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Lager vor dem Dorf Avenaas (BD: 10.09.3431 / 10. Missionstag) Der Schiffsanruf war so ziemlich das Letzte, was Emerson in den nächsten Tagen mit vollem Bewusstsein tat. Mit tranceartiger Benommenheit tat er seine Arbeit und machte die folgende Wanderung der Karawane durch das fremde Land mit. Erst am Morgen des 10. Missionstages wurde ihm klar, dass sie inzwischen fast 120 Kilometer zurückgelegt hatten. Die Ortschaft, bei der sie ihr Ruhelager aufgeschlagen hatten, war kleiner und ärmlicher als Da V'ger und wohl auch weniger bedeutend. Erschöpft von der langen Nachtwanderung legte sich Emerson auf seine Decke und schlief ein. Beceefha hatte während der zurückgelegten Wanderung geschlafen um sich von seinem Abenteuer mit Taron zu erholen. Er hatte sich ja immerhin alleine mit der Gruppe von Armbrustschützen befassen müssen, da Taron in der Zeit Verhandlungen über eine friedlich Lösung geführt hatte. Der Überschwere beschloss nun aufzustehen. Die Träger hatten die Sänfte gerade abgestellt, als Beceefha diese auch schon verließ. Er hatte beschlossen sich erst einmal etwas zu essen zu besorgen. Während er aß, kam ihm die Idee, dass er die Ruhezeit, die er ja schon gehabt hatte, für ein wenig Training nutzen könnte. Er würde also zu diesem Zweck seinen Freund Taron aufsuchen, sobald er mit dem Essen fertig war. Währenddessen beobachtete er das Treiben im Lager. Die meisten waren gerade dabei die Zelte und Sonnensegel zu errichten. Beceefha war in diesem Moment froh, dass er der Händler war und er sich so um die Arbeit drücken konnte. Bei seinen Beobachtungen stellte er fest, dass ein Großteil der Crew dem Führer, den Taron besorgt hatte, sehr misstrauisch gegenüber stand. Er bemerkte auch Connor, der aufstand und sich zu Yohko und Allan begab. Aufgrund der Blicke in Richtung Ordeith konnte er sich das Thema des folgenden Gespräches vorstellen. Der Überschwere hatte nun seine Mahlzeit beendet und ging zu Dawns Sänfte. Auf dem Weg traf er Natalie und wechselte einige Worte mit ihr. Er fragte sich, ob sie wohl gerade aus Dawns Sänfte kam, doch diesem Gedanken ging er nicht weiter nach, denn er hatte Tarons Sänfte erreicht und warf einen Blick hinein. Dabei stellte er fest, dass auch Dawn schon wach war. Er sagte ihm freundlich »guten Morgen« und fragte ihn dann, ob er Lust auf ein wenig Training hatte. »Das wäre auch eine gute Gelegenheit, mir mal zu erzählen, was du noch alles über diesen Ordeith weißt. Er ist mir nicht ganz geheuer und ich glaube, das geht auch den meisten anderen Crewmitgliedern so. Es könnte sein, dass es irgendwann Ärger gibt, wenn du mich fragst. Also hast du Lust?« Lager (BZ: 6:34 Uhr, 10. Missionstag) Dawn schüttelte den Kopf und streckte sich. Immer dieses Misstrauen unter Kollegen! dachte er, während er sich ein Frühstück zubereitete. Bis vor kurzem hatte er sich noch mit den kümmerlichen, schrecklich schmeckenden Rationen begnügen müssen, die er zugeteilt bekam, jetzt ging es ihm da besser. Er hatte – auf dem Marsch als Kundschafter eingesetzt – einen Eingeborenen vor einer Herde von »absolut normalen Viechern«, einer hiesigen Rinderabart, gerettet. Dieser war mit den meisten Männern seines Dorfes ausgezogen um die Tiere zu jagen, dabei aber von seinem Reittier direkt vor die Herde getragen worden. Taron hatte ihn gerettet und war dafür mit vielen Kilo Fleisch beschenkt worden. Nachdem er sich abends bereits 30 Kilo Roastbeef zubereitet und zum größten Teil gegessen hatte, natürlich extra blutig, wollte er den heutigen Tag mit einem kräftigen Frühstück beginnen. Er hatte sich also einige Laibe Brot besorgt und das Fleisch in dünne Scheiben geschnitten Natalie hatte Taron schon berichtet, dass bei seinen Begleitern Abneigung und Misstrauen gegenüber dem Mafiosi herrschten, die langsam auf ihn selbst übergriffen. Selbst Beceefha schien misstrauisch geworden zu sein – er, der so viel mit ihm zusammen erlebt und ausgestanden hatte. Es war natürlich nicht nett gewesen, niemanden in die wirkliche Herkunft Ordeiths und den Mordauftrag einzuweihen, aber es ging nicht anders. Dawn dachte schwer darüber nach, was er Beceefha erzählen konnte und was nicht. Um ein bisschen Zeit zu gewinnen, lud er den Überschweren zunächst einmal zum Frühstück ein – er wusste schließlich, dass dieser sich beim Essen nur ungern unterhielt. Lager beim Dorf Avenaas (BZ: 7:00 Uhr) Connor war so sauer wie selten. Er traute diesem »Führer« nicht, aber der Kommandant achtete nicht auf seine Einwände. Connor hatte schon dreimal versucht, ihn davon zu überzeugen, dass diesem Fremden einfach nicht zu trauen sei, doch Strader hatte beim letzten Mal ziemlich deutlich gesagt, dass er langsam genug von Connors Misstrauen hatte. Verdammt, bin ich den hier der Einzige, der dem Kerl nicht über den Weg traut?, fluchte er gedanklich. Aber Moment, Allan und Yokho schauen den Kerl auch so misstrauisch an. Vielleicht verstehen sie mich besser. Connor sah sich um. Allan stand 7 Meter entfernt und kontrollierte scheinbar noch einmal, wie es um das Lager stand. Er warf noch einen Blick auf den Karawanenführer, der es sich gerade bequem machte und sich hinlegte, dann näherte er sich Allan. »Sir, könnte ich Sie mal eben sprechen? Es geht um diesen Fremden, der uns seit Kurzem begleitet.« Connor wartete auf Allans Reaktion. Lager beim Dorf Avenaas (BZ: ab 7:00 Uhr) Allan war ziemlich geschafft. Er hatte beim Aufziehen des Sonnensegels geholfen und ließ jetzt seinen Blick nochmals schweifen. Da die Karawane jetzt auch zwei Eingeborene beinhaltete, mussten sie, um nicht aus der Rolle zu fallen, auf die Mitarbeit zweier der Stärksten verzichten. Allerdings schien das Mädchen langsam misstrauisch zu werden – sie schaute in letzter Zeit sehr nachdenklich und schien Probleme damit zu haben, dass Lasitus manchmal Befehle gab, denen Yohko nachkam. Sie hatten sie schon zweimal darauf angesprochen, aber es gab gewisse fundamentale Unterschiede im Weltbild, die man nur sehr langsam angleichen konnte. Während Allan so da stand und sein Kreuz durchdrückte, kam Connor auf Allan zu und bat um eine Unterhaltung. Innerlich stöhnte Allan auf. Er hatte noch blaue Flecken von der letzten Trainingssitzung mit ihm, für soviel Kraft waren die Trainingsprotektor-Projektoren einfach nicht ausgelegt, denn wie die meisten Extremwelt-Humanoiden arbeitete er wesentlich mehr mit Kraft als mit Körperbeherrschung. Dabei hielt er sich schon zurück! Ansonsten hätte Allan wahrscheinlich schon mehr Behandlung von Miss Drake benötigt als die Schwellung hemmende Salbe, die sie ihm vorgestern gegeben hatte. Aber Allans Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet.Connor wollte nur über diesen angeblichen Führer sprechen, dem wohl die Hälfte des Lagers misstrauisch gegenüberstand. Sein ganzes Auftreten schrie regelrecht »Schläger-Typ«, aber der Oberst schien das nicht zu sehen oder wollte es nicht sehen. Vielleicht hatte er ja Informationen, die er nicht weitergegeben hatte, oder er war noch nicht voll da. Gewisse Zweifel hatten sich da mittlerweile selbst bei Allan eingeschlichen. Allan fragte Connor, ob sie diese Diskussion nicht schon geführt hätten. Dieser bejahrte und begründete, der Oberst habe ihn schon wieder abblitzen lassen. »Ich werde mit Yohko reden und Sie sollten das vielleicht noch mit einigen von ihren Sicherheitsleuten tun«, antwortete Allan. »Wir sollten ihn von Personen, die sich in Schichten organisieren, unter Beobachtung halten.« Lager beim Dorf Avenaas (BZ: 10:00 Uhr) Connor sah unwillig auf, als ihn jemand unsanft anrempelte. Er sah einen seiner Sicherheitsleute vor sich, die er am Morgen instruiert hatte, den Karawanenführer zu beobachten. Als ihm dies wieder bewusst wurde, war er sofort hellwach. »Sir, der Typ... wir haben ihn aus den Augen verloren.« »Was? Wie konnte das passieren? Ich habe befohlen, dass er rund um die Uhr bewacht wird.« »Naja, Jones hatte ein kleines sanitäres Problem und entfernte sich vom Lager, ließ ihn aber nicht aus den Augen. Nur hatte er sich aber auch auf andere Sachen konzentriert. Also beobachtete er sowohl den Typ und kümmerte sich gleichzeitig um sich selbst, und dann war der Kerl plötzlich verschwunden.« Connor überlegte nur kurz. »Haben Sie ihn schon gesucht?« »Nein, Sir. Ihre Befehle waren eindeutig. Wir sollten nichts unternehmen, sondern zuerst Sie informieren.« Connor schluckte die Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag, hinunter und richtete sich jetzt endgültig auf. »Sofort ausschwärmen und mit der Suche beginnen. Vielleicht ist die Sache ja ganz harmlos. Also um Himmelswillen bloß kein Aufsehen erregen. Ich spreche mit Allan.« Connor lief durch das Lager und suchte unter den Ruhenden nach Allan. Als er ihn endlich gefunden hatte, sah er von Weitem einen seiner Männer winken. Allan blinzelte Connor zwar gerade müde an, aber dieser wandte sich erst an seinen Sicherheitsmann. »Sir, er ist wieder da. Es sieht so aus, als wäre er nie verschwunden. Wir können uns das nicht erklären.« »Hmm, das gefällt mir nicht. Irgendwelche Spuren entdeckt?« »Nein, Sir, nichts. Wir suchten außerhalb des Lagers nach ihm und Jones, der zufällig zurückschaute, entdeckte ihn dann, wie er durch das Lager lief. Er hat es scheinbar nie verlassen.« »Ist gut, beobachten Sie ihn weiter!« Connor schüttelte den Kopf und überlegte, ob er seine Vorgesetzten informieren sollte. Er entschied sich jedoch dafür, erst mal noch abzuwarten. Vorher wollte er sich noch einmal mit diesem Vorfall auseinander setzen, ehe er seine Vorgesetzten wegen nichts ihrer wohlverdienten Ruhe entzog. Hoffentlich war Allan nicht aufgewacht. Lager vor dem Dorf Avenaas (BZ: 9:55 Uhr) Emerson erwachte mit einem starken Druck auf der Blase. Auch wenn sein Körper eigentlich nur eine Projektion war und keinen echten Stoffwechsel besaß, so nahm der Veego doch Nahrung und Flüssigkeit zu sich – und die mussten irgendwann auch mal raus. Also erhob er sich von seinem Lager, reckte sich ausgiebig nach dem stundenlangen Schlaf und trottete zum Rand des Lagers, um sich einen ungestörten Platz für diese biologische Funktion zu suchen. Dabei kam er an einem größeren Steinhaufen vorbei, der sich inmitten der Sonnensegel und der schlafenden Leute erhob. Als Emerson ihn näher inspizierte, erkannte er überrascht, dass es sich in Wirklichkeit um eine tiefe Kuhle handelte, die von hohen Steinen umschlossen und von außen nicht einsehbar war. Während er noch überlegte, ob er dieses geologische Phänomen in eine Behelfslatrine umfunktionieren sollte, sah er auf der anderen Seite ihren einheimischen Führer Ordeith wegschleichen, der Emerson scheinbar nicht bemerkt hatte. Das ist ja komisch!, dachte der Veego. Ob er sich etwa hier erleichtert hat? Das wollte er doch mal unter die Lupe nehmen, also umrundete er den Steinring auf der von Ordeith abgewandten Seite und untersuchte die Felsen an der Stelle, an der sich der Arkonidenabkömmling aufgehalten hatte. In der Tat fand er dort etwas Ungewöhnliches, nämlich ein in einer Felsspalte steckendes Holzstückchen. Mit etwas Mühe gelang es dem Ersten Navigator, das Objekt zu entfernen. Es handelte sich um einer Art hölzerne Klammer, in der ein Stück Papier steckte. Auf einer Seite der Klammer war ein grobes Symbol eingeritzt, das mit einiger Phantasie als ein Fabelwesen interpretiert werden konnte, ein Hybrid aus Schlange und geflügeltem Reptil. Der Zettel indes war nicht zu entziffern, denn er war mit absolut fremdartigen Symbolen bedeckt, so dass Emerson noch nicht einmal wusste, wie er den Papierfetzen halten musste. Da er es für wichtig hielt, ging er sogleich zum Sicherheitschef Jack Connor und unterdrückte den Druck in seinem Unterleib. »Mr. Connor«« sprach er den Oxtorner an und drückte ihm das Fundstück in die Hand. »Das hier hat unser Führer bei dem Steinhaufen da drüben versteckt. Könnte das von Bedeutung sein?« Connor sah sich den Zettel nur kurz an und sah sich dann suchend um. Irgendwo musste der Kommandant doch ruhen. Das war jetzt wirklich ein Grund, ihn zu wecken. »Kommen Sie mit, Mr. Ostrog, das müssen wir dem Kommandanten berichten. Sie haben eine sehr wichtige Entdeckung gemacht, die meine Theorie bestätigt. Wo, sagten Sie, lag dieser Zettel?« Nachdem er nochmals eine genaue Beschreibung des Fundorts erhalten hatte, schickte er sofort zwei Leute seines Teams dorthin, um weitere Spuren zu suchen. In der Zwischenzeit ging er mit Ostrog durchs Lager, immer noch auf der Suche nach dem Kommandanten. Als er die Suche schließlich aufgeben wollte und sich Allans Ruheplatz näherte, sah er den Kommandant plötzlich im Schatten eines Sonnensegels ruhen und tief schlafen. Er ging zusammen mit Ostrog zu ihm hin und schüttelte ihn sanft aus dem Schlaf. »Was... Was ist denn?« Strader fuhr auf und sah Connor ungehalten an. »Sie schon wieder! Gönnen Sie mir denn gar keine Ruhe?« »Sir, es haben sich neue Beweise ergeben. Mr. Ostrog fand diesen Zettel hier an einer Stelle, die gerade von meinen Leuten untersucht wird. Der Zettel wurde dort von unserem sogenannten Führer hinterlegt, der vor wenigen Minuten kurzzeitig verschwunden war. Beachten Sie bitte vor allem das Symbol auf dem Zettel.« Triumphierend sah Connor den Kommandanten an, überließ Ostrog die genaue Schilderung des Sachverhaltes und wartete auf die Reaktion Straders. Strader rappelte sich auf, innerlich wütend schaute er Connor an. »Hören Sie auf zu grinsen, Sie riesiger Ochse!