
Das Menschengeschlecht befindet sich im besten Zustande, wenn es möglichst frei ist.
Dante Alighieri
Das Städtchen Talleyt auf der unabhängigen Freihandelswelt Lepso verfügte im Jahr 2406 terranischer Zeitrechnung über genau zwei Attraktionen: Ein kleines Raumlandefeld am Stadtrand, das vor allem von unabhängigen Kurierfliegern und Mietpiloten genutzt wurde, und eine Kneipe namens Shillelagh Law
, deren Schild einen kräftigen Wanderstock zeigte. Das Shillelagh
bezeichnete sich als Themenrestaurant, das einem irischen Pub nachempfunden sein sollte, und deshalb war Shawn O'Kenny dort. Shawn war ebenso wenig original irisch wie sonst irgend etwas in dieser Kneipe, aber es zog ihn immer wieder an diesen Ort, der von Rauch, Gelächter und lauter Fidelmusik erfüllt war. Man kannte sich, und man wusste, dass keiner das war, was er zu sein vorgab. Dadurch fiel es leichter, unverbindliche Freundschaften zu schließen und gemeinsam das schwere dunkle Bier zu genießen. Das Shillelagh Law
war eine eigene Welt, und wer sich nicht an ihre Regeln hielt, fand schnell heraus, für welche Art des Strafvollzuges der Name der Kneipe wirklich stand. Tatsächlich gab es Stimmen, die behaupteten, das Shillelagh Law
sei das einzige unveränderliche Gesetz, welches es auf dem oft als Verbrecherwelt beleumundeten Freihandelsplaneten überhaupt gab.
Neben Shawn saß sein Halbbruder Robert Jonson. Die beiden waren äußerlich so unterschiedlich, wie zwei Menschen es nur sein konnten. Der hochgewachsene Robert mit dem glatten Gesicht, den manchmal etwas verträumt wirkenden blauen Augen, dem leicht gewellten dunkelblonden Haar und dem sportlich wirkenden Körperbau galt allgemein als gut aussehend. Für den einen Kopf kleineren Shawn hingegen galt dies nicht, und seine Versuche, sich mittels roten Haarfärbemittels und eines mühsam kultivierten und ebenfalls gefärbten Bartes dem Bild eines Iren anzunähern, war gescheitert. Nichts konnte bei ihm über das asiatische Erbe hinwegtäuschen, das in seiner geringen Körpergröße und seinen leicht mandelförmigen dunklen Augen seinen deutlichsten Ausdruck fand, und so hatten ihm seine Bemühungen lediglich den Spitznamen Pseudo-Ire
eingetragen. So sehr ihr Äußeres jedoch ihr angebliches Verwandtschaftsverhältnis Lügen strafte, so sehr ähnelten sie einander charakterlich und in ihren Interessen. Das unter ihnen übliche Austauschen von Zitaten und Anspielungen aus der Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts hatte bereits einige überzeugt, dass Robert mindestens ebenso verrückt war wie Shawn.
Die beiden erwogen gerade das Für und Wider einer Runde Dart an dem elektronischen Brett in der Ecke, als ein Fremder in dunklem Anzug und polierten Schuhen sich ohne zu fragen an ihren Tisch setzte. Shawn warf einen missbilligenden Blick in das blasse, mausartige Gesicht des Mannes, doch dieser beachtete ihn gar nicht.
Sind Sie Shawn O'Kenny?
, fragte er Robert.
Robert lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. Das kommt darauf an, wer fragt.
Ein möglicher Kunde, falls Sie Shawn O'Kenny sind
, sagte der Fremde und warf einen Blick über die Schulter.
Dann bin ich nicht Shawn O'Kenny
, antwortete Robert. Der andere starrte ihn einen Moment verständnislos an, ehe Robert mit einem Wink über den Tisch hinzufügte: Ich bin Robert Jonson. Der Zwerg dort ist Shawn O'Kenny.
Der andere sah zu Shawn und wieder zurück zu Robert und starrte in zwei breit grinsende Gesichter. Er runzelte die Stirn, dann wandte er sich Shawn zu.
Ich habe gehört, man könne Ihr Schiff mieten
, begann er.
Kann man, aber niemals ohne die Piloten. Der Preis hängt außerdem von der Art des Unternehmens ab – bei Ausflügen mit … unerwünschter Ware in Systeme des Solaren Imperiums zum Beispiel kassieren wir dreifach. Einsätze mit Kampfgefahr fliegen wir nicht, das Schiff ist dafür nicht ausgerüstet.
Das war eine glatte Lüge, aber Shawn hatte keine Lust, sich in irgendwelche Kleinkriege verwickeln zu lassen. Gegen Überfälle aller Art konnte sich die LEPRECHAUN entgegen ihrem äußeren Eindruck jedoch durchaus effektiv wehren.
Es geht nur um einen kurzen Abholflug. Ich muss einen Geschäftspartner treffen und möchte nicht, dass meine Konkurrenz davon erfährt. Daher würde ich es bevorzugen, nicht mein eigenes Schiff zu benutzen.
Warum schicken Sie nicht einen Kurier?
Der Fremde zögerte ein wenig. Mein Geschäftspartner wird den Gegenstand nur mir übergeben
, sage er dann. Sehen Sie, das ist ein etwas delikates Geschäft, und er möchte nicht das Risiko von zu vielen Mitwissern eingehen.
Shawn lehnte sich zurück und legte die Arme auf die Rückenlehne der Bank. Erzählen Sie mir mehr, dann sage ich Ihnen, ob wir es machen – und zu welchem Preis.
Der Blick des Mannes huschte erneut durch den Raum. Er schüttelte den Kopf. Nicht hier. Kommen Sie in zwei Stunden auf mein Schiff, dann sage ich Ihnen Genaueres. Aber kommen Sie bitte unauffällig, es soll nicht jeder wissen, dass ich ein Schiff mieten möchte.
Haben Sie kein Appartement hier?
Doch, aber ich weiß nicht, wie viele meiner Konkurrenten dort bereits Abhörgeräte installiert haben. Mein Schiff ist der einzige mit Sicherheit unbelauschte Ort.
Der Pseudo-Ire sah kurz zu Robert, doch dieser zuckte nur die Achseln. Die Entscheidung lag bei Shawn.
Wir werden kommen. Sagen Sie uns den Liegeplatz.
Nummer 579. Nicht allzu weit von Ihrem Schiff.
Shawn zog die Augenbrauen hoch. Sie haben sich die LEPRECHAUN bereits angeschaut?
Sie und auch die Schiffe Ihrer Konkurrenten. Ehrlich gesagt hatte ich Sie ursprünglich nicht in Betracht gezogen, aber man versicherte mir glaubhaft, dass bei Ihrem Schiff das Äußere tröge. Glauben Sie jedoch nicht, Sie seien der Einzige, der diesen Auftrag für mich erfüllen könnte.
Sparen Sie sich diese Sprüche, Mann. Ich habe feste Preise, die können Sie mit so etwas nicht drücken.
Der andere lächelte kurz und erhob sich. Wir sehen uns dann.
Shawn hob sein Bierglas zum Gruß. Der Fremde schob sich durch die Menge zur Tür und verschwand wieder im Dunkel der lepsonischen Nacht.
Wir haben gekämpft für eine Verteilung mit höheren moralischen Werten. Diese Verteilung sagte, dass Menschen tatsächlich wichtiger sind als Dinge, als Profite.
Desmond Tutu
Nebeneinander standen die Halbbrüder in der Schleuse der LEPRECHAUN und beobachteten das nur spärlich beleuchtete Landefeld auf die Anwesenheit anderer hin. Sie trugen Technikermonturen, und Robert hatte einen Werkzeugkoffer in der Hand. Schließlich sahen beide zum dunklen Umriss des Raumschiffes hinüber, das etwa vierhundert Meter entfernt auf Liegeplatz 579 stand. Es war ein großer Kugelraumer, größer als alles, was Shawn jemals geflogen hatte.
Was hältst du von der Sache?
, fragte Shawn seinen Halbbruder.
Robert fuhr mit den Händen über seine Montur. Das sage ich dir, wenn wir dort drin sind
, erwiderte er.
Dann lass uns mal gehen.
Zusätzlich zu den zur Tarnung übergestreiften Monturen vermieden die beiden vorsichtshalber hell erleuchtete Bereiche des Landefeldes. Als sie sich dem Schiff auf wenige Meter genähert hatten, schob sich ein dunkler Schatten zwischen sie und ihr Ziel. Eine Handlampe leuchtete auf, und Shawn sah an der Masse Mensch hinauf, die sich vor ihm aufgebaut hatte.
Was wollt ihr hier?
, fragte der Epsaler. Das Misstrauen stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Shawn stemmte die Fäuste in die Seite, starrte mit in den Nacken gelegtem Kopf in das Gesicht des Wächters und fragte: Sag mal, Epsi, weißt du, was irisches Boxen ist?
Der Epsaler runzelte die Stirn, und Robert fasste Shawn am Oberarm. Das hier ist Shawn O'Kenny, und ich bin Robert Jonson
, erklärte er. Wir sind Techniker. Ihr Boss hat uns gerufen, weil er Probleme mit der internen Schiffskommunikation hat.
Ich weiß nichts von irgendwelchen Problemen. Aber ich werd mal nachfragen. Sie warten hier!
Der Epsaler trat ein wenig zur Seite und sprach leise in ein Funkgerät, das er am Handgelenk trug.
Wo hat unser werter Kunde denn den aufgegabelt
, wunderte sich Shawn. Epsaler hängen ja auch nicht gerade überall an den Bäumen.
Vielleicht hat er ihn aus einem Fels gehauen
, erwiderte Robert. Oder aber einfach auf Epsal angeworben.
Was für eine verblüffend einfache und doch geniale Lösung, Mann. Du hast doch immer wieder die besten Ideen
, gab Shawn grinsend zurück.
Wenigstens einer von uns muss sich doch ein bisschen Grips bewahren.
Inzwischen war der Epsaler zurückgekommen.
Ihr könnt reingehen
, teilte er ihnen mit. Gleichzeitig öffnete sich ein Schott in der Unterseite des Schiffes, und eine Rampe senkte sich auf das Feld herunter. Die beiden waren bereits einige Schritte darauf zugegangen, als der Wächter plötzlich rief: Was ist denn nun irisches Boxen?
Shawn drehte sich halb um und hob die Hände. Etwas, das ich mit dir nie anfangen würde
, meinte er.
Kopfschüttelnd verschwand der Epsaler wieder in der Nacht, und die beiden ungleichen Brüder stiegen in das Schiff hinauf. Ein Mannschaftsmitglied empfing sie dort und brachte sie direkt in die Zentrale. Der Fremde aus dem Pub saß im Hintergrund auf einem bequem wirkenden Sessel. Als er sie sah, erhob er sich und ging ihnen entgegen.
Es freut mich, dass Sie tatsächlich gekommen sind
, begrüßte er die Halbbrüder und schüttelte ihnen lächelnd die Hände. Er wirkte in dieser Umgebung deutlich entspannter als zuvor im Pub. Offensichtlich war er der Überzeugung, hier nichts befürchten zu müssen.
Setzen Sie sich, meine Herren. Möchten Sie etwas trinken? Bier, Wein, oder etwas Stärkeres?
Wasser
, bat Robert. Ich habe meinen Anteil für heute schon gehabt.
Ich schließe mich meinem Vorredner an. Wenn es um Geschäfte geht, lasse ich mir meinen Kopf ungern vernebeln. Also?
Ihr Gegenüber gab einem Mannschaftsmitglied einen kurzen Wink, und nachdem man ihnen jeweils ein Glas Wasser gebracht hatte, verließen alle anderen den Raum.
Mein Name ist Emmersil. Ich bin ein Händler in Antiquitäten und Artefakten, und um Letzteres geht es auch bei dieser Sache. Manchmal finden sich Artefakte alter Zivilisationen bei Grabungen, deren Betreiber nicht gerade scharf darauf sind, ihre Arbeit durch langwierige archäologische Untersuchungen unterbrechen zu lassen. So etwas ist kürzlich auf dem Planetoiden GSM-48/3 der Glador-Sinnion Mining Company passiert. Man hat das betreffende Artefakt vorerst verschwinden lassen, doch ein Kontaktmann hat mir davon berichtet. Ich habe also meine Fühler ausgestreckt und tatsächlich einen Kunden gefunden, der sich brennend für dieses Stück interessiert. Da wohl niemand bei GSM es vermissen wird, habe ich einen Freund auf dem Stützpunktplaneten GSM-48-Zentral gesucht und gefunden …
Sie haben jemanden dort bestochen
, stellte Robert fest.
Emmersil ließ sich nicht irritieren. … der sich Zugang zu den Räumlichkeiten verschaffen konnte, in denen das Artefakt aufbewahrt wurde. Und er wird es mir gegen einen kleinen Freundschaftsbeweis aushändigen.
Shawn nickte. Jetzt verstehe ich. Klar, dass Sie da nicht viele Mitwisser haben möchten. Und Sie haben Sorge, dass Ihr Freund das Geschäft notfalls auch mit einem Konkurrenten abschließt?
Wenn ich nicht innerhalb der nächsten zwei Tage bei ihm bin, könnte das passieren.
Wo liegt diese Bergbaukolonie?
Nicht weit von hier. Ich zeige es Ihnen auf den Sternenkarten. Wir könnten in weniger als einem Tag dorthin und wieder zurück reisen.
Während Shawn den zukünftigen Passagier an der Projektion der Sternenkarten in eine Diskussion über mögliche Reisewege verwickelte, streifte Robert mit seinem Glas in der Hand scheinbar ziellos durch die Zentrale. An einer Stelle fuhr seine Hand jedoch kurz unter ein Paneel, und an einer anderen entfernte er mit einem raschen Griff etwas. Dann schlenderte er zurück zu den anderen beiden.
Sie glauben also, Ihr Schiff wäre wanzenfrei?
, meinte er zu Emmersil.
Der Mann nickte. Da bin ich mir sicher. Nur meine Mannschaft und ich gehen hier ein und aus.
Keine Kontrolle des Staatlichen Wohlfahrtsdienstes?
Das war die wirklich regierende Organisation Lepsos, die alle Zölle und Steuern festlegte und sich selten eine Gelegenheit entgehen ließ, einem Händler zusätzlich etwas Geld aus der Tasche zu locken – natürlich nur in einem nicht den Handel auf Lepso schädigenden Rahmen.
Sie waren kurz hier drinnen, aber ebenso schnell wieder weg. Ich habe danach persönlich alles überprüft.
Robert hielt dem Mann seine ausgestreckte Hand hin, und dieser erbleichte, als er den kleinen schwarzen Gegenstand darin sah. Das … das kann nicht sein. Sie meinen …
Ich meine, dass Ihre Mannschaft vielleicht doch nicht so zuverlässig ist, wie Sie glauben, und dass Ihre Konkurrenten eventuell bereits genau wissen, was Sie vorhaben. Wir werden uns also beeilen müssen, wenn wir schneller sein wollen.
Emmersil nickte. Wann können wir starten?
Jederzeit
, antwortete Shawn.
Für dieses Unternehmen ist Ihr Schiff in jedem Fall besser geeignet. Es ist wesentlich unauffälliger als meines. Haben Sie Tarnmöglichkeiten?
Rob ist ein einmaliger Pilot. Er wird alles unterfliegen, was uns finden könnte.
Der Preis?
Shawn nannte eine geradezu absurd hohe Summe, doch der Mann schlug sofort ein. Noch in ihrer Anwesenheit überwies er den Betrag an eine beiden Seiten bekannte Treuhandgesellschaft. Verwundert, aber zufrieden kehrten die beiden Halbbrüder zu ihrem Schiff zurück, um die letzten Vorbereitungen für den Start zu treffen.
Der alte Wanzen-Trick hat wieder gut geklappt
, meinte Shawn. Fast schon zu gut. Irgendwas an dem Kerl ist faul. Kein richtiger Geschäftsmann hätte, Konkurrenz hin oder her, so schnell eingeschlagen. Entweder er ist sehr reich oder sehr dumm, oder das Geschäft ist wichtiger, als er uns vorgaukeln will.
Ich fand auch, dass er viel zu schnell die Karten auf den Tisch gelegt hat
, stimmte Robert zu. Und weißt du, was noch erstaunlicher ist? Ich musste noch nicht einmal eine unserer Wanzen verwenden. Es war tatsächlich eine dort.
Shawn zog die Augenbrauen hoch. Sieh an. Wohlfahrtsdienst?
Nein. Ein anderes Fabrikat, recht gebräuchlich in der Industriespionage.
Scheint also, als säße ihm wirklich die Konkurrenz im Nacken.
Ja, es passt zu seiner Geschichte. Trotzdem ist etwas an dem Mann verkehrt. Er spielt falsch, darauf möchte ich wetten. Ich durchschaue nur noch nicht, welche Karten er gezinkt hat. Aber mal sehen, vielleicht bringt uns mein kleiner Freund Stinger mehr Informationen dazu ein.
Du hast eine deiner Mikrohackersonden eingesetzt?
Klar. Sie sitzt inzwischen fest verankert in seiner Schiffsdatenbank und gräbt sich gerade zu den Navigationskoordinaten durch. Den ersten Rafferpuls an Daten hat sie mir schon geschickt. Mal sehen, ob wir daraus etwas Neues über ihn erfahren, das für uns interessant sein könnte.
Zu spät, da kommt er schon
, meinte Shawn. Ich werde ihn mal begrüßen.
Shawn erwartete Emmersil in der offenen Schleuse. Ihm fiel auf, dass der Mann trotz seiner offensichtlichen Eile, ebenso wie sie selbst zuvor, jedes helle Licht vermied. Scheint, als sei das nicht das erste Mal, dass er so etwas macht, durchschoss es Shawn.
Mein Schiff wird ebenfalls gleich starten
, teilte Emmersil Shawn mit, als er eilig die Rampe hoch schritt. Es wird zur Ablenkung einen anderen Kurs fliegen. Wir sollten keine Zeit verlieren.
Kein Problem, Boss
, erwiderte Shawn und schloss hinter dem seltsamen Antiquitätenhändler die Schleuse. Gemeinsam eilten sie durch den schmalen Gang zur Steuerzentrale. Shawn bemerkte den Blick, mit dem Emmersil das dort herrschende Chaos registrierte. Doch der Auftraggeber sagte nichts, sondern schob lediglich einige alte Nahrungsmittelverpackungen und Lesechips von der Liege an der Hinterwand des Cockpits, ehe er sich darauf setzte. Shawn schwang sich in den Pilotensessel.
Kurs ist berechnet und programmiert, und ich habe unseren Start bekannt gegeben
, verkündete Robert. Wer auf Lepso eine Startfreigabe anfragte, erntete nur Gelächter. Jeder startete und landete nach Gutdünken, doch im Interesse des eigenen Überlebens mit der gebotenen Vorsicht.
Dann machen wir uns mal auf den Weg
, sagte Shawn und fuhr die Triebwerke hoch.
Keine Zufälligkeit irgendwo im Universum, keine Gleichgültigkeit, keine Freiheit. Während wir handeln, wird gleichzeitig an uns gehandelt.
David Hume
Das Licht des kleinen Mondes über ihm tat wenig, um die karge Landschaft vor dem Pseudo-Iren zu beleuchten. Flach auf einem Felsen liegend starrte er in die Richtung, in welcher die dunkle Gestalt ihres Auftraggebers verschwunden war.
Kannst du ihn sehen, Rob?
Ja. Er ist gerade dort hinten neben dem dreizackigen Brocken in die Hocke gegangen.
Shawn schwang seine Waffe zu der von Robert bezeichneten Stelle herum und schielte angestrengt durch die Spezialoptik. Es war ihm nicht möglich, in den Schatten der nächtlichen Felslandschaft um sie herum irgend etwas zu erkennen, doch gegen die Lichter der Minenarbeitersiedlung hoben sich zwei andere Gestalten ab, die sich im Laufschritt dem Punkt näherten, an welchem Emmersil laut Rob wartete. Eine davon krümmte sich gelegentlich, als habe sie Schmerzen in der Seite.
Der eine trägt eine Art Uniform, aber nichts, was mir bekannt ist
, bemerkte Robert. Der andere scheint helles Haar zu haben, vielleicht ein Arkonide. Und wenn ich mich nicht irre, hat er eine Verwundung an der Hüfte. Scheint, als hätte jemand etwas dagegen gehabt, das gute Stück gehen zu lassen.
Ich sehe gar nicht, dass einer von ihnen etwas trägt
, entgegnete Shawn.
Robert zuckte die Achseln. Vielleicht ist es nur etwas Kleines. Du weißt doch, die kleinen Geschenke sind die wertvollsten.
Deinen Wortwitz möchte ich mal haben
, erwiderte Shawn. Ah! Jetzt haben sie Emmersil entdeckt!
Die Neuankömmlinge hatten leicht ihre Richtung korrigiert und waren nun ebenfalls in den Schatten verschwunden. Shawn versuchte zu erkennen, was die drei Männer taten, doch er sah nur Dunkelheit.
Was zeigt deine Flugwanze?
Sie reden. Der Hellhaarige gibt Emmersil etwas. Ist wirklich nicht sehr groß, das Ding. Sie diskutieren ziemlich aufgeregt. Moment, ich steuere etwas näher ran. Hm …
Jetzt sah auch Shawn, dass Emmersil gestikulierte. Doch der Verletzte war bereits wieder aufgestanden und machte sich offensichtlich auf den Rückweg. Der Uniformierte blieb bei Emmersil. Fragend sah der Pseudo-Ire zu seinem Halbbruder.
Ich habe nicht mehr viel mitbekommen
, sagte dieser leise. Scheint, als hätten wir einen zusätzlichen Fluggast. Den Gesten nach wollte Emmersil den Dritten auch überreden, mit zum Schiff zu kommen, aber der hat etwas von einem gefährdeten Einsatz gesagt. Bevor der Hellhaarige gegangen ist, hat der in der Uniform ihm gegenüber noch etwas aus einem Gedicht zitiert – was auch immer das zu bedeuten hat.
Robert schaltete die Übertragung ab und schickte der fliegenden Mikrokamera den Rückkehrimpuls.
Shawn runzelte die Stirn. Bist du dir sicher mit diesem gefährdeten Einsatz?
Er stand genau im Licht, ich konnte es deutlich von seinen Lippen ablesen. Auch das Zitat habe ich gespeichert.
Das klingt für mich nicht nach bestochenen Mitarbeitern
, stellte Shawn fest. Ist dir eigentlich aufgefallen, dass wir den Planeten erstaunlich ungehindert anfliegen konnten?
Robert wiegte den Kopf. Wie man es nimmt. Es gab schon ein paar Peilstrahlen, nur eben nichts, was der LEPRECHAUN mit mir am Steuer hätte gefährlich werden können. Aber sie waren im Grunde nicht aufmerksam, da gebe ich dir recht. Nach dem Funkverkehr der Sicherheitskräfte zu schließen waren sie auf der anderen Seite der Welt gerade hinter einem fliehenden Eindringling her.
Lass mich raten – Emmersils Schiff?
Zumindest eines, dessen Beschreibung auf seines passen würde. Aber es gibt viele solche Schiffe in der Galaxis.
