro bekomme ich nicht mit, was sie tun, was sie denken. Deswegen möchte ich mich hier gar nicht wohl fühlen.
Er lächelte freundlich und bot Janina einen Platz an. Wenn ich das vorhin richtig verstanden habe, dann sind Sie Janina Potter.
Nein, Porter. Mit r und t.
Alles klar.
Tym beugte sich zu seinem Syntron und gab etwas ein. Darum hat Sie also dieser Syntron nicht gefunden. An dem werde ich wohl noch etwas arbeiten müssen, der muss flexibler werden – ah – da haben wir Sie ja.
Kopfschüttelnd fügte er hinzu: Wegen zwei Buchstaben. Da muss ich wohl wirklich mal einen Syntroniker holen.
Vielleicht kann ich da helfen …
begann Janina vorsichtig.
Ach, nicht nötig. Ich brauche diesen Syntron sowieso nur selten. Was jetzt wichtiger ist: Ich sehe gerade, dass Sie erst heute zum Dienst auf der IVANHOE einberufen wurden. Hier steht, Sie waren auf dem Raumhafen von Siniestro beschäftigt. Haben Sie eine Ahnung von der Technik unserer Space-Jets?
Na ja, ein wenig schon. Aber niemand sagte mir bisher, womit Sie hier arbeiten.
Verstehe. Ich organisiere eine Hypnoschulung für später. Vielleicht wissen Sie schon einiges, aber sicher ist sicher. Wir brauchen an Bord nur Spitzenkräfte, die – wenn es darauf ankommt – ohne zu zögern unsere Jets reparieren können. Auch wenn nicht genügend Teile vorhanden sind … Wo wir gerade dabei sind: Wissen Sie eigentlich, auf was für einem Schiff Sie sich befinden? Haben Sie die Rede von Orlando de la Siniestro vorhin mitbekommen?
Janina versuchte, nicht rot zu werden. Als er sprach, kam ich gerade an
, versuchte sie, sich aus der Affäre zu ziehen. Ganz verkehrt war es ja nicht, was sie sagte.
In Ordnung, dann gebe ich Ihnen noch ein paar Infos über das Schiff, damit Sie später bei den Gesprächen mitreden können.
Janina freute sich. Das wäre großartig!
, sagte sie.
Gut.
Tym setzte sich. »Wir sind hier auf einem Ultraschlachtschiff, einem Kugelraumer mit 2500 Metern Durchmesser, vergleichbar mit der alten GALAXIS-Klasse. In Zusammenarbeit mit unseren Freunden aus der Milchstraße wurde ein Hypertakt-Triebwerk entwickelt. Es ist zwar nicht so leistungsfähig wie das der SOL, aber es schafft immerhin eine Beschleunigung von stattlichen 1350 km/sec.
Mit 2500 Metern ist die IVANHOE eine gigantische Kugel, Sie haben sicher auch einen ersten Eindruck bekommen, als Sie sie betreten haben. Sie ist natürlich mit jeder Menge Geschützen besetzt: Insgesamt 25 Mega-Transformgeschütze, 50 Intervallgeschütze, 100 Impulsgeschütze und 1 Transonator. Daneben verfügen wir über 10 Arkonbomben und 5 Sternenfusionsbomben, die natürlich nur im äußersten Notfall eingesetzt werden.
Die Defensivbewaffnung besteht aus einem vielfach gestaffelten Paratron-Schild, einem Semi-Transit-Schild und natürlich Virtuellbildnern.
Außerdem sind Maxim-Orter und Hyperraum-Resonatoren an Bord.
An Einheiten gibt es 75 Space-Jets, 10 VESTA-Kreuzer, 25 MINOR GLOBES, 250 Jäger, 250 SHIFTS und schließlich 500 TARA-C-1 Kampfroboter. Das C-1 steht natürlich für Cartwheel-1. Die Einzelheiten über die verschiedenen Jets und Kreuzer werden Sie dann in der Hypnoschulung erfahren.
Ach, das könnte noch interessant sein: Wir haben eine Gesamtbesatzung von 6050 Mann. Davon sind nur 550 Männer und Frauen Stammbesatzung – Sie und ich gehören dazu. Hinzu kommen 1500 Piloten, mit denen Sie gelegentlich zu tun haben werden. Schließlich noch 4000 Infanteristen. Die bekommen Sie in der Regel nur in einer Kantine oder dann, wenn sie die Jets besteigen, zu Gesicht.
Habe ich etwas vergessen? Nein, ich glaube, das war es fürs erste. Einzelheiten gibt es morgen bei der Hypnoschulung. Haben Sie sonst noch Fragen?«
Janina dachte nach. Welche Leute an Bord sollte ich denn kennen?
Gute Frage! Also, Xavier Jeamour ist Kommandant, dem werden Sie aber wohl eher selten über den Weg laufen. Wichtig ist vielleicht Irwan Dove, er ist der zweite Offizier und zuständig für die Sicherheit. Er wird hier gelegentlich mal vorbei kommen. Dr. Ignon Ruon, ein Ara, dürfte noch wichtig sein. Er ist der Chefarzt an Bord. Wenn ich krank würde, dann würde ich mich aber eher an Jennifer Taylor, die zweite Ärztin, wenden. Über Ruon sagt man so Einiges. Interessant ist für Sie sicherlich noch Haupmann Soran Tomall, er ist Kommandant der VESTA-Kreuzer. Mit dem werden Sie aber noch früh genug zusammentreffen, er bespricht gerne technische Probleme mit den Technikern. Oder seine Pläne zur Verbesserung seiner Einheiten. Es ist immer ganz unterhaltsam, mit ihm zusammenzuarbeiten. Zu guter Letzt sollten Sie noch Zyrak Wygall, unseren Maschinenchef, kennen.
Den habe ich schon kennen gelernt. Scheint etwas nervös zu sein.
Machen Sie sich nichts daraus. Durch seine permanente Sorge um alle Maschinen ist er der perfekte Mann für den Posten. Da Sie für die beweglichen Einheiten zuständig sind, werden Sie ihn auch relativ selten zu Gesicht bekommen.
Wo wir gerade über Einheiten reden, wie groß ist das Team, in dem ich arbeite?
Ihr seid sechs Techniker, aber zur Not kennen sich noch einige Piloten mit der Technik aus, falls es dick kommt. Vielleicht kommen Sie gleich mit, ich wollte sowieso noch einmal zu den Einheiten. Die Techniker werden sie bestimmt bereits begutachten.
Janina und Tym standen auf. Dann gingen sie zum Haupthangar. Dort würde Janina auf ihre zukünftigen Kollegen treffen. Tym, ihr Vorgesetzter, schien ja ein Mensch zu sein, mit dem man auskommen konnte. Nach dem schlechten Start schien es jetzt ja langsam besser zu werden.
Der Jungfernflug verlief ruhig. Allmählich legte sich die Aufregung unter den Besatzungsmitgliedern. Sie wussten, dass ihre Arbeiten bald Routine werden würden, dass sie aber wichtig waren.
Die Euphorie der Crew verflog allmählich, der Alltag kehrte ein. Jeamour war zufrieden. Sorgen machte er sich nur wegen Glaus Schyll, der allein durch seine Anwesenheit für Unsicherheit und teilweise sogar für Aggressionen sorgte. Er meckerte viel, wusste alles besser und mischte sich überall ein. Manchmal meinte er sogar, mehr zu sagen zu haben als der Kommandant selbst. Und das Beängstigende dabei war: In gewisser Weise stimmte das sogar! Schyll war von den hohen Tieren des Quarteriums auf die IVANHOE beordert worden. Als Verbindungsoffizier konnte er sich in vielen Dingen einmischen, seine Aufgabe war nicht klar umrissen. Gefiel ihm aber etwas nicht, was Jeamour machte, dann brauchte er es nur Orlando de la Siniestro zu melden und schon konnte Jeamour in Schwierigkeiten geraten.
Kommandant!
Jeamour drehte sich um, sofort war er wieder bei der Sache. Tania Walerty, die Kommunikationschefin, hatte ihn angesprochen.
Was gibt es, Major?
, fragte er ruhig.
