Michael Köckritz
Ai-Kuno

Hauptpersonen

Ai-Kuno:
Der Jäger sieht wie Götter vom Himmel steigen
Gucky:
Der Mausbiber sorgt für Gerechtigkeit

Kapitel 1

Die Regenzeit war vorüber und das flache Land war in voller Blüte. Die Vögel ernährten sich von den Myriaden an Insekten. Die Bienen labten sich am Nektar der Blumen und blühenden Gräser. Schmale Pfade führten durch das Unterholz, die von den Jägern und Tieren getrampelt worden waren.

Ai-Kuno, einer der Jäger aus dem Dorf am Rande des Shuut-Kin-Dschungels, ging vorsichtig auf einem der Pfade zum Fluss, um dort Fische zu fangen. Heute musste Ai-Kuno für das Überleben der Leute im Dorf sorgen. Alle jungen Männer mussten durch Jagen und Fischen dazu beitragen, wobei jeder an die Reihe kam. Auf dem Weg zum Fluss betrachtete Ai-Kuno seine Umgebung wachsam, mit offenen Augen und Sinnen. Ein Moment der Unaufmerksamkeit und er konnte das Opfer eines, hinter dem Blätterwald des Dschungels verborgenen, Raubtieres werden. Der Fluss war ziemlich weit vom Dorf entfernt, sodass Ai-Kuno eine längere Strecke zu gehen hatte. Er atmete schwer in der feuchten Luft des Dschungels, war aber nicht sonderlich in Eile. Zeit war für ihn ein unbekanntes Konzept. Er wusste natürlich den Morgen vom Nachmittag zu unterscheiden oder wenn der Tag am heißesten war. Die heiße Mutter und die Schatten zeigten ihm, wann es Zeit war in das Dorf zurückzukehren. Es war ratsam vor Einbruch der Dunkelheit zurück im Schutz des Dorfes zu sein. Ai-Kuno versuchte sich stets daran zu halten, denn der Dschungel war des Nachts unerbittlich.

Das Unterholz wurde lichter, als er der Ebene näher kam, durch die sich der Fluss schlängelnd sein Bett gegraben hatte. Das flache Land erstreckte sich für einen Dreitagesmarsch in die Richtung, wo sich die heiße Mutter jeden Tag zum Schlafen legte. Als er vorsichtig vom Dschungelrand auf die Ebene schritt, fühlte er ihren heissen Atem auf seiner dunkelbraunen Haut.

Ai-Kuno erntete im Dorf stets viele bewundernde Blicke von den strammbrüstigen jungen Mädchen. Es tat ihm gut, wenn die Mädchen seine Muskeln und stattliche Gestalt und speziell die Erhebung unter seinem Lendenschurz bewunderten. Ai-Kuno war der Größte im Dorf und weidete sich an den Blicken der Mädchen und jungen Frauen. Er war bekannt für seine Fertigkeiten als Jäger und trug mit Stolz die Narben der Jagd und die Tätowierungen, die von seinen Erfolgen sprachen. Noch war Ai-Kuno nicht zum Mann geweiht worden, bis dahin mussten noch zwei heiße Sommer vergehen. Seine Familie hatte über Generationen, die besten Jäger und Handwerker hervorgebracht.

Ai-Kuno sah in die Ebene hinaus. Riesige Haufen großer Steine begrenzten die Ebene in der dunstigen Ferne. Er war noch niemals in seinem Leben dort gewesen, wo sich die braunfarbene Ebene in den Himmel streckte. Die Legenden erzählten, dass Menschen mit weißer Haut, in feuerspeienden Vögeln vom Himmel gekommen waren und hinter den riesigen Steinhaufen gelandet waren und dass diese Leute fliegen konnten, aber Ai-Kuno hatte nie einen von ihnen mit eigenen Augen gesehen.

In der Ferne schimmerte das Band des Flusses, wie es sich durch die Jagdgründe schlängelte.

Ai-Kuno näherte sich dem Fluss und setzte sich am Ufer unter einen Baum, wo er seinen Speer zum Fischen vorbereitete. Er band einen ledernen Strang an das Ende des Speeres, um ihn damit wieder aus dem Wasser herausziehen zu können.

Bruder des schimmernden Wassers, sagte er zum Fluss, Ai-Kuno ist wieder hier, um einige deiner schlüpfrigen Bewohner zum Essen für unsere Kinder und Alten im Dorf zu holen.

Ai-Kuno dachte, dass wenn er zum Fluss sprach, er die richtigen Stellen zum Fischen finden würde. Bisher hatte er damit immer Erfolg gehabt. Das Wasser war nicht aufgewühlt und er konnte die großen Fische deutlich im Wasser erkennen. Er warf den Speer und spießte einen von ihnen auf. Es war ein guter Fang. Als er den Fisch aus dem Wasser zog, bat er ihn um Vergebung und dankte ihm dafür, dass er sein Leben für das Dorf gegeben hatte. Dieses uralte Ritual wurde von allen Jägern und Fischern des Dorfes strikt eingehalten. Es sah so aus, als ob dieser Tag erfolgreich werden sollte und er diesmal viele Fische zurück ins Dorf bringen konnte.

Plötzlich hielt er instinktiv in seiner Arbeit inne und beobachtete seine Umgebung mit erhöhter Aufmerksamkeit. Irgend etwas war anders. Er setzte sich auf die Fersen, sah und hörte sich angestrengt um. Aus der Ferne konnte er ein summendes Geräusch vernehmen, das von der Ebene herüber kam. Niemals zuvor hatte er solch ein Geräusch vernommen. Ai-Kuno suchte rasch Deckung auf, um sich vor dem zu verstecken, das dieses Geräusch verursachte. Nach einer Weile sah er was diese Geräusche hervorrief. Kleine Punkte in der Luft näherten sich ihm und wurden größer und größer. Sie erinnerten ihn an She-Ka-Runs, libellenartige Insekten oder La-Kha-Lems, kleine Honigvögel, aber She-Ka-Runs und La-Kha-Lems konnten nicht so schnell fliegen und waren ausserdem viel kleiner. Ai-Kuno sah auf seine Finger und verglich sie mit den lauten Vögeln in der Ferne. Eine Hand und zwei weitere Finger waren nötig, um die Silhouetten der großen Vögel zu bedecken, wobei sie immer näher kamen. Das Summen wurde lauter und lauter und ein Wind erhob sich, der Staub und Pollen durch die Luft wirbelte. Ai-Kuno musste niesen. Er war sehr verängstigt und konnte sich kaum bewegen. Er wollte nicht von diesen Vögeln gefressen werden und blieb deshalb in seiner Deckung unterhalb eines Baumes. Dann landeten die Vögel, unweit von Ai-Kunos Versteck. Weißhäutige Menschen sprangen aus den Bäuchen der Vögel auf die Ebene. Die Vögel hatten angehalten und plötzlich bemerkte Ai-Kuno, dass diese Vögel keine Füße hatten mit denen sie auf dem Boden stehen konnten. Sie schwebten über dem Boden, wie die Wolken im Himmel!

