Dorgon 100: Das Quarterium

Was bisher geschah

Im Jahre 1298 NGZ gelingt es den vereinten Kräften der Terraner, Saggittonen und ihrer Alliierten, den gefürchteten SONNENHAMMER zu vernichten und somit MODRORs Invasionsplänen vorerst ein Ende zu setzen.

Die große Gefahr durch die finstere Entität scheint gebannt – in der Milchstraße und Cartwheel gewinnen andere Geschehnisse an Bedeutung. Der Marquese de la Siniestro leitet die föderalistische Insel mit schier endloser Popularität.

Doch nicht alles ist so harmonisch, wie es nach außen hin scheint. Noch ahnen die Terraner unter Perry Rhodan und die Saggittonen unter Aurec nichts von den bevorstehenden Ereignissen. Noch weiß Alaska Saedelaere nichts von seiner Odyssee.

In Cartwheel wird sich vieles verändern, denn die Söhne des Chaos schlafen nicht.

Aus der hoffnungsvollen Allianz der Völker wird ein Reich des Schreckens und des Terros. Ein neues, kraftvolles Imperium wird sich einen Namen machen. Einen Namen, den niemand mehr vergessen wird – DAS QUARTERIUM …

Hauptpersonen

Imperatore de la Siniestro:
Der alte Spanier wird zum Kaiser gekrönt
Aurec:
Der Saggittone hat an Einfluss verloren
Gal’Arn und Jonathan Andrews:
Die beiden Ritter der Tiefe besuchen die Galaxis Shagor
Elyn:
Eine Auserwählte vom Volk der Alysker
Stewart Landry:
Der Agent befindet sich in geheimer Mission in Cartwheel
Rosan Orbanashol-Nordment und Jan Scorbit:
Die Leiter der USO in Cartwheel sehen die Gefahr des Viererbundes
Cauthon Despair und Leticron:
Die beiden Söhne des Chaos verteilen die Macht in Cartwheel neu

Prolog

Der Sieg wurde teuer erkauft. Millionen hatten den Tod gefunden. Um welchen Preis? Er blickte trübsinnig aus dem Fenster seines Arbeitszimmers. Das Wetter auf Siniestro glich seiner Stimmung. Trist, grau und regnerisch.

Er dachte zurück an die unbeschwerte Zeit in seinem Schloss. Isabella, seine wunderschöne Frau. Diese Kostbarkeit hatte er zerstört, ihre Liebe ungenügend erwidert und ihr Leben zu einer Hölle gemacht. Damit hatte er das wichtigste in seinem Leben vernichtet. Als alter, verbitterter Marquese hatte er seine Tage gefristet, bis die Außerirdischen ihn entführt und zu Studienzwecken untersucht hatten.

Und damit hatte sein eigentliches Leben erst begonnen. Heraus aus dem finsteren 18. Jahrhundert der Menschheit, hinein in das 13. Jahrhundert Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Da er einmalig gewesen war und fortan sich zu recht als ältester Mensch Terras bezeichnen konnte, stieg seine Popularität ins grenzenlose. Es war ihm der Aufstieg zum bedeutenden Politiker in Cartwheel geschafft. Und von diesem Zeitpunkt an, hatte sich alles geändert. MODROR hatte nach ihm gegriffen. Die Möglichkeit sich gegen MODROR zu wehren, hatte es nie gegeben, denn er hatte im Sterben gelegen. Der natürliche Prozess war nicht mehr aufzuhalten gewesen – nur durch MODROR. Nur durch einen Zellaktivtator. Sein Leben, seine Seele, für die Unsterblichkeit. Diese Schicksalswendung erinnerte ihn abermals an Goethes Faust.

Gräme dich nicht mit deinem unnützen Gewissen, Don Philippe de la Siniestro, sprach jemand im Raum.

Überrascht drehte er sich herum. Die heisere Stimme kam ihm bekannt vor, nein er wusste genau, wem sie gehörte.

Cau Thon!

Der Rote mit dem Mal der drei Sechsen auf der Stirn grinste diabolisch. Langsam ging der Sohn des Chaos auf seinen Bruder zu. Doch fühlte er sich nicht wie ein wie Cau Thons Chaosbruder. Vielmehr versuchte er einen Kompromiss zwischen dem Tod bringenden MODROR und dem starrsinnigen Rhodan zu finden. Eine Milchstraße unter seiner Herrschaft wäre die Rettung. MODROR hätte einen Vasallstaat und müsste nicht mehr die Galaxis vernichten. Zweifellos würde er Kompromisse mit MODROR eingehen müssen, doch nur so glaubte er das Ende der Milchstraße abwenden zu können.

Was führt Euch zu mir, Thon?

Wir haben eine bittere Niederlage erfahren. Rodrom existiert nicht mehr, die Kemeten haben ihre letzte große Schlacht geschlagen … Der Xamour musterte ihn mit seinen gelbroten Augen. Kein Wesen hielt diesem Blick lange stand. Und doch entwickelt sich alles so, wie MODROR es geplant hat. Cartwheel wird sehr bald vollständig unter unserer Kontrolle sein, so wie es Dorgon bereits ist.

Er blickte Cau Thon kurz an, wanderte im Raum umher, tat scheinbar unbeeindruckt. Innerlich wühlten ihn Cau Thons Worte auf. Zwei Galaxien mehr unter MODRORs Kontrolle. Wobei es nicht ganz stimmte. Cartwheel war längst noch nicht in MODRORs Hand. Dafür sollte schließlich der Marquese Sorge tragen.

Wie sind Eure Pläne zur Besetzung Cartwheels?, fragte de la Siniestro nach einem kurzen Moment der Stille.

Das neue Imperium soll gegründet werden. Cartwheel wird von Terranern und Arkoniden gleichermaßen regiert werden. Eine gigantische Flotte muss für einen Krieg der Befreiung errichtet werden. Hunderttausende von Schiffen.

Das ist eine Lebensaufgabe! Es gelang ihm nicht mehr, die Beeindruckung von der Gigantomie MODRORs zu verbergen. Wie sollte er das alles schaffen? Er setzte sich in seinen Sessel und ließ sich von einem Servo eine Tasse heißen Tee bringen. Der Servor bot auch Cau Thon etwas an. Wie nicht anders zu erwarten, lehnte der Sohn des Chaos ab.

Ihr habt sechs Jahre Zeit.

Sechs Jahre? Das ist unmöglich! Selbst wenn wir Cartwheel durch mein politisches Geschick einigen können, so ist die Errichtung der Flotte kaum möglich.

Entsendet Cauthon Despair in die Nachbargalaxis Seshonaar. Dort stehen hunderte Werften und Fabriken für die Produktion eines neuen Schiffstypen bereit. MODROR hat alles geplant.

Die Zielstrebigkeit Cau Thons und die Organisation bis hin zur Durchsetzung von MODRORs Plan imponierte ihm. Cau Thon entging dies nicht. Er streichelte seltsam den Stab aus.

Ihre Stunde ist gekommen, de la Siniestro. Beginnen Sie mit der Gründung des Imperiums …

Kapitel 1
1299 NGZ

Aus den Chroniken Cartwheels, Jaaron Jargon, Anfang 1299 NGZ

Der schmale Grat zwischen Freud und Leid, Trauer und Hoffnung, Hilflosigkeit und wiedergewonnener Stärke war selten deutlicher als in den Tagen und Wochen nach der großen Schlacht am Hell-Sektor.

Millionen Lebewesen verloren ihr Leben, um Billionen das Weiterleben zu ermöglichen.

Millionen Väter, Mütter, Ehefrauen, Ehemänner trauerten um ihre Söhne, Töchter, Männer und Frauen. Doch Billionen von Familien feierten den Sieg über den finsteren Rodrom und zelebrierten ihre Existenzsicherung.

Millionen resignierten in ihrer großen Trauer, Billionen blickten hoffnungsvoll in die Zukunft.

So nahe konnten Leben und Tod beieinander liegen.

Aurecs Rückkehr

Die Luft war beißend kalt, der Wind zog durch Haar und Kleidung. Ein ungemütliches Wetter, wie er fand. Würde sich das Klima nach den Ereignissen richten, müsste es Sonnenschein mit Regenschauern geben.

Dies würde zumindest sein Gefühle wiederspiegeln. Einen großen Sieg hatten sie errungen; die Milchstraße vor dem Untergang bewahrt. Doch Millionen Landsmänner- und Landsfrauen hatten bei der Schlacht ihr Leben gelassen.

Die einstige Streitmacht Saggittors existierte nicht mehr. Saggittor hatte wirklich alles für seine Verbündeten gegeben.

Doch noch mehr verstimmte ihn, während er blinzelnd auf die Sonne blickte, die sich für einige Momente ihren Weg durch die dichte Wolkendecke bahnte, dass Kathy Scolar ihn verraten hatte.

Wieder einmal war er allein. Reich an Freunden und Bewunderern, reich an Feinden und Neidern, aber arm an der Liebe einer Frau. Das Herz des Prinzen Saggittors, wie er so oft von anderen bezeichnet wurde, war ebenso kalt, wie die Luft auf Saggittor.

Aurec trauerte um Kathy Scolar, die zwar überlebt hatte, doch durch die Konditionierung Cau Thons ihren Verstand verloren hatte. Sie war nach Mimas gebracht worden, erlitt Nervenzusammebrüche und war seitdem zeitlich, örtlich und realistisch desorientiert.

Sie hatte Aurec verraten. Seine Liebe missbraucht. Ob freiwillig oder durch Zwang des Sohnes des Chaos, wusste er nicht. Das Resultat änderte sich nicht. Er war erneut einsam.

Nicht einmal mehr das Volk Saggittors hatte er, denn seit Jahren saß sein Freund Serakan im Sattel des Kanzlers. Aurec wusste nicht, was er nun eigentlich machen sollte.

Bedächtig lief er die Rampe des Transporters entlang und streckte die rechte Hand Serakan entgegen. Der Kanzler Saggittors, der gereifter wirkte, ergriff sie und lächelte Aurec freundlich an.

Es erfüllt mich mit tiefer Freude, dich lebend wiederzusehen, begann der amtierende Kanzler.

Sie ist ganz auf meiner Seite. Endlich haben wir Zeit, miteinander zu reden. Ich bin froh, dass du die Nachfolge meines Amtes angetreten hast. Saggittor ist in guten Händen.

Beide gingen auf der Straße entlang, die von einigen Dutzend Soldaten bewacht wurde. Aurec hatte absichtlich einen abgelegenen Landeplatz in den großen Wäldern gewählt, da er einen großen Presserummel vermeiden wollte.

In aller Stille beabsichtigte er in die neue Heimat der Saggittonen zurückkehren, die doch soviel Ähnlichkeit mit dem alten Saggitton hatte. Besonders die mächtigen, grünen Kiefernwälder erinnerten Aurec immer aufs Neue an seine zerstörte Heimat.

Du schmeichelst mir, gestand Serakan mit leiser Stimme. Ich habe mich eher als Verwalter gefühlt und nicht als Kanzler. In deine Fußstapfen zu treten, war sehr schwer

Aurec schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. Er hoffte, dass Serakan in seine Rolle hineinwachsen würde. Er wollte Serakan auf jeden Fall nicht so schnell ablösen.

Es gab jetzt andere Dinge für den ihn zu tun. Ohne die Belastung als Staatsoberhaupt standen ihm andere Wege offen. Er konnte von hinten heraus Saggittor formen und den Lebensstandard verbessern.

Offen sprachen beide nicht darüber. Aurec vermutete, dass Serakan die Situation offenbar akzeptierte. Die beiden redeten hauptsächlich über Aurecs Erlebnisse in Barym und die Veränderungen in Cartwheel.

Der Saggittone vermied es, dem neuen Kanzler Ratschläge jeder Art zu geben, war jedoch bereit stets zu helfen, wenn Serakan diese Hilfe einforderte.

Es fing an zu regnen. Sofort flogen etliche Servos über den Köpfen der beiden hinweg und spannten regenschirmförmige Felder auf. Aurec beachtete sie nicht. Ihm hätte der Regen aber auch nichts ausgemacht. Nach den Abenteuern auf Entrison war er ganz anderes gewöhnt gewesen.

Endlich erblickte Aurec sein Blockhaus auf einer Anhöhe. Einige Sicherheitsbeamte waren damit beschäftigt, aufdringliche Journalisten loszuwerden.

Aber nicht nur Neugierige, sondern auch Verehrer waren dort. Anscheinend war selbst das größte Geheimnis nie völlig sicher.

Aurec war sich bewusst, im Laufe der Jahre den Nimbus eines Helden erlangt zu haben. Viele schätzten und bewunderten ihn. Aurec glaubte, dass sie ihn als Garant für Wohlstand und Sicherheit in Saggittor ansahen, was er letztlich seit 1285 NGZ gewesen war. Das durfte er ohne Arroganz von sich behaupten, auch wenn er es niemals öffentlich tun würde. Bescheidenheit war für ihn wichtig. Dennoch zollten ihm diese Bürger einen großen Respekt.

Aurec wies die Sicherheitsbeamten an, freundlich mit den Pilgern umzugehen. Er ging zu ihnen, schüttelte Hände und dankte ihnen für ihre Aufmerksamkeiten. Ganz konnte und wollte er sich dem Volk nicht verschließen. Gerade das Gespräch mit einigen normalen Saggittonen war ihm wichtig.

Er schaute sich nach Serakan um, der abseits vom Pulk stand und auf ihn traurig wirkte. Es entging Aurec nicht, dass Serakan unter Popularität von ihm litt. Was musste das für ein Gefühl sein stets im Schatten des des Vorgängers zu stehen? Aurec bedauerte ehrlich diese Situation, doch eine Lösung hatte er dafür auch nicht.

Einige Stunden verbrachte Aurec noch auf dem Hof und sprach mit den Pilgern, Verehrern und Neugierigen. Er genoss diese Zeit, widmete sich seinem Volk und sprach mit den Saggittonen ganz normal über seine Abenteuer in Barym und im Hell-Sektor, wirtschaftliche und soziale Probleme sowie über den ganz normalen Alltag.

Nach einer Weile verabschiedete er sich von den Menschen und wollte die dann einkehrende Ruhe genießen.

Auch Serakan verließ Aurecs Anwesen recht schnell. Er fühlte sich ohnehin überflüssig. Saggittor hatte seinen Helden wieder und niemand dankte ihm, dass er zwei Jahre Saggittor regiert hatte.

Doch noch war er Kanzler. Serakan hatte das Ruder der Macht in den Händen.

Auch ein Aurec würde es ihm nicht entreißen können. Er würde allen Zweiflern zeigen, dass er noch größer und noch populärer werden könnte, als Aurec es jemals gewesen war.

Aurec stieg entspannt aus dem Whirlpool und trocknete sich ab. Etwas Luxus tat ab und an sehr gut. Genüsslich trank er ein Glas Wein und stellte sich auf die Veranda.

Die Luft war rein, ganz anders als auf Entrison, wo er mehr als ein Jahr verbringen musste. Die gigantischen Wälder wirkten im Schein des Mondes noch imposanter. Das Heulen der Wölfe, das Zirpen der Grillen und der Ruf einer Eule erfüllten den dunklen Wald mit Leben.

Ja, diese Momente genoss der Saggittone sehr. Nur zu schade, dass er diese Augenblicke nicht teilen konnte.

Einsamkeit war der Preis für sein abenteuerreiches Leben. Ein sehr hoher Preis …

Aus den Chroniken Cartwheels, Jaaron Jargon

Der Prinz Saggittors war zurückgekehrt und es trat in den ersten beiden Monaten Normalität ein. Doch der Marquese von Siniestro, der Kanzler der Insel, sorgte schnell für Reformen.

Sein Ziel war es, die Galaxis zu vereinen und zu einem föderalistischen Staatengefüge unter einer Hauptregierung auf Paxus zu formen.

Die ersten Ideen wurden recht schnell aufgeworfen. Der Marquese schlug eine Regierung für Paxus vor, die aus innovativen Politikern Terras und Arkons bestehen sollte. Nach dem gemeinsamen Sieg über die haurischen Terroristen war das Verhältnis zwischen Terrablock und Arkonblock beispiellos.

Freundschaftlich, ja schon fast brüderlich, agierten sie zusammen und zeigten den rivalisierenden Vaterländern in der Milchstraße, dass sie auch als kraftvolle Einheit agieren konnten.

Im Feburar 1299 NGZ plädierte der alte Spanier für sein Kabinett und benannte im gleichen Atemzug seinen Nachfolger für den Terrablock. Es war der auf den ersten Blick akkurat wirkende Guido Nordsurfer, der viele Versprechungen machte und sympathisch auf das Volk wirkte.

Doch Nordsurfer, der Parteivorstandsvorsitzende der Liberalen Terraner, war ein machtbesessener Politiker, der die Gunst der Stunde nutzte, um Prinzipien und Ideale an den Marquese zu verkaufen.

Nordsurfer war eine hochbezahlte Marionette des Kanzlers von Cartwheel. Nordsurfer sollte nichts tun, was die Pläne des Viererbundes in irgendeiner Weise sabotieren könnte.

Da Nordsurfer das Prestige des Postens und ein großer zusätzlicher Gehaltsscheck des Marquese voll und ganz genügten, hatten die Söhne des Chaos den richtigen gefunden.

Cauthon Despair wurde nun Verteidigungsminister von ganz Cartwheel. Fortan trug er den Rang eines Galaxis-Marschalls. Sein Nachfolger im Terrablock wurde der älteste Sohn des Marquese, Orlando. Viele warfen dem Cartwheel-Kanzler Vetternwirtschaft vor, doch das Volk stand immer noch hinter dem populären Spanier und so verpuffte jegliche Kritik oppositioneller Politiker.

