Stories 4: Auf der Suche nach der verlorenen Menschheit IV

Was bisher geschah

Durch einen Zufall entdeckt Paul Müller die Wahrheit über die Geschichte der Menschheit und begibt sich auf die Suche nach der verlorenen Menschheit. Dabei wird er von seinen Freunden und der TERRA unterstützt. Sie finden Perry, Bully und die Terraner in der Galaxis M343, in die sie verbannt wurden und befreien sie.

Die Milchstraße wird vom mächtigen galaktischen Kaiser, Ronald Tekener, und der bösen SI RHOMBIA beherrscht. Planenten die sich auflehnten wurden vernichtet. Paul und seine Freunde gehen erfolgreich gegen das Kaiserreich vor. Dabei erhalten sie Unterstützung von der Galaktischen Rentnerband, Pauls Großvater und dessen Freunde.

Gemeinsam gelingt es ihnen, die Endzeit zu verhindern und damit das Universum zu retten. Paul und seine Freunde bekommen die TERRA geschenkt und ziehen los, um das Universum zu erkunden.

Doch sie sind nicht die einzigen Menschen außerhalb des Ultratronschirms. Eine Gruppe von etwas älteren Terranern will jetzt die Zeit nach der Anspannung nutzen, um ebenfalls das Universum zu erkunden und nachsehen, ob es da draußen nicht etwas Böses gibt, dem man Manieren beibringen muss.

Hauptpersonen

Hans Müller:
Er ist so etwas wie der Boss der Rentnerband
Rudi Bolder, Otto Pfahls, Jakob Hinterseer, Schorsch Meyer und Peter Rubens:
Die Mitglieder der Rentnerband
Verena da Lol:
Sie muss sich inmitten alter Herrschaften behaupten

Prolog

Heute ist der 1. Februar 2001, zumindest auf der Erde.

Welche Zeit man außerhalb unseres kleinen Sonnensystems schreibt, spielt keine Rolle, denn wir können unser Sonnensystem nicht verlassen, weil es ja keinen Antrieb gibt, der unseren kleinen und empfindlichen Raumschiffen den Weg zu den Sternen ermöglichen würde,

denken wir …

Noch nie ist es einem Menschen gelungen, einen anderen Planeten zu betreten, geschweige denn, unser Sonnensystem zu verlassen,

denken wir …

Aber die Wirklichkeit sieht ganz anders aus:

Unser Sonnensystem ist von einem Schutzschirm umgeben, der nicht durchdrungen werden kann. Und selbst mit den empfindlichsten Ortungssystemen ist es vom Rest des Weltraums aus nicht zu entdecken.

In der Galaxis, die wir Milchstraße nennen, regiert ein riesiger Computer, dem unsere Vorfahren den Namen NATHAN gegeben haben und der eigentlich auf dem Erdmond beheimatet ist. Im Spätherbst des Jahres 2000 (unserer Zeit – s.o. –) ist er ausgezogen, die Verwaltung der Milchstraße zu übernehmen. Zusammen mit dem neu gegründeten Rat der Planeten und dem unabhängigen galaktischen Gerichtshof sorgt NATHAN jetzt dafür, dass Frieden in der Galaxis herrscht …

gääähn …

Aber außerhalb der Grenzen unserer heimatlichen Milchstraße, irgendwo da Draußen, vielleicht in der linken unteren Ecke unseres Universums, da regiert noch das Böse! Aber diesem Bösen kann es durchaus passieren, dass es Besuch bekommt. Und wenn es ganz großes Pech hat, dann sind Sie es, die ihm auf den Pelz rücken …

Hans Müller und seine Freunde, alles Leute, die die 60 schon überschritten hatten und die im Herbst vergangenen Jahres erst ihr vertrautes Bergtal in den Alpen verlassen hatten, um auf die Suche nach seinem im Weltall verschwundenen Enkel Paul zu gehen. NATHAN, die Biotronik auf dem Mond, hatte ihnen dafür 20 Superschlachtschiffe aus alter terranischer Fertigung überlassen; pechschwarze Ungeheuer mit einem Durchmesser von 1.800 Metern, deren Anblick schon Furcht erregend genug war. Und seit ihrem ersten Einsatz im Sonnensystem der Umarer, deren Heimatplanet von Schiffen der kaiserlichen Flotte bombardiert wurde, haben sich Hans Müller und seine Freunde zu einem Albtraum für die Schiffe des Bösen entwickelt, denn sie sind:

Die galaktische Rentnerband.

Kapitel 60
Friesengeist

Kannst du mir mal sagen, wie du diese Transformkanone verdrahtet hast? Das Ding braucht Drehstrom, keinen Wechselstrom! Bin ich nur von Vollidioten umgeben? Wütend schmiss der ehemalige Elektro-Meister Peter Rubens seinen Schraubenschlüssel in die Ecke und ging schimpfend in die Zentrale zurück.

Er sehnte sich danach zurück, die RUBENS wieder alleine fliegen zu können, wie damals, bevor er die ausgebildete Mannschaft auf Olymp übernommen hatte. Denn das alte terranische Superschlachtschiff war so konstruiert, dass es notfalls von nur einer Person geflogen werden konnte. Ja, stöhnte Peter Rubens, die alten Terraner wussten noch, worauf es ankommt …

In der Zentrale sah Peter Rubens auf die Kontrollen. Rechts neben ihm flogen Jakob Hinterseer und sein Raumschiff MATTERHORN, auf der linken Seite sah er Schorsch Mayer und seine ALPENGLÜHN.

Otto Pfahls war mit seinem Schiff, das er ursprünglich TOD ALLEN BAYERN nennen wollte und dann doch noch in FRIESENGEIST umgetauft hatte, zusammen mit Hans Müller und seiner RAMSES zum Planeten Manderlay geflogen und wurde erst am Abend zurück erwartet.

Er selbst hatte sein Schiff, gänzlich unbescheiden wie er war, RUBENS genannt. Und da der Schiffscomputer ebenfalls auf den Namen RUBENS hörte, gab es manchmal Verwechslungen, wie z.B.: Rubens hat heute schlechte Laune.

Gegenfrage: Welcher?

In der riesigen Zentrale der RUBENS herrschte die übliche Hektik, wenn die Spezialisten von Olymp am Werk waren und deshalb hatte sich Peter Rubens in seine Chef-Zentrale zurückgezogen, von der aus er das Schiff notfalls mittels einer speziellen Überrang-Schaltung steuern konnte.

An diese Spezialisten werde ich mich gewöhnen müssen; selbst ein einfacher Geradeausflug löst bei denen eine lange Diskussion aus, grummelte Peter Rubens leise und zog genüsslich an seiner Pfeife. Er genoss die Ruhe in seiner Chef-Zentrale und schob seine Füße wieder in die geliebten Filzpantoffeln. Er freute sich, dass er die Chef-Zentrale für die Leute von Olymp zur absoluten Tabu-Zone erklärt hatte. Der Letzte, der ihn hier gestört hatte, konnte eine Transformkanone mittlerweile mit geschlossenen Augen auseinander bauen und wieder zusammensetzen; und das in nur 40 Stunden. Nur mit dem elektrischen Anschluss hatten sie noch Schwierigkeiten. Aber das würden sie noch üben, …

Nicht viel los hier, Peter, meldete sich Jakob Hinterseer über die Direktverbindung.

Ja, hast Recht, Jakob, gab Peter Rubens zurück, seit wir mitgeholfen haben, die Milchstraße zu retten, war nicht mehr viel los. Weißt du noch …?

Nee, hör auf wie ein alter Mann zu reden. Ich kann die Geschichten aus der Dorfkneipe nicht mehr hören, die immer mit Weißt du noch … anfingen, gab Jakob Hinterseer zurück.

Na gut, gab sich Peter Rubens geschlagen, dann sag mir wenigstens, was Hans und Otto auf Manderlay wollen. Die offizielle Version kenn ich; ich meine, was wollen die beiden wirklich da?

Außer einer allgemeinen Lagebesprechung mit Perry Rhodan und Reginald Bull wollte sich Hans Müller noch kurz von seinem Enkel Paul verabschieden, der mit der TERRA schon morgen wieder los fliegt und Otto Pfahls hat einen besonderen und privaten Termin mit Reginald Bull.

Was für einen besonderen und privaten Termin?

Wettsaufen! Otto Pfahls hat behauptet, er könne Bully unter den Tisch saufen, trotz dessen Zellaktivatorchip, gab Jakob Hinterseer leise zu.

Waas? Und das unterstützt du auch noch? Du weißt doch, wie schädlich Alkohol ist, besonders für die angegriffene Gesundheit von Otto! Ich hab seiner Tochter versprochen, auf ihn aufzupassen.

Wigald Grünling, der Funker der RUBENS, stand sehr unschlüssig und noch viel zögerlicher vor der verschlossenen Tür der Chef-Zentrale.

Wenn der Alte wieder so einen Anfall bekommen sollte, wie das letzt Mal, dann sah er sich schon insgeheim seinen Hyperfunk-Empfänger putzen, aber von innen. Ganz zaghaft tippte er leise gegen die Tür. Keine Reaktion. Dann nahm er seinen ganzen Mut zusammen und klopfte laut, dreimal. Gleich würde das Verhängnis in der Person eines tobenden Chefs über ihn herein brechen.

Doch stattdessen erschien ein freundlich grinsender Peter Rubens unvermittelt im Türrahmen und fragte: Ja, was ist los?

Hey Chef, ich habe da so eine merkwürdige und verstümmelte Meldung auf einem Frequenzband aufgefangen, das heute nicht mehr benutzt wird, sagte Wigald Grünling vorsichtig.

Und?

Tja, ich habe die Meldung natürlich gespeichert, aber …

Was aber? Kurz entschlossen packte Peter Rubens seinen Funker am Arm und schob ihn wortlos zu den Kontrollen für den Hyperfunk: Vorspielen!

… brauche Hilfe … Gefängnismond … Gucky …

Sofort NATHAN informieren!, sagte Peter Rubens und überlegte; es ging um Gucky, der seinerzeit mit nach M343 geflogen war, als die Terraner dorthin verbannt wurden, damals, vor 50.000 Jahren. Seither hatte es keine Lebenszeichen mehr von ihm gegeben. Selbst Reginald Bull hatte keine Ahnung, was aus dem Mausbiber geworden war. Und jetzt das …

Gucky in Not?

Nach der Rettung der Milchstraße vor den apokalyptischen Energien der Endzeit waren Perry Rhodan und Reginald Bull sofort nach M343 aufgebrochen, um die terranischen Völker zu besuchen, die dort seit 50.000 Jahren lebten.

Nach ihrer Rückkehr hatten sie NATHAN und dem galaktischen Rat berichtet. Wie zu erwarten war, wollte keines der Völker in die Milchstraße zurückkehren.

Perry Rhodan verstand sie; in M343 lebten sie in relativem Wohlstand und genossen seit einigen Monaten die Möglichkeit, andere Planeten innerhalb von M343 mit Hilfe der galaktischen U-Bahn bequem erreichen zu können. Man hatte den Völkern jede Hilfe angeboten, doch Perry Rhodan hatte den Eindruck, dass die Terraner in M343 weiter ihren eigenen Weg gehen wollten.

Nach ihrer Rückkehr aus M343 hatten sich Perry Rhodan und Reginald Bull von Ronald Tekener und Dao Lin'Hay verabschiedet, die nach Hangay übersiedeln wollten. Perry und Bully hatten sich auf dem Planeten Manderlay niedergelassen, wo jeder seinen eigenen Bungalow bewohnte. Meist trafen sich die beiden Unsterblichen jedoch im Haus von Perry Rhodan, das am Ufer des Sarghan-Sees lag, einem tiefblauen Bergsee am Fuß des mächtigen Zentralgebirges von Manderlay. Heute war Perry Rhodan allerdings zum Bungalow von Reginald Bull gekommen, der oberhalb des Sees an einem Berghang errichtet worden war, um die beiden Kontrahenten zu sehen, Reginald Bull und Otto Pfahls …

Bully trug seine leichte Raumfahrer-Kombination und lehnte sich lässig gegen den Stehtisch, der in der Mitte der Terrasse aufgestellt war.

Auf bequemen Gartenstühlen saßen Hans Müller, sein Enkel Paul und dessen Freundin Michele, Stephan und Dagmar, Boris Walter, Jack Johnson, Perry Rhodan und Anita Powers und warteten auf den Herausforderer, auf den Mann, der es gewagt hatte, Reginald Bull zum Wettsaufen herauszufordern. Ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man bedachte, dass Reginald Bull einen Zellaktivatorchip trug, der die schädliche Wirkung von Alkohol umgehend neutralisieren würde. Aber Otto Pfahls hatte behauptet, Bullys Zellaktivatorchip kenne die Zusammensetzung von Friesengeist noch nicht und deswegen könne nur ein echter Ostfriese einen solchen Wettkampf gewinnen.

Und dann erschien der Herausforderer! Otto Pfahls hatte seine dunkelblaue Kapitänsuniform angezogen, die er früher als Kapitän der ostfriesischen Handelsflotte getragen hatte. Die ebenfalls dunkelblaue Lotsenmütze hatte er tief ins Gesicht gezogen, während er aufrecht über die Terrasse schritt, die Anwesenden kurz grüßte und sich dann seinem Gegner zuwandte. Mit einem kurzen und herausfordernden Blick wuchtete er 2 Flaschen Friesengeist auf den Stehtisch. Reginald Bull nahm es mit der Gelassenheit seines langen Lebens zur Kenntnis und nickte Perry Rhodan zu, der den Schiedsrichter spielen sollte.

Die Regeln des Kampftrinkens waren klar: Der Friesengeist wurde in kleinen Schnapsgläsern serviert, die auf Ex zu trinken waren. Danach war eine Pause von 5 Sekunden vorgesehen und anschließend hatten die beiden Kontrahenten den Satz: Fischers Fritze fischt frische Fische fehlerfrei aufzusagen. Dann wurde die nächste Runde Friesengeist gereicht und so weiter.

15 Minuten später:

Otto Pfahls hatten seinen Satz fehlerfrei herausbekommen. Jetzt war Reginald Bull an der Reihe: Fischers .. Fri . tze fisch ..t fri .. sche Fi .. sche

Die Zuschauer applaudierten. Und weiter ging es.

10 Minuten später:

Fischers Fri .. Hick .. tze fisch .. Hick .. t fri .. Hick ..sche Fische. So j .. ez du, Bbbully.

Reginald Bull schien trotz seines Zellaktivators in erhebliche Schwierigkeiten geraten zu sein. Es dauerte lange, bis er anfing: Fisch .. Hick …

Das Visiophon unterbrach den Wettkampf an dieser spannenden Stelle durch ein hässlich lautes Signal. Eine Stimme meldete sich: Dringender Anruf von NATHAN!

Die beiden Kontrahenten hielten sich krampfhaft am Stehtisch fest und Bully schien nicht mehr in der Lage zu sein, den Anruf entgegen zu nehmen; Perry Rhodan machte sich für ihn auf den Weg. Als er wiederkam, sagte er nur: Macht Schluss, es gibt Arbeit!

Otto Pfahls und Reginald Bull stützten sich gegenseitig, als sie gemeinsam ins Wohnzimmer wankten, wo das Visiophon stand. Perry Rhodan spielte die Meldung NATHANS noch einmal ab:

Es gibt einen unklaren Hilferuf, der auf ein Lebenszeichen des Mausbibers Gucky hinweist.

Hick, die Mau .. Hick .sratte .. lebt noch ..Hick ..?, stammelte Reginald Bull, Gu .. Hick ..cky, ich koooooooooommmeeeeeeeee …

Der Aufprall des schweren Körpers hinterließ auf dem Parkett des Wohnzimmers keine bleibenden Eindrücke; das kurz danach einsetzende Schnarchen jedoch um so mehr, denn es vertrieb die übrigen Anwesenden binnen weniger Sekunden aus dem Zimmer.

Draußen auf dem Flur unterhielten sie sich leise über die Meldung NATHANS. Eigentlich wollten alle dieser Spur folgen, doch Perry und Bully hatten eine wichtige diplomatische Mission in Hangay zu erfüllen und die TERRA wurde nächste Woche in M343 erwartet, wo das Volk des Planeten Paradies-Europa Boris Walter zum Ehrenbürger ernennen wollte.

Wir sind ja auch noch da, sagte Hans Müller.

Perry Rhodan zögerte etwas, ehe er antwortete: Na ja, euren Ruf kennt man ja inzwischen. Also gut, aber lasst noch was heil, vom Rest des Universums. Ich wünsche dir und der galaktischen Rentnerband viel Glück. Meldet euch, wenn ihr eine Spur von Gucky gefunden habt.

Tschöh Paul, genießt eure Ferien, sagte Hans Müller und nahm seinen Enkel zum Abschied in den Arm. Dann schulterte er den stinkbesoffenen ehemaligen Kapitän der ostfriesischen Handelsflotte und stapfte mit ihm durch den Transmitter von Bullys Bungalow.

Zurück blieb ein einsamer Perry Rhodan, der in Ruhe abwartete, bis sein Freund Bully wieder nüchtern sein würde. Dank des Zellaktivatorchips würde dies in etwa einer Stunde wieder soweit sein.

