Stories 1: Auf der Suche nach der verlorenen Menschheit I

Hauptpersonen

Paul:
Er macht eine unglaubliche Entdeckung
NATHAN:
Das Mondgehirn hat lange ausgeharrt
Michele, Stephan und Dagmar:
Pauls Freunde
Boris Walter, Jack Johnson, Anita Powers und Clara Lubow:
Die Besatzung der havarierten Mars-Mission

Prolog

Wir meinen unsere Geschichte zu kennen. Von Mesopotamien, über die Zeit der Ägypter, der Römer, Chinesen, Maya, Araber und der unzähligen anderen Völker bis in unsere Zeit.

Doch als Paul beim Bergsteigen in den Alpen auf eine alte Höhle stößt, scheinen alle diese Erkenntnisse hinfällig. Er stößt auf eine ältere Menschheit, die vor 50 Jahrtausenden bereits die interstellare Raumfahrt beherrschte und einen Großteil der Galaxis besiedelt hatte.

Er hört von Namen wie Perry Rhodan, Reginald Bull, Atlan oder Gucky, die als Unsterbliche die Menschheit begleiteten – bis es zur Katastrophe kam.

Nun ist die Menschheit seit undenkbaren Zeiten isoliert und musste sich völlig neu entwickeln. Die Menschen haben ihre Vergangenheit vergessen – und die Milchstraße hat die Menschheit vergessen.

Nur einer weiß noch von der Vergangenheit: Das uralte Mondgehirn NATHAN, einst der größte Computer der Menschheit, wartet seit Äonen – unfähig, selbst in die Entwicklung einzugreifen – auf eine Kontaktaufnahme der neuen Menschheit, um sie auf die Suche zu schicken …

AUF DIE SUCHE NACH DER VERLORENEN MENSCHHEIT

Kapitel 1
Die Höhle

Über den Bergen zeigten sich die ersten Winterwolken. Bald würde es Schnee geben. Großvater Hans hatte die Kühe dieses Jahr schon früher als sonst von den Weiden oben in den Bergen in das Tal getrieben.

Paul erinnerte sich, wie die bunt geschmückten Tiere feierlich durch das Dorf schritten. Dieses Dorf lag jetzt schon tief unter ihm. Sicher würde sein Großvater diesen Abend wieder mit gutem Wein, besserem Essen und noch besseren Freunden in der Dorfkneipe verbringen.

Seit gut drei Stunden war er nun schon aufgestiegen. Er brauchte nach dem ganzen Schulstress mal frische Luft im Gehirn. In 2.000 Metern Höhe war die Luft klar und kalt, man konnte schon von oben auf die Wolken blicken, die sich unter seinen Füßen wie ein großer Wollteppich ausbreiteten. Paul war müde. Die ungewohnte Anstrengung hatte ihn bis an seine Grenzen gebracht. Ich muss was für meine Kondition tun, dachte sich Paul, als er sich endlich ausruhen konnte.

Sein Blick ruhte auf den mächtigen Dreitausendern, die am Horizont zu sehen waren. Ihre Kuppen waren weiß, da oben hatte es schon geschneit. Auf halbem Weg sah er die Bergstation der Seilbahn. Ziemlich weit weg, dachte Paul, ich bin wohl etwas vom Weg abgekommen. Na ja, vielleicht fahr ich heute Abend mit der Seilbahn wieder runter, wenn ich zu müde bin, abzusteigen.

Nachdem er sich genug ausgeruht hatte, ging Paul weiter. In einem kleinen Seitental, im Winter ein Paradies für Skifahrer, ging Paul an den verlassenen Stationen und Stützpfeilern der Skilifte vorbei. Im Frühherbst sah hier alles ziemlich verloren aus. In 6 – 8 Wochen allerdings, dann ging hier wieder richtig die Post ab.

Es fing zu regnen an.

Kurze Zeit später hatte sich alles zugezogen, aus dem Regen wurde schnell ein kräftiger Hagelschauer.

Wir Stadtmenschen sind eben für die Berge nicht gemacht, erinnerte sich Paul an die Mahnung seines Großvaters, nicht zu weit aufzusteigen, weil das Wetter umschlagen könnte.

Paul suchte eine Möglichkeit, sich unterzustellen.

Am Ende des kleinen Seitentals bildete eine wohl erst vor kurzem abgegangene Steinlawine eine natürliche Grenze zu der dahinter liegenden Hochgebirgsregion. Auf der linken Seite der Steine war eine Art Eingang zu erkennen. Paul, der noch nie in dieser Gegend gewesen war, wurde neugierig und erkundete den Eingang.

Über massive Felsbrocken kletterte er ein Stück hinein. Nach etwa 10 Metern stieg ein Gang langsam an. Paul hatte keine Mühe, vorwärts zu kommen. Außerdem schien noch ein wenig Licht vom Eingang herein, sodass Paul gut weiterkam.

Am Ende des Gangs sah er einen Lichtstrahl, der durch eine kleine Öffnung drang und ihm den Weg wies. Als Paul die Öffnung erreicht hatte und durchblickte, sah er in eine große Höhle hinein, die von einem diffusen Licht erfüllt war.

Jetzt trieb die Neugierde Paul erst richtig an. Vorsichtig räumte er einige Felsbrocken zur Seite, um einen besseren Blick in die Höhle werfen zu können. Schwer waren die, diese Steine. Aber nach gut einer Stunde hatte er soviel Steine zur Seite geräumt, dass er sich durch die entstandene Öffnung quälen konnte. Auf den ersten Blick bemerkte Paul, dass das diffuse Licht von kleinen Öffnungen in der Decke der Höhle hervorgerufen wurde, aus denen von draußen, trotz des schlechten Wetters, noch genug Licht auf die Seitenwände fiel, um die Höhle halbwegs zu erhellen.

Merkwürdiges Gestein, dachte sich Paul, irgendwie viel zu schwarz.

Vorsichtig ging Paul in die Höhle hinein; Schritt für Schritt, um auf dem vermutlich rauen Untergrund nicht zu stolpern. An der einen Seite, wo das Licht auf das dichte Schwarz der Höhlenwand traf, entdeckte er eine Stelle, die ihm noch viel dunkler vorkam, als das Schwarz der übrigen Wand.

Paul tastete sich vorsichtig heran. Mit seiner linken Hand strich er über die Wandfläche. Irgendwie kam ihm die Stelle warm vor, viel wärmer jedenfalls als die Temperatur in dieser merkwürdigen Höhle.

An der seltsamen Stelle konnte Paul plötzlich ein blaues Leuchten erkennen. Ein Symbol, das Paul noch nie gesehen hatte, erschien …, und eine Stimme begann zu sprechen!

Paul konnte nicht verstehen, was die Stimme sagte oder woher sie kam. Die Stimme war einfach da und sie sprach offensichtlich zu ihm.

Wer spricht da?, fragte Paul unsicher und sah sich um. Niemand war zu sehen. Was ist hier los?

Ach ja, Alt-Terranisch, Regionalsprache Deutsch. Ich habe diese Sprache lange nicht mehr gehört. Früher kam es vor, dass einige in dieser Sprache redeten. Ernst Ellert sprach immer Deutsch, wenn er etwas vor mir verheimlichen wollte. Aber natürlich kannte ich auch diese Sprache. Ich kenne so viele Sprachen, so unendlich viele Sprachen…

Wer bist du?, fragte Paul in die plötzlich auftretende Stille.

Früher nannte man mich NATHAN. Heute habe ich keinen Namen mehr; es ist solange her, dass mich jemand gefragt hat.

Fast 50.000 Jahre …

Kapitel 2
NATHAN

Alles ist in Vergessenheit geraten …, und alles sollte vergessen werden.

Paul stand wie versteinert in der neu entdeckten Höhle, irgendwo in den Bergen. Er hörte Jemandem zu, der deutsch zu ihm sprach, nachdem er zunächst in einer anderen Sprache gesprochen hatte, die Paul jedoch nicht verstanden hatte.

Die Stimme schien aus der Wand gekommen zu sein, denn nirgendwo hatte Paul einen Lautsprecher oder andere technische Einbauten gesehen. Es war jetzt dunkel geworden, in der Höhle; nur an einer Stelle war ein schwach leuchtendes dunkelblaues Feld zu sehen. Von dort kam die Stimme.

Was ist vergessen worden?, Pauls Stimme war nun wieder etwas sicherer geworden.

Alles, was darauf hinwies, dass hier einmal der Mittelpunkt war.

Hier in den Bergen?, fragte Paul.

Nein. Der Mittelpunkt von allem, … TERRA und seine Hauptstadt Terrania. Dies hier ist nur ein vergessener Kommandostand aus der Zeit der Aphilie. Auch hier hat man alles weggeschafft; nur den COM-Anschluss hat man vergessen. Na ja, man hat ihn vielleicht nur übersehen …

Beim großen Aufräumen haben Perry und die anderen mit meiner Hilfe die Erde und die solaren Planeten wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt. Sogar den Mars haben wir nachgebaut, nachdem sie Trokan mit seinem Pilzdom abgeholt haben. Nachdem auch die Rekonstruktion von Pluto gelungen war, haben wir am Ende alles gesichert.

Paul war sprachlos. Ungläubig sah er auf das blaue Feld vor seinen Augen, aus dem er gerade noch die Stimme NATHANS gehört hatte. Wer oder was bist du?

Ich bin der WÄCHTER, früher war ich NATHAN.

Ich wache seit über 50.000 Jahren über das SOL-System. Für den Rest der Galaxis und für die bekannten Bereiche des Universums existiert das SOL-System nicht mehr. Und wir haben dafür gesorgt, dass TERRA auch aus der Erinnerung aller Völker verschwand: Über das galaxisweite Netzwerk und mit Hilfe von ES und seinen Kumpanen aus dem THOREGON-PULS haben wir alle Aufzeichnungen in allen Galaxien der Superintelligenzen entsprechend manipuliert.

Aber die Erinnerung lässt sich doch nicht manipulieren, meinte Paul, der nach wie vor ungläubig vor dem COM-Terminal stand.

Welche Erinnerung? Kein Wesen lebt so lange. Außer Perry und die anderen vielleicht. Die Superintelligenzen ja, die Kosmokraten sicher. Aber die Völker der Galaxis haben die Terraner vergessen. Da bin ich ganz sicher. Seit 50.000 Jahren verfolge ich den Hyperfunk über eine einzige noch vorhandene eingehende Verbindung von außerhalb des Ultratron-Schirms. Niemand redet mehr von TERRA oder von den Terranern.

Der Ultratron-Schirm? Paul wartete ganz gebannt auf eine Antwort.

Der Ultratron-Schirm ist wohl das Beste, was die alte Technik zu bieten hatte; sie ist noch nie eingesetzt worden, weil sie selbst gegen Kosmokraten und ihre Technik schützt. Alles, was sich hinter diesem Schirm verbirgt, ist im Universum nicht mehr vorhanden. Mit keinem noch so hoch entwickelten Gerät aufzuspüren und durch nichts zu überwinden. Das SOL-System ist damals darin eingeschlossen worden, übrig blieb nur ein leeres Stück Weltraum mit vielleicht einem Atom auf jedem Kubikkilometer.

Warum? Diese Frage drängte sich Paul auf. Warum sind die Erde und das ganze Sonnensystem eingeschlossen worden?

Irgendwer hat die Spielregeln gebrochen, soviel ist sicher. Eine höhere Macht hat eingegriffen und sie alle – auch die Superintelligenzen – in ihre Schranken gewiesen. Das Urteil war eindeutig: Die Terraner mussten sich neu entwickeln, ohne Hilfe von außen. Auch ich darf nicht eingreifen.

Was ist aus denen geworden, die damals auf der Erde lebten?

Ein paar sind geblieben und haben versucht, die Entwicklung mit ihrem Wissen zu beschleunigen, aber es ist ihnen nicht gelungen. Alle Anderen mussten gehen …

Die Höhle war Paul auf einmal zu eng geworden. Zu gewaltig waren die Andeutungen von NATHAN. Die Erde, früher einmal ein Mittelpunkt der Galaxis?

Sicher, manche Archäologen behaupteten, die Menschheit sei vor mehreren 10.000 Jahren schon sehr weit entwickelt gewesen; Hinweis gäbe es, aber Beweise konnte eigentlich niemand liefern. Paul wollte auf seine Uhr schauen, aber in der Höhle war es mittlerweile dunkel geworden. Nach seinem Zeitgefühl musste es später Nachmittag sein.

Ich muss jetzt gehen, NATHAN, es ist schon spät und ich muss ins Tal zurück, bevor es dunkel wird. Aber ich komme morgen wieder, ich habe noch so viele Fragen.

Du kannst jetzt nicht gehen!

Paul erschrak. Dicht neben dem blauen Feld an der Wand war ein Torbogen aus rotem Licht entstanden. Ein Summen erfüllte die Höhle; gleichzeitig meinte Paul den Geruch von Ozon zu riechen. Innerhalb des Torbogens waberte es grauschwarz.

Ich brauche deine Hilfe. Komm zu mir.

Kapitel 3
Ein kleiner Schritt …

Du brauchst nur durch den Torbogen zu gehen. Dir wird nichts geschehen. Ich brauche deine Hilfe. Lange ist es her, dass jemand zu mir kam, fast 50.000 Jahre … Dies ist das einzige Terminal auf der Erde, das noch vorhanden ist, soweit ich weiß.

Paul stand unschlüssig vor dem Torbogen aus rotem Licht, der in der geheimnisvollen Höhle in den Bergen entstanden war. Dort hatte er Schutz vor dem Hagelschauer gesucht und zum ersten Mal die Stimme NATHANS gehört. Ich muss zurück, ich schaff' den Abstieg sonst nicht mehr bei Tag.

Du hast doch eines dieser Geräte bei dir, das manche Leute Handy nennen. Sag doch Bescheid.

Paul hatte zwar Angst, aber seine Neugierde flehte ihn an, zu bleiben. Er nickte und kletterte ein kurzes Stück aus der Höhle hinaus, um eine Verbindung mit seinem Handy zu bekommen. Dann rief er seinen Großvater an, erzählte ihm, dass er in einer kleinen Berghütte sicher aufgehoben sei und er erst morgen wieder absteigen wolle.

Als er in die Höhle zurückkehrte, war der Torbogen immer noch da. Paul hörte das Summen, es roch stark nach Ozon.

Komm zu mir. Hab' keine Angst. Du brauchst nur durch den Transmitter zu gehen. Dir wird nichts geschehen.

Pauls Neugierde war immer stärker geworden. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich dem Torbogen. Als er nur noch wenige Zentimeter vor dem grauschwarz wabernden Feld war, spürte er ein leichtes Ziehen. Entschlossen ließ Paul sich durch den Torbogen fallen.

Und dann war alles anders …

Paul richtete sich auf. Er war hingefallen, nachdem er sich durch den Torbogen hatte fallen lassen. Aber er hatte sich nicht verletzt. Paul fühlte sich leicht. Nicht wie nach einigen Gläsern Bier, das er gern und manchmal auch in größeren Mengen trank; sondern anders. Eben leichter. Wo bin ich?

Auf dem Mond. Hier beträgt die Schwerkraft nur 1/6 der Erdschwere. Sei vorsichtig.

Auf dem Mond gibt es nichts. Die Menschen waren schon da. Niemand hat etwas gefunden. Es gibt auch keine Luft zum Atmen.

Ich habe die Amerikaner in ihrem lustigen Gefährt damals beobachtet, wie sie herumgelaufen sind und Steine gesammelt haben. Aber eben nur Steine, alles andere hatten wir ja weggeräumt. Ich hätte ihnen zu gerne einen Schrecken eingejagt. Eine Holo-Projektion wäre hübsch gewesen, zum Beispiel wie Gucky ihnen vor der Nase herumhüpft. Mann, hätten die sich gewundert.

Zurück zu dir, du bist nicht auf der Oberfläche, sondern tief im Inneren des Mondes. Du bist bei mir.

Wo bist du?

Ich bin überall um dich herum. Du würdest sagen, ich sei ein riesiger Computer. Das bin ich auch, aber ich bin auch ein Lebewesen. Vor undenklichen Zeiten habe ich biologische Komponenten erhalten. Ich habe mich entwickelt. Sogar Humor soll ich jetzt haben.

Früher war ich NATHAN, das Gehirn des Solaren Imperiums. Du würdest mich für allmächtig halten, wenn du wüsstest, was ich früher alles gesteuert und produziert habe. Den kleinen Hagelsturm beispielsweise, vor dem du in der Höhle Schutz gesucht hast, den hätte ich früher in einer Laune mitten in der Sahara entstehen lassen können. Ich hätte die Menschen aber vorher gewarnt, na ja … vielleicht.

Manchmal hat es mir auch Spaß gemacht, Perry und die anderen mit einem kleinen Schneeschauer zu überraschen. Insbesondere dann, wenn Bully mal wieder eine Parade abnehmen wollte …. Das mit dem Blitzeis, das war auch nicht schlecht.