Als der Marquese von einer friedlichen Galaxis sprach, traf sich Cauthon Despair mit den Direktoren diverser Rüstungsfirmen und arbeitete mit namhaften Wissenschaftlern aus Arkon, Dorgon und Terra zusammen, um eine neue Flotte aufzubauen. Letztlich nur eine Finte. Die Schiffe, die in heimatlichen Werften konstruiert werden sollten, waren nur ein geringer Bruchteil derer, die in einem hohen Tempo in Seshonaar gebaut wurden. Doch keiner sollte auf den Verdacht einer Beteiligung von Außen kommen. Scheinfirmen wurden gegründet, Aufträge und Baustatistiken, die nur auf dem Papier existieren. Ein großer Bluff, während die Stahlkolosse in der Nachbargalaxis von MODRORs Hilfsvölkern geschmiedet wurden.

Niemand wusste, dass die Zeitbombe anfing zu ticken.

Während dessen machten sich der Ritter der Tiefe, Gal’Arn und sein Schüler Jonathan Andrews auf die Reise nach Shagor, der alten Heimat Gal’Arns.

Shagor

Aus den exklusivsten Gegenden unserer Galaxis. Hergestellt von den zartesten Sklavinnen der Sterneninsel. Handarbeit, erstklassig ausgeführt. Komm endlich herbei. Es kostet fast nichts. Mach ein Angebot. Was würdest du dafür bezahlen?

Gal’Arn handelte sich wütende Blicke ein, als er einfach achtlos weiterging und die schreiende Marktfrau ignorierte. Und dabei hatte er den eigentlichen Marktplatz noch gar nicht erreicht. Er schüttelte sich, drehte sich blitzschnell zur Seite, wich dem Topf aus, der zielgenau auf seine Stirn zugeflogen war und verschwand hinter einem Marktstand, der, schmuddelig und windschief, in eine Ecke gedrängt stand.

Vor ihm öffnete sich ein riesiger Platz, kaum überschaubar und langsam wurde klar, woher dieses Brausen kam, das ihn schon längere Zeit begleitete. Es waren unglaublich viele Lebewesen, Zehntausende, die den Platz bevölkerten, miteinander stritten, feilschten, sich einfach nur unterhielten oder vor anderen davonliefen.

Eine solche Völkervielfalt traf man nur an wenigen Plätzen in Shagor an und genau deshalb war Gal’Arn hier gelandet. Zusammen mit seinen Freunden Jonathan Andrews und Jaktar suchte er nach Informationen über den Orden der Ritter der Tiefe, der sich in Shagor befunden hatte. Gab es ihn überhaupt noch? Wenigstens Überbleibsel davon, versprengte, einzelne Ritter, die irgendwie überlebt hatten? Oder war der Orden sogar noch in seiner vollen Kraft erhalten?

Die meisten Wesen, die er um sich erkennen konnte, entstammten den vier wichtigsten Völkern Shagors, den Elaren, Pontanaren, Ghanakken und Katronen. Weitere Wesen waren aber immer wieder zwischen ihnen zu erkennen und machten den Platz so zu einem Schmelztiegel, einer ungeheuren Ansammlung von Wesen aus dieser Galaxis und auch darüber hinaus. Einen solchen Platz gab es nur auf einer Welt in Shagor.

Tralnokk war die Heimatwelt eines Volkes von interstellaren Händlern, die vor allem für ihren Handel mit Informationen berüchtigt waren. Diese waren nicht einfach zu finden und Gal’Arn drängte sich durch die Menschenmassen, genauso wie sein Orbiter Jaktar und sein terranischer Freund und Ritterschüler Jonathan Andrews. Sie fielen kaum auf in dieser ungeheuren Menschenmenge, die in ihrer Hektik und Zielstrebigkeit fast unheimlich wirkte. Auch Gal’Arn reagierte mit einem leichten Erschauern auf die Ansammlung, hatte er doch seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Volk gehabt und auf allen Welten, die er betreten hatte, waren solche Vielvölkergemische nicht alltäglich gewesen.

Er schlüpfte zwischen den Wesen durch und taumelte kurz, als er über einen am Boden stehenden Krug stolperte. Er sah sich um und konnte für einen Augenblick den Haarschopf des Terraners erkennen. Er war nicht weit entfernt, aber auch er war fast eingekeilt in dieser Menge. Wie sie so etwas erfahren sollten, war Gal’Arn ein Rätsel.

Eine Hand an seinem Bein ließ ihn innehalten. Misstrauisch wirbelte er herum und hatte den Fuß schon zum Tritt erhoben, als er in die toten Augen eines Bettlers blickte, der ihn hilfesuchend anzublicken schien. Der Elare senkte den Fuß und beugte sich zu dem Gefallenen, hob ihn auf und stellte ihn an der Wand ab.

Danke, keuchte der alte Mann tonlos.

Vielleicht wirkte er auch nur so, jedenfalls waren die Falten, die sein Gesicht bedeckten und vor allem seinen Mund umgaben, nicht zu übersehen.

Vielleicht kann ich dir helfen, nachdem du so freundlich warst und mich nicht übersehen hast.

Gal’Arn wollte sich schon angewidert abwenden, als er den Geruch des Mannes zum ersten Mal bewusst wahrnahm. Aber dann überlegte er es sich anders, drückte ihn sanft gegen die Wand und flüsterte ihm eine schnelle Frage zu.

Ja, von denen habe ich gehört. Immer noch hörte sich die Stimme merkwürdig tonlos an. Sie leben immer noch auf Elaran. Aber sie sind wenige geworden. Nur noch drei von ihnen sind übrig und sie haben keine Macht mehr.

Erschüttert ließ Gal’Arn von ihm ab, wandte sich um und ging weiter. Die letzten Worte des Alten hörte er schon nicht mehr, so sehr hatte ihn die Nachricht mitgenommen. Aber dann schüttelte er den Kopf. Es war zu erwarten gewesen. Als er damals abgeflogen war, war vieles anders gewesen und die Ritter waren dabei gewesen, zu zerbrechen. Er war der einzige gewesen, der wirklich mit vollem Herzen dabei war, als der Auftrag kam, den Menschen zu helfen.

Dann folgte der Verrat durch Goshkan und Cau Thons Angriff. Die einhundert Ritter starben wohl bis auf vier, wie Gal’Arn nun wusste. Er und drei andere lebten noch.

Und heute? Wenn es nur noch drei von ihnen gab, dann war das mehr, als er erwarten konnte. Trotzdem musste er sie erst einmal sehen. Er ging in Richtung des Treffpunktes und bewegte sich langsam, mit schleppenden Schritten, über den Marktplatz von Tralnokk. Warum war er überhaupt hier gelandet? Er wäre besser direkt zum Dom geflogen, aber dann hatte ihn das irrationale Gefühl überkommen, dass es besser wäre, zuerst unabhängige Informationen einzuholen. Dass er sie ausgerechnet von einem Bettler erhalten würden, war zwar nicht der Plan gewesen, aber diese Informationen waren so gut wie alle anderen. Vielleicht sogar noch besser, denn die Bettler hatten viele Informationen, über die sonst kaum jemand verfügte, die sie einfach nur deshalb aufschnappten, weil sie etwas belauschten, Menschen trafen, die sie nicht beachteten. Und deshalb beunruhigte ihn die Nachricht auch so.

Als er den Treffpunkt erreicht hatte, erwartete ihn Jonathan schon und auch seine Miene war sehr ernst.

Was hast du herausgefunden? Gal’Arn blickte ihn erwartungsvoll an.

Krieg, antwortete Jonathan schlicht.

Als ihn der Elare verständnislos anblickte, ergänzte er widerwillig seinen kurzen Bericht:

Offensichtlich haben sich in der Galaxis Barbaren breit gemacht, mit denen vor allem die Ritter zu kämpfen haben. Viele von ihnen gibt es zwar nicht mehr, aber die Schule auf Elaran existiert noch. Und da gibt es viele Wesen, die ausgebildet werden, eine neue Generation wird herangezogen. Und diese Ritter spielen eine wichtige Rolle im Kampf dieser Galaxis gegen die Barbaren. Auf jeden Fall sollten wir schnellstens zu deinen Freunden. Vielleicht können wir ihnen helfen.

Aber der Bettler sagte doch … Gal’Arn verstummte. Er hatte von nur noch drei Rittern gesprochen, aber Schüler hatte er nicht einmal erwähnt. Bedeutete das nun, dass es keine mehr gab? Dass die Schule nicht mehr existierte? Oder war da doch noch mehr?

Der Huf eines Ghanakken traf ihn, er blickte in die Augen des pferdeähnlichen Wesens, das eine entschuldigende Geste machte. Seine eselartige Begleiterin streifte ihn nur mit einem Seitenblick, dann gingen sie weiter, stürzten sich auf einen Stand in der Nähe und begannen leidenschaftlich, um eine Vase zu feilschen. Humanoide Pontaneren drängten sich an ihm vorbei, trennten ihn fast von dem Freund, dann sah er Jaktar, seinen Orbiter, der gerade fluchend an einem katzenartigen Wesen vorbeidrängte, das ihn wüst beschimpfte. Es hielt seinen Schwanz in der Pfote und streichelte ihn sanft. Offensichtlich war ihm der Orbiter versehentlich auf den Schwanz getreten.

Jaktar hatte ebenfalls Informationen auf einen noch existierenden Orden erhalten.

Immerhin, dachte Gal’Arn. Das waren schon bessere Nachrichten.

Ihr kurzer Besuch auf Tralnokk hatte sich insofern gelohnt und er hatte Gelegenheit gehabt, zu sehen, dass diese Welt immer noch sehr aktiv war. Die gesamte Galaxis, wie es aussah, denn davon konnte man ausgehen, wenn eine Welt wie Tralnokk noch so agil wirkte.

Wir fliegen nach Elaran, der Orden wartet auf uns, meinte er enthusiastisch.

Donnernde Triebwerke rissen ihn aus seiner Euphorie, ein Schiff raste über ihren Köpfen dahin, beinahe dreitausend Meter hoch, aber so schnell, dass die Druckwelle sie gegen ein Gebäude wirbelte. Die Wesen auf dem Marktplatz schrien auf, von einem Augenblick zum anderen änderte sich die Szenerie, als Gestalten vom Himmel zu regnen schienen, die das Schiff offensichtlich abgesetzt hatte.

Gal’Arn zückte sein Schwert, packte Jaktar an einem Arm und drängte ihn aus der Menge. Weit war es nicht, bis sie eine der Gassen erreichten, die von dem Platz wegführten. Auch Jonathan hatte sich bewaffnet und deutete mit dem Strahler auf eine Gestalt, die da aus dem Himmel fiel.

Turuk, verstand er die geflüsterten Worte eines Katronen, der sich an ihm vorbeidrängelte und zu entkommen versuchte.

Er wollte ihn festhalten, fragen, was er eigentlich meinte, aber er war nicht schnell genug. Dafür sah er die Wesen nun deutlicher und er erschauerte. Sie wirkten wild, Bestien mit Hörnern auf der Stirn, groß, muskulös und laut. Sie brüllten, erschreckten die Wesen auf dem Platz und wirbelten primitive Hieb- und Stichwaffen, feuerten aus schwachen Strahlern, die mehr Schmerzen verursachten, als wirklich zu töten und schlugen mit bloßen Fäusten auf die erschreckten Wesen. Wirklichen Widerstand gab es nicht.

Jonathan Andrews drängte ihn in die Richtung zum Raumhafen und sie versuchten, aus der Menschenmenge zu entkommen. Aber es war kaum möglich. Sie wurden mit der Menge regelrecht fortgespült, immerhin in Richtung Raumhafen, also dorthin, wo ihr Schiff parkte. Aber sie konnten kaum kontrollieren, wie schnell es vorwärts ging und welche Richtung sie einschlugen.

Einige der Wesen kamen ganz in ihre Nähe und Jonathan feuerte auf sie, traf eines von ihnen, das daraufhin brüllend zu Boden ging. Ein anderes packte direkt vor ihnen einen Ghanakken, trat ihm die Hufe unter dem Körper weg und verletzte es offensichtlich schwer. Aufschreiend ging es zu Boden, unartikuliert stöhnte es auf, das Stöhnen verstummte aber sofort, als die Hiebwaffe über seine Kehle gezogen wurde und ein Blutstrom fast sofort aus dem Körper des Wesens quoll.

Angewidert verzog Gal’Arn das Gesicht, in ohnmächtiger Wut stürzte er sich auf die Bestie und stach sie direkt in die Brust. Damit konnte er dem Ghanakken auch nicht mehr helfen, aber er hatte immerhin die Genugtuung, den Angreifer sterben zu sehen.

Fast eine halbe Stunde ging es so dahin, bis sie schließlich die Ausläufer des Raumhafens erreichten. Sie kamen nicht weiter, als sie am Rande des Flugfeldes standen und auf die Schiffe blickten.

Viele Wesen drängten sich auf dem Raumhafen und kaum ein Schiff konnte starten, so groß war der Andrang. Die Wesen standen sich gegenseitig im Weg und wenn doch mal ein Schiff auf seinen Antigravfeldern nach oben stieg, dann kam es zu Problemen, weil in einigen Fällen die Abschirmungen versagten und Wesen durch die Feuerlohen aus den Düsen verbrannt wurden. Ein absolutes Chaos lag vor ihnen.

Die Turuk waren aber plötzlich nicht mehr zu sehen. Gal’Arn erspähte sie in ihren Schutzanzügen, als sie begannen, wieder nach oben zu steigen. Ein Schiff holte sie ab und der Spuk verschwand so schnell, wie er gekommen war.

Aufatmend sanken sie auf die Treppenstufen vor dem Raumhafengebäude und musterten die Umherstehenden. Viele Wesen waren tot, andere verletzt, das Chaos lichtete sich langsam, als Rettungskräfte eintrafen und den Wesen auf Tralnokk halfen. Trotzdem hatte der Angriff mehrere tausend Tote gefordert und die Überlebenden würden das Trauma lange nicht verarbeiten.

Auch Gal’Arn konnte die Bilder kaum abschütteln, obwohl er in letzter Zeit vieles gesehen hatte, was ihn erschütterte. Es wurde offensichtlich nicht besser, so lange Cau Thon in diesem Universum existierte. Obwohl die Opfer diesmal nicht auf ihn zurückzuführen waren – zumindest hatten sie dafür noch keine Anhaltspunkte gefunden.

Wie auch immer, die Lage war offensichtlich verworren. Und sie mussten schleunigst zu den noch existierenden Rittern. Um Informationen zu bekommen. Gemeinsam stürmten sie das Flugfeld und suchten nach ihrem Schiff. Es war noch da. Tralnokk versank schnell unter ihnen, nachdem sie die Raumhafenbehörde überredet hatten, sie fliegen zu lassen.

Das Schweigen in der Zentrale schmerzte beinahe, aber Jonathan wollte es nicht unterbrechen, konnte es nicht, wenn er sich vorstellte, was im Kopf seines Mentors vorgehen mochte.

Gal’Arn stand äußerlich unbewegt hinter dem Sessel des Piloten und hatte den Blick starr auf den Bildschirm gerichtet, der die Schwärze des Weltalls zeigte, obwohl sie gerade im Hyperraum waren. Die aktive Außenortung des Schiffes war aktiviert und zeigte den Weltraum so, wie er sich darstellen würde, wenn sie auch physikalisch in diesem Medium wären. Deshalb stellten sich die Sterne auch merkwürdig verwischt dar, schienen an der unsichtbaren Kamera vorbei zu fliegen.

Als Kursziel war Elaran programmiert.

Jonathan fragte sich, was sie dort finden würden. Andererseits wollte er es genauso wenig wissen, wie die Gedanken seines Freundes, der seit dem Abflug von Tralnokk kein Wort gesprochen hatte. Der Terraner konnte sich denken, was das bedeutete. Der Angriff der Turuk, die Informationen über seine Heimat, beides hatte den Elaren aufgewühlt, ihm klar gemacht, dass er vielleicht viel zu lange abwesend war. Nicht, was sein Volk betraf. Offensichtlich hatte es überlebt, hatte zu einer neuen Form der Existenz gefunden, die es ihm erlaubte, mit den einmal gewonnenen Erkenntnissen weiterzumachen, und zwar trotz der Zerstörung aller Anlagen, der Ausrottung des Ordens durch Cau Thon. Trotzdem kam er womöglich zu spät. Waren die Turuk schon auf Elaran gewesen? Oder hatten sie sich noch nicht um die wohl wichtigste Welt in Shagor gekümmert?

Und wenn nicht, wann wäre Elaran an der Reihe? Wie lange konnte es überhaupt unbehelligt bleiben? Alles Fragen, die sich bald von selbst beantworten würden. Aber kaum etwas war schlimmer, als darauf zu warten, was geschehen würde, nicht selbst der Schmied seines Schicksals zu sein. Jonathan litt darunter fast ebenso, wie Gal’Arn, und trotzdem auf eine andere, eine Weise, die mehr seinem Volk entsprach.

Ungeduldig wippte der Elare für einen Augenblick auf den Fersen, fast nicht sichtbar, aber trotzdem ein deutliches Zeichen. Jonathan atmete innerlich auf, alles war besser, als dieses tödliche Schweigen, das nicht einmal Jaktar zu brechen wagte. Der Orbiter saß im Sessel des Piloten und kontrollierte nur die Bewegungen des Schiffes, den Ablauf der programmierten Parameter, war ansonsten nur mäßig entspannt und wartete darauf, dass das Schiff wieder aus dem Hyperraum entlassen wurde.