«, fuhr er Connor an. Emerson zuckte vor Schreck zurück. »Hätte es nicht gereicht, einen Mann zu mir zu schicken? Sie hätten in der Zwischenzeit den flüchtigen Verfolgen können.« Lasitus blickte wütend von Connor zu Emerson. Keiner traute sich etwas zu sagen. Lasitus hatte so laut geschrien, dass sich einige Leute näherten. »Connor schaffen Sie ihn zurück, aber schnell! Wehe, er entkommt!« Mann, der sollte dringend auf entkoffeinierten Kaffe umsteigen!, dachte Emerson irritiert und sagte laut: »Keine Panik, Kommandant, der Typ wollte doch gar nicht türmen, der wollte nur eine Botschaft hier zurücklassen!« Dann erläuterte er dem noch immer verbiesterten Strader haarklein seine Beobachtungen am Steinhaufen. Connor fügte etwas kleinlaut an, dass die für ihn abgestellten Beobachter Ordeith nur für kurze Zeit aus den Augen verloren hatten, während der Führer jedoch das Lager anscheinend nie verlassen hatte. Strader schien nun etwas milder gestimmt zu sein und fragte den oxtornischen Sicherheitschef mit leicht schläfriger Stimme, was der denn nun zu tun gedenke. Ordeith war mittlerweile ziemlich mulmig, denn der Überfall hatte nicht wie geplant stattgefunden und so spielte er hier seit Tagen den Führer, obwohl sie das ihm bekannte Gebiet vor drei Tagen verlassen hatten. Hier kannte er sich nicht besser aus als diejenigen, die er führte. Dazu kam noch diese Feindseligkeit, die einige der Karawanen - Mitglieder gegen ihn hegten. Sie glaubten vielleicht, dass er es nicht bemerkt hatte, aber er hatte durchaus mitbekommen, dass er überwacht wurde. Langsam wurde die Situation unhaltbar. Vor wenigen Minuten hatte er wie jedesmal, wenn das Lager aufgeschlagen worden war, eine Notiz an einer auffälligen Stelle hinterlegt, um seinen Boss über die weiteren Vorgänge zu informieren. So ganz hatte Ordeith noch nicht begriffen, wer hier das Heft in der Hand hatte, die beiden, die sein Boss freigelassen hatte, schienen zwar die Anweisungen zu geben, aber er hatte bemerkt, dass, vor allem wenn schnell Entscheidungen getroffen werden mussten, andere diese fällten. Als Ordeith sich gerade zu seinem Lager begeben wollte, bemerkte er eine Gruppe, die anscheinend um den Lagerplatz dieses merkwürdigen Strader stand. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er zu erkennen, was sich da tat. Kurz darauf traf ihn der Blick eines der dort versammelten Männer. Dieser sagte etwas, das zu leise war, als dass Ordeith es hören konnte, aber das es etwas mit ihm zu tun hatte, sah er daran, dass sich die Köpfe aller dort Versammelten auf ihn richteten. Dann sah er auch, was die Aufregung verursacht hatte: Er erkannte Stück Pergament, das er nur Minuten zuvor vermeintlich sicher versteckt hatte. Und da jeder das Symbol der Sentenza kannte, wusste er auch, dass er ausgespielt hatte. Er bezweifelte auch, dass er mit dem Hinweis auf den Handel, den die beiden Händler mit seinem Chef getroffen hatten, davonkommen würde, insbesondere dieser Dagorista und seine Begleiterin mit dem merkwürdigen Schwert würden ihm das höchstens als Hinrichtungsgrund auslegen. Er sprang auf und rannte so schnell, wie ihn seine Beine trugen. Connor wollte dem Kommandanten gerade antworten, als sein Blick, der gerade umherschweifte, zufällig auf den Mafiosi fiel. Das gibt's doch nicht!, dachte er. Der Kerl beobachtet uns. Immerhin weiß ich jetzt, dass er noch hier ist. »Sir, ich würde vorschlagen, wir fragen Ordeith selber, da drüben ist er gerade und hat uns im Visier«, teilte er den anderen seine Beobachtung mit. »Dann wird sich zeigen, wie die Situation liegt.« Die Köpfe von Ostrog und Lasitus ruckten herum und sahen Ordeith. Dieser bekam große Augen, als er sah, was Lasitus da in der Hand hielt. Er sprang auf und rannte wie ein geölter Blitz in Richtung Dorf. Connor sah sich prüfend um und nickte dann, als gleich von mehreren Seiten Leute seines Teams auf den Flüchtling zurasten. Die Jungs kommen von allen Seiten. Die haben meine Befehle genau erfüllt und ihn die ganze Zeit umzingelt. Da hat er keine Chance. Connors Meinung änderte sich aber rasch, als der erste Sicherheitsmann Ordeith anspringen wollte. Der Kerl war flink wie ein Wiesel und schlug mehrere Haken, um schließlich zur Seite zu entkommen. Es brauchte zwei weitere Sicherheitsleute, bis einer ihn zu fassen bekam. Doch auch das brachte den Typ nicht zur Aufgabe. Er schlug, trat und biss um sich. Er schien Erfahrung in Straßenkämpfen zu haben, die er nun voll einsetzte. Connor sah nur das Handgemenge, in dem einer seiner Männer plötzlich zusammenbrach. Drei andere schafften es endlich, Ordeith zu bändigen und zu fesseln. Sie richteten ihn auf und führten ihn langsam zum Kommandanten, dabei ständig sichernd. Connor sah, wie der Zusammengebrochene von seinen Kameraden versorgt wurde und achtete nun voll und ganz auf Ordeith. Einer der Sicherheitsleute zeigte Connor kurz einen kleinen, metallischen Gegenstand, an dem Blut klebte. »Er hatte das bei sich und setzte es gegen uns ein. Jones hat es erwischt, allerdings nicht allzu schlimm. Weitere Waffen dürfte er nicht mehr bei sich haben, wir haben ihn kurz nach solchen durchsucht, aber nichts gefunden.« Connor fühlte sich verantwortlich für seine Männer und für das Geschehen eben. Wut und Schuldgefühle übermannten ihn. Er trat an Ordeith heran und riss ihn hoch. »Rede! Erzähl uns alles, was du weißt. Dann läuft es vielleicht noch glimpflich ab. Und vergiss lieber gleich, noch einen Fluchtversuch starten zu wollen. Beim nächsten Mal stoppe ich dich – auf meine Art und Weise!« Ordeith brach nach einer Schrecksekunde in lautes Schreien und Jammern aus. Der Kommandant seinerseits befahl Connor lauthals, Ordeith herabzulassen. Connor folgte dem Befehl nur widerstrebend und erst beim zweiten Mal. Da ließ er Ordeith einfach fallen, zog eine kleine verbogene Eisenstange aus der Tasche und bearbeitete sie wütend. Der Kommandant seinerseits konzentrierte sich zusammen mit den anderen wieder auf Ordeith. Dieser warf nur einen kurzen Blick auf die sich biegende Eisenstange in Connors Händen und schien sich unter Connors finsteren Blick nicht gerade wohl zu fühlen. Dawn und Beceefha waren gerade wieder ins Freie getreten, als Beceefha sah, wie Ordeith los sprintete. Was ist denn mit dem passiert?, fragte sich der Überschwere. Er war während der Wanderung oft mit Dawn und damit auch mit Ordeith zusammen gewesen und hatte von Ordeith nicht den Eindruck bekommen, dass dieser beim kleinsten Anzeichen irgendeiner Gefahr weglaufen würde. Kaum hatte er diesen Gedanken abgeschlossen, sah er den Grund für Ordeiths Fluchtversuch. Er schien in irgendeiner Form von der Gruppe um den Kommandanten bedrängt worden sein, denn sie schauten ihm immer noch nach und er blickte sich während des Laufens mehrmals nach ihnen um. Nun sah Beceefha, wie aus allen möglichen Richtungen Leute auf Ordeith eindrangen und ihn letzten Endes kampfunfähig machten. Sie brachten ihn zum Kommandanten. Haben die denn gar keinen Grips im Kopf?, dachte Beceefha. Wir spielen dieses Spiel nun schon eine ganze Weile und die haben immer noch nicht begriffen, wer hier diejenigen sind, die das Sagen haben? Um zu versuchen, noch etwas von ihrer Tarnung zu retten, beschloss der Überschwere, sich zu der Gruppe zu gesellen, und vor versammelter Mannschaft deutlich zu machen, dass er der Händler war und nicht Lasitus. Kaum bei der Gruppe angekommen, sah er, wie Connor den Flüchtling hochhob und ihn anzubrüllen begann. Er wusste, dass es unter normalen Umständen Wahnsinn gewesen wäre, sich mit einem Oxtorner anzulegen, aber für Unwissende musste Beceefha auf jeden Fall kräftiger aussehen, als der Oxtorner und die Stimme eines Überschweren war ja nun nicht gerade zu überhören. Er ging also auf Connor zu und brüllte ihn an: »Was soll das hier und was machen Sie mit dem Führer?« Erschreckt blickte sich Connor um und ließ den Führer fallen. Er wollte gerade eine schroffe Erwiderung machen, als Beceefha weiter brüllte: »Wieso haben Sie den Führer dermaßen zusammen gestaucht und warum wird er nicht als Erstes zu mir oder zum Edlen Dawn gebracht? Immerhin haben wir hier das Sagen und Sie sind nur ein paar SÖLDNER!« Das verdutze Gesicht Connors klärte sich. Er schien begriffen zu haben, was Beceefha ihm sagen wollte. Ordeith faßte sich nun viel zu schnell. Beceefha schloss daraus, dass er den Hilflosen nur gespielt hatte, und stellte befriedigt fest, dass er doch nicht ganz so ein schlechter Menschenkenner war. Inzwischen hatte sich auch Dawn dem Geschehen genähert; er sagte allerdings nichts. Beceefha beruhigte sich nun auch wieder und fragte Connor nun noch einmal, was diese Aufregung zu bedeuten hatte. Connor sah Beceefha an und es machte »klick« bei ihm. Durch seine Gefühle hatte er sich hinreißen lassen und war dabei gewesen, die Tarnung auffliegen zu lassen. Er fasste sich jedoch schnell und versuchte, eine möglichst plausible Erklärung zu erfinden. Connor senkte den Kopf und stammelte, scheinbar aufs Tiefste von den Worten des Händlerchefs berührt: »Verzeih, Herr. Ich habe schon die ganze Zeit unserem Führer misstraut und heute zeigte sich, dass es zurecht geschah. Ostrog fand dies hier in einer Senke beim Lager. Ordeith hat diese Zeichen dort hinterlassen, um unsere Verfolger zu uns zu führen.« Bei diesen Worten reichte er Beceefah mit demutsvoller Geste den Zettel und den Zettelhalter mit dem Setenza-Symbol. »Ich wollte Euch nicht wecken, Herr. Deshalb wandte ich mich an Mr. Strader. Er ist immerhin für Eure persönliche Sicherheit da.« Connor hoffte, das Ordeith ihm diese Angaben abkaufte und wartete auf eine Reaktion von Seiten der beiden Händlerchefs. Nachdem Connor ihm das Beweisstück übergeben hatte, gratulierte sich Beceefha innerlich zu seiner anscheinend erfolgreichen Rettung der Tarnung. Ordeith war schon bei dem Geschrei, das der Überschwere von sich gegeben hatte, beeindruckt gewesen und nach der demutsvollen Übergabe der Klammer mit dem Brief schien er dann endgültig überzeugt worden zu sein. Befriedigt über diese Tatsache sprach er Connor noch einmal an: »Nun gut ich, akzeptiere Ihre Entschuldigung. Es wäre mir sehr lieb, wenn wir nun in Ruhe mal ein Wörtchen mit unserem Führer sprechen könnten. Ich möchte Sie daher bitten uns vorläufig zu verlassen. Wir werden inzwischen ein Plätzchen außerhalb des Lagers aufsuchen, um dieses Problem nicht vor den Augen der restlichen Söldner klären zu müssen.« Als die anderen sich gerade zum Gehen wandten, ergriff der Überschwere noch einmal das Wort: »Ach, da ist mir noch etwas eingefallen... Connor, wie ist eigentlich die Moral Ihrer Leute nach diesem Zwischenfall?« Während er dies sprach, hatten sich Dawn und Ordeith schon ein Stück in Richtung Lagerrand entfernt. Beceefha wollte eigentlich gar keine Antwort haben, sondern nur abwarten, ob ihm Lasitus noch etwas für das Verhör mit auf den Weg geben wollte. Während sie noch immer dort standen, beobachtete er befriedigt, dass Taron das Gespräch mit Ordeith noch nicht aufgenommen hatte. So war er wenigstens davor gefeit, etwas Wichtiges zu verpassen. Es war klar, dass er, wenn die beiden ein Gespräch beginnen würden, sofort die wenigen Meter aufholen musste, um Taron bei dem Verhör zu helfen. Lasitus beobachtete, wie Taron mit Ordeith an einen anderen Platz ging und wandte sich dann zu Beceefha. »Ich würde ja lieber gerne mit ihm reden, aber da wir hier ja Rollentausch haben... Jedenfalls, versuchen Sie aus ihm soviel wie möglich heraus zu holen, alles, was nützlich ist.« Lasitus drehte sich zu Connor und Allan um. »Connor, ich hab vielleicht zu heftig gegen Sie reagiert, das war nicht beabsichtigt, aber wenn man laufend aus dem Schlaf gerissen wird, hat man keine gute Laune.« Strader lächelte kurz. »Nun, Sie sollten sich aber auch mit voreiligen Schlüssen zurück halten, wir haben ja eben gemerkt, was heute fast passiert wäre. Nun, da ich wach bin, können wir auch etwas unternehmen, solange Taron und Beceefha beschäftigt sind. Hat jemand einen Vorschlag?« »Ja... Ich hab Ihnen doch auf dem Weg zur zweiten Lagerstelle von der scheinbaren Sonderstellung der Dagoristas erzählt«, sagte Allan zum Kommandanten. »Jetzt ist mir auch klar, warum meine Anwesenheit in der Karawane ihn zu stören schien. Dieses Symbol scheint zu beweisen, dass er zur Sentenza gehört und ich weiß nicht, welche Konsequenzen er hier zum befürchten hat, aber ich schätze, dass es etwas ziemlich Endgültiges und Blutiges ist und dass es meine Aufgabe ist, das durchzuführen. Meine Rolle beinhaltet also ein ziemliches Drohpotential, das können wir ausnutzen. Ich werde also während des Verhörs dabeistehen und mit einem möglichst finsteren Gesicht einen Dolch dazu benutzen, die Fingernägel zu reinigen, OK?« Lasitus sah Allan an, der seinen Dolch von der einen in die andere Hand warf. »Hm, wenn's was nützt und er eingeschüchtert wird... Der Kerl scheint aber ziemlich gerissen, meinetwegen versuchen Sie es auf der Psycho-Tour. Aber nicht, dass ihnen das Messer plötzlich aus der Hand fällt und in Ordeiths Brust steckt.