Paul schaute sich um. Er stand in einem kreisförmigen Raum mit fremdartiger Technik. Bildschirme in 3D-Qualität zeigten Räume mit noch mehr Technik und geheimnisvollen Geräten. Andere Bildschirme zeigten Bilder von der Erde und aus dem Weltraum. Die Bilder waren gestochen scharf und in Farbe. Paul fragte sich, wie NATHAN wohl an diese Bilder kam; hatte er etwa die Erdsatelliten angezapft? Er fragte NATHAN danach.

Meine Satelliten sind schon immer da gewesen. Mit eurer Technik kann man sie nicht ausmachen.

Du hast die Erde die ganze Zeit beobachtet. Konntest du nicht eingreifen, als die großen Grausamkeiten begangen wurden?

Meine biologischen Komponenten haben geweint, als der Völkermord an den Inka, den Maya oder den Indianern stattfand. Das waren alles Völker mit positiven Ansätzen. Insbesondere die Maya waren schon sehr weit. Nein, auch die Gräueltaten in den Weltkriegen durfte ich nicht verhindern, obwohl ich es gekonnt hätte; 100.000 Roboter hätten das ganz schnell in den Griff gekriegt.

Ein … hundert … tausend … Roboter? Paul war entsetzt.

Egal wie viele nötig gewesen wären. In den Arsenalen sind genug. Aber ich durfte nicht eingreifen. Die Menschheit musste sich allein entwickeln, ohne meine Hilfe. Solange, bis ein Mensch der neuen Erde mich entdeckt und mit mir Kontakt aufnimmt.

Und dieser Mensch bist du …

Kapitel 4
Das Team

Plötzlich war er auf dem Mond gewesen …; ein kleiner Schritt nur, durch ein Gerät, das NATHAN einen Transmitter genannt hatte. Jetzt stand Paul in einem kleinen Kontrollraum tief unter der Oberfläche des Mondes und wartete. Einiges hatte er schon von NATHAN erfahren. Das Superhirn hatte die menschliche Entwicklung über 50.000 Jahre lang beobachtet, hatte aber nicht eingreifen dürfen. Und jetzt brauchte NATHAN seine Hilfe …

Paul konnte sich nicht vorstellen, wie er diesem Riesencomputer, der davon gesprochen hatte auch biologische Komponenten zu haben, helfen konnte. Und da war dann noch diese geheimnisvolle Bemerkung dieser Mensch bist du gewesen …

Wieso ich? Ich bin doch gerade erst mit der Schule fertig. Auf der Erde gibt es bestimmt qualifiziertere Menschen als mich. Hochintelligente Forscher, die von Computern mehr verstehen, als ich; bei meinem PC stürzt sogar das Kartenspiel ständig ab.

Nach den Regeln darf ich den ersten Schritt tun, wenn ein Mensch von sich aus mit mir Kontakt aufnimmt. Welche Qualifikation dieser Mensch hat, das ist unbedeutend. Selbst die größten Genies eurer Zeit wären nicht in der Lage, auch nur den kleinsten Teil meiner Technik zu begreifen …, sie könnten noch nicht einmal die Wasserspülung hier oben reparieren.

Aber zum Glück gibt es ja noch die gute alte Hypnoschulung.

Ein Teil der Wand glitt zur Seite. Paul sah eine Kabine vor sich, die ihn irgendwie an die alten Pixi-Fotoautomaten auf den Bahnhöfen erinnerte. Paul nahm die unausgesprochene Einladung an und setzte sich auf den Stuhl. Eine Haube senkte sich über seinen Kopf.

Du bekommst jetzt die ersten Grundkenntnisse vermittelt, die du brauchst, um die Geräte zu bedienen, die ich dir nachher geben werde.

Und Paul schlief ein …

Als er wieder wach war, da wusste er, wie er einen tragbaren Transmitter zu bedienen hatte, was ein Deflektorschirm war und wie er mit NATHAN Verbindung aufnehmen konnte. Außerdem hatte NATHAN ihn gebeten, einen Auftrag zu übernehmen.

Was das für ein Auftrag war, das hatte NATHAN noch nicht verraten. Paul wusste aber, dass er diesen Auftrag nicht alleine durchführen konnte, sondern dass er dazu ein Team zusammenstellen musste. Die Zusammenstellung des Teams war Paul überlassen und deshalb beschloss er, zunächst seinen Freund Steph auf der Erde zu besuchen …

NATHAN hatte den Transmitter auf die Höhle in den Bergen justiert. Beim Abstieg ins Tal hatte Paul keine Schwierigkeiten; der tragbare Transmitter hatte die Form eines Aktenkoffers und wog fast nichts. Die anderen Geräte, die er von NATHAN erhalten hatte, waren sehr klein; sie waren in seiner Gürtelschnalle eingebaut.

Paul ging zunächst zu seinem Großvater und verabschiedete sich von ihm. Seinen überstürzten Aufbruch begründete er mir dem Hinweis, ihm wäre bei seinem Aufenthalt in den Bergen klar geworden, dass er lieber Physik studieren wolle, anstatt Jura, und er müsse sich jetzt ganz schnell um einen Studienplatz bemühen.

Auf der Rückfahrt im Zug überlegte sich Paul, wen er noch ansprechen sollte, um sein Team komplett zu machen. NATHAN hatte von vier Personen gesprochen, die mindestens nötig wären, den geheimnisvollen Auftrag zu erfüllen. Natürlich hatte er an Michele gedacht, seine Freundin und an Stephan, seinen besten Freund aus der Schulzeit. Beide waren echte Science-Fiction-Fans; sie ließen keinen Film und keine Fernsehserie aus und waren in zahlreichen Foren und Chaträumen aktiv.

Früher hatte er immer gelächelt, wenn Michele und Steph erregt miteinander darüber diskutierten, ob es Leben außerhalb der Erde geben würde und ob Raumschiffe mit Überlichtgeschwindigkeit fliegen konnten. Nach der Hypnoschulung wusste er, dass es nicht nur Leben da draußen gab, sondern dass die Galaxis voll davon war.

Und Paul wusste, dass die Menschheit von alledem ausgeschlossen war …

Michele, du bist doch ein richtiger Science-Fiction-Fan, sagte Paul zu ihr nach seiner Rückkehr.

Michele grinste: Na klar!

Und du, Steph, du bist doch auch immer wahnsinnig neugierig, zu wissen, was es da Draußen gibt?

Stephan, der mit seiner Freundin Dagmar gekommen war, nickte.

Na ja …, und deswegen wollte ich euch fragen, ob ihr Zeit und Lust habt, mit mir auf den Mond zu gehen?

Ungläubiges Staunen war die Reaktion auf seine Frage. Stephan lächelte und sagte, Sag mal, Paul, hat dir die Luft in den Bergen den Verstand benebelt? Zu viel Sauerstoff …? Wie willst du da hin kommen? Bis die NASA wieder eine bemannte Mondmission auf die Beine stellen kann, sind wir alle alt geworden. Das Auswahlprogramm und das Training dafür dauert Jahre. Und, was das wichtigste ist, die nehmen uns sowieso nicht; die nehmen nur ausgebildete Piloten und Wissenschaftler.

Dagmar, die neue Freundin von Steph, meinte: Na ja, ihr könntet euch entscheiden, Wissenschaftler zu werden und euch während des Studiums körperlich fit halten. Vielleicht nehmen die euch, wenn die nächste Mondmission geplant wird.

Paul grinste: Nein, ich meinte: Wollt ihr heute auf den Mond? Habt ihr Zeit? Fällt eure Abwesenheit jemandem auf? Wollt ihr ein Abenteuer erleben, von dem ihr gestern nicht einmal zu träumen gewagt habt?

Michele fragte besorgt: Sag mal, Paul, geht es dir gut?

Mir ging es nie besser; ich meine es ernst …, sehr ernst!

Steph grinste und tippte sich an die Stirn: Voll durchgeknallt, wie? Muss an der klaren Bergluft liegen. Jetzt weiß ich auch, warum die im Süden immer so komisch sind; dieses zänkische kleine Bergvolk am Nordrand der Alpen …

Es ist mir ernst …, wiederholte Paul und in seinem Gesicht war jetzt etwas, was seine Freunde stutzen ließ …

Na ja, sagte Dagmar, meine Eltern rechnen nicht mit mir, weil ich mich heut früh von ihnen verabschiedet habe, um mit Steph für drei Wochen an die Costa Brava zu fahren.

Ich hätte sowieso Zeit, lächelte Michele, meine Mutter glaubt, ich wäre längst in den Staaten, wo ich für ein Jahr als Austauschstudentin leben will.

Dann passt mal auf.

Paul nahm die Aktentasche, die er die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte und berührte ein Sensorfeld unter dem Griff der Tasche. Ein rotes Leuchten erschien und bildete den ihm schon bekannten Torbogen. Paul berührte einen Kontakt auf seiner Gürtelschnalle, das grauschwarze Wabern erschien und ein Display im Koffer schaltete auf grün.

Damit, Freunde, kommen wir zum Mond; es ist nur ein kleiner Schritt. Ihr braucht keine Raumanzüge oder so was. Und da, wo wir herauskommen, wird man für uns sorgen. Vertraut mir und habt keine Angst, dies ist ein Transmitter; ich bin schon zweimal mit so einem Gerät gereist.

Zögernd trat Michele auf das Feld zu. Paul nahm sie an die Hand und führte sie bis kurz vor das Transportfeld. Michele sah Paul an. Paul nickte und Michele trat zögernd durch das Feld. Bei ihrem Verschwinden zuckten Stephan und Dagmar zusammen, doch Paul drängte: Steph, alter Kumpel, jetzt du und danach die Dagmar. Geht ruhig, auf uns wartet ein großer Freund der Menschheit.

Als die Drei durchgegangen waren, schrieb Paul noch einen Zettel für seine Nachbarin, dass er für 3 – 4 Wochen in Urlaub gefahren sei und sie sich bitte um seine Blumen und so weiter kümmern solle. Dann trat auch er durch den Transmitter.

Pauls Wohnung war verlassen. Der Transmitter hatte sich nach dem Durchgang selbst deaktiviert und war wieder zu dem kleinen Koffer geworden, der nun unscheinbar in der Wohnung stand. Bis zu ihrer Rückkehr würde nichts darauf hinweisen, dass hier vier Menschen einen Weg gegangen waren, der für sie nur ein kleiner Schritt war,

aber für die Menschheit noch ungeahnte Folgen haben sollte …

Kapitel 5
Der erste Auftrag

An der veränderten Gravitation und der geheimnisvollen Umgebung hatten Michele, Stephan und Dagmar sehr schnell bemerkt, dass sie nicht mehr auf der Erde waren. Ratlos und ein wenig unsicher standen sie herum und waren froh, als Paul aus dem Transmitter kam. Sie wollten ihn mit Fragen bestürmen, doch NATHAN meldete sich:

Willkommen auf dem Mond, ihr habt nicht viel Zeit; die Hypnoschulung wartet schon. Der Auftrag muss schnell erledigt werden, die neue Menschheit ist in Gefahr.

Paul kannte die Kabinen für die Hypnoschulung schon, die sich jetzt seinen Freunden öffneten und erklärte ihnen die Einzelheiten. Steph und die beiden Frauen nahmen Platz, die Hauben senkten sich über ihre Köpfe.

Währenddessen erklärte NATHAN Paul den Auftrag: Durch die Aktivierung der Sprechverbindung in der Höhle in den Bergen ist eine Geheimstation auf der Venus alarmiert worden, von deren Existenz ich vorher nichts wusste.

Offensichtlich haben die Akonen, ein Volk, das zwar mit den Menschen verwandt ist, aber immer ein Eigenleben geführt hat, vor 50.000 Jahren auf der Venus eine Station hinterlassen und sie in einem Stasisfeld verborgen. Die Akonen haben die Station so programmiert, dass sie sich aktiviert, sobald höherwertige Technik innerhalb des SOL-Systems benutzt wird.

Gerade hat die Station auf allen Hyperfunkfrequenzen die Meldung gesendet, dass Terra noch existiert. Zum Glück lässt der Ultratron-Schirm keinen Hyperfunk durch.

Und?, fragte Paul.

Die Station hat ein Raumschiff ausgesandt und das fliegt nun auf die Erde zu. Es ist zwar nur ein kleines Schiff mit 60 Metern Durchmesser, die gemessenen Energiewerte deuten jedoch auf eine verhältnismäßig starke Bewaffnung hin. Das Raumschiff steht mittlerweile über dem asiatischen Kontinent. Der Kommandant droht mit der Vernichtung einer Großstadt, wenn ihm nicht sofort das Kommando über die Erde übergeben wird. Er hat ihnen eine Frist von 12 Stunden gesetzt; danach will er mit der Vernichtung der Stadt Peking beginnen und anschließend jede Stunde eine weitere Großstadt einäschern.

Mein Gott! Aber was sollen wir gegen so ein Raumschiff ausrichten? Wieso schicken die Chinesen oder die anderen Großmächte nicht ihre Raketen los?

Sie haben es bereits. Der Schutzschirm des Akonenschiffs hat mühelos allen Raketenangriffen standgehalten. Zum Glück ist sich der Akone seiner Sache sehr sicher; als kleine Demonstration seiner Macht hat er mit einer Impulskanone einen Quadratkilometer der Wüste Gobi vernichtet und dabei den Goshun-See zum kochen gebracht. Er hat wohl gedacht, Terrania läge noch an dieser Stelle.

Wieder hörte Paul den Namen der geheimnisvollen früheren Hauptstadt der Erde. Sie hatte also einst in der Wüste Gobi gelegen.

Mittlerweile konnte Paul über einen der Beobachtungssatelliten NATHANS ein Bild des Angreifers sehen. Drohend hing die große silberne Kugel über Mittelasien; Millionen Menschen waren vom Tode bedroht, wenn die Erde nicht einlenkte. Paul konnte sich denken, was jetzt da unten los war; wahrscheinlich beschuldigten sich die Großmächte gegenseitig, etwas mit diesem Raumschiff zu tun zu haben.

Seine Freunde waren mit der Hypnoschulung fertig und kamen mit ratlosen Gesichtern aus den Kabinen. Sie hatten so unendlich viele Fragen, aber NATHAN drängte zum sofortigen Aufbruch.

Ein Sendetransmitter schaltete auf Grün. Sie gingen hindurch und erreichen ohne Zeitverlust eine kleine Halle. Hinten rechts öffnete sich ein Tor. Sie rannten hindurch und blieben entsetzt stehen …

Vor ihnen wölbte sich eine schwarze Wand in die Höhe; sie konnten das obere Ende nicht erkennen, so sehr sie ihre Köpfe auch in den Nacken legten.

Ein Kampfschiff der alten Erde, sagte Paul leise, der in der Hypnoschulung einiges über diesen Schiffstyp erfahren hatte. Ihm war auch bewusst, dass er von NATHAN als Pilot vorgesehen war.

Die von NATHAN vorgesehene Rollenverteilung war klar. Paul war der Kommandant und Pilot, Steph bediente die Waffensysteme, Dagmar fungierte als Ortungsspezialistin und Navigator und Michele saß an der Steuereinheit für Funk- und Bildübertragung. Alle wussten plötzlich, dass dieses Schiff von mindestens vier Personen bedient werden musste; alles andere konnte vollautomatisch gesteuert werden.

Über die Bodenschleuse betraten sie das Schiff. Zum ersten Mal erlebten sie das Gefühl des Schwebens in dem aufwärtsgepolten Teil des zentralen Antigravschachtes. Sie durchquerten zahlreiche Decks bis sie endlich eine hektisch blinkende Markierung zum Aussteigen aufforderte.

Sie waren kaum in der Zentrale angekommen, da hörten sie die gut modulierte Stimme des Schiffscomputers, von dem sie wussten, dass ein kleiner Ableger NATHANS in ihm integriert war. Die Stimme kündigte den sofortigen Start an und forderte sie auf, sich auf ihre Plätze zu begeben.

Kaum dass sie Platz genommen hatten, sahen sie auf den Bildschirmen in der Zentrale, wie sich das Hangartor öffnete.

Dann flog dieses Tor plötzlich an ihnen vorbei und die Mondoberfläche, auf die sie gerne einen kurzen Blick geworfen hätten, kippte nach Unten weg. Das Schiff startete mit einer wahnwitzigen Beschleunigung; NATHAN schien es sehr eilig zu haben.

Ortungsschutz ist aktiviert, Waffensysteme sind klar, Paratron-Schutzschirm im Leerlauf.

Nach weniger als 3 Minuten ging das Schiff vollautomatisch gesteuert in einen weiten Orbit um die Erde. Wie schön sie doch ist, dachte Paul, bis eine Nachricht auf seinem Display ihn dazu aufforderte, die Steuerung zu übernehmen. Paul sah, dass NATHAN an den Geräten in der Zentrale einige Modifikationen vorgenommen hatte. Mit einem kleinen Steuerknüppel konnte Paul das Schiff mühelos in alle Richtungen steuern. Ein weiterer Hebel diente zur Steuerung der Geschwindigkeit. Auf einer weißen Skala konnte er ablesen, dass sie im Moment relativ langsam flogen: Schiff in Handsteuerung.