Noch dreieinhalb Minuten, dann war die Quälerei zu Ende und das Schiff im System der Sonne Elaran angekommen.

Die Minuten zogen sich so zäh wie Kaugummi, Jonathan rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her, fing sich einen Seitenblick des Gal’Arn ein und saß still. Er beherrschte sich nur mühsam, aber er war trotzdem fast dankbar über die kurze Reaktion des Freundes. Sie blickten wieder auf den Zähler, der die Zeit rückwärts zählte, langsam, als wären die Symbole der Ziffern festgeklebt, wie in zähem Schleim steckend, zählte der Rechner die Zeit herunter.

Und dann war es soweit.

Sie fielen in den Normalraum zurück.

Was nicht das mindeste änderte. Sie mussten immer noch elf Stunden in Unterlichtgeschwindigkeit fliegen, um den Planeten zu erreichen.

Gal’Arn seufzte unterdrückt, dann verlagerte er das Gewicht, drehte sich zur Seite und ließ sich schwer in einen Sessel fallen.

Schweigend saßen sie, starrten sich an, niemand sagte ein Wort.

Die Trümmer kündeten von den Ereignissen, die sich vor acht Jahren auf Elaran abgespielt hatten. Vieles lag noch in Schutt und Asche, war nur notdürftig zur Seite geräumt worden, um Platz zu schaffen für Neues. Von diesem Neuen war vieles aus dem Schutt hergestellt, deutlich sichtbar an den Verfärbungen, die noch an den Trümmern hafteten und von Beschuss aus schweren Waffen kündeten.

Cau Thon hatte nicht viel vom Dom übrig gelassen, die Übungsanlagen der Ritter waren in einem erschreckenden Zustand. Trotzdem war deutlich, dass die Anlage nicht verwaist war. Überall waren sie zu sehen, die Zeichen für einen begonnenen Aufschwung, bescheiden zwar, aber immerhin spürbar. Gal’Arn atmete auf, als er Elaren sah, einige Ghanakken trabten über die Wege, schon seit jeher gute Orbiter für Ritter der Tiefe. Andere machten den Eindruck von Schülern, die gerade erst in Ausbildung waren, und da war auch einer zu sehen, der eindeutig die Ehrenzeichen eines Ritters an sich trug.

Das Schiff senkte sich, entgegen aller Regeln, direkt neben den Trümmern nieder und landete ganz in der Nähe des Ritters. Gal’Arn sah, dass der Elare vollkommen entspannt reagierte, ganz wie es seinem Volk angemessen war.

Er musste das Schiff eigentlich erkennen, aber er zeigte kaum eine Reaktion, nur ein kurzes, freudiges Funkeln war im Zoom der Aufnahme zu erkennen, dann griff der Mann in sein Gewand, zog ein Funkgerät hervor und bellte einige Worte hinein, fast die mühsam aufrecht erhaltene Beherrschung verlierend. Dann machte er sich gemächlichen Schrittes auf den Weg an das untere Ende der Rampe, die sich aus dem gelandeten Schiff geschoben hatte.

Aber er hatte sichtlich Mühe, beherrscht zu bleiben.

Das entlockte sogar Gal’Arn ein Lächeln und er konnte es kaum erwarten, aus dem Schiff zu kommen. Er ließ die anderen nichts davon merken. Jonathan ließ ihm auch gerne den Vortritt, weil er sich denken konnte, was der Elare in diesem Augenblick fühlte. Die Schleuse öffnete sich und die beiden Elaren standen sich gegenüber.

Sekundenlang fiel kein Wort, hielten sich beide zurück. Dann streckte der Elare die Arme aus.

Gal’Arn.

Schweigend ging der Elare über die Rampe, fasste die Handgelenke des hochgewachsenen Elaren und drückte sie fest.

Ich bin Arat’Ritis.

Gal’Arn erinnerte sich dunkel an den Namen. Er war ein Schüler gewesen, als er die Ritter verlassen hatte, aber kurz davor, die Weihen eines Ritters zu erlangen.

Wer hat noch überlebt?

Jemand, der ihn nicht kannte, hätte kaum das Zittern in Gal’Arns Stimme gehört. Aber Jonathan kannte den Elaren mittlerweile gut genug.

Ara’Ritis und Poro’Thas.

Gal’Arn kannte beide Namen. Wie konnte es auch anders sein. Die beiden Haudegen waren die Lehrmeister von Ara’Ritis gewesen. Oftmals waren sie wegen ihrem Lebenswandel und ihrer leichtfertigen Art vom Ritter-Rat getadelt worden, doch zweifellos gehörten sie zu den besten Rittern auf Shagor.

Gal’Arn nickte knapp, legte dem Ritter die Hand auf die Schulter und drehte ihn von der Rampe des Schiffes weg.

Lass uns zu ihnen gehen. Sie werden uns sicher schon ungeduldig erwarten.

Ein feines Lächeln umspielte die Lippen des Ritters, er schüttelte unmerklich den Kopf. Sie werden gleich hier sein. Und sie werden noch viele andere mitbringen.

Da stürmten sie auch schon um die Ecke, gefolgt von den Schülern, die die Waffen eines Ritters noch nicht führen durften und auch wesentlich mehr Gefühle zeigten, als die beiden Meister, die immerhin noch gemessenen Schrittes vor den anderen marschierten. Sie kamen aus einer der vermeintlichen Ruinen, traten ans Tageslicht und kamen den Freunden entgegen.

Was ist passiert? Gal’Arn wies mit einer weitausholenden Geste auf die Gebäude. Er war schon lange nicht mehr hier gewesen, acht Jahre immerhin hatte er seine Heimat nicht mehr gesehen.

Es war schrecklich, erklärte Ara’Ritis und zupfte an seinem Spitzbart. Als Cau Thon genug Schaden angerichtet hatte, sorgte er dafür, dass die Schiffe seiner schrecklichen Horden auf die Anlagen feuerten. Viel ist nicht davon übrig geblieben. Aber wir haben alles wieder aufgebaut, auch wenn es nicht so aussieht. Viele der Gebäude sind in einem besseren Zustand, als es den Anschein hat. Der Verdienst dafür liegt bei vielen der Schüler, die ihre Lehrjahre damit verbracht haben, Schäden zu reparieren und zur Tarnung die Trümmer auf den reparierten Anlagen zu befestigen. Jetzt sieht es aus, als wäre hier nicht mehr viel Leben, zumindest wenn wir das so wollen. Und seit die Turuk in der Galaxis sind, ist das das Beste.

Der Ritter verstummte, ein Schatten legte sich auf sein Gesicht, nur scheinbar, aber seine Gefühle waren in diesem Fall deutlich zu erraten.

Sie haben uns einmal angegriffen und dabei fast dreißig Schüler getötet. Wir haben ihnen ein Denkmal errichtet, seither waren diese Wesen allerdings nicht mehr auf unserer Welt. Sie können aber jeden Augenblick wiederkommen.

Wir kennen ihren Stützpunkt, meinte Arat’Ur, die sie mittlerweile erreicht hatten und die den Rest des Gesprächs mitverfolgt hatten.

Dann umarmte er Gal’Arn grob und lachte laut. Auch Poro’Thas war erfreut den Ritter wiederzusehen.

Nach der Begrüßung liefen sie in Richung des Doms. Dabei berichtete Arat’Ur: Wir konnten sie orten und es gibt einen Planeten, den sie bevorzugt anfliegen. Bisher fehlten uns allerdings die Mittel, um einen Gegenangriff zu starten.

Arat’Ur. Gal’Arn packte auch die Handgelenke des Ritters, der ihm noch aus alten Tagen vertraut war.

Er lächelte auch Poro’Thas zu. Für wenige Augenblicke überließ er sich der Trauer um all die Freunde und Gegner, die er in den letzten Tagen seiner Gegenwart auf Elaran gewonnen hatte. Dann machte er sich bewusst, dass es weitergehen musste. Die Zeit ließ sich nicht zurück drehen, er musste da weitermachen, wo es möglich war. Die Vergangenheit war unwiederbringlich verloren.

Wo sind sie?

Es dauerte einen Augenblick, bis die anderen Anwesenden begriffen hatten, wen er meinte. Aber dann erklärten ihm die Ritter, wohin er fliegen musste. Ihr Angebot, jemanden mitzunehmen, lehnte er aber ab. Er wollte in einer möglichst kleinen Gruppe fliegen, auch wenn das auf den ersten Blick Wahnsinn zu sein schien. Auf den zweiten auch, aber in einer kleinen Gruppe waren sie beweglicher und so hoffte der Elare, die Welt der Turuk zu erreichen, ohne dass sie es bemerkten.

Abrupt verabschiedete er sich von den Rittern, die ihn jederzeit gerne in ihrer Heimat willkommen hießen. Sie bedauerten, dass er schon wieder abflog, aber niemand wollte ihn zurückhalten. Mit den besten Glückwünschen gingen sie wieder in das Schiff zurück.

Jonathan schüttelte den Kopf, als er wieder im Sessel saß, blickte auf Gal’Arns Rücken und wunderte sich, wie schnell das alles gegangen war. Nur wenige Minuten hatten sie auf Elaran verbracht, schon hob sich das Schiff wieder in den Himmel der Heimatwelt des Elaren.

Sag nichts, forderte Gal’Arn, als er sich endlich zu Jonathan umdrehte. Ich muss etwas tun. Viel zu lange bin ich nicht zu Hause gewesen und jetzt bin ich es ihnen schuldig.

Ich habe mich nicht beklagt, antwortete der Terraner launig. Ich hätte mir nur einen heißen Braten gewünscht. So was richtig anständiges zu Essen. Einen halben Ochsen hätte ich verdrücken können. Oder ein anständiges Haeggis. Dieser synthetische Mist hängt mir langsam zum Hals heraus!

Gal’Arn blickte ihn verständnislos an, lächelte aber dann, als der Terraner in Gelächter ausbrach. Keine Sorge, Ritter, wir werden ihn schon kriegen.

Er wandte sich ab, ließ sich in seinen Sessel niedersinken und sah sich dem analysierenden Blick des Elaren ausgesetzt, der aber nichts mehr sagte. Er wusste, dass er sich auf den Terraner verlassen konnte und wandte sich wieder zu den Kontrollen um, die Jaktar mittlerweile mit den Koordinaten programmiert hatte, die sie von den Überlebenden erhalten hatten.

Schüsse ließen die Reise jäh enden, als das Schiff des Ritters den Planeten erreichte. Jonathan Andrews erwiderte blitzschnell den Angriff und ließ die Kontrollen des Feuerleitoffiziers mit einem Knopfdruck aktivieren. Sie reagierten auf die vertrauten Muster seiner Hand, der Rechner ließ die Kanonen einschwenken und nahm das erste der Schiffe, die auf sie zugeflogen kamen, ins Visier. Konzentriert saß der Terraner in seinem Sessel, feuerte und traf das erste der Schiffe.

Gal’Arn steuerte die TERSAL und erkannte sehr schnell, dass ihnen die Schiffe kaum gefährlich werden konnten. Höchstens in ihrer Masse. Elegant navigierte er das Schiff und ließ es in den Ortungsschutz der Sonne gleiten. Das nützte leider nicht viel, weil die Schiffe sie bereits gefunden hatten. Aber das Versteck war trotzdem gut. Es erlaubte ihnen immerhin, sich dem Zugriff der feindlichen Einheiten zu entziehen, die nicht annähernd so tief in die Korona des Sterns eindringen konnten.

Eine Protuberanz wurde von der Oberfläche der Sonne aus ins All geschleudert, die der Elare umflog, ohne sich viel dabei zu denken. Das Schiff gehorchte der geringsten Steuerbewegung, unterstützt vom Bordrechner, der gewisse Bewegungen des Piloten bereits vorausahnen konnte und die Steuerung dementsprechend unterstützte.

Andrews feuerte immer noch auf die Verfolger, die sich außerhalb der Korona aufhielten. Immer wieder kam eines der Schiffe in seine Reichweite, was von der Aggressivität der Besatzung kündete.

Schließlich gaben sie auf und beschränkten sich darauf, die Wesen im Schiff unter Kontrolle zu halten.

Wir müssen auf ihre Welt!

Gal’Arn programmierte entschlossen einen Kurs und überließ alles weitere dem Bordrechner. Innerhalb der Korona zu operieren, wäre für einen Menschen ungleich schwerer gewesen. Der wesentlich reaktionsschnellere Rechner umkreiste die Gasausbrüche der Sonne elegant und ohne die geringsten Verzögerungen. Für die Schönheit dieses Naturschauspiels hatte keiner in der Besatzung auch nur einen Blick übrig.

Ohne die überlegene Technik der TERSAL hätten wir nicht den Hauch einer Chance, das ist dir hoffentlich klar.

Andrews kontrollierte die Orter, die immer noch keine sich nähernden Schiffe zeigten.

Natürlich ist es das, fuhr er fort. Ich weiß nicht, warum du dieses Risiko auf dich nimmst, anstatt nach weiteren Schiffen zur Unterstützung zu suchen und die Turuk erst dann zu überfallen

Gal’Arn lächelte, sagte aber nichts.

Oder erwartest du die Schiffe bereits?

Nun brach der Elare sein Schweigen. Sie folgen uns bereits, seit wir aufgebrochen sind. Eine Flotte aus Shagor sammelt sich in diesem Augenblick und wird sich in wenigen Stunden hier einfinden. Viele Völker warten bereits auf diese Gelegenheit und meine Brüder, die ehemaligen Ritter dieser Galaxis, haben immer noch einen gewissen Einfluss. Sie haben sich bereits mit den Oberkommandierenden der Flotte in Verbindung gesetzt. Unter unserer Führung wird es gelingen.

Das Schiff beschleunigte immer noch und raste mittlerweile mit unglaublicher Geschwindigkeit um die Sonne. Ohne die Hilfe der Orter wäre es kaum möglich gewesen, den Gegner überhaupt im Visier zu behalten, sie waren nicht mehr mit bloßem Auge zu erkennen, zu schnell flog das Schiff inzwischen.

Um dann plötzlich aus der Korona hervorzubrechen, an den überraschten Turuk vorbei, die nicht mehr reagieren konnten. Obwohl es sinnlos war, schickte Jonathan ihnen noch einen Gruß aus der Bordkanone.

Bis sie ihren Stützpunkt wieder erreicht haben, wird sich vieles zu unseren Gunsten entschieden haben.

Gal’Arn lehnte entspannt im Sessel, obwohl die Oberfläche des Planeten geradezu rasend schnell näher kam. Andrews starrte auf den Monitor, der die Annäherung in Echtzeit einfing. Der Planet schien ihnen regelrecht entgegenzuspringen. Seine Hände umkrampften die Armlehnen, eine hilflose Geste, nur wenige Augenblicke trennten sie noch von einem unrühmlichen Ende auf der Oberfläche dieses Planeten. Raumschiffe der Turuk, die auch in der Atmosphäre parkten, huschten an ihnen vorbei, als sie auf den Planeten zurasten.

Die Triebwerke verzögerten mit Höchstwerten. Absorber nahmen die Energie auf, bevor sie zu den Passagieren gelangen konnte.

Andrews betete darum, dass diese Aggregate hielten, denn wenn sie versagten, waren die Turuk kein Problem mehr. Und die Kollision mit dem Planeten genauso wenig. Er hatte kaum Zeit, sich diese Gedanken zu machen, als die Oberfläche der Welt auch schon auf sie zu raste.

Gal’Arn saß immer noch vollkommen entspannt im Sessel. Seine Berechnungen waren richtig, da war er sich absolut sicher. Als er eine Geländerformation erkannte, die ihm als richtig erschien, unterbrach er kurzentschlossen das Programm und packte die Steuerung selbst.

In atemberaubender Geschwindigkeit raste das Schiff auf die Gruppe von Felsen zu. Die Orter verrieten die Zusammensetzung des Gesteins. Der Ritter nickte zufrieden und steuerte das Schiff unter einen Felsvorsprung. Die Landestützen federten fast bis zum Boden nach, das Schiff rutschte noch einen Meter weit, aber nichts wurde beschädigt.

Andrews stieß die Luft aus, die er in den letzten Minuten angehalten hatte, löste die Hände von den Armlehnen, die nass von Schweiß waren, und wischte sie an der Hose seiner Kombination ab. Der Stoff saugte die Feuchtigkeit sofort auf.

Du bist wahnsinnig, meinte der Ritterschüler.

Dann machte sich ein verwegenes Grinsen auf seinem Gesicht breit. Was für ein Manöver. Schlimmer, als damals in Redhorse Point, als sie in der Hölle eines Gasriesen etwas ähnliches veranstalten sollten.

Der Planet hatte ihr Schiff beinahe zerstört. Es war zwar nur eine Simulation gewesen, aber die Effekte in der Kapsel waren die selben, wie sie auf dem Planeten auch zu spüren bekommen hätten. Diesmal war es echt gewesen und fast noch schlimmer.

Der Ritter sprach immer noch nicht, sondern löste sich aus seinem Sitz.

Nicht nur du kannst rasen. Wir haben zu tun, sagte er nur. Dann verließ er das Schiff.

Jaktar und Andrews warfen sich einen bedeutungsvollen Blick zu.

Der Terraner machte eine Geste, die Jaktar nicht verstand. Der spinnt, flüsterte er zur Erklärung. Der Orbiter schüttelte den Kopf und folgte seinem Herrn. Mit kurzer Verzögerung, war auch Andrews hinter den beiden.

