Stories 2: Auf der Suche nach der verlorenen Menschheit II

Was bisher geschah

Durch einen Zufall gelangt Paul Müller zu NATHAN auf den Mond und entdeckt die Wahrheit. Vor 50.000 Jahren war die Erde die Heimat der Terraner, mit Perry Rhodan als ihrem Anführer. Doch dann wurden die Terraner aus der Milchstraße vertrieben.

Soweit man weiß, wurden die Terraner in die Galaxis M343 verbannt. In dieser Galaxis existieren nur 4 Dimensionen, d.h. überlichtschneller Flug, Hyperfunk und ähnliches funktionieren dort nicht.

In der Milchstraße herrscht seitdem der galaktische Kaiser, den niemand kennt. Das Kaiserreich ist mächtig und agiert äußerst brutal. Schon viele Völker, die sich auflehnten, wurden vernichtet.

Die Erde, geschützt durch den Ultratron-Schirm, gilt für den Rest des Universums als vernichtet. Paul und seine Freunde erhalten von NATHAN ein Schiff, die TERRA, und einen Auftrag: Die Suche nach der verlorenen Menschheit. Sie erhalten Unterstützung von J.J., Anita, Boris und Clara.

J.J. und Boris agieren mit 2 Raumschiffen gegen das Kaiserreich. Sie wissen, dass sie allein wenig Chancen haben. Nur die verschollenen Terraner sind in der Lage, dem diktatorischen Regime ein Ende zu machen.

Und die Spur zu den Terranern führt über ihn, … den galaktischen Kaiser.

Hauptpersonen

Paul, Michele, Dagmar und Stephan:
Die Jugendlichen sind auf dem Weg in den TRESOR
THELA:
Die Bordsyntronik der TERRA zeigt menschliche Züge
Boris Walter und Jack Johnson:
Die Raumfahrer bekämpfen das Kaiserreich
Hans Müller:
Der Großvater von Paul ist Anführer der Rentnerband
König Ghrolatt IV und Fürst Lol:
Residenten des kaiserlichen Hofes
Graf Talifrott:
Der Draboner wechselt auf die Seite der Terraner

Kapitel 21
Eine Frage der Ehre

Hör mal Graf, kannst du uns nicht sagen, wie wir an den Kaiser herankommen?, fragte J.J. und drehte sich zu ihrem Gast um.

Der Draboner, Graf Talifrott, früherer Befehlshaber einer kaiserlichen Angriffsflotte und jetzt quasi als Asylsuchender in der TERRA 4, schüttelte den Kopf. Diese typisch menschliche Geste hatte er von seinen beiden Gastgebern abgeschaut: Ich hatte euch schon gesagt, dass ich nicht zum Verräter an meinem Volk werden werde; außerdem kenne ich die Koordinaten des kaiserlichen Hofes selbst nicht. Wir erhielten unsere Befehle ausschließlich über die Einsatzzentrale.

Und wo ist die?, fragte Boris lauernd. Er hatte wieder einmal seine typische Angriffshaltung angenommen und es schien, als wolle er sich gleich auf den Draboner stürzen, um die Informationen aus ihm herauszuprügeln.

Ich verstehe ja, dass ihr den Tod eurer Kameradin rächen wollt, aber ist es nicht etwas unüberlegt, ja geradezu vermessen, mit nur zwei Schiffen einen Angriff auf die stark befestigte kaiserliche Kommandozentrale von Eretruhr zu planen?

Boris' Augen wurden starr. So so, Eretruhr und stark befestigt, das ist ja schon mal ein Anfang. Die Koordinaten!

Nein, ich bin kein Verräter! Graf Talifrott drehte sich weg. Seiner Meinung nach hatte er schon viel zu viel gesagt. Ich möchte noch ein bisschen leben. Jeder Angriff auf Eretruhr ist ein Selbstmordkommando. Allein die Wachflotte besteht aus 10.000 Einheiten; überwiegend Schlachtschiffe der euch bekannten Größe und Stärke.

Die Koordinaten der kaiserlichen Einsatzzentrale sind bekannt. Die verschiedenen Funksprüche an die kaiserlichen Flotten sind von mir und von der MOLOKKO aufgefangen worden. Ich habe die Flugrouten der MOLOKKO und der TERRA 4 abgeglichen und den Standort durch eine Kreuzpeilung genau errechnet. Die Einsatzzentrale liegt oberhalb der galaktischen Hauptebene in der so genannten Eastside. Nach meinen Altinformationen befindet sich dort ein einsames Sonnensystem mit nur zwei Planeten. Früher, also vor 50.000 Jahren, war es nicht bewohnt. Beide Planeten bewegen sich auf einer gemeinsamen Bahn um die Sonne. Sie müssten erdähnliche Bedingungen aufweisen.

Danke JEANNIE. Tja Graf, du siehst, wir sind auch ohne deine Hilfe weiter gekommen. Dann wollen wir uns Eretruhr einmal aus der Nähe ansehen.

Boris grinste den Grafen an und verließ die Zentrale. Er setzte auf sein Schiff, die TERRA 3, über. Nach kurzer Zeit nahmen beide Schiffe Fahrt auf und beschleunigten.

Was habt ihr vor? Wollt ihr Eretruhr angreifen? Ihr seid wahnsinnig!

Dann steig doch aus, Graf, war J.J.'s kurzer Kommentar.

Bei Erreichen der halben Lichtgeschwindigkeit gingen beide Schiffe synchron in den Hypertaktmodus. Vorher hatten sie noch alle notwendigen Informationen an die Nachrichtenboje überspielt. Falls die TERRA 2 oder die TERRA den Treffpunkt Beteigeuze anfliegen würden, wären sie über ihren Plan informiert worden.

800 Lichtjahre vor ihrem Zielsystem verließen die beiden Schiffe den Hyperraum und ließen die Fernorter spielen. Oh, die wollen wohl freies Schussfeld haben, kommentierte Boris die Tatsache, dass sich kein weiteres Sonnensystem in der Nähe von Eretruhr befand. Einsam lag es oberhalb der galaktischen Hauptebene.

Ich geh mal näher 'ran, gab Boris über die geschaltete Schiff-zu-Schiff-Verbindung durch.

J.J. schaute Graf Talifrott nachdenklich an: Noch irgendwelche Informationen für uns?

Nein.

Boris, unser Graf ist nach wie vor nicht sehr gesprächig. Also Plan B!

OK. Wir treffen uns hier wieder, bis gleich. Boris hatte abgeschaltet. Gleichzeitig setzte sich die TERRA 3 in Bewegung und beschleunigte.

Was hat er vor?, fragte Graf Talifrott. Nah-Aufklärung fliegen, war die kurze Antwort J.J.'s.

Abbrechen, sofort abbrechen!, sagte Talifrott leise.

Schneller, als es J.J. gekonnt hätte, reagierte der Bordcomputer der TERRA 4: JEANNIE an KATHARINA: Mission abbrechen!

Die TERRA 3 verzögerte. Boris meldete sich über den Nahbereichs-Funk:  … is'n los?

OK, wir hören, Graf.

Neben der starken Wachflotte schützt auch ein besonderes Abwehrsystem die Kommandozentrale. Ohne Autorisierungsimpuls werden anfliegende Schiffe, selbst wenn sie noch im Hyperraum sind, von diesem Schirm abgewehrt.

Boris meldete sich: Und was passiert mit solchen Schiffen?

Sie werden in die Systemsonne umgeleitet!

Wie bitte? Zornig drehte sich J.J. zu Graf Talifrott um: Du hättest meinen Freund beinahe in den sicheren Tod geschickt! Erzähl uns mehr über diesen Abwehrschirm, oder ich stecke dich in einen Raumanzug und werf' dich aus der Schleuse …, hier, jetzt und sofort!

Viel weiß ich auch nicht. Das Prinzip ist uralt und stammt noch von den, äh …, Terranern. Die Barriere wirkt im Normal- und im Hyperraum.
Mein Freund, Vasall Bender, ist umgekommen, als er mit einem erbeuteten Raumschiff die Zentrale anfliegen wollte. Er hatte sich sogar über Funk bei der Einsatzzentrale angemeldet, aber es hat ihm nichts genutzt. Der Autorisierungscode ist in den Bordrechnern der kaiserlichen Schiffe verankert – und nur dort – und er kann nicht ausgelesen werden.

Und die Barriere wirkt gegen jede Art von Antrieb? Wir haben immerhin gewisse Möglichkeiten …, warf Boris ein.

Ja, gegen jede Antriebsart, die den Normal- oder Hyperraum benutzt, antwortete Talifrott.

JEANNIELEIN, haben wir was, womit wir da durchkommen?, fragte J.J.

Nein, Meister.

Ganz bestimmt nicht, auch nicht in irgendeinem deiner geheimnisvollen Kämmerlein?

Nur das Hauptschiff, die TERRA, hat noch einen speziellen Fernantrieb. Aber auch der nutzt teilweise den Hyperraum.

J.J. nickte dem Grafen zu und verließ die Zentrale. In der Sitzecke seines Wohnbereiches aktivierte er eine Funkverbindung zu Boris und erklärte ihm seinen Plan. Er nahm dabei in Kauf, dass JEANNIE das Gespräch mitbekam. Nur Graf Talifrott, der in der Zentrale geblieben war, sollte nichts mithören.

Oh Mann!, hatte Boris geantwortet. Sicher, auch er war das, was man einen Haudegen nannte, aber das, was J.J. ihm da vorschlug, das konnte einfach nicht klappen: Du bist verrückt, J.J.

J.J. kehrte in die Zentrale zurück. Euer Durchlauchtheit; wir brauchen also den Autorisierungscode, um in das System hinein zu kommen. Aber wie ist es, wenn wir einmal drin sind? Kommen wir da ohne Autorisierungscode wieder raus?

Ja, die Absicherung wirkt nur gegen anfliegende Schiffe.

J.J. grinste und bat JEANNIE, ihm eine Verbindung zu Boris zuschalten: TERRA 4 an TERRA 3; Boris, wir handeln wie besprochen …

Beide Schiffe beschleunigten und gingen nach kurzer Zeit in den Hypertaktmodus.

Vasall Demantrii stand in der Steuerzentrale seines Flaggschiffs GRAUER STAR. Seit er das weiße Schiff vernichtet hatte, schien er vor Stolz zu platzen. Er, der Vasall Demantrii, hatte das geschafft, was vor ihm noch keinem Kommandeur gelungen war: Er hatte ein weißes Schiff zur Strecke gebracht! Der Kaiser würde ihm danken; seine schon lange ausstehende Beförderung zum galaktischen Grafen war jetzt sicher nur noch eine Frage von wenigen Tagen und auf seinem Heimatplaneten würde man ihm ein Denkmal setzen. Draboner huldigten ihren Helden.

Mit einem kleinen Teil seiner Flotte war er bis heute im System der Sonne Haluta geblieben, um nach Resten des weißen Schiffes zu suchen, die er analysieren lassen wollte. Er konnte dies gefahrlos tun, denn die zahnlosen Riesen, wie er die Bewohner des Planeten abfällig nannte, verhielten sich ruhig. Der Abwurf mehrerer schwerer Gravitationsbomben hatte sie wohl doch enorm beeindruckt …

Einer seiner Untergebenen störte ihn in seiner Betrachtung und meldete, dass keine Reste des weißen Schiffes vorhanden seien.

Schade, murmelte Vasall Demantrii und griff sich das Mikro des Flottenfunks: GRAUER STAR an Flotte. Einsatz ist beendet. Rückflug nach Eretruhr.

Seine Schiffe nahmen Fahrt auf und Vasall Demantrii sah mit Wohlwollen, wie die verbliebenen 50 Schiffe eine besondere Formation einnahmen. Wie an der Schnur gezogen, zog der Rest seiner Flotte an ihm und seinem Schiff vorbei; er nahm die Ehrenformation dankbar ab.

Als 40 seiner Schiffe an ihm vorbeigezogen waren, schaute er nach dem Rest. Acht Schiffe kamen noch. Acht? Es hätten aber Zehn sein müssen …

Zweifelnd sah Demantrii auf die Holos der Außenbeobachtung. Auch in der Kette der anderen Schiffe klaffte jetzt eine Lücke …

Alarm!

Die Sirenen schrillten durch das Flaggschiff, denn nur wenige Lichtsekunden entfernt fuhren zwei Schiffe ihre Tarnung herunter …, weiße Schiffe!

Sofort vernichten!, schrie Vasall Demantrii in sein Mikrophonfeld und nahm mit Wohlwollen zur Kenntnis, dass seine Schiffe unverzüglich das Wirkungsfeuer eröffneten.

Doch die weißen Schiffe wichen dem konzentrierten Feuer elegant aus und ihre Schutzschirme hielten dem Beschuss offenbar mühelos stand. Dann, nach einigen Sekunden der Ruhe, verwandelten sich die beiden weißen Kugelraumer in feuerspeiende Ungeheuer, schossen zurück, griffen an und Schiff um Schiff verging in einer lautlosen Explosion …

Vasall Demantrii raste und beorderte Schiffe, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatten, nach Vorn. Doch selbst als zehn seiner Schiffe eines der verhassten weißen Schiffe ins Kreuzfeuer genommen hatten, gelang es ihnen nicht, den Schutzschirm des weißen Schiffes zu knacken. Im Gegenteil; mit einem einzigen, gewaltigen Feuerschlag vernichtete ein weißes Schiff alle zehn kaiserlichen Schlachtschiffe auf einmal. Dann setzten die weißen Schiffe nach und aus der Raumschlacht wurde ein furchtbares Gemetzel …

Als außer der GRAUER STAR nur noch zwei kampfbereite Einheiten vorhanden waren, wollte Vasall Demantrii fliehen. Er trieb seine Mannschaft an und die Triebwerke des Flaggschiffs wurden hastig hochgefahren. Mit weit überhöhten Werten raste das Flaggschiff aus dem System hinaus, doch es schaffte es nicht mehr …

Bevor es die notwendige Eintauchgeschwindigkeit erreicht hatte, erschütterten zwei schwere Treffer das Schiff. Die Schutzschirme brachen zusammen und da, wo einst die Antriebskonverter gewesen waren, klaffte jetzt ein riesiges Loch in der Bordwand des grauen Raumschiffs.

Vasall Demantrii heulte vor Wut. In der Zentrale funktionierte nicht mehr viel; nur die Holos der Außenbeobachtung hatten den Vernichtungsorkan überstanden. Dann sah er eines der beiden weißen Schiffe langsam näher kommen …

Und das Letzte, was Vasall Demantrii sah, war das weiße Schiff in seiner unmittelbaren Nähe,

und das Letzte, was er hörte, waren die Worte Boris Walters:

Das ist für Clara!

Das kaiserliche Flaggschiff GRAUER STAR verglühte fast genau an der gleichen Stelle, wo Clara Lubow mit ihrer TERRA 1 gestorben war.

Und irgendwo in der Einsatzzentrale der kaiserlichen Flotte wartete eine Ernennungsurkunde auf einen gewissen Vasall Demantrii, die jetzt nicht mehr gebraucht wurde …

Kapitel 22
Eretruhr

Zwei Schlachtschiffe der kaiserlichen Flotte hatten den Vernichtungsorkan überstanden, den die TERRA 3 und die TERRA 4 im System der Sonne Haluta entfacht hatten; ein Drittes war nur leicht beschädigt.

Nachdem die Kommandanten der beiden Schiffe sich ergeben hatten, übernahm KATHARINA, der Bordcomputer der TERRA 3, die Kommunikation mit den geschlagenen Schiffen. Boris hatte sich mit den Worten: Ich rede nicht mit den Mördern Claras, geweigert, mit den kaiserlichen Schiffen Kontakt aufzunehmen.

KATHARINA an kaiserliche Schlachtschiffe. Sie haben jetzt Gelegenheit, die Schiffbrüchigen aus den beschädigten Schiffen zu bergen. Das gesamte Personal hat sich an Bord des von mir bezeichneten Schiffes zu versammeln. Dieses Schiff ist nur leicht beschädigt. Allerdings funktionieren der Überlichtantrieb und der Hypersender nicht mehr. Dies gilt auch für die Waffensysteme und Schutzschirme. Ebenso sind Ihre Beiboote unbrauchbar.

Nach Ablauf von 4 Zeiteinheiten der in diesem System gebräuchlichen Zeitrechnung werden die beiden funktionstüchtigen Schlachtschiffe vernichtet. Wir werden das System verlassen und eine Nachricht an Ihre Einsatzzentrale absetzen. Man wird Sie abholen.

Wie viel Stunden sind 4 hiesige Zeiteinheiten; KATHARINA?, fragte Boris.

Etwa 6 Stunden irdischer Zeit.

Boris nahm Kontakt zu J.J. auf, der mit seiner TERRA 4 die Rettungsaktionen der kaiserlichen Flotte beobachtete. J.J. hatte seine Vorbereitungen abgeschlossen; bei ihrem Abflug würde er ein Beiboot zurücklassen, das Kurs auf den Planeten Halut nehmen würde. Für die Haluter, die alten Freunde der Menschheit, trug es eine Botschaft:

Die Zeiten werden sich bessern und die Haluter werden ihre Ehre wiedererhalten.

gez. Ihre terranischen Freunde.

