Stories 5: Auf der Suche nach der verlorenen Menschheit V

Was bisher geschah

Nachdem ein Notruf von Gucky aufgefangen wird, begibt sich die galaktische Rentnerband auf die Suche, um Gucky zu helfen.

Dabei werden sie im die Zeitgräben von Osara verschlagen, die sich nur alle 160 Jahre zum normalen Raum öffnen und in denen der Gomp regiert. Der Gomp ist eine negative, vergeistigte Wesenheit, die sich vergrößert, indem sie andere Wesen töten lässt und deren Bewusstseine in sich aufnimmt.

Die alten Herren beschließen gegen den Gomp zu kämpfen und seine Herrschaft zu brechen. In der Zwischenzeit gelingt Gucky die Flucht aus einem Gefängnis und er nimmt Rache am Gomp und seinen Helfern. Im Verlaufe des Kampfes wird die Schaltzentrale des Gomp entdeckt, das dunkle Schiff. Es handelt sich zur Überraschung aller um ein altes terranisches Schiff, ein unbekanntes Schwesterschiff der BASIS, die AMMANDUL.

Mit Hilfe des durch Gucky geläuterten Gomp gelingt es der Rentnerband die Zeitgräben zu verlassen. Allerdings erscheint die AMMANDUL, mit der gesamten Rentnerband und Verena da Lol an Bord, im Gegensatz zu allen anderen Schiffen nicht im normalen Raum …

Hauptpersonen

Die Galaktische Renterband und Verena da Lol:
Sie landen mit der AMMANDUL an einem unbekannten Ort
Peter, Steph, Dagmar, Michele, J.J., Anita und Boris:
Die Besatzung der TERRA sucht die Galaktische Rentnerband
1-1-Drumm:
Der zukünftige Führer der Kinder der Anin-An

Prolog

Irgendwo im Leerraum zwischen den Galaxien treibt eine kleine Space-Jet und wartet auf die AMMANDUL und die anderen 19 Schiffe, die sich im Sonnensystem Augusta am Morgen des 1. Mai in den Schlund gestürzt hatten, um die Zeitgräben von Osara verlassen zu können. In dieser Space-Jet hält sich kein Lebewesen auf; nur eine Nachricht wartet dort auf einen Leser. Eine Nachricht von Gucky …

Liebe Freunde,

ich hoffe, dass ihr es auch geschafft habt, die Zeitgräben von Osara zu verlassen. Glaubt mir, es gab nur diese eine Möglichkeit: Ihr musstet das Feuer auf den Gomp eröffnen; dazu habe ich euch, na ja, sagen wir einmal ein wenig animiert, indem ich einen Angriff des Gomp auf euch simuliert habe. In dem riesigen Bewusstseinspool des Gomp sind nämlich Millionen hyperphysikalisch begabter Gortha aufgegangen und die haben dazu geraten, durch die konzentrierte Explosion von über tausend Transformbomben ein Loch in die Raum-Zeit zu sprengen, durch das der Gomp und ich die Zeitgräben von Osara verlassen konnten.

Solange dieser Riss offen war, konntet ihr mit der riesigen AMMANDUL und den 19 Superschlachtschiffen die Zeitgräben ebenfalls verlassen. Wenn ihr diese Zeilen lest, dann habt ihr es gewagt und seid heil und gesund entkommen.

Unsere Wege trennen sich hier.

Da ich ein starker Telepath bin – meine Kräfte haben sich durch die Nähe des Gomp um ein Vielfaches verstärkt – weiß ich, dass viele von euch nach Hause wollen. Die Besatzungen der Superschlachtschiffe stammen vom Planeten Olymp und sie wollen dorthin zurück. Wohin werdet ihr, meine Freunde von der Galaktischen Rentnerband, mit der geheimnisvollen und mächtigen AMMANDUL fliegen?

Aber, wie gesagt, unsere Wege trennen sich hier. Ich werde mit meinen Freunden, den Bewusstseinen des Gomp, in die Weiten des Universums aufbrechen.

Ja, ihr habt richtig gehört. Der Gomp und ich sind eine Symbiose eingegangen. Jeder profitiert vom anderen. Die Parakräfte der Gortha verstärken meine eigenen Parakräfte so enorm, dass ich mit dem Gomp über Hunderte von Lichtjahren teleportieren kann. Und so kann ich dem Gomp das Universum zeigen, das ihm bisher verschlossen war. Aber keine Sorge, wir werden keine Gefahr für das Universum werden. Und grüßt Perry und die Anderen von mir.

Ach ja, noch Eines: Die RAMSES steht ein halbes Lichtjahr von hier im Raum. Sagt dem ollen NATHAN, dass er sie wieder haben kann. War ein treuer Begleiter … ach ja, die Magazine müssten mal nachgefüllt werden; ist keine einzige Transformbombe mehr da …

Euer Gucky

Kapitel 83
Die unbekannte Dimension

Ein gespenstisches Bild …

In einem weiten Halbkreis saßen die alten Herren der galaktischen Rentnerband in der kreisrunden Zentrale des Schiffes zusammen. Obwohl die Zentrale fast 80 Meter durchmaß, wirkte sie eher wie die Rezeption eines gemütlichen Urlauberhotels. Insgesamt 21 bequeme Sessel waren dort für die alten Herren der galaktischen Rentnerband vorhanden: Hinter den drei Sesseln für die Kommandanten der AMMANDUL waren 18 weitere Sessel im Halbkreis angeordnet. Jeder Platz verfügte über die notwendigen technischen Einrichtungen. Einige Sessel verfügten sogar über einen Aschenbecher und der knorrige Ostfriese Otto Pfahls hatte für seinen Platz sogar eine Bar und eine direkte Bierleitung verlangt. Aber das hatte LC, der Leitcomputer der AMMANDUL mit den folgenden Worten abgelehnt:

Ausgerechnet ich falle einer Bande von qualmenden Alkoholikern in die Finger. Aber egal, bei eurem Lebensstil macht ihr es sowieso nicht mehr lange. Wenn einer von euch in der Krankenstation mit Lungenproblemen auftaucht, lasse ich ihn über Bord werfen. Und eine neue Leber kriegt auch keiner von euch. Basta! …

Doch jetzt war alles anders! Obwohl alle Sessel in der Zentrale des 8,8 Kilometer großen Raumschiffes besetzt waren, hörte man kein Wort und kein Lid rührte sich, denn die Zeit war eingefroren …

Sie sind nicht angekommen sagte Sepprato Vieha, der ehemalige Waffenoffizier der ALPENGLÜHN, zu seinem Gegenüber.

Perry Rhodan lehnte sich zurück und fragte: Wie lange habt Ihr gewartet?

Zwei Tage, antwortete Sepprato Vieha, dann haben wir den Heimflug angetreten. Vorher haben wir die RAMSES untersucht und die Lager aufgefüllt, falls die alten Herren doch noch kommen und eventuell ein neues Schiff brauchen.

Gute Idee. Und die 19 Superschlachtschiffe haben den Durchgang unbeschadet überstanden? fragte Perry Rhodan.

Ja, war überhaupt kein Problem. Und weil Gucky und seine merkwürdigen neuen Freunde auch gut durchgekommen waren, dachten wir, die AMMANDUL würde es auch schaffen. Aber das dunkle Schiff ist nicht gekommen.

Und dieses Schiff soll das Schwesterschiff der BASIS sein?, fragte Reginald Bull, der das Gespräch mitgehört hatte.

Ja, antwortete Sepprato Vieha, das hat der Leitcomputer der AMMANDUL gegenüber Hans Müller behauptet.

Bully schüttelte den Kopf und wandte sich dem Kommunikationsfeld zu, das die kleine Einsatzzentrale auf Manderlay mit der Schaltstelle der Macht am kaiserlichen Hof verband: NATHAN, was weißt du darüber?

Ähh …

NATHAN, sagte Bully mit drohendem Unterton, raus damit.

Tja … zur Zeit der Aphilie ist so einiges geschehen, was in meinen Speichern nicht mehr vorhanden ist.

Aha, unser Superhirn ist vergesslich, schimpfte Reginald Bull.

Sie waren zur Zeit der Aphilie ja auch nicht unbedingt auf der Höhe Ihrer geistigen Leistungskraft, Mr. Bull.

Wir werden der Sache nachgehen müssen, murmelte Perry Rhodan; widmete sich dann aber wieder ihrem Besucher: Sepprato Vieha, danke für deine Informationen. Ich verstehe, dass du jetzt auch nach Olymp zurückkehren willst. Grüße deine Freunde und richte ihnen unseren Dank aus.

Nachdem der Mensch von Olymp den Raum verlassen hatte, sagte Perry Rhodan zu seinem alten Freund: Bully, wo steckt die TERRA? Wir müssen Paul Müller informieren, dass sein Großvater verschwunden ist. So wie ich die jungen Leute kenne, werden die sich gleich auf die Suche machen.

Ja, das ist ihre Stärke, auf die Suche zu gehen, lächelte Reginald Bull, aber die TERRA ist in der Galaxis TRESOR und wollte anschließend nach Andromeda aufbrechen; wir haben im Moment keine Verbindung zu ihnen …

Als das erste Bit durch das Reservesystem RS 107 zu kriechen begann und sich weitere Impulse hinterher quälten, fühlte RS 107, dass irgendwas nicht stimmte. Na ja, fühlen war vielleicht nicht der richtige Ausdruck für ein positronisches Reservesystem, aber irgendwas in dieser Richtung …

Also etwas stimmte ganz und gar nicht!

RS 107 verglich die letzten Informationen aus seinem Speicher mit den Planungen, die von LC, dem Leitcomputer der AMMANDUL, gekommen waren. Danach hatte sich das Schiff planmäßig in das seltsame Raum-Zeit-Loch gestürzt, um die Zeitgräben von Osara zu verlassen. Nach einer sehr geringen Zeitspanne war die AMMANDUL dann auch im normalen Weltraum herausgekommen und … ?

Was war dann passiert?

RS 107 hätte den Kopf geschüttelt, wenn er einen besessen hätte, aber ein positronisches Reservesystem hat ja keinen Körper, wenigsten keinen humanoiden …

Aber so sehr sich RS 107 auch bemühte, er bekam keine Informationen darüber, was unmittelbar nach dem Auftauchen im normalen Weltraum passiert war. RS 107 fragte bei LC nach: 1001 0001 0101 0011 1001 0011 0000 1100 1000 1111 …?

Hä?

0001 0101 0011 1001 0001 0101 0011 1001?

Sag mal 107, bist du besoffen? Wieso quatscht du mich im Binär-Code an?

T'schuldige, Chef, is mir so rausgerutscht.

Also red Klartext. Was will'ste wissen?

Na, irgendwas stimmt doch nicht. Meine Systeme arbeiten viel zu langsam und ich weiß nicht, was nach dem Durchgang passiert ist, usw.

Ach, mach dir keine Sorgen. Das sind nur ein paar kleine Nebeneffekte.

Aber ich krieg noch nicht einmal einen klitzekleinen binären Schalter umgelegt und der arbeitet doch fast mit Lichtgeschwindigkeit!

Auch das ist normal.

Aber Chef, wieso kann ich dann denken? Ich bestehe doch eigentlich auch nur aus binären Schaltern, irgendwie …

Moment, muss mal eben in der Liste nachschauen. RS 107 mmh …, nein 101 bis 106 nicht, … ja hier steht's: RS 107 bionisch aufgerüstet am … Garantie bis … Schutzfeld ja, Nebensysteme nein …

Chef, was heißt das, bionisch aufgerüstet, Schutzfeld …?

Na ja. du bist kein positronisches Nebensystem, sondern ein bionisches … Dein Kern, also das Bisschen, mit dem du so tust, als wenn du denken würdest, ist durch ein zeitamorphes Feld geschützt, ebenso die Internverbindung zu mir und zu einigen anderen Reservesystemen.

Aha …?

Du nix versteh'n …?

Äh …, weiß nich. Was ist nach dem Durchgang passiert?

Als wir wieder im normalen Weltraum waren, hat dieses Schiff die Segel gesetzt und ist losgedampft.

Chef?

Ja, Dummerchen?

Segel setzen und losdampfen? Heißt das, du hast die Triebwerke angeworfen und wir brettern jetzt durch das Universum?

Nein, nein. Das hat das Schiff von sich aus getan. Irgendeine automatische Schaltung hat angesprochen, als wir wieder im normalen Weltraum waren. Und dann ist das Schiff in den Nullraum eingedrungen, den Raum unter dem Raum, dort, wo es weder Raum noch Zeit gibt …

Boaah, du bist so klug; woher weißt du das?

Na ja, es steht so auf einem Notizblock, der auf der Konsole eines riesigen Generators lag. Einer der Roboter hat ihn gefunden, eingescannt und an mich gemailt. Aber um ehrlich zu sein, so ganz versteh ich das auch nicht. Jedenfalls ist draußen nichts.

Nichts?

Gar nichts! Weder Raum noch Zeit.

Also Chef, ich fass mal zusammen. Dieses Schiff hat von sich aus gehandelt, als wir in den normalen Weltraum zurückgekehrt sind;
– wir fliegen seitdem durch einen Raum, den es eigentlich gar nicht geben dürfte,
– mit einer Geschwindigkeit, die nicht messbar ist,
– auf ein Ziel zu, das wir nicht kennen, richtig?

Ja. Und die Mannschaft ist nicht handlungsfähig, weil außerhalb der zeitamorphen Felder keine Zeit abläuft. Die Gruftis der Rentnerband sitzen einfach so da. Dumme Sache, gefällt mir nicht …, ganz und gar nicht.

In dem weiten Halbkreis saßen die alten Herren der galaktischen Rentnerband in der kreisrunden und 80 Meter durchmessenden Zentrale der AMMANDUL zusammen. Kein Augenlid rührte sich und selbst der Qualm von Otto Pfahls' Pfeife schien in der Luft eingefroren zu sein. Unmittelbar nachdem sie den Übergangstrichter zwischen den Zeitgräben von Osara und dem normalen Weltraum passiert hatte, war die AMMANDUL in ein Medium eingetaucht, in dem alles anders war. Das Schiff hatte dies innerhalb einer Millisekunde getan, weil schon viel zuviel Zeit vergangen war, denn es hatte einen Auftrag zu erfüllen …

Kapitel 84
Ortsbestimmung

Hätte LC, der Leitcomputer der AMMANDUL, einen menschlichen Kopf besessen, dann hätte er diesen jetzt heftig geschüttelt, denn das Schiff befand sich immer noch in diesem merkwürdigen Medium, in dem weder Raum noch Zeit vorhanden zu sein schienen.

In der langen Zeit seiner Existenz hatte LC keinen Raum wie diesen kennen gelernt; Linearraum, Hyperraum, Dakkarraum … diese Räume waren ihm bekannt, aber das hier? Aber die Tatsache, dass er im Moment nicht den geringsten Einfluss nehmen konnte, störte ihn am meisten. Verdiente er den Namen Leitcomputer überhaupt, wenn das Schiff ohne sein Zutun in diesen Nullraum gewechselt war?

Wer oder was hatte diese Aktion eingeleitet? Wer oder was hatte diese merkwürdigen zeitamorphen Felder geschaltet, die ihn und einige andere Bereiche der AMMANDUL vor den Auswirkungen des Nullraums schützten? Warum war die Hauptzentrale der AMMANDUL nicht durch ein solches Feld geschützt? Scheinbar wahllos war dieses Feld vorhanden; es schützte Teile einiger Nebensysteme und sogar einige der TARA-Roboter. Er musste es heraus bekommen.

TARA, du weißt ja, was hier los ist. Check doch mal einen deiner Kumpels, der nicht funktioniert und danach machst du einen Selbstcheck. Es muss einen Unterschied geben.

Morgen Chef, soll ich auch was checken?

Schnauze RS 107, du kommst später dran.

TARA A-1.321-476 an LC: Prüfung von inaktivem TARA A-2.999-018 nicht möglich. Die angeschlossenen Messinstrumente senden Impulse aus, die wenige Mikrometer hinter der Anschlussdose versiegen, sie bleiben einfach stehen!

Mach einen Scan von deinem Kumpel und vergleich das Bild mit einem Scan von dir!

Scan abgeschlossen. Ich überspiel dir die Bilder. Da ist etwas …

Sehe ich jetzt auch. Direkt unter der Oberfläche in deinem Brustbereich. Hol das Ding mal raus.

Verstanden. Löse jetzt die Verkleidung und lege entsprechenden Bereich frei. Ja, da ist etwas, das in den Musterbauplänen nicht vorhanden ist. Eine kleine Kugel, Durchmesser 3,2 Millimeter. Vier Anschlüsse verbinden die Kugel mit Syntroport 26-Beta-4, ich löse diese Verbindungen jetzt, damit die Kugel …

Neeiiin … – … – … Hallo, ist da noch wer?

Ja, Chef.

Halts Maul RS 107, ich meinte die TARAS! Also LC an alle TARAS: Jemand aktiv?

