
Im Jahre 1298 NGZ gelingt es den vereinten Kräften der Terraner, Saggittonen und ihrer Alliierten, den gefürchteten SONNENHAMMER zu vernichten und somit MODRORs Invasionsplänen vorerst ein Ende zu setzen.
Die große Gefahr durch die finstere Entität scheint gebannt – doch in Wirklichkeit ruhen die Söhne des Chaos nicht. Innerhalb von sechs Jahren stampfen sie aus Cartwheel ein neues Imperium hervor – das Quarterium unter der Führung des Imperatore de la Siniestro.
Während sie sich öffentlich als friedliches Reich präsentieren, arbeiten die Söhne des Chaos in Wirklichkeit an der Umsetzung von MODRORs Eroberungsgelüsten.
Perry Rhodan ist darüber besorgt und schickt Alaska Saedelaere nach Cartwheel. Auf dem Weg dorthin trifft der Unsterbliche die Archäologin Denise Joorn, die durch die Entdeckung der Kemeten berühmt geworden ist. Gemeinsam wollen sie nach Cartwheel reisen, doch zuvor erhält Alaska eine seltsame Vision des DORGON-Konzeptes Nadine Schneider. Das Raumschiff erreicht nicht Cartwheel, sondern ein Sonnensystem mit einem grünen Vakuum. Auf einem erdähnlichen Planeten stürzt das Raumschiff ab. Sie befinden sich auf dem PLANET DER INSEKTOIDEN …
Geschenk
Alaska brauchte eine Weile, um den Anblick des Cyborgs zu verkraften. Unwirklich, surreal starrte er auf den in eine schwarze Kombination gehüllten Cantaro. Alles um Saedelaere herum schien in einem grauen Nebel zu versinken. Nur der Cantaro existierte für ihn noch.
Wie konnte das sein? Das war unmöglich, schoss es dem Unsterblichen durch den Kopf.
Ein stechender Schmerz ließ ihn in die Realität zurückkehren. Wütend blickte er sich um und bemerkte die Ameisenfratze, die ihn unheimlich musterte.
Knie nieder!
, forderte das Insektenwesen.
Alaska folgte der Anweisung. Er sah sich um. Die anderen primitiven Menschen lagen auf dem Boden voller Ehrfurcht. Ehrfurcht vor diesem Cantaro.
Der Krieger Gottes ist angekommen. Huldigt ihm
, rief eine Wespe in perfektem Interkosmo. Eine fette Hummel flog mit lautem Surren an die Wespe heran.
General Fykkar, sollen wir die Gefangene bringen?
Nein, das brauchst du nicht. Sie kommt von selbst
, antwortete Fykkar mit künstlicher Freundlichkeit.
Ach wirklich?
, machte die Hummel, als glaubte sie das Gehörte tatsächlich.
Erinnere mich daran, dir alle Flügel auszureißen, wenn du mir noch einmal solch dämliche Fragen stellst. Bring sie sofort her!
Die Fühler der Hummel sanken schlaff herab. Hastig eilte die Hummel von dannen, während Fykkar um den Cantaro umherlief, der das ganze Szenario scheinbar teilnahmslos verfolgte.
Menschen
, knackte Fykkar verächtlich. Man müsste ein Vertilgungsmittel erfinden, um sie loszuwerden. Eine Art Menschengift.
Manchmal ähnelt ihr der Gattung Mensch doch sehr
, stellte der Cantaro fest. Seine Stimme war metallisch, aber nicht unmenschlich. Sie klang verzerrt und dennoch war sie aussagekräftig.
Ich verstehe nicht, Herr Lorsahl?
, erwiderte Fykkar verdutzt.
Ich weiß
, tat Lorsahl ab und betrachtete die Menschen. Er lief durch ihre Reihen und musterte sie.
Auch an Alaska kam er vorbei. Saedelaere wusste nicht, was er machen sollte. Er schnappte sich einen zerfetzten Mantel und legte ihn sich um, so dass dieser Cantaro sein Gesicht nicht erkennen konnte. Doch Lorsahl blieb direkt vor Alaska stehen. Seine beiden Augen bestanden aus Kameralinsen. Mit einem leisen Surren zoomten sie auf ihn zu.
Der dort ist sehr seltsam
, erklärte Fykkar. Wir haben ihn mit einer seltsamen Waffe bei einem Dorf gefunden. Seine Kleidung als auch sein Gehabe unterscheiden sich von den Untermenschen.
Lorsahl musterte Alaska von oben bis unten, lief um ihn herum. Saedelaere spielte den Ängstlichen und vergrub sein Gesicht noch mehr unter dem Mantel.
Übergebt ihm Doktor Zarrytor. Er soll ihn genauer untersuchen
, befahl der Cantaro. Dann erkannte der Cyborg die Gefangene.
Alaska glaubte nicht richtig zu sehen. Doch wieder musste er sich der Realität stellen. Die Terranerin mit den blonden Haaren im langen, weißen Gewand war DORGONs Konzept, DORGONs Stimme Nadine Schneider.
Beinahe hätte er laut ihren Namen gerufen, riss sich rechtzeitig zusammen. Er durfte sich nicht verraten. Nadine Schneider senkte sich auf die Knie und blickte Alaska an. Zumindest glaubte er das. Ihre Augen schienen auf ihn fixiert zu sein, obwohl sie viele Meter weit von ihm entfernt war. Dutzende Menschen und Insekten standen vor Saedelaere. Vielleicht kam es dem Hautträger auch nur so vor.
Alaska.
Er horchte in sich sich hinein. Das war ihre Stimme. Nadine Schneider sprach zu ihm. Verwirrt blickte sich Saedelaere um. Niemand anderes schien ihre Stimme wahrzunehmen. Sie nahm telepathischen Kontakt auf. Alaska verdammte sich für seine Naivität. Natürlich konnte ein Konzept DORGON so etwas.
Meine Zeit ist gekommen. Ich werde dieses Universum verlassen. DORGON stirbt. Ich sterbe vorher. Lasse nicht zu, dass DORGON vergeht. Rette ihn …
Entsetzt starrte Saedelaere Nadine Schneider an. Er stand auf. Wollte ihr helfen. Schmerzvoll wurde er durch den Schlag einer Ameise daran erinnert, dass er machtlos war.
Knie nieder!
, schnauzte die Rotameise.
Als unfreiwilliger Zuschauer musste Alaska den letzten Akt der Nadine Schneider miterleben. Er sah tatenlos zu, hatte keine andere Wahl, ohne sein eigenes Leben zu opfern. Er hätte es getan, hätte er Nadine Schneider damit wirklich retten können. Umringt von Hunderten von Insektoiden bestand nicht der Hauch einer Chance für beide.
Lorsahl lief lässig um die kniende Nadine Schneider umher. Dann blickte er Fykkar erwartungsvoll an. Die Wespe reichte dem Cantaro eine Axt.
Vor Tausenden von Jahren habt ihr euch von der Unterdrückung durch das Tier Mensch befreit. MODROR war euer Helfer, euer Hirte. Er hat die Menschen und ihren Gott DORGON in die Schranken verwiesen. Nadine Schneider ist ein Apostel des Bösen. Ein Dämon. Und dennoch nicht unverwundbar …
Der Cyborg holte aus und schlug Nadine Schneiders Kopf ab.
Alaska spürte das Konzept nicht mehr in seinen Gedanken. Wie konnte das gehen? Sie war doch schon tot im menschlichen Sinne. Nichts weiter als ein Splitter von DORGON, ein Geisteswesen. Wie konnte ein Cantaro sie töten?
Alaska konnte dieses Rätsel nicht beantworten. Einige Menschen riefen in Angst auf, als der Kopf zu Boden fiel. Die Insekten trieben die Herde
aus Menschen wieder zusammen.
Arbeitet wieder!
, brüllte eine Spinne.
Alaska wurde zu dem Bergwerk gedrängt, doch plötzlich setzte Fykkar vor ihm auf. Er schubste die Rotameise zur Seite, die wild duckend vor ihm wich. Fykkar musste ein sehr hoher Offizier sein. Alaska erinnerte sich, dass er als General bezeichnet wurde. Beide standen sich von Angesicht zu Angesicht. Saedelaere musterte das Haupt der Wespe.
Die Facettenaugen starrten ihn finster an. Die Fühler waren halb angehoben. Alaska wusste nicht, welche Gefühlsregung sie im Moment zeigten. Er war kein Tierforscher, um das zu beurteilen.
Der hier nicht. Bringt ihn zu Zarrytor. Dieser Mensch soll genauer untersucht werden.
Wo befinde ich mich?
, fragte Alaska schließlich. Er hatte sich diesen Schritt lange überlegt. Er musste mit den Insektoiden Kontakt aufnehmen. Schweigen brachte ihn wenig weiter.
Die Rotameise klackte erschrocken auf. Das Ding kann ja richtig sprechen …
Fykkar hob die Fühler und trat einen Schritt näher an Alaska heran. Sein mächtiger Körper überragte ihn um etwa zwei Köpfe.
Saedelaere hatte Insekten noch nie besonders leiden können, die beißen konnten. Nun einer gigantischen Wespe oder Hornisse, Saedelaere vermochte den Unterschied nicht zu definieren, ausgeliefert zu sein, behagte ihm nicht sonderlich.
Natürlich kann er das
, antwortete Fykkar wenig überrascht. Er scheint etwas besonderes zu sein.
Er streifte mit seinen Greifarmen Saedelaeres Mantel ab. Langsam schnitt er mit seinen scharfen Krallen das Oberteil seiner Kombination auf. Er fuhr mit seinem Greifwerkzeug an seiner Haut entlang. Genauer gesagt an Kummerogs Haut. Fast schon verzweifelt blickte der Unsterbliche Fykkar an. Hier konnte er sich durchaus eine Mimik der Gefühle erlauben. Fykkar konnte wahrscheinlich ebenso wenig seine Gesten interpretieren, wie er die seinen.
Seltsam
, flüsterte Fykkar. Eine Haut über der Haut. Das wird Zarrytor sehr interessieren.
Dann wandte er sich wieder der Rotameise zu. Bringe ihn sofort zum Doktor. Niemand darf von diesem Mann erfahren. Melde dich nach Verrichtung deiner Aufgabe bei mir.
Mit diesen Worten flog er wieder los. Saedelaere blickte Fykkar hinterher. Dann beobachtete er den Cantaro, der ebenfalls aufbrach. Die Menschen gingen wieder an ihre Arbeit und der Leichnam von Nadine Schneider blieb in der prallen Sonne liegen. Schon bald würden sich Aasfresser, Maden und Würmer über sie her machen. Kein rühmliches Ende für ein Konzept DORGONs, wie Alaska fand.
Ein stechender Schmerz ließ ihn hochschrecken. Eine Spritze! Dann wurde es plötzlich schwarz um ihn herum.
Die Dunkelheit lichtete sich. Zumindest seine geistige. Der Raum, in dem er sich befand, war verdunkelt. Seine Augen würden eine Weile benötigen, um sich daran zu gewöhnen.
Wo war er? Wahrscheinlich irgendwo bei diesem ominösen Doktor Zyrrak. Nichts passierte. Zeit, um über die Ereignisse nachzudenken. Noch vor wenigen Tagen war er auf dem Weg nach Cartwheel gewesen. Im Auftrage Perry Rhodans sollte er das Quarterium genauer untersuchen. Auf der Zwischenstation zum Sternenportal hatte er Denise Joorn getroffen und schon wenig später eine Vision von Nadine Schneider erhalten. Von ihr – so vermutete er – hatte er auch ein Passantum für die Brücke in die Unendlichkeit. Was hatte Thoregon damit zu tun? Warum wurde die WITMAE nicht nach Cartwheel transferiert, sondern an diesen seltsamen Ort? Ein grünes Universum. Alles war so verwirrend, rätselhaft, nebulös.