Die Frist war abgelaufen. In den vergangenen sechs Stunden war ein reger Flugverkehr innerhalb des Systems zu beobachten gewesen. Die Überlebenden der kaiserlichen Flotte hatten sich alle, wie gefordert, in dem einen, leicht beschädigten Schlachtschiff versammelt. Auch die Auswertung des Tiefenscans lag mittlerweile vor; in den beiden funktionstüchtigen Schiffen war kein Lebewesen mehr festzustellen.

Die TERRA 4 gab kurz hintereinander zwei Schüsse aus ihrer Transpuls-Kanone ab. Beide Schlachtschiffe wurden von dem blutroten Glühen verschlungen, das beim Einsatz dieser Waffe üblicherweise auftrat. Ohne eine weitere Nachricht verließen die beiden weißen Schiffe das System. Für die zurückgebliebenen kaiserlichen Flottenangehörigen musste es so aussehen, als wären ihre beiden Schlachtschiffe vernichtet worden. Allerdings war ihnen die Wirkungsweise der Transpuls-Kanone nicht bekannt.

Aber die beiden Schiffe waren von dem blutroten Glühen nicht vernichtet, sondern nur um rd. 400 Lichtjahre versetzt worden und kurze Zeit später trafen die beiden TERRA-Schiffe am Zielort der Zwangsversetzung ein.

Für die beiden Bordcomputer der TERRA-Schiffe war es kein Problem, die Zentralrechner der kaiserlichen Schiffe zu übernehmen. Eines der beiden Schiffe öffnete auf Befehl KATHARINAS das Tor zu einem Großhangar, der üblicherweise für Beiboote der kaiserlichen Planetenklasse vorgesehen und jetzt leer war.

Dann änderten die TERRA 3 und die TERRA 4 ihre Größe und schrumpften. Das Kompakte Feld der Baolin-Nda, in das sie gebettet waren, gestattete es, die üblicherweise 500 Meter durchmessenden Schiffe um den Faktor 10 zu verkleinern, ohne dass die Schiffe viel von ihrer Leistungsfähigkeit einbüßten. So ließen sie sich besser in Trägerschiffen, wie der TERRA unterbringen. Jetzt nutzten die TERRA-Schiffe diese Möglichkeit, um in den Hangar des kaiserlichen Schlachtschiffes einfliegen zu können.

Boris hatte seine MOLOKKO verlassen und war auf J.J.'s Schiff übergewechselt. Die TERRA 4 flog zuerst ein und unter Führung von Graf Talifrott erreichten Boris und J.J. die Zentrale des Schlachtschiffes.

Den Kahn kann keiner von uns fliegen, maulte Boris.

J.J. nickte und sah Graf Talifrott nachdenklich an: Graf, wenn du uns hilfst, diese Schiffe zu fliegen, lassen wir dich in Eretruhr frei.

Man wird mich dort sofort erschießen, antwortete der ehemalige Flottenkommandeur, für die bin ich ein Verräter. Und wenn ich so nachdenke, ja …, ich bin bereits zum Verräter geworden! Ich habe nur noch die Möglichkeit, auf einem Planeten meines Volkes unterzutauchen, der abseits der galaktischen Hauptrouten liegt.

Und du bringst noch ein kleines Geschenk mit. Ich habe da nämlich eine Idee. Wir nehmen nur ein Schiff und du hilfst uns dabei, dieses Schiff zu fliegen. Nach unserem Einsatz kehren wir hierhin zurück und du erhältst das andere Schiff. Du wärest frei und könntest hinfliegen, wohin du wolltest.

Graf Talifrott wurde nach diesem Vorschlag J.J.'s sehr nachdenklich. JEANNIE meldete sich:

Diese Schiffe haben eine Notschaltung, sodass sie vorübergehend auch von nur einer Person gesteuert werden können.

Dann habe ich wohl keine Wahl, sagte der Graf leise und stimmte dem Vorschlag zu.

OK, dann hol mal deine MOLOKKO auch 'rein, wandte sich J.J. zu Boris.

KATHARINA hat mitgehört; die TERRA 3 fliegt bereits ein.

Graf Talifrott setzte sich an die Kontrollen des Schlachtschiffes und gab seinen Überrang-Code ein. Damit war sichergestellt, dass der Bordcomputer des Schlachtschiffes den Befehlen der beiden Bordrechner der TERRA-Schiffe in jeder Situation folgen würde. KATHARINA und JEANNIE bestätigten die Übernahme.

Wie heißt dieses Schiff?, fragte Boris.

Übersetzt: Hoch gestellte Persönlichkeit im Dunkeln, antwortete der Graf.

Nun, dann werden wir es EMMINENZ nennen, das passt auch gut zu der grauen Farbe dieses Schiffes, grinste Boris.

Die EMMINENZ nahm Fahrt auf und in ihrem Hangar warteten die beiden TERRA-Schiffe auf ihren Einsatz. Ein einzelnes graues, kaiserliches Schlachtschiff blieb im Leerraum zurück; sollten sie den Einsatz überleben, würde es Graf Talifrott die Heimkehr ermöglichen.

Die vorletzte Metagrav-Etappe der EMMINENZ endete 800 Lichtjahre vor dem Ziel, der kaiserlichen Flottenzentrale auf Eretruhr. Boris und J.J. hatten Graf Talifrott mittlerweile in ihren Plan eingeweiht. Doch der hatte nur seinen kleinen drabonischen Kopf geschüttelt und wortlos die Koordinaten für die letzte Etappe eingegeben.

Alles hing jetzt davon ab, ob es gelang, den Blockadeschirm um Eretruhr zu überwinden. Nach den Informationen Graf Talifrotts war der notwendige Code in allen Bordcomputern der kaiserlichen Schiffe einprogrammiert, also musste er auch in diesem Schiff vorhanden sein.

Trotzdem hatten Boris und J.J. ein leichtes Gefühl des Unbehagens, als sie in die Zentralen ihrer eigenen Schiffe wechselten. Graf Talifrott hatte Boris in die TERRA 3 begleitet und steuerte die EMMINENZ jetzt von dort aus.

Die letzte Metagrav-Etappe begann.

Zwei Minuten vor dem berechneten Ende der Metagrav-Etappe war die Spannung in der Zentrale der TERRA 3 fast körperlich spürbar. Würde der Bordcomputer der EMMINENZ den Autorisierungscode korrekt abstrahlen, um den Blockadeschirm um die kaiserliche Flottenzentrale zu überwinden oder würde die Barriere sie in das Innere der System-Sonne von Eretruhr umleiten?

Ansonsten hatten sie alle Vorbereitungen getroffen.

Graf Talifrott war sicher, dass sie es zumindest schaffen würden, in das System hinein zu gelangen. Was die beiden Menschen aber vorhatten, das würde nach seiner Meinung nicht funktionieren, denn die Bewachung der Flottenzentrale war viel zu gut organisiert. KATHARINA meldete sich:

Austritt in 20 Sekunden. Hangartore sind offen. Selbstzerstörung der EMMINENZ erfolgt in zwei Minuten. Alarmstart vorbereitet.

Sollten sie nicht in der Sonne verglühen, dann würden die beiden TERRA-Schiffe sofort nach dem Wiedereintritt mit Höchstbeschleunigung aus dem Großhangar der EMMINENZ ausbrechen. Die EMMINENZ würde noch einen verstümmelten Notruf absetzen und dann explodieren. So sah wenigstens der Plan aus, den Boris und J.J. entwickelt hatten.

Eintritt in den Normalraum in 5 Sekunden.

In den Normalraum oder in das Innere einer Sonne?, spottete Boris.

Eintritt erfolgt … jetzt.

Als die Triebwerke der MOLOKKO aufheulten und das Schiff mit so einem gewaltigen Ruck losstürmte, dass selbst die Andruckabsorber kurzzeitig einige Gravos durchließen, wagte Boris einen Blick auf die Holos der Außenbeobachtung. Sie zeigten den schwarzen Weltraum!

Boris atmete einmal ganz tief durch und sah neben seiner MOLOKKO auch die TERRA 4 losjagen.

Planet 2 in der Ortung. Zielankunft in 3 Minuten.

Selbst KATHARINA scheint aufgeregt zu sein, murmelte Boris leise und sah zu seinem Gast hinüber, aber Graf Talifrott saß stumm in seinem Kontursitz, den die Roboter der MOLOKKO für ihn in der Zentrale angebracht hatten. Eine Meldung der TERRA 4 kam herein:

Planet 1 ist eine Wohnwelt; ich drehe ab, J.J.

Dann ist Planet 2 die eigentliche Flottenzentrale, stellte Boris fest und aktivierte zwei Transformkanonen der MOLOKKO, die ganz besondere Geschosse geladen hatten. KATHARINA, bist du bereit?

Bereit.

Boris sah auf dem Holoschirm für die rückwärtige Flugbeobachtung ein grelles Aufblitzen; die EMMINENZ war explodiert! Das würde die kaiserliche Wachflotte erst einmal ablenken. Man hatte sie sicherlich schon geortet. Aber bis die Schiffe der Wachflotte genügend Fahrt aufgenommen hatten, um ihnen gefährlich werden zu können, würden nach KATHARINAS Berechnungen mindestens noch zwei Minuten vergehen. Und in dieser Zeit musste Boris seinen Auftrag erfüllt haben. Es war jetzt genau 14:22 Uhr …

Sieben Abwehrforts in Flugrichtung, meldete KATHARINA.

Schutzschirme hoch, Feuer eröffnen, ordnete Boris an und aus 18 Transformkanonen nahm die MOLOKKO die Abwehrforts unter Feuer, aber die MOLOKKO musste sofort einige sehr schwere Treffer einstecken.

Schutzschirmbelastung 80 Prozent, überschwere Kaliber im Einsatz, Belastung steigt. Jetzt schon 95 Prozent.

Wir müssten doch bald durch sein?, rief Boris.

Um 14:23 Uhr waren zwei Abwehrforts in einer grellen Explosion vergangen, aber dennoch hatte die Schirmbelastung des TERRA-Schiffes die 100 Prozent-Marke bereits überschritten! Boris wollte gerade abdrehen, als plötzlich drei weitere Abwehrforts explodierten. Boris wagte einen kurzen Seitenblick auf die Nahortung: Die TERRA 4 war da und schoss ihrem Schwesterschiff den Weg frei!

Um 14:23 Uhr und 22 Sekunden hatte die MOLOKKO den Ring der Abwehrforts durchbrochen und jagte auf den Planeten zu! Vereinzelt feuerten einige Bodenforts, aber sie konnten der Mission jetzt nicht mehr gefährlich werden!

Genau um 14:24 Uhr löste Boris die beiden letzten Transformkanonen aus und zwei harmlos aussehende, aber höchst brisante Bomben wurden gegen Eretruhr abgestrahlt. Uralte Erfindungen, aber höchst wirksam. Die Bomben materialisierten unmittelbar auf der Planetenoberfläche und begannen dort ihr zerstörerisches Werk. Nichts konnte die Vernichtung dieses Planeten mehr aufhalten.

Die Mannschaften würden sich noch retten können, vielleicht auch ein Großteil der Raumschiffe, wenn sie schnell genug starteten. Aber die Einsatzzentrale mit ihren Steuer- und Kommandorechnern, ihren Hyperfunkzentralen, den riesigen Materialdepots und den gigantischen Werftanlagen war verloren …

Gegen Arkon-Bomben war kein Kraut gewachsen, denn der Atombrand konnte nicht mehr gestoppt werden und spätestens in 10 Stunden würde der Planet aufgehört haben zu existieren!

Boris und J.J. waren mit ihren Schiffen nach dem Abwurf der Bomben sofort durchgestartet, hatten mit maximalen Werten beschleunigt und waren in den Hypertakt gegangen, ehe die kaiserlichen Schiffe der Heimatflotte von Eretruhr sie hatten stoppen können.

Genau um 15:03 Uhr erreichten sie den Treffpunkt und fanden das kaiserliche Schlachtschiff unversehrt vor. Sie übergaben es Graf Talifrott, der den ganzen Einsatz gegen Eretruhr an Bord der MOLOKKO schweigend verfolgt hatte.

Irgendwann wird die Freiheit in die Galaxis zurückkehren und mit Ihnen die Terraner!, sagte Jack Johnson, als er sich von Graf Talifrott verabschiedete.

Langsam glaube ich, dass ihr es schaffen werdet, antwortete der Graf.

Lass uns jetzt hier verschwinden, sagte J.J. zu Boris, nachdem das Schiff mit Graf Talifrott an Bord im Hyperraum verschwunden war, doch Boris schüttelte den Kopf: Gleich. Zuerst muss ich noch den Hyperfunkspruch absetzen:
An den Unterdrücker der Milchstraße:

Deine Einsatzzentrale ist zerstört. Dein so genanntes Kaiserreich zerfällt. Bald werden alle Terraner heimkehren und dein Reich aus dem Universum fegen. Wir sind nur der Anfang. Das dicke Ende – und das kannst du wörtlich nehmen – das wird noch kommen!
Hüte dich vor uns. Du bist nirgends mehr sicher. Wir werden dich jagen und wir werden dich stellen!

Zwei Terraner!

Ein bisschen dick aufgetragen, meinst du nicht?, sagte Jack leise, doch Boris widersprach: Nein, das meine ich wirklich so! Und wenn ich dabei draufgehe …, der Kaiser muss dran glauben!

Boris war wieder auf seine MOLOKKO zurückgekehrt. Er fühlte sich nicht wohl; etwas lastete auf seinen Gedanken und das war nicht nur die Trauer um den Verlust Claras. Irgendwie nervte ihn im Moment so ziemlich alles …

KATHARINA, hast du was gegen Kopfschmerzen?

Ja, hier …

Boris nahm die Pille aus der Serviceklappe und schluckte sie mit einem Glas Wasser herunter. Dann setzte er seine ziellose Wanderung durch die Zentrale der TERRA 3 fort. Schließlich nahm er Verbindung mit der TERRA 4 auf: Hör mal, J.J., ich brauche dringend ein paar Tage Abstand von Allem. Ich melde mich bei dir …

Kapitel 23
Projekt Heimat

J.J. hatte Boris und seine MOLOKKO verabschiedet. Eigentlich hatte ihm die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Russen gut gefallen. Äußerlich und in seinem ganzen Gehabe war Boris ein ziemlich hartgesottener Kerl. Aber J.J. hatte vor kurzem die andere Seite von Boris Walter kennen gelernt; der Tod seiner russischen Kollegin Clara war ihm sehr nahe gegangen.

JEANNIE, such uns bitte einen Ort, wo man uns in Ruhe lassen wird und wo ich ein wenig nachdenken kann, bat er seinen Bordcomputer.

Aber gerne, Meister.

Die TERRA 3 erreichte nach einer kurzen Hyperraum-Etappe den Rand einer Dunkelwolke und flog ein. Was steht nun an?, fragte sich J.J. laut. Die TERRA ist in einer fernen Galaxis unterwegs, die TERRA 2 ist verschollen und Boris wird, wenn er zurück ist, dem Kaiser weiter auf die Pelle rücken wollen.

Ich hätte da einen Vorschlag. Vor einigen Tagen habe ich einen Hyperfunkspruch eines kaiserlichen Schiffes aufgefangen. Im System der Umarer soll es eine gewaltige Raumschlacht gegeben haben. Fast eine ganze Flotte des Kaisers soll dabei untergegangen sein; nur wenige Schiffe konnten entkommen.

Verbündete?

Vielleicht. Aber eins ist merkwürdig. In dem Hyperfunkspruch ist von Hunderten riesiger schwarzer Raumschiffe die Rede, die plötzlich und ohne Vorwarnung aus dem Hyperraum gebrochen seien und sofort das Feuer eröffnet hätten. Wenn ich nicht wüsste, das so etwas eigentlich noch gar nicht sein kann, würde ich denken …

Du denkst nicht, du bist ein Computer. Die Koordinaten des Systems der Umarer?

Sind bekannt, Meister.

OK, dann hin.

Noch vor der Bahn des äußersten Planeten verließ J.J. sein Schiff mit einem Beiboot; die TERRA 3 war im Schutz ihres Tarnschirms zurück geblieben.

Vorsichtig manövrierte er das Beiboot durch die Reste der unzähligen kaiserlichen Schiffe hindurch und murmelte: Schwarze Schiffe …?

Als er den Orbit um den Planeten der Umarer erreichte, setzte er einen Funkspruch ab, in dem er sich vorstellte. Er wies darauf hin, ein Sucher zu sein und nicht zur kaiserlichen Flotte zu gehören.

Danach warf er einen Blick auf den Planeten und sah schwere Verwüstungen. Der Planet hat ja richtige Wunden, sagte er leise, das war sicherlich mal eine schöne Welt.

Raumkontrolle an Jack Johnson, den Sucher: Wer sind Sie, woher kommen Sie und was haben Sie für Absichten?