« Lasitus grinste, aber als der Kommandant die Worte »Messer« und »Brust« in einem Atemzug erwähnte, überfiel Emerson für einen kurzen Augenblick ein leichtes Frösteln. Connor sah Richtung Ordeith und fragte sich, was es eigentlich noch brachte, die Tarnung aufrecht zu erhalten. Er wandte sich an Lasitus und räusperte sich kurz. Als dieser fragend aufsah, sprach ihn Connor an. »Sir, was soll das eigentlich noch mit der Tarnung? Solange wir mit dem Kerl hier allein sind und keiner weiter zuhört, können wir uns doch offener geben und den Kerl richtig bearbeiten. Zur Not schicken wir ihn in der Nacht hoch zum Schiff und lassen ihn mal von den Psychologen durchnehmen. Irgendwie müssen wir ihn zum Reden bringen und ob die Tarnung noch viel bringt, wenn wir hier noch lange herum stehen und er vielleicht Taron davonläuft, wage ich zu bezweifeln.« Connor war gespannt, wie der Kommandant und die anderen auf diese Worte reagieren würden. Krankenstation der CREST V (BZ: 10:25 Uhr) Langsam öffnete Artor die Augen und kniff sie wegen des Lichtes sofort wieder zusammen. Ein leises Stöhnen dran aus ihm. Er fühlte sich wie von einem Überschweren überrannt. »Doktor... ?«, fragte er mit Mühe, und an sein Bett trat Dr. Drake. Lager vor dem Dorf Avenaas (BZ: 10:17 Uhr bis 10:20 Uhr) Während die anderen sich mit ihrem verräterischen Führer Ordeith befassten, zog sich Emerson unauffällig zurück und schlenderte durch das Lager, noch immer auf der Suche nach einem ungestörten Ort, an dem er seine Notdurft verrichten konnte. Es interessierte ihn herzlich wenig, was bei diesem Verhör herauskam, so wie ihn zur Zeit fast alles nur noch peripher tangierte. Er hing nach wie vor seinen düsteren Gedanken nach, die durch die Mitteilung seines mechanoiden Freundes Montgomery Spock ausgelöst worden war. Auch wenn er sich emotional inzwischen ein wenig beruhigt hatte, sah die Lage nach wie vor äußerst übel für ihn aus. Denn es stand für ihn zumindest fest, dass jemand in sein Quartier eingebrochen war und vielleicht seine unersetzbaren Besitztümer entwendet hatte. Wenn er an die Konsequenzen dachte, wurde ihm fast schlecht, und er rechnete fast damit, bei seiner Rückkehr auf die CREST V als Verräter verhaftet zu werden. Zufällig kam er am Lagerplatz des Zweiten Offiziers Artor Seek vorbei, der sich bereits kurz nach Errichtung des Lagers zur Ruhe gelegt hatte und nun fest vor sich hin schlief. Er stand nach wie vor unter strenger medizinischer Beobachtung durch Doktor Patricia Drake, die als Medikerin am Landeunternehmen teilnahm. Die Ironie dabei war, dass die beiden am Vorabend des Starts der CREST V miteinander etwas getrunken hatten und Seek seitdem der Ärztin aus dem Weg gegangen war. Ob da vielleicht doch mehr gewesen war? Aber wer wusste das schon zu sagen? Jedenfalls hatte sich der Zweite Offizier seit seinem Zusammenbruch vor vier Tagen immer noch nicht vollständig erholt, weshalb er vorläufig von allen anstrengenden Tätigkeiten entbunden worden war und strikte Ruhephasen einhalten musste. Noch immer war nicht klar, was eigentlich mit ihm los war. Emerson erinnerte sich an die orakelhaften Worte »NEIIIINNN, ihr dürft sie nicht töten...«, die Seek vor seinem Kollaps hervorgestoßen und deren Sinn er selbst nicht mehr hatte enträtseln können. Die vorherrschende Meinung war, dass es sich bei diesem Zwischenfall um eine Spätfolge des Anschlages handelte, der während der »Terrorherrschaft« der Saboteure auf den Zweiten Offizier verübt worden war. Irgend jemand hatte ihm ohne sein Wissen Mikroroboter in das Schlafzentrum seines Gehirnes implantiert, um ihn künstlich bewusstlos halten zu können. Da diese längst vollständig entfernt worden waren, schrieb man Seeks derzeitigen Zustand einer Nachwirkung der Tätigkeit dieser teuflischen Maschinen zu, die erst Tage später offensichtlich geworden war. Dr. Drake sprach in diesem Zusammenhang von einer künstlichen Veränderung der Gehirnchemie und verwendete viele weitere unverständliche Fachbegriffe, die letztlich jedoch keine befriedigende Erklärung lieferten. Nur auf Grund von Seeks ausdrücklichem Wunsch und seiner unerschütterlichen Konstitution hatte man beschlossen, ihn nicht zurück zur Transmitterhöhle und von dort hinauf zur CREST V zu schicken. Solange sich sein Gesundheitszustand nicht erneut verschlechterte, würde man ihn weiterhin am Landeunternehmen teilhaben lassen. Emerson trat leise an Seeks Lager heran und dachte beschämt, dass es viele Wesen im Universum gab, denen es viel schlechter ging als ihm selbst. Da öffnete Artor Seek plötzlich die Augen und blickte ihn an. Er sah schon viel besser aus als noch während des nächtlichen Gewaltmarsches. Emerson schluckte, dann sagte er: »Guten Morgen, Oberstleutnant Seek. Wie geht es Ihnen heute?« Noch einmal schloss Artor kurz die Augen, und als er sie wieder öffnete, blickte ein Mann auf ihn herab, dessen Gesicht er erst nicht zuordnen konnte. Als der Nebel des Schlafes völlig verschwunden war, erblickte er Ostrog, der sich auch sogleich nach seinem Befinden erkundigte. »Danke der Nachfrage, aber ich denke, der Arzt kann ihnen mehr sagen. Ich persönlich fühle mich bis auf ein paar Kopfschmerzen und ein wenig Müdigkeit ganz gut. Helfen sie mir mal hoch!« Ostrog reckte seine mächtige Hand herunter und Artor umschloss seinen Unterarm, um sich an ihm hochzuziehen. Also er aufrecht stand, wurde ihm kurz schwarz vor Augen, was er jedoch mit einem kurzen Kopfschütteln abtat. Dann wandte sich Artor mit einem aufgesetzten Hundeblick an Dr. Drake: »Wenn ich Ausgeherlaubnis habe, würde ich gerne den Major begleiten.« Dr. Drake war mit Artor Seeks Bitte einverstanden, also begleitete der Zweite Offizier Emerson auf seinem nun ziellosen Umherwandern im Lager. Ziellos deshalb, weil Emerson Hemmungen hatte, im Beisein einer anderen Wesenheit zu urinieren oder sonst welchen intimen Körperfunktionen nachzugehen. Emerson informierte Seek über die neuesten Geschehnisse, wobei er besonders ausführlich auf das gerade stattfindende Verhör einging. Unterdessen fragte sich der Veego, ob er sich während der inzwischen zehn Tage dauernden Mission eigentlich jemals direkt mit Seek unterhalten hatte. Wohl eher nicht, wenn ich mich recht erinnere, dachte Emerson leicht irritiert. Wahrscheinlich bin ich ihm unbewusst aus dem Weg gegangen, damit er nicht auf die Idee kommt, meine Gedanken zu lesen! Denn dies wäre dem schwachen Telepathen unter keinen Umständen gelungen, was Seek dazu verleitet hätte, sich näher mit Emersons Personalakte zu befassen. Zwar erklärte seine angebliche Herkunft vom Planeten Smörebröd seine Widerstandskraft gegen psionische Ausspähversuche, aber es hätte Misstrauen in dem Halbakonen geweckt. Und das konnte Emerson zur Zeit gar nicht gebrauchen, wo er doch jederzeit seine Entttarnung befürchtete! Natürlich nützte es ihm wenig, Artor Seek aus dem Weg zu gehen, denn dem Halbarkonide konnte jederzeit durch irgend einen Zufall auf den Gedanken einer telepathischen Überprüfung des Ersten Navigators der CREST V kommen. Und bei all den Verdachtsmomenten, die Emerson schon unwillentlich preisgegeben hatte, machte einer mehr auch nichts mehr aus. Nachdem er mit seinem Bericht fertig war, fragte er den Zweiten Offizier spontan: »Erinnern Sie sich inzwischen, was Sie mit Ihrem rätselhaften Ausspruch gemeint haben, den Sie vor ihrem Zusammenbruch von sich gaben?« Nach Drakes Einverständnis machten sich die beiden auf den Weg. Auf welchen Weg eigentlich?, fragte sich Seek, denn sie streiften ohne Ziel durch die Büsche. Etwas schien Major Ostrog zu bedrücken; er fragte Artor, was er gemeint hätte, mit seinem letzen Satz vor der Ohnmacht. »Ich... ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern. Entschuldigen sie mich kurz, Major.« Artor verschwand in den Büschen, um kurz der Natur freien Lauf zu lassen. Als er zurückkehrte, fragte er: »Was machen eigentlich die anderen?« Emerson wartete, während Artor Seek sich in die Büsche verdrückte, um sich zu erleichtern. Als hätte seine Blase dies wahrnehmen können, wurde der Druck für den Veego unerträglich, so dass er sich dem Beispiel seines Vorgesetzten anschloss und sich kurz zurückzog. Dank seiner langen Lebenserfahrung von über 90 Jahren und seinem dem humanoiden überlegenen Projektionskörper war er über eine Minute eher fertig als Seek und wartete auf den Halbmutanten. »Was machen eigentlich die anderen?«, fragte Seek bei seiner Rückkehr aus der örtlichen Flora. Großer Gott, hat er während dem Pinkeln alles vergessen, was ich ihm erzählt habe?, dachte Emerson schockiert. Offenbar litt Seek an einen ernsthaften Störung des Kurzzeitgedächtnisses, was womöglich auf das Trauma zurückzuführen war, das zu seinem Zusammenbruch geführt hatte und das der Grund für den rätselhaften Ausspruch war, an dessen Bedeutung Seek sich angeblich nicht mehr erinnern wollte! Oder Seek hatte ihm einfach nicht richtig zugehört. Das wäre dann aber eine Schmähung gewesen, die Emerson nicht so einfach hinnehmen konnte. »Die meisten sind beim Verhör«, wiederholte er kurz angebunden. »Aber Sie sollten da besser nicht rein platzen, weil Sie sonst alles zunichte machen könnten. Was machen übrigens ihre telepathischen Fähigkeiten?« Als Ostrog nach den telepathischen Fähigkeiten fragte, sah Seek ihn erstaunt an. Eigentlich schienen die meisten Lebewesen solche Fähigkeiten eher zu fürchten. »Ich denke, sie sollten noch funktionieren. Wenn Sie erlauben...« Der Major schien zu verstehen, dass Artor in seine Gedanken eindringen wollte, war aber nicht sehr glücklich über diese Bitte. »War nur ein Spaß«, meinte er grinsend. »Was denken Sie, wann das Verhör beendet werden sein wird? Ich komme mir hier so nutzlos vor.« Arghhh!!!, dachte Emerson erschrocken, als er Seeks Anspielung auf die Telepathie hörte. Warum kann ich meine große Klappe bloß nicht halten? Seine Gesichtszüge entgleisten, was Seek nicht entgehen konnte, falls er noch etwas Sehkraft besaß. »War nur ein Spaß«, gab sein Vorgesetzter Entwarnung. Emerson fand das gar nicht witzig. »Was denken Sie, wann das Verhör beendet werden sein wird? Ich komme mir hier so nutzlos vor.« »Ich mir auch«, gab Emerson leicht verstimmt zu. »Keine Ahnung, wie lange die noch brauchen. Suchen Sie sich doch irgend eine Aufgabe! Zum Beispiel könnten Sie sich im Dorf umsehen und ein paar Informationen über die Troch, die Erin und den ganzen Rest beschaffen!« Die Idee Ostrogs, sich im Dorf nach Informationen umzuhören, klang gar nicht mal so abwegig und Artor nickte kurz zur Bestätigung. »Würden Sie mich begleiten Major?« Seek wollte nicht unbedingt allein durch das Dorf streifen, da sein Erinnerungsvermögen doch stärker gelitten hatte, als er gedacht hatte.
Jeherans Anwesen (BZ: unbestimmt) Die Tage in Jeherans Anwesen waren für Alun sehr aufschlussreich. Er hatte nicht nur erfahren, wie die Beziehung zwischen Lor und Irana war, sondern auch einiges über die Geschichte des Planeten und noch mehr. Lor hatte ihn gefragt, wo er herkomme und Robert hatte versucht, es mit einigen Platitüden abzuschmettern, allerdings hatte Lor ihm auf den Kopf zugesagt, dass er nicht von diesem Planeten kommen konnte und ihn gefragt, was er hier wollte. Darauf hatte er erst versucht auszuweichen, aber jedesmal, wenn er den Pfad der Wahrheit etwas »abkürzen« wollte, sagte Lor ihm das auf den Kopf zu. Alun schloss aufgrund seiner Berufserfahrung, dass Lor zumindest Halbtelepath, Empath oder etwas Ähnliches war. Zwar konnte er sich dessen nicht sicher sein, ohne ausgiebige Tests und Messungen durchgeführt zu haben, möglicherweise hatte er auch nur eine enorme »Menschen«-Kenntnis. Aber immerhin war seine Schwester eine enorm starke Teleporterin und er hatte bei der ersten Begegnung behauptet, spüren zu können, wenn sie ihre Fähigkeit einsetzte. Alun begann also seine Geschichte von den Sternen, um die Planeten kreisten und auf denen Menschen lebten, in großen Reichen organisiert, welche sich, wie es für Humanoide üblich zu sein schien, andauernd bekriegen mussten. Er hatte seine Worte mit Bedacht gewählt, um den erwarteten Kulturschock abzumildern. Doch Lors Reaktion überraschte Alun. Er war nicht im Mindesten verwundert! »Ihr, die ihr zwischen den Sternen reist, mögt uns für primitiv halten, aber zumindest in den Archiven der Troch ist nicht vergessen, dass wir von den Tiga Ranton des Tai Ark'Tussan stammen. Ich weiß, dass zum Beispiel die Heiligtümer einmal Sternenwagen waren, bevor unsere Vorfahren im großen Krieg gegen die Methans hier strandeten...