Wie es wohl Denise Joorn ergangen war, seitdem sie mit einer Rettungskapsel die abstürzende WITMAE verlassen hatte? Er war seit Tagen auf dieser Welt unterwegs gewesen und schließlich auf primitive Menschen gestoßen.
Ydira, schoss es ihm durch den Kopf. Was war aus der Häuptlingstochter wohl geworden? Er hatte sie zum Geschenk bekommen, so unglaublich das klang, nachdem er das Leben des Häuptlings gerettet hatte. Natürlich wollte Alaska die Situation nicht ausnutzen, hatte sie sogar zum Dorf zurückgebracht, doch in diesem Moment hatten die Insekten angegriffen und ihn überwältigt.
Nun saß er in dieser finsteren Zelle. Seine Gedanken kreisten wieder um Denise Joorn. Wo war sie? Lebte sie noch? Doch dann übermannte ihn wieder die Müdigkeit.
Können wir eine Pause einlegen, mein Püppchen?
Wütend blieb sie sofort stehen, drehte sich um und bedachte den dicken Somer mit einem bitterbösen Blick.
Okay, Okay, Okay. Ich habe nichts gesagt. Bin schon ruhig. Können weiterlaufen …
Denise Joorn lief ohne etwas zu sagen weiter. Sie verdrehte die Augen, als sie den Somer schnaufen und ächzen hörte. Jeden Schritt musste er mit einem Laut des Klagens kommentieren. Seit Tagen nun schon.
Es reicht. Wir machen eine Pause
, gab sie schließlich entnervt nach. Die anderen vier Begleiter hatten nichts dagegen. Insbesondere Leopold nicht.
Du hast doch ein Herz. Es liegt tief verborgen unter den üppigen, wohlgeformten Rundungen …
Wenn du weiter so einen Stuss redest, steht Brathähnchen heute Abend auf der Speisekarte
, drohte Denise mit einem fiesen Lächeln. Der Somer schwieg.
Die Archäologin musterte ihre Begleiter. Neben dem illustren Somer Ler Ak Poldm, kurz Leopold genannt, waren der cholerische Geschäftsmann Jaques de Funes, der Unither Totsol und das Pärchen Alan Horrorwitz und Debby Bakin.
Nachdem ihre Rettungskapsel notgelandet war, hatten sie sich auf die Suche nach der WITMAE gemacht. Bisher jedoch erfolglos. Auch hatten sie keine anderen der Passagiere getroffen. Ihr Schicksal war ungewiss.
Joorn betrachtete die Landschaft. Schroffe Hügelketten, soweit das Auge reichte. Sie befanden sich in einer Steinwüste und hatten nicht die geringste Ahnung, auf welchem Planeten sie umher irrten.
Sie schaute sich um. Kein Fluss, kein See. Die Bäume kahl und blattlos. Wahrlich keine Idylle.
Plötzlich zuckte sie zusammen. Ein Schmerz im Kopf ließ sie aufschreien. Dann war es vorbei.
Was ist?
, wollte Jaques de Funes wissen. Nun machen Sie bloß nicht schlapp. Was soll aus uns werden? Meine wichtigen Geschäfte, ich darf gar nicht daran denken!
Es geht schon
, brachte Denise hervor. Ich habe etwas gespürt. Den Tod eines Menschen. Oder so etwas …
Ich verstehe nicht
, erwiderte de Funes.
Ich auch nicht
, gab Denise zu.
Sie suchten sich in dem Gebirge einen Lagerplatz für die Nacht. Denise dachte unentwegt an diesen Schmerz, dieses ungute Gefühl. Sie kannte die Person, die einen brutalen Tod gestorben war, nicht. Und dennoch, irgendwie kam die Frau ihr vertraut vor. Für einen Moment huschte ein Name durch ihre Gedanken.
Nadine Schneider.
So hieß die Frau, die von einem metallischen Wesen enthauptet wurde. Denise hatte es gesehen. Und doch war sie nicht dabei gewesen. Es fröstelte sie plötzlich. Das lag nicht an der eher gemäßigten Temperatur dieser Welt. Nein, es war ihr unheimlich. Woher kamen diese Visionen? Wieso ausgerechnet sie? Hatte es etwas mit Osiris zu tun? Seitdem sie das Geheimnis des großen Kemeten gelöst hatte, hatte sie viel Seltsames, fast Unerklärliches erlebt.
Nadine Schneider. Es fiel ihr plötzlich ein. Alaska hatte von ihr berichtet. Sie war ein Konzept DORGONs gewesen, vor nicht allzu langer Zeit ein Mensch, gefallen während der Kämpfe gegen die Mordred. Gestorben in den Armen Joak Cascals, auserwählt als Botin und Sprecherin DORGONs. Alaska hatte eine Vision von ihr gehabt, einen Tag bevor sie mit der WITMAE aufgebrochen waren. Langsam ergab alles einen Sinn – oder auch nicht. Denise konnte sich keinen Reim darauf machen. Anscheinend hatte die ganze Sache etwas mit DORGON zu tun. Wenn nun aber Nadine Schneider ermordet wurde, dann von wem? Warum? Wer besaß die Macht dazu?
Was gibt es jetzt zu essen?
, fragte Leopold plötzlich.
Denise schreckte hoch, fasste sich schnell wieder. Sie hatte die anderen ganz vergessen. Ihr gegenüber saßen Leopold und Jaques de Funes. Etwas weiter ab kauerte das Pärchen. Der Unither Totsol sammelte Holz.
Hühnerkeule
, sagte Denise schnippisch.
Ich bin kein Huhn! Ich bin ein Somer. Das ist ein Unterschied. Ich bezeichne dich auch nicht als Äffchen
, konterte Leopold erstaunlich mutig. Das überraschte selbst Denise.
Obwohl ich anmerken möchte, dass du bei mir ruhig mal am Ast wippen kannst
, fügte er kichernd hinzu.
Denise verdrehte die Augen. Der Moment des Respekts für den Somer war wieder so schnell vorbei, wie er gekommen war. Dass dieser pinguinähnliche Estarte der Halbbruder des legendären Somer Sam war, war wirklich schwer zu glauben.
Können Sie nicht mal irgendetwas anderes zu unserer misslichen Lage beitragen als Ihre infantilen Zweideutigkeiten?
, rügte ihn Jaques de Funes. Der kleinwüchsige Terraner, vielleicht gerade mal 160 Zentimeter groß, wischte sich den Schweiß von seiner hohen Stirn. Vielleicht etwas oberhalb der Gürtellinie? Oder reicht ihre Phantasie nicht soweit?
Okay, okay, okay! Wir sind auf einem fremden Planeten
, meinte Leopold schließlich.
Scharfsinnig
, erwiderte de Funes gelangweilt.
Wir suchen Einheimische
, schlug der Somer vor. Die sagen uns bestimmt, wo wir sind und helfen uns, zur Erde zurück zu kommen.
Der erste vernünftige Satz, den ich von dem Dicken höre
, meinte de Funes aufgeregt. Dann können wir endlich wieder von hier wegfliegen. Ich muss dringend zu meinem Termin.
Wer ist hier dick?
, protestierte Leopold entrüstet.
Ich weiß nicht, ob das so klug ist
, gab Denise Joorn zu.
Ihr behagte nicht sonderlich der Gedanke, dass sie mit Absicht hier gestrandet waren. Davon konnte man jedoch ausgehen. Wenn dies auf Nadine Schneiders Konto ging, vermutete Denise, dass Schneider auch auf dieser Welt starb. Das würde bedeuten, dass ihr Mörder ebenfalls auf diesem Planeten war und durchaus zu den Einheimischen gehören konnte.
Denise äußerte ihre Bedenken, doch während der Somer und de Funes sich darüber stritten, ob er denn nun dick oder nur kräftig gebaut war, waren die anderen waren mehrheitlich für Leopolds Vorschlag.
Also gab Denise widerwillig nach und so machte man sich am nächsten Morgen auf den Weg, mit dem Ziel, eine Siedlung zu finden. Für Denise erschien es vor allem wichtig Wasser zu finden, doch bisher hatte sich die Umgebung als äußerst unwirtlich erwiesen.
Sie gingen in nördliche Richtung, in der Hoffnung, dort eine bessere Vegetation anzutreffen und tatsächlich fanden sie nach einem halben Tagesmarsch einen Gebirgsbach.
Wir sollten dem Bach stromabwärts folgen. Siedlungen befinden sich in der Regel in Wassernähe, vielleicht finden wir so Einwohner dieses Planeten.
Falls es überhaupt welche gibt
, unkte Alan Horrorwitz.
Womöglich gibt es hier Kannibalen
, meinte Leopold.
Das hängt davon ab, ob sie Menschen oder Vogelwesen sind
, erwiderte de Funes. Wenn es sich um Menschen handelt, die Sie verspeisen, sind es ja keine Kannibalen, sondern Gourmets … Ach, jetzt hätte ich Appetit auf ein saftiges Brathähnchen.
Der Somer sah den Geschäftsmann empört an. Komm bloß nicht auf falsche Gedanken! Vielleicht gibt es hier ja auch Lebensformen, die sich ausschließlich von Menschenfleisch ernähren.
Hört auf mit diesem Blödsinn. Niemand wird verspeist
, rief sie Denise Joorn zur Ordnung.
Außerdem haben wir noch jede Menge von diesen leckeren Notrationen, die in der Rettungskapsel lagen
, meinte Totsol.
Pfui!
, riefen Leopold und De Funes gleichzeitig.
Totsol öffnete eine der Rationen und verzehrte sie.
Ich weiß gar nicht, was ihr habt. Die schmecken doch prima.
Nach einer Stunde Pause setzten die Gestrandeten ihren Weg fort.
Erneut erwachte Alaska Saedelaere. Als er wieder einigermaßen bei sich war, blickte er sich um. Der Terraner lag auf einer harten Pritsche, die sich in einer einfachen Zelle befand. Anstatt einer Tür befand sich ein großes Gitter an Eingang. Alaska fühlte sich an alte Western erinnert, die er sich in seiner Jugendzeit angesehen hatte. Dort hatte es auch solche Gefängniszellen gegeben.
Sehen Sie, Doktor Zarrytor. Dieser Mensch ist erwacht
, hörte Alaska eine hohe Stimme sagen.
An den Gitterstäben standen zwei Käfer. Der eine, der gesprochen hatte, sah aus wie ein Borkenkäfer, der andere wie ein Maikäfer. Beide waren etwa zwei Meter groß und mindestens 250 Kilo schwer, schätzte Alaska.
So früh schon? Erstaunlich. Bei der Dosis, die man ihm gespritzt hat, hätte er eigentlich erst in ein paar Stunden aufwachen sollen. Sehr interessant. Bereite ein paar Verhaltenstests vor, Kut.
Ja, Doktor Zarrytor.
Der angesprochene Assistent Kut ging davon und Doktor Zarrytor blickte Alaska neugierig an.
Gefalle ich Ihnen?
, fragte Alaska sarkastisch.
Erschrocken wich der Maikäfer zurück.
Du kannst ja wirklich sprechen! Das ist ja ganz erstaunlich
, fand der Wissenschaftler.
Da, wo ich herkomme, nicht.