Kommandant, ich habe ein merkwürdiges Echo auf dem Bildschirm. Ich glaube, es könnten Raumschiffe sein.
In welchem Sektor?
In den äußeren Ringen Cartwheels, etwa 1500 Lichtjahre von unserem Zielort entfernt. Nach meinen Daten sollten dort gar keine Raumschiffe sein.
Übermitteln Sie mir bitte die Koordinaten und das Bild, ich möchte mir das selbst ansehen.
Jeamour hatte vor seinem Sessel gestanden. Jetzt setzte er sich hin und wartete auf das eintreffende Bild. Als es kam, wurde er stutzig. Sah man genau hin, so erkannte man zwei Echos. Hin und wieder leuchteten sie auf, es mussten Energieladungen freigesetzt worden sein. Explosionen etwa.
Das sieht ganz nach einem Kampf aus. Oberstleutnant Wallace, ich übermittle Ihnen die Koordinaten. Setzen Sie Kurs in diesen Sektor. Ich möchte mir das aus der Nähe ansehen.
Sofort, Kommandant!
, antwortete Wallace.
Die erste Probefahrt der IVANHOE II versprach, doch spannend zu werden.
Es dauerte keine 10 Minuten, bis Glaus Schyll in die Zentrale stürmte. Er hatte sie kurz nach dem Start verlassen, um verschiedene Sektoren des Schiffes zu inspizieren. Vermutlich wollte er vor allem den Extraterrestiern, denen man seiner Meinung nach nicht trauen konnte, auf die Finger schauen.
Wir ändern den Kurs? Was hat das zu bedeuten?
Xavier Jeamour atmete tief durch. Er würde sich in den nächsten Wochen und Monaten an derartige Vorkommnisse gewöhnen müssen. Aber noch musste er an sich halten, um nicht gleich loszupoltern. Ja, wir ändern den Kurs. Und das aus gutem Grund.
Zwei Sekunden wartete Schyll auf eine weitere Erklärung, dann brach es aus ihm heraus: Aus welchem Grund? Wir haben eine klare Order und …
Mein werter vierter Offizier Oberstleutant Glaus Schyll, noch bin ich der Kommandant an Bord. Aufgrund Ihrer … besonderen Postition ist es Ihnen gestattet, einige meiner Befehle zu hinterfragen. Dennoch wollen wir, wenn Sie das schon tun, einige Grundsätze der Höflichkeit und Zivilisation wahren, nicht wahr?
Jeamour hatte klar und deutlich gesprochen und absichtlich die Anreden betont, um seinem Vortrag mehr Gewicht zu geben. Vielleicht konnte man diesen Schyll ja wenigstens ein bisschen erziehen.
Schyll bemerkte, dass er in der Falle saß. Jeamour war dabei, ihn vor der ganzen Zentralebesatzung lächerlich zu machen. Ganz gleich, was Schyll jetzt tat, es würde immer in einem Fettnapf enden. Daher entschloss er sich für einen Rückzug und sagte: In Ordnung. Würde der werte Herr Kommandant die Güte haben, mir die Gründe für den Kurswechsel darzulegen?
fragte er übertrieben höflich mit einem breiten Grinsen.
Jeamour lachte. Aber Oberstleutant, das müssen wir noch etwas üben. Aber gut: Wir haben in einiger Entfernung von unseren Zielkoordinaten merkwürdige Ortungsechos aufgespürt.
Und?
Wir vermuten Raumschiffe, die sich bekämpfen. Ich möchte nachsehen, was dort passiert.
Und?
Diesmal klang die Nachfrage schon wesentlich ungeduldiger.
Doch Jeamour blieb ruhig. Vielleicht ist es ein Überfall, vielleicht ein politisches Komplott. Wie auch immer, wir werden dort hinfliegen.
Der Kommandant stand auf. Wer weiß, vielleicht können wir hier erste Erfahrungen mit unserem neuen Schiff sammeln.
fügte er hinzu und verließ die Kommandozentrale. Er ließ einen ärgerlichen Glaus Schyll zurück.
Es dauerte einige Zeit, bis die beiden Ortungsechos in unmittelbarer Reichweite waren. Jeamour war bald wieder in der Zentrale, er hatte nur kurz eine Toilette aufgesucht. Mit leichtem Unbehagen stellte er fest, dass sich Schyll in einem der freien Sessel niedergelassen hatte. Wie lange es mit dieser Nervensäge an Bord gut gehen würde?
Gibt es Neuigkeiten?
, fragte der Kommandant.
Ja
, meldete Tania. Es handelt sich eindeutig um sich bekämpfende Schiffe. Wir haben auch einen kurzen Funkspruch aufgefangen, den das fliehende Schiff ausgesandt hat. Dann verschwanden beide Schiffe hinter einer Sonne. Wir folgen gerade.
Tania Walterty konzentrierte sich wieder auf ihren Orterschirm. Sie war nicht nur Leiterin der Funkkommunikation, sondern auch für die Ortung zuständig. Ihr zur Seite wurden zwei weitere Orter und Funker gestellt.
Lorifs Aufgabe bestand darin, die Messwerte zu analysieren und zu interpretieren. Schyll war von Anfang an gegen diese Aufteilung gewesen, da sie seiner Meinung zu unübersichtlich war. Jeamour setzte hingegen auf die Zusammenarbeit seiner Leute.
Ich bin weiterhin dagegen, diesen Schiffen zu folgen. Ich möchte hiermit offiziell gegen die Missachtung der Order des Oberkommandos protestieren.
Schyll hatte noch immer ein hochrotes Gesicht.
Mathew Wallace seufzte. Aber wir unterstehen nun einmal dem Kommandanten. Von ihm nehmen wir Befehle entgegen. Im Übrigen halten, ausgenommen von Ihnen, alle in der Zentrale die Untersuchung des Kampfes für notwendig. Also lassen Sie uns endlich unsere Arbeit tun!
Glaus Schyll war schockiert über diese Worte, aber da zur Zeit nichts für ihn zu gewinnen war, schwieg er jetzt lieber. Xavier Jeamour nahm das mit Freude zur Kenntnis.
Tania Walerty meldete sich wieder. Die Schiffe verlassen den Ortungsschatten der Sonne wieder. Gleich können wir erkennen, womit wir es zu tun haben.
Geben Sie mir das Bild auf einen Bildschirm, sobald Sie es haben.
Zwei Sekunden später war es so weit, Jeamour schrie fast vor Überraschung auf. Dorgonische Schiffe!
Kommandant, es kommt ein Funkspruch herein. Vom Verfolgerschiff!
Bitte durchstellen!
Ein Mann im mittleren Alter, mit harten Gesichtszügen wurde sichtbar. Diese Unerbittlichkeit im Blick schreckte Jeamour sofort ab.
Doch bevor er etwas sagen konnte, begann der andere: Mein Name ist Centrus Marcos Isurus. Ich verfolge diese Terroristen. Haltet euch entweder aus dieser Angelegenheit heraus oder helft uns, sie einzufangen. Wenn sie sich nicht bald ergeben, werden wir sie vernichten.
Ich bin Kommandant Xavier Jeamour von der IVANHOE II. Was wird den Flüchtlingen vorgeworfen?
Das ist nicht eure Angelegenheit. Lasst uns einfach unsere Arbeit erledigen und wir sind bald wieder weg.
Jeamour war angewidert von der Arroganz dieses Mannes. Ihr befindet euch in unserem Hoheitsgebiet. Daher ist es jetzt sehr wohl auch unsere Angelegenheit. Wir werden uns anhören, was die Flüchtlinge zu sagen haben.
Aber …
, war noch zu hören, dann hatte Jeamour schon die Funkverbindung unterbrochen.
Tania, stellen Sie bitte eine Verbindung mit dem fliehenden Schiff her.
Das ist nicht nötig, wir werden bereits angefunkt. Ich stelle durch.
Kurz darauf war auf einem Bildschirm das traurige Gesicht einer schönen Frau zu sehen. Sie wirkte müde, ihr schwarzes Haar hing ihr wirr über die Schultern, die graugrünen Augen hatten ihren Glanz verloren. Ich grüße euch. Ich bin Saraah, ehemalige Senatorin von Jerrat. Es sind schreckliche Dinge passiert und wir werden von diesem Centrus verfolgt. Wir bitten …
Saraah?