Und nun? Wo sind die alle? Sollen wir etwa dorthin laufen?

Was ist los, Jonathan? Kein Vertrauen mehr in deinen Lehrer?

Wortlos wandte sich der Ritter ab und stieg mit den Aggregaten in die Luft. Ohne Deckung flog er los. Jaktar folgte ihm und so machte sich auch Jonathan auf den Weg.

Dunkelheit und Wärme. Schweigen und Licht. Immer abwechselnd. Licht und Kälte, Dunkelheit und Schweigen. Kein Rhythmus half Elyn dabei, die Zeit ihrer Gefangenschaft zu messen, aber langsam beunruhigte sie dieser ständige Wechsel. Sie wollte schlafen, konnte es aber nicht, weil plötzlich das Licht anging und ihr grell in die an Dunkelheit gewöhnten Augen stach. Sie wollte schlafen, konnte es aber wieder nicht, weil das Licht plötzlich erlosch und sie von der Dunkelheit erschreckt wurde. Es war furchtbar. Sie schüttelte etwas von ihrer Hand, was auf ihr entlang krabbelte. Während das Licht an war, schaute sie normalerweise nicht so genau hin. Einmal hatte sie es getan und eine großen, behaarten Wurm erkannt, der auf vielen spinnenartigen Beinen ging. Es war offensichtlich harmlos, sie war noch nie gebissen oder angegriffen worden, aber es war auch abscheulich. Von da an schaute sie immer an die Decke, wenn das Licht an war und versuchte, alles zu ignorieren, was sich in ihrer Zelle herumtrieb.

Aber in diesen Stunden war es dunkel in ihrer Zelle. Sie wusste immer noch nicht, wie lange sie schon hier war. Ihre Furcht war beinahe verflogen und hatte Resignation Platz gemacht. Es war kühl in der Zelle. Ihr dünnes Hemd gab ihr keine Wärme. Geräusche waren zu hören, aber sie konnte sie nicht einordnen.

Es klang nach Kampf, aber das war nicht ungewöhnlich. Die Wesen, die sie überfallen hatten, kämpften oft, auch gegen sich selbst. Geräusche auf den Flur ließen sie erschrocken zusammenfahren. Sie kamen näher. Kratzen und schaben auf dem Flur vor der Tür, Schotten, die sich öffneten und wieder schlossen, Stimmen von Menschen. Dann ein Geräusch auch an ihrer Tür. Ein dünner Lichtstrahl tastete sich in den Raum, zum ersten Mal seit einer Zeitspanne, die sie nicht bemessen konnte, aber für eine Ewigkeit hielt, konnte sie ein Wesen erkennen. Es war nicht wie sie, aber trotzdem so ähnlich. Es hatte die Gestalt eines menschlichen Wesens. Es war groß und trug einen ockerfarbenen Anzug. In seiner Hand war ein goldenes Schwert, auf dem sie eine bläuliche Flüssigkeit schillern sah. Sie wollte nicht wissen, was es war. Sie starrte ihn nur an und sagte kein Wort.

Du bist frei, sagte das Wesen.

Es wirkte für einen Augenblick geistesabwesend, nahm aber den Blick nicht von ihr. Sie senkte verschämt den Blick. Das war kein Turuk, erkannte sie, er war anders, friedlich, trotzdem hatte er eine kriegerische Ausstrahlung. Er kämpfte, wenn er musste. Sie machte einen Schritt auf ihn zu.

Wer bist du?

Gal’Arn.

Er streckte die Hand aus, zog sie aus der Zelle und schob sie vor sich her.

Wir müssen hier weg, keuchte er, während er mit ihr zusammen durch den Gang rannte.

Weiter vorne konnte sie andere Gestalten erkennen, die meisten Gefangene wie sie. Die Wesen rissen Waffen an sich, Schwerter, Feuerwaffen, was auch immer sie dem Gegner entwinden konnten. Viele tote Turuk lagen da. Elyn wollte nicht wissen, wie sie getötet worden waren. Mit Schaudern dachte sie an die blaue Flüssigkeit an der Klinge des Schwertes, das Gal’Arn mit sich führte. Hier konnte sie noch wesentlich mehr davon erkennen.

Vor ihnen wurde die Zahl der Turuk weiter dezimiert. Aber immer wieder konnten sie andere dieser tierhaften Wesen erkennen, die brüllten und rücksichtslos um sich schlugen, deren zotteliges Fell, in vielen Fällen von blauem Blut verklebt, sie erschreckte.

Gal’Arn drängte sich an ihr vorbei und erschlug einige der Gestalten, die ihre Hände nach ihr ausstreckten und mit Waffen nach ihr schlugen. Elyn erstarrte, blieb stehen, ließ sich von Gal’Arn mitziehen. Sie näherten sich dem Ausgang.

Lärm lag in der Luft, Schreie waren zu hören. Elyn fühlte sich nicht wohl, aber sie vertraute dem Wesen mit dem Umhang und dem blutverschmierten Schwert. Es hatte sie gerettet. Nur das zählte. Doch sie konnte ihn nicht einfach alleine kämpfen lassen. Auch wenn sie den Kampf verabscheute, so durfte sie nicht untätig diesem beiwohnen. Sie hatte einen Auftrag zu erfüllen.

Der Ritter parierte einen Hieb mit einer schweren Waffe, schlug dem Gegner das Schwert aus der Hand und stieß zu, drehte das Schwert um und zog es wieder aus ihm heraus. Er stieß den tödlich Verwundeten zur Seite, erkannte gerade noch den Schützen, der auf ihn anlegte und überließ seinen Körper den nahezu perfekten Reflexen seines trainierten Geistes. Er wirbelte herum, wich dem Schuss aus, brachte die Waffe zwischen sich und den Schützen und parierte die Schüsse mit dem Schwert. Elegant drehte er sich und zerteilte dabei zwei weitere Angreifer. Körper und Geist bildeten eine Einheit, harmonisch miteinander verflochten, und ließen den Kampf des Elaren wie einen Tanz wirken, einen Tanz auf einer tödlichen Messerklinge, wie die überall zuckenden Strahlbahnen verrieten.

Trotzdem hatte der Geist des Elaren Zeit, sich mit der Frau zu beschäftigen, die er aus der Zelle gerettet hatte. Sie war unglaublich schön, wirkte wie eine Elfe, schlank und fast ätherisch durchscheinend stand sie hinter ihm und ließ sich von ihm beschützen. Und der Elare genoss das Gefühl, dieser Frau ganz nahe zu sein. Vielleicht hatten sie das Mädchen auf Grund ihrer ganz besonderen Ausstrahlung verschont, er wusste es nicht. Er wusste nur, dass sie wunderbare Augen hatte, etwas größer, als die eines Menschen oder Elaren, in denen man regelrecht versinken konnte. Ihre Ohren waren spitz, Andrews hätte sich wahrlich an eine Elfe aus den Sagen seiner Vorfahren erinnert gefühlt.

Während er mechanisch, fast wie ein Automat, die Gegner von seinem Leib fernhielt, hatte er Gelegenheit, sie anzusehen und ihren Anblick wie ein Schwamm in sich aufzusaugen. Sie erweckte Gefühle in ihm, die er nicht beschreiben konnte und die er auch nicht an sich heranließ. Sie faszinierte ihn. Gleichzeitig stieß es ihn ab, wie er sie kennen lernte und dass er Leben vernichten musste, um sie zu schützen. Aber die Turuk ließen ihm keine andere Wahl, ihr Angriff war ungestüm und kaum zu bändigen. Er hieb sich seinen Weg durch die Masse der Angreifer und kam sich dabei vor, wie ein Bauer, der einen Acker mähte. Die Toten sanken um ihn zu Boden, immer weniger Gegner standen ihm im Weg. Und dann hatte er den Ausgang erreicht.

Wer bist du?, fragte er schließlich das Wesen.

Elyn, sagte sie. Er lauschte für einen Augenblick ihrer Stimme nach. Vom Volke der Alysker.

Sie verstummte und lief in einen Raum. Sie kramte zwischen vielen Taschen und fand endlich, was sie suchte. Gal’Arn blickte sie verdutzt an. Sie nahm eine große Tasche und holte aus ihr einen Strahler und ein Krummschwert heraus. Hastig legte sie sich eine braune Weste über und schnallte einen Gürtel um die schlanken Hüften.

Ich danke dir für deine Befreiung, edler Ritter der Tiefe, sprach sie. Dann deutete sie auf fünf Gegner, die auf sie zustürmten.

Der Ritter wollte Elyn schützen, doch sie warf sich auf die Gegner und konnte ähnlich elegant das Schwert führen, wie er selbst. Sie setzte zwei der Gegner außer Gefecht.

Gal’Arn schlug nach einem der anderen, trennte ihm den Arm ab und kämpfte noch zwei weitere nieder, dann drehte er sich wieder zu Elyn um.

Sie war nicht mehr da, er stand alleine auf den Treppenstufen, die in die Burg der Turuk führten.

Er schaute sich um, konnte sie aber nirgends entdecken. Die Treppe führte mehrere hundert Meter bergab, dort konnte sie sich nirgends verstecken, aber sie war trotzdem nirgendwo zu erkennen. War sie in die Burg zurückgelaufen? So verrückt konnte sie nicht sein, oder hatte sie in all dem Gemetzel den Verstand verloren? Möglich war es durchaus. Gal’Arn rannte zurück in die Burg, konnte sie aber auch dort nirgends erkennen. Er begriff, dass es keinen Sinn hatte, sie zu suchen. Wenn sie in die Burg zurückgekehrt war, dann hatte sie dafür einen Grund. Finden würde er sie so schnell nicht mehr, dessen konnte er sicher sein.

Er drehte sich um und kehrte ins Freie zurück. Auf der Treppe konnte er Jaktar und Jonathan erkennen. Sie standen nebeneinander und kämpften mit Strahlern und Schwertern gegen eine Übermacht von Feinden. Hinter ihnen konnte er eine Gestalt erkennen, hochgewachsen, kräftig und zottelig. Der Anführer der Gegner, der seinen Soldaten hektisch Befehle über die Köpfe der beiden Orbiter hinweg zurief. Eine Traube von Turuk stürmte die Treppe nach unten, auf die beiden Gestalten zu. Gal’Arn zögerte keine Sekunde. Er nutzte die Kurve aus, die die Treppe beschrieb, und sprang über den Rand nach unten. Viel zu lange war er in der Luft, Panik ergriff ihn, als er bemerkte, wie eng es werden würde, aber er schaffte es, landete auf der Treppe, ließ sich sofort nach vorne fallen, überschlug sich mehrere Male und kam dann wieder auf die Beine. Er parierte den Hieb eines Turuk und den Schuss eines anderen, sein Schutzschirm aktivierte sich, als er weitere Schüsse auf sich zog, er platzierte sich neben seinen beiden Orbitern und zu dritt wurden sie Stufe um Stufe zurückgedrängt.

Sie hatten keine Chance gegen die Übermacht, wenn nicht bald ein Wunder geschah, waren sie verloren. In die Burg zu gelangen, war wesentlich einfacher gewesen. Viele Turuk waren noch in den Schiffen gewesen, die sie in der Korona der Sonne verfolgt hatten. Mittlerweile waren sie alle eingetroffen, aber dafür standen die Schiffe verwaist. Wenn doch nur die Freunde endlich kommen würden.

Gal’Arns Schultern schmerzten von all den Schwerthieben, die er bereits abgefangen und ausgeteilt hatte. Wieder und wieder drängte er Gegner zurück, wurde selbst abgedrängt und erkämpfte sich seine Position wieder. Die Treppe war bald zu Ende, dann wären sie auf dem weiten Feld den vielen Gegnern hilflos ausgeliefert.

Zuerst erkannten sie die Strahlbahnen kaum, die aus der Atmosphäre auf die Gegner niederstießen, aber dann spürten sie den Orkan, den das Schiff erzeugte, als es durch die Atmosphäre raste. Die Gegner hielten erschrocken inne, als die Schiffe plötzlich da waren, dann kämpften sie aber erbarmungslos weiter. Es ging um ihren Anführer. Wenige Stufen noch, als der Anführer endlich seine einzige Chance erkannte. Er drehte sich um, rannte auf die freie Fläche am Fuße der Treppe und versuchte, den drei Freunden zu entkommen. Ein Strahlschuss aus einem der Schiffe machte seiner Flucht ein jähes Ende.

Lähmende Stille senkte sich über den Platz der Schlacht. Gal’Arn ließ das Schwert sinken und blickte verblüfft auf die Gegner, bis er bemerkte, was geschehen war. Zusammen mit den beiden Freunden folgte er dem Turuk und lief auf die freie Fläche, wo sie von einem Traktorstrahl aufgenommen wurden. Die Völker von Shagor hielten zusammen, um sich ihrer Gegner zu erwehren. Freudestrahlend wurden sie von den Ghanakken empfangen, die sie zu ihrem Schiff zurückbrachten.

Etwas ist merkwürdig an dieser Geschichte. Gal’Arn scharrte nachdenklich mit dem Fuß, als er sich mitsamt dem Sessel des Piloten umdrehte und zu Jonathan und Jaktar blickte. Dieses Mädchen, sie hat sich als Alyskerin bezeichnet. Es gibt kein Volk der Alysker in Shagor. Wer war sie? War Elyn nur zufällig da? Oder hatte ihre Anwesenheit eine tiefere Bedeutung, die wir nur noch nicht durchschauen?

Gal’Arn verstummte, wenige Augenblicke vergingen, in denen niemand auch nur ein Wort sagte. Jonathan hatte den Eindruck, dass Gal’Arn nicht alles gesagt hatte. Aber auch er schwieg.

Dann, nach langer Zeit, brach der Ritter das Schweigen.

Wir fliegen zurück nach Elaran und versuchen, die Ritter für unseren Kampf in Cartwheel zu gewinnen. Vielleicht gelingt es uns ja, dort einen neuen Ritterorden zu gründen.

Entschlossen wandte er sich wieder den Kontrollen zu und programmierte den Kurs. Zusammen mit der Flotte kehrten sie zurück in die Heimat der Elaren. Nachdem ihr Anführer gefallen war, hatten die Turuk vollkommen die Orientierung verloren, sich in ihre Schiffe gestürzt und das System fluchtartig verlassen. Späher beobachteten, wie sie an den Rand der Galaxis flogen und diese verließen. Vorläufig war die Gefahr gebannt. Hoffentlich für sehr lange Zeit. Auf jeden Fall hatten die Völker von Shagor Gelegenheit, sich auf den Gegner vorzubereiten.

Nicht alle Ritter waren von der Aussicht, ihre Heimat zu verlassen, wirklich begeistert gewesen. Aber immerhin fünf von ihnen hatten sie überreden können. Und so bestiegen sie das Schiff des Ritters Gal’Arn, der nach so langer Zeit aus der Fremde heimgekehrt war, und begleiteten ihn nach Cartwheel. Ein weiteres Kapitel der Geschichte dieses Volkes war geschrieben, Abenteuerliches würde sich noch ereignen. Der Grundstein war gelegt.

Cartwheel lag vor ihnen, der Kurs war programmiert. Gal’Arn senkte die Hand, presste den Startknopf und sah seine Heimat in den Bildschirmen kleiner werden. Trauer erfasste ihn, aber nur kurz. Er war längst ein Weltenbummler geworden, weitere Planeten zu entdecken und zu erforschen war sein Lebensinhalt. Er freute sich bereits darauf.

Geheimnisse in Cartwheel

Zu Mozarts Klängen der Symphonie Nr. 40 in G-Moll betrat der Marquese von Siniestro das Podium. Ein feierlicher Akt sollte am 1. Oktober 1299 stattfinden; die Bekanntmachung seines neuen Kabinetts, das im nächsten Jahr mit den Regierungsgeschäften beginnen sollte.

Der Spanier blickte sich auf seinem Weg zur Rede in den Reihen der Besucher um. Die ganze High-Society von Cartwheel war gekommen. Alle wichtigen Politiker, Geschäftsmänner und Prominente.

Besonders freundlich begrüßte der Marquese natürlich Aurec. Der Saggittone war der einzige, der dem Marquese an Popularität gefährlich werden konnte. Es war medienwirksam, wenn die beiden freundschaftlich zueinander standen. Jedoch wusste der Spanier, dass es nicht auf ewig so sein würde. Aurec würde sich niemals den Plänen der Söhne des Chaos anschließen. Vielleicht aber konnte man ein Arrangement treffen.

Während der Kanzler das Podium erreichte, bemerkte er nicht die Blicke der beiden Agenten in der Loge.

Die hübsche Halbarkonidin Rosan Orbanashol-Nordment und der Anführer der USO in Cartwheel Jan Scorbit musterten beinahe jede Bewegung des Marquese. Das Vertrauen in den Vater der Nation war seit jenen Kämpfen gegen die Hauri verloschen.

Wie ein eitler Gockel stolziert er durch die Reihen und lässt sich bewundern, bemerkte Rosan mit leiser Stimme.

Jan schmunzelte etwas über ihre treffende Aussage.

Er badet in seiner Beliebtheit. Dennoch ist er immer noch so undurchsichtig wie eh und je.

Rosan bemerkte, dass ein Mann mit dunklen Haaren und einem markanten Gesicht die Loge betrat. Er war gut gebaut und wirkte wie ein echter Gentleman. Er lächelte die Halbarkonidin an.

Jan bemerkte ihn nun auch, stand auf und gab ihm die Hand. Er registrierte den Gesichtsausdruck von Orbanashol-Nordment.