Shawn schüttelte den Kopf Langsam wird mir bei der Sache mulmig. Schauen wir, dass wir ins Schiff zurückkommen. Unser seltsamer Auftraggeber muss nicht unbedingt wissen, dass wir hinter ihm her spioniert haben.
Kaum dass Shawn und Rob ihre Ausrüstung verstaut und ihre Plätze an der Steuerung wieder eingenommen hatten, kamen Emmersil und sein neuer Begleiter auch schon an Bord.
Ich muss mich entschuldigen, aber die Dinge sind ein wenig anders gelaufen als erwartet
, verkündete Emmersil, als sie ins Cockpit kamen. Es ist möglich, dass der Diebstahl vorzeitig entdeckt wurde, und mein Helfer möchte daher sofort untertauchen. Ich bin es ihm schuldig, ihn zu beschützen. Natürlich werde ich bezahlen, falls Sie dafür einen Aufpreis verlangen.
Shawn sah den uniformierten Mann an. Er wirkte bleich, und obwohl sein Gesicht bemüht ausdruckslos war, sprach aus seinen Augen blanke Angst.
Sie haben mein Schiff gemietet, Mr. Emmersil
, antwortete der Pseudo-Ire. Solange Sie weder die zulässige Beladung überschreiten noch uns in übermäßige Gefahr bringen, können Sie mitnehmen, wen oder was Sie wollen.
Dann lassen Sie uns bitte so schnell wie möglich starten.
Shawn nickte und legte seine Hände auf die Kontrollen. Also los, Rob – zeigen wir unserem Kunden einmal, was die LEPRECHAUN so unter der Haube hat.
Wenn du nicht bereit bist, dafür zu sterben, dann streiche das Wort
Freiheitaus deinem Vokabular.Malcolm X
Nur wenig Stunden später waren sie bereits im Anflug auf das Landefeld von Talleyt. Lepsos Sonne Firing stand knapp über dem westlichen Horizont. Der gesamte Flug hatte sie kaum mehr als einen halben Tag gekostet, nicht zuletzt wegen der hochwertigen Triebwerke der LEPRECHAUN. Shawns vorheriger Landeplatz war noch immer frei, und er schwenkte sein Schiff herum und ließ es wieder an derselben Stelle aufsetzen.
Der Uniformierte hatte während des ganzen Fluges nicht ein Wort gesagt, und auch Emmersil war schweigsam gewesen. Das Bild des jovialen Geschäftsmannes, der nur gelegentlich auf illegalen Pfaden wandelte, war Shawn immer unpassender erschienen. Dieser Mann war ein Profi, und all das nervöse Gebaren von zuvor war nicht mehr als Theater gewesen, dessen war er jetzt sicher. Und zugleich vermutete Shawn, dass das Risiko hinter diesem Einsatz deutlich höher gewesen war, als er angenommen hatte. Das erklärte auch, warum der Mann auf seinen Preis eingegangen war.
Beide Passagiere waren sichtlich erleichtert, als Shawn schließlich die Triebwerke abschaltete und die Schleuse öffnete. Sie beeilten sich, das Schiff zu verlassen. Auf dem Landefeld verabschiedete Emmersil sich von Shawn und Robert jeweils mit einem kurzen, kräftigen Händedruck.
Ich danke Ihnen für die schnelle Abwicklung
, sagte er. Ich gebe zu, ich hatte Sie und Ihr Schiff unterschätzt. Ein schönes Stück Technik haben Sie da, auch wenn das Aussehen eher ungewöhnlich ist. Aus welcher Werft stammt es?
Eigenbau
, knurrte Shawn unwillig.
Emmersil nahm die Ablehnung zur Kenntnis und klopfte kurz auf seine Tasche. Ich werde Sie und Ihr erstaunliches Schiffchen jedenfalls weiter empfehlen. Sie glauben nicht, wie viel meinem Kunden diese wertvolle Ergänzung seiner Sammlung bedeutet. Dank Ihnen ist sie ihm jetzt sicher.
Ihr wichtigster Dank für mich ist Ihr Geld auf meinem Konto
, erwiderte Shawn, während er zum Abschied kurz an seine Schirmmütze tippte.
Der Händler lächelte. Sie sind bereits überwiesen.
Ein Schwebefahrzeug mit dem Epsaler am Steuer kam heran, und Emmersil und der Uniformierte stiegen ein. Sofort nahm das Fahrzeug wieder Fahrt auf und kehrte zum Kugelraumer des Händlers zurück.
Shawn O'Kenny schloss die Schleuse der LEPRECHAUN und kehrte wieder in den Pilotenraum zurück. Schwer ließ er sich in seinen Sessel fallen und legte seine Beine auf die deaktivierte Steuerkonsole. Mit der Linken zog er eine kleine Silbermünze aus der Tasche und ließ sie zwischen den Fingern hindurchtanzen. Sein Blick heftete sich am Vorausschirm auf das Schiff des Händlers.
Seine Raumkugel ist bereits startklar. Schau dir das an, Rob, sie können es gar nicht erwarten abzuheben. Ist das Geld tatsächlich schon da?
Robert Jonson saß bereits wieder vor dem Rechnerterminal und ließ seinen Blick über einige darüber flackernden Daten gleiten. Jepp. Bis auf den letzten Soli.
Hast du etwas mehr über den Jungen herausgefunden?
Nein.
Robert schüttelte den Kopf. Der Staatliche Wohlfahrtsdienst hat auch nichts Interessantes über ihn, zumindest nicht in derjenigen Datenbank, in der mein Stinger sitzt. Geboren auf einem unbedeutenden Kolonialplaneten irgendwo in der Nähe der Wega, Ausbildung in der Solaren Flotte, rausgeflogen wegen mehrfacher Insubordination.
Hätte ich ihm gar nicht zugetraut
, meinte Shawn.
Hat dann erst mal einen blühenden Handel mit Antiquitäten von der Erde angefangen, das Geschäft später aber auch auf extraterrestrische Artefakte ausgeweitet
, fuhr Robert fort. Scheint dabei recht gut verdient zu haben. Seit fünf Jahren hat er seinen Hauptgeschäftssitz hier auf Lepso, und ungefähr seit diesem Zeitpunkt werden seine Geschäftspraktiken, sagen wir mal, gelegentlich undurchsichtig. Was ihm hier natürlich nur Sympathien einbringt.
Und was vermutlich auch der Grund war, warum er überhaupt hierher kam
, stellte Shawn fest.
Mit donnernden Triebwerken hob der Kugelraumer des Händlers ab und strebte dem Weltraum entgegen.
Wer ehrliche Geschäfte machen will, geht nicht nach Lepso. Dafür sind die Zustände hier zu chaotisch, und das Leben zu gefährlich.
Der Kugelraumer war inzwischen zu einem winzigen Punkt auf dem Monitor zusammengeschrumpft. Und eben dort, wo dieser Punkt gerade noch gehangen hatte, erstrahlte mit einem Mal ein winziger, greller, sich schnell ausbreitender Lichtfleck. Shawns Silbermünze schlug mit einem hellen Geräusch auf dem Boden auf.
Heilige Scheiße
, flüsterte der Pseudo-Ire.
Robert drehte den Kopf. Ich fürchte
, bemerkte er, für unseren Freund Emmersil hat die Gefahr gerade Oberhand gewonnen.
Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit. Das ist der Grund, weshalb sich die meisten Menschen vor ihr fürchten.
George Bernard Shaw
Shawn starrte in sein leeres Bierglas, ohne auf die Musik oder die vollbusige Rothaarige zu achten, die ihm gerade seinen Nachschub brachte. Selten zuvor hatte er eine Gelegenheit verstreichen lassen, ihre wohlgeformten Rundungen angemessen zu würdigen. Sie sah fragend zu Robert, doch dieser zuckte nur die Achseln. Die Bardame schüttelte den Kopf, entwand Shawn sanft den leeren Krug und kehrte ins Gewühl der Bar zurück.
Robert beugte sich vor, damit Shawn ihn auch ohne Brüllen verstehen konnte. Du denkst zu viel nach, Shawn
, meinte er. Das gefällt mir nicht.
Dieser komische Händler geht mir nicht aus dem Kopf
, erwiderte der Pseudo-Ire. Du sagtest, sein Kontaktmann habe etwas von einem nicht beendeten Einsatz gesagt. Der hängt jetzt ziemlich in der Luft, vermute ich.
Und was geht uns das an?
Shawn sah auf und bohrte seinen Blick in die rauchgeschwängerte Luft. Ich weiß nicht. Ich rieche ein Geschäft, aber erst will ich wissen, mit wem und auf was ich mich da einlasse. Stell dir vor, wir würden diesen Kontakt wieder herstellen, der durch Emmersils Tod zerstört wurde – was meinst du, was uns das einbringen könnte?
Jede Menge Ärger, schätze ich.
Shawn winkte ab. Ärger sind wir gewöhnt. Davon leben wir schließlich.
Er grinste breit. Wäre doch traurig, wenn plötzlich überall in der Galaxis Friede, Freude und Apfelkuchen herrschen würden.
Eierkuchen
, korrigierte Robert automatisch.
Ich mag Äpfel lieber als Eier
, erwiderte Shawn, und nun glitt sein Blick doch noch zu der Bedienung. Ein anzügliches Grinsen ging über sein Gesicht, als sie seinen Blick auffing. Sie wurde rot und wandte sich schnell ab. Shawns Laune hob sich.
Hast du noch ein wenig mehr in den Daten rumgestochert, die du aus dem Schiffsspeicher abgezogen hattest?
Robert seufzte. Mit dem ersten Rafferpuls hat Stinger mir nur jede Menge Koordinaten wohlbekannter Handelsplaneten übermittelt, die Emmersil anscheinend in den letzten Wochen besucht hat. Im zweiten Rafferpuls, den ich direkt vor Emmersils Start abgerufen habe, waren ein paar ziemlich gut gesicherte Daten enthalten. Stinger meldete außerdem, dass irgendeiner dieser Koordinatensätze erst kurz vor dem Abflug eingegeben wurde. Leider fehlt die Zuordnung, und der Kleine, Friede seiner metallischen Asche, wird sie mir nun nicht mehr geben können.
Aber du hast doch bestimmt irgendwelche Informationen aus den Koordinaten selbst ziehen können?
Sicher. Ein Datensatz gehört zu dem GSM-Stützpunkt, den wir besucht haben. Zwei weitere liegen in anderen Planetensystemen der gleichen Region, in denen die GSM ebenfalls Rohstoffe abbaut. Dann gibt es noch zwei Datensätze, die nach den Bahnvektoren zu schließen eher zu Orbitalstationen gehören müssten. Der letzte hat einen sehr kleinen und konstanten Geschwindigkeitsvektor.
Also nichts planetengebundenes, sondern eine Station im interstellaren Raum. Vielleicht seine Reparaturwerkstatt.
Raumwerften gibt es fast nur in Umlaufbahnen um Planeten oder Sonnen, wo sie schnell Ressourcen bekommen können. Die einzigen Ausnahmen, die ich kenne, sind Militärwerften der Solaren Flotte oder der United Stars Organisation, und so etwas hat Emmersil wohl kaum aufgesucht. Es klingt mir eher wie eine von diesen Handelsstationen, über welche nicht ganz legale Güter laufen. Eine andere Möglichkeit wäre natürlich auch ein von der GSM abgebauter Asteroid oder Planetoid, den es in den freien Raum verschlagen hat.
Ich verschwende nicht mein Hirnschmalz auf vage Vermutungen, dafür ist es mir zu wertvoll.
Shawn knallte ein paar Münzen auf den Tisch und stand auf. Wenn wir es wissen wollen, müssen wir hinfliegen.
Robert zog die Augenbrauen hoch. Einfach so?
Shawn verschränkte die Arme und verzog die Lippen zu einem breiten Grinsen. Einfach so.
Der Preis der Freiheit ist stetige Wachsamkeit.
Thomas Jefferson
Robert schlug auf den Notschalter, und im selben Moment verstummte jedes Geräusch an Bord des Schiffes. Die Lichter erloschen bis auf schwach schimmernde Biolumineszenzleuchten, und selbst die Luftaufbereitungsanlage schaltete auf Reservoirbetrieb.
Wohoaaah!
, rief Shawn und klammerte sich an das Schott, um nicht in der plötzlich auftretenden Schwerelosigkeit quer durch die Kabine zu segeln. Was ist los, Mann? Ist das dein neuester Versuch in schlechtem Humor?
Robert schüttelte den Kopf, ohne die Augen von der Aussicht vor ihnen zu lösen, und der Ernst in seinem Blick erschreckte Shawn.
Was siehst du dort vorne, Shawnie?
Shawn starrte auf den Vorausschirm. Jede Menge Nichts. Keine Ahnung, was Emmersil hier gewollt haben könnte.
Robert wandte ihm den Kopf zu. Es gibt hier durchaus ein Ziel, das unser verblichener Freund angesteuert haben könnte. Die Massetaster haben es soeben registriert, und wenn man weiß, dass es da ist, kann man es auch sehen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir Emmersils Spur wirklich dorthin folgen sollten.
Shawn hangelte sich durch das Cockpit zum Copilotensessel, zog sich in den Sitz und schnallte sich an. Dann starrte er wieder in den Weltraum hinaus und runzelte die Stirn.
Ich sehe immer noch nichts
, sagte er.
Achte auf das, was du nicht siehst
, erwiderte Robert. Ein drittes Mal musterte Shawn den Ausschnitt des Sternenfeldes vor ihm. Er kniff die Augen zusammen.
Da könnte etwas sein … dort vorne ist ein Loch zwischen den Sternen. Man müsste das mit einer Sternkarte vergleichen.
Ich habe es verglichen. Dort sollten etwa vierzehn Sterne mit bloßem Auge zu erkennen sein.
Shawn nickte langsam. Also ein Himmelskörper, ein Wanderer. Vielleicht ein Komet oder ein Asteroid, wie ich vermutet hatte. Jedenfalls ziemlich klein, so wie es aussieht.
Nein. Unser Freund war vorsichtig. Das dort vorne ist nicht ziemlich klein, sondern ziemlich weit weg. Wenn er hierher kam, blieb auf diese Weise jemandem auf dem Himmelskörper genug Zeit, seine Annäherung festzustellen und ihn zu identifizieren.
Warum das?
Weil er sonst riskiert hätte, von zehntausend Abwehrgeschützen in Sekundenbruchteilen atomisiert zu werden.
Shawn brauchte einen Moment, um das zu verdauen.
Du glaubst, der Wanderer ist bewohnt?
Ich bin mir sicher. Alle Daten weisen darauf hin. Und wenn man das mit dem verschlüsselten Kürzel in Zusammenhang bringt, unter dem die Navigationsdaten standen …
Ein Kürzel?
Die Entschlüsselung dauerte eine Weile. Es lautet QC.
Shawn starrte auf das Loch zwischen den Sternen, bis seine Augen schmerzten. Quinto-Center
, meinte er leise.
Robert nickte. Quinto-Center, das geheime Zentrum der United Stars Organisation, und nebenbei Hauptwohnsitz ihres dank Zellaktivator relativ unsterblichen Gründers Atlan da Gonozal. Mit einiger Wahrscheinlichkeit ist es das.
Haben sie uns schon entdeckt?
Wenn wir Glück haben, sind wir noch nicht angepeilt worden. So lange wir auf toter Mann machen, kann das auch noch eine Weile so bleiben. Ich schlage aber einen sehr vorsichtigen Rückzug vor, ehe wir ihnen zu nahe kommen. Es sei denn, du willst dort hin?
Shawn schüttelte langsam den Kopf. Seine Hand schloss sich fest um die Silbermünze in seiner Hosentasche.
Das wäre das Ende unserer Freiheit
, meinte er.
Mein Wunsch, mein Begehren kann niemand verwehren,
es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei!Unbekannter Autor
Es war der längste Rausch seines Lebens. Als Shawn schließlich wieder zur Besinnung kam, fand er sich mit drei umwerfend schönen, aber leider schlafenden Mädchen in einem der breiten Betten von Madam Lunas Etablissement wieder. Robert saß an einer Wand und sog mit verzücktem Gesicht an einem Rauchstengel. Vorsichtig schälte Shawn sich aus den Armen einer zarten Dellianerin und versuchte, sich aufzurichten. Sofort schlug das zu, was die natürliche Folge eines langen Rausches mit echtem Alkohol war – der schlimmste Kater seines Lebens. Stöhnend ließ er sich zurücksinken.
Ich habe etwas AlkoEx in meiner Tasche
, bemerkte Robert mit einem unziemlichen Grinsen. Möchtest du?
Mute mir jetzt kein Nicken zu, Rob, ja?
Robert kicherte und erhob sich leicht schwankend. Er löschte den Rauchstengel sorgfältig, verstaute ihn in einer anderen Tasche und brachte die wenigen Meter zum Bett in einer Art Tanz hinter sich. Dann sank er schwer auf die Bettkante und zückte eine Injektionsspritze.
Robert!
, rief Shawn.
Was jetzt – willst du es oder nicht? Das hier wirkt schneller als die Tropfen!
Stöhnend ergab sich Shawn in sein Schicksal. Wenige Minuten nachdem das Mittel mit dem Zischen der Hochdruckspritze in seinen Blutkreislauf gedrungen war, wurde der Druck in seinem Schädel bereits erträglicher. Auch bei Robert ließ die Wirkung der gerauchten Droge bereits sichtbar nach.
Deinen Metabolismus möchte ich manchmal haben
, meinte Shawn.
Es hat Vor- und Nachteile
, erwiderte Robert und warf einen kurzen Blick auf die Mädchen, die nun ebenfalls begannen, sich zu regen. Shawn schlüpfte in seine Kleider und lupfte ein Ende des schweren Samtvorhangs vor dem Fenster. Sofort ließ er es wieder fallen.
Zu hell da draußen
, stellte er fest. Es muss schon Mittag sein.
Mittag welchen Tages?
Shawn zuckte die Achseln. Wen interessiert es, solange wir leben und frei sind?
Eine Weile später – und um viele Solar ärmer, die ihm Madam Luna abgeknöpft hatte – brütete der Pseudo-Ire über einer Tasse schwarzen Kaffees.
Und was machen wir jetzt?
, fragte er schließlich.
Robert zog die Augenbrauen hoch. Wir machen weiter wie bisher, was sonst?
Wir können doch nicht einfach … ich weiß nicht. Irgendwas steckt doch hinter dieser Sache. Emmersil war wahrscheinlich ein USO-Agent, nach allem was wir jetzt wissen! Mann, das können wir nicht einfach so von der Platte wischen! Wer weiß, worum es da wirklich ging! Es könnten sich Möglichkeiten für uns bieten …
Zum Beispiel ein Sondertransport nach Beseler
, erwiderte Robert trocken.
Alter, wegen so etwas wären wir doch nicht gleich Verbrecher an der Menschheit. Aber trotzdem, du hast wahrscheinlich Recht. Wir sollten die ganze Sache am besten einfach vergessen.
Shawn starrte wieder in seinen Kaffee.
Hast du die Koordinaten gelöscht?
Habe ich, wie du es verlangt hast.
Gut. Ich habe keine Lust, deswegen in Schwierigkeiten zu geraten. Es hätten zwar viele Möglichkeiten in so einer Information gesteckt, aber mindestens ebenso viele Schwierigkeiten. Ich hoffe nur, ich habe mich bei den Mädchen nicht verplappert.
Hast du nicht. Ich habe aufgepasst.
Gut. Ich wünschte, ich könnte das einfach vergessen.
Für die richtige Bezahlung müsste sich das arrangieren lassen.
Dann gäbe es nur einen Mitwisser mehr.
Für die richtige Bezahlung würde auch der vergessen.
Shawn lachte. Am Ende haben wir einen Rattenschwanz an Leuten, die alle nicht mehr wissen, dass Shawn O'Kenny einmal wusste, wo Quinto-Center sich befindet. Ha! Da warte ich doch lieber ab, bis die USO ihr Hauptquartier wieder verlegt.
Was du niemals wissen wirst, da du nicht mehr nachschauen kannst.
Shawn seufzte. Schluss mit den Sophistereien. Die Frage bleibt: Was machen wir jetzt?
Die Entscheidung überlasse ich dir.
Ah. Wie immer.
Klappernd sank der Löffel in den Kaffee, und Shawn begann zu rühren, ohne Milch oder Zucker hineingetan zu haben. Die Glador-Sinnion Mining Company, hm? Was weißt du darüber?
Entstanden zur Zeit des Vereinten Imperiums aus dem Zusammenschluss mehrerer Großgesellschaften, die gemeinsam Lizenzen in nahezu allen Teilen der Galaxis besaßen
, dozierte Robert einige von ihm recherchierte Fakten. Sie konnten daraufhin eine Menge Konkurrenten einfach schlucken. Nach dem Zusammenbruch des Vereinten Imperiums haben sich manche Teilgruppen wieder gelöst, aber es blieb eine übergreifende Holdinggesellschaft bestehen.
Die sitzen also wie eine Spinne in einem Netz, das weit über das Solare Imperium hinausreicht, hm? Geld lässt eben alle Grenzen fallen.
So könnte man es ausdrücken.
Shawn nickte langsam. Ich hasse Großkonzerne
, sagte er dann. Ich frage mich, in was die da verstrickt sind?
Robert lachte.
Die Freiheit ist ein Luxus, den sich nicht jedermann gestatten kann.
Otto von Bismarck
Und was können Sie?
, fragte der Anwerber, ohne von seiner Projektionstastatur aufzusehen.
Ich bin ein erstklassiger Luft- und Raumpilot, kann mit Energiegeschützen umgehen, bin körperlich in jeder Hinsicht fit, und jeder, der mir dumm kommt, bekommt eins auf die Nase
, antwortete Shawn verbindlich. Nun sah der Bürokrat kurz auf.
Dann passen Sie ja hervorragend in unser Berufsbild. Warum bewerben Sie sich um diese Arbeit?
Ich habe auf Lepso ein paar Schulden gemacht und gehört, man könnte auf den Bergbauasteroiden recht schnell viel Geld machen, wenn man es geschickt anstellt.
Die Arbeit auf den Asteroiden wird nach Leistung bezahlt, Mister, äh
, der Mann schielte kurz auf seinen Bildschirm, O'Kenny. Wenn Sie der Gesellschaft viel erbringen, erbringt die Gesellschaft auch viel für Sie. Das Grundgehalt ist ausreichend, doch über unser Provisionssystem können Sie sich zahlreiche Vergünstigungen erarbeiten, in Form von Zusatzzahlungen oder aber Sonderleistungen.
Sonderleistungen? Was kann ich mir darunter vorstellen?
Freiflüge zu den umgebenden Planeten. Kostenlose Besuche in den Erholungszentren. Und die Nutzung der Vergnügungsmeile von Kandaui.
Kandaui? Nie gehört.
Der Mann hinter dem Schreibtisch lächelte kurz. Eine Insel im Privatbesitz der GSM. Sie steht in punkto Unterhaltung dem restlichen Lepso in nichts nach, aber man bleibt unter sich und riskiert keine unangenehmen Überraschungen.
Oho. Na dann bin ich aber gespannt.
Ihre Identifikationsdaten bitte.