Die Fremden begannen ein Dorf aus Hütten zu bauen. Ai-Kuno konnte durch die Wände der Hütten sehen, als ob sie überhaupt nicht vorhanden wären. Einige der weißen Fremden kamen nahe an Ai-Kunos Versteck vorbei und taten etwas in den Fluss. Es sah kantig aus und war durchsichtig und als sie es wieder aus dem Fluss herauszogen, war es voll mit Wasser. Sie trugen es auf ein flaches Ding das den Boden nicht berührte und als sie dann in Richtung des neuen Dorfes zurückgingen folgte ihnen das flache Ding, wie von Geisterhand geschoben. Ai-Kuno konnte die Leute sprechen hören, sie aber nicht verstehen. Er wartete in seinem Versteck bis die Dunkelheit einbrach, um in sein Dorf zurückzukehren. Obwohl Ai-Kuno Angst hatte von den Fremden gesehen zu werden, vergaß er dennoch nicht seinen Fang mitzunehmen.

Die Leute im Dorf rannten aufgeregt umher, als Ai-Kuno endlich ankam. Sie hatten schon um sein Leben gefürchtet und atmeten erleichtert auf, als sie ihn mit seinem großen Fang sahen.

Was hast du gesehen, Ai-Kuno?, fragten sie ihn aus.

Andere Jäger hatten bereits die Nachricht über die lauten Vögel im Dorf verbreitet. Zum ersten Mal in seinem Leben wurde Ai-Kuno an das Feuer der Alten eingeladen, um seine Geschichte zu erzählen. Er wurde zum Helden des Dorfes, denn er war der Einzige gewesen, der nahe genug beim Dorf der Fremden gewesen war.

Sie kamen aus den Wolken, dort wo die großen Felsen sind, berichtete er. Ihre großen Vögel machen laute Bienengeräusche, aber sie haben keine Flügel oder spitze Hintern und auch keine Beine. Sie können sogar Wasser vom Fluss holen ohne Töpfe zu benutzen. Sie verwenden flache Dinge, die ihnen folgen, wie von Geisterhand geschoben. Das Dorf hat Hütten mit durchsichtigen Wänden! Sie haben eine weiße Haut und tragen darüber dünnere jung-grüne Häute. Sie sprechen mit anderen Worten, die ich nicht verstehen konnte.

Die Alten beschlossen Ai-Kuno und ein paar erfahrene Jäger bei Anbruch des Tages auszuschicken, um mehr über die ungewöhnlichen Vorgänge in Erfahrung zu bringen.

Die Gruppe verließ das Dorf am frühen Morgen und versteckte sich am Dschungelrand. Später bewegten sie sich, jede Deckungsmöglichkeit ausnutzend, weiter auf das neue Dorf zu, um mehr sehen zu können. In der Siedlung der Fremden wurde hart gearbeitet. Noch mehr Hütten waren in der Nacht aufgebaut worden. Es sah auch so aus, als ob noch mehr Leute mit sich schnell bewegenden eckig aussehenden Dingen, die sehr laut waren und viel Staub aufwirbelten, eingetroffen waren. Leute, die in der Sonne aufblizten, bewegten sich überall im Dorf. Sie sahen jedoch ganz anders aus als die weißen Fremden. Einige waren dünner, andere runder oder größer und mit vielen Armen. Die Blitzenden trugen Gegenstände umher und bauten große dunkle und kantige Hütten. Ein weit aufragendes rundes Ding mit langen dünnen Beinen, das wie die heiße Mutter glänzte, war in der Nacht in der Mitte des Dorfes aufgestellt worden.

Ai-Kuno beobachtete alles sehr genau und sah, dass einige der Fremden Rauch ausatmeten, nachdem sie an einem kleinen weißen Stock mit feuriger Spitze gesaugt hatten. Er dachte: Leute, die Rauch essen können und die Vögeln befehlen können wohin sie fliegen sollen, können gar keine richtigen Leute sein. Sie müssen mit den Göttern oder den Vorfahren verwandt sein, sowie es die Legenden berichten.

Am Abend berichtete Ai-Kuno was er beim Dorf gesehen hatte. Die anderen Jäger der Gruppe bestätigten seine Beobachtungen und fügten ihre Versionen hinzu. Die Alten und der Dorfschamane kamen nach langer Beratung zu dem Ergebnis, dass die Fremden mit den Göttern der Legenden eins waren, und beschlossen Verbindung mit ihnen aufzunehmen, um herauszufinden, was sie eigentlich wollten.

Der erste Kontakt verlief gut. Ai-Kunos Gruppe hatte Felle und aus Knochen geschnitzte Figuren als Geschenke für die Götter mitgebracht. Als der Jäger und seine Leute sich dem Dorf der Götter näherten, lief Shun-Rah etwas voraus. Plötzlich überschlug sich der Mann rückwärts, als ob er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen wäre. Shun-Rah hatte sich dabei nicht verletzt, als er wenig später wieder aufwachte, hatte aber ein kitzliges Gefühl im rechten Arm.

Was war das?, fragte ihn Ai-Kuno.

Ich weiß es nicht, antwortete Shun-Rah. Da ist nichts was ich sehen kann, aber es tritt aus, wie ein Shur-gaan, aber anders. Mein ganzer Arm fühlt sich an, wie mein Musikknochen!

Kapitel 2

Einer der Götter hatte beobachtet, was geschehen war und näherte sich der unsichtbaren Wand, die Ai-Kunos Leute vom Dorf fernhielt. Der Gott hatte ein freundliches, leicht gebräuntes Gesicht und winkte mit der rechten Hand. Er war etwa so groß wie Ai-Kuno, mit dunklen Augen und vollen Lippen, hatte jedoch eine lange Nase. Sein nach hinten zurückgekämmtes Haar glänzte dunkel, war aber nicht gekräuselt. Es war das erste Mal, dass Ai-Kuno jemandem mit dünnem schwarzen Haar, um den Mund herum, begegnete. Die Leute in seinem Dorf hatten keine Haare im Gesicht, sahen aber ansonsten fast gleich aus, wenn man von der Hautfarbe einmal absah. Der Gott trug hellgrüne Häute mit blitzenden spitzen Punkten auf den Schultern.

Hallo …, ihr da …, ihr da hinten!, rief der Gott, aber Ai-Kuno verstand nicht was er sagte. Wollt ihr uns besuchen? Geht da hinüber … zum Tor … nach links, für hundert Meter. Wir lassen euch dann ein!

Ai-Kuno verstand immer noch nicht, aber der Gott machte einladende Gesten nach rechts. Die Gruppe der Jäger folgte der Einladung und wurde nach vielen Schritten in das neue Dorf geleitet, wobei sie einen kleinen Regenbogen durchschreiten mussten.

Ich bin Leutnant John Winters, sagte der Gott und deutete mehrmals auf seine Brust.

Ai-Kuno – Ick’n Leunan Joh Witter, antwortete Ai-Kuno nach einer Weile, wobei er versuchte, die eben gehörten Laute und Gesten nachzuahmen.