Nur die Besten, mein Lieber, antwortete J.J. Hier hat vor kurzem eine Raumschlacht stattgefunden, bei der eine kaiserliche Flotte vernichtet wurde; ich möchte mit den Siegern sprechen. Seid Ihr das gewesen?

Nein. Wir erhielten Hilfe durch unbekannte Raumschiffe, als die kaiserliche Flotte begonnen hatte, den Planeten zu zerstören.

Also daher die großen Zerstörungen, antwortete J.J.

Ja. Leider ist auch unser Raumhafen so beschädigt, dass wir Ihnen keine Landung anbieten können. Der umarische Raumkreuzer CON 4 ist auf dem Weg zu Ihnen. Der Pilot, Conny Connson, wird mit Ihnen Verbindung aufnehmen. Er hat an der Raumschlacht teilgenommen.

Und dieser Connson wird mich wohl zuerst mal checken, dachte sich J.J., wie gut, dass ich nur mit einem kleinen Beiboot gekommen bin.

Als er aber sah, was sich da auf ihn zu bewegte, verließ ihn sein Misstrauen völlig. Der stolze umarische Raumkreuzer sah aus wie eine Konservendose, mit der irgendwelche galaktischen Riesenkinder Fußball gespielt hatten.

Conny Connson an Sucher.

Mein richtiger Name lautet Jack Johnson, mindestens das Ende unserer Nachnamen verbindet uns schon mal miteinander.

Also gut, Conny Connson an Jack Johnson. Erbitte Zugang zu Ihrem Raumschiff.

Ist kein Raumschiff, ist bloß ein Beiboot. Zugang erteilt, aber bitte ohne Waffen. Darauf reagiere ich allergisch.

Einverstanden. Komme an Bord.

J.J. öffnete die Zugangsschleuse. Conny Connson trat in den Aufnahmebereich der Überwachungsoptik. J.J. verschlug es fast die Sprache. Conny Connson war … ein Mensch! Oder vielleicht nicht ganz. Er war in den Schultern sehr viel breiter, als Menschen es üblicherweise sind.

Conny Connson erreichte die Zentrale und trat ein. Der Anblick J.J.'s schien auch Conny einen Schock zu versetzen. Sie sind kein Draboner! Sie sind ja fast so groß wie ich.

J.J. stand auf und erwiderte: Ich bin sogar größer als Sie.

Jetzt sehe ich es auch. Woher kommen Sie?

Von der Erde. Aber weitere Auskünfte werden Sie nicht erhalten, meinte J.J. Ich bin ein Feind des Kaisers, das muss reichen. Erzählen Sie mir bitte, was hier vorgefallen ist.

Erde? Conny Connson konnte mit diesem Begriff nichts anfangen und begann seine Erzählung: Angefangen von der Bedrohung des Planeten durch die kaiserliche Flotte über die Zerstörung der Städte, den Tod seiner Familie bis zum Auftauchen der riesigen schwarzen Schiffe. Dann übergab er J.J. einen Datenspeicher mit den Einzelheiten. J.J. nickte, er würde ihn sich ansehen, sobald er in seine TERRA 4 zurückgekehrt war.

Haben Sie Erkenntnisse, was aus den schwarzen Raumern geworden ist?

Nein, entgegnete Conny Connson, sie verschwanden so schnell, wie sie gekommen sind. Aber sie sprachen die galaktische Einheitssprache, sodass wir nicht erkennen konnten, zu welchem Volk unsere Retter gehörten.

Haben Sie nie einen von denen gesehen, über die Bildübertragung oder so?, fragte J.J.

Es gab keine Bildübertragung, nur einen Funkspruch …

Der Wortlaut?

… war schon merkwürdig, ergänzte Conny den Satz. Schönen Gruß von der Rentnerband.

Also stimmte das, was Boris gehört hat …, murmelte J.J., die Rentnerband, seltsam …

Conny Connson zuckte mit den Schultern: Uns sagt dieser Begriff nichts.

J.J. dachte nach. Rentnerband? Dieser Begriff war typisch menschlich! Das konnte es in der Galaxis nicht zweimal geben.

Aber soviel ich weiß, hat NATHAN nur weiße Raumschiffe gebaut, murmelte er leise, aber Conny Connson hatte es trotzdem gehört und war bei der Nennung des Namens NATHAN und bei dem Begriff weiße Raumschiffe zusammengezuckt. J.J. hatte es deutlich gesehen und hakte nach: Sie verbergen etwas, Mr. Connson. Was wissen Sie?

Wir haben Angst, dass die kaiserlichen Flotten wiederkommen. Wer sagt denn, dass Sie nicht ein Agent sind, der uns aushorchen will?

J.J. lachte: Ich? Ein Agent des Kaisers? Hören Sie mal zu, guter Mann. Mein Freund Boris und ich haben gestern die Einsatzzentrale der kaiserlichen Flotten aus dem Universum geblasen. Eretruhr ist Geschichte! Die Kaiserlichen haben jetzt ganz andere Sorgen. Vielleicht sind sogar die Erkenntnisse über die Schlacht in Ihrem Sonnensystem bei unserem Angriff vernichtet worden und Sie haben vorerst nichts zu befürchten. Also noch einmal, Mr. Connson …, was verbergen Sie?

Tja, da gab es eine Anfrage von diesen schwarzen Schiffen, sagte Conny Connson zögerlich. Man fragte uns, ob wir etwas von einem gewissen Paul und einem weißen Raumschiff namens TERRA gehört hätten. Hatten wir aber nicht, also verneinten wir die Anfrage.

Und? War das alles?, hakte J.J. nach.

Nein, nicht ganz … Conny Connson schien immer noch zu zögern: Man hat uns gesagt, wenn die TERRA mal in unser System kommen sollte, dann sollten wir diesem Paul folgendes ausrichten: Folge uns, wir legen eine Spur. Denke wie ein Scout. Abgebrochene Äste sind kleine Gravitationsbomben.

Das mussten wir wörtlich aufnehmen und wir sollten es genauso weitergeben, sagte der Umarer.

OK. Ich glaube, ich weiß, was damit gemeint ist, sagte J.J. und verabschiedete sich von Conny Connson. Er hatte es eilig!

Die Begriffe Scout und abgebrochene Äste waren ihm als alten Western-Fan ein Begriff. Die schwarzen Raumschiffe würden also eine deutliche Spur hinterlassen, die nur ein Mensch von der Erde verfolgen konnte, der wusste, was ein Scout ist. Mit den abgebrochenen Ästen verwiesen die geheimnisvollen Besitzer der schwarzen Raumschiffe darauf, dass die Scouts den Weg der Feinde anhand besonderer Zeichen, z.B. abgebrochener Äste, verfolgen konnten.

Als J.J. wieder in seiner TERRA 4 angekommen war, rief er JEANNIE zu: Suche bitte nach den Explosionsorten kleinerer Gravitationsbomben! Das kann nicht besonders schwer sein, weil derartige Bomben den Hyperraum ja massiv erschüttern und ohne Zeitverzögerung überall zu orten sind.

Ich weiß, Meister …

OK, Dann stell alles auf einer Sternenkarte dar! Mit Datum und Uhrzeit der Explosion. Wenige Sekunden später baute sich ein Abbild der Milchstraße vor ihm auf. Es gab tatsächlich eine Spur und sie war deutlich zu sehen. Aus der Entfernung und Richtung der einzelnen Explosionen war auch zu erkennen, wann und wo die nächste Gravitationsbombe gezündet werden würde. J.J. sagte: JEANNIE, bitte den nächsten Explosionsort errechnen und anfliegen.

Aber die kaiserlichen Schiffe haben die Explosionen doch auch geortet.

Das Risiko gehe ich ein.

Aber was ist mit mir? Nach meinem Risiko fragt keiner …

Dennoch übernahm JEANNIE die Steuerung und beschleunigte die TERRA 4.

Während des Hypertaktfluges überlegte J.J., auf wen er treffen würde. Hatte NATHAN weitere Kräfte eingesetzt und wo kamen die her?

JEANNIE unterbrach seine Gedanken: Wiedereintritt in den Normalraum erfolgt in 10 Sekunden. Schutzschirme werden aktiviert.

Von mir aus, murmelte J.J. und lächelte über die Vorsichtsmaßnahme JEANNIES. Aber sie war berechtigt! Der Alarm schrillte durchs Schiff …

Mehr als 600 überschwere Transformkanonen sind aktiviert. Wir befinden uns im Kernschussbereich. Ich wiederhole 600 überschwere Transformkanonen!

Mein Gott! Was für Monsterschiffe! Er hatte die Aufzeichnung aus dem Umarer-System inzwischen angesehen, trotzdem fröstelte es J.J. beim Anblick der schwarzen Kampfschiffe.

Ruf kommt rein.

… spricht Hans Müller von der galaktischen Rentnerband. Fahren Sie die Schutzschirme herunter und geben Sie sich zu erkennen. Sie haben 2 Minuten Zeit. Ich wiederhole, weißes Raumschiff, äh, …?

Über den Funk konnte J.J. erregte Stimmen hören. Plötzlich erloschen die Abstrahlmündungen der Transformkanonen und JEANNIE meldete sich wieder:

Habe Freund-Kennung gesendet, denn das sind Schiffe aus NATHANS Arsenal. Freund-Kennung wurde akzeptiert.

NATHANS Arsenal?, wunderte sich J.J. Dann wurde ihm plötzlich klar, woher er den Namen Hans Müller kannte: Paul, der Pilot der TERRA, hieß auch Müller mit Nachnamen.

Hallo J.J., sind Sie das? Hier ist Hans Müller. Wir sind auf der Suche nach meinem Enkel Paul und seinen Freunden.

Einer dieser Freunde bin ich. Paul und die anderen sind mit der TERRA zur Galaxis M343 geflogen. Die vier Begleitschiffe sind hier geblieben. Ein Schiff wurde vernichtet, ein anderes Schiff ist vermisst. Boris ist mit der TERRA 3 zu einem persönlichen Rachefeldzug aufgebrochen; ob wir den je wiedersehen, ich glaube es nicht …
Aber nun zu euch. Was habt ihr da für Schiffe und wie kommt es, dass NATHAN euch in den Einsatz geschickt hat?

Tja, Paul und die anderen wurden vermisst. In Pauls Wohnung hab ich so einen komischen Koffer gefunden. Hab' später erfahren, dass das ein so genannter Transmitter war. Bin durch das Feld gegangen, habe mit NATHAN gesprochen. Der meinte, Paul könnte Hilfe brauchen und er hätte noch ein paar Schiffe aus dem Altbestand, die für Ein-Mann-Bedienung ausgerüstet sind. Da hab ich meine Freunde geholt. Wir haben gemeinsam die Hypnoschulung absolviert, ein wenig trainiert und dann hat NATHAN uns den Schlüssel für den komischen Ultradings-Schirm mitgegeben. Wir sind also los, kriegten einen Hilferuf rein und haben nachgesehen. Und was wir da mitgekriegt haben, war dermaßen grausam – Millionen Tote –, da sind wir alle entsetzt gewesen und haben mit den Kaiserlichen kurzen Prozess gemacht. Schöne Schiffchen haben wir!

Schiffchen? Das sind Monsterraumer mit über 30 Transformkanonen für überschwere Kaliber!

Exakt 64 Transformkanonen und ein Paar andere Sachen, entgegnete Hans Müller freundlich. Über die Ein-Mann-Steuerung der SERT-Haube lässt sich aber nicht alles bedienen. Die Schiffe haben normalerweise eine Kampfbesatzung von 2.000 Personen, ohne das Personal für die Beiboote.

Und was habt ihr nach dem Einsatz im Umarer-System so getrieben?, fragte J.J.

Nachdem uns klar war, was in der Galaxis los ist, wollten wir zur Erde zurück. Wir wollten NATHAN überreden, weitere Menschen von der Erde zu aktivieren; also Soldaten, Piloten, Wissenschaftler, usw. Dann hätten wir die Schiffe und die Beiboote komplett bemannen können und unsere Schlagkraft wäre deutlich höher gewesen …
Ging aber alles nicht. Um den Standort des SOL-Systems sind zigtausend kaiserliche Schlachtschiffe aufgefahren. Da ist kein Durchkommen, null Chance. Und was ist mit Ihnen, Jack?

Ich wollte mit meiner TERRA 4 eigentlich in das System um Boscyks Stern, genauer zum ehemaligen Handelszentrum Olymp. Über diesen Planeten lief vor 50 Jahrtausenden fast der ganze Handel der Terraner. Wenn ihr keine anderen Pläne habt, dann kommt doch mit.

Ja, machen wir, entgegnete Hans Müller, aber sollen wir wirklich mit allen Schiffen dort hin fliegen?

Besser nicht …, antwortete J.J. und wandte sich JEANNIE zu: JEANNIELEIN, hast du eine Sonde übrig?

Für dich doch immer, Meister.

J.J. sprach erneut Hans Müller an: Lasst uns eine Etappe programmieren, die 5 Lichtsekunden außerhalb des Systems von Boscyks Stern endet. Wir warten dort und schicken die Sonde zur Aufklärung rein.

Werden wir dort auf den galaktischen Kaiser treffen? Da gab es doch mal einen gewissen Anson Sowieso.

Nein. Kaiser Anson Argyris, ein Roboter vom Typ Vario500, den gibt es schon lange nicht mehr, entgegnete J.J.

Schon kurz nach ihrem Wiedereintritt in den Normalraum hatte J.J. über die Fernortung festgestellt, dass es den Planeten Olymp nicht mehr gab. Ungeduldig wartete er auf die Rückkehr der Sonde.

JEANNIE meldete sich: Nach Auswertung der Daten ist der Planet Olymp wohl nicht zerstört worden, sonst müssten noch Reste zu finden sein. Die Gravitationsdaten des Systems haben sich wieder normalisiert, d.h. der Planet Olymp verschwand schon vor langer Zeit.

Aber eine merkwürdige Entdeckung hat die Sonde gemacht. Neben dem Planeten Olymp fehlen auch fast alle Asteroiden, die früher diese Sonne umkreisten.

Ja und? Was sollen wir mit toten Gesteinsbrocken?, meckerte J.J.

Einige sind noch da. Einen davon hat die Sonde gescannt. Ich spiele die Aufzeichnung ab.

Auf der Holo-Projektion erschien der Asteroid. Unregelmäßig geformt, schwarz und leer. Erst als die Sonde den Asteroiden fast umrundet hatte, waren regelmäßig geformte Gegenstände und Reste von Gebäuden zu sehen.

Was könnte das sein?, fragte J.J.

Einige der großen Gegenstände könnten Antriebsblöcke von Impulstriebwerken sein, andere scheinen Anlagen zur Erzeugung von Schutzschirmen zu sein. Und überschwere Fesselfeldprojektoren kann ich ebenfalls erkennen.

Das muss ich mir ansehen. JEANNIE, bitte Beiboot startklar machen, rief J.J. und Hans Müller meldete sich: Wir rücken in das System ein und geben dir notfalls Feuerschutz.

Bei dem Wort Feuerschutz zuckte J.J. zusammen. Bei der Vernichtungskraft der alten terranischen Großkampfschiffe wäre jeder Angreifer in Sekundenbruchteilen in eine kleinere Sonne verwandelt worden.

J.J. flog los und landete das Beiboot auf dem Asteroiden. Er stieg in seinen Schutzanzug und verließ das Beiboot, nachdem der Pikosyn grünes Licht gegeben hatte. Er sah hoch, konnte die schwarzen Raumschiffe über sich aber nicht erkennen. Aber es war ein gutes Gefühl zu wissen, dass sie da waren.

Er schwebte vorsichtig durch die Trümmer. Als er sie näher untersuchte, stellte er fest, dass es keineswegs Trümmer waren, sondern Bauelemente, die lose herumlagen. Überall konnte er zudem Zeichen erkennen, die möglicherweise Schriftzeichen waren. Piko, kannst du mir das übersetzen?

Ja, sehr viele Zahlen und andere technische Codes, aber zwei Worte sind überall zu erkennen: Projekt Heimat!

Projekt Heimat?, wiederholte J.J. laut. Was könnte damit gemeint sein?

Ich orte einen Energiefluss in ungefähr 2 Kilometern Entfernung.

Automatische Waffen?

Wohl nicht. Nur ein sehr schwacher Energiefluss …

So schnell hatte J.J. noch nie zwei Kilometer hinter sich gebracht. Mit Hilfe des Flugaggregates seines SERUNS jagte er über die Oberfläche des Asteroiden. Sein Ziel war ein würfelförmiges Gebäude.

Als er angekommen war, sah er die Energiequelle. Eine einfache LED-Kette blinkte aufgeregt.

Ein alter Datenspeicher, meldete der Pikosyn. J.J. nahm den Datenspeicher vorsichtig in die Hand. Er wog fast nichts.

Über den Pikosyn forderte er sein Beiboot an. Es erschien kurze Zeit später über ihm. J.J. hatte es sehr eilig. JEANNIE, die alles mitbekommen hatte, meldete sich: Wenn der Datenspeicher wirklich uralt ist, wird ihn die aggressive Sauerstoffatmosphäre im Schiff sofort zerstören. Bring ihn außen am Beiboot an; ich kümmere mich darum.