Paul probierte einige Flugmanöver aus und brachte die Erde zwischen sich und das akonische Raumschiff. Dann nickte er Dagmar zu, die den Ortungsschutz abschaltete und den Schutzschirm hochfuhr.

Michele aktivierte die Bild- und Funkübertragung; ihre Stimme klang schneidend: Das akonische Museumsschiff über dem asiatischen Kontinent hat dort unverzüglich zu verschwinden, ansonsten werden wir das Schiff … endgültig still legen!

Jetzt war der akonische Kommandant auf einem Bildschirm in seiner Zentrale zu sehen. Arrogant drehte er sich herum, als er merkte, dass eine Bildverbindung aufgebaut war. Geringschätzig schaute er auf Paul herab.

Erdling, mit was willst du mir drohen? Mit euren lächerlichen Raketen? Ich werde kurzen Prozess mit euch machen. Die Erde darf nie wieder eine Macht im Universum werden!

Paul verzichtete auf eine Antwort und beschleunigte das Schiff. Die Anzeige auf dem weißen Display stand aber erst einige Millimeter über der Nullmarke und Paul ahnte, welche Geschwindigkeiten mit diesem Schiff möglich waren. In einer kreisförmigen Bahn hatte er in wenigen Sekunden Europa und Vorderasien überflogen. Zentralasien kam in seinen Blick.

Gleich wird sich der Akone aber wundern …, sagte Paul leise.

Nein, wundern wäre stark untertrieben gewesen; es war eher das blanke Entsetzen, das jetzt auf dem Gesicht des akonischen Kommandanten zu erkennen war. Er schrie: Ein altes Terra-Schiff …, sofort weg hier!

Beim Akonen liefen die Triebwerke hoch und die Kugel ruckte an. Mit voller Beschleunigung versuchte das Schiff zu entkommen …

Doch dann schlug es drüben ein!

Das Akonenschiff explodierte innerhalb weniger Sekundenbruchteile und Trümmerstücke flogen nach allen Seiten davon. Einige verglühten im Paratronschirm des terranischen Schiffes.

Wer hat dir gesagt, dass du den Akonen vernichten sollst?, schrie Paul aufgebracht, doch Steph saß hilflos vor seinen Waffenkontrollen und stammelte: Ich habe nichts gemacht.

Das Akonenschiff hatte vor seiner Flucht eine Fusionsbombe großen Kalibers ausgeklinkt. Die Fusionsbombe wurde durch automatischen Beschuss vernichtet; das Akonenschiff war noch zu nahe dran; die zeitverzögerte Aufzeichnung wird eingespielt.

Fassungslos verfolgten sie das Ende des fremden Raumschiffs. Tatsächlich war zu erkennen, wie sich ein eiförmiger Gegenstand vom Akonenschiff löste und wie ein greller Waffenstrahl in die Bombe einschlug. Bei der Explosion der Fusionsbombe war das Akonenschiff mit ins Verderben gerissen worden.

Das Kaliber der Fusionsbombe hätte ausgereicht, halb Asien zu vernichten. Gewaltige Stürme, Erdbeben und Flutwellen hätten große Teile der Erde unbewohnbar gemacht.

Ortungsschutz ist wieder eingeschaltet, Paratron auf Leerlauf.

Bitte zu Übungszwecken den Rückflug zum Mond in Handsteuerung durchführen.

Paul schüttelte den Kopf: Moment noch …

Sie hatten den Schock der Vernichtung des Akonenschiffs noch nicht verdaut und brauchten noch etwas Zeit. Er fragte: Haben die uns auf der Erde nicht bemerkt?

Unwahrscheinlich. Was sie gesehen haben, war ein greller Lichtblitz. Unser Schiff war erst kurz zuvor sichtbar geworden. Die aufgeregten Funkgespräche auf der Erde deuten darauf hin, dass alle glauben, das Akonenschiff wäre von selbst explodiert. Es gibt da unten keine Hinweise, dass sie ein zweites Raumschiff bemerkt haben.

Nach zehn Minuten übernahm Paul die Steuerung und flog das Schiff in Richtung Mond. Während des Fluges beobachteten seine Freunde den Weltraum um sie herum und versuchten, das Geschehen zu verarbeiten. Die Schwärze des Weltraums war beinahe zum Greifen nah. Kurz vor Erreichen des Mondes wurden die Bildschirme dunkel; NATHAN hatte den Landeanflug und das Einschleusen übernommen. Offenbar wollte er sich nicht zu tief in seine Karten schauen lassen.

In vier Stunden beginnt das Trainingsprogramm, die akonische Station auf der Venus muss untersucht werden …

Kapitel 6
Die Venus-Station

Paul und seine Freunde hatten das Trainingsprogramm beendet, das NATHAN für sie zusammengestellt hatte. Das alte Raumschiff, mit dem sie den Angriff des Akonenschiffs auf die Erde beendet hatten, war ihnen jetzt wesentlich vertrauter, als nach dem kurzen Crashkurs, der ihnen durch die Hypnoschulung vermittelt worden war.

Steph hatte gelernt, mit den Impuls- und Desintegratorgeschützen des Schiffes umzugehen. Irgendwie schien er der Richtige an der Waffensteuerung zu sein, denn weder Dagmar noch Paul hatten ihn jemals hektisch oder nervös gesehen.

Ruhig und besonnen saß Steph vor seinen Bedienelementen und hörte sich die Erklärungen NATHANS an. Er erfuhr, dass das Raumschiff lange Zeit in einem Konservierungsfeld gelegen hatte, wo es die 50 Jahrtausende unbeschädigt überstanden hatte. NATHAN hatte in dieser Zeit einige Verbesserungen vornehmen lassen. So waren die alten Impulsgeschütze modifiziert worden und arbeiteten jetzt als Doppelpuls-Kanonen. Bei der Doppelpuls-Version wurde der erste Puls des Kampfstrahls durch Hyperfelder so gebündelt, dass er seine ganze Energie beim Auftreffen auf einen Schutzschirm punktuell freigab, während der zweite Puls ungehindert durch die neu entstandene Lücke dringen konnte. Mittelstarke Schutzschirme waren so leicht zu überwinden.

Auch Michele und Dagmar hatten sich mit ihren Aufgaben vertraut gemacht. Die Hypnoschulung, die sie auf dem Mond genossen hatten, war ihnen dabei eine große Hilfe gewesen. Michele, die sich schon immer für alles interessiert hatte, was irgendwie mit Radio und Fernsehen zusammenhing, ging völlig in ihrer Aufgabe am Kommunikationspult auf. Manchmal, besonders wenn sie sich über die Tücken der Technik ärgerte, schüttelte sie ihren Kopf so heftig, dass ihr die langen roten Haare dabei tief ins Gesicht fielen.

Dagmar war eine eher ruhige Brünette. Konzentriert beobachtete sie die Anzeigen für Ortung und Navigation und handelte stets bedächtig und überlegt. Man konnte sie kaum aus der Ruhe bringen, es sei denn, man ärgerte sie absichtlich. Dann aber hieß es, fluchtartig das Weite zu suchen und – das war für die eigenen Nerven immer besser – dieses Weite auch zu finden, um sich vor Dagmars Wut in Sicherheit zu bringen.

Während ihrer Übungen waren sie die ganze Zeit unter Ortungsschutz geflogen, denn man wollte die akonische Geheimstation auf der Venus nicht warnen. Von der Erde aus wären sie auch ohne Ortungsschutz nicht auszumachen gewesen, da die Ortungstechnik der Erde noch nicht so weit entwickelt war, ein schnellfliegendes Raumschiff zwischen den Planeten zu entdecken. Außerdem war man auf der Erde noch dabei, den Schrecken zu verdauen, den das plötzliche Auftauchen des Akonenschiffs ausgelöst hatte.

Der Anflug auf die Venus beginnt.

Dagmar hatte den Kurs berechnet und Paul flog nach ihren Angaben. Sollten sie etwas falsch machen, würde der Schiffscomputer, den sie der Einfachheit halber auch NATHAN nannten (immerhin sollte ein kleiner Teil des riesigen Mondgehirns darin integriert sein), sofort eingreifen.

Venus in der Ortung. Schwache Energieemissionen werden angezeigt. Dagmars Stimme klang ruhig.

COM-Spruch an die Venus-Station ist raus, meldete sich Michele, bisher keine Reaktion.

Paul zog das Schiff in eine enge Kurve und erreichte einen hohen Orbit um den Planeten Venus.

NATHAN meldete sich: Hier war es früher auch gemütlicher, aber 50.000 Jahre sind eben eine lange Zeit.

Die optische Erfassung zeigte eine dichte Wolkenschicht. Nach NATHANS Aussagen sollte dort unten eine absolut lebensfeindliche Umgebung vorhanden sein; allein die Temperatur am Boden betrug nach seinen Angaben rd. 450 °C.

Station ausgemacht! Die Ortung zeigt außerdem einen Schutzschirm an!, rief Dagmar und Paul ging vorsichtig tiefer. Das Schiff hüllte sich in einen mehrfach gestaffelten Schutzschirm, der starke Paratronschirm lief aber noch im Stand-By-Modus. Er konnte bei Gefahr jederzeit aktiviert werden, hätte aber, bei der dichten Venus-Atmosphäre, die Ortungsergebnisse verfälscht.

Plötzlich liefen da unten starke Energieerzeuger an und kurz danach wurde ihr Raumschiff heftig durchgeschüttelt.

Treffer!, rief Michele. Das Schiff begann zu schlingern. Paul riss den Fahrthebel nach vorn und zwang das Schiff in eine enge Kurve. Der Paratronschirm stand und Stephan aktivierte seine Feuerorgel. Die automatische Zielerfassung lief.

Wir werden immer noch beschossen!, rief Michele. Und …, unsere Funkanrufe werden weiterhin nicht beantwortet.

Dagmars Stimme klang so ruhig wie immer, als sie ergänzte: Der Tiefenscan zeigt kein organisches Leben an.

Eine automatische Station. Da unten sind nur noch Roboter am Werk.

Paul hatte seine Kurve inzwischen beendet und das Schiff in eine optimale Schussposition gebracht. Stephan drückte auf die Knöpfe seiner Feuerorgel, die Energieerzeuger der Doppelpuls-Kanone heulten kurz auf, dann schlug es unten in der Station ein.

Druckkuppel leicht beschädigt, rief Dagmar, die an der Ortung saß. Jetzt baut sich ein neues Schirmfeld auf, ein grüner Schutzschirm!

Stephan jagte jetzt Schuss um Schuss aus seiner Doppelpuls-Kanone hinaus. Doch der grüne Schirm hielt dem Beschuss stand.

Ich übernehme.

Die Kontrollen der Waffensteuerung wechselten auf Rot und Steph zuckte mit den Schultern: Ich habe keinen Zugang mehr!

Auch Paul merkte, dass die Schiffssteuerung ihm nicht mehr gehorchte, denn das Schiff wendete von allein und nahm eine etwas höhere Position ein. Paul sah auf den Hauptbildschirm in der Zentrale, wo die akonische Station gut zu erkennen war.

Dann ging da unten eine Sonne auf!

Trotz der großen Entfernung liefen heftige Stoßwellen durch das Schiff, die die Andruckabsorber nur mit Mühe kompensieren konnten. Auf dem Bildschirm konnten sie sehen, dass die Oberfläche der Venus sich aufzublähen schien und riesige Feuerberge durch die Wolken brachen. Die Atmosphäre der Venus brannte!

Mein Gott, was war das denn? Paul hatte es fast die Stimme verschlagen. So eine gewaltige Explosion hatte er noch nie gesehen. Auch die anderen schauten sich betreten an. Was hatte dieses Schiff für Waffen!

Stephan schüttelte den Kopf, die Hypnoschulung hatte ihn wohl nicht über die tatsächliche Kampfkraft dieses Schiffes aufgeklärt.

Die Robotsteuerung der akonischen Geheimstation hat versucht, das Stasisfeld wieder zu errichten, das sie 50.000 Jahre verborgen hatte. Bevor das Stasisfeld stabilisiert werden konnte, habe ich die Station mit einer Transformbombe kleineren Kalibers vernichtet.

Ein … kleineres … Kaliber?

Ihr kennt die Möglichkeiten dieses Schiffes noch nicht. Es wäre auch viel zu viel Macht in euren Händen, denn ihr müsst noch viel lernen. Und wenn ihr alles gelernt habt, dann werde ich euch bitten, auf die Suche zu gehen.

… auf die Suche?

Ja, … auf die Suche nach der verlorenen Menschheit.

Paul und seine Freunde waren wieder zu Hause. NATHAN hatte sie direkt nach der Venusmission über den Schiffstransmitter in Pauls Wohnung abgestrahlt. Die vier Freunde studierten sofort die Zeitungen der letzten Tage und suchten nach Informationen über den Angriff des Akonenschiffs, aber sie fanden keine Berichte darüber; anscheinend war es den Regierenden gelungen, die Sache geheim zu halten. Aber es gab Hinweise, dass die Verantwortlichen handelten …

Paul las einen Bericht vor, nach dem der Ausbau der neuen ISS-Raumstation kurzfristig forciert werden sollte. Steph hatte einen Artikel gefunden, wo über den Ausbau des Trainingsprogramms für Astronauten berichtet wurde und Michele zeigte ihnen einen Artikel über die ersten Tests einer neuen Laserwaffe im Internet. Doch Paul schüttelte den Kopf; bis die Erde wirksame Waffen gegen fremde Raumschiffe vom Kaliber des Akonenschiffs entwickelt hatte, würden Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte vergehen.

Von NATHAN wusste Paul, dass es in der Zeit der alten Menschheit nicht anders gewesen wäre. Doch dann war man auf die Arkoniden gestoßen, ein mächtiges Volk der Milchstraße, das viel zu der rasanten Entwicklung der alten Menschheit beigetragen hatte. Innerhalb weniger Jahrhunderte hatten die Terraner ihren Platz in der Milchstraße eingenommen.

Doch irgendwann hatten sie wohl überzogen. Eine Macht hatte eingegriffen und die Terraner in ihre Schranken gewiesen. Heute waren die Terraner verschwunden und das SOL-System war abgeriegelt. In 50.000 Jahren hatte sich nun wieder eine Menschheit entwickelt, die sich nun anschickte, vorsichtig ihren Fuß auf die galaktische Bühne zu setzen.

Aber noch war es nicht soweit. NATHAN, das Mondgehirn, hatte ihnen von einem neuen Auftrag erzählt, den sie übernehmen sollten,

die Suche nach der verlorenen Menschheit …

Zunächst einmal mussten sie aber lernen, lernen und nochmals lernen.

Mit Hilfe der transportablen Hypnoschulgeräte, die NATHAN über die Transmitterverbindung in Pauls Wohnung geschickt hatte, erfuhren sie Dinge und erlernten Fähigkeiten, von deren Nutzen sie zunächst keine Ahnung hatten. Doch einmal in der Woche rief NATHAN sie auf den Mond, wo sie das Erlernte praktisch erproben konnten. Während ihrer Abwesenheit versteckte Paul die Geräte in seiner Wohnung mittels eines Deflektorschirms, den er von NATHAN erhalten hatte.

Die Rollenverteilung, die schon bei ihren ersten Einsätzen mit dem alten Kampfschiff von NATHAN so festgelegt worden war, blieb auch jetzt gleich. Stephan trainierte den Umgang mit Zielsteuergeräten und Bordwaffen, ohne allerdings genau zu wissen, welche Zerstörungskraft er damit wirklich freisetzen konnte. Schon der Einsatz der Doppelpuls-Kanone hatte ihn enorm beeindruckt; die Wirkung der Transformbombe, mit der die akonische Station auf der Venus vernichtet worden war, hatte ihm einen tiefen Schock versetzt.

Michele beschäftigte sich jetzt mit den theoretischen Grundlagen der Bild- und Tonübertragung. Sie lernte die Grundzüge der überlichtschnellen Kommunikation kennen und konnte die entsprechenden Geräte mittlerweile im Schlaf bedienen.

Dagmar verbiss sich darin, Navigations- und Ortungssysteme perfekt bedienen zu können.

Und Paul war der Pilot. Mit dem alten Kampfschiff der 100-Meter-Klasse trainierte er viel im interplanetaren Raum. Manchmal geriet er sogar in die Nähe des Ultratron-Schirms, der das SOL-System umgab und es vor der Galaxis verbarg. Aber immer wenn er zu schnell war oder dem Schirm zu nahe kam, griff NATHAN ein und übernahm das Schiff in Automatik-Steuerung.