Shawn zögerte. Ich hoffe, man braucht kein sauberes Führungszeugnis für diesen Job? Mir sind da vor ein paar Jahren ein paar Dummheiten passiert, nichts Ernstes …
Wieder dieses kurze kalte Lächeln. Das ist kein Problem, Mister O'Kenny. Wir beurteilen einen Mann nach seiner Leistung, nicht nach seiner Vergangenheit. Solange Sie sich in Diensten der Glador-Sinnion Mining Company nichts zuschulden kommen lassen, ist alles andere nicht wichtig.
Gut.
Shawn schob seine Identitätskarte über den Tisch. Der Mann zog sie über einen Leser, ohne einen Blick darauf zu werfen. Von irgendwo her erschien ein Formular, fertig vorbereitet mit Shawns Daten, und der Mann schob es zusammen mit einem Dokumentenstift über den Tisch.
Unterschreiben Sie bitte hier.
Manchmal wunderte sich Shawn O'Kenny, wie das Papier es geschafft hatte, selbst Jahrhunderte nach Erfindung des ersten Computers noch die Büros zu beherrschen. Doch dies war weder die rechte Zeit noch der passende Ort für solche Überlegungen. Er überflog den Vertrag, warf einen schwungvollen Bogen auf die Stelle des Papiers, die der Mann ihm wies, und schob es zurück.
Schön, Mister O'Kenny. Willkommen bei der GSM. Melden Sie sich in vierzehn Stunden am Schalter drei im Terminal Grün acht in Obarschin. Sie nehmen den nächsten Transporter. Alles, was Sie wissen müssen, wird Ihnen während des Fluges per Hypno-Schulung vermittelt werden. Und denken Sie bitte daran: Sie haben sich hiermit fest verpflichtet. Sollten Sie zur genannten Zeit nicht am genannten Ort sein, haben wir durch Ihre Unterschrift die Autorisierung, Sie polizeilich und mit anderen uns zur Verfügung stehenden Mitteln suchen zu lassen.
Shawn beschlich das Gefühl, gerade seine Seele dem Teufel verkauft zu haben.
Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.
Perikles
Unruhig warf sich Shawn auf der harten Matratze herum. Noch hatte er nichts von den zahllosen Vergünstigungen gesehen, die man ihm versprochen hatte. Aber seine Arbeit hatte auch gerade erst angefangen.
Er hatte sich das Anwerbungsbüro sorgfältig ausgesucht, in welchem er in die Dienste der GSM getreten war, und er war wie erhofft auf GSM-48-Zentral zum Einsatz gekommen, jenem Stützpunkt, den Emmersil mit ihnen angesteuert hatte. Doch damit war sein Glück auch schon zu Ende. Bis er seinen Wert bewiesen hatte, teilte man ihm mit, müsse er erst einmal als einfacher Arbeiter in den Minen Erz schneiden, wie die anderen auch. Später würde man sehen, ob er einen Platz als Pilot bei den Transferschiffen oder der Versorgungsflotte bekommen konnte.
Erz schneiden hieß, früh aufstehen, von Zentral zu einem der trostlosen Felsbrocken hinaufgeflogen werden, dort durch eine Schleuse in ein endlos tiefes Loch hineinfahren, und vor Ort dann mit dem Laser so lange Erz aus den Wänden des Schachtes schneiden, bis man vor Erschöpfung fast zusammenbrach. Es schien, als seien Menschen beim Erkennen der genauen Verläufe ertragreicher Adern noch immer unersetzlich, oder aber sie waren trotz der benötigten lebenserhaltenden Maßnahmen einfach billiger als Roboter. Das Grundgehalt jedenfalls war bestenfalls ausreichend, und die Arbeit gefährlich, denn auf den Asteroiden konnte jeder schmale Spalt im Gestein den Verlust der Atemluft bedeuten. Andererseits gab es kaum Gelegenheiten, das Geld auszugeben, das man verdiente, denn für Essen und Unterbringung war gesorgt, wenn auch nicht gerade auf hohem Niveau, wie Shawn jeden Morgen wieder feststellte.
Die Lichter gingen an, und Shawn schloss geblendet die Augen.
Aufstehen, Mädels! Steinzeit!
Der müde Scherz des Schichtleiters wurde mit gemurmelten Flüchen quittiert, während sich ein Dutzend Männer aus ihren Decken schälten.
Shawn war sofort auf den Beinen und schnappte sich seine Waschutensilien. Ehe die anderen auch nur die Füße richtig auf dem Boden hatten, war er bereits im Waschraum verschwunden. Mochten sie denken, was sie wollten, aber es lag Shawn nicht, mit elf anderen Männern einen Baderaum zu teilen. Besonders nicht, wenn diese Männer einen ausgesprochen groben Umgangston hatten.
Während er im Eiltempo seine Zähne schrubbte, starrte Shawn sich selbst im Spiegel an. Er wusste, wie er auf die Leute hier wirkte. Obwohl er die gleiche Arbeit tat wie jeder andere, hielt man ihn für einen Schwächling. Das hatte verschiedene Gründe, beispielsweise dass er der Kleinste war und von vergleichsweise schmalem Körperbau. Und auch die Lächerlichkeit, die sie seinem irophilen Verhalten zuordneten, trug dazu bei. Vor allem aber war es seine absichtliche Zurückhaltung, die dieses Bild hatte entstehen lassen.
Sieben Tage lang hatte er jede Rempelei und jede Provokation mit einem Lächeln hingenommen. Er hatte abgewartet und beobachtet. Nun wusste er, wer die Leithammel und wer die Mitläufer waren, und wo er seinen Hebel ansetzen musste, um die Anerkennung der anderen zu bekommen.
Den blonden oder weißhaarigen Mann, der nach Emmersils Besuch zurückgeblieben war, hatte er leider nicht ausfindig machen können.
Im Essensraum trafen sie mit dem Rest der Schicht zusammen. Acht Kleinmonde und Asteroiden wurden von GSM-48-Zentral aus abgebaut, und auf jedem kamen zusätzlich zu den Robotern pro Schicht etwa 20 Bergmänner zum Einsatz. Mehr als 150 Männer erzeugten in der großen Halle eine Geräuschkulisse wie das Summen eines Bienenstocks, untermalt von lautem Geschirrklappern. Über allem lag der Geruch von altem Fett und zu lange gebratenen Eiern. Nachdem er als Erster aus dem Waschraum zurückgekehrt war, hatte Shawn sich beim Anziehen genug Zeit gelassen, um sicher zu stellen, dass er der Letzte war, der den Saal betrat. Er nahm ein Tablett, häufte sich die vier letzten Eier auf seinen Teller, nahm dazu eine Kelle gebratenen Reis und schüttete ein paar Haferflocken über das ganze. Entgeistert starrte die Küchencrew ihn an.
Kraftnahrung
, meinte Shawn und grinste breit.
Er wandte sich um und ging den Mittelgang entlang in Richtung der letzten freien Plätze am anderen Ende des Saales. Plötzlich, auf halbem Weg, geriet er ins Stolpern. Er riss die Arme mit dem Tablett hoch, um das Gleichgewicht zu halten, und Teller, Eier, Reis und Haferflocken begannen eine Flugbahn, die schließlich auf Kopf und Brust eines großen sonnengebräunten Mannes mit Stoppelfrisur endete. Mit einem Brüllen, das die Tische erbeben ließ, fuhr der Mann hoch. Shawn hatte sich inzwischen wieder gefangen und schenkte ihm sein strahlendstes Lächeln.
He, Mann, du siehst aus als hätte dich jemand geteert und gefedert
, sagte der Pseudo-Ire in die entstandene Stille hinein. Der bekleckerte Hüne starrte ihn sprachlos an. Dann kam Bewegung in ihn.
Ich werde dich zwischen meinen Fingern zerquetschen, du lächerlicher Knirps!
, stieß er hervor, während er sich an seinen Sitznachbarn vorbeidrängte. Du wirst mir meine Kleidung und meine Schuhe sauberlecken, wenn ich mit dir fertig bin, und dankbar dafür sein, dass du so glimpflich davon kommst!
Ach weißt du, das Essen will ich, glaube ich, nicht mehr, das ist jetzt deines
, entgegnete Shawn und stellte das leere Tablett auf dem Tisch ab. Und ich nehme anderer Leute Eier nicht so gerne in den Mund, auch wenn das hier bei manchen vielleicht Sitte zu sein scheint.
Der Kopf seines Gegners wurde unter der Sonnenbräune noch eine Spur dunkler, und seine Augen quollen hervor. Kaum hatte er sich aus der Sitzreihe gezwängt, stürzte er sich auch schon auf den zwei Köpfe kleineren Pseudo-Iren. Doch dieser stand längst nicht mehr an der Stelle, an der sein Gegner ihn erwartet hatte.
Der Riese fuhr herum. Auch er war nicht gerade langsam. Shawn hatte seine Kampfreflexe bereits bei zwei Prügeleien beobachten können und empfand durchaus Respekt vor ihm. Doch jetzt, da sein Gegner in Wut war, verlor er mit einem Teil seiner Beherrschung auch an Gefährlichkeit.
Du Wanze! Stell dich!
, forderte der Mann, den Shawn gedanklich den Bullen genannt hatte.
Shawn winkte ihm mit einer Hand. Komm doch, Dicker. Oder traust du dich nicht?
Sein Gegenüber sprang fast, und mit der Gewalt eines Dampfhammers schwang seine Faust herum. Shawn duckte sich darunter hindurch und brachte sich mit zwei schnellen Schritten wiederum hinter den anderen. Auch dieses Mal blieb ihm keine Zeit, den Vorteil auszunutzen, ehe der andere seiner Bewegung folgte und mit seiner anderen Faust einen Schlag von unten ansetzte.
Shawn sprang im letzten Augenblick zurück. Dann blieb er stehen, die Beine weit auseinander in einem sicheren tiefen Stand, die Arme nur leicht erhoben.
Der Bulle hatte Boxerstellung eingenommen, tänzelte ein wenig und machte dann einen schnellen Ausfallschritt, der eine rechte Gerade vorantreiben sollte. Wieder wich Shawn im letzten Augenblick aus, doch dieses Mal ging er zum Gegenangriff über. Ehe es der andere sich versah, war O'Kenny in seinen Bereich hineingetaucht, hatte seinen Arm gepackt und seinen eigenen Schwung genutzt, um ihn zu Fall zu bringen. Eben noch hatten die beiden Kämpfer aufrecht voreinander gestanden, und im nächsten Augenblick lag der Große rücklings am Boden, während der kleine, lächerliche Möchtegern-Ire auf seiner Brust thronte, die ausgestreckten Finger der einen Hand über seinen Augen schweben ließ und ihm mit der anderen Hand das bisher verborgen gehaltene Frühstücksmesser an die Kehle drückte.
Und jetzt möchte ich keine Beschwerden mehr hören
, befahl Shawn deutlich. Sonst geht es dir noch wie dem Mann auf Levaldin Vier, der sich unbedingt mit mir anlegen musste, weil er eine Wette verloren hatte. Sie haben ihn am nächsten Morgen aus dem Fluss gezogen. Kein netter Anblick, sage ich dir.
Shawn musste nicht einmal lügen. Der Vorfall hatte sich genau so ereignet, wie er ihn berichtete. Allerdings war der Sturz in den Kanal nicht Shawn, sondern dem übermäßigen Alkoholgenuss des Mannes zuzuschreiben. Dennoch hatte man Shawn zu dem Vorfall befragt, und für eine kurze Weile hatte er die Anrüchigkeit eines Mörders genossen. Auch später noch hatte er stets darauf geachtet, die Dinge so darzustellen, dass er immer noch derjenige gewesen sein könnte, der den Mann in den Kanal befördert hatte. Bei der Art Geschäfte, die er gelegentlich betrieb, konnte ein solcher Ruf durchaus hilfreich sein. Und auch hier verfehlten die Worte ihre Wirkung nicht.
Der Mann wurde bleich. Shawn drückte die nicht besonders scharfe Klinge noch etwas stärker an seinen Kehlkopf.
Was ist hier los?
, erklang plötzlich eine neue Stimme.
Blitzartig schob Shawn das Messer in die Brusttasche seines Gegners. Mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen stand er auf und drehte sich zu den beiden Angehörigen des GSM-Sicherheitsdienstes um, die hinter ihm aufgetaucht waren.
Ich wollte diesem Kollegen nur eine kleine Demonstration asiatischer Kampfkunst geben
, erläuterte er. Eigentlich bin ich ja mehr für irisches Boxen, aber …
Mitkommen. Alle beide
, befahl der Mann mit dem silbernen Streifen auf der Schulter.
Wenn, dann nehmen Sie doch bitte nur mich mit. Der Kollege hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Andernfalls hätte ich ihn ja wohl kaum zu Boden werfen können, oder?
Der Blick des Mannes wanderte zwischen Shawn und dem noch immer etwas verwirrt schauenden Bullen hin und her. Dann nickte er. Also gut. Du kommst mit. Tilkin kann bleiben.
Shawn drehte sich um und streckte dem Bullen die Hand entgegen, um ihm auf die Beine zu helfen. Scheint, als müssten wir unseren Unterricht ein andermal fortsetzen, Grashüpfer
, sagte er leichthin.
Der andere nickte nur.
Shawn zuckte die Achseln, schenkte dem ganzen Saal ein letztes gewinnendes Lächeln und wandte sich dann ab, um den Männern zu folgen. Hinter ihm klang zögerlich das Geräusch des summenden Bienenstockes wieder auf. Nur klang es nun mehr wie ein Wespennest.
Das Gefängnis betritt man gewöhnlich nicht freiwillig und bleibt auch selten freiwillig darin, sondern hegt das egoistische Verlangen nach Freiheit.
Max Stirner
Shawn legte die Hände auf die Pritsche und drückte kurz. Er seufzte. Er hätte es sich nicht träumen lassen, dass es ein noch härteres Bett gab als das in seinem Schlafraum. Aber hier, in der kleinen Zelle des GSM-Gefängnisses, hatte er es gefunden.
Na, wenigstens muss ich mich heute mal nicht abrackern
, brummte er, während er sich auf die Kante der Pritsche setzte.
Freu dich nicht zu früh
, bemerkte eine Stimme aus der Nebenzelle. Du bekommst für die Zeit hier kein Geld, das Essen ist noch ungenießbarer als draußen und außerdem zu wenig, und wenn du Pech hast, bekommt einer der Wärter schlechte Laune und lässt sie an dir aus.
Das soll er mal wagen.
Wenn zwei dich festhalten, ist für den dritten nicht mehr viel Wagnis dabei.
Meine Güte, hätte ich das alles gewusst, hätte ich mich lieber in 'nem Knast des Sol-Imp vor meinen Gläubigern versteckt als hier!
Dort wäre der Komfort bestimmt höher gewesen
, kam die trockene Antwort.
Shawn ging zum Gitter und streckte nahe der Wand seine Hand hindurch, so dass der andere sie sehen können musste. Ich bin Shawn. Shawn O'Kenny. Wer bist du?
Schichtleiter Ensar Golding. Na ja, wohl eher ehemaliger Schichtleiter. Entschuldige, wenn ich nicht aufstehe, aber ich bin verletzt.
Verletzt? Wovon das?
Ich hatte mich unabgemeldet vom Gelände entfernt, und die Wachleute haben mich mit einem Einbrecher verwechselt.
Rasch sah Shawn sich um. An der Wand seiner Zelle hing eine kleine polierte Metallplatte, die man als Spiegel benutzen konnte. Er nahm sie ab und schob sie zwischen den Gitterstäben hindurch. Dann drehte er sie, bis die Pritsche der Nachbarzelle ins Blickfeld kam. Vage war darauf eine Gestalt mit einem hellen Haarschopf zu erkennen.
Shawn grinste.
Wir Iren haben wirklich das Glück gepachtet
, murmelte er.
Was hast du gesagt?
Nichts Wichtiges. Ist man denn hier wenigstens vor kleinen, krabbelnden Viechern sicher? Ich meine solche mit Antennen auf den Köpfen?
Die Antwort kam zögerlich. Keine Ahnung. Aber warum sollte es sie geben?
Shawn zuckte die Achseln. Wer weiß. Manche Leute sind einfach übernervös und glauben, alles überwachen zu müssen. Kürzlich bin ich so einem nervösen Typen begegnet. Einem Antiquitätenhändler, der sich auf Schritt und Tritt verfolgt fühlte. Verrückte Sache, das. Wollte nicht richtig raus damit, was los war. Ich dachte, der spinnt, aber irgendwer hat ihn wohl tatsächlich erwischt. Sein Schiff hat ne hübsche Feuerblume am Himmel abgegeben.
Shawn sah, dass der Mann auf der Pritsche sich umgedreht hatte und ihn nun im Spiegel betrachtete. Der Ire ließ wie beiläufig den Daumen über die Platte rutschen und formte dabei drei Buchstaben, während er unaufhörlich weiter redete.
Er wollte mein Schiff mieten, aber dann ist er doch im letzten Moment abgesprungen. Mochte sich doch nicht auf jemand anderen verlassen. Na ja, da bin ich an dem Abend stattdessen rüber nach Veletras geflogen und habe einen Zug durch die Kasinos gemacht.
U …
Das hätte ich mal lieber lassen sollen. Mann, ich habe selten so viel Pech am Stück gehabt. Und bei wem habe ich mir das Geld geliehen?
S …
Bei diesem Hai Tariks! Ich hätte es mir denken können, dass das nicht gut geht. Und jetzt sitze ich hier und hoffe, dass ich schneller das Geld zusammen habe als er mein Schiffchen findet und es losschlagen kann. Sonst sitze ich auf immer am Boden fest, ein Landkriecher wie alle anderen!
O
Ensar Golding hatte sich aufgesetzt. Er wirkte bleich, doch Shawn war nicht sicher, ob es an seiner Verletzung lag oder an dem, was er gerade erfahren hatte.
Wie lange sitzt du denn jetzt schon hier, Freund?
, fragte Shawn.
Etwas länger als eine Woche
, erwiderte der Blondschopf.
Harte Sache. Und alles nur, weil du außer der Zeit austreten warst?
Der andere schüttelte den Kopf. Nein. Meine Schicht hat kürzlich so ein komisches Ding gefunden, auf einem der Monde. Schien etwas Altes gewesen zu sein, keine Ahnung was, aber vielleicht etwas für die Archäologen. Ich hab es abgegeben und später einem der Sicherheitsleute davon erzählt. Scheint als habe er das Ding geklaut und sei damit abgehauen. Jetzt glauben sie, ich hätte mit ihm unter einer Decke gesteckt. Hätte ich bloß mein Maul gehalten.
Sein Blick wanderte zu dem Lichtpunkt in der Decke, der die Zelle beleuchtete, und zurück zum Spiegel. Das Verrückteste ist, ich glaube, das Ding ist ihnen gar nicht wichtig. Aber sie glauben anscheinend, der Typ hätte mit dem Teil auch noch was anderes rausgeschafft. Sie stellen mir nämlich ne Menge seltsamer Fragen, die ich beim besten Willen nicht beantworten kann.
Shawn pfiff durch die Zähne. Und dabei sind sie anscheinend nicht gerade zimperlich.
Nein, das sind sie nicht.
Golding lachte auf. Aber da ich noch nicht einmal weiß, was sie von mir wollen, werden sie wohl trotzdem nichts aus mir herausbekommen.
Und so lange sie nichts aus dir herausbekommen …
… komme ich wiederum hier nicht heraus. Aber dabei geht es mir wohl immer noch besser als den Knackis.
Den Knackis?
Shawn horchte auf. Wir sind Knackis. Oder was meinst du sonst damit?
Hast du sie noch nicht gesehen? Die Leute aus der Sonderabteilung für Gefahreneinsätze? Die, die niemals einen Vertrag hier unterschrieben haben?
Shawns Hand schloss sich fester um den Spiegel. Nein
, sage er.
Frag die anderen, wenn du hier wieder rauskommst. Früher oder später werdet ihr welchen begegnen. Dann kannst du dir selbst ein Bild machen. Wie lange sitzt du noch?
Ich bin nur heute hier drin. Ist mehr 'ne Verwarnung, nichts Ernstes.
Dann grüß mir morgen meine Freunde.
Shawn nickte. Das werde ich.
Freedom is just another word for nothing left to loose.
(Freiheit bedeutet lediglich, dass du nichts mehr zu verlieren hast.)Kris Kristofferson
Die Knackis?
Tilkin der Bulle biss ein Stück von seiner Wurst ab und ruckte auf dem Felsbrocken herum, auf dem er saß. Das sind die Jungs, die wirklich übel dran sind. Keine Ahnung, wo sie die herbekommen, aber anscheinend sind die nicht freiwillig hier. Andererseits hat jeder von denen bestimmt schon was auf dem Kerbholz, so wie die aussehen. Knackis eben. Strafgefangene aus allen möglichen Welten. Lebenslängliche wahrscheinlich. Nach denen kräht in den meisten Gegenden eh kein Hahn mehr.
Ist das denn erlaubt?
Der Bulle lachte auf. Erlaubt? Glaubst du, diese terrageborenen Weicheier da ganz oben im Imperium würden so etwas erlauben? Die würden 'nem Gefangenen ja eher noch den Hintern abwischen, wenn sie dazu Zeit hätten! Ich habe schon von Gefängnissen gehört, da gab es sogar Trivid-Spiele …
er schüttelte den Kopf und widmete sich wieder seinem Mittagessen.
Tilkin hatte nicht vergessen, dass Shawn ihm den Knastbesuch und den damit verbundenen Gehaltsverlust erspart hatte und gab sich nun alle Mühe, sich zu revanchieren. Er zeigte dem Pseudo-Iren einige Kniffe, über die man seine Erzausbeute erhöhen konnte, und beteiligte ihn zudem an dem Abgabesystem, das er unter den Arbeitern eingeführt hatte. Shawn brachte ihm dafür ein paar hilfreiche Griffe aus seinem Nahkampfrepertoire bei.
Nebenbei war Tilkin Shawns persönliche Nachrichtensendung, denn der Bulle wusste über alles Bescheid, was passierte.
In zwei Tagen kommen wir an einen Hohlraum ran. Dann wird es gefährlich
, bemerkte Tilkin. Schätze, dann wirst du sie kennen lernen, die ganz harten Jungs.
Ich sage es ja, wir Iren können uns auf unser Glück verlassen
, brummte Shawn, während er aufstand und nach seinem Laserbohrer griff.
Häh? Was sagst du?
Nichts wichtiges, Tilkin. Iss du einfach weiter, damit du genug Kraft hast, um uns beide nach Kandaui zu bringen.
Kandaui!
Tilkin grinste breit. Warte nur, bis du die Mädchen dort kennen lernst!
Tilkins Vorhersage bewahrheitete sich zwei Tage später. Kurz vor dem Schichtmittag wurden die Arbeiter in einen weiter am Grubenanfang gelegenen Raum zurückgerufen. Der Raum war abgedichtet, hatte eine Schleuse, in der zwei Schutzanzüge hingen, und ein Funkgerät. Shawn blieb an der Tür stehen und starrte Richtung Schachteingang. Eine Gleiterscheibe näherte sich, auf der einige Männer saßen. Sie trugen Raumanzüge und schweres Gerät, mit dem auch härtere Gesteinsschichten zerstört werden konnten.