Und wo kommst du her?
Aus der Galaxis Milchstraße, vom Planeten Terra. Doch diese Namen dürften Ihnen nichts sagen.
Zarrytor starrte ihn an. Alaska konnte das Verhalten des Käfers nicht deuten und entschied sich, lieber nur zu reden, wenn er gefragt wurde. Womöglich dachten diese Insekten, dass außer ihnen keine anderen Lebensformen gab und er verletzte womöglich ein Tabu. Alaska hatte schon so oft ignorante, primitive Lebensformen getroffen, die sich für die Krone der Schöpfung hielten.
Du kommst also von einer anderen Welt
, sagte Zarrytor schließlich. Dies erklärt so manches. Auf dieser Welt können nur wenige Menschenstämme sprechen. Und diese leben weit weg von hier. Menschen sind in der Regel nur wilde Tiere und zu wenig zu gebrauchen. Die sieben Krieger der Götter berichteten uns in ihrer unendlichen Gnade und Weisheit, dass es außerirdische Intelligenzen gibt. Doch, dass ausgerechnet Menschen dies sein sollen, muss ich erst einmal verdauen.
Alaska war angenehm überrascht. Die Insekten wussten also, dass es außerirdisches Leben gab. Sie waren intelligent. Vielleicht konnte er sich mit Zarrytor einigen. Doch wie passten die Cantaro in dieses Bild?
Wer sind die sieben Krieger der Götter?
, fragte Alaska mutig.
Vor Tausenden von Jahren erhob sich unser Volk gegen seine Unterdrücker und übernahm die Herrschaft auf diesem Planeten. Die Insekten vereinigten sich und gründeten Insektoidia. Seitdem leben sie in Eintracht zusammen. Vor einigen Generationen erschienen die sieben Krieger der Götter. Sie boten den Insektoiden Schutz vor dem bösen Teufel DORGON an und priesen den guten, großen Gott Insygnir an. Insygnir ist das vollkommene Insekt, das im ständigen Kampf gegen den Teufel DORGON liegt. Da die Götter immer gut zu unserem Volk waren, respektierten die Insektoiden von nun an die sieben Krieger Gottes und huldigten ihnen. Nach der Ankunft der Götter erlebte Insektoidia ein neue Blütezeit der Kultur und der Wissenschaft. Die Technologie wurde vorangetrieben, doch nicht zuviel, da die Insektoiden naturverbunden sind und es nicht im Sinne der Götter ist, die Natur zu beschädigen.
Nun wusste der Terraner schon besser Bescheid. Das Erwähnen von DORGONs Namen und die Bezeichnung als Teufel ließ ihn ahnen, dass die Cantaro, die mit den sogenannten Sieben Kriegern der Götter identisch waren, für MODROR arbeiteten. Auch hier war dieses mächtige Wesen aktiv. Doch was lag ihm an diesem unbedeutenden Planeten? Und wieso sprachen die Insektoiden Interkosmo?
Wahrscheinlich versteht du gar nicht, was ich meine
, sagte Zarrytor, der Alaskas Schweigen falsch deutete.
Ich verstehe Sie sehr gut, Doktor. Sogar besser als Sie denken. Auf meiner Welt hat die Evolution einen umgekehrten Weg genommen. Der Mensch entwickelte sich zur Hauptlebensform und besiedelte das Weltall. Ich habe schon viele Völker und Kulturen gesehen und mit ihnen Freundschaft geschlossen. Ich würde auch gern Freund der Insektoiden sein.
Ein Insektoide soll Freundschaft mit einem Menschen schließen? Das ist ja lächerlich
, sagte Zarrytor wenig diplomatisch.
Zumindest gibt es keinen Grund, mich hier länger festzuhalten. Ich bin kein Tier, wie sie inzwischen festgestellt haben dürften. Ich ersuche daher um meine Freilassung.
Du hast hier gar nichts zu fordern, Mensch! Im übrigen muss eine solche Entscheidung von General Fykkar getroffen werden. Vielleicht gebe ich ihm eine entsprechende Empfehlung. Doch zunächst will ich dich gründlich untersuchen. Womöglich bist du auch ein Spion des bösen Teufels DORGON.
Alaska seufzte resignierend und setzte sich wieder auf seine Pritsche. Er wusste, dass es keinen Zweck hatte. Diese Wesen waren zu tief in ihrer Denkstruktur gefangen. Vielleicht gab es später eine Möglichkeit zu entkommen. Vorerst blieb ihm nichts anderes übrig als abzuwarten.
Zwei Tage lang waren Denise Joorn und ihre Begleiter durch das öde Gebirge gewandert und waren dem Bach immer weiter bergab gefolgt. Schließlich mündete der Bach in einem Fluss.
Man beschloss dort, am Fuße eines Wasserfalls zu biwakieren. Die beiden Frauen nutzten die Gelegenheit, um endlich einmal wieder zu baden. Sehr zur Freude von Leopold, der beschloss insgeheim dabei zuzusehen. Dabei war weniger die pummelige Debby Barkin, die zudem noch von ihrem Freund Alan Horrorwitz begleitet wurde, Objekt seiner Begierde, sondern Denise Joorn. Der seltsame Somer hatte ein Okular aus der Rettungskapsel mitgenommen, das er nun zu seinem Vorteil zu nutzen gedachte. Leopold versteckte sich hinter einem Felsen und beobachtete genüsslich, wie sich Denise Joorn auszog und ins Wasser ging.
Nein! Man fasst es nicht!
, hörte er plötzlich eine laute Stimme rufen. Es war Jaques de Funes. Das schlägt ja wohl dem Fass den Boden aus! Setzt sich der Kerl da hin und beobachtet unbekleidete Damen!
Bekleidete Herren zu beobachten hätte ja wohl wenig Sinn
, verteidigte sich Leopold. Außerdem habe ich überhaupt nicht Denise beobachtet, sondern nur die Natur und die Vögel und so.
Also, dass Sie der Bruder des berühmten Sruel Allok Mok sein sollen, begreife ich nicht. Wenn ich der wäre, würde ich Sie verleugnen
, meinte de Funes.
Hat er auch. Außerdem ist er nur mein Halbbruder. Ich bin ein peinlicher Fehltritt unseres Vaters. Während Sam eine steile Karriere als Politiker machte, jobbe ich als Tellerwäscher oder WC-Reiniger. Ich bin sozusagen der schwarze Vogel der Familie, wenn du so willst.
Das schwarze Schaf, meinen Sie.
Das auch.
Trotzdem erscheint es mir höchst seltsam, dass ein komischer Vogel wie Sie terranischen Frauen nachstellt. Sie sind doch nicht etwa pervers?
, fragte de Funes mit besorgter Miene.
Nicht mehr als euer Ronald Tekener. Der hat sich ja auch ′ne Miezekatze ins Bettchen geholt.
De Funes schüttelte verständnislos den Kopf. Eine Ausdrucksweise haben Sie am Leib, also nein.
Der Geschäftsmann blickte besorgt auf sein Chronometer. Meinen Geschäftstermin kann ich wohl vergessen. Das schaffe ich nie.
Was soll′s? Futsch ist futsch. Genieße lieber das Leben, Jackie
, meinte Leopold und beobachtete gespannt, wie Denise Joorn wieder aus dem Wasser kam. Danach gab er de Funes das Okular. Falls du auch mal gucken willst.
Und was machen Sie?
Ich geh schiffen
, gab Leopold salopp zurück.
Schiffen?
, fragte der Geschäftmann verständnislos.
Pipi.
Ach so.
Als der Somer gegangen war und de Funes sich unbeobachtet fühlte, warf er auch einen Blick durch das Fernglas, in der Hoffnung, einen Blick auf Denise Joorn erhaschen zu können. Doch Denise war schon weg. Stattdessen kam nun die füllige Debby Bakin aus dem Wasser, ebenfalls unbekleidet, was angesichts ihrer zahlreichen Fettpolster und Speckrollen, die an ihrem massigen Körper herabhingen, nicht sehr sehenswert war.
He, was machst du da?
, rief plötzlich eine Stimme hinter Jaques de Funes, der zutiefst erschrak. Es war Alan Horrorwitz, der sichtlich erregt war.
Ich, äh, ich sondiere die Lage
, sagte der kleine Mann verlegen.
Du guckst hinter meiner Freundin her
, beschuldigte ihn Horrorwitz.
De Funes winkte ab. Ich bitte Sie, da gibt es ja nun wirklich nichts zu gucken. Man hat ja schließlich Geschmack
, sagte der Geschäftmann zu dem verdutzten Horrorwitz und ließ ihn stehen.
Am nächsten Tag zog die Gruppe weiter flussabwärts. Die Vegetation war nun fruchtbarer. Es gab Bäume und Pflanzen. Die Temperaturen waren höher als im Gebirge. Denise schätzte um die 30 Grad Celsius herum.
Immerhin wehte ein angenehmer Wind, was den Marsch etwas erleichterte, zudem hatte man genügend Wasser. Dann, gegen Nachmittag, entdeckten sie eine Ortschaft.
Leopold, gib mir bitte das Fernglas
, sagte sie zu dem verdutzten Somer.
Welches Fernglas?
Das, mit dem du mich gestern beim Baden beobachtet hast.
Peinlich berührt holte Leopold das Okular aus seinem Tornister und gab es Denise, die damit die Gegend sondierte.
Da ist eine Siedlung. Das sieht nach einer entwickelten Zivilisation aus. Es scheint auch reger Betrieb zu herrschen
, berichtete die Archäologin, die für solche Dinge einen Blick hatte.
Na endlich! Wir sind gerettet! Jetzt brauchen wir nur noch hinzugehen
, freute sich Alan Horrorwitz.
Nicht so voreilig
, warnte ihn Denise Joorn. Wir wissen nicht, ob die uns freundlich gesonnen sind. Vielleicht mögen die keine Eindringlinge.
Ach, Unsinn! Ich habe es langsam satt!
, regte sich Horrorwitz plötzlich auf. Immer haben Sie was zu meckern! Sie sind doch nur eine wichtigtuerische Emanze!
Na, ich muss doch bitten! So spricht man aber nicht mit einer Dame
, protestierte Jaques de Funes.
Halt du dich da raus, du Zwerg!
, giftete Horrorwitz. Der Mann schien mit seinen Nerven allmählich am Ende zu sein. Er wandte sich an die anderen: Ich sage: Gehen wir hin und bitten wir die Fremden um Hilfe.
Ich bin auch Alans Meinung. Ich kann nicht mehr weiterlaufen. Mir tun ja so die Füße weh
, stimmte die mollige Debby Bakin ihrem Freund zu.
Der Unither Totsol schüttelte seinen Rüssel. Ich finde, Denise Joorn hat recht. Wir sollten vorsichtig sein. Was wissen wir denn schon von diesen Wesen? Vielleicht mögen sie keine Eindringlinge?
Dann bleib doch hier, du sturer Elefant! Ich habe es satt, hinter dieser aufgeblasenen Tussi hinterher zu rennen. Ich gehe hin und bitte um Hilfe. Wenn ihr zu feige seid, dann bleibt eben hier.
Denise erkannte, dass es keinen Sinn hatte, Horrorwitz umzustimmen. Er war offensichtlich solche Strapazen nicht gewöhnt und würde alles tun, um sie sobald wie möglich zu beenden. Dennoch unternahm sie noch einen Versuch.
Lassen Sie uns doch erst einmal ein paar Stunden warten und die Wesen beobachten. Außerdem sollten wir die weitere Umgebung sondieren und uns nach einem möglichen Versteck umsehen, falls wir fliehen müssen.