« Lor gab Alun einen kurzen Abriss über die Geschichte und Kultur des Planeten. Alun, der diesen Mann bisher meist mit der Waffe in der Hand erlebt hatte, war sehr überrascht über soviel Entgegenkommen und Hilfe. Allerdings stellte Lor danach wieder Fragen über den Auftrag und die Wünsche des terranischen Psychologen, worauf dieser erklärte, dass er nur zurück zu seinen Leuten wolle. Lor schien zwar einige Sekunden etwas zu zweifeln, aber Irana erklärte, dass sie ihn entführt habe, um mit seiner Hilfe gegen die Troch vorgehen zu können. Lor schaute sie an, und schien sehr traurig zu werden. Die beiden hatten sich bereits mehrfach ausgesprochen und meist waren sie bereits nach kurzer zeit in lautes Geschrei verfallen. Irana schien einige Punkte am momentanen System zu haben, die selbst der oberste Verfechter der Trochgesetze nicht von der Hand weisen konnte. Allerdings hatte Robert nicht alles verstanden, da in diesen Streits meist so schnell gesprochen wurde, dass er einfach nicht nachkam. Lor drehte sich um und sagte zu Alun: »Zhdopan, hier ist nicht alles zum besten bestellt. Wir haben momentan etwas, das wir seit vielen hundert Jahren nicht mehr hatten – einen regelrechten Krieg zwischen unseren Menschen. Lange Jahre haben wir, die Hüter des alten Glaubens, andere Glaubensrichtungen toleriert, wie zum Beispiel die Erin oder die N'taat sie pflegen, aber die immer wieder stattfindenden Terrorakte der Gos'Toran sorgten dafür, dass vor Jahresfrist das Kriegsrecht erklärt wurde, welches viel zu viel Macht in die Hände der Regionalgouverneure legt. Das ist der Sentenza nur recht, denn mindestens 20 Prozent der Verwalter sind korrupt. Das führte zu schlimmen Szenen, die in Protesten mündeten. Diese Situation gipfelte in der Mobilmachung der 24 Legionen, um die Ruhe wieder herzustellen. Dabei gab es einige Übergriffe, die es nicht hätte geben dürfen. Viele Troch sind gegen alle nicht Gläubigen vorgegangen. Ich und einige wenige andere habe ihr Bestes getan, um das zu verhindern, aber ich konnte nicht überall sein. Wir hatten die Situation fast wieder unter Kontrolle, die Kerngebiete waren endlich wieder befriedet, mehrere Gos'Toran-Nester waren ausgehoben worden und die Troch begannen gerade, die schlimmsten Regionalgouverneure zu bestrafen, und da geschah es: Nach den geheimnisvollen Leuchterscheinungen vor einigen Tagen haben selbst die weniger fanatisierten Anhänger dieser anderen Glaubensrichtungen zur offenen Rebellion aufgestachelt und angefangen, wichtige Troch-Verwaltungszentren zu besetzen. Viele Troch sahen das als Bestätigung für ihr Misstrauen und Rechtfertigung für ihre Verbrechen gegen die Andersgläubigen, und dazu tauchten auf einmal die kleinen Raumwagen beim großen Heiligtum auf und aus ihnen stiegen Viele, die behaupteten, Götter zu sein.« »Die Piraten, die das Forschungsschiff angegriffen haben!«, entfuhr es Alun. »Ja, das passt zu ihrem verhalten, aber über die brauchen Sie sich nicht mehr zu sorgen.« Das stachelte Alun zum Nachfragen an und darauf sagte Lor ihm, dass sie durch ihr Verhalten bewiesen hatten, nicht mit guten Absichten gekommen zu sein. Sie hatten sogar das große Heiligtum geschändet, also waren sie bei einem »großen Fest das zu ihren Ehren« veranstaltet worden war von den dort lebenden Bauern unter tätlicher Mithilfe der Troch vergiftet worden. Die bei den Schiffen zurückgelassenen Wachen hatten scheinbar nicht mit den göttlichen Insignien gerechnet. Die Troch hatten aus dem Toran-Desaster gelernt, mit Göttern aus dem All sei man sehr vorsichtig geworden. So ganz verstand Alun das Ganze nicht, aber er nahm an, dass die Troch Grund hatten, so hart zu reagieren. Immerhin war der Name Toran ihm mittlerweile ein Begriff, und die Gos'Toran schienen ja eine Art religiöse Terrorgruppe zu sein. Um so mehr verwunderte ihn die Zugänglichkeit des Hohen Würdenträgers. Der Psychologe in Robert wertete das als Ergebnis der momentanen Situation, in der sie nun als Gruppe verfolgt wurden und in der nun Lor von Zonta versuchte die Hindernisse, welche verhinderten, dass man sich vollständig vertrauen konnte, abzubauen. Der Mann in Robert, der diese Welt und diesen Mann in Aktion gesehen hatte, wollte das nicht ganz glauben. Auf alle Fälle wurden sie jetzt gejagt, von der Armee und dem Geheimdienst einer aufgestachelten Inquisitionskirche, einer lokalen Variante einer Mafiaorganisation, die in der ganzen bekannten Galaxis berüchtigt war, und einem Haufen Kopfgeldjäger, welche sich die Prämie verdienen wollten. Diese Gedanken ermutigten Alun nicht gerade, wo er noch dazu seit Tagen keine Verbindung mit seinem Schiff hatte aufnehmen können, und das wo er sich sicher war, dass mittlerweile genug Spionsondern von der CREST in der Luft waren, so dass er sie brüllend hätte errechnen können müssen. Alun sprach die beiden anderen darauf an, dass seine Kollegen bestimmt nach ihm suchen würden und dass er sie eigentlich mit dem Gerät am Arm erreichen können müsse. Irana fragte ihn nach der Entfernung, über die das Zaubergerät wirken würde und da fiel ihm etwas ein, an das er eigentlich viel früher hätte denken sollen. Er schlug sich mit der flachen Hand gegen den Kopf und holte sich den Kombilader aus der Reisetasche, mit einigen wenigen Handgriffen sollte es ihm möglich sein, die Energie der Waffe zur Verstärkung der Sendeleistung zu nutzen, etwas, das jeder Raumkadett im ersten Kurs lernte.
Lager vor dem Dorf Avenaas (BZ: 10:40 bis 10:43 Uhr) »Würden sie mich begleiten Major?« »Nein, besser nicht«, erwiderte Emerson resignierend. »Die Schiffsführung scheint alle Informationen anzuzweifeln, die ich beschaffe.« Er blickte den zweiten Offizier durchdringend an. »Und wenn ich es mir recht überlege, dann sollten Sie es auch bleiben lassen. Sie sind – wenn Sie mir diese Offenheit erlauben darf – noch ziemlich mitgenommen von ihren jüngsten Erlebnissen. Lassen Sie es ruhig angehen, Mr. Seek.« Wahrscheinlich hatte Major Ostrog recht. »Major entschuldigen Sie mich bitte. Ich werde mich wieder hinlegen und ausruhen.« Mit diesen Worten drehte sich Seek um und ging zurück in Richtung Zelt. Nach wenigen Schritten versagten seine Beine den Dienst und er fiel in den trockenen Staub. Ach du meine Güte!, dachte Emerson erschrocken, dann rannte er auf den am Boden liegenden Seek zu und fiel neben ihm auf die Knie. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass Seek noch bei Bewusstsein war, drehte er den Zweiten Offizier auf den Rücken und stützte dessen Oberkörper, so dass er sich aufrichten konnte. »Was machen Sie denn nur für Sachen!«, sagte Emerson in einem tadelnden Tonfall und rief nach medizinischer Hilfe. Sofort kam Bewegung in die mehr oder weniger apathisch daliegenden Leute im Lager. Während einige die Ärztin Dr. Patricia Drake holten, leisteten andere Emerson und Seek Beistand. Mit vereinter Hilfe gelang es ihnen, den geschwächten Halbakonen zu seinem Lagerplatz zurückzubringen, wo Dr. Drake bereits auf sie wartete. Sofort kümmerte sie sich um ihren kollabierten Patienten, und schon wenige Minuten später gestattete sie Emerson, ein paar Worte mit Seek zu wechseln. »Wie geht es Ihnen?«, fragte der Veego mit sanfter Stimme. Irgendwie wollten einfach die Beine nicht mehr. Seek war bei vollem Bewusstsein, aber er fühlte sich wie eine Schildkröte, die auf dem Rücken lag. Wenige Sekunden später stürzte Ostrog auf ihn zu und brachte ihn zurück ins Lager. Dr. Drake stand schon dort und begann mit ihrer Untersuchung. Dann trat Major Ostrog an sein Lager und erkundigte sich nach seinem Befinden. »Danke Major, war wohl nur ein Schwächeanfall. Dr. Drake, kommen Sie mal bitte?« Dr Drake trat von der anderen Seite an das Bett heran. »Doktor, was ist los mit mir?« Patricia lächelte. »Nichts Ernstes, Sie sollten sich nur nicht überanstrengen.« Mit diesen Worten verschwand der Doktor wieder. Seek blickte zu Ostrog. »Major, würden Sie mich informieren, wenn das Verhör vorbei ist?« »Natürlich, Mr. Seek«, erwiderte Emerson freundlich. »Aber nur, wenn Sie mir versprechen, dass Sie von nun an besser auf sich aufpassen, OK?« Nachdem Seek ihm das zugesagt hatte, ging der Veego zu seinem eigenen Lagerplatz zurück und legte sich erst einmal hin. Er suchte per »Kurzem Blick« nach dem Schauplatz des Verhöres und vergewisserte sich, dass es noch im Gange war. Dann wartete er ab. Die Zeit vertrieb er sich damit, dass er in den vorüberziehenden Wolken nach Mustern suchte. Ab und zu warf er einen »Blick« zum Verhörplatz, um das Ende nicht zu verpassen. Und die Zeit verging... Connor sah finster zu, wie Dawn und Beceefha Ordeith verhörten, ihn aber die ganze Zeit nur mit Samthandschuhen anfassten. Ordeith stritt natürlich alles ab. Er habe das Symbol nicht gesehen und sei nur geflohen, weil ihn scheinbar alle töten wollten hier im Lager, sagte er. Beceefha schüttelte nur den Kopf und lächelte, während er unermüdlich weiter Fragen an Ordeith runterrasselte. Dawn unterbach diesen sinnlosen Akt plötzlich und forderte Connor auf, zu schildern, was in den letzten Minuten geschehen war und wie es zum Auffinden des Sentenzasymboles kam. Connor folgte dieser Aufforderung und schilderte den Sachverhalt lang und breit, während er Ordeith mit bösen Blicken bedachte und ihn nicht aus den Augen ließ. Ordeith wurde durch den Bericht unsicher, aber plötzlich bekam er große Augen, als Allan einen Dolch zog und daran herum spielte. Ordeith wurde blass, fing sich aber wieder und wurde plötzlich unnatürlich ruhig. Beceefha grinste kurz zu Allan und sprach dann weiter. »Noch einmal, was wolltest du hier? Was ist dein Auftrag?« »Die Sentenza... Die Karawane ist ein lohnendes Ziel und manchen ein Stich im Auge. Sie sollte an einem bestimmten Punkt überfallen werden.« »Wo liegt dieser Punkt?« »Hinter uns... deshalb wollte ich eine Nachricht hinterlassen.« »Also hast du noch keine Nachricht diesbezüglich hinterlassen?« »Nein.« »Wo sind diejenigen, die uns überfallen wollen?« »Sie... folgen uns... in einigem Abstand.« Connor sah sich Ordeith verwundert genau an. Er zeigte alle Anzeichen dafür, unter dem Bann einer fremden Macht zu stehen. Wie sonst sollte es geschehen, dass er hier freiweg plauderte? Connor sah von Ordeith zu den anderen Anwesenden. Dabei fiel ihm Allan auf, der Connor unmerklich zublinzelte. Der Dolch in Allans Hand zeigte genau auf Ordeith und Connor begriff, was hier passierte. Beceefha hatte genug gehört und nickte Allan zu. Dieser steckte den Dolch erst einmal weg und Ordeith erwachte aus seinem Zustand. Als Beceefha ihm zusammenfassend seine eigenen Aussagen präsentierte, wurde Ordeith blass und wankte fast. »Wasser, Gnade ihr Herren, Wasser!« Allan stand auf und holte einen Becher Wasser. Beceefha verriet Ordeith in der Zwischenzeit, dass man ihm der Obrigkeit ausliefern würde und seine Zugehörigkeit zu der Sentenza bekannt geben würde. Ordeith sagte nichts dazu und kniete mittlerweile zusammengesunken da. Er sah erst auf, als Allen mit dem Wasser vor ihm stand. Ordeith nahm den Becher, führte die linke Hand zum Mund, nahm etwas Kleines hinein uns spülte mit dem Wasser nach. Danach ließ er den Becher fallen und sah triumphierend auf. »Die Sentenza wird mich rächen. Ihr seit tot!« Während Beceefha und Dawn wie erstarrt sitzen beziehungsweise stehen blieben, stürzte sich Connor vor, doch Allan war schon mit Ordeith beschäftigt. Dieser wand sich unter Krämpfen am Boden. Allan sah auf. »Schnell, wir brauchen medizinische Hilfe!« Connor stürzte in Richtung der Ärztin los. Er sah im Wegrennen, wie sich Allan über Ordeith beugte, der ihm etwas zuzuflüstern schien. Als Connor wiederkam, standen Beceefha, Dawn und Allan um Ordeith herum. Beceefha war blass geworden, Dawn fluchte und Allan sagte kein Wort. Connor sah sofort, das hier nichts mehr zu retten war. Die Ärztin untersuchte Ordeith kurz und schloss ihm dann die Augen. »Gift, wahrscheinlich Blausäure. Es war Selbstmord.« Danach stand sie auf und ging langsam wieder zurück zu ihrem Lagerplatz. Emerson hatte nicht lange zu warten. Nur kurze Zeit später kam Dr. Patricia Drake mit versteinertem Gesichtsausdruck an seinem Lagerplatz vorbei. Als er sie fragte, was denn passiert sei, berichtete sie ihm von Ordeiths Selbstmord. Erschüttert wagte Emerson einen »Kurzen Blick« zum Ort des Verhöres und sah die Leiche ihres ehemaligen Führers. Danach musste er erst dreimal tief durchatmen, dann ging er zu Artor Seeks Lagerstatt. Nachdem er den zweiten Offizier informiert hatte, fragte Emerson: »Wollen Sie immer noch mit den anderen Führungsoffizieren reden, oder möchten Sie lieber noch etwas warten?« Artor setzte sich ruckartig auf und ihm wurde schwarz vor Augen. Er schüttelte kurz den Kopf und ließ dann die Beine von seinem Lager baumeln. »Ich geh jetzt rüber zu den Offizieren«, sprach er zu Ostrog und stellte sich hin. »Kommen Sie mit?« Er verließ das Zelt, ohne auf eine Antwort zu warten. Nur leise hörte er, was der Major ihm hinterher rief. Dieser verdammte Draufgänger!, dachte Emerson verärgert. Er kann kaum auf seinen Beinen stehen und rennt dennoch wie von der Tarantel gestochen durch die Weltgeschichte. Laut sagt er jedoch: »Nein, gehen Sie ruhig.« Seek schien es gar nicht mehr mitbekommen zu haben. Da es hier nichts mehr zu tun gab, verließ er die Schlafstätte des zweiten Offiziers und schlenderte ziellos durchs Lager, bis es ihm nach nur etwa zwei Minuten zu dumm wurde. Nun, da Seek ihm seine ganze depressiv-passive Stimmung verdorben hatte, begann wieder der Tatendrang in ihm zu lodern. Also setzte er sich ebenfalls in Richtung Verhörplatz in Bewegung, wo er wenige Minuten nach Seek ankam. Nach einer kurzen Begrüßung wurden Seek und der kurz nach ihm erschienene Major Ostrog über die Lage aufgeklärt. Prüfend beugte sich Seek über die Leiche und drehte ihren Kopf von links nach rechts. Dann richtete er sich wieder auf und sah die anderen schweigend an. Lager vor dem Dorf Avenaas (BZ: 11:20 bis 11:25 Uhr) Ein kurzes Zirpen weckte den Kommunikationsoffizier des Landeunternehmens der CREST V, Leutnant Ernest Theodore Appelemaison, aus seinem tiefen Schlaf. Nach einem kurzen Moment der Desorientierung erkannte er, dass das Zirpen aus seinem Hinterohrlautsprecher kam und auf eine eingehende Funknachricht hinwies. Das kann nur die CREST sein, denn vom Außenteam sind meines Wissens alle im Lager, dachte er, als er aus seinem ledernen Tragebeutel einen schweren Holzkasten hervorholte, der das getarnte, eigentliche Funkgerät beinhaltete. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass kein Einheimischer in der Nähe war auch nicht Ordeith oder Kiril, öffnete er den positronisch verriegelten Deckel und studierte die Anzeigen des Frequenzsuchers. Überrascht stellte er fest, dass der Funkruf nicht auf einer der für die Kommunikation untereinander oder zum Schiff festgelegten Frequenzen hereinkam, sondern auf einer Wellenlänge, die von den Standard-Armbandkommunikatoren der Solaren Flotte verwendet wurde! Als er den Funkspruch dann auf seinen Hinterohrlautsprecher legte, hörte er zuerst nur das Rauschen atmosphärischer Störungen. Erst nach einigen Schaltungen am Funkgerät konnte er eine undeutliche Stimme vernehmen, die Interkosmo sprach! Wäre es möglich, dass er es ist?, dachte er aufgeregt. Nervös hantierte er an den Filter- und Verstärkerschaltungen herum, bis er endlich die Worte einigermaßen entziffern konnte. »...rufe die Besatzung der CREST V. Hier spricht Robert Alun. Bitte melden Sie sich! Ich betreibe mein Funkgerät mit der Energiezelle meines Kobmiladers, aber ich weiß nicht, wie lange das hält... befinde mich nicht in direkter Lebensgefahr, werde jedoch von einigen einheimischen Organisationen verfolgt, die es auf meine Begleiter abgesehen haben. Erbitte schnellstmögliche Hilfe... Ich rufe die Besatzung der CREST V...« Mit einigen weiteren Schaltungen bewegte Appelemaison die überall stationierten Satelliten dazu, eine exakte Funkpeilung durchzuführen, und schon wenige Augenblicke später hatte er den Standort des Senders eruiert. Erst jetzt wagte er es, Alun zu antworten. »Mr. Alun, hier spricht Leutnant Appelemaison von der CREST V«, sprach der Kommunikationsoffizier in das Mikrofon des Funkgerätes. »Ich habe Ihren Aufenthaltsort anpeilen können. Wir haben zur Zeit ein Landungsunternehmen in Ihrer Nähe, sind aber vor morgen früh wahrscheinlich nicht in der Lage, zu Ihnen zu stoßen. Können Sie solange durchhalten?« »Gott sei Dank, endlich habe ich Sie erreicht!«, kam die Antwort durch die Störungen. »Bis morgen früh halten wir es hier aus, Hauptsache, Sie kommen!« »Ich werde sofort die Schiffsführung informieren«, versprach Appelemaison. »Rettung ist unterwegs, verlassen Sie sich darauf. Entfernen Sie sich nur nicht zu weit von ihrem jetzigen Standort.« »Verstanden, Mr. Appelemaison!«, klang es aus seinem Hinterohrlautsprecher. »Ich beende jetzt besser das Gespräch, bevor mir diese Konstruktion hier noch auseinander fällt. Over and out!« »Over and out«, wiederholte Appelemaison, dann überspielte er auch schon die Koordinaten in einen kleinen Datenspeicher, verstaute das Funkgerät wieder in seinem Lederbeutel und rannte zu Kommandant Strader hinüber, um ihm die gute Nachricht mitzuteilen. Strader, der gerade nicht viel zu tun hatte und wie angewurzelt in die Gegend starrte, wurde von einem »Sir!«, das hinter ihm erklang, erschrocken. »Was gibt es?«, fragte er den Offizier leicht ungehalten. »Sir... ich habe... ich meine... eine«, der Mann war völlig aus der Puste und dazu noch aufgeregt, er hielt kurz inne und musste grinsen. »Gut, jetzt geht es... Noch mal, ich hab gerade eine Funknachricht von Robert Alun empfangen«, sagte er und grinste über beide Ohren. Lasitus glaubte, nicht recht zu hören, und schaute Appelemaison misstrauisch an. »Wehe, das ist ein Scherz, dann gibt's Ärger!« Apellmaison verlor das Grinsen, trat eine Schritt zurück und hob die Hände. »Bestimmt nicht, Sir! Hier, sehen sie!« Er wedelte mit dem Datenspeicher vor Lasitus' Gesicht herum. »Dort ist alles aufgezeichnet, wollen Sie es gleich hören?« Lasitus überlegte. »Nein, holen sie zuerst die anderen her, einmal hören reicht.« Apellmaison nickte, gab den Speicher an Lasitus und raste davon. Lasitus blickte kurz hinterher und schüttelte den Kopf. Der hat wohl zu viel Kaffee intus... Allan ging langsam in Richtung des Oberst, eigentlich wollte er das Thema der »Mordabsprache« mit ihm besprechen, aber als er sich ihm näherte, sah er, dass irgend etwas vorgefallen sein musste. Dieser Kom-Offizier stand bei Strader und wirkte sehr fahrig, und der Oberst tat etwas, das er bisher kaum gemacht hatte: Er lächelte! Irgend etwas stimmte überhaupt nicht an dieser ganzen Karawane, das wusste Kiril schon, seitdem sie gesehen hatte, wie ungeschickt die Leute das erste Lager aufgeschlagen hatten. Die Leute verhielten sich, als ob sie so etwas noch nie gemacht hätten, und sie wussten nicht, welche Pflanzen genießbar waren und welche giftig. Mit dieser Überlegung lag sie genau richtig, allerdings wäre es ihr schwer gefallen, das Team zu vergiften, wenn sie es gewollt hätte, denn die Ärztin testete alles, bevor es »freigegeben« wurde. Was Kiril am meisten verwunderte: Sie waren zu diszipliniert! Nicht einer hatte versucht, sich über sie herzumachen, und sie hatte lange genug in der Taverne ihres Vaters gearbeitet, um zu wissen, wie viehisch sich Söldner normalerweise verhielten. Er hatte nicht umsonst einen enormen Dreschflegel hinter der Theke gehabt. Das war einer der Gründe, wegen dem sie ihr Stilett und einen Dolch niemals ablegte und immer einen Lagerplatz in der Nähe von Herrin Yohko oder ihrem neuen Vormund suchte. Beim Gedanken an die beiden fühlte Kiril eine Welle der Dankbarkeit, gemischt mit der Trauer über ihre Eltern. Außerdem schien man fast nie die Herren der Karawane in irgendwelchen Belangen zu fragen, es schien ihr eher, als ob Allan und dieser ältere Söldner die Befehle gaben. Kiril hatte auch mitbekommen, dass einige Male Worte in einer Sprache gefallen waren, die sie nicht kannte, und noch einige andere Dinge, welche sie nicht einordnen konnte. Insbesondere das Verhalten Allans gegenüber dem »Führer«: Hätte er ihn nicht nach allem, was sie gelernt hatte, sofort nach Bekanntwerden seiner Verbindung zur Sentenza entleiben müssen? Gut, Informationen über die Hintermänner zu bekommen war sicher sinnvoll, aber ein Bruch der Tradition... Und jetzt rannte dieser junge Mann, der immer wieder unter seinem Schlafsack herum fummelte, durch das Lager, als ob er gerade die Heiratzusage seiner Angebeteten erhalten hätte. Sie musste mit jemandem reden, dem sie vertraute, und ging in die Richtung, in der sie Allan und Yohko zu finden hoffte. Es herrschte ein peinliches Schweigen unter den Anwesenden, das einfach kein Ende nehmen wollte. Der erste Offizier Gonozal wandte sich soeben ab, wohl um mit Kommandant Strader zu sprechen. Grund dazu gab es nun wirklich genug. Emerson musste ein Frösteln unterdrücken. Trotz seiner langen Jahre unter den Galaktikern hatte er sich noch immer nicht an den Tod gewöhnt, vor allem wenn er selbst herbeigeführt wurde wie bei ihrem ehemaligen Führer Ordeith. Erinnerungen an Axel Carpenter wallten in ihm auf, die er gewaltsam verdrängen musste. Ihm kam der Gedanke, dass es schon recht seltsam war, dass Taron Dawn und Beceefha nichts über Ordeiths wahre Identität gewusst hatten (wobei Beceefha selbst über Ordeiths falsche Identität ja auch nur von Dawn informiert worden war). Sollten sie ebenfalls getäuscht worden sein, oder steckten sie gar mit der SENTENZA unter einer Decke? Unvorstellbar! Da sah Emerson seinen alten »Freund«, den Kommunikationsoffizier E.T. Appelemaison, auf sie zurennen. Aufgeregt und völlig außer Atem berichtete er von seiner Unterhaltung mit Robert Alun, dem verschollenen Besatzungsmitglied. »Kommandant Strader möchte Sie alle dabei haben, wenn er sich den Mitschnitt der Kommunikation anhört«, stieß er keuchend hervor. »Folgen Sie mir bitte!« Nach einem kurzen Moment der totalen Verblüffung folgte Emerson dem schon wieder davon rennenden Appelemaison, dicht gefolgt von den anderen. Sie mussten schon ein ziemlich komischen Bild abgeben, wie sie so durch das Lager spurteten. Als sie bei Strader ankamen, sprach der gerade mit Gonozal über das Verhör. Als er ihrer ansichtig wurde, wandte sich der Kommandant den Ankömmlingen zu. Mit knappen Worten erläuterte er ihnen die neue Lage und gab dann dem Kommunikationsoffizier die Anweisung, den Datenspeicher abzuspielen. Als die Aufzeichnung zu Ende war, erhob Appelemaison die Stimme: »Ich habe natürlich auch Aluns Koordinaten abgespeichert. Er hält sich etwa 25 Kilometer in Richtung Nordnordwest auf, nur eine Tageswanderung entfernt. Ich habe unserem verlorenen Galaktopsychologen schon mitgeteilt, dass frühestens morgen früh bei ihm sein können. Ich will dem Kommandanten nicht vorgreifen, aber ich denke, dass wir uns auf unseren baldigen Abmarsch vorbereiten sollten.« »Ich hätte da mal eine Frage«, erlaubte sich Emerson einen Einwurf. »Gibt es irgendwelche Hinweise darauf, wer Aluns Begleiter sind, wie viele es sind und warum sie verfolgt werden?« »Nun, es wird wahrscheinlich diese junge Teleporterin bei ihm sein, darauf deuten die vielen Teleportersprünge von vor ein paar Tagen hin«, versuchte sich Appelemaison an einer Antwort. »Aber wer der oder die anderen sein könnten, davon habe ich keine Vorstellung.« Emerson wartete darauf, dass sich noch ein anderer der Anwesenden zu einer Bemerkung herabließ. Artor hob die Hand, um den jungen stürmischen Offizier zurück zu halten. »Vielleicht sollten wir uns vorerst ein wenig ausruhen und dann lieber einen Schritt schneller gehen.« Seek schaute in die Runde. »Ich schlage vor, wir teilen uns in zwei Gruppen auf: Eine beseitigt die Leiche und die andere begibt sich auf die Suche nach Alun... Natürlich nur, wenn Sie einverstanden sind«, wandte er sich an Oberst Strader und Allan. Der Oberst nickte und brummte: »Ja, 30 Kilometer sind wirklich genug für eine Nacht.« Darauf antwortete Allan, dass er noch etwas mit ihm, Conner, Yohko und den beiden »Händlern« zu besprechen habe; die andern sollten schon einmal die Leiche zum Dorf bringen. »Am Besten, ihr erzählt ihnen, dass wir von weit her kommen und unsere Sitten verbieten, jemanden vorm 3. Tag zu beerdigen, wir aber weiter müssen und nicht gegen die hiesigen Sitten verstoßen wollten«, empfahl er der Leichentruppe. Während die anderen los marschierten, richtete er das Wort an die Verbliebenen und brachte das Mordkomplott zur Sprache, von dem Ordeith gesprochen hatte. Normalerweise bin ich doch der mit den unausgegorenen Einfällen!, schimpfte Emerson gedanklich. Will mir dieser Appelemaison jetzt etwa den Rang ablaufen? Und warum bin ich außer diesem E.T. hier der einzige, der nicht erkennt, was der da für einen Schmarrn zusammen redet? Zusammen mit den anderen trottete Emerson zurück zum Verhörplatz, wo Ordeiths Leiche noch immer herum lag. Dr. Drake hatte lediglich seine Augen geschlossen, doch das machte den Anblick für den Veego immer noch nicht sonderlich leichter. Es entstand eine kurze Diskussion darum, wie man den Verblichenen am Besten zum Dorf transportieren sollte. Man entschied sich schließlich dafür, aus den Verstrebungen und der Plane eines Sonnensegels eine Bahre zu improvisieren, auf die man Ordeith legen wollte. Eine Viertelstunde später hatten sie einen Zug mit der Bahre an der Spitze gebildet, die von zwei kräftigen Männern getragen wurde. Unter den betroffenen Blicken der anderen Außenteammitglieder machten sie sich auf den Weg zum Dorf. Als sie den Dorfplatz erreicht hatten, waren sie längst von einer schaulustigen Menge umgeben, die jedoch einen ziemlichen Abstand zu ihnen hielt. Nach nur wenigen Minuten kam ein aufgebrachter älterer Mann in guter Kleidung (zumindest für diese Welt) auf sie zu und fragte erzürnt, was hier eigentlich los wäre. Emerson, den man zum Sprecher des »Trauerzuges« bestimmt hatte, trat einen Schritt vor. Warum gerade ich?, dachte der arme Kerl unglücklich, dann sagte er zu dem Mann: »Es hat in unserer Karawane einen Todesfall gegeben. Wir kommen von weit her, und unsere Sitten und Gebräuche verbieten es uns, den Verstorbenen zu beerdigen, bevor nicht drei Tage abgelaufen sind. Aber da wir die hiesigen Begräbnisriten nicht verletzen wollen, möchten wir euch bitten, seinen sterblichen Überresten ein würdiges Grab zu geben.« Damit hatte Emerson zwar eigentlich nur Gonozals Worte wiedergegeben, aber er war schließlich Navigator und nicht Poet. Nach langem hin und her erklärten sich die Dörfler bereit, die Bestattung zu übernehmen, jedoch nicht, bevor die Leute von der CREST V eine ordentliche Entschädigung gezahlt hatten. Erleichtert zogen die »Leichenträger« wieder ab und machten sich auf den Rückweg. Auf halbem Weg zum Lager fiel ihnen in der Ferne eine kleine Gruppe von Leuten auf, die genau aus derselben Richtung kam wie die Karawane noch vor wenigen Stunden. Emerson fragte sich verwundert, wer denn das wohl sein mochte. Da sie Fremden genau auf sie zuhielten, würden sie es wohl in kurzen Zeit erfahren, ob sie nun wollten oder nicht. Als die Fremden näher kamen, erkannte Emerson erstaunt, dass es sich um bewaffnete Soldaten handelte. Besorgt fragte er sich, ob sie aus irgend einem Grund hinter der Karawane her waren. Aber in ihren Gesten und Gebärden war keine Aggression festzustellen, also beruhigte er sich wieder. Als sie bis auf zehn Meter herangekommen waren, hob der Mann an der Spitze (offenbar der Anführer) die Hand und brachte den ganzen Zug zum stehen. Dann kam er allein auf die ehemaligen Leichenträger zu und blieb in fünf Meter Entfernung endgültig stehen. Spontan trat Emerson einige Schritte vor, wodurch er sich zum Sprecher der Gruppe machte. »Mögen die She'Huan mit Euch sein«, begrüßte der Soldat ihn. »Wir gehören zu den glorreichen 24 Legionen der Troch und sind im Auftrag eines der höchsten Großinquisitoren auf der Suche nach einem Ketzer und Schwerverbrecher, der sich hier in der Gegend aufhalten soll. Wisst Ihr etwas darüber, Zhdopan?