Wer sind Sie?, wollte sie wissen.

Landry, Stewart Landry.

Sie reichte ihm die Hand und er küsste ihren Handrücken. Dann setzte er sich neben die beiden und beobachtete den Marquese.

Sie sind der Agent des TLD, stellte Rosan fest.

Ja, er hat schon einige heikle Missionen bestanden, berichtete Scorbit. Ich erinnere da nur an diesen verrückten Syntronkiller Marius Dorn und natürlich auch Apophis.

Novel Residor hat mich nicht über meine neue Aufgabe informiert. Ich hoffe, Sie werden das nachholen?

Rosan wechselte mit Jan Scorbit einen raschen Blick. Konnten sie diesem Landry trauen? Doch jeder hatte sich für ihn verbürgt. Der Mann war in der Tat der Spitzenagent des TLD neben Will Dean, der jedoch in Cartwheel seine Arbeit tätigte. Und gerade das war das Dilemma. Will Dean stand zwischen zwei Stühlen. Ebenso wie die USO vertraute er dem Bund der Vier nicht, doch da der TLD Teil dieses Bundes war, konnte er schlecht doppeltes Spiel treiben und gegen den Terrablock arbeiten.

Die Agenten, die die USO zur Verfügung hatte, waren für geheime Missionen dieser Art ungeeignet. Der tolpatschige Peter Richetteu oder der brutale Sam Tyler gehörten zwar zu den besten Agenten dieser Galaxis, doch für diese Mission suchten sie jemanden, der vielseitig war. Das schien Stewart Landry zu sein.

Hören wir erst einmal der Rede des Marquese zu, beschloss Jan Scorbit.

Landry war damit einverstanden, doch so ganz galt die Aufmerksamkeit nicht dem Marquese. Er blickte oft zu Rosan Orbanashol hinüber, die ein schulterfreies, langes, rotes Kleid trug. Ihre langen, glatten, rotblonden Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden. Die feuerroten Augen glänzten faszinierend.

Scorbit stieß Landry an und gab ihm damit zu verstehen, dass er sich auf den Marquese konzentrieren sollte. Doch sicherlich verstand auch der Chef der USO in Cartwheel, dass die Ausstrahlung von Rosan nicht zu vergleichen war mit dem Anblick der alten Mumie, die jetzt mit der Rede begann.

Verehrte Gäste! Ein geschichtsträchtiger Tag hat begonnen. Vor drei Jahren siedelten wir in diese Galaxis und folgten dem Ruf DORGONs. Trotz widriger Umstände und diverser Attacken MODRORs sind wir immer noch hier und es ist Zeit eine Stufe weiterzugehen. Fortan müssen wir nicht mehr als einzelne Völker denken, sondern wie es DORGON wollte, als Einheit. Kein Arkonblock, kein Terrablock. Nur noch Cartwheel!

Der Marquese ließ die Worte auf die Gäste wirken. Es konnte niemand von der Hand weisen, dass die Argumente richtig waren.

Deshalb wird eine zentrale Regierung in Paxus gegründet werden. Das Parlament und der Paxus-Rat werden entlastet. Insgesamt zwölf Minister werden die Regierung in Zusammenarbeit mit den territorialen Staatsmännern übernehmen. Der Paxus-Rat und das Parlament haben dafür ihre Zustimmung gegeben. Große Entscheidungen werden auf Paxus getroffen, während die bürgernahen, kommunalen Regierungen natürlich weiterhin die Geschäfte in ihren Bereichen führen werden.

Landry blickte Scorbit und Orbanashol-Nordment an. Eine zentrale Regierung konnte tatsächlich Bürokratie abschaffen und das Lenken der Galaxis erleichtern, doch je weniger Leute mehr Macht hatten, umso größer war die Gefahr der Ausnutzung.

Nun war es an der Zeit, dass der Marquese sein Kabinett vorstellte. Mit großen Fanfaren wurden die vier Minister für Inneres vorgestellt, die je eine Himmelsrichtung der Galaxis kontrollieren sollten und direkte Stellvertreter des Marquese waren.

Diese Minister setzten sich aus dem Paxus-Rat zusammen – Uwahn Jenmuhs für den südlichen Teil Cartwheels, Mirus Traban für den nördlichen Bereich, Leticron für den östlichen Teil und Torsor übernahm den Norden.

Galaxis-Marschall Cauthon Despair hatte fortan das Kommando über die gesamte Streitmacht in Cartwheel.

De la Siniestros Tochter Stephanie übernahm das Amt der Außenministerin.

Der fette und schmierig wirkende Terraner Diethar Mykke wurde Wirtschafts-und Arbeitsminister. Der nichts sagende Arkonide Arus da Toppel übernahm das Finanzwesen, Forschungsminister wurde der Pariczaner Kruschkor Serek, Kulturminister Reihnard Katschmarek, Sozialministerin Brettany de la Siniestro und Gesundheitsministerin die Arkonidin Tahea da Leoni.

Der Beifall hielt sich besonders bei den extraterrestrischen Völkern in Grenzen. Jedem fiel sofort auf, dass kein einziges Alien einen Ministerposten inne hatte, sah man von Torsor einmal ab. Ansonsten bekleideten nur Lemurerabkömmlinge die Positionen.

Stiller Protest machte sich unter den Blues, Maahks, Okefenokees, Gurrads und anderen Wesen breit.

Was nun folgte waren der Eid auf Gerechtigkeit, Demokratie und das Wohlergehen des Volkes, dem Versprechen alle Kraft dem Volk zu widmen und weitere Gelöbnisse auf Loyalität und Ehrbarkeit.

Nach der Zeremonie gab es eine große Feierlichkeit im Paxus-Palast. Auch Landry, Scorbit und Rosan Orbanashol-Nordment ließen es sich nicht nehmen, dort aufzutauchen.

Sie gingen zu Aurec, der in einer Runde mit Jonathan Andrews, dessen Frau Nataly und deren Onkel Jaaron stand.

Miss Orbanashol-Nordment, ich bin entzückt Sie wiederzusehen, begrüßte der alte Linguide die Dame.

Rosan schenkte ihm ein warmes Lächeln. Danke, Mister Jargon. Ich habe Ihr Buch Die Chronik 1298 NGZ regelrecht verschlungen. Es erstaunt mich immer wieder, wie treffend Sie die Zusammenhänge schildern.

Der Linguide schien verlegen und schlürfte etwas an dem Glas Rotwein. Dann antwortete er: Nun, ich danke für das Lob, doch einige Machthaber haben es nicht so gerne gelesen. Der Bund der Vier fühlte sich falsch dargestellt.

Rosan verstand nur zu gut. Sicherlich waren die sehr darin interessiert, in einem guten Licht zu stehen, doch Jaaron Jargon war ein sachlicher Autor, der die Ereignisse realistisch wiedergab.

Jan stellte Landry den anderen vor und bat sie, niemand sonst zu sagen, wer der Geheimagent war.

Es wundert mich, dass Sie nicht in dem Kabinett sind, meinte Landry zu Aurec.

Ich bin kein Politiker mehr. Kanzler Serakan lenkt nun Saggittors Geschicke. Er genießt mein vollstes Vertrauen. Ich beschränke mich auf wohltätige Veranstaltungen und engagiere mich, damit es den Wesen besser geht.

Landry nahm es dem Saggittonen nicht ganz ab. Er merkte, dass Aurec Probleme damit hatte, nicht mehr Kanzler zu sein. Aurec wollte etwas bewirken und die Wesen vorantreiben, wie es Perry Rhodan tat. In seiner jetzigen Position konnte er das nicht.

Eine weitere Frau gesellte sich zu ihnen. Es war die Tochter des Cartwheel-Kanzlers, Stephanie de la Siniestro.

Ich hoffe, unsere Feier gefällt Ihnen?, erkundigte sie sich brav und blickte mit einer Mischung aus Neugier und Lust Landry an.

Ja, sehr nett, gab Aurec zurück.

Wollen Sie mir nicht den smarten Mann an Ihrer Seite vorstellen, Rosan? Ich hoffe nicht, dass Sie liiert sind. Das wäre eine Verschwendung dieses Mannes.

Rosans Augen weiteten sich. Nataly legte ihre Hand auf Rosans Unterarm und versuchte sie so etwas zu beruhigen. Nach einer Weile fasste sie sich und wollte etwas sagen, doch Landry kam ihr zuvor.

Mein Name ist Connery, Roger Connery. Ich bin unabhängiger Finanzbuchhalter und arbeite im Moment für die USO. Auch eine Geheimorganisation braucht einen Finanzberater.

Ah ja. Jonglieren Sie nur mit Zahlen oder haben Sie auch schweißtreibendere Betätigungen?, wollte Steph wissen.

Landry wusste, worauf das hinausführte. Vielleicht sollten wir uns darüber einmal bei einem Drink unterhalten. Diskretion ist in meinem Beruf sehr wichtig, deshalb schätze ich meist Gespräche zu zweit.

Stephanie grinste über beide Wangen. Ihre Augen funkelten.

Wir sehen uns, Mister Connery.

Landry verabschiedete sich galant von der Außenministerin Cartwheels und blickte ihr noch eine Weile hinterher.

Schweißtreibendere Beschäftigungen!, äffte Rosan ihr nach. Landry, Sie sind hier, um zu arbeiten und nicht zum Vergnügen, fügte sie scharf hinzu.

Was immer auch mein Auftrag ist, ich denke, dass gute Kontakte sehr wichtig sind.

Rosan erwiderte nichts darauf. Sie forderte Jan Scorbit auf, Landry Instruktionen zu geben und bat dann Nataly mit ihr einen Drink zu holen. Der Spion blickte der Halbarkonidin und der Halblinguidin amüsiert hinterher.

Ich schätze Frauen mit Temperament, meinte er.

Davon wirst du hier genug finden, antwortete Jonathan Andrews und scherzte etwas über Rosan und seine Nataly herum. Dann wurde er ernst und deutete auf Carjul, der erbost mit dem Marquese sprach.

Den Okefenokees gefällt das neue Kabinett gar nicht. Sie fürchten, dass ihre Rechte beschnitten werden. Ganz verdenken kann ich es ihnen nicht. Die Ministerposten sind sehr einseitig vergeben.

Landry nickte schwach und nahm einen Schluck von seinem Vurguzz/Wodka-Getränk.

Was ist nun meine Aufgabe, Scorbit?

Jan deutete zu Aurec und Andrews. Die vier gingen auf einen Balkon. Scorbit überprüfte, ob sich irgendwo Wanzen oder Kameras befanden. Als das Suchergebnis negativ ausfiel, fing er an zu erzählen.

Sowohl Perry Rhodan als auch Aurec und Monkey sind alles andere als begeistert über das Bündnis der Vier. Wir sehen eine gewisse Gefahr darin, können diese aber nicht genau definieren, berichtete Scorbit und zündete sich eine Zigarette an.

Er bot auch Landry eine an, der sie dankend annahm. Aurec machte sich nichts aus den Räucherstäbchen.

Wir glauben, dass der Marquese nicht ehrlich zu uns ist. Sie sollen herausfinden, was sich dahinter verbirgt.

Landrys Blick fiel auf Stephanie de la Siniestro, die einen gelangweilten Eindruck machte.

Gut, dann werde ich meine Beziehungen zum Hause de la Siniestro etwas vertiefen …

Kapitel 2
Das neue Jahrhundert

Aus den Chroniken Cartwheels, Jaaron Jargon

Das neue Jahrhundert wurde in Cartwheel gebührend gefeiert. Es brachte viele Veränderungen, so trat das neue Kabinett am 4. Januar 1300 zum ersten Mal zusammen.

Die Proteste der Außerirdischen-Fraktion wurde größer. Allen voran Carjul zeigte offen seinen Protest.

Trotzdem versuchte der Marquese deutlich zu zeigen, wie wichtig ihm eine Zusammenarbeit aller Völker war. Im Februar 1300 beschloss er zusammen mit der LFT den Bau von drei Raumstationen am Sternenportal auf der Seite der Lokalen Gruppe, um den Handel zu intensivieren.

Wenige Tage später gab Despair den Bau der IVANHOE II unter dem Kommando von Xavier Jeamour bekannt. Das neue Schiff sollte das Flaggschiff des Terrablocks werden und Durchmesser von 2500 Meter besitzen.

Die Werften für dieses große Projekt stellte BOHMAR Inc. zur Verfügung, deren Leitung der neue Arbeits- und Wirtschaftsminister Diethar Mykke inne hatte. Wenige Wochen später trat er jedoch zurück, da die Gesetze es Politikern verboten hatten, den Vorstand über private Firmen zu führen. Man wollte damit eine Ausnutzung der politischen Tätigkeit unterbinden. Mykke ernannte jedoch seine Frau Judta zur neuen Geschäftsführerin und schlüpfte damit in eine Gesetzeslücke.

Doch schnell kam es zu Differenzen in Cartwheel. Die neugegründete Cartwheel Intelligence Protective unter der Führung des intriganten Werner Niesewitz legte sich mit der USO an und zweifelte an deren politischer Legalität.

Insbesondere kam es zu Unstimmigkeiten, als Gal’Arn und Jonathan Andrews, die die Insel-Ritter als neue galaktische Polizei einführten. Niesewitz war nicht gewillt, diese zu akzeptieren.

Unterdessen waren die geheimdienstlichen Bemühungen von Stewart Landry und der USO stagniert. Doch der terranische Spion wollte nicht aufgeben.

New Paricza

Landry schlich den dunklen Korridor entlang, seine Night Hawk HK-119 Thermopistole entsichert und stets einen Blick auf das Ortungsgerät. Er hoffte, dass die High-Tech des TLD hielt, was sie versprach.

Endlich erreichte er eine kleine Brücke, die über einer großen Halle entlang lief. Langsam robbte er auf die Brücke entlang und glaubte nicht, was er sah. Hunderte von Überschweren marschierten im Gleichschritt die Halle entlang und warteten, bis sie ausgerüstet wurden.

Seine lange, monatliche Arbeit hatte sich endlich ausgezahlt. Die unzähligen Abende mit dieser sexhungrigen Stephanie, das ständige Verstellen und Herumschnüffeln schien von Erfolg gekrönt zu sein.

Nur durch Zufall hatte er von einem Treffen zwischen Stephanies Verlobten Toran Ebur und Nor’Citel erfahren. Es schien um bedeutungsvolle Dinge zu gehen.

Deshalb ging er der Spur nach. Er sendete zwei mikroskopisch kleine Spionsonden aus, die via Satellit an seinen Pikosyn übertragen wurden. Endlich betraten Toran Ebur und Nor’Citel die Halle.

Der Corun von Paricza erklärte dem Zaliter die Funktionen der Rüstungen und Waffen.

Insgesamt 50 Millionen geklonte Soldaten stehen uns bis jetzt zur Verfügung. Dank der finanziellen Unterstützung Arkons konnten wir sie mit den modernsten Waffen ausrüsten. Poleycra hat sie auf Grund ihrer Rüstungen Grautruppen getauft.

Aha, machte der arrogante Zaliter nur.

Nun, wenn man bedenkt, dass die Grautruppen nur als Infanterie und Panzerbesatzungen dienen sollen, haben wir eine gewaltige Streitmacht. Sie werden die Spitze unserer Invasionen sein.

Nun verirrte sich sogar ein Lächeln auf die Lippen Eburs.

Aber auch auf die des Agenten. Endlich hatte Landry handfeste Beweise für ein Komplott gegen Cartwheel. Die Arkoniden und Pariczaner steckten mit drin, doch auch der Marquese?

Leticron, ich bin beeindruckt von dieser Streitmacht. Der Gos’Shekur wird ebenfalls angetan sein. Wenn Despairs Flotte einsatzbereit ist, werden wir ganz Cartwheel kontrollieren können, sprach Ebur zuversichtlich.

Leticron? Dieser Name kam Landry bekannt vor. Allerdings konnte er ihn nicht einordnen. Doch warum nannte Ebur den Corun von Paricza Leticron?

Der Agent beschloss jetzt wieder die Station zu verlassen. Es hatte sehr viel Mühe erfordert, sie unentdeckt zu betreten. Das Herauskommen war zumeist noch schwieriger. Er beorderte die Sonden wieder zurück, als sich das Schott öffnete und noch jemand eintrat.

Es war der Chef der Cartwheel Intelligence Protective, Werner Niesewitz. Der kleine, grauhaarige Terraner begutachtete die Truppen. Dann wurde er von Leticron und Toran Ebur begrüßt.

Beeindruckend, jedoch nichts für meinen Geheimdienst. Dafür gehen sie zu plump vor.

Dennoch würden Sie nichts dagegen haben, wenn gerade diese Grautruppen das Versteck der USO vernichten würden?, erkundigte sich Leticron amüsiert.

Niesewitz nickte.

Äußerst reizvoll …

Landry hatte nun genügend Beweise, um die Regierung in große Bedrängnis zu bringen. Er kroch langsam über die Brücke zurück und erreichte wieder den dunklen Korridor. Langsam richtete er sich auf und warf einen letzten Blick auf die drei gefährlichen Wesen, dann drehte er sich um und blickte in ein beharrtes, unwirsches Gesicht. Die langen Haare passten nicht zum sonstigen Erscheinungsbild. Auch die weiblichen Rundungen an der Brust. Besonders auffallend waren die offenen Schuhe und die blauen Socken bei der Person. Anscheinend handelte es sich um eine Frau, auch wenn Landry den Umgang mit graziöseren Damen gewöhnt war.