Jeamour war völlig überrascht, ausgerechnet Saraah zu sehen. Wieso war sie eine Gesetzlose, eine Terroristin? Erkennst du mich nicht?
Was? Erkennen? Unser Bildempfang ist gestört.
Sie stockte. Das – das kann doch nicht sein? Xavier? Xavier Jeamour? Wie – wie kann das sein?
Ich glaube, das besprechen wir besser hier an Bord. Wir ziehen euch zunächst per Traktorstrahl zu uns.
Saraahs Augen leuchteten auf. Vielen Dank! Vielen Dank für das Vertrauen. Wir sind keine Terroristen. Wir können alles erklären!
Das weiß ich doch. Übrigens – Mathew ist auch an Bord. Er kann es noch gar nicht fassen, dich bald wiederzusehen.
Wirklich? Es ist so lange her. Ich freue mich sehr.
Als Saraah abschaltete, wirkte sie richtig glücklich, ihre Hoffnung schien zurückgekehrt zu sein.
Jeamour wandte sich an seinen Ersten Offizier. Oberstleutant, veranlassen Sie bitte, dass Saraahs Schiff per Traktorstrahl an Bord gebracht wird. Und Major Walerty, schicken Sie Marcos Isurus eine Warnung, er soll sich jetzt nicht einmischen, oder es gibt Ärger.
Schyll erhob sich und kam auf Jeamour zu. Ich empfehle dringend, dieses Vorhaben sofort abzubrechen. Wir haben gute Beziehungen zu den Dorgonen, die dürfen wir nicht leichtfertig durch diese Einmischung aufs Spiel setzen!
Jeamour blieb ruhig. Ich habe den Einwand registriert und werde vorsichtig sein. Aber da wir jetzt in die Sache verstrickt sind, werden wir die Flüchtlinge zu Wort kommen lassen. Ich möchte wissen, was passiert ist.
Mathew gab wie betäubt die Befehle für die Traktorstrahlen. Er würde bald Saraah wiedersehen. Zu einem völlig unerwartetem Zeitpunkt. Hatte sie sich verändert? Wieso galt sie als Terroristin? Mathew hoffte, es würde sich alles in Wohlwollen aufklären.
Eine halbe Stunde später war das Schiff an Bord. Marcos Isurus hatte natürlich geschimpft und gedroht, man war aber hart geblieben. Auf Marcos Schiff, der COMMANUS EHRE, traute man sich auch nicht, militärisch gegen die IVANHOE II vorzugehen. Auch wenn die Technik der Dorgonen sehr hoch entwickelt war – sie kannten die der IVANHOE, einem neuartigen Schiff, nicht. Außerdem bestand noch immer die Chance, diesen Konflikt friedlich zu lösen. Vielleicht lieferte Jeamour ja die Verbrecher nach der Untersuchung aus. Isurus konnte nicht wissen, dass dieser Fall nie eintreten würde. Schon, weil Saraah eine alte Bekannte war, war eine Auslieferung von Seiten der IVANHOE undenkbar.
Man gestattete es den Flüchtlingen, sich frisch zu machen. Vieles an Bord ihres Schiffes, der ARIMAD III, war zerstört. Auch einige Lebenserhaltungssysteme hatten Schaden genommen, und die Haupttriebwerke waren nur noch Schrott. Nur wenige Stunden später hätten sie sich endgültig ergeben müssen oder sie wären abgeschossen worden. Die IVANHOE war gerade noch rechtzeitig gekommen, um das zu verhindern.
Später wurde eine Konferenz einberufen. Saraah kam mit einigen Freunden. Von Seiten der IVANHOE war der ganze Hauptstab vertreten, also Xavier Jeamour, Mathew Wallace, Irwan Dove, Lorif, Tania Walerty, Jennifer Taylor und natürlich auch Glaus Schyll. Letzterer verhielt sich erstaunlich ruhig, er wollte zunächst nur beobachten und sich die Geschichte anhören. Später würde für ihn die Zeit kommen, einzugreifen. Er hatte sich damit abgefunden, jetzt noch nichts ausrichten zu können.
Saraah berichtete zunächst über die Geschehnisse Ende des 13. Jahrhunderts NGZ. Über Decrusians Versuche, den Thron zu besteigen, über Commanus, der immer mehr zu einem machthungrigen, brutalen Herrscher wurde, über die großen Kämpfe im Reich, die durch Anführer wie Carilla mit höchster Brutalität niedergeschlagen wurden. Saraah sprach über Vesus, der zum Kommandanten der Flotte des Kaisers geworden war und der dessen Willen ausführte, aber versuchte, fair zu bleiben und ohne unnötiges Blutvergießen auszukommen.
In den folgenden Jahren, nach Decrusians endgültiger Niederlage, hatte sich die Lage in Dorgon verschlechtert. Wirtschaftskrisen und Aufstände, die oft mit Hilfe der Flotte gelöst wurden, erschütterten das Reich. Commanus bewältigte die Krisen, indem er Schritt für Schritt zum alten Regierungssystem der Dorgonen zurückkehrte. Commanus war mächtiger Kaiser mit absoluter Macht. Er ließ jeden beseitigen, der seine Stimme gegen ihn erhob und erstickte Widerstandsbewegungen schon im Keim. Nichtdorgonische Völker wurden wieder versklavt. Das nützte ihm in zweifacher Hinsicht: Einerseits konnten sich diese Völker nicht mehr gegen ihn auflehnen, andererseits wurden auf diese Weise billige Arbeitskräfte gewonnen, mit denen der schlechten Wirtschaftslage problemlos beizukommen war. Darüber hinaus befahl Commanus, die Raumflotte aufrüsten zu lassen. Es wurden Tausende neuer Schiffe in Auftrag gegeben.
Die Besatzungsmitglieder der IVANHOE II im Raum waren entsetzt, als sie diesen Bericht hörten. Als Commanus im Januar 1303 NGZ Cartwheel besuchte, hatte er die Lage in Dorgon ganz anders dargestellt. Seine offizielle Darstellung bezeichnete Dorgon als eine Galaxie, in der nach einigen kleineren und größeren Krisen Ruhe und Wohlstand eingekehrt war. In gewisser Hinsicht war das auch richtig: Die Dorgonen erfreuten sich eines Reichtums, den sie in den letzten Jahren vermisst hatten. Insbesondere die Adeligen waren zufrieden, denn endlich gab es wieder massenweise Sklaven, die alle anfallenden Arbeiten des Tages erledigen konnten, ohne dass sie gleich ein Vermögen für ihre Dienste verlangten.
Saraah stockte in ihrem Bericht und blickte in die Runde. Sie sah betretene und entsetzte Gesichter. Nur Glaus Schyll machte einen eher gleichgültigen Eindruck. Sie fuhr fort: »So war der Stand Anfang 1303 NGZ. Zu dieser Zeit besuchte Commanus euch in Cartwheel, wer weiß, was er erzählt hat. Doch leider geht meine Geschichte weiter. Denn in den letzten zwei Jahren verschlechterte sich die Situation in Dorgon zunehmend. Der massive Flottenausbau verschlang Unsummen von Geld; Steuererhöhungen waren notwendig, die das einfache Volk trafen. Nun machte sich auch unter den Dorgonen wieder Unzufriedenheit bemerkbar. Doch sie fürchteten sich, etwas zu sagen. Commanus griff hart und unerbittlich durch. In dieser Zeit wurden wir Widerständler mehr denn je gejagt. Der Kaiser hetzte seine übelsten Handlanger wie Carilla auf uns. Schlimmer war Vesus, denn er ist sehr intelligent. Wir waren in dieser Zeit mehr damit beschäftigt, uns in Sicherheit zu bringen, als unserer Mission nachzugehen. Wenn wir versuchten, zu helfen, wurden wir oft fort gejagt, niemand wollte etwas mit dem Widerstand gegen den Kaiser zu tun haben. Wir waren absolut machtlos.