« Trotz seiner freundlichen Worte ließ sein harter und unnachgiebiger Gesichtsausdruck keinerlei Zweifel daran, dass er von Emerson absolute Kooperation erwartete. Da er im Auftrag der herrschenden Trochkirche stand, hätte jede Weigerung oder Falschaussage seinerseits wohl ziemlich üble Folgen nach sich gezogen, für ihn und die gesamte Karawane. »...befinde mich nicht in direkter Lebensgefahr, werde jedoch von einigen einheimischen Organisationen verfolgt, die es auf meine Begleiter abgesehen haben. Erbitte schnellstmögliche Hilfe...« Aluns Worte, die er in Appelemaisons Aufzeichnung gehört hatte, spukten plötzlich in seinem Kopf herum. Einheimische Organisationen, die es auf seine Begleiter abgesehen hatten? Gab es hier etwa einen Zusammenhang? War einer von Aluns gegenwärtigen Begleitern der von den Soldaten Gesuchte? Befand sich der Galaktopsychologe etwa in der Begleitung eines Verbrechers? »Leider nein, Zhdopan«, entgegnete er mit gespielt bedauerndem Tonfall, während er innerlich einen immer stärkeren Drang verspürte, Aluns Standort aufzusuchen. Der Anführer des Soldatentrupps gab sich damit zufrieden, kehrte zu seinen Männern zurück und befahl den sofortigen Abmarsch. Doch statt nach Avenaas zu marschieren, verfolgten sie den bisher eingeschlagenen Weg weiter und tangierten das Dorf in weitem Abstand. Wenn sie beständig geradeaus weiter marschierten, würden sie im Nordosten landen, weit weg von Alun und dessen ominösen Begleitern. Emerson sah ihnen nachdenklich hinterher, dann winkte er seinen Begleitern von der CREST V zu und setzte sich in Richtung ihres Lagers in Bewegung. So ganz stellte die Erklärung von Taron Allan nicht zufrieden. Er hatte ausgesagt, dass er gehofft hatte, diesen Verbrecherring aufzurollen. Und da ihm nicht bekannt war, wer mentalstabilisiert war und wer nicht, ihm jedoch bekannt war, dass es hier anscheinend relativ viele Mutanten gab, hatte er beschlossen zu schweigen. Nun, da die direkte Verbindung zur Sentenza mit dem »Führer« gestorben war, glaubte er sowieso nicht mehr an allzu große Chancen diese Organisation aufzurollen. Yohko und Allan hatten sich bedeutungsvolle Blicke zugeworfen, aber keiner von ihnen brachte ihren »Besuch« beim Kur des ersten Lagerortes zur Sprache. Strader nahm an, dass es Taron Dawn peinlich gewesen war, einen Mordauftrag bekommen und gezwungenermaßen »angenommen« zu haben und drang deshalb nicht weiter auf ihn ein. Nach dieser Besprechung begaben sich die meisten zur Ruhe, und keinem fiel auf, dass Kiril etwas später zum Lagerplatz stieß. Alle waren mittlerweile gewöhnt, sie um sich zu haben. Sie hatte sich zu einem ziemlich lebhaften jungen Wesen entwickelt. Nun schien sie müde zu sein, denn sie war wesentlich wortkarger als sonst. Einige Zeit später kam das »Bestattungskommando« zurück und machte Meldung. Was keiner der Crestbesatzung wußte: Kiril stand eigentlich regelrecht unter Schock. Sie hatte auf der Suche nach jemandem zum Sprechen die Besprechung belauscht. Sie hatte zwar kaum etwas verstanden, aber soweit sie wusste, sprachen alle auf diesem Planeten die Sprache der »Alten«, »der, die aus dem Himmel gefallen waren«. Und das Schlimmste: Die beiden, zu denen sie aufgeschaut hatte, hatten beide auch dieses Kauderwelsch gesprochen! In Kirils Geist drehte sich alles um die für sie unvereinbare Problematik, dass man sich ihr gegenüber geradezu unglaublich korrekt verhalten hatte, ja, sie vor dem schlimmsten Schicksal bewahrt hatte und dass diese ganze Gruppe eine fremde Sprache verwendete. Außerdem war da noch die Sache mit der Leiche. Sie beschloss, erst einmal anzunehmen, dass das eine Art Geheimsprache einer der Sekten war, denn davon hatte sie schon gehört und die Ähnlichkeit vieler Worte bestärkte sie, und dass sie (noch?) nicht würdig war, in diese Sekte aufgenommen zu werden. Aufgrund ihrer »Erfahrungen« begann sie zu beten, dass es nicht Gos Toran waren. Einige Zeit später kehrte Ruhe im Lager ein. Am Abend brach der Troß wieder auf, nur diesmal wusste man wenigstens, wohin. Am nächsten Morgen trafen sie gegen 5:30 Uhr vor dem Ort, aus dem die Funksignale kamen, ein. Das Nest lag inmitten eines Waldes, hatte eine grob kreisförmige Stadtmauer von ungefähr 3,5 Metern Höhe und fast zwei Metern Dicke mit einem einzigen Tor. Es bot mindestens 200 Wesen Heimstadt.
Maschinenraum der CREST V (BZ: 11:11 bis 11:42 Uhr) Nach vier Tagen der Nachforschung musste sich Montgomery eingestehen, dass er keinen Schritt weitergekommen war. Auch wenn er einige Vermutungen darüber hatte, wer den zweifachen Einbruch und den Austausch des Sextanten und des rätselhaften Artefaktes vorgenommen haben könnte, waren ihm doch die Hände gebunden. Denn er hatte keinerlei echte, handfeste Beweise, und eine genauere Untersuchung seinerseits würde mit Sicherheit äußerst verhängnisvoll für ihn werden. Er konnte nur darauf hoffen, dass die Täter die echten, entwendeten Gegenstände vor Emersons Rückkehr wieder in die Kiste zurück legen würden und dass sein Veego-Freund sich unverdächtig verhielt, da er womöglich unter Beobachtung stand. Ihre Gegner mussten einigen Einfluss besitzen, um so problemlos auf der CREST V operieren zu können. Emerson war vielleicht in Gefahr, und Montgomery konnte ihm nicht einmal helfen. Durch seine Lüge Leutnant Pavel Synthony gegenüber hatte er sich außerdem selbst den Einbrechern gegenüber verdächtig gemacht, weshalb er sicherheitshalber alle seine wichtigen Besitztümer an einem seiner Meinung nach absolut sicheren Platz an Bord der CREST V versteckt hatte – unter anderem das BRETT. Montgomery unterbrach diese Gedankengänge, da er sich seiner Arbeit als Schiffstechniker widmen musste. Nach tagelanger Arbeit war es der Maschinencrew endlich gelungen, den sabotierten Dimetransantrieb erfolgreich zu reparieren. In wenigen Minuten sollte der letzte Testlauf stattfinden, um die Funktion der Triebwerksaggregate bei Höchstbelastung zu prüfen. Montgomerys kurzer »Starruhm« wegen der von ihm gefundenen Bombe war inzwischen geschwunden, und das war ihm ganz recht so. Je weniger Aufmerksamkeit er erregte, desto besser war es für ihn und seinen extragalaktischen Freund. Ihrer beiden Tarnidentitäten standen auf dem Spiel und damit ihre Zukunft in der Solaren Raumflotte. Montgomery hatte genauso wie Emerson über 16 Jahre dafür geopfert, an den kosmischen Erlebnissen der Terraner teilzuhaben, und diese Mühe sollte nicht vergebens gewesen sein. Endlich war es soweit, der Testlauf begann. Seine Wahrnehmungseinrichtungen erfassten die gewaltige Energien, die von dem riesigen Triebwerksblock ausgingen. Schwache Vibrationen durchzogen den Boden und die Kontrollkonsole vor ihm, die Anzeigen stiegen auf Höchstwerte. Alles funktionierte innerhalb normaler Parameter, der Dimetrans arbeitete einwandfrei. Leiser Jubel klang auf unter den anwesenden Technikern auf, die Arbeit von fast neun Tagen war erfolgreich beendet. Darauf konnte man zurecht stolz sein – sofern man dazu in der Lage war; Montgomery als mechanoides Wesen war es jedoch nicht. Auf jeden Fall war die CREST V von nun an wieder in der Lage, in fremde Galaxien zu reisen, sofern sie sich in die Zentrumsregion der Milchstraße begab. Das war mit dem Linearantieb zwar theoretisch auch möglich, nur dass es extrem viel länger dauern würde und man wie während des Krieges gegen die MdI spezielle Raumschiffe mit mehreren Triebwerkseinheiten konstruieren müsste (sozusagen Mehrstufenraumschiffe wie im 20. Jahrhundert vor dem Kontakt zu den Arkoniden), da die Waringerkonverter eine maximale Reichweite von nur 4 Millionen Lichtjahren pro Aggregatblock besaßen und dann ausgewechselt werden mussten. Während sich die anderen gegenseitig noch gratulierten, reflektierte Montgomery über seine Situation und die seines Freundes. Nun ja, dachte er resigniert. Wenn wir tatsächlich auffliegen sollten, dann können wir immer noch gemeinsam das Universum durchreisen. Diese Galaxiengruppe namens Estartu scheint ja ziemlich interessant zu sein, wenn ich Emersons Bericht glauben kann. Montgomery machte sich wieder an seine Arbeit. Sicherheitssektor CREST V (BZ: 12:40 Uhr bis 12:42 Uhr) Pavel Syntony trat an den Arbeitsbereich von Major Goimez und machte Meldung: »Ma'am, ich glaube, ich habe doch noch was gefunden.« Was er nicht sagte war: »Nach einer Ewigkeit Stumpfsinn, für den die Positronik alleine genauso geeignet gewesen wäre.« »So, so«, antwortete Major Goimez. »Sie glauben?« Pavel hasste es, wenn sie so überheblich wurde. »Ja, Sie erinnern sich noch an den Zwischenfall in Kryobereich?« »Klar, so verkalkt bin ich noch nicht«, schnappte sie zurück. Worauf der junge Leutnant antwortete: «Es gibt Hinweise darauf, dass die Aussage des Kryostasegeschädigten doch mehr Sinn enthält als zuerst angenommen. Die erste forensische Analyse der Wand, die den Impulsschuss abbekommen hat, ergibt, dass sie viel weniger Energie aufgenommen hat, als sie nach Anzeige der Sensoren abbekommen haben müsste.« »Wie viel weniger?«, fragte die kommissarische Chefin des Bereichs »Kriminalistische Ermittlungen« der Bordsicherheit an Bord der CREST V. »Fast 27 Prozent! Und das bei einer Fehlertoleranz von höchstens drei Prozent. Er muss also auf etwas geschossen haben, das nicht mehr da ist. Seine Aussage, bevor die Ärzte sich ihn wieder geschnappt hatten, war zwar etwas wirr, aber das ist wohl nicht weiter verwunderlich. Ich befürchte, wir haben immer noch eine fremde Präsenz an Bord, möglicherweise ein Mutant oder ein Roboter der Saboteure oder irgend etwas anderes.« Die Majorin unterbrach ihn. »Für einen Vollalarm ist das etwas dürftig, aber ich setze das Sicherheitsprotokoll auf permanente Alarmstufe hoch. Sie werden sich drei der besseren Analyseroboter schnappen und das Gebiet noch einmal genauer untersuchen. Mit etwas Glück kommt dabei heraus, dass das Ganze nur eine Fehlkalkulation war. Untersuchen Sie auch das Gebiet, vielleicht hat der ›Verschwundene‹ ja einige Schuppen oder Haare verloren, und bis die Roboter aus dem Magazin gekommen sind, werden Sie noch einmal die Sensorlogs der betreffenden Zeitspanne durchgehen, mit etwas Glück entdecken Sie ja die Spuren einer Teleportation oder Ähnliches.« Er salutierte, drehte sich um, und murmelte seinen Frust vor sich hin. Für ihn stand fest, dass die alte Krähe ihn hasste. Er wusste ja nicht, dass sie ihm all diese Robot/Routine - Arbeiten auftrug, um ihn ein gesundes Misstrauen gegen die Technik entwickeln zu lassen, ihm »die Grundwerkzeuge unseres Jobs«, wie sie davon dachte, mitzugeben.
Lager vor Aluns Versteck (BZ: 5:30 Uhr am 11.9.3431 / 11. Flugtag bis 0:25 Uhr am 12.9.3431 / 12. Flugtag) Endlich waren sie da! Vor ihnen befand sich eine mittelgroße Ansammlung von Häusern, die von einer mächtigen Stadtmauer umgeben war. Leutnant E.T. Appelemaison empfing schon seit Stunden schwache Peilsignale, die sie zu diesem Dorf geführt hatte. Es gab keinen Zweifel mehr: Der seit Tagen verschollene Galaktopsychologe Robert Alun befand sich direkt vor ihnen in einem der Häuser! Als Erstes schlugen sie außerhalb der »Stadtmauer« ein Lager auf, wie sie es so oft in den vergangenen Tagen gemacht hatten. Dann sorgte der erste Offizier Allan Dean Gonozal dafür, dass sein Schützling Kiril beschäftigt war und nichts von dem nun Folgenden mitbekam. Appelemaison nahm vorsichtig Kontakt mit Alun auf, indem er einen einzelnen Impuls an dessen Armbandkommunikator schickte. Erst nachdem Alun den Impuls auf dieselbe Weise beantwortet hatte, wagte Appelemaison eine direkte Kommunikation. Er ging deshalb so umständlich vor, da er nicht wusste, ob Alun zur Zeit frei sprechen konnte! Es folgte eine längere Unterredung, in der Alun und Appelemaison darüber sprachen, wie der Galaktopsychologe und seine Begleiter am besten zur Karawane stießen, ohne gesehen zu werden oder sonst Aufmerksamkeit zu erregen. Alun unterbrach dann die Verbindung, um mit seinen Begleitern darüber zu diskutieren, und teilte schließlich ihren Plan mit: Die Teleporterin würde die beiden anderen in der nächsten Nacht um 23:00 Uhr Terrastandardzeit einige Kilometer vom Lager entfernt auf der vom Dorf abgewandten Seite absetzen, von wo sie im Schutze der Nacht zur Karawane schleichen würden. Was dann weiter geschah, würde sich schon herausstellen. Kommandant Strader billigte diesen Plan und überließ es Yohko Takashi und Allan Dean Gonozal, dafür zu sorgen, dass Kiril zu dieser Zeit schlief. Zur Ablenkung von ihrem eigentlichen Vorhaben würden die Teilnehmer der Karawane während des Tages auf dem Markt des Dorfes Handel treiben, um unverdächtig zu erscheinen, während Alun und seine Begleiter in ihrem Versteck bleiben sollten. Gesagt, getan! Um 0:22 Uhr trafen die drei Humanoiden endgültig im Lager ein. Es war ein freudiges Wiedersehen mit dem verlorenen Sohn, auch wenn sie wegen Kiril leise sein mussten. Alun stellte denn auch seine beiden Begleiter vor und berichtete von seinen Erlebnissen. Die Stimmung war merkwürdig. Seitdem Alun geortet war und es feststand, dass er bald zur Truppe stoßen würde, waren fast alle der Meinung, das es bald galt, Abschied zu nehmen. Damit wurde natürlich auch die Frage, was aus Kiril werden sollte, immer akuter. Als die drei in Kapuzenumhänge gekleideten Gestalten zusammen mit den fünf Mann der Vorausabteilung am Lagerplatz ankamen, wurden sie begrüßt, als ob sie alle vermisst worden wären. Nach einigen Minuten setzten sich die Führungsgruppe und die drei »Neuen« um ein kleines Lagerfeuer. Alun wollte gerade seine Begleiter vorstellen, als Lor die Kapuze seiner Kutte zurückschlug und schon hörte man Kiril wie irr lachen. Sofort war sie natürlich im Zentrum der Aufmerksamkeit. »Das kann nicht sein«, stieß sie hervor, »Lor von Zonta, hier bei euch ohne Militär? Aber ihr könnt keine Troch sein! – Oder?