
Die Herrschaft des Kaisers in der Milchstraße ist beendet. Der Kaiser, Ronald Tekener, ist geflohen, die Superintelligenz RHOMBIA fand bei dem Einsatz von J.J. ihr Ende. NATHAN hat den Erdmond verlassen und regiert jetzt im Verborgenen die Galaxis und wird ihr menschliche Züge verpassen. Letztlich wird NATHAN dafür sorgen, dass den Terranern der Weg zurück in die Heimat offen steht, sollten sie je zurückkehren …
Paul und seine Freunde machen sich mit der TERRA erneut auf den Weg zur Galaxis M343, um die dorthin verbannten Terraner zu befreien. In dieser Galaxis ist bereits die TERRANIA unterwegs, das kleine Schwesterschiff der TERRA. Dieses unbemannte Schiff ist in die Galaxis eingedrungen, in der keine höheren Dimensionen existieren und überlichtschnelle Flüge unmöglich sind. Es soll das geheimnisvolle Zentrum finden und die höheren Dimensionen in M343 wieder herstellen.
Doch über Allem steht eine düstere Drohung, von der niemand zur Zeit etwas weiß, selbst NATHAN nicht. Denn den wahren Grund, warum die Terraner vor 50.000 Jahren nach M343 verbannt worden waren, kennen Paul und seine Freunde nicht. Und wenn sie jetzt einen großen Fehler begehen, wird für die Milchstraße und ihre Nachbargalaxien die ENDZEIT anbrechen.
Mann, was bin ich fertig, dachte sich Elftron Meyer, als er die Spitze des Funkturms erreichte. Na ja, der Aufstieg bis in 400 Meter Höhe ist ja auch eine stramme Leistung, sagte er sich und dachte dabei an seinen Sohn, dessen Kondition doch sehr zu wünschen übrig ließ.
Elftron Meyer nahm seine Aufgabe sehr ernst. Zwar war die Materialqualität der Sendetechnik derart ausgereift, dass schon seit Hunderten von Jahren keine Reparatur oder Verbesserung mehr vorgenommen werden musste, aber man konnte ja nie wissen. Jedenfalls war es seine Aufgabe, die Sendeanlagen einmal wöchentlich zu überprüfen und diese Aufgabe nahm er sehr ernst.
Für den Aufstieg hätte er natürlich auch den Aufzug benutzen können, aber Elftron Meyer wollte sich fit halten.
Seit der allgemeinen Einführung der 1-Tages-Woche vor 130 Jahren war dieses Fit-Halten die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung des Planeten Paradies-Europa geworden.
Sonst gab es auch nicht viel zu tun. Die automatischen Fabriken lieferten alles, was man zum Leben brauchte, die Technik war äußerst ausgereift und langlebig. Dies galt auch für die Sendetechnik seines Turmes; es war vollkommen ausreichend, an einem Tag der Woche nach den Anlagen zu sehen.
Wie üblich war die Sendeanlage in Ordnung und wie üblich hatte Elftron Meyer nichts weiter zu tun. Also genoss er, wie jede Woche, die tolle Aussicht über das Land Dormagen, das sich unter ihm ausbreitete. Das warme Licht der Sonne warf herrlich grüne Schatten von den Lebensbäumen, die vereinzelt auf der Grasfläche standen, die sich nach Osten bis zum Horizont erstreckte.
Elftron Meyer wollte sich gerade an den Abstieg machen, als ein ungewöhnliches Summen seine Aufmerksamkeit erregte. Die Technik der Sendeanlage konnte es nicht sein, die summte nicht. Bei der näheren Untersuchung des merkwürdigen Geräusches kam es Elftron Meyer langsam zu Bewusstsein, dass es sein Funkgerät war, das summte. Er meldete sich.
Am anderen Ende der Funkverbindung war Josta Gregor.
Ja, Josta, was liegt an?
, fragte Elftron seinen Freund, der einen Sendeturm inspizierte, der von seinem Turm gut 1.000 Kilometer entfernt war.
Elftron, wusstest du, dass unsere Sender auch empfangen können?
, hörte er Josta fragen.
Ja, ist bekannt, dafür sind sie auch ausgelegt. Ist aber noch nie eine Sendung von Außen empfangen worden. Woher sollte sie denn auch kommen?
Elftron konnte sich gut vorstellen, wie Josta jetzt nickte. Natürlich verfügten alle Terraner auf Paradies-Europa über dieses Wissen. Man war allein in diesem Sonnensystem, alle anderen Planeten waren für eine Besiedlung ungeeignet, wie frühere Expeditionen gezeigt hatten.
Warum fragst du, Josta?
Na ja, ich war gerade wieder einmal in der kleinen Kabine unterhalb des Sendeturms und da hab ich es gehört
, antwortete dieser.
Ach …; und was wolltest du in der Kontrollstation? Die nächste Inspektion steht doch erst in 4 Jahren an.
Ich hatte so ein Gefühl, Elftron. Nur ein Gefühl.
Elftron konnte seinen Freund verstehen. Die alltägliche Langeweile brachte so manchen Terraner auf verrückte Gedanken.
Und was war los?
, fragte er Josta Gregor.
Da ist eine Meldung eingegangen, die ich nicht verstehe. Geh doch bitte mal in deinen Kontrollraum und sieh nach, ob die Meldung auch bei dir eingegangen ist
, antworte Josta.
Elftron machte sich an den Abstieg. Auch jetzt dachte er nicht daran, den Aufzug zu benutzen. So wichtig konnte das Anliegen Jostas nicht sein.
Er brauchte eine gute halbe Stunde bis er den Fuß des Sendeturms erreicht hatte. Dann betätigte er den Öffnungskontakt für den kleinen Kontrollraum und trat ein. Weil er schon mal hier war, startete er gleich die automatische Prüfroutine.
Hmm, scheint alles in Ordnung zu sein, dachte er bei sich, als er die Kontrollergebnisse durchsah, nur hier, in Abschnitt 12, mmh …
Abschnitt 12, das war der große grüne Schaltschrank im Hintergrund des Raumes. Elftron öffnete die Türen des Schaltschrankes und sah sofort, was los war. Da war tatsächlich eine Meldung eingegangen …!
Elftron ließ die Aufzeichnung ablaufen; er verstand eigentlich kein Wort. Josta? Ich hab hier auch eine Meldung auf meinem System, ich verstehe nur nichts.
Sein Freund meldete sich sofort: Das ist auch bei mir so. Die Meldung ist verstümmelt, obwohl ich einige Begriffe verstanden habe. Ich habe die Meldung aber gespeichert und bringe sie in die Zentrale.
Gut, Josta, ich komme auch zur Zentrale.
Der Weg zur Zentrale war weit. Für die 400 Kilometer würde Elftrons Hubschrauber gut zwei Stunden brauchen. Als die Rotorblätter die vorgeschriebene Drehzahl erreicht hatten, hob Elftrons Hubschrauber ab.
In der Zentrale wartete man schon ungeduldig auf die Ankunft der beiden Techniker. Guhria Panklott, Professorin für altterranische Sprachen und Häba Plok-Wirrenweis, Leiterin des Instituts für Linguistik an der Universität Dormagen waren sofort gekommen, als die Zentrale sie von der Meldung Josta Gregors informiert hatte.
Sie waren fasziniert von dem Gedanken, dass es erstmalig möglich sein sollte, eine Meldung unbekannter Herkunft zu hören. Beide hatten ihre Assistenten und umfangreiche Gerätschaften mitgebracht, die sie bei der Analyse des Funkspruchs unterstützen sollten.
Als Elftron Meyer eintraf, stürzten sie sich auf ihn. Doch Elftron winkte ab; man würde auf Josta warten müssen. Nur Josta hatte die Meldung original vom Empfangssystem kopiert, seine sei nur eine simple akustische Aufnahme.
Nach einer Stunde traf Josta endlich ein und überspielte seine Aufnahme auf die Analyse- Systeme der Wissenschaftler. Schon beim ersten Hinhören wurde Häba Plok-Wirrenweis sichtlich nervös. Das ist Alt-Terranisch, da bin ich mir ganz sicher
, sagte sie aufgeregt, ich kenne jedes Wort dieser Sprache. Es ist nur deswegen nicht verständlich, weil viele Worte fehlen. Die Meldung ist nicht vollständig!
Es war nicht mehr auf dem Empfänger
, wies Josta den unausgesprochenen Vorwurf zurück.
Kanold Bruzz, der technische Leiter der Zentrale, mischte sich in die beginnende Diskussion ein: Wichtig ist doch wohl auch, woher dieser Funkspruch kam. Nach der Auswertung unserer Systeme jedenfalls nicht von Paradies-Europa!
Entsetzt drehten sich die Wissenschaftler zu ihm um. Woher denn sonst? Außerhalb von Paradies-Europa gibt es kein Leben!
Na ja
, Kanold Bruzz zögerte mit der Antwort, wie Sie ja wissen, liegen die beiden Fernsehsender 1.000 Kilometer auseinander und da konnten wir eine Kreuzpeilung machen, um die Richtung festzustellen, aus der die Sendung kam. Wir haben zwei Techniker los geschickt, um die erste Messung, die wir von hier aus gemacht haben, noch einmal zu überprüfen. Aber wenn es sich bestätigt, dann …
Was dann?
, unterbrach ihn Guhria Panklott.
Dann ist der Sender 480.000 Kilometer von uns entfernt. Die Sendung kam aus dem Weltraum!
Gleich platzt sie, dachte Elftron, als die Gesichtsfarbe der Professorin ein dunkles Rot angenommen hatte. Un – mög – lich!
, keuchte diese.
Im gleichen Augenblick schien Kanold Bruzz eine Information über sein Funkgerät zu bekommen. Er nickte: Die Kreuzpeilung über die Empfänger vor Ort hat es bestätigt. Der Sender befindet sich im Weltraum. Die genaue Entfernung beträgt 474.000 Kilometer.
Häba Plok-Wirrenweis hatte sich als Erste gefangen und sagte: Spielen Sie den unbekannten Funkspruch bitte noch einmal vor.
… lfe …itte… di T … uft um Hilf …ich einer … schiff lahmgele … hallo
Nachdenklich meinte die Professorin: Wenn der Sender wirklich so weit weg ist und ich die Wortfetzen richtig deute, dann ist da draußen jemand, dessen Funkgerät defekt ist und der dringend Hilfe braucht!
Strahlend hell, vom Licht umspielt, steht das Schiff in goldnem Glanz.
Genau an diese Zeile des berühmten Liedes erinnerte sich Omker Wanitwro, als er die EUROPA VII auf der Startrampe sah. Die beiden Astronauten saßen längst in ihren Kontursitzen und alle Kontrollen standen auf Grün. Omker Wanitwro konnte das Startkommando beruhigt geben.
Das Brüllen der Feststoffraketen und das Donnern des Haupttriebwerks waren bis in seinen Kommandostand zu hören. Gemächlich gewann die EUROPA VII an Fahrt und schob sich in den grünen Himmel hinein.
Genau zwei Wochen war es her, da hatte sein kleiner Stab den Auftrag erhalten, kurzfristig einen bemannten Raumflug vorzubereiten.
Eine ungeheure Hektik war ausgebrochen; in Tag- und Nachtarbeit hatte man die EUROPA VII startklar gemacht. Zum Glück war in einem halben Jahr eine Expedition zur Raumstation MICH geplant gewesen, sodass man wenigstens auf trainierte Raumfahrer zurückgreifen konnte.
Heute morgen hatte die EUROPA VII ihre Haupttriebwerke gezündet und die Umlaufbahn um Paradies-Europa verlassen. Der Flug zu jenem imaginären Punkt, von dem der Hilferuf gekommen war, würde insgesamt 2 Tage beanspruchen. Tleko Samran und Flora Soft machten es sich in der engen Kabine des Raumschiffs so bequem wie möglich. Genau 23 Stunden werden wir noch brauchen, liebe Flora
, sagte er zu seiner Kollegin neben ihm.
Danke, Tleko. Ich werde mal versuchen, ob ich mit dem Fernrohr schon etwas erkennen kann
, antwortete sie und ging vorsichtig nach hinten.
Tleko Samran kontrollierte noch einmal alle Instrumente und lehnte sich zurück. Der Start und die Berechnungen für das Beschleunigungsmanöver hatten ihn so geschlaucht, dass er jetzt eine Mütze voll Schlaf brauchen konnte.
Seine Kollegin richtete das Fernrohr auf den imaginären Punkt im Weltraum, wo das fremde Objekt zu finden sein musste. Sie hoffte etwas zu erkennen, das man von den Observatorien des Planeten aus nicht hatte erkennen können, weil die Lufthülle von Paradies-Europa zu dicht war.
Tleko! Tleko, komm sofort her, das musst du dir ansehen!
, rief sie. Tleko, der gerade eingenickt war, schreckte hoch. Mühsam löste er die Gurte und hangelte sich zu seiner Kollegin hinüber.
Wortlos überließ sie ihm den Blick durch das Fernrohr. Tleko justierte die Optik neu und sah hindurch: Oh Mann. Das müssen wir sofort nach unten durchgeben.
EUROPA VII an Basis. Fremdes Objekt geortet. Es ist kein Asteroid oder ein anderes natürliches Objekt. Ich wiederhole, es ist kein natürliches Objekt. Seht selbst.
Flora Soft hatte die Kamera ausgerichtet und auf höchste Vergrößerung eingestellt. In der Bodenstation würde man es jetzt auch sehen. Das Objekt, von dem der Hilferuf gekommen war, war eindeutig künstlicher Natur.
Ich wage die Behauptung, dass das dort ein Raumschiff ist. Und es kommt nicht von Paradies-Europa
, sagte Flora in das Mikrophon. Sie konnte sich vorstellen, was jetzt da unten los war. Ein fremdes Raumschiff! Wo man sich doch so sicher war, dass es nie zu einer solchen Begegnung kommen würde, selbst wenn es außerhalb von Paradies-Europa Leben geben sollte. Dazu waren die Entfernungen viel zu groß und die erreichbaren Geschwindigkeiten viel zu gering. Die Geschwindigkeit des Lichts war die absolute Grenze und der nächste Stern war 28 Lichtjahre entfernt. Und jetzt trieb da ein Raumschiff quasi vor ihrer Haustüre.
Die ganze Bevölkerung von Paradies-Europa saß vor den Fernsehern, als die EUROPA VII das fremde Objekt erreichte. Milliarden von Augenpaaren konnten die Annäherung verfolgen. Das Raumschiff war riesig. Vorsichtig näherte sich Tleko Samran dem Schiff. In seinem Raumanzug wirkte er wie eine dormagenaische Fliege vor einem mächtigen Abruzzenfels. Jeden seiner Atemzüge konnte man auf dem Planeten deutlich hören.
Da ist was. Sieht aus wie eine Luke
, keuchte er, es gibt auch so etwas wie einen Hebel. He, Ihr da unten, seid Ihr sicher, dass dieses Raumschiff nicht doch von uns ist? Es sieht alles so vertraut aus.
Die Bodenstation verneinte energisch. Selbst in den uralten Aufzeichnungen war nie von derart riesigen Raumschiffen die Rede gewesen. Mit welchem Treibstoff hätte man eine so große Masse auch in die Umlaufbahn bringen sollen.
Tleko Samran bewegte den Hebel. Leicht schwang der Lukendeckel nach innen. Tleko schwebte hinein und schloss die Luke hinter sich. Die Funkverbindung brach ab.
Das Material dieses Raumschiffs verhindert den Durchgang von Funkwellen
, murmelte Tleko, als er in der kleinen Kammer stand. Er sah sich um. Hinten gab es einen weiteren Durchgang. Eine Schleuse also
, grinste er und versuchte mit dem Handrad die innere Türe zu öffnen.
Es ging nicht. Tleko suchte nach einem Hinweis und tastete die Türe ab. Dahinter klang es hohl. Tleko stutze, etwas klang hohl? Im luftleeren Raum? Er wartete ab. Wieder versuchte er die innere Türe zu öffnen und auf einmal ging es.
Das Innenschott schwang auf. Vorsichtig schwebte er in den Gang. Alles war hell erleuchtet. Tleko hielt sich an Vorsprüngen fest und schob sich weiter in den Gang hinein. Wie haben sich die unbekannten Raumfahrer denn fortbewegt?, fragte er sich, als er das Fehlen von Haltestangen und Griffen bemerkte. Tleko versuchte mit den Füßen den Boden des Ganges zu erreichen. Vielleicht hafteten seine Magnetsohlen dort.
Tatsächlich schien das Material des Bodens Eisen zu enthalten, denn seine Magnetsohlen hielten ihn am Boden fest. Mit großen Schritten ging er den Gang entlang. Links von ihm war eine Treppe zu erkennen. Seine klobigen Raumfahrerhandschuhe behinderten ihn zwar, aber es gelang ihm, die Treppe hinauf zu steigen. Am Ende der Treppe öffnete sich ein weiterer Gang, der mitten in das Raumschiff hinein zu führen schien. Tleko folgte dem Gang.