J.J. startete das Beiboot und jagte zur TERRA 4. Vor dem Einfliegen in die Schleuse erschien einer der kleinen Roboter und entfernte den Datenspeicher von der Außenwand des Beibootes.

Als J.J. die Zentrale erreicht hatte, erwartete ihn JEANNIE bereits. Er sah, dass die Zentralen der schwarzen Kampfschiffe zugeschaltet waren und hörte JEANNIE zu, die gerade erklärte, dass der Datenspeicher eine Botschaft enthielte, aber Teile dieser Botschaft nicht mehr zu entziffern gewesen waren:

An alle, die es nicht mehr rechtzeitig geschafft haben:

Das Projekt Heimat muss früher starten, weil der Termin für die Verbannung aller Terraner und ihrer Nachkommen von … vorverlegt worden ist. Wir müssen jetzt schon los und können nicht mehr auf euch warten. Ein Teil der Atomsonnen ist noch nicht fertiggestellt und muss zurückbleiben. Nur die Normaltriebwerke und der Planetenschirm sind einsatzklar. Der Aufrisstrichter wird in 2 Stunden erzeugt. Planet Olymp geht auf die Reise. Wenn die … merken, dass wir nicht mehr da sind, werden sie …

Sucht euch eine neue Heimat und betet für unsere Seelen.

Olymp. Ende.

Die Bewohner des Planeten Olymp, überwiegend Terraner und ihre Nachkommen, hatten sich also vor 50.000 Jahren der drohenden Verbannung entzogen. Sie waren geflohen …, und hatten ihren Planeten mitgenommen!

Kapitel 24
Olymp

Die Menschen von Olymp waren also geflohen und hatten ihren Planeten mitgenommen!

JEANNIE, einerseits Bordcomputer der TERRA 4, andererseits eine bezaubernde weibliche Projektion, zeigte ihnen in der Zentrale des Terra-Schiffes in einer Simulation, welch ungeheure Anstrengungen damals nötig gewesen sein mussten, um einen ganzen Planeten auf die Reise zu schicken. Und das alles unter den Augen jener geheimnisvollen Macht, die damals die Verbannung der Terraner und ihrer Nachkommen überwacht hatte.

Der erste Teil der Simulation zeigte das System um Boscyks Stern mit seinen ursprünglich zwei Planeten. Dann blendete JEANNIE auf einen knollenförmigen Asteroiden um und die Menschen in der Zentrale der TERRA 4 sahen, wie der Asteroid riesige Projektoren und Triebwerke erhielt. Auf einem anderen Bild war zu sehen, wie ein Asteroid zu einer Kunstsonne umgebaut und auf die Umlaufbahn um Olymp gebracht wurde.

In der zweiten Phase sahen sie, wie gigantische Anlagen zur Erzeugung eines Aufrisstrichters im Weltraum entstanden. Die Simulation zeigte weiter, wie ein planetenumspannender Schutzschirm entstand. Langsam driftete Olymp mitsamt seinem Schutzschirm und seinen Kunstsonnen auf den Aufrisstrichter zu.

Halt, woher hatten sie diese Transmittertechnik?, unterbrach J.J. die Simulation.

Hans Müller, der zusammen mit seinen Freunden in die Zentrale der TERRA 4 gewechselt war, stimmte zu: Soweit wir aus den Hypnoschulungen wissen, konnten die Terraner keine derart großen Transmitter bauen.

JEANNIE sagte: Doch, denn das Wissen um Großtransmitter, beispielsweise über die Transmittertechnik der Tefroder, war vorhanden, es wurde nur nicht mehr genutzt, weil es große Risiken barg. Trotzdem blieb es in NATHAN gespeichert und NATHAN vergisst nie …

Dann hat NATHAN den Leuten von Olymp geholfen? NATHAN kannte das Projekt Heimat?, fragte Hans Müller. Dann muss NATHAN doch auch wissen, wohin Olymp auf die Reise ging.

Nein, NATHAN durfte nicht helfen und hat es auch nicht getan.

Können wir eine Spur von Olymp finden?, fragte J.J.

Nein, das ist nicht möglich. Auch im System werden wir keine Hinweise finden. Dafür waren die Bewohner von Olymp viel zu vorsichtig. Auch die von mir georteten Anomalien des Hyperraums dürften nichts mit dem Verschwinden des Planeten vor 50.000 Jahren zu tun haben.

Doch hier irrte JEANNIE.

In der Magellanschen Wolke liefen die Neosyntroniken heiß.

CHEF-7.718, Nachfolger des legendären CHEF-1 war zufrieden. Die letzten Vorbereitungen waren angelaufen. CHEF-7.718 hatte die Anweisungen, die in den Ewigen Annalen verzeichnet waren, genau studiert. Zwar verfügte man heute über ausgereiftere Techniken als damals, aber die Methode war gleich geblieben.

Wozu hätte man diese Methode auch weiterentwickeln sollen?, fragte sich CHEF-7.718, die Ewigen Annalen schreiben verbindlich vor, was man zu tun und zu lassen hat.
Ihr erstes Gebot: Bleibt wo Ihr seid und macht niemanden auf Euch aufmerksam, hatte letztlich jegliche Raumfahrtentwicklung zum Erliegen gebracht. Das zweite Gebot hing mit dem ersten Gebot eng zusammen und verbot u.a. jeglichen Hyperfunkverkehr: Hören ja, Senden niemals.

Das VOLK hatte die Anweisungen der Ewigen Annalen schon in der Schulzeit auswendig gelernt. Jeder wusste, was zu tun war. Man hatte sich tot gestellt, und das seit 50.000 Jahren.

In der Zeitrechnung eines Planeten, der wahrscheinlich nicht mehr existiert, murmelte CHEF-7.718, als er an die legendäre Erde dachte.

Hier HORCHER-6.934. Die Auswertungen des Hyperfunks in der Großen Heimat sind mittlerweile abgeschlossen. Die Terraner sind zurückgekehrt. Die Vorhut hat die Einsatzzentrale der kaiserlichen Flotten in Eretruhr völlig zerstört.

Erst Nr. 6.934! Horcher leben halt länger als Chefs, stöhnte CHEF-7.718, als er über die kleinere Namenszahl nachdachte. Alle wichtigen Funktionsträger erhielten den zugehörigen Funktionsnamen, gefolgt von einer Nummer. Vor ihm hatte es 7.717 Chefs gegeben, aber nur 6.933 Horcher. Also lebten Horcher länger. Auch Ingenieure hatten eine durchschnittlich höhere Lebensspanne gehabt; ING-7.012 hieß der derzeitige technische Leiter. Dafür hatten Chefs eben die Verantwortung. Und das zehrte!

CHEF-7.718 an SO-007: Was hat die Befragung des Gefangenen ergeben?

Auf dem Holo des planetarischen Trivideo-Systems erschien der Oberkörper von SO-007. CHEF-7.718 wunderte sich nicht über die kleine Namenszahl, Sonderermittler hatte es nur wenige gegeben, weil es in der langen Geschichte des VOLKES auch nur selten einen Anlass gegeben hatte, einen Ermittler zu berufen.

Der Draboner hat nicht viel ausgesagt, sagte SO-007. Graf Talifrott beharrt darauf, bei uns Asyl zu erhalten. Erst wenn ihm dies gewährt wird, ist er zu weiteren Aussagen bereit.

Typisch Draboner. Erst in unseren Tarnschirm einfliegen und zwei Kunstsonnen aus der Bahn werfen. Dann eine Gewaltbremsung einleiten, bei der unsere Feuerleitoffiziere ganz nervöse Finger bekommen haben und jetzt auch noch Forderungen stellen. Was hat er denn überhaupt ausgesagt?

Na ja, Name, Dienstrang, ein paar Angaben zu seinem Schiff, usw. Das Übliche halt. Und auf Nachfrage noch zwei ganz wichtige Punkte:
Erstens sei nicht die Vorhut der zurückkehrenden Terraner in die Große Heimat eingefallen und zweitens sei ihm der Standort unserer HEIMAT ungefähr bekannt gewesen.

Unmöglich! Wenn die kaiserlichen Flotten unseren Standort gekannt hätten, wären sie längst hier aufgetaucht, bezweifelte CHEF-7.718 die Aussage des Gefangenen. Und in dem Hyperfunkspruch der Posbis … sie sind wieder zurück waren eindeutig die legendären Terraner gemeint, die Mütter und Väter unseres VOLKES.

ICH stamme von den galaktischen Händlern, den Springern ab, wies ihn SO-007 zurecht.

Ja, ja, ist alles bekannt. Deine Vorfahren sind damals nicht mehr rechtzeitig weggekommen. Ist ja alles in den Ewigen Annalen verzeichnet. Aber was ist, wenn das nicht die Vorhut der Terraner ist, die da in der Großen Heimat so effektiv zugeschlagen hat? Wer ist das dann und können wir wirklich gefahrlos zurückkehren?

CHEF-7.718 stellte eine Verbindung zur Feuerleitzentrale her: Wie hoch können wir unsere Verteidigungsanlagen maximal belasten?

Hier FLOF-7.502. Abwehrschirme, planetare Geschütze und Asteroidenforts sind einsatzbereit. Die Feuerkraft und Reichweite der Geschütze konnte seit der Ankunft des Planeten in der Magellanschen Wolke um rd. 400 Prozent gesteigert werden. Die Auswertung der Daten des feindlichen Schlachtschiffes von Graf Talifrott hat ergeben, dass das planetarische Abwehrsystem den Angriffen von Großflotten mehrere Wochen lang standhalten kann. Nachteilig ist nur, dass wir nur über wenige eigene Schiffe verfügen, die aktiv in den Kampf eingreifen könnten.

Dafür haben wir hervorragend ausgebildete Mannschaften, entgegnete CHEF-7.718, die darauf trainiert sind, feindliche Schiffe zu entern und zu übernehmen!

Die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Aufrisstrichter wird aufgebaut, gab ING-7.012 durch.

CHEF-7.718 konferierte noch kurz mit den Mitgliedern der demokratisch gewählten Regierung. Wie es in den Ewigen Annalen vorgesehen war, übertrug man ihm den Oberbefehl für die Dauer der Rückkehr in die Große Heimat.

Er nutzte seine Überrangvollmachten und schaltete sich auf die Übertragungskanäle. Überall auf dem Planeten war er jetzt zu sehen und zu hören, als er die denkwürdigen Worte sprach:

Große Heimat, wir kehren heim!

Die Anomalien des Hyperraums nehmen zu. Rate zu erhöhter Vorsicht.

J.J., der eigentlich mit seinem Schiff und der kleinen Flotte der Rentnerband schon längst das System um Boscyks Stern hatte verlassen wollen, zögerte. Was schlägst du vor, bezaubernde JEANNIE?

Warteposition außerhalb des Systems beziehen und erhöhte Gefechtsbereitschaft, liebster Jack.

J.J. besprach sich kurz mit den Kommandanten der Galaktischen Rentnerband. Ehe Hans Müller die TERRA 4 verließ, um auf sein Schiff zurückzukehren, fragte er Jack noch: Deine JEANNIE, ist die immer so …? Liebster Jack und so?

Jack lachte: Ja, aber manchmal hat sie eine Meise, die Kleine!

Wenige Minuten später nahm die TERRA 4 Fahrt auf und die 20 alten terranischen Superschlachtschiffe folgten ihr.

JEANNIE schmollte; ihr Projektionskörper stolzierte durch die Zentrale. Sie hatte die Arme verschränkt und überlegte wohl, in welches kleine Tier sie J.J. verwandeln sollte. Irgendwas kleines Fieses, so in Richtung Ratte, hatte sie wohl im Blick. J.J. murmelte: Ob diese Augen … wohl reale Blitze schleudern können?

Sie können und sie werden!

J.J. zog sich lieber zurück. Er wusste, wenn Frauen Blitze schleudern wollten, dann war es höchste Zeit, sich zu verkrümeln. Und diese Frau konnte Blitze schleudern, da war er sich sicher.

Durchsage an meine lieben Freunde von der Rentnerband: Anomalien des Hyperraums konzentrieren sich in einer Entfernung von 8 Lichtminuten von der Sonne dieses Systems. Anomalien greifen auf den Normalraum über. Schwere Verzerrungen des Raum-Zeit-Gefüges.

Auf den 20 schwarzen Superschlachtschiffen alter terranischer Bauart verfolgten die 20 rüstigen Rentner von der Erde jetzt ein einzigartiges Schauspiel. Auch J.J. hatte die Holoprojektoren der TERRA 4 aktiviert; von Hand natürlich, denn JEANNIE schmollte ja immer noch …

Aber alle konnten es jetzt deutlich sehen. Der Weltraum in der Nähe der Systemsonne veränderte sich. Die Schwärze wich einem tiefen Rot. Das Rot zog sich zusammen. Ein leuchtender Ring entstand. Innerhalb des Rings waberte es jetzt dunkelgrau. Ein alter tefrodischer Situationstransmitter, rief J.J.

Dann ging alles sehr schnell! Das Innere des Rings färbte sich zunächst weiß. Immer strahlender wurde dieses Weiß und dann … erschien in den Weiten des Systems von Boscyks Stern ein Diamant, der in einer grellroten Fassung zu schweben schien.

In der Feinortung konnten sie erkennen, dass der Diamant dunkle Körper auszuspucken schien. Diese dunklen Körper verließen den Diamanten mit hoher Geschwindigkeit und schwärmten aus. Mittlerweile war der grellrote Ring erloschen. Der Diamant schwebte jetzt allein in seinem makellosen Weiß in der tiefen Schwärze des Raumes. Er schien in Konkurrenz mit der Sonne des Systems treten zu wollen.

Jetzt verließ ein Lichtfinger den Diamanten und schien nach der Sonne greifen zu wollen. Er erreichte die Sonne und wurde dunkler, bis er dann gänzlich verschwand. JEANNIES Stimme unterbrach dieses wunderschöne Schauspiel:

Ein Zapfstrahl. Die Sonne wird angezapft. Zapfstrahl jetzt nur noch im Hyperraum zu orten. Riesige Energien werden abgezogen. Jetzt ist der Zapfstrahl erloschen.

Wir werden angemessen. 50 Kleinraumschiffe im System. 60 Meter Durchmesser. Starke Schutzschirme vom Typ Paratron, ungewöhnlich hohe Offensivbewaffnung. Schiffe nähern sich, nehmen Angriffsformation ein …

Die terranischen Superschlachtschiffe hüllten sich in ihre Schutzschirme und auch in der TERRA 4 liefen die Paratronkonverter hoch. J.J. übernahm die TERRA 4 in Handsteuerung. JEANNIE protestierte zwar, aber Jack beschleunigte in Richtung auf die anfliegenden Fremdraumer und sendete einen Funkspruch im galaktischen Idiom: Hier spricht Jack Johnson von der Erde. Beenden Sie sofort Ihre Angriffsformation. Wir sind in friedlicher Absicht hier. Wenn Sie uns jedoch angreifen, werden wir Sie vernichten. Ihre Schutzschirme sind der geballten Vernichtungskraft meines Schiffes und der terranischen Superschlachtschiffe nicht gewachsen!

J.J. wusste, dass es völlig unmöglich war; aber er meinte tatsächlich das Quietschen gewaltiger Bremsen zu hören. Eins war klar; da drüben trat man gewaltig in die Eisen. Als wären sie gegen eine Mauer geflogen, so plötzlich stoppten die Fremdraumschiffe in einer Entfernung von 500.000 Kilometern vor der TERRA 4.

Hier spricht PILOT-1/7.233. Identifizieren Sie sich!

Hab ich schon. Sie sind dran!

Ja also … äh, hier spricht PILOT-1/7.233 vom olympischen Kampfkreuzer 1. Habe ich richtig verstanden: Sie kommen von der Erde, also von Terra, und das hinter Ihnen sind … terranische Schlachtschiffe?

Ja, richtig gehört. Habt Ihr übrigens ein Problem mit Zahlen, mein lieber Pilot Nr. sowieso?, antwortete Jack.

Also stimmten unsere Auswertungen, die Terraner sind zurückgekehrt. Deshalb haben wir unser Versteck auch verlassen und bringen den Planeten Olymp wieder an seine alte Stelle zurück.

Nein, die Terraner sind nach wie vor verschwunden. Wir sind von der Erde, also so was wie Terraner, nur ein bisschen neuer …, gab J.J. zurück.

Ich stelle durch zu CHEF-7.718, unserem Oberkommandierenden, der sich auf dem Planeten aufhält.

Hier CHEF-7.718. Habe mitgehört. Ihre Aussagen klingen sehr unglaubwürdig. Moment bitte … was hat dieser Graf gesagt, er kennt die … die waren das mit Eretruhr …, ach so.
Hier wieder …

Genau. Wir waren das mit Eretruhr. Und Ihr habt ein Problem mit Zahlen!, spottete J.J.

Aber wieso? Funktionsbezeichnung plus Namenszahl. Was ist daran so ungewöhnlich?