« Sie wandte sich an Lor. »Zhdopanda, verzeiht meine Dreistigkeit; Ich stamme aus dem Ort da V'ger im 17. Randkurat Mittelwärts, Sie untersuchten vor ungefähr 80 Pragos die Korruptionsvorwürfe gegen den Kur!« Spätestens, als sie den Fremden als »Höchstedlen« ansprach, war auch dem Letzten in Hörweite klar, dass sie hier nicht »Irgend jemanden« bei sich hatten. Lor antwortete, dass er sich an den Ort erinnere und dass es ihm Leid tue, dass er nicht genug Beweise gefunden habe, um diese Schlange zu erledigen. Da rutschte Yohko halb absichtlich heraus, dass sie sich um dieses Tier gekümmert hätten. Daraufhin starte Lor Yohko mehrere Sekunden lang an.Nur Kiril konnte Lors Gedanken über die Dreistigkeit der Asiatin abschätzen. Dann sagte Lor »gut« in das Schweigen und lächelte Yhoko an. Damit war das Eis gebrochen und die folgenden Stunden waren äußerst informativ. Auch Kiril wurde endlich aufgeklärt, woher ihre »Wohltäter« stammten. Sie nahm es sehr gut auf und als sie dann von ihren Spekulationen berichtete, gab es einiges an Gelächter, allerdings auch sehr rote Ohren. Den meisten von der Sicherheitsabteilung war es mehr als peinlich, dass dieses junge Mädchen sie nahezu enttarnt hatte; wie konnte man sich nur so sicher fühlen? Es gab nur noch einmal an diesem Morgen einen Augenblick absoluter Ruhe im Lager: Das war, als Kiril den jungen Kommunikationsoffizier gefragt hatte, was er die ganze Zeit unter seiner Decke gemacht habe. Nach einigen Sekunden absoluter Ruhe erhob sich ein brüllendes Gelächter im Lager und Appelmainson Schoß das Blut ins Gesicht, wo es dann auch mindestens eine Stunde Blieb. Robert war froh, dass er wieder bei der Crew der Crest war. Er bekam aber zu hören, dass die Pläne wahrscheinlich an die Kinder weitergeben worden waren, also nicht bei den Fremden gewesen waren. Mit dem Thema Toni Mendoza alias Toran erregte er Aufmerksamkeit. »Ein USO-Spezialist soll für den Krieg hier verandwortlich sein? Nie im Leben«, hörte er von Miss Takashi. Alun nickte. »Laut eigener Aussage schon! Er behauptet, dass ein Angriff auf Oxtorn geplant gewesen war und er diese Nachricht an Atlan weiterleiten wollte. Er sei auf diesen Planeten abgestürzt und habe sich dann ein Raumschiff gebaut, beziehungsweise bauen lassen oder lassen wollen. BZ: 21:20 Uhr am 13.9.3431 / 13. Flugtag bis 4:30 Uhr am 14.9.3431 / 14. Flugtag Nach langer Diskussion war das weitere Vorgehen festgelegt worden: Die wichtigste Entscheidung war, dass man, um die Schäden durch diverse Einflussnahme zu beheben, die Primitivkulturschutzgesetze etwas weiter auslegen wollte. Gegen Abend des folgenden Tages brach die um vier Personen vergrößerte Karawane wieder auf. Nur diesmal auf einem etwas anderen Weg. Als die Dunkelheit hereinbrach und das Gepäck verstaut war, nahmen Kiril, Lor und seine Schwester in der »Sänfte« Platz und nachdem die Zugtiere laufen gelassen worden waren, erfolgte etwas, das diese Welt seit Langem nicht mehr gesehen hatte: Die gesamte Karawane erhob sich in die Luft, getragen von den diversen Antigravprojektoren, die sie bei sich trugen, und welche in den »Lastkarren« eingebaut waren. Von den drei Planetariern hörte man anfangs erschrockene Rufe, aber sie fingen sich bald. Insbesondere Lor, welcher im Zuge seiner Tätigkeit einige technische »Wunder« gesehen hatte, beruhigte sich schnell wieder. Auf den Einsatz von Deflektorfeldern verzichtetet man aufgrund der Unfallgefahr, da viele der Teilnehmer nicht über eine Antiflexbrille verfügten.Auf diese war aufgrund der Tarnschwierigkeit verzichtet worden. Ein kleiner Trupp bestehend aus drei Mann flog mit Alun in die Gegend, in der anfangs die Feuer geortet worden waren, um die Ausrüstung zu bergen. Zweieinhalb Stunden später traf der Tross bei der Transmitterhöhle ein und nur kurze Zeit darauf kamen Alun und seine Begleiter dazu. Nach einer weiteren knappen Stunde der Demontage verließen die Angehörigen der solaren Flotte zusammen mit drei Kolonialarkoniden den Planeten fürs Erste.
CREST V (BZ: 4:35 Uhr) Endlich wieder an Bord!, ging es Yohko durch den Kopf. Sie freute sich schon unheimlich darauf, Tora, ihren Tiger, wiederzusehen. Als sie gerade den Transmitter verließ, kam auch schon der erwartete »Angriff«: Eine gelbschwarz gestreifte Katze von fast 300 Kilo und von über drei Metern Länge sprintete beinahe lautlos auf die Plophoserin zu und setze zum Sprung an. Dann war es auch schon zu spät. Yohko lag unter Tora und wurde von ihm erst einmal ausgiebig abgeleckt. »Hallo, Tora. Ja ich mag dich ja auch! Würdest du bitte von mir runter gehen?«, brachte sie mit Mühe heraus. Um ihrer Aufforderung etwas Nachdruck zu verleihen, wollte Yohko gerade einen freundschaftlichen Handkantenschlag führen, als Allan durch den Transmitter kam. Den kenn' ich doch – mit dem kann man doch so gut spielen!, dachte sich der mächtige Tiger und machte sich auf, ihn und seine junge Begleiterin zu begrüßen. Transmitterhöhle (BZ: 4:36 Uhr) Kiril hörte gar nicht mehr auf sich zu freuen. Ihr Herz hüpfte, sie war kaum zu bremsen. Sie war bei den Göttlichen aufgenommen worden! Wie lange war es her, dass sie nur die Wahl zwischen einem ehrenvollen Selbstmord oder einem Leben in Schande gehabt hatte? Einige Tage oder war es schon Jahre her? Sowohl Allan als auch Yohko und sogar Lor hatten ihr erklärt, dass es nur normale Wesen seien, die halt von einer anderen Welt stammten, aber es passte einfach zu gut in die alten Legenden. Und dann war sie auch noch geflogen, das hatte alle Zweifel beseitigt. Und jetzt das! Nun sollte sie durch diesen schwarzen Vorhang gehen, der ihr geheimnis- und verheißungsvoll erschien, sie aber gleichzeitig auch wieder ängstigte. Viele Mitglieder der Karawane waren schon durch dieses Feld geschritten und hatten keinerlei Angst gezeigt. Allan nickte ihr zu und forderte sie zum Loslaufen auf, aber sie stand da wie festgenagelt. Es erschien ihr symbolisch ein Abschied von ihrem bisherigen Leben. Es mochte sein, dass sie nicht zu den mystischen »Tigra Ranton« gelangen würde, aber ihr war klar, dass sie auf alle Fälle die Welt verließ, in der sie ihre Eltern hatte bei lebendigem Leib verbrennen hören. Die Schreie tönten immer in ihren Alpträumen wieder; wenn sie doch nur etwas hätte tun können! Aber Sie hatte nur in ihrem Versteck gesessen, die schwerste Armbrust umklammert und gezittert. Um ihr Leben gebangt hatte sie, und genau das konnte sie sich nicht verzeihen! Sie hatte um ihr wertloses Leben gebangt während all das, was ihr leben ausgemacht hatte, vernichtet worden war. Und nun, während sie den Transmitter anstarrte, hatte sie Angst, dass dieses Tor sie für unwürdig halten würde. Allan riss sie aus ihren trüben Gedanken, als er sie am Ellbogen berührte und beruhigend auf sie einredete. Die Wartenden wurden langsam nervös und Allan schlug ihr vor, dass sie gemeinsam durch den Torbogen schreiten sollten. Kiril hängte sich bei ihm ein und die beiden durchschritten gemeinsam das Feld, das sie in einen fünfdimensionalen Impuls verwandelte und so zum Bordtransmitter der CREST V schickte, welcher sie wieder in die Ausgangsform zurück verwandelte. Nach dem Transmitterdurchgang schlossen die beiden geblendet die Augen. Nach der relativen Dunkelheit der Höhle war die Beleuchtung des Transmitterraums regelrecht grell. Kirils linke Hand fuhr zu ihrem Genick, wo sie etwas wie eine Erinnerung an einen Schmerz hatte. Sie schritten, immer noch untergehakt, aus dem Gefahrenring des Transmitters. In diesem Moment schoss etwas auf die beiden zu, was Kiril wie ein Dämon vorkam. Das mächtige Tier war garantiert fünf Mal so schwer wie Kiril, hatte enorme Krallen und diese Zähne! Das Bedrohlichste war jedoch: Das Monster schoss auf Allan zu! Allan begab sich in eine stabile Grundposition, um das unvermeidliche Begrüßungsritual über sich ergehen zu lassen. Aber Kiril ließ seinen Arm los und sprang dem Koloss in den Weg! Tora wurde unsicher. Wie sollte sie das Verhalten dieser jungen, weißhaarigen Zweibeinerin verstehen? Es war sicher kein Angriff, dazu waren ja nicht mal große Zweibeiner wirklich fähig. Um auf Nummer sicher zu gehen, versuchte die Großkatze zu »bremsen«, was naturgemäß auf dem harten Bodenbelag des Transmitterraums etwas mit »auf dem Hintern rutschen« zu tun hatte. Etwa einen halben Meter vor dem Mädchen kam Tora zum »stehen«, kurz gefolgt von Yohko, deren Kommandos erst jetzt das Gehör des gewaltigen Raubtieres zu erreichen schienen. Tora wusste überhaupt nicht, worüber sich sein Frauchen, welche Kiril schon unter dem 300 Kilo Koloss liegen gesehen hatte, so aufregte. Ich habe doch gar nichts gemacht, dachte der mächtige Tiger, legte seinen Kopf schief und schaute das Mädchen an. Kiril hatte mittlerweile verstanden, dass diese Bestie so etwas wie ein Haustier von Herrin Yohko war und ihre instinktive Reaktion absolut unnötig gewesen war. Vorsichtig streckte sie die Hand aus und ließ den Tiger an dieser schnüffeln. Nach kurzer Zeit leckte die Katze Kirils Hand und damit war das Eis gebrochen. Allan Und Yohko schüttelten beide nur den Kopf: Wie unbefangen die Kleine mit dem Raubtier umging und mit ihm spielte! Immer mit einem Auge auf die beiden erklärte Yohko, welche Korvette für die »triumphale Rückkehr« Lors ausgewählt worden war. Eine der Korvetten in Transportkonfiguration unter Yohkos Kommando sah den Beibooten der altarkonidischen Schlachtschiffe aus der Zeit der Besiedelung des Planeten, in den terranischen Bordbüchern als »Palmerklasse« geführt, am Ähnlichsten war also die logischste Wahl. CREST V (BZ: 4:53 Uhr bis 7:04 Uhr) Emerson verließ die Zeugkammer wieder in seiner normalen Dienstuniform, die er vor acht Tagen dort zurückgelassen hatte. Noch immer schmunzelte er über die Ereignisse, die sich in der Transmitterstation zugetragen hatten. Als Erstes ging er zum nächsten Computerterminal und rief die Nachrichten der letzten acht Tage ab. So erfuhr er, dass Ron Laska sich zur Zeit in künstlichem Koma befand und auf dem Wege der Besserung war. Dr. Tsurans Suspendierung von seinem Dienst auf der Krankenstation war inzwischen aufgehoben worden, auch wenn eine abschließende Untersuchung seines Falles noch ausstand. Der Dimetransantrieb war repariert worden und wieder einsatzbereit, genauso wie alle anderen von den Saboteuren verursachten Schäden. Erst jetzt machte er sich auf den Weg zu seiner Kabine. Er hatte das aus demselben Grund so lange hinausgezögert, wegen dem er sich bisher nicht mit Montgomery Spock in Verbindung gesetzt hatte. Er wollte sich so lange wie möglich der Illusion hingeben, dass alles in bester Ordnung war. Auch wenn er wusste, dass es nicht stimmte. Er stand lange Sekunden vor seiner Kabinentür, bevor er es endlich wagte einzutreten. Auf den ersten Blick wirkte alles normal. Montgomery hatte die schwarze Kiste weg geräumt und jede Spur seiner kurzen Anwesenheit auf der CREST während der Außenmission beseitigt. Soweit schien alles in Ordnung zu sein. Als erstes warf Emerson seinen Kram aufs Bett und ging dann in die Hygienekabine, wo er ausgiebig duschte. Anschließend zog er eine frische Uniform an und setzte sich auf die Bettkante. Sein Blick wanderte zum großen Wandschrank, in dem er seine schwarze Veegokiste versteckt wusste. Doch konnte er sich da wirklich sicher sein? Endlich raffte er sich mit einer willentlichen Anstrengung dazu auf, den Schrank zu öffnen. Hinter dem Wäschehaufen, der unberührt aussah, fand er die schwarze Kiste so vor, wie er sie zurück gelassen hatte. Soweit schien alles in Ordnung, doch der äußere Anschein konnte trügen. Als er die Kiste dann öffnete, fand er alles an seinem Platz. Das mysteriöse Artefakt, der am Unterarm anschnallbare Sextant, seine Sonnenbrille und seine Hawaiiklamotten schienen unberührt. Nun endlich atmete Emerson erleichtert aus. Doch was hatte es dann mit Montgomerys Botschaft auf sich, die ihm dieser Leutnant Pavel Synthony übermittelt hatte? Warum war seine Kabinentür während seiner Abwesenheit derart oft geöffnet worden? Irgend etwas stimmte nicht, und das musste er herausfinden. Also kontaktierte er seinen mechanoiden Freund Montgomery Spock und bat ihn, zu ihm zu kommen. Da der Techniker zur Zeit dienstfrei hatte, kam er der Bitte sogleich nach. Wenige Minuten später begrüßten sich die beiden unterschiedlichen Wesen herzlich (was auch immer ein Veego und ein Mechanoide für herzlich hielten). Zuerst unterhielten sich die beiden darüber, was in den vergangenen acht Tagen an Bord der CREST V und auf dem Planeten geschehen war. Erst danach kamen sie auf das Wesentliche zu sprechen. »Irgend jemand ist zweimal in deine Kabine eingedrungen, wobei er keinerlei Spuren hinterlassen hat«, erklärte Montgomery. »Das deutet auf perfekt ausgebildete Profis hin. Ich selbst war insgesamt dreimal hier drin: das erste Mal bei deinem kurzen Besuch hier an Bord, das zweite Mal vor dem ersten Eindringen und das letzte Mal zwischen den beiden Einbrüchen. Bei meinem dritten Besuch war deine Veegokiste schon verschwunden, aber nach Leutnant Pavel Synthonys Anruf wagte ich es nicht mehr, hier nachzuschauen.« Der angebliche Plophoser deutete auf die noch offen herumstehende Kiste. »Wie ich sehe, hat man die Kiste inzwischen wieder zurück gebracht. Wenn du erlaubst, werde ich mir den Inhalt mal ansehen.