Horrorwitz verdrehte unwillig die Augen. Ich höre mir diesen Quatsch nicht länger an. Ich gehe. Was ist mit dir, Pinguin, kommst du auch mit?
Nö, ich bleibe bei meiner Denise
, lehnte der Somer resolut ab.
Dasselbe gilt für mich
, schloss sich Jaques de Funes an.
Dann bleibt doch hier und verreckt! Ich will mit euch nichts mehr zu tun haben. Komm, Debby, wir gehen.
Erbittert wandte sich Horrorwitz ab und stapfte in Richtung Siedlung davon. Seine mollige Freundin stapfte hinter ihm her.
Also nein, ein Benehmen hat dieser junge Mensch. Es ist nicht zu fassen
, klagte de Funes pikiert.
Schlecht drauf, der Junge
, stimmte Leopold zu.
Wir sollten sie im Auge behalten. Vielleicht brauchen sie unsere Hilfe
, meinte Denise Joorn.
Totsol deutete auf einen Hügel, der in der Nähe lag. Von dort aus könnten wir sie beobachten
, schlug der Unither vor.
Einverstanden
, stimmte Denise zu.
Die vier stapften auf den Hügel und legten sich dort auf die Lauer. Denise Joorn holte den Feldstecher hervor und beobachtete, wie Alan Horrorwitz und Debby Bakin sich auf die Siedlung zu bewegten.
Es war ein recht kleiner Ort und schien als vorgeschobener Stützpunkt zu dienen. Denise fühlte sich an ein Römisches Kastell erinnert. Am Eingangstor standen zwei Wesen. Es waren Insektoiden, die wie rote Ameisen aussahen. Beide waren mit Karabinern bewaffnet. Denise sah, wie die Wachen auf die beiden, ankommenden Menschen aufmerksam wurden und ihre Gewehre auf sie richteten.
Alan Horrorwitz hielt seine Hände ausgestreckt und zeigte damit seine Friedfertigkeit. Immerhin hatte er einen der beiden Translatoren, die sich in der Rettungskapsel befanden, mitgenommen, und war so klug ihn einzuschalten. Debby Bakin blieb hinter Horrorwitz stehen, während dieser auf die beiden menschengroßen Ameisen einredete, die ihn erstaunlich schnell zu verstehen schienen.
Die Wachen bedeuteten den beiden Terranern stehen zu bleiben, was diese auch taten. Eine der Ameisen ging zu einem Kasten, der am Eingangstor hing und öffnete ihn. Darin befand sich, zu Denises Erstaunen, ein Telefon. Der Wächter rief offensichtlich seine Vorgesetzten an, um Instruktionen einzuholen.
General Fykkar war zufrieden mit sich selbst. Alles verlief planmäßig. Lorsahl war zufrieden mit seiner Arbeit und hatte versprochen, dem Militär neue Technologie zur Verfügung zu stellen. Insektoidia hätte schon viel weiter sein können, wenn nicht diese alten, erzkonservativen Männer im Rat gewesen wären, die davor warnten, dass zuviel Technologie der Umwelt und somit der Zivilisation der Insektoiden schaden konnte. Was für dumme Öko-Narren sie doch waren. Wirtschaftliches Wachstum und Ausbreitung des Machtbereiches waren in Fykkars Augen viel wichtiger als auf irgendwelche Tiere, Gewässer oder Pflanzen Rücksicht zu nehmen.
Der technische Fortschritt war nicht aufzuhalten und das Militär spielte dabei eine wichtige Rolle. Lorsahl hatte angedeutet, dass die Armee in einiger Zeit mit Strahlenwaffen ausgerüstet werden sollte. Dann würde es nur noch eine Frage der Zeit sein, wann Fykkar und seine Gesinnungsgenossen, die schon jetzt im Hintergrund als eine Art Schattenmacht agierten, offen die Macht übernahmen. General Fykkar beabsichtigte dann natürlich erster Mann im Staat zu sein. Bis dahin musste man jedoch noch vorsichtig agieren und Rücksicht auf die alten, senilen Narren im Rat nehmen.
Sein Adjutant schwirrte heran und störte Fykkar in seinen schönen Träumen.
Was ist denn, Bree?
Eine Nachricht von unserem vordersten Stützpunkt. Zwei Menschen, die sprechen können und seltsame, zivilisierte Kleidung tragen, stehen vor dem Tor und ersuchen um Hilfe. Könnten das nicht Freunde von diesem seltsamen Kerl sein, den wir zu Zarrytor gebracht haben?
Noch mehr Menschen, die sprechen können! Du hast recht, Bree. Das bedeutet, dass es noch mehr von ihnen gibt. Das gefällt mir nicht. Sie könnten eine Gefahr für uns darstellen. Die Bewohner von Insektoidia dürfen nicht erfahren, dass es außer ihnen noch andere intelligente Wesen auf diesem Planeten gibt.
Zarrytor sagte doch, das es sich um außerirdische Schiffbrüchige handelt. Wir müssen sie nur alle beseitigen, dann sind sie keine Gefahr mehr
, meinte Bree verschlagen.
Das ist korrekt. Weise den Stützpunktkommandanten an, die beiden Menschen zu eliminieren. Anschließend soll er nach weiteren Fremden suchen und sie sofort töten lassen. Die Soldaten sollen keine Gefangenen machen!
Der Befehl wird sofort ausgeführt
, versicherte Bree zackig und schwirrte aus dem Arbeitszimmer seines Generals.
Und ich werde dafür Sorge tragen, dass dieser Mensch, der sich bei Zarrytor aufhält, ebenfalls beseitigt wird. Dann ist diese Episode schnell wieder vergessen
, sinnierte Fykkar. Der General würde nicht erlauben, dass irgendwelche Fremde Unruhe nach Insektoidia trugen und damit seine Pläne störten.
Denise beobachtete weiterhin das Geschehen vor dem Tor der Siedlung. Die Insekten hielten Alan Horrorwitz und Debby Bakin weiterhin mit ihren Gewehren in Schach. Schließlich klingelte das Telefon und der Wärter ging heran, um seine Befehle entgegenzunehmen.
Horrorwitz schien ungeduldig zu werden und ging auf den Wärter zu.
Daraufhin versetzte der andere Wächter ihm einen Hieb mit dem Kolben, woraufhin der Terraner zu Boden ging. Nun überstürzten sich die Ereignisse. Der Wärter, der eben noch telefoniert hatte, nahm sein Gewehr, legte auf Horrorwitz an und schoss ihm eine Kugel in den Kopf. Debby Barkin schrie entsetzt auf und versuchte davonzulaufen. Die korpulente Frau bot den Insektoiden jedoch ein leichtes Ziel und wurde von ihren Kugeln regelrecht zersiebt. Schreiend fiel sie zu Boden und starb.
Mein Gott!
, flüsterte Denise.
Was ist geschehen?
, fragte Totsol.
Denise berichtete mit belegter Stimme, was passiert war.
Sie hatten recht, Denise Joorn. Wenn wir alle gegangen wären, würden wir jetzt auch tot im Sand liegen
, meinte der Unither.
Wir hätten sie nicht gehen lassen dürfen
, sagte Denise selbstkritisch.
Sie haben versucht, sie aufzuhalten. Niemand konnte ahnen, dass die Eingeborenen so aggressiv reagieren würden.
Vielleicht hatten diese Insekten schon Kontakt zu anderen Überlebenden?
, überlegte Jaques de Funes.
Denise dachte an Alaska. Dann wird es denen ebenfalls schlecht ergangen sein.
Was tun wir jetzt bloß?
, wollte Leopold wissen.
Wir kehren wieder zurück in Richtung Gebirge. Hier können wir nicht weitergehen. Womöglich suchen die Insektoiden auch nach uns
, entschied Denise.
Kurz darauf machten sich vier Überlebenden auf den Weg.
Der Befehl wurde ausgeführt, mein General.
Sehr gut
, freute sich das Hornissenwesen. Entsende nun einen Trupp der Wespengarde zu unserem Vorposten. Sie sollen die ganze Gegend absuchen. Womöglich befinden sich noch mehr dieser außerirdischen Menschen dort. Wenn sie welche finden, sollen sie rücksichtslos vorgehen.
Jawohl, mein General.
Bree schwirrte wieder davon und ließ seinen General zurück. Fykkar war einerseits erfreut über die schnelle Liquidierung der Menschen, andererseits beunruhigte ihn der Gedanke, dass es Menschen von anderen Planeten gab, die offenbar intelligent waren. Was nun, wenn diese Menschen nur die Vorhut einer Invasionstruppe waren?
Fykkar beschloss, mit Doktor Zarrytor darüber zu sprechen und suchte ihn in seinem wissenschaftlichen Institut auf. Fykkar mochte den Akademiker nicht sonderlich, aber bislang hatten sie immer gut zusammengearbeitet.
General, wie schön, Sie zu sehen. Was führt Sie an meine bescheidene Arbeitsstätte?
, erkundigte sich der Wissenschaftler höflich. Sonderlich erbaut schien er über den unerwarteten Besuch nicht zu sein.
Der seltsame Mensch, den ich zu Ihnen geschickt habe. Ich habe Ihren ersten Bericht mit Aufmerksamkeit gelesen. Er ist also wirklich intelligent?
, vergewisserte sich der General.
Das ist der intelligenteste Mensch, den ich je gesehen habe. Er unterscheidet sich total von den dummen Tieren, mit denen wir sonst zu tun haben. Selbst von denen, die weit weg leben. Er nennt sich übrigens Alaska Saedelaere.
Halten Sie seine Angaben hinsichtlich seiner Herkunft für glaubhaft, Doktor?
Dass er aus dem Weltall stammt? Ja, das tue ich. Er kann unmöglich von unserer Welt stammen. Kein Wesen auf dieser Welt ist so hoch entwickelt wie wir Insektoiden. Das bedeutet natürlich nicht, dass es auf anderen Planeten nicht anders sein kann. Besonders bemerkenswert ist, dass er offenbar über zwei Häute verfügt, dies habe ich noch nie bei Menschen gesehen, ganz abgesehen von der unterschiedlichen Kleidung.
Fykkar schwieg nachdenklich.
Woher kommt Ihr plötzliches Interesse an dem Gefangenen, wenn ich fragen darf, General?
Vor ein paar Stunden sind bei unserem Vorposten am Rande der Tabu-Zone zwei Menschen aufgetaucht, die ebenso sprechen konnten wie dieser Alaska Saedelaere
, berichtete Fykkar.
Das ist ja hochinteressant. Kann ich sie untersuchen?
Höchstens ihre Kadaver. Ich habe sie erschießen lassen.
Aber wieso denn?
, fragte der Wissenschaftler entsetzt.
Vielleicht ist Ihr Exemplar doch nicht so einzigartig, wie Sie denken. Womöglich sind diese Menschen nur die Vorhut einer Invasion
, meinte Fykkar.
Dieser Alaska hat gesagt, dass er ein Schiffbrüchiger ist. Womöglich sind noch andere seiner Art hier gestrandet
, mutmaßte Zarrytor.
Wie dem auch sei. Ob so oder anders: Diese Menschen werden beseitigt – alle. Das gilt auch für ihr Studienobjekt, Doktor.
Das dürfen Sie nicht so einfach tun! Dagegen lege ich mein Veto ein. Dieses Exemplar ist zu einmalig, um einfach getötet zu werden
, protestierte der Wissenschaftler.