Morgen begann ihre diplomatische Mission in Hangay. Am liebsten wäre Perry Rhodan selbst mit den Leuten der Rentnerband mitgeflogen und auf die Suche nach einem uralten Freund der Menschheit gegangen, der jetzt irgendwo da draußen war und um Hilfe rief:

Gucky, der Mausbiber.

Kapitel 61
Gekreuzte Hörner

Oh Mann, stell doch mal einer diese dämlichen Maschinen ab …

Otto Pfahls litt noch unter den Folgen seines gestrigen Kampftrinkens mit Reginald Bull. Er lag in seiner Koje, wie er die Zimmerflucht nannte, die für ihn als Kommandanten der FRIESENGEIST reserviert war. Aber allein bei dem Gedanken an den Namen seines Schiffes wurde ihm schlecht. Mühsam bekämpfte er die aufkommende Übelkeit und hob den Kopf.

Weiche von mir, Unheil!, sagte er leise, als er in das dümmlich grinsende Gesicht des Bordarztes schaute. Wie geht es mir, Doc?

Doch statt zu antworten, deutete Fliny Horrenstein, der Bordarzt, nur stumm auf den kleinen Teller, auf dem eine kleine weiße Pille lag. Otto Pfahls schluckte die Pille und würgte sie mit Wasser herunter.

Ich komme gleich, sagte er noch, bevor sein Kopf wieder in das Kissen zurück fiel und ein bald einsetzendes Schnarchen darauf hinwies, dass seine Genesung doch noch etwas Zeit in Anspruch nehmen würde.

Der Alte ist dermaßen voll, dass er vor morgen früh wohl nicht wieder auf der Brücke erscheinen wird, gab der Funker der FRIESENGEIST an die RAMSES durch, wo Hans Müller sehnlichst auf die Klarmeldung aller Schiffe wartete.

Solange wollen wir nicht warten. Ich schicke euch Jemanden rüber, der das Schiff kommandiert, solange Otto flach liegt, meinte Hans Müller.

Mit allem hatten sie in der Zentrale der FRIESENGEIST gerechnet, nur nicht damit, dass Hans Müller eine Frau schickte.

Verena da Lol betrat die Zentrale durch den Transmitter und sah sich um. Überall wieselten die Techniker und Spezialisten herum, aber niemand schien sie so recht zur Kenntnis nehmen zu wollen. Das änderte sich schlagartig, als sie im Sessel des Kommandanten Platz nahm und ihre Hand in einer kurzen und gleitenden Bewegung auf den pilzförmigen Schalter für den Schiffsalarm fallen ließ.

Die losbrüllenden Sirenen ließen die Besatzung der Zentrale erstarren, jede Bewegung erstarb innerhalb von Sekundenbruchteilen. Verena deaktivierte den Schiffsalarm und sagte leise: Mein Name ist Verena da Lol. Einsatzbereitschaft besteht in 10 Minuten. Und zwar von jetzt an!

Pier Wollendrehn, der Erste Offizier, stürzte auf Verena zu: Unmöglich. Die Triebwerke sind frühestens in 2 Stunden betriebsklar.

Verena da Lol antwortete: Sie vergeuden Zeit. Und Sie haben jetzt noch 9 Minuten und 30 Sekunden. Sagen Sie der Mannschaft, wenn das Schiff nicht um Punkt 13:00 Uhr betriebsklar ist, beginnt das Ausschleusen um 13:20 Uhr.

Das was? Das Ausschleusen?, fragte Pier Wollendrehn.

Immer noch mit leiser Stimme antwortete Verena da Lol: Ja. Das Ausschleusen der Mannschaft. Sie steigen alle aus. Es sei denn, das Schiff ist um 13:00 Uhr betriebsklar. Noch Fragen?

Sie ist von Drabon. Schau dir nur einmal ihre Gesichtsfarbe an, flüsterte Pier Wollendrehn.

Fliny Horrenstein nickte und sagte: Ja, man munkelt, dass sie die Tochter von Fürst Lol ist; jener Fürst Lol, der damals eng mit dem galaktischen Kaiser zusammen gearbeitet hat. Sie soll damals schon eine Draufgängerin gewesen sein. Jetzt hat sie auch noch eine Spezialausbildung auf Schiffen unseres Typs hinter sich. Wenn wir jetzt nicht spuren, schmeißt die uns wirklich raus und übernimmt das Schiff in Handsteuerung.

Um 13:02 Uhr waren alle Klarmeldungen eingegangen. Verena da Lol nickte zufrieden. Das hatte sie erwartet. Schwierig würde es erst werden, wenn Otto Pfahls seinen Rausch ausgeschlafen haben würde. Aber das würde noch etwas dauern.

Es war genau 13:12 Uhr, als die 20 Superschlachtschiffe der Rentnerband Fahrt aufnahmen.

Vom Führungsschiff, der RAMSES, kamen die Zielkoordinaten für den Metagrav-Flug herein. Verena da Lol musterte die Daten. Von Hans Müller wusste sie, dass NATHAN den Ausgangspunkt des Hilferufes nicht hatte anmessen können. Es war nur bekannt, dass dieser Punkt südlich der galaktische Hauptebene lag und etwa 5 Millionen Lichtjahre entfernt war. Das hieß, die Reise würde fast einen ganzen Monat dauern.

In dieser Region gab es keine Galaxis; nur ein paar vereinzelte kleinere Sternhaufen lagen dort. Aus einem dieser Sternhaufen war der Notruf vermutlich gekommen.

Um genau 13:49 Uhr gingen die Schiffe der Rentnerband in den Hyperraum. Auf der Erde schrieb man den 7. Februar 2001.

Am 11. Februar hatten sie die Hälfte der Strecke bereits hinter sich. Otto Pfahls war wieder Herr auf der Brücke seiner FRIESENGEIST, nachdem Verena da Lol wieder auf die RAMSES zurückgekehrt war.

Hübsche Deern, murmelte Otto Pfahls.

Pier Wollendrehn nickte und meinte: Aber sie hat Haare auf den Zähnen. Sie hätten mal sehen sollen, wie die uns hier herumkommandiert hat, als Sie mit dem dicken Kat…, ähh mit der schweren Erkältung im Bett gelegen haben.

Ja, ich weiß was Sie meinen. Mir hat sie gesagt, ich solle mich noch etwas schonen; mit 66 Jahren sollte ich nicht mehr so viel sauf … ähh … trinken. Als wenn die wüsste, wie viel ein geborener Ostfriese verträgt, grinste Otto Pfahls.

Es war genau 12:36 Uhr am 12. Februar, als der Hilferuf eintraf. Sie hatten gerade den Hyperraum verlassen, um einen Orientierungsstopp einzulegen und kurz danach sprach der Hyperfunkempfänger an:

Die Schiffe des Gomp greifen an. Wir sind dem Untergang geweiht. Helft uns, wenn da draußen jemand ist.

Ortung?, schnarrte Otto Pfahls.

14 Lichtjahre in Flugrichtung. Eine einsame Sonne, Sol-Typ, kam als prompte Antwort des Funkers und Ortungsspezialisten Han Duo.

Konferenzschaltung!

Nach kurzer Beratung beschlossen die Kommandanten der galaktischen Rentnerband, dem in Flugrichtung liegenden Sonnensystem einen Besuch abzustatten. Verena da Lol hatte sich angeboten, mit einem Beiboot der RAMSES zunächst Aufklärung zu fliegen.

Aber pass auf dich auf, Mädchen. Und komm sofort wieder; bitte keine Einzelaktionen, sagte Hans Müller, als Verena da Lol ausschleuste.

Schau, die Schiffe des osarischen Gomp haben unsere beiden Raumschiffe eingekreist. Was können wir noch tun?

Vinra Guud senkte ihren Kopf und richtete ihre großen braunen Augen fragend auf Aram Zirkular, der mit ihr in der Zentrale des kleinen Schiffes stand.

Nichts mehr. Wenn die Feuerkanonen zuschlagen, werden die Schutzschirme unserer Schiffe innerhalb von Sekunden verbrennen, danach das Schiff und am Ende werden wir sterben …

Aram senkte jetzt ebenfalls seinen Kopf und bot seiner Freundin Vinra sein Horn zum Kreuz an. Diesen letzten Liebesbeweis wollte er ihr noch geben, bevor die Kanonen der Schiffe des Gomp unerbittlich zuschlugen.

Macht sie tot! Schießt endlich. Ich will sie brennen sehen. Rottet sie aus, diese verfluchten Hornviecher!

Die Stimme des mächtigen Kommandanten brannte in den Ohren der Steuerleute; das Führungsschiff schien zu beben. Steuermann Olf 17 aktivierte die Geschütze seinerBAA 17 und lenkte es in eine gute Schussposition. Er konnte beobachten, dass die anderen Steuerleute ebenso verfuhren. Gleich würde Kommandant Groff das Kommando geben und dann würden die beiden Schiffe der Hornviecher Geschichte sein.

Mehr Schiffe hatten sie auf dem Planeten Skramba III nicht. Die kleine Flotte von Skramba, jene lächerlichen 14 Kugelschiffe, war schon im Feuer der Kanonen der Gomp-Schiffe verbrannt. Nun stand das letzte Aufgebot des Planeten auf der Abschussliste des osarischen Gomp: Zwei Schiffchen ohne energetische Schutzschirme. Nur mit einem mechanischen Schutzschild und einem einfachen Raketenwerfer ausgerüstet.

Gestern hatte sich ihnen die kleine Flotte in den Weg gestellt. Olf 17 dachte amüsiert daran, wie sie deren Raketen ausgetanzt hatten. Es waren dumme Raketen gewesen, die fast nur geradeaus fliegen konnten. Ein leichter Schwenker hier, ein kurzes Ausweichmanöver dort, mehr war für die Steuerleute nicht zu tun gewesen. Sie hatten sich sogar den Luxus erlaubt, abzuwarten, bis die Hornviecher keine Raketen mehr hatten. Erst dann hatten sie zugeschlagen. Und der Weltraum hatte gebrannt …

Olf 17 sah zu Kommandant Groff hin. Der hatte seinen rituellen Veitstanz inzwischen beendet und war ruhiger geworden. Außer dem üblichen: Ich krieg Pickel, wenn ich nur an Hornviecher denke war im Steuerraum der BAA nichts mehr zu hören.

Gleich würde er den Befehl erteilen. Alle 24 Steuerleute würden dann die Kanonen ihrer Schiffe abfeuern. Es würde nur wenige Sekunden dauern, bis die Schiffe der Hornviecher verbrannt waren. Olf 17 hatte mit Olf 4 gewettet, dass man nur 7 Sekunden brauchen würde, um aus den beiden Schiffchen Weltraum-Asche zu machen. Weil Olf 11 dagegen gehalten hatte, hatte Kommandant Groff den Schiffsingenieur gebeten, die Hinrichtung der beiden Hornvieh-Schiffe mit einer Hochgeschwindigkeits-Kamera aufzuzeichnen und den genauen Todeszeitpunkt der Besatzung mit dem Mentalspürer festzuhalten.

Jetzt ging Kommandant Groff gemessenen Schrittes auf sein Kommandopult zu. Gleich würden die Lampen über ihren Steuerplätzen von Rot nach Grün wechseln und dann ging es los. Olf 17 hatte seine Krallen schon mal auf die Auslösekontakte gelegt. Er wollte keine Millisekunde vertrödeln. Gebannt hefteten sich seine Augen auf das Leuchtfeld. Noch war Rot. Aber gleich, ja gleich würden sie brennen, die verfluchten Hornviecher …

Ähem …

Wer war das?, schrie der Kommandant und sah sich um. Seine gelben Augen schienen lohfarbene Blitze zu schleudern. Nachdem niemand etwas sagte, gab er den Befehl. Die Steuerleute hackten ihre Krallen in die Kontakte. Auf allen 24 Schiffen leuchteten die Abstrahlmündungen der Feuerkanonen auf …

Das würd' ich lassen …

Kommandant Groff schien zu explodieren. Wer redet hier?, schrie er aufgebracht, ich will Ruhe haben, wenn die Hornviecher endlich brennen! Feuer, Feuer, Feuer …

Dein Wunsch wird erfüllt …

Und der Weltraum brannte! Die entfesselten Gewalten blendeten die Aufnahmeoptiken der BAA, sodass Groff die Vernichtung der Hornvieh-Schiffe nicht mit eigenen Augen verfolgen konnte. Er stimmte ein Wutgeheul an und wollte sich auf den Techniker stürzen, der für die Geräte der Außenbeobachtung verantwortlich war und der somit die Schuld daran trug, dass Groff die Vernichtung der beiden Hornvieh-Schiffe nicht mit eigenen Augen verfolgen konnte. Doch der Techniker deutete nur wortlos auf die Außenluke. Das einzige Bullauge des Gomp-Schiffes, das eine direkte Beobachtung des Weltraums möglich machte, zeigte auch nur einen Glutorkan unbekannten Ausmaßes.

Als sich der Glutorkan gelegt hatte, sah Groff, dass die beiden kleinen Schiffe immer noch da waren. Seine Stimme triefte vor Spott, als er sagte: Daneben geschossen; 24 Mal daneben. Ihr Anfänger!

Ängstlich wichen die Steuerleute in die Ecke der Zentrale zurück. Sie wussten, was gleich passieren würde. Kommandant Groff würde sie sich vornehmen. Einen nach dem Anderen.

Doch die Stimme des Orters verhinderte das zu erwartende Debakel: Kommandant, da ist eine Wand!

Groff's Kopf zuckte herum. Was für eine Wand? Im Weltraum gibt es keine Wände!

D … doch, Kommandant. Schaut selbst, erwiderte der Orter zaghaft.

Und dann sah Kommandant Groff die Wand! Die Sterne vor der BAA waren verschwunden und eine unglaublich tiefe Schwärze erfüllte die Optiken des Gomp-Schiffes. Fassungslos schaute Groff durch das Bullauge. Auch dort war die Wand zu sehen.

Kommandant, … unsere Flotte ist weg!

Waaaas? Was ist weg? Unsere Flotte?

Ja, Kommandant. BAA 1 – 24 melden sich nicht mehr. Das ist so, als wären die Schiffe gar nicht mehr da, sagte Ottraf Plar, der Remote-Spezialist zaghaft. Und d …, d …, die Hochgeschwindigkeits-Kamera zeigt, dass unsere Schiffe mit einem einzigen Feuerschlag vernichtet wurden. Gleichzeitig!, fügte der Schiffsingenieur hinzu.

Unsere Kampfschiffe sind weg? Wie kann das sein? Die können doch nicht von den Hornvieh-Schiffchen zerstört worden sein. Und was ist das für eine verdammte Wand?

Das sind wir und das Andere, das waren wir auch …

Wer ist da im Funk?, schrie der Kommandant.

Na wir.

Wer ist wir?

Dein schlimmster Albtraum. Die Galaktische Rentnerband. Schon mal von uns gehört?

Kommandant Groff hatte unglaublich viele miese und üble Eigenschaften. Aber eines war er nicht: Ein schlechter Raumschiffkommandant. Er spürte die Gefahr instinktiv, die von der tiefschwarzen Wand hinter ihm ausging. Das musste ein Raumschiff sein. Ein ungeheuer großes und wahrscheinlich auch ungeheuer stark bewaffnetes Raumschiff.

Er hieb den Fahrtregler nach vorn, die BAA ruckte an und gewann schnell an Fahrt. Groff hielt auf den Planeten zu und versuchte den Planeten zwischen sich und die Wand zu bringen, um dann hinter dem Planeten in die Transition gehen zu können.

Auf den Optiken für die rückwärtige Beobachtung konnte er feststellen, dass das Riesenschiff ihnen nicht folgte. Andererseits erlaubte die Perspektive es ihm, die wahre Größe des gegnerischen Schiffes auszumachen. Kommandant Groff schüttelte sich. Aus den uralten Erzählungen seines Volkes wusste er, dass es unglaublich große Schiffe gab. Eines war einmal auf Tlotz, der Heimatwelt seines Volkes gelandet. Natürlich hatten die Vorfahren versucht, dieses Schiff zu erobern, aber sie waren erst gar nicht hineingekommen. Nachdem die unbekannten Raumfahrer erkannt hatten, was die Bewohner von Tlotz vorhatten, waren sie kurzerhand wieder gestartet. Einfach so; ohne die auf das Schiff gerichteten Energiegeschütze auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Aber jetzt war alles anders. Jetzt war ihm ein solcher Riesenkahn begegnet …

Mittlerweile war die BAA in die oberen Schichten der Atmosphäre des Hornvieh-Planeten eingetreten und zog einen Feuerschweif hinter sich her.

Groff lächelte und zeigte allen Anwesenden sein gepflegtes Raubtiergebiss. Mit großer Freude dachte er an die hübschen Orkane, die die BAA jetzt auf dem Hornvieh-Planeten auslösen würde. Schade war nur, dass man keine Planetenbrenner an Bord hatte; aber die würde man beim nächsten Mal mitnehmen, da war sich Kommandant Groff ganz sicher.

Nach wenigen Minuten hatte die BAA den Planeten zwischen sich und diesen Monsterraumer gebracht. Groff atmete tief durch, nachdem er festgestellt hatte, dass das Riesenschiff ihnen nicht gefolgt war.

Langsam beschleunigte die BAA weiter, um auf die notwendige Eintauch-Geschwindigkeit für die Transition zu kommen. Der Hornvieh-Planet wurde langsam kleiner. Jetzt war er bereits als Kugel zu erkennen. In Flugrichtung war alles frei. Die notwendige Eintauch-Geschwindigkeit war beinahe erreicht, …

da ging vor ihnen eine Sonne auf!