Anfang 1305 NGZ war es dann soweit: Commanus hatte beinahe 200.000 Schlachtschiffe bauen lassen, um die dorgonische Flotte zu verstärken. Wir fragten uns schon lange, was er mit ihnen vor hatte. Jetzt erfuhren wir es: Eine 300.000 Einheiten starke Flotte sollte nach Siom Som aufbrechen. Schon die Monate zuvor hatte man neue Soldaten angeworben. Jetzt wussten wir endlich, wofür. Doch wofür dieses riesige Flotte? Die Flottengröße sprach eigentlich für sich, doch wollte vorerst niemand glauben, dass es wirklich zu einer Invasion kommen sollte.
Ich sprach mich mit Torrinos ab. Er flog mit einigen Getreuen zur Milchstraße, um dort die USO um Hilfe zu bitten. Ich sollte dasselbe in Cartwheel tun. Doch vorher sollte ich herausfinden, was in Siom Som passieren würde. Also mischte ich mich mit der ARIMAD III und einigen treuen Freunden unter die riesige Flotte. Zum Glück fielen wir nicht auf. Wir erreichten Siom Som, wo sich furchtbare Dinge ereigneten. Wir haben Bildmaterial dabei, das ich euch zeigen will. Denn ich glaube, Bilder sagen in diesem Fall mehr als alles, was ich berichten könnte.«
Saraah schwieg. Sie reichte Jeamour einen Datenträger, den er in den Syntron im Raum einspeiste. Schon begann die Vorführung.
Die ersten Bilder stammten vom 20. Februar 1305. Die dorgonische Flotte erreichte Siom Som. Es wurde keine Zeit verloren, sofort schwärmte die Flotte aus und fegte über die Welten von Siom Som. Kleine Flotten wurden systematisch außer Gefecht gesetzt. Als die Völker reagierten, waren sie schon sehr geschwächt. Durch Vesus taktisches Geschick wurde die Hauptflotte bereits am 23. Februar vernichtend geschlagen. Vesus legte unannehmbare Kapitulationsbedinungen vor, man entschloss sich, weiter zu kämpfen.
Die dorgonische Flotte wurde aufgeteilt, unter der Leitung von Carilla auch gezielt die Zivilbevölkerung angegriffen. Der Somer Sam, der bereits seinen Ruhestand genossen hatte, wurde zum Diplomaten und versuchte, den Krieg zu beenden. Doch der Rat von Siom Som wollte nicht kapitulieren und so ging der Krieg weiter.
In Saraahs Präsentation wurden noch einige Bilder vom Krieg gezeigt, vor allem, was unter der Führung Carillas passierte. Damit endete die Vorführung.
Saraah begann weiter zu erzählen: Wir wurden kurz darauf entdeckt. Glücklicherweise reagierte man langsam. Wir hatten also einen gewissen Vorsprung. Doch die dorgonische Technik ist hoch entwickelt: Man schickte Marcos Isurus hinter uns her und er holte uns schnell ein. Wir schafften es einige Male, ihm zu entkommen, doch er schoss auf uns und einige Bomben trafen das Schiff. Es ist inzwischen schrottreif, aber zum Glück habt ihr uns gefunden.
Sie lächelte.
Kommandant Jeamour atmete tief durch. Das sind sehr schlechte Neuigkeiten. Ich dachte, wir in Cartwheel hätten schon genug Probleme. Aber dass die Dorgonen jetzt anfangen, verrückt zu spielen …
Die Probleme in Cartwheel wurden durch unsere fähige Regierung unter der Führung des Imperatore überwunden
, wandte Schyll ein. Ihn hatte der ganze Vortrag als einzigen im Raum völlig kalt gelassen. Wenn Commanus es für richtig hält, Siom Som anzugreifen, dann soll er das tun, es ist allein seine Sache und geht uns überhaupt nichts an.
Saraah, unter diesen Umständen werden wir natürlich sofort zur USO aufbrechen und dort berichten. Es muss schnell etwas unternommen werden. Ich bin froh, dass du hier wohlbehalten angekommen bist. Deine Mannschaft und du sind hier in Sicherheit. Nichts wird euch geschehen.
Mathew Wallace lächelte Saraah an, er war glücklich, sie wiederzusehen.
So einfach ist das leider nicht
, sagte Jeamour. Wir können nicht einfach zum USO-Quartier fliegen und dort um Hilfe bitten. Zuerst müssen wir diesen Isurus loswerden. Und ich fürchte, das wird nicht durch gutes Zureden funktionieren.
Jetzt sprang Schyll auf. Er hatte bemerkenswert lange still gehalten. Was? Sie wollen tatsächlich diesen flüchtigen Verbrechern und Terroristen Asyl gewähren? Damit setzen Sie die guten Beziehungen Cartwheels zu Dorgon aufs Spiel!
Oberstleutant Schyll, wir sind auch mit den Völkern von Siom Som alliiert. Das Bündnis mit diesen Völkern ist sogar älter als das mit Dorgon. Wenn jetzt Dorgon Siom Som angreift, müssen wir zumindest herausfinden, weswegen das passiert.
Jetzt reicht es!
Schyll donnerte die Faust auf den Tisch. Ich habe mir ihre Reden jetzt lange genug angehört. Ich werde Quarterium-Marschall Despair sofort Meldung erstatten. Major Walerty, Sie kommen mit!
Schyll verließ mit schnellen Schritten den Raum.
Tania Walerty folgte ihm, drehte sich aber noch einmal um. So konnte sie erkennen, wie Jeamour ihr ein Zeichen gab.
Saraah war erschrocken durch den kurzen Streit. Was bedeutet das alles? Was hat er vor?
Ich kann dich beruhigen. Vorerst wird er nichts ausrichten können. Aber wir müssen unsere nächsten Schritte planen …
Kurz nachdem Schyll gegangen war, bat Jeamour Lorif, Irwan Dove, Mathew Wallace und Jennifer Taylor zu einer weiteren Besprechung.
Nach Saraahs Bericht gibt es eine neue schwere Krise. Wir müssen auf jeden Fall etwas unternehmen. Mathew hat schon den Vorschlag gemacht, zur USO zu fliegen und dort um Hilfe zu bitten. Meiner Meinung waren Sie damit etwas voreilig. Der Standort von Quinto ist streng geheim. Man sollte mit solchen Äußerungen nicht leichtfertig um sich werfen.
Es tut mir Leid. Nach Saraahs Bericht konnte ich nicht anders, als ihr sofort Hilfe anzubieten.
Schon gut. Überlegen Sie das nächste Mal besser, bevor Sie etwas sagen. Aber wir haben jetzt ganz andere Probleme. Was sagen Sie zu der Situation, Irwan?
Der Oxtorner überlegte. Unter diesen Umständen halte ich es auch für richtig, sofort nach Quinto zu fliegen. Doch mit Schyll haben wir ein Sicherheitsproblem.
Das ist wahr. Aber er wird Despair keine Meldung erstatten können. Ich habe Major Walerty angewiesen, eine Störung vorzutäuschen.
Das wird eine Weile gut gehen.
Jetzt sprach Lorif. Aber dann wird er ungeduldig werden und Fragen stellen.
Vielleicht könnte ich da weiterhelfen
, bot Jennifer Taylor an.
Gerne. Ich hatte auch schon an Sie gedacht. Wir besprechen uns auf dem Weg zur Zentrale. Unser anderes Problem ist die COMMANUS EHRE. Was machen wir mit Isurus?
Wenn er nicht auf uns hören will, dann sollten wir versuchen, ihn abzuhängen. Zeigen wir ihm, was die IVANHOE II drauf hat.
Mathew Wallace liebte Herausforderungen. Mit dem Wunsch, die COMMANUS EHRE abzuschütteln, hatte er sich einiges vorgenommen.
In Ordnung, das versuchen wir. Jetzt aber alle zurück auf ihre Plätze. Es gibt gleich einiges zu tun!
Kurze Zeit später erreichten Jeamour, Wallace und Lorif die Zentrale. Schon von Weitem hörten sie das Gebrüll Schylls.
Ich dachte, der hätte etwas mehr Geduld
, meinte Mathew.