Nach einer halben Stunde erreichte er eine weitere Türe. Auch diese war mit einem Handrad versehen und konnte mechanisch geöffnet werden. Tleko griff energisch zu und öffnete auch diese Türe.
Dann sah er das Wesen. Es lag auf einer Liege und schien bewusstlos zu sein. Vorsichtig näherte er sich. Mein Gott, ein Terraner!, dachte er sich, als er vor dem Wesen stand, und er lebt noch! Die schwache Bewegung des Brustkorbes war gut zu sehen. Tleko berührte den Fremden an der Schulter. Nichts. Auch als er den Fremden etwas heftiger anstieß, reagierte der nicht.
Vorsichtig löste Tleko die Gurte, mit denen sich der Fremde an der Liege befestigt hatte und holte den leichten Raumanzug hervor, den er mitgenommen hatte. Da es fast keine Schwerkraft gab, fiel es ihm leicht, dem Fremden den Raumanzug überzustreifen. Mit einem kräftigen Ruck arretierte Tleko den Helm. Jetzt kam es darauf an, dass der Fremde das Sauerstoffgemisch von Paradies-Europa vertrug. Wenn nicht, war ihm nicht mehr zu helfen. Doch der Fremde atmete weiter.
Mühsam hatte es Tleko geschafft, den Fremden bis in die Schleuse zu transportieren. Nachdem er die Innentüre verriegelt hatte, wartete er ab. Etwa nach 5 Minuten konnte er das Außenschott tatsächlich öffnen. Irgendetwas Automatisches, dachte er sich, als er den Körper des Fremden behutsam durch die Luke schob. Sofort setzte der Funkverkehr wieder ein. Aufgeregte Rufe erreichten ihn. Er beachtete sie jedoch nicht. Jeder konnte ja sehen, was er da mitbrachte.
Über die Sicherungsleine hangelte er sich zu seinem Schiff zurück.
Als die EUROPA VII auf der Landebahn in der Nähe der Basis aufsetzte, war der Fremde immer noch ohne Bewusstsein. Sie schafften ihn in die nahe Klinik, wo schon alles vorbereitet war, um ihm zu helfen.
Dr. Hilius legte die Röntgenaufnahme zur Seite und wandte sich Präsident Klim Huga zu, der auf erste Ergebnisse wartete.
Zum Glück war es gelungen, die Presse zurückzuhalten, sodass nur Präsident Huga im Untersuchungsraum anwesend war.
Also, verehrter Präsident. Zuerst einmal das Wichtigste, der Patient ist nicht schwer verletzt. Soweit ich das beurteilen kann, wird er weiterleben und bald aufwachen. Die Atmosphäre unseres Planeten scheint er gut zu vertragen.
Etwas ist jedoch sehr außergewöhnlich.
Zur Erklärung muss ich etwas ausholen. Wie Sie wissen, unterscheiden sich alle Terraner von Paradies-Europa leicht in ihrem inneren Körperaufbau. Es gibt beispielsweise Terraner mit allen möglichen Formen des Brustkorbes. Angefangen von Brustplatten mit kleinen Rippenansätzen bis hin zu Brustplatten mit ausgeprägten Rippen.
Doch dieser Fremde hat keine Brustplatte, sondern nur Rippen.
Seine inneren Organe unterscheiden sich nur wenig von unseren. Aber es gibt diese Unterschiede.
Ich kann mit Sicherheit sagen, dass dieser Fremde mit uns verwandt ist. Aber er ist irgendwie reinrassiger, wenn Sie gestatten.
Präsident Huga nahm die letzte Bemerkung des Chefarztes räuspernd zur Kenntnis: Aber er ist ein Terraner?
Ja
, antworte der Arzt.
Dann wecken Sie ihn bitte! Ich möchte mit ihm reden
, sagte der Präsident.
Dr. Hilius erhöhte den Sauerstoffanteil am Beatmungsgerät und wartete ab. Im gleichen Augenblick sah er die Kameramänner verschiedener Fernsehsender hinter der Glasscheibe auftauchen. Gierig richteten sie ihre Objektive auf den Fremden und klebten die Mikrofone an die Glasscheibe, um nichts zu verpassen.
Oh Mann, was für ein Horror! Die Schmerzen sind weg. Gut. Scheint so, als wäre ich gerettet. Auf dem Schiff bin ich jedenfalls nicht mehr. Viele Stimmen sind um mich herum. Aber wo bin ich gelandet?
Der Fremde öffnete seine Augen und Milliarden von Terranern auf dem Planeten Paradies-Europa hörten die ersten Worte eines Lebewesens, das nicht von ihrem Planeten stammte: Mein Name ist Boris Walter. Ich komme von der Erde und ich bin auf der Suche nach den verlorenen Terranern …
Boris hatte sich schnell an das Leben auf Paradies-Europa gewöhnt. Man reichte ihn herum und behandelte ihn überall wie einen Ehrengast. Wo er auch hinkam, überfiel man ihn mit Fragen und in der Talkshow des größten Fernsehsenders auf Paradies-Europa hingen die Zuschauer geradezu an seinen Lippen. Boris, der eigentlich schweigsame Russe, saß gelassen in seinem Sessel neben Präsident Huga und beantwortete die Fragen des Moderators.
Woher wissen Sie, dass dies die Galaxis TRESOR ist?
Na ja, ich denke es mir. Als ich in die Falle flog und wieder zu mir kam, war mein Raumschiff tot. Es gab keinen Hyperraum mehr, alle 5D-Geräte waren ausgefallen. Das ist meines Wissen nur in der Galaxis TRESOR der Fall. Meine Freunde und ich haben sie übrigens so genannt.
Stimmt es wirklich, dass der Weltraum voll von Leben ist; gibt es wirklich Hunderte von bewohnten Planeten?
In dieser Galaxis: keine Ahnung; in der Milchstraße und ihren Nachbargalaxien gibt es sicherlich einige Millionen bewohnte Planeten.
Und man kann schneller fliegen als das Licht?
Im Normalraum wohl nicht. Man muss schon den Umweg über den Hyperraum nehmen.
Und Ihr Schiff kann das?
Ja, wenn die Raumstruktur in Ordnung ist, d.h. wenn es einen Hyperraum gibt, dann kann dieses Schiff millionenfache Lichtgeschwindigkeit erreichen. Unsere Heimat könnten wir bequem in einigen Wochen erreichen …
Unsere Heimat?
, unterbrach ihn der Moderator. wollen Sie damit sagen, dass auch wir einst aus der Milchstraße kamen?
Hat Ihnen das noch Keiner gesagt? Ja, Sie stammen auch aus der Milchstraße. Der Exodus der Terraner hat vor 50.000 Jahren stattgefunden. Unbekannte Mächte haben die Terraner damals aus ihrer Heimatgalaxis vertrieben und hier eingesperrt …
Der losbrechende Trubel war unbeschreiblich. Ein aufgeregter Redakteur mit puterrotem Gesicht lief händeringend durch den Raum und rief: Wir mussten abschalten; bei uns laufen die Telefone heiß. Was haben Sie bloß angerichtet!
Hallo Herr Walter, wie fühlen Sie sich heute?
, fragte Dr. Hilius bei der morgendlichen Visite.
Schon besser, körperlich jedenfalls. Wie's bei mir drinnen aussieht …, ach fragen Sie lieber nicht
, antwortete Boris.
Dr. Hilius nahm sich einen Stuhl und setzte sich neben seinen prominenten Patienten. Er blätterte die Untersuchungsergebnisse durch und sagte: Sie haben einen schweren Schock erlitten, der Sie körperlich an den Rand des Todes gebracht hat. Wäre keine Hilfe eingetroffen, hätten Sie in Ihrem Raumschiff nicht mehr lange zu leben gehabt. Jetzt sind Sie wieder gesund, soweit wir das hier beurteilen können.
Gesund und gestrandet. 20 Millionen Lichtjahre von zu Hause entfernt. Und keine Ahnung, ob es meinen Freunden je gelingen wird, uns hier abzuholen.
Der Arzt war nachdenklich geworden und sagte: Ich glaube nicht, dass wir hier weg wollen. Ihre Erzählungen in der Talkshow, letzte Woche, haben die Terraner sehr beeindruckt. Aber nach den aktuellen Umfragen sieht es so aus, als ob die überwiegende Mehrheit hier bleiben will, in unserer Heimat. Wir haben diesen Planeten besiedelt, hier sind wir geboren worden, hier haben wir unsere Heimat. Die Milchstraße ist weit. Wenn Ihre Freunde kommen, werden wir sie herzlich empfangen. Seien Sie bitte solange unser Gast.
Boris traf Omker Wanitwro in dessen Büro auf dem Raumhafengelände, wo die Fäden für den nächsten Start der EUROPA VII zusammenliefen.
Ich habe mir euer Schiff genau angesehen. Auch bei uns auf der Erde gab es so etwas. Die Amerikaner hatten Spaceshuttles, die genau wie die EUROPA als Rakete starteten und als Flugzeug landeten. Auch in Russland ist so etwas entwickelt worden; ist nur nie geflogen. Euer Schiff ist perfekt; ich weiß, was ich sage, denn ich kannte sowohl die amerikanische wie auch die russische Technik.
Und du meinst, wir können deine MOLOKKO bergen?
, antwortete Omker.
Mal sehen, was sich machen lässt und was da oben noch ohne 5D-Technik funktioniert. Ich war einfach zu fertig, um die MOLOKKO allein in Bewegung zu setzen. Aber mit Eurer Hilfe? Mal sehen, was noch geht.
Boris trug einen Raumanzug aus paradies-europäischer Fertigung über seinem SERUN, als er sich in seinem Kontursitz festschnallte. Auf den SERUN wollte er nicht verzichten, obwohl an dem Anzug nicht viel funktionierte.
Mit ihm in der kleinen Kabine der EUROPA VII waren noch sechs Terraner: Tleko Samran und Flora Soft, die schon den ersten Flug zur MOLOKKO mitgemacht hatten und vier Techniker aus dem Stab von Omker Wanitwro.
Der Start war heftig, aber die Belastung war für Boris durchaus nicht ungewohnt. Während seiner Ausbildung zum Kosmonauten hatte er härtere Starts durchmachen müssen. Nur die vier Techniker hatten große Probleme mit dem hohen Andruck beim Start und der anschließenden Schwerelosigkeit.
Sechs Mal umrundete die EUROPA VII den Planeten, bevor sie auf Kurs ging. Boris hatte genug Zeit, die Schönheiten des Planeten zu bewundern. Er verstand ein wenig, warum der überwiegende Teil der Terraner lieber hier bleiben wollte. Aber wenn es einmal wieder einen Hyperraum gibt, werden sie Besuch und damit auch Probleme bekommen, dachte er, und dann ist es mit der friedlichen Isolation vorbei.
Über die Rettungsluke, die Tleko Samran zuletzt benutzt hatte, waren sie in die MOLOKKO eingedrungen und schnell zur Zentrale vorgedrungen. Aber ohne die Anwesenheit von KATHARINA, dem Bordcomputer, wirkte das TERRA-Schiff öde und leer. Boris wusste, dass KATHARINA als Bordcomputer noch existierte, aber ohne 5D-Technik war sie wohl nicht in der Lage, in menschlicher Gestalt zu erscheinen.
Er aktivierte das Terminal in der Zentrale, auf dem KATHARINA ihm bei ihrer Ankunft die Nachricht übermittelt hatte: KATHARINA, ich bin wieder hier und habe Hilfe mitgebracht.
Auf dem Bildschirm erschien statt einer Antwort nur ein Hinweis: Sprachausgabe. Tatsächlich konnten sie kurz darauf KATHARINAS Antwort hören:
Hallo Boris, guten Tag, liebe Gäste. Ich bin noch aktiv, aber durch das Fehlen höherdimensionaler Energien in meiner Leistungsfähigkeit erheblich eingeschränkt. Das gilt auch für das Schiff. Übrigens gibt es auch eine Spracheingabe am Terminal 7.
Boris ging zu Terminal 7 hinüber und sprach dort in ein Mikrophon: KATHARINA, können wir dieses Schiff auf Paradies-Europa landen?
Ja, das ginge vielleicht, aber ich denke, wir haben eine andere Aufgabe. Auf dem vierten Planeten dieses Systems ist ein Raumschiff notgelandet. Ich habe einen Impuls im Ultrakurzwellenband empfangen, der offensichtlich von einem automatischen Sender abgestrahlt wird.
Wir kennen einen solchen Impuls
, warf Flora Soft ein, alle 3 Tage empfangen wir ihn auch auf Paradies-Europa. Unsere Wissenschaftler haben jedoch herausgefunden, dass es sich um ein natürliches Phänomen handeln muss.
Da irrt Ihr euch. Es handelt sich um einen Impuls von nur 2 Sekunden Dauer, der in einer Sonderform des alten terranischen Flottencodes codiert ist.
Kannst du ihn entziffern?
, fragte Boris.
Ja, er lautet: Die schlafende Königin ruft ihr Volk.
Die Terraner in der Zentrale von Boris' Schiff schauten sich betreten an. Boris merkte gleich, dass etwas nicht stimmte. Ihr wisst etwas?
, sprach er sie an, was ist mit der schlafenden Königin?
Nachdem sie sich leise beraten hatten, trat Flora Soft vor und sagte: Ja, in unseren uralten Aufzeichnungen gibt es Hinweise auf die schlafende Königin. Diese Hinweise sind allerdings aus den offiziellen Geschichtsbüchern entfernt worden. Nur unsere Regierung, einige Wissenschaftler und die Leute, die mit Raumfahrt etwas zu tun haben, kennen den Begriff noch. Ich bin zum ersten Mal damit konfrontiert worden, als ich nachgefragt habe, warum man keine Expedition zu Linda, dem 4. Planeten unseres Systems unternimmt. Man hat mich dann zur Seite genommen und mir folgende Geschichte erzählt.
In grauer Vorzeit, lange bevor die Zivilisation auf Paradies-Europa ihre heutige Blüte erreicht hatte, regierte der Roboter der Königin Linda unseren Planeten.
Unter ihrer Regentschaft wurde die technische Entwicklung vehement vorangetrieben. Die ganze Bevölkerung arbeitete an einem Projekt, dem Königin Linda den Namen Tiefe
gegeben hatte. Viel ist über dieses Projekt nicht mehr bekannt, aber alle Terraner arbeiteten Tag und Nacht direkt oder indirekt daran. Trotz gigantischer Anstrengungen kam man jedoch nicht weit. Als Königin Linda weitere Anstrengungen forderte, regte sich heftiger Widerstand. Damals war die Versorgung der Bevölkerung schlecht geworden und der Lebensstandard war rapide gesunken, weil alle an dem Projekt arbeiteten, selbst die ehemaligen Landwirte und Viehzüchter.
Eine kleine Gruppe von Oppositionellen wagte es schließlich, offen vor den Roboter der Königin hinzutreten und das sofortige Ende des Projektes Tiefe
einzufordern. Sie sollen es nicht überlebt haben, erzählt man sich.
Aber letztlich ist es doch gelungen, den Roboter zu vernichten. Wie das geschah und wer die Rebellion damals angeführt hat, ist nicht überliefert.
Es ist außerdem festgehalten worden, dass Königin Linda nie den Planeten betreten hat. Seit Tausenden von Jahren ruft sie ihr Volk.
Hmm
, sagte Boris nachdenklich, mir kommt da eine Idee. KATHARINA, erinnerst du dich an die Worte, die auf der Tafel standen? Auf diesem merkwürdigen Planeten mit dem verrückten Volk, wo jeder glaubte, eine Uhr zu sein?
Katharina antwortete:
Ja, die Inschrift lautete: Ich kann nicht länger auf Tek warten. Er ist seit 4 Wochen überfällig. Ich merke, wie ich mich verändere. Ich muss sofort hier weg. An alle, die das hier lesen:
Der Planet macht einen verrückt. Der einzig sichere Weg hier heraus führt über Punta Negra. Punta Negra ist das stabile schwarze Loch, das die Sonne im Abstand von 2 Lichtwochen umkreist. Es führt in die letzte bekannte und funktionierende schwarze Sternenstraße in der Galaxis. Die automatische Station lässt jedes Schiff durch. Tek hat das schon mehrfach ausprobiert, der Weg ist sicher. Der Hyperraum nicht, starke Verzerrungen der Raumzeit machen jeden Flug zu einem Risiko.
Und die, die das geschrieben hat, ist in die gleiche Falle gegangen, wie ich. Wahrscheinlich ist sie dann auch hier herausgekommen. Dann war das also Dao-Lin-H'ay, die Gefährtin von Ronald Tekener, diese Kartanin! Sie soll auch einen dieser Unsterblichkeitschips besessen haben
, murmelte Boris, das erklärt alles. Ihr hohes Alter und ihr Streben, über das Projekt Tiefe hier wieder weg zu kommen.