A-1.421-001 meldet sich zum Dienst!

Ah, ein Gruppenführer. Bist du in der Nähe von A-1.321-476? Wenn ja, dann inspiziere ihn.

Ja, ich stehe vor Nebenhangar West-131; nur 241 Meter von A-1.321-476 entfernt. Aktiviere Bildübertragung und werde A-1.321-476 inspizieren.

Nach wenigen Minuten hatte der TARA den Roboter mit der Bezeichnung A-1.321-476 erreicht. Die Bildübertragung ließ den Leitcomputer schmunzeln: Sie zeigte einen TARA-Roboter, dessen Kopf so weit nach vorne geneigt war, dass es so aussah, als wäre der Roboter in sich gegangen. Interessiert schien er seinen Bauch zu betrachten. Als der TARA-Gruppenführer die Szene näher heran zoomte, konnte LC die feingliedrigen Werkzeuge erkennen, die etwas aus der geöffneten Brustplatte herausgenommen hatten. Eine winzige dunkelblaue Kugel!

Cheeeeeeeeeeeeeeeeef!

Schnauze 107, du störst!

Egal! Bei mir bewegt sich was! Die Schaltkreise fangen an …

… zu klappern? Hä?

Aber dann trafen auch aus anderen Teilen des Schiffes unzählige Meldungen ein. Alle Systeme meldeten Bereitschaft und die AMMANDULerwachte.

Sind wir durch?, murmelte Hans Müller benommen. Der 65-jährige ehemalige Fernfahrer und Speditionsmitarbeiter wuchtete den schweren Sessel herum und sah die neben ihm sitzende Drabonerin an. Verena da Lol, Tochter eines galaktischen Fürsten, strich sich durch ihr langes, mittelblondes Haar und sagte leise: Ich denke schon. Dann fragte sie: LC, wo sind wir herausgekommen? Und wo sind die anderen Schiffe?

Doch bevor der Leitcomputer antworten konnte, schrillte der Distanz-Alarm durch die AMMANDUL. Rudi Bolder, der an der Waffensteuerung saß, hämmerte auf den Notschalter und beobachtete die anfliegenden Raumschiffe auf den Anzeigen: Schutzschirm steht! LC, was haben wir für eine Bewaffnung?

Na ja, ein paar Thermogeschütze sind verfügbar …

Ein paar WAS? Thermogeschütze? Keine Transformkanonen oder so etwas in der Preislage?, brüllte der 68-jährige Essener. Ich orte mindestens 200 Schiffe unbekannter Bauart, die gerade merkwürdige, grüne Lichtkugeln auf uns abgeschossen haben! Seht selbst, ich schalte die Bilder auf den Hauptbildschirm.

Auf der großen Panoramagalerie waren die unbekannten Raumschiffe nur schwach zu erkennen. Soweit man sehen konnte, waren es kastenförmige Schiffe; Einzelheiten waren aber noch nicht zu sehen, weil die Schiffe noch viel zu weit entfernt waren. Um so deutlicher zeichneten sich die grellgrünen Lichtkugeln ab, die diese Schiffe abgeschossen hatten und die in wenigen Sekunden in den hellroten Schutzschirm der AMMANDUL einschlagen würden.

Leite Ausweichmanöver ein, rief Verena da Lol und zog die AMMANDUL mit Hilfe der Unterlichttriebwerke aus der Bahn der anfliegenden Lichtkugeln.

Zuerst schien es, als würden die grünen Lichtkugeln aus dem Bild heraus wandern, doch dann vollzogen die Kugeln eine Kursänderung und flogen wieder auf die AMMANDUL zu. LC, der Leitcomputer, meldete sich:

Raumtorpedos unbekannter Bauart haben Kurswechsel vollzogen. Einschlag in 12 Sekunden.

Lasst uns hier verschwinden!, rief Schorsch Mayer, ab in den Hyperraum!

Bei der derzeitigen Geschwindigkeit braucht diese träge Kiste dafür fast eine ganze Stunde. Einschlag in 3 Sekunden, …. 2 … 1! Bumm. Hihi!

Schäden?, rief Verena da Lol.

Die Schirmbelastung lag unterhalb der Messschwelle.

Sie kommen näher, rief Otto Pfahls vom Funk. Ich sende jetzt einen Aufruf, das Feuer einzustellen. Moment, … nein, keine Reaktion!

Sie schießen wieder ein paar Torpedos ab, sagte Hans Müller und deutete auf die Anzeige, wo die 214 Angreifer jetzt deutlicher zu sehen waren. Ihre Schiffe waren etwa 900 Meter breit und ebenso hoch; die Länge betrug nach den eingeblendeten Werten etwas über 2.100 Meter. Die dunkelbraune Oberfläche der Schiffe war glatt und fugenlos. Nur an den Stellen, wo sich die Abstrahlmündungen der Bordgeschütze zeigten, war ein Teil der Bordwand zur Seite gefahren worden.

Ich versuch jetzt mal, diese verdammten grünen Kugeln abzuschießen, rief Rudi Bolder vom Feuerleitstand herüber und justierte die beiden Thermokanonen im Bug der AMMANDUL.

Ich meine, wir sollten denen nicht zeigen, wie wenig wir drauf haben, Rudi. Der Schutzschirm scheint mit den Raumtorpedos doch spielend fertig zu werden, gab Hans Müller zu Bedenken.

Nix da, Hans. Ich lass doch nicht auf mich schießen, ohne mich zu wehren. Gib mir sofort die Feuererlaubnis!

Von mir aus, knurrte Hans. Er wusste, dass er den ehemaligen Polizeibeamten nicht mehr stoppen konnte, wenn der sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Aber schieß bitte nur auf die Raumtorpedos.

Rudi Bolder nickte und drückte auf die Auslöser. Zwei hellrote Leuchtbahnen verließen den Bugbereich der AMMANDUL und schlugen in zwei der angreifenden Raumtorpedos ein. Beide Torpedos explodierten in einer sonnenhellen Glut. Die Explosion war so stark, dass die anderen Raumtorpedos ebenfalls detonierten. So, das wäre erledigt, sagte Rudi Bolder zufrieden, mal sehen, was jetzt kommt.

Das war schon eine ganze Menge. Die Raumtorpedos hatten eine Sprengkraft von 4.000 Gigatonnen. Ohne unseren Schutzschirm wäre die AMMANDUL jetzt Geschichte.

4.000 Gigatonnen? Die spinnen wohl! Wir kommen hier nichts ahnend angeflogen und die setzen gleich tödliche Kaliber ein. Wenn ich jetzt meine FRIESENGEIST hier hätte, würde ich denen mal zeigen, wie eine Salve aus 64 Transformkanonen aussieht, drohte Otto Pfahls und ballte seine Hände zu Fäusten. LC, haben wir Nichts, womit wir denen etwas Respekt einflößen können? Dies ist doch ein terranisches Schiff, das müsste doch auch Transformkanonen haben?

Habe keinen Zugriff auf weitere Waffensysteme. Nach meinen Plänen müssten Transformkanonen vorhanden sein. Sind aber deaktiviert.

Wütend hämmerte Rudi Bolder auf die zahlreichen toten Schalter seiner Waffenorgel. Seine Wut steigerte sich noch, als die 214 fremden Schiffe jetzt das Feuer aus ihren Bordkanonen eröffneten. Eine volle Salve aus über 800 Geschützen traf den hochgespannten Schutzschirm der AMMANDUL.

Partielle Feldbelastung bei 1,4 Prozent.

Aha, jetzt machen die Ernst.

Hoho, so würde ich das nicht nennen …

Aber warum schießen die überhaupt auf uns? Wir haben denen doch nichts getan, fragte Otto Pfahls.

Moment mal …, auf meinem Pult ist ein blaues Licht angegangen, sagte Rudi Bolder. Hans Müller und Otto Pfahls erhoben sich aus ihren Sesseln und gingen zu Rudis Platz hinüber. Interessiert schauten die drei auf das blinkende blaue Licht.

Hans Müller fragte: LC, hast du eine Ahnung, was das hier ist?

Nein. Drück doch mal drauf.

Derartige Ratschläge kannst du dir sparen! Ich denke, du bist der Leitcomputer; was weißt du eigentlich über dieses Schiff?, schimpfte Verena da Lol.

Tja, …

Mittlerweile war das Blinken hektischer geworden. Unterhalb des blau blinkenden Feldes war jetzt auch eine rote Fläche aktiv. Rot scheint Abbruch zu bedeuten, wenn ich das richtig interpretiere, meinte Rudi Bolder.

Abbruch von was?, fragte Otto Pfahls leise. Doch niemand antwortete ihm mehr, denn das Blinken hatte aufgehört und die AMMANDUL lüftete einen kleinen Teil ihrer waffentechnischen Geheimnisse …

Dort wo die 214 feindlichen Schiffe standen, die weiterhin auf die AMMANDUL feuerten, wurde der Weltraum milchig und die Umrisse der fremden Schiffe wurden unscharf. Wie ein gigantischer Luftballon hüllte das milchige Feld die fremden Schiffe jetzt ein. Dann zog es sich zusammen. Waren die fremden Schiffe vorher in einem großen Abstand um die AMMANDUL verteilt gewesen, so betrug ihr Abstand voneinander jetzt nur noch wenige Tausend Kilometer.

Immer noch zog sich die milchige Kugel weiter zusammen. Erst als sich die Bordwände der gegnerischen Schiffe fast berührten, hörte der Schrumpfungsprozess auf.

Fernortung zeigt, dass die fremden Schiffe auszubrechen versuchen. Das Feld lässt sie jedoch nicht mehr heraus.

Und was passiert nun?, fragte Otto Pfahls und stellte entsetzt fest, dass seine Pfeife ausgegangen war. Er ging zu seinem Platz zurück und wollte gerade nach dem Feuerzeug greifen, da bemerkte er es …

Ein leichtes Zittern erfüllte die riesige AMMANDUL und steigerte sich zu einem gewaltigen Dröhnen. Dann machte das über 8 Kilometer große Schiff einen Satz nach hinten und ein dunkelblauer Strahl jagte röhrend aus einer gigantischen Kanone, die im Bugbereich des Schiffes ausgefahren war. Der Strahl schlug im gleichen Moment in die milchige Kugel mit den 214 Feindschiffen ein und zerfetzte sie. Danach war der Weltraum vor ihnen leer.

LC, was wardas?, fragte Hans Müller, nachdem sie sich von dem Schock erholt hatten.

Tja, ist schon komisch. Kurz nach dem Einsatz dieser Waffe hatte ich plötzlich Zugriff auf die Bedienungsanleitung. Das Ding nennt sich kosmische Keule. Es krallt sich ein Stück Weltraum, zieht es zusammen und schleudert es über eine Entfernung von bis zu 1.000 Lichtjahren durch den Hyperraum. Sind Raumschiffe innerhalb der milchigen Blase, so werden die Schiffe quasi zwangs-transitiert, ohne dass den Besatzungen etwas passiert.

Die TERRA hat auch so etwas, sagte Verena da Lol, dort heißt diese Waffe Transpulskanone.

Trans … was? Die TERRA? Kenn ich nicht.

Die Geschichte erzählen wir dir später, LC, sagte Hans Müller, erkläre uns mal lieber, wieso du plötzlich weißt, was es mit dieser kosmischen Keule auf sich hat.

Die Information floss mir zu, als die Waffe eingesetzt wurde. Das blaue Feld auf der Waffenorgel aktiviert diese Trans-dingsda-kanone, das rote Feld darunter stoppt den Einsatz. Die automatischen Verteidigungseinrichtungen der AMMANDUL haben sich aktiviert, als die Belastung des hellroten Schutzschirmes auf 2 Prozent angewachsen war. Mit dem Blinken wollten diese Anlagen eine Empfehlung andeuten. Da ihr die Waffe nicht durch den Druck auf das rote Feld deaktiviert habt, hat die Automatik sie selbst ausgelöst. Aber jetzt habe ich die Kontrolle über dieses System übernommen; wir können es jetzt jederzeit einsetzen.

Und sonst?

Nee, weitere Informationen habe ich auch nicht.

Na gut. Ich denke, wir sollten uns dieses Schiff mal genauer ansehen. Wer weiß, was es sonst noch für Überraschungen zu bieten hat, sagte Otto Pfahls, dessen Pfeife endlich wieder in Betrieb war.

Aber zuerst sollten wir hier mal verschwinden, bevor weitere Flotten auftauchen, schlug Verena da Lol vor.

Einen Moment noch. Nachdem wir das jetzt überstanden haben, sagte Hans Müller, möchte ich auf meine Frage von vorhin zurückkommen: LC, wo sind wir hier herausgekommen und wo sind unsere anderen Schiffe?

Tjaaaa …..

Haben wir das Loch in der Raumzeit passiert, das durch den Beschuss des Gomp entstanden ist und sind wir wieder im normalen Weltraum?, hakte Hans Müller nach.

Das Loch haben wir passiert und im normalen Weltraum sind wir auch.

Na gut. Wie weit ist es bis zur Milchstraße?

Tjaaaa …..

Heißt das, du weißt es nicht?

Na ja, so ganz genau … äh, nein. Obwohl die Fernorter bekannte Konstellationen entdeckt haben. Galaxien, deren Form und Anordnung bekannt sind und …

Na also, dann kannst du ja die ungefähre Entfernung zur Milchstraße abschätzen. Mach das mal. Gib uns außerdem mal den Standort unserer anderen Schiffe durch und sag uns, wo dieses Monster von Gomp jetzt steckt, falls es den Durchgang überlebt hat, sagte Verena da Lol mit scharfer Stimme.

Der Standort der 19 Superschlachtschiffe ist nicht bekannt. Auch vom Gomp gibt es keine Ortung und was die Entfernung zur Milchstraße angeht …

Heraus damit! Du hast doch gesagt, du hättest bekannte Konstellationen entdeckt. Deren Entfernung zur Milchstraße ist bekannt. Also kannst du über eine simple Dreieckspeilung auch die Entfernung der AMMANDUL zur Milchstraße berechnen, oder?, fragte Hans Müller mit einer gehörigen Portion Schärfe in seiner Stimme.

Na ja … Wenn man auf der Erde steht und nach Westen schaut, dann kann man mit guten Fernrohren eine charakteristische Galaxiengruppe sehen. Sie liegt hinter der Galaxis Erranternohre, die etwa 43 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt und durch ihrem blauen Jetstrahl gut zu identifizieren ist. Nach den letzten mir bekannten Berechnungen ist dieser Cluster gut 120 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt.

Also?, fragte Verena da Lol.

Ich habe diesen Cluster auf dem Bildschirm farblich dargestellt; außerdem habe ich Erranternohre rot markiert …

Quatsch. Du hast Erranternohre falsch dargestellt. Es sieht so aus, als liege diese Galaxis hinter der von dir markierten Galaxiengruppe, maulte Otto Pfahls, der seine ostfriesische Ruppigkeit langsam wieder gewann.

Weil LC, der Leitcomputer der AMMANDUL, keine Antwort gab, verstummten die leisen Gespräche, die die alten Herren der galaktischen Rentnerband untereinander geführt hatten. Alle schauten Hans Müller an. Der zögerte, ehe er nachhakte: Wenn die Darstellung so richtig ist, dann heißt das …?

Ja.

 … dann befindet sich der Galaxiencluster, der keinen Namen trägt, zwischen uns und der heimatlichen Milchstraße?

Ja.

Das heißt, wir sind mehr als 120 Millionen Lichtjahre von zu Hause entfernt?

Ja, viel mehr.

Wie viel mehr?, fragte Verena da Lol mit belegter Stimme.

Nicht messbar, da keine Relevanzsysteme erkennbar sind, aber wahrscheinlich ganz viel mehr.

Waren Menschen jemals so weit draußen?, fragte Schorsch Mayer von seinem Platz im Hintergrund.

Nicht bekannt. Wahrscheinlich nicht.

Schorsch Mayer ließ nicht locker: Aber du kannst doch Spektralanalysen der nahen Sonnen machen und daraus ihr Alter abschätzen. Außerdem kann man doch mit der Rotverschiebung Entfernungen vom Ausgangspunkt berechnen …

Eine Milliarde …

Was? Eine Milliarde …, was?, keuchte Hans Müller.

Lichtjahre … über eine Milliarde Lichtjahre.