Wie Sie wollen. Auf Ihre Verantwortung. Aber ich warne Sie: Wenn dieser Alaska gegen meine Sicherheitsinteressen verstößt, werde ich ihn töten. Und wenn es nicht so geht, dann eben anders.
Gewiss, General. Ich beabsichtige auch nicht ihn frei zu lassen. Eine Bitte hätte ich jedoch noch: Bei diesem Alaska befand sich eine Eingeborene, als er ergriffen wurde. Ich würde sie gerne untersuchen. Womöglich haben sie sich gepaart. Das muss geklärt werden. Könnte man mir dieses Weibchen bringen lassen?
Fykkar dachte kurz nach, dann stimmte er zu.
Meinetwegen. Falls sie trächtig ist, muss sie eben auch sterben.
Denise und ihre Begleiter hatten in einem Gewaltmarsch das Gebiet um die Siedlung verlassen. Sie liefen nun am Rande des Gebirges entlang. Denise war in Sorge, dass die Insektoiden nach ihnen suchen würden. Doch bei Einbruch der Dunkelheit war sie beruhigter und sie beschloss, in Rücksicht auf den immer mehr schnaufenden Leopold, ein Nachtlager aufzuschlagen.
Hier sind wir von Felsen geschützt. Bleiben wir über Nacht hier
, sagte die Archäologin zu ihren Begleitern.
Wie soll es jetzt nur weitergehen? Wir sind verloren!
, unkte Jaques de Funes.
Blödsinn! Solange ich bei euch bin, seid ihr vollkommen sicher
, meinte Leopold großspurig.
Gut, dann kannst du ja auch die erste Wache übernehmen, Leopold
, sagte Denise schmunzelnd.
Auch das noch
, jammerte der Somer zusehends ruhiger.
In zwei Stunden löse ich ihn ab
, bot de Funes an.
Und wie soll es jetzt weitergehen?
, wiederholte Totsol, der Unither, Funes’ Frage.
Wir müssen sehr vorsichtig sein. Es könnte sein, dass diese Insektoiden nach uns suchen. Wir werden das Gebiet erst einmal genau erkunden müssen. Unsere Lage hat sich nicht gerade verbessert. Meine Hoffnung besteht darin, dass wir Alaska Saedelaere wiederfinden. Seine Erfahrung könnte uns sehr weiterhelfen. Doch zunächst sollten wir schlafen. Wir werden unsere Kräfte noch brauchen.
Während Denise Joorn, Totsol und Jaques de Funes sich zur Ruhe begaben, musste Leopold also Wache schieben. Er setzte sich auf einen Felsen und hielt Ausschau auf die karge Landschaft. Viel konnte er allerdings nicht erkennen, da Neumond herrschte. Wenigstens war es endlich angenehm kühl für den Somer. Die Hitze machte ihm manchmal ganz schön zu schaffen, was er vor den anderen natürlich nie zugeben würde. Leopold fragte sich nur, womit er das alles verdient hatte. Während sein Bruder Sam immer Erfolg gehabt hatte, klebte ihm das Pech an den Flügeln.
Sam war, wenn auch nur vorrübergehend, zum Generalsekretär des Paxus-Rates aufgestiegen, während er auf den Weltraumstationen als WC-Reiniger arbeiten musste, um seine Spielschulden abzuarbeiten. Und nun saß er auch noch auf diesem öden Planeten fest und musste um sein Leben fürchten. Wie ungerecht das Universum doch war!
Bei so viel Selbstmitleid wurde Leopold müde und schlief schließlich ein.
He, aufwachen, Sie Möchtegern-Nachtwächter
, hörte er auf einmal eine Stimme, die ihn unsanft aus dem Schlaf riss. Es war Jaques de Funes, der ihn ablösen wollte.
Ich habe nicht geschlafen. Ich habe nur über unsere Lage scharf nachgedacht
, verteidigte sich der Somer.
Das ist ja noch schlimmer. Was soll dabei schon herauskommen? Sie taugen nicht einmal als Nachtwächter. Was haben Sie eigentlich auf der auf der Raumstation gemacht?
Ich war der Leiter der Reinigungsabteilung
, übertrieb Leopold.
Ach, darum waren die Toiletten so dreckig
, giftete der Frankoterraner.
Wirklich? Das ist ja unerhört! Ich werde ein ernsthaftes Wort mit meinen Untergebenen reden müssen
, sagte der Somer entrüstet.
Plötzlich hielt Jaques de Funes inne. Er schien nach etwas zu lauschen.
Was ist denn los?
, wollte Leopold wissen.
Pscht!
, machte der Frankoterraner.
Aber …
Nein, Klappe zu!
Leopold schwieg also und de Funes lauschte weiter.
Da surrt etwas
, meinte er nach einer Weile.
Ich höre nix
, meinte Leopold.
Ruhe! Kein Wort mehr oder es setzt was!
Leopold schwieg widerwillig. Dann aber meinte er auch, etwas surren zu hören.
Jetzt höre ich auch etwas
, flüsterte er.
Hab ich doch gesagt. Das kommt von da drüben.
De Funes deutete auf einige gegenüberliegende Felsen.
Ob das die Ameisen sind?
, fragte Leopold ängstlich.
Blödsinn, Ameisen surren nicht, die krabbeln höchstens. Außerdem hört sich das nur nach einem einzelnen Exemplar an
, meinte de Funes resolut.
Und nun? Wecken wir die anderen?
, fragte der Somer ratlos.
Nein, wir gehen erst einmal hin und sehen nach. Vielleicht ist es ja ganz harmlos.
Und wenn nicht?
Der kleine Terraner holte einen Thermostrahler aus seiner Jacke hervor.
Keine Angst, ich bin schwer bewaffnet.
Ich dachte schwerbehindert.
De Funes lief im Gesicht rot an. Frechheit! Los, komm mit. Du gibst mir Deckung, Leo
, befahl er dem Somer entschlossen.
Und wer deckt mich zu?
Na, ich bestimmt nicht. Los jetzt, marsch!
Langsam schlich sich das seltsame Duo an den Felsen heran. Wieder hörten sie dieses seltsame Summen, das immer wieder verstummte, um dann wieder zu ertönen. Als die beiden näher kamen, erkannten sie ein kleinen, dicken Insektoiden, der aussah wie eine Biene. Er hatte einen Spaten in der Hand, mit dem er ein Loch grub.
Das ist aber anstrengend
, seufzte das Insektenwesen auf Interkosmo, was Leopold und De Funes höchst erstaunte.
Der Frankoterraner beschloss die Initiative zu ergreifen und richtete seinen Strahler auf den Fremden.
Hände oder Extremitäten hoch oder wie immer das bei Ihnen heißt! Und keine falsche Bewegung!
, rief de Funes dem kleinen, dicken Insektoiden zu, der einen Schrei des Entsetzen ausstieß und dabei seinen Spaten vor Schreck fallen ließ.
Leopold befürchtete, dass das Bienenwesen versuchen konnte, weg zu fliegen, darum packte er es kurzentschlossen und hielt es fest.
Tut mir nichts, dann tue ich euch auch nichts!
, flehte der Insektoide. Dabei ging das Wesen auf die Knie und verneigte sich demütig.
Bisschen überspannt, der Kleine
, meinte Leopold.
Hm, das könnte auch ein Trick sein. Hol ein Seil aus dem Ausrüstungskoffer und fessele ihn
, ordnete de Funes an und fuchtelte dabei nervös mit dem Strahler vor dem sichtlich beeindruckten Bienenwesen herum.
Leopold watschelte, so schnell er konnte, zu dem Koffer mit den Ausrüstungsgegenständen, der zu den Utensilien der Rettungskapsel gehörte, und holte ein Seil hervor. Danach kehrte er zu Jaques de Funes und dem Gefangenen zurück und fesselte diesen.
Du hattest recht, Jaques, es ist keine Ameise
, sagte Leopold zu dem Terraner.
Natürlich nicht, ich bin eine Biene
, stellte der Insektoide klar.
Schweig und rede nur, wenn du gefragt wirst!
, raunzte ihn de Funes an. Und jetzt frage ich dich: Wer oder was bist du?
Ich bin der Wyllrzzyytstzy
, antwortete das Bienenwesen.
De Funes sah das Wesen entgeistert an. Wie bitte? Willst du mich verscheißern?
Warum sollte ich auf dich scheißen? Ich war doch vorhin schon. Aber mein Name lautet Wyllrzzyytstzy
, sagte der Insektoide ernsthaft.
Das ist kein Name, das ist ein Zustand. Das klingt unanständig.
Nennen wir ihn doch Willy. Er erinnert mich ohnehin an eine Animationsfigur
, schlug Leopold vor.
Das hört sich schon besser an. Also gut, du bist Willy. Und weiter? Woher kommst du? Was bist du?
Ich bin eine Bienendrohne aus Insektoidia
, erklärte Willy mit krächzender Stimme.
Dann gehörst du auch zu diesen Ameisen, die unsere Freunde getötet haben
, schnauzte ihn de Funes empört an.
Nein, Ameisen sind doch bei der Armee. Ich bin ein Gehilfe von Fräulein Cassyral.
Wer ist das denn nun wieder?
, fragte der Terraner unwirsch.
Fräulein Cassyrahl ist Fräulein Cassyrahl.
De Funes seufzte und wandte sich Leopold zu. Der scheint wohl mal einen Dachziegel auf den Kopf gekriegt zu haben. Eine große Hilfe ist der ja nicht gerade.
Ihr habt’s nötig. So komische Menschen wie euch habe ich auch noch nie getroffen. Schon gar nicht welche, die sprechen können.
Wie kommt es eigentlich, dass du unsere Sprache sprichst?
, wollte Leopold wissen.
Wieso eure? Das ist doch meine Sprache!
, erwiderte Willy. Eine andere kann ich nicht. Außerdem können Menschen doch gar nicht sprechen. Und so etwas Komisches wie dich habe ich noch nie gesehen.
Ich bin ein Somer im besten Mannesalter
, stellte Leopold klar. An de Funes gewandt, meinte er: Ich glaube nicht, dass er zu den Mördern gehört. Er ist harmlos, wir sollten ihm vertrauen.
Meinst du? Na, meinetwegen. Ich will mal nicht so sein
, sagte der Terraner gönnerhaft und band das Bienenwesen los.
Danke schön, das ist nett von euch. Von nun an will ich euer Freund sein
, bedankte sich Willy. Wer seid ihr denn eigentlich und woher kommt ihr?
Abwechselnd berichteten de Funes und Leopold dem staunenden Willy, woher sie kamen und was sie auf diesem Planeten erlebt hatten.
Das ist eine tolle Geschichte. Die müsst ihr unbedingt Fräulein Cassyral erzählen. Sie ist Archäologin und macht hier in der Nähe Ausgrabungen. Ihr Spezialgebiet sind übrigens Menschen. Ich war vorhin hier, um etwas abseits von unserem Lager zu buddeln. Das Graben ist immer so anstrengend und hier kann ich wenigstens immer mal eine Pause machen, ohne ausgeschimpft zu werden.
Verständlich
, meinte Leopold.
Archäologin sagst du?
, fragte de Funes aufgeregt. Das nenne ich einen Zufall. Wir haben auch eine Archäologin bei uns. Sie heißt Denise Joorn und ich bin sicher, sie würde deine Cassyral gerne kennen lernen. Kannst du uns zu ihr führen?
Na klar
, versicherte Willy lässig.
Daraufhin weckten de Funes und Leopold Denise und Totsol und stellten ihnen Willy vor.