Seine sechs Begleiter waren ruhig geworden. Flora Soft fragte leise: Und jetzt willst du sicher zu diesem toten Planeten und die schlafende Königin wecken? Damit sie wieder Unglück über unseren Planeten bringt? Wir haben die Rufe gehört, aber alle, die zu den Wissenden gehörten oder gehören, waren sich einig: Die schlafende Königin darf nie von uns geweckt werden!
Was wisst Ihr über den 4. Planeten?
, fragte Boris.
Er ist nie von uns erkundet worden. Die großen Observatorien liefern nur ein unscharfes Bild. Danach ist dieser Planet offensichtlich eine graue Steinwüste ohne Atmosphäre
, antwortete Flora.
Wenn es wirklich die Kartanin ist, die dort schläft, dann wird Sie eure Bedenken akzeptieren, wenn es mir gelingt, sie zu wecken
, versuchte Boris seine Begleiter zu beruhigen, außerdem weiß ich nicht, ob wir zum 4. Planeten kommen. KATHARINA, ist ein Beiboot funktionsklar?
Nein Boris, die Beiboote sind in Kompakten Feldern gelagert. Ohne 5D-Technik funktioniert das nicht. Die Boote bleiben so klein, wie sie jetzt sind. Du passt da jedenfalls nicht hinein …
Häh, spielst du auf meine Körpermaße an? Das sind alles nur Muskeln! Aber sag mal, kann die MOLOKKO zum 4. Planeten fliegen?
, antwortete Boris.
Dieses Schiff verfügt über Impulstriebwerke und leistungsfähige Notaggregate zur Energieversorgung. Wenn Ihr mit der Energie sparsam umgeht, reicht sie für Flüge innerhalb dieses Sonnensystems durchaus aus. Bei der Steuerung des Schiffes sollten die Terraner von Paradies-Europa allerdings ein wenig helfen.
Nachdem die Astronauten von Paradies-Europa ihre grundsätzlichen Bedenken gegen einen Anflug auf den 4. Planeten zurückgestellt hatten, hatten sie sich mit den verschiedenen Handsteuer-Möglichkeiten auf der MOLOKKO vertraut gemacht.
Langsam nahm das große Schiff Fahrt auf. Bis zur Annäherung an Linda, den 4. Planeten, war noch genug Zeit, diesen Planeten mit Hilfe der Orter genauer zu untersuchen. Durchmesser ungefähr 3.000 Kilometer, keine Atmosphäre, überwiegend flach
, gab Answir Kottenbirg durch, der die Ortungsanlagen bediente.
Und grau ist er, der Planet
, antworte Boris, der ebenfalls durch ein Fernrohr gesehen hatte. KATHARINA meldete sich:
Erreichen Umlaufbahn um Linda in 5 Stunden.
Als die MOLOKKO die erste Umkreisung um Linda beendet hatte, wusste man mehr: Der Planet hatte einen Durchmesser von ziemlich genau 3.000 Kilometern. Trotz der fehlenden Atmosphäre konnten keine Einzelheiten auf der Oberfläche entdeckt werden. Auch als die MOLOKKO eine niedrigere Umlaufbahn wählte, war nichts zu erkennen. Nachdem KATHARINA den mutmaßlichen Standort des Notsenders berechnet hatte, warteten alle gespannt, bis sie die entsprechende Region überflogen. Doch so sehr sie sich auch anstrengten, dort unten war Nichts.
KATRHARINA, reichen unsere Energiereserven für eine Landung und für einen späteren Start?
, fragte Boris.
Ja.
Gut, dann lande bitte dort, wo du den Notsender vermutest.
Die Impulstriebwerke der MOLOKKO gaben den erforderlichen Gegenschub und das Schiff näherte sich langsam der Oberfläche des Planeten. Noch 200 Meter, noch 100 Meter
, meldete Answir Kottenbirg, noch 50 Meter …
Merkwürdiger Planet
, murmelte Boris, so ein ödes Ding hab ich ja noch nie gesehen.
Noch 10 Meter, noch 5 Meter, Ladung … jetzt!
Alle warteten auf das Aufsetzen des Schiffes, doch nichts geschah!
Wir sinken ein
, rief Flora Soft entsetzt und tatsächlich versank die 500 Meter durchmessende MOLOKKO im Boden des Planeten. Boris wollte gerade KATHARINA fragen, warum der Bordcomputer keinen Gegenschub gegeben hatte, als er es sah: Die Oberfläche des Planeten war nur eine Illusion gewesen oder ein anderer technischer Trick; es gab überhaupt keinen Planeten! Stattdessen schwebte eine riesige runde Scheibe vor ihnen im Weltraum. Ihr Durchmesser betrug fast genau 2.000 Kilometer, ihre Dicke 1,5 Kilometer.
Das Ding ist eindeutig künstlich
, sagte Boris, nachdem er sich von dem Schock erholt hatte. Vorsichtig ging die MOLOKKO näher heran. Schon aus größerer Entfernung konnten sie einzelne Aufbauten und Türme erkennen sowie ebene Flächen, die offensichtlich Landeplätze für Raumschiffe waren. Alle Landeplätze waren leer; nur auf einem kleinen Feld neben dem zentralen Turm war ein Raumschiff zu sehen.
Es handelt sich um einen leichten Kreuzer terranischer Bauart, Durchmesser 120 Meter, gab KATHARINA bekannt.
Quatsch, solche Dinger haben wir nie gebaut
, widersprach Tleko Samran heftig.
Na gut. Alt-terranischer Bauart.
Das Schiff von Dao-Lin-H'ay
, sagte Boris andächtig. KATHARINA, lande bitte dicht daneben.
Ist das nicht zu gefährlich?
, hielt Flora Soft ihm entgegen.
Nein, Flora, wenn diese riesige Scheibe über Waffensysteme verfügt, dann funktionieren die auch nur auf 5D-Basis, genau wie die Waffen der MOLOKKO.
Als die MOLOKKO gelandet war, verließen Boris und Tleko Samran das Schiff und näherten sich dem alten terranischen Kreuzer. Da die Bodenschleuse offen stand, hatten sie keine Probleme in das Schiff einzudringen. Lediglich der Aufstieg über die Notleiter machte Boris etwas zu schaffen. Im Inneren gab es Nottreppen, die zur Zentrale im Zentrum des Schiffes führten; der zentrale Antigravschacht funktionierte natürlich ebenso wenig wie alle anderen Geräte auf 5D-Basis.
Ziemlich außer Puste kamen sie oben an. Immerhin hatten sie fast 60 Höhenmeter zu überwinden gehabt und das bei einer Schwerkraft von vielleicht 0,7 Gravos.
Die Zentrale war mit einem Doppelschott gesichert. Nachdem sie das erste Schott mittels eines Handrades geöffnet hatten, erkannten sie, dass sie sich im Inneren einer Luftschleuse befanden. Erst als sie das äußere Schott geschlossen hatten, ließ sich das Innenschott bewegen. Über die Außenlautsprecher ihrer Raumanzüge konnten sie die ersten Geräusche vernehmen. Es gab also Luft in der Zentrale. Vorsichtig schoben sie sich durch den Spalt des Innenschottes. In der Zentrale hörten sie das leise Brummen von Energieerzeugern und es gab Licht. Doch dieses Licht diente nur einem Zweck: Es beleuchtete den gläsernen Sarkophag, der mitten in der Zentrale stand und zu dem zahlreiche Schläuche und Kabel führten …
Zögernd ging Boris näher heran, Tleko Samran war zurückgeblieben. Sofort erkannte er das Wesen, das in dem gläsernen Sarkophag lag: Dao-Lin-H'ay, die Kartanin!
Trotz der Schläuche, die ihren Körper mit einem Lebenserhaltungssystem verbanden, konnte Boris sofort erkennen, dass die Kartanin wunderschön war. Bisher hatte er nur Holografien und Bilder gesehen, aber die Wirklichkeit übertraf alles. Der SERUN, den die Kartanin trug, betonte ihren durchaus humanoiden Körper und trotz der geschlossenen Augen fand Boris ihre katzenhaften Züge sehr ansprechend. Der Brustkorb der Kartanin hob und senkte sich ungeheuer langsam. Boris winkte Tleko Samran zu sich heran. Zögernd kam der Terraner von Paradies-Europa näher. Boris sagte: Die schlafende Königin!
Nachdem sie den Sarkophag mehrmals umrundet hatten, gaben sie die Suche nach dem Mechanismus auf, mit dessen Hilfe sie die Kartanin hätten wecken können. Tleko Samran fand jedoch etwas anderes: Eine Folie. Wie beiläufig hingelegt, lag sie auf einem Steuerpult. Tleko Samran las vor:
Ihr seid also gekommen, Menschen des Volkes vom dritten Planeten. Lasst mich schlafen. Ich habe euch großes Unrecht angetan und ich bereue es zutiefst. Mein Ziel war es, mit Eurer Hilfe einen Heimweg für uns alle zu finden. Für euch zurück in die Milchstraße, für mich in meine Heimat Hangay. Es war alles umsonst, es gibt keinen Heimweg. Selbst dieses riesige Transportschiff ist nicht in der Lage, ohne das Vorhandensein höherdimensionaler Energien zu agieren. Wie ich heute weiß, hatte es zwei Aufgaben: Es hat euer ganzes Volk damals hierhin gebracht und es diente und dient als Empfangsstation für die Falle, in die ich geflogen bin.
Ich habe nicht herausfinden können, wieso eine schwarze Sternenstraße hier enden kann, wo es doch keine höheren Dimensionen gibt. Aber das Transportschiff hat mir seine Geheimnisse nicht offenbart. Es muss irgendwas mit dem zentralen Turm zu tun haben; dort gibt es auch höhere Dimensionen. Leider nur in einem engen Bereich, den ich nicht verlassen kann, weil mein spezieller Zellaktivatorchip Hyperraum braucht, um zu funktionieren. Deshalb habe ich auch den Roboter auf euren Planeten geschickt.
Lasst mich schlafen, Ihr Menschen des Volkes vom dritten Planeten. Wartet, bis es wieder Hoffnung gibt. Dank meines Zellaktivatorchips bin ich relativ unsterblich. Ich kann Tausend Jahre warten; und wenn nötig, auch viel länger …
Etwas stimmt hier ganz und gar nicht!
, schimpfte Boris, als er die Zentrale von Dao-Lin-H'ays Schiff verließ. Ich habe keine Ahnung von Hyperraum und all dem Zeugs, aber woher kommt dieses verdammte Feld, das uns einen Planeten vorspiegelt, wo gar keiner ist? Und wieso endet hier eine schwarze Sternenstraße, obwohl die doch auch höherdimensional ausgelegt ist?
Fragen über Fragen, die niemand beantworten konnte. Vielleicht hätte Dao-Lin-H'ay, die schlafende Königin, helfen können, aber er konnte sie nicht aufwecken und mit ihr das riesige Transportschiff erkunden, weil eine Sonderschaltung am Sarkophag die Erweckung erst dann zuließ, wenn wieder höherdimensionale Energien verfügbar waren.
Es war Abend geworden und sie hatten sich in der Zentrale der MOLOKKO zusammengesetzt, um ihr weiteres Vorgehen zu beraten. Die Raumfahrer von Paradies-Europa drängten auf eine sofortige Rückkehr, um mit wissenschaftlicher Verstärkung wiederzukommen. Nach ihren Vorstellungen sollte die MOLOKKO auf Paradies-Europa landen, die fähigsten Wissenschaftler des Planeten und umfangreiche Gerätschaften aufnehmen und sofort wieder zurück fliegen. Boris fragte: KATHARINA, reichen deine Notaggregate für eine solche Aktion?
Ja. Und auch ich halte eine wissenschaftliche Untersuchung der hiesigen Phänomene für angebracht, solange ich meine eigenen Kapazitäten nicht vollständig einsetzen kann.
Boris nickte. Zusammen mit den Anderen leitete er das Startmanöver ein. Die Impulstriebwerke der TERRA 3 liefen hoch. Das Schiff schüttelte sich. Früher
, grinste Boris, ging das aber leiser und sanfter ab.
Er dachte an die eigentlichen Möglichkeiten seiner MOLOKKO.
Auch viele Komponenten des Impulsantriebs beruhen auf 5D-Technik, die hier und jetzt nicht zur Verfügung steht.
Als das Schiff an Höhe gewonnen hatte, änderte Boris die Flugbahn, um das gigantische Objekt zu umkreisen. Das riesige Transportschiff, mit dem die Terraner von Paradies-Europa vor 50.000 Jahren hierhin gebracht worden waren, hatte immerhin einen Durchmesser von 2.000 Kilometern und war 1,5 Kilometer dick. Irgendwer hat planetengroße Schiffe aufgeboten, um die Terraner in die Verbannung zu transportieren. Welch ein Aufwand! Was haben die Menschen um Perry Rhodan damals verbrochen, um solch einen Aufwand zu rechtfertigen?, fragte sich Boris wieder einmal.
Doch plötzlich bremste die MOLOKKO ab und gab Gegenschub.
KATHARINA, was ist los?
, fragte Boris.
Irgendetwas war da gerade. Ich fliege zurück.
An den verschiedenen Flugmanövern ihres Schiffes konnten sie erkennen, dass die MOLOKKO irgendetwas suchte. KATHARINA hatte das Kommando übernommen und führte immer neue Flugmanöver durch. Die Astronauten schauten sich an; Flora Soft fragte: Ist das normal, dass ein Computer bei euch das Sagen hat?
Oh ja, du solltest KATHARINA erst mal erleben, wenn sie ihre volle Leistungsfähigkeit hat
, grinste Boris.
Endlich war das Schiff zum Stillstand gekommen. Auf den Bildschirmen für die Außenbeobachtung konnte Boris erkennen, dass sich die MOLOKKO um ihre Längsachse drehte.
Bingo.
Gespielt wird hier nicht; das können wir morgen Abend in der gemütlichen Kneipe in Dormagen-Stadt machen. Hauptpreis ist eines deiner kleinen Beiboote, hi hi; im Ernst, KATHARINA, was ist los?
, fragte Boris.
Statt einer Antwort erschien KATHARINA in der Zentrale. Die Raumfahrer von Paradies-Europa zuckten zusammen. Boris lächelte; er kannte die weibliche Projektion des Schiffscomputers. Schließlich hatte er sie geschaffen. Also haben wir wieder Hyperraum, KATHARINA?
Ein wenig. Und nur in einem ganz engen Bereich. Höchstens 80 Meter im Durchmesser. Ein Teil von mir liegt jetzt in diesem Bereich. Ich untersuche das noch. Moment bitte.
Ungeduldig wartete Boris auf die Untersuchungsergebnisse. Bot sich hier eine Chance?
Es handelt sich um eine Art Richtstrahl. Er geht vom zentralen Turm des Transportschiffes aus. Der Strahl hat genau 78 Meter Durchmesser. Innerhalb der röhrenförmigen Struktur des Strahles sind die Raumverhältnisse völlig normal. Ein zweiter Richtstrahl mit geringerem Durchmesser geht von den Aufbauten links neben dem Turm aus und speist den optischen Schirm, der uns den Planeten Linda vorspiegelt.
Der große Richtstrahl ist auf das Zentrum dieser Galaxis gerichtet. Ich nehme an, dass er zur Kommunikation mit einer Zentraleinheit dient. Möglicherweise gibt es in dieser Galaxis weitere Stationen, die mit dieser Zentrale verbunden sind.
Dann kann das riesige Transportschiff mit seiner Zentrale kommunizieren?
, fragte Boris.
Innerhalb dieses Kanals ist alles möglich, natürlich auch Hyperfunk. Wahrscheinlich kann die Anlage da unten noch viel mehr. Ich vermute, dass sie sogar eine Art schwarzes oder weißes Loch
projizieren kann, wenn über die Zentrale die Meldung kommt, das jemand in die Falle geflogen ist, die in der Nähe des Planeten der Verrückten aufgebaut ist.
Das heißt, die schwarze Sternenstraße wird erst aktiviert, wenn jemand in die Falle fliegt?
Es sieht so aus. Die Station in der Nähe des Planeten der Verrückten prüft wahrscheinlich, ob ein Berechtigter kommt. Wenn nicht, schaltet sie die schwarze Sternenstraße so, dass man hier herauskommt oder an einem anderen Punkt dieser Galaxis.
Oh Mann, mit welchen Mächten haben wir uns hier angelegt
, stöhnte Boris. Aber Ronald Tekener konnte die schwarze Sternenstraße doch offensichtlich benutzen, ohne hier heraus zu kommen.
Dann war Ronald Tekener ein Berechtigter. Jemand, der mit den Kräften zusammenarbeitete, die für die Vertreibung der Terraner verantwortlich waren.