J.J. ging nicht auf die Gegenfrage ein: Was ist das da für ein Diamant im Weltraum. Soll das euer Planet sein?

Ja, das ist Olymp im Schutze seines Diamantschirms. Eine Neuentwicklung. Müsste nach unseren Berechnungen einiges aushalten, obwohl wir ihn noch nicht getestet haben.

Dazu wird es wohl noch kommen, unkte J.J. Wir müssen reden. Kommen Sie bitte zu mir.

Äh, kleines Problem, alle Schiffe sind draußen. Ich habe kein Schiff, um zu Ihnen zu kommen und ein Transmittertransport durch den Diamantschirm ist nicht möglich.

Gut, dann kommen wir zu euch. Nur mit einem kleinen Schiff, damit Ihr keine Angst bekommt.

Wir haben uns 50.000 Jahre versteckt, WEIL wir Angst haben.

J.J. dachte gar nicht daran, in ein kleines Beiboot umzusteigen; er traute dem Braten nicht. Stattdessen gab er JEANNIE den Befehl, die TERRA 4 auf ihre Hangargröße von 50 Metern schrumpfen zu lassen.

He, so war das aber nicht gemeint, hörte er PILOT-1/7.233 rufen.

Das ist doch ein kleines Schiff, oder?, war J.J.'s einzige Reaktion. Er beschleunigte. Als er näher heran gekommen war, sah er, wie schön der Diamantschirm war; in allen Farben des Spektrums glitzerte der Schirm im Licht der nahen Sonne.

Hier FLOF-7.502. Die Feuerleitstellen fragen nach, ob sie losschlagen sollen?

Nein, wartet erst mal ab.

Aber das Schiff hat sich verändert. Da ist was faul, widersprach der oberste Feuerleitoffizier.

CHEF-7.718 schüttelte den Kopf: Nach Aussage unseres Gefangenen ist das eines der beiden Schiffe, die Eretruhr vernichtet haben; es kann also nicht unser Feind sein! Schirm öffnen; erhöhte Feuerbereitschaft bleibt bestehen. – CHEF-7.718, Ende.

Die Lücke im Diamantschirm war gerade groß genug, um die TERRA 4 einfliegen zu lassen.

Als sie durch war, konnte J.J. zweierlei sehen: einen blühenden Planeten und eine Horde von Verteidigungsforts, die ihn wie Mücken umschwärmten. Und die Zieloptiken der Verteidigungsforts hatten die TERRA 4 ins Fadenkreuz genommen …

Ziemlich dicke Kaliber; wenn die losschlagen, sind wir Geschichte!

Aha, das JEANNIELEIN ist auch wieder wach, frotzelte J.J. und konzentrierte sich wieder auf den Landeanflug. Er klinkte sich in den ankommenden Leitstrahl ein und setzte die TERRA 4 kurze Zeit später sanft auf dem Raumhafen auf. Auf der Ortung sah er, dass zwölf Verteidigungsforts in einer Höhe von 200 Kilometern über dem Terra-Schiff Stellung bezogen hatten und Dutzende planetarische Abwehrforts aus dem Boden aufgestiegen waren und dabei waren, sich auf ihr Ziel einzupendeln. J.J. nahm es gelassen; er wusste, auf der Oberfläche würden sie keine Transformbomben einsetzen und mit dem Rest würde die Schutzschirmstaffel der TERRA 4 fertig.

Er verließ das Schiff durch die Bodenschleuse und trat auf das Landefeld. Eine Gruppe von Personen kam ihm entgegen. Auch Roboter, merkwürdige spitzkugelige Maschinen, waren dabei.

Als sie nah genug heran waren, sah J.J., dass er Menschen vor sich hatte; die einzige Ausnahme stellte Graf Talifrott, der Draboner, dar, der von zwei Robotern eskortiert wurde. Hallo Graf, lange nicht gesehen, spottete J.J.

Graf Talifrott löste sich von seiner Robotereskorte und ging auf J.J. zu. Die Roboter hoben drohend einen ihre Arme und die Abstrahlmündungen glühten auf.

Hallo J.J. Wollte auf diesem merkwürdigen Planeten Asyl haben. War so schön weit weg von der Galaxis. Stattdessen stecke ich jetzt wieder mittendrin.

Nach den Worten Graf Talifrotts erhellten sich die Gesichter der anderen. Mit einem Lachen in den Augen trat CHEF-7.718 vor und umarmte J.J. Hallo Bruder. Es ist schön, wieder einen von euch zu sehen. Komm mit, wir haben viel zu bereden. Er winkte einem seiner Kollegen kurz zu. Dieser betätigte einen Kommandogeber und die Roboter zogen ab. Auch Graf Talifrotts Eskorte verschwand.

Kurze Zeit später erreichte ein Funkruf die terranischen Superschlachtschiffe außerhalb der Planetenbahnen: Hier spricht Jack Johnson. Fliegt bitte ein; es ist alles in Ordnung. Die Menschen von Olymp freuen sich, uns alle zu einer kleinen Wiedersehensfeier einladen zu dürfen. Und noch mehr freuen sich die 4.000 hochausgebildeten Fachleute, die in Zukunft und unter eurem Kommando gerne auf den Superschlachtschiffen Dienst tun wollen.
Jack Johnson, Planet Olymp, Ende.

Kapitel 25
Aufbruch nach Drabon

Zwei Gedanken im Nichts:

Sie sind wieder da.

Unsere Freunde von der Gegenseite hatten Recht. Man kann sie nicht bändigen.

Dann werden unsere sehr verehrten Gegner diese Insel wieder übernehmen.

Das schafft einen gerechten Ausgleich. Aber was werden die Superintelligenzen dazu sagen?

Ihr THOREGON hat Bestand. Sie werden nicht bereit sein, die Mächte des Chaos zurückzutreiben. Und wir werden nicht weiter eingreifen.

Die sehr verehrten Gegner werden ebenfalls nicht eingreifen. Wie können sie da siegen?

Dieses Volk hat Substanz, wie wir wissen. Selbst die Isolation kann sie nicht bändigen. Sie werden der Insel wieder das Chaos bringen.

Schon die Stammväter dieser Rasse waren für uns tätig. Sie haben unsere Aufträge ausgeführt und vieles im Sinne der Ordnung geleistet. Aber am Ende haben sie sich immer von uns abgewandt und ihre eigenen Ziele verfolgt: Freiheit des Einzelnen, Freiheit der Forschung, Demokratie, usw.; alles typische Inhalte der Chaostheorie …

Selbst die aktuelle Entwicklungsstufe dieser Rasse ist wieder dabei, die bestehende Ordnung zu bekämpfen. Wenn es ihnen gelingt, ihre alten Führer wieder ins Spiel zu bringen, fällt nicht nur die Insel, die sie Milchstraße nennen, sondern der ganze Cluster wieder dem Chaos anheim.

Schöne Ordnung, schimpfte Hans Müller, als er sah, wer da auf ihn zukam. Hochausgebildete Spezialisten hatte man ihm versprochen; Spezialisten, die auf Olymp in allem ausgebildet worden waren, was an terranischer Technik die 50.000 Jahre der Isolation des Planeten überstanden hatte. Oder was man entsprechend weiterentwickelt hatte.

Aber Disziplin hatte man wohl nicht gelehrt. Ein Sauhaufen war das, das konnte er schon von weitem sehen.

Jetzt waren sie stehen geblieben. Unsicher musterten sie den Menschen von der Erde. Sicher, Hans Müller sah nicht so aus, wie man sich einen Raumschiffkommandanten vorstellte. In Jeans und Lederjacke und eine Hand in der Tasche stand er auf der Treppe des Regierungsgebäudes von Olymp in Trade City und wartete auf seine Mannschaft.

Jahrelang hatten sie in ihren kleinen 60-Meter-Schiffen alle Varianten eines möglichen Einsatzes geübt; aber immer nur innerhalb des planetaren Schutzschirms, der eine Entdeckung des Planeten verhindern sollte, solange sich Olymp innerhalb der Magellanschen Wolke versteckt hatte. Aber Hans Müller hatte etwas, wovon die 200 Spezialisten von Olymp immer nur hatten träumen können, er hatte ein altes, aber voll funktionsfähiges Superschlachtschiff aus terranischer Fertigung. Eine gigantische schwarze Kugel mit 1.800 Metern Durchmesser, die jetzt auf dem neuen Raumhafen von Olymp auf ihre Besatzung wartete.

Schon vom Vorplatz des Regierungsgebäudes aus war das Superschlachtschiff gut zu erkennen. Insoweit konnte Hans Müller die verstohlenen Seitenblicke der neuen Mannschaft gut verstehen. Ein mächtiges Schiff war das, das er da flog.

Jetzt erhielt dieses Schiff eine Mannschaft. Obwohl die von NATHAN entwickelte SERT-Steuerung es Hans Müller ermöglicht hatte, diese Schiff alleine zu fliegen, würde seine Kampfkraft deutlich zunehmen, wenn alle Positionen besetzt waren.

Aber dies galt nicht nur für sein Schiff. Über dem Planeten standen die anderen 19 Superschlachtschiffe seiner Freunde, die jetzt ebenfalls auf ihre Besatzungen warteten.

Da der Raumhafen von Olymp gerade groß genug war, ein Schiff dieser Größe aufzunehmen, würden die Besatzungen die anderen Schiffe durch die Transmitter erreichen.

Mittlerweile hatte sich sein Sauhaufen bequem und in lockerer Haltung vor ihm aufgebaut.

Hans war nie bei der Bundeswehr gewesen und hatte überhaupt keine Ahnung von militärischem Drill. Irgendwie behagte ihm das Militärische auch nicht so recht, weil er als Kind die Bombenangriffe auf seine Heimatstadt noch gut in Erinnerung hatte. Es waren Militärs gewesen, die den Krieg angefangen hatten und es waren Militärs, die seine Heimatstadt und das Haus seiner Eltern zerbombt hatten.

Er ging auf die Leute zu. Die Reihen wichen etwas zurück und bildeten einen Halbkreis, in dessen Mitte sich Hans plötzlich wiederfand. Guten Tag, mein Name ist Hans Müller, ich begrüße Sie.

Guten Tag, Hans Müller!, brüllten alle im Chor.

Hans erschrak. Hey, nicht so laut, meine alten Ohren vertragen keinen Lärm mehr. Bitte betreten Sie das Schiff, antwortete er. Was dann folgte, hatte Hans Müller nicht erwartet: Die Mannschaft betrat das Schiff nicht …, sie stürmte es …

Hans ging dem Trubel aus dem Weg und ließ sich vom Transmitter der Bodenschleuse direkt in die Zentrale abstrahlen.

Was machen die Neuen?, fragte er das Bordgehirn.

Sie schauen sich alles an, willst du Bilder?

Her damit, sagte Hans. Einige Holo-Bildschirme aktivierten sich. In allen Sektionen des Riesenschiffs waren Gruppen von Leuten zu sehen, die die technischen Einrichtungen seines Schiffes begutachteten. Die Meisten schienen begeistert zu sein, doch andere schüttelten die Köpfe. Hans aktivierte die Bordsprechanlage: Wenn Sie sich ausreichend umgeschaut haben, bitte ich Sie in die Messe. Jetzt haben wir 8:00 Uhr Bordzeit, sagen wir …, um 10:00 Uhr.

Dann setzte er sich mit seinen Freunden auf den anderen Schiffen in Verbindung. Auch dort waren die Besatzungen inzwischen eingetroffen.

Alois Schmidhuber sagte: Bei mir ist schon einer aufgetaucht, der sich als mein erster Offizier vorgestellt hat. Nennt sich Sowieso-7.213. Hat gemeldet, dass alle ihre Plätze im Schiff eingenommen haben. Bei dir auch?

Nein, noch nicht, antwortete Hans. Gleichzeitig sah er aber einen der Spezialisten von Olymp in die Zentrale kommen. Moment, Alois, ich glaub, da kommt gerade so ein Typ.

Und wie der kam.

Erst mit langen Schritten durch die Zentrale, dann ein Stopp unmittelbar vor Hans Müller, die Hacken zusammenschlagen und salutieren. Das alles in einer fließenden Bewegung und innerhalb kürzester Zeit: Erster Offizier, IO-7.198, meldet sich zum Dienstantritt!

Hans nahm es gelassen. Hallo IO-7.198. Zwei Dinge gleich zu Anfang: auf meinem Schiff geht es nicht militärisch zu und zweitens kann ich mir eure Namenszahlen nicht merken, lasst euch also etwas einfallen. Ich erwarte die Mannschaft um 10:00 Uhr in der Messe.

Es war Punkt 10, als Hans in der Messe erschien. Die neuen Besatzungsmitglieder waren vollständig erschienen und sprangen sofort auf, als er sie an Bord begrüßte. Hans hielt eine kurze Ansprache und überließ es dann seinem Bordcomputer, die Neuen über die bisherigen Ereignisse in Bild und Ton zu informieren.

Als die Bilder der Raumschlacht im Umar-System auftauchten, gab es schon vereinzelt Beifall, aber die Aufnahmen, die J.J. bei der Vernichtung der kaiserlichen Kommandozentrale Eretruhr gemacht hatte, riefen bei der Besatzung wahre Begeisterungsstürme hervor.

Als sich der Bordcomputer am Ende mit der Bemerkung verabschiedete, die Vorräte seien aufgefüllt und die Kantine sei heute zum Ersten mal in der Geschichte des Schiffes in Betrieb, da gab es kein Halten mehr.

Alle stürzten sich auf die aktivierten Getränkespender, nur der erste Offizier blieb noch stehen und fragte: Wie sehen Ihre Pläne aus; Kommandant?

Hans erwiderte: Zuerst machen Sie sich mit dem Schiff vertraut. Wir trainieren hier im System und in seiner unmittelbaren Nähe. Anschließend treffen sich die Kommandeure zu einer Lagebesprechung auf Olymp. Als mein Vertreter sind Sie natürlich eingeladen.

Oh, danke. Äh …, und noch was. Wir haben uns über Ihr Namensproblem unterhalten. Da wir keine anderen Namen haben, bittet die Mannschaft Sie, jeden von uns mit seinem Funktionsnamen anzureden, auf die Namenzahl kann verzichtet werden.

Danke, IO, entgegnete Hans.

Zwei Wochen später:

Auf Olymp hatte man ihnen einen großen Versammlungsraum zur Verfügung gestellt. Jack Johnson begrüßte die Vertreter der Regierung und ergriff dann das Wort:

Meine sehr verehrten Herren, äh …, Damen und Herren! Entschuldigung, ich bin es nicht gewohnt Reden zu halten, das überlassen wir Zuhause den Politikern; wenigsten etwas, was sie können sollten. Also …, wir haben eine große Aufgabe vor uns.
Ich weiß, dass viele Menschen auf Olymp hoffen, dass wir mit unseren Schiffen die Verteidigung von Olymp verstärken, aber das kann nicht unsere Aufgabe sein; es wäre auch zu kurz gedacht. Außerdem haben Berechnungen meines Bordcomputers ergeben, dass der planetare Schutzschirm und die Verteidigungsanlagen von Olymp durchaus ausreichen, einem Angriff der kaiserlichen Flotte standzuhalten.
Olymp muss offensiv verteidigt werden und damit meine ich, dass wir das Kaiserreich dort treffen, wo es am empfindlichsten ist …, an seinen Zentren und Hauptwelten! Nur wenn wir die riesige Kaiserflotte dort binden, werden wir verhindern können, dass sie Angriffe gegen Olymp oder andere Planeten fliegt!
Natürlich wäre es schön, wenn wir mit dem Sitz des galaktischen Kaisers beginnen könnten, ihm ein paar Transformbomben vor den Latz setzen und alles ist wieder in Ordnung. Leider weiß niemand, wo der galaktische Kaiser seinen Sitz hat. Selbst Graf Talifrott, der bereit ist, mit uns zusammen zu arbeiten, hat während seiner langjährigen Zeit in der kaiserlichen Flotte nie irgendwelche Informationen darüber erhalten. Ein Gerücht besagt, der Kaiser lebe hinter dem Horizont, aber niemand weiß, was damit gemeint ist.
Wenn wir schon nicht an den Kaiser selbst herankommen, dann müssen wir versuchen, ihn aus der Reserve zu locken und dazu haben wir folgenden Plan entwickelt:
Nachdem die Flottenzentrale in Eretruhr mit den Hauptwerften und Nachschubdepots zerstört ist und gleichzeitig ein großer Teil der kaiserlichen Flotte in der Nähe des SOL-Systems gebunden ist, können wir den Hauptwelten der großen galaktischen Königreiche einen kleinen …, ich will mal sagen, Besuch abstatten.
Wir beginnen mit Drabon. Dort residiert König Brzystoll von Drabon, einer der grausamsten Despoten der Galaxis. Soweit bekannt ist, haben die Draboner große Teile des ehemaligen Arkon-Imperiums übernommen und gelten Heute als die engsten Verbündeten des Kaisers. Nach den Angaben Graf Talifrotts gibt es im Drabon-System drei bewohnte Planeten und einen vierten, Drabon VII, auf dem sich nur die Residenz von König Brzystoll, umfangreiche Palastanlagen und schwere Verteidigungsanlagen befinden. Dort werden wir beginnen …

Die neuen Besatzungen hatten sich von ihren Angehörigen verabschiedet und waren auf ihre Schiffe zurückgekehrt. Genau um 14:04 Uhr olympischer Zeit hob das schwere Schlachtschiff vom Raumhafen ab und gesellte sich zu den anderen Superschlachtschiffen. Zusammen mit der TERRA 4 beschleunigten sie und gingen um 15:00 Uhr in den Hyperraum. Die Aktion Drabon begann …

Hans Müller genoss den Flug, um ausgiebig mit seinem Bordcomputer zu kommunizieren. Der Pilot flog das Schiff und der erste Offizier hatte die Leitung der Zentrale übernommen. Sag mal Computer, wie alt bist du eigentlich?