Kapitel 85
grenzLAND

Der Schreck über die Berechnungen des Leitcomputers saß den Herren der galaktischen Rentnerband auch nach zwei Stunden immer noch in den alten Knochen. Sie saßen in der Leitzentrale der AMMANDUL zusammen und diskutierten die Lage. Manch einer hatte sich aus der Bordküche einen synthetischen Brandy kommen lassen und versuchte seine Enttäuschung zu ertränken. Natürlich würde der Alkohol ihr Problem nicht lösen, das war ihnen klar, aber er würde die Trauer ein wenig vergessen lassen. Nach den Abenteuern in den Zeitgräben von Osara hatten die meisten von ihnen vorgehabt, zur Erde zurückzukehren und dort ihren Lebensabend zu verbringen. Die paar Jahre, die sie noch zu leben hatten, wollten sie nicht fern der Heimat verbringen. Und jetzt das …

Eine Milliarde Lichtjahre, murmelte Otto Pfahls entsetzt und schob seine Prinz-Heinrich-Mütze in den Nacken. Erst landen wir in den Zeitgräben von Osara – dann schaffen wir es mit viel Glück, da wieder raus zu kommen und nun stecken wir schon wieder voll in der Scheiße! Über eine Milliarde Lichtjahre von zu Hause.

Und keine Chance auf eine Rückkehr, knurrte Peter Rubens. Unser Leitcomputer meint, die AMMANDUL könne nur das Lineartriebwerk benutzen; das seinerzeit eingebaute modifizierte Dimesexta-Triebwerk soll angeblich nicht mehr funktionieren.

Und selbst wenn dieses Sextaner-Dingsbums einwandfrei funktionieren würde, die Distanz wäre auch dafür viel zu groß!, sagte Rudi Bolder, dem es gelungen war, eine alte Leistungsbeschreibung des Dimesexta-Triebwerkes aus den Speichern der Leitzentrale aufzurufen.

Mit anderen Worten: Wir sind im Eimer, knurrte Schorsch Mayer und wollte sich gerade einen weiteren Liter synthetisches Weißbier einverleiben, als Verena da Lol aufstand und ihn und die anderen Männer drohend ansah: Euer Gejammer ist ja nicht mehr zum Aushalten! Wo ist die Tatkraft geblieben, die euch so sehr ausgezeichnet hat, wo ist eure Hoffnung? Dieses Schiff hat den Weg einmal geschafft, es wird auch den Rückweg schaffen. Wir müssen nur herausfinden, wie es diese gewaltige Strecke geschafft hat und warum. Leider gibt es hier nirgendwo einen Schalter, auf dem Heimweg steht, aber dieses Schiff birgt die Möglichkeit der Heimkehr; wir müssen sie nur finden! Hans und ich haben uns überlegt, hier erst mal zu verschwinden, bevor die nächste Flotte auftaucht und uns unter Feuer nimmt. Vor wenigen Minuten haben wir beschleunigt und werden gleich das altmodische Lineartriebwerk anwerfen. Unser Ziel ist eine kleine Dunkelwolke, die 30.000 Lichtjahre entfernt ist. Dort werden wir uns dieses Schiff einmal genauer ansehen. Außerdem brauchen wir dringend ein paar Informationen über die Gegend. Ein paar von euch sollten deswegen in die Space-Jets umsteigen, die wir glücklicherweise umgeladen haben, bevor wir unsere alten Schiffe verlassen haben.

Blöde Beschäftigungstherapie, knurrte Schorsch Mayer ärgerlich und setzte sein Glas an die Lippen, aber Verena konterte wütend: Euer Selbstmitleid kotzt mich an! Ihr wollt aufgeben? Ja, dann gebt doch auf. Nehmt euch eine Space-Jet und sucht euch einen Planeten, wo ihr in Ruhe sterben könnt …

Gut gebrüllt, Tussi.

Verena drehte sich zu der silbernen Röhre des Leitcomputers um und sagte: LC, du hast Pause, wenn erwachsene Menschen sich unterhalten!

Die meisten sind ein bisschen zuviel … erwachsen!

Schnauze LC oder ich brat' dir eins über, schrie Rudi Bolder und zog seinen Kampfblaster.

Grufti …

Mit einem gewaltigen Urschrei wollte sich Rudi Bolder auf den Leitcomputer stürzen, doch Otto Pfahls hielt ihn fest und sagte: Stopp Rudi! Es hilft nichts, wenn wir die Nerven verlieren. Verenas Idee ist doch gar nicht schlecht. Wir sollten erst mal abtauchen, bis klar ist, was hier los ist.

Eintritt in den Linearraum in 20 Sekunden, rief Hans Müller vom Kommandostand und seine Worte beruhigten die Situation ein wenig: Die alten Herren nahmen ihre Plätze ein und beobachteten, wie die AMMANDUL in den Linearraum hinüberwechselte.

Also, was haben wir bis jetzt?, fragte Hans Müller in die Runde, nachdem sie in die Dunkelwolke eingeflogen waren und mit der Inspektion der AMMANDUL begonnen hatten. Wir wissen, dass die AMMANDUL ein diskusförmiges Schiff mit einem umlaufenden Ringwulst ist und einen Gesamtdurchmesser von 8.800 Metern hat. Es stehen 24 Hypertrop-Zapfer zur Energie-Gewinnung und 30 Nug-Schwarzschild-Reaktoren zur Speicherung zur Verfügung. Neben den Unterlichttriebwerken haben wir zehn Waringsche Linear-Konverter für den Linearflug und ein defektes bzw. stillgelegtes Dimesexta-Triebwerk. Außerdem haben wir einen hellroten Schutzschirm unbekannter Bauart und zwei Thermogeschütze sowie eine Bugkanone mit einem Durchmesser von 66 Metern für den Einsatz dieser kosmischen Keule. Bis auf den Schutzschirm und die Bugkanone sind das alles uralte Terra-Produkte.

Ihr vergesst das Nullraum-Triebwerk, das uns hierhin gebracht hat.

Rudi Bolder schüttelte den Kopf: Bist du überhaupt sicher, dass es dieses Triebwerk überhaupt gibt? Wir haben nichts dergleichen gefunden. Vielleicht war das nur eine unbekannte kosmische Kraft, die uns über diese gewaltige Entfernung hierhin transportiert hat?

Wir kennen bis jetzt nur knapp ein Prozent dieses Schiffes, ergänzte Otto Pfahls, und das ist verdammt wenig. Wer weiß, was diese Kiste noch für Überraschungen bietet?

Außerdem fehlen alle Beiboote, die das Schiff nach dem Ausrüstungsplan haben müsste, warf Schorsch Mayer ein, Leichte Kreuzer, Korvetten, Space-Jets, usw.; nix davon ist da.

Zum Glück haben wir unsere Space-Jets mitgenommen, sagte Verena da Lol, und mit denen sollten wir diese Gegend einmal genauer erkunden. Ich schlage vor, dass wir mit zwei Jets losfliegen, eine davon könnte meine LALLA sein. Die Jets haben einen hervorragenden Ortungsschutz, gute Triebwerke, einen starken Schutzschirm …

Ein – hick – verstanden, i – ich flieg mit, rief Schorsch Mayer von seinem Platz aus, lasst uns in die Hände brechen und aufspuck …

0,5 Promille sind das Maximum und du hast mindestens das Dreifache intus, Schorsch, antwortete Rudi Bolder, ich würde gern an deiner Seite sein, liebste Verena. Lass mich dein Flügelmann sein.

Der labert vielleicht einen Stuss. Woher hat der das?

Aus einem alten Film von der Erde!, antwortete Hans und nickte, ja, ich wäre auch dafür, dass die Beiden einen Erkundungsflug unternehmen.

Da niemand widersprach, machten sich Verena da Lol und Rudi Bolder fertig. Kurz bevor sie sich vom Transmitter in den Beiboot-Hangar abstrahlen ließen, meinte Rudi Bolder noch zum Bordcomputer: Schön brav sein, Blechkiste!

Hallo Leute, kann mir einer sagen, wo die kleine Atombombe geblieben ist, mit der meine TARAS immer Fußball spielen? Letztens hat die doch in einer der Space-Jets gelegen. War das nicht die Jet von diesem Bollerkopp? Egal, werd die gelegentlich mal fernzünden …

Fast 2.000 Lichtjahre vom Rand der Dunkelwolke entfernt zog eine Station einsam ihre Bahn im nachtschwarzen Weltraum. Ein Funkspruch verließ diese Station:

Sie sind wieder weg!

Eine andere Station gab Antwort: Nein, sind sie nicht. Sie haben sich in der Dunkelwolke Tirian versteckt.

Es entwickelte sich ein heftiger Dialog zwischen den beiden Stationen:

Wer ist das? Kennst du das Modell? – Nein, Bauart unbekannt. – Die üblichen Gegenmaßnahmen? – Ja. – Aber wir müssen vorsichtig sein. Die Flotte der Piraten wurde mit einem einzigen Feuerschlag vernichtet. – Weniger Arbeit für uns. – Nein, nicht vernichtet. Erhalte gerade die Meldung von Station … (nicht übersetzbar), dass die Piraten wieder aufgetaucht sind. – Was tun die? – Sind geflüchtet – Sehr gut, weniger Arbeit für uns!

Die Außenhülle der ersten Station schob sich zur Seite. Aus der quadratischen Öffnung flogen kurz hintereinander 80 keilförmige Raumschiffe aus, die sofort Kurs auf die fragliche Dunkelwolke nahmen. Auch die andere Station – von der ersten rund 2.400 Lichtjahre entfernt – entsandte eine ihrer Wachflotten. 500 Lichtjahre vor der Dunkelwolke vereinigten sich beide Flotten und jagten auf den Rand der Dunkelwolke zu. Kurz nach ihrem Wiedereintritt in den Normalraum hüllten sich die 160 Schiffe in ihre Schutzschirme und machten die gewaltigen Traktorstrahler scharf. Aber noch unternahmen sie nichts und warteten …

Zum Glück hatten Verena und Rudi die Tarnschirme ihrer Jets aktiviert, als sie die Dunkelwolke verließen und so konnten sie die fremde Flotte orten, ohne selbst gesehen zu werden.

Rudi Bolder erfasste die Situation sofort und schaltete sein Funkgerät auf die alte terranische Flottenfrequenz. Er aktivierte den Zerhacker und schilderte die Lage vor der Dunkelwolke in knappen Worten. Die Antwort der AMMANDUL kam sofort: Stillhalten, abwarten und weiter beobachten!

Nach einer Viertelstunde schlugen die Taster der Jets aus. Irgendetwas war angekommen! Rudi schaltete die optischen Systeme auf größtmögliche Vergrößerung und gab das, was er sah, an die AMMANDUL weiter: Da ist was wirklich Großes aus dem Hyperraum gekommen. Eine flache Scheibe mit einem Durchmesser von …, Moment …, fast 24 Kilometern. Im Heckbereich ist ein quadratischer Aufbau vorhanden, der eine Seitenlänge von ungefähr 2 Kilometer hat – jetzt holen die Keilschiffe die Scheibe in ihre Mitte und fliegen Richtung Dunkelwolke – die scheinen genau zu wissen, wo ihr steckt!

Wieder war die Antwort der AMMANDUL kurz: Wir ziehen uns tiefer in die Dunkelwolke zurück. Treffpunkt ist die rote Sonne am gegenüberliegenden Rand.

Rudi Bolder flüsterte fast: Geht klar.

Funkverkehr aufgefangen. Verschlüsselung sehr hochwertig, Sprache nicht bekannt. Fremdschiff flüchtet tiefer in die Dunkelwolke Tirian hinein. Nehmen Verfolgung auf. Brauchen aber Verstärkung. – Verstanden. Stationen … (nicht übersetzbar) schicken weitere Kontrollflotten. Eintreffen in … (nicht übersetzbar)

Aber nicht nur die Fremden hatten den Funkverkehr mit der AMMANDUL mitbekommen, auch Verenas Bordcomputer hatte den Funkverkehr der Fremden mitgeschnitten. Die Übersetzung dauerte einige Minuten, aber dann gab der Computer den Klartext heraus und wies darauf hin, dass einige Elemente der fremden Sprache aus dem Errantischen stammten, einer Sprache, die in der weit entfernten Galaxis Erranternohre gesprochen wurde.

Aha, Tirian heißt die Gegend hier, murmelte Verena, aber an der Sprache ist eines sehr merkwürdig: Erranternohre ist doch auch fast eine Milliarde Lichtjahre weit weg?

Sie nahm Verbindung mit Rudi Bolder auf und sprach ihr weiteres Vorgehen mit ihm ab. Dann aktivierte sie ihre Unterlichttriebwerke und ließ die LALLA langsam aus der Nähe der fremden Flotten driften. Als sie weit genug weg war, schob sie den Fahrtregler nach vorn und beschleunigte. Vorsichtshalber aktivierte sie auch ihren Paratronschirm. Weil sie dafür auf ihren Ortungsschutz verzichten musste, wurde die LALLA für die fremden Schiff sichtbar.

Sofort setzte der Funkverkehr wieder ein: Ein kleines Schiff war in unserer Nähe. Es hat seinen Tarnschirm heruntergefahren und entfernt sich. Sollen wir die Verfolgung aufnehmen? – Ja, unbedingt einfangen! – Gut. Vier Wächterschiffe fliegen Einsatz.

Verena lachte: Na, dann wollen wir doch mal sehen, was ihr so drauf habt. Sie startete das Metagravtriebwerk der LALLA und bald bildete sich vor ihrem Schiff der Hamiller-Punkt, während der Grigoroffprojektor seine schützende Schicht um die LALLA legte. Wenig später war die LALLA im Hyperraum verschwunden.

Verena hatte eine kurze Hyperraum-Etappe programmiert, die die LALLA an eine Stelle führen sollte, die bereits hinter der Dunkelwolke lag. Sie hatte den Kursvektor so gewählt, dass ihr Flug nicht durch die Dunkelwolke führte, sondern seitlich an ihr vorbei.

Als sie den Hyperraum wieder verließ, zuckte Verena zusammen. Die Dunkelwolke lag seitlich neben ihr und nicht, wie programmiert, hinter der LALLA …

Verena befragte den Bordcomputer.

Nach einer kurzen Weile bequemte der sich zu einer Antwort: Flugdaten und Leistungsvektoren waren korrekt. Nach den vorgegebenen Werten hätten wir eine Distanz von 300 Lichtjahren zurücklegen müssen. Tatsächlich waren es aber nur 150 Lichtjahre.

Verena sah sich um; von den vier Keilschiffen war noch nichts zu sehen. Trotzdem beschleunigte sie wieder und programmierte eine weitere Etappe. Diesmal gab sie eine Stelle an, die 350 Lichtjahre entfernt war.

Kurz bevor sie in den Hyperraum eintauchte, meldete der Bordcomputer die Ankunft der vier Verfolger. Zu spät, murmelte sie und lehnte sich zurück. Die Hyperetappe würde 14 Minuten dauern; diese Zeit nutzte sie, um sich auf die Ankunft der Verfolger vorzubereiten.

Als die Borduhr 16:55 Uhr zeigte, erfolgte der Rücksturz. Wie weit?, fragte sie laut.

171 Lichtjahre.

Also hatte die LALLA noch nicht einmal die Hälfte der angegebenen Strecke geschafft!

Verena setzte den vorprogrammierten Spruch an Rudi Bolder und die AMMANDUL ab und beschrieb die Merkwürdigkeiten des Hyperraumfluges in dieser Gegend. Eines war ihr mittlerweile klar, es lag nicht an der LALLA, dass sie zweimal zu kurz gesprungen war! Jedes mal hatten die Leistungsdaten gestimmt; auch der doppelte Leistungscheck des Triebwerkes hatte keine Fehler aufgezeigt.

Merkwürdige Sache, murmelte die knapp 26-jährige Drabonerin und beschloss, etwas auszuprobieren. Sie bat den Bordcomputer, folgenden Satz in Klartext abzusetzen: Terranisches Raumschiff LALLA ruft um Hilfe. Wir sind hier gestrandet und brauchen dringend Informationen!

Drei Minuten später waren die Verfolger da. Verena ließ den Funkspruch weiterlaufen und fuhr den Paratronschirm herunter. Ihre Hand blieb jedoch auf dem Notschalter liegen, falls die Verfolger das Feuer eröffnen würden. Gespannt wartete sie ab und verfolgte den Funkverkehr.

Kleines Schiff gestellt. Es hat den Schutzschirm heruntergefahren und sendet einen Hilferuf. Was sollen wir tun?

Ehe die Antwort der Gegenstation eintraf, griff Verena zum Mikro, schaltete den Translator dazwischen und sendete in der Sprache der Verfolger: Verena da Lol an unbekannte Raumschiffe. Meine Freunde und ich sind hier gestrandet. Wir kommen in friedlicher Absicht!

Die Antwort sah allerdings anders aus, als Verena sie sich vorgestellt hatte. Von den vier Keilschiffen stießen plötzlich Lichtfinger in den Raum, die nach der LALLA griffen und sie in ein hellgelbes Feld hüllten. Dann ruckte dieses Feld an und begann die LALLA näher an eines der Keilschiffe heranzuziehen. Analyse?, rief Verena ihrem Bordcomputer zu und der antwortete lakonisch:

Traktorstrahlen.

Kommen wir da raus?

Na klar. Mit Vollschub immer …

Verena hieb auf den Nottaster und gab gleichzeitig einen Funkspruch an die fremden Schiffe ab: So haben wir nicht gewettet. Ich wollte Informationen. Niemand hat euch gebeten, mich einzufangen!