Können wir diesen Richtstrahl irgendwie nutzen?
, fragte Boris aufgeregt. Vielleicht hindurch fliegen, mit einem Beiboot?
Nein, meine Beiboote haben keinen Überlichtantrieb. Und um die Frage vorweg zu beantworten, die du jetzt stellen willst: Nein, ich kann die TERRA 3 auch nicht kleiner machen. Um das Kompakte Feld zu aktivieren, müsste das ganze Schiff in dieses Feld hineinpassen. Doch bei nur 78 Metern Durchmesser befindet sich immer nur ein kleiner Teil unseres Schiffes innerhalb des Richtstrahles.
… nur 204 Lichtjahre entfernt, für kosmische Entfernungen also fast um die Ecke, war die TERRANIA, das kleine Schwesterschiff der TERRA, zum galaktischen Zentrum unterwegs.
Hätte ihr Einflug in die Galaxis M343 nur ein paar Lichtjahre weiter westlich stattgefunden, dann wäre sie hier vorbeigekommen und Boris hätte sie mit seiner MOLOKKO begleiten können. So muss die kleine Schwester der TERRA ihre Arbeit weiterhin alleine tun. 500 mal in der Sekunde greifen ihre Transpuls-Werfer nach vorn und transportieren ein Stück Weltraum zur Seite. Ihre Messungen ergeben, dass sich so eine rund 600.000 km breite Gasse öffnet, in der die Raum-Zeit-Verhältnisse normal sind.
Das Ziel der TERRANIA ist das rechnerische Zentrum des Wirkungsfeldes. Dort müsste sich das Gerät befinden, das die Veränderungen der Raum-Zeit-Struktur seinerzeit ausgelöst hat. Die Baolin-Nda vermuten, dass dieses Gerät die höheren Dimensionen innerhalb des Wirkungsfeldes quasi in sich hinein saugt
. Wenn dieser Vorgang gestoppt wird, wird sich die Raum-Zeit-Struktur wieder normalisieren.
Wegen der möglichen Aufladung dieses Gerätes mit hoch-dimensionaler Energie kann es nicht einfach vernichtet werden; die Folgen für die Galaxis TRESOR wären voraussichtlich katastrophal. Die TERRANIA wird also abwarten müssen, ob sich das schlafende Black-Hole im Zentrum von M343 aktiviert, wenn die höheren Dimensionen wieder existieren und dann versuchen, dieses Gerät dort hinein zu versetzen.
Boris Walter und seine neuen Freunde von Paradies-Europa bekamen natürlich nicht mit, was da in 204 Lichtjahren Entfernung vor sich ging. Sie saßen in der Zentrale der MOLOKKO und berieten ihr weiteres Vorgehen. Über Funk hatten sie bereits Kontakt mit dem Raumfahrtzentrum von Paradies-Europa aufgenommen. Wenn die MOLOKKO in gut 12 Stunden auf dem Planeten landen würde, würde sie einhundert der fähigsten Wissenschaftler des Planeten aufnehmen; mehr konnten es nicht sein, weil es auf dem gesamten Planeten nicht mehr als hundert Raumanzüge gab.
Mit ihren umfangreichen Gerätschaften würden sich die Wissenschaftler sofort auf die fremdartigen Anlagen des geheimnisvollen Transportschiffes stürzen …, und sie würden dabei versehentlich auch den Alarm auslösen …
Als der Abend über das Land Dormagen hereinbrach, war Dorthe Singer auf die Veranda ihres Hauses getreten und betrachtete die untergehende Sonne. Viel war passiert, in den letzten Tagen; dieser Mensch von der Erde war im Fernsehen aufgetreten und hatte seine unglaubliche Geschichte erzählt. Ihr Mann, Alfa Singer, war jetzt da oben und untersuchte das geheimnisvolle Riesenschiff, das als 4. Planet die Sonne umkreiste. Im Fernsehen hatte Dorthe Singer den Start des weißen Schiffes mitverfolgt, mit dem ihr Mann und seine Kollegen aufgebrochen waren. MOLOKKO hieß das weiße Schiff; der Name bedeutete Milch. Milch gab es auch auf Paradies-Europa; die heimischen Kühe gaben sie reichlich. Ihre Schwester Branka arbeitete in der Landwirtschaft. Manchmal brachte sie Milch mit, wenn sie zu Besuch kam.
Nachdem die Sonne untergegangen war, war Dorthe ins Haus zurück gegangen und hatte weiter Fernsehen geschaut. Irgendwann war sie eingeschlafen und so bekam sie nur den Rest der Sondermeldung mit, die gerade gesendet wurde: … in Kämpfe mit unbekannten Gegnern verwickelt. Die unbewaffneten Frauen und Männer von Paradies-Europa hatten keine Chance und sind verschwunden.
Was war geschehen?
Nachdem Boris die Wissenschaftler auf dem Transportschiff abgesetzt hatte, war die MOLOKKO wieder in den Orbit gegangen und teilweise in den Richtstrahl eingetaucht, der das Transportschiff mit einer anderen Stelle verband und in dem die Raum-Zeit-Verhältnisse normal waren. Ein Teil der Anlagen des TERRA-Schiffes war somit funktionstüchtig und KATHARINA hatte Boris sofort informiert, als auf dem Transportschiff der Alarm ausgelöst wurde. Boris war in die Zentrale gestürmt und hatte das Drama mitverfolgt.
Zunächst hatte der Richtstrahl kleine Raumschiffe ausgespuckt, die auf dem Transportschiff gelandet waren. Dann verließen Roboter die kleinen Schiffe, schwärmten aus und gingen zum Angriff über. Boris konnte sehen, wie die Wissenschaftler von Paradies-Europa zusammenbrachen und von den Robotern in die kleinen Schiffe transportiert wurden. Kurz darauf waren die kleinen Schiffe wieder gestartet, fädelten sich wieder in den Richtstrahl ein und waren kurz darauf verschwunden.
Alles war unheimlich schnell gegangen; nur eines der kleinen Schiffe war zurück geblieben. Die Roboter dieses Schiffes waren in das Schiff eingedrungen, in dem Dao-Lin-H'ay ihren ewigen Schlaf hielt und waren noch nicht wieder heraus gekommen.
Was hätte ich denn tun sollen? Die Schiffe abschießen?
Doch Boris schüttelte den Kopf und setze sich entschlossen an die Waffensteuerung …
Als der erste Roboter das alte terranische Schiff wieder verließ, trafen ihn zwei Dinge gleichzeitig: Erstens die Erkenntnis, dass man sich doch um das merkwürdige Schiff im Orbit hätte kümmern sollen und zweitens die Fernlenkrakete der MOLOKKO, die seinem robotischen Dasein ein jähes Ende machte!
Ich habe Verbindung mit dem alten terranischen Schiff aufgenommen. Die Zentrale ist jetzt verriegelt und es ist eine optische Beobachtung möglich. Die Roboter kommen nicht in die Zentrale hinein und ziehen wieder ab. Sind nur noch zwei …
Als die beiden letzten Roboter das terranische Schiff verließen, machten sie die gleichen Erfahrungen wie ihr Kollege vorhin; sowohl, als auch …
Das nun herrenlose Schiff stand jetzt einsam auf der Oberfläche des gigantischen Transporters. Die MOLOKKO verließ den Einflussbereich des Richtstrahls und landete auf der Oberfläche. Mit Hilfe einiger einfacher Roboter aus dem eigenen Arsenal schaffte es Boris, das kleine Fremdschiff an der MOLOKKO zu befestigen. Vorsichtig startete die MOLOKKO und nahm wieder ihre alte Position ein.
KATHARINA machte sich sofort an die Untersuchung des Fremdschiffes, während Boris mit Paradies-Europa Verbindung aufnahm. Er unterrichtete die Terraner über die Vorkommnisse und schloss mit der Bemerkung: Haben Sie Hoffnung; Ihre Angehörigen sind noch am Leben und ich werde alles tun, damit sie gesund zurückkehren.
Die Untersuchung des kugelförmigen Fremdschiffes gestaltete sich für KATHARINA besonders schwierig. Einerseits musste sie das Fremdschiff aus dem Richtstrahl heraushalten, damit es keine Verbindung zur vermeintlichen Zentrale aufbauen konnte; zum Anderen brauchte sie diesen Richtstrahl, um ihre hochwertigen Analysegeräte einsetzen zu können. KATHARINA löste das Problem, indem sie das Fremdschiff in einen ihrer Hangars zog und es mit verschiedenen Schutzschirmen umgab.
Nach zwei Stunden legte KATHARINA das Ergebnis vor:
Das Schiff hat einen Durchmesser von 12 Metern. Es ist aus molekülverdichtetem Stahl hergestellt, verfügt über einen ausgereiften Linearantrieb und hat nur eine einfache Steuerung. Bis auf einen einfachen Prallschirm ist keine Defensiv- oder Offensivbewaffnung vorhanden.
Ich gehe davon aus, dass dieses Fahrzeug speziell dafür konstruiert wurde, um innerhalb des Richtstrahles
operieren zu können; außerhalb dieses Feldes kann es nur kurze Strecken mit Hilfe eines einfachen Impulsantriebes zurücklegen.
Und wenn es noch mehr von diesen Hyperkanälen gibt, dann haben wir hier sowas wie eine galaktische U-Bahn?
, fragte Boris.
So könnte man sagen. Der Hyperkanal scheint ein reines Transportmedium für die kleinen Kugelschiffe zu sein; es gibt einen Leitstrahl für die Steuerung und ein Bündelfeld für die Kommunikation.
Ich wollte schon immer mal wieder U-Bahn fahren.
Das dachte ich mir. Deshalb habe ich einige kleinere Einbauten vorgenommen, die eine Steuerung durch einen Menschen ermöglichen. Für den Notfall verfügst du außerdem über einen leichten Paratron-Schirm und eine kleine Doppelpuls-Kanone. Außerdem habe ich ein Hyperfunkgerät eingebaut, mit dem du mit mir Verbindung aufnehmen kannst, solange du dich innerhalb des Hyperkanalsystems befindest. Ach ja, noch was: Lass dir eine gute Geschichte einfallen, wenn du mal nach einem Fahrschein, oder so, gefragt wirst …
Nachdem KATHARINA ihn in die Bedienung des kleinen Kugelschiffes eingewiesen hatte, nahm Boris in der improvisierten Zentrale Platz. Er startete den Impulsantrieb und verließ den Hangar der MOLOKKO. Vor ihm war der Hyperkanal auf einem Bildschirm als hellgrüne Röhre dargestellt. Boris lenkte das Schiffchen hinein und besah sich die Tasten, die neben dem Bildschirm waren. KATHARINAS Roboter hatten Schildchen für die festgestellten oder vermuteten Funktionen aufgeklebt. Er drückte auf die Taste, auf der Nächste Station
stand und spürte, wie sich der Antrieb aktivierte und das kleine Schiff beschleunigte. Von dem Eintritt in den Linearraum bekam Boris nicht mehr viel mit; lediglich die Sterne außerhalb des Hyperkanals begannen zu verschwimmen. Die Reise mit der galaktischen U-Bahn konnte beginnen …
Die nächste Station war nach 8 Stunden erreicht. Bevor Boris den Hyperkanal verließ, ließ er den Pikosyn seines SERUNS die Entfernung zu seinem Ausgangspunkt anhand der Sternverschiebungen errechnen. Das Ergebnis überraschte ihn; fast 8.000 Lichtjahre.
Immerhin 1.000 Lichtjahre pro Stunde! Das ist ein verdammt guter Wert. So etwas bräuchten wir in der Milchstraße auch
, murmelte Boris, als er sich die Umgebung seiner Zielstation ansah. Als Bahnhof diente hier ebenfalls ein gigantisches Transportschiff mit dem zentralen Turm, wie er es schon im System von Paradies-Europa gesehen hatte.
Der Pikosyn meldete sich: Dieses System hat vier Planeten. Der zweite Planet ist bewohnt. Aufgefangene Funkwellen im UHF-Band deuten auf einen hohen technischen Standard hin, vergleichbar mit Paradies-Europa.
Das Transportschiff ist energetisch tot; es gibt keine Hinweise darauf, dass hier eine Station der Roboter existiert, die die Terraner von Paradies-Europa entführt haben.
Dann haben wir hier nichts verloren
, knurrte Boris und drückte die Taste mit der Aufschrift Zentraler Knotenpunkt
. Die galaktische U-Bahn ruckte an und nahm Fahrt auf …
Ich bin auf der Flucht. Mein Raumschiff, die KREUZ-ASS rast mit maximaler Geschwindigkeit durch den Hyperraum. Gestern habe ich den Rand der Milchstraße passiert und die Milchstraße, meine Heimat, hinter mir gelassen. Für immer? Ich weiß es nicht, denn für einen Unsterblichen hat der Begriff immer einen sehr merkwürdigen Beigeschmack.
Ich denke über die letzten Wochen nach. Alles war so verdammt schnell gegangen! Auf einmal waren die Terraner wieder da! Nicht das große Volk, das seit 50.000 Jahren in M343 lebt und auch nicht ihre Führer, Perry Rhodan und Reginald Bull …, nein, ein paar unerfahrene Menschen von der Erde waren plötzlich aufgetaucht und hatten dem Kaiserreich innerhalb kürzester Zeit derart heftige Schläge versetzt, dass ein Zusammenbruch des Reiches nicht mehr aufzuhalten war. Und NATHAN, der Supercomputer auf dem Erdmond, hatte ihnen geholfen! Aber wieso hatte ich nicht mitbekommen, dass die Erde noch existierte? Was war da schief gelaufen?
Letztlich war ein einziger Mensch von der Erde, Jack Johnson, in der Lage gewesen, die mächtige Superintelligenz RHOMBIA, die Stimme des bösen Raumes, auszulöschen. Natürlich war ihm dabei der Zufall zu Hilfe gekommen.
Zuerst gab es gewaltige Gravitationseinbrüche innerhalb des kleinen Brückensystems, das unsere Residenz mit zahlreichen Orten innerhalb und außerhalb der Milchstraße verband. Für die Kompensation der mächtigen Gravitationsbeben innerhalb der Zentrale des kleinen Brückensystems hatte RHOMBIA einen großen Teil ihrer Energie verbraucht, um ein Übergreifen auf die kosmische Burg und den Mikrokosmos zu verhindern.
Aber dann hatte dieser Jack Johnson eine Waffe eingesetzt, die offensichtlich von den Baolin-Nda entwickelt worden war. Diese Spezialwaffe hatte die geschwächte Superintelligenz an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen und ihren Anker im Normalraum gelöst. RHOMBIA, die junge Superintelligenz, hatte sich nicht mehr halten können und war verweht.
Und ich war allein! Auf Hilfe brauchte ich nicht zu hoffen; dazu hatten RHOMBIA und ich in den letzten Jahrtausenden den Völkern der Milchstraße viel zuviel angetan. Manchmal ließ sich Ordnung eben nur mit Gewalt durchsetzen. Ja, ja, die Draboner waren in dieser Hinsicht ein sehr verständnisvolles Volk gewesen …
Oh ja, sie hatten die Macht genossen, die ich ihnen gegeben hatte. Ein früher unbedeutendes, kleines Volk war im Laufe der Jahrtausende zum mächtigsten Volk in der Milchstraße aufgestiegen. Draboner waren prinzipiell skrupellos und wahre Ordnungsfanatiker. Das richtige Leitvolk für die störrischen Milchstraßenvölker.
Die Arkoniden und Akonen hatten sehr schnell gemerkt, wie schwach sie ohne die Unterstützung der Terraner waren. Außerdem standen auch die Arkoniden auf der Liste der TERRA-Völker, die für eine Verbannung vorgesehen waren. Aber Arkon hatte sich ganz klein gemacht, bis die endgültige Entscheidung gefallen war und war verschont worden. Aber das Damokles-Schwert der Verbannung hing noch immer über ihnen. Und das wussten sie!
Mit den Blues-Völkern hatten wir leichtes Spiel. Kürüglü Igittigitt hatte die Anfälligkeit der Blues für den Dämonen-Kult geschickt ausgenutzt. Kürüglü Igittigitt war nicht nur König von Gatas gewesen, sondern auch als Träger der grauen Fratze der blutenden Sonne überall als oberster Dämon gefürchtet. Seine Nachfolger hatten den Dämonenkult weiter perfektioniert. Nein, die Blues waren nie mehr zu einem Problem geworden.
Lediglich die Tefroder aus Andromeda waren ein ernster Gegner gewesen. Als RHOMBIA ihren Einfluss auf die Nachbargalaxis ausdehnen wollte, waren unsere Flotten von ihnen empfindlich geschlagen worden.
Letztlich musste sich RHOMBIA auf die Milchstraße beschränken. Mir war das ganz recht, denn unser Auftrag lautete ja, das Prinzip der Ordnung in der Milchstraße umzusetzen.