Denise brauchte ein paar Minuten, um das alles zu verarbeiten. Mit so etwas hatte sie nicht gerechnet. Sie wusste, dass es ein erhebliches Risiko war, in das Lager der Insektoiden zu gehen. Andererseits machte dieser Willy einen aufrichtigen, harmlosen Eindruck und es blieb ihnen auch gar nichts anderes übrig, als jemanden um Hilfe zu bitten, denn ihre Lage verzweifelt.
Wie wird deine Cassyral reagieren, wenn sie uns begegnet?
, erkundigte sich Denise bei Willy.
Sie freut sich bestimmt. Sie mag Menschen und glaubt, dass sie klüger sind, als der Rat von Insektoidia glaubt. Sie sagt, sie hätte Hinweise auf Sachen aus der Vergangenheit oder so. Aber das müsst ihr sie selber fragen, denn mir ist das zu hoch.
Denise traf eine Entscheidung. Also gut, führ uns in dein Lager, Willy!
Augenblick noch, ich hätte eine Frage
, meldete sich Totsol. Wie viele Soldaten sind in eurem Lager?
Keine Soldaten. Wir sind nur Forscher und Gräber.
Das freut mich zu hören
, gab sich Totsol zufrieden.
Die vier packten ihren Sachen zusammen und als die Sonne aufging, flog Willy voran und führte sie quer durch die Wüste zu dem Ausgrabungslager, das sich etwa eine halbe Stunde Fußmarsch vom Lagerplatz entfernt befand. Denise bat Willy, erst einmal voraus zu gehen und seine Vorgesetzte über seinen ungewöhnlichen Fund zu informieren, was dieser auch bereitwillig tat.
Seid wachsam und haltet eure Waffen bereit
, raunte die Archäologin ihren Begleitern zu.
Denise bemerkte, dass die Insektoiden – zum größten Teil Bienen – auf die Neuankömmlinge aufmerksam wurden.
Da sind Menschen, die wollen bestimmt stehlen. Am besten bewerfen wir sie mit Steinen
, sagte eine Biene.
Tolle Begrüßung
, meinte Leopold.
Denise ging langsam auf die Insekten zu.
Wir wollen nichts stehlen. Wir kommen in friedlicher Absicht. Wir haben euren Freund getroffen und er hat uns hierher geführt
, erklärte sie den verblüfften Insektoiden.
Die kann ja sprechen
, staunte ein Maikäfer.
Und was sind das für seltsame Gestalten?
, wollte ein Grashüpfer neugierig wissen, als er Leopold und Totsol erblickte.
Das müssen Mutationen sein. Fangt sie ein, damit wir sie sezieren können!
, befahl eine Biene.
Als sich einige der Insektoiden zusammenrotteten und drohend auf die vier zukamen, entsicherten diese ihre Waffen.
Halt, aufhören! Geht wieder an eure Arbeit. Ich kümmere mich um diese Menschen
, sagte eine hochgewachsene Biene, die gerade angeflogen kam.
Neben ihr erkannte Denise Willy. Das musste Cassyral, die Leiterin der Ausgrabungsstätte sein. Die Insektoiden zögert zuerst, doch als Cassyral ihnen nachdrücklich befahl, wieder an die Arbeit zu gehen, gehorchten sie. Die Insektoide wandte sich dann an die ungewöhnlichen Neuankömmlinge.
Zwei von euch sind Menschen. Aber solche Wesen, wie die beiden anderen, habe ich noch nie gesehen. Willy hat mir von seiner Begegnung mit euch berichtet
, sagte Cassyral freundlich.
Wir kommen in friedlicher Absicht. Wir sind Gestrandete aus einer anderen Welt
, erklärte Denise.
Cassyral sah sie eine Weile an. Ihr könnt wirklich sprechen. Unglaublich, aber wahr. Bitte kommt mit in mein Zelt und erzählt mir alles!
Die Biene führte die vier und Willy in ihr Zelt. Dort berichtete Denise Joorn ausführlich von ihren Erlebnissen seit der Notlandung.
Besonders erfreut war sie, als sie hörte, dass Denise ebenfalls Archäologin war. Welch eine Fügung, dass ich auf eine Menschenfrau treffe, die ebenso wie ich Archäologin ist und obendrein noch aus einer anderen Welt stammt. Nur gut, dass ihr mir begegnet seid.
Die Insektoiden aus der Siedlung waren leider nicht so freundlich. Sie haben unsere Begleiter umgebracht
, erinnerte Totsol, der Unither.
Cassyral blickte die vier traurig aus ihren Facettenaugen an. Zumindest interpretierten die anderen das so. Die Mimik der Biene war einfach zu fremdartig, um wirklich daraus lesen zu können.
Dahinter steckt bestimmt General Fykkar. Er hasst Menschen, für ihn sind sie nur Ungeziefer ohne Gefühle und Intelligenz. Er darf euch niemals finden, sonst seid ihr verloren.
Da kann man ja Angst bekommen
, meinte Leopold unbeherrscht.
Ich finde es sehr erstaunlich, dass ihr – ebenso wie wir – Interkosmo sprecht. Wir haben keinerlei Verständigungsschwierigkeiten
, wechselte Denise das Thema.
Bei uns heißt es Insekto
, erklärte Cassyral. Wir sprechen es seit Anbeginn unserer Kultur. Eine andere Sprache kennen wir nicht. Selbst die sieben Krieger der Götter sprechen sie.
Die sieben Krieger der Götter?
, fragte Denise Joorn.
Habt ihr noch nie von ihnen gehört?
Nein, noch nie.
Cassyral erzählte von der Ankunft der Götterboten und denn Auswirkungen auf die Kultur der Insektoiden. Die Beschreibung der Gotteskrieger erinnerte Denise an die Cantaro, doch ohne sie gesehen zu haben, konnte sie sich darüber kein endgültiges Urteil bilden. Als sie dann noch den Namen DORGON hörte, wurde die Archäologin aufmerksam.
Der Name DORGON ist uns bekannt
, erklärte sie ihrer Kollegin. Jedoch ist er uns nicht als Teufel bekannt, sondern als gütiges Wesen, welches uns in seiner Entwicklung weit voraus ist.
Das ist faszinierend. Nicht alle Insektoiden glauben, dass die sieben Krieger gut sind, sondern im Gegenteil, schlecht für die Entwicklung unserer Gesellschaft. Doch das dürfen sie nicht offen sagen, sonst würde der Regierungsrat sie verfolgen. Der Rat ist erzkonservativ und hat ein eigenes Geschichtsbild, dem niemand widersprechen kann, solange es keine Beweise gibt. Es hat lange gedauert bis ich endlich meine Ausgrabungsexpedition machen konnte, dabei ist noch so viel Gebiet unerforscht.
Denise schmunzelte. Vor langer, langer Zeit hatte unser Volk ähnliche Probleme. Doch dies haben wir hinter uns gelassen. Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten, auch bei eurem Volk nicht.
Das macht mir Mut. Möchtet ihr unsere Ausgrabungsstelle besichtigen?
, fragte Cassyral.
Da war die Insektoide bei Denise Joorn genau an der richtigen Adresse, die sich nicht lange bitten ließ.
Cassyral führte die vier Schiffbrüchigen durch die Ausgrabungsstätten und erklärte Denise ihre Theorien. Ich und einige andere Forscher sind der Meinung, dass es schon vor unserer Kultur auf diesem Planeten eine hoch stehende Zivilisation gegeben haben muss. Wir haben Funde gemacht, die darauf hindeuten. Vor Tausenden von Jahren wurde unser Volk von einem anderen unterdrückt, bis unsere Vorfahren sich dagegen auflehnten und eine eigene Zivilisation gründeten.
Und wer waren diese Unterdrücker?
, fragte Denise neugierig.
Cassyral machte eine Geste der Ratlosigkeit. Sie breitete die Arme aus. Eine Geste, die sie den Menschen abgeschaut hatte.
Das wissen wir nicht. Entweder haben sie unsere Welt verlassen oder sie sind ausgestorben.
Oder ausgerottet
, warf Jaques de Funes trocken ein.
Auch das ist möglich
, sagte Cassyral zurückhaltend. Wie auch immer, wir wissen es nicht. Ich suche nun nach Artefakten aus jener Zeit, die meine Theorie untermauern. Außerdem bin ich der Meinung, dass die Menschen früher intelligent waren, so wie ihr. Die Begegnung mit euch hat mich darin bestärkt. Ich glaube, dass die Menschen einst diesen Planeten besiedelt haben. Doch aus irgendeinem Grund sind sie degeneriert. Diesen Grund möchte ich herausfinden. Womöglich spielen außerirdische Einflüsse eine Rolle. Unsere Welt ist sicher nicht so simpel, wie sich unsere Gelehrten und Politiker das vorstellen.
Da könntest du recht haben, Cassyral. Auch auf unserer Welt mussten wir mehrmals feststellen, dass die Geschichte oft nicht so war, wie sie sich den Menschen darstellte, was mehrfach auf außerirdische Einflüsse zurückzuführen war.
Denise dachte dabei an ihre Erlebnisse mit den Kemeten und dass die Geschichte des alten Ägyptens anders war als zuvor angenommen.
Cassyral deutete auf das Gebirge, das vor ihnen lag. Vor uns liegt die so genannte Tabu-Zone. Wenn ich dort forschen könnte, würde ich gewiss mehr über die Geschichte der Menschen und unsere eigene erfahren, doch der Regierungsrat hat das Betreten strengstens verboten. Selbst einflussreiche Forscher wie ich dürfen das Gebiet nicht betreten.
Denise wurde stutzig. Sollte sich dort ein Geheimnis verbergen? Die Aussicht reizte die Archäologin ungeheuer. Aus welchem Grund darf man nicht dorthin?
Die sieben Krieger der Götter haben es vor langer Zeit verboten, ohne einen Grund zu nennen. Bis heute haben sich die Insektoiden daran gehalten.
Und du? Wirst du trotzdem dort hingehen?
Gedacht habe ich schon daran, doch das könnte mich meine Stellung kosten und mein Leben ruinieren. Der Regierungsrat lässt in diesem Punkt nicht mit sich spaßen. Die Furcht von den sieben Kriegern ist zu groß.
Nachdenklich blickte Denise auf das vor ihr liegende Gebirge. Vielleicht sollte das ihr nächstes Ziel sein. Womöglich gab es dort ein interessantes Geheimnis zu ergründen.
Geduldig hatte Alaska Saedelaere alle nur vorstellbaren Verhaltenstests über sich ergehen lassen. Nur als man ihn in ein Laufrad, wie es Menschen für Hamster verwendeten, stecken wollte, protestierte er lautstark. Schließlich kam Doktor Zarrytor zu dem Ergebnis, das Alaska ein intelligentes Lebewesen war. Ein umwerfende Erkenntnis, wie der Terraner fand.
Besonders interessant fand Zaryrtor Kummerogs Haut. Alaska hatte dem staunenden Wissenschaftler die Geschichte der Haut erzählt, wovon dieser ziemlich beeindruckt zu sein schien. Als Alaska dann wieder gedankenversunken in seiner Zelle saß, erlebte er eine Überraschung. Zwei Käfer brachten eine Menschenfrau herein und steckten sie in eine Nachbarzelle.
Ydira!
, rief Alaska und sprang von seiner Pritsche auf.
Laska! Laska!
, gellte die primitive Menschenfrau, die Alaska von einem Häuptling als Geschenk erhalten hatte.
Ihr kennt euch also. Sie ist also die richtige
, hörte Alaska die Stimme Doktor Zarrytors.