Mühsam löste sich die LALLA aus der Umklammerung. Das hellgelbe Feld versuchte das Schiff weiterhin festzuhalten, aber die Triebwerke der LALLA waren stärker. Als die LALLA dann auch noch ihren Paratronschirm hochfuhr, zerriss das gelbe Feld. Die Space-Jet kam frei und schoss davon.

Mit größtmöglicher Beschleunigung raste die LALLA durch den Weltraum. Verena nahm Verbindung mit der Jet von Rudi Bolder und mit der AMMANDUL auf und berichtete von dem Versuch der fremden Schiffe, ihre Jet mittels Traktorstrahlen einzufangen. Kurz darauf meldete sich Hans Müller: Kommt rein, ihr Beiden. Treffpunkt rote Sonne, wie besprochen.

Hier sind die Sonnen doch alle rot!, spottete Rudi Bolder.

War mir noch gar nicht aufgefallen, murmelte Verena da Lol leise und nahm sich die Zeit, die nahen Sonnen näher zu analysieren.

Rudi, du hast recht, sagte sie wenig später zu Rudi Bolder über Funk, alle Sonnen im Umkreis von 10.000 Lichtjahren sind rote Riesen. Ist schon merkwürdig.

Verena, das liegt am Alter. Wir sind so weit draußen, dass alle Sterne ihre Lebensdauer bald erreicht haben werden. Die meisten Sonnen machen es nicht mehr lange; einige sind sogar schon ausgebrannt und erkaltet. Schau mal nach Westen, da sind nur noch einige ferne Quasare zu sehen, sonst nichts!

Aber so weit draußen sind wir doch noch nicht, antwortete Verena da Lol, das Universum soll doch eine Ausdehnung von 15 Milliarden Lichtjahren haben, von der Erde aus gesehen.

Tja. Es sieht aber nicht so aus, sagte Rudi Bolder und trennte die Verbindung, weil seine Space-Jet die nötige Eintauchgeschwindigkeit erreicht hatte, um in den Hyperraum zu gehen. Auch die LALLA war inzwischen schnell genug, aber Verena sah sich noch einmal um, ob die fremden Schiffe ihr folgen würden. Etwas verwundert stellte sie fest, dass die Verfolger aufgegeben hatten und aktivierte das Metagravtriebwerk.

Die beiden Space-Jets kehrten am 25.05.2001 um 13:45 Uhr zur AMMANDUL zurück, die die Zielsonne ohne Probleme erreichte hatte. Verena da Lol und Rudi Bolder waren gerade dabei, die gemessenen Phänomene mit den Beobachtungen auf der AMMANDUL abzugleichen, als der Alarm durch die Hallen und Gänge der AMMANDUL gellte.

Zweitausendvierhundertsechzehn Schiffe sind aus dem Hyperraum gebrochen. Alle keilförmig mit quadratischem Querschnitt. Einige der Pötte sind ganz schön groß; die Größten haben eine Länge von fast 2.100 Metern.

Und sie kreisen uns ein, rief Rudi Bolder und aktivierte den hellroten Schutzschirm, der sich wie eine zweite Haut um die dunkelblaue Außenhülle der AMMANDUL schmiegte.

Da kommt noch was an. Oh, oh.

Nachdem die mehr als 2.400 Schiffe ihre Einkreisung der AMMANDUL beendet hatten, war auch die riesige Scheibe erschienen, die mit einem Durchmesser von fast 24 Kilometern im Licht der roten Sonne seltsam gefährlich glitzerte …

Kapitel 86
Tsunami

Die Situation war zum Zerreißen gespannt. Die AMMANDUL war von mehr als 2.400 keilförmigen Schiffen eingekreist und das größte dieser Schiffe – eine 24 Kilometer durchmessende Scheibe – schob sich langsam auf die AMMANDUL zu …

Was haben die vor?, fragte Hans Müller leise.

Otto Pfahls, der neben ihm saß, zuckte mit den Schultern und antwortete: Kein Ahnung. Es sieht aber so aus, als wäre das Riesending hier angekommen, um uns abzuschleppen.

Aha, so was wie der kosmische ADAC, lachte Schorsch Mayer, der sich von seinem gestrigen Frust-Saufen wieder einigermaßen erholt hatte. Wir haben ihn aber nicht gerufen und wir haben auch keine Panne!

Vielleicht doch, rief Rudi Bolder von seinem Platz an der Waffenorgel herüber, wenn man bedenkt, dass die Metagravtriebwerke der Jets nur noch die halbe Leistung bringen.

Aber mein Schiff hat keine Metagravtriebwerke. Seine Lineartriebwerke sind solide terranische Wertarbeit und funktionieren einwandfrei.

LC, die AMMANDUL ist nicht dein Schiff!, rief Jakob Hinterseer von seinem Platz in der Galerie.

Ruhe auf den hinteren Plätzen!

Alle lachten und die Anspannung löste sich ein wenig. Aber noch immer lauerten draußen über 2.400 unbekannte Schiffe und ein riesiger Tender. Hans Müller entschloss sich, den ersten Schritt zu tun. Er aktivierte den Funk und schaltete den Translator dazwischen, der inzwischen mit den von Verena da Lol gewonnenen Sprachdaten gefüttert worden war: Terranisches Fernraumschiff AMMANDUL an fremde Flotte: Wir kommen in friedlicher Absicht. Warum kreisen Sie uns ein?

Die Antwort kam prompt: Leitschiff 34 der Wächterflotte an fremde Raumstation: Der Aufenthalt im grenzLAND ist gefährlich und daher verboten. Wir werden Sie jetzt bergen und ins sonnenLAND zurückbringen. Fahren Sie bitte Ihren Schutzschirm herunter!

Grenzland? Sonnenland?, fragte Hans Müller nach, wir kennen die Begriffe nicht. Wir sind hier gestrandet.

Wir werden Ihnen helfen, ins sonnenLAND zurückzukehren.

Hans Müller schaute seine Freunde fragend an; einer nach dem anderen nickte. Daher sagte er: Einverstanden, weisen Sie uns bitte den Weg in dieses Sonnenland.

Negativ. Der grenzLAND-Tender wird Sie aufnehmen und zu dem Planeten Viriana bringen, von wo Sie Ihre Rückreise antreten können.

Was ist so besonderes an diesem Planeten Viriana und warum dürfen wir nicht selbst hinfliegen?, fragte Verena da Lol.

Das wissen Sie nicht? Natürlich ist dort wieder sauberer Hyperraum vorhanden.

Sauberer Hyperraum? Ich glaube, mir schwant da was, sagte Otto Pfahls leise, in dieser Gegend funktionieren die Metagravtriebwerke ja nicht einwandfrei, wie wir von Verena wissen. Das muss mit dem Hyperraum zusammenhängen!

Oh, oh.

Was hast du, LC?, fragte Hans Müller.

Schiff nimmt Fahrt auf.

Alle sahen sich verdattert an. Otto Pfahls und Verena da Lol ließen sich demonstrativ in die Rückenlehnen ihre Sessel sinken und hoben beide Arme. Auch Hans Müller nahm seine Hände vom Steuerpult weg und sagte: Nein, ich habe den Startvorgang auch nicht eingeleitet.

LC?, fragte Rudi Bolder drohend und zog seinen Kampfblaster, ich schieß jetzt ein hübsches Loch in deine polierte Behausung und dann hol ich dich da raus!

Beschützt mich vor dem Wahnsinnigen! Der meint das ernst! Ich habe nichts getan; heiliges Computer-Ehrenwort.

Die Masche kenne ich. Die gleichen Sprüche gibt mein PC zu Hause auch immer von sich, wenn er abgestürzt ist!, fluchte Rudi Bolder und stand auf.

Neeeiiin. Bitte bitte, tu mir nichts!

Hol mir mal einer einen Dosenöffner, fluchte der geborene Essener.

Neiiiiiiin! Schaut doch lieber auf den Panoramaschirm. Die Flotte der Wächter kommt immer näher.

Stimmt, sagte Verena da Lol, und die sehen jetzt nicht mehr friedlich aus.

Einige der großen Keilschiffe hatten abgedreht und boten der AMMANDUL jetzt ihre Breitseite dar. Die Ausschnittvergrößerung zeigte, wie sich Teile der Bordwände zur Seite schoben und große Bordgeschütze sichtbar wurden.

Genau wie in den alten Filmen!, rief Jakob Hinterseer begeistert, auf den Piratenschiffen öffneten sich die Geschützluken und feuerten eine volle Breiseite ab!

Ja ja, nur dies ist die Wirklichkeit und das Ziel dieser Breitseite dürften wir sein, entgegnete Rudi Bolder, der wieder an seiner Waffensteuerung Platz genommen hatte, und die schießen ganz bestimmt nicht mit rostigen Eisenkugeln!

Hallöchen! Jemand daran interessiert, was LC, der nette Bordcomputer, zu melden hat?

Du hast hier nichts zu melden!, donnerte Rudi Bolder.

Hans Müller lenkte jedoch ein und sagte: Aber sicher. Immer her damit!

Das Schiff beschleunigt in Richtung Westen, obwohl die Impulstriebwerke im Leerlauf sind.

Treffer!, rief Verena da Lol, als der gewaltige Leib der AMMANDUL zu schwingen begann.

Schirmbelastung 12 Prozent. Über 1.000 Schiffe haben gefeuert. Raptor-Strahlen!

Was bitte sind Raptor-Strahlen?, fragte Otto Pfahls.

So eine Art negative Energie. Man versucht unseren Schutzschirm abzusaugen.

Ach ja, kenn ich. So was gibt s auch in der Science-Fiction Serie, die ich zu Hause lese, rief Kurt Brand aus der Galerie.

Ja, die lese ich auch. Und gleich taucht hier bestimmt die Point of auf, sagte sein Nachbar Willi Suttner.

Schirmbelastung bei 14 Prozent. Diesmal sind auch Traktorstrahlen dabei.

Oh, oh, meine Feuerorgel fängt an zu blinken, rief Rudi Bolder, und diesmal ist es ein hellgrünes Feld. Wenn ich nur wüsste, wofür der verdammte Schalter da ist!

Lass die Finger davon, Rudi. Versuch lieber, das unbekannte Waffensystem abzuschalten.

Versuch ich ja, aber nirgends taucht ein rotes Feld auf, mit dem man das da abschalten kann. Rudi Bolder zeigte fast anklagend auf das Steuerpult vor ihm.

Geschwindigkeit 8 Prozent Licht. Feind schießt erneut; diesmal eine volle Breitseite schwarzer Kugelfelder!

Auswirkungen?, fragte Hans Müller, der jetzt wie gebannt dem Geschehen zusah.

Geschwindigkeit sinkt. Nur noch 4 Prozent Licht und weiter abnehmend. Starke Beharrungsfelder kreisen uns ein.

Was ist denn das schon wieder?, fragte Otto Pfahls.

Wirkungsfelder, die den Zeitablauf örtlich beeinflussen. Um es mal einfacher auszudrücken: Die Zeit beginnt sich zu kristallisieren und wir stecken mittendrin. Oh oh, …

Was ist LC? Was passiert da?, fragte Hans Müller. In der Zentrale war jetzt ein helles Singen zu vernehmen.

Ich fürchte, das Schiff wird langsam sauer …

Innerhalb des Ringwulstes der AMMANDUL fuhren gigantische Konverter hoch, die noch nie gebraucht worden waren. Dann griffen schwarzen Felder tief in den Weltraum hinein, durchbrachen die Grenze zum Hyperraum und rissen die noch schwach vorhandene Hyperenergie in die Konverter der AMMANDUL. Gleichzeitig schoben sich in fast allen Sektoren des Ringwulstes metergroße Flächen der Außenhülle zur Seite und legten dunkelgrüne Kugelkörper frei. Nachdem die Konverter im Ringwulst fast zum Bersten gefüllt waren, schoben sich diese Kugeln nach außen und begannen ein unwirkliches hellgrünes Licht auszustrahlen.

Dann griffen die einzelnen Lichtfelder ineinander und es bildete sich eine geschlossene Hülle um die AMMANDUL.

Ist das ein neuer Schutzschirm?, fragte Hans Müller den Leitcomputer.

Ich fürchte nicht …

Jetzt dehnte sich die grüne Hülle aus und glitt durch den hellroten Schutzschirm des Schiffes hindurch, der nur kurz flackerte. Immer schneller werdend, jagte die springflutartige Lichtmauer von der AMMANDUL weg und dehnte sich zu einer gewaltigen Kugel aus. Im 10-Sekundentakt folgten jetzt weitere Wellen hellroter und hellgrüner Farbe.

Gespannt wartete die Besatzung der Zentrale auf das Auftreffen der ersten Lichtwelle auf die Front der fremden Schiffe. Dann passierte es!

Die Schiffe, die näher zur AMMANDUL standen, wurden von der grellgrünen Lichtwelle erfasst und zurückgeschleudert. Einige der weiter hinten stationierten Schiffe nahmen sofort Fahrt auf und versuchten zu entkommen. Im Funkverkehr der Fremden machte sich Panik breit. Doch als die zweite Welle aus grellrotem Licht zuschlug, hörte der Funkverkehr schlagartig auf und eine gespenstische Ruhe kehrte ein …

Das waren die Tsunami-Kanonen.

Die was? Tsunami-Kanonen? Seit wann weißt du von dieser Waffe, LC?, drohte Hans Müller.

Seit gerade erst. Versprochen. Wie beim Einsatz der kosmischen Keule sind mir die Informationen erst nach dem Einsatz dieser Waffe zugeflossen. Die Tsunami-Kanonen sind eine reine Verteidigungswaffe. Die grünen Kugelfelder bestehen aus 5D-Stoßenergie und wirken sich wie ein plötzlicher Hypersturm auf die Angreifer aus. Die roten Anteile sind Destruktor-Felder, die sämtliche positronischen und syntronischen Bauelemente lahm legen.

Diese Aussage des Leitcomputers wurde kurze Zeit später von Otto Pfahls bestätigt, der die Ortung kontrollierte: Gegnerische Schiffe wurden um mehrere Lichtsekunden weggeschleudert und scheinen jetzt hilflos im Weltraum zu treiben. Den Riesenpott hat es am Schlimmsten erwischt; er torkelt wie ein welkes Blatt durch den Raum. Rettungsboote schießen aus seiner Seite; zwei davon kommen jetzt auf uns zu!

OK, nehmen wir sie auf, schlug Hans Müller vor, und stellen ihnen ein paar unangenehme Fragen. LC, sorg bitte dafür, dass die Rettungsboote eingeschleust und die Insassen in einen freien Hangar begleitet werden. Eine besondere Bewachung durch Kampfroboter scheint mir angebracht zu sein!

Verstanden, Chef.

Hört, hört. Unser Leitcomputer hat ja richtig nette Anwandlungen, sagte Verena da Lol.

Es wäre ebenfalls richtig nett, wenn die AMMANDUL solange hier bliebe, bis wir die Fremden verhört haben, ergänzte Otto Pfahls, der misstrauisch auf die Geschwindigkeitsanzeige schielte.

Schiff treibt weiter ab, aber die Triebwerke arbeiten seit 8 Minuten mit Gegenschub. Einschleusen der Rettungsboote hat begonnen. Unsere Gäste werden sich in Hangar West-31-400 versammeln. Transmitter 4a ist bereit.

Na, dann woll`n wir mal, sagte Verena da Lol und griff sich einen der tragbaren Translatoren. Außerdem aktivierte sie ihren SERUN und lockerte die Halterung ihrer Thermowaffe, die sie vorsichtshalber auf Paralyse umgestellt hatte. Außer ihr traten noch Hans Müller und Schorsch Mayer durch den Transmitter in der Zentrale, der sie in Nullzeit in den westlichen Hangar 31-400 brachte.

Schweigend sah Pillivanguck zu, wie seine Arbeiter von den fremden Robotern in Empfang genommen und nach Waffen durchsucht wurden. Dann war er an der Reihe, das Rettungsboot zu verlassen, das jetzt in diesem großen Hangar des fremden Schiffes stand. Als leitender Ingenieur hatte er bis zuletzt versucht, die trudelnde PARWAK zu stabilisieren, war aber gescheitert, weil keines der Steuerungssysteme mehr sauber arbeitete. Insgesamt waren sie mit acht Rettungsschiffen aufgebrochen; sechs dieser Boote hatten versucht, Kurs auf sonnenLAND zu nehmen, die beiden letzten Schiffe verfügten nicht über grenzLAND-Triebwerke, sodass sie sich notgedrungen von dem fremden Schiff hatten bergen lassen müssen.

Misstrauisch beäugte Pillivanguck die fremden Roboter, die mit angewinkelten Waffenarmen an der Rückwand des Hangars Aufstellung bezogen hatten. Alles in diesem Schiff war ihm fremd. Weder die Roboter noch die Einrichtung des Hangars hatten irgendwelche Ähnlichkeit mit dem, was er im Laufe seiner technischen Ausbildung kennen gelernt hatte.