Der Gott zeigte wieder auf Ai-Kuno und sich selbst. Ai-Kuno – John Winters …, ach …, gut genug, kommt mit!, sagte der Gott und machte eine einladende Handbewegung.

Er ging mit ihnen zu einer großen Hütte. Ai-Kuno sah, dass die Wände der Hütten nicht mehr durchsichtig waren und jetzt eine weiße Farbe angenommen hatten. Der Fremde erklärte etwas in seiner Sprache, aber Ai-Kuno und seine Begleiter konnten nur vage die begleitenden Gesten verstehen. Ai-Kuno sprach zu seinen Leuten und erklärte ihnen, was er davon verstanden hatte. Plötzlich, hörten sie eine andere, dünne Stimme, die von einem kleinen Kästchen an der rechten Schulter des Gottes zu kommen schien. Diese kleine Schachtel sprach zu Ai-Kuno und seinen Freunden in einem gebrochenen Dialekt, den sie aber verstehen konnten. Als erstes waren sie überrascht, aber dann begannen sie sich mit dem kleinen Kästchen zu unterhalten, wobei der Gott ein paar mal nickte, als wenn er alles ebenso verstehen könnte. Ai-Kuno und seine Begleiter erzählten der Schachtel woher sie kamen und, dass sie einen freundlichen Kontakt mit den Göttern wünschten.

Ich bringe euch zu Oberst Kirshhogg, unserem Kommandanten. Folgt mir, bitte.

Diesmal hörten Ai-Kuno und seine Leute, wie die Schachtel die Worte fließend in ihrem Dorfdialekt von sich gab. Sie brauchten nicht weit zu gehen. John Winters erklärte ihnen, dass sie vor der weißen Hütte warten sollten, bis er zurückkommen würde. Winters betrat die Hütte und es dauerte mehrere zehn Atemzüge, bis er wieder heraustrat.

Kommt herein, bitte, forderte er sie auf.

Die Hütte war mit fremdartigen Gegenständen gefüllt, mit Dingen auf denen viele kleine blinkende Lichter zu sehen waren. Ebenso gab es ein großes Fenster, durch das Ai-Kuno Teile des Dschungels und des flachen Landes erkennen konnte. Doch das Fester wies nicht in Richtung der Ebene oder des Waldes. Ai-Kuno und seine Begleiter waren überrascht, dass es in der Hütte recht kühl war und nicht so heiß, wie draußen.

Ein großer Gott mit freundlichen Augen kam auf sie zu. Er war mindestens noch einmal so groß und breit wie Ai-Kuno. Der Kopf des Gottes war unbehaart bis auf einen langgestreckten Flicken, widerspenstiger, weißer, halblang geschnittener Borsten, der bis in seinen Nacken reichte. John Winters sprach mit ihm, wobei er etwas steif vor dem großen Gott stand. Nachdem Winters ausgesprochen hatte, nickte der große Gott und wandte sich Ai-Kuno zu.

Ich bin Oberst Kirshhogg und der Häuptling dieses Dorfes, das wir Camp nennen, sagte der Gott mit lauter und donnernder Stimme. Wir werden hier ein wenig bleiben, aber wir werden euch nichts antun. Leutnant Winters wird euch herumführen.

Wo kommt ihr her?, fragte Ai-Kuno. Kommt ihr von hinter den großen Felsen? Kennt ihr unsere Vorfahren und Götter? Seid ihr diese Götter?

Leutnant Winters wird es euch erklären, antwortete Oberst Kirshhogg mit hochgezogenen Augenbrauen. Dann drehte er sich um und sprach laut zu dem großen Fenster. Ai-Kuno und seine Begleiter konnten kurze Zeit später eine laute Stimme hören, die aus dem Fenster zu kommen schien.

Ai-Kuno sah seine Leute an. Sie sprechen bestimmt mit anderen Göttern oder den Ahnen!

Ai-Kunos Begleiter waren erstaunt und wippten zustimmend in den Kniekehlen.

John Winters führte sie durch das Dorf. Einige Dinge, die er erklärte, waren für Ai-Kuno unbegreiflich. Dann brachte sie Winters zurück zum Regenbogentor. Bevor Winters sich verabschieden konnte, fragte Ai-Kuno: Seid ihr die Götter unserer Legenden?

John Winters war zuerst ein wenig beschämt, fasste sich aber einen Moment später und erklärte: Hmm …, nein Ai-Kuno, wir sind keine Götter. Wir kommen von weit her, von den Sternen, den kleinen Lichtern, die in der Nacht am Himmel leuchten, aber wir sind keine Götter. Wir sind zwar sehr machtvoll, aber dennoch keine Götter. Wir werden auch nicht lange bei euch bleiben.

Diese Antwort hatte Ai-Kuno nicht erwartet. Auf dem Weg zurück zum Dorf dachte er die ganze Zeit darüber nach. Es ergab alles keinen Sinn: Sie konnten fliegen, aßen Rauch, hatten unsichtbare Zäune, eine eigene heiße Mutter, die jedoch kalt war, ihre Hütten waren kühl im Inneren und sie sprachen mit unsichtbaren Leuten!

Aber, dachte Ai-Kuno, Ich habe ein glänzendes Werkzeug bekommen, welches schneller und besser schneidet als die scharfen Steine im Dorf.

Ai-Kuno hatte das glänzende Werkzeug für ein paar seiner Felle eingetauscht sowie für ein Ding, das wie zwei große Beeren aussah, die aufeinander befestigt waren, mit dem Unterschied, dass die obere Beere klar wie Wasser war und wenn man sie an einer bestimmten Stelle drückte, in der Nacht Licht abgab.

Als er an einem anderen Tag wieder im Dorf der Fremden war, hörte er eine Stimme, die aus einem Stein kam. Ai-Kuno sah einen der Fremden zu dem kleinen Stein sprechen und wie dieser dem Fremden antwortete. Er sah dabei, wie die kleine heiße Mutter ihren Glanz leicht veränderte. Er verstand zwar nicht, was gesprochen wurde, aber er stellte sich vor, dass die Ahnen oder Götter dem Fremden Anweisungen gaben.

… er sprach mit dem kleinen Stein und er sprach zurück!, erzählte Ai-Kuno den Alten am Abend, und die kleine heiße Mutter änderte dabei ihren Glanz.

Die Dorfältesten wurden daraufhin sehr erregt. Die Dorfbewohner hatten nun einen Weg gefunden mit dem sie sich mit den Ahnen unterhalten konnten! Sie brauchten nur einen Stein, sowie einen grösseren runden Stein zu nehmen, sich direkt daneben zu stellen und den Anweisungen und Worten der Ahnen zuzuhören.