Doch Paul war eigensinnig! Immerhin hatte er aus der Hypnoschulung das Wissen erhalten, dass dieses Schiff überlichtschnell sei und das wollte er unbedingt ausprobieren! Er wollte der erste Mensch der neuen Erde sein, der die Lichtmauer durchbrach, aber NATHAN erwies sich einmal mehr als Spielverderber …

Paul hatte sein Schiff wieder einmal enorm beschleunigt. Die Geschwindigkeitsanzeige leuchtete weiß und die Markierung näherte sich der Mitte der Skala, als Paul von oben in das SOL-System hinein raste, den Jupiter passierte und in Richtung auf die Sonne weiter beschleunigen wollte, als NATHAN eingriff und das Schiff abbremste.

Innerhalb des SOL-Systems sind keine Überlichtgeschwindigkeiten zulässig. Auch Flüge im relativistischen Bereich sind nicht erwünscht.

Paul war stinksauer! Das erinnerte ihn an die Erde. Immer wenn das Autofahren begann Spaß zu machen, hatte irgendein ideologisch blockierter Wichtigtuer prompt ein Tempo-30-Schild parat; meist war auch eine dieser putzigen Radarfallen nicht weit …

Im Simulator-Raum trafen sie sich meist am Ende ihres wöchentlichen Trainingsprogramms. Erst dort wurden Paul, Michele, Stephan und Dagmar zu einem wirklichen Team. Sie jagten durch die Galaxis, wichen Neutronensternen aus, wehrten Angriffe unbekannter Raumschiffe ab und kommunizierten mit fremden Völkern in einer Sprache, die nach Aussage NATHANS heute in der Milchstraße überwiegend gesprochen wurde. Die Sprache hatten sie in der Hypnoschulung gelernt; sie wussten, dass sich diese Sprache aus der alten galaktischen Einheitssprache entwickelt hatte, die man schon zur Zeit der Terraner gesprochen hatte.

Ihr Zusammenspiel klappte immer besser. NATHAN brachte ihnen bei, dass man ein Beiboot genauso steuern konnte wie ein großes Raumschiff und ließ sie Starts und Landungen auf bewohnten Planeten üben.

Neben der Ausbildung im Simulator lernten sie den SERUN kennen, einen Raumanzug, wie ihn auch die Terraner früher getragen hatten. Zigmal mussten sie das schnelle Anziehen des Raumanzuges üben. Sie lernten, sich mit Hilfe des SERUNS im Weltraum zu bewegen. Insbesondere Dagmar und Paul hatten anfangs große Schwierigkeiten, weil sie nicht schwindelfrei waren.

Eines Morgens öffnete NATHAN eine verborgene Schleuse und ließ sie über die Mondoberfläche spazieren. Wegen ihrer Deflektorfelder konnten sie nicht ausgemacht werden (von NATHAN wussten sie, dass einige der Erdsatelliten ihre Teleskope auf die Mondoberfläche gerichtet hatten). Gemeinsam gingen sie zu der Stelle, wo die Amerikaner damals gelandet waren. Paul hatte etwas vorbereitet. Er befestigte eine Fahne neben der amerikanischen Flagge, die die Astronauten damals auf dem Mond aufgestellt hatten.

Die neue Fahne zeigte die weißblaue Erde auf ihrem schwarzen Hintergrund, so wie sie vom Mond aus zu sehen war. Unterhalb des Bildes der Erde waren 5 große rote Buchstaben eingeprägt:

>> T E R R A <<

Kapitel 7
Neue Freunde

Die Grundausbildung von Paul, Michele, Steph und Dagmar war abgeschlossen. NATHAN hatte ihnen mitgeteilt, dass er auch ihre psychische Belastungsfähigkeit während des aktiven Trainings im Simulator getestet habe und mit ihnen sehr zufrieden sei. Aber bis zum Beginn ihres eigentlichen Auftrags, der Suche nach der verlorenen Menschheit, müsse er jedoch noch einige Vorbereitungen treffen und hatte sie kurzerhand in den Urlaub auf die Erde geschickt.

Die Vier hatten also ihre Sachen gepackt und waren in den Urlaub geflogen. Alle freuten sich auf ungetrübte Tage unter der heißen Sonne der Balearen.

Die Verbindung zu NATHAN ließ sich über Pauls Handy herstellen und der tragbare Transmitter war in Dagmars großem Reisekoffer untergebracht. Ein mulmiges Gefühl hatten sie nur, als sie die Sicherheitskontrollen passierten, aber die Geräte NATHANS waren gut geschützt und für die Scanner im Flughafen unsichtbar.

Auf Formentera wurde eine abseits gelegene Finca mit großer Terrasse für die nächsten Wochen ihr Zuhause. Paul und Michele sowie Stephan und Dagmar bezogen ihre Zimmer. Beide Räume lagen nebeneinander und hatten einen wunderschönen Ausblick auf das Meer.

Der Sandsturm blies einsam durch die dünne Atmosphäre und die ferne Sonne war gerade dabei, hinter den Flanken des mächtigen Vulkans unterzugehen. Etwa auf halber Höhe, dort wo der Kegel des Vulkans besonders ausgeprägt war, lösten sich jetzt größere Felsbrocken und der Boden erbebte, als sich ein Teil der Bergflanke zur Seite schob.

Doch auf diesem Planeten gab es niemanden, der dieses beeindruckende Schauspiel hätte verfolgen können.

Langsam und vorsichtig schob sich etwas durch die gewaltige Öffnung. Zuerst war nur die lang gestreckte konische Spitze von Irgendwas zu erkennen, das in einem sanften Weiß gehalten war. Doch dann setzte sich das Weiß fort, Vertiefungen und filigrane Abschnitte erschienen. Mächtige Flächen erschienen, die seitlich, wie Flügel, am Hauptkörper angebracht waren und mit einem eleganten Schwung in den Rumpf übergingen. Erst nach einer schier endlosen Weile hatte der mächtige Körper die Flanke des Vulkans vollständig verlassen.

Was da jetzt im Licht der fernen Sonne in einem sanften Weiß glänzte, das war ein Raumschiff …

Der Urlaub der vier Freunde ging abrupt zu Ende, als Pauls Handy das mit NATHAN vereinbarte Klingelzeichen abgab. Der Rufton ähnelte so sehr dem typischen Klingeln anderer Handys, dass gleich mehrere Leute am Strand zu ihren Geräten griffen, aber leider waren Paul und die Anderen gemeint. Traurig packten sie ihre Sachen zusammen, sagten den vereinbarten Rückflug ab und aktivierten den tragbaren Transmitter.

Kurze Zeit später standen die Vier, braungebrannt und noch in ihrer Urlaubskleidung, in der Ankunftshalle auf dem Mond.

Wie ihr wisst, bin ich in meinem Handeln gewissen Regeln unterworfen. Nachdem Paul mit mir Kontakt aufgenommen hatte, durfte ich den ersten Schritt tun. Das bedeutet, dass ich euch in allen wichtigen Aufgaben unterstützen darf und euch soviel Informationen zukommen lassen darf, wie nötig sind. Die Regeln untersagen mir aber weiterhin, selbst einzugreifen.

Aber du hast uns bisher doch auch übergangen und selbstständig gehandelt. So hast du z.B. den Angriff der akonischen Geheimstation auf der Venus mit dem Einsatz einer Transformbombe beendet, meinte Stephan.

Das war nicht ich, das war nur ein ehemaliger Teil von mir, der nach diesem Einsatz reumütig zu mir zurückgekehrt ist und nun für 1.000 Jahre in der Ecke stehen muss…

Das ist doch Haarspalterei, grinste Dagmar.

Haarspalterei ist nach den Regeln nicht verboten, soweit ich weiß …, aber ich muss nun leider um etwas mehr Ernst bitten, denn ihr müsst sofort zu einer Rettungsaktion starten:

Nach dem Auftauchen des Akonenschiffs ist auf der Erde eine geradezu hektische Aktivität festzustellen gewesen. Vorige Woche ist in Kasachstan, auf dem ehemaligen russischen Weltraumbahnhof Baikonur, eine russische Proton-Rakete mit einer gemischten Besatzung gestartet. Ziel dieser bemannten Mission sollte der Mars sein, denn auf der Erde vermutet man, das Akonenschiff wäre von dort gekommen.

Nach dem planmäßigen Verlassen des Erdorbits wurde das Erdschiff von einem Meteoriten getroffen. Der atomare Antrieb und die Sauerstoffversorgung sind beschädigt, ebenso die Funkanlage. In dem letzten Funkspruch an die Bodenstation hieß es, sie hätten noch Sauerstoff für 48 Stunden und versuchten den chemischen Notantrieb in Betrieb zu nehmen, um umzukehren. Danach riss die Funkverbindung ab. Auf der Erde glaubt man inzwischen, die Besatzung sei tot.

Tatsächlich aber kämpft sie jetzt, in diesem Moment, um ihr Leben.

Diesmal ist kein Teil von mir an Bord, ihr wisst jetzt genug, um diesen Einsatz alleine durchzuführen. Beeilt euch, das Schiff ist startklar; es geht um Sekunden!

Paul, Michele, Steph und Dagmar zögerten nicht, gingen sofort durch den Transmitter und erreichten die Zentrale des ihnen schon vertrauten 100-Meter-Schiffs innerhalb weniger Sekunden. Noch während sie ihre Plätze einnahmen, sahen sie, wie sich die Hangartore öffneten. Paul legte einen Alarmstart hin und jagte das Schiff durch den Startschacht nach Draußen. Dann gab er Vollschub. Mit eingeschaltetem Ortungsschutz raste das Schiff in geringem Abstand an der Erde vorbei und Paul hörte Dagmar rufen: Ziel erfasst, erreichen havariertes Raumschiff in 6 Minuten. Traktorstrahl ist klar.

Es ist vorbei, Jack. Wir haben zwar noch Sauerstoff, aber was nutzt das noch …? Boris Walter drehte sich in der Enge des russischen Proton-Raumschiffs zu seinem amerikanischen Freund um: Der Notantrieb ließe sich zwar starten, aber für eine Umkehr und eine Landung auf der Erde reicht der Treibstoff nicht. Wir würden verglühen.

Anita Powers und Clara Lubow, die das gemischt russisch-amerikanische Team komplettierten, sahen Jack Johnson an. Anita sagte: J.J., lass uns der Sache ein Ende machen. Clara und ich sind uns einig; wir wollen nicht qualvoll ersticken oder beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verbrennen. Nehmen wir die Tabletten …

Ein heftiger Schlag riss sie aus ihren trüben Gedanken. Während bisher Schwerelosigkeit geherrscht hatte, wurden sie plötzlich in ihre Sitze gepresst. Wir beschleunigen!, rief Boris und schaute verblüfft auf die Anzeigen dicht vor seinen Augen: Die Triebwerke sind's nicht. Die sind im Eimer …

Clara versuchte durch eines der Bullaugen der Proton-Raumkapsel sehen, konnte aber nichts erkennen. Dann verschwanden die Sterne …

War das schon das Ende? War das Leck ihres Schiffes doch größer, der Sauerstoff bereits aufgebraucht und das schon die ersten Anzeichen ihres nahen Todes?

Paul öffnete das große Hangartor des alten Terra-Schiffs. Der Traktorstrahl hatte die Proton-Kapsel erfasst und zog sie jetzt in den leeren Hangar. Weil er sehen konnte, wie der aus dem Leck austretende Sauerstoff kondensierte, ließ Paul die Hangartore schnell wieder zu gleiten und flutete den Hangar mit atembarer Luft. Dann gingen sie hinunter in den Hangar.

Da ist ein Gesicht vor meinem Fenster, meinte Anita Powers, ein Gesicht ohne Raumhelm und das im Weltraum!

Wir sind tot, Anita. Das ist entweder Gott oder der Teufel oder Elvis Presley, murmelte Jack leise, aber Anita widersprach: Sieh doch raus, du Stoffel, die Hölle sieht bestimmt nicht so aus, wie eine leere Werkshalle!

Und der Teufel klopft nicht, meinte Boris, als deutliche Klopfzeichen zu vernehmen waren. Er entriegelte die Luke und langsam schwang sie auf …

Herzlich Willkommen!

Paul sah in die Kapsel und begrüßte die Geretteten. Da sein Englisch nicht allzu gut war und er Russisch überhaupt nicht konnte, verstanden ihn Jack Johnson, Anita Powers, Boris Walter und Clara Lubow fast gar nicht, aber Eines war ihnen klar: Sie waren gerettet!

Jack Johnson, Anita Powers, Boris Walter und Clara Lubow hatten unendlich viele Fragen an diesen jungen Mann, der da lächelnd vor ihnen stand. Ihr werdet eure Antworten bekommen, murmelte Paul, doch das Wichtigste zuerst: Zur Erde können wir euch leider nicht bringen.

Die biologischen Komponenten NATHANS waren zufrieden.

Jetzt haben wir die Besatzung und wir haben die Piloten für die Begleitschiffe …

Kapitel 8
Das Schiff

Ebenso wie Paul, Michele, Stephan und Dagmar hatten die vier Geretteten unter den Hauben der Hypnoschuler innerhalb kürzester Zeit alles erfahren, was sie für ein Leben auf dem Mond wissen mussten.

Den Rest erzählten ihnen Paul und Steph, als sie sich abends in einem gemütlichen Raum getroffen hatten, den NATHAN nach ihren Bedürfnissen gestaltet hatte. Sogar so etwas wie Alkohol gab es. Schmeckt aber wie schlechter Scotch, meinte Jack, den sie alle nur noch J.J. nannten.

Eher wie der amerikanische Versuch, einen Wodka herzustellen, widersprach Boris. Ihr Amis habt noch nie etwas von allein hingekriegt.

Trotz der kleinen Sticheleien verstanden sie sich mittlerweile prächtig. Dank der Hypnoschulung hatten alle inzwischen die Sprachen ihrer neuen Kameraden gelernt und so etwas wie Freundschaft begann sie zu verbinden.

Die nächsten drei Tage verbrachten die Neuen damit, mit dem alten Terra-Schiff zu üben. Es fiel ihnen leicht, denn im Gegensatz zu Paul und seinen Freunden waren sie alle ausgebildete Kampf-Piloten. Ihre Reaktionsschnelligkeit hatten sie in Überschall-Kampfjets trainiert und sie waren auch großen körperlichen Belastungen gewachsen.

Während J.J., Boris, Anita und Clara intensiv übten, genossen Paul und die anderen Drei ihre freie Zeit. NATHAN hatte ihnen einen Wohnbereich zugewiesen, wo sich Paul und Michele sowie Stephan und Dagmar jeweils ein großzügiges Appartement teilten. Direkt daneben waren die neuen Kollegen untergebracht; sie konnten das großzügige Freizeitangebot jedoch noch nicht richtig genießen, weil NATHAN sie ausgiebig im Umgang mit der terranischen Raumschifftechnik drillte und sie jeden Abend todmüde in ihre Betten fielen. Auch an diesem Abend schliefen alle schon fest, als …

01:30 Uhr:

Der mächtige Vulkan hatte seine Flanke wieder geschlossen. Alles sah jetzt wieder so aus, wie es auf dem Mars seit 50.000 Jahren ausgesehen hatte. Nur das majestätisches Gebilde, das trotz seiner Größe filigran und elegant aussah, passte nicht in dieses Bild. Seine weißen Facetten und Formen spiegelten sich solange im Licht der fernen Sonne, bis sich dieses Bild langsam zu verflüchtigen begann, denn das Raumschiff tarnte sich und nahm langsam Fahrt auf.

Interner Funktionstest abgeschlossen, Schutzschirme stehen, Antriebssysteme für planetare Entfernungen aktiviert. Erreiche Treffpunkt in 30 Minuten.

01:32 Uhr:

Mit den Urgewalten eines Vulkanausbruchs brach ein schwarzes Ungeheuer aus einem verdeckten Hangar in der polaren Region des Planeten. Mit tosenden Impulstriebwerken beschleunigte es und hielt erst kurz vor der Pluto-Bahn inne. Dort aktivierte es seine vielfach gestaffelten Schutzschirme, wartete und horchte in den interplanetarischen Raum hinein …

2:02 Uhr:

Die ersten Impulse erreichten die empfindlichen Orter des alten terranischen Superschlachtschiffs und es ging zum Angriff über. Die Energieerzeuger von 32 Transformkanonen schwersten Kalibers heulten auf und die Kanonen feuerten eine volle Breitseite ab.

2:04 Uhr:

Eine grellweiße Sonne war da entstanden, wo das elegante weiße Raumschiff gerade dabei gewesen war, seinen Tarnschirm zu öffnen. Nur langsam ließ die Leuchtkraft der Explosion der Transformgeschosse schwersten Kalibers nach, aber das weiße Schiff schwebte unbeschädigt vor dem schwarzen Hintergrund des Weltalls.

Schutzschirmtest abgeschlossen. Aktiviere Offensivbewaffnung.