Kommandant Groff stieß ein Wutgeheul aus, zerrte die BAA mit einem Gewaltmanöver aus ihrer bisherigen Flugbahn und wich dem sich aufblähenden Feuerball aus. Jetzt schien der Weg frei zu sein. Doch kurze Zeit später explodierte ein weiterer Feuerball in seiner Flugbahn.

Gib auf!

Jetzt riss Groff die BAA steil nach oben. Durch dieses Flugmanöver reduzierte sich die Geschwindigkeit seines Schiffes und die BAA war wieder meilenweit von der notwendigen Eintauch-Geschwindigkeit entfernt, beschleunigte aber weiter.

Kommandant, die Größe des feindlichen Schiffes hat unser osarischer Comp mit 10,7 Morg angegeben.

Ottraf Plar wusste selbst, dass eine solche Größe Unsinn war; aber der Comp hatte diese Zahl nun mal ausgespuckt.

Blödsinn. Das größte Schiff, das seinerzeit auf dem Heimatplaneten beobachtet worden war, hatte einen Durchmesser von 2,4 Morg gehabt. Und die AAA, das Führungsschiff des osarischen Gomp hat den größten Durchmesser aller osarischen Großkampfschiffe, nämlich 1,0 Morg. Aber 10,7 Morg, das ist Unsinn! Niemand kann so ein großes Schiff bauen!

D .., d …a, sind n …och welche, Kommandant. N … n …och 19 Schiffe!, schrie Ottraf Plar aufgeregt, und alle sind so furchtbar groß!

Otto Pfahls hatte die Hand auf dem Auslöser für den Traktorstrahl. Er zögerte noch. Mach mir mal 'ne Verbindung zur RAMSES!, rief er seinem Funker zu.

Hans Müller meldete sich sofort: Ja, Otto?

Hör mal Hans, sollen wir den jetzt fliegen lassen oder einfangen? Was meinst du?

Mein Bordcompi hat das Schiff gescannt. Verfügt über einen Transitionsantrieb. Dem können wir leicht folgen. Lassen wir ihn fliegen.

OK, aber ich gebe ihm noch einen mit …

Sekunden später griffen die Traktorstrahlprojektoren der FRIESENGEIST nach dem Schiff des osarischen Gomp. Die Techniker hatten die Wirkung jedoch umgepolt, sodass die Projektoren der FRIESENGEIST dem Schiff des osarischen Gomp einen heftigen Schub versetzen konnten.

Krieg ich jetzt etwas mehr Impulsenergie oder nicht?, rief der Techniker in sein Mikrofonfeld. Kurze Zeit später erhielt der Techniker an den umgepolten Traktorstrahlprojektoren seine Impulsenergie aus den Energiespeichern des Schiffes.

Und jetzt noch ein heftiger Tritt in euren osarischen Hintern …, rief der Techniker in das Mikrofonfeld des Hyperfunks und löste die Stoßenergie aus …

Der deutlichen Spur, die das fremde Schiff im Hyperraum hinterließ, waren 19 Schiffe der Rentnerband gefolgt. Nur die RAMSES blieb und nahm Verbindung zu den beiden kleinen Schiffen auf. Als die Bildübertragung zustande gekommen war, leuchteten die Augen von Hans Müller auf …

Vor etwa 15 Jahren hatte er zusammen mit seinem Enkel Paul einen Film gesehen, der ihnen ganz besonders gut gefallen hatte. Auch die Filmmusik war klasse gewesen; sie trug den gleichen Titel wie der Film: The Last Unicorn, …

Die Holoprojektoren der RAMSES zeigten ein Bild aus der Zentrale des kleinen Schiffes. Dort standen zwei schneeweiße Wesen mit vier Beinen und wunderschönen tiefbraunen Augen. Und einem einzigen, glänzenden, weißen Horn auf der Stirn …

Einhörner!

Kapitel 62
Die Zeitgräben von Osara

Wir danken euch für die Rettung. Hättet Ihr die Schiffe des osarischen Gomp nicht zerstört bzw. vertrieben, wären wir gestorben und kurze Zeit später hätten sich die Schiffe auf unseren Planeten gestürzt. Mein Name ist übrigens Vinra Guud. Der männliche … (nicht übersetzbar) an meiner Seite ist Aram Zirkular.

Nachdem Hans Müller sich selbst vorgestellt hatte, sagte er: Unsere Translatoren können den Namen eures Volkes nicht übersetzen. Dürfen wir euch Unicorns nennen? Unicorns, Ein-Hörner nennt man bei uns die Fabelwesen, die euch so ähnlich sind.

Ja gerne, Hans Müller. Und Ihr nennt euch …, Menschen?

Ja. Wir kommen aus der Milchstraße. Das ist jene Großgalaxis, die über euren Köpfen am Himmel steht.

Vinra Guud sah nach oben. Ihr Gefährte, Aram Zirkular, deutete jedoch auf die Bildschirme und hantierte an der Einstellung. Kurz danach zeigte er seiner Gefährtin etwas. Sie nickte und sagte zu Hans Müller: Ja, ich sehe eure Heimat. Heute ist sie gut zu sehen, aber manchmal verschwimmen die Sterne. Dann ziehen die Wolken der Zeit über unseren Himmel und alles wird grau.

Die Wolken der Zeit?, fragte Hans Müller.

Ja, antwortete Aram Zirkular, immer wenn die Ausläufer der Zeitgräben von Osara unser Sonnensystem erreichen, wird unser Himmel grau und die gewohnten Sternbilder verschwinden. Meist droht uns dann auch Gefahr, weil die kriegerischen Völker von Osara aus den Zeitgräben auftauchen und uns überfallen. Nur so schlimm wie jetzt war es noch nie. Die Schiffe des osarischen Gomp haben unsere kleine Flotte völlig vernichtet. Sie sind verblendet und hassen alles, was Hörner hat. Wir kennen den Grund dafür nicht.

Wollt ihr nicht zu uns überwechseln? Ich lade euch ein, auf mein Schiff zu kommen; dort können wir uns besser unterhalten.

Gerne, Hans Müller. Wir melden uns nur noch bei unserer Bodenstation ab, antwortete Vinra Guud, unser Partnerschiff wird zum Planeten … (nicht übersetzbar) zurückkehren.

Wegen seiner geringen Größe passte das Unicorn-Schiff bequem in einen der Space-Jet-Hangars. Hans Müller erwartete die beiden Unicorns im Hangarbereich. Nachdem sie ihr kleines, kugelförmiges Schiff verlassen hatten und den Steg herunter geschritten waren, blieben sie vor ihm stehen. Die Unicorns hatten etwa die Größe irdischer Ponys, waren jedoch viel schlanker und graziler. Ihr schneeweißes Fell leuchtete im Licht der Hangarbeleuchtung irisierend, während ihre tiefbraunen Augen fast schwarz wirkten. Manch einem der Besatzung entfuhr bei dem Anblick der Unicorns ein Seufzer, so schön waren diese Wesen.

Hans Müller verneigte sich und sagte: Ich grüße euch im Namen der Menschheit und im Namen der Besatzung der RAMSES. Folgt mir bitte in einen der Besprechungsräume. Dort haben wir Zeit und Gelegenheit, uns in Ruhe zu unterhalten.

Als sie den Besprechungsraum erreicht hatten, machten es sich die beiden Unicorns auf dem Teppichboden bequem. Hans Müller murmelte: Entschuldigt bitte, dass wir nicht …

Das ist kein Problem für uns; dies ist unsere Ruheposition, die wir immer einnehmen, wenn wir uns entspannen wollen, sagte Vinra Guud, bevor Hans Müller seinen Satz zu Ende bringen konnte.

Bitte erzählt, sagte Hans Müller, nachdem er sich in einen der Sessel gesetzt hatte und Vinra Guud begann, die Geschichte der Unicorns zu erzählen:

Die Geschichte der Unicorns:

Du musst wissen, dass wir Unicorn sehr, sehr alt werden. Vielleicht sind wir sterblich und vereinigen uns irgendwann wieder mit der Natur unseres Planeten, wenn unsere Zeit gekommen ist, aber niemand weiß das. Solange, wie ich mich erinnern kann, leben die Unicorns im Einklang mit den Kräften der Natur unseres Planeten. Das heißt jedoch nicht, dass wir uns nur auf diese Kräfte verlassen. Nein, im Gegenteil, wir sind sehr neugierig und haben deswegen schon früh angefangen, unseren Planeten zu erkunden. Später sind wir dann zu den Planeten unseres Sonnensystems vorgedrungen und seit etwa 2.200 Planetenumläufen betreiben wir eine bescheidene interstellare Raumfahrt.
Eine unserer Reisen hat uns vor 1.200 Planetenumläufen auch in eure Galaxis geführt. Allerdings waren wir über die dort herrschenden Verhältnisse sehr entsetzt und sind schnell wieder nach Hause zurückgekehrt. Mein Partner, Aram Zirkular, hat an dieser Reise teilgenommen. Es hat über 40 Planetenumläufe gedauert, bis sich sein … (nicht übersetzbar) wieder beruhigt hatte und er wieder ein Raumschiff steuern konnte.
Du musst ebenfalls wissen, Hans Müller, dass wir unsere kleinen Raumschiffe mit der Kraft unserer Gedanken steuern können. Sie sind deswegen so klein, weil wir nur ein eng begrenztes Hyperfeld erzeugen können, dass das Raumschiff umgibt und innerhalb des Hyperraumes vor schädlichen Einflüssen schützt. Das eigentliche Schiff hat nur den Zweck, uns für die Zeit der Reise mit Sauerstoff und Nahrung zu versorgen. Wir fliegen immer zu Zweit, weil dann der Eine ruhen kann, während der Andere das Schiff im Hyperraum stabilisiert und steuert.
Für kurze Flüge innerhalb von Planetensystemen haben wir noch einen kleinen Feldantrieb entwickelt, der jedoch keine großen Geschwindigkeiten zulässt.

Moment mal. Das muss ich erst einmal verdauen, unterbrach Hans Müller die Erzählung Vinra Guuds. RAMSES, wie lange dauert ein Umlauf des Planeten Unicorn IV um seine Sonne?

2 Jahre irdischer Zeit

Wollt Ihr damit sagen, dass Ihr seit 4.400 Jahren Raumfahrt betreibt und Aram Zirkular vor 2.400 Jahren in unserer Milchstraße gewesen ist? Und er hat 80 Jahre gebraucht, um sich davon zu erholen?

Ja, Hans Müller, so ist es. Wie ich schon sagte, steuern wir unsere kleinen Schiffe mit der Kraft unserer Gedanken und unseres … (nicht übersetzbar). Es ist sehr anstrengend, aber weder der Raum, noch die Zeit stellen für uns ein Hindernis dar. Doch lass mich fortfahren:
Vor 78 Planetenumläufen hatte sich der Himmel wieder einmal verdunkelt und die Zeitwolken füllten das Firmament aus. Die Zeitgräben hatten sich wieder geöffnet und es war eine Verbindung zum Normalraum entstanden. Wir bereiteten uns vor, denn wir wussten, dass einige Völker aus den Zeitgräben diese Verbindung nutzten, um über uns herzufallen. Meist drohten sie nur mit ihren fürchterlichen Waffen und landeten, um irgendwelche Rohstoffe zu erbeuten. Wir ließen sie gewähren, denn das, was sie nahmen, konnte unsere Heimat schnell wieder ersetzen. Oft waren es seltene Hölzer oder einheimische Raubtiere, die sie abtransportierten. Uns konnten sie nichts antun, denn jeder Unicorn kann sich mit Hilfe seines … (nicht übersetzbar) in eine Hyperraum-Nische zurückziehen. Auch unsere kleinen Schiffe schützen sich so.
Doch es waren zum ersten Mal die Schiffe des osarischen Gomp, die vor 78 Umläufen über unserem Planeten erschienen. Anders als die anderen Völker aus den Zeitgräben, waren sie an uns interessiert und an der Zerstörung unserer Welt. Sie warnten nicht, sondern feuerten sofort. Mit einem einzigen Feuerschlag zerstörten die Schiffe des Gomp unsere gesamte Erkunder-Flotte, bevor die Besatzungen in den Hyperraum flüchten konnten. Dann landeten sie auf dem Planeten. Aus ihren Schiffen strömten Hunderte von Wesen, die so aussahen wie Scrotts, die schlimmsten Raubtiere unserer Heimat. Sie feuerten auf alle Unicorns, deren sie habhaft werden konnten und viele unserer Gefährten verbrannten im Feuer der schrecklichen Waffen, bevor sie die schützende Hyperraum-Sphäre aufbauen konnten.
Erst nachdem sie über 20.000 Unicorns getötet hatten, zogen sich die Soldaten des Gomp in ihre Schiffe zurück. Beim Abflug ließen sie einige Bomben zurück, deren Sprengkraft ausgereicht hätte, weite Regionen unserer Heimat zu verwüsten. Nur weil einige von uns den Mut aufbrachten, diese Bomben mit in ihre Hyperraum-Nische zu nehmen, blieb uns der Planet erhalten. Jene 12 Unicorns, die damals ihr Leben ließen, werden noch heute als Helden verehrt.

Und warum habt Ihr keine Abwehrwaffen konstruiert?, unterbrach sie Hans Müller.

Wir können es nicht!, sagte Vinra Guud. Gott gab uns ungeheuer viele nützliche Fähigkeiten, aber wir können uns nicht verteidigen. Niemand von uns wäre in der Lage, einem anderen Lebewesen Schaden zuzufügen, noch nicht einmal, wenn die eigene Existenz bedroht ist.

Und Schutzschirme? Die schaden doch niemandem?

Ja. Wir haben versucht Schutzschirme zu konstruieren. Auch unser Schiff, die FERNREISE 9 hat einen solchen Schutzschirm. Aber er würde gegen die Feuerkanonen der Schiffe des Gomp nicht lange standhalten.

Das ist ein Schutzschild aus Metall. Ihr müsst welche aus Energie nehmen.

Energie? Schirme aus Energie, wie sollte so etwas gehen?, fragte Aram Zirkular.

Na ja, wir haben ein paar Baupläne für energetische Schutzschirme an Bord. Vielleicht könnt Ihr damit etwas anfangen und die Schirme einfach nachbauen, murmelte Hanta Sira Gool, die Bordingenieurin leise.

Hans Müller nickte: Das machen wir, aber eine Frage habe ich noch. Woher kamen die Schiffe des Gomp; es sind doch keine Zeitwolken zu sehen?

Die Zeitwolken haben sich zurückgezogen; bis vor kurzem waren sie noch da. Es blieb nicht viel Zeit für die Schiffe des Gomp, in ihre Heimat zurückzukehren, antwortete Aram Zirkular, und wenn Ihr ihnen folgen wollt, dann müsst Ihr euch beeilen. Wir werden uns jetzt zurückziehen, wenn Ihr gestattet.

Nein, so sehr eilt es nicht. Wir haben 19 Schiffe hinterher geschickt. Die schaffen das schon alleine, sagte Hans Müller und ging zu den beiden Einhörnern hinüber. Es interessierte ihn brennend, was es mit dem geheimnisvollen Organ auf sich hatte, das es den Unicorns ermöglichte, direkt und ohne technische Hilfe in den Hyperraum einzudringen.

Gestattet Ihr es mir, dass ich euch begleite? Wir werden noch einige Zeit hier bleiben, um die Konstruktionspläne für leistungsstarke Schutzschirme auf eure physikalischen Einheiten umzurechnen.

Vinra Guud antwortete: Du bist willkommen, Hans Müller. Bitte begleite uns.

Kurze Zeit später verließ das kleine Unicorn-Schiff den Hangar der RAMSES und nahm Kurs auf den Planeten.

Der Spur, die das Schiff des osarischen Gomp im Hyperraum hinterlassen hatte, konnten die Schiffe der galaktischen Rentnerband leicht folgen. Dank ihrer Metagrav-Antriebe waren sie lange vor dem fremden Schiff am errechneten Wiedereintrittspunkt angekommen und sondierten die Lage.

Errechnete Ankunft des Gomp-Schiffes in 17 Minuten, gab der Ortungsoffizier durch.

Otto Pfahls nahm es gelassen zur Kenntnis. Er ließ eine Verbindung zu den anderen Schiffen herstellen und gab durch: Ich schlage vor, wir ziehen uns ein paar Lichttage zurück. Wir wollen diese Schweinebacken ja nicht erschrecken, wenn sie aus dem Hyperraum auftauchen. Schätze, dass deren Orter nicht so leistungsstark sind, dass sie uns anmessen können und schlage vor, dem Schiff zu folgen. Mal sehen, wo der uns hinführt.

Weil die anderen Kommandanten einverstanden waren, zogen sich die 19 Ultraschlachtschiffe zurück, behielten aber genug Restfahrt bei, um notfalls sofort wieder in den Hyperraum eintauchen zu können.

Während die Orter auf das Gomp-Schiff warteten, hatte Otto Pfahls genug Zeit, sich die merkwürdige Umgebung anzusehen, in die sie bei ihrem Rücksturz aus dem Hyperraum geraten waren. Denn der Weltraum schien irgendwie bedeckt zu sein; die fernen Sterne waren leicht verschleiert. Könnt Ihr mir das erklären?, fragte er, doch die Leute an der Ortung schüttelten den Kopf und widmeten sich wieder ihren Geräten.