Der Schamane gab die Anweisung an die Dorfbewohner solche Steine zu finden und im Mittelpunkt des Dorfes auf einem kleinen Gerüst aufzurichten. Der Schamane war der Erste, der diese neue Art der Verständigung mit den Ahnen ausprobierte. Zuerst schien es nicht richtig zu funktionieren, aber nach einigen rituellen Tänzen und dem Genuss von Shapuka-Puka, dem heiligen Trunk, war der Versuch von Erfolg gekrönt. Der Dorfschamane behauptete Verbindung mit den Ahnen gehabt zu haben. Er sagte aber nicht, was er vernommen hatte …

Vieles hatte sich im Dorf nach dem Erscheinen der Fremden geändert. Jeder trug Bekleidung, die sie im Camp erhalten hatten. Die Mädchen und Frauen verfielen in Ekstase, als einer der Jäger vom Camp mit transparenten Steinchen und bunten Kügelchen zurückkam. Die Frauen fertigten lange und kurze Ketten daraus, die sie um den Hals oder die Fußknöcheln trugen. Einige von ihnen hatten sich die bunten Kügelchen sogar an ihrer Bekleidung angebracht.

Ai-Kuno bemerkte, dass immer weniger aus dem Dorf auf die Jagd gingen. Sie gingen stattdessen lieber in das Camp, wo sie Verpflegung für ihre Töpfe und Felle eintauschten. Sie sahen, dass es genug Lebensmittel im Camp gab und dass die Fremden dafür nicht arbeiten und jagen mussten. Die Dorfbewohner dachten es ebenso machen zu können, denn auch sie mussten jetzt nicht mehr für ihr Überleben zur Jagd zu gehen. Sie erhielten Lebensmittel, wenn sie nur danach fragten. Ai-Kuno dachte bei sich, dass diese Veränderungen für das Dorf nicht gut sein würden. Er war sich darüber im Klaren, dass die Fremden sehr machtvoll waren und es deshalb nicht angeraten war sie böse zu machen. Er entschied deshalb, kein Wort mehr darüber zu verlieren.

Eines Morgens war das Camp der Fremden leer. Sie waren verschwunden; zusammen mit der kleinen heißen Mutter und den Hütten. Sie hatten jedoch eine Menge Dinge zurück gelassen. Ai-Kunos Leute nahmen sich soviel wie sie tragen konnten und brachten es in ihr Dorf. Die Fremden hatten so viele Lebensmittel zurückgelassen, dass es für viele, viele Tage ausreichen würde. Die Alten beschlossen, die Steine und das Gerüst, die im Dorfmittelpunkt standen, in das Camp der Fremden zu bringen.

Nach sechs Monaten waren die Lebensmittelvorräte der Fremden so gut wie aufgebraucht. Einige Kinder des Dorfes waren krank und zeigten Mangelerscheinungen aufgrund der monotonen Ernährung, da sie ausschließlich von den Lebensmitteln der Fremden gelebt hatten.

Die Alten berieten sich und beschlossen die Götter um Hilfe zu bitten. Sie gingen mit dem Schamanen in das ehemalige Camp der Fremden und versammelten sich unter dem Gerüst. Sie brachten Ornamente aus Ton, welche die Gesichter der Fremden zeigten, die mit den Ahnen und Göttern in Verbindung gestanden hatten. Die Dorfbewohner errichteten Statuetten mit den Gesichtern und Körperformen der Fremden. Die Alten und der Schamane erbaten mehrere Male die Gunst der Götter, während sie ihre Rituale versahen. Sie baten darum, die Fremden zurückzuschicken, damit sie die kranken Kinder heilten und um Lebensmittel zu bringen.

Fünf Morgengrauen später erschienen die großen Vögel wieder und mit ihnen viele der Fremden. Ai-Kuno war davon überzeugt, dass die Opfergaben für ihre Rückkehr gesorgt hatten.

Die Fremden heilten die Kranken und brachten neue Lebensmittel, die jedoch anders und besser verträglich waren. Diesmal warnten die Fremden die Dorfbewohner davor, dass die Lebensmittel nicht lange anhalten würden und nur im Notfall genutzt werden sollten. Sie befahlen den Dorfbewohnern zu ihrem alten, gewohnten Leben und Traditionen zurückzukehren und wieder auf die Jagd zu gehen. Nachdem die Fremden wieder verschwunden waren, gingen die Jäger jedoch nur auf die Jagd wenn es absolut nötig war.

Die Jahre flossen dahin, ohne dass die Fremden wieder kamen. Die Reifeweihe wurde jetzt jedes Jahr bei dem Gerüst abgehalten. Neue Rituale und Tänze waren eingeführt worden, um die Ahnen und Götter zu überzeugen, die Fremden wieder zurückkommen zu lassen.

Ai-Kuno heiratete nach seiner Aufnahme in den Mannesstand und seine Frau gebar ihm männliche Zwillinge. Ai-Kuno war sehr stolz auf seine Söhne, die prächtig heranwuchsen. Sie würden gute Jäger und Fischer werden.

Kapitel 3

Eines Tages erschien eine Gruppe von anderen weißen Fremden im Dorf. Sie sprachen wie die Fremden, die in den großen Vögeln gekommen waren, kannten jedoch auch einen ähnlichen Dialekt, wie er in Ai-Kunos Dorf gesprochen wurde. Sie erzählten eine Geschichte von einem Mann, der ausgewählt worden war der Sohn eines großen Gottes zu sein. Dieser Mann musste an einem großen Kreuz sterben, weil die Menschen viel Böses getan hatten. Er ließ sich foltern und wurde umgebracht, wodurch alle Sünden vergeben wurden. Und weil dieser Mann alle diese Qualen auf sich genommen hatte, ließ sein Vater, der große Gott, ihn wieder von den Toten auferstehen und gab ihm ein ewiges Leben. Der Sohn dieses Gottes, würde bald in sein Land zurückkehren, um ein neues Königreich der Güte und des Friedens zu errichten. Sein Vater war der Gott, der alles geschaffen hatte, die heiße Mutter, die Lichter in der Nacht, die Tiere, die Pflanzen, das Land und die Felsen, sowie die Leute die darauf lebten.

Die Dorfbewohner waren sehr interessiert und wollten mehr über diesen Mann wissen. Sie verstanden jedoch das Wort Sünde nicht.

Der Glaube der Dorfbewohner an die Macht der Ahnen änderte sich jedoch nicht, da die Fremden keine Lebensmittel und andere Dinge gebracht hatten. Sie waren davon überzeugt, dass diese Fremden nicht von den Ahnen geschickt worden waren. Ganz im Gegenteil, die Fremden aßen von den Lebensmitteln der Dorfbewohner und zwangen sie dazu an neuen Ritualen teilzunehmen, die nach den Lehren des Gottessohnes von einem schwarz gekleideten Mann des glänzenden Kreuzes, der sich Vater Myles nannte, überbracht wurden.

Die Rituale waren fremd und die Dorfbewohner verstanden ihren Sinn nicht. Sie mussten sogar die Weihefeiern der jungen Frauen und Männer aufgeben.

Nach einer geraumen Zeit beschlossen die Alten und der Schamane nicht mehr an den neuen Ritualen teilzunehmen und jagten die weißen Leute fort. Sie zerstörten alles, was mit diesen weißen Leuten zu tun gehabt hatte. Sie stürzten das große hölzerne Kreuz, das in der Dorfmitte gestanden hatte, und verbrannten es.