Die Wand zum Hohlraum muss komplett aufgebrochen werden, damit die Geräte rein können, mit denen die Risse verschlossen werden
, erläuterte Tilkin. Der Hohlraum ist unter Vakuum, und das wollen wir ja hier nicht unbedingt drin haben.
Er grinste über seinen Scherz, und Shawn grinste zurück, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder dem sich nähernden Trupp zuwandte.
Als der Gleiter an ihm vorbeifuhr, drehte einer der wenigen Männer, die ihre Helme noch nicht geschlossen hatten, sich zu ihm um. Shawn blieb beinahe das Herz stehen. Dunkles, rotschimmerndes Haar, samtbraune Haut und ein paar stechender dunkler Augen. Ein Akone, wenn er jemals einen gesehen hatte.
Heiliger Sankt Padraigh
, flüsterte er.
Tilkin war neben ihn getreten. Ich sagte doch, das sind die ganz harten Jungs. Und jetzt komm rein, wir wollen die Schleuse zu machen.
Shawn folgte ihm in das Innere des Raumes.
Eine halbe Stunde lang saßen sie beisammen, spielten Karten oder Würfelspiele, unterhielten sich, sahen Trivid oder dösten einfach nur vor sich hin. Die ganze Zeit spürten sie immer wieder die Erschütterungen von Explosionen.
Shawn saß am Funkgerät und spielte daran herum. Der Schichtleiter warf zwar gelegentlich Blicke zu ihm herüber, doch es schien ihn nicht wirklich zu stören. Also machte der Pseudo-Ire sich bei ganz gering gestellter Lautstärke gezielt auf die Suche nach den Kommunikationsfrequenzen des Sondertrupps und hielt sein Ohr an den Lautsprecher. Schließlich bekam er schwach Stimmen herein, die gerade die Festigkeit eines Felsbogens diskutierten. Shawn hörte die verschiedensten Akzente heraus. Diese Leute kamen wirklich aus den entlegensten Teilen des Imperiums.
Wir müssen hier ansetzen, sonst bricht uns alles über dem Kopf zusammen
, hörte er jemanden sagen.
Das dauert zu lang
, kam als Antwort. Du weißt, was passiert, wenn wir es nicht im Zeitplan schaffen.
Wenn wir dabei drauf gehen, ist das auch nicht besser.
Manchmal denke ich, das wäre die beste Möglichkeit. Draufgehen und dabei so viele von denen mitnehmen, wie es geht.
Schwachsinn.
Das war der Akone, da war sich Shawn ziemlich sicher. Nur wer lebt, kann entkommen. Nur wer entkommt, kann sich wirklich an denen rächen, die uns hierher gebracht haben. Also arbeitet. Und lebt!
Wir versuchen es hier drüben
, meldete sich eine andere Stimme zu Wort. Das könnte schneller gehen, und ist nicht ganz so gefährlich.
Shawn hörte, dass die Geräte wieder eingesetzt wurden. Zehn Minuten lang hörte er nichts als die Maschinen und gelegentliche angestrengte Laute. Dann schrie plötzlich jemand: Weg da! Du schneidest zu weit links!
Im selben Moment gab es einen ohrenbetäubenden Krach, und Shawn konnte die Erschütterung des Einsturzes bis in die Kammer hinein spüren. Er sprang auf und rannte zur Schleuse. Die anderen sahen kaum auf.
Tilkin?
, rief Shawn, als er die Schleuse erreicht hatte. Der Bulle winkte ab und schüttelte den Kopf.
Vergiss es, Junge. Ich gehe da nicht raus. Nicht wegen der Knackis. Es werden schon bald welche von Zentral kommen, die sich drum kümmern.
Shawn wartete nicht einmal ab, bis Tilkin ausgesprochen hatte. Er zog die Schleusentür hinter sich zu, stieg in einen der Raumanzüge und schlug auf den roten Knopf. Die zweite Tür öffnete sich, und mit einem leisen Zischen entwich die Luft. Shawn sah auf die Anzeige. Der Druck im Gang war bereits auf ein halbes Bar gefallen. Er griff sich den zweiten Anzug und rannte den Stollen hinunter.
Wertvolle Minuten verstrichen, während Shawn sich mehrmals orientieren musste, um die richtige Stelle zu finden. Über den Helmfunk hörte er Flüche und Schreie, die ihm wenig weiter halfen. Einige waren dem Einsturz anscheinend entkommen und versuchten nun, denen zu helfen, die verschüttet waren. Wieder sah Shawn auf seine Druckanzeige. Ein Drittel Bar, und weiter sinkend, wenn auch nicht mehr ganz so schnell.
Endlich erreichte er den Schauplatz des Unglücks. Zwei Männer, die einen dritten stützten, kamen ihm entgegen. Der Anzug des Mannes war an mehreren Stellen aufgeschlitzt, und Blut tropfte heraus, doch er schien keine ernsthaften Verletzungen erlitten zu haben.
Shawn sprintete weiter. Er sah, dass die Wand zum Hohlraum komplett eingebrochen war.
Vier Männer waren unter den Trümmern erkennbar. Einem von ihnen hatte ein Felsblock Helm und Kopf zertrümmert. Ein weiterer hing mit seinem Arm unter einem Felsen fest, doch sein Anzug schien intakt zu sein, und er verhielt sich ruhig. Zwei andere Männer versuchten, einen Felsen vom Bein des dritten Mannes zu heben, der vor Schmerzen schrie und sich wand. Dem vierten lag eine zerbrochene Felsnadel quer über der Brust und dem linken Arm, sein Anzug war zerfetzt und der Helm in tausend Stücke gesprungen. Es war der Akone. Shawn bezweifelte, dass er noch lebte. Doch in diesem Moment hob der Mann die rechte Hand, wischte sich einige Splitter vom Gesicht, wandte den Kopf und sah in seine Richtung.
Ein schneller Blick auf die Anzeige sagte Shawn, dass der Druck langsam bedrohliche Werte annahm. Er setzte über einige Felsbrocken hinweg in den Hohlraum hinein, in dem die Roboter bereits die Arbeit aufgenommen hatten. Doch anstatt gezielt nach einem Leck zu suchen, deckten sie einfach gemäß ihrer Programmierung systematisch die Wand Stück für Stück komplett mit dem Abdichtschaum ein. Shawn öffnete die Wartungsklappe eines Roboters, schaltete ihn auf manuelle Zieleingabe um und steuerte ihn an die Stelle, an der er anhand der Bewegung von Staubteilchen in der Luft das Leck vermutete. Nachdem der Roboter die Arbeit aufgenommen hatte, ließ die Luftströmung sofort deutlich nach.
Shawn wandte sich wieder den Geschehnissen an der eingebrochenen Felswand zu.
Der Mann mit der Beinverletzung war befreit und wurde zum Gleiter getragen. Die beiden, die zurückgekommen waren, zeigten deutliche Zeichen der Erschöpfung. Ratlos standen sie einen Moment herum und fingen schließlich an, dem Mann mit dem eingeklemmten Arm zu helfen. Shawn sprang wieder zurück in den Gang und schleppte den zweiten Anzug, den er gebracht hatte, zu dem Akonen. Er löste die Luftzuführung vom Helm des Anzugs und schob sie dem nahezu bewusstlosen Mann in den Mund. Der Akone hob die Hand und hielt den Schlauch fest. Seine Atmung war durch den Felsen stark eingeschränkt, und zusätzlich war die atembare Luft sehr dünn geworden. Er würde nicht mehr lange durchhalten können.
Kämpfe und lebe
, sagte Shawn in den Helmfunk. Ich bin gleich wieder da.
Er stand auf und sah sich suchend um. Die meisten Geräte waren bei dem Einsturz zerstört worden, doch er fand etwas, das ähnlich wie sein Laserschneider aussah. Er nahm das Gerät auf und testete es an einem herumliegenden Fels. Der Brocken zerfiel sauber in zwei Hälften.
Und jetzt das gleiche noch einmal als Präzisionsschnitt
, murmelte Shawn. Er kehrte zu dem Akonen zurück, erwog sorgfältig, welche Stelle die geeignetste war, und setzte dann an. Ohne das geringste Zittern führte er einen Schnitt durch, der kurz oberhalb des eingeklemmten Armes des Akonen endete. Dann schaltete er das Gerät ab und atmete auf, als der obere Teil der Nadel sich langsam nach unten neigte und abbrach.
Ihr zwei, hierher!
, rief er den beiden zu, die den Beinverletzten zum Gleiter gebracht hatten. Ihr müsst den Felsen stützen während ich schneide, damit er nicht über seinen Kopf rollt!
Gehorsam stellten die beiden sich auf, und Shawn führte seinen zweiten Schnitt durch.
Und jetzt wollen wir doch einmal sehen, ob jemand, der Baumstämme wirft, nicht auch so einen Felsen stemmen kann. He ihr zwei, der da lebt sogar ohne euch noch ne Weile! Kommt hierher, hier gilt es!
Zu fünft hoben sie den Felsbrocken an und trugen ihn über die Beine des Akonen hinweg zur Seite. Dort ließen sie ihn fallen und sahen einander zum ersten Mal richtig an.
Wer bist du denn?
, fragte einer der Männer Shawn. In seiner Stimme klang plötzliches Misstrauen auf.
Ist das wichtig? Ich bin hier, um euch zu helfen. Das ist mehr, als man von den anderen sagen kann. Also helft mir jetzt noch, diesen Mann in den heilen Anzug zu stecken, und dann kümmert euch um den anderen. Verflixt noch mal, kommt hier denn gar keine Hilfe von Zentral?
Einer der Männer lachte auf. Wegen uns? Wohl kaum. Und deine Hilfe wird dir auch nicht gerade Freunde einbringen.
Shawn funkelte den Mann an, dann schaltete er den Funk aus, entriegelte den Helm und schob ihn zurück. Der plötzliche Abfall im Umgebungsdruck nahm ihm fast die Sinne. Er sank auf die Knie, doch er blieb bei Bewusstsein.
Jetzt hör mir mal zu, Söhnchen
, krächzte er. Es ist mir völlig egal, ob ich mir bei den Bossen hier Freunde oder Feinde mache. Aber was mit euch geschieht, das ist mir nicht egal. Also hör auf, mich mit deinem Misstrauen zu beleidigen, oder ich klopfe dir das Hirn aus dem Schädel!
Der Mann schien verstanden zu haben. Wortlos bückte er sich und begann, den zerfetzten Anzug des Akonen zu öffnen. Shawn klappte seinen Helm wieder zu und genoss erst ein paar Atemzüge lang den sich langsam wieder aufbauenden Druck, ehe er ebenfalls zupackte. Sie steckten den inzwischen tatsächlich bewusstlosen Akonen in den Anzug und schlossen den Helm. Shawn verband ihn wieder ordnungsgemäß mit dem Luftschlauch und drehte langsam den Druck hoch.
Als im Gang endlich die Geräusche einer sich nähernden Gleiterscheibe zu hören waren, öffnete der Akone gerade mühsam die Augen. Shawn kontrollierte seine Außenanzeige. Die Kompressoren hatten auf Hochtouren gearbeitet, es herrschten bereits wieder 750 Millibar im Gang. Er öffnete seinen Helm und den seines Gegenübers.
Hör mir gut zu
, sagte er leise. Ich bin hier, um euch zu helfen.
Er öffnete seinen Anzug und zog etwas aus seiner Tasche, das wie ein kleines Steinchen wirkte. Das hier ist eine Sende- und Empfangseinheit, die mit Rafferpuls arbeitet. Der blaue Fleck ist für Aufnahme, der grünliche für Senden, der weiße zum Abhören eingegangener Nachrichten. Wenn etwas empfangen wurde, ändert er seine Farbe und wird rot. Du brauchst etwas Dünnes oder Spitzes um die Schalter zu aktivieren, und am besten steckst du das Ding beim Abhören einer Sendung in den Mund. Beim Abspielen wird die Nachricht gelöscht, also gut hinhören! Versteck es sorgfältig, und achte gut darauf. Ein Freund von mir könnte dir eine Nachricht senden wollen.
Der Akone nahm das Steinchen und schob es unter seine Zunge.
Wie soll mein Freund dich nennen?
, fragte Shawn.
Ereton Darti
antwortete sein Gegenüber. Er wirkte trotz der Schmerzen, die er haben musste, mit jedem Moment sichtlich kräftiger. Hast du meine Schwester gesehen?
Deine Schwester?
Ja. Sie muss hier irgendwo sein. Ihr Name ist Atale.
Ich habe hier nirgendwo Frauen gesehen.
Die Spuren führten eindeutig hier her. Und egal, was du vorhast, ohne sie tue ich nichts und gehe nirgendwo hin.
Shawn öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Dann nickte er kurz. Ich werde nach ihr suchen
, versicherte er. Doch dann schuldest du mir einen Gefallen.
Der Akone funkelte ihn wortlos an.
Die Freiheit lieben, heißt andere lieben; die Macht lieben, sich selbst zu lieben.
William Hazlitt
Shawn sah von seinem Teller auf, als ein Sicherheitsmann den Gang entlang kam und neben ihm stehen blieb.
Der Chef will dich nach dem Abendessen sprechen
, teilet der Uniformierte ihm mit. Du gehst einfach hoch und meldest dich in seinem Vorzimmer, klar? Verwaltungsgebäude, dritter Stock, am Ende des Ganges.
Darf ich vorher noch duschen und mich umziehen?
, fragte Shawn.
Der Mann sah auf ihn hinab und rümpfte die Nase. Schätze, das wäre zu empfehlen. Aber mach nicht zu lange, der Chef will auch irgendwann schlafen gehen.
Er wandte sich ab und verließ mit langen Schritten den Saal.
Oha, du machst aber schnell Karriere
, meinte Tilkin mit vollem Mund. Ob im Guten oder im Schlechten wird sich allerdings erst noch rausstellen
, setzte er grinsend hinzu und gab Shawn einen Klaps auf die Schulter, der den Pseudo-Iren ein Stückchen tiefer auf die Bank sinken ließ.
Was ist der Chef für ein Typ?
, fragte Shawn.
Tilkin zuckte die Achseln. Keine Ahnung. Hab ihn bisher nur einmal bei der Jahresansprache gesehen, wo er uns allen für die gute Zusammenarbeit gedankt hat und so was. Der hält sich ziemlich fern von uns. Hat sogar seinen eigenen kleinen Raumgleiter da oben auf dem Dach.
Und wo wohnt er?
Das ganze vierte Stockwerk vom Verwaltungsgebäude ist seine Wohnung. Gelegentlich lädt er da auch seine Geschäftspartner ein, die sich das hier anschauen wollen. Dann gibt es wohl die tollsten Partys, mit allem, was sie von Lepso herschaffen können – Mädchen, Rauchzeug, Alkohol, Drogen …
Gibt es hier eigentlich auch sonst irgendwelche Frauen?
Hier? Nee, das würde zu viel Ärger machen. Allerdings hab ich mal läuten hören, der Chef hätte eine oben. Kannst ihn ja fragen, wenn du ihn besuchst. Vielleicht teilt er sie mit dir.
Tilkin zeigte wieder einmal all seine blankgescheuerten Zähne samt den Essensresten dazwischen.
Shawn verkniff sich jeden weiteren Kommentar dazu und beendete schnell seine Mahlzeit. Dann zog er sich in den Waschraum zurück. Während er das Wasser der Dusche laufen ließ, fasste er eine kurze Nachricht an Robert ab und schickte sie los.
Etwa eine halbe Stunde später machte er sich auf den Weg zum Leiter der Niederlassung.
Shawn wurde sofort vorgelassen und betrat am Ende einer breiten Treppe ein großes, schlicht wirkendes Büro, das seinen Wert nur dem Kenner preisgab. Deckentäfelung und Möbel waren aus edelsten Hölzern, an den Wänden hingen in schmalen Goldrahmen Originale bekannter Künstler, und die Couchgarnitur, die um einen Tisch mit Schieferplatte herum stand, war – ebenso wie der schwere Sessel hinter dem Schreibtisch – mit seltenem Kolwis-Echtleder bezogen. Dazu standen auf einem Beistelltischchen mehrere Flaschen alkoholischer Getränke, von denen jede einzelne ein Vielfaches von Shawns Monatslohn kostete.
Der Pseudo-Ire registrierte das alles ohne zu zeigen, dass er sich des Wertes der Dinge bewusst war.
Eine breite Fensterfront an der Seite des Büros zeigte einen großzügigen, mit farbenfrohen Blumen und Büschen bepflanzten Dachgarten, der von indirektem Licht erhellt wurde. Er musste durch Verglasung oder ein Prallfeld vor der Kälte der Nacht dieses Planeten geschützt sein, anders konnte sich Shawn nicht erklären, wie die Pflanzen hier gedeihen konnten. Eine Schiebetür stand einen Spalt breit offen und ließ einen Hauch betäubenden Blütenduftes herein. Vor der Glasfront stand die hohe Gestalt Merten Janivels, des Leiters und uneingeschränkten Herrschers von GSM-48.
Janivel drehte sich um, als Shawn den Raum betrat, und machte eine Handbewegung. Sofort wurde die Raumbeleuchtung heller, während die des Gartens abnahm. Ungeniert musterte Shawn nun seinen geschäftsmäßig gekleideten Gegenüber. Selbst das sanfte indirekte Licht des Raumes machte das kantige Gesicht unter dem kurzgeschnittenes schwarzen Haar nicht weicher. Kalte Augen, ausdruckslose Miene und leicht zusammengedrückte Lippen – Janivel trug alle Züge, die Shawn schon oft an Pokertischen und in Geschäftsräumen gesehen hatte. Er wirkte hart, unpersönlich, und bar jeder erkennbaren Gefühlsregung.
Shawn hatte keinerlei Zweifel, dass GSM-48 von einem Mann geleitet wurde, der dem Wort Skrupel
keinerlei Bedeutung beimaß, wenn es um den eigenen Vorteil ging. Und das Büro, in dem die beiden Männer standen, zeigte deutlich, welche Art von Vorteilen der Direktor anstrebte. Für Shawn war bereits die unaufdringliche Art der Demonstration von Einfluss und Reichtum durch die Einrichtung ein klarer Hinweis auf den Ehrgeiz seines Besitzers gewesen. Der Anblick des Direktors selbst überzeugte ihn, dass der Mann auch in der Lage war, seine Ziele zu erreichen.
Nehmen Sie bitte Platz, Mr. O'Kenny
, sagte Janivel und wies auf einen Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches. Shawn machte einen Schritt darauf zu, blieb dann jedoch wieder stehen, da Janivel selbst keinerlei Anstalten machte, seinen Platz am Fenster zu verlassen.
Wenn Sie sich nicht setzen
, erwiderte Shawn, möchte auch ich lieber stehen bleiben.
Wie Sie wünschen.
Shawn versuchte, Ironie oder Herablassung aus den Worten zu hören, doch es gelang ihm nicht. Die Gefühle des Mannes waren hinter einer perfekten Maske verborgen. Janivel wandte sein Gesicht wieder dem Garten zu, als interessiere es ihn nicht wirklich, was hinter ihm vorging. Einen Moment lang herrschte Schweigen.
Mr. O'Kenny, Sie haben eine erstaunliche Karriere hinter sich
, sagte der Direktor endlich. Man berichtete mir, dass Sie es innerhalb der ersten zwei Wochen geschafft haben, einerseits unser Gefängnis zu besuchen, und andererseits unter den Arbeitern zu einem der Feudalherren aufzusteigen. Und nun sind Sie auf bestem Wege, sich bereits vor Ablauf des ersten Monats einen Prämientag auf Kandaui zu verdienen. Sie sind ein erstaunlicher Mann.
Er machte eine Pause, doch Shawn hatte nicht den Eindruck, dass eine Antwort erwartet wurde. Also hielt er den Mund und musterte die Pflanzen vor dem Fenster.
Ich glaube, Sie sind intelligenter als die meisten hier
, fuhr Janivel schließlich fort. Und deshalb möchte ich nur zu gerne wissen, was in Ihrem Kopf vorging, als Sie ohne Erlaubnis des Schichtleiters den Druckraum verließen.
Ich hatte nicht den Eindruck, dass der Schichtleiter irgendwelche Einwände hatte
, antwortete Shawn. Und ich fand, dass es in dem Moment wichtigere Dinge gab als Karten zu spielen oder Trivid zu schauen.
Und die wären?
Das Eigentum der GSM zu schützen.
Nun wandte Janivel sein Gesicht wieder Shawn zu. Seine Augen schienen dem Pseudo-Iren bis auf den Grund seiner Seele dringen zu wollen. Ist es das, was Sie darin gesehen haben? Eine Gefährdung unseres … Eigentums?
Janivel betonte das letzte Wort deutlich.
Shawn nickte.
Und Sie waren der Meinung, man müsse es schützen?
Erfahrene Arbeitskräfte sind stets schwer zu bekommen. Sie sind zu wertvoll, um sie einfach vor die Hunde gehen zu lassen.
Janivel zeigte die kühle Andeutung eines Lächelns. Eine kluge Einsicht. Und eine Bestätigung meiner Einschätzung Ihrer Intelligenz.
Er musterte Shawn einen Moment schweigend, als wäge er die von ihm gehörten Worte noch einmal sorgfältig ab. Dann machte eine wegwerfende Handbewegung. Die Leute des Sonderkommandos sind der Bodensatz der verschiedensten Völker der Galaxis. Es ist nicht einer dabei, der nicht seiner Gesellschaft bereits als Schmarotzer, Quertreiber oder sogar als Verbrecher mehr Schaden zugefügt hat, als er in einem ganzen Leben wieder gut machen könnte. Manche von ihnen hätten es über kurz oder lang sowieso nach Beseler oder auf die jeweiligen Strafplaneten der für sie zuständigen Regierungen gebracht.
Der Direktor zuckte die Achseln, ohne jedoch auch nur einen Moment den Blick von Shawn zu lösen.
Aber solange sie hier ihre Arbeit tun, sind sie es wert, am Leben gehalten zu werden. Sie fallen niemandem zur Last und leisten eine gewisse Wiedergutmachung gegenüber der galaktischen Gemeinschaft. Die Organisation zahlt gut für diese Leute und achtet darauf, dass alle, die am Schicksal des Betroffenen Interesse haben könnten, in den Genuss dieses Vorteils kommen.
Shawn zog die Augenbrauen hoch. Ich hätte nicht gedacht, dass sich dieses Geschäft so sehr lohnen könnte.
Die Arbeit für die GSM ist nur ein kleiner Teil der Bandbreite von Einsatzorten dieser Leute. Wir arbeiten noch mit vielen anderen Gesellschaften zusammen.
Shawn runzelte die Stirn. Wir? Ich dachte, Sie arbeiten für die GSM?
Ich bin in der glücklichen Lage, an zwei Teichen fischen zu können. Ich bin die hiesige Schnittstelle zwischen Anbieter und Kunde. Ich versuche, die Interessen beider Seiten bestmöglich zu vereinbaren.
Ich verstehe.
Shawn nickte und musterte dann seine Schuhspitzen. Aber etwas anderes verstehe ich nicht: Wie kommt es, dass sich sogar Akonen unter Ihrer Ware befinden? Ich persönlich würde deren Abschaum nicht einmal geschenkt haben wollen.