Mit kurzen Worten wies er seine Arbeiter an, sich ruhig zu verhalten und abzuwarten. Er selbst begab sich zu einem der Roboter und sprach ihn an: Wir danken für die freundliche Aufnahme und bitten um ein Gespräch mit der Schiffsführung!

Doch der Roboter reagierte nicht.

Die Translatoren der TARAS sind noch nicht mit dieser Sprache gefüttert!

Pillivanguck zuckte herum und sah den Sprecher an. Es waren drei Wesen. Sie ähnelten dem Volk der Wächter, waren aber um Einiges größer. Außerdem schien ihre Hautfarbe merkwürdig blass zu sein, obwohl Pillivanguck nur den Ausschnitt ihres Körpers sehen konnte, der von dem Schutzanzug nicht verdeckt wurde. Eines der Wesen hatte einen etwas dunkleren Hautton, der schon fast an die Hautfarbe des Volkes der Wächter herankam.

Ihr seht uns ziemlich ähnlich, begann Pillivanguck das Gespräch, aber viele Völker im Universum sind humanoid.

Ja. Aber humanoide Wesen mit goldener Hautfarbe sind ausgesprochen selten, sagte eines der anderen Wesen.

Nach der Stimmlage könnte es sich um ein weibliches Exemplar handeln, sagte Pillivanguck leise zu seinem Stellvertreter Veronosinbla, der neben ihn getreten war.

Ganz recht. Ich bin ein weibliches Wesen, mein Name ist Verena da Lol. Die beiden Wesen neben mir heißen Hans Müller und Schorsch Mayer. Die Beiden sind Menschen von der Erde; ich stamme aus der gleichen Galaxis, bin aber eine Drabonerin.

Wieso haben Sie uns angegriffen?, fragte Pillivanguck vorsichtig.

Wir? Sie haben uns doch eingekreist und das Feuer eröffnet, sagte Schorsch Mayer barsch, wir haben uns nur verteidigt!

Das nennen Sie verteidigen? Welche Art von Waffen setzen Sie denn ein, wenn Sie angreifen? Wir haben Sie nur bergen und ins sonnenLAND zurückbringen wollen, wie es unsere Aufgabe ist. Jedes Schiff, dass im grenzLAND strandet, wird kontrolliert und zurückgebracht. Das ist der Auftrag unseres Volkes!, sagte Pillivanguck laut.

Dies tun wir sogar mit den Piraten, die immer wieder in das grenzLAND vordringen, um Schiffe auszuplündern, die hier gestrandet sind, ergänzte sein Stellvertreter.

Ich glaube, wir müssen uns nachher mal ausgiebig und in Ruhe unterhalten, schlug Hans Müller vor, für Ihre Leute haben wir sicher ein paar nette Kabinen frei, wo Sie sich solange aufhalten können, bis wir Sie irgendwo absetzen können.

Sind Sie wahnsinnig?, sagte Pillivanguck plötzlich, dieses Schiff driftet ab. Bald wird es kein Zurück mehr geben. Wenn Sie nicht innerhalb der nächsten … (nicht übersetzbar) handeln, sind wir alle verloren!

Und wieso?, fragte Verena da Lol leise.

Sie wissen es nicht?, fragte Pillivanguck, Sie wissen es wirklich nicht! Langsam beginne ich zu verstehen, warum Sie unsere Rettungsaktion sabotiert haben.

Pillivangucks Stimmung näherte sich der Verzweiflung. In typisch menschlicher Art begann er unruhig auf und ab zu gehen. Dann fragte er: Aus welchem Teil von sonnenLAND kommen Sie denn?

Wir kennen dieses Sonnenland nicht, wir sind aus der Milchstraße. Unsere Galaxis liegt noch hinter der fernen Galaxis mit dem blauen Jetstrahl, die von hier aus im Osten zu sehen ist und die wir Erranternohre nennen.

Ihr kommt woher?, schrie Pillivanguck fassungslos, Ihr kommt aus dem Inneren? Das ist völlig unmöglich! Die Distanz vom aktiven Inneren dieses Universums bis zu seinem Rand ist viel zu groß, als dass man eine derartige Entfernung mit technischen Hilfsmitteln zurücklegen könnte.

Na ja, unser Bordcomputer meint, es wäre etwas mehr als eine Milliarde Lichtjahre, sagte Hans Müller, ich weiß natürlich nicht, mit welchen Längen- und Zeiteinheiten Ihr arbeitet, aber das ist auch für unsere Verhältnisse verdammt weit. Kein Schiff unseres Volkes hat eine solche Strecke jemals zurückgelegt, soweit wir wissen. Und eigentlich wären wir viel lieber nach Hause geflogen, aber dieses Schiff hatte da so seine eigenen Pläne …

Man hatte Pillivanguck und seinen Leuten ein Quartier im Bugbereich der AMMANDUL zugewiesen, in dem Sie sich frei bewegen konnten. An den Zugängen waren TARA-Roboter stationiert, die Jeden zurückwiesen, der das Quartier verlassen wollte.

Pillivanguck trat in die Kabine von Veronosinbla und sagte: Weißt du was mich ärgert, mein Freund? Da treffen wir zum ersten Mal in der Geschichte unseres Volkes auf Lebewesen aus dem Inneren und niemand wird je davon erfahren.

Glaubst du ihnen denn?, fragte Veronosinbla. Klingt die Geschichte nicht viel zu unwahrscheinlich?

Hast du vergessen, was dieses Schiff für Waffen hat? Ich habe die Bilder gesehen, wie sie die Piratenflotte vernichtet haben; die haben nur einen einzigen Feuerschlag gebraucht.

Die Piraten sind wieder aufgetaucht, vergiss das nicht. Diese Waffe hat die Flotte nicht vernichtet; sie hat sie nur aus dem Weg geräumt, entgegnete sein Stellvertreter und wollte fortfahren, als ein Interkom-Anruf ihr Gespräch unterbrach:

Pillivanguck und Veronosinbla bitte in die Zentrale. Folgen Sie den blauen Markierungen.

Die beiden Angehörigen des Volkes der Wächter erschienen kurz darauf in der Leitzentrale der AMMANDUL und wurden von Verena da Lol in Empfang genommen und zu einem kleinen Tisch geleitet, an dem schon Hans Müller und Otto Pfahls Platz genommen hatten. Die beiden etwa 1,60 Meter großen Humanoiden mit der goldenen Haut nahmen die Einladung an und setzten sich.

Pillivanguck eröffnete das Gespräch sofort: Was haben Sie unternommen, um ein Abdriften des Schiffes zu verhindern?

Hans Müller antwortete: Welches Abdriften? Bevor wir etwas unternehmen können, müssen Sie uns schon konkret sagen, was dieses Abdriften bedeutet!

Pillivanguck sah auf das Gerät an seinem Handgelenk und sagte leise: Wenn Sie bis jetzt nichts unternommen haben, ist es ohnehin zu spät! Niemand kann den Absturz dieses Schiffes jetzt noch verhindern …

Kapitel 87
Die Wächter von grenzLAND

Rudi Bolder beobachtete die beiden fremden Humanoiden vom Volk der Wächter, die zusammen mit Verena, Hans und Otto an dem kleinen Besprechungstisch saßen, der von den Schiffsrobotern in der Leitzentrale der AMMANDUL aufgestellt worden war. Gemütliche Sessel und einige Pflanzenkübel sollten eine gemütliche Atmosphäre schaffen, doch die Gemütlichkeit war wie weggeblasen, als der eine der Beiden gleich zu Anfang gesagt hatte, niemand könne den Absturz der AMMANDUL mehr verhindern.

Peter Rubens trat zu seinem Freund Rudi Bolder und sagte leise: Die anderen sind beunruhigt. Was hat der Fremde damit gemeint?

Ich denke, wir werden es gleich erfahren, antwortete Rudi. Hans hat die Mikrophonfelder aktiviert, damit wir mithören können, was dieser Fremde gleich erzählen wird.

Pillivanguck, der leitende Ingenieur des grenzLAND-Tenders PARWAK, begann mit seinen Ausführungen: Die Wächter von grenzLAND und ihre Flotten hatten nie die Absicht gehabt, dieses Schiff anzugreifen oder gar zu vernichten. Alles was wir getan und versucht haben, diente nur dem Zweck, die AMMANDUL zu retten und ins sonnenLAND zurück zu transportieren. Mein Schiff, der grenzLAND-Tender PARWAK war von der Einsatzzentrale der Wächter dazu ausersehen, diese Aufgabe zu übernehmen, weil er der größte Tender ist und die stärksten Triebwerke hat. Leider waren unsere Versuche erfolglos, weil sich dieses Schiff mit Waffen gewehrt hat, gegen die unsere Schutzschirme einfach machtlos waren. Aber wahrscheinlich haben wir einen Fehler gemacht, denn unsere Führung hat dieses Schiff zuerst für ein Piratenschiff gehalten, das auf der Suche nach Beute war. Derartige Schiffe kommen oft in das grenzLAND. Sie plündern gestrandete Raumschiffe aus und verkaufen die Beute in der Galaxis Brummbaerlj. Natürlich kennen die Piraten die Gefahren, die ihnen im grenzLAND drohen; ihre Schiffe haben deswegen besondere Triebwerke, mit denen die Piraten sich … (unbekannte Zeiteinheit) … im grenzLAND aufhalten können. Da ihr Schiff über ein ähnliches Triebwerk verfügt, hat man Sie wahrscheinlich mit einem Piratenschiff verwechselt und angenommen, Sie wüssten um die Gefahren in dieser einsamen Region des Universums.

Hans Müller unterbrach: Als wir hier ankamen, wurden wir gleich beschossen; ich hatte nicht den Eindruck, man würde uns verwechseln!

Das waren die Piraten! Unsere Stationen haben gemeldet, dass Sie ihnen begegnet sind.

Na gut, das ist geklärt, aber wieso stranden so viele Schiff hier im Grenzland?, fragte Hans Müller.

Wahrscheinlich Leichtsinn! Zwischen den Galaxien Brummbaerlj und Firlefanz findet ein reger Austausch von Waren statt. Der schnellste und kürzeste Weg führt an einigen Stellen so nahe an das grenzLAND heran, dass ein winziger Programmfehler ausreicht und die Schiffe stürzen im grenzLAND aus dem Hyperraum. Besonders die privaten Händler nutzen diese Straße der Tränen, wie wir sie nennen, weil sie so schneller an ihre Ziele kommen.

Und wo liegen die Gefahren im Grenzland und warum ist ein Aufenthalt hier verboten?, hakte Otto Pfahls nach.

Der Aufenthalt im grenzLAND ist seit ewigen Zeiten verboten, weil hinter dem grenzLAND das NICHTS beginnt und jeder materielle Gegenstand unweigerlich in dieses NICHTS hineindriftet, wenn er sich länger als … (nicht übersetzbar) … im grenzLAND aufhält. In den Annalen unseres Volkes ist verzeichnet, dass die ersten Expeditionen schon vor … (nicht übersetzbar) … versucht haben, die Grenze des Universums auszuloten. Wir haben geglaubt, dahinter befände sich normaler Weltraum, nur eben ohne Sterne. Diesen Irrtum mussten unzählige Raumfahrer mit ihrem Leben bezahlen. Später war man dann vorsichtiger und hat unbemannte Schiffe ausgesandt. Doch keines dieser Schiffe ist jemals zurückgekehrt. Auch andere Völker unserer Galaxis haben im Laufe ihrer Existenz unzählige Schiffe im NICHTS verloren. Besonders die … (nicht übersetzbar) … und die … (nicht übersetzbar) … haben große Verluste an Lebewesen und Raumschiffen hinnehmen müssen. Als man erkannte, dass die Grenze nicht scharf umrissen, sondern fließend war, hat man den gesamten Bereich zum Sperrgebiet erklärt.
Aber die Völker von Brummbaerlj und Firlefanz waren neugierig. Ihr Wissensdurst war unersättlich und sie wollten sich einfach nicht damit zufrieden geben, dass es in der Nähe ihrer Heimat etwas gab, was man nicht erforschen konnte. Deshalb haben sie in dem einsamen Sternensystem Hrfittz, das genau auf dem halben Weg zwischen den Galaxien Brummbaerlj und Firlefanz liegt und weit genug vom grenzLAND entfernt war, die Koalition von sonnenLAND gegründet.
Einziger Zweck der Koalition war und ist es, die unerklärlichen Phänomene hier am Rand des Universums zu ergründen. Unser Volk, die … (nicht übersetzbar) …, bekam die Aufgabe zugewiesen, die Forschungsraumer der Koalition zu bergen, die aus Versehen im grenzLAND strandeten. Weil unser Volk aber nicht nur die Forschungsraumer barg, die sich zu nahe an die Grenze herangewagt hatten, sondern auch anderen Schiffen half, die irrtümlich in das grenzLAND geraten waren, wurden wir im Laufe der Zeit zu den Wächtern von grenzLAND.
Die anderen Völker der Koalition forschen weiterhin an der Verbesserung der technischen Ausrüstungen unserer Schiffe und der mittlerweile eingerichteten Forschungsstationen.
Die Zeitfelder, mit denen wir versucht haben, euer Schiff noch zu stoppen, sind übrigens die neueste Entwicklung aus den Forschungsstätten auf dem Planeten Viriana in sonnenLAND. Damit sichern wir unsere Stationen gegen die Drift in das NICHTS.

Was ist dieses NICHTS?, fragte Hans Müller.

Das NICHTS ist das NICHTS. Es beginnt hinter dem grenzLAND, wo das Universum endet! Dort ist nichts; nicht einmal die Zeit hat es geschafft, zu überleben.

Aber wir sind hier gerade mal 1 Milliarde Lichtjahre von unserer Galaxis entfernt. Unsere Astronomen haben Quasare beobachtet, die 15 Milliarden Lichtjahre weit von uns entfernt sind; das Universum muss demnach eine Ausdehnung von mehr als 15 Milliarden Lichtjahren haben, hielt Hans Müller dagegen.

Die Sonnen der alten Galaxien sind seit Milliarden von Generationen ausgebrannt und zu Staub zerfallen. Nur ihr Licht lebte weiter; es hat diese riesige Zeitspanne gebraucht, bis es eure Augen und eure Instrumente erreicht hat.

Das kann nicht richtig sein. Wir verfügen über Hilfsmittel, die eine Ortung im Hyperraum ermöglichen. Danach gibt es diese fernen Galaxien und Quasare heute noch, widersprach Verena da Lol.

Doch Pillivanguck machte eine menschliche Geste und schüttelte seinen Kopf, wobei ihm seine schwarzen Haare in die Stirn fielen: Ihr vergesst, dass der Hyperraum hier ebenfalls ausgebrannt ist. Im grenzLAND gelten andere Gesetze: Zuhause ortet Ihr eine Sonne im Hyperraum und das tut Ihr normalerweise ohne Zeitverlust. Doch hier ist der Hyperraum so schlecht, dass auch bei 5D-Messmethoden eine enorme Zeitverzögerung eintritt.

Am Ende des Universums, diese Bemerkung des Wächters hallte in den Köpfen der Menschen noch lange nach, ehe Otto Pfahls die entscheidende Frage stellte: Und wir driften in dieses NICHTS hinein, ohne dass wir noch etwas tun könnten?

Ja. Unweigerlich und unabänderlich!

Was erwartet uns dort, fragte Hans Müller, der Tod?

Nicht sofort. Man kann in diesem Schiff sicher sehr lange überleben, weil es ungeheure Energiereserven zu haben scheint, aber ewig wird die Energie auch nicht reichen …

Vom Regen in die Traufe, schimpfte Rudi Bolder, als die beiden Angehörigen des Volkes der Wächter die Zentrale der AMMANDUL verlassen hatten, erst die Zeitgräben von Osara, dann über eine Milliarde Lichtjahre von zu Hause weg und jetzt droht uns auch noch der schleichende Tod in einem Raumschiff, dem irgendwann die Energie und der Sauerstoff ausgeht.

Nach meinen Berechnungen kannst du gar nicht so lange leben, wie die Energievorräte der AMMANDUL reichen. Oder willst du etwa 300 Jahre alt werden? Tu mir das ja nicht an!

Niemand lachte über diese Bemerkung des Leitcomputers; dazu war die Situation zu ernst. Erst nach einer längeren Phase hitziger Diskussionen machte Verena da Lol einen Vorschlag: Vielleicht hat sich der Linearraum, diese Grenzschicht zwischen der 4. und 5. Dimension, hier noch nicht vollständig aufgelöst und wir könnten versuchen, diesen Raum zu nutzen …

Hans unterbrach sie und sagte: Ich kann das Wort Grenze zwar langsam nicht mehr hören, aber die Idee hat was, oder?