Ai-Kuno fühlte, dass es bereits zu spät war und das Dorf nicht mehr zu dem alten Leben zurückkehren konnte.

Nach einer kurzen Zeit kamen die weißen Leute und der schwarz gekleidete Mann des glänzenden Kreuzes zurück ins Dorf. Mit ihm kamen andere, die Stöcke trugen mit denen sie feuriges Licht und den Tod ausschickten. Viele Jäger des Dorfes verloren ihr Leben im Kampf, aber die weißen Leute waren stärker, besetzten das Dorf und nahmen alles in ihren Besitz. Der Kampf gegen die weißen Leute und damit auch die Rückkehr zum alten Leben war verloren! Die Dorfbewohner wurden gezwungen große Hütten aus Felsen zu bauen und dann mussten sie an den Festen zur Geburt, dem Todestag und der Wiederauferstehung des Gottessohnes teilnehmen.

Die Dorfbewohner zelebrierten jetzt nur noch heimlich ihre uralten Rituale und baten die Ahnen und Götter um Hilfe. Der Dorfschamane hatte bereits vor dem zweiten Eintreffen der Weißen angeordnet, das Gerüst und die Steine tief im Dschungel zu verstecken. Die Dorfbewohner wurden dazu gezwungen für die weißen Leute zu arbeiten. Sogar die Frauen mussten arbeiten, wobei die hübschesten Mädchen und Frauen die weißen Männer unterhalten und beglücken mussten. Viele Frauen wurden krank und einige gebaren Kinder mit hellerer Hautfarbe.

Ai-Kuno war mit dem, was er sah und erlebte, nicht einverstanden und versuchte die Alten zu überreden Änderungen herbeizuführen. Er bemerkte bald, dass die Alten sich bereits aufgegeben hatten und lieber auf die Fremden in den grossen Vögeln warten wollten, die doch bald von den Ahnen geschickt werden würden.

Ai-Kuno ging deshalb zu dem schwarz gekleideten Mann des glänzenden Kreuzes.

Du, Mann des glänzenden Kreuzes, sprichst von Vergebung und Freundlichkeit, aber deine Leute zerstören unser Dorf und schänden unsere Frauen und Mädchen. Einige von ihnen sind sehr krank!, beschwerte sich Ai-Kuno.

Nenne mich Vater Myles, mein Sohn!, verlangte der Mann in schwarzer Kleidung. Die Leute, die deinen Leuten Unrecht antun und schlecht sind, werden von dem allmächtigen Gott bei ihrem Tod oder dem Jüngsten Gericht bestraft werden.

Ai-Kuno war verwirrt. Wie konnte ein Mann sein Vater sein, der noch nicht einmal im Dorf gewesen war, als Ai-Kuno geboren war? Ai-Kuno kannte seinen Vater und er mochte es nicht, von diesem schwarz gekleideten Mann, mein Sohn genannt zu werden.

Ai-Kuno erinnerte sich an die Zeiten, als er von den Ufern seines Freundes, dem Fluss, gefischt hatte. Er erinnerte sich ebenso an die alten Rituale während der Weihezeiten in den heißen Sommern. Sein Herz war schwer und die Gedanken an die Vergangenheit schnürten ihm die Kehle zu. Er beschloss mit seiner Familie das Dorf zu verlassen, um anderswo ein neues Leben anzufangen.

Ai-Kuno stritt sich am Abend mit seiner Frau, als er sie in seinen Plan einweihte.

Ich flehe dich an; ich will das Dorf nicht verlassen. Ich kann meine Mutter, Vater und Geschwister nicht verlassen. Was soll aus uns werden?, schluchzte sie. Nach Stunden, konnte er sie schließlich überreden, seinen Beschluss zu akzeptieren.

Shira-Tem … ich bin lieber ein armer Jäger und Fischer, als ein Sklave dieser schlechten, weißen Leute!, argumentierte er.

Die anderen Dorfbewohner waren über Ai-Kunos Entschluss sehr erstaunt und konnten nicht begreifen, warum er die Sicherheit des Dorfes gegen eine unbestimmte Zukunft eintauschen wollte. Sie glaubten fest daran, dass die Fremden mit den großen Vögeln wieder kommen würden, um den Dorfbewohnern ein besseres Leben zu bescheren.

Zwei Tage später packten Ai-Kuno und seine kleine Familie ihre wenigen Habseligkeiten und verließen das Dorf. Der Weggang Ai-Kunos war schmerzlich für alle Dorfbewohner. Seine Frau und Kinder hatten Tränen in den Augen als sie noch einmal zum Dorf zurück blickten. Obwohl Ai-Kuno sein neues Leben nach den alten Regeln und Traditionen führen wollte, vermisste er bereits jetzt das Dorf, den Fluss und die Geschichten der Alten sehr. Er fühlte sich einsam und die Last seiner Entscheidung wog schwer auf seinen Schultern. Für zehn lange Tage gingen Ai-Kuno und seine Familie der Ruhestätte der heißen Mutter entgegen. Sie ließen die großen Felsen und den Dschungel weit hinter sich zurück. Es war ein beschwerlicher Weg. Oft wollte er umkehren und aufgeben, aber seine Träume von einem besseren Leben trieben ihn immer wieder voran.

Das Land änderte sein Aussehen und die Luft roch anders. Sie erklommen eine kleine Bergkette und als sie oben ankamen, konnten sie in der Ferne den Ozean sehen. Es war ein atemberaubender Anblick. Unter ihnen erstreckte sich ein dünner Streifen Dschungel, der vom Bergansatz bis zu den weißen Stränden reichte. Sie sahen, wie die Wellen gemächlich an den Strand rollten und wie der Himmel, weit am Horizont, in den Ozean zu fallen schien.

Shira-Tem sah ihn mit einem warmen Ausdruck in den Augen an. Ai-Kuno lächelte und fing dann laut zu Lachen an. Es war ein Zeichen an seine Familie, dass die lange Wanderung zu Ende war. Ein Gefühl sagte ihm jedoch, dass ihre Freiheit vielleicht nur von kurzer Dauer sein würde.

Es dauerte noch einige Stunden, bis sie den Strand erreichten. Nach einer langen Rast gingen Ai-Kuno und seine beiden Söhne in den Dschungel zurück, durch den sie gekommen waren, um kleine Bäume für ihre Hütte zu fällen. Sie bauten ihre Hütte am Rande des Dschungels mit Blick auf das Meer. Nahrung gab es genug, denn der Dschungel und der Ozean würden ihnen den Tisch reichlich decken. An den folgenden Tagen begannen Ai-Kuno und seine Söhne damit einen größeren Baumstamm auszuhöhlen, den sie als Boot zum Fischen benutzen wollten. Damit brauchten sie nicht mehr vom Strand aus zu fischen und konnten auf das Meer hinaus fahren. Ai-Kuno und seine Söhne hatten bereits in ihrer Jugend das Schwimmen erlernt und hatten deshalb keine große Angst vor dem Wasser.