Als sie die Zentrale betraten, sahen sie Glaus Schyll mit hochrotem Kopf vor Tania Walerty stehen, die sich relativ gleichgültig die Beschimpfungen anhörte. In dieser Hinsicht war die Terranerin durch ihre ständigen Auseinandersetzungen mit der Kommandantin der NIMH abgehärtet. Zumindest machte sie nach Außen einen souveränen Eindruck. In ihr brodelte es jedoch förmlich.
Gibt es ein Problem?
, fragte Jeamour.
Ja, sie sagt, es gäbe eine Funkstörung. Eine Strahlung hier in den Außenregionen von Cartwheel verhindere, dass die Funkverbindung zustande kommt. Ich halte das für absoluten Blödsinn. Walerty, stellen Sie endlich meine Verbindung her!
Vielleicht sollten wir es mal in der Funkzentrale versuchen. Kommen Sie, Oberstleutant. Ich bringe Sie hin
, sagte der Kommandant der IVANHOE.
Die sind sicherlich fähiger als Sie, Walerty. Ich werde dafür sorgen, dass Sie bei nächster Gelegenheit vom Schiff fliegen!
Nach diesen Worten schloss er sich Jeamour an. Beide verließen die die Zentrale. Schyll bemerkte nicht mehr, wie Tania ihm dem Mittelfinger zeigte und danach wütend gegen den Stuhl trat, um sich abzureagieren.
Auf dem Weg zur Funkzentrale fragte der Kommandant: Warum lehnen Sie es so ab, den Flüchtlingen zu helfen?
Ich wiederhole mich nur ungern, Kommandant. Das Bündnis mit den Dorgonen ist sehr wichtig für das Quarterium. Es darf nicht wegen ein paar daher gelaufenen Flüchtlingen gefährdet werden.
Und wenn tatsächlich ein Angriff auf Siom Som stattgefunden hat?
Das ändert überhaupt nichts. Commanus weiß, was er tut. Und diese minderwertigen Existenzen, diese Flüchtlinge, müssen auf jeden Fall aus dem Verkehr gezogen werden.
Höchst bedauerlich, dass Sie wirklich so denken.
Jeamour betätigte einen Knopf am Handgelenk.
Was – was tun Sie da?
Ich habe ein Gas freigesetzt, das Sie vorübergehend außer Gefecht setzen wird.
Was? Sie doch auch.
Nein, ich bin gegen die Wirkung immun.
Schyll merkte schon, wie er müde wurde. Er hatte keine Waffe bei sich, so ballte er nur die Faust und sagte: Das wird Ihnen noch Leid tun! Das war Ihr letzter Fehler, Sie sind tot!
Mag sein. Aber es ist unabdingbar, zuerst die USO zu informieren. Auch wenn Sie das nicht einsehen.
Schyll röchelte. Er brachte nur noch wenige Worte hervor: Letzter – Fehler – werde … sorgen … Sie … Verkehr …
Dann brach er endgültig zusammen.
Zwei Roboter erschienen mit einer Trage. Jeamour gab ihnen die Anweisung, Schyll unauffällig in eine Arrestzelle im Gefangenenareal zu sperren. Es würde sicher eine Weile dauern, bis man ihn vermisste. Glaus Schyll hatte sich mit seinem Verhalten nicht viele Freunde an Bord der IVANHOE II gemacht.
Als der Kommandant die Zentrale erreichte, bestürmte ihn Tania Walerty sofort mit der Nachricht, dass die COMMANUS EHRE alle Kompromisse ablehne. Jeamour gab Mathew Wallace die Anweisung, das dorgonische Schiff abzuhängen. Dann setzte er sich in seinen Sessel und dachte über die vergangenen Stunden nach. Konnte man selbst in der Heimatgalaxis der eigenen Regierung nicht mehr vertrauen? Sicher, es gab genügend Beispiele aus der Vergangenheit, was korrupte Regierungen anging. Aber Cartwheel?
Es existierten keine eindeutigen Beweise, die die Regierung in irgendeiner Weise belasteten. Ihr Verhalten in den letzten Jahren sprach jedoch für sich. Keine der führenden Personen an Bord der IVANHOE sprach sich dafür aus, sofort das Quarterium zu informieren, alle wollten zunächst die USO verständigen. Warum trauten nur alle unserer Regierung nicht mehr? Und warum spielten die Dorgonen jetzt verrückt? In einer Zeit, in der alle Völker für den Kampf gegen MODROR zusammenhalten sollten?
Jeamour fragte sich all diese Dinge. Auch wenn er Schyll nicht leiden konnte, es widerstrebte ihm, ihn einfach gefangen nehmen zu lassen. Wie konnte es nur so weit kommen?
Kommandant! Kommandant!
Was gibt es, Mathew?
Sehen Sie auf den großen Schirm! Ein zweites Adlerschiff! Der dorgonische Raumer wird gerade per Traktorstrahl hineingezogen. Ich versuche, das Adlerschiff jetzt abzuschütteln.
In Ordnung, geben Sie Ihr Bestes! Vermutlich ist das unsere einzige Chance.
Die Daten kamen herein. Es handelte sich um ein Schiff der Dom-Klasse, 1500 Meter lang, 550 Meter breit und 250 Meter hoch. Auch, wenn die IVANHOE II einen Durchmesser von 2500 Metern hatte, war die Kampfkraft des Adlerschiffes nicht zu unterschätzen: Es war, wie die IVANHOE, mit einem hypertaktähnlichem Triebwerk, ausgestattet und ein Hypertronschirm, der nur mit besonderen Transformbomben geknackt werden konnte, schützte es. Es besaß außerdem ein Semi-Tranit-Feld, ein Schild, der es für eine gewisse Zeit unbesiegbar machen konnte. Die Hauptwaffe der Dom-Schiffe waren Transonatoren, die gebündelte Schildenergien auf gegnerische Schilde feuerten und damit jeden Paratronschirm innerhalb kürzester Zeit beseitigen konnten. Die Besatzung betrug etwa 15.000 Mann, viele von ihnen kommandierten die Massen an Beibooten, die das Schiff besaß. Haufenweise. Mit solchen Gegnern war nicht zu spaßen.
Eine Flucht, während das Adlerschiff damit beschäftigt war, die COMMANUS EHRE einzuladen, schien tatsächlich die einzige sinnvolle Möglichkeit zu sein.
Kommandant! Sie beschleunigen, trotz des Traktorstrahlmanövers!
Beeilen Sie sich, Mathew! Leiten Sie den Hypertaktsprung ein!
45 % Lichtgeschwindigkeit erreicht! Wir riskieren den Sprung.
Mathew drückte einige Tasten.
Ein Ruck ging durch die IVANHOE. Doch der Sprung schien zu funktionieren.
Ich habe 15.000 Lichtjahre in Richtung Cartwheel einprogrammiert. Hoffentlich reicht es.
Wenige Sekunden später fiel die 2500-Meter-Kugel in den Normalraum zurück. Mathew hatte den Rücksturzpunkt so gewählt, dass die IVANHOE in einem Umfeld mit vielen Sonnen rematerialisierte. Das würde es dem Adlerraumer erschweren, sie zu orten.
Haben wir es geschafft? Oder folgt man uns?
Jeamour klang unsicher.
Es sieht ganz gut aus. Ich orte nichts. Aber ein paar Minuten müssen wir noch stillhalten. Was?
In einem grellen Lichtblitz materialisierte das Adlerschiff.
Wir erhalten einen Funkspruch
, meldete Tania.
Durchstellen!
, rief Jeamour.
Das arrogante Gesicht Marcos Isurus erschien auf dem Bildschirm. So, ihr versucht also, euch aus dem Staub zu machen. Aber nicht mit uns. Wir wollen unsere Gefangenen wieder, um sie ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Da man zwischen tot und lebendig keine großen Unterschiede macht, würden wir zur Not auch mit sanfter Gewalt vorgehen.
Sie wollen es auf einen Kampf ankommen lassen?
Jeamour wollte das, wenn möglich, vermeiden. Es war eine Sache, einem dorgonischen Schiff die Gefangenen zu klauen, eine völlig andere, es zu zerstören.