Mit einem sanften Glockenton reagierten die Ortungsgeräte auf die Ankunft des Gomp-Schiffes. Einer der Orter schimpfte: Irgendwas stimmt da nicht.

Otto Pfahls trat an die Holos der Ortung. Deutlich und scharf war dort das Echo des fremden Schiffes zu erkennen. WAT IS, der Bordcomputer der FRIESENGEIST, meldete sich:

Fremdes Schiff beschleunigt wieder. Bild wird unscharf

Wat is?, fragte Otto Pfahls.

Ja?

Nein. Ich meine: Was ist? Wieso unscharf?, fragte Otto erneut.

Na ja, unscharf eben. So, wie wenn Nebel über das Wattenmeer kriecht.

Was weißt du schon vom Wattenmeer, du blöder Computer? Aber wenn das Schiff unscharf wird, dann hat das was zu bedeuten. Lasst uns mal näher ran gehen.

Die 19 Schiffe erhöhten ihre Geschwindigkeit und leiteten eine kurze Hyperraum-Etappe ein. Als sie am Zielort angekommen waren, sahen sie gerade noch, wie das Gomp-Schiff immer durchsichtiger wurde und langsam verschwand.

Dort ist so was wie ein Tor!, schrie einer der Leute an der Ortung und Otto Pfahls, der immer noch in Verbindung mit den anderen Schiffen stand, sagte laut: Volle Kampfbereitschaft herstellen, dieses verfluchte Tor anfliegen und dann durch …

Man schrieb den 21. Februar 2001, als Hans Müller sich mit seinem Schiff in Verbindung setzte und darum bat, abgeholt zu werden. Er hatte ein paar wunderschöne Tage auf dem Planeten der Unicorns verbracht und dort beeindruckende Wesen kennen gelernt. Während seines Aufenthaltes hatten die automatischen Fabriken der RAMSES alle Schiffe der Unicorns mit Schutzschirmprojektoren ausgestattet; nicht nur die beiden vorhandenen Schiffe, sondern auch die 12 Neubauten, die inzwischen auf dem Planeten fertiggestellt waren.

Was Neues?, fragte Hans Müller, als die Korvette landete, die ihn abholen sollte.

Der Pilot der Korvette schüttelte den Kopf und sagte: Das letzte Signal kam aus einer Entfernung von 800 Lichtjahren. Dort warteten unsere Schiffe auf die Ankunft des Gomp-Schiffes.

800 Lichtjahre? In welcher Richtung?, fragte Vinra Guud, die Hans Müller zum Raumhafen begleitet hatte.

In Richtung auf diesen merkwürdigen Sternennebel, der so aussieht, wie euer Horn, antwortete der Pilot.

Das ist kein Sternennebel, das sind die Zeitgräben von Osara, sagte Vinra Guud leise, ich hoffe, dass deine Freunde nicht so leichtsinnig waren, in die Zeitgräben einzudringen.

Ich fürchte doch; das wäre typisch für sie, sagte Hans Müller.

Dann sind sie für lange Zeit dort gefangen. Die Tore der Zeitgräben öffnen sich nur sehr selten. Meist nur alle 80 Planetenumläufe und das sind ungefähr 160 Eurer Jahre, wie ich inzwischen weiß.

Oh Gott. Wir müssen sofort hinterher; in 160 Jahren leben meine Freunde nicht mehr, sagte Hans Müller erschrocken.

Doch Vinra Guud winkte ab: Das wäre falsch. Auch du wärst diese lange Zeit dort gefangen. Es gibt kein Entrinnen aus diesen Zeitgräben, auch mit euren technischen Möglichkeiten nicht …

Nachdem die RAMSES sich vorsichtig dem Punkt genähert hatte, an dem die anderen 19 Schiffe der galaktischen Rentnerband vermutlich in die Zeitgräben von Osara eingedrungen waren, bestätigte sich ihr Verdacht. Otto Pfahls hatte eine Signalboje ausgesetzt, die sich mit einem heftigen Piepser meldete, als sich die RAMSES näherte und ihre Nachricht abstrahlte:

Haben eine Art Wurmloch entdeckt, in dem sich das Gomp-Schiff verkrochen hat. Wir folgen dem Gomp-Kahn und werden die Gefahr, die den Einhörnern von diesen Verbrechern droht, ein für alle mal ausmerzen.

gez. Otto Pfahls

160 Jahre soll es dauern, bis sich diese Tore wieder öffnen, murmelte Hans Müller, und dann sind meine Freunde längst tot.

Meine Freunde ebenfalls, sagte Tiria Tompec, die Kommandeurin der Korvettenflottille leise. Und auch mein Bruder Hanno, der auf der MATTERHORN eingesetzt ist.

Und was machen wir nun?, fragte Hans Müller in die Runde.

Wieder antwortete die hübsche Frau von Olymp: Ich habe mitgehört, was die Unicorns über ihre Möglichkeiten zur Manipulation von Raum und Zeit gesagt haben. Vielleicht haben wir eine Chance, wenn es uns gelingt, die 19 Schiffe abzufangen, und zwar bevor sie in die Zeitgräben von Osara eindringen.

Eine Zeitreise? Meinst du wirklich, die Unicorns können so etwas?, fragte Hans Müller.

Ja, sie sprachen davon, sagte Tiria Tompec leise.

Hans Müller nickte: Na gut; fliegen wir sofort zurück nach Unicorn IV.

Am Abend des 21. Februar erreichten sie den Heimatplaneten der Unicorns. Hans Müller setzte sich über Funk mit Vinra Guud in Verbindung und erläuterte ihr seinen Plan. Vinra Guud zögerte lange, bis sie sich zu einer Antwort durchrang: Theoretisch ginge es, aber Zeitreisen sind uns verboten, weil die Gefahr, ein Paradoxon zu erzeugen, viel zu groß ist. Aber da Ihr unseren Planeten vor der Vernichtung bewahrt habt, denke ich, dass unsere Regierung bereit ist, eine Ausnahme zu machen. Ich melde mich wieder.

Nach zwei Stunden meldete sich Vinra Guud: Ich habe die Zustimmung der Regierung. Die Risiken einer Zeitreise sind jedoch so groß, dass wir das Experiment nur in großer Entfernung von unserem Planeten wagen dürfen. Außerdem benötigen wir eines Eurer kleinen Schiffe und zwei Freiwillige von Unicorn IV. Die beiden Freiwilligen sind natürlich Aram Zirkular und ich. Wenn Ihr uns bitte abholen lassen würdet …

Hans Müller hatte die PETER PAN über eine kurze Hyperraum-Etappe von 750 Lichtjahren selbst gesteuert und jetzt waren sie in dem Raumsektor angekommen, in dem das Experiment beginnen sollte. Er drehte sich zu den beiden Einhörnern um und nickte: Es kann losgehen.

Vinra Guud senkte ihren Kopf und begann sich zu konzentrieren. Hans Müller wusste, dass die Space-Jet ab jetzt von den beiden Einhörnern gesteuert werden würde. Nach den Erzählungen der Unicorns waren sie in der Lage, mit Hilfe eines im Horn vorhandenen Organs ein kugelförmiges Hyperfeld zu erzeugen und das Schiff darin einzuschließen. Aber jetzt erlebte er es zum ersten Mal und es war beeindruckend.

Zuerst begannen die Hörner der beiden Wesen zu leuchten. Dann dehnte sich dieses Leuchten aus und begann die Zentrale der PETER PAN auszufüllen. Schließlich war dieses Leuchten überall. Hans Müller konnte es sehen und er konnte es spüren.

Er sah zu den Holos der Außenbeobachtung. Sie zeigten nur das graue Wallen des Hyperraumes. Vinra Guud löste sich aus ihrer Konzentration und sagte: Aram Zirkular lenkt dieses Schiff jetzt. Wir sind bereits im Anflug auf den Rand der Zeitgräben von Osara. Gleich werden wir uns in den Zeitstrom einfädeln und ein kurzes Stück zurückgehen. Bis gleich; ich muss mich nun ebenfalls konzentrieren …

Hans Müller saß im Sessel des Piloten und beobachtete, was während der Reise in die Vergangenheit vorging. Er spürte, dass sich das Hyperfeld zu verändern begann, aber die Außenbeobachtung zeigte weiterhin das graue Wallen des Hyperraums. Erst als vielleicht 5 Minuten vergangen waren, konnte Hans Müller eine deutliche Veränderung der Umgebung feststellen. Er hatte das Gefühl, dass das Hyperfeld, das die beiden Unicorns erzeugten, schwächer geworden war. Auch die Außenbildschirme zeigten ein verändertes Bild. Langsam machte das graue Wallen des Hyperraums Platz für die Schwärze des Weltraums und die ersten Sterne begannen die amorphe graue Welt da draußen zu durchdringen. Eine Minute später waren sie wieder im Weltraum …

Doch das Unheil ließ ihnen keine Chance!

Es begann damit, dass die Sirenen des Schiffsalarms losheulten. Ein schneller Blick auf die Ortung bestätigte den Verdacht; sie waren mitten in einem Hypersturm herausgekommen! Hans Müller handelte: Er hieb auf den Notschalter für den Paratronschirm, um die Space-Jet zu schützen, doch die beiden Unicorns handelten ebenfalls: Sie setzten ihre Fähigkeiten ein, um das Schiff zu retten und versuchten einen Zeitsprung …

Jetzt hatte sie das Unheil in seinen Klauen!

Der Versuch einer Zeitreise bei aktiviertem Paratronschirm löste einen Effekt aus, der die kleine Space-Jet ergriff und ungeheuer beschleunigte. Hans Müller musste tatenlos mit ansehen, wie die Space-Jet immer schneller wurde und scheinbar die Lichtgeschwindigkeit überschritt, ohne in den Hyperraum zu wechseln. Die Sterne rasten an der kleinen Space-Jet vorbei und wurden zu langgezogenen Lichtbahnen. Mühsam drehte Hans Müller den Kopf und sah die beiden Unicorns auf dem Boden liegen. Sie waren bewusstlos und auch nicht in der Lage, zu helfen. Jetzt raste die Space-Jet mit ungeheurer Geschwindigkeit durch das Weltall; eine Spiralgalaxie schien auf sie zu zu springen. Die Milchstraße, sagte er leise zu sich, und das ist der Orion-Arm. Dort liegt unsere Heimat, die Erde.

Langsam nahm die Geschwindigkeit ab und Hans Müller konnte seinen Kopf bewegen. Vor ihnen lag die Schwärze des Weltraums. Mit immer noch enormer Geschwindigkeit raste die kleine Space-Jet auf diese Schwärze zu. Immer noch Überlicht, murmelte er, doch dann wurde es dunkel um Hans Müller …

Ultratron-Station Pluto an Luna: Notschaltung aktiviert. Space-Jet der Heimatflotte identifiziert. Ferntaster bestätigen die Anwesenheit eines Terraners an Bord; zudem zwei Wesen unbekannter Rasse.

Nebenzentrale Mars-Port an Luna: Überprüfung hat ergeben, dass eingeflogene Space-Jet identisch ist mit Beiboot 99.982-A-05. Ultraschlachtschiff 99.982 mit allen Beibooten befindet sich allerdings nach wie vor im Tiefhangar MP 784. Ich wiederhole: Space-Jet 99.982-A-05 befindet sich zweimal im Sonnensystem.

NATHAN an Alle: Space-Jet unbehelligt lassen; möglicherweise Zeitreise. Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei 99, 2 %.

Oh Mann, was war das bloß?, Hans Müller blickte sich in der kleinen Zentrale der PETER PAN um. Das Schiff war zur Ruhe gekommen und schwebte ohne Fahrt im Weltraum; die beiden Einhörner lagen immer noch bewusstlos am Boden. Irgendwas war gewaltig schief gelaufen. Er konnte sich schwach erinnern, dass sie auf die heimatliche Milchstraße zugestürzt waren und er den Orion-Arm erkannt hatte. Mehr wusste er allerdings nicht mehr. Wo sind wir hier?, murmelte er.

Wir sind im SOL-System.

Wir sind wo? Erschrocken drehte sich Hans Müller um. Der kleine Bordroboter, der ansonsten immer nur stumm in der Wartungsnische der Zentrale gestanden hatte, hatte seine Frage beantwortet. Hey, du kannst ja reden. Ich dachte, du wärst nur ein Reinigungsrobot.

Meine Aufgaben sind vielfältig. Außerdem stehe ich jetzt in Verbindung mit NATHAN.

Was? Wenn wir wirklich im SOL-System sind, dann ist NATHAN nicht hier. NATHAN regiert die Galaxis von der ehemaligen kaiserlichen Residenz aus, antwortete Hans Müller.

NATHAN spricht. Sie haben ein sehr merkwürdiges Wissen. Identifizieren Sie sich bitte.

Gut. Ich heiße Hans Müller, bin am 04.12.1936 in Duisburg geboren, mithin 64 Jahre alt. Ich bin der Kommandeur des Ultraschlachtschiffes RAMSES, das gegenwärtig im Sonnensystem des Planeten Unicorn IV auf mich wartet. Die beiden Unicorns und ich haben mit der Space-Jet PETER PAN versucht, eine kurze Zeitreise in die Vergangenheit durchzuführen, um meine Freunde der galaktischen Rentnerband an einem Einflug in die Zeitgräben von Osara zu hindern. Leider haben wir die 19 anderen Ultraschlachtschiffe in der Vergangenheit nicht angetroffen. Stattdessen sind wir in einen Hypersturm geraten und führten ein Notmanöver aus.

Oh, oh.

Mehr hast du nicht zu sagen? Wieso bist du eigentlich im Sol-System?

Tja, Hans Müller, ich war nie fort. Welches Datum ist jetzt?

Das ist eine ziemlich dumme Frage für eine Hochleistungsbionik! Heute haben wir den 22. Februar 2001.

Oh oh, aber ich glaube, ich verstehe. Leider wirst du dich an dieses Gespräch nicht mehr erinnern, denn ich darf nicht in die Entwicklung eingreifen. Aber wenn die Zeit reif ist, werde ich mich an dich und deine Freunde erinnern …

Hans Müller rätselte noch über die Worte NATHANS, als der kleine Roboter ein stabförmiges Gerät an seinem linken Aktionsarm aktivierte und auf ihn richtete. Und dann wurde es schon wieder dunkel um Hans Müller …

Wo sind wir hier?, murmelte Hans Müller.

Wir sind im SOL-System.

Wir sind wo? Erschrocken drehte sich Hans Müller um. Der kleine Bordroboter, der ansonsten immer nur stumm in der Wartungsnische der Zentrale gestanden hatte, hatte seine Frage beantwortet. Hey, du kannst ja reden. Ich dachte, du wärst nur ein Reinigungsrobot.

Meine Aufgaben sind vielfältig.

Wo sind wir genau?

In einer weiten Umlaufbahn um die Erde.

Wir sind Zuhause? Wie sind wir denn durch den Ultratron-Schirm gekommen?

Wir wurden durchgelassen.

Eigentlich wollte Hans den Roboter weiter ausfragen, doch die beiden Unicorns waren gerade wach geworden. Vinra Guud und Aram Zirkular sahen zu ihm auf.

Was ist geschehen?, fragte Vinra Guud. Hans Müller erklärte es ihnen.

Ich glaube, ich verstehe, sagte Aram Zirkular. Als der Hypersturm uns traf, hast du diesen fünfdimensionalen Schutzschirm aktiviert und wir haben gleichzeitig versucht, durch einen Zeitsprung zu entkommen. Beides zusammen hat diesen Effekt ausgelöst. Unwillkürlich haben wir uns wohl in die massivste Zeitlinie eingeklinkt, die wir finden konnten. Das war wohl deine Zeitlinie, Hans Müller. Wir sind an ihr zurück geglitten.

Ja. Dies ist mein Heimatplanet, die Erde, sagte Hans Müller und deutete auf den blau-weißen Ball, der durch das Beobachtungsfenster sichtbar war.

Eine schöne Heimat hast du, sagte Vinra Guud, können wir landen?

Oh nein. Auf der Erde weiß man noch nichts von interstellarer Raumfahrt. Dieses Sonnensystem ist durch einen undurchdringlichen Schirm geschützt und die Bewohner der Erde haben keinen Kontakt zu anderen Völkern. Das soll vorerst auch so bleiben. Ich werde mal den Tarnschirm aktivieren, damit man uns nicht bemerkt. Hans Müller setzte sich an die Steuerkonsole der Space-Jet und rief sich ins Gedächtnis, was er in der Hypnoschulung erfahren hatte. Dann aktivierte er den kombinierten optischen und energetischen Schutzschirm des kleinen Raumschiffes.

Ich höre mich mal eben um, was es Neues auf der Erde gibt. Dann sollten wir überlegen, wie wir wieder zurück kommen.