Sie fingen große Fische und trockneten sie entweder an der Luft oder räucherten sie, um sie haltbar zu machen.

Sie lebten ein einfaches und friedliches Leben, das sie nach den Regeln der uralten Traditionen führten. Bisher hatten der schwarz gekleidete Mann und die weißen Leute den Weg zu ihnen noch nicht gefunden. Ai-Kuno und seine Familie waren jedoch immer wachsam, hatten aber bisher noch keine Spuren irgendwelcher Fremden in der Umgebung gefunden.

Kapitel 4

Eines Morgens, fuhren Ai-Kuno und einer seiner Söhne zum Fischen aufs Meer. Nach ein paar Stunden hatten sie bereits einen guten Fang gemacht. Ai-Kuno hob seinen Kopf und sah zum weit entfernten Strand hinüber. Er wollte gerade seinen Speer zu einem neuen Stoß vorbereiten, als er plötzlich inne hielt. Er starrte zurück zum Strand und konnte seinen Augen kaum glauben. Ein großes glänzendes flaches Ding stand nahe bei der Hütte am Strand.

Sie sind zurückgekommen!, dachte er aufgeregt. Er warf seinen Speer in das Boot und befahl seinem Sohn schnell mit ihm zum Strand zurück zu paddeln.

Beide paddelten so hart, dass ihnen der Schweiß in Bächen von der Stirn lief. Meisterhaft nutzten sie die Wellenkämme und landeten wenig später in der Nähe der Hütte am Strand. Das glänzende Ding war etwa 500 Schritte strandaufwärts gelandet. Es durchmaß etwa 25 Mannslängen und war etwa 13 Mannslängen hoch. Es sah aus wie ein flacher großer Stein.

Shira-Tem rannte ihnen mit ihren zweiten Sohn, Ai-Kurat, entgegen. Sie winkte aufgeregt bis sie bei Ai-Kuno angelangt war.

Sie sind zurück, sie sind zurück! Jetzt wird alles wieder gut!, rief sie lachend aus.

Aus ihren Worten erkannte Ai-Kuno, dass sie immer noch an das alte Leben im Dorf dachte. Sie musste in den letzten Jahren sehr unter Heimweh gelitten haben.

Wir werden sehen ob sie mit uns reden wollen, antwortete ihr Ai-Kuno. Sie gingen zusammen in ihre Hütte und beobachteten durch das Fenster. Nichts bewegte sich bei dem flachen Ding und Ai-Kuno dachte schon, dass die Fremden jegliches Interesse an ihnen verloren hätten.

Plötzlich hörten Ai-Kuno und seine Familie ein leises Pflop hinter ihrem Rücken. Erschrocken drehten sie sich um und sahen ein fellbedecktes, großohriges Wesen mit einer spitzen Schnauze und einem einzigen spitzen Zahn. Das Tier war genauso bekleidet wie die Fremden, die damals mit den grossen Vögeln angekommen waren. Das angezogene Tier begann plötzlich mit einer hohen Stimme zu ihnen zu sprechen.

Hallo, zusammen. Ich bin Gucky!, sagte das Tier mit Hilfe eines kleinen Kästchens an der Schulter.

Shira-Tem fiel in Ohnmacht und glitt auf den Boden. Ai-Kuno versuchte nach dem Messer an seinem Gürtel zu greifen, konnte aber seinen Arm nicht bewegen.

Langsam, Ai-Kuno! Ich will euch nichts tun. Ich bin Gucky und komme von denselben Leuten, mit denen du viele Sommer zurück schon einmal gesprochen hast. Lass das Messer stecken. Ich möchte mich nur mit dir und deiner Familie unterhalten.

Wie … ist es … möglich, dass Tiere sprechen können?, stotterte Ai-Kuno. Woher kennst du meinen Namen?

Ganz einfach, weil ich kein Tier bin. Ich sehe nur so aus. Macht euch darüber keine Gedanken, meine Freunde. Es gibt viele Dinge im Universum, die du nicht weißt und einige, die du nicht wissen solltest.

Wie bist du in unsere Hütte gelangt?, fragte Ai-Kelet, der andere Sohn Ai-Kunos.

Ah, ich bin nur so durch die Luft gesprungen, kicherte Gucky.

Ai-Kuno und seine Söhne sahen sich verdutzt an. In der Zwischenzeit hatte Gucky Ai-Kuno aus seinem telekinetischen Griff entlassen.

Lasst uns nach draußen gehen, schlug Gucky vor.

Shira-Tem erwachte langsam aus ihrer Ohnmacht und Ai-Kuno gab ihr einen Becher Wasser zu trinken. Ängstlich sah sie Gucky an, aber Ai-Kuno konnte sie beruhigen. Sie gingen alle vor die Hütte und setzten sich unter einen schattenspendenden Baum in den Sand.

Erzähle mir, was passiert ist, nachdem meine Leute euch zum zweiten Mal verlassen hatten, forderte Gucky Ai-Kuno auf. Er hatte bereits in der Space Jet Ai-Kunos Gedanken gelesen und wusste eigentlich schon alles. Gucky wollte jedoch Ai-Kuno seine Geschichte selbst erzählen lassen, damit er dabei auch seine Scheu vor ihm verlieren würde.

Ai-Kuno berichtete und Gucky hörte ihm aufmerksam zu. Das Gesicht des Ilts zeigte seinen zunehmenden Ärger, je länger Ai-Kuno erzählte.

Danke Ai-Kuno. Ich glaube, dass da einiges schief gelaufen ist. Ich werde versuchen deinem Dorf zu helfen.

Ai-Kuno nickte nur und hoffte, dass es auch so geschehen würde, als Gucky plötzlich spurlos vor seinen Augen verschwand.

Ai-Kelet sprang auf und sah auf den leeren Platz auf dem der Mausbiber einen Augenblick zuvor noch gesessen hatte. Dann setzte er sich wieder und wedelte ungläubig mit seiner rechten Hand.

Gucky sprang nicht sofort zu seiner Space Jet zurück, sondern teleportierte zum Dorf, dessen Position er aus Ai-Kunos Gedanken erfahren hatte. Er materialisierte am Rand des Dschungels und esperte die Gedanken der Dorfbewohner und die der Besatzer. Er fand schnell heraus, dass die Fremden terranische Kolonisten waren, die 15 Jahre zuvor auf dem Planeten abgesetzt worden waren, um eine neue Kolonie aufzubauen. Einige dieser Kolonisten gingen auf Wanderschaft und gründeten eine religiöse, fundamentalistische Sekte, die davon überzeugt war, dass jeder an ihrem Glauben teilhaben musste; ob sie es wollten oder nicht.

Anfangs waren sie überrascht andere Menschen auf dem Planeten vorzufinden. Dann aber begannen sie damit verschiedene Stämme und Dörfer mit ihrem Wort des Glaubens zu bekehren. Schließlich trafen sie auch in Ai-Kunos Dorf ein. Das erklärte auch, warum sie in der Lage waren sich fast ohne Probleme mit den Dorfbewohnern zu verständigen.