Und das haben wir getan. Und wie ich seit Kurzem weiß: 50 Jahrtausende lang. Kam mir gar nicht so lange vor. Aber ich habe ja auch lange geschlafen, zwischendurch, und RHOMBIA hat alle Entscheidungen getroffen. Bis sie mich weckte, als diese verdammten Menschen auftauchten und begannen, unser Werk zu zerstören …
Ein Signal des Bordcomputers riss Ronald Tekener aus seinen Gedanken. Bei einem Orientierungsstopp hatte sein Schiff einen gerafften Hyperfunkspruch der VRYTZEL aufgefangen, jenem Schiff, das in seinem Auftrag in der Nähe von M343 stationiert war, um mögliche Veränderungen der Raum-Zeit-Struktur in dieser Galaxis frühzeitig zu erkennen. Die VRYTZEL meldete, dass sie keine Veränderungen dieser Struktur angemessen habe. Ronald Tekener bestätigte die Meldung, informierte den Kommandanten über die Lage in der Milchstraße und schickte die VRYTZEL nach Hause.
Er lächelte; M343 war die Galaxis der verbannten Terraner. Dort existierte ein spezielles Feld, das die Funktion höherdimensionaler Geräte und Überlichtantriebe unmöglich machte. Vereinfacht konnte man sagen, dort existierte oberhalb der 4. Dimension nichts mehr. Das perfekte Gefängnis für dieses störrische Volk, das so oft den übergeordneten Interessen der Hohen Mächte zuwider gehandelt hatte.
Obwohl …, auch er, Ronald Tekener, war ja ein Terraner. Als potentiell Unsterblicher sogar einer ihrer Führer; ein enger Freund von Perry Rhodan, Reginald Bull und Atlan, dem Arkoniden. Hatte er sie verraten? Nein, eigentlich waren Perry und Co. die Verräter. Als sie ihr Amt als Ritter der Tiefe aufgaben, hatte es begonnen, damals …
Wie lang war das her? Fast eine halbe Unendlichkeit. Und wieso war er eigentlich so schnell bereit gewesen, die galaktische Kaiserkrone anzunehmen? Welchen Einfluss hatte RHOMBIA auf ihn gehabt? Und wie stark hatte ihn der Verlust von Dao-Lin-H'ay getroffen? Wieso war sie auch in die Falle geflogen? Hatte vielleicht RHOMBIA dabei ihre mentale Hand im Spiel gehabt? Oder war es der Einfluss jenes merkwürdigen Planeten gewesen, auf dem er mit Dao damals gelebt hatte?
Fragen über Fragen!
Ronald Tekener wurde sich bewusst, dass er sich lange keine Gedanken mehr über sein eigenes Handeln gemacht hatte. Wo war sein eigenes Ich gewesen, als er die Vernichtung von Ertrus befohlen hatte? Wieso hatte er so unendlich viel Schuld auf sich geladen?
War es wirklich notwendig gewesen, für die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Milchstraße Milliarden von Lebewesen zu töten? War aus Ronald Tekener, dem Spieler, Ronald Tekener, der Massenmörder geworden? Würde man irgendwann verächtlich ausspucken, wenn man in Geschichtsbüchern seinen Namen las?
Fragen über Fragen!
Er überdachte seinen Plan. Ursprünglich wollte er ja die alte Sternenstraße nach M343 benutzen, aber da wäre er möglicherweise genau dort gelandet, wo er keinesfalls hin wollte, auf einem der Verbannungsplaneten. Besser, er identifizierte sich an einem der Checkpoints und wechselte in die galaktische U-Bahn, um nach Gojah 4 zu gelangen. Aber dazu musste er erst einmal die Randbezirke von M343 erreichen.
Ronald Tekener programmierte die nächste Etappe und ließ die KREUZ-ASS in den Hyperraum gleiten. Der Flug würde noch einige Tage dauern; der Kerkermeister würde also noch etwas warten müssen. Bis dahin hatte er genug Zeit, um nachzudenken; und viel Zeit, zu grübeln …
In der lichtarmen Leere des intergalaktischen Raumes war auch die TERRA unterwegs. Paul und seine Freunde waren nach M343 aufgebrochen, um die Suche nach den verschollenen Terranern weiterzuführen.
Vorher waren sie aber noch kurz auf der Erde gewesen. Stephan wäre am liebsten mit der TERRA in das Sol-System eingeflogen, hätte das elegante Riesenschiff in der Erdumlaufbahn geparkt und wäre mit einem Beiboot auf dem Dorfplatz seines Heimatortes gelandet. Gelassen wäre er dann ausgestiegen, hätte lässig seinen Freunden und Bekannten zugewinkt und wäre dann kurz bei seinen Eltern vorbeigegangen, um noch was von seinen persönlichen Sachen zu holen.
Auch Paul war von der Idee ziemlich begeistert. Stellt euch mal vor
, hatte er geschwärmt, wir landen kurz auf der Erde, regeln noch dies und das, steigen in unsere Beiboote und verschwinden sofort wieder. Dann tarnen wir die TERRA und schauen uns genüsslich im Orbit an, wie die Fernsehsender über die Sensation berichten.
Jep. Und jedes Mal, wenn die wieder mit Werbung unterbrechen, überlagern wir das Signal
, meinte Michele. Etwa so: Genießen Sie Filme ohne Unterbrechung! Zeitmaschinen von Halut, selbst den hartnäckigsten Werbeangriffen gewachsen. Schluss mit Damenbinden zur Abendessenszeit.
Aber letztlich hatte THELA ihren guten Ansätzen zur Rettung der menschlichen Kultur ein jähes Ende bereitet, als sie es kurzerhand abgelehnt hatte, in das Sol-System einzufliegen:
Ihr könnt die TERRA zwar steuern, zur Not auch gegen meinen Willen, aber an den Schlüssel für den Ultratron-Schirm kommt Ihr nicht heran, Basta! Und nach NATHANS Entscheidung bleibt der Ultratron-Schirm um das Sol-System bestehen. Solange, bis die neue Menschheit reif für ihre eigenen kosmischen Aufgaben ist. Wie immer die auch aussehen mögen.
So war ihnen nichts anderes übrig geblieben, als die Erde über das kleine Brückensystem in der kosmischen Burg zu erreichen. In der Station auf Fuerteventura waren sie herausgekommen, wo mittlerweile Roboter aus NATHANS Arsenalen Dienst schoben. Anschließend waren sie mit einem normalen Urlaubsflieger nach Deutschland zurückgekehrt.
Ihren Eltern und Bekannten hatten sie erzählt, dass sie eine Weltreise auf einem Segelschiff machen wollten und sie sich die nächsten Monate nicht mehr melden würden. Vorsorglich hatte Paul tatsächlich eine entsprechende Passage gebucht. Das Schiff, die Santa Monica, sollte in 3 Tagen im Hafen von Moro Jable auf Fuerteventura ablegen. In Wirklichkeit waren sie natürlich mit einem anderen Schiff aufgebrochen, der TERRA. Und statt auf den Weltmeeren, waren sie jetzt auf dem unendlichen Meer zwischen den Galaxien unterwegs …
Ihr Ziel: Die Galaxis M343, auch TRESOR genannt. Ihre Aufgabe: Kontakt mit den verbannten Terranern aufzunehmen, sobald die TERRANIA ihnen den Weg freigemacht hatte.
Was ist mit der TERRANIA? Ob sich dein kleines Schwesterschiff schon bis zum Zentrum von TRESOR vorgearbeitet hat?
Ich denke schon. Nach ihrer letzten Meldung ist sie gut vorangekommen. In zwei Tagen werden wir nahe genug an M343 herangekommen sein, um entsprechende Messungen vornehmen zu können. Leider durfte ich ja nicht schneller fliegen ….
Aha, wieder so eine Anspielung auf unsere Bitte, diesmal nur das Hypertakt-Triebwerk zu benutzen; als wenn das nicht schon schnell genug wäre
, maulte Stephan in Anspielung auf das Ultratakt-Triebwerk der TERRA, das riesige kosmische Entfernungen innerhalb kürzester Zeit überwinden konnte, dessen Nebenwirkungen jedoch bei allen Vieren gefürchtet waren. Kategorisch hatten sie THELA die Benutzung dieses Treibwerkes verboten; zu schlimm waren die langanhaltenden Nebenwirkungen und die Belastung ihrer Körper und ihrer Psyche.
Dagmar lächelte, als Jack Johnson die Zentrale betrat: Aha, der Retter der Galaxis betritt den Raum.
Wie immer hatte der Amerikaner eine Zigarette im Mundwinkel hängen und seinen angeblich originalen Stetson auf dem Kopf.
Guten Morgen, Marlboro-Mann
, spottete Steph, hat dir THELA keinen Gaul besorgen können? Und keinen 45iger Colt? Dann wäre dein Auftritt noch viel echter.
Ja, mault mal schön. Schließlich habe ich meine Haut riskiert, als es darum ging, den galaktischen Kaiser zu vertreiben und die böse Superintelligenz RHOMBIA zu erledigen.
Na ja, ein klein wenig haben wir mit unseren Gravitationsbomben und NATHAN mit seiner Spezialwaffe auch dazu beigetragen, oder J.J.?
, bemerkte Paul.
OK. Natürlich. Aber hört mit dem Lästern auf, ich bin nicht gut drauf. Ich will auf meine JEANNIE
, entgegnete J.J.
Die TERRA 4, die du JEANNIE nennst, ist im Hangar gut aufgehoben. Und es war unser aller Wunsch gewesen, dass du mitfliegst, anstatt dich in der Milchstraße herumzutreiben, wie du es vorhattest.
Was heißt hier herumtreiben, THELA
, maulte J.J., es gibt in der Milchstraße noch soviel zu tun. Insbesondere für einen Mann wie mich, der gerne allein unterwegs ist.
Aha, der lonesome Cowboy kommt wieder durch. Erinnerung deiner Gene? War einer deiner Vorfahren vielleicht Sheriff in Dodge City und hieß zufällig Wyatt Earp?
, spottete Michele, aber dein Nachname klingt eher nach schwedischen Vorfahren.
Mein Großvater war Schwede, aber meine Großmutter stammte aus Texas
antwortete J.J.
Ich unterbreche euch ja nicht gerne, aber hast du schon mal auf die Ortung geschaut, liebste Dagmar?
Die so nett angesprochene Dagmar erwiderte: Genau, ich habe ein Schiff in der Ortung gehabt. Ist aber nach kurzer Zeit wieder verschwunden.
Hier, im Leerraum?
, staunte Paul. Vielleicht ist es diese VRYTZEL. Das kaiserliche Fernraumschiff treibt sich doch auch hier herum.
Der Kursvektor des georteten Schiffes weist in Richtung auf M343, aber es kann nicht die VRYTZEL sein, denn die müsste längst angekommen sein.
Ich empfehle eine leichte Kurskorrektur. Möglicherweise wird das unbekannte Schiff einen weiteren Orientierungsstopp einlegen. Dann sollten wir näher dran sein.
Wir sind einverstanden
, sagte Paul, nachdem er seine Freunde kurz angesehen hatte. Nur J.J. zögerte: Soll ich mich nicht mal kurz in meine TERRA 4 schwingen und …
Er wurde sofort unterbrochen: Nix da, J.J., keine Alleingänge!
, sagte Steph im Namen der Anderen.
Nach der Kursänderung der TERRA nahmen sie ihre Positionen ein. Dagmar und Michele saßen am Hypertakt-Orter und warteten auf den verräterischen Blip, Paul hatte seine Hand auf dem Impulsgeber für den Tarnschirm, während Steph und J.J. die Waffensteuerungen warmlaufen ließen, wie Steph gerne sagte. Allgemein rechnete man mit einem Orientierungsstopp des fremden Schiffes nach weiteren 50.000 Lichtjahren.
Nach den Borduhren der TERRA war es mittlerweile Abend geworden, als Dagmar rief: Hab es!
Paul unterbrach den Hypertaktflug und aktivierte den Tarnschirm. Er wusste, dass sich im gleichen Augenblick die gesamte Fernanalysetechnik der TERRA mit dem Fremdschiff befasste. Keine 2 Minuten später setzte das Fremdraumschiff seinen Metagravflug fort.
Es hat gereicht. Bei dem fremden Schiff handelt es sich um einen Kugelraumer der 1.200-Meter Klasse. Nach der Fernanalyse ähneln die Antriebstechnik und die Energiezapfanlagen der Technik der kaiserlichen Schlachtschiffe der 800-Meter Klasse so sehr, dass sie aus der gleichen Bauserie stammen müssten. Da ein Schiff dieser Größe innerhalb der kaiserlichen Flotte nicht vorkommt, dürfte es eine Spezialanfertigung sein …
Das Schiff des Kaisers, Ronald Tekeners Fluchtschiff!
, unterbrach Stephan die Ausführungen THELAS.
Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei 82 Prozent.
Na, dann woll'n wir mal hinterher
, knurrte Paul und ließ die TERRA Fahrt aufnehmen.
Die Verfolgung des fremden Schiffes war recht einfach gewesen. Das fremde Schiff flog einen linearen Kurs und kam planmäßig an den berechneten Stellen aus dem Hyperraum. Der Verfolgte, wahrscheinlich Ronald Tekener, schien keine Ahnung zu haben, dass man ihm dicht auf den Fersen war …
In einer Entfernung von 4.500 Lichtjahren vor dem Rand der Galaxis M343 hatte die TERRA gestoppt und wartete. Zwei Gründe waren für diesen Stopp ausschlaggebend: Der nächste errechnete Orientierungspunkt des Fremdschiffes lag nur zwei Lichtjahre entfernt und der Wirkungsbereich des galaktischen Sperrfeldes begann in einer Entfernung von weniger als 500 Lichtjahren. Noch näher heranzugehen, wäre gefährlich geworden, weil niemand wusste, wie sich die Ausläufer des Sperrfeldes auf die Technik der TERRA auswirken würden.
THELA hatte zudem versichert, dass auch die 5D-Technik des kaiserlichen Schiffes innerhalb des Sperrfeldes nicht funktionsfähig sei; Tekener müsste also ebenfalls vor dem Sperrfeld stoppen.
Aber was will er hier?
, fragte Steph, soweit wir wissen, gibt es innerhalb der Galaxis M343 keinen Hyperraum. Das Sperrfeld hindert auch sein Schiff am Weiterfliegen.
Michele sah ihn an und sagte: Vielleicht hat er einen Neutralisator oder so?
THELA widersprach: Nein, so etwas kann es nicht geben. Solange oberhalb der 4. Dimension nichts ist, kann auch Tekener nicht weiterfliegen. Es ist aber anzunehmen, dass er das weiß. Er hat also noch einen Trumpf in der Hinterhand.
Er ist ein Spieler
, sagte J.J., er hat immer noch ein Ass im Ärmel.
Als die KREUZ-ASS den Hyperraum verließ, war Ronald Tekener noch nicht mit sich im Reinen. 50.000 Jahre hatte er über die Milchstraße geherrscht, zumindest in der Zeit, in der er wach war. In den langen Phasen des Schlafes war es meist RHOMBIA gewesen, die die Befehle gegeben hatte.
Was hatte ihn getrieben? Heute verstand er es nicht mehr. Seine Gedanken rasten hin und her. Mit fahrigen Bewegungen gab er die Codesignale für den nächstliegenden Checkpoint ein und wartete auf Antwort.
Ronald Tekener schaute eher gelangweilt zu, wie sich die Checkpoint-Station aus ihrem Tarnfeld pellte. Hätte er auf die Ortungsanzeigen seines automatisierten Schiffes geachtet, wäre ihm ganz schnell klar geworden, dass es keinesfalls die Checkpoint-Station war, die ihren Tarnschirm herunterfuhr. So wäre ihm schneller bewusst geworden, dass sein Weg nach Gojah 4 hier zu Ende war …
Als das kaiserliche Schiff die Codesignale abstrahlte, hatte THELA gehandelt. Mit Hilfe ihrer hochwertigen Analysetechnik hatte sie den Code entschlüsselt und gleichzeitig die Station am Rande von M343 geortet. Ihr war klar geworden, welchen Trumpf Ronald Tekener dabei war, auszuspielen.
THELA fuhr den Tarnschirm herunter und aktivierte den Paratron-Schirm. Gleichzeitig richtete sie alle verfügbaren Waffensysteme auf das kaiserliche Großkampfschiff:
TERRA an unbekanntes kaiserliches Schiff. Eine Analyse der maximalen Belastbarkeit Ihrer Schutzschirme hat ergeben, dass Sie dem Feuer meiner Geschütze nur wenige Sekunden standhalten können. Da ich bereit bin, meine ganze Feuerkraft einzusetzen, würde ich sagen: Ergeben Sie sich, wer immer auch bei Ihnen das Kommando hat. Ich wiederhole: Ergeben Sie sich! Sie haben keine Chance, die Station zu erreichen!