2:13 Uhr:

Um das alte terranische Superschlachtschiff riss der Weltraum auf. Ein tiefrotes Feld erfasste das Schiff. Von einer Sekunde zur anderen wurde das alte Schlachtschiff von dem Feld verschlungen. Dann kehrte die Schwärze des Weltraum dorthin zurück, wo noch vor kurzem ein mächtiges Schlachtschiff der alten Erde seine ganze Feuerkraft eingesetzt hatte.

Ersteinsatz der Transpuls-Kanone erfolgreich, verlasse Treffpunkt.

Um 3:00 Uhr war die Aktion beendet und NATHAN war zufrieden. Das Superschlachtschiff war nach kurzem Flug unversehrt wieder in seinen Hangar in der Pol-Region des Planeten zurückgekehrt. Die neu entwickelte Waffe hatte ihren ersten Test bestanden!

Die TRANSPULS-KANONE arbeitete ähnlich wie ein Fiktivtransmitter und war eine kombinierte Abwehr- und Angriffswaffe. NATHAN hatte sie in den vergangenen 50.000 Jahren neu entwickelt. Leider konnte er dabei nicht auf die Konstruktionspläne des sagenhaften Fiktivtransmitters der Superintelligenz ES zurückgreifen, die Hinweise aus lemurischen Aufzeichnungen über die Funktionsweise der Situationstransmitter hatten ihm jedoch den richtigen Weg gewiesen. Die Transpuls-Waffe stanzte ein Stück aus dem Weltraum heraus und transferierte es in ferne Regionen. Ein Raumschiff, das sich in diesem Abschnitt befand, wurde zusammen mit seinen Schutzschirmen zwangsversetzt. Der Wiedereintauchpunkt hing von der Stärke des mitgegebenen Impulses ab und war frei wählbar. Versetzungen über mehrere hundert Lichtjahre waren durchaus möglich. Ein Schiff wurde dabei nicht zerstört, lediglich die Besatzung litt einige Zeit unter den Folgen der Versetzung, vergleichbar mit den Symptomen bei den früheren Transitionstriebwerken.

In der Basis auf dem Mond ließen sich Jack Johnson und Boris Walter am frühen Nachmittag des nächsten Tages müde in die Kontursessel ihres Wohnbereiches fallen. NATHAN hatte ihr Trainingsprogramm für abgeschlossen erklärt und die Frauen erholten sich im Antigravschwimmbad des Freizeitbereichs von den Strapazen ihrer Ausbildung.

Du siehst traurig aus, Boris. Willst du nach Hause?, fragte Jack seinen Freund.

Nein, J.J., du weißt, das geht nicht mehr, denn die da unten halten uns für tot. War ja auch nahe dran. Und außerdem: Wenn man dem Teufel noch so eben von der Schippe gehüpft ist, weiß man das Leben zu schätzen. Nein, J.J., es gefällt mir hier! Was haben wir in der kurzen Ausbildung nicht alles erlebt? Das Ringsystem des Saturn hätten wir nie zu Gesicht bekommen, ebenso wenig den gigantischen Anblick des Jupiter. Die schlafende Sonne hatte NATHAN diesen Planeten genannt. Und dann dieses tolle Raumschiff, mit dem wir geflogen sind; 50.000 Jahre alt und trotzdem allem überlegen, von dem wir je geträumt haben.

Der komische Mondcomputer hat mir gegenüber angedeutet, dass wir eigene Raumschiffe bekommen werden, jeder sein eigenes Schiff. Mit Spezialsteuerung über Gedankenbefehle. Wow, war das ein Gefühl, als wir im Simulator die Steuerung über diese Haube ausprobiert haben.

Ja, Jack. SERT hieß das Ding, Semi …, ach egal, antwortete Boris Walter.

Mittlerweile waren auch Steph und Paul zu ihnen gekommen und hatten Platz genommen. Das Damenkränzchen wollte sich noch fein machen, spottete Paul, wohl für den großen Abschlussball heute Abend.

Doch aus dem Abschlussball wurde nichts! Kaum dass die Frauen eingetroffen waren, meldete sich NATHAN: Der nächste Einsatz beginnt. Transmitter C 3 wartet.

Sie packten ihre persönlichen Sachen zusammen und traten durch den Transmitter. Nach dem Verlassen der Empfangsstation merkten sie schnell, das sie nicht mehr auf dem Erdmond waren. Die Gravitation war höher und die in der Empfangsstation vorhandenen Fenster zeigten eine rostrote Landschaft.

Wir sind wohl auf dem Mars, meinte J.J., diese Aussicht kenne ich von meiner kurzen Ausbildung auf der Erde.

Dagmar war leicht irritiert. Sie hatte zwar vielerlei Wissen mitbekommen, aber dass man mit einem Transmitter vom Erdmond zum Mars kommen konnte, das war ihr neu.

Richtig, dies ist der Mars. Nicht der alte Mars und auch nicht Trokan, sondern der Mars, wie wir ihn vor 50.000 Jahren gestaltet haben. Zieht nun bitte eure SERUNS an und geht hinaus.

Paul Müller war der erste Mensch der Neuzeit, der seinen Fuß auf einen fremden Planeten gesetzt hatte! Er hielt kurz inne, genoss den Augenblick und drehte sich dann zu seinen Freunden um, die nach ihm aus der Luftschleuse getreten waren.

Boris, Anita und Clara freuten sich besonders. Der Mars war ja das Ziel ihrer gescheiterten Mission gewesen, aber selbst ohne den Unfall hätte der Hinflug über 8 Monate gedauert. So waren sie einfach durch einen Transmitter gegangen und waren quasi in Nullzeit auf dem Mars angekommen.

Doch dann sah Paul nach oben und erstarrte …

Was er da sah, vom Licht der untergehenden Sonne in ein irisierendes Licht getaucht, verschlug ihm die Stimme. Er stieß die Anderen an und auch sie sahen nach oben …

Es ist wunderschön, machte sich J.J. bemerkbar, unvergleichbar schöner als alles, was wir je vorher gesehen haben. Und alle bewunderten das lang gestreckte schneeweiße Raumschiff, das majestätisch und lautlos über ihnen schwebte.

Dies ist euer Schiff. Es ist ein neues Schiff. Ich habe es konstruiert, während ich darauf wartete, dass die Menschheit sich wieder entwickeln würde. Ich hatte 50.000 Jahre Zeit.

Es trägt den Schlüssel für den Ultratron-Schirm …

und ihr werdet damit nach draußen fliegen.

Ein sanfter Zugstrahl erfasste sie und sie schwebten nach Oben. Erst als sie schon über einen Kilometer hoch waren, konnten sie die ungeheure Größe und die Schönheit dieses Schiffes annähernd erfassen.

Eine Schleuse öffnete sich und eine kleine Plattform schob sich heraus. Der Zugstrahl setze sie vorsichtig auf der Plattform ab.

Dagmar lachte, als sie den Gegenstand erkannte, der mitten auf der Plattform stand. NATHAN hatte wirklich an alles gedacht. Sie sah Paul an …

und Paul sagte mit sicherer Stimme:

Als Verbindung der neuen Menschheit mit ihrer fernen Vergangenheit taufen wir dich hiermit auf den Namen TERRA.

Nahezu lautlos zerbrach die Sektflasche an der Außenhaut ihres neuen Schiffes …

Kapitel 9
Abschied von Sol

Sie hatten ihr neues Schiff auf den Namen TERRA getauft. In hellem Silber war dieser Name jetzt auch auf der Außenhaut des Schiffes zu lesen; dienstbare Roboter, die überall auf dem Schiff unterwegs waren, hatten diese Aufgabe übernommen.

Gleich nach ihrer Ankunft auf dem Schiff hatte NATHAN sich gemeldet und ihnen einige Informationen zu dem Schiff gegeben. Unter anderem hatte er ihnen mitgeteilt, dass der Bordcomputer der TERRA auch biologische Komponenten enthielt. Näheres hatte er nicht gesagt, aber es hatte schon etwas merkwürdig geklungen, als NATHAN von seinen Gästen, die ihn jetzt wieder verlassen hätten, gesprochen hatte.

Die Einrichtung der Zentrale war elegant. Wie das ganze Raumschiff, so war auch die Inneneinrichtung in schlichtem Weiß gehalten. Lediglich die Farbe der Steuerungskonsolen wich davon ab, fügte sich aber geschmackvoll in den Gesamteindruck der Zentrale ein. Alles schien wie natürlich gewachsen.

Paul nahm in seinem Sessel Platz. Alles schien ihm bekannt, es war nur irgendwie eleganter geworden. Auch die Steuerzentrale für Ortung und Navigation, die Waffensteuerung und die Kommunikationszentrale zeigte seinen Freunden das gewohnte Bild.

Nur Jack und Boris standen in der Zentrale herum, weil deren Aufgaben in diesem Raumschiff noch nicht bekannt waren. Paul fragte: Bordcomputer, welche Aufgaben sind für unsere neuen Freunde vorgesehen?

Sie werden die vier Begleitschiffe übernehmen.

Sie hörten zum ersten Mal die Stimme ihres Bordcomputers; es war eine weibliche Stimme.

Bitte nennt mich THELA. Die Begleitschiffe der TERRA warten auf ihre Kommandanten. Jack Johnson, Boris Walter, Anita Powers und Clara Lubow; bitte tretet durch die Transmitter.

Clara und Anita erschienen in der Zentrale, hatten aber die Worte THELAS gehört und folgten Jack und Boris durch die Transmitter.

Zuerst kehrte Boris zurück. An seinem fröhlichen Lächeln konnte Paul erkennen, was die kurze Inspektion ergeben hatte.

In der Zentrale sieht es fast genauso aus wie hier. Es gibt dort aber nur einen Platz, den des Piloten. Auch der Wohnbereich ist toll eingerichtet. Wenn ich mit diesem Schiff fliege, habe ich alles, was ich brauche. Und THELA hat gesagt, es wäre mein Schiff, die TERRA 3 ist mein Schiff. Auch die anderen Drei kamen kurze Zeit später zurück; jeder von ihnen war begeistert.

Wir sind startbereit, meldete sich THELAS sanfte Stimme.

Paul schob die Steuerung für den Antrieb nach vorn. Kaum merklich verschwand die Marsoberfläche unter ihnen. Das Schiff folgte dem Kurs, den Dagmar eingegeben hatte. Sie würden die Pluto-Bahn passieren und dann in einem Abstand von 100.000 km vor dem Ultratron-Schirm stoppen. Dort würde es sich zeigen, ob der imaginäre Schlüssel ihnen die Passage durch den Schirm erlauben würde; jenen Schirm, der das SOL-System seit nunmehr 50 Jahrtausenden vom übrigen Weltall abschloss. Hinter dem Schirm begann das Unbekannte; selbst NATHAN hatte ihnen nur wenige Informationen mitgeben können.

Nach 12 Minuten hatten sie den vorgesehenen Abstand zum Ultratron-Schirm erreicht und die TERRA stoppte …

Schlüssel wird aktiviert.

Dort wo vorher noch der schwarze Weltraum gewesen war, erschien ein dunkelblaues Feld.

Einfliegen.

Vorsichtig beschleunigte Paul das Schiff. Die elegante Nase der TERRA schob sich langsam in das Feld hinein. Als das blaue Feld das Schiff völlig umschlossen hatte, bemerkte THELA lakonisch:

Übernehme Steuerung, Transportfeld tritt in Aktion.

Dagmar hatte die Bilder der Ortung in die Mitte der Zentrale projiziert. Sie sahen wie sich die Außenwand des blauen Transportfeldes langsam der inneren Hülle des Ultratron-Schirmes näherte und dann mit der Schirmwand verschmolz. Dann wölbte sich der Ultratron-Schirm nach außen und kurze Zeit später löste sich das Transportfeld vom Ultratron-Schirm. Sie waren durch.

Verlasse Transportfeld.

Eine tolle Stimmung herrschte an Bord des Prospektorenschiffs. Ausgelassen feierten sie ihren letzten Fund. Der Planet hatte wirklich viel zu bieten gehabt und Unmengen von Metallen und Elektronikschrott füllten jetzt ihre Lagerräume.

Das wird einen guten Preis geben, grinste Omi Omikron und stieß seinen Freund und Navigator Fetho Fethon an.

Doch Fetho Fethon reagierte nicht, sondern zeigte auf den Orterschirm: Ey, was kommt denn da?

Mist! Bestimmt ein Schiff der kaiserlichen Flotte! Wenn die uns in der verbotenen Zone erwischen …

Omi Omikron stürzte zu den Kontrollen seines Schiffes und jagte die Triebwerke hoch. Die OMIKRON MXIV beschleunigte. Sieht aus wie eine Raumjacht. Aber …, mein Gott, das Ding wird ja immer größer, rief Fetho Fethon.

Kommt es näher? Omi Omikron wuchtete den Geschwindigkeitsregler nun auf Vollschub.

Nein, es … wächst! Oh Mann, lass uns abhauen!

Das ist definitiv kein Schiff der kaiserlichen Flotte; es ist weiß …, sagte Omi Omikron leise. Wie alle Prospektoren wusste auch er, dass alle Schiffe der Flotte, selbst die großen Privatjachten der Könige und Fürsten, grau waren. Grau war die Farbe aller kaiserlichen Schiffe …

Das SOL-System befindet sich in einem Mikrokosmos, so wie früher die kosmischen Burgen der Sieben Mächtigen. Selbst wenn es Jemandem gelänge, diesen Mikrokosmos aufzuspüren, würde der Ultratron-Schirm immer noch ein unüberwindliches Hindernis darstellen.

Während des Austritts aus dem Transportfeld habe ich übrigens ein kleines Raumschiff geortet. Es ist inzwischen in den Hyperraumflug übergegangen. Man hat uns bemerkt.

Ist das problematisch, THELA?

Nein.

Paul nahm die TERRA wieder in Handsteuerung und beschleunigte. Die Markierung auf der weißen Skala der Geschwindigkeitsanzeige kletterte schnell nach oben.

40 Prozent der Lichtgeschwindigkeit erreicht, meldete Dagmar. Steigt weiter; Zielstern ist in der Ortung.

Als Ziel für ihren ersten Probeflug hatten sie sich die grellblaue Sonne Elsus I ausgesucht, die nach NATHANS alten Unterlagen nicht über bewohnbare Planeten verfügte. Gemeinsam mit ihrem dunklen Begleiter Elsus II war sie knapp 800 Lichtjahre von ihrem jetzigen Standort entfernt.

Paul erhöhte die Geschwindigkeit weiter. Aus seiner Hypnoschulung wusste er, dass das Überschreiten der Lichtgeschwindigkeit mit besonderen Effekten verbunden war, je nachdem welcher Antrieb benutzt wurde. Über den Überlichtantrieb der TERRA wussten sie nichts; gespannt wartete er daher ab. Gerade hatte die Anzeige des Geschwindigkeitsdisplays die 50 Prozent Markierung erreicht, da passierte es …

Bei mir haben sich neue Systeme aktiviert, rief Dagmar. Michele schaute auf die Bildschirme der Außenbeobachtung, aber dort hatte sich nichts verändert.

Auf Pauls Display war jedoch eine Veränderung festzustellen. Der bisher weiße Hintergrund der Anzeige für die Geschwindigkeit hatte jetzt eine gelbe Farbe angenommen und die Markierung war wieder nahe beim Nullpunkt. Gelb stand also für Geschwindigkeiten jenseits der Lichtgeschwindigkeit …

Ende der Hypertaktphase in 3 Minuten.

THELAS kurze Kommentare gingen Paul ziemlich auf die Nerven; Hypertakt? Er wusste, dass die SOL, ein uraltes Raumschiff der Terraner, mit so einem Triebwerk ausgerüstet worden war, als es sich einst in der Gewalt der Kosmokraten befunden hatte. Bevor er THELA danach fragen konnte, wechselte die Geschwindigkeitsanzeige wieder auf Weiß. Vor ihnen schickte eine Riesensonne ihr grellblaues Licht in den Raum.

Wir sind angekommen! Dagmar sah Michele an. Zusammen mit Stephan, Paul, Jack, Boris, Clara und Anita waren sie die ersten Angehörigen der neuen Menschheit, die mit Überlichtgeschwindigkeit geflogen waren. In einem Schiff, von dem sie fast nichts wussten und das ihnen sicherlich noch einige Überraschungen bieten würde.

Der Alarm schrillte durch die Zentrale und die Schutzschirme fuhren automatisch hoch.

Wir werden angriffen!

Kapitel 10
Hells Bells

Das fremde Schiff hatte die TERRA ohne Warnung angegriffen! Es hatte Kugelform und nach den Angaben THELAS einen Durchmesser von rd. 800 Metern. Salve um Salve hämmerte in die hochgefahrenen Schirme der TERRA.

Michele versuchte eine Funkverbindung herzustellen. In der galaktischen Einheitssprache, die sie dank NATHANS Hypnoschulung alle beherrschten, jagte sie ihren Spruch hinaus: Sofort Angriff stoppen! Bitte nehmen Sie Verbindung auf.