Janivels Blick wurde nachdenklich. Sie scheinen den Akonen nicht gerade viel Liebe entgegen zu bringen.
Wer tut das schon? Sie schießen quer, wann immer sie können. Außerdem habe ich einmal eine Ladung an sie verloren.
Wie das?
Sie meinten, es wäre unerlaubte Ware, und haben sie einfach beschlagnahmt. Ich bin mit Mühe und Not mit heiler Haut davon gekommen. Das war das letzte Mal, dass ich mit Akonen Handel getrieben habe!
Sie erstaunen mich immer mehr, O'Kenny. Sie haben also mehr als einmal mit Akonen zu tun gehabt.
Leider ja.
Was wissen Sie über diese Leute?
Dass ihr Stolz und ihre Arroganz einen in den Wahnsinn treiben können.
Nun glitt ein wirkliches Lächeln über Janivels Züge. Ja, da muss ich Ihnen zustimmen.
Er trat zu dem kleinen Tischchen, öffnete eine der Flaschen und schenkte zwei Fingerbreit einer hellbraunen Flüssigkeit in ein Glas. Dann hielt er die Flasche so, dass Shawn das Etikett sehen konnte. Möchten Sie auch etwas?
Shawn traute seinen Augen nicht. Zweihundert Jahre alter Single Malt Whisky aus einer schottischen Traditionsbrennerei! Unmöglich, so etwas abzulehnen. Er nickte und kam ebenfalls an das Tischchen heran, während Janivel in ein zweites Glas ungefähr halb so viel einschenkte, wie er sich selbst genommen hatte.
Ich persönlich mache keine Geschäfte mit Akonen, aber die Organisation tut es gelegentlich
, bemerkte der Leiter von GSM-48 dabei. Auch dort gibt es manchmal Leute, die unangenehm werden und auf diese Weise nutzbringend aus dem Weg geräumt werden können. Man sagt, es sei gar nicht so übel, mit den Akonen Geschäfte zu machen. Man muss sich nur auf ihre Bedingungen einlassen. Allerdings ist man vor Überraschungen natürlich nicht gefeit – angenehmen wie unangenehmen.
Shawn nahm sein Glas auf und sog den Duft des Getränkes tief in sich hinein, ehe er einen Schluck nahm. Der Whisky lief weich über die Zunge und wärmte die Kehle, wie es sein sollte. Janivel trank ebenfalls und starrte Shawn dann über den Rand seines Glases hinweg an.
Ich frage mich, ob Sie mir helfen könnten, eine unangenehme Überraschung zu einer angenehmen zu machen
, sagte er.
Shawn blinzelte kurz. Ich helfe der Gesellschaft gerne, so lange die Gesellschaft mir hilft.
Hier im Gebiet GSM-48 bin ich die Gesellschaft, Mr. O'Kenny. Und ich habe ein kleines Problem. Ein Problem, das vermutlich noch etwas größer geworden wäre, wenn Sie nicht eingeschritten wären.
Ein akonisches Problem?
Janivel nickte kurz und stellte dann sein Glas ab. Kommen Sie mit, ich möchte Ihnen etwas zeigen.
Hastig nahm Shawn noch einen Schluck, ehe er dem Niederlassungsleiter folgte.
Die Wand, auf die Janivel zuging, wurde von einem großen, blauschimmernden Oval beherrscht, das Shawn beim Näherkommen als Bildschirm erkannte. Janivel berührte einen Kontakt, und eine Kontrollleiste klappte aus der Wand. Er gab etwas ein.
Schlagartig wechselte der Bildschirm von einer zu vielen Farben. Ein Raum wurde sichtbar, in den die Kamera von schräg oben hineinblickte. Es war ein Schlafzimmer, dessen Wand- und Deckenverkleidung auf luxuriöse Ausstattung hindeuteten. Die Möblierung wollte jedoch nicht so recht dazu passen, denn sie war ausschließlich aus Metall und wirkte wie aus den Räumen der Bergleute entnommen. Ein elegant geformtes, ebenfalls metallenes Doppelbett beherrschte die Raummitte. Auf dem Bett, unter einer schlichten Wolldecke, lag eine schlafende Frau mit schulterlangem dunklem, rötlich schimmerndem Haar und samtbrauner Haut. Ein kaum verheilter Schnitt an ihrer Wange und eine Schürfwunde am Kinn ließen vermuten, dass sie nicht ohne Gegenwehr in die Lage geraten war, in der sie sich befand. Die Verwundungen taten ihrer Schönheit jedoch keinen Abbruch.
Mein Kuckucksei
, meinte Janivel. Sie war anscheinend jemandem im Weg, und derjenige nutzte die Organisation, um sie zu beseitigen. Von dort wurde sie vor wenigen Tagen zu mir weitergereicht. Ich habe keine Ahnung, wer sie ist, denn sie tut, als würde sie mich nicht verstehen, und ich kann noch kein Akonisch. Können Sie Akonisch, Mr. O'Kenny?
Shawn nahm einen Schluck Whisky, um seine plötzlich trocken gewordene Kehle zu befeuchten.
Ein wenig
, antwortete er dann. Was man so hier und da auf den Raumhäfen aufschnappt.
Ich komme nicht an sie heran, zumindest nicht in der Art, wie ich es möchte. Sie hat die ursprünglichen Möbel des Raumes zerstört, um sich daraus Waffen zu bauen. Daraus mögen Sie schließen, dass sie keine gewöhnliche Frau ist. Aber sie ist jemand, den ich gerne unter meiner Kontrolle hätte, und sei es nur, um notfalls den Spieß gegenüber meinen Geschäftspartnern umdrehen zu können.
Ein leichtes Lächeln huschte über sein Gesicht. Das, wofür sie mir eigentlich gegeben wurde, ist jedenfalls noch der geringste Nutzen, den ich aus ihr ziehen könnte. Auch wenn ich manchmal versucht bin, sie nach Kandaui zu schicken, damit man ihr dort angemessenes Benehmen beibringt.
Shawn hob das Glas, um die in ihm aufsteigende Wut herunterzuspülen. Janivel musterte ihn aufmerksam.
Der Akone, dem Sie auf dem Asteroiden das Leben gerettet haben, ist mir nicht angeliefert worden. Er wurde von meinen Leuten hier auf Zentral kurz nach der Ankunft der Frau aufgegriffen. Mit ziemlicher Sicherheit ist er ihretwegen gekommen, und ich vermute, dass ich seine Anwesenheit nutzen könnte, um sie etwas
, er wiegte den Kopf, kooperativer zu machen. Aber dafür muss ich mit ihr sprechen können. Würden Sie für mich mit ihr sprechen?
Shawn sah auf den Bildschirm und zuckte die Achseln. Ich kann es versuchen.
Der Leiter von GSM-48 drückte eine Taste. Ein Lautsprecher musste aktiviert worden sein und hatte dabei wohl ein Geräusch von sich gegeben, denn sofort sprang die scheinbar schlafende Frau aus dem Bett und ging in eine Abwehrstellung. Shawn sah zu Janivel. Sie haben Ausrüstung für Hypno-Schulungen hier. Warum haben Sie die Sprache nicht selbst gelernt?
Bedauerlicherweise gab es zuvor nie einen Anlass dazu. Wissen Sie, Shawn, ich komme kaum von hier weg. Alles wird über Mittelsmänner geregelt. Und ich bin ein zu unbedeutender Teil des Netzwerks, als dass sich jemand die Mühe gemacht hätte, mich hier in Dingen ausbilden zu lassen, die ich nicht benötige. Ich habe jedoch inzwischen einen entsprechenden Datensatz gekauft, der aber erst in einigen Tagen hier eintreffen wird. Er war nicht so leicht zu bekommen, weil die Nachfrage gering ist, und ich wollte es meinen Auftraggebern verständlicherweise nicht unbedingt unter die Nase reiben, dass ich mich um Verständigung mit dieser Frau bemühe.
Shawn nickte verständnisvoll und wandte sich wieder dem Bildschirm zu. Die Frau hatte ihre kurze Unterhaltung wohl gehört, doch es war nicht erkennbar, ob sie etwas davon verstanden hatte. Shawn kramte in seinem Hirn nach den paar akonischen Worten, die er kannte, und überlegte gleichzeitig fieberhaft, was er sagen konnte, ohne Janivels Misstrauen zu erwecken. Er war sich nicht so sicher, ob der Mann bezüglich seiner völligen Unkenntnis des Akonischen die volle Wahrheit gesprochen hatte.
Grüße
, sagte er schließlich. Ich bin ein Freund, der mit dir reden will.
Die Frau lachte. Ihre Stimme klang erstaunlich tief und rau. Hier gibt es keine Freunde für mich
, verstand Shawn.
Janivels Blick leuchtete auf. Was hat sie gesagt?
Nichts Wichtiges. Nur, dass sie hier keine Freunde hat.
Sagen Sie ihr, dass ich ihr Freund sein möchte. Sie soll mir nur endlich verraten, wer sie ist.
Shawn wandte sich wieder der Frau zu. Du hast hier Freunde, Atale
, sagte er auf akonisch. Ich bin dein Freund. Janivel hier sagt ebenfalls, dass er dein Freund sein möchte. Doch er ist ein Hund.
Das weiß ich bereits. Aber das ist nicht das, was du mir sagen solltest. Wer bist du, und woher kennst du meinen Namen?
Ihre Haltung war noch wachsamer geworden. In diesem Moment hörte Shawn ein dumpfes Geräusch vom Dachgarten her, als sei etwas umgefallen. Janivel hatte es ebenfalls gehört und drehte sich um.
Ich habe deinen Bruder gesehen
, erklärte Shawn der Akonin. Er wollte dich holen, aber Janivel hat ihn gefangen.
Janivel wandte sich wieder ihm zu, als er seinen Namen hörte.
Worüber reden Sie mit ihr?
Ich versuche, sie zu überzeugen, dass es gut ist, mit Ihnen zusammen zu arbeiten. Bisher scheint sie aber wenig davon zu halten.
Na gut. Lassen wir sie darüber nachdenken. Wünschen Sie ihr eine gute Nacht. Für heute wurde genug geredet.
Anscheinend gewann Janivels Misstrauen doch langsam die Oberhand.
Wir sehen uns bald wieder
, sagte Shawn. Janivel schaltete die Verbindung ab, ehe die Frau etwas antworten konnte.
Shawn starrte noch immer auf das Blau des Bildschirms. Langsam leerte er sein Glas. Er hatte das Gefühl, nach diesen Enthüllungen den Whisky dringend zu benötigen. Gleichzeitig fiel ihm jedoch auf, dass der Alkohol begann, ihm mehr als gewohnt zu schaffen zu machen. Er fuhr sich kurz mit der Hand über das Gesicht.
Wieder zuckte dieses kurze, kalte Lächeln über Janivels Gesicht. Schmeckt Ihnen mein Whisky?
Er ist ausgezeichnet
, antwortete Shawn. Leichtes Schwindelgefühl erfasste ihn. Ein Rascheln drang vom Dachgarten herein, und Shawn wandte sich um und sah hinaus in die Dunkelheit.
Das sind nur ein paar Wachen, die ich zu meiner Sicherheit immer in der Nähe habe
, erläuterte Janivel. Sie haben ihre Waffen stets im Anschlag, um jeden Angriff auf mich im Ansatz zu ersticken. Sie haben doch wohl nicht geglaubt, dass ich jemandem wie Ihnen so ohne weiteres trauen würde?
An Arroganz können Sie es wirklich mit einem Akonen aufnehmen
, entschlüpfte es Shawn.
Wahre Worte, und ein Kompliment für mich
, antwortete Janivel. Aber kommen wir jetzt endlich zum Kern der Sache. Sie sind doch nicht wirklich hier, weil Sie Schulden haben, oder, Shawn O'Kenny?
Nein.
Die Antwort war gegeben, ehe Shawn recht bewusst wurde, was er sagte. Und selbst danach brauchte er noch einen Moment länger, um zu realisieren, dass er die Kontrolle über sich verlor. Während der eigentliche Shawn seine Geheimnisse stets sorgfältig hütete, hatte ein Teil von ihm gerade beschlossen, alles Misstrauen über Bord zu werfen und Janivel als einen Freund zu betrachten. Wie in einer Kreuzsee trieb er noch zwischen den beiden Alternativpersönlichkeiten hin und her, doch es war klar, welche auf Dauer die Oberhand gewinnen würde. Er stöhnte auf.
Wer hat Sie geschickt?
, fragte Janivel.
Diese Frage konnte Shawn bedenkenlos wahrheitsgemäß beantworten. Dennoch konzentrierte er sich so lange wie möglich auf seinen inneren Kampf, ehe er ausstieß: Niemand.
Janivel hob die Augenbrauen. Ah, Sie sind stark, O'Kenny. Fast so gut wie Golding. Aber das nützt Ihnen nichts. Ich habe viel Geld ausgegeben für das Zeug, das Sie getrunken haben. Es wird in seiner Wirkung noch zunehmen, und dann können Sie nichts mehr vor mir verbergen. Aber wenn Sie sich kooperativ zeigen, werde ich Sie danach nur in die Sonderabteilung versetzen, und nicht ins All werfen lassen. Also, wer hat Sie geschickt, Shawn O'Kenny? Die Solare Abwehr? Die USO? Lepsos neugieriger Wohlfahrtsdienst?
Wieder wand sich Shawn scheinbar unter dem Zwang der Droge, ehe er antwortete: Keiner davon!
Sein Blick wanderte unwillkürlich zum Fenster, wo er einen Schatten wahrnahm, doch er nahm sich zusammen und sah wieder in Janivels Gesicht. Sie ahnen gar nicht, was wirklich gespielt wird
, sagte er.
Janivels Augen zogen sich zusammen. Was wollen Sie damit andeuten?
Ein Verdacht schien in ihm aufzukeimen. Schicken etwa die Akonen Sie? Nein, das kann nicht sein. Die würden sich niemals auf Terraner einlassen.
Wer sagt, dass ich Terraner bin?
, erwiderte Shawn ausweichend.
Ihre DNS, Sie Dummkopf. Sie sind ein so reinrassiger Terraner wie mir bisher noch selten einer untergekommen ist.
Schweiß brach auf Shawns Stirn aus. Nennen Sie mich nicht Dummkopf
, sagte er.
Janivel öffnete den Mund, doch ehe er etwas antworten konnte, erstarrte er und sank bewusstlos zu Boden.
Wenn er aber doch Recht hat
, meinte Robert von der Terrassentür her und steckte seinen Narkosestrahler ein.
Hättest dich ruhig auch etwas mehr beeilen können
, ächzte Shawn. Inzwischen rann ihm der Schweiß aus allen Poren.
Es waren immerhin zwei, die ich möglichst lautlos beseitigen musste, nachdem ich es erst mal überhaupt in den Garten rein geschafft hatte. Das ist selbst für jemanden wie mich kein Kinderspiel. Außerdem brauchte ich genug Material für die Sprachsynthetisierung.
Robert zog einen kleinen, absolut glatt erscheinenden Metallwürfel aus der Tasche, hielt ihn an seine Kehle und sagte: Oh wären all die Sonnen mein, die heut mein Aug' erfasst. Merten Janivel GSM-48 Alpha Eins.
Hätte Shawn Robert nicht beobachtet, hätte er geglaubt, Janivel sprechen zu hören.
Als nächstes beugte Jonson sich über Janivels reglose Gestalt, zog ein Augenlid hoch und hielt eine andere Seite des Würfels einen Moment vor das Auge. Danach klappte er das Metallgebilde mit einer schnellen Handbewegung auf, und ein paar weitere Sensoren kamen zum Vorschein. Er nahm noch einige ergänzende Biodaten des Direktors auf, ehe er den Würfel wieder schloss. Nun ging er zum Schreibtisch und untersuchte die darin verborgenen Schaltungen. Schließlich öffnete er den Sensorwürfel an einer anderen Stelle und schüttelte drei streichholzkopfgroße Mikrohackersonden daraus hervor. Er heftete sie an verschiedene Stellen des Tisches und aktivierte sie. Die Sonden falteten sich selbst zu etwas noch Kleinerem zusammen und verschwanden in irgendwelchen Ritzen.
Shawn hatte sich inzwischen auf die Couch sinken lassen und das Glas abgestellt. Mit geschlossenen Augen wartete er, bis Robert seine Arbeit beendet hatte und zu ihm hinüber kam.
Eine Frechheit, einen so edlen Brand mit etwas so Miesem zu versetzen
, bemerkte er und setzte sich mit einem bedauernden Blick auf sein Glas wieder auf. Dann wies er auf das blassblaue Oval in der Wand. Kannst du herausfinden, wo der Raum ist, mit dem der Monitor dort hinten verbunden ist?
Natürlich
, antwortete Robert. Allerdings weiß ich es wahrscheinlich schon. Ich habe dieses Stockwerk auf Körper gescannt, bevor ich reingekommen bin. Durch die Tür dort, den Gang hinunter, der dritte Raum links, wenn ich mich nicht irre.
Das wäre das erste Mal.
Shawn stemmte sich wieder hoch und bekämpfte den resultierenden Schwindelanfall. Worauf warten wir noch. Eine Dame in Not wartet auf Rettung.
Robert öffnete den Zugang zu einem langen Korridor und ging voraus. Wenig später standen sie vor einer stahlverstärkten Tür, die den Zugang zu dem von Robert bezeichneten Raum bildete.
Robert entdeckte keinerlei Alarmvorrichtungen und knackte das elektronische Schloss in weniger als einer halben Minute. Das mechanische dauerte unwesentlich länger. Im selben Moment, als er die Tür aufzog, schoss eine Gestalt heraus und auf Shawn zu. Der Pseudo-Ire warf sich zur Seite, rollte ab und sprang auf. Sein Kopf dröhnte nach dieser Bewegung wie eine Glocke. Doch die Gefahr war bereits gebannt. Robert hielt die Akonin in festem Griff am Boden.
Wir sind Freunde
, rief Shawn auf akonisch. Ich habe eben mit dir gesprochen. Wir sind gekommen, um dir und deinem Bruder zu helfen!
Warum sollte jemand, der kein Akone ist, uns helfen wollen?
, fragte Atale scharf auf Interkosmo.
Shawn ließ sich neben ihr auf die Knie nieder und sah ihr ins Gesicht. Hör mal, Mädchen. Ich hatte mit dir und deinem Bruder eigentlich nichts am Hut, als ich hergekommen bin. Aber nachdem ich weiß, dass ihr hier seid, lasse ich euch bestimmt nicht zurück.
Willst du uns für ein paar Solar Belohnung der SolAb übergeben?
Nein.
Er schüttelte den Kopf. Ich habe für das Solare Imperium beinahe ebenso wenig Liebe übrig wie ihr. Ich halte nämlich nichts davon, mir von einem Haufen selbstgerechter, arroganter Unsterblicher sagen zu lassen, wie ich zu leben habe. Genauso geht es mir allerdings auch mit jedem anderen Reich und seinen Führern. Wer in der Lage ist, klar zu denken, braucht meiner Ansicht nach niemanden, der ihn kontrolliert. Und ich habe insbesondere etwas dagegen, wenn jemand es gegen den Willen der Betroffenen tut.
Er seufzte kurz. Ich werde euch beide einfach laufen lassen. Der Rest ist dann eure Sache.
Sie sah ihn an. Warum sollte ich dir glauben?
Sieh mich an, Mädchen. Schau in meine Augen. Janivel hat mir ein Wahrheitsserum verpasst. Ich könnte dich gar nicht anlügen, selbst wenn ich es wollte.
Er ließ sich auf die Hacken zurücksinken und wischte sich über das Gesicht. Außerdem hast du kaum eine andere Möglichkeit.
Er sah, dass die Worte auf sie wirkten, und winkte Robert, sie loszulassen. Langsam stand die Akonin auf.
Gemeinsam kehrten die drei in Janivels Büro zurück, wo der Niederlassungsleiter noch immer betäubt am Boden lag. Atale schenkte ihm nicht mehr als einen verächtlichen Blick. Shawn warf sich wieder auf die Couch.
Rob, hat Ereton dir durchgegeben, wann seine Gruppe von der Schicht zurückkommt?
, fragte er.
Robert sah auf sein Uhrband. In etwa drei Stunden.
Gut. Dann bleibt uns noch genug Zeit. Sende ihm sofort das Signal. Er wird es vor der Rückkehr abhören. Janivels Raumgleiter auf dem Dach hast du gesehen?
Sein Bruder nickte. Glaubst du, du bekommst ihn in den Griff?
Soweit ich es gesehen habe, ist er nicht besonders gesichert. Sehe keine Probleme.
Dann knack ihn, und nimm die junge Dame hier mit. Sie soll beim Gleiter bleiben, während du mit dem Tornister zur LEPRECHAUN zurückfliegst. Ich nehme an, dass du einen Gleiter steuern kannst, Atale?
Natürlich
, antwortete sie ohne zu zögern.
Dann wird Rob dir die Frequenz geben, auf der das Signal kommt, bei dem du abheben und mir und deinem Bruder zu Hilfe kommen solltest.
Ich gehe mit dir, wenn du meinen Bruder befreist!
Bei allen Heiligen Irlands! Warum müsst ihr alle so idiotisch stur sein? Mit dir im Schlepptau falle ich da unten auf wie ein bunter Hund! Also wenn dir irgend etwas an deiner Freiheit und der deines Bruders liegt, dann schluck gefälligst deinen verdammten Stolz und tu, was ich sage!
Atale öffnete noch einmal den Mund, doch sie schloss ihn wortlos wieder und nickte mit zusammengepressten Lippen. Shawn stöhnte auf und wischte sich abermals den Schweiß von der Stirn.
Langsam wird es lästig. Wenn ich nur wüsste, ob dieser verflixte Janivel hier irgendwo ein Gegenmittel herumliegen hat!
Ich habe etwas dabei, das dir vielleicht helfen könnte, den Wirkstoff schneller abzubauen.
Und das sagst du erst jetzt?
Shawn musste sich zurückhalten, um nicht zu brüllen.
Robert grinste. Du hast mich nicht danach gefragt. Und ich fand es interessant zu hören, was du so alles erzählen würdest, solange du unter der Einwirkung des Serums stehst.
Was ich jetzt denke, lasse ich im Interesse unserer Freundschaft lieber ungesagt! Also her mit dem Zeug!
Robert zog eine Hochdruckinjektionsspritze aus einer Tasche, riss die Verpackung ab, packte Shawns Arm und schoss das Präparat unter seine Haut, ehe dieser recht begriff, was vorging.
So. In fünf oder zehn Minuten sollte die Sache erledigt sein
, bemerkte er, während er die leere Hülse wegsteckte.
Gut. Ich kann dir gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin. Was machen wir eigentlich mit deinen Stingern?
Peter und Paul Stinger werde ich gleich wieder mitnehmen und anfangen, die Daten auszuwerten, sobald ich in der LEPRECHAUN bin
, meinte Robert. Mary Stinger lasse ich noch ein wenig im System. Sie kann uns dann noch alles nachfunken, was die anderen an interessanten Sachen übersehen haben.
Welch eine Verschwendung. Hoffentlich ist es die Sache wert. Wer weiß, wann wir wieder an siganesische Mikro-Komponenten herankommen werden.