Er aktivierte den Funkempfänger der PETER PAN und versuchte, auf dem VHF- und dem UHF-Band einige Fernsehsender herein zu bekommen, doch es gab keine Sendungen, die er hätte empfangen können. Nur auf den unteren Frequenzen, im Bereich der Langwelle, da tat sich etwas. Er drehte die Lautstärke hoch:

… an U 27 und U 35: Auslaufen … Treffen mit U 88 am 18.11.42, 8:00 Uhr …

Die Störgeräusche waren wieder stärker geworden, sodass Hans Müller diesen Funkspruch nicht mehr weiter verfolgen konnte. Doch auch andere Funksprüche waren zu empfangen. Und alle hatten eins gemeinsam: Das Datum! Sie waren im Jahre 1942 angekommen …

Kapitel 63
Stalingrad

Die beiden Unicorns konnten Hans Müller nicht erklären, wieso der Flug durch Raum und Zeit sie in seine eigene Vergangenheit geführt hatte, aber sie waren sicher, dass sie den Weg in die Gegenwart wieder finden würden. Sie trafen ihre Vorbereitungen für einen Rücksprung, doch Hans Müller winkte ab: Wartet noch.

Wortlos lenkte er die Space-Jet in eine tiefere Umlaufbahn und ließ sich vom Bordcomputer eine Karte der Erde einspielen. Er brauchte lange, um den Ort zu finden, den er suchte, denn der Ort hieß heute anders. Als er den Ort auf der Karte gefunden hatte, schaute er aus dem Bullauge und suchte nach geländetypischen Merkmalen. Er fand den Fluss, der damals eine so wichtige Rolle gespielt hatte und dann fand er die Stadt.

Die beiden Unicorns sahen zu, wie Hans Müller die Zentrale verließ und erst nach einigen Minuten wieder kam. Er hatte sich verändert. Der SERUN hüllte ihn völlig ein, nur der Falthelm lag noch in seinem Nacken. Die beiden schweren Strahlenwaffen und die anderen technischen Geräte hingen schwer an seinem Gürtel.

Leise sagte er: Ich habe etwas sehr Wichtiges zu erledigen. Die Space-Jet wird jetzt tiefer gehen und mich absetzen. Danach wird sie wieder auf eine Höhe von 20 Kilometern steigen. Wenn ich mich in einer Woche, das ist eine halbe Umlaufwoche Eurer Zeit, noch nicht gemeldet habe, dann fliegt ohne mich nach Hause, wenn Ihr könnt. Sollte euch der Ultratron-Schirm daran hindern, dann setzt euch auf dem Mond der Erde mit NATHAN in Verbindung. Ich weiß, dass NATHAN zu dieser Zeit noch auf dem Mond weilt und euch helfen wird. Macht's gut.

Nachdem die Space-Jet auf eine Höhe von 1.000 Metern abgesunken war, verließ Hans Müller die PETER PAN. Er aktivierte den Schutzschirm seines SERUNS und ließ sich langsam zu Boden gleiten. In einer Entfernung von wenigen Kilometern sah er den Fluss. Der Antigrav seines SERUNS hielt ihn in wenigen Metern Höhe. Er schwebte in Richtung auf das Flussufer zu. Dort setze er vorsichtig auf und beobachtete. Auf der anderen Seite sah er die Ansammlung der Panzer und Geschütze.

Da wusste Hans Müller, dass er am richtigen Ort war. Und er war zum richtigen Zeitpunkt gekommen, um ihn noch einmal zu sehen. Denn man schrieb das Jahr 1942. In diesem Jahr hatte Hans Müller seinen Vater verloren, den er zuletzt gesehen hatte, als er 4 Jahre alt gewesen war und der im Krieg gefallen war, damals, am 25. November 1942 vor Stalingrad …

Die deutschen Divisionen in Stalingrad waren vollkommen geschwächt und litten unter enormen Nachschub-Schwierigkeiten. Das Fliegerkorps der Luftwaffe war mit seinen 370 Flugzeugen den beiden ihm gegenüberstehenden sowjetischen Luftflotten hoffnungslos unterlegen und konnte den versprochenen Nachschub nicht liefern.

Am 19. November begann der Gegenangriff der sowjetischen Truppen. Aus über 6.000 Geschützen schlug den deutschen Truppen das gegnerische Feuer entgegen.

Nordwestlich und südlich von Stalingrad überrollten die sowjetischen Armeen die Stellungen der auf deutscher Seite kämpfenden rumänischen Divisionen und schlossen den Ring um Stalingrad. Zwanzig deutsche und zwei rumänische Divisionen mit insgesamt 250.000 Mann waren eingeschlossen.

Hitler befahl die Einigelung der 6. Armee, obwohl Generalfeldmarschall Paulus ihn um Handlungsfreiheit gebeten hatte. Paulus hatte jetzt noch über 100 Panzer, fast 2.000 Geschütze und rund 10.000 Fahrzeuge zur Verfügung. Hitler befahl jedoch, Stalingrad zu halten und sagte Hilfe von außen zu. Göring versprach, die eingeschlossene Armee täglich mit 300t Nachschub zu versorgen. Doch von den versprochenen 300t ließ sich nur ein Tagesdurchschnitt von 100t verwirklichen.

Major Wilhelm Müller tobte. Der versprochene Nachschub war wieder einmal nicht angekommen. Seine Leute hatten nicht genug zu essen, keine warme Kleidung und nicht genug Munition, um den Gegenangriff der Sowjets zu stoppen.

Was nützen uns die hochmodernen Geschütze, wenn der Hermann keine Munition einfliegen kann und der GRÖFAZ uns aber befiehlt, diese Stadt zu halten?

Mensch Wilhelm, sei vorsichtig, wenn dich einer von den Schwarzjacken hört, sagte Rudi Schmidt, der dem Major als Adjutant zur Seite stand.

Die sollen ruhig kommen, die schick ich mit vorgehaltener 08 eigenhändig nach Vorne. Und wenn die Sowjets anfangen zu ballern, dann wirst du sehen, wie die sich in den Dreck schmeißen, trotz ihrer schwarzen Uniformen und des ganzen Lamettas. Boah, ich kann das ganze SS-Gesocks nicht ab.

Keiner kann die ab, Wilhelm. Aber schon die Bezeichnung GRÖFAZ für den größten Führer aller Zeiten, Adolf Hitler kann dich vor ein Erschießungskommando führen.

Ja, Rudi, haste ja Recht, aber meinst du wirklich, wir kämen hier noch lebend raus? Ich habe Paulus erlebt, als er den Führerbefehl gekriegt hat. Der war kurz davor, auf eigene Faust los zu schlagen und die schwachen sowjetischen Kräfte am Stadtrand zu überrennen. Doch der Befehl Hitlers, diese schei … Stadt um jeden Preis zu verteidigen, ist für ihn bindend. Paulus ist loyal, auch wenn er ahnt, dass es das Ende unserer 6. Armee sein wird.

Hans Müller überlegte lange, wie er seinen Vater ausfindig machen sollte. Immerhin waren Dutzende deutsche Divisionen in und um Stalingrad stationiert. Er aktivierte sein Gravopack und schwebte in einer Höhe von zwei Metern über die Wasseroberfläche der Wolga, die jetzt im Spätherbst nur wenig Wasser führte.

Natürlich war er durch seinen SERUN gegen alle Arten von Entdeckung geschützt, aber wenn er seinen Vater ausfindig machen wollte, musste er sich zeigen, Irgendwen fragen oder an die Personallisten heran kommen.

Er entschloss sich zu warten, bis es Nacht wurde. Dann schlich er sich, immer noch unsichtbar und durch einen Prallschirm geschützt, in das Lager der deutschen Truppen. Die Soldaten hatten sich in einem kleinen Dorf einquartiert, das sich an dem Ufer der Wolga lang zog. Das Haus des kommandieren Offiziers war gut zu erkennen, denn es war hell beleuchtet und es standen vier Wachtposten vor der Türe.

Hans Müller wartete ab, bis das Licht in dem kleinen Haus ausging. Dann beobachtete er das Verhalten der Wachtposten.

Es war genau 23:00 Uhr, als sich die Soldaten nach ihrer Ablösung umsahen. Um 23:05 Uhr war von der Ablösung immer noch nichts zu sehen. Einer der Soldaten sagte laut: Kurt und ich, wir schauen mal, wo die Ablösung bleibt. Bewacht Ihr den Alten solange alleine. Der schläft sowieso schon.

Um 23:09 Uhr wurden auch die beiden verbliebenen Posten unruhig. Mensch, hoffentlich kommen die bald, ich muss dringend pinkeln.

Und mir fällt der Magen bald raus, so einen Kohldampf habe ich.

Hans Müller überlegte, ob er sich an den beiden Posten vorbei schleichen sollte. Aber eine unbedachte Bewegung, eine leichte Berührung oder das Knarren der Türe hätten seinen Plan zunichte gemacht. Ob er dann noch an den Kommandeur dieses Truppenteils heran gekommen wäre, war fraglich. Zum Glück hatten die beiden Posten keine Geduld. Als sie die Ablösung am Ende der Straße erkennen konnten, rief der Eine leise: He Klaus, schön, dass Ihr kommt, wir ziehen ab.

Vorsichtig schwebte Hans Müller auf die Türe des Hauses zu. Da sie von den anrückenden Posten nicht einsehbar war, konnte er sie vorsichtig öffnen. Zum Glück knarrte sie nicht. Schnell schloss er die Türe wieder und sah sich um. Mit Hilfe seines Infrarot-Gerätes konnte er auf einem Tisch umfangreiche Unterlagen entdecken.

Vorsichtig untersuchte er die Papiere. Es handelte sich um Lagekarten und Einsatzpläne der 6. Armee! Hans wusste nicht, zu welcher Einheit sein Vater damals gehört hatte. Aber die Standorte der Bataillone waren mit den Namen ihrer Kommandeure gekennzeichnet. Und Hauptmann Wilhelm Müller musste ein Bataillon kommandiert haben, das wusste er von seiner Mutter. Im schwachen Licht seines Infrarot-Gerätes suchte er die Lagekarten ab. Dies hier war der Kommandostand eines Oberstleutnants Alexander von Schmitt.

Ein Geräusch ließ ihn von den Plänen aufschrecken. Jemand kam die Treppe herunter. Hastig wich Hans Müller in die Ecke des Zimmers zurück und deaktivierte das Infrarot-Gerät. Er erkannte eine dickliche Person in Unterhemd und Hose, die zielgerichtet auf einen Schrank zusteuerte, der im schwachen Licht der Außenbeleuchtung gerade noch zu erkennen war.

Bevor die Person sich näher mit dem Schrank beschäftigte, schob sie die Gardine zur Seite und sah nach draußen.

Offensichtlich war Oberstleutnant von Schmitt aufgewacht und wollte die Aufmerksamkeit der Wachtposten kontrollieren. Wie richtig er mit seiner Vermutung lag, konnte er feststellen, als einer der Posten auf die leichte Bewegung der Gardine reagierte und rief: Alles ruhig, Oberstleutnant von Schmitt!

Weitermachen! Danke.

Oberstleutnant von Schmitt war aber auch aus einem anderen Grund herunter gekommen. Offensichtlich hatte der Offizier auch Durst gehabt, denn er öffnete den Schrank, nahm eine Flasche heraus und nahm sie mit.

Vorsichtig folgte ihm Hans Müller nach oben. Ohne Licht zu machen öffnete von Schmitt die Flasche und nahm ein tiefen Zug.

Ich hätte auch gerne einen Wodka, von Schmitt!

Diese leise Bitte versetzte Oberstleutnant von Schmitt einen gehörigen Schock. Mühsam tastete er nach dem Lichtschalter. Als die funzelige Birne endlich brannte, schaute von Schmitt in die aktivierte Abstrahlöffnung eines terranischen Paraschockers.

Das Problem war nur, Oberstleutnant von Schmitt hatte noch nie einen terranischen Paraschocker gesehen, kannte dessen Wirkung nicht und griff sofort nach seiner Dienstwaffe. Hans Müller löste den Schocker aus, den er auf die geringste Stärke eingestellt hatte. Der Oberstleutnant kippte nach hinten und war unfähig, sich zu bewegen. Mühsam versuchte er zu sprechen: Wer oder was sind Sie, zum Teufel!

Zum Teufel werden Sie hier bald alle gehen; oder nach Sibirien, je nachdem. Ich weiß nicht, was schlimmer wäre. Wichtig für Sie ist jedoch nur: Ich bin in geheimer Mission des Führerhauptquartiers hier. Niemand darf davon wissen. Und wenn Sie nach den Wachen rufen, werde ich Sie erschießen müssen, von Schmitt.
Mein Auftrag lautet: Hauptmann Wilhelm Müller abzuholen und ihn auf dem schnellsten Weg nach Berlin zu bringen. Über das Warum und über die technischen Möglichkeiten meiner neuen Geheimwaffen werde ich Sie nicht unterrichten. Sie sind jedoch befugt, Generalfeldmarschall Paulus nach dem 25. November von meinem Auftrag in Kenntnis zu setzen. Haben Sie verstanden?

Jawohl. Welchen Rang bekleiden Sie?

Warum wollen Sie das wissen? In dieser Mission habe ich keinen Rang. Üblicherweise befehlige ich ein Schlachtschiff.

Die Marine, ah ja. Man hört so einiges über neue Geheimwaffen; soll sich alles an der Ostsee abspielen, hab ich gehört. Hoffentlich kriegen wir die bald. Wir können uns hier nicht mehr lange halten.

Hans Müller begann unruhig zu werden. Irgendwie dauerte das hier alles zu lange: Den Standort des Bataillons von Wilhelm Müller, bitte!

Etwa 10 Kilometer die Wolga herauf, auf dieser Seite. Das 378. ist dort in einer ehemaligen Fabrik untergebracht. Ich kenne den Wilhelm Müller. Vorige Woche war wieder Lametta- Schmeißen, also Beförderung der Helden und so. Ich wurde Oberstleutnant und Wilhelm ist jetzt Major. Aber was ist an dem Wilhelm so besonderes, dass Berlin ihn haben will?

Keine weiteren Auskünfte, Herr Oberstleutnant. Und schlafen Sie gut.

Das leise Sirren des Paraschockers hörte der frisch gebackene Oberstleutnant schon nicht mehr. Hans Müller aktivierte den Deflektorschirm, öffnete vorsichtig das Fenster im Obergeschoss und lauschte.

Ah, jetzt geht der Alte endlich schlafen. Hat gerade sein Fenster aufgemacht, sagte einer der Wachtposten, so, dann mach ich mal meine Runde ums Haus.

Das war das Zeichen für Hans Müller. Er stieg auf das Fensterbrett, regelte den Antigrav ein und schwebte hinaus.

Der Verlauf des Flusses war im Mondlicht gut zu erkennen. In etwa 10 Metern Höhe trugen der Antigrav und das kleine Gravojet-Triebwerk Hans Müller sicher nach Süden.

Während des kurzen Fluges überlegte er, wie er sich verhalten sollte. Die beiden Unicorns hatten ihm eingeschärft, kein Zeitparadoxon zu erzeugen. Er durfte seinen Vater auf gar keinen Fall darüber informieren, dass er nur noch wenige Tage zu leben hatte. Noch viel weniger durfte Hans Müller in die Geschehnisse um Stalingrad eingreifen. Dadurch würde sich der Lauf der Geschichte ändern; die Folgen wären, vorsichtig ausgedrückt, haarsträubend gewesen. Denn was wäre passiert, wenn die Schlacht um Stalingrad anders ausgegangen wäre?

Die deutschen Truppen wären weiter in Richtung auf die wichtigen Ölförderstätten im Süden vorgedrungen und hätten Stalins Armeen vom Nachschub aus dem Kaukasus abgeschnitten. Damit wäre die Niederlage der Sowjetunion letztendlich besiegelt gewesen; Stalin hätte wahrscheinlich im Frühjahr des Jahres 1943 kapitulieren müssen.

Dutzende von deutschen Armeen, mit über 6 Millionen Soldaten, wären dann frei geworden und hätten sich gegen England gewendet. Trotz der Unterstützung durch die USA hätte der letzte verbliebene Gegner in Europa binnen weniger Tage oder Wochen kapitulieren müssen.

Wahrscheinlich hätten sich dann die USA zurückgehalten, um sich auf den Krieg mit Japan konzentrieren zu können. In Europa aber hätte Adolf Hitler geherrscht.

Hans Müller schauderte bei dem Gedanken an ein von den Nazis beherrschtes Europa und schüttelte den Kopf.

Nein! Dieser Preis wäre viel zu hoch!

Der frisch ernannte Major Wilhelm Müller schaute mit melancholischen Blicken auf das Bild seiner Frau und seines kleinen Sohnes, das er immer bei sich trug. Es war bald Mitternacht und Zeit, seine Runde zu machen. Mit einem leichten Gefühl des Unbehagens hörte er das ferne Geschützdonnern, das langsam aber sicher näher kam. Er rief nach den beiden Wachtposten, die ihn auf seinem Kontrollgang begleiten sollten und zog seine Uniformjacke an.

Der Unteroffizier salutierte und sagte in seinem breiten böhmischen Slang: Unteroffizier Mosch und Soldat Schwejk zur Stelle, Herr Major.

Was, der arme Soldat Schwejk schiebt schon wieder Dienst? Aber der ist doch verwundet, sagte Wilhelm Müller.

Gestatten, Herr Major. Soldat Schwejk wieder einsatzbereit. War nur Streifschuss jewesen.

Na Mosch, da hast du ja deine Egerländer bald wieder alle zusammen.

Danke, Herr Major. Nach dem Krieg werden wir wieder zusammen Musik machen.