Ich muss etwas dagegen unternehmen!, dachte Gucky und teleportierte zur wartenden Space Jet zurück, startete und flog zum Mutterschiff zurück.

12. August 2407

… ich verstehe ja deine Sorgen wegen der CONDOS VASAC und deren Einfluss auf die Galaxis, Atlan, sagte Perry Rhodan. Ich weiß, dass diese kriminelle Organisation mehr und mehr präsent wird und den Handel mit illegalen Drogen und anderen Gütern innerhalb der Galaxis übernimmt, der normalerweise den galaktischen Händlern und Aras vorbehalten war. Allan D. Mercant sagte dir bereits, dass der Galaktische Sicherheitsdienst voll ausgelastet ist. Wir müssen also mehr auf die USO zurückgreifen, Lordadmiral. Die Planeten des Vereinigten Imperiums fühlen bereits die Auswirkungen, welche die CONDOS VASAC auf uns alle hat.

Ich weiß das alles, Perry, antwortete Atlan. Wir versuchen ja auch so gut es geht der CONDOS VASAC um einen Schritt voraus zu sein. Aber jedes Mal wenn wir denken, dass es so ist, dann erfahren wir von Major Kennon and Oberstleutnant Tekener, wie hilflos wir doch eigentlich sind.

Es ist wie ein Katz und Maus Spiel, fügte Reginald Bull hinzu, der an der sich an der Getränkeausgabe ein großes Glas Vurguzz eingoss. Ein wirklich schlimmes Spiel, möchte ich noch hinzufügen.

Schon am Vormittag einen Vurguzz, Bully?, fragte Rhodan mit gekrauster Stirn vom Konferenztisch aus.

Ich habe ein ungutes Gefühl, vielleicht hilft das, antwortete Bully mit saurer Miene. Er nippte zunächst am Glas und leerte es danach mit einem gewaltigen Zug. Es geht mir schon viel besser … rrruaps!, erwiderte Bully und rülpste ungeniert in Rhodans Richtung.

Wir konnten zwar einige CV-Stützpunkte in der Galaxis ausheben, aber die Akonen und die Antis bauen sofort neue auf, dazu noch in uns unbekannten Regionen der Galaxis und sogar im Einflussbereich der Blues, fuhr Atlan fort. Wenn es wirklich stimmt, dass die CONDOS VASAC von außergalaktischen Intelligenzen geführt wird, dann …

Der Arkonide wurde durch das Geräusch eines rematerialisierenden Teleporters unterbrochen.

Nevada Fields, wir haben ein Problem!, sagte Gucky.

Das wissen wir bereits, antwortete Bully laut.

Nicht das, was ihr gerade besprecht – sondern ein Neues, Dicker!, konterte Gucky.

Sprich, Gucky, aber beeile dich, wir sind mit wichtigen Dingen beschäftigt, sagte Rhodan.

Der Ilt erzählte seine Geschichte. Als er damit fertig war, stampfte ein zornesgeröteter Bully aus dem Konferenzraum.

Hmm … wie konnte so etwas passieren?, fragte Atlan gedehnt mit spöttischer Stimme und gespieltem Desinteresse. Ihr Terraner seid doch sonst immer so gründlich in diesen Angelegenheiten.

Keine Ahnung, Arkonide, antwortete Rhodan und tat so als hätte er Atlans Spott nicht bemerkt. Mal abwarten, was Bully herausfindet.

So wie ich den Dicken kenne, wird er jetzt einigen Leuten in den Hintern treten, kommentierte Gucky aus Richtung des Getränkeautomaten, wo er gerade ein großes Glas Karottensaft entgegennahm.

Reginald Bull war immer noch ärgerlich als er eine halbe Stunde später in den Konferenzraum zurückkam.

Ich habe gerade ein paar Hyperfunkgespräche mit dem Kommando der Explorerflotte und NATHAN geführt, begann er seine Erklärungen. Da hat jemand ziemlich Mist gebaut. Es war jedoch keiner von der Explorerflotte. Ja … es stimmt, dass die EX-3768 unter dem Kommando von Oberst Jake Kirshhogg dieses System entdeckte und unter dem Namen EX-3768-Kirshhogg katalogisiert hat. Aber sie haben das System nicht zur Besiedlung freigegeben, es wurde noch nicht einmal in Betracht gezogen, geschweige denn vorgeschlagen. Kirshhogg hat sich strikt an das Protokoll gehalten. Er war zwei Mal innerhalb eines Jahres auf dem Planeten, weil er noch einige zusätzliche Bodenproben für die Wissenschaftler auf Terra besorgen musste, da die ersten Proben unbrauchbar waren.

Das ist ja alles schön und gut und liegt auch im Verantwortungsbereich der Explorerflotte. Wie war es dann möglich, dass eine Kolonie auf Ex-bla,bla-Kirshhogg aufgebaut wurde?, fragte Rhodan. Noch dazu eine sektiererische Siedlung.

NATHAN ist dabei, genau das herauszufinden. Bisher weiß ich nur, dass das Amt für Entwicklung und Kolonisierung auf Terra, das System freigegeben hatte.

Nun, Homer G. Adams wird sich nicht gerade freuen, das zu hören, warf Atlan ein.

Speziell, wenn er heraus findet, dass er die Umsiedlung zu zahlen hat!, ergänzte Bull.

Ist es das, was du im Sinn hast, Bully? Das kostet Millionen! Es kommt auf keinen Fall aus dem Flottenhaushalt, soviel steht schon mal fest, entgegnete Rhodan.

Du brauchst mich gar nicht so anzusehen, Bully. Die USO hat andere Dinge zu tun, als Kolonisten durch die Galaxis zu schippern, sagte der Arkonide und winkte in Bullys Richtung ab.

Das führt uns wieder zurück zu unserer Diskussion, meine Herren, versuchte Atlan den Faden wieder aufzunehmen. Wenn es wirklich stimmt, dass die CONDOS VASAC von Extragalaktikern angeführt wird, dann haben wir sogar eventuell einen Punkt, an dem wir den Hebel ansetzen könnten. Wenn die Unterstützer der CV nämlich herausfinden, dass sie nur ausgenutzt werden eine Invasion vorzubereiten, dann ist es sehr wahrscheinlich möglich, die ganze Sache umzudrehen und …

Nach der Besprechung führte Bull ein weiteres Hyperfunkgespräch mit dem Solsystem, diesmal mit Homer G. Adams.

Langsam, langsam, Bully, beruhige dich wieder. Ich übernehme für den Vorfall die Verantwortung. Die BRIAN O' NEIL, ein Schiff des Amts für Entwicklung und Kolonisation, ist in Kürze auf dem Weg zu euch. Wir haben eine passende unbewohnte Welt für diese Kolonisten gefunden und werden für die Umsiedlung aufkommen. Das ist aber auch schon alles, was ich dir anbieten kann.