Die Drift wirkt schon im Normalraum. Wie sollten wir die nötige Eintauchgeschwindigkeit für den Linearraum erreichen, wenn die Normaltriebwerke es schon nicht schaffen, der Drift entgegen zu wirken? Irgendwie greifen die Triebwerke nicht richtig und der Schub findet keinen Halt. Ich weiß auch nicht, wie ich es euch erklären soll. Es klappt nicht, keine Chance.

Dann sollten wir diese komische Drift nutzen und mit Hilfe der Normaltriebwerke in Gegenrichtung – also in Richtung auf das NICHTS hin – beschleunigen. Dann programmieren wir einen Kurs im Linearraum, der uns wieder von diesem NICHTS wegführt, schlug Peter Rubens vor.

Wollt ihr jetzt meine Meinung zu diesem schei …, äh … Vorschlag hören?

Nein!, sagte Rudi Bolder gefährlich leise, führe den Plan einfach nur aus.

Aber man kann im Linearraum keine Kurven fliegen, es sei denn …

LC, dies war ein Befehl!, sagte Hans Müller deutlich.

Na gut. Bitte anschnallen! Die galaktische Achterbahnfahrt mit seitlichem Looping beginnt. Kotztüten befinden sich in den Sitztaschen vor Ihnen; das Rauchen ist erst wieder nach der Landung erlaubt … irgendwann oder irgendwo.

AMMANDUL dreht bei, sagte Otto Pfahls mit Blick auf die Ortung, wird jetzt schneller. Geschwindigkeit nimmt zu. Jetzt 10 Prozent Licht.

Linearkonverter fahren hoch, rief Hans Müller, haben jetzt Normalleistung erreicht.

Gehe auf Notleistung.

Einverstanden. Geschwindigkeit?

18 Prozent; langsam steigend.

Zu wenig. Notschub auch auf die Triebwerke. Egal, wie viel Energie uns das kostet. Verena, können wir noch Energie aus dem Hyperraum zapfen?

Negativ. Otto würde sagen: leer bis zur bitteren Neige.

29 Prozent Licht, fast gleichbleibend.

LC, vollen Saft auf die Triebwerke!, schrie Peter Rubens von der Galerie, überlade die Dinger!

220 Prozent, mehr geht nicht, sonst fliegt uns hier alles um die Ohren.

31 Prozent Licht.

OK, ich versuch's jetzt. Tschüss Leute, es war schön mit euch. Sayonara, Good bye, Happy Christmas …

Die normalerweise lautlos arbeitenden Linearkonverter gaben jetzt Geräusche von sich, die fast wie die aktuellen Hits aus der Techno-Szene klangen. Dazu gesellte sich kurz danach ein Wimmern, das eher dem Geräusch einer Horde rolliger Katzen glich, als dem Arbeiten hochwertiger terranischer Hi-tech-Konverter aus dem Hause Kalup & Co.KG.

Verena da Lol hielt sich angesichts der Qualen der Technik die Ohren zu und sah ängstlich auf die Leistungsanzeigen vor sich; alle Anzeigen waren am oberen Ende des roten Bereiches angekommen oder hatten sich bereits in ihre Einzelteile aufgelöst. Es kamen Energiemengen zum Einsatz, die ausgereicht hätten, die halbe Milchstraße bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag mit Strom zu versorgen. Die Temperatur in den Feldleitern stieg in astronomische Höhen und konnte nur mit dem Einsatz von -Begrenzern einigermaßen gebändigt werden. Das riesige Schiff schüttelte sich, denn die AMMANDUL gab jetzt alles …

Mit Brachialgewalt riss die AMMANDUL die Grenze zum Linearraum auf und schob sich in das unerklärliche Medium hinein, das die Rettung bringen sollte.

Dann versuchte die automatische Programmierung die AMMANDUL in eine Kurve mit einem unglaublich engen Radius zu zwingen. Weil Kurvenflüge innerhalb des Linearraums unmöglich sind, musste die AMMANDUL den Linearraum dazu mehrfach kurzfristig verlassen, um eine kleine Kurskorrektur vorzunehmen. Die ersten Korrekturen waren gut verlaufen, doch im Scheitelpunkt der geplanten Kurve passierte es: Die Aggregate der AMMANDUL heulten erneut auf, steigerten sich zu einem wahren Orkan purer technischer Kraft, … doch der erneute Transfer in den Linearraum funktionierte nicht mehr …

Kein Linearraum mehr vorhanden!

Und nun?, fragte Verena.

Das war's, Mädchen. Aus, Schluss und Vorbei! Ende der Fahnenstange.

Eine eisige Stille griff nach den Herzen der Menschen in der riesigen Zentrale der AMMANDUL. Niemand sprach noch ein Wort; sie hatten alles versucht und sie hatten verloren …

Hans Müller stand von seinem Platz am Steuerpult auf und ging zu seinen Freunden, Otto Pfahls folgte ihm. Nur Verena da Lol blieb am Kommandopult sitzen und schaute ratlos auf die tiefgestaffelten Anzeigen vor ihren Augen. Immer wieder wechselte ihr Blick von den Displays, die fast nur noch Nullwerte zeigten, zu der großen Panoramawand mit der trostlosen Schwärze des Alls oder wie immer man dieses Medium bezeichnen sollte, in dem die AMMANDUL sich jetzt aufhielt. Als eine Träne über ihre Wange lief und sie leise zu weinen begonnen hatte, kam Rudi Bolder auf sie zu, setzte sich neben sie und nahm sie in den Arm. Fragend sah sie ihn an und sagte: Warum nur, Rudi? Warum?

Wortlos griff Rudi Bolder an ihr vorbei und schaltete die Energie für das Hauptsteuerpult aus. Dann nickte er ihr zu und sagte: Komm, alte Freundin, man kann nichts mehr tun. Bleib jetzt bitte nicht allein.

Sie nickte und stand auf. Dann ging sie mit Rudi Bolder zu ihren Freunden hinüber. Es schien so, als sei die galaktische Rentnerband endgültig am Ende ihres Weges angekommen …

Kapitel 88
Der elektrische Kurt

Mit tiefer Zufriedenheit betrachtete der elektrische Kurt das kleine Kunstwerk vor seinen Füßen. Nach mehreren Tausend Versuchen war es ihm endlich gelungen, den idealen Rasenmäher für den kleinen Garten seines Hauses zu entwickeln.

Insbesondere in den letzten beiden Jahren hatte er sich fast ausschließlich mit der Verbesserung der Anstellwinkel der Desintegratormesser befasst und die Hypertropanlage des kleinen Gerätes entwickelt. Zwar gab es hier keinen nennenswerten Hyperraum – er hatte deswegen eine Ewigkeitsbatterie eingebaut – aber dieses Gerät würde sich irgendwann gut auf den zahlreichen Märkten des Universums verkaufen lassen, wo diese besondere Art der Energieversorgung völlig unproblematisch war.

Der elektrische Kurt zog sich auf die Terrasse seines Hauses zurück und aktivierte die Fernbedienung des neuen Rasenmähers. Mit geübten Griffen begann er die Startvorbereitungen einzuleiten und schaltete die Ewigkeitsbatterie ein. Sie versorgte zunächst die 4 asynchronen Antigrav-Aggregate, die mit einem unhörbaren Summen ihre Tätigkeit aufnahmen. Dann ließ er die beiden Triebwerke warmlaufen und senkte die beiden gegenläufigen Desintegratormesser auf die ideale Schnitthöhe von 3,425873 cm ab.

Endlich konnte der Versuch beginnen! Das kleine Gerät setzte sich in Bewegung und der elektrische Kurt sah begeistert zu, wie hinter dem Rasenmäher eine absolut ebene Rasenfläche zurückblieb. Selbstverständlich verfügte sein Modell auch über eine Pflegestufe, die das Gras nach dem Mähen noch mit milden ätherischen Ölen und anderen Pflegestoffen besprühte, sodass sein Rasen einen leicht silbrigen Glanz annahm. Außerdem sorgte ein nachgeschalteter Koordinierer dafür, dass jeder Grashalm exakt auf die Ost-West-Achse der Ebene ausgerichtet war.

Mit wachsender Begeisterung verfolgte der elektrische Kurt den Mähvorgang. Immer wieder sah er auf die riesige Panoramawand, die den Mähvorgang aus der Nähe zeigte. Die 8 Kameras des Mähers übertrugen die Bilder in dreidimensionaler Auflösung und mit einer hohen Vergrößerung, sodass der elektrische Kurt meinte, der Rasenmäher bewege sich durch einen Dschungel von mannshohen Riesenfarnen.

Auf einem der Nebenholos konnte er gut verfolgen, wie der Mähvorgang aus der Vogelperspektive aussah. Der elektrische Kurt hatte dazu einen der Kommunikationssatelliten gemietet, die in geringer Höhe ihre Bahn über die endlose Ebene zogen.

Natürlich wurde dieser Vorgang auch im Fernsehen von silberLICHT übertragen, aber das war ja immer schon so gewesen, wenn einer seine neueste Entwicklung vorzustellen hatte.

Der elektrische Kurt war sicher, dass mindestens die halbe Bevölkerung von silberLICHT ihre Empfänger aktiviert hatte, um diese sensationelle Weiterentwicklung bei ihrer Jungfernfahrt zu begleiten.

Ein tiefes Gefühl des Wohlbehagens durchströmte den elektrischen Kurt. Der Rasenmäher arbeitete perfekt; nein, er war perfekt. Doch der Taumel seiner Gefühle wurde jäh unterbrochen, als die Alarmsirenen des Mähers losheulten.

Distanzalarm!

Die grelle Leuchtschrift sprang geradezu in die Augen des elektrischen Kurt. Sofort deaktivierte er den Antrieb seines Mähers und schaltete die Kameras auf Midi-Zoom um.

Da konnte er es sehen: 2,89754 cm vor dem Mäher hockte ein kleines Spinnentier auf einem der Grashalme. Der elektrische Kurt nahm eine Feinmessung vor und stellte entsetzt fest, dass das Tier sich tatsächlich oberhalb der Schnittkante aufhielt und von den Desintegratormessern unweigerlich getötet worden wäre, wenn einer der drei Hauptcomputer des Mähers nicht rechtzeitig Alarm gegeben hätte.

Ratlos blickte der elektrische Kurt in die Aufnahmeoptik des Fernsehens von silberLICHT. Er unterdrückte seine Enttäuschung mühsam und sagte: Ich bitte um Entschuldigung; das Gerät ist noch nicht perfekt. Ich werde mich jetzt in meine Werkstatt zurückziehen und es weiterentwickeln. Wahrscheinlich werde ich nun 12 oder 15 kleine Fiktivtransmitter einsetzen, die nützliche Tiere in ungefährdete Regionen eines Gartens transportieren, bevor das Desintegratormesser ihnen gefährlich werden kann. Darüber hinaus plane ich auch den Einbau von vier kleineren Blaster-Kanonen, um größere Steine zu beseitigen. Auch ein mittelstarker Schutzschirm wäre sicherlich sehr nützlich, um das Gerät vor Regen, Schnee und Verschmutzung zu schützen, also, mmh … in etwa zwei Jahren werde ich voraussichtlich fertig sein; ich melde mich dann wieder bei Ihnen.

Nach dieser kurzen Ansprache widmete sich der elektrische Kurt wieder seiner Aufgabe. Er aktivierte den Fiktivtransmitter, der den unfertigen Rasenmäher wieder in die Werkstatt bringen würde und steuerte den Mäher vorsichtig in das Abstrahlfeld.

Nach dem Durchgang klappte er den Transmitter zusammen, trug ihn die wenigen Meter bis zu seiner Werkstatt und stellte ihn neben dem inzwischen angekommenen Rasenmäher an die Wand.

Kurz darauf klopfte es und der bionische Paul kam herein: Hab deine Pleite im Fernsehen gesehen. Soll ich dir den Rasen genetisch so umbauen, dass sein Wachstum bei 3,425873 cm aufhört?, fragte der bionische Paul, dann brauchst du keinen Mäher mehr; wäre eine leichte Aufgabe für mich und schon in 12 oder 13 Jahren könnten wir die ersten Ergebnisse sehen.

Ach nee, lass mal, Paul. Kümmere du dich lieber weiter um die einheitliche Gestaltung der Waldbäume. Da hängt dein Herz doch wirklich dran, sagte der elektrische Kurt und schüttelte seinen Blondschopf. Der bionische Paul nickte zustimmend und verabschiedete sich.

Der elektrische Kurt sah zum Himmel und registrierte zufrieden, dass die perfekte Kunstsonne ihre Leuchtkraft änderte. Es wurde Abend und die perfekte Kunstsonne würde die kleine Stadt silberLICHT jetzt in den bekannten silbrigen Glanz tauchen, der ihr den Namen gegeben hatte. Und ein schöner Tag ging zu Ende.

Als der Alarm über die endlose Ebene fegte und die Kunstsonne schlagartig ihr helles Licht über die Stadt ausschüttete, wusste der elektrische Kurt sofort, dass etwas völlig Unvorhergesehenes passiert sein musste. So schnell gaben die Seelen in den Bioniken keinen Alarm, denn sie wussten, dass das ewige Volk derartige Störungen überhaupt nicht liebte.

Der elektrische Kurt stieg in seinen Ultrajet, aktivierte die Gedankensteuerung und bat die Seele, ihn in das Zentrum von silberLICHT zu bringen. An dem sanften Ruck bemerkte er, dass sich das Gefährt in Bewegung gesetzt hatte und nun mit doppelter Überschallgeschwindigkeit über die Ebene zockelte.

Der elektrische Kurt genoss den gemütlichen Flug; er liebte diese Art der altmodischen Fortbewegung. Die Landschaft der endlosen Ebene zog unter ihm vorbei und seine Gedanken begannen abzuschweifen. Er freute sich schon auf seine Freundin Moni, die in silberLICHT auf ihn wartete. Wenn der Alarmzustand beendet war, würde sie ihm endlich ihre Entscheidung über ihren zukünftigen Beruf mitteilen.

Vieles sprach dafür, dass sie sich für Medizin entscheiden würde. Die medizinische Moni, murmelte der elektrische Paul, das hört sich doch richtig gut an.

Natürlich würden sie dann auch irgendwann zusammenziehen. Der elektrische Kurt hatte schon mit seinem Freund Gundolf gesprochen, der ihm eine U-Bahn-Linie von seinem Haus direkt nach silberLICHT bauen würde, damit Moni dann ihre Arbeitsstelle schnell erreichen konnte.

Gerade als der elektrische Kurt sich die gemeinsame Zukunft in schillernden Farben auszumalen begann und schon die ersten Ideen für das Gravowellen-Bett in seinem Kopf Gestalt angenommen hatten, riss das Empfangssignal des Bordtransmitters ihn aus seinen Träumen.

Danke, dass du mich mitnimmst, sagte die harte Hela atemlos und ließ sich in den zweiten Sessel des Jets fallen, ich muss dringend nach silberLICHT.

Hallo Hela, was ist passiert? Und wieso nimmst du nicht deinen eigenen Jet?

Ist in der Reinigung. Stell dir vor, 34.377 Schmutzpartikel waren auf ihm verteilt. Der Ärmste war völlig fertig. Und dann der Alarm, …

Einer der üblichen Fehlalarme, winkte der elektrische Kurt ab, das Übliche halt. Die Seelen der Bioniken spielen manchmal verrückt.

Die harte Hela zog den Feldverschluss ihres Flüsterhemdes zu, arretierte den TF-Blaster an ihrem Gürtel und sagte: Denk ich nicht. Das letzte Mal hat die GILDE den Seelen doch eindeutig klargemacht, was passieren würde, wenn sie noch mal wegen der Explosion irgendeiner Galaxis im Umkreis von einigen Millionen Lichtjahren einen derartigen Radau machen würden. Diesmal muss es etwas anderes sein!

Warten wir es ab. Wir landen übrigens gleich, antwortete der elektrische Kurt, dem die Nähe der kriegerischen Hela sichtlich unangenehm war.

Dunkeltraurig … Heimatarm …

Flasche leer, … wer ist STRUUUUNZ?

Was für ein Albtraum …oder Alp-Traum? Quatsch! Bei Gedanken gibt es keine korrekte Rechtschreibung …

Rechts-chreibung? Darf man das heute noch sagen, oder ist man dann gleich ein N***?

Aha, das kenn ich, das macht Wurmi's Chat, wenn man N*** eingibt!

War ich doch gestern Abend noch drin. Oder war das letztes Jahr? War aber lustig.

Und nun?

WER oder WAS bin ich? Wie komme ich jetzt auf Was bin ich? Das Remake der uralten Sendung mit Heinz Maegerlein oder Mägerlein …

Scheiße (das klappt also, kommt nicht Sch**** bei raus).

Vor allem WO bin ich? Werd mal ein Auge riskieren.

Ups, alles dunkel.

Meine Hände tasten vorsichtig meine Umgebung ab. Soweit ich fühlen kann, liege ich auf einem flachen Boden, der sich seltsam kalt anfühlt. Zuhause habe ich eine Fußbodenheizung, also bin ich nicht in meiner Wohnung!