Ich habe gehört, dass eine Menschenfrau bei dir war, als du ergriffen wurdest. Sie ist eine Primitive. Wie kommst du zu ihr?
Alaska berichtete, wie er Ydira begegnet war und dass er sie als Geschenk
ihres Vaters und Häuptlings erhalten hatte und wie sie seitdem treu hinter ihm her gegangen war.
Seltsame Sitten haben diese Wilden
, murmelte der Doktor. Wie dem auch sei, ich war der Ansicht, dass du sicher gerne menschliche Gesellschaft um dich hast.
Das stimmt, Doktor. Vielen Dank.
Alaska war der Ansicht, dass Zarrytor es gut mit ihm meinte. Er beschloss, ihm zu vertrauen und ihn vor den Cantaro zu warnen. Da gibt es etwas, dass ich Ihnen noch nicht gesagt habe, Doktor. Es geht um die sieben Krieger der Götter. Sie heißen in Wirklichkeit Cantaro und mein Volk hatte schon vor einiger Zeit mit ihnen zu tun.
Alaska berichtete dem Wissenschaftler alles, was er über das Volk der Cantaro wusste und über ihre Schreckensherrschaft während der dunklen Jahrhunderte. Außerdem erzählte er von DORGON und dass dieser alles andere als teuflisch war, sondern gegen den bösartigen MODROR kämpfte.
Als Alaska geendet hatte, blieb Zarrytor eine Minute lang wie vom Donner gerührt stehen. Nur langsam fasste er sich wieder.
In all meinen Jahren als Wissenschaftler habe ich noch nie eine solche ungeheuerliche Lügengeschichte und eine Ansammlung von böswilligen Verleumdungen gehört. So dankst du mir meine Freundlichkeit, Alaska Saedelaere.
Alaska setzte zum Sprechen an, doch der Käfer unterbrach ihn abrupt. Nein, sage besser nichts mehr. Ich kann und will nichts mehr davon hören.
Zarrytor verließ fluchtartig das Labor.
Alaska setzte sich resignierend auf seine Pritsche und schalt sich einen Narren, das er den Mund aufgemacht hatte. Auch das naive Lächeln von Ydira konnte ihn nicht mehr aufheitern.
Zarrytor ging auf direktem Wege zu General Fykkar und berichtete ihm von seinem Gespräch mit dem Terraner.
Dieser Mensch ist eine größere Gefahr als ich dachte
, meinte Fykkar. Ich habe ja gleich gesagt, dass wir ihn beseitigen müssen.
Das ist nicht so einfach. Der Regierungsrat weiß mittlerweile von ihm und wünscht, ihn bald zu sehen
, gab Zarrytor zu Bedenken. So einfach umbringen können wir ihn nicht. Wir dürfen nicht auffallen. Unsere Tarnung ist wichtiger als alles andere.
Dann lassen wir es eben aussehen wie einen Unfall
, sinnierte Fykkar. Ich veranstalte bald wieder Zielübungen mit neuen Waffen, die Lorsahl uns geliefert hat. Dabei lassen wir ihn mitmachen – als Ziel. Im Bericht wird dann stehen, dass er versuchte zu fliehen, und dabei versehentlich auf das Testgelände geriet. Tja, er war eben doch nur ein dummer Mensch.
Ich weiß nicht …
, zauderte Zarrytor.
Aber ich weiß es!
, herrschte Fykkar ihn an.
Die Tür öffnete sich und Fykkars Adjutant Bree kam herein. Mein General, ich habe Nachricht von unserer Wespengarde. Sie haben Spuren von weiteren Menschen gefunden. Sie führen zum Rand der Tabu-Zone.
Fykkar beugte sich nach vorn. Gut, wenn sie die Menschen finden, sollen sie sofort töten. Diesmal darf es keine Gefangenen geben, klar?
Ja, mein General.
Fykkar lehnte sich in seinen Sessel zurück. Je eher diese garstigen Menschen tot waren, desto besser, fand er.
Es war dunkel und Alaska saß in seiner Zelle und dachte nach. Etwas anderes hatte er ohnehin nicht zu tun.
Ydira schlief ruhig und friedlich. Sie ahnte nichts von den Sorgen, die den Unsterblichen quälten, glaubte er. Irgendwie beneidenswert, fand Alaska. Waren die geistig Schwachen nicht manchmal glücklicher als diejenigen, die viel wussten? Wissen konnte auch belastend sein. Wenn er doch nur einen Weg fände, aus diesem Labor zu entkommen …
Plötzlich hörte er ein Geräusch. Das Licht ging an, und Alaska sah ein Bienenwesen, das er noch nie hier im Labor gesehen hatte, hereinkommen. Wollte Zarrytor ihn jetzt doch beseitigen lassen oder war der Besucher harmlos?
Hallo
, sagte Alaska ruhig.
Die Biene kam langsam auf ihn zu.
Denise und ihre Begleiter waren die Nacht über im Lager der Insektoiden geblieben und hatten sich angeregt mit Cassyral unterhalten. So hatte man mehr über die Sitten und Gebräuche, sowie die Hierarchie der Insektoiden erfahren. Über den Verbleib Alaska Saedelaeres oder anderer Schiffbrüchiger wusste Cassyral jedoch nichts zu sagen. Denise und Jaques de Funes waren die einzigen intelligenten Menschen, die ihr bislang begegnet waren.
Cassyral erzählte auch von General Fykkar und seiner Wespengarde, der man besser nicht begegnen sollte. Darum wollte Denise auch so bald wie möglich weiter. Sie wusste nur nicht wohin. Sollte man weiter nach Alaska Saedelaere suchen oder sollte man sich in die Tabu-Zone begeben?
Denise spürte, dass ein Geheimnis diesen Planeten umgab und dass dieses Geheimnis mit der sogenannten Tabu-Zone zu tun hatte. Die Archäologin beschloss, erst einmal eine Nacht darüber zu schlafen.
Am Morgen, als die Sonne schon aufgegangen war, wurde sie von Cassyral geweckt. Denise, wach bitte auf! Meine Leute haben gemeldet, dass Einheiten der Wespengarde im Anflug sind. Sie dürfen euch hier nicht finden. Ihr müsst so schnell wie möglich aus dem Lager!
Ach du meine Güte! Wo sollen wir denn bloß hin?
, fragte Jaques de Funes, der ebenfalls erwacht war, besorgt.
Wir gehen in die Tabu-Zone. Dorthin werden sie uns nicht folgen
, entschied Denise resolut und begann ihre Sachen zusammenzusuchen.
Da könntest du recht haben. Aber wir wissen nicht, welche Gefahren dort auf euch lauern
, gab Cassyral zu bedenken.
Bestimmt auch nicht mehr, als wenn wir hier bleiben
, gab Denise trocken zurück.
Also gut. Ich werde versuchen, sie solange wie möglich aufzuhalten.
So schnell wie möglich machten sich Denise und die anderen zum Abmarsch bereit.
Geht von hier aus direkt auf den nächstgelegenen Berg zu. Dort, am Fuße des Berges, beginnt die Tabu-Zone
, empfahl Cassyral Denise.
Machen wir. Vielen Dank für alles, Cassyral
, bedankte sich die Archäologin.
Mögen die Götter euch beistehen. Lebt wohl
, verabschiedete sich die Biene traurig.
Auch Willy war geknickt, dass seine neuen Freunde Leopold und Jaques de Funes schon wieder gehen mussten.
Im Eilmarsch machten sich die vier auf den Weg.
Cassyral holte sich ein Fernglas und suchte den Himmel ab. In der Ferne sah sie, wie Angehörige der Wespen-Garde herangeflogen kamen. Etwa fünf Minuten später landeten sie im Lager.
Der Anführer der Flug-Gardisten kam auf die Archäologin zu. Ohne Umschweife kam er zur Sache. Ich bitte die Störung zu entschuldigen, Doktor Cassyral, aber wir suchen nach wilden, gefährlichen Menschen. Ihre Spuren führen in die Richtung ihres Lagers.
Uns sind keine wilden Menschen begegnet
, erwiderte Cassyral, womit sie nicht einmal log.
Ist das sicher? Sie müssen hier vorbeigekommen sein
, blieb der Offizier hartnäckig.
Ganz sicher
, gab Cassyral ebenso hartnäckig zurück.
Eine weitere Wespe kam eilig heran geflogen. Major, unser Kundschafter meldet, er hat mit dem Fernglas vier Fremde Wesen ausgemacht, die sich auf die Tabu-Zone zu bewegen
, meldete der Insektoide.
Das müssen sie sein! Die ganze Truppe im Formationsflug mir nach!
, befahl der Major hektisch.
Kurz darauf flogen die Wespen, Cassyral schätzte, dass es etwa dreißig waren, ab. Traurig blickte sie in Richtung Tabu-Zone. Wenn ihre neuen Freunde es nicht rechtzeitig dorthin schafften, waren sie verloren.
Schneller! Wir müssen uns beeilen
, rief Denise Joorn dem schnaufenden Leopold zu, der das Schlusslicht der Vierergruppe bildete, die im Eiltempo auf den Berg, an dem die Tabu-Zone begann, zurannte.
Ich kann nicht mehr! Gleich kriege ich einen Herzinfarkt
, jammerte Leopold und fasste sich an sein Herz. Ach, lasst mich hier liegen. Ich sterbe jetzt den Märtyrertod!
So ein schlaffer Sack! Will sich einfach hinlegen und sterben. So was von faul hat man noch nicht gesehen
, maulte Jaques de Funes.
Du schaffst es, Leo. Es ist nicht mehr weit
, sprach Denise dem Somer Mut zu.
Der Unither Totsol hob seine Hand. Ich glaube, ich höre etwas.
Denise holte das Fernglas heraus und suchte die Gegend ab. Dann sah sie die heranfliegenden Wespen. Sie waren nicht mehr allzu weit entfernt.
Sie kommen! Los, weiter!
, befahl Denise. Sie und Jaques de Funes zogen Leopold mit sich. Doch dessen Tempo war nicht allzu schnell.
So schafft ihr es nicht. Ich bleibe hier und halte sie auf
, sagte Totsol entschlossen.
Das wäre Wahnsinn. Das lasse ich nicht zu
, gab Denise zurück.
Du hast keine andere Wahl, Terranerin. Du hast uns bis hierher gut geführt. Versage nicht in diesem Augenblick. Geht jetzt, ich komme nach sobald ich kann
, blieb der Unither hart.
Denise spürte, dass sie ihn nicht umstimmen konnte. Es war auch keine Zeit für Diskussionen, die Insektoiden kamen immer näher. Während Totsol seinen Thermostrahler herausholte und hinter einem Felsen Deckung suchte, rannten die drei anderen auf den Berg zu, der nur noch hundert bis zweihundert Meter entfernt lag.
Als sie den Rand des Berges erreichten, sah Denise wie die ersten Wespen herangeflogen kamen. Sie waren mit Projektilgewehren bewaffnet. In diesem Augenblick eröffnete Totsol das Feuer auf die ankommenden Insektoiden und schoss drei von ihnen ab. Die völlig überraschten Wespenwesen schwirrten aufgeregt durcheinander, während sie weiterhin von Totsol unter Feuer genommen wurden. Zwei weitere Insektensoldaten wurden getroffen und stürzten auf die Felsen. Der Unither versuchte nun sich langsam in Richtung des Berges zurückzuziehen. Die Wespen hatten sich nun wieder gesammelt und Totsol ausgemacht.