Wenn es sich nicht vermeiden lässt …
Jeamour überlegte. Eine Flucht schien jetzt unmöglich, Hilfe konnte nicht angefordert werden, es blieb wirklich nur der Kampf oder die Kapitulation einer Seite. Wir werden die Flüchtlinge nicht hergeben. Es handelt sich um unsere Freunde, wir werden zuerst ihre Aussagen überprüfen, dann wird entschieden, was passieren soll.
Gut, dann werden wir kämpfen.
Marcos Isurus schaltete ab.
Kommandant! Wir werden beschossen!
, meldete Lorif. Das Adlerschiff setzte seine Impulser-Kanone ein. Die konnte in kurzer Zeit einen hochwertigen Paratronschild knacken.
Schutzschirme auf Vollleistung!
Durch diesen Befehl wurden die Schutzschirme, die bisher auf halber Leitung liefen, vollkommen hochgefahren. Weg vom Feindschiff, fliegen Sie ganz nah an die Sonne heran.
Haben Sie einen Plan, Kommandant?
Mathew führte die Anweisungen aus.
Ja, ich denke schon. Die Dorgonen können nicht wissen, welcher Technikstandard auf unserem Schiff herrscht. Wir müssen sie austricksen, denn im offenen Zweikampf haben wir keine Chance gegen diesen Gegner. Oberstleutant Wallace, steuern Sie das Schiff um die Sonne herum, halten Sie sich aber so nah wie möglich an ihr. Wir müssen den Ortungsschatten erreichen.
Wir sollen nicht schießen?
Die Anfrage kam aus der Feuerleitzentrale.
Bereiten Sie die modifizierten Transformbomben vor. Sobald Sie unsere Verfolger orten, nehmen Sie die Triebwerke ins Visier.
Wird gemacht. Die Vorbereitungen werden ein paar Minuten dauern.
Machen Sie schnell, Ihr Einsatz kann plötzlich kommen.
Die IVANHOE II umflog die Sonne. Sie machte sich dabei die Anziehungskräfte des gigantischen Himmelskörpers zunutze. Die Paratronschirme wurden durch die Hitze stark beansprucht, aber sie hielten. Mathew hatte die Flugbahn perfekt berechnet.
Wir müssten uns jetzt im Ortungsschatten des Adlerschiffs befinden
, meldete Mathew.
Gut. Bringen Sie uns schnell in eine stabile Flugbahn um die Sonne herum.
Zwei Minuten später war auch dieser Befehl ausgeführt. Das Adlerschiff war nicht wieder aufgetaucht. Semi-Tranist-Feld einschalten!
Durch dieses Feld wurde die IVANHOE II vorübergehend nahezu unangreifbar und konnte nicht geortet werden. Der Energiebedarf dieses Feldes war enorm, die Energie wurde direkt von der nahen Sonne bezogen. Die IVANHOE war jetzt nicht manövrierfähig, sie konnte auch nicht schießen. Doch sie konnte orten. Und durch die stabile Umlaufbahn um die Sonne lief sie nicht Gefahr, in diese zu stürzen.
Die Besatzung konnte jetzt nur noch warten. Das Adlerschiff würde sie suchen. Jeamour hoffte, dass man unvorsichtig war und der IVANHOE keine hoch entwickelte Technik zutraute. Marcos Isurus schien zwar ein intelligenter, aber auch ein arroganter Mann zu sein.
Wir haben sie!
Geben Sie als Ziel den Triebwerkssektor an!
Jeamour wiederholte seinen Befehl an die Feuerleitzentrale noch einmal, es durfte jetzt nichts schief gehen. Kurz bevor Sie in bester Schussposition sind, geben Sie Bescheid.
In Ordnung. Wir haben den Sektor als Ziel eingegeben, beste Schussposition in – 4 Minuten und 33 Sekunden.
Sehr gut. Mathew? Wie lange brauchen wir, um das Semi-Transit-Feld abzubauen und schussbereit zu sein?
Wenn alles perfekt läuft, geht das in 44 Sekunden.
Gut, stimmen Sie sich mit der Feuerleitzentrale ab. Feuerleitzentrale, schießen Sie Punktfeuer, sobald Oberstleutant Wallace Ihnen sein Okay gibt.
Die Zeit verging quälend langsam. Auch wenn die IVANHOE nicht zu orten war, konnte sie immer noch optisch erfasst werden. Diese Gefahr war angesichts der Helligkeit der Sonne und angesichts der vielen Eruptionen auf ihr nicht allzu groß, aber sie war vorhanden.
Dann passierte es: Mathew ließ das Semi-Transit-Feld herunterfahren. Der Ortungsschutz war damit dahin. Es kam jetzt darauf an, wie schnell das Adlerschiff reagierte.
Das dauerte erstaunlich lange. Erst 36 Sekunden nach dem Herunterfahren des Feldes war eine Kursänderung des Adlerschiffs feststellbar. Sekunden später begann die Feuerleitzentrale mit dem Bombardement.
Die ersten Transformbomben ließen keinen Erfolg erkennen. Doch nach der ersten Salve sah man, dass der Hypertronschirm des Gegners an dieser Stelle flackerte.
Weitermachen! Noch ein paar Bomben und wir sind durch.
Sekunden später startete die zweite Salve. Das Adlerschiff hatte zwar reagiert und versuchte jetzt, seinerseits ein Semi-Transit-Feld aufzubauen, doch es war zu spät. Die Transformbomben fanden ihr Ziel, sie zerstörten den Schutzschirm über den Triebwerken und jagten diese in die Luft. Einige weitere Bomben schlugen ein, weitere Explosionen erschütterten das Adlerschiff, aus einigen Sektoren entwich Luft in den Weltraum.
Feuer einstellen! Wir wollen sie nicht vernichten. Sie sollen uns nur nicht folgen können!
Der Transformbeschuss endete. Kurz darauf brach der gesamte Hypertronschirm des Adlerschiffs zusammen.
Zu spät
, sagte Lorif. Wir haben zu viel zerstört. Sie sind antriebslos und werden bereits von der Sonne angezogen. Sie stürzen ab.
Können wir noch etwas für sie tun?
Bedaure, bis wir sie erreicht haben, ist die Fallgeschwindigkeit so hoch, dass die Leistung unserer Traktorstrahlen wirkungslos bleibt.
Ein Funkspruch kommt herein!
, rief Tania Walerty.
Durchstellen!
Marcos Isurus Gesicht erschien auf dem Bildschirm. Er hatte eine Platzwunde auf der Stirn, im Hintergrund brannten einige kleine Feuer. Tote Dorgonen lagen in der Zentrale, Roboter versuchten, die Feuer zu löschen und Bewusstlose zu versorgen. Das – das habt ihr wunderbar gemacht. Wegen einigen Terroristen einen Krieg provoziert. In Dorgon wird man –wird erfahren, was hier passiert ist. Die Folgen werden – Commanus wird fürchterliche Rache üben. Uns Dorgonen sollte man nicht zum Feind haben, aber das ist jetzt zu spät. Auch, wenn ihr uns vernichtet habt, so … euer Handeln wird Konsequenzen haben. Lang – lebe – der – Kaiser!
Bevor Jeamour antworten konnte, war die Verbindung abgebrochen. Die Sensoren mussten verglüht sein. Ohne Hypertronschirm war das Schiff den Energien der Sonne schutzlos ausgeliefert. Es verwandelte sich kurz darauf in einen riesigen Feuerball.
Jeamour stand noch einige Augenblicke reglos da und beobachtete die auseinandertreibende Glutwolke bestürzt. Das hatte er nicht gewollt. Es sollte keine Opfer geben.
Mit heiserer Stimme gab Jeamour seine Befehle: Nach Überlebenden suchen, dann Kurs auf Quinto nehmen. Anschließend verließ er mit schweren Schritten die Zentrale.