Er lächelte sie an und fragte: Gehören Sie auch zur Touristengruppe? Ich habe mich verlaufen.

Dann schubste er sie beiseite, doch zwei heftige Pranken packten seinen Nacken. Die Frau schien ein reines Kraftpacket zu sein. Sie hämmerte Landrys Schädel gegen die Wand, bis es dunkel um ihn herum wurde …

Und es ward Licht. Anstelle eines Engels grinste ihn jedoch die beharrte Fratze dieser Kampfmaschine an. Landry atmete schwer und versuchte sich zu orientieren. Er lag gefesselt auf einem Tisch. Keine sonderlich günstige Position für den Agenten.

Für eine Dame sind Sie ziemlich burschikos, bemerkte er zynisch und blickte dann in das Gesicht einer nicht ganz so hässlichen Frau. Sie umarmte das andere Ding und knabberte an ihrem Ohr.

Landry wurde ganz anders.

Siehe da, Roger Connery, der Bettgespiele meiner Verlobten. Glauben Sie etwa, dies war mir entgangen?

Toran Ebur lief an den Tisch und schlug in Landrys Magen. Hustend versuchte er sich wieder zu fangen.

Ich definiere meine Verlobte als treu, wenn sie in der Woche nur mit einem anderen Mann schläft.

Tja, jeder hat halt so seine Eheprobleme. Sie werden mich sicherlich nicht losbinden?

Nun trat Leticron näher heran. Er musterte Landry eindringlich. Dann grinste er abfällig.

Mister Landry, seien Sie doch nicht so naiv. Sie werden diese Station nicht lebend verlassen. Auch ihr Pikosyn nicht, der schon längst im Konverter gelandet ist. Darf ich Ihnen übrigens die beiden vorstellen, die den großen TLD-Agenten Stewart Landry gefasst haben?

Leticron deutete auf die beiden unattraktiven Frauen. Die kleinere mit dem Bart grinste Landry an.

Uhta und Maryna Zubarov. Sie stammen aus der dritten Generation von Monos-Mutanten und sehen schon viel normaler aus als ihre Vorfahren.

Sehe ich nicht so, meinte Landry.

Leticron fuhr unbeirrt fort: Man hatte sie zufällig auf einem abgelegenen Planeten entdeckt und nach einer harten Ausbildung beim Kristalldienst, wechselten sie in die CIP. Niesewitz ist begeistert von ihnen.

Der kleine Deutsche blickte Landry grimmig an, während sich die beiden Zubarovs streichelten.

Sind sie nicht ein nettes Paar?, bemerkte Leticron.

Hinreißend, murmelte Landry.

Eine tödliche Stille trat ein. Leticron wanderte um Stewart Landry herum, dann rief er einen bulligen Überschweren zu sich.

Karif wird Sie jetzt zu ihrer letzten Ruhestätte geleiten. Ich gehe nicht davon aus, dass Sie kooperativ sind und uns den Standort der USO nennen werden? Nein? Auch gut! Bringt ihn weg!

Karif löste die Fesseln und packte Landry am Kragen. Mit einem lauten Gebrüll warf er ihn hoch und schleuderte ihn gegen die Wand. Dann nahm er ihn und schleifte ihn aus dem Raum.

Leticron blickte ihm mit einem diabolischen Lächeln hinterher. Dann wandte er sich an Niesewitz.

Gut, nehmen Sie Ihre beiden Kreaturen und überlegen Sie sich, wie wir die USO endlich vernichten können. Sie kommen uns gefährlich nahe.

Niesewitz verließ mit den Zubarovs den Raum. Auch Toran Ebur verabschiedete sich. Leticron blieb zurück und musterte seine Grautruppen. Vor seinem geistigen Auge spielte sich die Eroberung Terranias ab. Er würde einen gewaltigen Siegeszug halten und dann Perry Rhodan töten …

Karif warf Landry auf den Boden, der vor Erschöpfung kaum mehr aufstehen konnte. Der Raum, in dem sie sich befanden, war kahl. Die grauen Wände waren aus Metall.

Der Überschwere nahm eine Keule und schwang sie durch die Luft. Landry kroch nach hinten. An der Decke befand sich ein Lüftungsschacht, der im Moment jedoch unerreichbar für den Agenten war.

Wir können das nicht bei einem Glas Wein klären, oder?

Der Pariczaner grunzte unfreundlich, holte mit der Keule aus und schlug zu, doch Landry wich behende aus. Er schlug mit seinen Fäusten auf den Überschweren ein, doch die Schläge schienen zu verpuffen. Auch Kicks halfen wenig. Mit einer Hand schubste Karif den Terraner gegen die Wand und holte wieder mit der Keule aus, doch erneut konnte er ausweichen. Landry rannte zur anderen Ecke, da stürmte schon Karif auf ihn zu. Stewart rutschte auf den Boden und zwischen den Beinen des Überschweren hindurch, dabei traf sein Kopf die Genitalien des Giganten, der plötzlich die Keule fallen ließ und schreiend zu Boden fiel.

Landry blickte ihn verblüfft an und nahm dann die Keule, um Karif außer Gefecht zu setzen.

Er öffnete die Klappe des Lüftungsschachtes und kletterte hinauf. Unzählige Meter musste er gebückt durch den Schacht kriechen, bis er einen Ausgang erreichte.

Doch kaum war er in dem nächsten Raum, wurde er auch schon wieder gejagt, als ein halbes Dutzend Grautruppen ihm begegneten und sofort das Feuer eröffneten.

Landry hechtete zum nächsten Ausgang und rannte so schnell ihn seine Beine trugen. Inzwischen wurde der Alarm für die gesamte Station ausgelöst. Endlich erreichte er ein eingermaßen sicheres Versteck – zwischen einer Division Shiftpanzern, die ruhig in einem Vorhof stand. Landry suchte Schutz zwischen den Flugpanzern, doch lange blieb er nicht unentdeckt. Auch die Gegner verwendeten die beste Technologie und Individualabtaster gehörten zu jeder Standardausrüstung.

Landry sprang in einen Flugpanzer. Mit den Kontrollen brauchte er sich nicht vertraut zu machen, denn das gehörte zur Schulung für diese Mission. Als Agent musste man die Waffen des Gegners genauso gut kennen, wie die eigenen.

Mehrere Dutzend Grautruppen durchsuchten die Panzer. Unter ihnen auch einer von Leticrons schlimmsten Leuten: Poleycra.

Landry aktivierte die Syntronik des Panzers und fuhr alle Systeme hoch. Zuerst stellte er die Zielerfassung ein. Er visierte einen Energiewagen in der entgegen liegenden Ecke an. Als er merkte, dass die Soldaten näher kamen, feuerte er. Der Volltreffer zerstörte nicht nur den Wagen, sondern die freiwerdene Energie fegte den halben Hof weg.

Nun startete Landry den Panzer und fuhr los. Die Energiestrahlen der Grautruppen verpufften an der starken Panzerung.

Zerstört den Panzer!, brüllte Poleycra.

So schnell es ging schaltete Landry auf Flugphase um. Dann brauste der Panzer über den Köpfen der Überschweren hinweg.

Abfangjäger!, befahl Poleycra und blickte dem wegfliegenden Flugpanzer hinterher.

Kaum hatte Landry die Station verlassen, sendete er ein kodiertes Signal an seine Leute. Die Zeit wurde knapp, denn auf dem Radar bemerkte er bereits drei Abfangjäger auf ihn zufliegen. In spätestens vier Minuten hatten sie ihn erreicht.

Und diese Minuten vergingen wie im Schnelldurchlauf. Nach drei Minuten erschien endlich der Space-Copter in der Atmosphäre. Landry streifte sich einen SERUN über und schaltete auf Autopilot. Da kamen auch schon die Abfangjäger. Sofort begannen sie auf den Panzer zu schießen. Ein anderer konzentrierte sich auf den Space-Copter, doch der Pilot des Copters schoss den Jäger problemlos vom Himmel.

Landry öffnete die Schleuse und sprang aus dem fliegenden Panzer, der kurz danach im Beschuss des zweiten Jägers verging.

Stewart schaltete die Düsen des SERUNs an und steuerte auf den Space-Copter zu. Doch der zweite Jäger hielt schon auf ihn zu und feuerte. Nur knapp konnte er den Schüssen ausweichen, da brauste der Space-Copter an ihm vorbei und zerstörte den zweiten Jäger. Dann wurde er langsamer und ein Schott öffnete sich. Landry flog dorthin, doch der Copter befand sich unter Beschuß vom letzten Jäger. Für wenige Sekunden öffnete sich der Schutzschirm und Landry konnte hinein fliegen oder vielmehr fallen. Unsanft prallte er gegen die Innenwand des Copters.

Er ist drin, weg hier!, rief Gal’Arn zu Jonathan Andrews.

Sofort beschleunigte der Space-Copter und konnte dem letzten Jäger entkommen.

Doch kaum aus dem Orbit heraus, tauchten neue Bedrohungen in Form von Kreuzern auf.

Landry rappelte sich langsam auf. Gal’Arn half ihm dabei. Beide gingen in das Cockpit, in dem Jonathan Andrews und Jan Scorbit saßen.

Das könnte knapp werden, murmelte Andrews, als er die vier Kreuzer sah.

Dann ging er auf Lichtgeschwindigkeit und verschwand für etwa zwanzig Sekunden von den Ortungsschirmen der pariczanischen Kreuzer. Als sie ihn erneut erfassten, war es bereits zu spät. Nahe der Corona der Sonne wartete das USO-Schiff SILVA auf den Space-Copter. Der Space-Copter landete unbeschadet im Hangar des Raumers, der sofort auf Lichtgeschwindigkeit ging und den Überschweren entkam.

Rosan Orbanashol-Nordment war erleichtert, alle lebend wiederzusehen. Landry machte einen sichtlich mitgenommen Eindruck, versuchte jedoch die Würde zu bewahren.

Was haben Sie herausgefunden?, wollte Rosan wissen.

Landry ließ sich in den Formenergiesessel fallen und brauchte einen Moment, um sich zu fassen.

Die Überschweren paktieren mit der CIP und Arkon. Sie klonen Soldaten. Fünfzig Millionen stehen ihnen zur Verfügung. Nach Aussagen von Ebur und Nor’Citel haben sie bald eine Streitmacht, um Cartwheel zu kontrollieren.

Betretenes Schweigen trat auf.

Noch etwas; Ebur nannte Nor’Citel Leticron. Wissen Sie, wer das ist?

Andrews und Gal’Arn konnten mit dem Namen wenig anfangen, doch Rosan und Jan wussten aus Geschichtsdokumentationen, wer Leticron war.

Scorbit fütterte den Rechner mit einigen Daten, dann erschien das Profil des einstigen Corun von Pariczas.

Überschwerer vom Planeten Paricza, mit 1,98 Meter Größe und 1,85 Meter Schulterbreite unter seinen Artgenossen ein Riese. Seine Haut ist gelblich, das Gesicht breit und ausgesprochen mongoloid. Haare tiefschwarz, glatt, glänzend, sehr lang, im Nacken zu einem dichten Knoten gebunden. Dieser Knoten wird von einem kostbaren Band aus flexiblem Metall durchflochten. Leticron trägt ein unsichtbares Haarnetz, das mit irisierenden Howalgonium-Kristallen durchsetzt ist. Er ist von Gemüt und seiner ganzen Verhaltensweise her anders als andere Überschwere. Er lacht niemals brüllend, macht keine plumpen Scherze, sondern hat die Art eines gebildeten Siganesen. Er hat beste Manieren, ist elegant in allen Dingen – nur nicht in seinem Charakter. Im Jahre 3459 hat Leticron auf Paricza die Macht ergriffen und trägt den Titel Corun von Paricza. Am 03.07.3459 wird der Überschwere von den Laren zum Ersten Hetran der Milchstraße ernannt. Seine Schreckensherrschaft dauert 121 Jahre. Er geht über Leichen, um ans Ziel zu gelangen. Leticron verfügt über drei Mutantenfähigkeiten: Handlungsahner – Als solcher fühlt er mit hundertprozentiger Sicherheit, was sein Gegenüber zu tun gedenkt. Diese Gabe wirkt über vier bis fünf Lichtjahre hinweg. Allerdings muss Leticron mit der Person, die er beobachtet, schon früher einmal Kontakt gehabt haben. Überzeugungsinjektor – Leticron gibt anderen die Überzeugung ein, er sei bewundernswert. Hirnoffensor – Leticron zwingt seine Gegner mit dieser psionischen Waffe zu einer völlig veränderten Haltung. Sie werden ihm gegenüber wehrlos und zum Denken in Bahnen gezwungen, die ihm angenehm sind. Will z.B. jemand auf ihn schießen, denkt er plötzlich an alles Mögliche - nur nicht mehr an Angriff. Dann wird er, bereits geistig verwirrt, von seinem Nachfolger Maylpancer im Zweikampf getötet.

Jeder ließ die Daten auf sich wirken. Konnte es sein, dass Leticron noch lebte und nun in dem Körper von Nor’Citel alias Siddus residierte? Hatte nicht Neve Prometh einst Aurec berichtet, dass sich Siddus völlig verändert hatte, als ob jemand anderes in seiner Haut steckte?

Wir werden mehr über dieses Geheimnis in Erfahrung bringen müssen, meinte Rosan. Leider haben wir keine Beweise, doch wir sind gewarnt und werden mit wachsamen Auge den Viererbund beobachten.

Aus den Chroniken Cartwheels, Jaaron Jargon

Eine Woche später erschütterte eine Rede Nor’Citels nicht nur Cartwheel sondern auch die Milchstraße. Nor’Citel gab sich als Leticron zu erkennen und erklärte, er sei von DORGON selbst aus dem PEW-Metall befreit worden, um Seite an Seite mit dem Marquese diese Galaxis aufzubauen. Da er eine Hexenjagd von Rhodan befürchtete, benutzte er die andere Identität. Leticron erzählte, er habe das pariczanische Volk von einer Bande Gaunern zu einem respektierten Volk in der Gemeinschaft Cartwheels gemacht und zum Schutz Cartwheels eine Armee auf die Beine gestellt, die er ab heute unter den Befehl des Kanzlers von Cartwheel stellen würde.

Sicherlich fühlte sich Leticron zu dieser Rede gezwungen, doch für die USO war es ein harter Schlag. Zwar wollte Carjul Inspektionen durchsetzen und die Milchstraße stand dem ehemaligen Schlächter reserviert gegenüber, doch der Schachzug mit offenen Karten zu spielen, war dem Bund der Vier gelungen.

Wenige Tage später beorderte Novel Residor seinen Agenten Landry wieder zurück nach Terra. Wider Willen brach der enttarnte Landry die Mission ab.

Nach einigen Monaten gewöhnte man sich an Leticron und so endete das Jahr 1300 …

Kapitel 3
1301 NGZ

Ich begrüße Sie herzlich zu der Abendausgabe der Nachrichten von INSELNET. Ich stehe hier am Raumhafen von Paxus-City und warte auf die Ankunft des neuen Flaggschiffes EL CID, die in speziellen Werften auf Arkon hergestellt wurde.

Der Wind wehte stark und es regnete. Ein kalter Regen, was jedoch nicht ungewöhnlich angesichts der winterlichen Temperaturen war.

Die Journalistin blickte mit zusammen gekniffenen Augen in den Himmel. Ihre schulterlangen, dunkelblonden Haare wehten durch die Luft. Aus ihrem Gesichtsausdruck konnte man ein gewisses Unbehagen erkennen, als der beißende Wind in ihr Gesicht peitschte.

Einige Mitarbeiter des INSELNET-Teams reagierten endlich und aktivierten Schirmroboter, fliegende Regenschirme. Sie sahen auch in der Tat so aus, nur bestanden die Schirme aus Formenergie.

Malica Homest fröstelte es in ihrem dünnen Mantel, doch schnell wich die Neugier jeglichen anderen Gefühlen, als der dunkle Himmel hell erleuchtet wurde und die Menschen zu raunen anfingen.

Von rechts hörte die terranische Reporterin das schlagende Geräusch marschierender Soldaten. Zuerst leise, dann immer lauter ertönte eine schwungvolle Marschmusik, die eine Neukomposition aus arkonidischen und terranischen Kaisermärschen war.

Defilierend und mit ihren stählernden Waffen gespickt bahnten sich tausende von terranischen und arkonidischen Offizieren ihren Weg zum Hangar. Ein gewaltiger Aufmarsch der alliierten Truppen.

Malica entschloss sich, die Bilder wirken zu lassen und nichts zu sagen. Es verschlug ihr auch die Sprache, als sie die Ausmaße des neuen Flaggschiffes erkannte.

Mit einem lauten Dröhnen ließ die EL CID den Erboden erzittern. Majestätisch senkte sich das gewaltige Raumschiff.

Die innere Kugel hatte einen Durchmesser von 5000 Metern. An der Hauptkugel war ein schmaler, 250 Meter flacher und 1000 Meter langer Ringwulst angeflanscht. Auf der hinteren Seite des Kugelraumers verlief der flache Ringwulst zu einem langgezogenen, zylinderförmigen Anhang von 2000 Metern Länge. Unterhalb dieses Zylinderschweifes befanden sich diverse Hangars.

Ingsesamt kam die EL CID somit auf eine Länge von 8000 Metern und einer Breite von 6000 Metern.

Malica blickte mit ihren großen, braunen Augen dem gewaltigen Stahlkoloss entgegen und dachte, dass sie jetzt irgend etwas sagen musste. Das war ihre Chance als Reporterin.