Hallo Hans, ich bin rund 50.000 Jahre alt. Übrigens wäre es langsam an der Zeit, mir und dem Schiff einen Namen zu geben. JEANNIE, der Bordcomputer der TERRA 4, brachte mich auf diese Idee.

Klar, kann ich. Was hältst du von RAMSES?

Ein schöner Name. Ramses war ein großer Pharao. Und ich bin ein großes Schiff.

Ja, das bist du. Und was bist du?

Ich bin eine syntronische Einheit mit positronischem Kern und positronischen Parallelsystemen. Ich habe übrigens …

OK, das reicht, RAMSES.

… ich habe übrigens eine Nachricht von der TERRA 4 erhalten. J.J. will wieder einmal auf eigene Faust handeln.

Mit Erschrecken hörte Hans den vollen Wortlaut der Meldung, die die TERRA 4 noch kurz vor ihrem Eintritt in den Hypertaktflug abgesetzt hatte. Da die Triebwerke der TERRA 4 denen der alten terranischen Schlachtschiffe an Leistungsfähigkeit und Geschwindigkeit haushoch überlegen waren, war J.J. vorausgeflogen.

Ursprünglich wollte man sich 20 Lichtjahre vor dem Drabon-System treffen, um weitere Einzelheiten der Aktion zu besprechen. Aber J.J. hatte offensichtlich nicht warten können und außerdem den Plan geändert. Wenn das nur gut geht!, murmelte Hans Müller und setzte sich mit den anderen Schiffen in Verbindung.

Kapitel 26
Drabon

JEANNIE schimpfte wie ein Rohrspatz.

Aber JEANNIE, wer wird denn gleich in die Luft gehen?, bemerkte J.J. trocken.

Du hirnverbrannter Vollidiot. Komm mir nicht mit Werbung. Ich rauche nicht, im Gegensatz zu dir! Dein Plan ist so bescheuert, auf so eine Idee kann nur ein Amerikaner kommen.

Hey, was ist mit deiner Bildung, verehrte Dame. Woher kennst du nur all diese Schimpfworte? Reg dich nicht auf, sonst qualmen deine Transistoren.

Und am Ende steigt Mr. Johnson wieder auf sein weißes Pferd, steckt sich ne Marlboro an und reitet in den Sonnenuntergang …

Yeah, aber vorher nehme ich in der galaktischen Bar von Drabon III noch einen Drink. Und jetzt tu genau das, was ich dir gesagt habe!

Okay, Okay. Du kleiner Western-Held. Aber du bist nicht unsterblich, denk daran.

Die TERRA 4 aktivierte das Kompakte Feld und schrumpfte auf einen Durchmesser von 60 Metern. Gleichzeitig aktivierte JEANNIE einen eng anliegenden graufarbenen Schutzschirm, der dem Schiff das Aussehen eines Beibootes der kaiserlichen Flotte geben sollte. Diesen Trick hatte Boris mit seiner TERRA 3 schon einmal erfolgreich ausprobiert, warum sollte er nicht auch im Drabon-System wirken …

Um 13:11 Uhr erschütterte ein Alarmruf den Funkäther des Drabon-Systems:

Die Terraner kommen! Sie sind dicht hinter mir!

Auf allen Frequenzen jagte J.J. seinen Spruch in den Funkäther, während er mit weit überhöhter Geschwindigkeit von Oben in das Drabon-System einflog.

Die Terraner kommen …!

J.J. ignorierte die zahlreichen Anrufe, flog unbeirrt weiter in das Drabon-System ein und jagte seinen Spruch immer wieder hinaus:

Helft mir, die Terraner kommen …!

Um 13:14 Uhr produzierte JEANNIE eine lange Rauchfahne, bremste die getarnte TERRA 4 gewaltig ab und machte das Beiboot und die Rettungskapsel startklar, die sie aus dem erbeuteten kaiserlichen Schlachtschiff übernommen hatten.

J.J. wechselte in die Rettungskapsel, während sie sich unaufhörlich dem dritten Planeten näherten. Um 13:15 Uhr schleuste JEANNIE das graue Beiboot und die Kapsel aus. Im gleichen Augenblick, als die Rettungskapsel vom Beiboot ablegte, aktivierte JEANNIE ihren Tarnschirm.

Für einen Beobachter sah es jetzt so aus, als stürze das Schiff auf den Planeten. In Wirklichkeit spielte das kaiserliche Beiboot nur die Rolle der TERRA 4 weiter und verglühte kurz darauf in der Atmosphäre des dritten Planeten.

Während sich die TERRA 4 im Schutz ihres Tarnschirmes wieder vom Ort des Geschehens entfernte und in den Ortungsschutz der Sonne ging, saß J.J. in seiner Rettungskapsel, die mit geringer Fahrt in die Atmosphäre eintauchte. Unablässig sendete er das Notsignal weiter und hoffte, dass Hans Müller und seine Galaktische Rentnerband pünktlich sein würden …

Leider konnten die Ortungsgeräte der Rettungskapsel nicht festzustellen, ob die Superschlachtschiffe, wie verabredet, pünktlich um 13:15 Uhr in das Drabon-System eingedrungen waren und jetzt gerade dabei waren, eine Spur der Vernichtung durch das System zu ziehen.

Die Galaktische Rentnerband hatte nämlich zwei Aufgaben. Zunächst sollte sie die Raumüberwachung so beschäftigen, dass sie von einer genaueren Kontrolle der Rettungskapsel absah und sich dann dem siebten Planeten zuwenden, wo König Brzystoll residierte. Der Plan sah vor, die Anlagen des Palastes auf Drabon VII schwer zu beschädigen, um König Brzystoll einen gewaltigen Schrecken zu versetzen. Denn kein kaiserlicher Vasall, kein Graf und kein König sollte sich in der Galaxis mehr sicher fühlen können …

Um 13:35 Uhr stand J.J. kurz vor der Landung auf Drabon III. Er hatte sich einen Landeplatz abseits der großen Städte ausgesucht und sich für eine weite Grünfläche neben einer Verbindungsstraße entschieden, die zwei Städte miteinander verband.

Nach der Landung zog er den Raumanzug der kaiserlichen Flotte an, der in der Kapsel gelegen hatte und kletterte aus der Kapsel.

Nun musste er warten. Er war sicher, dass die Raumüberwachung seinen kontrollierten Absturz verfolgt hatte und man bereits zu ihm unterwegs war, um ihn abzuholen. J.J. sah auf die Straße. Es gab nicht viel Verkehr; einige Schwebefahrzeuge rasten vorüber, ohne von ihm Notiz zu nehmen.

J.J. hatte sich vorbereitet und sich eine Geschichte zurechtgelegt. Weil Draboner durchweg kleiner waren als er, konnte er sich schlecht als Draboner ausgeben. J.J. wusste aber, dass in der kaiserlichen Flotte auch zahlreiche Angehörige anderer Völker dienten und so hatte er sich entschieden, sich als Plafater auszugeben.

Die Plafater galten in der kaiserlichen Flotte als wenig zuverlässig und waren entsprechend unbeliebt. Außerdem hatte es auf Plafat noch nie ein Geburtsregister gegeben, sodass Plafater ihre Herkunft nie vollständig nachweisen konnten. Und da die amtlichen Flottenunterlagen mit der Vernichtung von Eretruhr untergegangen waren, war J.J. überzeugt, dass seine Tarnung sicher war.

Ein Schweber hielt auf der Straße und uniformierte Draboner stürmten heraus. Wortlos nahmen sie J.J. in ihre Mitte und brachten ihn in den Schweber, der kurz darauf beschleunigte und mit hoher Geschwindigkeit auf die nahe Stadt zu raste.

Als sie angekommen waren, zerrten die Soldaten J.J. in ein großes Gebäude und führten ihn durch zahllose Gänge. Einer der Soldaten öffnete eine Tür zu einem fensterlosen Raum und bedeutete J.J. wortlos, hinein zu gehen.

J.J. setzte sich auf einen der beiden Stühle und wartete, bis ein Offizier der Flotte erschien. Der Offizier stellte sich nicht vor, sondern fragte gleich: Name, Dienstrang!

J.J. blieb ruhig: Ich rede nicht mit nachgeordneten Chargen. Meine Informationen sind so wichtig, dass sie nur für die Ohren König Brzystolls bestimmt sind.

Sein Gegenüber wurde sichtlich wütend: Plafater, du hast hier nichts zu melden, über – haupt – nichts! Mit deinem Einflug in das System hast du großes Unheil angerichtet. Du musst froh sein, wenn du nicht sofort hingerichtet wirst!

J.J. ließ sich nicht beeindrucken: Meine Informationen über die zurückgekehrten Terraner sind so wichtig, dass sie eigentlich unmittelbar dem Kaiser übermittelt werden müssten. Die terranischen Kampfschiffe sind überall in der Offensive. Unsere Flotte wurde vollständig aufgerieben. Ich konnte nur entkommen, weil ich gerade mit Wartungsarbeiten an den Beibooten beschäftigt war, als die Terraner angriffen.

Ach so … Der Offizier wurde ruhiger; fast nachdenklich sagte er: Drabon VII wurde zerstört. Niemand hat überlebt. Auch König Brzystoll gehört zu den Opfern.

J.J. war geschockt. Er hatte vorgeschlagen, den Sitz des Königs zu bombardieren und schwere Zerstörungen anzurichten, aber den Planeten zu vernichten, … nein, das war nicht abgesprochen gewesen. Er sah den Offizier fragend an.

Sie sind wie die Horden des Armageddon über uns hereingebrochen. Unsere Heimatflotte war geschwächt; ein großer Teil wurde auf kaiserlichen Befehl abgezogen. Die wenigen Raumschiffe und Verteidigungsforts hatten keine Chance gegen die Feuerkraft dieser monströsen Raumer. Unglücklicherweise wurde das geheime Depot getroffen, nachdem der Schutzschirm zusammenbrach.

Und was wurde da gelagert?, fragte J.J. nach.

Das weiß keiner so genau. Man munkelt etwas von Gravitationsbomben und anderen schweren Vernichtungswaffen, entgegnete der Offizier.

Aber ich muss meine Informationen an die Führung des Kaiserreiches übermitteln. Es ist ungeheuer wichtig, erwiderte J.J.

Der Offizier nickte: Ich sehe das ja ein, aber es gibt keine Verbindung mehr, seit die Flottenzentrale in Eretruhr vernichtet wurde. Niemand weiß, wie man den kaiserlichen Hof erreichen kann. Vielleicht über einen offenen Hyperfunkspruch?

Genau das, du Idiot. Endlich kommst du drauf, dachte sich J.J. belustigt. Laut sagte er: Ich bin bereit, meine Informationen auch über Hyperfunk weiterzugeben. Allerdings werden die Terraner diesen Funkspruch ebenfalls empfangen.

Deren Kampfflotte ist nach der Vernichtung von Drabon VII wieder in den Hyperraum gegangen und verschwunden, antwortete der Offizier und verließ den Raum.

Wenige Minuten später erschienen einige Soldaten und baten J.J. höflich mitzukommen. Als sie eine gigantische Kommandozentrale erreicht hatten, sah J.J., wie sein Vernehmungsoffizier aufgeregt mit anderen Offizieren und Zivilisten sprach. Einer von ihnen drehte sich um und winkte ihn heran: Ich bin Fürst Gregotoll. Nach dem Tod des Königs leite ich das Königreich Drabon, bis der Kaiser einen neuen König bestimmt. Deine Informationen sind bei mir gut aufgehoben. Heraus damit, Plafater!

J.J. überlegte, wie er sich jetzt verhalten sollte. Ursprünglich hatte er ja vorgehabt, sich gegenüber dem König als Mensch von der Erde zu erkennen zu geben, der bereit war, die Sache der Menschheit zu verraten. Über den König wollte er so an den Kaiser herankommen. Aber nach dem Tod von König Brzystoll war dieser Weg verbaut. Er zögerte noch …

Die Entscheidung wurde ihm abgenommen. Ein Glockenton ließ in der Zentrale alle Gespräche verstummen. Auf einem Holo-Display erschien das Wappen des kaiserlichen Hofes. Eine dunkle Stimme sprach:

Er ist kein Plafater, er ist Jack Johnson von der Erde. Er ist mein persönlicher Gefangener. Bewacht ihn gut. Ihr haftet mit eurem Leben dafür, dass er nicht entkommt. Er wird in Kürze abgeholt.

Kapitel 27
Planet der Verrückten

(von Stephan Prechtl)

Boris hatte sich unter dem Vorwand, Urlaub zu machen, von J.J. und der TERRA 4 getrennt. Urlaub, das war es, was er nun brauchte; der Tod Claras hatte ihn wirklich fertig gemacht. Vielleicht kam er beim Relaxen auf andere Gedanken; andere Gedanken, als blinde Rache zu nehmen für Claras Tod.

Er hatte sie immer schon begehrt, seit damals …, auf der Kadettenakademie. Sogar einen Antrag hatte er ihr gemacht, war aber mit einem freundlichen Lächeln und der üblichen Begründung, dass sie sich noch nicht binden wolle, abgewiesen worden. Nach der Ausbildung hatten sich ihre Wege getrennt. Boris war nach Sibirien gegangen, wo er sich in den nächsten Jahren hocharbeitete.

Zu seiner Freude wurde er für das hastig zusammengestellte gemeinsame Marsprojekt von Russen und Amerikanern ausgewählt und noch größer war seine Freude gewesen, als er beim ersten Zusammentreffen der Crew die Liebe seines Lebens wieder traf: Clara.

Sie hatte zwischenzeitlich geheiratet, doch ihr Mann war schon nach kurzer Zeit gestorben. Danach hatte sie sich verändert und war reifer geworden.

Während der kurzen Vorbereitung auf die Mars-Mission hatten sie viel geredet und sie waren sich näher gekommen. Aber sie hatten ihre Liebe geheim gehalten, denn hätte das Oberkommando von ihrer Liebelei Wind bekommen, dann wären sie womöglich vom Dienst suspendiert worden. Selbst vor J.J und Anita hatten sie ihre Liebe verheimlichen können.

Dann tat Clara etwas, für das er sie hasste! Sie starb, ohne sich zu verabschieden oder ihm die Möglichkeit zu geben, sich bei ihr zu verabschieden.

Noch mehr hasste er aber die Männer, die für ihren Tod verantwortlich waren, oder besser gesagt, den Mann! Der Tag würde kommen, an dem er den Kaiser eigenhändig meucheln würde, ihn foltern und erwürgen! Boris hatte den Feind seines Lebens gefunden …

Er raffte sich auf: KATHARINA, wähle bitte einen geeigneten Planeten in der Nähe, auf dem wir Urlaub machen können!

Wir?

Nun gut, wo ich Urlaub machen kann, du kannst gerne solange drumherum fliegen!

Planet ausgemacht, Entfernung 132 Lichtjahre, eine erdähnliche Welt. Dank des Leyden-Verfahrens war es kein Problem, die dortigen Verhältnisse auch aus dieser Entfernung anzumessen.

Die Welt, die KATHARINA, der Bordcomputer ausgemacht hatte, glich der Erde; ein blauer Planet. Nach der fünften Umkreisung verließ Boris die Zentrale und ging zum Hangar. Hier waren Gleiter, Shifts und ein Kleinraumschiff, das ungefähr die Größe einer alten Space-Jet besaß, geparkt.

Er wählte einen Gleiter und gab KATHARINA die Anweisung, ihn nicht vor Ablauf einer Woche zu stören. Er wollte vollkommen abschalten und abwarten, bis sein Kopf wieder klar wurde, ehe er auf Kaiserjagd ging …

Nur mit dem Nötigsten bewaffnet, bestieg Boris den Gleiter und ließ sich ausschleusen. Schnell verschwand die MOLOKKO hinter ihm. Er genoss zum letzen Mal den Anblick der weißen, im Sonnenlicht schimmernden Kugel, die ihm so lange als Zuhause gedient hatte. BLUE, wie er den Planeten genannt hatte, raste jetzt auf ihn zu und füllte schon bald die gesamte Fläche des Sichtschirms aus.