Unteroffizier Ernst Mosch steuerte den Kübelwagen. Der Soldat Schwejk setzte sich auf den Beifahrersitz und Major Wilhelm Müller nahm hinten Platz. Auf ihrer Kontrollfahrt inspizierten sie zuerst die Außenposten am Stadtrand von Stalingrad und wendeten sich dann dem Wolga-Ufer zu. Mit dem üblichen Parole? wurden sie von der Flak-Batterie am Wolga-Ufer empfangen.

33 1/3 antwortete der Major. Die Geschützmannschaft lachte; 33 1/3 bezog sich auf die Machtergreifung Hitlers 1933 und den Stimmenanteil, den die NSDAP bei den letzten freien Reichstagswahlen maximal erreicht hatte (nur 1/3 der damals abgegebenen Stimmen).

Der Kommandeur der Flak-Batterie salutierte und rief: Herr Major, keine besonderen Vorkommnisse! Etwas leiser fügte er dann hinzu: Es wäre nur schön, wenn wir mal wieder Munition bekämen.

Ich kümmere mich darum, sagte Wilhelm Müller, obwohl er wusste, dass Geschosse des Kalibers 8.8 im Moment nicht zu bekommen waren. Aber sollte er seine Leute völlig entmutigen? Geräusche näherten sich …

Einer der Männer rief: Flugzeuge! Hoffentlich unsere …

Vorsichtshalber stieg Wilhelm Müller mit seinen Leuten aus dem Kübelwagen aus.

Die Geräusche kamen näher. Scheiß Tiefflieger. Das sind keine von uns, murmelte der Kommandeur der Flak-Stellung.

Wie viel Schuss haben wir noch?, fragte der Major.

Die Antwort war ernüchternd: Ungefähr noch 20 Schuss, Herr Major!

Wilhelm Müller tat das einzig Richtige: Volle Deckung! Das Feuer nicht eröffnen. Wir spielen toter Mann.

Es waren 5 sowjetische Flugzeuge. Und sie kamen von der gegenüberliegenden Seite der Wolga. Ihre Bord-MGs knatterten los, als sie die Wolga überflogen. Wilhelm Müller duckte sich hinter die Sandsäcke und nahm das Scherenfernrohr, das ihm die Beobachtung der gegnerischen Aktion gestattete, ohne die eigene Deckung zu verlassen.

Deshalb bekam auch nur er das unglaubliche Schauspiel mit, das sich mitten auf dem Fluss abspielte …

Die Kugeln aus den Bord-MGs der Sowjets schlugen überall ein; in die Sandsäcke der deutschen Flak-Stellung, in das Wasser des Flusses und in ein merkwürdiges Leuchten mitten über der Wolga. Wilhelm Müller reinigte die Okulare des Fernrohrs, während die sowjetischen Flugzeuge über sie hinweg flogen und Bomben abwarfen. Doch die Bomben lagen viel zu weit hinten und bedeuteten keine Gefahr für die deutsche Stellung. Die Flugzeuge wendeten und begannen kurze Zeit später mit einem erneuten Angriff. Diesmal kamen sie tiefer herein.

Zwillingsgeschütz klar?, fragte er. Der Kommandeur nickte. Feuer nur auf meinen Befehl, sagte er und widmete sich wieder seinem Fernrohr.

Wieder schossen die Sowjets zu früh. Die Geschossgarben peitschten das Wasser der Wolga. Aber gleichzeitig erschien wieder dieses seltsame Leuchten über dem Fluss. Wilhelm Müller vermutete, dass dieses Leuchten auch den Sowjets aufgefallen war, weil drei der Maschinen wendeten und ihr Feuer auf dieses merkwürdige Leuchten konzentrierten. Je mehr Kugeln in dieses Leuchten eindrangen, um so heller wurde es.

Was mag das sein?, sagte er leise und stieß den Kommandeur der Flak-Stellung an: Kein Feuerbefehl. Ich wiederhole nicht feuern!

Dann ging alles sehr schnell. Aus dem hellen Leuchten über der Wolga löste sich eine Art Blitz und griff nach einem der Tiefflieger. Mit einem lauten Kreischen schmierte die Maschine ab, weil ihr plötzlich ein Flügel fehlte. Kurze Zeit später zerschellte das sowjetische Flugzeug am diesseitigen Ufer der Wolga. Wieder schlugen Blitze aus dem Leuchten über der Flussmitte und trafen zwei der Angreifer, die sofort explodierten. Die restlichen beiden Flugzeuge versuchten zu entkommen, aber die Lichtbahnen holten sie ein. Beide Maschinen explodierten noch in der Luft. Dann war Ruhe.

Die feindlichen Maschinen sind in der Luft explodiert, murmelte Wilhelm Müller, der nicht fassen konnte, was er da gesehen hatte.

Ernst Mosch ergänzte: Diese Sowjettechnik taugt wohl nicht viel, wenn die schon explodieren, bevor wir einen Schuss abgegeben haben.

Wilhelm Müller dachte darüber etwas anders. Aber es gab sonst niemanden, der die merkwürdige Aktion mitverfolgt hatte. Wortlos winkte er seinen beiden Begleitern und stieg wieder in den Kübelwagen. Diesmal fuhr er selbst.

Nach wenigen Minuten erreichte er die Absturzstelle. Er befahl seinen Begleitern, im Wagen zu bleiben, entsicherte seine P 08 und ging vorsichtig auf das Flussufer zu, wo das Wrack des sowjetischen Flugzeuges lag. Nach einem kurzen Blick in die zerstörte Flugzeugkanzel war er sicher, dass der Pilot tot war. Er umrundete das Wrack und betrachte die Stellen, wo die Flügel angebracht waren. Links war der Flügel beim Absturz regelrecht zerfetzt worden, aber auf der rechten Seite fehlte der Flügel völlig. Die Schnittkante war sauber und gerade. Welche Waffe konnte einen kompletten Flügel zum Verschwinden bringen?

Dann sah er die Gestalt, die lässig an einem Baum lehnte. Sofort riss er die Pistole hoch und fragte: Halt, wer da?

Nachdem Hans Müller festgestellt hatte, dass die Einschläge der sowjetischen Flugzeugwaffen seinen Schutzschirm zum Leuchten brachten, blieb ihm keine Wahl. Eine leuchtende Erscheinung mitten über der Wolga durfte weder auf deutscher noch auf sowjetischer Seite bekannt werden. Außerdem wusste er nicht, ob der einfache Prallschirm dem Beschuss noch lange standhalten würde; die Belastungsanzeige war mittlerweile im roten Bereich angekommen.

Hans Müller zog seinen schweren Strahler und zielte. Röhrend verließ der erste Schuss den Projektionslauf und trennte einem der angreifenden Flugzeuge einen Flügel ab. Dann saßen seine Treffer besser. Ein Flugzeug nach dem anderen explodierte. Dann schwebte er zu der Absturzstelle der ersten Maschine hin. Da der Pilot tot war, wollte er die Maschine mit einem weiteren Schuss aus seiner Thermowaffe zur Explosion bringen, um die verräterischen Spuren zu beseitigen, doch dann hörte er einen Wagen kommen. Sofort aktivierte er seinen Deflektorschirm wieder und beobachtete.

Er sah einen deutschen Soldaten aussteigen und das Flugzeug mit gezogener Waffe inspizieren. Hans Müller sah mit Entsetzen, wie der Deutsche die Schnittkante genauer untersuchte, an der die Thermowaffe den Flügel abgetrennt hatte.

Das Geheimnis musste unbedingt gewahrt werden. Deswegen entsicherte er die Thermowaffe und schaltete den Deflektorschirm ab.

Was Sie hier gesehen haben, darf nicht bekannt werden. Dieses Geheimnis muss für immer ein Geheimnis bleiben. Was machen wir nun? Ach, stecken Sie Ihre Pistole weg. Sie können mich damit nicht verletzen, ein unsichtbarer Schutzschirm umgibt mich, den Sie mit ihren Kugeln nicht durchdringen können.

Sein Gegenüber zögerte und sagte: Eine neue Geheimwaffe? Viele neue Geheimwaffen? Bekommen wir die bald? Können wir dann endlich wieder nach Hause? Ich habe Frau und Kind, die auf mich warten. Mein Sohn Hans wird im Dezember 6 Jahre alt und hat mich seit 2 Jahren nicht mehr gesehen.

Hans Müller schluckte. Er musterte die Uniform seines Gegenübers. Da er ein weißer Jahrgang war, musste er damals nicht zur Bundeswehr und kannte keine militärischen Abzeichen.

Vorsichtig fragte er: Sind Sie ein Offizier?

Ja. Ich bin Major der deutschen Wehrmacht. Meine Rangabzeichen sind allerdings noch die eines Hauptmannes, weil der Nachschub noch keine neuen Rangabzeichen geliefert hat. Sollen nächste Woche kommen. Aber wer weiß das, in diesen Zeiten …

Hans Müller nahm all seinen Mut zusammen und sagte: Sie sind der Major Wilhelm Müller, geboren am 21.06.1913 in Hochemmerich, jetzt Rheinhausen.

Sein Gegenüber nickte.

Hans fuhr fort: Verheiratet mit Angela Müller, geborene Grommes, geboren am 23.06.1914 in Meiderich, jetzt Duisburg. Ihr Sohn heißt Hans und wurde am 4.12.1936 geboren?

Ja, auch das stimmt.

Wilhelm Müller hatte ihn erkannt. Er kannte die Augen seines Sohnes. Die Augen verändern sich niemals, egal wie alt ein Mensch wird. Er wusste zwar nicht, wieso sein Sohn plötzlich als alter Mann hier vor ihm stehen konnte; noch dazu in dieser merkwürdigen Kleidung und mit diesen merkwürdigeren Waffen. Aber das da vor ihm, das war Hans! Er zögerte lange, bis er es sagte: Hallo, mein Jung.

Hans Müller meinte, der Schlag würde ihn treffen. Das konnte es nicht geben. Sein Vater hatte ihn erkannt. Jetzt war nicht mehr die Zeit für eine Notlüge, also senkte er seinen Kopf und sagte leise: Hallo Vater.

Bist mächtig alt geworden. Wie alt übrigens?

64 Jahre alt, Vater.

Also kommst du aus dem Jahr 2001 und Ihr könnt in der Zeit reisen. Das erklärt deinen merkwürdigen Anzug und die tollen Waffen. Mann, so was könnten wir hier gut brauchen.

Es wäre der falsche Weg, Vater, antwortete Hans Müller, Hitler hat Europa schon genug zerstört. Ich kann und darf die Zukunft nicht ändern, auch wenn ich es mir sehnlichst wünschen würde …

Wilhelm Müller begriff und schluckte. Er fasste sich aber wieder und fuhr fort: Dann bist du hier, um mich noch einmal zu sehen. Ich werde also aus Russland nicht zurückkommen. Schade, ich hätte dich gerne groß werden gesehen und mit dir Fußball gespielt, dir bei den Schulaufgaben geholfen, ach, bei so vielen Sachen eben zur Seite gestanden. Auch deine Mutter hätte ich gerne noch einmal in den Arm genommen …

Hans Müller sagte jetzt nichts mehr. Was hätte er jetzt auch noch sagen sollen? Wortlos nahm er seinen Vater in die Arme. Es waren lange Sekunden, die längsten Sekunden im Leben des Hans Müller. Dann löste sich sein Vater aus seinen Armen.

Mach's gut, mein Jung, sagte er leise, drehte sich herum und ging.

Mach's gut Vater.

Nachdem Major Wilhelm Müller weit genug weg war, aktivierte Hans Müller sein Gravopack und zog sich bis zur Mitte der Wolga zurück. Als der Kübelwagen seines Vaters losgefahren war, entsicherte er seine Thermowaffe und gab einen gezielten Schuss auf den Tank des sowjetischen Flugzeuges ab. Es explodierte. Dann flog er mit Tränen in den Augen davon. Erst viel später war er wieder in der Lage, Verbindung mit seiner Space-Jet aufzunehmen und darum zu bitten, abgeholt zu werden.

Noch am gleichen Tag begannen die beiden Unicorns mit den Vorbereitungen für den Rückflug. Das Zusammenspiel ihrer Parakräfte mit den Energien des Paratronschirms würde sie zurück bringen. Hans Müller bekam von alledem nicht viel mit. Er wollte nur zurück; zurück in seine Zukunft. Denn auf der Erde schrieb man mittlerweile den 20. November 1942 und sein Vater hatte noch fünf Tage zu leben …

Die deutsche Heeresgruppe Don unter Führung von Generalfeldmarschall von Manstein versuchte mit der 4. Panzerarmee den eingeschlossen Truppen Anfang Dezember 1942 noch zur Hilfe zu kommen, aber sie wurden 50 Kilometer vor der Stadtgrenze von Stalingrad gestoppt. Der an dieser Stelle vorbereitete Durchbruch der 6. Armee wurde von Hitler untersagt.

Die 6. Armee war durch die fehlende Versorgung nicht mehr in der Lage, den Zangenangriff der sowjetischen Armeen Anfang Januar 1943 zu stoppen. Der Südkessel von Stalingrad mit Generalfeldmarschall Paulus kapitulierte am 31. Januar, der Nordkessel zwei Tage später.
Über 200.000 sowjetische und deutsche Soldaten ließen ihr Leben in der Schlacht um Stalingrad, darunter auch ein deutscher Major mit Namen Wilhelm Müller …

Kapitel 64
Am Ende des Tages

Nachdem die 19 Superschlachtschiffe das seltsame Tor durchflogen hatten, war das fremde Schiff verschwunden, das sie verfolgt hatten. Peter Rubens war trotzdem zufrieden; alle Schiffe waren nach dem Durchbruch zusammen geblieben und sie hatten ein kleines Sonnensystem entdeckt, dessen zweiter Planet erdähnliche Verhältnisse aufwies, aber unbewohnt war. Sie hatten ihn Planta II genannt.

Ich habe eine Nachrichtenboje für den Hans Müller draußen gelassen, damit der weiß, wo wir sind, gab Otto Pfahls durch.

Gute Idee, Otto. Der Hans wird schon wissen, was er tut, wenn er die Boje findet, antwortete Peter Rubens, und wie beurteilst du unsere Lage?

Komischer Weltraum hier; so wenig Sterne. Wir sind wahrscheinlich in eine Art von Mikrokosmos eingedrungen. Aber unser kleiner Stützpunkt kommt gut voran; wir sollten ihn erst einmal weiter aufbauen und uns hier häuslich einrichten. Dann können wir die Suche nach Gucky richtig organisieren; wir müssen ja nicht ständig mit den Superschlachtschiffen hier herumdüsen; ein paar Space-Jets tun es auch.

Du meinst Gucky wäre hier, Otto?

Ja, Peter. Mein Bordcomp meint, der verstümmelte Notruf könnte eventuell auch aus dieser seltsamen Gegend gekommen sein und nicht aus dem Sternenhaufen weiter südlich.

Die Bau-Mannschaft hat übrigens ein hübsches Fleckchen Erde entdeckt, Otto. Warmes Klima, Strand und so weiter. Sie haben die ersten Gebäude bereits fertig. Für heute Abend habe ich unten eine kleine Karnevals-Feier organisiert. Nicht vergessen, 21:00 Uhr auf Planta II. Und verkleidet, bitte!

Nachdem Otto Pfahls sich verabschiedet hatte, fragte Peter Rubens nach, wie weit die Vorbereitungen für die abendliche Feier gediehen waren. Viel hatten die Leute von Olymp ja nicht drauf, aber Feiern organisieren, das konnten sie. Nachdem Peter Rubens ihnen erklärt hatte, was Fasching und Karneval für eine Bedeutung hatten, waren sie mit großem Eifer daran gegangen, auf dem freundlichen Planeten eine Art karibische Feier zu organisieren.

Der Abend des 24. Februar war angebrochen. Um Punkt 21:00 Uhr erschien die Meute auf dem Planeten. Kurz hintereinander landeten die Space-Jets am Strand von Planta II, mit jeweils 20 Leuten an Bord. Alle hatten sich verkleidet.

Jakob Hinterseer kam als Pirat; sein künstlicher Schnurrbart verlieh seinem sonnengegerbten Gesicht etwas Dämonisches. Schorsch Mayer erschien als Cowboy mit zwei schweren Colts im Halfter und Otto Pfahls hatte eine Frankenstein-Maske angelegt. Auch die anderen Kommandeure der galaktischen Rentnerband sahen nicht gerade friedlich aus. Manch einer aus der Besatzung der Schiffe war regelrecht erschrocken, als die alten Herren den kleinen Saal betraten.

Um 21:30 Uhr erreichte die Stimmung ihren ersten Höhepunkt. Die weiblichen Besatzungsmitglieder der RUBENS hatten ein Gesangsstück einstudiert und führten es vor. Wegen des fortgeschrittenen Bierkonsums geriet der Beifall entsprechend laut. Die ersten Rufe Ausziehen, ausziehen wurden laut. Als dann zwei der Mädels tatsächlich zu einem Striptease ansetzten, war sofort die Hölle los.