Sie erwiderten nun sein Feuer, dennoch gelang es dem Unither zwei weitere Insektoiden abzuschießen. Unterdessen kletterten Denise, de Funes und Leopold die Felsen hinauf, was den Wespen nicht verborgen blieb. Der Anführer befahl nun einen Großangriff auf Totsol. Die restlichen Wespen kreisten den Unither ein und griffen ihn von allen Seiten an. Totsol wehrte sich tapfer und schoss zwei weitere Wespen ab, dann versuchte er zum Berg durchzubrechen, doch darauf hatten die Wespen nur gewartet. Sofort waren sie über ihm, ein weiterer Wespensoldat wurde von Totsol getötet, doch dann stürzten sich mehrere auf ihn und töteten ihn mit ihren Stacheln.
Der Anführer der Wespen hatte inzwischen Denise und ihre Begleiter ausgemacht. Er befahl dem Rest seiner Leute zum Berg zu fliegen.
Das können wir nicht, Major. Sie befinden sich bereits in der Tabu-Zone
, gab ein Unteroffizier zu Bedenken.
Fliegt so dicht wie möglich heran und nehmt sie unter Feuer!
, befahl der Major seinen Leuten wütend.
Aus der Ferne hatte Denise das Ende des Unithers Totsol beobachtet. Doch zum Trauern blieb ihr keine Zeit, denn schon kamen die Wespen herangeschwirrt. Denise sah sich um, dann erblickte sie eine Höhle inmitten des Berges.
Kommt, wir verstecken uns in der Höhle. Von dort haben wir bessere Deckung
, rief sie ihren beiden Begleitern zu.
Kaum hatte sie ausgesprochen, als dicht neben ihr Gewehrkugeln einschlugen. Die Wespen hatten sich in Reih und Glied aufgestellt und das Feuer auf die drei Flüchtlinge eröffnet. Denise, Leopold und Jaques de Funes flüchteten unter dem Kugelhagel in die Höhle. Am Eingang legten sie sich auf die Lauer und erwarteten den Angriff der Wespengarde. Doch die Wespen rührten sich nicht. Sie stellten das Feuer ein.
Die warten bestimmt auf Verstärkung
, mutmaßte Jaques de Funes.
Das glaube ich nicht. Sie dürfen uns nicht folgen, da wir uns nun in der Tabu-Zone befinden
, widersprach Denise.
Und nun? Raus können wir nicht, dann schießen sie uns ab. Die warten doch nur darauf, dass wir herauskommen
, unkte Leopold ängstlich.
Denise sah sich um. Die Höhle ging noch tiefer in den Berg hinein.
Hier bleiben können wir nicht. Wenn es dunkel wird, gehen wir tiefer in die Höhle hinein. Vielleicht gibt es einen Gang auf die andere Seite des Berges.
Da lauern bestimmt schreckliche Gefahren auf uns
, jammerte Leopold.
Hasenfuß! So was hat man gerne: Immer ’ne große Klappe haben und dann nichts dahinter
, regte sich Jaques de Funes auf.
Im Moment lauert draußen die größere Gefahr. Wir müssen es riskieren. Wir haben noch genug Proviant für einige Tage und unsere Taschenlampen. Wir werden die Höhle erkunden
, beschloss Denise.
Ein paar Stunden vergingen und nichts tat sich. Die Wespen hatten vor der Tabu-Zone ein Lager aufgeschlagen und warteten ab. Als es dunkel wurde, zogen sich Denise, Leopold und Jaques de Funes vom Eingang der Höhle ins Innere zurück. Sie stiegen hinab ins Unbekannte.
Als sie eine Weile hinabgeklettert waren, stießen sie auf einen Schacht.
Das sieht aus, als wäre er vor langer Zeit angelegt worden
, meinte Denise.
Vielleicht war das mal eine Howalgonium-Mine oder so etwas
, mutmaßte de Funes.
Das glaube ich nicht. Sieht eher aus wie ein Untergrundbahnschacht
, erwiderte Denise.
Sie folgten dem Schacht eine Weile. Je weiter sie kamen, desto heller wurde es. Schließlich gelangten sie an den Ende des Schachtes. Dort trafen sie auf eine hell beleuchtete, große Halle. Dort befanden sich allerlei Läden und Stände. Es erinnerte die drei stark ein Einkaufscenter, wie es sie in den unterirdischen Städten von Terrania-City gab. Doch hier wirkte vieles verstaubt und zerfallen, so als ob seit Jahrhunderten niemand mehr hier gewesen wäre. Alles war menschenleer und wirkte geisterhaft und eine unheimliche Stille lag über den leeren Gebäuden.
Was ist das?
, fragte Leopold staunend.
Das hier
, sagte Denise bedächtig, war einmal eine Stadt. Eine Stadt der Menschen.
Eine Stadt der Menschen? Wo sind die denn alle hin? Und was ist hier geschehen?
, fragte Jaques de Funes ungläubig.
Ich weiß es nicht, aber wir werden es herausfinden. Lasst uns weitergehen.
Denise hatte auf einmal ein ungutes Gefühl. Die drei gingen in die unbekannte Ruinenstadt hinein, ohne zu wissen was sie erwartete.
Ende
Alaska droht ermordet zu werden, während Denise Joorn und ihre Begleiter seltsame Entdeckungen machen.
Im nächsten Heft wechselt die Handlung in die estartischen Galaxien. Dort bahnt sich eine Tragödie an. Ralf König schildert die Ereignisse in 103. Der Roman trägt den Titel
Invasion in Estartu
Einige Geheimnisse vom letzten Roman wurden geklärt. Denise Joorn, Leopold und Jaques de Funes sind wohlauf, auch wenn sie einige Abenteuer erlebt haben und ihre Begleiter den Tod gefunden haben.
Sowohl Alaska als auch Denise haben einiges über die Insekten in Erfahrung gebracht.
Die Bewohner dieser Welt wissen sehr genau, dass sie nicht die einzigen im Universum sind. Ihr Stand ist mit dem aus dem frühen 20. Jahrhundert zu vergleichen. Ihre Technologie besitzt Schusswaffen, primitivere Computer und vieles mehr. Dennoch gibt es bei den Insekten eine nicht geringe Anzahl an Naturfreunden, die eine hohe Technologie ablehnen.
Die Insekten benehmen sich teilweise sehr menschlich, insbesondere, was den Umgang mit dem Tier
Mensch angeht. Anscheinend gibt es in der Region der Insekten – sie scheinen ihren ganzen Planeten nicht erforscht zu haben, zumindest gibt es keine Anzeichen dafür – nur primitive Menschen, obgleich in elitären Kreisen, wie des Dr. Zarrytor, es wohl bekannt ist, dass sprechende, zivilisiertere Menschen irgendwo auf dem Planeten existieren. Dieses Wissen wird mit Absicht nicht an die untere Schicht vermittelt.
Die Hauptstadt der Insekten ist Insektoidia. Dort gehen die Bienen, Wespen, Käfer und Ameisen ihrer Arbeit nach. Eine skurrile Welt, denn man kann sich Insektoidia nicht wie Terrania City vorstellen. Die Bauten sind denen der Insekten angepasst. Die meisten können fliegen, d.h. Transportmittel werden nur für krabbelnde Insekten (Spinnen, Ameisen) benötigt. Welche Nahrung die Insekten zu sich nehmen und wie ein Feierabend
aussieht, darüber kann man jetzt spekulieren.
Doch das wohl wichtigste an den Insekten ist ihr Gott oder die Gotteskrieger. Lorsahl ist einer von ihnen. Ein Cantaro. Noch ist es unklar, woher das Wesen stammt. Ist es nur einer? Gibt es mehrere? Von sieben ist die Rede gewesen. Warum wird DORGON als Teufel angesehen?
Die Exekution von Nadine Schneider muss für Alaska ein Schock gewesen sein. Seine Fragen sind berechtigt gewesen: Wie kann ein Konzept auf konventionelle Weise getötet werden? Doch es ist geschehen. Nadine Schneiders telepathischer Kontakt kurz vor ihrem Ableben bestätigt Alaskas schlimmste Vermutungen – Nadine Schneider existiert nicht mehr.
Die Gefahr für DORGON scheint größer zu werden und doch weiß keiner der Protagonisten, um welche Gefahr es sich eigentlich handelt. Sie tappen, wie die Leser, noch völlig im Dunkeln.
Nils Hirseland
Ihr Alter ist ungefähr 23 Jahre, geboren wurde sie auf der Welt der Insektoiden, Insektoidia. Sie ist 1,65 Meter groß und wiegt ca. 52 Kilogramm. Ihre Haar- und Augenfarbe ist braun. Wie alle ihres Stammes wirkt sie in terranischen Maßstäben südländisch. Sie hat eine natürliche Schönheit und scheint Alaska treu zu sein.
Ydira ist die Tochter eines Stammeshäuptlings. Sie wird Alaska Saedelaere zum Geschenk gemacht, als dieser den Häuptling rettet. Ydira nimmt ihr Schicksal in Kauf und geht ein Gelübde mit dem fremden Mann ein.
Der General der insektoidischen Armee ist mit einer Größe von 2,39 Meter auch für die Verhältnisse seiner Artgenossen ein Riese. Er ist am ehesten mit einer Wespe oder einer Hornisse zu vergleichen. Fykkar regiert das Militär mit strenger Hand und ist ambitioniert, einmal den ganzen Planeten zu beherrschen.
Seine Loyalität gegenüber dem Cantaro Lorsahl ist unangezweifelt. Fykkar sieht in dem Menschen die einzig echte Bedrohung für seine Spezies. Außerdem gibt es sonst keine Feinde und seiner Auffassung nach braucht das Militär stets einen Krieg.
Geboren am 1209 NGZ in Frankreich, Terra. Er ist 1,59 Meter groß und wiegt 61 kg. Sein Haar ist grau. Er hat eine Halbglatze. Die Augen sind blau. Er ist cholerisch, hat immer was zu beanstanden und regt sich künstlich viel auf.
Jaques de Funes ist Geschäftsmann. Er ist Handelsvertreter einer kleinen terranischen Firma und versucht, in Cartwheel neue Handelsbeziehungen zu knüpfen. Dabei verschlägt es den Choleriker und rechthaberischen Terraner zusammen mit Denise Joorn, Alaska Saedelaere und Leopold nach Insektoida.
Insektoidia ist der allumfassende Begriff der Welt der Insekten. Sowohl ihre Hauptstadt als auch ihre Welt trägt den Namen.
Die Welt der Insektoiden ist sehr heiß und eine Mischung aus Wüste und Wäldern. Es gibt viele schroffe und karge Landschaften gefolgt von Oasen, in denen die Insektoiden leben.
Die Durchschnittstemperatur liegt bei 32 Grad Celsius und der Niederschlag ist relativ gering.
Nicht alle Regionen sind erforscht. Es gibt viele einzelne Staaten der Insekten, wobei die meisten in Abhängigkeit zur Stadt Insektoidia leben, die als Nabel der Welt angesehen wird.
Die DORGON-Serie – Das Quarterium – ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Band 102 zuletzt geändert am 2004-02-03. Autor: Jens Hirseland. Titelbild-Zeichner: Stefan Lechner. Korrekturleser: Henriette Zirl und Alexander Nofftz. Generiert mit Xtory 3.0 (powered by Apache Cocoon 2.1) von Alexander Nofftz. Homepage: http://www.dorgon.net/. E-Mail: dorgon@proc.org. Technischer Berater: Sebastian Schäfer. Adresse: PROC c/o Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf. Copyright © 1999-2004. Alle Rechte vorbehalten!