Als der Gleiter in die Stratosphäre eintauchte, aktivierte Boris das Prallfeld, das in diesem Fall auch als Hitzeschild diente. Das Glühen vor dem Bug des Gleiters ignorierte er. Die Oberfläche kam immer schneller näher, im letzten Augenblick bremste er scharf ab und baute eine Gewaltlandung, die selbst einem Reginald Bull zu Zeiten des Solaren Imperiums alle Ehre gemacht hätte.

Reginald Bull …; aus den Chroniken und der Hypnoschulung hatte er viel über diesen bewundernswerten Mann erfahren. Sie hatten vieles gemeinsam, nicht nur die Statur und die Frisur. Gemeinsam war ihnen auch, dass Bully, wie er von seinen Freunden genannt wurde, immer nur der Zweite gewesen war! Reginald Bull war der zweite Mann hinter Perry Rhodan. Nur wenn Perry Rhodan unterwegs war, verteidigte Bully das Solare Imperium und hielt die Menschheit in seinen starken Armen. Bully war auch immer nur der Zweite gewesen, genau wie er; Boris war der Zweite bei Clara gewesen, der zweite Mann im Marsprojekt und er wäre wahrscheinlich auch der zweite Mann auf dem Mars gewesen, nach Jack Johnson …

Ein Walter konnte nie der Erste sein! All diese Gedanken gingen ihm durch den Kopf, als er den Gleiter verließ.

Boris reckte sich und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut. Er war auf einer Lichtung gelandet, einer der wenigen Lichtungen, die es auf dieser Welt gab. Ansonsten schien der Planet vom Wald überwuchert zu sein. Dann woll'n wir mal, murmelte er, packte ein paar Sachen und marschierte in die Einsamkeit, um endlich Abstand zu bekommen …

Nach zwei Stunden erreichte er eine weitere Lichtung und beschloss, dort sein Basislager aufzubauen, schließlich würde es bald dunkel werden. Er errichtete sein Zelt und legte in einiger Entfernung eine Feuerstätte an. Für den Fall, dass auf Blue irgendwelche Wildtiere lebten, baute er noch eine kleine Warnanlage auf, die im Wesentlichen aus einem einfachen Bewegungsmelder und einer Alarmklingel bestand.

Nachdem er eine Weile vor dem Zelt gesessen hatte, ging er ins Zelt, zog den Schlafsack zu und war bald darauf eingeschlafen.

Doch sein Schlaf war von Alpträumen geplagt, er träumte von Clara. Clara, wie sie sich im Feuer wand und laut um Hilfe schrie. Sie schrie nach ihm und blickte ihn flehend aus ihren großen Augen an …

Schweißgebadet wachte Boris auf. Was war los? Hatte ihn der Traum geweckt oder waren es diese merkwürdigen Geräusche gewesen? Sie passten so gar nicht in die Kulisse des Waldes. Die Laute schienen aus menschlichen Kehlen zu kommen, aber diese Stimmen sprachen nicht, sondern gaben nur Geräusche von sich. Ticktack, Ticktack, Dingdong, Dingdong.

Boris kroch aus dem Schlafsack, verließ das Zelt und leuchtete mit einer Taschenlampe in die dunkle Nacht. Er sah nichts, aber die Geräusche blieben …

Er beschloss, sich auf sein Gehör zu verlassen und schlich mit ausgeschalteter Taschenlampe durch den Wald. Schon nach wenigen hundert Metern sah er ein helles Flackern und wilde Schatten schienen dort einen Tanz aufzuführen.

Boris schlich sich noch näher heran und traute seinen Augen nicht, als er sah, wie eine Horde Humanoider im Rausch um ein riesiges Feuer tanzte. Dabei gaben sie diesen irren Ticktack- und Dingdong-Singsang von sich und ihre Arme kreisten wie die Zeiger von Uhren. Boris zweifelte an seinen Sinnen. War das die Wirklichkeit oder lag er noch friedlich in seinem Zelt und träumte? Er schüttelte den Kopf und murmelte: Nein, ich bin nicht verrückt, so stark kann mich der Tod Claras gar nicht mitgenommen haben!

Er ging vorsichtig näher heran, stieß aber gegen einen Ast und ließ vor Schreck die Taschenlampe fallen, die sich beim Aufprall auf dem Boden selbständig einschaltete.

Der Singsang der Uhrenfetischisten verstummte schlagartig! 50 Augenpaare richteten sich auf Boris, der sich, so gut es eben ging, hinter einem Busch zu verstecken versuchte. Dummerweise war das nur ein sehr kleiner Busch …

Zögernd kamen die Ticktacks, wie Boris sie nannte, auf ihn zu. Ich muss jetzt irgendwie mit dem Strom schwimmen, dachte Boris und fing an, mit den Armen zu kreisen, wie er es bei den Irren gesehen hatte. Ihre Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Die ersten Ticktacks stürmten schreiend auf Boris zu, der schon flüchten wollte, es sich dann aber anders überlegte, als er die Freude in den Gesichtern der Ticktacks sah.

Sie zogen ihn mit sich und animierten ihn, mit ihnen zu tanzen. Sieht mich ja keiner …, murmelte er und fing an, wieder wild mit den Armen an zu rudern, genau wie er es bei seiner Entdeckung gemacht hatte.

Plötzlich ein Schrei …, der Tanz der Ticktacks verharrte und alle versammelten Ticktacks kamen auf ihn zu und schwatzten wild drauf los. Zu seiner Verwunderung konnte er sie ohne größere Probleme verstehen. Worte wie 5nach8, und Dreivierteleins fielen; mehr konnte Boris nicht heraushören, weil alle wild durcheinander redeten. RUHE!, schrie Boris und langsam beruhigte sich die Menge. Boris deutete auf einen der Ticktacks: Sprich du!

Freund von den Dreivierteleins, die 5nach8 grüßen dich. Wir haben lange nichts mehr von deinem Clan gehört. Ich bin 5, wie ist dein Name?

Bo …, er biss sich auf die Lippen: 15!

Langsam ging ihm ein Licht auf; die Bewegungen mit den Armen waren offenbar die Erkennungszeichen der einzelnen Stämme und die Verehrung der Uhr ging bei diesen Menschen so weit, dass sie sich Zahlen als Namen gaben.

Wer ist der Häuptling dieses Stammes?, fragte Boris und der Ticktack mit dem Namen 5 trat vor: Ich!

Anscheinend trug der Häuptling den Namen des Stammes; der Boss der Dreivierteleins musste folglich 45 heißen. Boris versuchte es einfach: 45 lässt dir seine Hochachtung ausrichten.

Mein Dank sei ihm gewiss! Aber was für ein Geschenk lässt er mir überbringen?

So ein Mist!, dachte Boris. Anscheinend war es Brauch bei den Ticktacks, dass man sich bei Besuchen Geschenke machte: Ähh …, ich bin das Geschenk!

Ein Freudenschrei ging durch die Menge und die 5nach8 jubelten. Als sich der Jubel gelegt hatte, sprach wieder 5: Ein schöneres Geschenk hätte uns 45 nicht machen können, jetzt fehlen uns nur noch 9 Menschen bis zur vollen Stunde und wir können zum Haus des Mannes und der Katze gehen und unsere Belohnung abholen.

Nur noch 9 Menschen bis zur vollen Stunde, wiederholte Boris und dachte: Die haben doch voll einen an der Klatsche …

Lasst uns feiern!, schrie 5 und lief zu dem größten Zelt. Boris folgte ihm zögernd, bemerkte aber nicht, dass sich einer der Ticktacks an seine Fersen geheftet hatte.

Erst als ihm dieser Ticktack beim Betreten des Zeltes fast in die Hacken trat, fiel ihm auf, dass er verfolgt wurde. Selbst innerhalb des Zeltes wich ihm der Irre nicht einen Meter vom Leib. Boris nahm neben 5 Platz und sein Verfolger platzierte sich genau hinter ihm. Langsam ging ihm das auf die Nerven und er fragte 5, was das solle.

Nur ein Nachgeher. Das ist 6und5Sekunden, er geht nach. Wir werden ihn bald zum Justieren bringen müssen!

Misstrauisch wandte sich Boris um, betrachtete 6und5Sekunden, der ihn dümmlich angrinste und sagte: Aber wenn der mich bis ins Bett verfolgt, dann spiele ich nicht mehr mit.

Der Häuptling schüttelte den Kopf: Nein, das wird er nicht. Aber jetzt komm und lass uns deine Ankunft feiern!

Die Nacht war lang und der Met war reichlich geflossen. Am Morgen hatte Boris mächtige Kopfschmerzen, aber ein Satz des Häuptlings ging ihm trotzdem nicht aus dem Kopf. Er sprach 6und5Sekunden an, der gerade wach geworden war und zu seinen Füßen geschlafen hatte: Bei euch sagt man sich, die Ticktacks gingen zum Haus des Mannes und der Katze, sobald sie die volle Stunde erreicht haben …; was bedeutet das?

6und5Sekunden war noch ganz verschlafen und murmelte nur was von einem Archiv, uralten Aufzeichnungen und so weiter.

Trotz seiner Kopfschmerzen war Boris sofort hellwach: Ich muss sofort zum Haus des Mannes und der Katze. Bring mich hin, hörst du! Sofort!

6und5Sekunden rappelte sich auf und schüttelte den Kopf: Darf nicht. Nur wenn die Stunde voll ist, sonst Strafe …

Boris sprang auf und verließ das Zelt. Er trommelte 5 aus dem Schlaf und verlangte kategorisch, sofort zum Haus des Mannes und der Katze gebracht zu werden. Nr. 5 zögerte zuerst und machte ein paar hilflose Armbewegungen, gab schließlich aber doch nach. Der Häuptling ging voraus. Boris folgte ihm und hinter Boris versuchte der Nachgeher, ihm so nah wie möglich zu folgen …

Nach einer halben Stunde hatten sie das Haus erreicht. Es bestand aus einem granitähnlichem Material und schien wirklich für die Ewigkeit erbaut worden zu sein. Auf einer großen Tafel, direkt neben dem Eingang, las Boris:

Bericht Dao-Lin-H'ay:

Auf diesem Planeten werden die Menschen verrückt! Ich habe Völker kennen gelernt, die rückwärts laufen, andere streben nach absoluter Dummheit, wieder Andere halten sich für Uhren …

Ich halte es nicht aus! Dabei war diese Welt die letzte Hoffnung für viele Menschen, die geflohen sind, um der Verbannung zu entgehen. Meist waren sie in anderen Galaxien unterwegs gewesen und wussten nicht, was passiert war. Wenn sie in die Milchstrasse zurückkehrten und das Glück hatten, auf Atlan oder einen seiner Freunde zu treffen, wurde ihnen der Weg hierhin gewiesen. Auch Tek und ich kamen so hierhin. Natürlich hätten wir auch in Hangay leben können, aber Tek wollte unbedingt hier bleiben. 18 Millionen Menschen leben hier. Heimat haben sie diesen Planeten genannt, weil er sie an die alte Erde erinnerte.

Pah, allein bei dem Gedanken, wie sehr sich alle getäuscht haben, fahr ich meine Krallen vor Wut aus. Als die unterirdischen Bunker für die Raumschiffe fertig waren und die Schiffe sicher verstaut waren, da fing es an. Zuerst drehten sie durch, dann beruhigten sie sich wieder und fielen in eine tiefe Lethargie. Doch dann begannen die Merkwürdigkeiten, die bis heute geblieben sind …

Wir haben einige Hypnoschulungsgeräte in unserem Haus aufgestellt. Manchmal kommen Gruppen vorbei. Wir setzen sie unter die Geräte und ihr Zustand bessert sich. Glücklich ziehen sie ab, doch nach wenigen Tagen ist alles wieder so wie vorher. Für die Zukunft haben wir die Geräte auf Automatik umgeschaltet. Sobald sich einer unter die Haube setzt, beginnt die Schulung. Aber es bleibt nichts hängen; alles wird schnell wieder vergessen. Doch sie kommen gerne hierhin; sie erinnern sich wohl an das Glücksgefühl, das sie jedes Mal haben, wenn die Schulung vorüber ist. Sie nennen dieses Haus das Haus des Mannes und der Katze, weil ich hier mit Tek zwei Jahre gelebt habe.

Letzte Woche habe ich die ersten Anzeichen auch bei mir festgestellt. Ich muss sofort hier weg. Sobald Tek zurück ist, fliegen wir ab. Auch Tek verhält sich in letzter Zeit so merkwürdig. Er ist zwar mentalstabilisiert, aber was heißt das? Niemand kennt die Ursache, warum alle verrückt werden. Tek meint, es läge an der Strahlung der Sonne.

Bericht Dao-Lin-H'ay (Nachtrag):

Ich kann nicht länger auf Tek warten. Er ist seit vier Wochen überfällig. Ich merke, wie ich mich verändere. Ich muss sofort hier weg. An alle, die das hier lesen:

Der Planet macht einen verrückt. Der einzig sichere Weg hier heraus führt über Punta Negra. Punta Negra ist das stabile schwarze Loch, das die Sonne im Abstand von 2 Lichtwochen umkreist. Es führt in die letzte bekannte und funktionierende schwarze Sternenstraße in der Galaxis. Die automatische Station lässt jedes Schiff durch. Tek hat das schon mehrfach ausprobiert, der Weg ist sicher. Der Hyperraum soll unsicher sein, starke Verzerrungen der Raumzeit machen jeden Flug zu einem Risiko.

P.S.: Tek, wenn du zurückkehrst, du weißt, wo du mich findest …

Die Strahlung der Sonne hat die Menschen hier verrückt gemacht. Ich muss sofort hier weg, sagte Boris leise, aber weder der Häuptling noch der Nachgeher verstanden, was er meinte. Er schob Beide in das Haus und setzte sie unter die Hypnoschulgeräte.

Sie sahen ihn fragend an, doch Boris imitierte mit seinen Armen eine Uhr, die 5 vor 12 zeigte. Dann drehte er sich um und machte sich auf den Weg zu seinem Gleiter.

Nachdem er KATHARINA einen ausführlichen Bericht geliefert hatte, nahm die MOLOKKO Fahrt auf. KATHARINA scannte das schwarze Loch und die uralte Station. Nachdem sie auch die Verzerrungen des Hyperraums genauestens analysiert hatte, sagte sie:

Ich denke, der Weg über die schwarze Sternenstraße ist der Sicherste. Nach dem Bericht von Dao-Lin-H'ay soll ihn auch ihr Gefährte Ronald Tekener, einer der Unsterblichen, schon mehrmals benutzt haben.

Übrigens, die Station von Punta Negra meldet sich gerade. Wir sollten diesen Weg nehmen …

Da!, sagte Boris auf russisch und setzte sich in den Sessel des Piloten. Die MOLOKKO beschleunigte und näherte sich langsam Punta Negra.

KATHARINA nahm Kontakt mit der Station auf.

Nach Aussage der Station führt die schwarze Sternenstraße nach Punta Blanca, einem Sonnensystem in der Nähe von M13.

Von mir aus, murmelte Boris und sah, wie die MOLOKKO weiter auf das schwarze Loch zu raste. Dann kam der Entzerrungsschmerz und um ihn versank alles im Dunkel …

Mühsam rappelte er sich wieder auf. Mann oh Mann; er war bestimmt einige Stunden bewusstlos gewesen. Dabei wollte er doch eigentlich Urlaub machen. Leise sagte er: KATHARINA, sind wir angekommen?

Keine Antwort. Boris sah sich in der Zentrale um, aber die Projektion KATHARINAS war nirgends zu sehen. Wo steckte sie?

KATHARINA … Keine Reaktion.

Boris drehte sich herum. Die Holoprojektionen waren nicht in Betrieb, nur ein einfacher Monitor und ein Drucker liefen noch. Im Ausgabefach lag ein Blatt Papier. Boris ging hin und nahm es an sich. Er schleppte sich zu seiner Liege und las die Nachricht:

Punta Negra ist eine Falle!

Die schwarze Sternenstraße oder was immer das war, hat uns ganz woanders hin transportiert. Wir sind in einer Galaxis, in der es nur die 4 unteren Dimensionen gibt: Raum und Zeit. Es existiert kein Hyperraum. Die MOLOKKO ist nahezu lahm gelegt und auch ich werde immer schwächer …

Du erinnerst dich doch an die Informationen der Funkboje, die die TERRA am Treffpunkt Beteigeuze zurückgelassen hat? Paul, Michele, Steph und Dagmar haben herausgefunden, dass die Terraner seinerzeit wahrscheinlich nach M343 verbannt wurden.

Welcher Ort wäre besser für ein Gefängnis geeignet, als eine Galaxis wie diese, die man praktisch nicht mehr verlassen kann?

Boris, ich glaube wir haben den Ort der Verbannung erreicht.

Leider stecken wir mittendrin …

Kapitel 28
Gefangen

Jakob Hinterseer zog bedächtig an seinem Pfeifchen. Seit die Kantine im Schiff in Betrieb war, gab es auch frischen Tabak. Wie der Schiffscomputer das anstellte, war ihm so ziemlich egal; Hauptsache, das Zeug schmeckte.