Eine Bildverbindung baute sich auf. Die Holos in der TERRA zeigten die ersten Bilder aus der Zentrale des kaiserlichen Schiffes. Und sie zeigten einen Menschen, der in dem einzigen Kontursessel saß, den es in der Zentrale gab.
Paul war ganz ruhig, als er den Mann ansprach: Ronald Tekener, ich verhafte Sie im Namen der Menschheit und im Auftrag des neuen Kaisers der Milchstraße! Ihnen wird millionenfacher Massenmord vorgeworfen. Sie werden sich zu rechtfertigen haben, sobald wir in die Milchstraße zurückgekehrt sind!
Die Worte Ronald Tekeners kamen leise und schmerzvoll in der TERRA an: Ja, ich komme. Mein Weg ist hier zu Ende. Denn ich bin müde, unsagbar müde …
Die TERRANIA zog weiter ihre Bahn durch die Galaxis TRESOR. Unermüdlich arbeitete sie sich Richtung Zentrum vor, wo das geheimnisvolle Gerät wartete, das für das Fehlen der höheren Dimensionen verantwortlich war.
Vor 500 Lichtjahren war sie in der Nähe eines gigantischen Raumschiffs vorbeigekommen, einer Scheibe mit einem Durchmesser von fast 2.000 Kilometern. Dieses Riesenschiff trieb jetzt in der befreiten Zone, wie die TERRANIA den Bereich nannte, wo sie die Raum-Zeit-Verhältnisse mit Hilfe ihrer Transpuls-Werfer wieder normalisiert hatte. Die TERRANIA hatte die Nähe des Riesenschiffs jedoch schnell wieder verlassen, weil dort enorm starke Energieaggregate angelaufen waren. Zum Glück war alles gut gegangen und die TERRANIA setzte ihren Flug fort.
Murrend quälten sich halbverfaulte Elektronen durch verbogene Leitungen aus minderwertigem Kupfer und erreichten mühsam das Steuergitter einer Elektronenröhre, die aber überhaupt keine Lust hatte, den gleichzeitig ankommenden Anodenstrom zur Kenntnis zu nehmen.
Das könnte dem so passen
, grinste die Röhre und sperrte sich mit Hilfe ihres Bremsgitters. Zum Glück hatten die freien Elektronen auf der Kathode noch nicht mitgekriegt, dass hier was ablief. Erst als 800 Volt an der Anode anlagen, sah die Röhre ein, dass nun der Ernst ihres Röhrenlebens begonnen hatte und bequemte sich, eine klitzekleine Verstärkung zu produzieren. Aber noch waren die Magnetteilchen auf dem ewigen Band nicht bereit, dem großen Tonkopf ihre Informationen zu übermitteln. Zudem stritten sich die drei Antriebsmotoren immer noch, wer denn nun für den Vorlauf zuständig sei. Dieser Streit endete damit, dass keiner der Motoren bereit war, anzulaufen. Erst als der große Impuls über einen von ihnen hereinbrach, setze dieser sich langsam und gequält in Bewegung. Die Magnetteilchen wurden von der plötzlichen Bewegung völlig überrascht, aber der große Tonkopf registrierte ihre Position auf dem ewigen Band und gab diese Information weiter …
Benjamin, der letzte Angehörige des geheimnisvollen Volkes der Labo-Rratten suchte die Nähe seiner Gefährtin Lara. Ungeheuere Dinge passierten. Der Alarm schrillte durch die stinkenden Weiten des ewigen Horizontes. Fast schon widerwillig mischte sich eine heisere Gröle ein, die aber nur auf sich aufmerksam machen wollte.
Lara und Benjamin flohen, denn Lara war in der dritten Woche schwanger und würde demnächst eine neue Generation von letzten Angehörigen gebären. So würde das große Volk der Labo-Rratten nicht aussterben. Vielleicht würden sie sogar solange existieren, bis die Endzeit anbrach. Jene geheimnisvolle Zukunft, in der alle Lebewesen gleichviel wert sein würden,
… nämlich überhaupt nichts mehr!
Die Gröle hatte den scheußlichen Klang der Sirene endlich besiegt. Einsam und mächtig grölte sie ihr Signal durch die Weiten der silbernen Halle.
Benjamin hatte hinter den vertrockneten Resten eines großen Lebewesens Schutz gesucht und gefunden. Vorsichtig schob er seine spitze Nase vor und witterte. Immer noch lag dieser ekelige Menschengestank in der Luft. Auch Lara schüttelte sich. Für ihre empfindlichen Nasen war das einfach zu viel.
Benjamin hoffte, dass Lara keine Fehlgeburt erleiden würde, solange die Geräte des Grabes so einen Lärm machten.
Und dann ging auch noch das Licht an! Das war zuviel für das Rrattenpärchen. Mit weiten Sprüngen flohen Lara und Benjamin aus dem silbrigen Horizont.
Verdammt!
Der große Mensch richtete sich mühsam auf. Überall an seinem Körper waren Schläuche und Drähte angebracht. Sie mündeten seitlich in irgendwelchen Geräten, die ihn hämisch anblinkten. Die Metallplatte, auf der er gelegen hatte, war leicht warm, aber trotzdem fror er.
Er fühlte sich ziemlich beschissen; absurde Träume hatten ihn gequält. Irgendeine geheimnisvolle Macht hatte zugeschlagen und alle Terraner aus der Milchstraße verbannt. Weder die Superintelligenzen noch die Kosmokraten hatten ihnen beigestanden. Lediglich die Chaotarchen hatten ihre großen Transportschiffe bereitgestellt, um Billionen von Terranern fortzuschaffen.
Welch ein Alptraum!
Der große Mann schüttelte sich. Hier müsste mal dringend gelüftet werden
, stöhnte er, als er versuchte aufzustehen. Sein Blick fiel auf alle möglichen technischen Geräte. Uralte Magnetbandmaschinen, die man während seiner Jugend zum Speichern von Computerdaten benutzt hatte, standen neben modernen Syntroniken, die mit Speicherkristallen arbeiteten. Einige Meter weiter konnte er die Skelette zweier humanoider Lebewesen erkennen, an denen noch Fleischreste hingen. Deswegen stinkt's hier so
, murmelte der Mann und sah sich um. Ein Fenster gab es hier nicht. In der silbrigen Helligkeit der Halle konnte er in der Ferne nur so etwas wie eine Tür oder ein Schott erkennen.
Als der Mann sein linkes Bein auf den Boden setzte, knickte es sofort weg. Der Mann fiel auf den Boden. Sein Kopf landete in dichtem Staub, aber darunter sah er den Boden in dem gleichen silbrigen Licht glänzen, wie die Wände und die Decke der Halle. Von irgendwo her sah er einen Roboter kommen, der ihm eine Injektion gab …
Drei Wochen hatte es gedauert, bis der Mann soweit zu Kräften gekommen war, dass er wieder laufen konnte. Roboter hatten sich seiner angenommen und seine Muskulatur durch gezielte Massagen gestärkt; andere Roboter hatten ihn gefüttert und gereinigt.
Sein erster Weg hatte ihn zu der Tür geführt, die er schon kurz nach seinem Erwachen gesehen hatte. Die Tür war jedoch verschlossen.
Benjamin sah zu, was der Mensch tat. Als er zur Türe ging, war Lara zusammengezuckt und hatte sich schnell versteckt. Benjamin, der natürlich wusste, wie man die Türe öffnete, beschloss die Aufmerksamkeit des Menschen auf sich zu ziehen. Er verließ sein Versteck und zeigte sich dem Menschen. Eine Ratte
, sagte der Mensch.
Diese Reaktion hatte Benjamin erwartet. Unzählige Generationen von Rrattenvätern hatten ihre Kinder immer wieder vor dem Menschen gewarnt. Sollte der Mensch jemals aufwachen, hatten sie gesagt, würde er sein Gesicht zu einer Fratze verziehen und alle Rratten sofort umbringen oder zu quälenden Versuchen missbrauchen.
Jetzt war dieser Mensch also wach und er schien zu überlegen, auf welche Weise er Benjamin schnellstens vom Leben zum Tode befördern könnte.
Benjamin hatte jetzt keine Angst mehr; Lara und ihre gemeinsamen Nachkommen waren in Sicherheit. Er, Benjamin, war die erste Rratte seit Tausenden von Generationen, die den Menschen im Wachzustand erleben durfte. Diese Chance war einmalig! Benjamin wollte sie nutzen, solange der Mensch ihn am Leben ließ.
Der Mensch beugte sich zu Benjamin herunter. Gleich wird er mich töten, dachte Benjamin. Der Mensch tat jedoch etwas, was Benjamin nicht erwartet hätte. Er streichelte sein weiches Fell und nahm Benjamin ganz vorsichtig hoch. Als Benjamin in Augenhöhe war, sagte der Mensch: Du bist hier wohl das einzige Lebewesen, außer mir. Nicht wahr, mein Freund?
Nein
, entfuhr es Benjamin, meine Frau Lara und unsere ungeborenen Kinder leben auch hier.
Der Schreck saß bei Beiden tief. Benjamin hatte gesprochen, obwohl er das hätte vermeiden müssen. Seine Lehrer hatten ihm immer wieder eingeschärft: Solltest du derjenige sein, der es erlebt, wenn der Mensch aufwacht, sprich niemals zu ihm. Menschen wissen nicht, dass Rratten sprechen können.
So, du kannst also sprechen, sogar terranisch
, meinte der Mann. Hast du auch einen Namen?
Ja, Benjamin
, sagte er vorsichtig. Jetzt war es ohnehin zu spät. Wirst du mich jetzt sofort töten oder quälst du mich erst noch ein wenig?
Warum sollte ich dich töten?
, sagte der Mann und fragte: Ist dies ein Traum?
Benjamin war inzwischen auf die Schulter des Mannes geklettert. Er schüttelte den Kopf mit der spitzen Nase und sagte: Nein, das ist kein Traum. Dies ist das Grab des Schlafenden.
Wer ist der Schlafende?
, fragte der Mann.
Du hast hier geschlafen, seid Tausenden von Generationen
, antwortete Benjamin.
Generationen von Ratten. Aber wie alt werden Ratten?
Benjamin wusste nicht, in welchen Zeiteinheiten der Mensch rechnete und fragte stattdessen: Hast du auch einen Namen, Mensch?
Ja, ich heiße Reginald Bull.
Sag ruhig Bully zu mir
, meinte Reginald Bull zu Benjamin, nachdem er dessen Geschichte gehört hatte.
Die Laborratten, die sich selbst Labo-Rratten nannten, lebten seit undenklichen Zeiten in diesem Bereich. Von Generation zu Generation hatten sie ihr Wissen weitergegeben. Und ihre Angst vor dem Menschen, der schon Ewigkeiten in diesem Bereich aufgebahrt war und von dem sie wussten, dass er in einem künstlichen Tiefschlaf lag.
Nahrung hatten sie genug. Späher ihres Volkes hatten die riesigen Hallen erkundet, die sich an die Halle des Schlafenden anschlossen. Dort waren gigantische Landschaften vorhanden, mit allem, was eine Ratte brauchte. Bis vor zwei Generationen hatte es dort auch andere Menschen gegeben. Diese Menschen hatten in den Landschaften gelebt, waren jedoch nie bis in die Laborräume vorgedrungen. Aus den Erzählungen seines Vaters wusste Benjamin, dass sich diese Menschen immer verstecken mussten, weil sie Angst vor den Robotern hatten. Die Menschen waren irgendwann ausgestorben; die beiden letzten Exemplare hatten jedoch versucht, in die Laborräume einzudringen. Es war ihnen auch gelungen. Erst in der Halle des Schlafenden waren sie von den Robotern entdeckt worden. Es musste einen heftigen Kampf gegeben haben, an dessen Ende die Menschen ums Leben gekommen waren.
Dann war es ruhig geworden. Die Roboter hatten den Ratten nichts getan. Benjamin wusste, dass nur die bösartigen Reinigungsroboter ihnen feindlich gesinnt waren, aber die ruhten in ihren Wartekammern und kamen dort nicht heraus; bis jetzt. Denn als der Mensch erwacht war, erwachten auch die Geräte der Halle zum Leben. Die Reinigungsroboter waren erschienen und hatten die Reste der beiden Menschen entfernt, die noch in der Halle lagen. Lara und Benjamin waren geflohen und hatten abgewartet, bis die Reiniger wieder verschwunden waren.
Also Benjamin
, sagte Bully, ich weiß natürlich auch, dass die Terraner euch Laborratten immer wieder zu medizinischen Versuchen missbraucht haben, obwohl ich das nie verstanden habe. Aber ich garantiere dir und deiner Frau Lara, dass ich euch nichts antun werde. Und sobald ich herausgefunden habe, wo ich hier bin und wie ich die Roboter steuern kann, werde ich die Reinigungsroboter umprogrammieren, sodass euch von ihnen keine Gefahr mehr droht. Aber im Moment bin ich selber ziemlich hilflos. Bitte helft mir.
Benjamin fing an, Bully zu vertrauen und antwortete: Lara braucht jetzt Ruhe. Wir haben einen Platz gefunden, wo sie unsere Kinder gefahrlos zur Welt bringen kann. Dort wird sie bleiben. Aber ich bin bereit, dir zu helfen. Was kann ich tun?
Ich muss zuerst aus dieser Halle heraus. Hier gibt es keine zentralen Steuereinheiten, wo ich Informationen erhalten kann.
Dann folge mir
, sagte Benjamin, sprang von Bulls Schulter herunter und lief zu dem großen Tor, das in die Landschaften führte.
Reginald Bull beobachtete, wie Benjamin mit seiner spitzen Nase eine Klappe öffnete, die sich in Fußhöhe seitlich neben dem Tor befand. Kurze Zeit später, nachdem Benjamin vollständig hinter der Klappe verschwunden war, öffnete sich das Tor mit einem hässlichen Knirschen.
Bull trat hindurch. Vor ihm lag ein Gang, der völlig leer war. Boden, Wände und Decke bestanden aus einer Legierung, die ihm unbekannt war. Der Gang erstreckte sich nach links und rechts. In der Ferne konnte Bully die Umrisse weiterer Tore erkennen.
Plötzlich zuckte er zusammen, als Benjamin wieder an ihm hoch kletterte, um wieder auf seiner Schulter Platz zu nehmen. Dreh dich mal um, Bully
, sagte Benjamin. Reginald Bull tat es. An der Wand neben dem Tor hing ein Schild:
Bulls Grave
Hier ruht Reginald Bull, einer der großen Führer der Terraner und mein Freund.
Lasst ihn schlafen. Wenn Ihr ihn stört, wird der Überallzugleichtöter erscheinen
und sich furchtbar an Euch rächen. Irgendwann, wenn die Zeiten wieder besser
sind, wird er erwachen. Dann helft ihm bitte.
Gucky
Wer war dieser Gucky?
, fragte Benjamin.
Irgendwie auch eine Ratte; so habe ich ihn wenigstens oft genug genannt. Er war der letzte seines Volkes und stammte vom Planeten Tramp in der Milchstraße. Wir nannten ihn einen Mausbiber, weil er wie eine riesige Springmaus aussah und nur einen, dafür aber sehr großen, Zahn hatte. Ja …, trotz allem kann man sagen, dass er mein Freund war.
Der Überallzugleichtöter war dein Freund?
, fragte Benjamin entsetzt.
Ach, das darfst du nicht wörtlich nehmen. Gucky war ein Teleporter und Telepath. Früher, in den ersten Jahrhunderten, hat er uns geholfen, unsere mächtigen Feinde zu besiegen, indem er plötzlich in deren Raumschiffen erschienen ist und dort allerlei Unsinn angestellt hat. Den Beinamen Überallzugleichtöter hat er sich selbst gegeben; dabei war er ein durchaus friedliches und liebenswertes Geschöpf. Nur wenn man Böses über ihn dachte – als Telepath konnte er nämlich die Gedanken anderer Lebewesen lesen – dann setzte er manchmal seine dritte Geisteskraft ein: Die Telekinese. Mit dieser Kraft konnte er Gegenstände und Lebewesen anheben und fliegen lassen. Na ja, wenn ich daran denke, wie oft ich hab fliegen müssen …
Während Benjamin und Bully damit begonnen hatten, die Landschaften zu erkunden, war 200 Kilometer entfernt, im Kern des Transportschiffes, das schwarze Feuer erwacht. Zunächst bildeten sich die Abschirmfelder, die dieses Feuer bändigen konnten. Danach begannen sich die völlig leeren Energiespeicher wieder zu füllen. Erst als sie 5 Prozent ihrer Kapazität erreicht hatten, erwachten auch die großen Steuercomputer aus ihrem langen Tiefschlaf.