Shawn erhob sich und kämpfte einen Moment gegen das Schwindelgefühl. Ich denke, es ist Zeit für mich, zu gehen. Es gibt noch das eine oder andere zu erledigen, bis der eigentliche Tanz losgeht. Hast du meine Sachen?
Rob warf ihm seine Umhängetasche zu. Shawn öffnete sie und ließ einige Dinge daraus in seinen Taschen verschwinden. Als letztes zog er eine kleine silberne Münze heraus und grinste. Ich sehe, du hast an alles gedacht.
Ich gebe mir Mühe.
Shawn nickte und schloss die Finger seiner Linken fest um das Geldstück. Sein Blick fiel dabei auf das Beistelltischchen mit den Flaschen. Janivels Glas stand noch immer nahezu unberührt darauf. Der Pseudo-Ire nahm es auf und hob es gegen das Licht.
Der Becher mit dem Fächer hat den Wein gut und rein
, murmelte er und nahm einen langen Schluck, ehe er das Glas wieder absetzte und einmal tief durchatmete. Er deutete auf die Flasche. Dass du mir ja diesen Whisky mitnimmst, Rob! An so etwas kommen wir in den nächsten siebzig Jahren nicht wieder ran!
Wird gemacht, Boss.
Wir sehen uns auf dem Landefeld, Großer.
Viel Glück, kleiner Shawn LEPRECHAUN.
Hier ist nur Können gefragt. Dein Glück kannst du dir da hin stecken, wo es nie hell wird, Sweeney Dichterkönig.
Auf dem Weg nach unten teilte Shawn dem Mann im Vorzimmer mit, dass Janivel sich bereits hingelegt habe und nicht gestört werden solle, was beides der vollen Wahrheit entsprach. Der Mann war froh, endlich ebenfalls Feierabend machen zu können, und stellte keinerlei Fragen.
Nachdem Shawn das Gebäude verlassen hatte, steuerte er zunächst einmal seinen Wohnkomplex an. Dort schlich er in Tilkins Schlafraum und stieß den Bullen an.
Was ist los?
, brummelte dieser. Warum weckst du mich mitten in der Nacht? Ist was passiert beim Chef?
Shawn schüttelte den Kopf. Ich habe nicht genug Zeit für Erklärungen. Es wird hier irgendwann in der Nacht ein ziemliches Durcheinander geben. Ich möchte, dass du dafür sorgst, dass die Männer sich da raushalten, Tilkin. Sie ersparen sich damit ne Menge Ärger, falls die Solare Flotte hier landet.
Die Solare Flotte?
Tilkins Augen wurden groß. Heißt das –
Das heißt erst einmal gar nichts. Tu einfach, was ich dir sage, Großer. Dann wird man schon dafür sorgen, dass ihr schadlos bleibt. Weißt du, wo Golding ist? Immer noch im Knast?
Hast du's nicht gehört? Golding ist tot. Arbeitsunfall. Ein Einsturz.
Shawn atmete einmal tief durch. Das warf die eine Hälfte seines Planes über den Haufen. Er würde selbst für Unterstützung von außen sorgen müssen und damit mehr Aufmerksamkeit auf sich lenken, als ihm lieb war. Das war aber nun einmal nicht zu ändern, und er konnte nur hoffen, dass es ihm gelang, rechtzeitig wieder abzutauchen.
Danke für alles, Tilkin
, flüsterte er. Warst ein guter Kumpel.
Er klopfte dem Bullen einmal kurz auf die Schulter und verließ den Schlafraum.
In der Tür des Gebäudes blieb er noch einmal kurz stehen und dachte nach. Schätze, die Sonderabteilung für Gefahreneinsätze wird heute Nacht ihrem Namen alle Ehre machen
, sagte er dann leise zu sich selbst. Ein grimmiges Grinsen entstand auf seinem Gesicht, ehe er in den Schatten der Lagerbarracken verschwand.
Der Baum der Freiheit muss ab und zu mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen getränkt werden.
Thomas Jefferson
Ereton Darti starrte auf das Werkzeug in seiner Hand. Ein Laserschneider, der in nichts mit der Eleganz einer richtigen Waffe zu vergleichen war, aber dennoch den Zweck vollständig erfüllt hatte.
Nehmt den Toten die Waffen ab, und dann sofort in den Transporter
, ordnete er an. Ansten, du bleibst beim Piloten und achtest darauf, dass er keinen Unsinn macht.
Weniger als eine Minute später saßen alle Männer auf ihren Plätzen, und das Schott wurde von innen verriegelt. Der Pilot aktivierte die Triebwerke und verließ den Asteroiden mit maximaler Beschleunigung.
Warum lassen wir uns nicht gleich aus dem System fliegen?
, fragte einer der Männer.
Weil diese Dinger reine Planetenhüpfer sind
, antwortete Ereton. Mit denen kommst du nicht weit. Wir brauchen die Versorgungsschiffe unten auf Zentral, deren Reichweite bringt uns wenigstens bis ins nächste System. Um mit denen wegzukommen, müssen wir aber erst die Luftabwehr am Landefeld außer Gefecht gesetzt haben.
Das schaffen wir alleine nicht.
Richtig. Und darum ist es so wichtig, dass wir dort unten Hilfe haben. Wenn wir ankommen, wird es erst richtig losgehen.
Eine Weile herrschte Schweigen, und sie beobachteten, wie der Asteroid hinter ihnen zurückblieb und der Zielplanet nur unmerklich näherrückte.
Ereton, glaubst du wirklich, dass wir hier wegkommen?
, fragte Lutvid schließlich.
Der Akone zuckte die Achseln. Einige von uns schon. Manche werden auch auf der Strecke bleiben. Die meisten von denen, die entkommen können, werden danach von der Flotte aufgesammelt werden, und diejenigen, die aus Gefängnissen stammen, werden dorthin zurück wandern. Aber das ist immer noch besser als das, was ihr hier erlebt habt, oder?
Niemand gab einen Laut von sich, aber Ereton wusste, dass sie alle ebenso dachten.
Und du?
, hakte Lutvid noch einmal nach.
Was ist mit mir?
Wenn die Flotte dich aufgreift, was passiert dann mit dir?
Ereton setzte ein sarkastisches Lächeln auf. Was glaubst du?
Ich glaube, dass die SolAb dich ziemlich in die Mangel nehmen wird.
Damit dürftest du richtig liegen.
Wäre es dann für dich nicht besser gewesen, die Dinge zu lassen, wie sie sind?
Es ging nicht nur um mich.
Lutvid sah ihn erwartungsvoll an, doch Ereton starrte hinaus in den Weltraum. Im Lautsprecher knackte es.
Bereit machen für Kurztransition.
Ereton …
Der Akone winkte ab.
Er würde den Teufel tun, den anderen zu erzählen, dass auf ihn ein Raumgleiter mit interstellarer Reichweite wartete.
Shawn hatte inzwischen die Baracke erreicht, die den Zugang zu dem ummauerten Gebäudekomplex darstellte, in welchem die Sonderabteilung für Gefahreneinsätze lebte. Er wusste von Robert, dass nahezu alle Vorsichtsmaßnahmen dort ausschließlich nach innen gerichtet waren. Mit einem Ausbruchsversuch wurde jederzeit gerechnet, nicht jedoch mit einem Einbruch.
Die beiden Wachen vor der Eingangsbaracke sahen neugierig auf, als Shawn plötzlich aus den Schatten auftauchte. Sie griffen nach ihren Waffen, richteten sie jedoch nicht auf ihn. Shawn warf spielerisch seine Münze in die Luft und fing sie wieder auf, während er auf sie zu schlenderte.
Wer bist du denn? Und was willst du hier?
, knurrte einer der beiden Männer.
Ich bin Shawn O'Kenny. Kannst mich auch Shamrock-Shawn nennen, weil ich ein so vom Glück verfolgter Ire bin.
Er setzte sein liebenswürdigstes Lächeln auf und ließ die kleine Silberscheibe durch seine Finger tanzen. Ich bin hier, um die Nachtluft zu genießen und zu sehen, ob ich nicht jemanden für ein kleines Spielchen finde. Und was habt ihr für einen traurigen Job, dass ihr um die Zeit hier draußen rumsitzen müsst?
Geht dich nichts an
, knurrte der erste Wächter. Scher dich weg von hier.
Der Zweite starrte auf Shawns Hand. Was hast du da?
, fragte er.
Mein Spielzeug. Schau selbst
, meinte Shawn und warf die Münze in einem hohen Bogen auf die Wächter zu. Unwillkürlich folgten beide mit ihren Blicken der immer wieder im Licht aufblitzenden Scheibe. Shawn trat blitzschnell ganz an sie heran, zog seinen Paralysator und schoss auf den einen Mann, während er zeitgleich den anderen mit einem gezielten Tritt ins Land der Träume schickte. Mit der freien Hand fing er danach die Münze wieder auf.
Dass diese Befehlsempfänger immer wieder auf die gleichen dummen Tricks hereinfallen ist schon erstaunlich
, murmelte Shawn und steckte Waffe und Münze weg. Er entwaffnete beide Wächter und wuchtete den ersten nach kurzem Nachdenken auf seinen Stuhl zurück. Er drückte ihn in eine entspannt wirkende Haltung und zog ihm die Kappe etwas ins Gesicht. Für einen flüchtigen Betrachter mochte es so aussehen, als würde er vor sich hindösen. Nun beäugte Shawn den Zweiten. Du wirst austreten, Kollege
, beschloss er. Zwei Penner wären doch zu auffällig.
Er zog den Mann in den Schatten der Baracke, nahm ihm Mütze und Jacke ab und schlüpfte selbst hinein. Als er zur Vorderseite der Baracke zurückkam, war noch immer nichts Ungewöhnliches zu sehen oder zu hören.
Hast wieder Glück gehabt, Shawnie
, meinte er zu sich selbst und holte Roberts Schlossknacker-Werkzeug hervor. Die Barackentür hatte dem noch weniger entgegen zu setzen als das Schloss in Janivels Wohnung. Noch ehe Shawn bis zwanzig zählen konnte, war die Tür offen und gab den Blick in einen dunklen Gang frei. Er trat ein und zog die Tür hinter sich zu.
Jetzt zählt es, Shamrock-Shawn
, flüsterte er. Eine falsche Bewegung, und du bist tot.
Er steckte die Münze in den Mund und schob sie mit der Zunge an die Innenseite seiner Wange. Die Wachen hier drinnen patrouillierten unregelmäßig und immer mindestens in Paaren, und es war nicht zu erwarten, dass er noch einmal mit dem Münzenwurf durchkam. Er hatte noch ein paar weitere Spielereien auf Lager, doch er hatte vor, damit so sparsam wie möglich umzugehen. Mit gezogenem Paralysator schlich er geduckt und lautlos den Gang hinunter, ständig auf jedes Geräusch achtend.
Er fand einen leeren Wachraum, in dem er noch weitere Waffen in seine Tasche wandern ließ. Zwei weitere Durchgänge musste er danach noch öffnen und dabei mehrere Überwachungsmechanismen umgehen oder unauffällig lahmlegen, ehe er den Ausgang auf der anderen Seite des Gebäudes erreichte.
Es gelang ihm, unbemerkt die Baracke zu verlassen und in den Schatten eines Anbaus zu schlüpfen, doch von dort aus lagen immer noch mehrere Meter freie und zweifelsohne überwachte Fläche zwischen ihm und der nächstliegenden Schlafbaracke der Männer der Sonderabteilung
. Während er noch überlegte, was er tun sollte, verließ ihn sein Glück endgültig. Zwei Wachen kamen um die Ecke eines anderen Gebäudes und sahen ihn sofort.
Shawn beschloss, auf Frechheit zu setzen. Er zog sich die Mütze etwas tiefer ins Gesicht und hielt die Hand mit dem Paralysator hinter den Rücken. Dann schlenderte er den beiden entgegen.
Stehenbleiben
, rief einer von den Wächtern, als sie auf fünf Meter heran waren. Shawn gehorchte. Er bemerkte, dass der Sprecher seine Waffe auf ihn gerichtet hielt.
Janivel schickt mich
, behauptete der Pseudo-Ire. Ich soll euch mal ein wenig auf die Finger gucken. Eure beiden Kollegen draußen haben schon ihre Vermerke in der Personalakte bekommen. Aber wie es scheint, stellt ihr euch etwas besser an.
Der Sprecher runzelte die Stirn. Du bist Shawn O'Kenny, einer von den neuen Arbeitern
, bemerkte er. Warum sollte der Chef ausgerechnet dich schicken? Ich glaube dir kein Wort.
Shawn schob mit der Linken die Mütze zurück und seufzte. Der Mann war genau der, der ihn damals in den Knast gebracht hatte.
Jetzt nimm mal ganz langsam die andere Hand nach vorne, O'Kenny. Ich will sehen, was du da drin hast
, meinte der Wächter mit einem Wink seiner Waffe. Wieder seufzte Shawn. Als er die Rechte hinter dem Rücken hervornahm, ging auch der zweite Wächter mit der Waffe in Anschlag.
Wegwerfen
, befahl er. Shawn gehorchte, achtete jedoch darauf, dass der Paralysator nicht allzu weit weg zu liegen kam. Und jetzt die Arme schön weit oben behalten, damit wir die Hände sehen können.
Schon gut. Ich mache euch keine Probleme, Jungs.
Wolltest du Drogen an die Knackis verticken, oder was?
, fragte der erste Wächter. Eyt, geh und nimm ihm die Tasche ab. Möchte doch mal sehen, was er da drin hat.
Der zweite Wächter kam mit immer noch bereiter Waffe auf Shawn zu. Es machte den Pseudo-Iren etwas nervös, als er sah, dass es keineswegs ein Paralysator oder Schocker war, den der Mann hielt, sondern ein handfester Impulsstrahler. Hier wurde offensichtlich nicht lange gefackelt.
Erst als der Wächter bereits dicht vor Shawn stand, steckte er die Waffe weg. Dieser atmete erleichtert auf, sog dann jedoch seine Lunge langsam wieder so voll wie es ging. Der Mann beugte sich inzwischen zu Shawns Umhängetasche hinunter und öffnete sie. Seine Augen weiteten sich vor Staunen über den Inhalt. Während Shawn behutsam die Münze aus seiner Backentasche zwischen seine Zähne schob, richtete der Wächter sich wieder auf und sah zu seinem Vorgesetzten.
Der hat hier ein ganzes Waffenarsenal!
Abnehmen!
, befahl der andere scharf.
Shawn biss kräftig auf die Münze und spürte, wie sie zerbrach. Als Eyt sich umdrehte, um seinen Auftrag auszuführen, ließ Shawn alle Luft aus seiner Lunge. Mit seinem Atem blies er dem Wächter gelben Rauch ins Gesicht, der diesen aufschreien und die Hände vor die Augen schlagen ließ. Sofort duckte Shawn sich, spuckte die Münze aus und rammte dem Mann seinen Kopf in den Bauch. Der Mann taumelte zurück, direkt auf seinen Kollegen zu, und Shawn setzte geduckt nach, immer im Sichtschutz des um sein Gleichgewicht bemühten Wächters. Dann hörte er ein scharfes Geräusch und roch verbranntes Fleisch, und der Mann vor ihm hörte unvermittelt auf zu schreien.
Shawn packte den zusammensackenden Körper und schleuderte ihn noch ein Stück weiter. Der andere Wächter wich zur Seite aus, und Shawn erwischte ihn aus seiner Deckung heraus mit einem Sicheltritt direkt am Schädel. Lautlos sackte der Mann zusammen.
Scheiße
, fluchte Shawn, während er auf den leblosen Körper und die weit aufgerissenen, noch immer tränenden Augen des ersten Mannes starrte. Ein kleines schwarzes Loch in der Brust zeugte von dem Schuss, der eigentlich dem Eindringling gegolten hatte. Idioten, das hätte nicht sein müssen.
Irgendwo ging ein Alarm los, und Shawn wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Er stand nun direkt vor der ersten Schlafbaracke. Ohne zu zögern nahm er dem Toten und dem Bewusstlosen die Impulsstrahler ab und zielte auf die Tür. Mit vereintem Dauerstrahl aus beiden Läufen zog er eine qualmende Linie um das Schloss herum. Als bei beiden Waffen nacheinander der Überlastungsschutz ansprang und sie vorerst desaktivierte, machte Shawn eine schnelle Wendung und setzte erneut seine Beinarbeit ein. Die Tür flog nach innen auf und knallte gegen die Wand. Shawn trat hindurch. Vierzig kampfbereite Männer der Sonderabteilung für Gefahreneinsätze
starrten ihm schweigend entgegen. Er hob die Hände.
Ich bin Shawn O'Kenny
, sagte er deutlich. Und es ist Zeit für ein kleines Feuerwerk.
Es gibt kein Wort heutzutage, mit dem mehr Missbrauch getrieben wird als mit dem Wort
frei. Ich traue dem Wort nicht, aus dem Grunde, weil keiner die Freiheit für alle will; jeder will sie für sich.Otto von Bismarck
Als Robert die LEPRECHAUN auf dem Landefeld aufsetzen ließ, war die Schlacht bereits in vollem Gange. Auf der anderen Seite des Feldes stand der Transporter, mit dem Ereton Dartis Schicht gelandet war. Der am nächsten stehende Wachturm war in den Händen der Gefangenen, und von dort aus wurde jeder Sicherheitsmann beschossen, der zu nahe kam. Es gab allerdings auch einige Bunker, die offensichtlich noch in der Hand der GSM-Leute waren, und aus denen heraus das Feuer heftig erwidert wurde.
Dort, wo Robert aufgesetzt hatte, waren zwei weitere der insgesamt vier Türme unter der Kontrolle der von Shawn geführten Leute aus den Barracken. Nur ein Turm gefährdete noch den Einflugbereich, und dessen Feuer hatte Robert problemlos vermeiden können. Er gab eine kurze Nachricht an Atale weiter, die ebenfalls sofort startete. Dann schaltete er auf Breitbandfunk und Außenlautsprecher.
An die GSM-Sicherheitsleute. Euer Anführer Janivel befindet sich in unserer Hand. Ich würde euch nicht raten, den gleich einfliegenden Gleiter zu beschießen, denn sonst habt ihr euren Boss auf dem Gewissen. Jetzt überlegt euch gut, ob ihr euren Widerstand noch länger fortsetzen wollt. Wenn ja, ist euer Brötchengeber bald Geschichte.
Robert wiederholte die Durchsage noch zwei Mal in leicht abgewandelter Form. Erst dann erhielt er eine Antwort über Funk.
Wir stellen das Feuer ein, wenn ihr es auch tut
, rief jemand. Wenn wir uns nicht wehren, nehmen die uns doch auseinander!
Sonderabteilung, Feuer einstellen! Wir gehen zu Verhandlungen über
, hörte Robert Shawn über einen Stimmverstärker rufen. Wir haben nichts davon, diese Jammerlappen kalt zu machen, aber je früher wir von hier wegkommen, um so mehr von uns erreichen vielleicht noch einen anderen Planeten!
Robert sah Bewegung am ersten Turm. Eine einzelne Gestalt verließ das Gebäude, trat auf das Landefeld hinaus und winkte mit dem Lauf eines schweren Laserbohrers. Robert nahm als sicher an, dass es Ereton Darti war. In diesem Moment wurden auch schon über den Gebäuden der Arbeitersiedlung die Lichter von Janivels Gleiter sichtbar.
Ereton schlenderte in Richtung der LEPRECHAUN.
Atale, flieg über Osten ein und lande direkt neben der LEPRECHAUN
, sendete Robert.
Natürlich
, erwiderte die Akonin mit gereizter Stimme. Offensichtlich empfand sie Roberts Hinweis als äußerst überflüssig.
Wie geht es dem Gebietsleiter?
Zu gut für meinen Geschmack
, gab sie zurück. Aber ich werde ihn trotzdem weiter in Ruhe lassen, solange niemand Ärger macht.
Verbindlichsten Dank
, antwortete Robert. Ich sehe deiner Landung mit äußerster Freude entgegen. Vorbei und raus.
Er schaltete ab. Dann ging er hinaus in die Schleuse und öffnete sie. Ereton stand bereits neben dem Schiff und hielt den Blick fest auf den einfliegenden Gleiter geheftet. Seinen Laserbohrer hatte er am Boden abgestellt.
Ereton Darti, nehme ich an?
, begrüßte ihn Robert. Der Akone nickte nur kurz. Ich bin Robert Jonson. Wir haben ein paar Mal miteinander gesprochen.
Ich weiß.
Ereton klang nicht weniger gereizt als seine Schwester. Robert zuckte die Achseln und sah sich um. Shawn steuerte von seiner Seite des Landefeldes aus ebenfalls auf die LEPRECHAUN zu, während hinter ihm einige der Befreiten ausschwärmten und die Hangartore öffneten, um die fernflugfähigen Versorgungsschiffe herauszuholen. Noch immer blitzten hier und dort einzelne Waffen auf, doch im Großen und Ganzen schien es tatsächlich zu einer Waffenruhe gekommen zu sein.
Ich nehme an, Sie haben irgendwo ein Schiff mit größerer Reichweite versteckt, Mr. Darti?
, fragte Robert.
Der Akone warf ihm einen kurzen Blick zu. Habe ich. Um euren fliegenden Schrotthaufen müsst ihr euch also keine Sorgen machen, wir benötigen ihn nicht.
Hätte Ihre Dankbarkeit Sie denn nicht in jedem Fall davon abhalten sollen, die LEPRECHAUN zu stehlen?
Es gibt Erwägungen, hinter denen jede Dankbarkeit zurückstehen muss. Sie haben doch bereits gemutmaßt, dass meine Schwester und ich in unserer Heimat nicht ganz unbedeutend sind. Sie haben damit recht. Wir dürfen auf keinen Fall in die Hände der SolAb oder der USO fallen. Lieber hätte ich mein Leben hier in den Minen beendet, als das zu riskieren.
Er kniff die Augen etwas zusammen. Sie können sich aber sicher sein, dass Shawn O'Kenny auf die eine oder andere Weise noch aus meiner Dankbarkeit Nutzen ziehen wird. Vorausgesetzt dass es meiner Schwester und mir gelingt, nach Drorah zurückzukehren.
Robert zog einen Datenkristall aus der Tasche. Ich habe eine Kopie der Daten angefertigt, die ich aus dem hiesigen Rechnernetz gezogen habe
, sagte er. Damit können Sie zweifelsohne auch die Hintermänner des Komplotts gegen Ihre Schwester aufdecken.
Er warf Ereton den Kristall zu. Dieser fing ihn auf und steckte ihn wortlos ein. Ich hoffe, dass sich das, was Sie über Ihre Dankbarkeit gesagt haben, auch wirklich bewahrheitet.
Ereton befand das für keiner Antwort würdig. Er setzte sich statt dessen auf diejenige Stelle zu in Bewegung, an der seine Schwester landen würde.
Leben Sie lange und in Frieden
, murmelte Robert Jonson.
Shawn und Ereton begrüßten sich nur mit einem Blick, während dicht neben ihnen der Gleiter niederging. Wenig später öffnete sich die Schleusenklappe, und Atale stieß den gefesselten und geknebelten Janivel hinaus. Der Mann taumelte auf Shawn zu, und dieser fing ihn auf. Als der Pseudo-Ire wieder zum Gleiter sah, hatte Ereton sich bereits hineingeschwungen.