Seit die 200 Spezialisten von Olymp an Bord waren, war es mit seiner Ruhe vorbei, obwohl …, na ja, früher war er sich in dem riesigen Superschlachtschiff manchmal einsam vorgekommen. Aber selbst jetzt sah er nur wenige Leute seiner neuen Mannschaft; dafür war das Schiff mit seinen 1.800 Metern Durchmesser einfach zu groß. Meistens traf er sie in der Kantine. Aufgeregt kamen sie jedes Mal auf ihn zu und berichteten, was sie im Schiff alles an Neuem entdeckt hatten.

Jakob kannte sein Schiff nur aus den Hypnoschulungen, die er bei NATHAN auf dem Mond erhalten hatte. Richtig angesehen hatte er sich das Schiff noch nicht; dazu war bisher auch keine Zeit gewesen. Er und die anderen 19 Kommandanten der kleinen Flotte waren ja ständig im Einsatz gewesen, seit sie das SOL-System verlassen hatten.

Die Galaktische Rentnerband hatten sie sich genannt, weil sie alle über 60 Jahre alt waren. Eigentlich hatten sie sich einen ruhigen Lebensabend gönnen und die klare Luft in dem Bergdorf genießen wollen. Gelegentlich mal ein Bier und einen Schnaps in der Dorfkneipe, ein nettes Gespräch unter Freunden, ein wenig schäkern, mit Susi, der Bedienung, … ja, das hatte ihren Lebensabend gut ausgefüllt. Aber dann war ihr Freund Hans Müller erschienen. Hans, dieser Zugereiste aus dem Ruhrgebiet, hatte sie um Hilfe gebeten, weil sein Enkel Paul plötzlich verschwunden war …

Und dann war alles sehr schnell gegangen. Erst die Visite bei NATHAN auf dem Mond, dann die Hypnoschulungen und die Ausbildung an diesen gigantischen Raumschiffen, die so groß waren, dass sie noch nicht einmal in ihr heimatliches Tal hinein gepasst hätten.

Und jetzt? Zigtausend Lichtjahre von Zuhause und keine Möglichkeit zur Rückkehr, saß er in der Kapitänskajüte eines uralten Schlachtschiffes, blickte in die unendlichen Tiefen des Weltraumes und zog an seinem Pfeifchen.

Er überdachte ihre Situation.

Die TERRA war mit Paul und seinen Freunden in einer fernen Galaxis unterwegs. Die vier Begleitschiffe der TERRA waren in der Milchstraße geblieben, um den Kampf gegen den galaktischen Kaiser aufzunehmen. Ein Schiff, die TERRA 1, war über Halut vernichtet worden; Clara Lubow war dabei ums Leben gekommen. Die TERRA 2 war verschwunden, mit ihr Anita Powers. Boris Walter war mit seiner TERRA 3 alleine unterwegs und J.J., also Jack Johnson, war jetzt auch nicht mehr bei ihnen …

Gemeinsam hatten sie in einer aberwitzigen Aktion gegen die Hauptwelten des Königreiches Drabon losgeschlagen, um einen der grausamsten Vasallen des Kaisers, König Brzystoll von Drabon, in Angst und Schrecken zu versetzen. Zahlreiche Wachforts und Schiffe der gegnerischen Heimatflotte waren ihnen zum Opfer gefallen, aber dann war etwas schief gegangen …

Die neuen Besatzungsmitglieder hatten bei dem Angriff auf den Planeten Drabon VII, dem Sitz des Königs, versehentlich einen derartigen Feuerorkan entfacht, dass der Planet explodiert war und mit dem Planeten war auch König Brzystoll untergegangen.

J.J. hatte den ursprünglichen Plan entwickelt und war vor ihrem Angriff mit seiner, als kaiserliches Beiboot getarnten, TERRA 4 im System erschienen. Mit dem Ruf: Die Terraner kommen war er Richtung Drabon III unterwegs gewesen, als sie mit ihren Schlachtschiffen ins System eingefallen waren. J.J. wollte einen kaiserlichen Flottenangehörigen spielen, dem die Flucht vor den Terranern gelungen war. Die TERRA 4 hatte ihn in der Umlaufbahn abgesetzt und den Rest des Fluges hatte J.J. mit einem erbeuteten Rettungsboot unternommen. JEANNIE, der Bordcomputer der TERRA 4, hatte noch feststellen können, dass J.J. gut gelandet war und hatte das Schiff dann in den Ortungsschutz der Sonne von Drabon gesteuert. Die Schiffe der Rentnerband warteten, wie vereinbart, im Ortungsschutz einer fünf Lichtjahre entfernten Sonne auf ein Zeichen von J.J.

Noch immer keine Nachricht von J.J., murmelte Jakob Hinterseer und musterte nachdenklich den Weltraum, als FLOF in seine Kabine kam. FLOF, der Feuerleitoffizier seines Schiffes, machte ein nachdenkliches Gesicht: Dass der Planet Drabon VII vernichtet wurde, war nicht unsere Schuld. Nach Auswertung der Aufzeichnungen und der Ortungsergebnisse waren dort Hunderte von Gravitationsbomben gelagert, die im Verlauf unseres Angriffs explodierten.

Ist nun mal passiert, Jungchen, antwortete Jakob. Aus J.J.'s Plan, sich vom König gefangen nehmen zu lassen und über ihn an den Kaiser heranzukommen, wird erst mal nichts. Der Plan war auch zu verrückt.

Jakob begleitete FLOF in die Zentrale. Sein erster Offizier hatte im Moment das Kommando. Als der IO sah, dass Jakob in die Zentrale kam, nahm er seine vergoldete Pfeife in den Mund, pfiff hinein und rief: Käpt'n auf der Brücke.

Jakob Hinterseer, der früher mal bei der Marine war, nahm's mit gelassener Freude zur Kenntnis: Danke IO. Was neues von der TERRA 4?

Nein, Käpt'n. Nach dem letzten Rafferimpuls des TERRA-Schiffes befindet sich J.J. noch auf Drabon III. Seinen Mikrosender hat man noch nicht entdeckt.

Nun gut, warten wir's ab, sagte Jakob und ließ sich in den Kapitänssessel fallen.

800 Lichtjahre entfernt wartete ein große Flotte des Kaiserreiches auf die Rückkehr des Vorauskommandos. Im Flaggschiff hatte sich vor über 14 Stunden ein Gerät aktiviert, von dem selbst der Flottenkommandeur nicht geglaubt hatte, dass es sich jemals aktivieren würde. Der Hochrangempfänger hatte angesprochen. Der Befehl war eindeutig. Die 102. Angriffsflotte hatte sofort Fahrt aufzunehmen und das System Drabon anzufliegen.

Fürst Brockikotz war froh über diesen Einsatz. Anstatt Teil einer Riesenflotte zu sein, die in einem Seitenarm der Milchstraße ein leeres Stück Weltraum bewachte, wo früher angeblich das Solare System gewesen war, hatte seine Flotte endlich wieder eine richtig Aufgabe.

Die Hochrangmeldung, die offensichtlich direkt vom kaiserlichen Hof gekommen war, besagte, dass das Drabon-System von einer terranischen Flotte angegriffen worden sei. Fürst Brockikotz hielt das für ein Märchen, war jedoch vorsichtig genug, 800 Lichtjahre vom Drabon-System entfernt zu warten und zunächst einmal ein Vorauskommando loszuschicken, um die Verhältnisse im Drabon-System zu sondieren. Die 20 Schiffe des Kommandos waren gerade zurückgekehrt und meldeten, dass man keine Feindschiffe im System geortet habe.

Fürst Brockikotz war zufrieden und setze seine Flotte, immerhin gut 1.000 Schlachtschiffe, in Marsch …

Jakob, da tut sich was, gab Hans Müller über Funk durch. Jakob Hinterseer schaute seinen Ortungsspezialisten an. Der nickte und bestätigte: Sind rund 1.000 Schiffe, die da im Drabon-System erschienen sind.

Was tun wir?, fragte Jakob.

Wir sollten warten, bis die TERRA 4 sich meldet, erwiderte Hans.

Der kurze Rafferimpuls der TERRA 4 erreichte sie nur wenig später. Nach der Dechiffrierung stand fest, dass die kaiserliche Flotte den Planeten Drabon III abgeriegelt hatte und nur ein Schiff gelandet war. Wie die Impulse von Jacks Peilsender bewiesen, hatte man ihn auf dieses Schiff gebracht, das anschließend sofort wieder gestartet war. Kurze Zeit später setzte sich die Flotte in Bewegung.

Man hat J.J. mitgenommen, gab Hans Müller durch. Die TERRA 4 wird der Flotte jetzt folgen. Ihr Tarnschirm ist so gut, dass sie sich sogar mitten unter die Flotte mischen kann. JEANNIE hat zwischenzeitlich die Steuercomputer gescannt und weiß, wohin die Flotte fliegen wird. RAMSES, mein Bordcomputer, hat diese Informationen gerade erhalten.
Wir folgen der Flotte in großem Abstand. Auf geht’s, Freunde!

20 Superschlachtschiffe aus alter terranischer Fertigung gingen geschlossen in den Hyperraum …

Fürst Brockikotz tobte. Seine eigentlich gelbliche Hautfarbe hatte einen orangenen Ton angenommen: Du Wurm, du mieses Stück Abfall, ich werde dich in den nächsten Konverter werfen lassen!

Da kannst du gleich mitkommen, Kotzbrocken!, antwortete J.J. gelassen, so wie ich das verstanden habe, haftest du persönlich für meine Sicherheit. Also lass das Geschimpfe und spiel dich nicht so auf.

Mein Name ist Fürst B r o c k i k o t z!, schrie der Kommandeur; mittlerweile puterrot im Gesicht und mühsam nach Luft schnappend. Ich bin der Kommandeur der stolzen 102. Flotte. Die 102. Flotte wurde mehrfach ausgezeichnet. Sie ist der Stolz der kaiserlichen Kriegsflotte!

Wofür ausgezeichnet? Mit Tausenden von Schlachtschiffen einen unbewaffneten Planeten angreifen; nennt Ihr das Mut, Herr Kotzbrocken? Mein Freund Boris und ich haben mit zwei Beibooten eure Flottenzentrale in Eretruhr aus dem Universum gefegt …, Bumm!

Fürst Brockikotz schien Erstickungsanfälle zu bekommen. Die Gesichtsfarbe des Draboners sah jetzt sehr, sehr ungesund aus. J.J. legte noch einen nach: Was meinst du, was unser Schiff mit deiner lächerlichen Flotte angestellt hätte? Nein …, nicht das Beiboot, ich meine die TERRA! Äh … geht es übrigens noch ein bisschen roter, mein lieber Fürst …?

Fürst Brockikotz hatte seinen Strahler gezogen. Der Projektionslauf schwankte unsicher hin und her. Alles in ihm schrie danach, diesen hergelaufenen Mistkerl sofort zu erschießen, aber er wusste auch, dass seine Lebensspanne danach nur noch kurz sein würde …, sehr kurz!

J.J. lehnte sich zurück, soweit das bei dem Stuhl, an den er gefesselt war, möglich war und sagte: Etwas höher … richtig. Und jetzt drehen … genau. Und jetzt gaaaanz langsam abdrücken!

Mit einem wütenden Schrei schmiss der Fürst den Strahler in die Ecke des Verhörraumes. Dieser Mensch hätte es beinahe geschafft, dass er sich selbst erschossen hätte …

Als der Fürst den Raum verlassen hatte, atmete J.J. tief durch. Das war noch einmal gut gegangen; bis jetzt war sein Plan aufgegangen …

Gut, er hatte umdisponieren müssen, als der Planet Drabon VII explodiert war und König Brzystoll von Drabon ums Leben gekommen war, aber er hatte den König ohnehin nur benutzen wollen, um an den Kaiser heranzukommen.

Jetzt saß er im Flaggschiff der 102. kaiserlichen Angriffsflotte und wurde zum kaiserlichen Hof gebracht. Nahm er wenigstens an, vielmehr, das hoffte er …, aber wie hätte er sonst an den kaiserlichen Hof herankommen sollen?

Der Flug dauerte jetzt schon länger als 20 Stunden; J.J. nahm an, dass die Flotte inzwischen über 20.000 Lichtjahre zurückgelegt haben musste. Drei Mal hatten sie einen Orientierungsstopp eingelegt. Gerade hatte sich das Geräusch der Triebwerke wieder verändert. Waren sie angekommen, oder war es wieder nur ein Orientierungsstopp?

Es schien nicht so zu sein. Vier Männer betraten den Vernehmungsraum, die von zwei kugelförmigen Robotern begleitet wurden, die auf ihren Antigravs schwebten. Die Roboter hatten unbekannte Waffensysteme aktiviert. J.J. wurde losgebunden und fand sich kurz danach innerhalb eines Fesselfeldes wieder. So verschnürt wurde er durch die Gänge des Raumschiffes geführt. Nach etwa 80 Metern erreichten die Gruppe und ihr Gefangener einen Transmitter, dessen Torbogen grünlich schimmerte. Das Fesselfeld löste sich auf und J.J. wurde in den Transmitter gestoßen …

Prifud Golomba hatte seine morgendliche Runde beendet. Natürlich war alles in Ordnung. Was sollte hier auch nicht in Ordnung sein? So etwas gab es nicht. Ordnung war das Prinzip, nachdem Alles auf Zorban funktionierte.

Der Planetoid Zorban war zu seiner letzten Heimat geworden. Prifud Golomba lebte hier schon seit über 35 Jahren und würde hier auch sterben, irgendwann.

Es gehörte zu seinen Aufgaben, die Anlagen auf Zorban instand zu halten. Er musste dies natürlich nicht selbst tun; für alle anfallenden Aufgaben gab es Roboter: TECHNOS für die syntronischen und positronischen Anlagen und SERVOS für die Pflege der bionischen Elemente. Daneben gab es die SOLDATEN, schwer bewaffnete Kampfroboter und DUMMIS für einfachere Aufgaben.

Als ihn damals der Auftrag erreicht hatte, hatte sich Prifud Golomba auf Drabon VII aufgehalten, denn am königlichen Hof stand seine Ernennung zum galaktischen Fürsten und Kommandeur der 4. drabonischen Flotte bevor. Dann hatte ihn König Brzystoll zu sich rufen lassen. Prifud Golomba war vor dem König in seinem Gala-Anzug erschienen und erwartete seine Ernennung. Doch König Brzystoll hatte ihm kurz und knapp erklärt, am kaiserlichen Hof hätte man entschieden, ihn, Prifud Golomba zu beauftragen. Prifud hatte gejubelt; er hatte den Auftrag und er würde das höchste Amt bekleiden, das der kaiserliche Hof zu vergeben hatte.

Am nächsten Tag war das Schiff gekommen, sein Schiff. Er bestieg die ZORBAN und winkte seinen zahlreichen Freunden zu, die ihn auf dem Landefeld verabschiedet hatten.

Er hatte sie nie wiedergesehen. Wie denn auch? Niemand von ihnen war so wichtig, dass er an den kaiserlichen Hof geholt würde und auf Zorban durch die SCHLEUSE gehen würde. Es waren wirklich nur Wenige gewesen, die in den 35 Jahren gekommen waren. Manche von ihnen waren sogar umsonst gekommen und hatten die SCHLEUSE letztlich doch nicht passieren dürfen. Nur ganz wenige Auserwählte wurden hineingelassen. Prifud hatte sie nie wieder gesehen. Er machte sich nie Gedanken über die Reisenden. Er hatte seine Aufgabe und die erfüllte ihn mit Stolz …

TECHNO 244 an Zentrale. Empfangstransmitter wurde durch Hochrangcode aktiviert.

In der Zentrale las Prifud Golomba den Funkspruch des Flottenkommandeurs, der den Transmitter von außen aktiviert hatte. Er zog seine Augenbrauen zusammen, als er las, was da auf Zorban ankommen würde: Ein Gefangener! Das hatte es in seiner Zeit noch nie gegeben!

Er alarmierte sofort einen Trupp SOLDATEN und beorderte sie zum Empfangstransmitter. Er selbst hielt sich im Hintergrund und beobachtete die Szene.

Wieder zog Prifud Golomba seine Augenbrauen zusammen, denn das Wesen, das da durch den Transmitter kam, war kein Draboner. Seine Hautfarbe war heller und nicht so gelblich wie die eines Draboners. Er sah den Gefangenen stolpern, aber der raffte sich sofort wieder auf. Mit einem Blick schien er die Situation erfasst zu haben und hob die Arme, denn die SOLDATEN hatten ihre Waffen aktiviert und würden ihn sofort lähmen, falls der eine falsche Bewegung machen würde. Prifud ging näher heran; neugierig musterte er den männlichen Gefangenen.

Mein Name ist Jack Johnson, meine Freunde nennen mich J.J. Aber ich denke, Freunde werde ich hier wohl keine finden.

Prifud Golomba war entsetzt. Der Gefangene sprach ihn an!

SOLDAT 3.788 hob drohend seine Waffe und bellte: Niemand erhebt das Wort gegen Prifud Golomba! Nicht einmal Gäste des kaise