Mathew Wallace verließ nach dem Manöver die Zentrale, er ließ sich von einem anderen Piloten vertreten. Er suchte sofort Saraah auf. Die beiden hatten bisher keine Gelegenheit gehabt, ausgiebig miteinander zu sprechen. Jetzt war endlich Zeit dazu. Er wollte alles wissen, was in den letzten Jahren passiert war. Er wollte erzählen, wie es ihm ergangen war, er wollte ihr sagen, dass jetzt keine Gefahr mehr bestand.
Vielleicht konnten sie sich gegenseitig trösten. Vielleicht wurde ja doch alles gut, auch wenn die jüngsten Ereignisse dagegen sprachen.
Er fühlte sich schäbig wegen des Ausrutschers mit Stephanie de la Siniestro. Mathew konnte sich inzwischen nicht mehr erklären, wie das passieren konnte.
Er erreichte Saraahs Quartier. Erst nach langem Zögern betätigte er den Summer.
Der Kommandant hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen. Er ging in Gedanken die Ereignisse der letzten Stunden noch einmal durch.
Was war den Menschen und ihren Verbündeten los? Siom Som wurde von den Dorgonen angegriffen und die IVANHOE hatte 15.000 Leben auf dem Gewissen. Nein, er als Kommandant hatte 15.000 Leben auf dem Gewissen.
Und Glaus Schyll saß im Gefängnisbereich des Schiffs, damit er nicht dem Quarterium Bericht erstatten konnte, was hier passiert war.
Was war nur aus den Galaxien geworden, die einst friedlich nebenher existiert hatten? In der Milchstraße kämpfte Bostich noch immer um die Macht, hier in Cartwheel existierte das Quarterium mit fragwürdigen Zielen und in Dorgon griff ein verrückter Kaiser ganze Galaxien an.
Wie würde es weitergehen? Sicher, das nächste Ziel war Quinto. Dort würde man auf Jan Scorbit treffen. Vielleicht würde er Rat wissen. Aber dann? Gab es überhaupt einen Weg zurück? War die IVANHOE II ein Schiff von Gesetzlosen? Gab es einen Weg zurück nach Mankind?
Ende
Der Jungfernflug der IVANHOE II verlief alles andere als glücklich. Nun steht Xavier Jeamour zwischen zwei Stühlen. Wird er auf seine innere Stimme hören und Saraah helfen oder treu zum Quarterium halten.
Mehr darüber erfahrt ihr in Heft 106
Gewissensentscheidung
von Michael Berg.
So, ab diesem Roman hat der Kommentar wieder eine eigene Stimme. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich kurz vorstellen:
Ich bin Jahrgang 1949 und (wie man unschwer nachrechnen kann) ein Altleser
(klingt fast so gut wie Altmutanten
). Und genau wie diese bin ich der Heftserie irgendwann abhanden gekommen. Meine Lieblingsautoren der Serie waren K. H. Scheer und Willi Voltz (Jawohl, kein Widerspruch, keiner konnte wie Handgranaten-Herbert
irgendwelche Weltraumschlachten schildern und eine Begründung für William Voltz erübrigt sich wohl von selbst).
Bei dieser Gelegenheit noch einige Worte, wie ich zur Dorgon-Serie gestoßen bin. So um Band 2100 hatte ich mir versuchsweise mal einige Hefte gekauft und es jedoch gleich wieder gelassen, mit Band 2200 noch einmal versucht, gleiches Ergebnis: Alter Wein in neuen Schläuchen
. Als Altleser
drängte sich mir z. B. bei PRAETORIA sofort der Vergleich mit OLD MAN auf) Dann habe ich mal im Internet gestöbert und bin so auf die PROC-Homepage gestoßen und war von der DORGON-Serie begeistert.
Durch einige zeitliche Verzögerungen konnte ich erst ab diesem Band den Kommentar von Nils übernehmen; ich möchte jedoch die bisherige Handlung nochmals kurz zusammenfassen: KRIEG, KRIEG, KRIEG!!!
Tränen des Vaterlandes
Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun
Hat aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret.
Die Türme stehn in Glut, die Kirch' ist umgekehret.
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
Die Jungfern sind geschänd't, und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret.
Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut
Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen.
Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot,
Daß auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.Andreas Gryphius (1616 bis 1664)
Und hier möchte ich nun den aktuellen Roman kommentieren:
Michael Berg gelingt es sehr schön die Konflikte der alten
Besatzung der IVANHOE mit der neuen Ordnung aufzuzeigen.
Das Quarterium stellt ein Paradebeispiel (!) eines Militärstaates (man könnte auch sagen, einer Militärdiktatur) dar. Militärparaden, Flottenaufmärsche, Marschmusik – das ganze Register der ach so guten alten Zeit
wird gezogen. Und mittendrin – noch dazu im Flaggschiff! – unsere altbekannte Crew
von der IVANHOE.
Wobei hier das Ganze für mich etwas unglaubwürdig wird. In der Realität wäre es wohl illusorisch anzunehmen, dass es gelingen könnte, die gesamte Crew der Ivanhoe (mit ihren zweifelsohne vorhandenen Dienstakteneinträgen) wieder auf einem Schiff zu versammeln und dazu noch in Funktion der gesamten Schiffsführung. So wird die Ideologie des QUARTERIUMs nur durch unseren Oberstleutant Glaus Schyll (warum nur wieder ein deutscher Name?) vertreten, der dazu noch auf einem ziemlich unbedeutenden Posten eingesetzt ist.
Doch soweit so gut. Der Schluss ist natürlich klar: Die Crew der Ivanhoe entscheidet sich für ihre alten Ideale von Humanität und Menschlichkeit, wobei, zumindest für meinen Geschmack, vor allem Xavier Jeamour seine Entscheidung viel zu schnell getroffen hat, denn er hat natürlich im gesamten System am meisten zu verlieren.
Etwas überflüssig (und unglaubwürdig) fand ich die Episode zwischen Tania Walerty und Peter de la Siniestro. Nicht dass ich etwa gegen erotische Szenen in einem Roman bin, aber Peter de la Siniestro ist nicht irgendjemand, sondern Oberbefehlshaber der vereinigten Armeen des Quarteriums und als General-Marschall offiziell einer der Stellvertreter von Cauthon Despair. Auch in einer Militärdiktatur wäre ein Oberbefehlshaber mit solchen Vorlieben nicht haltbar, denn Lächerlichkeit tötet bekanntlich – und Peters sexuelle Vorlieben ließen sich wohl oder gerade in einer Militärdiktatur, nicht unter den Teppich kehren. Die Frage ist nun, wie lange kann (und will) der Imperatore seinen Sohn noch schützen? Denn eines ist klar, wenn sich Peter weitere Exzesse der beschriebenen Art leistet (und diese öffentlich werden), wird die gesamte Autorität des Quarteriums untergraben, denn wie bereits gesagt: LÄCHERLICHKEIT TÖTET!
Interessant dürfte der weitere Weg der IVANHOE sein, wie werden die Crew und vor allem die übrigen Besatzungsmitglieder reagieren, wenn es zu Konflikten mit systemtreuen Einheiten des Quarteriums kommt? Lassen wir uns überraschen …
Wie wird die USO auf die neue Lage reagieren, kann Jan Scorbit die Rebellen in DORGON und Sam in Siom Som unterstützen? Wird Torrinos die Milchstraße erreichen und wie wird Perry Rhodan (sofern er nicht irgendwo anders gerade das Universum rettet) auf die Nachrichten reagieren? Mir wäre in dieser Situation übrigens wesentlich wohler, wenn er zufällig gerade abwesend und Bully als sein Stellvertreter (ist er doch noch immer, oder?) zuständig wäre.
Und noch eine Anmerkung (oder auch eine Frage an das werte Autorenteam): Was ist mit dem in Band 100 groß angekündigten Volk der Alysker und der faszinierenden neuen Hauptperson Elyn? Wird es (oder sie) demnächst eingreifen oder ist das Ganze nur so als quasi Eingreifreserve für das große Finale gedacht? Ich gebe zu, die Ankündigungen haben mich (und nicht nur mich, denke ich wenigstens) neugierig gemacht.
PS: Dies war zum Einstieg ein etwas längerer Kommentar, ich verspreche aber, dass ich mich bei den nächsten Bänden kürzer fassen werde.