Meine … meine Damen und Herren. Wir werden Zeuge des ersten Fluges der unbeschreiblichen EL CID. Eine Parade an Soldaten begrüßt die Besatzung des Gigantraumers. Ich kann den Kanzler de la Siniestro erkennen, der sich aus der Loge erhebt und stehende Ovationen gibt. Wir sind alle beeindruckt von dieser Machtdemonstration Cartwheels.

Die EL CID landete nicht. Dazu war sie zu groß. In einer Höhe von viertausend Metern verharrte sie in ihrer Position und bot immer noch einen gewaltigen Anblick.

Ein Beiboot, ein neuartiger Space-Jet-Typ, landete stattdessen auf dem Raumhafen und wurde von den Soldaten empfangen. Der Kommandant der EL CID, Cartwheel-Marschall Cauthon Despair, verließ die Space-Jet und wurde von dem Kanzler und dessen Söhnen Orlando und Peter feierlich begrüßt.

Malica Homest musste zur Werbung abgeben und schaute immer noch gebannt auf das große Raumschiff. Mit diesem Machtinstrument konnte man sehr viel anrichten. Sie war zwar keine große Leuchte in Mathematik und Physik, doch die technologische Ausstattung der EL CID suchte seines Gleichen.

Die beste Technik aus Terra, Arkon, Dorgon und M 87 wurden in diesem Schiff vereint und sollten es zum Flaggschiff einer schier unbezwingbaren Armee machen.

Homest war sich sicher, dass der 17. Februar 1301 NGZ noch lange in Erinnerung bleiben würde.

Die junge Frau hörte einen seltsamen Ruf. Er stammte von ihrem Chefintendanten Guy Pallance, einem Terraner in den achtzigern. Pallance war akkurat gekleidet und wirkte sehr seriös. Doch sein Blick konnte den schlimmsten Okrill einschüchtern.

Malica erschrak, als Pallance sie anpfiff. Hastig eilte sie mit einem gequälten Lächeln zum Intendanten.

Ja, Chef?

Ihre Reportage war etwas für Tote, Miss Homest. Es fehlte an jeglicher Begeisterung und Lob für den Bund der Vier.

Seine Stimme blieb ganz ruhig, doch jede Silbe klang ernst und bedrohlich.

Verzeihung, sagte sie kleinlaut.

Zur Kenntnis genommen. Ich habe keinen Platz für kleine dumme Mädchen in meinem Sender.

Malica wusste, was kommen würde, doch so einfach würde sie nicht aufgeben. Auch wenn ihr dieser Kerl großen Respekt einflößte.

Ihr Sender? Soweit ich weiß, ist immer noch Mister Mohlburry der Chef von INSELNET. Sie sind …

Sein leitender Intendant, Miss Homest! Ich handle in seinem Namen und bin Ihnen wohl kaum Rechenschaft schuldig. Wichtige Leute erwarten von uns eine freundschaftlich gesonnene Reportage über den Bund der Vier. Das lasse ich mir nicht von so einer drittklassigen Großstadtgöre vermasseln. Melden Sie sich umgehend in unserem Büro Siniestro! Sie dürfen dort unser Büro in Villa-Ribalo leiten. Es ist übrigens nur eine Einmann-Filiale. Wenn es Ihnen nicht gefällt, können Sie unser Haus gerne verlassen.

Malica wurde plötzlich bleich. Sie verfluchte diesen fiesen Manager in seinem affektierten Kostüm. Doch sie brauchte den Job, von der staatlichen Fürsorge wollte sie nicht leben.

Malica Homest war eine Nachwuchsjournalistin, auf die Janela Mohlburry aufmerksam geworden war. Als Janela Ende 1301 NGZ nach Terra zurück gekehrt war, um den Posten einer Verlagsleiterin zu übernehmen, hatte sie ihrem Vater Malica vorgeschlagen, um neue Aufträge zu übernehmen.

Speaky Mohlburry hatte Malica einen wichtigen Reporterjob bei INSELNET verschafft.

Geboren wurde die 163 Zentimeter große und 53 Kilogramm leichte Frau in New York City auf Terra am 29. Oktober 1271 NGZ. Ihre zierliche Statur, ihre großen Augen und ihr ebenes Gesicht ließen sie wie eine zerbrechliche Porzellanpuppe erscheinen.

Guy Pallance ließ sich vom Äußeren jedoch nicht beeinflussen. Für ihn zählte nur noch Erfolg. Ebenfalls war er ein Anhänger der neuen Bewegung, die in den letzten Monaten immer größeren Zuspruch unter den Lemurerabkömmlingen erhielt.

Durch die erfolgreiche Politik des Marquese, dem guten Lebensstandard und der regelmäßigen Machtdemonstrationen waren die Menschen stolz auf sich und ihre Regierungen. Sie waren die mächtigste Gruppierung in Cartwheel und das zeigten sie deutlich.

Pallance dachte nicht anders. Fast schon glühender Fanatismus stand in seinen sonst so kühlen Augen beim Gedanken an den Bund der Vier, jenen vier mächtigsten Völkern.

Zähne knirschend akzeptierte Malica das Angebot.

Besser als gar nichts, dachte sie sich.

Pallance hatte gewonnen. Wieder kuschte jemand vor seiner Macht. Eines Tages, so schwor sich der Intendant, würde er den ganzen Sender INSELNET beherrschen und dann würde es nur noch Reportagen über die großen Alliierten geben.

Voller Ehrfurcht und Stolz blickte er zur EL CID. Ja, das war das Symbol ihrer Macht. Einer Macht, die kein Reich im Universum zerschlagen konnte.

Aus den Chroniken Cartwheels, Jaaron Jargon

Das Jahr 1301 NGZ war politisch und gesellschaft außerordentlich wichtig. Nicht nur die Fertigstellung des Gigantraumschiffes EL CID war ein großes Ereignis gewesen. Im selben Atemzug verkündeten Leticron und Uwahn Jenmuhs, dass sich eine neue Flotte von über 80.000 Schlachtschiffen bereits seit zwei Jahren in Bau befand.

Natürlich wusste niemand, dass es sich dabei um die in den geihemen Werften MODRORs konstruierten Schiffe handelte.

Das sollte die große Cartwheel-Flotte werden. Technologisch sollten die Raumer auf dem selben Stand wie die EL CID sein, jedoch wesentlich kleiner. Die markante Form sollte erhalten bleiben.

Die ersten Prototypen von 2500 Meter, 800 Meter und 500 Meter Raumern wurden Mitte Juni den obersten Militärführern im Viererbund vorgestellt.

Doch während im Jahre 1301 alles mehr als positiv für den Bund der Vier verlief, machte sich Unmut unter den nichtlemurischen Wesen breit. Auch die Kanditatur von Aurec als neuem Saggittonenkanzler für 1302 NGZ verschaffte den Blues, Maahks, Unithern, Gurrads und den zahlreichen anderen Völkern wenig Hoffnung.

Die militärische und wirtschaftliche Präsenz des Bundes der Vier wirkte erdrückend auf die autarken Völker. Viele befürchteten, dass ihre Interessen nicht mehr gewahrt werden könnten.

Als das Jahr 1301 NGZ zu Ende ging, war die eine Seite Cartwheels stolz und zufrieden, die andere voller Argwohn und Angst …

Kapitel 4
1302 NGZ

Aus den Chroniken Cartwheels, Jaaron Jargon

So wie das eine endete, begann das andere. Was wie ein selbstgefälliger Spruch klingt, war im Jahre 1302 leider mit wenig Ironie zu genießen. Die Unzufriedenheit im Paxus-Parlament wuchs im vierten Regierungsjahr des Marquese de la Siniestro.

Allen voran Carjul warb für die Rechte der Aliens, wie sie überall bezeichnet wurden. Der Bund der Vier wurde von Carjul offen als Mafiabande bezeichnet.

Torsor wies dies empört zurück und drohte sogar mit Konsequenzen. Jenmuhs half seinem Alliierten beim Säbelrasseln, während Leticron und der Marquese von Siniestro alles daran setzten, den Konflikt friedlich zu lösen.

Noch war der Bund der Vier nicht stark genug. Nach einigen hitzigen Debatten verlief der Streit im Sande und politisch tat sich erst im Frühling 1302 wieder etwas, als Aurec die Kopf-an-Kopf Wahl gegen Serakan gewann und neuer und alter Kanzler Saggittors wurde.

Die Freundschaft der beiden Saggittonen hatte sehr unter der Wahl gelitten und würde sich nie wieder erholen.

Die Halbarkonidin nahm direkt neben Aurec Platz und blickte gebannt auf den außerordentlich ruhig wirkenden Okefenokee Carjul, der mit gleichmäßigen Schritten das Rednerpodium betrat.

Die Fraktionsvertreter des Bundes der Vier riefen durcheinander und buhten den Konstrukteur des Zentrums aus.

Rosan Orbanashol-Nordment verstand diese naiven Störungsversuche nicht. War die Arroganz der Lemurerabkömmlinge so ins Unermessliche gewachsen?

Als Vertreterin der USO hatte Rosan besondere Privilegien bei parlamentarischen Sitzungen. Sie und Jan Scorbit galten als inoffizielle Delegierte, da sie die Repräsentanten der galaktischen Polizei waren.

Aurec hatte erst seit wenigen Wochen sein altes Amt inne. Rosan betrachtete den langjährigen Freund. Im Jahre 1285 NGZ, vor siebzehn Jahren, waren sie sich das erste Mal begegnet, als Aurec auf die entführte LONDON gestoßen war. Rosan war damals ein junges Mädchen von 21 Jahren gewesen. Mit 38 Jahren war sie im heutigen Jahrtausend immer noch grün hinter den Ohren, wie einige vielleicht sagen würden, doch vieles hatte sie reifen lassen.

Die Abenteuer auf der LONDON I und II, die Ehe mit Wyll Nordment, dessen Tod und nun die Verantwortung für die USO.

Aurec war der einzige, der aus dieser Zeit noch übrig war. Wyll Nordment war tot. Der Somer Sam war nach seinem Rücktritt als Kanzler ausgewandert, Perry Rhodan befand sich in der Milchstraße und Joak Cascal lag seit Jahren in einem Koma.

Viele Freunde besaß sie nicht, sah man von Aurec und Jan Scorbit ab. In Uthe Scorbit hatte sie eine gute Freundin gefunden, die jedoch der ständigen Verantwortung nicht gerecht werden konnte und nach der großen Schlacht im Dezember 1298 NGZ mit ihrem Mann Remus auf Terra geblieben war.

Mit Nataly Andrews verstand sie sich noch recht gut. Das war es aber auch.

Rosan war einsam. Sie wollte es nicht zugeben, doch außer der Arbeit hatte sie nichts, was sie ausfüllte. Sie blickte Aurec an und für einen kleinen Moment fühlte sie sich zu ihm hingezogen. Ob er auch so dachte? Auch Aurec musste nach dem Verlust von Kathy Scolar schrecklich einsam sein.

Rosan verdrängte die Gedanken und konzentrierte sich auf Carjul. Der Okefenokee blickte mit seinen großen Augen grimmig in die Runde. Das Gemurmel verstummte, als er zu reden anfing:

Mit dem heutigen Tage gebe ich die Gründung einer von den Lemurern bezeichneten Alien-Allianz bekannt. Mitgliedsstaaten werden die Okefenokees, Dumfries, Blues, Gurrads, Kartanin, Unither, Vennos und Perlians. Die Thoregonvölker, Saggittonen, Akonen, Posbis und Maahks stehen uns freundschaftlich gegenüber, möchten jedoch ihren neutralen Standpunkt weiter vertreten. Sinn dieser Allianz ist, ein gesundes Gegengewicht zum Bund der Vier und ihrer Vasallenvölker zu bilden.

Ein Raunen ging durch den Raum. Rosan blickte Aurec überrascht an. Politisch gesehen drohte nun ein kalter Krieg.

Unerhörtes Mistpack!, brüllte der Abgsandte der Aras.

Das Gesicht des Marquese wirkte wie versteinert. Damit hatte er wohl nicht gerechnet, vermutete Rosan. Flüchtig wechselte er die Blicke mit Leticron und Despair. Anscheinend hatte der Bund der Vier keinen Widerstand erwartet, doch Carjul war seit Anfang an ein unbequemer Politiker gewesen, der immer wieder versucht hatte, seine Ziele durchzusetzen.

Ich bin auf seine Reaktion gespannt, flüsterte Aurec in Rosans Ohr.

Besorgt blickte sie auf den Marquese, der sich endlich rührte und langsam seinen Weg zum Rednerpult antrat. Begleitet wurde er von seinem Diener Diabolo.

Als Carjul und de la Siniestro ihre Wege kreuzten, herrschte eisige Stille. Man konnte die Anspannung im Saal spüren.

Nach endlosen Minuten des Schweigens sprach der Kanzler Cartwheels: Ich befürchte eine Entzweiung Cartwheels durch die egoistische Politik Carjuls. Schon oft hat er bewiesen, nur an sich und nicht an das Wohl anderer zu denken. Ich appelliere an die extraterrestrischen Völker, sich weiterhin Paxus unterzuordnen und warne eindringlich davor, den schmalen Pfad zwischen einer souveränen Allianz auf Paxus und einem tyrannischen, losgelösten Imperium zu verlassen.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ der Spanier das Podium. Aurec blickte Rosan vielsagend an. Beide wussten, dass dies eine Drohung war. Doch wer war auf der guten und wer auf der schlechten Seite? Der Marquese versicherte immer wieder im Interesse aller zu handeln. Doch ein aufkeimender Nationalismus im Bund der Vier zwang Carjul und seine Anhänger geradezu zu diesem Schritt.

Nach der Rede gab es noch endlose Debatten zweitrangiger Politiker, die sich gerne reden hörten.

Aurec und Rosan verließen das Parlament und wurden von mehreren Sicherheitsbeamten zu ihrem Gleiter eskortiert.

Ich bringe dich noch ins Hotel, bot Aurec an.

Rosan lächelte und winkte ab. Nicht nötig, den Weg finde ich auch allein.

Aurec nickte schwach. Für einen Moment überlegte Rosan, ob es klug war, was sie eben gesagt hatte. Aurec wirkte irgendwie enttäuscht. Sie lächelte verlegen und wusste nicht, was sie jetzt sagen sollte.

Aurec kam ihr zuvor. Ich werde heute Abend nach Mankind reisen und Jonathan Andrews besuchen. Er und seine Frau Nataly laden zu einem Essen ein. Jan wird auch dort sein. Du könntest mich begleiten.

Rosan dachte über das interessante Angebot nach. War das irgendwie ein Schritt nach vorne von Aurec? Fühlte er ähnlich wie Rosan? Oder war es nur reine Höflichkeit unter Freunden?

Doch sie war sich nicht einmal sicher, wie sie fühlte. Noch immer dachte sie täglich an Wyll, ihre Abenteuer auf den beiden LONDON-Raumschiffen, die ihre Liebe so fest zusammengeschweißt hatte. Sie war einsam und menschlich leer gebrannt. Doch wollte sie das überhaupt ändern? Vielmehr war es eher ihr Ziel, den Mörder von Wyll zu finden und ihn zur Strecke zu bringen.

Doch Wyll hätte sicher nicht gewollt, dass sie ihr Leben wegen ihm wegwarf. Sicher hätte er ihr geraten, zu leben und nicht nur der Rache nachzugehen.

Rosan musste innerlich über sich selbst lachen. Als ob Aurec Interesse an ihr hätte, wo sie doch nicht einmal wusste, ob sie Interesse an Aurec hatte. Die ganze Sache schien ziemlich kompliziert zu sein, dennoch stimmte Rosan seinem Angebot zu.

Beide machten sich auf den Weg zum Raumhafen, nicht ahnend, dass die Gründung die Alien-Allianz an diesem 17. Mai 1302 NGZ von großer historischer Bedeutung für Cartwheel sein würde.

Aurec genoss das gesellige Beisammensein mit seinen Freunden Jonathan Andrews, Natalay Andrews, Jan Scorbit und Mathew Wallace. Ebenfalls anwesend waren Gal’Arn und der Posbi Lorif.

Dem Saggittonen fiel auf, dass sich auch Rosan amüsierte. Selten hatte er sie so losgelöst gesehen. Vielleicht damals auf der LONDON, als sie frisch verliebt gewesen war. Doch seit dem Tode Wyll Nordments wirkte sie traurig, gleichgültig und unnahbar. Zwar erfüllte sie ihre Arbeit bei der USO hervor ragend, doch es war so, als hätte sie alle Freude und Lebensenergie verloren.

Heute sah das ganz anders aus. Sie schien sich sehr gut mit Nataly Andrews zu verstehen. Sicher konnte Rosan eine gute Freundin gebrauchen. Sie benötigte Aurecs Meinung nach viel zwischenmenschliche Zuwendung.

Mathew Wallace schien wohl den Magen eines Haluters zu besitzen, auf jeden Fall stopfte er sich schon die zweite riesige Portion rein, bemerkte Aurec amüsiert. Er betrachtete Rosan unauffällig. Sie lutschte geistesabwesend an einem Würstchen. Plötzlich musste Aurec schmunzeln, denn das sah wirklich seltsam aus.

Rosan blickte ihn plötzlich fragend an. Was?

Dann schien sie es zu bemerken und legte offensichtlich peinlich berührt das Würstchen weg.

Du scheinst eine intime Beziehung zu deinem Essen zu enwickeln, neckte Jonathan sie.