« Emerson, dem sämtliches Blut aus dem Gesicht gewichen war, brachte ein Nicken zustande. Montgomery beugte sich über die offene Kiste und nahm die darin befindlichen Gegenstände einzeln heraus, um sie näher zu betrachten. Dann wandte er sich mit ernstem Gesichtausdruck seinem Freund zu und verkündete: »Der Sextant und das Artefakt wurden durch hervorragende Kopien ersetzt. Nur aufgrund der Kratzer und der Sauberkeit der Oberflächen beider Stücke kann man sie als Fälschungen identifizieren. Wer auch immer dafür verantwortlich ist, muss über exzellent ausgestattete Werkstätten verfügen. Selbst die Bordwerkstatt der CREST V ist dazu nicht in der Lage.« Emerson fühlte sich längst sterbenselend. Seine schlimmsten Befürchtungen waren eingetreten. Er bekam kaum noch mit, wie Montgomery sich in Einzelheiten über den feigen Diebstahl seiner beiden Besitztümer verlor. Der Sextant würde bei seinem nächsten Besuch auf Heimat ersetzt werden, aber das Artefakt war unersetzlich. Montgomery wollte ihn damit trösten, dass der Dieb die Gegenstände vielleicht wieder zurück tauschen würde, um alle Hinweise seines Verbrechens zu beseitigen, doch der Veego verspürte nur noch das überwältigende Verlangen, seinem Gram Luft zu machen. Nachdem Montgomery gegangen war – nicht ohne zu versprechen, weiterhin nach dem Täter zu suchen – machte Emerson sich zum auf Bordobservatorium. In der Dunkelheit der Observatoriumskuppel (da sich die CREST V in der Korona der Sonne befand, war das Bordobservatorium von außen abgedeckt worden) schrie er seinen Kummer und seinen Zorn in die Stille des Raumes hinaus. Danach verzog er sich traurig und von der Welt enttäuscht in sein Bett. Kleine Messe (BZ: 20:30 Uhr) Der Tag war für alle anstrengend gewesen. Insbesondere die Planetarier hörten gar nicht mehr auf zu staunen. Der Antigrav war »der Bringer« der ersten halben Stunde gewesen. Und dann hatte man die drei endlich zu den zugewiesenen Kabinen auf dem Offiziersdeck bringen können, wobei keiner die Behauptung der beiden jungen Frauen ernst nahm, dass sie den Turbostream nicht absichtlich ausgelöst hatten. Das wäre bei ein oder zwei »Unfällen« vielleicht noch zu glauben gewesen, aber sieben Mal? In den Kabinen war es weiter gegangen. Erst einmal die schiere Größe des jeweiligen Raums, die für ihre Verhältnisse verschwenderische Ausstattung der Offizierskabinen und als man ihnen dann noch die Funktion der Hygienekabine erklärte, waren alle drei baff. Immerhin stammten sie aus einer Gegend, in der Wasser sehr kostbar war und es in dieser Menge zum reinigen zu verwenden, wäre keinem dort eingefallen. Mittlerweile hatten alle geduscht, etwas geruht und sich umgezogen. Lor war immer noch begeistert vom Material der weichen Bordkombination, die man ihnen gegeben hatte. Er wäre wohl noch viel erstaunter gewesen, wenn er über alle Funktionen des Anzuges informiert gewesen wäre. Nun saß ein Teil des Landeteams mit den drei Eingeborenen in einem kleinen Messeraum und aßen zu Abend, wobei Kiril bereits die vierte Portion Karamellpudding verdrückte. Sie hatte sehr schnell herausbekommen, wie man die Thekenservos dazu brachte, zu servieren, was man wünschte, und nachdem Allan ihr einige Vorspeisen zum probieren geordert hatte, wünschte sie »Karamellpudding Plophoser Art«. Allan hatte vorgehabt, Kiril in Irana und Lors Obhut zu übergeben, aber in den wenigen ruhigen Minuten hatte er sich mit ihm darüber unterhalten und erfahren, dass das nicht so einfach sein würde. Da er sie als Mündel akzeptiert hatte, war er verantwortlich für sie und das so lange, bis er ihr einen Mann bestimmen würde. Ein Abgeben dieser Verantwortung war nun nur noch durch Allans Tod möglich, wobei sie dann automatisch zum Mündel des nächsten männlichen Verwandten werden würde. Soweit wollte er jedoch nicht gehen. Wie in vielen feudal organisierten Gesellschaften galten Frauen und auch Männer niedrigen Standes als Besitztum und Kinder waren der Besitz ihrer Eltern. Und »an Elternstatt« stand nun Allan, dem langsam dämmerte, was er sich da eingebrockt hatte. Ein Abgeben dieser Verantwortung an jemanden außerhalb der Blutsverwandschaft war nur im Fall, dass Allan ihr einen Mann bestimmte möglich, alles Andere würde zur ihrer Entehrung führen. Allan hatte auf dem Planeten auch von »Freien Frauen« gehört, hakte nach und erfuhr, dass es noch eine selten genutzte Möglichkeit gab: Wenn er ihr erlaubte, ein »ehrbares Gewerbe« oder, noch unwahrscheinlicher, die Kampfkunst zu erlernen und sie dann bei Erreichen der Volljährigkeit vor das Trochkonzil brächte, wo sie in den erworbenen Fähigkeiten getestet würde, dann erhielte sie den Status eines Freien und konnte auch dem Orden der Troch beitreten, wenn sie dies wünschte. Wie Allan erfuhr, waren alle Mitglieder der Troch-Hierarchie »Freie«, wobei es ungefähr 80 Prozent Männer waren, aber zumindest in den obersten Entscheidungsgremien waren immer eine Hälfte Frauen, wobei es in manchen Zeiten schwer war, genug freie Frauen für diese Posten zu begeistern. Da diese »Adoption« im Bereich der Troch Jurisdiktion stattgefunden hatte, war sie auch nach terranischem Recht legal. Allan fragte, ob es denn nicht irgendwelche Sicherheitsmechanismen gab, wenn ein Vater sein Kind schlug oder Ähnliches. »Leider nein, denn es ist sein Recht«, war die einzige Antwort. Lor hatte ihm ausdrücklich klargemacht, dass Kiril nun sein Eigentum war und es allein seine Entscheidung und Verantwortung war, was aus ihr werden würde. Das Ganze erinnerte Allan sehr an die Gesellenverträge aus dem terranisch-europäischen Mittelalter, von denen er gelesen hatte. Allan hatte keine Ahnung, wie er aus dieser Zwickmühle entkommen sollte. Er hatte schon genug Problem mit seiner Familie, insbesondere seinem Vater, wie sollte er nun auch noch eine jugendliche Adoptivtochter erklären? Allan hatte nicht die geringste Ahnung Aber er musste lächeln als er sah, wie sich das Mädchen, das schon so viel in der letzten Zeit hatte durchmachen müssen, begeistert Karamellpudding aß. Das weitere Vorgehen war vorbereitet und würde wohl ohne größere Probleme ab 6.00 Uhr des nächsten Morgens ablaufen. Sogar die Bordinpotronik leistete nicht allzu viel Widerstand und konnte von der Notwendigkeit überzeugt werden, diesen kleinen Einsatz durchzuführen.
Maschinenraum (BZ: 3:30 bis 4:30 Uhr) Während die anderen Techniker seiner Schicht bereits Feierabend gemacht hatten, arbeitete Montgomery Spock in einem zur Zeit menschenleeren Teil des Maschinenraumes weiter. Er wollte einer Störung am Dimetranstriebwerk nachgehen, das erst vor fünf Tagen repariert worden war. Es waren anomale Streuemissionen aufgetreten, deren Quelle man bisher nicht hatte entdecken können. Eine echte Gefahr schien nicht zu bestehen, aber Montgomery wollte ganz sicher sein. Die Mission der CREST V stand kurz vor der Beendigung, um 6 Uhr würden die Planetarier mit einer leicht umgerüsteten Korvette zum Planeten zurückgebracht werden. Sein Freund Emerson hatte sich seit gestern nicht wieder gemeldet, und Monty wollte ihm Zeit lassen, das Vorgefallene zu verarbeiten. Veegos konnten Schicksalsschläge entweder psychisch offenbar nicht besonders gut verkraften, oder Emerson fiel einfach aus dem Rahmen. Montgomery benutzte diesmal einen Antigravgürtel, um am Antriebsblock schwebend den Streustrahlungen nachzugehen. Als er zwei Drittel der Höhe des riesigen Aggregates hinter sich gebracht hatte, fand er endlich die Quelle der Störung. Die Abschirmung eines Energierelais war undicht geworden, womöglich eine Spätfolge der Explosion des Energieverteilers. Als Montgomery mit seinem Messgerät näher an das Bauteil heranging, um den Schaden genauer zu lokalisieren, gab es eine spontane Entladung aus dem Relais. Von den Überschlagsenergien unvorbereitet getroffen, brach die Energieversorgung des Mechanoiden zusammen, und er verlor das Bewusstsein. Außerdem versagte der Antigravgürtel, und er stürzte wie ein Stein zu Boden – aus einer Höhe von neun Metern! Mit einem dumpfen Krachen schlug er auf. Als sich nach einigen Minuten sein System reinitialisierte, verrieten ihm seine Selbstdiagnoseeinrichtungen, dass seine Tarnung endgültig ausgeflogen war. Die künstliche Haut seines Oberkörpers und seiner Arme war von dem Energieblitz verbrannt worden, das Endoskelett trat an zahlreichen Stellen hervor. Niemand würde jetzt noch daran zweifeln können, dass er kein organisches Wesen war. Doch das waren nur die oberflächlichen Schäden. Der Energieüberschlag hatte etwa 41% seiner Naniten zerstört bzw. irreparabel beschädigt. Die Einsatzfähigkeit seiner oberen Extremitäten war um 74% vermindert, sein restliches System war zu 22% geschädigt, vor allem im Torso- und Kopfbereich. Die Reparatur zumindest der äußeren Schäden würde unter diesen Umständen mehrere Tage dauern, wobei ihm selbst die Unterstützung der Bordwerkstätten kaum geholfen hätte. Aber er hatte nicht tagelang Zeit zur Regeneration, selbst wenn er sich so lange kaschieren würde. Denn er sandte nicht nur kein falsches Biosignal mehr aus, sondern würde in kurzer Zeit vielmehr wie ein Weihnachtsbaum im elektromagnetischen und hyperenergetischen Spektrum strahlen, weil seine internen Abschirmungen allmählich zu versagen begannen. Langsam und vorsichtig erhob er sich vom Boden des Maschinenraumes und humpelte unter dem Heulen überlasteter Servomechanismen zum nächstgelegenen Interkomanschluss hinüber, wobei er darauf achtete, nicht von den anderen Technikern bemerkt zu werden. Er hatte sowieso Glück, dass sie während seines Sturzes gerade mit ziemlich geräuschintensiven Arbeiten beschäftigt waren, so dass sie nichts davon mitbekommen hatten. Dann kontaktierte er die Sicherheitsabteilung des Schiffes. »Ich möchte mich stellen«, sagte Montgomery mit krächzender Stimme (sein akustischer Synthesizer war von den Überschlagsenergien beschädigt worden) zu dem Sicherheitsbeamten, der sich auf seinen Anruf hin gemeldet hatte. Es war der Marsianer Timotha a König, ein Freund des Galaktopsychologen Robert Alun. Noch immer blickte der Mann entsetzt auf Montgomerys zerschundene Gestalt. Er schien noch nicht verarbeitet zu haben, was er auf seinem Interkomschirm zu sehen bekam. »Großer Gott... was... was sind Sie?«, stammelte der Marsianer völlig verdattert. »In der Besatzungsliste werde ich unter dem Namen Montgomery Spock geführt. Offiziell bin ich ein plophosischer Techniker und arbeite im Maschinenraum«, antwortete Montgomery offen. »In Wirklichkeit jedoch bin ich ein sogenannter Mechanoide. Ich entstamme einer Zivilisation künstlicher Wesen und habe mich aus Neugier und Entdeckungslust in die Solare Raumflotte eingeschlichen.« »Hä?«, entgegnete der Marsianer perplex. »Ich bin eine vollständig anorganische Einheit mit variabler Konfiguration, die zur Selbstreproduktion fähig ist«, erläuterte der Mechanoide geduldig. »Mein Volk entstammt einer auch uns unbekannten Hochtechnologie und ist auf einem weit entfernten Planeten ansässig, wo es vollkommen isoliert vom restlichen Universum existiert. Meine Hersteller waren zwei Mitglieder meines Volkes, die ich als meine Eltern bezeichnen würde. Ich habe keinen Auftrag, sondern handle aus eigenem Antrieb. Niemand von meiner Rasse kennt meinen Aufenthaltsort, denn ich habe meinen Planeten gegen ihren Widerstand mit dem einzigen raumflugtauglichen Schiff verlassen.« »Wollen Sie damit sagen, dass Sie über zwei Wochen unerkannt unter uns an Bord dieses Schiffes verbracht haben?«, fragte a-König verblüfft, nachdem er die Informationen verdaut hatte. »Nein, ich habe insgesamt 18 Jahre in der Solaren Raumflotte gedient, ohne erkannt zu werden«, erwiderte Montgomery völlig ernst. »Unglaublich!«, entfuhr es dem Marsianer. »Aber was wollen Sie von mir?« »Nun, wie sie sehen, ist meine Tarnung zerstört. Es hat einen Unfall im Maschinenraum gegeben, bei dem ich schwer beschädigt wurde. Da ich mich nicht tagelang hier an Bord verstecken oder das Schiff einfach verlassen kann, sehe ich keinen anderen Ausweg mehr außer mich zu stellen.« »Und was erwarten Sie, was ich jetzt tun soll?« »Nun, das liegt natürlich ganz bei Ihnen«, gestand der Mechanoide a König zu. »Die logische Vorgehensweise wäre, dass sie mich – ohne Aufsehen zu erregen – in eine Sicherheitszelle schaffen und dann die Schiffsführung informieren. Die wird dann entscheiden, was mit mir zu geschehen hat. Und wenn Sie so freundlich wären, dann hätte ich gerne einige anorganische Rohmaterialien, um mit meiner Selbstreparatur zu beginnen.« Und so geschah es. ENDE »Das war der erste Streich – und der zweite folgt sogleich« heißt es bei Wilhelm Buch, und wie Max und Moritz, so geht es auch der Besatzung der CREST V, denn kaum aus der ersten Mission zurück gekehrt, steht direkt der neue Auftrag an. Das Chaos geht weiter heißt es in der zweiten Mission, deren Kapitel ihr in den nächsten Monaten an dieser Stelle lesen könnt. PROC STORIES - Fan-Stories vom PROC - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Kurzgeschichte »CREST V - Das Chaos VI« vom PBeM-Team der CREST V. Titelbild: Geschichtsvideo. Erschienen am: 01.02.2002. Lektorat, Nachbearbeitung und Umsetzung in Endformate: Alexander Nofftz. Generiert mit Xtory (SAXON, LaTeX). Homepage: http://stories.proc.org/. eMail: stories@proc.org. Copyright © 2000-2002. Alle Rechte beim Autor! | ![]() | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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