Jürgen Freier
Nachfolgeschiff der IVANHOE, die 1299 NGZ während der Schlacht im Hell-Sektor vernichtet wurde.
Die IVANHOE II gehört zu den quarterialen Supremoschlachtschiffen des Typs A Spezial
. Die Bauzeit betrug von 1302 NGZ an insgesamt drei Jahre. Die Fertigstellung fand im Januar 1305 NGZ statt, der Jungfernflug folgte im April 1305.
Wie alle Supremoschlachtschiffe des Typs A hat die IVANHOE II 2500 Meter Durchmesser und eine Gesamtlänge von 3000 Metern. Die Breite beträgt 2700 Meter. Der Antrieb besteht aus einem modernen Hypterontriebwerk aus Dorgon. Das Hypterontriebwerk entspricht in Aufbau und Funktionalität dem Hypertakttriebwerk. Außerdem verfügt die IVANHOE zusätzlich über ein Metagrav- und Lineartriebwerk. Die maximale Beschleunigung liegt bei 1350 Kilometer in der Quadratsekunde, der maximale Überlichtfaktor bei dem 150 millionenfachen der Lichtgeschwindigkeit.
Die Bewaffnung stellt sich folgend zusammen: 100 Mega-Transformgeschütze, 100 MHV-Geschütze, 100 Intervallgeschütze, 100 Impulsgeschütze, 10 Transonatoren, 10 Arkonbomben, 5 Sternenfusionsbomben.
Die Defensivbewaffnung besteht aus den üblichen Paratron- und HÜ-Schirmen. Hinzu kommt das dorgonische Semi-Transit-Feld.
Weitere technische Apparaturen sind: Maxim-Orter, Virtuellbildner, Hyperraum-Resonator, Halbraumspürer, NUGAS-Schwarzschild-generatoren.
Die Legierung besteht aus Ynkeloniumstahl. Der IVANHOE II stehen folgende Einheiten zur Verfügung: 75 Space-Jets, 10 VESTA-Kreuzer, 25 MINOR GLOBES, 250 Jäger, 250 SHIFTS, 500 TARA-C-I (Cartwheel-I) Kampfroboter. Die Besatzung stellt sich aus folgenden Einheiten zusammen: 550 Männer und Frauen Stammbesatzung, 1500 Piloten für Space-Jets, MINOR GLOBES, VESTA-Kreuzer und Jäger, 4000 Infanteristen. Die Gesamtanzahl der Besatzung liebt bei 6050 Mann.
Kommandant des Schlachtschiffes ist Admiral Xavier Jeamour. Erster Offizier ist der Terraner Mathew Wallace (Navigation). Zweiter Offizier ist der Oxtorner Irwan Dove (Sicherheit / Feuerleitzentrale). Dritter Offizier ist der Posbi Lorif (Wissenschaft). Den Rang des Vierten Offiziers bekleidet der quarteriale Loyalist Glaus Schyll. Weitere Besatzungsmitglieder sind Doktor Ignaz Ruon, Doktor Jennifer Taylor (beide Medostation), Tania Walerty (Funkleitstand) und der Blue Zyrak Wygal (Maschinenchef).
Das dorgonische Hypterontriebwerk ist nichts anderes, als der den Terranern unter dem Namen Hypertakttriebwerk bekannte Antrieb. Woher die Dorgonen die Technik haben, ist unbekannt, da sich das Hypertakttriebwerk von der Tachyonentechnologie grundlegend unterscheidet. Vermutungen, dass die Entität DORGON dafür Sorge getragen hat, bleiben Gerüchte.
Ein Hypertakt-Antrieb basiert auf dem Prinzip eines Transitionsantriebes. Im 1230-Hertz-Takt (1230 Hertz = 1230 pro Sekunde) finden so genannte weiche
Transitionen statt. Soll heißen, das Raumschiff wird aus dem Normalraum gehoben, jedoch nicht wie bei einer klassischen Transition entmaterialisiert, sondern von einer Grigoroff-Blase (die so genannte Hypertakt-Vakuole) eingehüllt, und das 1230 mal pro Sekunde. Es gibt also keinen Entmaterialisierungsschmerz. Für alle, die es nicht wissen oder vergessen haben: Eine Grigoroff-Blase stellt sozusagen ein kleines Mini-Universum dar, das für das Raumschiff quasi im Hyperraum geschaffen wird. Wird auch bei Metagrav-Triebwerken benutzt.
Im Hypertakt-Modus taucht das Raumschiff nie ganz wieder in den Normalraum zurück, so dass es mit herkömmlichen Systemen nicht geortet und beschossen werden kann.
Für den Hypertakt-Modus ist eine Mindestgeschwindigkeit von 150.000 km/s (halbe Lichtgeschwindigkeit) nötig.
Geboren im 1269 NGZ auf Jerrat in der Galaxis Dorgon (M 100). Größe 1,68 Meter, Gewicht 61 kg, graugrüne Augen, schwarzes, glattes Haar. Saraah ist eine natürliche Schönheit von stiller und sanfter Natur. Sie hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.
Saraah lebt glücklich mit ihrer Familie auf Jerrat, bis sie von Soldaten des Senators Priamus zusammen mit ihrer Schwester und ihrer Mutter verschleppt und zu Sklavinnen gemacht wird. Ihre Mutter stirbt früh und auch ihrer Schwester begeht Selbstmord.
Saraah hingegen glaubt an ihren Gott und hofft eines Tages auf den Retter, den sie wohl in Mathew Wallace gefunden hat. Während Saraah als Sklavin im Hause des Priamus arbeitet, trifft sie auf Mesoph auf den jungen Terraner. Es funkt
sofort zwischen beiden und Wallace befreit seine Geliebte.
Jedoch wird Saraah wieder von den Dorgonen gefangen und muss sich als Zofe den Launen der Kaiser aussetzen. Der einzige Grund durchzuhalten, ist die Liebe zu Mathew Wallace und die Hoffnung, dass ihr geknechtetes Volk der Jerrer befreit wird.
Als diese Hoffnung tatsächlich wahr wird, heiratet sie Mathew und zieht mit ihm in die Milchstraße. Doch ihr Heimweh ist stärker. Sie kehrt 1295 NGZ nach Jerrat zurück, um ihren Vater und ihre Brüder wiederzusehen. Diese Entscheidung fällt ihr schwer, da sie Wallace liebt, doch sie entscheidet sich für ihre Familie und ihr Volk.
Sie wird Senatorin von Jerrat und führt ihr Volk weise. Alles ändert sich im Jahre 1298 NGZ mit dem Tod des Kaisers Uleman. Sein Nachfolger Commanus wirft Ulemans Reformen über den Haufen und kehrt auf den Pfad der alten Kaiser zurück. Jerrat weigert sich einer Diktatur zu folgen und wird angegriffen. Saraah kann fliehen und wird zur Gejagte. Sie geht in den Untergrund und arbeitet dort mit Ulemans Adoptivsohn Decrusian und dem ehemaligen Centrus der Prettosgarde Torrinos zusammen, um Commanus zu stürzen.
Die USO in Cartwheel im Jahre 1305 NGZ besitzt knapp 5000 einsatzbereite Raumschiffe und hat mehr als eine Million Mitarbeiter und Agenten galaxisweit im Einsatz. Die Schaltzentrale der Geheimorganisation ist der verlassene Mond Quinto.
Die USO wird vom Quarterium kaum mehr geduldet und teilweise sogar als Terroristenorganisation angesehen. Die Leitung der USO in Cartwheel teilen sich Jan Scorbit und Rosan Orbanashol-Nordment.
Die DORGON-Serie – Das Quarterium – ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Band 105 zuletzt geändert am 2004-03-05. Autor: Michael Berg. Titelbild-Zeichner: Jan Kurth. Korrekturleser: Henriette Zirl und Alexander Nofftz. Generiert mit Xtory 3.0 (powered by Apache Cocoon 2.1) von Alexander Nofftz. Homepage: http://www.dorgon.net/. E-Mail: dorgon@proc.org. Technischer Berater: Sebastian Schäfer. Adresse: PROC c/o Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf. Copyright © 1999-2004. Alle Rechte vorbehalten!