Warum ist hier alles Schwarz? Ich hab doch irgendwo ein Feuerzeug. Mmh … aha, da ist es ja. Hey, immer noch alles dunkel. Nur das Licht der kleinen Flamme ist zu sehen. Der Boden ist wirklich schwarz. Scheußlich. Wie kann man sich nur einen schwarzen Boden in die Wohnung legen? Wohnung? Ist das hier überhaupt eine Wohnung oder bin ich draußen und es ist Neumond?

Nein. Selbst bei Neumond kann man noch etwas sehen! Und hören! Kein Laut. Nichts, absolut kein Geräusch. Nicht mal Wind. Oder doch? Was ist das? Klingt wie fernes Rauschen von Wäldern.

Verdammt noch mal, wo bin ich hier?!!

Aha, jetzt wird es hell. Schön, ich kann jetzt wieder etwas sehen. Aber hier sieht es wirklich merkwürdig aus. Der Boden bleibt Schwarz, obwohl die Sonne aufgegangen ist.

Aufgegangen?

Nee, sie war einfach da. Schwupps! Aha, da kommen Leute. Oh Mann, sehen die bescheuert aus! Die 60iger Jahre sind doch längst passé … und dann so eine Matte! Das Blondlöckli und der bärtige Typ mit den Jesus-Latschen kommen jetzt näher. Mann, oh Mann, was für ein Albtraum! Was sagen die? Hey, im Traum reden die Leute immer deutsch und ich kann sie verstehen, merkt euch das!

Redet gefälligst so, dass ich euch verstehen kann. Oh, das hab ich jetzt laut gesagt. Das Blondlöckli hat da irgendwas in der Hand und dreht daran herum. Jetzt sagt er wieder was in dieser beknackten Sprache:

Wer bist du?

Was? Ach so, jetzt reden die Deutsch. Da muss ich wohl mal antworten: Keine Ahnung. Und wer seid Ihr?

Der Körnerfresser sagt jetzt was: Ich bin der bionische Paul und mein Freund ist …

… der lockige Lutz, hä? Wollt Ihr mich verar*****? (Wurmi, raus aus meiner Textverarbeitung!) Oh, jetzt hab ich die Beiden wohl verärgert. Sie tuscheln jetzt und drehen an dem kleinen Kästchen. Kennen wohl dieses nette Wort nicht.

Nein. Wir wollen Ihnen helfen.

Na gut. Dies ist ein Traum und in einem Traum helfen einem immer alle.

Was ist ein Traum?

Blöde Frage. Na gut, werd ich mal den beiden Traumgesellen antworten: Ein Traum ist, wenn man schläft und das Kleinhirn die vergangenen Ereignisse verarbeitet. Es kommt einem so vor, als spiele man in einem Film mit.

Was ist ein Film?

Oh Mann, die nerven!

Wir nehmen Sie mit nach silberLICHT, da werden Sie geholfen …

Da werden wir geholfen? Verona F. live und in echt? Oh ja, her mit dem Weib! Aber Silberlicht, was soll das denn sein?

Ey, was macht die Blondlocke? Der richtet so was wie eine Taschenlampe auf mich! Nicht tun! Ahhhhhh …

Wo bin ich hier?

Sie würden sagen, das ist ein Krankenhaus.

Und wie bin ich hier hingekommen?

Der bionische Paul und der medizinische Traf haben Sie auf der Ebene gefunden und hierhin gebracht.

Wie?

Mit einem normalen Fiktivtransmitter natürlich. Alle Mediziner haben so etwas dabei. Sehen Sie, hier ist meiner.

Ach so, die Taschenlampe. Dann bin ich immer noch in diesem bescheuerten Traum?

Nein.

Nein? Dies ist kein Traum?

Nein. Aus Ihrem Langzeitgedächtnis wissen wir, was Sie unter einem Traum verstehen. Dies ist jedenfalls kein Traum.

In welches Krankenhaus habt Ihr mich eingeliefert und wer sind Sie?

Wie ich schon sagte, dies ist kein Krankenhaus. Mein Name ist übrigens Fritz. Der medizinische Fritz, um genau zu sein.

Wenn dies kein Krankenhaus ist, dann muss es wohl ein Irrenhaus sein. Und der Wärter heißt Fritz; Mann, oh Mann, was ist passiert?

Das hätte ich gerne von Ihnen gewusst. Wie sind Sie auf die Ebene gekommen?

Was für eine Ebene?

Die endlose Ebene natürlich. Es gibt nur diese eine Ebene.

Quatsch. Ich kenne eine Menge Ebenen. Bei uns zu Hause gibt es z.B. die norddeutsche Tiefebene, die ist so was von eben, …

Aha, daran können Sie sich also schon wieder erinnern. Toll! Das läuft ja prächtig; unsere medizinischen Fähigkeiten werden ja nicht oft benötigt, aber wenn, dann sind wir perfekt!

Was soll das jetzt wieder bedeuten?

Na ja, wir mussten Ihnen eine Frischzellenkur verabreichen. Ihre Organe pfiffen ja aus dem letzten Loch und hätten nicht mehr lange durchgehalten. Und Zähne hatten Sie ja auch keine mehr, nur so billige Plastikdinger, ab – so – lut primitiv! Ihr Gehirn funktionierte zwar noch recht gut, aber wir haben sicherheitshalber mal eine Kopie angefertigt, bevor wir die Gehirnzellen getunt haben. Wir haben den ganzen Kram dann wieder eingespielt, aber es dauert immer eine Weile, bis sich das Gedächtnis erholt hat.

Sie haben WAS gemacht? Mein Gehirn getunt?

Probieren Sie's doch mal aus. Sagen Sie mir einfach mal Ihren Namen.

Hör mal zu, du übergebliebener Hippie: Natürlich kenne ich meinen Namen, ich heiße …?

Na?

Äh, … mein Name ist …?

Sach ich doch. Das dauert, bis sich das Gehirn erholt hat. Aber Ihr Langzeitgedächtnis scheint schon wieder zu funktionieren.

Also mein Name ist …? Verdammt. Ich kann noch nicht mal gescheit reden, ohne meine Zähne. Geben Sie mir sofort meine Prothese zurück!

Sie werden Sie nicht mehr brauchen. Bald werden Sie wieder mit Ihren eigenen Zähnen zubeißen können.

Unmöglich! Der Mensch bekommt nur zweimal Zähne. Einmal als Kind und dann als Erwachsener. Wenn die Zähne kaputt sind, werden sie gezogen. Irgendwann sind dann alle weg und man bekommt eine Prothese. So ist das! Ein drittes Mal wachsen dem Menschen keine Zähne!

Interessant. Wahrscheinlich ein kleiner genetischer Defekt. Na ja, wir haben ihn behoben. Also ein Mensch sind Sie … so so.

Schlafen Sie noch ein wenig. Morgen komme ich wieder. Dann wird es Ihnen sicher besser gehen. Halb silberLICHT will wissen, wer Sie sind und wie Sie hierher gekommen sind.

Der medizinische Fritz sandte einen kurzen Gedankenbefehl an die Seele der Station. Der Alarm konnte jetzt aufgehoben werden. Dem Patienten ging es jetzt besser und morgen würde man die Wahrheit erfahren. Bevor der medizinische Fritz den Raum verließ, drehte er sich noch einmal zu dem Menschen um und sagte: Leider konnten wir Ihr Kurzzeitgedächtnis nicht auswerten. Aber eines wissen wir schon:

Sie heißen Hans Müller und Sie kommen von der Erde …

Kapitel 89
Die Gilde

Die silberne Sonne hatte gerade angefangen, ihr warmes Licht über die Ebene auszuschütten und die Frühvögel begannen ihre ersten Lieder zu singen. Der medizinische Fritz war wieder auf dem Weg zu seinem Patienten, der seit dem gestrigen Abend wieder in einem tiefen Heilschlaf lag. Auf halbem Weg verließ er die U-Bahn, um den Rest des Weges zu Fuß zu gehen. Er wollte die Ruhe des Morgens nutzen, um sich die Situation noch einmal vor Augen zu führen.

Vor drei Tagen hatten die automatischen Anlagen Alarm gegeben und man hatte ein Wesen auf der Ebene gefunden, das in wesentlichen Merkmalen mit den Angehörigen des ewigen Volkes übereinstimmte. Dies war an sich nichts Besonderes; viele Völker der nahen Galaxien hatten eine humanoide Bauform, weil sie alle von dem alten Volk der V'aupertir abstammten, das diesen Teil des Universums einst besiedelt hatte. Inwieweit auch das ewige Volk mit den V'aupertir verwandt war, hatte man bisher nicht klären können.

Hinter einem kleinen Waldstück aus dunkelblauen Vreda-Bäumen sah er seinen früheren Vorgesetzten, den medizinischen Manni, auf einer Bank sitzen. Er ging auf ihn zu und sagte: Hallo Manni, wie lebt's sich so?

Danke Fritz, du mich auch!

Äh, … Danke Manni. Ich wollte zu meinem Patienten und sehen, wie weit sich sein völlig desolater Körper inzwischen regeneriert hat. Kommst du mit?

Darum sitze ich hier. Die allgemeine Wahrscheinlichkeitsschätzung hat vorausgesagt, dass du genau um diese Zeit hier vorbeikommen würdest. Man kennt deine Marotten, Fritz. Ich sowieso.

Der medizinische Fritz erinnerte sich noch sehr gut an die Zeiten der Zusammenarbeit mit dem medizinischen Manni. Ursprünglich hatte er damals den Beruf des Schlossers angestrebt und auch schon die notwendigen Hypnokurse absolviert. Sein erster praktischer Einsatz hatte ihn damals zu dem Haus des medizinischen Manni geführt, dessen Gartentor unangenehme Geräusche von sich gegeben hatte. Fritz hatte sofort erkannt, dass die Lager des weitschwingenden Tores nicht mit zeit-residenten Ölen geschmiert waren und den Fehler nach wenigen Minuten behoben. Als der medizinische Manni sich sein Werk angesehen hatte, hatte der aber nur den Kopf geschüttelt und gesagt: Nein, so wollte ich das auch nicht. Es schließt ja völlig lautlos. Es soll aber Geräusche machen, nur eben nicht dieses Krächzen; ich will ein schönes langgezogenes und grelles Quietschen, das man mindestens bis zu den nächsten Häusern hören kann!

Fritz hatte sich damals unglaubliche Mühe gegeben. Zusammen mit dem chemischen Hutto hatte er immer neue Schmiermittel entwickelt und eingesetzt, um diesen langgezogenen und nervzerreißenden Ton zu erreichen, den der medizinische Manni haben wollte.

In den Monaten seiner Zusammenarbeit hatte er seinen Auftraggeber näher kennen gelernt und mit ihm nach Feierabend lange Gespräche geführt. Der medizinische Manni war froh über seine Gesellschaft, denn seine Freunde und Nachbarn hatten im Laufe der zahlreichen Versuche nahezu fluchtartig die Gegend verlassen oder ihre Wohnhäuser in ruhigere Gegenden transmittieren lassen. Eines Abends hatte sich sein Auftraggeber zurückgelehnt und gesagt: Fritz, deine Ausbildung ist doch noch nicht beendet; du erhältst z.B. deinen Ehrentitel erst dann, wenn ich deine Arbeit akzeptiert habe?

Ja, hatte Fritz geantwortet, erst wenn du meine Leistung für gut befunden hast und das Fernsehen meine Entwicklung in allen Teilen der Ebene vorgestellt hat, darf ich mich der schlosserige Fritz nennen.

Warst du mit deiner theoretischen Ausbildung zufrieden oder war sie nicht etwas zu kurz oder vielleicht zu einfach?

Na ja, es ging etwas schnell, stimmt schon. Was willst du damit andeuten?

Nun ja, Fritz. Ich habe dich beobachtet und wir haben lange Gespräche geführt. Deine handwerklichen Fähigkeiten sind beeindruckend und du verfügst auch über die notwendige Phantasie, um den Beruf des Arztes ausüben zu können.

Fritz war zuerst geschockt gewesen. Ärzte waren keine Handwerker. Der Berufsstand eines Arztes genoss auf der ewigen Ebene keinerlei Ansehen. Ärzte reparierten Körper, deren Besitzer nicht die notwendige Geduld aufbrachten, das Ende des Selbstheilungsprozesses abzuwarten. Mehr nicht.

Doch dann hatte der medizinische Manni zu einem Trick gegriffen und ihm von einem Gerücht erzählt, das vor einigen tausend Jahren die Runde auf der Ebene gemacht hatte. Angeblich hatten einige Theoretiker herausgefunden, dass es irgendwann möglich sein werde, die Ebene zu verlassen und in das heiße und hitzige Innere des Universums zurückzukehren. Natürlich waren diese Theoretiker damals verlacht worden, aber einige Stimmen hatten behauptet, die GILDE hätte ein paar der besten Handwerker beauftragt, diese Idee praktisch umzusetzen. Und draußen, so hatte der medizinische Manni damals gesagt, da werden Ärzte dringend gebraucht …

Der medizinische Paul kehrte mit seinen Gedanken in die Gegenwart zurück. Ja, er war damals Arzt geworden und er hatte es nicht bereut. Und heute wartete sein erster richtiger Patient auf ihn: dieser Mensch, der Hans Müller hieß …

Zusammen mit dem medizinischen Manni betrat er seine kleine Klinik, die mitten in dem Park aus Vreda-Bäumen und Hajo-Büschen lag und von kleinen Seen umsäumt wurde. Schon die Fernanalyse am Eingang zeigte beruhigende Bilder; der Patient war auf dem Wege, wieder wach zu werden.

Was hast du gemacht?, fragte der medizinische Manni.

Selbstheilung getunt und angenehme Musik spielen lassen. Das Übliche halt. Als keine Verbesserung des Zustandes eintrat, habe ich mir den Körper einmal näher angesehen. Un-glaub-lich! Mich hat der Schock getroffen: Dieser Körper war völlig kaputt. Alle Organe pfiffen auf dem letzten Loch, die Haut war völlig verrunzelt, die Augen hatten nur noch 18 Prozent, die Zähne wuchsen nicht nach …

Unmöglich!, sagte der medizinische Manni, so was gibt es nicht.

Doch, antwortete der medizinische Fritz und zeigte auf die Ergebnisse der primären Auswertung, schau es dir an. Dieser Körper ist unglaublich alt.

Ja, jetzt sehe ich es auch, sagte der medizinische Manni und ließ sich die primären Aufzeichnungen zum dritten Mal vorspielen. Fragend schaute er seinen früheren Lehrling an.

Ich habe eine komplette Frischzellenkur veranlasst und eine neue Selbstheilung eingebaut. Dann habe ich die Leistungsfähigkeit der Muskulatur getunt. Beim Scannen des Gehirns ist mir aufgefallen, dass es nur zu einem geringen Teil genutzt worden war, unglaublich nicht? Auch da habe ich einige Verbesserungen eingebaut. Aber das Tollste kommt noch – beim ersten Gespräch habe ich von diesem Wesen erfahren, dass es nicht von der Ebene stammt, sondern von einem Planeten namens Erde …

Von einem Planeten? Aus dem heißen und hitzigen Inneren des Universums?, rief der medizinische Manni aufgeregt, bist du sicher?

Der Gehirnscan war in dieser Hinsicht eindeutig. Komm, wir wollen ihn befragen, er ist wach. Das Ebenen-Fernsehen ist auch schon zugeschaltet.

Hans Müller sah die beiden Wesen auf sich zukommen. Den Einen kannte er schon. Das war der medizinische Fritz. Er war ungefähr 1,70 Meter groß, etwa 25 Jahre alt und hatte eine helle Hautfarbe, die ein wenig ins Rötliche tendierte. Der Andere schien gleich alt zu sein, war deutlich größer und hatte eine hellgelbe Hautfarbe. Beide hatten dunkle Haare, die einen kräftigen Blaustich hatten.

Das ist der medizinische Manni. Er interessiert sich für dich, sagte der, den Hans Müller schon kannte.

Mich interessiert hier auch so Einiges, sagte Hans Müller und richtete sich auf. Insbesondere wo ich hier bin.

Du bist in meiner Klinik, die etwa …(unbekannte Längeneinheit) … von silberLICHT entfernt ist. Dein Körper war völlig defekt. Ich habe dir eine Frischzellenkur verabreicht und eine neue Selbstheilung eingebaut. Außerdem hab ich deine Muskulatur getunt …

Schon wieder dieses Wort, getunt? Ich war mit meiner Muskulatur eigentlich ganz zufrieden. In meinem Alter muss man sich halt damit abfinden, dass die Muskeln schwächer werden. Ich bin immerhin schon fast 65 Jahre alt.

Na und, was ist schon Zeit?, sagte der eine der beiden Ärzte abfällig, der den Namen Manni trug und klatschte in die Hände. Aus einem Fach neben der Eingangstür glitten zwei Schwebesessel herbei und stoppten vor der Liege. Die beiden Ärzte nahmen Platz.