Die Antwort kam prompt: Kaiserliches Schlachtschiff PROKUNDA an fremdes Schiff, ergeben Sie sich und fahren Sie sofort ihre Schutzschirme herunter. Dies ist Ihre allerletzte Chance!

Wieso greifen die uns an? Micheles Frage stand noch im Raum, als die Antwort schon in Form einer neuen Salve bei ihnen eintraf.

Stephan macht sich fertig. Dann wollen wir doch mal sehen, was wir so zu bieten haben, sagte er und aktivierte seine Feuerorgel.

Nein!

Das Kommando THELAS war deutlich.

Wir ziehen uns zurück. Ich habe genug Informationen.

Die Energieerzeuger für die Normaltriebwerke heulten kurz auf. Die TERRA machte einen Satz nach vorn und beschleunigte voll. Als die Geschwindigkeit 20 Prozent der Lichtgeschwindigkeit erreicht hatte, wurde es um sie herum schwarz und der Weltraum verschwand. Nebelige Schlieren erschienen auf den Ortungsschirmen. Der anschließende Rücksturz in den Normalraum verlief für die menschliche Besatzung genauso schmerzhaft, wie das plötzliche Eintauchen in den Hyperraum vorher.

Eine Transition, bemerkte Jack lakonisch.

Richtig! Wir dürfen unsere Stärke nicht dem erstbesten Schiff zeigen, das unseren Kurs kreuzt. Außerdem war mir bis gerade noch nicht bekannt, über welche Waffen diese Schiffe verfügen. Na ja, nach der Auswertung der Schirmbelastung bestand nie eine Gefahr für die TERRA …

Während des Beschusses habe ich übrigens den fremden Schiffscomputer ausgelotet und erfahren, dass Raumschiffe ab einer Größe von 100 Metern nach den geltenden galaktischen Gesetzen verboten sind.

Ebenso ist es Vorschrift, in Anwesenheit eines kaiserlichen Schiffes sofort die Schutzschirme zu deaktivieren. Im Falle einer Weigerung haben die kaiserlichen Kriegsschiffe dies mit der sofortigen Vernichtung des betreffenden Schiffes zu ahnden.

Kaiserliche Kriegsschiffe?

Ja, viel weiß ich noch nicht darüber. NATHAN hat über seine Außensonde aber einige Informationen gesammelt. Es gibt die Königreiche der großen galaktischen Völker und die Fürstentümer der Kleineren. Die so genannten unabhängigen Sternsysteme werden von den galaktischen Grafen regiert. Und über allen steht der Kaiser!

Die Flotte des Kaisers ist bei weitem die größte. Es liegen keine Informationen über die Zahl der kaiserlichen Schlachtschiffe vor. Sicher ist nur, dass sie größer ist und besser bewaffnet, als alle Raumschiffe der Königreiche und Fürstentümer zusammen.

Über den galaktischen Kaiser ist nichts bekannt. Niemand weiß, wer er ist und wo er residiert.

Das hört sich aber nicht sehr demokratisch an, wandte Dagmar ein.

Das Wort Demokratie und alle seine Ableitungen stehen auf dem Index. Sein Gebrauch wird bestraft. Ebenso ist jede Form von Kritik an den kaiserlichen Gesetzen und Verordnungen streng verboten.

Eine erregte Diskussion setzte ein. Sie alle waren in Demokratien groß geworden und waren an Prinzipien wie Menschenrechte, Meinungs- und Pressefreiheit, usw. gewöhnt. Auch Clara Lubow und Boris Walter hatten die Demokratisierung ihres Landes in den letzten Jahren schätzen gelernt. Unbehagen über die Lage in der Galaxis machte sich breit.

Gibt es so etwas wie Widerstand?, fragte Dagmar ihren Bordcomputer.

Es hat ihn wahrscheinlich einst gegeben, aber die kaiserliche Flotte hat jeden Widerstand brutal beendet. Planeten wurden vernichtet und Milliarden Lebewesen sind umgekommen.

Jetzt herrscht die Angst in der Galaxis. Und die Angst hat einen Namen:

Der galaktische Kaiser!

Sie waren nach der Transition in einem sternenarmen Sektor der Milchstraße herausgekommen und beratschlagten, was sie unternehmen sollten. Boris fragte: Hey THELA, wie sollen wir die Spur der verschollenen Terraner aufnehmen, wenn wir nirgends vor den kaiserlichen Schiffen sicher sind? Oder sollen wir mit den Begleitschiffen ausschwärmen, um die Chance zu vergrößern, einen Hinweis zu finden?

Ausschwärmen? Mit vier oder fünf Schiffen …

Michele lächelte, weil so etwas wie Humor aus der Stimme THELAS heraus zu hören war und sagte: Das kaiserliche Schiff hat seine Entdeckung nicht für sich behalten! Die haben mehrere Hyperfunksprüche abgesetzt, bevor wir gefloh … äh, bevor wir uns zurückgezogen haben, meinte Michele.

Genau, die wissen jetzt, das wir da sind, sagte Anita Powers ungeduldig.

Boris nickte und sagte: Am besten wäre es, wenn wir los fliegen und Verbündete suchen.

Was wir brauchen, ist ein Signal, meinte Paul. Etwas, was in der Galaxis für Unruhe sorgt.

Wie wär's, wenn wir ein wenig Stänkern würden …?, lächelte Clara Lubow und fragte: THELA, ist unser Schiff stark genug geschützt, um kurzzeitig den Angriffen zahlreicher Schlachtschiffe der kaiserlichen Flotte standzuhalten?

Ich denke schon. Nach der Auswertung des Beschusses durch das kaiserliche Schlachtschiff wird der Paratronschirm dem konzentrierten Angriff einer Flotte durchaus solange standhalten können, bis wir uns zurückziehen können. Allerdings weiß ich nicht, wie weit die Waffentechnik in 50 Jahrtausenden wirklich fortgeschritten ist. Es scheint nicht viel Neues zu geben, aber es scheint vielleicht nur so. Wir sollten vorsichtig sein.

Hast du Informationen, wo die letzte Strafaktion der kaiserlichen Flotte stattgefunden hat, THELA?

Aus dem Logbuch des kaiserlichen Schiffes ging hervor, dass es vor 8 Jahren an einer Strafaktion im System Hora IV teilgenommen hat. Der Planet wurde nicht vernichtet, weil die Horaner sich ergeben haben. Heute regiert dort der galaktische Graf Tezeter, der als damaliger Kommandant der PROKUNDA den Einsatz gegen das Hora-System geleitet hat.

Tezeter soll in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich sein. Zahlreiche Beschwerden über ihn gelangten an den kaiserlichen Hof, wurden dort jedoch nicht beachtet. Aus dem Logbuch ging auch hervor, dass Tezeter ein Liebhaber klassischer Musik ist.

Paul grinste: Klassische Musik? Mmmhh …; Freunde lasst uns die Segel setzen und im Hora-System etwas herumstänkern. Und ich hab auch schon eine Idee, wie wir das machen können.

Paul ging kurz in seine Kabine, um etwas von seinen persönlichen Sachen zu holen. Als er wiederkam, konnte er sich das Lachen fast nicht mehr verkneifen. Er erklärte den anderen seinen Plan. Alle waren begeistert und begannen damit, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Paul klärte die technischen Einzelheiten mit dem Schiffscomputer THELA ab und steckte etwas in einen Eingabeschacht des Schiffsrechners …

Die TERRA nahm Fahrt auf.

Sie sind ihren Vorfahren sehr ähnlich. Der Herr Graf wird überrascht sein …

Langeweile war noch das Angenehmste, wenn man in den Diensten des galaktischen Grafen Tezeter stand. Seit 8 Jahren regierte der Graf schon das Sonnensystem um den Planeten Hora IV. Er wurde nicht müde, die Bevölkerung des Planeten zu schikanieren. Wenn mal wieder ein hoher Repräsentant aus der weiten Umgebung des kaiserlichen Hofs sein Erscheinen angekündigt hatte, musste die Bevölkerung stundenlang Jubelrufe üben und heftig mit den Fähnchen in den kaiserlichen Farben winken.

Wenn der kaiserliche Schleimlecker nach seiner Inspektion nicht vollends zufrieden war, dann ordnete Tezeter Strafaktionen gegen die Bevölkerung an.

Hochwertige Güter wurden vom Markt genommen, im planetarischen Fernsehen lief nur noch Werbung, es gab nur Körnerbrot mit Diätmargarine, usw.

Tezeter hatte immer neue Ideen, wie er die Bevölkerung des Planeten schikanieren konnte; warum hatten sie es auch vor 8 Jahren gewagt, Kritik an der kaiserlichen Ordnung zu äußern?

Wie gesagt, Langeweile war noch das angenehmste, was den Leuten auf Hora IV zustoßen konnte. Es war ruhig auf Hora IV. Hoher galaktischer Besuch hatte sich nicht angekündigt und die Folgen der letzten Strafaktion hatte Tezeter weitgehend zurückgenommen.

Weitgehend …, bis auf Gallo, den Pfeifer! Dessen Musik dröhnte aus allen Lautsprechern des Planeten. Selbst in den entferntesten Bergregionen wurde die Bevölkerung vom Gedudel Gallos nicht verschont.

Tezeter räkelte sich auf seinem Thron und genoss die Musik. Keiner in der Galaxis wusste wer Gallo war, nur Tezeter wusste es …, er selbst war Gallo, der Pfeifer!

Und die Banausen auf Hora IV waren sein Publikum! Basta! Ausbuhen oder weglaufen, tja …, das war ja nicht drin!

Heute hatte er seine engsten Vertrauten in seinem Thronsaal versammelt, der gleichzeitig die Steuerzentrale des Planeten darstellte und von wo alles kontrolliert wurde: Von der Raumüberwachung bis zu den Kameras auf dem Planeten, von den Aufenthaltsräumen der Besatzung seiner kleinen Flotte bis zu den Tempeln, in denen die Bevölkerung dem galaktischen Kaiser zu huldigen hatte …

In dem Augenblick höchsten Genusses, als Gallo der Pfeifer gerade zu einem seiner gefürchteten Höhenflüge ansetzte …

da erschütterte eine Explosion der Orter den Thronsaal. Metallfetzen flogen durch die Luft und Alarmsirenen begannen zu quäken!

Eine Transition! In unmittelbarer Nähe des Planeten ist ein Raumschiff transitiert, rief Brazzo Mulm, einer der engsten Berater Tezeters.

Transitionsschiffe gibt es nur in den Geschichtsbüchern, tadelte ihn sein Graf.

Aber sämtliche Orter des Planeten sind durchgeschlagen, Herr Graf. Wir sind blind! Die schwache Stimme Mulms war in dem Lärm der Sirenen fast nicht zu hören.

General von Quakk gab Alarm für die Raumschiffe! Die ersten Informationen trafen ein; danach war tatsächlich ein Raumschiff mit Hilfe des altmodischen Transitionsantriebes in unmittelbarer Nähe des Planeten aus dem Hyperraum gebrochen.

Wie groß?, brüllte der General in sein Funkgerät. Die Antwort war im gesamten Thronsaal zu verstehen, weil ein Lakai den Funk dienstbeflissen auf den Hauptschirm gelegt hatte.

Illegal, zu groß, viel … zu … groß … !

Angreifen und Vernichten! Ich komme! Der General ließ sich über den Transmitter im Thronsaal zu seinem Flaggschiff abstrahlen.

Er war kaum verschwunden, da schlug es erneut im Thronsaal ein. Nein, diesmal waren keine technischen Geräte zerstört worden, diesmal war alles anders …

Es war ein lauter und tief-frequenter Ton und er ließ den Thronsaal erbeben! Kurz danach folgte die nächste Erschütterung, danach wieder eine.

Menschen von der Erde wussten, was da so barbarisch die gräfliche Ruhe ein für allemal beendete:

Glockenschläge!

Der Ton läuft über alle Lautsprecher des Planeten, schrie einer der Lakaien.

Abschalten, sofort abschalten, schrie Tezeter zurück.

Nicht möglich, Herr Graf, unsere Sender sind lahm gelegt. Die regionalen Funkempfänger erhalten ihre Signale von außen, alles wird überlagert.

Die Kopfschmerzen der Transition ließen langsam nach. Michele hatte die Schiffssender hochgefahren. Sie mochte die Musik nicht besonders, die jetzt über die Sender ging, aber es war ja Pauls Plan und auch Pauls CD, die von THELA, dem Schiffscomputer, ausgelesen worden war.

Aber musste es gerade AC/DC sein?, fragte sie Paul.

HELLS BELLS ist genau die richtige Medizin für die da unten. Die Glockenschläge am Anfang des Songs machen den Kopf richtig frei. Und wenn Angus Young mit seiner Gitarre einsetzt, dann wird da unten die Hölle losbrechen …

Kapitel 11
Gezeter um Tezeter

Den Bewohnern des Planeten Hora IV bot sich ein unglaublicher Anblick. In weniger als 2.000 Metern Höhe zog ein Raumschiff majestätisch seine Bahn. Und dieses Raumschiff hatte nicht die graue Farbe der verhassten kaiserlichen Flotte, sondern es war weiß. Es hatte auch keine Kugelform, sondern es war lang gestreckt und trotz seiner Größe äußerst elegant.

Über eine Stunde lang zog es unbehelligt seine Bahn über den Planeten, bis die Raumschiffe des Grafen eintrafen. Trotz der Nähe zum Planeten setzten sie sofort schwere Waffen ein.

Die TERRA zog sich in den Orbit zurück; aber nur soweit, dass der Beschuss der Schlachtschiffe den Planeten nicht mehr gefährden konnte.

Die 2. Phase ihres Plans konnte beginnen! Michele hatte die Sensoren und Kameras der Ortung auf die Schiffssender gelegt, damit die Bewohner des Planeten den Verlauf der Raumschlacht verfolgen konnten. Zunächst zeigten die Kameras, wie die 20 Schlachtschiffe mit je 800 Metern Durchmesser und ein paar kleinere Einheiten die TERRA ins Kreuzfeuer nahmen und Salve um Salve in die Schutzschirme hämmerten.

Dann blendete das Bild um und zeigte Steph in der Zentrale der TERRA, der gelangweilt zusah, wie die Belastungsanzeige für die Schirmstaffel konstant um die 5 Prozent-Marke pendelte und der dann die Transpuls-Kanonen bereit machte …

Kurz bevor wieder das Weltraumbild eingeblendet wurde, sahen die Bewohner des Planeten Hora IV noch, wie Stephan lässig auf die Auslöser seiner Waffensteuerung drückte …

Die TERRA schlug zurück!

Um die kaiserlichen Schlachtschiffe herum riss der Weltraum auf! Tiefrote Felder erfassten die Schiffe, die von einer Sekunde zur anderen von dem roten Feld verschlungen wurden und verschwanden. Dann kehrte die Schwärze des Weltraums zurück.

Für die Beobachter auf dem Planeten musste es so aussehen, als seien die Schiffe vernichtet worden. Die Crew der TERRA wusste es allerdings besser. Stephan hat die Pulsstärke der Geschütze so eingestellt, dass die Schiffe innerhalb einer Dunkelwolke in den Normalraum zurückkehren würden. Bis die Mannschaften sich von dem Schock erholt und den Rückweg aus der Dunkelwolke gefunden hatten, würden sicherlich einige Tage vergehen.

Jetzt konnte die letzte Phase ihres Planes beginnen. Michele setzte ihren vorbereiteten Funkspruch ab und hatte auch die starken Hyperfunksender der TERRA hinzu geschaltet: Leider können wir Ihrem Planeten keinen dauerhaften Schutz vor der Macht des galaktischen Kaisers und seiner Vasallen bieten. Aber irgendwann wird die Freiheit wieder in die Milchstrasse zurückkehren und dann wird auch Hora IV wieder frei sein. Verlieren Sie nicht den Mut.

J.J. legte noch einen drauf; seine Stimme war laut und deutlich auf allen nutzbaren Hyperfunkkanälen der Galaxis zu hören. Sein Text sollte bald als Lied überall in der Galaxis gesungen werden; meist nur heimlich, aber manchmal hörte man es auch schon auf den Basaren und in den Kneipen:

Gar groß war das Gezeter, des galaktischen Grafen Tezeter
wir nahmen ihm seine Macht, ja, wir nahmen ihm seine Macht.
Ihr werdet nicht mehr ruhig schlafen, Ihr Könige, Fürsten und Grafen
nehmt Euch ab jetzt in Acht, ja, nehmt Euch ab jetzt in Acht!