Ich wünsche dir noch viel Glück mit deinem kleinen Aufstand
, sagte der Akone. Wir werden euch jetzt alleine lassen.
Etwas anderes habe ich nicht erwartet
, meinte Shawn. Wenn ihr ankommt, grüßt mir Sphinx schön.
Atale zeigte ihm ihre Zähne, und Eretons Augen funkelten bei der Erwähnung des terranischen Namens ihrer Heimat. Doch sie gingen nicht weiter darauf ein. Ich habe deinen Funkstein noch, Shawn O'Kenny
, erklärte Ereton lediglich. Sollte ich einmal etwas erfahren, von dem ich glaube, dass es dich interessieren könnte, werde ich es dir mitteilen, wenn es den Interessen meines Volkes nicht widerspricht.
Und wer entscheidet das?
Ereton lächelte kalt. Ich. Und ich versichere dir, ich bin durchaus nicht mit allem einverstanden, was Akonen in diesem Teil der Galaxis tun. Du hörst von mir.
Die Schleusenklappe schloss sich. Atale hatte die Triebwerke bereits wieder aktiviert, und der Gleiter hob sich in die Sternennacht.
Da waren's nur noch drei
, bemerkte Shawn mit einem Blick auf Janivel. Die Augen des Leiters funkelten vor kaltem Zorn. Shawn löste seinen Knebel.
Schätze, das war es dann bald für Sie und mich
, meinte er und deutete auf die Versorgungsschiffe, die langsam aus den Hangarhallen rollten. Da fliegen Ihre Investitionen dahin. Vermutlich hätten Sie doch lieber nach einer solideren Anlageform suchen sollen. Ich kann Ihnen das Kuriergeschäft empfehlen, da ist immer was zu holen.
Janivel blieb erstaunlich ruhig. Jetzt, da Sie gewonnen haben, können Sie es mir ja sagen: Für wen haben Sie das hier veranstaltet?
, fragte er.
Sie werden es auch jetzt nicht glauben, aber ich habe Ihnen im Büro bereits die Wahrheit gesagt. Ich bin in niemand anderes Namen hier als meinem eigenen. Wie schon Paracelsus sagte: Einem anderen gehöre nicht, wer sein eigener Herr sein kann.
Dann sind Sie schon so gut wie tot. Sie wissen, dass wir hier nur ein kleines Teilstück einer viel größeren Sache sind. Egal was mit mir passiert – man wird Sie jagen, das verspreche ich Ihnen. Vielleicht könnte ich das aber noch verhindern, wenn Sie diese Farce jetzt beenden.
Ich glaube nicht, dass ich auf die Leute jetzt, da sie die Freiheit zum Greifen nahe haben, noch irgendwelchen Einfluss ausüben könnte. Und ich möchte es auch gar nicht. Mein Leben war schon seit langer Zeit selten ungefährlich, Merten Janivel. Ich werde mich meiner Haut auch in Zukunft zu wehren wissen.
Aus einem der Bunker war in der Zwischenzeit eine Gruppe Sicherheitsleute mit einer zusammengebastelten Verhandlungsflagge herausgekommen. Die Befreiten hatten sich nicht weiter um sie gekümmert, und die Leute kamen nun zielstrebig auf die LEPRECHAUN zu.
Ich glaube, Ihre Eskorte ist im Anmarsch, Janivel
, bemerkte Robert. Der Mann sah ihn an.
Wer sind denn Sie eigentlich?
Robert lächelte. Ich bin Shawns Schatten. Sie werden mich stets dort finden, wo er ist.
Dann werden Sie ebenso sterben wie er, wenn er nicht einlenkt.
Shawn ist der Boss, und ich werde entweder ebenso oder ebenso wenig sterben wie er. So oder so ist es mir recht.
Jetzt ließ Janivel alle Kontrolle fahren, und Hass funkelte aus seinen Augen.
Sie werden noch bereuen, was Sie hier getan haben. Alle beide! Verstärkung ist schon hierher unterwegs, und wenn man Sie jetzt nicht schnappt, dann später. Und dann wird man Sie nicht einfach nur töten, sondern ein Beispiel daraus machen für jeden, der sich gegen uns stellt! Man wird …
Shawn hob die Hand mit dem Knebel.
Sie quatschen mir zu viel vom Sterben, Janivel. Da wird mir ganz elend um's Herz, und wenn ein Ire heulen muss, dann ist die Hölle los! Also ersparen Sie uns das lieber. Andernfalls stopfe ich Ihnen wieder das Maul. Ich verstehe langsam, warum Atale das gemacht hatte.
Janivel atmete tief ein, hielt aber den Mund.
Die Gruppe von Sicherheitsleuten kam heran, als der erste Versorgungstransporter bereits auf dem Startfeld stand. Offensichtlich war auch die Startleitstelle besetzt, denn es baute sich ein Prallfeld auf, ehe eine aufsteigende Staubwolke das Anlaufen der Triebwerke verkündete. Langsam hob sich das Schiff dem Weltall entgegen. Wenig später folgte ihm bereits das nächste.
Ein Offizier der Wachmannschaft löste sich aus der Gruppe und ging auf Shawn zu. Als er auf zehn Meter heran war, hob Shawn die Hand, und er blieb stehen.
Ich will mit Ihnen über die Freilassung von Janivel reden
, sagte der Sicherheitsmann.
Sie können ihn mitnehmen
, antwortete Shawn. Der Exodus der Versklavten ist sowieso nicht mehr aufzuhalten, und außerdem wird zweifelsohne die Flotte bald hier sein. Sie sollten sich also gut überlegen, was Sie in der Zwischenzeit tun, um Ihre Haltung in ein besseres Licht zu rücken. Ich empfehle Ihnen, Janivel zu verhaften.
Wir sind Angestellte der GSM, und er ist unser Vorgesetzter. So etwas können wir nicht tun.
Ich bin sicher, die GSM wäre Ihnen dankbar, wenn Sie es täten. Sie wird alles begrüßen, was sie von den Machenschaften dieses Mannes distanziert.
Shawn gab Janivel einen Stoß, der diesen direkt in die Arme des Offiziers taumeln ließ. Während der Mann seinen Chef auffing und ihm sofort die Fesseln aufschnitt, wandte Shawn sich ab und stieg die Rampe der LEPRECHAUN hinauf.
Sie werden das alles noch bereuen, Shawn O'Kenny!
, schrie Janivel ihm hinterher.
Shawn wandte sich um und machte eine obszöne Geste. Póg mo thóin, Janivel! Und machen Sie sich nicht die Mühe, das in einem Wörterbuch nachzuschlagen!
Er sah Janivels Bewegung noch aus dem Augenwinkel, während er sich wieder zurückdrehte. Es war sein Glück, dass er sich sofort zur Seite fallen ließ. Und es war sein Glück, dass der Offizier die Waffe, die Janivel ihm aus dem Holster riss, offensichtlich auf breitgefächertes Streufeuer eingestellt hatte. Sein größtes Glück war aber Robert Jonson.
Heißer Schmerz durchfuhr Shawns ganze linke Seite, als Robert bereits seine Hand hochriss und den verborgenen Energienadler hervorspringen ließ. Sein Schuss traf den Niederlassungsleiter direkt in die Stirn. Shawn war indessen bewusstlos auf die Rampe gesunken. Während die Sicherheitsleute noch schockiert und ratlos herumstanden, nahm Robert Shawns Körper hoch und rannte ins Innere des Schiffes. Er legte Shawn auf die Liege und schnallte ihn fest, warf sich in den Pilotensessel und leitete einen Sofortstart ein. Während die Sicherheitsmänner so schnell davonrannten, wie sie konnten, verwandelte der anlaufende Triebwerksstrahl der LEPRECHAUN die sterblichen Überreste von Janivel zu Asche. Dann erhob sich das Schiff und ließ den Planeten GSM-48 Zentral hinter sich.
Als die LEPRECHAUN den freien Weltraum erreichte, hatte Robert bereits alle notwendigen Entscheidungen gefällt. Shawns Zustand erforderte deutlich mehr als die notdürftige Versorgung, die er ihm mit den Mitteln des Schiffes zukommen lassen konnte. Gleichzeitig mussten die Daten, die er aus dem GSM-Netz und Janivels persönlicher Datenablage gewonnen hatte, in die richtigen Hände gelangen, und es mussten Kräfte in Marsch gesetzt werden, welche sich um die Befreiten und die Besatzung von GSM-48 kümmerten. Und all das musste schnell gehen.
Robert versorgte Shawn noch während des automatischen Steigfluges so gut er konnte. Er löste die verbrannten Reste der Kleidung vom geschwärzten Fleisch des linken Armes und der linken Seite, reinigte die Oberflächen und besprühte sie mit Biomolplast. Als er fertig war, spritzte er Shawn ein Mittel, das ihn vorerst in ein künstliches Koma versetzte. Danach setzte er sich zurück in den Pilotensessel und rief aus den Tiefen seiner Erinnerung einen Koordinatensatz hervor. Ohne zu zögern gab er ihn in den Navigationscomputer ein und startete die Beschleunigungsphase zum Eintritt in den Linearraum. Dann bereitete er sorgfältig den Funkspruch vor, der, auf allen Frequenzbändern abgestrahlt, sicherstellen sollte, dass er und Shawn auch noch zwei Minuten nach ihrer Ankunft am Ziel lebten.
Das Freisein von etwas erfährt seine Erfüllung erst in dem Freisein für etwas.
Dietrich Bonhoeffer
Herausgeschleudert aus dem Ort ihrer Entstehung und verloren gegangen im kosmischen Murmelspiel zieht eine einsame Felskugel ihre Bahn durch die Leere und Dunkelheit des Alls. Nichts durchbricht die Eintönigkeit der von unzähligen Mikrometeoriten zerklüfteten Oberfläche, deren Felsen das wenige Licht der fernen Sterne aufsaugen, ohne sich daran erwärmen zu können. Nichts lebt auf diesem Steinbrocken. Nichts daran scheint bemerkenswert.
Und dennoch ist er das Zentrum eines Netzes, das die ganze Galaxis umfasst.
Gelegentlich könnte ein Beobachter an der Oberfläche etwas aufblitzen sehen, etwa wenn eine Abdeckung sich öffnet und eine Antenne einen ultrakurzen Hyperpuls sendet oder empfängt. Doch dann kehren Dunkelheit und Ruhe sofort wieder zurück. Durchdringt man aber die Felskruste, wird man nach einigen Kilometern von hellem Licht und einem stetigen Summen empfangen, das die Stille des Alls vergessen lässt. Unzählige Maschinen stellen eine lebensgerechte Umgebung her, sorgen für Materialtransport und Informationsfluss und verarbeiten Abfallprodukte zu neuen Rohstoffen. Rechneranlagen kontrollieren jeden Kubikmeter innerhalb und außerhalb des ausgehöhlten Mondes, um die Sicherheit und das Wohlergehen seiner Bewohner zu gewährleisten. Waffensysteme und Abwehrschilde stehen bereit, um im Notfall auch einen direkten Angriff abzuwehren, und in Hangars warten Schiffe darauf, ins All vorzustoßen. Und überall dazwischen findet man diejenigen, die das Netz gesponnen haben, es erhalten und erweitern, darin arbeiten und leben, zum Schutz der Menschheit und aller befreundeten Intelligenzen:
Die Mitarbeiter und Agenten im Quinto-Center der USO.
Und manchmal auch Wesen, die sich unfreiwillig im Netz verfangen haben.
Was beim heiligen Sankt Padraigh hat dich nur geritten, uns ausgerechnet hierher zu verfrachten?
Shawn O'Kenny saß vornübergebeugt in seinem Sessel, die Stirn in die Hände gelegt und die Arme auf den Oberschenkeln aufgestützt. Seine Augen hielt er fest geschlossen, als zöge er es vor, seine Umgebung nicht wahrzunehmen. Noch immer zierte Biomolplast nahezu alle sichtbaren Hautpartien seiner linken Seite, doch die Ärzte hatten ihm gestattet, aufzustehen, damit er an dem bevorstehenden Treffen teilnehmen konnte. Dem Treffen mit ausgerechnet dem Mann, der auf Shawns Liste der Leute, denen er nicht begegnen wollte, an Nummer Drei stand.
Robert Jonson wurde nicht von solchen Gedanken belastet. Er stand vor einem großflächigen Bild, das einen blauen Planeten mit breiten weißen Wolkenbändern zeigte. Die Sonne stand außerhalb des Aufnahmebereiches und etwas hinter dem Planeten, so dass aus der Sicht des Betrachters weniger als die Hälfte der Kugel von ihr beleuchtet wurde. Das Bild war bewegt, der Planet drehte sich langsam, und man sah auf der Nachtseite gelegentlich die Lichter großer Städte und Ansiedlungen durch die Wolkendecke hindurchscheinen.
Wenn man das so anschaut, könnte man fast Heimweh bekommen
, bemerkte Robert.
Shawn stöhnte. Hör auf, Rob! Du weißt, dass wir nicht nach Terra zurück können. Oder zumindest nicht zu Bedingungen, die ich zu akzeptieren bereit bin. Wenn du unbedingt nach Hause und zurück in die Unfreiheit willst – bitte! Ich halte dich nicht auf!
Siehst du die Dinge nicht etwas zu düster, Shawn?
Nein. Und deswegen bin ich auch nicht gerade begeistert, dass du dir von allen möglichen Zielen Quinto-Center ausgesucht hast!
Shawn sah kurz auf und schenkte seinem Halbbruder einen finsteren Blick, dann senkte er den Kopf wieder zurück in die Hände. Wer weiß, vielleicht geht dein Wunsch schneller in Erfüllung als du denkst. Dem arkonidischen Clark-Kent-Verschnitt hinter dieser Tür traue ich zu, dass er jetzt schon alles weiß, was ich über so viele Jahre versucht habe, vor ihm und seinesgleichen zu verbergen.
Robert drehte sich um und sah Shawn fragend an.
Wer bitte schön ist Clark Kent?
Sie sollten Ihre Kenntnisse der klassischen Comics des 20. Jahrhunderts aufbessern, Mr. Jonson
, erklang eine neue Stimme. Shawn fuhr hoch, und Robert wandte sich um. Beide hatten erwartet, dass die große lederbeschlagene Bürotür an der Stirnseite des Raumes sich irgendwann öffnen würde. Doch nun lehnte der Mann, der mit ihnen sprechen wollte, im Rahmen einer unscheinbaren Seitentür, welcher keiner von beiden besondere Beachtung geschenkt hatte. Langes weißes Haar fiel auf die Schultern einer schlichten USO-Uniform hinunter und umrahmte ein ausdrucksloses Gesicht, in dem lediglich ein leichtes Funkeln der rötlichen Augen eine Ahnung von Belustigung aufkommen ließ.
Entgegen der landläufigen Meinung kann ich allerdings mit meinen Augen weder durch Wände sehen noch Thermostrahlen verschießen
, setzte der Neuankömmling hinzu. Ihr Vergleich hinkt also erheblich, Mr. O'Kenny.
Er stieß sich vom Türrahmen ab und trat zur Seite. Würden Sie bitte hereinkommen, meine Herren?
Robert wirkte kurz, als wolle er Haltung einnehmen, doch dann nickte er nur. Natürlich, Lordadmiral.
Shawn machte sich nicht die Mühe irgendeiner Geste. Er erhob sich lediglich und schlurfte mit gesenktem Kopf hinter seinem Halbbruder her in einen unerwartet schlicht eingerichteten Raum. Vor einem breiten Schreibtisch blieben sie stehen. Shawns Blick fiel kurz auf einen großen Sessel, der in einer Ecke stand und völlig unbenutzt wirkte.
Denken Sie nicht einmal daran, sich dort hinzusetzen
, bemerkte Lordadmiral Atlan, während er an den Halbbrüdern vorbei ging. Sie würden es fertig bringen, uns alle mit den darin verborgenen Kontrollen in die Luft zu sprengen. Nehmen Sie bitte hier Platz.
Während er sich hinter seinem Schreibtisch in einem normalen Kontursessel niederließ, wies er auf zwei ebensolche Sessel auf der anderen Seite des Tisches. Shawn und Robert setzten sich. Noch immer hielt der Pseudo-Ire den Kopf gesenkt, während Robert Jonson jedes Detail des Raumes in sich aufnahm. Sein Blick klebte an den zahllosen Kontrollen, Anzeigen und Bildschirmen, die alle Flächen zierten, und bohrte sich förmlich durch die transparente Panzerplastwand, die den Blick in eine angrenzende Schaltzentrale erlaubte.
Das also ist das Herz der USO
, bemerkte er fast andächtig.
Atlan lächelte kurz. Ja, das könnte man so sagen. Die Einrichtung kommt Ihnen vielleicht unspektakulär vor, aber glauben Sie mir, sie kommt mir deutlich mehr entgegen als der Prunk des Kristallpalastes. Hier drinnen ist alles auf Funktionalität ausgelegt. Nun ja, zumindest fast alles.
Mit einem Stirnrunzeln warf er seinerseits einen Blick auf den ominösen Sessel. Haben Sie jemals versucht, mit einer ertrusischen Raumausstatterin zu diskutieren?
Nun sah Shawn doch auf. Alles hatte er erwartet, doch nicht ein solches Geplänkel, das offensichtlich darauf ausgerichtet war, die Stimmung zu lockern. Sein Blick traf direkt auf den des Arkoniden.
Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?
, fragte dieser.
Nein, danke
, erwiderte Shawn. Ich bevorzuge Kaffee.
Robert räusperte sich, und erst jetzt wurde Shawn bewusst, dass er auf Kastillio-Spanisch angesprochen worden war. Und er hatte ebenso geantwortet. Leichte Fältchen entstanden in den Augenwinkeln seines Gegenübers, die Andeutung eines Lächelns. Shawn wusste, dass er verloren hatte. Doch zunächst wandte der Lordadmiral sich an seinen Halbbruder. Wie ist es mit Ihnen? Kaffee? Tee?
, fragte er dieses Mal auf Interkosmo.
Ich nehme ebenfalls gerne einen Kaffee, Lordadmiral. Vorzugsweise mit etwas Stärkerem darin. Und ich glaube, Shawn könnte das auch gebrauchen.
Irischen Kaffee also für Sie beide. Ich denke, ich schließe mich Ihrer Wahl an.
Er gab seine Order durch. Dann drückte er kurz auf eine Fläche seines Schreibtisches, und ein Monitor schwang herauf. Shawn konnte erkennen, dass eine Personenakte darauf angezeigt wurde.
Atlan lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte schweigend auf das Bild. Ein Robot mit den bestellten Getränken trat ein und stellte die Becher mit dem dampfenden Getränk auf den Schreibtisch, wo sie während des folgenden Gesprächs langsam kalt wurden.
Vor vielen Jahren lernte ich einen damals noch jungen Mann kennen, der Ihre Begeisterung für Comics und Filme des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts teilte, Mr. O'Kenny
, bemerkte Atlan, als der Robot den Raum verlassen hatte. Ein bemerkenswerter Mann. Ein hochbegabter Kybernetiker, der seinen Job bei Whistler aufgab, um stattdessen intelligente und anpassungsfähige Sicherheitstechnologien zu entwickeln und zu vertreiben. Er baute sich ein kleines Imperium auf, das ihm ein Leben in einem gewissen Luxus ermöglichte. Er heiratete eine ebenso bemerkenswerte Frau, eine spanischstämmige Priesterin der Neuen Katholischen Kirche. Dass er asiatischer Buddhist war, machte ihre Beziehung umso erfüllter. Gemeinsam hatten beide einen klaren ethischen Kodex, den sie auch ihrem Sohn weiter zu geben versuchten. Er war ein hochintelligenter junger Mann, der eine hervorragende Ausbildung in all jenen Gebieten der Naturwissenschaften und der Technik absolvierte, die mit der Raumfahrt zu tun hatten. Doch er zeigte wenig Verständnis für die Dinge, die sein Vater tat, und eines Tages kam es, wie es vielleicht kommen musste: Er packte seine Sachen und verließ mit seinem eigenen kleinen Raumschiff das Elternhaus und den Planeten seiner Geburt. Er wurde seither nie wieder auf Terra gesehen.
Shawn räusperte sich und sah durch das Panzerplast in den angrenzenden Raum, in dem eine gut organisierte Betriebsamkeit herrschte. Warum erzählen Sie uns diese Geschichte, Mr. Lordadmiral, oder wie auch immer man Sie anspricht?
Weil wir Ihren Lebenslauf, Mr. O'Kenny, nur bis zu einem Zeitpunkt wenige Monate nach dem Verschwinden von Juan-Javier Chen Sing zurückverfolgen können. Und weil Ihr Gesicht mir sofort bekannt vorkam.
Atlan drehte den Monitor herum, und Shawn sah sich einem Bild seines jüngeren Selbst gegenüber, mit glatten schwarzen Haaren und ohne den Bart, den er seit einigen Jahren kultivierte. Darunter war sein aktuelles Konterfei zu sehen, und dabei der Vermerk: Übereinstimmung 98,759%
. Links davon standen sorgfältig aufgelistet die Eckdaten seines Lebens vor und nach seiner Flucht.
Ich hätte trotz all Ihrer Bemühungen den Computer nicht gebraucht, um Sie wiederzuerkennen, Juan-Javier
, bemerkte Atlan. Ein fotographisches Gedächtnis ersetzt gelegentlich jeden Röntgenblick.
Da siehst du, was du mir eingebrockt hast, Robert
, fuhr Shawn O'Kenny alias Juan-Javier Chen Sing an seinen Begleiter gewandt auf. Ich wusste, dass es vorbei sein würde, sobald ich diesen Raum betrete! Ich wusste es!
Frustriert ließ er seine Fäuste auf die Armlehnen seines Sitzes heruntersausen.
Mr. O'Kenny!
, sagte Atlan scharf. Beherrschen Sie sich gefälligst!
Alle Belustigung war aus seinem Blick gewichen. Nun war er ganz der Lordadmiral, der Imperator, der Flottenführer, der Befehlshaber über Tausende und Millionen, der er bereits länger war, als die terranische Menschheit eine Zivilisation hatte. Es war Shawn unmöglich, sich dieser Ausstrahlung zu entziehen, und er sank etwas tiefer in seinen Sessel hinein. Doch er verkniff es sich, um Entschuldigung zu bitten.
Sie sind nicht der erste verlorene Sohn, den ich aufdecke, und Sie werden auch nicht der letzte sein. Aber ich möchte eines wissen, Juan, oder Shawn: Warum sind Sie damals fortgegangen? Und warum haben Sie es niemals für nötig gehalten, Ihre Eltern über Ihren Aufenthaltsort aufzuklären, oder zumindest über die Tatsache, dass Sie noch leben? Ihre Mutter zündet jedes Jahr eine Kerze an, und Ihr Vater verbrennt Räucherstäbchen vor Ihrem Bild. Und Sie ziehen durch die Galaxis und markieren den starken Mann? Warum, Shawn Juan-Javier O'Kenny Chen Sing?
Nun richtete Shawn sich wieder auf und sah dem Lordadmiral in die kühl blickenden roten Augen.