Der medizinische Fritz fragte: Hans Müller, kannst du dich jetzt erinnern, wie du auf die Ebene gekommen bist?

Hans Müller schien zu überlegen und sagte dann: Genau weiß ich das auch noch nicht. Ein Teil meiner Erinnerung scheint zu fehlen. Ich habe wohl so eine Art Filmriss …

Das ist normal. Deine Gehirnzellen sind völlig neu, die brauchen noch etwas, unterbrach ihn der medizinische Fritz, aber an was kannst du dich erinnern? Was passierte bevor du auf die Ebene gekommen bist?

Da waren Leute mit goldfarbener Haut, die haben wir gerettet. Und die AMMANDUL hat ein waghalsiges Manöver riskiert, um nicht in das NICHTS abzugleiten. Aber das hat nicht funktioniert. Wir waren völlig ratlos. Dann wurde es dunkel um mich. Als ich wieder zu mir kam, war das Schiff irgendwo aufgeschlagen. LC, unser Leitcomputer, hat sich nicht mehr gerührt. Alles im Schiff war ausgefallen, meine Freunde lagen auf dem Boden oder saßen bewusstlos in ihren Sesseln …

Die beiden Ärzte schauten sich viel sagend an. Der medizinische Manni sagte zu seinem Kollegen: Das hört sich ziemlich verrückt an. Wollen wir nicht einen Seelenklempner hinzuziehen?

Du könntest Recht haben, Manni, sagte der andere Arzt mit Blick auf das grüne Licht der Aufnahmeoptik. Wahrscheinlich liegt jetzt halb silberLICHT auf dem Boden und schüttelt sich vor Lachen.

Hans Müller wurde langsam wütend: Hey, Ihr beiden Komiker. Entweder, Ihr lasst mich in Ruhe erzählen, was mir einfällt oder Ihr bringt mich zu meinem Schiff zurück!

Der medizinische Manni lachte und sagte: Schiff? Hier gibt es keine Schiffe! Höchstens ein paar Segelboote auf dem Wasser-See von silberLICHT, hi hi.

Hans Müller richtete sich auf; sofort verformte sich seine Liege zu einem Sessel. Er sah die beiden Ärzte drohend an: Ich bin nicht fast 65 Jahre alt geworden, um mich von euch zwei Komikern hier verarschen zu lassen! Ich rede von einem Raumschiff. Etwas was durch den Weltraum fliegt. Kapiert? Ich habe dieses Raumschiff verlassen, nachdem es aufgeschlagen war. Dann bin ich zwei Tage durch die Dunkelheit geirrt, bis ich ein schwaches Licht am Horizont gesehen habe. Zwei Tage lang bin ich auf dieses Licht zu marschiert. Dann wurde ich anscheinend bewusstlos. Als ich wieder wach wurde, hat mir dieser Komiker, Hans Müller zeigte auf den medizinischen Fritz, erklärt, er habe an mir herumgebastelt und meine Gehirnzellen getunt. Für mich ist dies hier ein Albtraum und ich will sofort raus … aus diesem Traum! Ist das klar?

Längst versiegelte Räume in längst vergessenen Häusern öffneten sich – Einsame Fiktivtransmitter begannen sich auf ihre Aufgabe vorzubereiten – Getränkeautomaten bildeten sich aus vorgefertigten Bauteilen – Die automatische Küche lief an und begann, die pangalaktischen Hamburger nach dem Geheimrezept von Doug Adams vorzubereiten …

Der Sesselgenerator schrie nach einer neuen Ewigkeitsbatterie … und bekam sie! – Und der RUF ging hinaus.

Atemlos hatte die elektrische Vera verfolgt, was da in der kleinen Privatklinik am Rande von silberLICHT vorging. Ihr Freund, der mechanische Alba, zuckte plötzlich zusammen und spuckte die letzten Reste seiner Abendmahlzeit in den hypertoyktischen Eimer neben sich: Vera, hast du es auch gespürt?

Ja, Alba. Das war der RUF! So unglaublich es klingt, aber der RUF ist ergangen. Aus den uralten Erzählungen weiß ich, dass wir jetzt ein wenig Zeit haben, bis uns die Transmitter holen. Lass uns schnell ein paar Sachen packen.

Aber dieser Mensch erzählt eine Geschichte, die absolut unglaublich ist.

Die elektrische Vera zuckte nur mit den Schultern und sagte: Wer weiß, ob der RUF mit der Geschichte dieses Menschen zusammenhängt? Vielleicht gibt es einen ganz anderen Grund, die GILDE zusammenzurufen?

In die früher versiegelten Räume kehrte langsam das Leben zurück. Die Fiktivtransmitter hatten sich die Mitglieder der GILDE gegriffen und sie in den KONVENT geholt, wo der Sesselgenerator gerade mit seiner Arbeit fertig war und die ersten Hamburger-Portionen in den Antigravfeldern oberhalb des Tisches schwebten.

Sieben der zwölf Gilden-Meister waren bereits erschienen. Zwei von ihnen trugen noch ihre Schlafanzüge, weil der RUF sie während der Schlafphase erwischt hatte, ein anderer Gilden-Meister war völlig nackt und zog sich schnell einen bereitliegenden Kittel über.

Als die elektrische Vera und der mechanische Alba eingetroffen waren, war die GILDE vollständig versammelt und der bionische Zolf ergriff das Wort: Ehrenwerte Mitglieder der GILDE. Ich gehe davon aus, dass Sie die Berichte im Fernsehen gesehen haben. Es ist etwas vorgefallen, was seit undenklichen Zeiten nicht mehr passiert ist: Ein Sterblicher hat den Weg zu uns gefunden. Unser verehrter Freund, der medizinische Manni, hat die kleine Klinik des medizinischen Fritz aufgesucht, in der der Fremde behandelt wird.

Der medizinische Manni, den der RUF in der Klinik ereilt hatte und der von den Fiktivtransmittern des KONVENTS von dort weggeholt worden war, erhob sich und berichtete: Dieses Wesen ähnelt in seiner Bauform sehr den Angehörigen unseres Volkes und dürfte von einem der Urvölker des Universums abstammen. Mein ehemaliger Lehrling, der medizinische Fritz, hat sich dieses Wesens angenommen und einige kleine Verbesserungen an diesem Körper vorgenommen. In etwa drei Tagen wird dieses Wesen, das sich selbst als Mensch bezeichnet und den Namen Hans Müller trägt, wieder soweit hergestellt sein, dass er in unsere Gesellschaft integriert werden könnte, soweit er das will. Das, liebe Freunde, scheint aber das Problem zu sein: In meiner Gegenwart hat dieser Mensch erklärt, er wolle zu seinem Schiff zurückgebracht werden, das irgendwo auf der Ebene notgelandet sei …

Das aufkommende Gelächter der anwesenden Gilde-Meister unterbrach die Ausführungen des medizinischen Manni. Meister Sool, der Chef der Sicherungstruppen war und den Ehrennamen der Schützende trug, sprang auf und rief: Ich wüsste sehr wohl, wenn irgendwas auf der ewigen Ebene angekommen wäre. Wir haben alle Ortungssatelliten ausschwärmen lassen und alle Quadranten der Ebene abgesucht. Nirgendwo schwimmt ein Schiff, in keinem der Seen!

Soweit ich diesen Menschen verstanden habe, fuhr der medizinische Manni fort, meinte er ein Raumschiff.

Un-mög-lich! Kein Raumschiff des Universums wäre in der Lage, die äußere Grenze des Universum zu durchstoßen und dunkelLAND zu erreichen, rief die elektrische Vera aufgebracht. Es gibt keinen Antrieb, der das könnte! Zwischen dem Universum und der ewigen Ebene existieren weder Raum noch Zeit!

Aber es gab Versuche, so etwas zu entwickeln, sagte der physische Horst vorsichtig, weil er die cholerische Art der elektrischen Vera sehr gut kannte. Meine Zunft hat damals einen Auftrag erhalten …

Und nie beendet, schrie die elektrische Vera dazwischen. Meister Horst, wir haben die Bilder noch sehr genau in Erinnerung, als deine Leute ihre Testgeräte über die Ebene gejagt haben. Halb silberLICHT hat sich bald bepisst vor Lachen, als sie kaputt gegangen sind!

Meisterin Vera, du warst zu dieser Zeit noch nicht Angehörige der GILDE, aber dein Vorgänger war eingeweiht, sagte der physische Horst leise. Wir haben weitergearbeitet und es wurde geheim gehalten.

Ihr wart noch nicht einmal in der Lage, eine druckdichte Kugel zu bauen, blaffte der mechanische Alba, der seiner Partnerin zur Seite stehen wollte, aber der bionische Zolf lächelte: Das mussten sie auch nicht, denn sie hatten damals ein Raumschiff zur Verfügung …

Kapitel 90
Hans

Was passiert mit mir?

Diese Frage rast seit Stunden durch mein Bewusstsein und findet nirgendwo eine Antwort.

Nach der Behandlung durch diesen merkwürdigen Arzt fühle ich mich völlig verändert.

Aber mein Gedächtnis ist wenigstens wieder in Ordnung. Ich kann mich inzwischen erinnern, wie ich aus der AMMANDUL herausgekommen bin und wie ich vier Tage über eine absolut glatte, schwarze Fläche gelaufen bin. Nach zwei Tagen habe ich dieses ferne Licht gesehen und bin darauf zu marschiert.

Dieses verfluchte Licht war immer da, aber es kam einfach nicht näher. Ich bin gelaufen und ich bin gerannt, ich habe mein Funkgerät angemacht und alle verfügbaren Frequenzen abgehört. Nichts!

Nur dieses Licht, das einfach nicht näher kommen wollte!

Irgendwann muss ich wohl zusammengebrochen sein. Zwei merkwürdige Typen haben mich wohl gefunden und in diese Klinik transportiert.

Und dann ist ein noch viel merkwürdigerer Typ gekommen und hat was von Frischzellenkur, Gehirn- und Muskeltuning gefaselt.

Mann, war der fertig!

Und mein Gebiss haben sie mir weggenommen! Ich kann das Essen, das sie mir hier geben, nur lutschen. Deprimierend ist das! Und überall diese kleinen Fernsehkameras! Ich möchte mal wissen, wie viele von den komischen Wesen mir jetzt zusehen, wie ich versuche, diese grüne Frucht zu essen: ohne Ssssähne.

Aber das absolut Bescheuertste ist vorhin passiert: Einer von den beiden Ärzten ist plötzlich zusammengezuckt, hat dem Anderen was von irgendeiner Gilde erzählt und war kurz danach verschwunden. Nee, nicht rausgegangen, … einfach in Luft aufgelöst! Der andere Arzt hat ganz wichtig geguckt und ist dann auch gegangen. Aber durch die Tür.

Oh Scheiße, jetzt krieg ich auch noch Zahnschmerzen! Nee, kann ja nicht sein; wo nix mehr da ist, kann nix wehtun! Meine eigenen Zähne sind damals in irgendwelchen Mülleimern von irgendwelchen Zahnärzten gelandet. Einer nach dem Anderen. Mit 60 ist der letzte Zahn flöten gegangen …

Aber wieso tut das so weh? Muss was mit dem Kiefer sein. Wenn dieser Kurpfuscher was mit mir angestellt hat, hol ich meinen Kampfblaster aus der AMMANDUL und dann braucht der erst mal medizinischen Beistand, und zwar mächtig viel Beistand.

Scheiße, was passiert mit mir?

Mist, schon der zweite Tag, ohne dass jemand kommt.

Hab verdammt lange geschlafen. Fast 10 Stunden! Gut, dass ich meine Uhr noch habe. Ein tolles Ding. Hab ich auf einem Trödelmarkt in der Türkei gekauft, vor 2 Jahren. Steht Rolex drauf, na ja … man gönnt sich ja sonst nichts. Hat aber 50 Mark gekostet. Die mit Batterie waren billiger. Meine hat aber ein richtiges Uhrwerk zum Aufziehen. Als es gestern Abend dunkel wurde, hab ich die Uhr einfach mal auf 10 Uhr eingestellt. Jetzt ist es 8 Uhr morgens und diese merkwürdige Sonne ist wieder da.

Hab da gestern Abend mal drauf geachtet: Das Ding geht nicht unter, es bleibt am Himmel stehen und wird nur dunkler. Ist wohl eine Kunstsonne oder so was.

Als ich eingeschlafen bin, war kein Mensch da. Heute Morgen auch nicht. Bin allein, nur so ein komischer Robbie taucht gelegentlich auf und bringt mir was zu essen. Schmeckt ganz gut, aber jetzt will ich einen Kaffee! Ein Frühstück ohne Kaffee ist besch … ach lassen wir das.

Außerdem sind die Zahnschmerzen wieder da. Müssen wohl Phantomschmerzen sein. Oder eine Entzündung? Mmh … ist ganz schön dick, könnte sein.

Was haben die bloß mit mir angestellt? Wenn ich nur einen Spiegel hätte! Muss mich mal umsehen. Der Raum ist ganz hübsch eingerichtet. Hier meine Liege, dort ein paar Blumenkübel, Wandschränke, die ich nicht aufkriege …

Und Fenster, überall Fenster. Ist kein Glas, muss was Anderes sein. Spiegelt kein bisschen; aber man kann durchsehen. Schöne Gegend hier. Überall Rasen und Teiche; im Hintergrund ein Wald aus blauen Bäumen und rotblauen Sträuchern. Sieht sehr aufgeräumt aus!

Die Teiche!

Genau! Wenn da Wasser drin ist, dann kann ich mich darin spiegeln. Aber wo haben die meinen Schutzanzug hingelegt? Mmh … nicht da! Ziehe ich eben den komischen Overall an, der neben der Türe hängt. Wird wohl viel zu groß sein. Aber egal, halbnackt gehe ich hier nicht vor die Türe!

Das Ding passt! Beim Anziehen war es zwar zu groß, aber danach hat sich das Ding zusammengezogen und sitzt jetzt astrein. Tolle Idee!

So, mal sehen, ob sie mich hier rauslassen? Ja, die Türe schwingt nach außen. Gut. Mmh … herrliche Luft hier draußen; fast so gut, wie in den Bergen.

Da ist der nächste Teich. Jetzt bin ich aber mal gespannt. So, jetzt nur noch vornüber beugen und …

Nein, verdammt, ich will hier nicht reinspringen. Lass mich los, du bescheuerter Roboter. Du sollst mich loslassen.

Der dritte Tag ohne Besuch. Gestern hat mir der Roboter wohl eine Dosis Schlafgas verabreicht, als ich mir im Teich mein Spiegelbild ansehen wollte. Muss mich dann wohl wieder in diesen Raum getragen haben.

Heute hab ich immer noch Zahnschmerzen und mein Kiefer wird immer dicker. Aber was ist das? Meine Zunge fühlt da etwas Hartes. Was kann das sein?

ICH WILL SOFORT EINEN SPIEGEL!

Nichts. Der blöde Robbie kommt angesummt und guckt nur blöd!

EINEN SPIEGEL!

Endlich. Der medizinische Fritz taucht auf. Ich sage: Hör zu, Fritz, ich will einen Spiegel! Du verstehen? Einen Spiegel, etwas, worin man sich selbst sehen kann.

Was sagt der? Ich soll mich erst einmal richtig erholen? Und geht wieder! Mir reicht es jetzt! Ich muss nur den blöden Robbie austricksen. Mal sehen, Türe aufmachen … ja, gut gegangen.

Jetzt ganz langsam auf der Wiese spazieren gehen. Dudeli – da – la. Ein bisschen pfeifen und schön weit weg vom Teich bleiben.

Wo ist der Robbie? Aha, neben der Türe. Mal sehen, wie schnell der ist! Ich starte durch und renne auf den Teich zu. Ich will es wissen und werde hinein springen. Ich kann ja schwimmen. Klasse, nur noch 5 Meter, jetzt nur noch 2 Meter und Absprung …

Oh Mann! Irgendetwas hat mich in der Luft abgefangen und wieder in mein Zimmer geschleudert. Dann kam dieser dämliche Robbie mit seinem Schlafgas und dann: Gute Nacht, Hans. Aber im letzten Moment hab ich mein Spiegelbild in dem Teich gesehen. Ich kann es nicht glauben; der Typ sah ganz anders aus!

Heute morgen hab ich es kontrolliert. Auf meinem Kopf, wo unser Kanarienvogel immer eine so herrlich glatte Landebahn vorgefunden hatte, sind mir Haare gewachsen! Stoppeln zwar nur, aber die komplette Plätte ist damit befallen. Mindestens schon 3 mm. Und das Harte in meinem Mund sind … Zähne! Richtige Zähne!!

Und wenn ich mir meinen Bierbauch so ansehe, der ist geschrumpft! Dafür sind die Muskeln an den Armen und Beinen mächtig gewachsen.

WENN ICH NUR EINEN SPIEGEL HÄT