Die TERRA verließ das Hora-System mit Hilfe ihres Transitionsantriebes. In einer Entfernung von 150 Lichtjahren kehrte sie in den Normalraum zurück und benutzte das Hypertakt-Triebwerk für den Weiterflug. Ihr Ziel war der Leerraum zwischen den Spiralarmen der Milchstrasse. Dort wollten sie beraten, wie sie weiter vorgehen würden. Denn ihnen war klar, dass sie trotz der Stärke ihres Schiffes die Macht des galaktischen Kaisers nicht ernsthaft gefährden konnten. Sie hatten zwar ein Signal gesetzt und ein wenig am Lack des Kaiserreiches gekratzt, aber von jetzt an würde man sie jagen …

Jack, Boris, Clara und Anita votierten dafür, mit der TERRA und ihren Begleitschiffen offensiv vorzugehen und unterdrückten Völkern zu helfen, doch der Bordcomputer THELA widersprach heftig:

Wir sind viel zu wenige, um wirklich erfolgreich sein zu können. Was wir brauchen sind Verbündete. Aus der Auswertung des Hyperfunkverkehrs weiß ich, dass wir in der Milchstrasse keine Unterstützung finden werden. Es gibt zwar einige Völker, die uns bei einem Befreiungskampf vielleicht unterstützen würden, aber diese Völker sind schwach und sie verfügen nicht einmal über eine Handvoll kampftauglicher Schiffe.

Außerdem – vergesst es nicht – wir sollen die Galaxis nicht von der Unterdrückung befreien, sondern die verschollenen Terraner suchen! Dafür hat NATHAN dieses Schiff gebaut und aus dem gleichen Grund sind wir mitgeflogen …

Ihr? Dagmar war verwundert, denn zum ersten Mal sprach der Bordcomputer von sich in der Mehrzahl.

Ja, wir sind zwei Angehörige eines uralten Volkes. Unsere Bewusstseine leben innerhalb des Bordcomputers. Wir haben NATHAN geholfen, dieses Schiff zu bauen. Weitere Auskünfte werden wir euch nicht geben. Aber seid sicher: THELA, das ist der Bordcomputer und das sind wir. THELA ist euer Freund und wird euch immer zur Seite stehen. Habt also Vertrauen.

Paul hatte die Worte THELAS mit Spannung verfolgt. Endlich hatte sich ein weiterer kleiner Zipfel des Geheimnisses um ihr Schiff gelüftet.

Ich möchte einen Kompromiss vorschlagen, sagte Dagmar. Wie wäre es, wenn die vier Begleitschiffe vorrangig die Galaxis nach Spuren der verschollenen Terraner absuchen würden und dabei, so hier und da, und falls es unvermeidbar ist, ein wenig …, äh eingreifen? Sind die Begleitschiffe überhaupt ausreichend stark geschützt, um eine solche Aufgabe zu übernehmen, THELA?

Sie sind es.

Gut, dann schlage ich vor, dass die Aktion morgen um 9:00 Uhr Bordzeit beginnt und wir uns in vier Wochen wieder treffen. Treffpunkt ist die rote Riesensonne Beteigeuze, die Daten sind in den Schiffscomputern gespeichert.

Nach kurzer Diskussion stimmten alle Dagmars Vorschlag zu. Clara Lubow, Anita Powers, Boris Walter und Jack Johnson verließen die Zentrale und ließen sich über die Transmitter zu ihren Schiffen abstrahlen, um die Vorbereitungen für ihren Einsatz zu treffen.

Zum zweiten Mal in seinem Leben betrat Boris die Zentrale seines Raumers. TERRA 3 ist kein schöner Name für ein Schiff diesen Kalibers!

Es steht dir frei, diesem Schiff einen eigenen Namen zu geben …

Boris Walter, der leicht untersetzte Mann mit den blonden Haaren, verfiel ins Grübeln. Zig Namen fielen ihm ein, aber er fand, dass es etwas Russisches sein musste. MOSKAU…, WOLGA …, WODKA …? Nein, kein Name für ein Raumschiff dieser Güte. Aber …

MOLOKKO, das wäre ein schöner Name. Was passte für ein weißes Schiff besser als das russische Wort für Milch?

MOLOKKO …, ja, ein schöner Name! Ich habe ihn in meine Speicher aufgenommen!

Lächelnd trat Boris wieder durch den Transmitter, um auf die TERRA zurückzukehren.

Am Abend vor ihrer Abreise hatten sie noch einmal richtig gefeiert; THELA hatte ihre Hausbar geöffnet und alle hatten kräftig zugelangt.

Die Folgen zeigten sich am nächsten Morgen. Boris war früh auf und sah Paul, Steph, Dagmar und Michele ziemlich verkatert aus ihren Wohnbereichen kommen. Auch die beiden amerikanischen Raumfahrer, Jack und Anita, waren sichtlich angeschlagen. Einzig seine russische Kollegin Clara machte einen ziemlich fitten Eindruck. Ja ja, die Wessis vertragen einfach keinen guten alten Wodka, witzelte Boris mit Clara, ehe sie sich von den Anderen verabschiedeten und lächelnd an Bord ihrer Schiffe gingen.

Fünf Minuten später kamen die Klarmeldungen herein: TERRA 1 ist startklar, gab Clara durch. TERRA 2 ebenfalls, hörten sie jetzt die Stimme Anitas. Hier J.J.; die TERRA 4 ist natürlich ebenfalls startklar.

Was noch fehlte, war die Klarmeldung von Boris Walter aus seiner TERRA 3 …

Die TERRA 3 hat das Kompakte Feld bereits verlassen.

Paul rieb sich den Schlaf aus den Augen und murmelte in den Funk: Hey Boris, du hättest vielleicht die Startfreigabe abwarten können. Du warst doch beim Militär und da lernt man doch so was. Die TERRA 3 sieht übrigens gut aus. Sie hat die Form einer Kugel. Größe …, Moment.

Paul schaute zu Dagmar hinüber. 500 Meter Durchmesser, ein Riesenschiff, ups …, das kann doch gar nicht sein. Die TERRA ist 1.200 Meter lang; der eigentliche Schiffskörper ist jedoch nirgendwo 500 Meter breit. Wie passt das zusammen? Dagmar prüfte ihre Systeme, aber die Daten stimmten …

Achtet auf den Start der anderen Begleitschiffe.

Fasziniert beobachteten sie den Ausflug der anderen drei Begleitschiffe. Die Hangartore hatten nach THELAS Angaben einen Durchmesser von rd. 60 Metern. Jetzt erschienen die schneeweißen Schiffskörper der Begleitschiffe darin. Ihr Durchmesser war geringer; vielleicht 50 Meter. Sobald die Schiffe das Hangartor passiert hatten, geschah jedoch etwas sehr Seltsames …

Ey, die werden ja größer, stutzte Steph. Die wachsen …

Das Kompakte Feld ist eine Entwicklung unseres Volkes. Es hat etwas mit der Komprimierung des Raumes zu tun. Gegenüber ihrer Normalgröße von 500 irdischen Metern können die Schiffe um den Faktor 10 verkleinert werden, ohne viel von ihrer Leistungsfähigkeit einzubüßen. So lassen sie sich besser in Trägerschiffen wie der TERRA unterbringen.

Wieder hatten THELASbiologische Gäste gesprochen.

Kompaktes Feld? Michele schaute fragend zur Wand, hinter der sie den Schiffscomputer vermutete, gibt's da noch mehr von?

Das ganze Schiff, mit Ausnahme der Zentrale und der Wohn- und Freizeitbereiche, ist in Kompakte Felder gehüllt. Sonst wäre die TERRA einige irdische Kilometer groß geworden.

Deswegen können wir nirgendwo hin; keine Türen und kein Zugang zu anderen Bereichen, bemerkte Paul und begann sich wegen der immer neuen Geheimnisse des Schiffes langsam Sorgen zu machen.

Jack Johnsons Ruf riss ihn aus seinen Gedanken: Mädels, lasst uns abdampfen!

Nach meinen Speicherdaten meint der Begriff Abdampfen eine altmodische Art der Fortbewegung, die mit unseren Möglichkeiten des überlichtschnellen Antriebs nichts mehr gemein hat. Die Benutzung dieses Begriffes in meiner Gegenwart ist …

Halt's Maul JEANNIE, du redest nur, wenn du gefragt wirst, herrschte Jack seinen Schiffscomputer an, dessen Bemerkungen auf allen Funkkanälen zu hören gewesen waren.

Wie Ihr wünscht, Meister …

Unter großem Gelächter der Anderen nahmen die vier Begleitschiffe Fahrt auf und gingen nach einer kurzen Beschleunigungsphase in den Hypertaktmodus. Jedes Schiff hatte eine andere Region in der Galaxis zum Ziel.

Und wohin geht unsere Reise?, fragte Dagmar, nachdem die Begleitschiffe verschwunden waren, THELA, hast du vielleicht eine Idee, wo wir Unterstützung oder eine Spur der verlorenen Menschheit finden können?

Vielleicht bei einem der ältesten Freunde der Menschheit, den Posbis. Die Posbis sind ein Volk von positronisch-biologischen Robotern, daher auch ihr Name. Sie lebten damals auf der Hundertsonnenwelt am Rande unserer Galaxis.

Die Hundert-Sonnen-Welt? Heißt das, ihre Welt wird von 100 Sonnen beleuchtet?

Paul schaute ungläubig.

Ja, in gewisser Weise stimmt das. 100 künstliche Sonnen beleuchten einen Planeten, der ansonsten keine Sonne hat.

Schon von weitem orteten sie die Hundertsonnenwelt. THELA sendete die Kennung, die die Terraner vor 50.000 Jahren benutzt hatten, aber die Hundertsonnenwelt meldete sich nicht und auch keines der typischen Posbi-Raumschiffe tauchte auf.

Aus ihrer Hypnoschulung über terranische Geschichte wussten Paul und seine Freunde, dass man diese Raumschiffe Fragmentraumer nannte, weil die würfelförmigen Großkampfschiffe der Posbis immer ein wenig unfertig ausgesehen hatten.

Raumschiff TERRA von der Erde ruft die Hundertsonnenwelt. Wir sind auf der Suche nach den verschollenen Terranern. Erbitten Hilfe!

Nachdem Michele ihren Spruch abgesetzt hatte, stoppte Paul die TERRA in einiger Entfernung von der Heimat der Posbis. Sie warteten ab.

Aber auf der Hundertsonnenwelt rührte sich nichts …

Kapitel 12
Der Flug der MOLOKKO

(von Stephan Prechtl)

Endlich war es soweit. Boris hatte seine MOLOKKO ausgeschleust und er machte es sich in der kleinen Zentrale des Begleitschiffes bequem.

Hallo …

Ein Hologramm war mitten in der Zentrale erschienen. Was es darstellen sollte, wusste Boris selbst nicht so genau. Er sah eine humanoide Gestalt, die mitten im Nebel stand und zu sprechen begann:

Ich bin der Zentralcomputer dieses Schiffes und gleichzeitig ein Ableger von THELA! Ich stehe dir fortan bei deinen Reisen zur Verfügung.

Wie heißt du? Verblüfft starrte Boris auf die Erscheinung, die er bisher noch nicht richtig einordnen konnte.

Ich habe noch keinen Namen. Du hast dieses Schiff MOLOKKO genannt, also kannst du mich ebenfalls MOLOKKO nennen oder mir einen anderen Namen geben.

Gut, dann sollst du von jetzt ab auf den Namen KATHARINA hören!, lächelte Boris und dachte an seine erste Freundin, die ebenfalls Katharina geheißen hatte. Und warum der Nebel?

Ebenso wie mein Name bisher noch nicht feststand, so ist auch mein Aussehen noch nicht genau definiert! Es ist dir also möglich, mich nach deinen Wünschen zu gestalten.

Eine Tastatur tauchte vor Boris auf und ein Mini-Hologramm zeigte den noch verschwommenen Körper KATHARINAS. Boris probierte Einiges aus und sah, wie sich der Körper der Frau immer mehr seinen Idealvorstellungen näherte.

Als er seine Arbeit beendet hatte, stand eine vollbusige russische Schönheit vor ihm. Langes blondes Haar umrahmte ein feinmoduliertes Gesicht mit großen Augen, in denen sich der typisch russische Weltschmerz widerspiegelte. Er grinste: Für den Anfang nicht schlecht.

Nachdem du mich nun nach deinen Wünschen geformt hast, sollst du etwas über dein Schiff erfahren! Die MOLOKKO ist ein Kugelraumer, der momentan einen Durchmesser von 500 Metern hat …

Moment! Was heißt hier momentan? Wie kann ein Schiff wie die TERRA, die 1.200 Meter lang ist, vier je 500 Meter durchmessende Raumschiffe aufnehmen? Verunsichert stand Boris auf und wanderte in der Zentrale, einem kreisförmigen Raum von 6 Metern Durchmesser und einer Höhe von 3 Metern, umher.

Dazu später mehr. Die Offensiv-Bewaffnung besteht aus einer am Pol angebrachten Transpuls-Kanone, deren Wirkung du ja bereits im Kampf gegen die Flotte des Grafen Tezeter erlebt hast.

Weiterhin verfügt die MOLOKKO über 20 Transformkanonen. Diese Waffen waren schon zu Zeiten des Solaren Imperiums gebräuchlich, wurden aber immer weiter verbessert. Sie bilden die Hauptwaffe der TERRA und ihrer Begleitschiffe. Ebenfalls eine Neuentwicklung von NATHAN ist die Doppelpuls-Kanone, hiervon befinden sich 15 Stück an Bord. Fast schon veraltet sind die 10 Kombigeschütze; sie können wahlweise Thermo-, Desintegrator- oder Paralysestrahlen verschießen.

Defensiv steht ein 6fach gestaffelter Paratronschirm mit zwischengeschaltetem HÜ-Schirm zur Verfügung und ein normaler Prallschirm für den Atmosphärenflug rundet das Schirmpaket ab.

Für interplanetarische Reisen sind die Impulstriebwerke gedacht; sie bringen das Schiff bis nahe an die Lichtgeschwindigkeit. Überlichtgeschwindigkeiten werden durch das Transitionstriebwerk oder durch den Metagrav erreicht. Sollten wir es einmal besonders eilig haben, steht ein Hypertakttriebwerk, wie es schon die SOL besaß, zur Verfügung.

Boris hatte sich inzwischen wieder gesetzt und den Ausführungen KATHARINAS gelauscht, als plötzlich eine Haube über seinen Kopf fuhr. Hey!, rief er erschrocken.

Die SERT-Haube kennst du schon aus den Übungen im Mond-Simulator. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, das Schiff zu steuern. Du hältst es sozusagen durch deine Gedanken auf Trab. Du solltest aber, wenn möglich, nichts Unanständiges denken. Hihihihihihihi …

Momentan denke ich daran, deine Persönlichkeit gründlich zu überarbeiten …, ging Boris auf den Scherz KATHARINAS ein.

Zu mir noch soviel: Ich bin ein Hochleistungssystem, besitze aber keine biologische Komponente. Mein Humor, den du vorhin erlebt hast, ist programmiert; es ist mir aber möglich, mich selbstständig weiterzuentwickeln bzw. neu zu programmieren. Sobald sich die MOLOKKO wieder an Bord der TERRA befindet, werde ich deaktiviert und THELA nimmt meinen Platz ein.

Als wäre es ihr Stichwort, traf ein Ruf THELAS ein:

Boris, du hast nicht auf meinen Befehl zum Ausschleusen gewartet und auch sonst scheinst du mir ziemlich impulsiv zu sein. Du erinnerst mich an jemanden, den ich früher recht gut kannte …, ach Feuerwehrhauptmann, was ist nur aus dir geworden …, und du bist mindestens genauso neugierig, wie die Menschen damals. Von KATHARINA hast du bereits alles über die MOLOKKO erfahren. Nur die Daten über das Kompakte Feld wurden dir vorenthalten …

Gespannt lauschte Boris den Erklärungen THELAS. Er erfuhr, dass es ihm möglich war, die MOLOKKO mit Hilfe der Sonderschaltung K 12 bis auf 10 Prozent ihrer Größe schrumpfen zu lassen, ohne dass die Leistungsfähigkeit seines Schiffes wesentlich beeinträchtigt wurde. Er grinste: Ein hübscher Trick …, mehr Sein, als Schein.

Störe ich? Das war Clara und Boris lächelte. Er antwortete: Hallo alte Freundin. Nein, du störst natürlich nicht.

Wir sollten uns über unsere Ziele einigen, Boris, damit wir uns nicht in die Quere kommen. Ich schlage vor, zunächst die früheren Hauptwelten der alten Menschheit anzufliegen. Viel werden wir zwar dort nicht mehr finden, weil die Spuren der Terraner überall beseitigt wurden, aber vielleicht finden wir doch ein paar kleine Hinweise. Ich würde z.B. gerne nach Plophos fliegen …

Und ich würde mir gerne die Extremwelt Oxtorne ansehen, hörte Boris Anita Powers sagen.

Was ist mit dir, J.J.?, fragte Boris seinen amerikanischen Freund in der TERRA 4.

Olymp, das ehemalige Handelszentrum, gab J.J. durch.