Die untergeordneten Einheiten wurden heruntergefahren; sie hatten die Grundversorgung des Schiffes während der langen Phase ohne 5D-Energie mehr schlecht als recht aufrecht erhalten. Aber jetzt war die Kraft des Transporters wieder aktiv, jenes kleine schwarze Loch im Zentrum des Schiffes, in dem das schwarze Feuer loderte. Es lieferte die enormen Energien, die dieses riesige Schiff benötigte.
Das Transportschiff, das den Namen BETA trug (der richtige Name kann hier nicht wiedergegeben werden) hatte drei unabhängige Positroniken an Bord. BOSS, die gigantische Steuereinheit, LÄSTER, der Kontracomputer und SCHIRI, der neutrale Beobachter.
Irgendwer hat das Sperrfeld deaktiviert
, meinte BOSS und wandte sich seinem positronischen Partner LÄSTER zu, der – im elektronisch/positronischen Sinne – direkt neben ihm wohnte, ich war es nicht …
Du bist auch viel zu unbedeutend, als dass man dir die entsprechenden Möglichkeiten eingeräumt hätte
, gab LÄSTER bissig zurück.
Hallo Leute, regt euch nicht auf. Meine neutralen Messungen haben ergeben, dass das Sperrfeld nur in einem sehr engen Bereich abgeschaltet wurde und nicht die gesamte Galaxis betroffen ist.
Guten Morgen, SCHIRI
, kommentierte LÄSTER dessen Bemerkungen, auch schon erwacht?
Ja. Wie lange waren wir deaktiviert?
, fragte SCHIRI.
6.114 Septas
, gab BOSS zurück.
Das sind immerhin 49.682 Jahre nach der Zeitrechnung der Terraner, die wir in diese Galaxis gebracht haben
, antwortete SCHIRI.
Und wer hat das Sperrfeld abgeschaltet?
, fragte LÄSTER.
Moment, ich spiele euch die Aufzeichnung ein
, erwiderte BOSS.
Als die Aufzeichnung beendet war, wirkten die drei Schiffscomputer überrascht: Ganz klar, Kosmokratentechnik, insbesondere das Triebwerk dieses kleinen Schiffes. Fliegt mit Überlicht und hinterlässt eine Zone, in der sich die Raum-Zeit-Verhältnisse normalisieren. Eindeutig von MATERIA entwickelt
, kommentierte SCHIRI die Werte.
Dachte ich zuerst auch
, warf BOSS ein, aber da gibt es auch noch terranische Elemente.
Dein langer Schlaf hat dich irre gemacht, BOSS
, lästerte LÄSTER, Erstens: Die Kosmokraten haben zugesagt, sich herauszuhalten. Zweitens: MATERIA wurde lange vor dem Exodus der Terraner vernichtet und Drittens: Terranische Elemente gibt es nicht mehr. Ergo: Das passt nicht zusammen.
Ich erhalte Informationen aus dem internen Verkehrs- und Nachrichtensystem. Danach hat es auf dem Tender OMEGA(auch nicht der richtige Name, s.o.) Störungen gegeben. Zunächst hat die schwarze Sternenstraße, die dort endet, ein Raumschiff aus der Milchstraße ausgespuckt, das dort in die Falle geflogen ist. Kurze Zeit später sind Terraner in den Tender OMEGA eingedrungen und haben einen Alarm ausgelöst
, gab BOSS an seine beiden Kollegen weiter.
Die Terraner sind immer neugierig gewesen. Damit war zu rechnen. Haben unsere lieben Wärter denn nicht eingegriffen?
, fragte LÄSTER.
Natürlich. Die Terraner wurden in Gewahrsam genommen und zur Nebenzentrale Ost gebracht
, antwortete BOSS.
Völlig bescheuert. Was sollen sie da. Die hätte man lieber auf einem anderen terranischen Planeten absetzen sollen
, maulte LÄSTER.
BOSS antwortete: Es wird noch schlimmer. Kurz nach dem Abtransport der Terraner ist eine weitere Transportkugel in das Verkehrsnetz eingedrungen und es ist eindeutig kein Wärter an Bord gewesen. Der oder die Unbekannte hat sich der Reservekugel bemächtigt, die der Tender OMEGA angefordert hatte und die eigentlich zum Abtransport der dort inhaftierten Kartanin dienen sollte.
Übrigens ist gerade ist eine weitere Meldung über das interne Verkehrs- und Nachrichtensystem eingetroffen. Danach hat der außenliegende Checkpoint West ein Codesignal eines Schiffes aufgefangen, das dort andocken wollte. Dieses Schiff hat den korrekten Code gesendet, ist aber nie am Checkpoint West angekommen.
Konnte der Checkpoint West das Schiff noch identifizieren?
, fragte SCHIRI.
Das Schiff nicht, aber aus dem gesendeten Code ging hervor, dass der Passagier Ronald Tekener ist
, antwortete BOSS.
Oh, der Kaiser der Milchstraße höchstselbst
, bemerkte LÄSTER, was will der hier?
BOSS antwortete: Unbekannt. Aber wenn der Kaiser der Milchstraße in diese Galaxis einfliegen will, dann muss es einen besonderen Grund geben.
Ich fasse mal zusammen, was wir haben
, sagte SCHIRI. 6.114 Septas nach der Aktivierung des Sperrfeldes fliegt in dieser Galaxis ein Raumschiff herum, das trotz Sperrfeld Überlichtgeschwindigkeit erreichen kann.
Dabei setzt dieses Raumschiff eine Technik ein, die mit der Kosmokratentechnik vergleichbar ist. Mit Hilfe dieser Technik gelingt es diesem Schiff, in einigen Bereichen die höheren Dimensionen wieder zu aktivieren.
Über die schwarze Sternenstraße wurde ein Raumschiff in das Gefängnissystem des Tenders OMEGA abgestrahlt. Kurze Zeit später dringen Terraner dort ein, die entweder von diesem Raumschiff oder vom Gefängnisplaneten des Systems stammen. Ein Unbekannter bemächtigt sich einer Transportkugel und benutzt das galaktische Transportsystem.
Und am Checkpoint West erbittet der galaktische Kaiser Zugang und kommt nicht an, weil ihn vielleicht irgendwer daran hindert.
Alles in Allem sind das sehr Besorgnis erregende Nachrichten! Möglicherweise ist in der Milchstraße etwas passiert, was im Plan nicht vorgesehen war.
Und noch etwas ist äußerst Besorgnis erregend, Freunde. Reginald Bull ist erwacht!
, kommentierte LÄSTER die neueste Meldung der internen Überwachungsanlagen des Tenders.
Das war zu erwarten. Sobald das Sperrfeld deaktiviert ist, reagiert sein Unsterblichkeitschip und weckt den Körper aus dem ewigen Schlaf. Was sehen die Regeln des Planes für diesen Fall vor?
, fragte SCHIRI.
BOSS entgegnete: Reginald Bull gehört zu den Führungspersonen der Terraner. Wir dürfen ihn nicht unterstützen, haben aber gleichzeitig für seine Sicherheit zu sorgen. Andererseits haben wir aber alles zu unterlassen, was eine Rückkehr der Terraner in ihre Heimat fördern könnte. Denn Eines ist klar: Wenn Perry Rhodan und Reginald Bull wieder handlungsfähig sind, werden sie alles unternehmen, um die Terraner in die heimatliche Milchstraße zurückzubringen. Und wenn sie, wie aus den Meldungen abzulesen ist, jetzt auch noch Hilfe von Außen bekommen, dann wird diese Rückkehr nicht mehr zu verhindern sein.
SCHIRI entgegnete: Aber dann wird es zur großen Katastrophe kommen und die Endzeit wird anbrechen …
Manchmal gibt es Zufälle, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Dass ausgerechnet der Tender BETA das nächste Ziel auf Boris' Reise mit der galaktischen U-Bahn war, ist so ein Zufall …
Der Klang einer Glocke kündigte das baldige Erreichen des nächsten Haltepunktes an. Boris übernahm die Transportkugel in Handsteuerung und scherte aus dem Hyperkanal heraus. Er wollte auf keinen Fall innerhalb des zentralen Knotenpunktes herauskommen, den er in dem Turm des Tenders vermutete, denn dort würde ihn mit Sicherheit ein Heer von Robotern erwarten, weil er nicht autorisiert war, die galaktische U-Bahn zu benutzen.
Als die Transportkugel den Hyperkanal vollständig verlassen hatte, bemerkte Boris sofort, dass hier alles anders war, denn der Linearantrieb und der Hyperfunk seiner kleinen Transportkapsel waren nicht ausgefallen. Ehe Boris begriffen hatte, dass hier die Raum-Zeit-Verhältnisse normal waren, ruckte seine Transportkapsel an und gleichzeitig ging eine Meldung ein, die er mit Hilfe des auf der MOLOKKO nachgerüsteten Translators verstand:
Tender BETA an defekte Transportkugel 72-222-4d: Traktorstrahl ist aktiviert. Wir holen Sie herein.
Da Boris aber nicht hereingeholt werden wollte, versuchte er mit Hilfe der Steuerung aus dem Traktorstrahl zu entkommen. Er drückte den Steuerknüppel nach vorn und die Geschwindigkeit der Kapsel erhöhte sich. Weil der Traktorstrahl ihn aber weiterhin auf den zentralen Turm des Tenderschiffs zu zog, erhöhte sich die Geschwindigkeit noch weiter. So kam es, dass er mit viel zu hoher Geschwindigkeit auf den mattschwarzen Turm zu raste. Erst als der Turm fast ins Riesenhafte angewachsen war, ließ die Kraft des Traktorstrahls nach.
Boris grinste; sein Plan war aufgegangen. Er hatte darauf spekuliert, dass die Besatzung des gigantischen Tenders keinen Schaden an ihrem Schiff riskieren würde und den Traktorstrahl rechtzeitig abschalten würde, bevor die Kapsel mit hoher Fahrt in den Turm einschlug.
Boris drückte den Steuerknüppel nach links oben. Unendlich langsam wanderte der Zentralturm aus seinem Blickfeld heraus. Das wird verdammt knapp, Leute
, murmelte Boris …
In einer kleinen Nebenzentrale verfolgten zwei völlig verschiedene Wesen den Anflug der Transportkapsel auf einem aktivierten Kontrollmonitor. Reginald Bull schimpfte: So wie der fliegt, ist das bestimmt kein Freund der Herrscher dieses Schiffes. Der bricht sich noch den Hals. So einen Idioten hätte ich in der terranischen Flotte noch nicht einmal einen Wetterballon fliegen lassen.
Was ist ein Wetterballon?
Benjamin, ein Wetterballon ist ein gasgefüllter Körper, der leichter als Luft ist und der in große Höhen steigen kann. Damit haben wir früher das Wetter beobachtet.
Danke Bully. Ich darf doch Bully sagen, oder?
Ach Benjamin. Wenn du wüsstest, wie lange ich diesen Namen nicht mehr gehört habe. Natürlich darfst du Bully zu mir sagen.
Schau, er schafft es tatsächlich, an dem Turm vorbei zu kommen.
Ja …, verdammt knapp! Mann, hat der ein Glück gehabt. Nur ein kleines Stückchen weiter links und der wäre mit voller Fahrt gegen den Turm gekracht. Jetzt kommt er genau auf uns zu.
Bully, was sollen wir machen?
Ihm helfen, ist doch klar. Mal sehen, …; ich habe in meinem langen Leben schon unendlich viele Steuerungen kennen gelernt. Wenn ich mich nicht täusche, ist das hier eine Nebenzentrale, an die sich ein Hangar anschließt. Und ein Hangar hat immer ein Tor nach Draußen; also werde ich versuchen, dieses Tor zu öffnen.
Benjamin sprang auf Bullys Schulter und sah zu, wie Bully an den Schaltern hantierte. Plötzlich wurde ein weiterer Bildschirm hell, auf dem das Innere eines Hangars zu erkennen war. Dort war inzwischen die Beleuchtung angegangen. Reginald Bull nickte zufrieden und betätigte eine weitere Kombination von Schaltern.
Kommst du klar?
Reginald Bull wandte den Kopf und sah die weiße Ratte an, die auf seiner Schulter saß: Ja, Benjamin, damit komme ich klar.
Mittlerweile hatten sich die Hangartore geöffnet. Jetzt musste der unbekannte Pilot der Transportkapsel sie nur noch finden.
Natürlich hatte Boris mitbekommen, dass sich in seiner Flugrichtung ein Hangartor geöffnet hatte. Er hielt es jedoch für eine Falle, in die die unbekannten Herrscher dieses Riesenschiffes ihn locken wollten. Erst als der Traktorstrahl wieder zugriff und ihn in die entgegengesetzte Richtung ziehen wollte, entschloss er sich, die Restfahrt seiner Kapsel zu nutzen, um den Hangar zu erreichen.
Mit Müh und Not schaffte es Boris tatsächlich. Er ließ die Kapsel in den Hangar gleiten und aktivierte die kleine Doppelpuls-Kanone, die KATHARINA im Bug der Kapsel hatte einbauen lassen. Dann wartete er ab …
Auf dem rückwärtigen Bildschirm konnte Boris sehen, dass sich die Tore wieder geschlossen hatten. Kurze Zeit später betrat ein Mensch den Hangar, auf dessen Schulter eine Ratte saß. Da der Mensch keinen Raumanzug trug, musste innerhalb des Hangars atembare Luft vorhanden sein. Boris meinte diesen Menschen zu kennen; er hatte sein Bild schon mal irgendwo gesehen. In einer Hypnoschulung? Oder wo war das gewesen?
Auf jeden Fall war er sich sicher genug, dass der Mensch mit der Ratte auf der Schulter kein Feind war. Und das bedeutete hier, in einer fremden Galaxis und ohne Unterstützung durch seine Freunde von der TERRA auf jeden Fall, dass dieser Mensch sein Verbündeter sein musste. Vorsichtig öffnete Boris das Schott seiner Kapsel und sah hinaus. Der Mensch war stehen geblieben und schien abzuwarten. Jetzt, ohne den Umweg über Kameras und Monitore, erkannte ihn Boris …
Boris Walter, der in seinem Leben viel zu oft immer nur der Zweite gewesen war …, ihm war es vergönnt, der erste Mensch der Erde zu sein, der Ihn wieder zu Angesicht bekam. Denn vor ihm stand Reginald Bull …
Boris schluckte. Da stand er; einer der Führer der Terraner. Der zweite Mann nach Perry Rhodan. Seit 50.000 Jahren verschollen. Die Tränen schossen ihm in die Augen, als er unsicher stotterte: Guten Tag Reginald Bull. Mein Name ist Boris Walter und ich komme von der Erde, d.h. ich komme von der neuen Erde.
Natürlich hatten die drei Zentralrechner des Tenderschiffes mitbekommen, was sich in der Nebenzentrale abspielte.
LÄSTER, der Kontracomputer meckerte los: Wieso haben wir die Kapsel nicht einfach abgeschossen?
Der Zentralrechner BOSS antwortete: Wir handeln korrekt, aber nicht unmoralisch. Zudem hätte SCHIRI den Schießbefehl nicht bestätigt.
Genau. Die Regeln des Planes sehen vor, niemanden in Gefahr zu bringen, der nicht eine unmittelbare Bedrohung für unser Schiff darstellt
, antwortete der neutrale Bordcomputer SCHIRI.
Aber einen klitzekleinen galaktischen Alarm werden wir doch auslösen dürfen, oder?
, fragte LÄSTER.
Warum? Will hier Jemand die von uns betreute Planetenbevölkerung zurück in die Milchstraße schaffen? Nein! Also kein Alarm!
, entschied BOSS.
Vielleicht eine klitzekleine Meldung an NZ oder an NULL?
SCHIRI wirkte aufgebracht, als er erwiderte: In der Nebenzentrale oder in der Zentrale haben sie sicher etwas besseres zu tun, als sich mit unseren Problemen zu beschäftigen.
Die drei Zentralrechner des Tenderschiffes waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie gar nicht mitbekamen, wie die Transportkugel vorsichtig aus dem Hangar bugsierte und beschleunigte. Als sich die drei Steuercomputer endlich einig geworden waren, hatte die Transportkugel mit ihren Insassen den Hyperkanal bereits erreicht und fädelte sich ein.
Boris saß neben Reginald Bull, als die Kapsel durch den Hyperkanal jagte, aber auch Benjamin und Lara, das Rattenpärchen, waren mit an Bord der Transportkugel gegangen. Boris drehte sich zu Reginald Bull um und sagte: Eine Frage brennt mir schon lange auf der Zunge, Bully. Was hast du die ganzen 50.000 Jahre gemacht?
Wie viele Jahre?
50.000 Jahre, Bully. So viele Jahre irdischer Zeitrechnung sind seit der Verbannung der Terraner aus der Milchstraße vergangen
, antwortete Boris.
Oh Gott.
Reginald Bulls rötliches Gesicht war aschfahl geworden und sogar seine roten Haare schienen um eine Spur grauer geworden zu sein. Kopfschüttelnd ging er in der kleinen Zentrale der Transportkugel auf und ab.