Rosan warf ihm einen bösen Blick zu und räusperte sich. Aurec schaute sie immer noch an. Manchmal fragte er sich, ob Rosan vielleicht was für ihn empfinden könnte? Beide waren einsam. Doch waren sie über ihre Verluste schon hinweg? Er war es nicht, vermisste Kathy immer noch, dachte oft an sie und erkundigte sich regelmäßig bei ihren Ärzten in der Milchstraße. Vielleicht hoffte er noch, dass sie genesen würde, obwohl er es sich selbst nicht eingestehen wollte. Er liebte Kathy immer noch. Obgleich es keine Hoffnung gab. Er seufzte kaum hörbar, fühlte sie wieder leer und ausgebrannt. Dann guckte er Rosan erneut an und plötzlich wurde sein Herz mit Wärme erfüllt. Nur ihr Bild genügte, um seine Depressionen für den Moment zu vergessen.

Nach dem Essen saß man noch zusammen und diskutierte über dies und jenes. Natürlich sorgte besonders Lorif ungewollt für Lacher in der Runde.

Gal’Arn ging auf den Balkon des Appartements und dachte über die Alien-Allianz nach.

Aurec bemerkte das und gesellte sich zu ihm. In Gedanken versunken?

Der Ritter der Tiefe bestätigte. Ich mache mir Sorgen. Es sieht nach einem geteilten Cartwheel aus. Menschen gegen Aliens. Ein Rückschritt um Jahrtausende.

Aurec konnte die Sorgen des Ritters gut nachvollziehen. Er dachte nicht anders.

Gal’Arn war ebenso wie er um die Sicherheit der Bevölkerung besorgt. Deshalb hatte er mit Jonathan Andrews und Jaktar nach seiner Rückkehr aus Shagor vor knapp zweieinhalb Jahren die Organisation der Insel-Ritter gegründet. Es waren jedoch nur fünf Ritterschüler aus Shagor, die in Cartwheel ihre Ausbildung beenden sollten und als Polizei mit Schwertern und Würde für Recht und Ordnung sorgen sollten.

Doch seitdem es den CIP unter Werner Niesewitz gab, kam es zu Zwistigkeiten zwischen beiden Organisationen. Es endete damit, dass die Insel-Ritter der USO beitraten, um eine Legitimation zu erhalten.

Der gute Gedanke der Organisation war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Anstatt als Ansprechpartner vor Ort in den Städten agieren zu können, mussten sich die Insel-Ritter geheimdienstliche Aktivitäten beschränken, was zu einer Unzufriedenheit führte.

Es wird noch mehr Verantwortung auf die USO und Saggittor als neutrale Institutionen zukommen. Wir müssen versuchen, diese Galaxis wieder zusammen zu führen.

Auf demokratische Weise, meinte Gal’Arn und spielte damit wohl auf die weniger demokratischen Versuche seitens des Bundes der Vier an.

Sicherlich, fügte Aurec ernst hinzu.

Aurec genoss das gesellige Beisammensein mit seinen Freunden Jonathan Andrews, Natalay Andrews, Jan Scorbit und Mathew Wallace. Ebenfalls anwesend waren Gal’Arn und der Posbi Lorif.

Dem Saggittonen fiel auf, dass sich auch Rosan amäsierte. Selten hatte er sie so losgeläst gesehen. Vielleicht damals auf der LONDON, als sie frisch verliebt gewesen war. Doch seit dem Tode Wyll Nordments wirkte sie traurig, gleichgältig und unnahbar. Zwar erfällte sie ihre Arbeit bei der USO hervor ragend, doch es war so, als hätte sie alle Freude und Lebensenergie verloren.

Heute sah das ganz anders aus. Sie schien sich sehr gut mit Nataly Andrews zu verstehen. Sicher konnte Rosan eine gute Freundin gebrauchen. Sie benätigte Aurecs Meinung nach viel zwischenmenschliche Zuwendung.

Mathew Wallace schien wohl den Magen eines Haluters zu besitzen, auf jeden Fall stopfte er sich schon die zweite riesige Portion rein, bemerkte Aurec amäsiert. Er betrachtete Rosan unauffällig. Sie lutschte geistesabwesend an einem Wärstchen. Plätzlich musste Aurec schmunzeln, denn das sah wirklich seltsam aus.

Rosan blickte ihn plätzlich fragend an. Was?

Dann schien sie es zu bemerken und legte offensichtlich peinlich berährt das Wärstchen weg.

Du scheinst eine intime Beziehung zu deinem Essen zu enwickeln, neckte Jonathan sie.

Rosan warf ihm einen bäsen Blick zu und räusperte sich. Aurec schaute sie immer noch an. Manchmal fragte er sich, ob Rosan vielleicht was fär ihn empfinden kännte? Beide waren einsam. Doch waren sie äber ihre Verluste schon hinweg? Er war es nicht, vermisste Kathy immer noch, dachte oft an sie und erkundigte sich regelmääig bei ihren ärzten in der Milchstraäe. Vielleicht hoffte er noch, dass sie genesen wärde, obwohl er es sich selbst nicht eingestehen wollte. Er liebte Kathy immer noch. Obgleich es keine Hoffnung gab. Er seufzte kaum härbar, fählte sie wieder leer und ausgebrannt. Dann guckte er Rosan erneut an und plätzlich wurde sein Herz mit Wärme erfällt. Nur ihr Bild genägte, um seine Depressionen fär den Moment zu vergessen.

Nach dem Essen saä man noch zusammen und diskutierte äber dies und jenes. Natärlich sorgte besonders Lorif ungewollt fär Lacher in der Runde.

Gal’Arn ging auf den Balkon des Appartements und dachte äber die Alien-Allianz nach.

Aurec bemerkte das und gesellte sich zu ihm. In Gedanken versunken?

Der Ritter der Tiefe bestätigte. Ich mache mir Sorgen. Es sieht nach einem geteilten Cartwheel aus. Menschen gegen Aliens. Ein Räckschritt um Jahrtausende.

Aurec konnte die Sorgen des Ritters gut nachvollziehen. Er dachte nicht anders.

Gal’Arn war ebenso wie er um die Sicherheit der Bevälkerung besorgt. Deshalb hatte er mit Jonathan Andrews und Jaktar nach seiner Räckkehr aus Shagor vor knapp zweieinhalb Jahren die Organisation der Insel-Ritter gegrändet. Es waren jedoch nur fänf Ritterschäler aus Shagor, die in Cartwheel ihre Ausbildung beenden sollten und als Polizei mit Schwertern und Wärde fär Recht und Ordnung sorgen sollten.

Doch seitdem es den CIP unter Werner Niesewitz gab, kam es zu Zwistigkeiten zwischen beiden Organisationen. Es endete damit, dass die Insel-Ritter der USO beitraten, um eine Legitimation zu erhalten.

Der gute Gedanke der Organisation war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Anstatt als Ansprechpartner vor Ort in den Städten agieren zu kännen, mussten sich die Insel-Ritter geheimdienstliche Aktivitäten beschränken, was zu einer Unzufriedenheit fährte.

Es wird noch mehr Verantwortung auf die USO und Saggittor als neutrale Institutionen zukommen. Wir mässen versuchen, diese Galaxis wieder zusammen zu fähren.

Auf demokratische Weise, meinte Gal’Arn und spielte damit wohl auf die weniger demokratischen Versuche seitens des Bundes der Vier an.

Sicherlich, fägte Aurec ernst hinzu.

Das laute Knallen nach jedem Schritt hallte durch den großen Saal. Die Soldaten salutierten vor dem wichtigen Militärführer. Peter de la Siniestro war der Oberbefehlshaber des terranischen Heeres in Cartwheel. Eine Position, die er nur durch die Intervention seines Vaters bekommen hatte, da er eigentlich als Soldat gänzlich ungeeignet war, sich selbst jedoch für den größten Feldherren aller Zeiten hielt.

Der Palast in Paxus-City war gleichzeitig Sitz des Bundes der Vier. Absichtlich hatte man einen anderen Ort als das Parlament am See gewählt.

Einige in schwarz gekleidete Offiziere salutierten vor dem General de la Siniestro. Soldaten in schwarzen Uniformen gehörten zur Schutzstandarte des Kanzlers.

Still gestanden!, brüllte Peter im Vorbeigehen und genoss den Augenblick der uneingeschränkten Macht über die Soldaten.

Er konnte jeden und alles befehligen, wie es ihm beliebte. Beinahe, denn es gab immer noch Generäle wie Henry Portland, die mit Perry Rhodan in engem Kontakt standen und Fehltritte von Peter sehr schnell publik machten. Portland war ein Feind von de la Siniestro. Am liebsten hätte er diesen arroganten, alten Sack standrechtlich erschießen lassen.

Die große Tür öffnete sich und die Anwesenden im Konferenzraum begrüßten Peter. Am Ende des langen, gläsernen Tisches saß sein Vater. Der Marquese trug einen alten, spanischen Anzug aus dem 18. Jahrhundert, zumindest entsprach das Aussehen so. Neben ihm stand Cauthon Despair. Zu dessen Linken saßen Leticron und Uwahn Jenmuhs. Auf der gegenüber liegenden Seite thronte in einem gewaltigen Sessel aus Formenergie der Pelewon Torsor.

An dem anderen Ende des Tisches befanden sich CIP-Chef Werner Niesewitz, Beauftragter für Sonderprojekte Reinhard Katschmark und der Zaliter Toran Ebur, sowie Peters Schwester Stephanie.

Nimm Platz, mein Sohn.

Peter folgte dem Wunsch seines Vaters. Er setzte sich aufreizend langsam hin und versuchte so, seine perfekt anliegende Uniform nicht zu knicken.

Wir sind vollzählig. Mit Absicht habe ich auf die Anwesenheit meines Sohnes Orlando und weiterer terranischer Militärführer verzichtet. Was hier besprochen wird, muss unter uns bleiben, da wir die selben Ideologien vertreten.

Der Spanier legte eine Kunstpause ein. Sein faltiges Gesicht wirkte ernster als sonst.

Carjuls Gründung einer Alien-Allianz hat uns in die Defensive gedrängt. Wir müssen uns als stärkste Fraktion in Cartwheel behaupten. Nun erwarte ich Ihre Vorschläge.

Betretenes Schweigen. Ausgerechnet Peter brach die Stille: Wir ziehen in den Krieg gegen die Alien-Allianz!

Gute Idee, stimmte Jenmuhs bei.

Der Marquese verzog angewidert das Gesicht. Er blickte dann Leticron fragend an, der kaum merkbar den Kopf schüttelte.

Abgelehnt!, widersprach Don Philippe de la Siniestro. Wir wollen keinen Bürgerkrieg.

Zumindest keinen von uns provozierten, warf Leticron ein. Drängen wir die Alien-Allianz in die Schublade der Terroristen. Die Alien-Allianz muss als Bedrohung aller Wesen empfunden werden. Wenn das der Fall ist, können wir auch militärisch gegen sie vorgehen.

Der Marquese begrüßte den Plan Leticrons bedingt. Er wollte wirklich keinen Krieg, doch wenn ein Sohn des Chaos so etwas vorschlug, respektierte man es besser.

Er wollte an der Macht bleiben, regieren und von allen verehrt werden. Dazu war ihm fast jedes Mittel recht, doch die Söhne des Chaos handelten aus anderen Motiven. Sie wollten alles in Chaos stürzen.

Vielleicht würde es dem Spanier gelingen, einen Weg dazwischen zu finden. Also gut! Niesewitz, finden Sie alles Wichtige über die Alien-Allianz heraus.

Werner Niesewitz verließ den Saal, um seinen Befehl auszuführen.

Der Marquese blickte ihm eine Weile hinterher. Schon jetzt wusste er, dass nur ein Krieg diese Galaxis vereinigen konnte. Das behagte ihm nicht. Doch selbst er hatte nicht die Macht, diesen Prozess aufzuhalten.

Aus den Chroniken Cartwheels, Jaaron Jargon

Die zweite Hälfte des Jahres 1302 NGZ wurde von allen Historikern als das dunkle Kapitel Cartwheels beschrieben. Durch die Gründung der Alien-Allianz wurde die Kluft zwischen Menschen und Extraterrestriern immer größer.

Carjul gewann immer mehr an Macht. Er versuchte alle Außeridischen auf seine Seite zu ziehen, doch die Ansichten des Okefenokee waren den meisten Regierungsvertretern schlichtweg zu radikal. Die Blues, Unither und vielen anderen Völker wollten nicht unbedingt aus der Paxus-Föderation austreten, sondern nur eine gleichberechtigte Behandlung der Aliens erreichen. Carjul passte dies nicht. Insgeheim unterstützte er etliche Regierungswechsel und schürte den Unmut gegenüber dem Bund der Vier. Mehr und mehr gewann Carjul an Macht. Die Geschwindigkeit, die dabei zu Tage gelegt wurde, war extrem beunruhigend. Carjul war kein Mann, mit dem man verhandeln konnte. Ein ähnlicher Extremist wie der Bund der Vier, doch er hatte es genauso geschickt geschafft, sich die Gunst der Aliens zu erarbeiten.

Der Arbeitsmarkt und die Wirtschaft reagierten verängstigt auf die beiden Parteien. So wurden in den Blöcken Terras und Arkon kaum mehr Extraterrestrier beschäftigt. Eine große Kündigungswelle rollte im August des Jahres an.

Viele Extraterrestrier mussten zu ihren Heimatwelten zurückkehren, da die Arbeitgeber Angst hatten, Aliens wären Terroristen. Diese haltlosen Vorwürfe wurden inoffiziell vom Bund der Vier geschürt. Immer mehr einflussreiche Wirtschaftsbosse standen auf der Gehaltsliste des Marquese von Siniestro. Hinzu kam das starke Nationalitätsbewusstsein der Lemurerabkömmlinge.

Verträge mit außerirdischen Industriellen wurden gekündigt und man setzte auf eine arkonidisch-terranische Wirtschaft.

Saggittor und Akon profitierten ebenfalls ungewollt, da viele Unternehmen nun dort die Handelsbeziehungen intensivierten.

Offiziell hieß es, dass dieser Umstand bedauerlich sei, aber die Alien-Allianz sich selbst in diese Wirtschaftskrise manövrierte. Der Marquese betonte, dass Cartwheel als Einheit agieren musste, da man aufeinander angewiesen wäre. Carjul lehnte jegliche Verhandlungen ab.

Wilhelm von Romm war ein gutsituierter Grundbesitzer auf Mankind. Er war Abteilungsleiter des Electronic Commerce der Terranischen Bank. Schon immer war er ein Patriot gewesen und die Geschichte des Solaren Imperiums interessierte ihn besonders. Seine Zeit beim Militär hatte er sehr genossen.

Von Romm saß mit einigen Abteilungsleitern bei einer Sitzung zusammen. Sie diskutierten, wie man die Verkaufszahlen steigern konnte. Das übliche eben.

Vorstandsvorsitzender Yenz Deichart, ein 160 Jahre alter Mann kurz vor der Pension, hatte noch einige andere Anliegen zu besprechen, die etwas heikel waren.

Meine Herren, wir müssen mehr für unser Image tun. Wie Sie wissen, ist das Ansehen von außerirdischen Mitbürgern nicht sonderlich hoch. Durch die Kündigungswelle sind viele Kunden der Terranischen Bank in Zahlungsverzug geraten.

Ernste Gesichter schauten Deichart an.

Die Terranische Bank steht seit mehreren Tausend Jahren für Seriösität und Kompetenz. Wie können wir diese Tradition fortführen, wenn wir terroristischen Elementen Konten anbieten?

Potentielle Terroristen wohl eher, Herr Deichart, warf Michail Glemp ein, Abteilungsleiter für Vertrieb.

Deichart strafte ihn mit einen strengen Blick.

Was Herr Deichart sicherlich sagen will, ist, dass wir unmöglich die aktuellen politischen Tendenzen ignorieren dürfen, meinte Hanz-Yngor Schermanski, ein Vorstandssekretär im höheren Dienst.

Richtig, pflichtete Deichart bei. Ich schlage deshalb vor, alle außerirdischen Kunden mit Kontoüberziehung den Wechsel der Bank nahezulegen. Damit verringern wir unsere Risiken. Wie sollen wir ehrbaren terranischen und arkonidischen Geschäftsmännern bitte erklären, dass wir so ein Pack auf dieselbe Stufe mit ihnen stellen?

Diese Worte wirkten. Wilhelm von Romm sah das ähnlich. Diese Aliens brachten keinen Ertrag mehr und waren schlecht für das Image. So oder so wäre eine Kontoauflösung nur von Vorteil für die Terranische Bank.

Wir sind schließlich keine Hilfsorganisation, sondern ein Wirtschaftskonzern. Daher schlage ich vor, dass wir überzogenen Konten in einer Mailingaktion kündigen und anderen Außerirdischen zwielichtiger Herkunft einen besonderen Kontonummernkreis mit Warnvermerk anbieten, schloss Deichart seine Rede.

Er erntete Zustimmung von allen Anwesenden. Zumindest offiziell. Diejenigen, die dagegen waren und es als rassistisch ansahen, trauten sich nicht, dies ihrem Vorstand mitzuteilen. Die Angst ihren Job zu verlieren, war viel zu groß.

Wir sind die Terranische Bank! Wir sind für Terraner da. Sollen die anderen doch zur Blauen Bank gehen, scherzte Deichart.

Wilhelm von Romm lief ein kalter Schauer über den Rücken, so sehr berührte ihn diese Rede. Herr Deichart war in seinen Augen durch und durch ein Patriot.

Was machen wir mit außerirdischen Mitarbeitern?, wollte Garl Stemarn, der Personalrat, wissen.

Betriebsbedingte Kündi