Weil für mich die Freiheit das höchste Gut eines jeden Denkenden ist
, erwiderte er. Und Freiheit finde ich nicht als Juan-Javier Chen Sing. Freiheit kenne ich erst, seit ich Shawn O'Kenny bin. Und es ist mir wichtig, frei zu bleiben; und wenn es sich ergibt, auch anderen ein freies Leben zu ermöglichen.
Atlan sah ihn lange an, dann nickte er kurz.
Es mag Sie erstaunen, Mr. O'Kenny, aber ich verstehe, was Sie meinen. Unsere Ansichten darüber, wie Freiheit auszusehen hat, mögen auseinander gehen, wie mir die Liste Ihrer dokumentierten Taten zeigt. Aber im Grundsatz stimmen wir überein: Jeder hat das Recht auf Freiheit.
Ganz kurz fragte sich Shawn, wie viel Recht auf Freiheit wohl ein Imperator Arkons oder ein Lordadmiral der USO hatte. Doch er verdrängte den Gedanken schnell wieder. Im Moment musste er den Mann, der vor ihm saß, noch immer als potentiellen Gegner betrachten. Sympathie half ihm da nicht weiter.
Atlan stand auf und wandte sich ab. Mit dem Rücken zu ihnen stand er vor der durchsichtigen Pa+nzerplastwand und starrte hindurch. Jemand auf der anderen Seite sah auf und machte einige Handzeichen. Atlan nickte zurück.
Ich möchte Ihnen etwas über den Einsatz erzählen, in den Sie hineingeraten sind
, sagte er. Wir hatten festgestellt, dass Gefangene verschwanden. Manche waren für tot erklärt worden, für manche hatte man eine Flucht inszeniert. Geld war in jedem Fall geflossen, und das erregte irgendwann unsere Aufmerksamkeit, denn natürlich haben wir ein gewisses Augenmerk auf Kontobewegungen hochrangiger Beamter an sensiblen Stellen.
Shawn schnaubte, sagte jedoch nichts.
Wir dachten zunächst, es handele sich tatsächlich um Fluchthilfe. Erst vor kurzem fanden wir heraus, was wirklich mit diesen Leuten geschah, und mussten danach zunächst unsere Taktik umstellen. Der Mann, den Emmersil auf GSM-48 Zentral ausfindig gemacht hatte, war ein Zeuge, der die Verwicklungen der Sklavenhändler-Organisation mit der Glador-Sinnion Minengesellschaft und anderen Konzernen aufdecken sollte. Er hatte zudem einige Daten gesammelt, die uns weitere Zugriffsmöglichkeiten eröffnet hätten. Nach der Explosion von Emmersils Schiff waren die Daten verloren und die Verbindung unterbrochen. Für einen neuen Versuch hatten wir in diesem Moment zu viele andere Probleme, und wir sahen keine Dringlichkeit darin. Wir wussten ja nicht, dass Golding unter Verdacht geraten war.
Atlan drehte sich wieder zu Shawn und Robert um und verschränkte die Arme. Ohne Ihr Eingreifen wäre dieser Faden vermutlich verloren gegangen, ehe wir an ihn hätten anknüpfen können
, fuhr er fort. Allerdings haben Sie unsere Bemühungen auch in gewissem Maß gefährdet. Der Aufstand der Sklaven hat die Köpfe der Organisation aufgescheucht. Glador-Sinnion hat bereits erfolgreich alle Verbindungen zu den Geschehnissen auf GSM-48 vertuscht und stellt alles als die Taten eines Einzelnen dar. Wir können davon ausgehen, dass auch andere Beteiligte inzwischen ihre Spuren verwischt haben. Sie, Mr. O'Kenny, haben eine Handvoll Sklaven befreit, doch den Unzähligen, die an anderen Orten eingesetzt wurden, wurde damit vorerst nicht geholfen.
Shawn öffnete den Mund, doch Atlan hob die Hand, ehe er etwas sagen konnte. Lassen Sie mich bitte zu Ende sprechen.
Shawn schloss den Mund wieder und senkte den Kopf. Er hatte ein unangenehmes Gefühl in der Magengrube.
Die Organisation, die für all das verantwortlich ist, wird keinerlei Verbindung zwischen Ihnen und uns oder der SolAb finden können, weil es bisher nie eine gab
, fuhr der Lordadmiral fort. Man wird herausfinden, dass es ein Einzelner war, der den Aufstand unterstützte. Danach wird man wieder zur Ruhe kommen, und hoffentlich in den etablierten Bahnen fortfahren. Denn eines können diese Leute nicht ahnen: dass Sie uns mit allen notwendigen Daten versorgt haben, um dicht an das Herz der Organisation vorzustoßen und dort einen endgültigen Schnitt anzusetzen.
Shawn sah auf, doch Atlan hatte sich wieder abgewandt, und er starrte nur auf den Rücken des Arkoniden.
Mr. O'Kenny, Sie haben so gehandelt, wie Ihr Glaube an die Freiheit es Ihnen diktierte
, hörte er Atlan sagen. Selbst wenn Janivel nicht die unerwartet weitreichenden Verbindungen gehabt hätte, die Mr. Jonsons Mikrospione aufgedeckt haben, hätte ich Ihnen daraus niemals einen Vorwurf gemacht. Ich achte jeden, der ohne Rücksicht auf sich selbst für solche Ideale einsteht. Durch Glück haben Sie dabei auch noch das bestmögliche Ergebnis erzielt, das unter den herrschenden Umständen möglich war.
Shawn holte tief Luft. Das war nicht das, was er nach der langen Vorrede erwartet hatte. Doch der Arkonide war noch immer nicht fertig.
Eine Menge Leute schulden Ihnen etwas, Mr. O'Kenny. Stellvertretend für sie alle möchte ich Ihnen einige Angebote unterbreiten. Zum einen wäre ich bereit, sämtliche Hinweise auf vergangene strafbare Vergehen aus unseren Datenbanken und denen des Solaren Imperiums verschwinden zu lassen. Wohlgemerkt, das ist kein Freifahrschein für die Zukunft!
Die Schärfe in der Stimme des Lordadmirals unterstrich die Bedeutung seiner Worte.
Shawn rutschte unbehaglich auf seinem Sitz herum. Es ist nichts wirklich Schlimmes dabei, und die Daten helfen mir gelegentlich, Aufträge zu erhalten. Wenn ich ehrlich bin, möchte ich auf eine Löschung verzichten. Sie können gerne USO-intern einen Vermerk dazu machen, aber lassen Sie bitte die Finger von den Daten der Polizeitruppen des SolImp.
Daraus schließe ich, dass Sie nicht vor haben, in absehbarer Zeit Ihr Leben zu ändern?
Messerscharf kombiniert
, erwiderte Shawn und sackte dann wieder etwas zusammen, als der Arkonide ihm einen kurzen Blick zuwarf. Doch es lag lediglich wieder etwas von der ursprünglichen Belustigung darin.
Wie gesagt, ein Extrasinn und etwas eigener logischer Verstand machen gelegentlich einiges von dem wett, was mir gegenüber Mr. Kent fehlt.
Robert räusperte sich. Erklärt mir irgendwann endlich jemand, wer dieser Clark Kent ist?
Ein Mückendreck gegen unseren Arkoniden hier
, erwiderte Shawn unwillig.
Atlan lachte auf und drehte sich wieder zu ihnen um. Zu viel der Ehre, Mr. O'Kenny. Ohne die vielen fähigen Helfer, die sich der gleichen Sache verschreiben wie ich, wäre ich oftmals hilflos wie ein Neugeborenes
, meinte er mit einem Wink zum hinter der Panzerplastwand sichtbaren Nebenraum.
Shawn tätschelte Roberts Schulter. Ich leihe dir bei Gelegenheit meinen Datenträger mit der Superman-Heftsammlung. Dann weißt du, was ich meine.
Aah, Superman … vage Erinnerungen steigen auf. Ich glaube, ich beginne, zu verstehen. Ein Außerirdischer, der die Erde beschützt, die er als seine Heimat angenommen hat … eine nicht völlig unpassende Analogie.
Atlan neigte leicht den Kopf und lehnte sich dann mit dem Rücken gegen das Panzerplast.
Ich habe noch einen weiteren Vorschlag zu machen, der Ihre und unsere aktuelle Situation betrifft
, nahm er den Faden wieder auf. Wie schon erwähnt, hängt die Arbeit der USO von den Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter ab. Daher sind wir immer bemüht, Helfer aus den Reihen derer zu gewinnen, die sich bereits bewiesen haben. Sie haben bei diesem Einsatz Mut, Einsatzwillen und Fantasie gezeigt. Dazu verfügen Sie über erhebliche Kenntnisse auf vielen technischen Gebieten, wie bereits Ihr Schiff klar erkennen lässt. Nein, keine Sorge, wir haben es nicht betreten. Mr. Jonson verweigerte uns den Zutritt – ich glaube in etwa mit den Worten Nur über meine verdammte qualmende Leiche –, und als er es vorhin verließ, hatte er zuvor jeden möglichen Einstieg vermint, soweit ich das beurteilen kann.
Shawns Miene glättete sich wieder, und er atmete auf.
Atlan lächelte kurz. Ich spare es mir, Sie zu fragen, ob Sie Mitglied der USO werden möchten. Ich glaube, ich habe Ihren Freiheitsbegriff inzwischen klar genug erfasst, um die Antwort darauf zu kennen. Aber wir haben auch weniger bindende Kontakte, so etwas wie freie Mitarbeiterschaft. Glauben Sie, so etwas käme gelegentlich für Sie in Frage?
Misstrauisch begegnete Shawn O'Kenny dem Blick des Lordadmirals. Wollen Sie mich so unter Kontrolle halten?
Atlan schüttelte den Kopf. Das habe ich nicht nötig, Shawn. Solange Sie sich innerhalb des Einflussgebietes der USO aufhalten, kann ich Sie finden, wann immer ich es will. Aber ich habe keinen Grund, Ihnen Ihre Freiheit streitig zu machen. Tun und lassen Sie, was Sie wollen, aber kommen Sie dabei bitte nicht ernsthaft mit dem Gesetz in Konflikt. Wenn wir eine Aufgabe haben, für die ein Freelancer geeigneter erscheint als eines unserer eigenen Teams, würde ich gerne die Möglichkeit haben, auf Sie beide zurückzugreifen.
Shawns Augen funkelten. Ihnen ist aber klar, dass wir uns nicht alleine von Idealen und schönen Worten ernähren können?
Die Bezahlung ist mehr als angemessen, und Sie werden stets so gut wie möglich über alle mit einem Auftrag verbundenen Risiken informiert. Intern spielen wir immer mit offenen Karten. Natürlich gibt es den Faktor des Unvorhersehbaren, aber mit dem sind Sie, glaube ich, bestens vertraut.
Oh ja.
Shawn nickte, dann sah er zu Robert. Was meinst du, Alter?
Ich denke, das Angebot ist erwägenswert
, antwortete dieser. Wir binden uns ja in keiner Weise, sondern halten uns nur eine lukrative Geschäftsmöglichkeit offen.
Genau was ich denke. Und interessant könnte es zudem sein. Aber trotzdem möchte ich noch einmal drüber schlafen. Wäre das wohl möglich?
Atlan nickte. Natürlich, Shawn. Sie sollten sowieso noch ein paar Tage hier verbringen, sonst sind unsere Ärzte sehr unzufrieden. Es sei denn, Sie möchten lieber nach Tahun?
Nein, nein
, winkte der Pseudo-Ire ab. Die Leute hier sind schon in Ordnung. Nur das Bier lässt zu wünschen übrig.
Ich werde sehen, was ich in dieser Hinsicht machen kann. Und Shawn – darf ich Ihren Eltern mitteilen, dass Sie leben? Ich werde ihnen nichts darüber sagen, wer oder was Sie jetzt sind, nur dass es Ihnen gut geht.
Shawn zögerte kurz, dann nickte er. Meinetwegen. Sind wir dann fertig?
Ich denke schon.
Ein Leuchtfleck auf dem Schreibtisch des Lordadmirals blinkte drei Mal auf und erlosch dann wieder. Shawn und Robert erhoben sich, um zu gehen.
Mr. Jonson
, meinte Atlan in diesem Moment. Würden Sie bitte noch einen Moment bleiben?
Shawn und Robert wechselten einen Blick, und Shawn zuckte die Achseln. Deine Sache, ob du willst
, meinte er. Aber vergiss nicht, dass er den Röntgenblick hat.
Robert nickte. Werde ich schon nicht, Boss.
Er ließ sich wieder in seinen Sitz zurückfallen, während Shawn aus dem Raum schlenderte. Hinter dem Pseudo-Iren schloss sich die Tür lautlos.
Mr. Jonson …
Oh, sagen Sie doch Rob, oder Bobby.
Atlan lächelte. Wissen Sie, dass Bobby früher eine Bezeichnung für englische Polizisten war? Nicht gerade ein Name, den ein damaliger Ire gerne geführt hätte.
Robert winkte ab. Das mit den Iren ist Shawns Spleen, nicht meiner. Ich bin, was ich bin, und kann damit ganz gut leben.
Eine interessante Äußerung.
Atlan kam zum Schreibtisch zurück und setzte sich wieder. Mit einem kurzen Handgriff versenkte er den Monitor mit Shawns Bild und Lebenslauf.
Robert Jonson, wie viel wissen Sie über die Vergangenheit von Shawn?
Vieles
, kam die vorsichtige Antwort.
Wissen Sie, warum sein Vater bei den Whistler-Werken aufhörte?
Robert zögerte. Darüber haben Shawn und ich uns niemals unterhalten. Es war nie nötig.
Ja, ich denke, da haben Sie Recht.
Atlan strich mit einer Hand über die Stelle, an der er zuvor den Monitor versenkt hatte. Ich weiß alles Wichtige über Shawn O'Kenny und Juan-Javier Chen Sing. Doch über Sie war nichts in unseren Daten zu finden, außer im Zusammenhang mit ihm. Was unsere Unterlagen angeht, gab es Sie vor Juan-Javier Chen Sings Flucht aus seinem Elternhaus überhaupt nicht. Und ich denke, dafür gibt es einen Grund.
Atlan lehnte sich zurück. Jonathan Chen Yuan verließ die Whistler-Werke, weil er sich nicht in der Lage sah, mit den ethischen Folgen dessen zu leben, was er tat. Er entwickelte künstliche Menschen, die so dicht am Original waren, dass er sich selbst auf einmal in der Rolle eines Schöpfers sah. Was er einmal mir gegenüber dazu sagte, war: Sollte ich jemals Wesen erschaffen, die uns so ähnlich sind, dass man ihnen auch nur im Ansatz Gefühle zugestehen könnte, dann will ich sie nicht als Werkzeuge oder Diener erschaffen, sondern als Freunde. Eine Ansicht, die ich zwar so nicht völlig teile, die ich aber durchaus respektiere. Ich selbst habe einige Jahrtausende mit einem hochentwickelten Roboter zusammen gelebt, der zu meinem Freund wurde.
Atlans Blick war fest auf Robert Jonson gerichtet. Es gibt keinerlei Daten über Ihre Geburt oder Ihre Herkunft. Ihr Name kann als geschickte Anspielung auf eine robotische Natur und auf Jonathan Chen Yuan als ihren Vater aufgefasst werden. Sie haben einige Fertigkeiten bewiesen, die kein normaler Mensch haben kann. Der Körperscan, der bei Ihrem Eintreten hier gemacht wurde, zeigt seltsame Schatten. Alles passt zusammen. Ich glaube, Sie sind der Freund, von dem Jonathan sprach, und er schuf ihn für seinen Sohn.
Robert erwiderte Atlans Blick. Eine interessante Hypothese. Und wenn dem so wäre?
Der Lordadmiral seufzte. Dann würden Sie mich vor ein Problem stellen. Sie kennen die derzeitige Position von Quinto-Center, und ich weiß nicht, wie viele weitere Daten noch in Ihrem Kopf gespeichert sind, die uns gefährlich werden könnten. Bei Menschen gibt es Möglichkeiten, sie solche Informationen vergessen zu lassen, ohne dass sie es überhaupt bemerken. Bei einem Androiden aber …
Robert Jonson verschränkte die Arme. Lordadmiral Atlan. Wenn ich ein Androide wäre – und ich sage nicht, dass ich einer bin – dann wären die Informationen in meinen Speichern niemandem zugänglich außer mir selbst und vielleicht meinem Schöpfer, wenn ich es zuließe. Bei jedem unbefugten Zugriff oder der Gefahr eines solchen wäre es mir ein leichtes, sensible Daten automatisch zu löschen.
Und wenn der Zugriff nicht direkt auf die Daten erfolgte, sondern über einen Umweg? Wenn zum Beispiel jemand Shawn in seine Gewalt brächte, um die Daten von Ihnen zu bekommen?
In solch einem Fall würde ich, wäre ich ein Androide, die Selbstzerstörung jeder anderen Möglichkeit vorziehen
, antwortete Robert ohne zu zögern.
Atlan nickte. Gut. Tatsächlich würden die Daten, die Sie momentan kennen, jedem nur wenig nützen. Sie hatten Glück, dass wir überhaupt noch hier waren. In wenigen Tagen werden wir unsere Position wieder wechseln, und ich glaube nicht, dass Sie die nächste Position aus Emmersils Speicher erfahren konnten.
Robert schüttelte den Kopf.
Nach dem, was Sie mir eben gesagt haben, erwäge ich allerdings etwas anderes
, fuhr der Lordadmiral fort. Die Verschiebung unserer Position erfolgt nach einem Muster, das unsere Computer berechnen. Kein organisches Wesen könnte sich die Daten einprägen. Doch wenn jemand eine der Positionen und den Algorithmus der Berechnung kennt, kann er mit Hilfe eines leistungsstarken Rechners jederzeit die aktuelle Position ermitteln. Es käme mir nützlich vor, wenn Sie diese Informationen erhielten.
Zu welchem Zweck?
Um uns im Notfall schnell erreichen zu können. So, wie Sie es dieses Mal getan haben. Ich würde es Ihrem Einschätzungsvermögen überlassen, wann eine Situation eine solche Maßnahme erfordert und wann nicht. Ich habe Vertrauen darin, dass Sie in der Lage sind, alle überschaubaren Folgen abzuschätzen und gegeneinander abzuwägen.
Robert Jonson atmete einmal tief durch. Ihr Vertrauen ehrt mich. Aber ebenso wie Shawn denke ich, dass ich Bedenkzeit darüber brauche, ob ich mich dieser Verantwortung stellen möchte.
Sie wollen Shawns Entscheidung abwarten.
Sie ist ein wichtiger Faktor in meinen eigenen Überlegungen.
Das ist verständlich, wenn man Ihre Situation bedenkt.
Atlan überlegte kurz und sagte dann: Ich werde einen Datenkristall vorbereiten und in Ihr Quartier bringen lassen. Sobald er wieder aus dem Raum entfernt wird, wird er sich selbst zerstören. Es ist Ihre Wahl, ob Sie ihn vorher nutzen oder nicht.
Er erhob sich und streckte eine Hand aus. Es war mir eine Freude, Sie kennen zu lernen, Robert Jonson.
Robert erhob sich und ergriff die ihm dargebotene Hand. Es war mir eine Ehre, Lordadmiral. Und sollte sich für mich jemals eine Gelegenheit ergeben, Ihrem alten Freund zu begegnen, wäre ich im Handumdrehen zur Stelle.
Ein Lächeln huschte über Atlans Gesicht. Darüber kann dieser Tage nur noch er selbst bestimmen. Aber ich werde ihn fragen, falls ich ihm wieder begegne.
Als sich die Tür hinter Robert Jonson geschlossen hatte, löste sich ein Lüftungsgitter in der Wand, und der Siganese, der dort mit der Waffe im Anschlag gelegen hatte, sprang heraus.
Sieht nicht so aus, als ob Sie mich gebraucht hätten, Chef
, meinte er.
Ich war mir nicht hundertprozentig sicher, was ich von diesen beiden Männern zu erwarten hatte
, erwiderte der Lordadmiral. Unter solchen Umständen wäre es sträfliche Dummheit, auf gewisse Sicherheitsvorkehrungen zu verzichten.
Der siganesische Oberstleutnant sah nachdenklich zur Tür. Ein Androide, hm?
Sie haben ihn gehört. Er hat es nicht bestätigt, aber auch nicht abgestritten.
Darf ich etwas fragen?
Sicher.
Warum haben Sie die beiden verschwundenen Akonen nicht zur Sprache gebracht?
Atlan winkte ab. Verschüttete Milch. Außerdem, sollte Shawn wirklich auf mein Angebot eingehen, könnte es für uns nur von Vorteil sein, wenn jemand auf der anderen Seite in seiner Schuld steht. Es ist einer der Gründe, die mich zu meinem Angebot bewogen haben.
Und Sie glauben, wir können ihm trauen?
Atlans Antwort kam ohne Zögern. Solange wir Shawn dabei erlauben, das zu sein, was er sein möchte – ja.
Die Freiheit ist nicht etwas, das in äußeren Verhältnissen liegt, sie liegt in den Menschen. Wer frei sein will, der ist frei.
Paul Ernst
Mit verschränkten Armen saß Shawn im Pilotensessel und starrte auf den Vorausmonitor.
Da sind wir also wieder, treibend im freien Raum, die Retter hunderter Intelligenzwesen verschiedener Völker, und wir haben nicht einmal so viel wie einen Orden erhalten
, murmelte er schließlich.
Robert wirkte nachdenklich. Ich denke, das Vertrauen, das man uns geschenkt hat, ist mehr wert als jeder Orden.
Bah!
, meinte Shawn ohne echte Überzeugung. Vertrauen. So etwas kann man nicht essen, und man kann kein Raumschiff damit in Schuss halten!
Das kommt darauf an, ob du den nächsten Auftrag annimmst oder nicht.
Shawn beäugte die Konsole, in die Robert den in Quinto-Center erhaltenen Mikroempfänger eingebaut hatte, als habe er Angst, eine Horde Käfer würde gleich daraus hervorbrechen. Ich hoffe nur, ich werde von ihm nie eine Nachricht bekommen, in der die Worte Ihr Auftrag, wenn Sie ihn annehmen … vorkommen.
Bitte?
Ach, an dich ist wirklich jedes Zitat verschwendet! Der Lordadmiral hat Recht, du solltest dein Wissen über die Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts aufbessern! Aber nicht jetzt. Jetzt bringst du uns schnellstmöglich von hier weg und nach Talahawney, wo es das schwärzeste Bier der Galaxis gibt!
Du meinst also, mein Auftrag, wenn ich ihn annehme …
Shawn brüllte auf und griff nach einem Schraubenschlüssel.
Ende
PROC STORIES - Fan-Stories vom PROC - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUB e.V.. Kurzgeschichte »Der Preis der Freiheit«. Zuletzt geändert am 2007-04-07. Autor: Verena Themsen. Titelbild-Zeichner: Dieter Thoelken. Korrekturleser: Christian Lenz. Generiert mit Xtory 3.0 (powered by Apache Cocoon 2.1) von Christian Lenz. Homepage: http://www.stories.proc.org/. E-Mail: stories@proc.org. Copyright © 2000-2007. Alle Rechte beim Autor!