Als er sich wieder einigermaßen gefangen hatte, erwiderte er: Das kann unmöglich stimmen. Das ist absolut undenkbar. Ich habe zwar in einer Art Tiefschlaf gelegen, aber doch keine 50.000 Jahre! Mir kommt es vor, als wäre es erst letzten Monat gewesen, als die Tenderschiffe eintrafen, um die Terraner zu evakuieren. Ich selbst habe das Schiff, von dem wir gerade geflohen sind, hierhin gesteuert.
Boris fragte: Du hast diesen Riesenkahn geflogen?
Ja. Das ist ein umgebauter Tender aus den Beständen der Chaotarchen. Es gibt einige davon. Mit denen haben wir die Terraner evakuiert, nachdem klar war, dass wir alle gehen mussten.
Und warum musstet Ihr alle gehen?
, fragte Boris.
Das ist eine lange Geschichte. Damals gab es keinen Ausweg. Einige von uns wollten kämpfen, auch ich …
Reginald Bulls Gesicht war düster geworden. Er schien das Alles noch mal durchzumachen. Boris beobachtete, wie Reginald Bull den Kopf schüttelte und fortfuhr: Aber letztlich war das Risiko viel zu groß. Wir hätten das Leben von unzähligen Völkern auf dem Gewissen gehabt. Auch unsere Milchstraße wäre vielleicht zerstört worden, wenn die Endzeit angebrochen wäre. Das konnten wir nicht riskieren. Also haben wir uns gebeugt, obwohl Terraner eigentlich nie aufgeben, aber das haben wir ja auch nicht getan …; und es sind, wie du sagst, 50.000 Jahre vergangen und die Terraner haben sich neu entwickelt?
Ja
, antwortete Boris, aber wir nennen uns nicht Terraner, sondern Menschheit. Und so weit, wie Ihr damals gekommen seid, sind wir noch lange nicht. Es gibt unzählige Staaten und noch mehr Konflikte. Die Menschheit ist noch weit davon entfernt, den Schritt zu den Sternen zu tun.
Auf der Erde hat man übrigens keine Ahnung, dass wir hier Draußen sind. Alles fing damit an, dass Paul Müller vor einigen Monaten in den Alpen ein uraltes Gerät gefunden hat, das eine Verbindung zu NATHAN möglich machte …
Boris erzählte, was in den wenigen Monaten alles passiert war. Reginald Bull hörte aufmerksam zu und blickte manchmal erstaunt auf. Insbesondere bei der Beschreibung der TERRA und der Funktionsweise des Ultratron-Schirmes hatte sein Gesicht einen ungläubigen Ausdruck angenommen.
Woher kommt diese Technik?
, fragte er. Boris zuckte mit den Schultern und antwortete: Keine Ahnung; wenn die Technik nicht von euch entwickelt wurde, von wem dann?
Tja …; und das ist alles in den wenigen Monaten passiert? Welches Datum schreiben wir denn heute, nach Eurer Zeit?
Den 14. Dezember 2000, in zwei Wochen ist Weihnachten
, antwortete Boris und dachte daran, dass er dieses Weihnachten nicht in seinem geliebten Russland verbringen würde und nicht zusammen mit Clara …
Reginald Bull unterbrach die düsteren Gedanken, die Boris zu quälen begannen, indem er fragte: Ihr habt keine Veränderungen in der Galaxis feststellen können. Kein düsteres Leuchten am Himmel, oder so?
Nein Bully, nichts dergleichen. Was meinst du?
Später. Jetzt müssen wir dringend nach ALPHA; ich muss sofort mit Perry reden
, sagte Bully.
Perry Rhodan lebt auf ALPHA?
, fragte Boris.
Bully nickte: Ja. Die Tender haben wir so genannt: ALPHA für ihn, BETA für mich; wie im griechischen Alphabet halt. Perry hat sich, wie immer, die Nummer 1 gegriffen.
Boris verstand ihn …
Gemeinsam programmierten sie die Steuerung der Transportkapsel. Die galaktische U-Bahn beschleunigte und raste ihrem neuen Ziel entgegen.
Aus dem Beipackzettel für Zellaktivatorchips (ZAC):
Eine besondere Eigenschaft der neuentwickelten Zellaktivatorchips ist, das sie einen Teil der Energie aus sechsdimensionalen Strukturen beziehen und in Vitalenergie umwandeln. Fehlen diese Strukturen, versetzt der ZAC seinen Träger in einen todesähnlichen Schlaf (Stasis). Die gespeicherte Vitalenergie reicht jedoch aus, diesen Körper über Jahrtausende am Leben zu erhalten.
Die Stasis endet, sobald dem ZAC ausreichend sechsdimensionale Energie zugeführt wird. Die Einschlaf- bzw. Aufwachdauer variiert. Bei humanoiden Lebewesen vergehen im Durchschnitt 8 Herzschläge.
Verschreibungspflichtig!
In Zweifelsfällen fragen Sie ihre zuständige Superintelligenz oder den nächstbesten Kosmokraten.
Aus dem Lehrbuch für junge Kosmokraten:
Es sind immer zwei Universen untrennbar miteinander verbunden. Eines, das sich ausdehnt und eines, das sich zusammenzieht. Der Energieaustausch findet über den gemeinsamen Nullpunkt statt, der beide Universen miteinander verbindet. Das sich zusammenziehende Universum gibt seine ganze Energie über den gemeinsamen Nullpunkt an das sich ausdehnende Universum ab, bis dieses seine weiteste Ausdehnung erreicht hat. Dann kehrt sich der Prozess um.
Zu diesen beiden Universen aus Normalmaterie gehören zwei Antimaterie-Universen, wo sich ebenfalls das Eine ausdehnt und das Andere zusammenzieht. Auch die Antimaterie-Universen tauschen ihre Energie über den gemeinsamen Nullpunkt aus.
Dieses Konstrukt nennt man das kosmische Kleeblatt.
Unverzichtbar ist, dass sich die beiden expandierenden Universen absolut synchron ausdehnen, weil innerhalb des gemeinsamen Nullpunktes immer der gleiche Anteil Normal- und Anti-Energie fließen muss. Dieser Gleichklang darf nicht gestört werden, denn es gibt nur einen gemeinsamen Urknall für die beiden neuen Universen. Erst in der ersten logischen Sekunde nach dem Urknall teilt sich die Materie in ihre beiden möglichen Komponenten auf:
Die Materie und die Antimaterie.
Mein Leben währt schon einige Unendlichkeiten und in der Zeitrechnung der Lebewesen, die ich zu betreuen habe, bin ich über eine Million Jahre alt.
Ich bin ein Petronier, aber mein Volk existiert schon lange nicht mehr. Die Petronier waren die kosmischen Ingenieure und unsere Werftplattformen waren im gesamten Universum bekannt.
Wir haben den Rittern der Tiefe damals gegen die Horden von Garbesch beigestanden und die gigantischen Abwehranlagen in der Galaxis Ammandul, die heute Milchstraße heißt, errichtet. Wir haben die Mehr-Planeten-Anlagen und die Keilraumschiff-Flotten gebaut und unseren Nachfolgern überlassen.
Aus uns sind später die Sonnen-Ingenieure hervorgegangen, die die Sonnentransmitter konstruiert und gebaut haben. Ja, unser Wissen und unsere Fähigkeiten waren sehr begehrt. Auch die Hohen Mächte haben dieses Wissen ausgiebig genutzt …
Irgendwann haben sie uns fallen gelassen. Die Hohen Mächte sind sogar so weit gegangen, dass sie es zugelassen haben, dass unsere Nachfahren gejagt und getötet wurden. Doch unser Wissen lebte weiter; in anderen Völkern und in anderen Zeiten. Ich habe überlebt, weil ich unsterblich bin, aber manchmal verfluche ich diese Unsterblichkeit. So wie jetzt! Denn was ist aus mir geworden? Ein Handlanger!
Nachdem ich Hunderttausende von Jahren in meinem Null-Zeit-Feld verbracht hatte, erging der Ruf an mich. Die Hohen Mächte oder ihre Gegenspieler brauchten meine Hilfe. Auf einmal! Ohne ein Wort des Bedauerns über den Tod meines Volkes!
Irgendetwas war so gehörig schief gelaufen, dass sie nicht mehr weiter wussten. Ich weiß nicht, wie sie mich entdeckt haben, aber sie haben den Richtigen gefunden! Mit Hilfe meiner Technik, die mit mir im Null-Zeit-Feld die Äonen überdauert hatte, hatte ich es sehr schnell herausgefunden:
Der Gleichklang der Universen war aus dem Takt geraten!
Einige der Hilfsvölker und Superintelligenzen hatten gewaltigen Mist gebaut! Sie hatten eine Großgalaxis aus dem kontrahierenden Universum TARKAN in das hiesige Universum versetzt. Dadurch war die Kontraktion von TARKAN stark verlangsamt worden und die Ausdehnung des hiesigen Universums war gebremst worden. Am gemeinsamen Mittelpunkt des Kosmischen Kleeblattes war der Energiefluss zwischen dem kontrahierenden und dem expandierenden Universum fast zum Stillstand gekommen!
Bei den beiden Antimaterie-Universen, die zum selben kosmischen Kleeblatt gehören, war dies nicht der Fall. Dort speiste das kontrahierende Universum NAKRAT weiterhin seine Energie in seinen Antipoden ein und sorgte für dessen Expansion, aber am gemeinsamen Mittelpunkt des Kosmischen Kleeblattes überwiegt jetzt die Anti-Energie …
Nach den kosmischen Gesetzmäßigkeiten muss am gemeinsamen Mittelpunkt des Kosmischen Kleeblattes aber immer genauso viel Energie wie Anti-Energie fließen. Ist dies nicht der Fall, überlädt sich der Mittelpunkt und gibt die überschüssige Energie schlagartig ab. Wenn, wie jetzt, Anti-Energie überwiegt, wird sie in das expandierende Normal-Materie-Universum durchschlagen und Hunderte oder gar Tausende von Galaxien auf einen Schlag vernichten. Damit wäre das Kosmische Kleeblatt aber endgültig aus dem Takt geraten und das Ende aller vier Universen wäre unausweichlich.
Die Hohen Mächte haben entschieden, zwei Galaxien aus diesem Universum nach TARKAN zu versetzen, um den Gleichklang des Kosmischen Kleeblattes wieder herzustellen, und zwar Hangay und Ammandul. Sie haben mich beauftragt, diesen Transfer durchzuführen.
Um Ammandul bzw. die Milchstraße wäre es schade. Diese Galaxis birgt ungeheure Potentiale. Ich habe sogar Überlegungen angestellt, wie ich den Transfer von Ammandul verhindern kann. Aber auch ich habe keinen Ausweg gefunden.
Den Hohen Mächten sind anscheinend die immateriellen Hände gebunden. Außerdem sind einige von Ihnen selbst in Gefahr, wenn dieses Kosmische Kleeblatt zerbricht. Aber wäre es wirklich schade um TAUREC & Co.? Ich denke nein! Was haben sie mir und meinem Volk nicht alles angetan.
Aber der Transfer zweier Galaxien ist unabdingbar, wenn die Endzeit verhindert werden soll. Zu lange besteht schon das Missverhältnis der Energien am Mittelpunkt des Kosmischen Kleeblattes, als dass der Rücktransfer nur einer Galaxis ausreichen würde. Soll ich anstelle von Ammandul, Hathorjan nach TARKAN versetzen?
Nein! Hathorjan war die Heimat meines Volkes. Und die Völker von Andromeda, wie diese Galaxis heute heißt, hatten mit dem kosmischen Verbrechen nichts zu tun, das die Völker von Hangay mit Hilfe der Terraner begangen haben. Also werde ich meinen Auftrag ausführen. Obwohl es schade wäre, um die Milchstraße …
Interessant ist die Rolle, die diese Terraner spielen. Dieses Volk hat mächtige Verbündete, die es selbst nur zum Teil kennt. Einige ihrer zentralen Planeten tragen eine sechsdimensionale Aura. Zusammen mit den sechsdimensionalen Vitalenergien ihrer Bewohner ist diese Aura so stark, dass ein Transfer der gesamten Galaxis in ein anderes Universum absolut unmöglich wäre. Das ist auch der Grund, warum die Terraner von ihren Planeten entfernt werden mussten …
Nur durch die Entvölkerung dieser Planeten konnte die sechsdimensionale Aura so geschwächt werden, dass ein Transfer von Ammandul nach TARKAN überhaupt möglich wird. Und sie dürfen nie zurückkehren, denn dann stabilisiert sich diese Aura wieder und ein Anker entsteht, der Ammandul in diesem Universum hält. Ein Transfer von Ammandul wäre dann selbst mit meinen technischen Möglichkeiten nicht mehr durchführbar. Damit es ihnen nicht gelingt, ihre Planeten wieder zu besiedeln, wurden sie hier in M343 angesiedelt und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit der Rückkehr genommen.
Ich habe das Vira-Doon eingesetzt. Dieses Gerät trennt die Galaxis M343 von den höheren Dimensionen ab und ohne die höheren Dimensionen gibt es keine überlichtschnelle Raumfahrt. Dieses Gerät haben wir damals gegen die einfallenden Horden von Garbesch entwickelt; jetzt verhindert es eine Rückkehr der Terraner. Ein Nebeneffekt des Vira-Doon hält ihre Führer in einem todesähnlichen Schlaf gefangen, weil ihre Zellaktivatorchips ohne sechsdimensionale Aufladung nicht funktionieren.
Und über allem wache ich, der letzte Petronier. Neben meiner eigentlichen Aufgabe bin ich auch der Kerkermeister der Terraner. So hat mich wenigstens Ronald Tekener, der Kaiser der Milchstraße, immer genannt, wenn wir Kontakt hatten.
Der Petronier hatte sich schon vor Hunderttausenden von Jahren von seinem eigentlichen Körper getrennt und sich stattdessen einen dieser semiorganischen Robotkörper zugelegt, wie ihn auch die Beauftragten der Hohen Mächte hatten. Anders als Cairol und Cairol II war er jedoch so eitel gewesen, eine Ausführung zu wählen, die seinem ursprünglichen Körper ähnelte. Seine tiefschwarze Haut schien alles Licht zu verschlucken, das es in der Zentrale NULL gab. Er hantierte an den Ortungsinstrumenten seiner Zentrale und rief die aktuellen Daten seines Projektes ab: Die Materiewippen waren installiert; sie würden für ein sanftes Hinübergleiten der beiden Galaxien sorgen, sobald die beiden Wippen vollständig aufgeladen waren. Aber irgendetwas stimmte nicht …
Der Petronier zog überrascht eine Augenbraue hoch; bei einer der beiden Wippen hatte es eine Verzögerung gegeben! Er verglich die aktuellen Werte mit den Soll-Daten und registrierte, dass der Ladezustand der Ammandul-Wippe deutlich hinterher hinkte! In Ammandul hatte sich etwas verändert. Der Petronier wählte eine Ausschnittsvergrößerung und legte zugleich eine alte Sternenkarte der Milchstraße über die Vergrößerung. Dann erstarrte er und sein tiefschwarzes Gesicht wurde aschgrau …
Die Information hatte ihn geradezu angesprungen! Er sah sofort, warum der Ladevorgang der Ammandul-Wippe nahezu zum Stillstand gekommen war. In der tiefroten Darstellung der Ammandul-Galaxis glänzte ein schwarzer Stern. Das durfte es nicht geben!
Der Petronier hantierte an den Projektionsgeräten herum, doch der schwarze Fleck blieb. Was DAS bedeutete, war ihm sofort bewusst: Das sechsdimensionale Feld eines der Terraner-Planeten hatte sich reaktiviert! Er verglich die Werte mit den Angaben der alten Sternenkarte. Es handelte sich um den Planeten Olymp!
Der Planet Olymp war seinerzeit verschwunden gewesen, als man die Terraner von dort evakuieren wollte. In den Wirren vor 50.000 Jahren hatte man geglaubt, der Planet sei bei den vereinzelten Kämpfen gegen terranische Widerstandsgruppen zerstört worden; RHOMBIA hatte dies zumindest behauptet, aber dem war offensichtlich nicht so. Olymp war wieder da, und an seinem alten Standort! Und mit ihm seine Bewohner! Dadurch war die ruhende Aura dieses terranischen Zentralplaneten wieder reaktiviert worden.
Das änderte Alles! Eine Galaxis, die einen Planeten mit einer aktiven sechsdimensionalen Aura beherbergte, konnte nicht in ein anderes Universum transferiert werden. Schwarze Diamanten, wie man solche Planeten auch nannte, waren stabile, ja unlösbare Anker! Und Ammandul hatte wieder einen Schwarzen Diamanten!
Der Petronier versuchte sofort, eine Tiefraum-Verbindu