Es war genau 21:49 Uhr als der Orter der RUBENS aufgeregt in die Feier hineinplatzte und sich seinen Weg zur Bühne freikämpfte. Weil er sich dabei so ungeschickt anstellte, bekam er einen kräftigen Applaus, als er es endlich bis auf die Bühne geschafft hatte. Der Applaus geriet zum Orkan, als er versuchte, einer der Sängerinnen das Mikro aus der Hand zu nehmen. Dummerweise hatte sich das kurze Senderkabel des Mikros in deren Oberteil verfangen, sodass die junge Dame plötzlich oben-ohne da stand, während der Orter statt des Mikrophons plötzlich den BH in der Hand hielt. Ratlos musste der junge Orter mit ansehen, wie die Sängerin das Mikro mit einer lasziven Bewegung in ihren Slip schob und ihn auffordernd anblickte. Jetzt wurde es ganz still im Saal …

Amando Hobart, so hieß der junge Orter, schob seine Hand vorsichtig vor und Villa Gohrens, die Sängerin, lächelte. Mit zwei Fingern versuchte Amando Hobart das Mikro aus dem Slip zu ziehen, doch Villa Gohrens drehte sich um und schwang ihre wunderschönen Hüften.

Da er nicht um die junge Frau herumgehen wollte, griff Amando Hobart von hinten nach dem Mikrophon. Doch er hatte nicht mit der Reaktion der jungen Frau gerechnet. Bei jedem seiner Versuche ließ sie ein helles Oh oder ein gutturales Ahhh hören, das die Anwesenden mit lauten Hurra-Rufen quittierten. Dann griff Villa Gohrens nach ihrem Höschen und zog es ganz langsam herunter …

Es war genau 21:59 Uhr als Amando Hobart sich wieder soweit gefangen hatte, dass er das Mikrophon in die Hand nehmen konnte. Er trat bis an den Bühnenrand vor, gab seinem Freund an der Musikmaschine ein Zeichen und sagte: Es tut mir leid, dass …

Das kann ich mir vorstellen, dass es dir leid tut, johlte Schorsch Mayer, ich hätte die sofort vernascht, wenn ich noch ein wenig jünger wäre.

Entschlossen raffte der junge Orter seinen ganzen Mut zusammen und sagte: Ich am liebsten auch; und zwar sofort, und noch auf der Bühne …

Die ehrliche Aussage von Amando Hobart ließ die Zuhörer schweigen und der Orter fuhr fort:

… aber es gibt Wichtigeres zu tun. Von der RUBENS kam gerade eine Meldung. Die haben eine Tiefraumortung gemacht. Danach ist eine Flotte auf dem Weg hierher. Nach den Berechnungen wird diese Flotte in 30 Minuten hier eintreffen.

Was kommt da, Gomp-Schiffe?, fragte Peter Rubens.

Keine Ahnung. Es gibt keinen Funkverkehr aus dieser Richtung. Alle Hyperraum-Frequenzen sind tot.

Otto Pfahls stand auf und winkte seinen Freunden: Tut mir leid Leute, es gibt Arbeit.

Trotz des erheblichen Bierkonsums erreichten sie ihre Space-Jets mehr oder weniger unverletzt und die Piloten starteten die Schiffe.

Schorsch Mayer meldete sich zuerst über die Schiff-zu-Schiff Verbindung: Meine Jet ist einsatzklar! Kurze Zeit später kamen auch die Klarmeldungen der anderen 18 Space-Jets und sie starteten gemeinsam; im Orbit über Planta II warteten sie ab, was passieren würde.

Von der FRIESENGEIST, die mit den anderen Schiffen auf der Bahn des ersten Planeten wartete, kamen die Ergebnisse der Fernortung: Der Hyperraumspürer meldet, dass über hundert Schiffe im Anflug auf uns sind. Eintreffen in 8 Minuten.

Nachdem sie sich kurz verständigt hatten, gaben die Kommandeure der Rentnerband den großen Schiffen die Anweisung, sich als Eingreifreserve in den Ortungsschutz der Sonne zurück zu ziehen, um einem möglichen Gegner nicht sofort ihre wahre Stärke zu zeigen. Auf den Space-Jets fuhren die Paratronschirme hoch und die Bordschützen hatten schon mal die kleinen Transformkanonen warmlaufen lassen …

Um 22:14 Uhr brach die fremde Flotte aus dem Hyperraum.

Otto Pfahls blickte auffordernd in Richtung des Bordcomputers seiner Space-Jet: Und?

Guten Abend, du Torfkopp. Wieso störst du mich in meinen Betrachtungen?

Äh, … Hast du vielleicht mitbekommen, dass vor uns eine Flotte aus dem Hyperraum gekommen ist, über deren Absichten wir nichts wissen, die aber durchaus feindlich sein könnte? Und die vielleicht gerade überlegen, wie sie dich, du verblödeter Ur-Alt-Blechkasten, innerhalb der nächsten Minuten in den Computerhimmel schicken können?

Ur-Alt gibt es nicht, nur Ur-Pils! Aber du säufst ja nur dieses Jever, wie solltest du dich dann bei den erlesenen Pils-Sorten auskennen …

Ach ja, die Flotte. Mmh … sagen wir mal so. Da sind 134 kleine kastenförmige Schiffe mit einem Durchmesser von rd. 60 Metern und 9 größere Pötte angekommen. Die größeren Pötte sind kugelförmig, haben Schutzschirme und sind an die 100 Meter groß. Die kleinen Schiffe sind nicht bewaffnet und haben nur einen schwachen Schutzschirm.

Keine Waffen und keine Schirme?, murmelte Otto Pfahls und gab die Ergebnisse seines Bordcomputers an seine anderen Freunde durch.

Schorsch Mayer spielte gedankenverloren mit seinem 45iger Colt, den er immer noch im Halfter trug und antwortete: Na ja, vielleicht haben sie nur friedliche Absichten. Übrigens Otto, bevor du mit denen Bildkontakt aufnimmst, würde ich die Frankenstein-Maske ablegen. Wer weiß, wie die darauf reagieren?

Es war genau 22:21 Uhr, als das erste Bild von drüben herein kam. Die Holos zeigten allerdings ein merkwürdiges Bild. Hunderte von Humanoiden saßen in einem großen Raum zusammen und schauten konzentriert in die Aufnahmeoptiken. Obwohl die Tonverbindung stand, war kein Laut zu hören. WAT IS 19, der Bordcomputer der Jet, meldete sich wieder:

Die Übertragung kommt aus einem der kleinen Schiffe. Jetzt kommen weitere Bilder herein; aus einem anderen der kleinen Kästen. Das gleiche Bild. Moment, ein Funkspruch. Ich übersetze:

!! Ergebt euch den Herren von Osara !! Ergebt euch den Herren von Osara !!

Sekunden später schlugen die ersten Strahlbahnen in die hochgespannten Schutzschirme der Space-Jets ein.

Trefferchen. Belastung der Schirme unter fünf Prozent, wie langweilig …

He Leute, mein Kahn hat einen Volltreffer erhalten und der Paratronschirm hat nicht einmal gezuckt, rief Schorsch Mayer durch den Funk.

Otto Pfahls griff sich das Mikro des Funkgerätes und sagte: An die Herren von Osara. Wir kommen in friedlicher Absicht. Unsere Suche gilt einem Freund, dessen Hilferuf wir aufgefangen haben. Bitte stellen Sie das Feuer ein!

Statt einer Antwort konzentrierte sich das Feuer der großen Schiffe auf Ottos Space-Jet. Alle 9 Schiffe feuerten nun in kurzen Abständen.

Gäähn, Belastung der Schirme bei zwölf Prozent.

Viel haben die ja nicht zu bieten!, grinste Otto Pfahls und sagte in den Funk: Wie reagieren wir, Leute? Die Bildübertragung wechselte und zeigte Schorsch Mayer. Ich hätte schon Lust, denen ein bisschen Feuer unterm Hintern zu machen. Was meint Ihr?

Doch bevor sie sich weiter unterhalten konnten, verstärkten die neun Schiffe ihren Beschuss. In Abständen von wenigen Sekunden griffen die rosafarbenen Strahlbahnen nach den Space-Jets.

Jetzt reicht's!, brüllte Schorsch Mayer. Die Herren haben ja keine Ahnung, mit wem sie sich hier anlegen!

Otto Pfahl lächelte und rief: Attacke!

In geschlossener Formation jagten die Space-Jets los. Je näher sie kamen um so lauter wurden die Rufe der Humanoiden in den Würfelschiffen:

!! Ergebt euch den Herren von Osara !! Die Schiffe der Herren von Osara sind unbesiegbar!!

Pah, unbesiegbar, murmelte Schorsch Mayer und blickte zu dem kleinen Waffenstand seiner Space-Jet hinüber. Dort saß Flori Florian und der gehörte zu den besten Schützen seiner Mannschaft. Gedankenverloren beobachtete Schorsch die Ortung, während die Space-Jets durch das Weltall jagten. Immer noch schlugen die rosa Strahlbahnen in die Schutzschirme der Space-Jets ein, erzielten aber keine nennenswerte Wirkung.

Die Würfelschiffe schoben sich jetzt zusammen und bildeten einen Schutzwall vor den Schiffen der Herren.

Ich habe seit einigen Minuten furchtbare Kopfschmerzen, sagte Flori Florian plötzlich, und ich denke, wir sollten uns ergeben.

Ergeben?, fragte Schorsch Mayer verwundert, denen?

Ja, denn die Herren von Osara sind unbesiegbar, sagte sein Waffenoffizier und nickte heftig.

Hör mal Flori, geht es dir nicht gut? Wieso sollten wir uns ergeben? Die schaffen es ja noch nicht einmal, den Schutzschirm unserer Space-Jet auch nur zum Wackeln zu bringen.

Statt einer Antwort fasste sich Flori Florian an den Kopf und brach zusammen. Nachdenklich schaute Schorsch Mayer auf die am Boden liegende Gestalt. Langsam dämmerte es seinem alkoholisierten Verstand, dass hier irgendwas nicht stimmte. Er rief seine Freunde über Funk und erzählte ihnen von diesem merkwürdigen Vorfall.

Ja, bei mir auch; der Pilot kriegte so merkwürdige Anwandlungen. Er wollte den Schutzschirm herunterfahren und so, gab Otto Pfahls durch.

Peter Rubens reagierte als Erster: Das ist ein mentaler Angriff! Weg hier! Metagrav-Manöver in den Rücken der Herren-Schiffe in genau 10 Sekunden. Ab jetzt!

In den Space-Jets drückten die Kommandeure gleichzeitig auf die Auslöser für eine Metagrav-Kurz-Etappe und wenige Sekunden später brachen die Jets aus dem Hyperraum und vollzogen eine enge Kurve. Mit voller Beschleunigung durchstieß Schorsch Mayers Space-Jet als Erste die Phalanx der kleinen Würfelschiffe, die diese auch im Rücken der Herren-Schiffe bildeten.

Ich nehm den Neuner!, brüllte Schorsch, als seine Space-Jet nur noch 100.000 Kilometer von dem 100-Meter Schiff der Herren entfernt war. Das konzentrische Feuer aus mindestens 8 Strahlkanonen drosch jetzt auf den Schutzschirm der Space-Jet ein. Belastung?, fragte Schorsch seinen Bordcomputer.

Uninteressant, nicht der Rede wert.

OK, dann näher heran. Und eine Bildverbindung bitte. Schorsch Mayer blickte grimmig in die Aufnahmeoptik. Dann sagte er gefährlich leise: Schorsch Mayer möchte gerne wissen, mit wem er es zu tun hat, bevor …

ERGIB DICH!

Ach nee, keine Lust. Aber wenn Ihr nicht sofort aufhört, uns mit Parakräften anzugreifen, dann ist Schluss mit euch. Das verspreche ich, so wahr ich Schorsch Mayer heiße!

Jetzt erschien ein Bild auf dem Holo in Schorsch's Space-Jet. Es zeigte ein breit grinsendes Froschgesicht mit kleinen gelben Augen. Das Froschgesicht sagte etwas, was der Translator kurz danach übersetzte:

IHR WAGT ES, EUCH EINEM BEFEHL DER HERREN ZU WIDERSETZEN?

Jau, sagte Schorsch Mayer knapp und wartete ab, wie die Froschgesichter reagieren würden. Gelassen lehnte er sich zurück. Doch das hätte er besser nicht getan …

Unbemerkt von den Kommandeuren in ihren Space-Jets, hatten sich über 80 der kleinen Würfelschiffe vorsichtig genähert und in der Nähe der großen Schiffe Position bezogen. Mit Hilfe ihrer schwachen Parakräfte würden die Humanoiden in den kleinen Würfelschiffen die Wirkung der Psychostrahler, die in den Schiffen der Herren von Osara installiert waren, verstärken. Davon wusste man aber nichts an Bord der Space-Jets …

Als die Herren die Psychokanonen auslösten, half auch kein Paratronschirm mehr. Der von den Humanoiden verstärkte Befehl durchschlug den Schutzschirm mühelos. Widerstandslos schaltete Schorsch Mayer den Paratronschirm ab und dann wurde es dunkel um ihn …

Kurze Zeit später waren auch die anderen Kommandeure der galaktischen Rentnerband in ihren Space-Jets ausgeschaltet.

Als die terranischen Superschlachtschiffe um 23:11 Uhr aus dem Ortungsschatten der Sonne ausbrachen und ihre Transformkanonen drohend auf die Schiffe der Herren von Osara richteten, konnten sie Nichts mehr ausrichten. Die osarischen Schiffe hatten die terranischen Space-Jets und ihre betäubten Besatzungen an Bord genommen.

Und um 23:14 Uhr nahmen die Schiffe der Herren von Osara Fahrt auf und gingen mitsamt ihren Gefangenen in den Hyperraum.

Kapitel 65
Der Tanz der Monde

Inko Bring konzentrierte sich auf die Steuerung seines kleinen Explorerschiffes, denn er hatte es eilig; es zog ihn zurück in seine Heimatstadt Porthaman, der kleinen Hafenstadt am nördlichen Meer.

Lange war er unterwegs gewesen und war Hinweisen gefolgt, die viel versprechend klangen, sich aber letztlich alle als Sackgasse herausgestellt hatten. Nein, er hatte keine Planeten entdeckt, auf denen Gortha lebten oder einst gelebt hatten, obwohl sein Volk vor undenklichen Zeiten aufgebrochen war, um das Weltall zu erobern. Aber viele Spuren waren vom Wind der Zeiten verweht worden und heute lebten die Gortha nur noch auf ihrer Heimatwelt Gortha und auf Postra IV und Osara II. Was aus den anderen Auswanderern geworden war, wusste man nicht.

Das bösartige Piepen seines Navigationscomputers riss Inko Bring aus seinen Gedanken. Als sich kurz darauf sein Antrieb deaktivierte, fluchte er laut vor sich hin. Wieder einmal hatte ihn die Systemkontrolle in die Warteschlange geschickt, obwohl kein einziges Würfelschiff im System zu orten war. Er griff zum Mikro und rief die Raumkontrolle: Hier Ex92. Was soll das? Ich war lange genug draußen. Erbitte unverzüglich Einfluggenehmigung für Sektor Nord.

Die Raumkontrolle meldete sich sofort: Hallo Inko. Tut uns leid, aber es liegt eine Überrang-Anmeldung vor. In Kürze erwarten wir über hundert Einsatzschiffe zurück; die haben Vorrang.

Ach Pontron, du bist das. Ja, ich verstehe. Die Einsatzschiffe gehen vor. Unsere Freunde werden froh sein, wenn sie die Herren-Schiffe endlich wieder los sind. Hat das immer noch nicht aufgehört?

Nein Inko. Vor einigen Tagen kam eines der Gomp-Schiffe von draußen zurück. Der Kommandeur soll in heller Panik gewesen sein. Er faselte etwas von gigantischen Raumschiffen, die ihm draußen aufgelauert haben und die ihm wahrscheinlich gefolgt sind. Der Gomp hat daraufhin alle Einsatzschiffe angefordert, die wir frei hatten und zusammen mit neun Großkampfschiffen los geschickt. Aus den letzten Meldungen geht hervor, dass sie erfolgreich waren und sogar Gefangene gemacht haben.

Aber wohl nur, weil unsere Leute ihre Psi-Kräfte eingesetzt haben, oder?

Natürlich, Inko. Was sollen unsere Leute denn machen. Du weißt doch, was passieren wird, wenn wir uns weigern. Hast du übrigens eine Spur von unseren Auswanderern gefunden?

Nein Pontron, mein Flug war umsonst; deswegen will ich ja so schnell nach Hause. Wie lange wird es jetzt noch dauern?

Unsere Schiffe müssen gleich kommen, Inko. Danach bist du dran.

Danke Pontron, sagte Inko und lehnte sich zurück. Kurz danach kündigte das Piepsen seiner Ortung die Ankunft der Einsatzschiffe an.

Inko Bring verfolgte den Einflug der Würfelschiffe mit gemischten Gefühlen. Früher hätte er gerne auf einem dieser Einsatzschiffe Dienst getan und die Herren von Osara bei ihren Aktionen unterstützt. Das hatte sich aber geändert, seit er als Explorer unterwegs war und die Stimmung auf den Planeten kennen gelernt hatte. Viele Völker von Osara hatten für die Herren von Osara und für die Schiffe des Gomp keinerlei Sympathie mehr übrig; viel zu oft hatte der Gomp wehrlose Planeten angreifen und ausplündern lassen, ohne dass die Herren eingegriffen hätten. Andererseits waren auch die Kampfschiffe der Herren überall präsent, um möglichen Widerstand gegen ihre Herrschaft sofort im Keim zu ersticken.