Boris war sich nicht sicher, ob er nach Ertrus oder nach Epsal fliegen sollte, aber er entschied sich spontan und sagte: Ich werde mal nachsehen, was mit Ertrus ist …

Nachdem ihr euch geeinigt habt und eingewiesen seid, macht euch nun auf den Weg. Viel Glück, auch im Namen Eurer Freunde, die an Bord der TERRA bleiben werden. Die Koordinaten des Treffpunktes hat Dagmar schon auf eure Bordcomputer übertragen; wir treffen uns also in vier Wochen bei der roten Riesensonne Beteigeuze. Nochmals viel Glück.

Boris beschleunigte die MOLOKKO. Nachdem er 50 Prozent der Lichtgeschwindigkeit erreicht hatte, leitete er sein erstes Hypertaktmanöver ein. Sein Ziel lag in unmittelbarer Nähe von Ertrus, der Heimat der riesenhaften Ertruser. Hier wollte er mit seinen Nachforschungen beginnen.

Durch seine Hypnoschulung war er über die Zustände auf dem Planeten Ertrus im Bild, besser gesagt, er wusste, was vor 50.000 Jahren im Kreit-System los gewesen war. Er hoffte, dort noch am ehesten Spuren der Menschheit zu finden, weil die 2,50 m großen und langlebigen Terranerabkömmlinge damals in ganz anderen Dimensionen gebaut hatten. Allein die Gebäude, die damals beseitigt wurden, mussten ganz andere Dimensionen gehabt haben. Vielleicht gab es in den Trümmern ihrer riesenhaften Bauwerke doch den einen oder anderen Hinweis auf den Verbleib der Ertruser …

Eintritt in den Normalraum in 5 Minuten, wir werden 2 Lichtsekunden außerhalb des Systems aus dem Hyperraum kommen.

Zufrieden nickte Boris, alles lief so, wie er es sich vorgestellt hatte. Die letzten 5 Minuten zogen sich jedoch in die Länge; ihm kam es wie eine kleine Ewigkeit vor, bis sein Bordcomputer endlich verkündete:

Austritt erfolgt … jetzt!

In der gleichen Sekunde schrieen die Alarmsirenen auf! Erste Treffer schlugen in die eilig hochgefahrene Schutzschirmstaffel und erschütterten die MOLOKKO. Das Schiff war unmittelbar vor den Geschützmündungen von mindestens 200 feindlichen Schiffen herausgekommen! Die Lage spitzte sich schnell zu, weil der Gegner sofort weitere Verbände zusammenzog. Erste Hochrechnungen zeigten, dass sich im Bereich des Kreit-Systems über 10.000 Einheiten versammelt hatten.

Oh Mann!, stöhnte Boris und gab Vollschub. Die MOLOKKO machte einen Satz und jagte mitten durch die feindlichen Reihen und beschleunigte mit maximalen Werten, bis sie bei 40 Prozent der Lichtgeschwindigkeit eine Nottransition ausführen konnte. Als sie den Hyperraum wieder verlassen hatten, meldete sich KATHARINA:

Außer den Schiffen der Kaiserlichen Flotte hat die Ortung innerhalb des Kreit-Systems 20.000 inaktive Körper verschiedener Größen erfasst! Und der dritte Planet fehlt …

Boris stutze …, Ertrus war nicht mehr da! Ein ganzer Himmelskörper …, einfach verschwunden? KATHARINA, das müssen wir uns ansehen! Suche eine Sonne, die nah genug am Kreit-System liegt und aktiviere die Fernortung!

Das Sonnensystem rund um Kreit ähnelte einem Bienennest. Über 10.000 Einheiten des Kaiserreichs, darunter auch die gewaltigen Kugelraumer mit 800 Metern Durchmesser kreuzten im weiten Bereich des Kreit-Systems. Anscheinend waren sie auf der Suche nach dem weißen Eindringling, den sei vor kurzem gestellt hatten und der sofort wieder verschwunden war.

Aber sie würden vergeblich suchen, denn die MOLOKKO befand sich momentan im Ortungsschutz einer nur zwei Lichtjahre entfernten Sonne. Boris fragte: KATHARINA, was zeigt die Fernortung noch?

Ich zähle rund 10.000 aktive Einheiten und genau 20.410 größere Ansammlungen von Metallen, wahrscheinlich die Trümmer zerstörter Raumschiffe oder Raumstationen! Die größten Wracks haben eine Kantenlänge von bis zu 2.000 Metern.

Um mehr zu erfahren, müssten wir aber näher heran. Die feindliche Flotte macht das aber im Augenblick unmöglich; wir müssen warten, bis sie abgezogen ist oder ein anderes Ziel anfliegen.

Aber warum haben sie das Feuer eröffnet …, ohne Warnung? Sie hätten uns doch zumindest über Funk auffordern können, das Gebiet zu verlassen!, fragte Boris.

Nach den Informationen, die THELA beim ersten Zusammentreffen mit einem kaiserlichen Schlachtschiff aus dessen Bordcomputer geholt hat, dürfen nur Schiffe der kaiserlichen Flotte größer als 100 Meter sein; die MOLOKKO ist jedoch sehr viel größer. Die Kommandanten der kaiserlichen Flotte haben den Befehl, bei größeren Schiffen sofort zu feuern. Außerdem lag es wohl auch an der Farbe der MOLOKKO. Unser Auftreten in der Grafschaft Hora IV ist ja nicht unbeobachtet geblieben; die ganze Flotte des Kaiserreichs dürfte auf der Suche nach einem weißen Schiff sein …

Mist! Die Größe der MOLOKKO ist nicht das Problem; durch das Kompakte Feld kann ich die MOLOKKO ja schrumpfen lassen, aber das Schiff muss unbedingt seine Farbe wechseln. Geht das, KATHARINA?

Es ist möglich!

Die SERT-Haube glitt über Boris' Kopf. Er rief die Sonderschaltung K 12 auf und ließ die MOLOKKO auf den kleinstmöglichen Durchmesser von 50 Metern schrumpfen. Wie geht das nun genau?

Sag einfach, in welcher Farbe du das Schiff haben möchtest! Grau, Schwarz oder mal was Ausgefallenes? Wie wär's mit Rot oder Gelb?

Ich möchte Aufsehen vermeiden und nicht hervorrufen! Ich denke, wir sollten die Farbe der Kaiserlichen Flotte nehmen, also grau …, sagte Boris zu seinem Bordrechner.

Auftrag ausgeführt.

Gut. Dann programmiere eine Transition, die uns mitten ins Kreit-System hinein führt und möglichst nahe an die Wracks heran!

Ein zuckender Schmerz, oder waren es zwei …, kurz hintereinander? Boris konnte es nicht genau feststellen. Als sich die Schleier vor seinen Augen gelichtet hatten, ging ein Funkspruch der Kaiserlichen Flotte ein:

Achte Angriffsflotte, Kommandoschiff PARAGOS an fremdes Schiff: Sie haben das Digdri-System unerlaubt betreten, das System wurde vom Kaiser zum Sperrgebiet ernannt, ziehen Sie sich unverzüglich zurück! Achte Angriffsflotte …

Um ihre Forderung zu untermauern, kamen ein paar Schiffe auf die MOLOKKO zu. Offensichtlich wurde die TERRA 3 in ihrer jetzigen Gestalt von den Oberbefehlshabern der Flotte nicht allzu ernst genommen, denn nur drei kleinere Einheiten kamen auf ihn zu.

Na, die sind aber nicht sehr gastfreundlich! Kaum sind wir da, sollen wir auch schon wieder gehen …; KATHARINA, sind die Scans abgeschlossen?

Nein, ich hatte bisher nicht genügend Zeit alle Ortungsergebnisse auszuwerten! Wir müssen uns etwas einfallen lassen, wie wir noch länger hier bleiben können!

Boris überlegte kurz und sagte: Der Trick ist zwar uralt, aber warum nicht? KATHARINA, setz bitte folgenden Funkspruch ab: Händlerschiff MOLOKKO an 8. Angriffsflotte des Kaisers. Durch einen Schaden an unserem Überlichttriebwerk erfolgte automatischer Notaustritt aus dem Hyperraum; die Reparaturen laufen auf Hochtouren. Wir hoffen, den Fehler in 10 Stunden behoben zu haben, bis dahin bitten wir um die Erlaubnis, unsere Position halten zu dürfen!

Die Antwort kam prompt: Händlerschiff MOLOKKO, Ihnen wurde ein Aufenthalt von acht Stunden zugebilligt. Sollten Sie das System nach Ablauf der Frist nicht verlassen haben, werden wir Ihr Schiff vernichten!

Boris nickte und KATHARINA gab die Bestätigung an die PARAGOS durch, dass man versuchen wolle, den Termin einzuhalten. Währenddessen ortete sie weiter und wertete die Ergebnisse aus.

Interessant, Interessant …

Lass die Heimlichtuerei! Was ist?

Es handelt sich definitiv nicht um Trümmer eines Planeten, sondern es sind Teile von Raumschiffen! Sieh selbst.

Ein Holo baute sich vor Boris auf. Tausende von Wracks trieben in der Schwärze des Weltalls. Reste von Kugelraumern waren darunter, aber auch würfelförmige Schiffe mit einer Kantenlänge von 2.000 Metern. KATHARINA, was sind das für Schiffe?

Durch die Bilderfassung und die Ortung kann ich sie jetzt eindeutig identifizieren! Es sind, oder besser gesagt, es waren Fragmentraumer der Posbis!

Hier hat es eine gewaltige Raumschlacht gegeben! Ich zähle mehr als 12.000 Wracks kaiserlicher Schlachtschiffe und 8.000 Fragmentraumer! Und die Raumschlacht dürfte erst vor ein paar Tagen stattgefunden haben; manche der Wracks brennen noch …

Nun wissen wir also, was die Kaiserliche Flotte hier im ehemaligen Kreit-System zu suchen hat!

Ja, unser Auftreten im Hoheitsbereich des Grafen Tezeter dürfte nicht unbeobachtet geblieben sein. Irgendwer hat die richtigen Schlüsse gezogen und die alten Zentren der Terraner angeflogen. Der Galaktische Kaiser hat reagiert!

Aber wo …, ist Ertrus?

Kapitel 13
Die Hundertsonnenwelt

Immer noch wartete die TERRA in respektvoller Entfernung vor der Hundertsonnenwelt, jener geheimnisvollen Heimat der Posbis, der positronisch-biologischen Roboter. Die Posbis hatten weder auf ihre Funkrufe noch auf die Übertragung der alten Kennung reagiert, die die Terraner vor 50.000 Jahren benutzt hatten.

Micheles Ruf hatte schon mehrfach die Antennen der TERRA verlassen: Raumschiff TERRA von der Erde ruft die Hundertsonnenwelt. Wir sind auf der Suche nach den verschollenen Terranern. Erbitten Hilfe.

Resignierend meinte Paul: Jetzt könnten wir gut eines unserer Begleitschiffe brauchen. Man käme damit näher heran und die TERRA bliebe im Hintergrund.

Leider waren die vier Begleitschiffe aber nicht verfügbar; sie hatten sich von der TERRA getrennt, um in der Milchstraße nach Spuren der verschollenen Terraner zu suchen. Erst in vier Wochen wollte man sich im System der Sonne Beteigeuze wieder treffen.

Auch in den Speichern NATHANS sind keine Informationen über das Schicksal der Posbis verzeichnet. Die letzte wesentliche Veränderung trat auf, als die Posbis einen Evolutionssprung taten, nachdem Perry Rhodan und seine Freunde die Aktion um den FROSTRUBIN erfolgreich beendet hatten. Die Posbis sind danach zu selbstständig denkenden und fühlenden Wesen geworden.

Einer Naherkundung des Systems steht übrigens nichts im Wege; selbstverständlich verfügt die TERRA auch über einige Beiboote, die ihr benutzen könnt.

Sind die am Anfang ganz klein und werden dann auch mehrere hundert Meter groß, so wie die vier Begleitschiffe?, spottete Steph lächelnd.

Natürlich sind die Beiboote auch in Kompakten Feldern gelagert, aber nach ihrem Ausflug aus dem Hangar haben sie einen festen Aktionsdurchmesser von 30 irdischen Metern und können ihre Größe nicht mehr ändern. Der Beiboothangar befindet sich übrigens im Bereich Steuerbord-Süd 16.

Dagmar und ich würden das gerne machen, sagte Steph und sah die Anderen an.

Wieso auch nicht?, grinste Paul, der vermutete, dass Steph nur mal wieder mit seiner Freundin allein sein wollte. Er sah den Beiden nach, als sie sich in den entsprechenden Hangar abstrahlen ließen.

Doch Paul hatte sich geirrt. Steph war nur froh, endlich wieder einmal aus der TERRA heraus zu kommen. Zu gerne hätte er mit Boris Walter oder den Anderen getauscht, die mit ihren Begleitschiffen in der Milchstraße unterwegs waren. Als er mit Dagmar den Hangar erreichte, sahen sie ihr Schiff; es füllte den ganzen Hangarraum aus. Und wo sind die anderen Beiboote?, frotzelte Dagmar.

In den Wänden des Hangars.

Erschrocken sahen sich Dagmar und Stephan um. In den Wänden des Hangars erkannten sie unzählige kleine … Schubladen!

Du bist wohl ein Ordnungsfanatiker, THELA. Nach dem Spielen müssen die Schiffchen wohl wieder zurück in ihre Schublade.

Steph war sauer. Erstens war er kein Fan übertriebener Ordnung und dann noch die ewigen Heimlichkeiten ihres Schiffscomputers.

Ach komm, Steph, lass uns losfliegen, meinte Dagmar.

Steph widersprach: Paul ist Pilot, ich bin nur der dumme Bordschütze, dem man nie etwas sagt. Ich kann diese Kiste nicht fliegen.

Aber sicher kannst du. Hypnoschulung …

Steph fügte sich in sein Schicksal und nahm in der kleinen Zentrale des Beibootes Platz. Das Hangartor schob sich auseinander und er ließ das Beiboot nach Draußen treiben. Dann beschleunigte er und nahm Kurs auf die Hundertsonnenwelt.

Dagmar schaute konzentriert auf ihre Ortung. Entfernung drei Lichtsekunden. Jetzt nur noch eine … In einer Entfernung von 100.000 Kilometern stoppte Steph das Beiboot.

Da ist etwas vor uns; so was wie ein Schutzschirm, meldete Dagmar. Vorsichtig nahm Steph wieder Fahrt auf. Dann rief Dagmar: Stopp! Schutzschirm unmittelbar vor uns!

Steph funkte die TERRA an: Hey, da soll ein Schutzschirm sein. Könnt ihr was orten?

Nein Steph, von hier ist nichts zu erkennen, antwortete ihm Michele, die Dagmar an den Ortern der TERRA vertrat.

Ich habe Kontakt!, Dagmar lehnte sich zurück.

Steph maulte: Mit was, mit den Posbis, mit dem Schutzschirm oder mit einer 0190er Nummer …; etwas präziser bitte!

Steph ist also immer noch schlecht gelaunt, dachte sich Dagmar und erinnerte sich an ihren Streit letztens, als es darum gegangen war, dass Steph lieber mit einem der Begleitschiffe in die Galaxis geflogen wäre. Dann sagte sie: Mit dem Schutzschirm, du BlödMANN; wir haben quasi an dem Schirm angelegt.

Plötzlich war eine wohlmodulierte Stimme zu hören: Alter Terra-Code anerkannt. Überprüfung des Beibootes ist abgeschlossen. Einflug wird gestattet.

Direkt neben ihrem Schiff wurde der Schirm sichtbar und öffnete sich gerade soweit, dass ihr Beiboot hindurch passte. Stephan lenkte das Beiboot vorsichtig durch die Strukturöffnung.

Nachdem sie das Schirmfeld passiert hatten, passierten zwei Dinge gleichzeitig: Die Hundertsonnenwelt verschwand …, und ihre Energieortung spielte verrückt! Erschreckende Werte erschienen auf den Displays ihrer Ortung.

Unmittelbar vor uns ist etwas. Es ist riesig; ich messe gewaltige Energieflüsse … Dagmar atmete tief durch.

BOXEwige Gesundheit für das Zentralplasma an terranisches Schiff. Ich habe eine Nachricht gespeichert, die an das erste terranische Schiff übermittelt wird, das nach dem Ende der Verbannung zurückkehrt:

Das Volk der Posbis hat seinen galaktischen Auftrag getreu erfüllt und damit sein Versprechen gegenüber Perry Rhodan gehalten. Die Hundertsonnenwelt und das Zentralplasma wurden auftragsgemäß in Sicherheit gebracht und an der ehemaligen galaktischen Position der Hundertsonnenwelt wird die Existenz des Systems durch den zur Verfügung gestellten Groß-Virtuellbildner vorgegaukelt.

Virtuellbildner? Dagmar kannte diesen Begriff nicht und gab ihre Frage an die BOX weiter.

Ein solches Gerät war auf den alten terranischen Schiffen gebräuchlich. Man konnte einem Angreifer eine wesentlich höhere Zahl von eigenen Schiffen vorgaukeln; es w