Also gut. Wir werden auf das Eintreffen der O' NEIL im Kirshhogg System warten bevor wir wieder abdampfen, erwiderte Reginald Bull.

Danke Bully, du hast noch einen Gut bei mir.

Ich trinke Vurguzz!

Adams verzog seine Nase. Bully wusste, dass Homer Gershwin Adams kein großer Freund von Alkohol war.

Und zwar eine ganze Kiste, Homer!

Okay, Bully, die sollst du haben.

Dazu noch eine Kiste des besten terranischen Karottensaftes für meinen kleinen nagezahnbewehrten Freund.

Ah, ich sehe … eine Verschwörung! Ich wusste jedoch, dass du so etwas ähnliches verlangen würdest. Das Zeug ist schon an Bord der BRIAN O' NEIL.

Grußlos trennte Bully die Verbindung nach Terrania-City und begab sich zurück zum Konferenzraum.

Meine Herren und Mausbiber; Adams zahlt! Die BRIAN O' NEIL ist auf dem Weg hierher. Ein Teil der Ladung besteht aus einer Kiste feinsten Vurguzz für mich und einer Kiste des besten terranischen Karottensaftes für Gucky, verkündete Bully als er sich wieder in seinen Sessel setzte.

Ich wusste, dass du das für mich machen würdest, Dicker! Wenn du jetzt ein hübsches Ilt-Mädchen wärest, würde ich dich glatt küssen, aber stattdessen, darfst du mir den Nacken kraulen.

Bully resignierte und begann das Nackenfell des Mausbibers zu kraulen.

Die BRIAN O’NEIL, ein 800m Kugelraumer, traf zwei Tage später im Kirshhogg-System ein. Das Schiff landete in der Nähe der Stelle, wo damals das Landekommando der EX-3768 sein Camp errichtet hatte. Zunächst wurde die Besatzung der O’NEIL freundlich von den Kolonisten begrüßt, aber es dauerte nicht lange, bis eine gespannte Stimmung entstand, als sie von der geplanten Umsiedlung erfuhren. Dem Kommandanten der BRIAN O’NEIL, Oberst Elmer Margritz, blieb keine andere Wahl als den Widerstand der Sektierer mit Paralysestrahlern zu brechen. Die meisten der betäubten Kolonisten stammten aus dem Dorf Ai-Kunos.

Hey, Atlan, ich weiß, dass du ein gutes Glas Vurguzz nicht verschmähst. Komm ’rüber in meine Kabine und bring Perry mit, wenn du ihn siehst, wurde Atlan von Bull über Intercom eigeladen.

Gucky lag bereits faul und schnurrend auf Bullys Couch und nippte an einem Glass Karottensaft. Die Tür zu Bulls Kabine stand offen und Atlan klopfte höflich an den Türrahmen.

Nimm Platz, Uraltarkonide und genieße das Leben für einen Moment, forderte ihn Bull auf und deutete zum Tisch in der Mitte des Raumes. Atlan setzte sich und nahm die Flasche Vurguzz in die Hand, die auf dem Tisch gestanden hatte.

Ich bin beeindruckt: Original Vurguzz, Jahrgang 2205. Adams muss wirklich große Stücke von dir halten, Bully. Das hat ihn bestimmt ein Vermögen gekostet.

Nur das Beste für Captain Reginald Bull, ehemaliger Risikopilot, Astronaut und Elektroingenieur der US Space Force. Entspannen wir uns. Wir werden uns betrinken wie die Eidechsen, wie man in Australien so schön sagt.

Wenig später flog Gucky mit der Space Jet erneut auf den Planeten herunter und landete in der Nähe von Ai-Kunos Hütte. Er erzählte dem Jäger und seiner Familie was sich in der Zwischenzeit zugetragen hatte.

Willst du zu deinem Dorf zurück, Ai-Kuno? Ich kann dich und deine Familie dorthin bringen, schlug Gucky vor.

Nein, Gucky, wir bleiben hier. Du kannst aber den Dorfbewohnern sagen, wo wir jetzt leben. Vielleicht wollen einige von ihnen zu uns kommen.

Nun, wenn du es so willst?

Ja, wir bleiben hier, wir haben genug zu essen und keine Probleme.

Nun gut, ich werde euch jetzt verlassen, begann Gucky mit dem Abschied. Ich muss noch zum Dorf und mit den Alten sprechen. Es wird einige gute Änderungen geben und ich werde ihnen sagen, wo ihr jetzt seid.

Als Gucky die Hütte verließ, hatten Ai-Kuno und seine Familie Tränen in den Augen. Der Mausbiber startete die Space Jet und flog zum Dorf. Die Alten waren erfreut, die guten Nachrichten über Ai-Kuno zu hören und bedankten sich. Die BRIAN O’NEIL hatte spezielles Saatgut und einfache Feldpflüge für die Dorfbewohner hinterlassen. Die Besatzung des Schiffes hatte die Jagdwaffen der Leute verbessert und sie in Hygiene und der richtigen Zubereitung von Nahrungsmitteln unterrichtet. Gucky wusste, dass zu viel an Technologie nicht gut war für die Dorfbewohner. Es musste alles einfach und robust sein.

Gucky verließ den Planeten und kehrte zum Mutterschiff zurück. Wenig später waren sie auf dem Weg nach Terra.

Eines Tages war Ai-Kuno mit seinen Söhnen wieder beim Fischen auf dem Meer. Als sie mit ihrem Fang zum Strand zurückkehrten, sahen sie bereits aus größerer Entfernung eine Gruppe von Menschen in der Nähe ihrer Hütte. Wenig später schloss Ai-Kuno glücklich seine Eltern in die Arme, die sich zusammen mit einigen anderen aus dem Dorf entschlossen hatten, am Meer zu siedeln. Auch Shira-Tems Familie war zum Ozean gekommen. Sie würden ein neues Dorf bauen und nach den alten Ritualen leben.

Am Abend saß Ai-Kuno Arm in Arm mit seiner Frau am Strand. Nachdenklich sah er zu, wie die Wellen herein rollten.

Es würde niemals mehr so wie früher sein. Aber doch gut.

Ende

Kommentar

Diese Geschichte basiert auf einer früheren Version in englischer Sprache, die als Beigabe einer Anthologie des Kitchener Nachwuchsautorenkreises 1994 verfasst wurde. Sie sollte die Begebenheiten des Cargo-Kultes beleuchten und in einer Erzählung den Leser mit diesem Kult vertraut machen, der sich bis in die heutige Zeit, auf Papua Neu Guinea und Mikronesien, erhalten hat.

PROC STORIES - Fan-Stories vom PROC - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUB e.V.. Kurzgeschichte »Ai-Kuno«. Zuletzt geändert am 2005-08-26. Autor: Michael Köckritz. Korrekturleser: Christian Lenz. Generiert mit Xtory 3.0 (powered by Apache Cocoon 2.1) von Alexander Nofftz. Homepage: http://www.stories.proc.org/. E-Mail: stories@proc.org. Copyright © 2000-2005. Alle Rechte beim Autor!