Überall, wohin er kam, wurde ihm die gleiche Frage gestellt: Warum unterstützt das alte Volk der Gortha die Herren von Osara und ihre Handlanger? Natürlich konnte Inko diese Frage nicht beantworten. Nur wenige Auserwählte wussten von dem schrecklichen Geheimnis, das das Volk der Gortha umgab. Und Inko gehörte nicht dazu.

Der größte Teil der Einsatzflotte und die Schiffe der Herren von Osara waren schon an dem Explorer von Inko Bring vorbeigezogen und hatten Kurs auf den Gefängnismond Penthra B genommen, der, genau wie die anderen Monde Penthra A und C, den Planeten Gortha auf einer gemeinsamen Bahn umkreiste. Aus seiner Schulzeit wusste Inko Bring, dass man diese Konstellation ein kosmisches Dreieck nannte.

Auf Penthra A residierte der Gouverneur der Herren von Osara und Penthra C war der Werftplanet, auf dem die Würfelschiffe der Gortha gebaut und gewartet wurden. Diese beiden Monde hatten eine dünne Sauerstoffatmosphäre, während Penthra B, der Gefängnismond, natürlich belassen worden war und keine Atmosphäre besaß.

Die Gefängnisanlagen befanden sich alle innerhalb des Mondes und wurden von Robotern und automatischen Anlagen betrieben. Das war ganz im Sinne der planetaren Regierung von Gortha, weil sich die Gortha prinzipiell nicht als Gefängnisaufseher eigneten. Ihre besondere Fähigkeit der Psi-Verstärkung hatte in der Vergangenheit schon zu großen Problemen geführt. In den Geschichtsbüchern war sogar ein Fall verzeichnet, wo ein parapsychisch begabter Gefangener in eine tiefe Depression verfallen war und die depressiven Gedanken dieses Gefangenen von den anwesenden Gortha derart verstärkt worden waren, dass viele der anderen Gefangenen Selbstmord begangen hatten.

Inko Bring stand mit seinem Explorer nahe genug an Penthra B, um die Flottenbewegung durch das kleine Sichtfenster beobachten zu können. Außerdem konnte er die Gespräche zwischen den Gortha-Schiffen und den Kampfschiffen der Herren über den Systemfunk verfolgen. Asio Gorrah, der Leiter der Gortha-Flotte wollte mit seinen Schiffen auf dem Mond Penthra C landen, doch der froschgesichtige Kommandeur des Herren-Schiffes beharrte auf einem Geleitschutz bis zur Oberfläche des Gefängnismondes. Missmutig willigte Asio Gorrah in den Plan ein und gab die entsprechenden Kommandos. Er stellte allerdings klar, dass kein Gortha den Gefängnismond betreten werde.

Als die Flotte der Würfelschiffe den Mond beinahe erreicht hatte, da geschah es …

Für Inko Bring sah es so aus, als zöge sich die Flotte wieder zurück, nachdem sie sich dem Mond auf wenige hundert Kilometer genähert hatte. Aber auch die neun Schiffe der Herren von Osara waren plötzlich wieder weiter von ihrem Ziel entfernt, als noch vor wenigen Sekunden.

Im Systemfunk war das aufgeregte Geschrei aus den Gortha-Schiffen zu hören, doch der Kommandeur des Herren-Schiffes ignorierte die Proteste und gab seiner Besatzung den Befehl, sofort auf dem Gefängnismond zu landen. Inko Bring sah, wie die Herren-Schiffe die mächtigen Schubtriebwerke hochfuhren und zielstrebig den Mond ansteuerten …

doch der Mond wich zurück.

Das wüste Gebrüll des froschgesichtigen Kommandanten füllte jetzt den Systemfunk völlig aus: Waas? … Monde fliegen nicht davon! Ihr sollt landen! Ich werfe euch den Bestien des Gomp zum Fraß vor, wenn Ihr nicht sofort landet!

Und dann verschwand der Mond.

Inko Bring war jetzt fassungslos; Penthra B war verschwunden! Aber da …, jetzt …, tauchte der Mond wieder auf, jedoch auf einer niedrigeren Umlaufbahn als vorher.

Und dann erfasste es auch die anderen beiden Monde von Gortha.

Penthra A war gerade hinter dem Planeten hervorgekommen, als er sichtbar beschleunigte und mit zunehmender Geschwindigkeit auf den B-Mond zu raste. Erst in einer Entfernung von wenigen tausend Kilometern bremste Penthra A ab. Dafür erschien jetzt Penthra C dicht neben dem B-Mond, obwohl Penthra C zu dieser Zeit eigentlich hinter dem Planeten hätte sein müssen.

Und dann begann der Tanz der Monde.

Hirra Flimp bemerkte es als Erste. Sie war auf dem Rückweg von ihrer Arbeit und ihr fiel die Veränderung der Lichtverhältnisse sofort auf. Normalerweise war es um diese Tageszeit ziemlich dunkel über Gernifel, der kleinen Stadt in den Bergen. Nur gegen Morgen, wenn zwei Monde am Himmel standen, wurde es dort auch im Herbst heller.

Hirra schaute nach oben und erstarrte in ungläubigem Staunen; alle drei Monde standen am Himmel und sie bewegten sich. Aufgeregt rief sie laut: Kommt sofort heraus. Alle drei Monde stehen am Himmel!

Sei ruhig da draußen!

Hey, ich will schlafen!

Was soll denn dieser Unsinn? Seit wann stehen drei Monde … Oh? Tinra, weck die Kinder, da passiert etwas.

Es vergingen nicht einmal 5 Minuten, dann waren fast alle Einwohner von Gernifel auf den Straßen versammelt. Manch einer rieb sich vor Müdigkeit die Augen, doch das unglaubliche Schauspiel blieb: Die drei Monde hatten eine Dreiecksformation aufgebaut! Doch die Formation blieb nicht lange erhalten; jetzt strebte der obere Mond zur Seite und reihte sich in einer Linie mit den anderen beiden Monden ein. Dann ruckte der linke Mond leicht nach oben, der mittlere Mond schloss sich ihm an und der rechte Mond folgte …

An der unterschiedlichen Färbung der Oberflächen konnten die Bewohner von Gernifel erkennen, dass Penthra B jetzt der mittlere Mond war. Und um diesen Mond begannen sich die beiden anderen Monde nun zu drehen. Immer schneller wurde diese Drehbewegung, bis einer der Monde ruckartig zum Stillstand kam.

Das ist der A-Mond. Der obere Mond ist Penthra A, rief Hirra Flimp aufgeregt, da werden die Vertreter der Herren von Osara jetzt ganz schöne Schwierigkeiten haben.

Und sieh mal; der A-Mond und der verfluchte Gefängnismond werden durchsichtig. Jetzt sind sie weg. Nur Penthra C ist noch am Himmel, rief einer der Bewohner der Kleinstadt.

Inko Bring saß mit offenem Mund vor seinen Kontrollen, als sich die Raumkontrolle meldete: Inko, hast du das auch gesehen?

Aber ja. Aber ich dachte zuerst, ich würde träumen. Das kann es doch gar nicht geben. Die Monde sind doch viel zu groß, als dass irgendwas sie zum Tanzen bringen könnte …
Moment mal, der B-Mond taucht wieder auf. Direkt neben den Schiffen der Herren! Was passiert da? Ich melde mich gleich wieder.

Tatsächlich tauchte der Gefängnismond in unmittelbarer Nähe der neun Schiffe wieder auf. Die sofort einsetzende Gravitation riss diese Schiffe aus ihren bisherigen Bahnen. Im Systemfunk wurden die ängstlichen Schreie der Besatzungen lauter.

Inko Bring bekam nicht viel mit. Er konnte nur Wortfetzen auffangen. Auf den Schiffen der Herren von Osara war anscheinend eine Panik ausgebrochen. Zwei der Schiffe bauten auf der Oberfläche des Mondes eine Bruchlandung. Allerdings verhinderten die Schutzschirme größere Schäden an den Schiffen.

Die Oberfläche des Gefängnismondes wurde jedoch stark in Mitleidenschaft gezogen. Inko Bring konnte sehen, wie eines der unterirdischen Kraftwerke in einer gigantischen Explosion verging. Hoffentlich passiert den Gefangenen nichts, murmelte Inko Bring leise.

Nett, dass du an die Gefangenen denkst.

Wer hatte da gesprochen? Inko Bring drehte sich herum, aber die Zentrale seines kleinen Schiffes war leer. Trotzdem blieb er misstrauisch. Nach dem Tanz der Monde war sich Inko sicher, dass hier Kräfte am Werk waren, die für das Gehirn eines Gortha unbegreiflich waren. Er rief die Raumkontrolle und berichtete von den Vorfällen. Anschließend fügte er hinzu: He Pontron, unsere Einsatzflotte ist doch viel näher dran. Wieso habt Ihr mich eigentlich gefragt?

Da meldet sich keiner, Inko, antwortete Pontron Bzarf, der im Moment Dienst in der Raumkontrolle hatte, die sind alle wie weggetreten. Oh Gott …

Was ist jetzt los, Pontron?, fragte Inko Bring.

Alarm! Alarm! Heiliger Gomp, was ist denn das …?

Aus der Tiefe des Raumes näherte sich das Verhängnis. Zuerst war es nur auf den Bildern der Ortungsgeräte zu sehen, aber dann schien es so, als spucke die Sonne Hallama ihre kleinen Schwestern aus; feurige Kugeln, die mit hoher Geschwindigkeit auf den Planeten Gortha zurasten. Kurze Zeit später rasten die gigantischen Feuerbälle durch die Atmosphäre von Gortha und verursachten dort schwerste Wirbelstürme. Als Folge davon brach die Kommunikation des Planeten fast völlig zusammen; nur die Funkempfänger funktionierten noch …

IHR HABT 15 MINUTEN EURER ZEIT, UM MEINE FREUNDE FREIZULASSEN!

Die planetare Regierung von Gortha war ratlos, denn auf Gortha hielt man keine Freunde von irgendwem gefangen. Möglicherweise gab es ja einen Zusammenhang mit der Aktion der Herren von Osara, aber die Einsatzflotte meldete sich nicht und der Gouverneur der Herren von Osara war auf dem A-Mond ebenfalls nicht erreichbar.

Der Einsatzminister, der auf den schönen Namen Zu Greif hörte, trennte wutentbrannt die Verbindung zur Raumkontrolle und sagte: Die sind genauso blind wie wir. Alle Ortungsgeräte sind ausgefallen, als das Verhängnis über uns hereinbrach.

Verehrter Herr Eingreif … äh … Einsatzminister. Heißt das, dass wir die Forderung dieser, äh … Stimme nicht erfüllen können?, fragte Regierungschef Thebig Boss, und dass wir nicht wissen, was man von uns will?

Ja, genau das heißt es, antwortete Zu Greif.

Thebig Boss antwortete: Dann ist unser Planet verlor …

Er konnte seine Befürchtung nicht zu Ende aussprechen, weil ein Anruf der Raumkontrolle ihn unterbrach: Wir haben die Ex92 über UKW. Der Pilot, Inko Bring, kann Ihnen die Lage schildern. Ich schalte auf die Ex92.

Hier spricht Inko Bring. Ich stehe mit meiner Ex92 auf der Höhe der Mondbahnen. Es sind neun Schiffe der Herren von Osara im System, die Gefangene an Bord haben. Ich denke, die sind gemeint.

Thebig Boss spricht. Inko, haben Sie Erkenntnisse über die Wesen, die unseren Planeten bedrohen?

Negativ Präsident. Die Schiffe sind ungeheuer groß und ungeheuer schwarz. Und sie verschießen kleine Sonnen.

Aber wir haben doch keine Gefangenen, die wir ausliefern könnten, antwortete Thebig Boss mutlos.

Ich werde versuchen, die fremden Schiffe anzusprechen, sagte Inko Bring entschlossen, so von Raumfahrer zu äh …; angesichts der Größe der schwarzen Schiffe verschlug es ihm dann doch die Sprache. Dennoch versuchte er es: Hallo Fremde. Hier spricht Inko Bring. Ich sitze in dem kleinen Raumschiff, das auf der Bahn der Monde kreist und dass Ihr liebenswürdigerweise bisher verschont habt. Die Regierung von Gortha ist ratlos, denn sie haben dort keine Gefangenen.

Die Antwort kam postwendend. Die Stimme im Funkempfänger war sehr leise und fragte mit einem schneidend scharfen Unterton: Inko Bring, wenn deine Regierung meine Freunde nicht hat, wer dann?

Vorsichtig näherte sich Inkos Hand dem Schaltfeld für die Bildübertragung und aktivierte sie. Er hätte doch zu gerne gesehen, wie das Wesen hinter dieser gefährlich klingenden Stimme aussah. Als die Übertragung zustande gekommen war, zuckte Inko Bring zusammen: Ein weibliches Wesen! Eine Gortha!

Ihr seid Gortha? Woher kommt Ihr?, fragte er fassungslos.

Erstens sind wir keine Gortha, sondern Menschen und zweitens will ich meine Freunde wiederhaben und zwar sofort! Denn sonst könnt Ihr mal erleben, was es heißt, die galaktische Rentnerband anzugreifen.

Inko Bring stammelte: Die galaktische …, was? Äh …, wahrscheinlich sind die anderen Gortha, äh …, Menschen, auf den Schiffen der Herren von Osara gefangen, deren Schiffe dicht neben dem Gefängnismond …

Danke. Eine Frage noch: Wieso konnten diese Herren meine Freunde gefangen nehmen?

Inko Bring zögerte mit der Antwort. Dieses Wesen auf dem schwarzen Riesenschiff war tatsächlich keine Gortha, denn sonst hätte es die Antwort gewusst: Wir Gortha sind Psi-Verstärker; wir können die Wirkung von Psychostrahlern so ungeheuer verstärken, dass sie selbst stärkste Schutzschirme durchschlagen. Und die Schiffe der Herren von Osara sind mit mächtigen Psycho-Geschützen ausgestattet.

Besteht jetzt noch Gefahr?, fragte das Wesen aus dem schwarzen Schiff.

Nein. Unsere Einsatzflotte wurde durch einen parapsychischen Sturm lahm gelegt, der vor kurzem im System getobt hat. Wir haben keine Erklärung …

OK. Danke, Inko Bring. Bis später.

Durch das Sichtfenster seines Explorerschiffes konnte Inko Bring sehen, wie die schwarzen Schiffe mit ungeheueren Werten beschleunigten und auf den Gefängnismond zu flogen. Es dauerte nur wenige Sekunden, dann hatten sie die Schiffe der Herren von Osara eingekreist.

Inko Bring verfolgte das Gespräch zwischen dem froschgesichtigen Kommandeur des Herren-Schiffes und dem gortha-ähnlichen Wesen an Bord des schwarzen Riesenraumers. Es war sehr kurz …

WIR WERDEN EUCH VERNICHTEN!, schrie der Kommandeur, als er sah, wer ihn da sprechen wollte.

Ach ja? Froschgesicht, du hast jetzt noch genau 10 Atemzüge Zeit, meine Freunde freizulassen. Ich zähle mit.

Mühsam versuchte der Kommandeur des Herren-Schiffes Zeit zu gewinnen: Ich muss mich mit den anderen Kommandeuren bera …

Neun!

Jetzt verlor das Froschgesicht die Nerven und schrie: Feuer, Feuer! Doch bevor sich die erste Strahlbahn in den hochgespannten Schutzschirmen der alten terranischen Superschlachtschiffe verlieren konnte, schlugen die Schiffe der Rentnerband zu. Hellblaue Lichtfinger griffen nach den Schiffen der Herren und durchschlugen deren Schutzschirme scheinbar mühelos. Dann war Ruhe.

Nur wenige Minuten später öffneten sich die Hangartore der Superschlachtschiffe und die Entermannschaften setzten auf die Herren-Schiffe über.

Als die Einsatzkommandos in die Schiffe eingedrungen waren, fanden sie überall bewusstlose Wesen, die entfernt humanoid aussahen. Nur die Kopfform erinnerte stark an die Frösche auf der Erde. In den Gefängniszellen fanden sie die Besatzungen der Space-Jets. Auch Otto Pfahls und seine Freunde waren bewusstlos. Die Einsatzkommandos trugen sie in die Space-Jets und flogen sie aus den Herren-Schiffen aus. Wenige Minuten später waren alle Space-Jets wieder in die Hangars der Superschlachtschiffe zurückgekehrt.

Otto Pfahls wachte aus der tiefen Narkose auf und schaute in das ernste Gesicht Verena da Lols. Du hast uns hier rausgeholt, Mädchen? Aber wo steckt der Hans Müller?

Ja, ich habe kurz das Kommando übernommen und euch befreit; Hans Müller ist bei mir auf der RAMSES. Es geht ihm nicht gut; er hat eine lange Reise hinter sich und muss sich noch erholen, aber dazu später. Wichtig ist nur, dass wir euch in die Zeitgräben von Osara gefolgt sind, obwohl wir erfahren haben, dass wir hier erst wieder in 160 Jahren hinaus können. Aber Hans Müller hat es so entschieden; er ist der Boss und außerdem: Was sollten wir denn auch ohne euch machen?

Kapitel 66
Eine Klatsche für den Zonk …

Der kleine Empfangsraum der RAMSES war proppevoll. Alle Kommandeure der Rentnerband waren versammelt und Schorsch Mayer begann: Ja, wir waren ganz schön blöd, uns von